Читать книгу: «Wiederbelebte Geschichten»
Grete Ruile
Wiederbelebte Geschichten
Engelsdorfer VerlagLeipzig2019
Von Grete Ruile
sind im Engelsdorfer Verlag erschienen:
Lebenspunkte ISBN 3-939144-23-1
Gefühlspotpourri ISBN 3-86703-265-3
Gedankenmelodie ISBN 3-86901-240-4
Durchwobenes ISBN 978-86268-255-3
Eingefangene Alltagsmomente ISBN 978-3-86268-660-5
Empfundene Momente ISBN 978-3-95488-403-2
Schlichte Wahrheiten ISBN 978-3-95744-932-0
Lyrisches Naturfenster ISBN 978-3-96145-220-0
Bibliografische Information durch Die Deutsche Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Copyright 2019 Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte bei der Autorin
Hergestellt in Leipzig Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Umschlaggestaltung: © Felix Hohlwegler unter Verwendung einer Bleistiftzeichnung © Annette Ruile
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Wasserfrüchte
Das Geheimnis der Toten von Falein
Kleines Alltagserlebnis
Der Tagtraum
Colette
Der schwarze Punkt
Chagalls Inspiration
Das zerplatzte Geschenk
Der einsame Schwan in seiner Märchenwelt
Daheim in unserer hohen Tanne
Der Neuankömmling
Der außergewöhnliche Besucher
Stumm aber nicht dumm
Selbstbedienung
Wo geht denn hier die Sonne auf?
Grock der wiederentdeckte Clown
Aus Elisabeths Notizen
Auf Hermann Hesses Spuren
Fast ein Witz
Alt und weise
Die Quittung
Eisgekühlt
Der Sprachfehler
Ein stummer Dialog
Ein Kinderwunsch
Schokolade
Dank an Einstein
Die ersten Kochkünste meines Mannes
Eine Reise veränderte mein Leben
Erinnerung an Badenweiler
Verlockendes Weihnachtsgebäck (Aus meiner Kindheit)
Weihnacht im Hotel Maritim in Würzburg
Die Enthüllung
Grenzenlose Völkerverständigung
Meine Puppe (Weihnachtserinnerungen)
Der Weihnachtswunderstern
Der Talisman
Durch Inspiration geboren
Der Pilgerweg zu allen Vier Jahreszeiten
Das schönste Konzert
Binz an der Ostsee; eine Zeitreise
Erlebtes in St. Moritz
Der Skifahrer
Ein zartes Geschenk
Besuch auf der Erde
Science-Fiction: Manipuliert

Wasserfrüchte
Ein Clochard kam an einem heißen Sommertag gemächlich über den Bürkliplatz in Zürich.
Es war Markttag. Die Händler hatten ihre Waren begehrlich auf den Verkaufsständen ausgebreitet. Schön und farbenfroh sah es aus, es ermunterte zum Kauf. Da entdeckte er einen Stand mit Wassermelonen. Die Farben ihrer glatten Schale variierten zwischen dunkelgrün und hellgrün, gestreift. Ihre Formen waren rund bis länglich. Manche wogen nur wenig. Doch am Boden, rechts vom Stand, lagen drei riesige Wassermelonen. Phantastische Exemplare!
Der Clochard schätzte sie auf etwa zwanzig Kilogramm.
Auch aufgeschnittene, halbierte Melonenschnitze, mit intensiv rotem, süßem Fruchtfleisch lagen zum Verkauf bereit. Sie ließen ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen.
Wie mürbe sie aussahen! Er liebte Wassermelonen. Immer wieder drang derselbe Satz des Marktschreiers an sein Ohr: »Leute, kauft Melonen, Melonen, die besten Sommerfrüchte für heiße Tage, mit 93 Prozent Wasser. Kauft Melonen!«
Die Hitze schien dem Clochard unerträglich. Er spürte, wie ausgedörrt seine Kehle war. Durst quälte ihn.
Da packte es ihn. Er verspürte den unbändigen Drang, wenigstens einmal an den geviertelten duftenden Melonenschnitzen zu riechen. Mit den Ellbogen drängelte er sich durch die Kunden vor, an den Stand. Sie wichen erschreckt zurück. Tief beugte der Mann seine Nase hinunter, bis zu den Melonenteilen. Genüsslich schloss er die Augen und sog ihren süßen Duft ein.
»Hör mal, mein Freund«, schrie da der Melonenverkäufer aufgebracht, »du vertreibst mir meine Kunden, was soll dein unmögliches Verhalten! Kauf dir eine Melone oder verschwinde! Hast du verstanden?«
Erschrocken wich der Clochard zurück.
Der Händler machte eine Handbewegung gegen ihn, wie wenn man eine lästige Fliege verscheucht. »Hast du Geld oder nicht?« Da griff der Angesprochene mit stummer Gebärde in seine abgetragene Hose und zog die Hosentaschen heraus.
Die Taschen waren leer! Der Händler wiederholte seine abschätzige Handbewegung gegen ihn. Wortlos zog der Clochard nochmals an seinen Hosentaschen. Plötzlich klimperte es und ein Rappen fiel auf den Boden. Er drehte sich kurz auf dem Pflaster um. Rasch stellte er seinen Fuß auf das Geldstück und hob es auf. Freudig rief er: »Endlich hab ich dich wiedergefunden! Mein Glücksrappen!« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Der Verkäufer des Melonenstandes dachte an die vielen großen Münzen und Scheine in seiner Kasse. Hatten sie ihn je einmal glücklich gemacht? Ein Lächeln in sein Gesicht gezaubert? War dieser Glücksrappen etwa ein Hinweis für ihn, etwas menschlicher zu sein?
Zu seiner eigenen Überraschung hörte er sich rufen: »He, du, mit deinem Glücksräppler! Komm her, ich will dir etwas schenken!«
Der Clochard traute dem Frieden nicht. Vorsichtig kam er näher.
»Komm! Ich will dir wirklich etwas geben.« Der Verkäufer nahm einen großen Plastiksack und füllte ihn randvoll mit Melonenvierteln, diesen gab er dem Landstreicher. Als er ihm in die Augen schaute, sah er darin ein Leuchten, wie bei einem Kind, das man reich beschenkt.
Schnell nahm der Clochard den Sack und lief eiligen Schrittes davon.
»Was für ein beglückendes Gefühl ist es doch, Freude zu bereiten«, dachte der Melonenhändler. »Ich hatte es fast schon vergessen.«

Das Geheimnis der Toten von Falein
In der Stadt Venedig lebte einst ein Tuchhändler und Schneider. Man nannte ihn Tenore, weil er ein wunderbarer Sänger war. Tenore war dafür bekannt, dass er nur mit ganz erlesenen Stoffen handelte.
