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Oskar Meding Gregor Samarow
Ritter oder Dame (Historischer Roman - Zeitalter der Aufklärung)
Die Geschichte von Chevalier D'Éon de Beaumont

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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-3743-2
Inhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechzehntes Kapitel.
Siebenzehntes Kapitel.
Erstes Kapitel.
Inhaltsverzeichnis
Es war gegen das Ende der fünfziger Jahre im vorigen Jahrhundert, zur Zeit der Regierung Seiner allerchristlichsten Majestät Ludwig XV., welcher in seiner glänzenden hoffnungsvollen Jugend vom Volke den Namen des Vielgeliebten erhalten hatte, den er nun offiziell fortführte, obwohl das Volk selbst ihn weder mit den Lippen noch mit dem Herzen seinem Könige mehr gab, der sich so weit von den Wegen seiner ersten Regierungszeit entfernt hatte und in apathischer Gleichgültigkeit die Staatsgeschäfte meist gehen ließ, wie sie eben wollten und konnten. Und sie gingen im Ganzen damals noch nicht so schlecht, als zu einer spätern Epoche, welche die Revolution und den Untergang des von Ludwig XIV. so stolz und mächtig aufgerichteten Königthums vorbereitete. Damals hatte noch nicht die launenhafte Courtisane, welche man Gräfin von Dubarry nannte, die Krone Frankreichs durch den Schmutz der tiefsten Erniedrigung gezogen, so daß ihr später weder der edle, rechtliche Sinn Ludwig XVI., noch der stolze und kühne Geist der österreichischen Kaiserstochter Marie Antoinette wieder Glanz verleihen konnte, — damals lag die Regierung noch in den Händen der Marquise von Pompadour und ihres geistvollen und muthigen Freundes, des Herzogs von Choiseuil-Amboise, Grafen von Stainville, der als Minister-Staatssekretär die auswärtigen Angelegenheiten leitete und bald darauf auch das Kriegsdepartement übernahm, um die tiefe Verwahrlosung und Zerrüttung in den Armeen und Flotten Frankreichs mit kräftiger Hand zu bessern. Die Marquise von Pompadour war im Allgemeinen weit besser, als das Bild von ihr, welches die Geschichte als stereotyp aufgenommen hat; zwar war sie ein Weib mit weiblichen Launen und Schwächen; — die Stellung, welche sie als maîtresse en titre des Königs einnahm, verletzte das öffentliche Gefühl und brachte sie in ein schiefes Verhältniß, das oft durch Gereiztheit und Erbitterung sie zu falschen Schritten führte, — doch hatte sie bei alledem den hohen Wunsch, Frankreich, dessen König sie beherrschte, groß und mächtig zu sehen, und sie täuschte sich auch, namentlich seit Choiseuil ihren von Natur klaren und fein verständnißvollen Geist leitete, nicht in den Mitteln, welche zu diesem Zweck führten. Sie suchte Verständigung mit den freieren Elementen des nationalen Geistes und hoffte eine Zeitlang die geistige Bewegung, welche damals bereits begann, vom Thron aus lenken zu können, doch war ihre Stellung eine zu unklare und unsichere, und die ganze Zerrüttung der öffentlichen Autoritäten bereits eine zu große und tief eingefressene, als daß sie oder Choiseuil gründlich hätten bessern können, und das viele Gute, das geschah, wurde schnell wieder fortgeschwemmt, als es später der Dubarry gelang, Choiseuil zu stürzen und alle Bande des Rechts und der Ordnung im öffentlichen Leben zu zerstören.
Der ganze Glanz des Königthums, das die Sonne zu seinem Sinnbild genommen, ergoß sich über Versailles, diesen feenhaften Sitz monarchischer Allgewalt, diese Welt von goldenen Sälen und schimmernden Galerieen, in denen Alles, was reich, groß und erhaben war im großen, reichen und stolzen Frankreich, zusammenströmte, um den Strahlenkranz zu bilden des königlichen Sonnengestirns, zu dessen mehr oder minder matten Abbildern sich alle Höfe Europas machten. Der große Adel, dessen Vorfahren in trotziger Selbstständigkeit sich erhoben hatten gegen Ludwig XIII., den gewaltigen und furchtbaren Richelieu und den geschmeidig-tückischen Mazarin, dieser hohe Adel, der vor dem Schaffot nicht erbebt war, das der große Kardinal für einen Montmorency errichten ließ, er war gezähmt durch den Festrausch, welcher die Luft von Versailles erfüllte. Wie bunte Libellen flatterten im Glanz des Thrones die Träger der großen Namen des Landes, welche einst die wirklichen Pairs der Könige sich dünkten, und bettelten um die Gunst eines Blickes, eines gnädigen Wortes, einer Einladung nach Marly oder eines Platzes in den Karrossen des Königs, und die Wenigen, die sich von diesem Treiben des Hofes fern hielten und schauderten vor dem Wahlspruch der Höflinge: ›apres nous le déluge‹, — sie saßen einsam und vergessen auf ihren Schlössern in den Provinzen, ohne einen Platz finden zu können in der Verwaltung des Staates und in der Führung der Armeen, — für das Königthum existirte eben nichts, was nicht vor seinen Augen erschien in dem von der übrigen Welt hermetisch abgeschlossenen Lichtkreis von Versailles, und jene bespöttelten und verachteten Edelleute der Provinz erschienen erst wieder, als es galt, sich auf der Schwelle ihres bedrohten Königs zerstückeln zu lassen oder mit dem Rufe ›Vive le roi!‹ ihr Haupt dem Fallbeil der Guillotine darzubieten.
Die Bürger von Paris aber waren nicht gezähmt und verzaubert durch die Wunderwelt des Hofes von Versailles, die ihnen verschlossen blieb und von der sie nur zuweilen einen vorübergehenden Glanzblick sahen, wenn der König in feierlichem Auszug nach der Notredame kam, um vor dem Altar der hohen Schutzheiligen Frankreichs seine Andacht zu verrichten, oder wenn die glänzenden Equipagen der Großen mit den rücksichtslos Platz machenden Vorreitern durch die Straßen jagten, weil die Herren und Damen des Hofes sich in ihren Hotels in Paris ausruhen oder in ihren petites maisons die Fäden reizender kleiner Abenteuer verfolgen wollten.
Das Volk von Paris, welches nicht vergessen hatte, daß einst seine Könige in seiner Mitte lebten, sich zuweilen mit ihm zankend, zuweilen ihm schmeichelnd, immer aber seinen Wünschen und seinen Launen Rechnung tragend, — dieses so empfindliche und empfängliche Volk von Paris rächte sich für seine Zurückstellung in den Schatten auf jede Weise und bei jeder Gelegenheit. Zwar frondirte es nicht mehr mit der Muskete auf der Schulter und dem Degen in der Hand, dazu fehlten ihm die Führer, die rebellischen Prinzen wie Beaufort und Conti, und die konspirirenden Damen wie die Herzogin von Chevreuse und Mademoiselle von Mont-Zensier, — aber es jauchzte allen Denen zu, welche die Kämpfe der Fronde mit den Waffen des Rechtes und des Geistes fortsetzten, es umgab mit der Fülle der Popularität die Parlamente, welche gegen die Registrirung der königlichen Verordnungen eine oft begründete, oft auch unbegründete Opposition erhoben, und die Philosophen, welche ihre scharfen Kritiken gegen die staatlichen und gesellschaftlichen Zustände richteten, und es sang mit unermüdlicher Ausdauer alle die hämischen und boshaften, aber immer witzigen Couplets, welche täglich neu gegen den Hof und alle hervorragenden Persönlichkeiten desselben auftauchten, welche selbst den König nicht schonten und ihren Stachel gegen die Marquise und den Herzog von Choiseuil richteten, obgleich diese die Freunde und Gönner der Philosophen waren.
In dieser Zeit der allgemeinen Unruhe, Gährung und Erregung, welche noch keinen bestimmten Zweck und kein deutlich vorgestecktes Ziel hatte, wohnte in einem der hochgiebeligen alten Häuser der Rue des Saints Pères, welche von den Kais nach den alten Stadttheilen hinführt, in denen die mächtigen, mit fürstlicher Raumverschwendung erbauten Hotels der großen Adelsgeschlechter sich an einander reihen, ein junger Mann in einfachen und bescheidenen Verhältnissen, fast unbekannt allen Nachbarn und selbst den Mitbewohnern des Hauses, das einem reichen Seidenhändler gehörte, der im Erdgeschoß seine Kaufgewölbe hatte und den weiten ersten Stock bewohnte.
Dieser junge Mann, der drei Zimmer des zweiten Stockwerks gemiethet hatte und von der alten Frau des Concierge bedient wurde, die ihm auch von einem Garkoch in der Nähe seine bescheidenen Mahlzeiten herbeiholte, war der Chevalier Charles Geneviève d'Éon de Beaumont, der einzige Sohn eines nicht begüterten Edelmannes aus einer Seitenlinie der alten und berühmten Familie von Beaumont, der zu Tonnère in Burgund gelebt hatte und einige Jahre vorher gestorben war. Der Chevalier stand nun ziemlich allein in der Welt und besaß von näheren Verwandten nur noch eine Cousine, Fräulein Louise von Beaumont, ein armes, seit etwa einem Jahre ebenfalls verwaistes Mädchen, das bei einer ziemlich entfernten Verwandten, der Herzogin von Guéménee, die in Versailles lebte, Aufnahme gefunden hatte. Der junge Mann, welcher von Jugend auf durch fleißiges Studium sich umfassende Kenntnisse in den Staats- und Rechtswissenschaften erworben hatte, machte sein kleines Vermögen flüssig und begab sich nach Paris, um dort sein Glück zu versuchen, da es seiner feurigen Seele und seinem hochstrebenden Geiste zuwider war, in der Verborgenheit der Provinz von seinem dürftigen Einkommen ein dunkles Dasein zu führen. Er war seit etwa drei Jahren in der großen Hauptstadt und beschäftigte sich als Parlamentsadvokat, aber die Klienten und die Sporteln waren nur spärlich gekommen und langsam und allmälig, wie von einer vollen Baumkrone abwelkende Blätter, waren seine Hoffnungen und Illusionen zu Boden gesunken. Es war so schwer für den unbekannten und mittellosen jungen Mann, sich durch das vielverschlungene Labyrinth der vielen in der großen Hauptstadt sich durchkreuzenden Interessen einen Weg zu bahnen, und nach langer erfolgloser Arbeit hatte sich eine tiefe, schwermüthige und bittere Gemüthsstimmung des armen kleinen Chevalier bemächtigt.
Denn klein war er — und das war ein Unglück mehr für ihn, wenigstens glaubte er seiner unscheinbaren Gestalt, die fast eine Naturmerkwürdigkeit war, einen großen Theil von dem Mißerfolg seines ehrgeizigen Strebens zuschreiben zu sollen — vielleicht mit Unrecht, aber eine vom Unglück niedergebeugte Seele sucht ja fast immer in selbstquälerischer Erfindung allerlei Gründe für die Ungunst des Glücks. Der Chevalier d'Éon war von schlanker, ebenmäßiger und anmuthiger Gestalt, aber diese Gestalt war so klein und zierlich und dabei von so entschieden weiblichen Formen, daß Jeder, der ihn nicht kannte, ihn für ein Kind oder eine verkleidete Frau halten mußte. Sein Gesicht war von regelmäßiger Schönheit mit dunklen, sinnenden Augen und feinen, geistvollen Zügen, dabei aber, seiner Körperbildung entsprechend, so weich und weiblich und, obgleich er sechsundzwanzig Jahre alt war, so ohne jede Spur von Bartwuchs oder männlicher Entwicklung, seine wohllautende Stimme hatte einen so entschieden weiblichen Altton, daß er überall spöttischem Hohn oder mitleidigem Bedauern begegnete, und Diejenigen, welche gegen die Schärfe seines Geistes und seiner Dialektik nicht aufkommen konnten, rächten sich dafür durch beißende Bemerkungen über seine körperliche Unvollkommenheit.