Dazu nahm er lange Schiffsreisen auf sich, bis in den Orient, um die Stoffe nach Venedig zu bringen. So edel wie seine Stoffe waren, so edel waren auch sein Benehmen und sein Auftreten.
Der Handel machte ihn reich. Er konnte sich alle Freuden des Lebens leisten. Einzig eine liebevolle Frau fehlte ihm zum vollkommenen Glück.
Eines Tages erhielt er eine Botschaft des Dogen von Venedig. Der Doge war das Oberhaupt der aristokratischen Republik von Venedig, ein äußerst einflussreicher Mann. Die Botschaft des Dogen lautete: »Bringen Sie sofort Ihre schönsten Stoffe in meinen Palast!« Sein Blut geriet in Wallung. Er war erregt! Das könnte eine Handelsmöglichkeit mit großer Gewinnspanne geben, ging es ihm durch den Kopf. Wie befohlen, eilte er sofort zum Palast.
Am Eingang standen kostbare Kübel mit Intarsien, die bepflanzt waren mit Palmen und duftenden Blumen. Schon hier spürte man Reichtum und Luxus.
Er wurde zum Dogen geführt. Dieser gab ihm zu verstehen, noch einen Moment zu warten.
Der Doge hatte den Teppich der Lustbarkeiten ausgebreitet. Es gab ein Gelage mit vielen Frauen, denen der Doge aus wasserklaren Kristallkaraffen ständig Wein kredenzte. Der Schneider sah, dass der Doge berauscht war. Er wirkte würdelos auf ihn. Nachdem die Munterkeit auf dem Höhepunkt angelangt war, wandte er sich lächelnd zu mir. »Diese Frauen sind für mich nur Gespielinnen.« Er erklärte: »Ich liebe meine Frau, doch ich spüre, ihr inniges Gefühl gehört mir nicht. Vielleicht hilft es, sie mit den edelsten Gewändern auszustatten. Du sollst ihr nur deine allerschönsten Tuchballen präsentieren. Ein Diener wird dich ausnahmsweise in ihr Gemach geleiten.« Der Diener eilte mit ihm durch verschiedene Gänge des Palasts. Es kam ihm vor wie in einem Irrgarten. Vor einer goldenen Türe hielt er an und klopfte. Zaghaft wurde sie geöffnet.
Im Eingang der Türe stand eine liebliche Frauengestalt, die uns aus großen, scheuen Augen ansah. Der Diener erklärte ihr mein Kommen. Sie war erfreut und wünschte sich von mir, dass ich ihr eine Festtagsrobe schneidere. Ich geriet sofort in ihren Bann, konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Sie spürte es, wurde dunkelrot vor Verlegenheit. Ich war beschämt! Für die Anprobe vereinbarten wir mehrere Termine. Die Wahl fiel auf einen meiner schönsten Stoffe, der mit Goldfäden durchwoben war. Bei jeder Anprobe flatterte mein Herz ein wenig mehr wie ein Schmetterling im Sonnenschein. Ich hatte mich verliebt.
Zu meinem Entsetzen entdeckte ich plötzlich beim Anproben Zeichen von Gewalt an der Dogaressa. Ihre Handgelenke waren blutunterlaufen. Es sah aus, als sei sie an Händen und Füßen gefesselt worden. Ihre Augen waren glanzlos geworden. Das hielt ich nicht mehr aus.
Ich musste reagieren, musste sie ansprechen. Herzzerreißend berichtete sie, dass der Doge, ihr Ehemann, sie angebunden hatte, weil sie ihm nicht zu Willen war. Sie umfasste mich, flehte mich an, ihr zu helfen. Da gestand ich ihr meine Liebe. Der Gedanke zur Flucht wurde geboren.
Nun erzählte ich meiner Geliebten von dem ihr unbekannten Land.
»Als Fernkaufmann bereiste ich oft die Schweiz. Auf dem Maiensäss Falein ob Filisur, in Graubünden, kann ich meine Waren gut verkaufen. Die Menschen haben ein Herz gewinnendes Wesen. Sie sind offen und unverdorben. Man fühlt sich hier rasch wie zu Hause.
Dort könnten wir Frieden finden und sorglos leben. Wir werden nicht in einem Palast wohnen, aber wir werden umgeben sein von unberührter Natur, von Bergen, Wäldern und Seen.
Außerdem spricht man in den Bergregionen mehrere italienische und lombardische Dialekte.
Ist das nicht erfreulich für dich?«
Wenn ich so zu ihr sprach, leuchteten ihre Augen wieder. Eines Tages sagte sie: »Ich bin nun bereit, dir in die Schweiz zu folgen. Mein Gemahl, der Doge, ist sehr grob und gewalttätig gegen mich, ohne jedes Feingefühl. Er verwechselt Liebe mit Besitz. Einen dringenden Wunsch habe ich aber noch. Lass mich meine alleinstehende Mutter mitnehmen.«
»Selbstverständlich kann sie uns begleiten.« Das Blut des Wohlwollens durchströmte meine Adern. Mein ganzes Denken war, Sarina von diesem Tyrannen zu befreien. Dann sagte ich zu ihr: »Ich darf dir aber nicht verheimlichen, dass wir auf unserer Reise nach Falein auch auf Schmuggler, Wilderer oder Wegelagerer treffen könnten. Viele Menschen benutzen die Wege der Alpen von Nord nach Süd. Das macht das Reisen oft unangenehm und gefährlich. Bist du dir sicher, dass du das alles auf dich nehmen willst?« Sarina schaute mich aus ihren großen rehbraunen Augen an. »Ja, ich will alle Strapazen und Gefahren auf mich nehmen, mein Geliebter, um bei dir zu sein und mit dir zu leben.«
Fieberhaft bis ins letzte Detail, versuchte ich jetzt unsere Reise vorzubereiten. Über das Adriatische Meer vom Golf di Venezia nach Triest, Richtung Südtirol, schien mir eine gute Wegstrecke zu sein.
Das Adriatische Meer ist hier weniger stürmisch. Durch das Etschtal über den Karawanenweg zwischen Italien und der Schweiz, wollte ich unsere neue Heimat Falein ob Filisur erreichen. Dort, so hoffte ich, würden wir in Zukunft frei und geborgen sein.
Ohne bemerkt zu werden, konnte Sarina den Palast verlassen. Ihre Mutter trafen wir am Hafen, von wo wir mit einer Barke das Meer überquerten. Auf dem Festland ging es nur langsam vorwärts. Die Bergwege in der Schweiz sind steinig und mühevoll zu gehen, die Nächte im Freien kühl. Die Frauen trugen zum Glück warme Kleider wie die Bergbäuerinnen.
Lange Baumwollröcke und Kapuzenumhänge aus Wolle, dazu Bundschuhe mit dicken Gummisohlen.