Er hatte sich fast von allem Verkehr mit der Welt entmuthigt zurückgezogen, auch das Suchen nach gerichtlicher Praxis fast aufgegeben, da die meisten Parteien bei der Führung ihrer Prozesse zu den großen, kräftigen Männern mehr Vertrauen hatten, als zu dem kleinen, anscheinend noch so jugendlich unreifen Chevalier, und er füllte seine unfreiwillige Muße mit Ausarbeitungen über manche schwebenden Fragen des Rechts und der Politik aus, welche er als Broschüren erscheinen ließ, ohne auch auf diesem Wege besondere Beachtung zu erzielen, da seine Arbeiten zu ernst waren und ihnen jener Ton witzig-spottender Kritik der Regierung und des Hofes fehlte, welcher damals zur Mode gehörte und allein das Interesse des Publikums zu wecken und zu fesseln vermochte.
Der einzige Ort, an dem er verkehrte und wo er seit länger als einem Jahre fast alle seine Abende zubrachte, war das Haus des Grafen von Rochefort, eines alten, kränklichen, aber hochgebildeten und geistvollen Herrn, der mit dem Vater des Chevalier vor langen Jahren in freundlichen Beziehungen gestanden hatte und an der Unterhaltung des jungen, unterrichteten, klar und scharf denkenden Mannes großes Gefallen fand. Der Graf von Rochefort hatte sich in seinem späten Alter mit einem jungen, wunderschönen, aber ganz armen Fräulein verheirathet, welche ihm die Stellung und den Namen, die er ihr gegeben, durch kindliche Ergebenheit und treue Pflege vergalt, obgleich ihr lebenslustiger, frischer Sinn oft schmerzlich den Druck des einsamen Lebens an der Seite des kränklichen, hinfälligen Greises empfand. Der Chevalier brachte dem Grafen die Neuigkeiten des Tages, er las ihm die aufsehenerregenden Couplets, die politischen und philosophischen Broschüren vor; der lebhafte Geist der schönen Gräfin gab sich mit immer lebhafterem Vergnügen dieser einzigen Unterhaltung hin, welche ihr geboten wurde, und die Abende, welche der auf ein bewegtes Leben am Hof und in der Diplomatie zurückblickende alte Graf, die schöne, mit allen natürlichen Gaben des Geistes ausgestattete Frau und der fein empfindende, kenntnißreiche und fast gelehrte junge Mann mit einander zubrachten, wurden Jedem von ihnen zu einer immer neu sprudelnden Quelle wechselvollen Vergnügens. Zwischen dem Chevalier und der Gräfin bildete sich dabei ein Verhältniß zarten und reinen Minnedienstes aus, wie er in den vergangenen Zeiten altritterlich romantischer Galanterie vorgekommen, aber aus der damaligen Welt längst verschwunden war. Der feurige, von der übrigen Welt beinahe ganz abgeschlossene Chevalier konnte unmöglich täglich mit der so reizenden jungen Frau zusammensein, ihre dunklen, von innerer Glut leuchtenden Augen, während er vorlas oder sprach, auf sich gerichtet sehen, ohne daß sein ganzes, von zurückgedrängter Sehnsucht nach Ehre, Anerkennung und Lebensgenuß schwellendes Herz sich ihr hingab, und die einsame junge Frau, welche diese zarte Liebe wohl bemerkte, belohnte die innige Ergebenheit und die zugleich so ehrerbietige Zurückhaltung des jungen Mannes mit manchem Blick voll süßer Theilnahme und manchem kaum fühlbaren Händedruck, der aber, so flüchtig er auch immer sein mochte, stets den Chevalier mit Entzücken erfüllte. Diese so huldvoll aufgenommene Liebe zu der schönen Gräfin Rochefort war das einzige Glück, welches diese Zeit einsamen, stillen Lebens ihm bot, und sein hohes, glühendes Streben, das überall so niederschlagende Zurückweisung fand, konzentrirte sich mehr und mehr auf diese Liebe. Endlich war auch dieser kleine Lichtkreis verdunkelt, — der alte Graf Rochefort war fast plötzlich gestorben, — der Chevalier hatte in ernster Betrübniß über den Tod dieses wirklich teilnehmenden Freundes der jungen Wittwe beigestanden, die Beisetzung der Leiche ihres Gemahls zu besorgen, — eine stille Hoffnung erfüllte ihn, als er Diejenige frei sah, der er sein Herz hingegeben, aber er wagte in seinem feinen ritterlichen Gefühl dieser Hoffnung kaum durch Blicke in den ersten Tagen nach dem Todesfall Ausdruck zu geben, mehr als je aber erfüllte ihn die Sehnsucht, eine Stellung zu erringen, um die stillen Träume seiner verschwiegenen Hoffnungen endlich zur Wahrheit machen zu können. Die Gräfin hatte von ihrem Gemahl ein bedeutendes Vermögen geerbt, wenn auch die Hauptbesitzungen seiner Familie an entfernte Lehenserben fielen, — um so weniger mochte der stolze Sinn des Chevalier jetzt, da das äußere Hinderniß zwischen ihnen gefallen war, irgend eine Andeutung über seine Hoffnungen machen, bevor es ihm nicht gelungen war, für sich selbst eine unabhängige und sichere Stellung zu erringen. Er hatte sich nach dem Begräbniß des alten Grafen von der schönen Wittwe verabschiedet, da er es nicht ziemlich fand, seine Besuche vor Verlauf einiger Zeit fortzusetzen. Die Gräfin reichte ihm mit feuchten Blicken die Hand.
»Ich verstehe Ihre Entfernung, Chevalier,« sagte sie mit innigem Ton, der dem jungen Mann tief in die Seele drang, — »aber ich bitte Sie, mich nicht zu lange allein zu lassen, — ich werde sehr einsam sein,« fügte sie mit einem schweren Seufzer hinzu.
Fortgerissen von seinem Gefühl, sank der Chevalier vor der reizenden Frau in die Kniee nieder, drückte in glühendem Kusse seine Lippen auf ihre weiße Hand und rief:
»Wenn ich mein Herz hörte, Gräfin, so verließe ich Sie keinen Augenblick, — seien Sie gewiß, daß ich bald wiederkehre und daß mein heiligstes Streben sein wird, dann vor Ihnen so zu erscheinen, daß ich Alles sagen darf, was jetzt in meiner Brust verschlossen ruht.«
»Ich erwarte Sie,« hauchte die Gräfin.
Glühenden Herzens und glühenden Kopfes eilte der Chevalier davon, um sich mit tausend Plänen zu beschäftigen, wie er das schon fast im Mißmuth aufgegebene Ziel einer festen und angesehenen Stellung im Staatsdienst oder am Hof erreichen könne.
Einige Zeit verging in unruhvollen Arbeiten, in vergeblichen Besuchen und Absendung von Bittschriften, — da endlich schien das Glück, das so lange dem armen jungen Manne hartnäckig sein Gesicht verhüllt hatte, sich mit einem freundlichen Blick ihm zuzuwenden. Er erhielt ganz unerwartet an einem schönen Frühlingstag, etwa vier Wochen nach dem Tode des Grafen Rochefort, zu dessen Wittwe er, niedergedrückt und entmuthigt von der Erfolglosigkeit aller seiner Schritte, noch immer nicht wieder zurückzukehren gewagt hatte, den Befehl, sich nach dem Hotel Choiseuil zu begeben, wo der Minister ihn empfangen wolle, der allmächtig Frankreichs Geschicke lenkte und, wie er zuweilen that, von Versailles nach Paris gekommen war, um sich den Parisern zu zeigen, einige Audienzen zu ertheilen und seine Popularität ein wenig aufzufrischen. Denn der Herzog besaß diese von den Fürsten und Ministern oft so vergeblich gesuchte oder so ungeschickt verscherzte mächtige Waffe der Popularität, trotzdem er oft genug mit der öffentlichen Meinung, dieser damals zuerst sich aufrichtenden Gewalt, in Widerspruch trat und dieselbe ziemlich stolz und hochmüthig brüskirte. Er focht scharfe Kämpfe mit den Parlamenten aus und wurde dafür oft in beißenden Spottversen und scharfen Kritiken angegriffen, aber die anmaßenden und eitlen Herren von der Robe waren eigentlich durchaus nicht beliebt im Volk und fanden nur den Beifall, der jede Opposition gegen die Macht begleitet, der Herzog aber hatte mehrere und bedeutende Anrechte an die dauernde Gunst der pariser Bürgerschaft. Zunächst hatte er seine Gemahlin, die Tochter des reichen Bankiers Crozat, aus dieser Bürgerschaft gewählt und führte mit derselben eine überaus glückliche und musterhafte Ehe. Wenn ihm diese Heirath auch ein unermeßliches Vermögen eingebracht hatte, so fühlten sich die guten pariser Bürger doch stolz und geehrt, daß ein Mitglied des höchsten Adels und ein Günstling des Hofes in jener Zeit der Vorurtheile und Sittenlosigkeit mit einer Tochter der Bourgeoisie ein glückliches und vorwurfsfreies häusliches Leben führte. Der Herzog war ferner Grandseigneur im weitesten Sinne des Wortes, — er streute das Gold mit vollen Händen in fürstlicher Weise aus und endlich war er der erklärte Feind der Jesuiten, auf welche sich damals der heftigste Zorn der Pariser konzentrirte, weil schon in mehreren Fällen der Orden sich der Jurisdiktion der Parlamente und selbst der Bischöfe offen widersetzt hatte und nur dem Urtheil seines Generals sich unterwerfen wollte, und weil der Einfluß des dem Orden zugehörigen Beichtvaters des Königs bisher noch immer ein ernstes Vorgehen gegen die übermüthigen Patres, die sich über weltliches und kirchliches Gesetz stellten, verhindert hatte.
Von fieberhafter Aufregung zitternd, begab sich der Chevalier nach dem Hotel Choiseuil, in dessen weitem Hofe die Equipagen des Herzogs angespannt standen, während die Vorreiter ihre prachtvollen Blutpferde auf und ab führten. Der Chevalier ging klopfenden Herzens durch die Wolke von Lakaien, welche die Treppen und Vorplätze anfüllten und den bescheiden gekleideten jungen Mann mit der unscheinbaren Kindergestalt gar nicht beachteten oder mit einer fast mitleidigen Verwunderung anblickten, und fand endlich das Vorzimmer des Herzogs. Er nannte dem Huissier seinen Namen und wurde sogleich, einer Menge glänzender Kavaliere voraus, in das Kabinet des Ministers geführt.
Der Herzog von Choiseuil, damals in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre stehend, war ein hoch, schlank und kräftig gewachsener Mann. Er trug einen Anzug von dunkelblauem Sammet, nur mit einer leichten, feinen Silberstickerei besetzt, darüber das blaue Band und den Stern des Ordens vom heiligen Geist mit der abwärts fliegenden Taube auf der Brust. Sein Gesicht hatte fast zu kräftige Züge, doch gaben ihm dieselben ein um so männlicheres Aussehen, seine großen Augen unter schön geschwungenen Brauen blickten stolz von oben herab und die auf die hochgewölbte Stirn herabfallenden weißen Locken der gepuderten Perrücke ließen das außerordentlich vornehme Gesicht noch jugendlicher erscheinen, als es vielleicht unter natürlich dunklem Haar der Fall gewesen wäre. Der Chevalier, welcher etwas schüchtern, aber mit edlem, freiem Anstand in das kleine, mit Deckengemälden und reichen Vergoldungen ausgeschmückte Gemach trat, verneigte sich tief vor dem Minister, den er noch nie in der Nähe gesehen hatte und dessen männliche und hocharistokratische Erscheinung ihm imponirte.
Der Herzog blickte den eintretenden jungen Mann mit seinen großen durchdringenden Augen an, denen man ansah, daß sie nur selten sich zu senken gewohnt waren. Er schien betroffen von dieser so schmächtigen, zarten Gestalt und diesem Kindergesicht, und während der Chevalier, ihn grüßend, tief das Haupt herabbeugte, spielte ein flüchtiges Lächeln gutmüthigen Spottes um seine Lippen, das jedoch die Selbstbeherrschung des feinen Weltmannes schon wieder hatte verschwinden lassen, als der junge Mann sein Haupt wieder erhob und den allmächtigen Minister erwartungsvoll ansah.
»Ich habe die letzten Broschüren gelesen, mein Herr,« sagte der Herzog mit seiner vollen, sonoren Stimme, »in denen Sie einige gerade jetzt zur Erörterung stehende Rechtsfragen und auch die Stellung Frankreichs in der europäischen Politik und den übrigen Mächten gegenüber behandeln, und ich mache Ihnen mein Kompliment über die Schärfe Ihres Urtheils und Ihre gediegenen Kenntnisse.«
Die Freude, welche der kleine Chevalier bei dieser ersten Anerkennung seiner Arbeiten aus dem Munde des gebietenden Staatsmannes empfand, ließ das Blut in seine Wangen steigen und verwirrte seine Gedanken, so daß er, der sonst seiner Rede so mächtig war und seine Worte so wohl zu setzen verstand, sich nur hoch erröthend verneigte und stammelte: »Der Herr Herzog ist zu gütig —«
»Außer jener Schärfe des Urtheils und jenen umfassenden Kenntnissen,« fuhr der Herzog fort, »welche ich auch bei einem Gegner achten würde, bin ich aber bei dem Durchblättern Ihrer Broschüren durch die große Uebereinstimmung betroffen worden, welche zwischen Ihren Ideen und den meinigen stattfindet, — Sie plaidiren für ein festes Bündniß mit Oesterreich und auch ich halte dasselbe für das sicherste Mittel, den Einfluß Frankreichs in Europa zu erhalten — leider müßte ich eigentlich sagen: wieder zu gewinnen.«
»Ja, Herr Herzog,« rief der Chevalier ganz glücklich, »ich bin durchdrungen von der Nothwendigkeit dieses Bündnisses, das so vielfach angefeindet wird, — denn —«
»Ich kenne Ihre Ansichten aus Ihren Broschüren,« fiel der Herzog ein, indem er den Chevalier mit der Rücksichtslosigkeit des an das Herrschen und Befehlen gewöhnten großen Herrn unterbrach, zugleich aber das Verletzende dieser Unterbrechung durch seinen verbindlichen Ton und seine artige Handbewegung abschwächte, — »und ich wünsche, da Sie meine Ueberzeugungen theilen und dieselben so vortrefflich zu begründen verstehen, Ihre Kraft und Ihr Talent für den Dienst der Regierung zu nützen. Ich werde Sie Seiner Majestät vorstellen und Ihnen eine Ihren Fähigkeiten entsprechende Anstellung geben. In einigen Tagen werden Sie Nachricht von mir erhalten, dann kommen Sie nach Versailles und melden Sie sich zuvor bei der Frau Marquise von Pompadour, der ich von Ihnen gesprochen und die ebenfalls die Karriere eines so hoffnungsvollen jungen Mannes unterstützen wird.«
Der Herzog neigte leicht den Kopf, zum Zeichen, daß für den Augenblick die Audienz beendet sei; schwindelnd, keines Wortes mächtig, verbeugte sich der Chevalier und schritt leuchtenden Blickes und stolz erhobenen Hauptes durch die Lakaien auf den Vestibüles, welche jetzt den jungen Mann, der aus den innern Gemächern kam und vom Herzog empfangen war, ehrerbietig grüßten.
Mit pochenden Schläfen, betäubt von so viel lichtem Glück nach so langer, trüber Zeit, ging er auf der Straße weiter, und bald nachher fuhr der Herzog, der nach Versailles zurückkehrte, in offener Kalesche an ihm vorüber und erwiederte seinen ehrfurchtsvollen Gruß durch einen freundlich vertraulichen Handwink, so daß die den Cortège des Ministers anstaunenden Vorübergehenden ganz scheu und verwundert diesen knabenhaften jungen Menschen in der schwarzen Tracht der Advokaten ansahen, den der stolze Choiseuil durch einen so freundschaftlich herablassenden Gruß auszeichnete.
Als der Chevalier sich von dem ersten Taumel der Freude erholt hatte, eilte er zur Gräfin Rochefort, — jetzt, da der Schutz des ersten Ministers ihm eine glänzende Zukunft eröffnete, durfte er vor ihr erscheinen, er durfte sie einen Blick in sein Herz thun lassen und er sann auf seinem Wege über die Worte nach, durch welche er am zartesten ihr seine sehnsüchtigen Hoffnungen aussprechen wollte.
Aber zu seinem Schrecken sagte ihm der Concierge des Hotels, daß die Gräfin schon seit zwei Wochen nicht mehr in Paris sei, — sie habe einen Brief aus Versailles erhalten, dann habe sie ihre Juwelen und ihre Garderobe einpacken lassen und sei nach Versailles gefahren, und ihre zurückkehrende Dienerschaft habe den Befehl gebracht, die Zimmer zu schließen, da die Gräfin vorläufig am Hofe bleiben werde.
Traurig und niedergeschlagen vernahm der Chevalier diese Nachricht. — Bald aber richtete er sich freudig wieder auf, — er sollte ja auch an den Hof, dieß glänzende Ziel der Wünsche aller Edelleute, die eine Carrière, Ansehen und Vermögen suchten, — dort würde er sie sehen, — sie würde ihn erblicken auf der ersten der Stufen, welche zu den Höhen des Glücks führten, und die Träume seiner Liebe würden zugleich mit denjenigen seines Ehrgeizes Erfüllung finden.
Noch eine Woche hatte er zu warten, — er durchforschte eifrig noch einmal alle politischen Fragen, die er in seinen Broschüren behandelt hatte, und wollte ungeduldig schon verzagen in der auftauchenden Furcht, daß der Herzog ihn vergessen haben könne, als er endlich ein Billet von dem Sekretär des Ministers erhielt, welches ihm befahl, am nächsten Tage sich in Versailles bei der Frau Marquise von Pompadour und dann bei dem Herzog zu melden, der ihn dem Könige bei dem Empfange vor der Messe vorstellen wolle.
Schon am frühen Morgen des entscheidenden Tages stand der bestellte Miethwagen mit einem Lohnlakai vor dem alten Hause in der Rue des Saints Pères und der Chevalier legte die letzte Hand an seine Toilette unter dem Beistand seiner alten Aufwärterin, welche ganz stolz dem ganzen Hause verkündet hatte, daß der junge Mann, dessen sorgenvolle Miene sie oft mit theilnehmendem Kummer erfüllt hatte, nach Versailles an den Hof fahre.
Der Chevalier sah reizend aus in dem zierlich eleganten Anzug von schwarzer Seide mit den duftig gepuderten Locken und dem kleinen, an der schlanken Hüfte sich wiegenden Degen, — aber als er vor den Spiegel trat und einen letzten prüfenden Blick in denselben warf, — als er diese kleine so ganz mädchenhafte Gestalt, dieses weiche Kindergesicht sah, da seufzte er tief auf, — er fürchtete, auch dort auf der neuen Bahn, die er betrat, unter den glänzenden Kavalieren des Hofes dem mitleidigen oder boshaften Spott zu begegnen, der ihm bisher sein Leben und Streben verbittert hatte.
Doch es war nicht Zeit, darüber nachzudenken, muthig mußte er vorwärts in die neue Welt, die sich vor ihm öffnete, — noch einmal drückte er der alten Aufwärterin, die ihn mit bewundernder Zufriedenheit betrachtete, die Hand und eilte dann schnell die Treppe hinab, um, angestaunt von den neugierig gaffenden Ladendienern, in den Wagen zu steigen und in seiner einfachen Equipage den verhängnißvollen Weg nach Versailles einzuschlagen, wo sich neben den lichten Höhen des Ruhmes und der Größe auch die schauerlichen, finsteren Abgründe der Bastille öffneten, wie im alten Rom neben dem Kapitol die Abhänge des tarpejischen Felsens sich mahnend dem kühnen Ehrgeiz zeigten.
Zweites Kapitel.
Inhaltsverzeichnis
Während der kleine Chevalier in wechselndem Hoffen und Bangen sich für die über seine ganze Zukunft entscheidende Stunde vorbereitete, gingen in jener eigentümlichen Welt von Versailles, deren auf der Oberfläche so helles und lächelndes Bild so viel gährende Leidenschaften und so viel Haß und Neid bedeckte, die zahllosen großen und kleinen Intriguen dieser, aus so großen Namen und meist so kleinen Persönlichkeiten zusammengesetzten Gesellschaft ihren Lauf. Vor Allem waren es zwei große Parteien, welche sich im heftigen Kampf einander gegenüberstanden: die Partei des Herzogs von Choiseuil und der Marquise von Pompadour, zu welcher alle Diejenigen gehörten, welche Wünsche hegten, die von der Macht der Regierung befriedigt werden konnten, alle jungen und lebenslustigen Kavaliere und alle jungen und schönen Damen, — und sodann die Partei der Jesuiten, der sogenannten Frommen, welche in dem Dauphin ihre Stütze fanden, zu welcher alle Diejenigen gehörten, denen die Regierung die Erfüllung ihrer Wünsche versagt hatte, und welcher sich vorzugsweise alle alten frommen Damen anschlossen, denen die Versuchung zu reizenden Verirrungen vom strengen Tugendpfade nicht mehr nahe trat. Diese Partei, zu welcher der Pater Linière vom Orden der Gesellschaft Jesu, der Beichtvater des Königs, als hervorragendes Mitglied zählte, ließ überall laut ihre frommen Verwünschungen gegen die Marquise von Pompadour erschallen und that alles Mögliche, um dem Könige Furcht vor dem Urtheil der Menschen und vor den Strafen des Himmels einzuflößen. Es gelang dieser Partei zwar niemals, die Stellung der klugen, stets aufmerksamen und durch die öffentliche und ihre Privatpolizei gut bedienten Marquise zu erschüttern, ebensowenig wie diejenige des Herzogs von Choiseuil, andererseits waren diese beiden Verbündeten aber auch nicht im Stande, den Einfluß des Paters Linière auf die leicht zu abergläubischer Furcht erregbare Natur des Königs zu brechen, und so trat oft in den öffentlichen Angelegenheiten, in welchen die Interessen der beiden Parteien sich gegenüberstanden, ein Stillstand ein, da keine der andern weichen wollte und keine die andere überwinden konnte, worüber dann die öffentliche Meinung in Broschüren und Quatrains bitter spottete, während der König sich in tiefes Schweigen hüllte, diese große Waffe, mit welcher er Alles, was ihn zu einer unangenehmen und peinlichen Entschließung drängte, von sich abzuhalten pflegte. So war auch jetzt wieder der Kampf sehr lebhaft; der Herzog von Choiseuil wollte ein erneutes festes Bündniß mit Oesterreich abschließen, — die Marquise, welche anfänglich schwankend gewesen, war durch die sarkastischen Bemerkungen Friedrich's des Großen und durch einen Brief, in welchem die stolze Maria Theresia sie »meine Cousine« nannte, mit Entschiedenheit den politischen Ueberzeugungen des Ministers beigetreten, aber der König schwieg und war zu keinem Entschluß zu bewegen. Obgleich die fromme Partei und insbesondere die Patres vom Orden der Gesellschaft Jesu stets die guten Freunde des wiener Hofes waren, so konnte dieß Zögern des Königs doch nur in dem Einfluß des Pater Linière seinen Grund haben, und die Marquise sowohl als Choiseuil gaben sich vergebliche Mühe, diesen Einfluß zu überwinden, für dessen Anwendung gegen die Wünsche des wiener Kabinets sie keinen andern Grund auffinden konnten, als den Wunsch, die Stellung des Ministers durch das Scheitern eines von ihm offen aufgestellten Planes, das ihn vor den europäischen Mächten kompromittiren mußte, zu untergraben.