Ich trug Beinlinge und über dem Hemd einen Baumwollgugel mit Kapuze aus Wollfilz, dazu lange Stiefel. Meine Last auf dem Rücken war ein dick geschnürtes Bündel mit Decken und Proviant. Diese Decken breitete ich, wenn nötig, bei Tag und Nacht für uns aus.
Oft saßen wir da wie staunende Kinder, begeistert von den gigantischen Bergen, von der außergewöhnlichen Alpenflora, von Gämsen, Murmeltieren, Adlern und vielen uns unbekannten Tieren. Die Bäume verwischten sich beim Eindunkeln zu bizarr-seltsamen Formen wie bei einer Theaterkulisse. Am Morgen weckte uns der Sonnenglast über den Bergen. Wir waren glücklich. Es gab nur noch einen engen Tobel zu durchwandern und wir waren am Ziel.
Im Palast hatte man inzwischen das Fehlen der Dogaressa bemerkt. Den Dogen überkam die Wut wie ein Feuer des Wahnsinns. Dass es diese Frau wagen konnte, ihm zu widerstehen, zu fliehen. Sofort eilte er zu ihrer engsten Vertrauten, ihrer Dienerin. Er presste den Fluchtweg regelrecht aus ihr heraus, indem er sie mit harten Strafen bedrohte. Seine Herrenmacht hatte er verloren, das durfte er nicht dulden! Sofort ließ er seinen treuen Palastwächter rufen, einen ausgezeichneten Soldaten. »Sie haben den Auftrag, mir unter allen Umständen, die Dogaressa zurückzubringen, und sei es mit Gewalt. Das ist ein Befehl!«
Tenore und die Frauen sahen das Ziel schon vor sich, als am Ende des Tobels breitbeinig ein Wächter stand, wie der Teufel aus dem Ort der Verdammnis.
Sarina kannte ihn. Schon oft hatte sie erlebt, wie skrupellos er war. Angst kroch in ihr hoch.
»Stehen bleiben, keinen Schritt weiter«, rief er laut! Jetzt wussten sie, dass sie in der Falle saßen.
»Gib mir Sarina her, der Doge verlangt, dass ich sie zurückbringe, oder ich schlage dir den Schädel ein«, rief er lautstark dem Tenore zu.
Der Stämmige versperrte ihm den Weg. Sarina zitterten die Knie. Der kalte Schweiß lief über ihr Gesicht. Ihre Mutter stand blass wie Wachs vor Schreck neben ihr. »Lauft weiter, lauft so schnell ihr könnt«, rief Tenore den Frauen zu. »Ich werde euch einholen.« Furchtlos trat er auf den muskulösen Klotz zu, schob ihn mit aller Kraft zur Seite und wollte den Frauen folgen, als ihn von hinten ein harter Schlag auf den Kopf niederstreckte. Der Soldat schlug mit einem vierkantigen Stein auf Tenores Hinterkopf. Mit einem lauten Knall fiel er zu Boden. Die Frauen hörten den Knall. Die Mutter rief: »Lass uns umkehren, wir müssen Tenore helfen!«
Als Sarina vor ihrem Liebsten stand, sah sie, dass Tenore tot war. Es war grauenhaft!
Blut quoll aus seinem Schädel und bedeckte die Erde, sie konnte es kaum auffangen. Ein quälender Schrei drang aus ihrem Mund. Noch nie hatte ihre Mutter Sarina so schreien hören. »Was haben sie getan! Was haben sie meinem Liebsten angetan«, rief sie immer wieder.
Der Schmerz durchbohrte sie wie ein glühendes Messer, das ihr in die Brust gestoßen wurde. Der Soldat lachte nur höhnisch. Er berührte den Toten voller Abscheu.
»Euch beide erwartet eine ganz spezielle Züchtigung des Dogen, wenn wir zurückkehren.« Wieder lachte er spöttisch. Da wussten die beiden Frauen, was sie tun wollten.
Sarina zeigte auf ihren Ringfinger und schaute dabei ihre Mutter an. Diese nickte. »Ich hätte dich so gerne glücklich gesehen, mein Kind, ich hätte sanfter geruht.«
»Wie gerne hätte ich mit Tenore gelebt, aber das Martyrium des Dogen ist schlimmer als der Tod.« Sarina öffnete den Ring, indem sie ein kleines Rädchen drehte. Innen wurde ein weißes Pulver sichtbar, Zyankali, ein stark giftiges Kaliumsalz der Blausäure. Bittermandelgeruch stieg in ihre Nasen.
Zusammen nahmen sie das weiße Pulver. Sie umschlossen sich fest mit den Armen und drückten sich zärtlich aneinander. Als der Soldat aufbrechen wollte, sah er, dass etwas mit den Frauen nicht stimmte. Beide hatten blaue Lippen, ihre Haut hatte sich bläulich verfärbt und die Fingernägel waren schwarz. Aber ihre Gesichter strahlten Ruhe und Frieden aus. Der Tod schickte seine Boten. Kaltblütig wie der Soldat war, ärgerte ihn nur, dass er für drei Menschen ein Grab schaufeln muss.
Ein Tag, flüchtig wie ein Tautropfen, kann alle schönen Zukunftspläne verändern oder zunichtemachen.

Kleines Alltagserlebnis
Mein Arbeitsplatz ist an der Uni Freiburg. Heute war wieder ein besonders anstrengender, turbulenter Tag. Ich beschloss deshalb, nach Feierabend noch ein Stück durch den Park zu spazieren. Das hilft mir meist, um Abstand zu gewinnen von den oft traurigen Patientenschicksalen.
Ein frisches Lüftchen wehte. Tief atmete ich ein und aus und fühlte mich gleich viel besser.
Ich liebe den Park mit seinen alten Bäumen und Sträuchern. Besonders hübsch ist es momentan: Es ist alles voll von Blumen und blühenden Pflanzen.
Spaziergänger sah ich keine. Nur eine ältere Frau ging etwa 100 Meter vor mir her, mit ihrem Rollator. Sie ging schleppend und gebückt. Kaum hatte ich sie überholt, rief sie laut. »Stopp, stopp!« Ich drehte mich um und fragte: »Meinen Sie mich?«
»Ja, ja«, sagte sie. »Sehen Sie die drei roten Fahnen?« Aufgeregt hob sie den rechten Arm und zeigte nach vorne.
»Nein, ich sehe keine drei roten Fahnen.«
»Doch, Sie müssen die drei roten Fahnen sehen.« Verneinend schüttelte ich den Kopf.
»Ich kann nicht mehr! Ich kann nur bis hierher und nicht weiter«, jammerte die betagte Frau. »Ich bin todmüde! Bitte helfen Sie mir!« Sie fing an zu schluchzen. Ich sah, dass die Frau in einem schlechten Zustand war. »Wo wohnen Sie denn?«, fragte ich sie.
»Im Seniorenheim.«
»Gut, ich habe mein Handy dabei und werde dort anrufen, dass man sie abholt.«
Nun vergoss die Frau noch mehr Tränen. »Nein«, sagte sie immer wieder, »dass dürfen Sie nicht tun, sonst darf ich nicht mehr ausfahren.«
»Wohnen vielleicht Kinder von Ihnen in der Nähe?«
»Nein, mein einziger Sohn lebt in Hamburg.«
Inzwischen wusste ich, wo die drei roten Fahnen wehten, vor dem Seniorenheim. Die Seniorin hatte die falsche Richtung eingeschlagen. Hilfesuchend sah sie mich an.
Ich begutachtete ihren Rollator. Glücklicherweise war es ein breites Exemplar.
»Eine Möglichkeit haben wir, wie ich Sie zurückbringen kann. Sie setzen sich auf den Ruhesitz des Rollators und ich fahre sie langsam zurück zum Seniorenheim. Es ist zwar eine heikle Sache, denn die Füße müssen Sie dabei etwas anheben.«
Ihr Gesicht bekam sofort einen hoffnungsvollen Ausdruck. »Ja, lassen Sie uns das ausprobieren«, meinte sie.
Ich drehte den Rollator Richtung Seniorenheim und hob die müde Frau auf die Sitzbank. »Festhalten am Gestänge!«, befahl ich. Vorsichtig fuhren wir los. Zu meinem Erstaunen genoss sie die außergewöhnliche Rückfahrt. »Ach, ist das lustig«, rief sie immer wieder. »Es macht so viel Spaß!« Unbekümmert wie ein kleines Kind, thronte sie auf dem erhöhten Sitz. Das Müdesein schien spurlos verschwunden.
Die drei roten Fahnen flatterten im Wind, als wir näherkamen. »Gleich sind wir da«, sagte ich. »Sehen Sie auch die drei roten Fahnen?«
»Ja, aber sehr undeutlich, denn auf dem linken Auge bin ich fast blind. Ach, war das schön mit Ihnen! Heute haben wir gemeinsam den Rollator-Führerausweis bekommen, nicht wahr?«, strahlte sie. Wir sahen uns an und mussten so heftig lachen, dass uns die Tränen kamen. Beim Abschied versprach ich der alten Dame, sie auf alle Fälle wieder zu besuchen.

Der Tagtraum
Endlich saß er im Zug.
Es war knapp. Die Räder fingen an zu rollen.
Sein braunes Vuitton-Lederköfferchen stellte er neben sich auf den Sitz.
Gerd war ein Mann in den besten Jahren, schlank und groß gewachsen, mit lebhaften braunen Augen und dunkelbraunen, buschigen Haaren. Er war sportlich-elegant gekleidet. Auffallend, seine geliebte rote Krawatte von Brioni auf dem weißen Hemd.
»Ach, bin ich müde!«, dachte er. »Die letzten Tage im Büro waren stresserfüllt.«
Die Sonne schien durch das Fenster ins Abteil. Kurzerhand zog er das Rollo herunter.
»Schlafen, schlafen, nichts als schlafen, möchte ich.« Er schloss ein wenig die Lider, dachte an sie. Chantal – die Frau die er schon lange begehrte. Sie ist blond, hat ein schönes Dekolleté und ist sehr sexy. Im Halbschlaf hörte er sie flüstern: »Je t’aime, je t’aime!« Ja, alles was ich brauche ist Liebe.
Seine Augen fielen ihm vollends zu. Er träumte, war im siebten Himmel. Sie war bei ihm, die Geliebte. Sie schmuste mit ihm, küsste ihn leidenschaftlich mit ihren vollen roten Lippen. Es wurde ihm so heiß, dass er den Schlipsknoten seiner roten Krawatte lockerte. Das war der Anlass für die Geliebte, ihm das Hemd zu öffnen. Sie ließ ihre zarten Finger über seinen Körper gleiten, presste sich eng an ihn. Ihre Wärme war sehr wohltuend. Wie zärtlich sie war und wie gut sie roch! »Pass auf, Gerd«, ging es ihm durch den Kopf, »sonst bist du nicht mehr Herr deiner Sinne.« Dieser liebliche Duft ist sehr erregend! Er spürte, wie sein Herz hämmerte.
Sein Atem ging schneller. Er genoss die Liebkosungen, das Verlangen nach ihr wuchs. Seine Männlichkeit machte sich bemerkbar.
Dann – ein Ruck! Im Halbschlaf dachte er: »Jetzt hat der Zug angehalten.«
Die Abteiltür ging auf und wieder zu.
Ein erneuter Ruck. Der Zug fuhr an.
Durch einen harten Plumps auf seinen Schoss, wurde er schlagartig hellwach.
Ein kleines Hutzelmännchen saß auf seinem Schoss. Verschämt und erschrocken murmelte es leise: »Entschuldigung!« Er richtete sich sofort auf, platzierte sich Gerd gegenüber und betrachtete ihn eingehend. Nach einer Weile sagte er: »Sie haben eine extravagante Krawatte an, mit einem außergewöhnlichen Rot.«
Obwohl er mich auf unsanfte Art in die Realität zurückholte, konnte ich ihm absolut nicht böse sein.

Colette
Endlich konnte ich die langweiligen Bankgeschäfte hinter mir lassen: Ich war Leiterin einer Nobel-Boutique in Zürich geworden. Mode und Menschen liebe ich. Die Aufgaben waren vielseitig. Das Betreuen der Kunden, das Kassenwesen, das Dekorieren der Schaufenster, organisieren von Modeschauen und vieles mehr. Das sorgte für Abwechslung. Die war gut für mich. Die Zeit verging wie im Flug. Eines Tages stellte sich die Einkäuferin unserer verschiedenen Boutiquen vor: Eine äußerst attraktive, große brünette Dame, ungefähr vierzig Jahre alt. Sie war unterwegs nach Mailand, Florenz und Paris, um für die Boutiquen die ausgefallensten Modelle für die neue Saison einzukaufen. Designer wie Max Mara, Ungaro, Samt-Phil oder zeitloses Chanel waren immer gefragt. Die Kundinnen waren wählerisch.
Persönlichkeiten aus Film und bekannte Damen der vornehmen Zürcher Gesellschaft kauften bei uns ein. Meine Arbeit war interessant. Unsere Chefin betonte immer wieder: »Sie müssen unsere Kundinnen kennen!« Das hieß: Öffnete eine die Ladentür, so musste immer ihr Name präsent sein.