Die Verhältnisse am Hofe waren daher in dem Augenblick, in welchem der Chevalier dort erscheinen sollte, sehr gespannt, die Anhänger der Marquise und des Herzogs begannen unruhig zu werden, und der alte Habitué des Hofes, der Herzog von Richelieu, der klassische Repräsentant jener Zeit der Frivolität und der Intrigue, welche noch von einer leichten Vergoldung chevaleresker Form überzogen war, dieser merkwürdige Mann, über den das Alter keine Macht zu haben schien, der zugleich Kammerherr und Marschall, zugleich bis zur Tollkühnheit tapferer Soldat und bis zur Selbsterniedrigung geschmeidiger Höfling war, — selbst er, der sonst mit jeder Partei kokettirte, um mit jeder die Früchte des Sieges theilen zu können, — begann seit Kurzem, sich ziemlich geflissentlich von der Marquise fernzuhalten.
Zu dem Kreise der bittersten Feindinnen der Marquise und demgemäß des Herzogs von Choiseuil und der Regierung gehörte die Herzogin von Guéménée, jene alte Tante, bei welcher die Cousine des Chevalier d'Éon, das Fräulein Louise von Beaumont, Aufnahme gefunden. Die Herzogin, von welcher alte Kenner des Hofes und seiner Geschichten behaupten wollten, daß sie in ihrer freilich lange verblichenen Jugend ebenso galant als schön gewesen sei, war jetzt ein Muster strenger Frömmigkeit, die Freundin des Paters Linière und die regelmäßige Besucherin aller Messen und aller Andachtsübungen, in welchen sie so viele Verwünschungen auf das Haupt der verhaßten Marquise, mit ihren Gebeten untermischt, dem Himmel übergab, daß wenn nur die Hälfte derselben Erhörung gefunden, die Marquise längst von feurigem Schwefelregen hätte vernichtet sein müssen.
Die Herzogin hatte sich fast ganz vom Hofe zurückgezogen, obgleich sie sich nicht hatte entschließen können, Versailles, diesen Mittelpunkt aller Interessen und aller Intriguen, zu verlassen; ihr großes Hotel, früher der Sammelplatz einer ausgelassen fröhlichen Gesellschaft, lag jetzt still da und seine Thüren öffneten sich nur den frommen Patres, alten Damen, welche die Gesinnung und den Groll der Herzogin theilten, und alt gewordenen Abbés, welche die boshafte Medisance, die dort den Gegenstand der Konversation bildete, mit einigen welken Blüten abgestandener Galanterie ausschmückten.
Das junge Fräulein von Beaumont war recht unglücklich in diesem großen glänzenden Hotel und in dieser einförmigen Gesellschaft, deren Unterhaltungen so wenig Reiz für ein siebenzehnjähriges Mädchen boten. Sie hatte ihre Jugend verlebt in dem kleinen und bescheidenen, aber reizend gelegenen Schlößchen an den sonnigen Ufern der Garonne, in Freiheit und kindlicher Lust, — auch ihr Vater war fromm gewesen und hatte sie früh schon mit noch stammelnden Lippen ihr Gebet sprechen gelehrt, wenn die Abendglocken herübertönten von der Kapelle auf dem nahen Hügel, — aber wie anders waren jene Gebete gewesen, als diejenigen, die sie hier bei ihrer Tante hörte, — hier schnürte sich ihre Brust eng und angstvoll zusammen und die Worte des Gebets, die ihre Lippen sprechen sollten, fielen matt zur Erde.
Fräulein Louise von Beaumont war eine schlanke, zierliche Gestalt, mit weichen, anmuthigen Bewegungen, ihr feines Gesicht erinnerte an eine Miniaturmalerei auf Elfenbein, während die großen Augen, welche unter den langen seidenen Wimpern hervorblickten, den schwärmerischen Ausblick italienischer Madonnenköpfe mit einem leichten Anflug jener hervorlauschenden Schalkhaftigkeit vereinigten, welche aus so vielen taubensanften Frauenaugen blickt und den englischen Dichter zu dem Wort veranlaßte: ›Every woman has a rake at heart‹, und ihre wunderbar schönen und reichen dunkelbraunen Haare waren, als fürchte sie die Schönheit dieses herrlichen Schmuckes zu verhüllen, nur leicht mit Puder überstäubt.
Dieß so schöne und lieblich anmuthige Mädchen saß an dem Morgen, an welchem der Chevalier seine Fahrt nach Versailles unternahm, allein in dem Salon der Herzogin von Guéménée mit einer Tapisseriearbeit beschäftigt, die sie von Zeit zu Zeit träumend in ihren Schooß sinken ließ, während ihre Lippen sich in leisem Selbstgespräch bewegten und ihre Augen bald in kindlichem Trotz, bald in schwermüthigem Sinnen sich nach den an den Deckensimsen angebrachten, von Rosenguirlanden umschlungenen Liebesgöttern emporrichteten.
Da erhob sich die seidene Portiere vor der Thür, welche in die großen Empfangszimmer führte, und ein junger Mann blickte vorsichtig spähend in das Zimmer hinein. Dieser junge Mann, der, von dem schweren faltigen Vorhang, den er mit der einen Hand leicht und graziös emporhielt, umrahmt, wie ein reizendes Genrebild dastand, mochte höchstens einundzwanzig bis zweiundzwanzig Jahre zählen. Er trug die elegante und kleidsame Uniform des Elitekorps der grauen Musketiere des Königs, den Degen mit dem goldenen Gefäß an der Seite, die weißen, tadellos anschließenden Stulphandschuhe an den feinen, schlanken Händen, den Hut mit der weißen Feder unter dem Arm. Sein Gesicht mit dem schwarzen Flaum aus der keck aufgeworfenen Oberlippe vereinigte in seinen weichen Zügen und in seinen glänzenden Augen die Schüchternheit des Knaben mit dem Muthwillen des Pagen und der Kühnheit des Soldaten, seine ganze Erscheinung war übergossen von dem Reiz der Jugend und dem eigentümlichen Zauber einer vornehmen Rasse, welche durch Erziehung und Leben auf den Höhen der Gesellschaft zu voller Entwickelung gebracht ist.
Der junge Mann, welcher so spähend in das Zimmer blickte und in glücklicher Freude aufjauchzen zu wollen schien, als er die schöne Louise erblickte, war der Chevalier Gaston von Aurigny, Fähndrich bei den grauen Musketieren, diesem vornehmen Korps der maison militairs des Königs, welche damals noch bestand und welche später, trotz des Rathes Friedrich's des Großen, Ludwig XVI. auflöste, um sich den Linientruppen und Nationalgarden anzuvertrauen, die ihn an die Revolution überlieferten. Gaston war ein armer jüngerer Sohn einer alten und berühmten Familie aus der Heimat des Fräuleins von Beaumont, mit der er als Kind gespielt hatte. Sein Haus stand mit demjenigen der Herzogin von Guéménée in traditionellen Beziehungen und auf Grund derselben war er von der alten Dame in ihre kleinen Zirkel gezogen worden. Der lebenslustige junge Offizier wäre wohl kaum oft in diesen für ihn so fremdartigen und seiner Natur so wenig sympathischen Kreis gekommen, wenn er nicht seine Jugendfreundin hier wiedergefunden, und wenn nicht sehr bald das schöne Fräulein von Beaumont für ihn einen unwiderstehlichen Anziehungspunkt gebildet hätte. Er wußte sich geschickt und geschmeidig bei der Herzogin zu insinuiren, welche sein häufiges Erscheinen in ihrem Hause für ein anerkennenswerthes Zeichen frommer und würdiger Gesinnung aufnahm, die sie dem schönen, von allen Verführungen des Hofes umgebenen Offizier um so höher anrechnete, und so fanden die jungen Leute vielfache, von Gaston eifrig gesuchte und von Louise nicht vermiedene Gelegenheiten sich zu sehen und unbelauscht zu sprechen und sich dabei über die Gefühle ihrer Herzen, die einander entgegenflogen, zu verständigen.
Nachdem also der vorsichtig in das Zimmer hineinblickende Musketier sich überzeugt hatte, daß das junge Mädchen allein sei, trat er, rasch die Portière hinter sich zurückfallen lassend, einige Schritte vor und rief:
»Louise — meine theure Louise — Sie sind allein, — o welches Glück!«
Louise war bei dem Geräusch seines sporenklirrenden Schrittes und bei dem Ton seiner Stimme aufgesprungen und streckte ihm mit einem reizenden Lächeln beide Hände entgegen.
»Gaston,« sagte sie verwirrt und überrascht, — »Sie hier? — jetzt?«
»Ich habe keinen Dienst,« erwiederte der junge Mann, indem er die Spitzen ihrer schlanken Finger küßte, »und bin gekommen, um Sie wenigstens flüchtig zu sehen, — mein glücklicher Stern läßt mich Sie allein finden und schenkt uns einen süßen Augenblick, um zu plaudern, — wozu wir so selten leider Gelegenheit finden.«
»Die Herzogin wird nicht lange mehr fortbleiben,« sagte Louise, indem sie erröthend ihre Hände zurückzog, welche er nicht wieder von seinen Lippen lassen zu wollen schien, — »die Zeit der Messe ist fast vorbei — und wenn sie Sie hier findet, so könnte sie böse werden; — ich bin zur Strafe zu Hause gelassen, weil ich heute in der ersten Frühmesse nicht andächtig genug war, — weil ich zu oft nach einem gewissen Pfeiler hinsah, neben welchem ein gewisser junger Musketier kniete —«
Sie schlug nach einem schnellen, schalkhaften Blick stockend die Augen nieder.