Colette, die Einkäuferin, traf ich hin und wieder im nahen Café. Sie erzählte mir von einer Fernsehserie. Ich muss gestehen, dass ich nur mit halbem Ohr zuhörte. Colette ließ diese Serie scheinbar nicht mehr los. Unaufhörlich kam sie darauf zu sprechen, vor allem auf die blonde Hauptdarstellerin, die sie besonders bewunderte, in ihrer Eleganz und Ausstrahlung. Colette war total entzückt von ihr. Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass sie begann, sich mit dieser Frau zu identifizieren. War mein Gedanke absurd? Sie war doch eine kluge Frau?
Dann kam der entscheidende Tag! Die blonde Schauspielerin trug ein besonders schönes Spitzennegligé. In diesem herrlichen Outfit empfing sie ihre Besucher aus der Männerwelt. Jeder, der sie so sah, musste sie umwerfend schön finden. Nun begann bei Colette eine verrückte Suchjagd nach diesem transparenten »Hauskleid«. Zuerst fragte sie bei Beldona nach. Nacheinander folgten weitere Geschäfte für noble Unterwäsche. Aber das gesuchte Dessous konnte Colette nirgends finden. Jedes Mal kam sie desillusioniert und geknickt zurück. Inzwischen war ich mir nicht mehr sicher, ob es tatsächlich der blonde Vamp war, mit dem sie sich identifizierte, oder war es nur deren zarte Bekleidung? Ich konnte in Erfahrung bringen, dass diese hübsche Frau von ihrem Ehemann geschieden wurde und andere Männer ihr blitzschnell den Rücken kehrten. Die Suche nach Zuneigung geht manchmal wundersame Wege. Oder wäre das Leben nicht glücklicher und sinnvoller, wenn die eigene Identität behalten würde?

Der schwarze Punkt
Meine Eltern hatten viel übrig für die »Schönen Künste«. Jahrelang erneuerten sie ihr Jahresabonnement für das Zürcher Opernhaus. Ich durfte sie als kleines Mädchen manchmal begleiten.
Damals trugen die Damen noch lange Abendkleider, ausgefallenen Schmuck und feine Schuhe. Selbst die Herren kleideten sich elegant. Man wurde noch zu den samtig ausgepolsterten Logenplätzen hinbegleitet. Von hier aus bestaunte ich jedes Mal den funkelnden, von Ornamenten eingefassten Kronleuchter. Der Raum schien mir voller Geheimnisse.
Die Handlungen begriff ich nicht immer, doch die Schauspieler und vor allem ihre Kostüme fand ich bezaubernd. Es war märchenhaft! Ein spezielles Ambiente.
Was ich nie vergessen werde: Vater holte mir in der großen Pause am Theaterbüfett jedes Mal eine Portion Vanilleglace, übergossen mit heißen Himbeeren. Das war köstlich!
Als ich erwachsen wurde und einen Beruf erlernen sollte, stand für mich fest: Ich werde Theaterschneiderin und Designerin.
Meine Eltern waren nicht verwundert. Ausbildung und Beruf erfüllten mich, verliehen meiner Fantasie Flügel. Durch meine Arbeit lernte ich mehr und mehr mich in die empfindsamen Seelen der Künstler hineinzufühlen, in ihr rasch wandelbares Temperament, von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Mir wurde klar, wie wichtig gute Theaterpsychologen sind!
Es stand uns wieder eine Premiere bevor, ein historisches Stück stand auf dem Spielplan. Tag und Nacht war ich beschäftigt. Es hatte sich gelohnt, die Premiere wurde ein Erfolg.
Unerwartet stellte man mir nach der Vorstellung einen berühmten italienischen Modeschöpfer vor. Er war mir nur durch die Medien bekannt. Überschwänglich lobte er meine historischen Entwürfe. »Sie haben eine hervorragende Leistung vollbracht, ganz außergewöhnlich«, beteuerte er immer wieder. »Darf ich Sie morgen Nachmittag zum Tee einladen, in mein Zürcher Feriendomizil? Sie würden mich sehr glücklich machen!«
Ich war überrascht und zugleich verwirrt, nickte nur. Was will der Mann bloß von mir, schoss es mir durch den Kopf?
»Bis morgen, Madame.« Er hauchte einen zarten Kuss auf meinen Handrücken. »Mein Chauffeur wird Sie um 16.30 Uhr abholen.«
In dieser Nacht fand ich lange keinen Schlaf.
Der Chauffeur kam pünktlich.
Der Hausherr empfing mich herzlich und führte mich in den großen Salon. Der Tisch war reich gedeckt, mit feiner Patisserie. Das Teegeschirr war hauchdünn und bemalt mit filigraner japanischer Kunst. Eine üppige Blumenschale im gleichen Stil zierte den Tisch, in der weiße Orchideen schwammen. Es gefiel mir, war stilvoll.
»Der Tee wird gleich serviert, Madame, man weiß, dass Sie angekommen sind. Dürfte ich Sie inzwischen bitten, mit mir mein neu erstandenes Kunstwerk zu betrachten?«
»Oh ja, ich liebe Kunst!«
»Dann darf ich vorausgehen«, meinte er freudig.
Als er die Türe zu einem Nebenraum öffnete, sah ich an der Wand ein großformatiges Gemälde, in dessen Mitte ein überdimensionaler großer, schwarzer Punkt prangte. Sonst war nicht das Geringste zu sehen. Er stand einige Minuten ganz verzückt und still vor dem Gemälde, dabei starrte er unaufhörlich auf die Leinwand mit dem schwarzen Punkt.
»Furchtbar«, dachte ich!
»Es ist doch wunderbar, nicht wahr?« Er schaute mich erwartungsvoll an.
»Ja, sehr interessant, sehr interessant!« Es war das Einzige, was mir dazu im Moment einfiel. Ich wollte die Gefühle meines Gastgebers nicht verletzen.
»Ja, ja«, sagte er, »der Punkt hat ein ganz besonderes Schwarz! Jetzt werden wir aber unseren Tee trinken.«
Beim Tee trinken wurde das Geheimnis gelüftet, warum ich von diesem berühmten Mann netterweise eingeladen worden war. Er wollte mich vom Theater abwerben und für seine Ideen gewinnen.
»Sicher wäre es für Sie viel interessanter, etwas Moderneres, Zeitgemäßeres, Lebendigeres zu kreieren«, meinte er. »Am Salär soll es nicht scheitern.«
Die Summe war beachtlich. Ich lehnte trotzdem ab. Vermutlich lag es an dem überdimensionalen, großen Punkt, mit dem ganz besonderen Schwarz.