»O,« rief Gaston entzückt, — »dann bin ich ja mitschuldig an Ihrem Vergehen und muß auch Ihre Strafe theilen, — die Einsamkeit ist zu Zweien weit weniger langweilig, als wenn man sie allein ertragen muß.«
Er führte sie zu ihrem Sessel zurück, zog ein Tabouret heran und setzte sich zu ihren Füßen.
»Ich werde suchen,« sagte er, ihre nur leicht widerstrebende Hand wieder an seine Lippen führend, »Sie recht oft schuldig zu machen, um recht oft diese Strafe mit Ihnen theilen zu können.«
»Sie scherzen, Gaston,« sagte Louise, »und ich bin doch so traurig, — wenn meine Tante je bemerkte, daß wir uns lieben, sie würde Ihre Besuche nicht mehr empfangen! Sie ist Ihnen jetzt freundlich gewogen, weil Sie ihr empfohlen sind, weil Sie ihr kleine Anekdoten erzählen, und weil sie Sie zur wahren Frömmigkeit nach ihrem Muster zu bekehren hofft, — aber wenn sie etwas merkte, — sie, die es für ein Verbrechen erklärt, wenn ich einen jungen Herrn nur ansehe, — und dann —« fügte sie zögernd hinzu.
»Und dann? — — was und dann?« fragte Gaston, ihre Hand liebkosend.
»Ach,« sagte Louise stockend und scheu im Zimmer umherblickend, — »ich habe immer nicht begriffen, warum die Tante so durchaus darauf besteht, mich in ein Kloster zu schicken, — ich habe geglaubt, sie strebte nur nach dem Verdienst, dem Himmel eine Seele zu retten, — aber —«
»Nun? — aber —?« fragte Gaston, aufmerksam und gespannt in das Gesicht des schönen Mädchens blickend.
»Neulich,« sagte Louise, indem sie die Augen vor seinem Blick niederschlug, — »vor einigen Tagen saß ich in der Orangerie hinter einem Bosket verborgen, — die Tante wußte es nicht und ging auf und nieder mit dem Pater Linière, ihrem Vertrauten —«
»Nun?« fragte Gaston unruhig.
»Der Pater sprach streng mit ihr,« fuhr Louise fort, »und verlangte, daß sie noch vor Schluß des Jahres mich in das Kloster der Ursulinerinnen bringen sollte.«
»Und warum?« rief der junge Mann heftig.
»Die Tante hat,« sagte das junge Mädchen, — »wie ich aus jenem Gespräch vernahm, ihr Vermögen dem Orden der Gesellschaft Jesu vermacht, und der Pater fürchtete, daß wenn ich mich verheirathe, ich, ihre einzige Erbin und Verwandte, — daß dann Streitigkeiten darüber entstehen könnten, — deßwegen sei es besser, sagte er, wenn ich ebenfalls in den Schooß der Kirche aufgenommen werde, damit auf keine Weise der Tante das Verdienst streitig gemacht werden könne, durch das Opfer ihrer weltlichen Güter einst das Heil ihrer Seele zu erkaufen.«
»O diese frommen Patres,« rief Gaston entrüstet, — »wie sie so freigebig sind mit dem Heil der Seele, wenn man es mit goldenem Preise aufwiegt, — und die Herzogin, — vielleicht dachte sie vor dreißig Jahren anders, — doch meine süße Louise,« sagte er dann wieder ganz heiter, »seien Sie ohne Sorgen, bald vielleicht wird die Stunde unseres Glückes schlagen, — ich bin nicht reich, Sie sind es auch nicht, abgesehen von dem Erbe Ihrer Tante, zwischen dem und Ihnen noch die zähe Gesundheit der Herzogin und die noch zäheren Ränke der hochwürdigen Herren Patres stehen, aber, — ich habe einen mächtigen Schutz gefunden —«
»Einen Schutz?« fragte Louise erstaunt.
»Eine Beschützerin vielmehr,« sagte Gaston, — »die Marquise von Pompadour zeigt mir bei jeder Gelegenheit ihr Wohlwollen, sie redet mich an, sie gibt mir kleine Aufträge, und neulich hat sie mich nach meinen Verhältnissen, nach meinen Plänen für die Zukunft gefragt —«
»Die Marquise von Pompadour?« fiel Louise in gedehntem Ton ein, indem sie befangen die Augen niederschlug.
»Nun ja,« sagte Gaston, — »kann es eine bessere Beschützerin geben?«
»Man spricht so viel Böses von ihr,« erwiederte Louise leise, — »die Herzogin verwünscht sie täglich und nennt sie ein Werkzeug des Teufels, — sie beherrscht den König,« — fügte sie mit steigender Verlegenheit hinzu. —
»Meine theure Louise,« unterbrach sie Gaston, indem er ihr die Hand küßte, »blicken wir nicht hinein in diese goldene Lichtwolke, welche die Majestät umgibt, ein solcher Blick macht die Augen gewöhnlicher Sterblicher erblinden und es zucken aus jener Wolke gefährliche Blitze hervor, vernichtend für Den, der ihr vermessen nahe tritt; mir genügt es, daß die Marquise eine sehr mächtige Dame ist und daß sie mir freundliches Wohlwollen beweist, — sie hat mir gesagt, ich möge mich an sie wenden, wenn ich einmal einen Wunsch habe, — nun,« rief er heiter mit freudiger Zuversicht , — »bei der nächsten Gelegenheit bitte ich sie um ein Regiment in der Provinz, davon und von dem Ertrage Ihres kleinen Erbgutes und meines geringen Vermögens können wir leben, — und dann, meine süße Louise,« sagte er, sanft ihren auf die Brust herabgesenkten Kopf aufrichtend, so daß er in ihre zögernd zu ihm aufgeschlagenen Augen blicken konnte, — »dann, meine süße Louise, werden Sie meine Frau, wenn Sie mit mir diesen Hof von Versailles mit seinen so glänzenden, aber so kalten Galerieen und Sälen verlassen wollen —«
»O, lieber heute als morgen,« rief Louise in kindlicher Naivität, — »ich fühle mich hier wie ein Vogel in einem goldenen Käfig! — ich habe auch schon im Stillen ähnliche Gedanken gehabt,« fügte sie etwas befangen hinzu, »denn — auch ich habe einen Schutz gefunden, auf dessen mächtigen Beistand ich Pläne für unsere Zukunft baute.«
»Einen Schutz? Sie?« fragte Gaston.
»Einen Beschützer vielmehr,« erwiederte Louise.
»Einen Beschützer?« fragte Gaston gedehnt, — »und ist er so mächtig als meine Beschützerin?«
»Er sollte mächtiger sein,« sagte Louise erröthend, — »der König hat mir schon bei verschiedenen Gelegenheiten, so oft meine Tante es nicht vermeiden kann, mit mir am Hofe zu erscheinen, sein besonderes Wohlwollen gezeigt, — er redet mich an, er sagt mir sehr freundliche und gnädige Worte —«
»Der König?« sagte Gaston, nachdenklich zur Erde blickend.
»Neulich, als ich ihm mit meiner Tante in der Galerie begegnete,« fuhr Louise unbefangen fort, »hat er mir gesagt, wenn ich einmal einen Wunsch hätte, so möge ich mich an ihn wenden; — nun, bei nächster Gelegenheit werde ich Muth fassen und ihn bitten, daß er uns mit einander vereinigen möge, — ihn kostet das ein Wort —«
»Meine süße Louise,« fiel Gaston mit einiger Verlegenheit ein, — »das ist ja sehr glücklich, — aber — aber — Sie dürfen nicht zu viel auf die Freundlichkeit des Königs geben, Seine Majestät wird von so vielen Seiten mit Bitten bestürmt, — hat so viel zu denken, — lassen Sie mich zunächst versuchen, was ich erreichen kann.«
Louise war ganz erstaunt, daß ihre Mittheilung einen fast niederschlagenden Eindruck auf ihren Geliebten zu machen schien, — doch ehe sie antworten konnte, wurde die Portière der nach der Galerie führenden Thür zurückgeschlagen und ein Lakai meldete den Herrn Herzog von Richelieu.
Der Herzog war damals über sechzig Jahre alt, doch war sowohl der Ausdruck seines schönen, zugleich listig feinen und stolz herausfordernden Gesichts wie seiner schlanken, geschmeidigen Gestalt noch völlig jugendlich. Er, der von seiner Jugend an intriguirt und opponirt hatte, selbst gegen den großen Ludwig XIV., der ihn zweimal in die Bastille geschickt, wohin ihm dann die Prinzessinnen von Geblüt Pasteten und Konfekt brachten, befand sich jetzt wieder in der entschiedensten Opposition gegen die Regierung, denn auf Veranlassung des Herzogs von Choiseuil war ihm sein Kommando genommen, nachdem er mit der englisch-hannöverischen Armee unter dem Herzog von Cumberland bei dem Kloster Seven eine Kapitulation geschlossen, statt sie zu vernichten, da er keine Lust mehr hatte, einen angreifenden und langwierigen Feldzug fortzusetzen. Auch den Botschafterposten in Wien, den er verlangte, hatte man ihm abgeschlagen und so war er denn nach Versailles zurückgekommen, voll Zorn über eine Regierung, die seinen Wünschen so wenig entgegenkam. Er hatte sich an den Boulevards von Paris von den Erträgen der ungeheuren Kontributionen, die er in Hannover erhoben, jenes reizende kleine Palais gebaut, das noch heute, wo es industriellen Zwecken dient, den Namen Pavillon de Hanovre führt, und beschäftigte sich damit, alle Maßregeln der Regierung, namentlich auf dem militärischen Gebiet, auf das Schonungsloseste zu kritisiren, während er zugleich dem Könige schmeichelte, der für ihn in der Erinnerung an glückliche Jugendzeiten eine große Schwäche hatte.
Bei dem Eintritt des Herzogs, der wie immer, wenn er sich in der Opposition befand, die Uniform der Marschälle von Frankreich trug mit dem blauen Bande vom heiligen Geist und dem Ludwigskreuz an rother Schleife, hatte sich Gaston schnell erhoben und war einige Schritte von Louisen stehen geblieben.
Richelieu warf einen schnellen, forschenden Blick auf den jungen Offizier und das erröthende Mädchen, dann näherte er sich mit seinen leichten, elastischen, kaum das spiegelglatte Parket berührenden Schritten und verbeugte sich artig vor Fräulein von Beaumont.
»Ich komme, mich nach dem Befinden der Frau Herzogin zu erkundigen,« sagte er mit seiner hellen und klaren, aber durch die Gewohnheit des Hofes fast bis zu halbem Flüsterton gedämpften Stimme, — »und da ich so unglücklich bin, sie nicht zu finden, so kann mich nur die Freude trösten, ihre schöne Nichte zu sehen, — immer schöner,« fuhr er fort, Louisen galant die Hand küssend, — »immer rosiger, immer anmuthiger, — eine frische Knospe unter den vielen welkenden Blumen in dieser heißen Atmosphäre unseres Hofes.«
»Die Herzogin ist in der Messe,« sagte Louise verlegen, — »sie muß jeden Augenblick zurückkehren — —«
»Dann werde ich sie erwarten,« fiel der Herzog ein, »wenn Sie mir erlauben wollen, mein Fräulein, einen Augenblick das Glück Ihrer Gesellschaft zu genießen.«
Er warf einen hochmüthig fragenden Blick auf Gaston von Aurigny.
Louise sprach schnell:
»Ich habe die Ehre, dem Herrn Herzog den Chevalier von Aurigny, — einen Schützling der Herzogin, — vorzustellen.«
Richelieu nickte leicht mit dem Kopf und sah den jungen Mann prüfend an, Gaston verneigte sich tief und sagte dann, sich Louise nähernd:
»Ich bitte Sie, mein Fräulein, der Frau Herzogin mein Bedauern auszudrücken, daß ich sie nicht erwarten kann, der Dienst ruft mich, — ich habe die Ehre, mich dem Herrn Herzog zu empfehlen.«
Er grüßte Richelieu ehrerbietig und ging hinaus.
»Ich habe diesen jungen Mann noch nicht gesehen,« sagte der Herzog, indem er halb über seine Schulter ihm nachblickte, — »kommt er oft zur Herzogin?«
»Nicht sehr oft,« erwiederte Louise, welche nicht vermochte, ihrer.Verlegenheit Herrin zu werden, — »der Dienst nimmt ihn viel in Anspruch, er ist ein Jugendbekannter von mir, — meine Tante will ihm wohl, — wir plaudern oft von unserer Kindheit.«
»Er hat einen etwas vertraulichen Ton gegen Sie,« sagte Richelieu mit einer gewissen gutmüthig wohlwollenden Miene, die er vortrefflich anzunehmen verstand, — »Sie müssen das vermeiden, man könnte das übel deuten, — Sie sind keine Kinder mehr.«
»Mein Gott, Herr Herzog,« rief Louise, — »wie kann man es übel deuten, wenn ich mit einem Freunde meiner Tante plaudere und wenn wir uns zusammen unserer Kindheit erinnern?«
»Es ist gewiß sehr schön und gut,« sagte Richelieu lächelnd, «wenn man seine Jugendfreunde liebt, — aber es verändert ein wenig die Sachlage, mein Fräulein, wenn diese Jugendfreunde große und schöne junge Männer und Fähnriche bei den grauen Musketieren Seiner Majestät sind, — eine junge Dame Ihrer Stellung muß immer an ihre Zukunft, an ihr Glück denken und ihre Kindererinnerungen vergessen.«
Louise blickte sich scheu um und sagte, bittend die Hände gegen den Herzog erhebend:
»O Herr Herzog, — sprechen Sie so nicht zu. meiner Tante, — sie könnte dem armen Gaston verbieten, wiederzukommen, und das würde mich, — — das würde ihn,« verbesserte sie sich schnell, — »sehr traurig machen.«
»Sein Sie unbesorgt, mein Fräulein,« erwiederte Richelieu treuherzig, — »ich gehöre nicht zu den indiskreten Leuten, ich habe Ihnen nur den Rath eines erfahrenen Mannes gegeben, — haben Sie stets Vertrauen zu mir, — unter meiner Führung werden Sie sicher über das.glatte Parket dieses Hofes dahinschreiten.«
Das mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mädchen sah den triumphirenden Blick nicht, den er auf ihr ruhen ließ, — es schien, als sei er glücklich, dieses kleine Geheimniß entdeckt zu haben, er war der Mann, um den Faden eines solchen Geheimnisses zu einem unauflöslichen Knoten zu verschlingen, wenn er einen seiner verborgenen Zwecke, dadurch zu erreichen hoffen konnte.
Lakaien schlugen die Thürvorhänge auseinander, die Herzogin trat ein. Sie war gebeugt vom Alter, aber noch kräftig und energisch in ihren Bewegungen. Ihre welken Züge waren regelmäßig und zeigten noch die Spuren früherer Schönheit, der durch den weißgepuderten Kopfputz gehobene Glanz ihrer dunklen Augen berührte fast unheimlich, da diese Augen so stechend und durchbohrend blickten, als wollten sie die tiefsten Gedanken Desjenigen durchdringen, auf den sie sich richteten. Sie war ganz in schwarze Seide gekleidet, in der Hand trug sie einen Rosenkranz und ein Gebetbuch und blickte bei ihrem Eintreten etwas erstaunt auf den Herzog, der nicht zu den häufigen Besuchern ihres Hauses gehörte.
Richelieu ging ihr mit der unbefangensten Miene von der Welt entgegen und küßte ihr galant die Hand, während Louise ihr die Mantille und das Gebetbuch abnahm.
»Ich habe Sie erwartet, Frau Herzogin,« sagte er, »um Ihnen meine Huldigung darzubringen und mich in Ihre wohlwollende Erinnerung zu rufen.«
Die Herzogin erwiederte seine Begrüßung mit einer leichten Neigung des Kopfes in ziemlich kühler Weise und ließ sich in einen Fauteuil nieder.
»Geh' auf Dein Zimmer, mein Kind,« sagte sie zu Louise, »und lies in dem Erbauungsbuche, das ich Dir gegeben, — ich hoffe. Du hast die innere Sammlung wieder gefunden, welche Dir heute früh fehlte.«
»Ich fand Fräulein von Beaumont,« bemerkte Richelieu mit seinem treuherzigsten Ton, während zugleich ein flüchtiger, boshafter Seitenblick zu dem jungen Mädchen hinüberflog, — »in tiefen, frommen und ernsten Betrachtungen, und fühlte mich verpflichtet, sie darauf aufmerksam zu machen, daß eine junge Dame sich nicht zu sehr von den Gedanken an die Welt entfremden müsse, — sie hat noch länger Zeit, sich mit dem Himmel zu versöhnen, als wir,« fügte er seufzend hinzu, »die wir allmälig alt werden, — ich meine mich, Frau Herzogin,« verbesserte er sich schnell, als die Herzogin ihm einen strengen Blick zuwarf.
Louise erröthete und machte dem boshaften Marschall, während sie sich entfernte, hinter dem Rücken ihrer Tante ein bittendes Zeichen.
»Ein junges Mädchen kann nie zu viel an den Himmel denken,« sagte die Herzogin salbungsvoll, — »die Jugend verfliegt so schnell —«
»Das weiß sie am besten,« flüsterte Richelieu, während er durch eine jener anmuthigen Verbeugungen, deren Geheimniß er vor Allen besaß und welche die heutige Gesellschaft nicht mehr kennt, sich von Fräulein von Beaumont verabschiedete, die sich in die inneren Gemächer zurückzog.
Richelieu und die Herzogin blieben allein.
Drittes Kapitel.
Inhaltsverzeichnis
Richelieu zog ein Tabouret heran, setzte sich neben die Herzogin und nahm den Ausdruck einer gewissen frommen Zerknirschung an.
»Sie waren in der Messe, Herzogin,« sagte er, — »hoffentlich haben Sie auch für mich gebetet?«
»Spotten Sie nicht,« erwiederte die Herzogin streng und kalt, — »ich bete für alle Verirrten, die auf den rechten Weg zurückkehren wollen, — ob Sie zu diesen gehören, das müssen Sie selbst am besten wissen.«
»Ich spotte nicht, Herzogin,« sprach Richelieu seufzend, — »je älter ich werde, um so mehr denke ich über den rechten Weg nach, von dem ich mich leider so lange ferne gehalten, — ich bin nicht mehr leichtsinnig, — ich denke an den Staat, — an das Wohl Frankreichs, — und ich denke an die Kirche,« fügte er mit einem listigen Seitenblick hinzu, — »von der das Alles abhängt —«
»Sie denken an die Kirche?« fiel die Herzogin erstaunt und spöttisch ein.
»Ja, Herzogin, oft und ernsthaft,« sagte Richelieu, — »und ich glaube in diesem Augenblick der Kirche und damit Frankreich einen großen Dienst leisten zu können.«
Die Herzogin schüttelte den Kopf und zuckte schweigend die Achseln, — sie schien wenig Werth auf die Dienste zu legen, welche der skeptische und frivole Marschall der Kirche leisten könnte und möchte.
»Ein Mann meines Namens,« fuhr Richelieu ruhig fort, indem er die Herzogin von der Seite beobachtete, »darf nicht den leichten Genüssen der Welt allein leben, — ich habe lange nachgedacht und gefunden, daß Frankreich auf dem Weg ist, in das Verderben zu stürzen, — im Innern unterwühlt der Unglaube den Staat und die Gesellschaft — und nach Außen ist unsere Macht tief erniedrigt, — dieser Choiseuil —«
»Choiseuil?« rief die Herzogin plötzlich aufmerksam, — »was ist's mit Choiseuil?«
»Dieser Choiseuil,« fuhr Richelieu fort, — »diese Kreatur der Pompadour —«
»Die, wie ich glaube, Ihre Freundin war,« fiel die Herzogin spöttisch und bitter ein, — »oder es noch ist —«
»War, Herzogin, — war!« rief Richelieu betheuernd, — »seit ich erkannt habe, wohin sie Frankreich führt, kann sie meine Freundin nicht mehr sein! Was wollen Sie, — ich habe mich gut mit ihr gestellt, — ich wollte ein Kommando, — ich wollte wenigstens die alte Ehre der französischen Waffen retten, — und ich habe dazu wenigstens gethan, was möglich war, — aber vergessen Sie nicht, Herzogin,« sagte er mit selbstbewußter Würde, die er, wenn er wollte, in imponirender Weise hervorzukehren verstand, — »vergessen Sie nicht, daß ich der Erbe des großen Kardinals bin, der die gebietende Größe Frankreichs auf der Macht der Kirche erbaute —«
»Also Choiseuil,« unterbrach ihn die Herzogin ungeduldig, — »Sie sprachen von Choiseuil.«
Richelieu beugte sich zur Herzogin hinüber und sagte leise: »Choiseuil muß gestürzt werden!«
»Ist das Ihr Ernst?« fragte die Herzogin lebhaft, indem sie ihre durchdringenden Blicke auf das Gesicht des Marschalls heftete.
»Mein Ernst! — auf mein Wort!«
»Wenn das Ihr wirklicher Ernst ist,« sagte die Herzogin noch immer in zweifelndem Ton, »nicht etwa eine jener vorübergehenden Launen, wie Sie solche zuweilen haben können —«
»Es ist so sehr mein Ernst,« sprach Richelieu, indem er den Arm auf die Lehne des Fauteuils der Herzogin stützte, — »daß ich — sein Nachfolger werden will, — der Name Richelieu ist groß genug,« fuhr er, stolz den Kopf emporwerfend, fort, »um Frankreich zum zweiten Male zu retten und zu Ruhm und Glanz zu führen.«
»Dann sind wir Alliirte,« sagte die Herzogin, — »ich mache vor Niemand ein Hehl aus meinem Haß gegen diesen Choiseuil, der die Kirche verachtet, der die Philosophen beschützt, der Frankreich zu Grunde richtet.«
Sie reichte dem Herzog die Hand, die dieser an seine Lippen führte.