Chagalls Inspiration
»Chagall: Chagall, wir kennen ihn alle.« Aber wer weiß, wie wichtig Bella, seine erste Frau, für ihn war. Bella, man kennt sie von seinen Bildern, zum Beispiel »Die Braut mit den roten Brüsten« oder »Die Braut mit den giftgrünen Handschuhen«, mit schwarzem Kleid und weißem Spitzenkragen. Sie war jung, erst fünfzehn Jahre alt, als er sie kennenlernte in Witebsk. Chagall heiratete seine Bella 1915. Sie ging mit ihm nach Paris. Später lebten sie erneut in Witebsk. Er war aktiv bei der Kulturrevolution engagiert. Zum Jahrestag der Revolution malte er ein verrücktes, wunderbares Bild mit roter Fahne. Darauf auch ein Mann, der auf dem Tisch steht, kopfunter, clownesk, der wie Lenin aussieht. Das konnte nicht gut ausgehen! Nun wurde er im niedrigsten Rang der russischen Maler eingestuft, was sich erst später durch seinen Amerika-Aufenthalt änderte. In Russland wurden weniger begabte, dem Regime angenehme Maler bevorzugt.
Es kamen harte Jahre für Chagall. Versuche mit Bühnenbildern, Schulunterricht und vielem mehr.
Schließlich wieder Paris. Aber alle Wege waren nicht schrecklich für ihn, denn da war Bella, sie bedeutete ihm Heimat. Neunundzwanzig Jahre lebten sie zusammen. Als Bella 1944 in Amerika starb, verstummte Chagall.
Es dauerte fast ein Jahr, ehe er sich wieder erhob, wieder malen konnte.
Was viele nicht wissen: Bella schrieb Erzählungen, die Chagall bildlich darstellen konnte.
Fast zu allen Erzählungen malte er Bilder – von Russland, Märchen, Pferden, Vätern, Landschaften und zu Religiösem. Bella war für mich seine Inspiration.
Ich wurde sogar an meinen Mann erinnert. »Erzähle«, sagte er oft zu mir. Wenn ich einmal nichts erzählte, fürchtete er, ich sei krank.
Chagall heiratete später wieder. Es war nie mehr wie zuvor.
Ein kurzer Aphorismus zu diesem Text (von mir): »Glückliche Menschen sind ideenreich.«

Das zerplatzte Geschenk
Wir wohnen außerhalb der Stadt, nahe am Waldrand, in einem hübschen Dorf. Hier gibt es sie noch: Die unberührte Natur! Füchse, Rehe, Wildschweine und viele seltene Vogelarten wurden hier heimisch. Nur ein Geschäftsviertel haben wir nicht. Um einzukaufen, fahre ich deshalb einmal in der Woche mit dem Bus in die naheliegende Stadt.
Auch heute war ich wieder unterwegs.
Meine Einkaufsliste ist lang. Bald kommt die Station, wo ich aussteigen muss. Schon von weitem sah ich eine große Menschenmenge auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Meine Neugier war geweckt! Rasch überquerte ich die Straße und fragte eine Dame: »Was ist denn hier los, wird ein Fest gefeiert?«
»Ja, wissen Sie es nicht? Die neue Bankfiliale wird heute eröffnet. Es gibt gratis Würste und Freibier!« Auf dem Trottoir vor der Bank waren viele Tische und Bänke aufgestellt. Die Leute saßen da und verzehrten die herrlich duftenden, knusprig gebratenen Würste genüsslich. Manche tranken dazu ein kleines, helles Bier. Aber auch die ganz Kleinen wurden nicht vergessen. In Reih und Glied warteten die Kinder geduldig, bis sie zu dem freundlichen Mann kamen, der die bunten Luftballons mit Gas füllte. Ihre zarten Händchen umfassten die Schnur des Luftballons und ließen sie nicht mehr los. Manche baten den liebenswerten Mann sogar: »Bitte! Binde mir den Ballon um das Handgelenk, damit er mir ja nicht davonfliegen kann.«
Erst dann konnten sie beruhigt zu ihrem farbenfrohen Ballon hinaufschauen. Ach, wie können diese Kindergesichter noch strahlen! War ich nicht erst auch noch so klein gewesen?
Kindheitserinnerungen kamen zurück. In Gedanken versunken stand ich da. Nun war es aber allerhöchste Zeit für meine Einkäufe. Als ich im Begriff war weiterzueilen, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um. Liebevolle blaue Augen schauten mich an.
Es war ein Clown, mit weißer Halskrause, in einem bunten Flicken-Gewand. Er sagte: »Ich habe Sie beobachtet. Wie konnten Sie sich über die Kinder freuen! Zwar bin ich für die Kinder da, aber Sie möchte ich auch beschenken. Bleiben Sie noch einen kurzen Moment stehen.« Umständlich kramte er aus seinen Hosentaschen ein großes dickes Röhrchen hervor. Er schüttelte es kräftig. Dann nahm er den Deckel ab, tauchte den Pustering in das Seifenwasser, zog ihn wieder heraus und blies große Seifenblasen in die Luft. Danach folgten viele, viele kleine Blasen. Dabei betrachtete er mich immer wieder mit seinen freundlichen Augen. Einen Moment lang waren wir beide in einer farbig schillernden Welt von runden Seifenblasen eingehüllt.
Ich war glücklich! »Vielen Dank für das wunderschöne Geschenk«, sagte ich zu dem Clown.
Er sagte nur: »Ich wusste, es würde Ihnen gefallen.« Dieses besondere Geschenk werde ich nie vergessen, obwohl es lautlos zerplatzte und sich in Nichts auflöste.

Der einsame Schwan in seiner Märchenwelt
Wir hatten Ferien im Südtirol. In einer Broschüre lasen wir, dass es in Kurtatsch ein großes Weingut gebe. Dazu gehöre das Castel Turmhof, mit einem Märchengarten. Alles Märchenhafte bezaubert mich! »Da müssen wir unbedingt hingehen«, sagte ich zu Walter. Ob der Garten öffentlich sei? »Nein. Aber Morgen um elf Uhr gibt es eine Führung. Treffpunkt ist der Vorhof des Schlosses.« Wir waren pünktlich. Aber niemand kam.
Hier gebe es doch eine Jausenstation, meinte Walter. Dort fragten wir, an wen wir uns wenden müssten. Im gemütlichen Hof, mit Holztischen und Bänken, saßen viele Menschen, verzehrten genüsslich den feinen Tiroler Speck und tranken dazu den Hauswein. Als die Wirtin kam, fragte Walter: »An wen muss ich mich wenden, wir wollen den Märchengarten besichtigen?«
»Warten Sie hier, ich werde mit dem Hausherrn telefonieren.«
Wenig später erschien ein gutaussehender, älterer Herr. Aufrecht, ganz aristokratisch, kam er mit einem Gehstock in der Hand auf uns zu.
»Sie wollen in den Märchengarten?«, fragte er. Dabei schaute er uns prüfend von oben bis unten an. »Sie sind nur zu zweit?« Er überlegte sich, ob er zusagen sollte.