»Unserer Allianz, Herzogin, wird er nicht widerstehen, — ich kenne die Welt und,« sagte er mit leisem Anflug von Spott, »Sie haben den Himmel für sich, — was bleibt ihm?«
»Sie sind immer der Alte,« sprach die Herzogin unwillig, — »Sie müssen über die ernstesten Dinge scherzen, denn Choiseuil zu stürzen, ist ein ernstes Ding, — wie oft ist es schon versucht und stets ist jeder Versuch gescheitert —«
»Weil man,« fiel Richelieu ein, »die mächtige Stütze seines Einflusses nicht hat brechen können; Choiseuil's Stellung ruht auf der Marquise von Pompadour und so lange die Marquise den König beherrscht, wird Choiseuil allmächtiger Minister bleiben.«
»Sie kennen den Hof noch besser als ich,« erwiederte die Herzogin, »Sie wissen am besten, wie diese Zauberin den Geist des Königs umstrickt hat und wie vergeblich alle Bemühungen gewesen sind, sie zu stürzen —«
»Eben weil man sie hat stürzen wollen,« sagte Richelieu, — »die Pompadour kann man nicht stürzen, — man muß sie ersetzen.«
»Ist das möglich?« fragte die Herzogin, — »sie beherrscht den Geist des Königs noch mehr als sein Herz, — und was würde man dabei gewinnen? — man würde das Schicksal Frankreichs dem Zufall, der Laune einer neuen Pompadour preisgeben.«
»Man müßte eben das Spiel nicht dem Zufall überlassen,« erwiederte Richelieu, der die Herzogin durch den Ernst, mit welchem er diese Unterredung behandelte, in Erstaunen versetzte, — »man muß eine Dame finden, welche das Herz des Königs zu gewinnen versteht, — und das gewinnt sie am besten, wenn sie nicht darauf ausgeht, wenn sie vielleicht Schwierigkeiten macht, — und welche dann im Stande ist, seinen Willen zu beherrschen durch den Geist, den wir ihr geben würden, Herzogin; wir, die wir uns vereinigen würden, um die Macht der Kirche zu stärken und Frankreich wieder groß zu machen, wie es zur Zeit des Kardinals war.«
Die Herzogin hatte mit blitzenden Augen zugehört, — sie nahm eine Miene frommen Nachdenkens an und sagte:
»Ich weiß nicht, Herr Herzog, ob ein solcher Weg sich mit der Religion und den Geboten des Gewissens vereinigen ließe, — darüber müßte ich mich mit meinem Beichtvater berathen — «
»Der Pater Linière,« fiel schnell Richelieu ein, der auf Alles vorbereitet zu sein, jeden Einwand vorher überdacht zu haben schien, — »der Pater Linière und der Pater Desmarets, — sehr fromme Männer, finden den Plan vortrefflich, — der heilige und edle Zweck muß jedes Bedenken über das Mittel verschwinden lassen —«
»Aber wo,« fragte die Herzogin, deren Gewissensbedenken sich schnell zu beruhigen schienen, — »wo findet man eine solche Dame, — und wenn man sie fände, wo ist die Bürgschaft dafür, daß sie sich leiten, — von uns leiten ließe?«
»Bei jedem guten Werk, Herzogin,« sprach Richelieu, die Hände faltend, »kommt der Himmel zu Hülfe, — die Dame ist gefunden!«
»Sie ist gefunden? — und wo?«
Richelieu blickte im Zimmer umher, dämpfte die Stimme noch mehr als bisher und sagte:
»Soeben als ich Sie erwartete, Herzogin, habe ich von Neuem Gelegenheit gehabt, die wirklich bezaubernde Schönheit und die frische, anmuthige Natürlichkeit des Fräuleins von Beaumont zu bewundern —«
»Meine Nichte?« rief die Herzogin in höchstem Erstaunen, — »dieses Kind vom Lande, unerfahren in Allem, was die große Welt betrifft, — an sie könnten Sie denken? — das ist unmöglich!«
»Es ist so wenig unmöglich, Herzogin,« sagte Richelieu, dessen feiner Blick unter dem abweisenden Erstaunen der Herzogin das Aufleuchten einer innern Befriedigung wohl bemerkt hatte, — »so wenig unmöglich, daß Seine Majestät mir von Fräulein Louise gesprochen hat, — in so entzückten Ausdrücken, daß ich mich überzeugt habe, es bedürfe nur eines leisen, geschickt auf diese glimmenden Funken geführten Hauches, um sie zu hellen Flammen auflodern zu lassen, — und dieser Hauch, Herzogin, soll meine Sache sein.«
Er blickte lauernd auf die alte, so fromme und so sittenstrenge Dame, deren Gesicht vor freudiger Erregung zuckte und welche, den in ihr angeregten Gedanken verfolgend, mit unsicherer Stimme sagte:
»In der That, — Sie überraschen mich, — Seine Majestät hätte —«
»Seine Majestät,« sprach Richelieu schnell, seinen Vortheil verfolgend, »war entzückt, — bezaubert, — es wird sich ganz von selbst machen.«
»Aber,« sagte die Herzogin nach einigen Augenblicken tiefen Sinnens, »Sie kennen die Einfalt, die Naivität dieses Kindes nicht, — auf sie wollen Sie so große Pläne bauen? — das Fundament würde zu schwach sein —«
»Je mehr der Geist dieses Mädchens noch frei und unbefangen ist,« unterbrach sie der unermüdliche Richelieu, »je fremder ihr das ganze Treiben des Hofes und der Politik bis jetzt geblieben, um so weniger wird ihr jemals der Gedanke kommen, eine eigene Rolle spielen zu wollen; hält sie einmal die Herrschaft über das Herz und den Geist des Königs in ihren Händen, so wird es unsere Sache sein, diese Hände zu lenken.«
Die Herzogin stand auf und ging nachdenkend auf und nieder.
Richelieu, der sich ebenfalls erhoben, verfolgte sie, auf die Lehne des Fauteuils gestützt, mit spähenden Blicken.
»Sie haben mich in der That überrascht, Herzog,« sagte sie endlich, vor ihm stehen bleibend, »das Alles kommt mir so unerwartet, — ich habe die Sorge für meine Nichte übernommen, — es ist eine schwere Verantwortung, sie der Politik zu opfern —«
»Opfern!« rief Richelieu, — »ein Opfer, Herzogin, welches vielen Damen dieses Hofes als das größte Glück erscheinen würde, — und gibt es,« fügte er mit Betonung hinzu, »ein Opfer, das zu groß wäre für die Macht der Kirche, zu groß, um Frankreich von diesem Choiseuil zu befreien?«
»Ich überlasse Ihnen die Ausführung Ihres Gedankens,« sagte die Herzogin entschlossen, — »und auch die Verantwortung dafür, — wenn eine Sünde dabei ist, — meine Absichten sind rein, — doch muß ich mich mit meinem Beichtvater besprechen, denn meine Nichte ist dem Dienste des Himmels, dem Kloster bestimmt.«
»Der Pater Desmarets,« erwiederte Richelieu, »wird mir beistimmen, daß sie dem Himmel am Hofe größere Dienste leisten kann als im Kloster, und was die Verantwortung betrifft,« sagte er, sich vergessend, in heiter leichtfertigem Ton, »so übernehme ich sie gern, — mein Gewissen ist von einer vortrefflichen Elastizität und Zähigkeit —«
»Wie, Herzog?« sprach die Herzogin verweisend.
»Ich habe leider,« sagte Richelieu, wieder seine ernste Miene annehmend, »in meiner Vergangenheit so viel gesündigt, — wenn ich nun meine Schuld sühne, so hat der Himmel so viel zu vergeben, daß es auf eine Sünde mehr nicht ankommt, — also nehme ich Alles auf mich und Ihr Gewissen soll frei von jedem Vorwurf bleiben.«
»Den Reuigen,« sprach die Herzogin salbungsvoll, »die zum rechten Wege zurückkehren, wird viel vergeben! — Aber es wird nicht leicht sein, Herzog,« fuhr sie dann fort, — »meine Nichte hat sehr schwärmerische, sehr ländliche Ansichten von der Welt und dem Leben, — freilich, — der König, — der Reiz der Macht, — ihr Herz ist noch völlig frei —«
»Darüber bin ich besser unterrichtet,« dachte Richelieu, — »zum Glück zu rechter Zeit, — dieser graue Musketier läßt sich ja leicht beseitigen —«
»Sie sind lange nicht bei Hof erschienen,« sagte er, »nach der Stunde des Conseils sind die großen Entrées in den Appartements des Königs, bevor er zur Messe geht, — führen Sie Fräulein von Beaumont dorthin.«
»Der Hof ist mir verhaßt,« sagte die Herzogin zögernd, — »seit Choiseuil dort herrscht —«
»Bald wird er verschwunden sein,« rief Richelieu zuversichtlich, »und wir, — wir, Herzogin, werden diesen Hof von Frankreich beherrschen! Erscheinen Sie heute bei dem Empfang des Königs mit Ihrer Nichte, — und lassen Sie mich für alles Uebrige sorgen.«
»Ich werde dort diese Marquise, diesen Choiseuil sehen müssen,« rief die Herzogin, — »übermüthig auf ihrer Höhe —«
»Von der wir sie bald herabstürzen werden,« fiel Richelieu ein, — »zum Heile Frankreichs, — zum Heil der Kirche!«
»Ich werde kommen, wenn mein Beichtvater zustimmt,« sagte die Herzogin.
»Der Pater Desmarets erwartet die Frau Herzogin in ihrem Kabinet,« meldete ein Lakai, durch die Galerie eintretend.
»Er kommt zur rechten Stunde,« sprach Richelieu, indem er der Herzogin die Hand reichte und sie zu der Thür nach den inneren Gemächern führte, — »ich gehe, um das Wenige zu thun, denn ich bin sicher, daß er mein dem Himmel wohlgefälliges Werk billigen wird.«
Er küßte der Herzogin mit tiefer Verbeugung die Hand.
»Sehen Sie sich vor, Herr von Choiseuil,« sprach er dann triumphirend, »ich halte eine Karte in der Hand, die Ihr Spiel verderben wird, Ihr Bündniß mit dem wiener Hof wird erst geschlossen werden, wenn Richelieu's Hand es knüpft, — Sie wollen mich nicht zum Botschafter machen, — gut — so muß ich mich denn entschließen, Minister zu werden.«
Und ganz stolz, ganz strahlend eilte er mit der Elastizität eines Jünglings durch die Galerie und stieg in seine vergoldete Karrosse mit den ungeduldig scharrenden Pferden, indem er den am Schlage stehenden Lakaien befahl, zum Könige fahren zu lassen.
Die Herzogin fand in ihrem Kabinet, in welchem neben vielen sehr weltlichen Dingen ein großes Betpult von Ebenholz aufgestellt war, den Pater Desmarets, eines der eifrigsten Mitglieder jener mächtigen Gesellschaft, welche sich die Soldaten des Heilands nennen, und einer der bittersten Feinde des Ministers und der Marquise von Pompadour. Der Pater Desmarets war ein noch junger, geschmeidig und schlank gewachsener Mann, mit einem sanften und regelmäßig schönen Gesicht, welcher als Beichtvater bei den jungen und besonders bei den alten Damen des Hofes sehr beliebt war. Mit sanftem Lächeln, die großen dunklen Augen, deren Blicke nur selten in durchdringender Schärfe aufleuchteten, bescheiden zu Boden gesenkt, begrüßte er die Herzogin, welche in ihrer heftigen Erregung die fromme, demüthige Miene, die sie sonst zu zeigen pflegte, nicht festzuhalten vermochte.