»Ich wäre sehr glücklich, wenn wir den Märchengarten sehen könnten«, sagte ich.
»Also gut, dann gehen wir«, meinte der Herr. »Ich führe sie jetzt in meinen Privatbereich.«
Bedächtig ging er vor uns her, bis zu einem schmiedeeisernen Seitentor. Aus seiner Westentasche nahm er einen langen, uralten Schlüssel und schloss auf.
Eine schmale Treppe führte hinab, zu einem wunderschönen See. Dieser war umgeben von jahrhundertealten Eiben, Kiefern, dunklen Tannen und Fichten.
Vor dieser Kulisse am See erhob sich eine skurrile Märchenbergwelt. Von den Bergen stürzten kleine Wasserfälle in den See. In den Höhlen der Bergwelt lebten Fabelwesen und Tiere. Ein Tatzelwurm schaute uns entgegen, eine Schlange, ein Adler, ein Uhu und ein dürrer Steinbock.
Poseidon stieg aus dem See, mit dem Dreizack in der Hand, ihm folgte Aphrodite. Sie erstrahlte in Schönheit und Liebe. Unter einem Felsvorsprung entdeckten wir ein schwarzes Boot. Den Bug zierte ein weißer Schwan. Wir dachten an Wagners Lohengrin und waren verzaubert.
Diese wundersamen Figuren waren allesamt aus Tropfstein gemeißelt worden, von einem Vorfahr, der sich außer dem Weinbau auch der Kunst verschrieben hatte.
Unerwartet leise schwamm majestätisch ein weißer Schwan auf uns zu. Er war neugierig und begleitete uns auf dem Weg am Rande des Sees.
»Wie traurig er aussieht, er ist ja so alleine«, sagte ich.
»Das war nicht immer so«, antwortete der Schlossherr. »Setzen wir uns doch auf die Bank hier am See, ich werde ihnen alles erzählen.« Und er begann: »Ich hatte einmal zwei Schwäne gekauft. Es sollten Mann und Frau sein, aber ich wurde betrogen: Es waren nämlich zwei Männchen. Sie stritten sich ständig!
Hansel, der noch da ist, war der Stärkere. Er plagte seinen Artgenossen so sehr, dass ich ihn zurückbringen musste.
Dann habe ich dem Hansel ein Weibchen gekauft, das wir Gretel nannten. Hansel nahm seine Schwänin liebevoll an. Sie schwammen in einem See von Glück. Auf der Insel, in der Mitte des Sees, dort, wo die Fischerhütte steht, bereitete ich dem Paar ein Nest. Ich dachte, dort seien sie ungestört. Sie bauten sich ihr Nest aber selbst, auf der offenen Seite des Sees, die in die Reben führt. Zum Nestbau verwendeten sie Rebzweige und Stroh.
Bald lagen drei Eier im Nest! Das Glück von Hansel und Gretel war vollkommen – die Schwänin brütete.
Doch eines Tages – ich wollte ihnen frische Salate bringen – da sah ich das Entsetzliche: Das Nest war offensichtlich von bösen Menschen zerstört worden! Die Eier, kaputtgeschlagen! Aufgeregt standen die Schwäne vor dem Nest. Als ich mich Hansel nähern wollte, mit dem ich sehr vertraut bin, schlug er mich mit der ganzen Wucht seines Flügels.
Das hatte ich nie für möglich gehalten! Der Schmerz hatte meinen Schwan überwältigt.
Gretel litt so sehr, dass sie das Fressen so lange verweigerte, bis ich sie tot am Ufer fand. Es war ein Drama. Ich vergoss Tränen.« – Der Schlossherr schwieg ergriffen. Nach einer Weile fuhr er fort: »Ich wollte meinem Hansel wieder eine Freude bereiten und kaufte ihm eine andere Schwänin. Aber er konnte sie wohl in seiner Trauer und dem Schmerz nicht annehmen. – Er tötete sie. Seine Liebe zu seiner Gretel bleibt unstillbar. Denn nun baut Hansel jedes Jahr am gleichen Ort in den Reben ein neues Nest.«

Daheim in unserer hohen Tanne
Darf ich euch Familie Eichhörnchen vorstellen, unsere liebenswerten Nachbarn?
Familie Eichhörnchen lebt in unserem Garten, nahe am Waldrand. Mutter Eichhörnchen ist sehr gepflegt, sie hat ein wunderschönes rotbraunes Fell. Vater Eichhörnchen erkennt ihr sofort an seinem seidigen, dunkelbraunen Fell. Beide besitzen einen dichten, buschigen Schwanz. Und klettern können die beiden! Leicht und sicher gehen sie die höchsten Bäume hinauf.
Damals suchten sie lange nach einem geeigneten Haus, denn Mutter Eichhörnchen erwartete zwei Kinder.
»Unsere Kinder sollen es einmal schön haben, im Grünen aufwachsen, in viel frischer Luft«, meinte der Vater. »Und spielen sollen sie können, ganz ohne Angst! Heute gibt es ja so viele Gefahren für kleine Eichhörnchenkinder! Ich denke an die frechen Feldkatzen, die schnellen Füchse, an Edelmarder und an große Raubvögel.«
»Oh je, oh je, an so etwas habe ich überhaupt nicht gedacht! Du hast vollkommen recht!«
»Beruhige dich! Ich habe nochmals Ausschau gehalten und einen geeigneten Garten am Waldrand entdeckt. Auch Menschen leben dort. Da gibt es weniger Gefahren als im tiefen Wald. Die Menschen freuten sich sehr, als sie mich sahen. Außerdem gibt es große Kirschbäume, Birnen- und Apfelbäume im Garten. Läuft dir nicht das Wasser im Munde zusammen? Früchte isst du doch so gerne.«
»Ach, das tönt ja wunderbar! Du bist der liebste Eichhörnchenmann!«
»Pass auf, was ich dir noch verrate!«
Nun spitzte Mama Eichhörnchen ganz fest die Ohren, auf denen zierliche Haarbüschel sitzen die sogar mithelfen, selbst leise Gesprochenes zu verstehen.
»Im Garten, in der äußersten Ecke, steht eine stattliche Tanne. An ihrem Hauptstamme bauen wir unser Haus.«
Da leuchteten die schönen, schwarz glänzenden Augen der werdenden Mutter. Sogar die Oberlippe mit ihrem stattlichen Schnurrbart zitterte vor Freude. Und so geschah es, dass Vater und Mutter Eichhörnchen ihr Haus in unserer hohen Tanne im Garten bauten. Fleißig besorgte der Vater viele zähe Baumwurzeln und biegsame Reiser und trug sie hinauf zum Baumhaus. Dort schlang er alles geschickt ineinander, das ergab Stabilität.
Er ruhte nicht, bis der Bau fertig war. Am Schluss polsterte er alle Wände mit einem dicken Moospolster aus, so konnte die Winterkälte nicht ins Haus.
Bald kamen zwei gesunde, prächtige Eichhörnchenkinder zur Welt. Die Eltern waren überglücklich. Wir sind es auch, weil wir dieses Glück hautnah miterleben dürfen.

Der Neuankömmling
Es klingelte. Ich öffnete die Tür. Es war mein Freund, quirlig wie immer. »Hallo Rudi! Hast du die Koffer schon gepackt? Den Schnorchel nicht vergessen, wie letztes Jahr?«
Ich blieb stumm. Carlo schaute mich prüfend an. »Oh je! Ist es wieder der alljährliche Katzenjammer? Deine Mieze wird doch gut betreut von deiner Nachbarin, während du weg bist.«
»Ja, ich weiß, Buzzi wird gut versorgt. Aber wie kläglich sie beim Abschied miaute, du hättest es hören sollen. Schrecklich!«
»Mensch Rudi, schalt doch ab, entspann dich! Morgen Mittag sitzen wir zwei am Meer, genießen deine geliebte Pasta und einen guten Chianti.« Carlo klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. »Tschau Rudi, wir treffen uns morgen in Riccione wieder. Gute Fahrt!«
»Das wünsche ich dir auch.«
Seit Tagen genossen wir das Badeleben in Riccione und schnorchelten. Beide hatten wir das Auto dabei. Als wir gestern vom Strand zurückkamen, stand ein kleines schwarzes Hündchen mit abgenagter Leine bei den Autos. Es war total ausgehungert. Unsere Herzen zogen sich zusammen! Beide wollten wir das arme Tier aufnehmen. Es war ein kleiner zarter Mischling, mit kurzem schwarzem Fell. Seine Ohren waren spitz und leicht nach vorne gebogen. Große, runde, braune Augen schauten uns flehend an. Sein schmales Gesicht war von schneeweißen Haaren eingerahmt, nur die dunkle Schnauze hob sich ab. Er erinnerte uns an eine Fledermaus. Wie rührend uns das Tier anschaute; es eroberte unsere Herzen im Sturm.
Da jeder von uns den Hund haben wollte, ließen wir ihn selbst entscheiden. Wir stellten unsere Autos hintereinander und öffneten bei beiden eine Tür. »Fledermaus« sprang in meinen Wagen; er gehörte ab jetzt zu mir.
Carlo meinte: »Hm, hm, hm, hoffentlich geht das gut mit deiner Katze? Hund und Katz sind nicht unbedingt freundlich zueinander.«
Viel zu rasch vergingen die schönen Ferientage am Meer. Wir mussten die Heimreise antreten, die Arbeit rief.
Als ich aus den Ferien zurückkam, brachte meine Nachbarin Buzzi samt Schlafkorb nach Hause. Die Katze würdigte mich aber kaum eines Blickes, sie war beleidigt, weil ich sie so lange alleine gelassen hatte. Meine braun-weiße, langhaarige Katzendame, mit geheimnisvollen grünen Augen, ist schon viele Jahre bei mir. Auch heute liegt sie bewegungslos im Schlafkorb. Sie ist beleidigt!
Plötzlich entdeckte sie »Fledermaus«. Ich hatte ihn unter den Arm genommen. Buzzi öffnete ihre Augen zwar nur einen winzigen Spalt, trotzdem spürte man ihr Interesse. Ihre Sinne waren hellwach. »Was passiert denn da, was hat dieser Eindringling hier zu suchen?«, schien sie sich zu fragen. »Ich bin der Liebling des Hauses!« Die kleinste Bewegung des Hundes verfolgte sie äußerst wachsam mit ihren klugen Katzenaugen. Zwischendurch gähnte sie, als wollte sie sagen: »Ach, ist das langweilig; ich bin und bleibe die Königin hier!«
Fledermaus schaute interessiert zu der Katze. Kaum stellte ich ihn auf den Boden, rannte er zu ihr hin.
»Oh je, oh je! Jetzt heißt es aufpassen«, dachte ich. In dem Moment, folgte ein gewaltiger, geschmeidiger Satz. Buzzi sprang mit katzenhaften Bewegungen aus dem Korb, direkt auf den Findling zu. Sie fauchte ein paar Mal, fast lautlos, und legte sich wieder in den Schlafkorb zurück.
Fledermaus zitterte vor Schreck am ganzen Körper und fing an zu jaulen. Tat es Buzzi jetzt leid, dass sie den kleinen Kerl so erschreckt hatte?
Zum zweiten Mal erhob sie sich und schlich diesmal ganz sachte auf den Hund zu. Lange betrachtete sie ihn von allen Seiten. Dann fing sie an wohlwollend zu schnurren. Vielleicht spürte sie, was für ein armer Hund das war. Man hört und spricht ja öfter von den feinen Katzensinnen.
Am nächsten Tag kaufte ich ein Hundebett. Schon der Name gefiel mir: »Grand Plaza«. Es war daunenweich ausgepolstert, hatte ein herausnehmbares Wendekissen in den schönen Farben Bordeaux/ Grau und war verziert mit einer Goldkrone. Ein königliches Bett!
Zusätzliche Seitentaschen, mit Stoffknochen, nahm ich ebenfalls dazu. Der Kleine sollte sich wohlfühlen. In seinem Bett taufte ich ihn auf den Namen Findi. Er war klug und verstand schnell, dass er gemeint war.
Hundebett und Katzenschlafkorb standen ab jetzt nebeneinander. Und Morgen für Morgen schauten beide, ob der andere schon wach ist. Ein köstliches Ritual! Und wie das bei Freunden üblich ist, fraßen beide aus demselben Napf.
Doch eines Morgens stand Buzzi herzzerreißend miauend vor mir. Ständig lief sie zum Hundekorb und wieder zurück zu mir. Schlussendlich bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte.
Findi lag regungslos im Bett. Er war krank; er hatte eine ganz heiße Nase. Ich rief den Tierarzt. Als er Findi eine Spritze verabreichte, saß Buzzi mucksmäuschenstill daneben. Sie sorgte sich um ihren kranken Freund. Ich beobachtete, wie sie immer wieder zu seinem Liegeplatz lief und ihn besuchte. Leise schnurrend rieb sie ihren Kopf an Findis Gesicht und Schnauze.
Als der Hund nach Tagen wieder auf die Pfoten kam, war meine Katze sichtlich glücklich: Sie holte ihren kostbarsten Schatz, ihren Spielball, aus dem Korb und pfötelte ihn Findi zu.
Es war ein Erlebnis mit anzusehen, wie fröhlich Hund und Katze zusammen spielten.
Бесплатный фрагмент закончился.