Sie theilte ohne Umschweife dem Pater ihre Unterhaltung mit dem Herzog von Richelieu mit, und fragte ihn, ob sie, ohne ihr Gewissen mit einer schweren Schuld zu belasten, auf dessen Pläne eingehen könne.
Der Pater hörte ihr ruhig, die weißen, wohlgepflegten Hände über der Brust, gefaltet, zu.
»Es ist freilich,« sagte er, als sie geendet und erwartungsvoll auf seine Antwort lauschte, — »es ist freilich nach den Regeln der einfachen bürgerlichen Moral eine Sünde, was Ihre Nichte nach dem Plane des Herzogs von Richelieu thun soll, aber,« fuhr er, mit dem scharfen Blick seines schnell aufgeschlagenen Auges die Herzogin fixirend, fort, »wo das Wohl vieler Tausende, das Heil des Staates, die heiligen Rechte der Kirche in Frage kommen, da muß man von anderen, höheren Gesichtspunkten aus urtheilen, und was unter den gewöhnlichen, kleinen Verhältnissen des Lebens Sünde wäre, kann unter solchen Umständen zum hohen Verdienste werden. Denn keine That ist an sich gut oder böse; um sie zu beurtheilen, kommt es auf den Zweck und die Absicht derselben an und auf den Glauben, in welchem sie vollbracht wird, und eine That, die in gutem Glauben zu gutem Zwecke gethan wird, kann hoch verdienstlich sein, auch wenn ihre Ausführung unmittelbar gegen die Gesetze des Staats oder die Vorschriften der gewöhnlichen Moral verstößt.«
Die Herzogin sann einen Augenblick nach.
»Doch,« sagte sie dann, »Sie selbst haben darauf gedrungen, daß meine Nichte den Schleier nehme, damit sie, als meine einzige Erbin, niemals in die Lage käme, mein Vermögen zu reklamiren und mir dadurch das Verdienst zu rauben, daß ich mein irdisches Gut dem Dienste der Kirche geweiht, — ein Verdienst,« fügte sie mit leichtem Schauder hinzu, »das meiner Seele dereinst viele Qualen des Fegefeuers ersparen könnte.«
»Seien Sie ganz unbesorgt,« erwiederte der Pater Desmarets ohne Zögern, — »wenn Ihre Nichte an den Stufen des Thrones steht, so wird sie des irdischen Gutes genug haben und kaum ihre Erbschaftsrechte geltend machen, — sollte es aber doch der Fall sein, so wird der Dienst, den sie dem Himmel leistet, indem sie den Geist des Königs im Sinne der heiligen Kirche lenkt und leitet, größer sein, als der Vortheil, den jenes irdische Gut uns bringen könnte, — Ihr Verdienst aber, Frau Herzogin, wird dasselbe bleiben, denn der Himmel lohnt die Absicht, auch wenn ihre Ausführung verhindert wird, und meine und meiner Brüder Gebete werden um so inbrünstiger emporsteigen, um Ihre Seele schmerzlos durch die reinigenden Flammen zur ewigen Glückseligkeit hindurchzuführen.«
Die Herzogin athmete erleichtert auf.
»Gut,« sagte sie, »wenn Sie, ein so würdiger und erleuchteter Diener der Kirche, mich darüber beruhigen, und wenn ich das künftige Heil meiner Seele nicht gefährde, so werde ich das Meinige thun und Gott bitten, daß er das schwache Werkzeug stärke, welches zu so großer Sache berufen ist.«
»Und ich,« sagte der Pater Desmarets, »eile, meinen würdigen Bruder, den Pater Linière, zu benachrichtigen, daß der Plan, den er bereits gebilligt, der Ausführung nahe ist, und ich werde nicht vergessen, auch Ihr Verdienst bei dieser Ausführung ihm zu rühmen, und ihn zu mahnen, daß er auch in seinen Gebeten, die viel wirksamer und Gott wohlgefälliger sind als die meinen, Ihrer täglich gedenke.«
Er erhob die Hand zum segnenden Zeichen gegen die Herzogin, welche sich demüthig vor ihm neigte.
Diejenige aber, über deren Schicksal hier die Politische Intrigue unter absolvirender Billigung der frommen Väter Jesu verfügte, — sie hatte keine Ahnung von den Plänen und Beschlüssen, deren Gegenstand sie war, — sie saß in ihrem Zimmer und träumte von ihrem Geliebten, das Gebetbuch, das ihre Tante ihr gegeben, aufgeblättert im Schooß, und als die Herzogin selbst zu ihr hereintrat und ihr befahl, schnell Toilette zu machen, um bei dem Empfange vor dem Meßgange des Königs erscheinen zu können, da jubelte ihr Herz laut auf. Sie sollte inmitten dieses glänzenden Hofes den Freund sehen, der ihre Gedanken erfüllte, und vielleicht würde sich die Gelegenheit finden, den König, der ihr immer so gnädig war, um die Begründung ihres Glückes zu bitten.
Zitternd vor Ungeduld machte sie ihre Toilette, ohne daß diese Eile dem frischen Reiz ihrer lieblichen Schönheit Eintrag that, und lange schon bevor die Herzogin ihren Wagen befahl, wartete sie in dem Salon, das Herz klopfend vor freudiger, hoffnungsvoller Erregung.
Viertes Kapitel.
Inhaltsverzeichnis
Der kleine Chevalier war in seiner langsam dahinrollenden Miethkutsche von zahlreichen glänzenden Kaleschen mit großen Wappenschildern an den Schlägen überholt worden, welche, von schnaubenden Rassepferden gezogen, von Piqueurs und Stallmeistern begleitet, pfeilschnell auf dem Wege nach Versailles dahinflogen und aus deren Hellen Glasscheiben irgend ein Prinz oder eine Marquise mit flüchtiger Neugier hinüberblickten nach der einfachen Equipage und dem schwarz gekleideten jungen Mann in derselben.
Aber der Chevalier beneidete heute jene Glücklichen kaum, — mußten sie doch vielleicht unbeachtet unter der Menge bleiben, welche die weiten Vorsäle füllte, während ihm sich heute die Thore zum Allerheiligsten öffnen würden, — er sollte die allmächtige Marquise sehen und von dem gebietenden Minister dem König vorgestellt werden, — ihm war der Weg geöffnet, der so Vielen trotz alles ehrgeizigen Drängens verschlossen blieb, und von dem Eindruck, den er auf diese Personen machen würde, die alle Ehren in Händen hielten, würde sein Schicksal abhängen. Immer und immer wieder stellte er die Worte zusammen, welche er der Marquise sagen wollte und welche er am passendsten auf die Fragen antworten möchte, die der König an ihn richten könnte, und wenn Seine Majestät und die Frau Marquise alle diese schönen Gedanken und feinen Wendungen hätten hören können, welche der Chevalier während der Fahrt in seinem Wagen aus seinem Geiste schöpfte und mit verbindlich lächelnden Lippen vor sich hin flüsterte, so würden sie gewiß nicht gezögert haben, ihn für einen der geistreichsten Kavaliere in Frankreich zu erklären und seinen Talenten die glänzendste Bahn zu öffnen.
Alle diese Vorübungen seines Geistes und die daraus geschöpfte Sicherheit eines guten Eindrucks hinderten indeß nicht, daß der Chevalier, als er am Eingange zu den inneren Höfen ausgestiegen war und nun durch das die Treppen und Galerieen füllende so glänzende Gewühl von Garden, Schweizern, Lakaien und mehr oder weniger großen Herren, welche aber alle gleich hochmüthig blickten, nach den Gemächern der Marquise hinschritt, zu denen ihm die Huissiers mit vornehm herablassender Gleichgültigkeit den Weg zeigten, dennoch ein sehr starkes Herzklopfen spürte, stärker noch als da er zum ersten Mal als Advokat eine Sache vor dem Parlamente zu verhandeln hatte.
Sein Muth aber stieg wieder, als der Thürsteher an dem Eingang zu der Wohnung der Marquise, welcher von einer Wolke von Höflingen belagert wurde, bei der Nennung seines Namens einen Blick auf seine Liste warf und ihm mit artiger Verbeugung sagte: »Treten Sie ein, mein Herr, — die Frau Marquise erwartet Sie.«
Stolz schritt er an den neidisch ihm nachblickenden Höflingen vorbei und trat, von einem der zum Dienst bereit stehenden Lakaien durch den Vorsaal geführt, in den Empfangssalon der Marquise. Dieser Salon, angefüllt mit allen jenen so reizenden und kostbaren Erzeugnissen der Kunst und des Fleißes aller Länder und Zeitalter, wie sie in solcher Auswahl nur eine Dame vereinigen konnte, deren Laune den unumschränkten Gebieter Frankreichs beherrschte, — war noch leer, die Marquise hatte ihr Toilettenzimmer noch nicht verlassen. Der Chevalier war zufrieden, daß er noch einen Augenblick hatte, um sich zu sammeln und noch einmal in seinem Geiste jene zierlichen und geistvollen Wendungen zu wiederholen, welche er für seine Unterhaltung mit der Marquise ersonnen, — da erblickte er in einem der großen venetianischen Spiegel, welche zwischen den kostbaren Gemälden der ersten Meister die Wände schmückten, sein Bild, — er sah diese schmächtige, knabenhafte Gestalt mit dem weichen Kindergesicht — und all' sein Muth, alle seine Hoffnungen sanken nieder, — ein wehmüthiges Lächeln flog über sein Gesicht, dann aber trat er zornig mit dem zierlichen Fuß auf das spiegelglatte Getäfel des Parkets und eine leise Verwünschung dieser unglücklich unscheinbaren Gestalt drang aus seinen Lippen hervor. Doch hatte er nicht Zeit, länger seinen unmuthigen Gedanken zu folgen, — er hörte seitwärts eine Thüre gehen, — das Rauschen eines seidenen Gewandes, — schnell wendete er sich um, die Marquise zu begrüßen, — aber erschrocken und zitternd blieb er stehen, — es war nicht die Marquise, — er sah vor sich Diejenige, deren Bild sein Herz erfüllte und sich mit allen Träumen seines Ehrgeizes vermischte, — die Gräfin von Rochefort. Sie trug nicht mehr jene einfache Toilette, in welcher er sie im Hause des verstorbenen Grafen gesehen, — sie hatte die Trauer abgelegt, denn am Hofe trauerte man nicht, wenn der König es nicht befahl, — ein Kleid von Brokat mit eingewebten Bouquets von Rosen umschloß ihre schlanke Taille und bauschte sich in weiten Falten über ihren Hüften auf, ein hoher Kopfputz mit Blumen, Edelsteinen und Federn thürmte sich über ihrem reizenden Gesicht mit den von glühender Lebenslust sprühenden Augen empor, Diamanten glänzten auf ihrem weißen schlanken Halse, — sie war schön, hinreißend schön wie eine Göttin der Jugend und der Liebe, aber der Chevalier war fast schmerzlich betroffen, sie so schön zu finden. So hatte sie nicht in seinen Träumen gelebt, so hatten diese Augen früher nicht geblickt, und seufzend schaute er nach dem Spiegel hinüber, welcher ihm seine unscheinbare Gestalt zeigte, die neben dieser so überwältigend schönen Frau ihm noch winziger als sonst vorkam. So sehr er sich auch gesehnt hatte, die Gräfin wiederzusehen, so war er doch peinlich betroffen, ihr gerade so und gerade hier zu begegnen, in dem Augenblick, der den Hoffnungen seines Ehrgeizes gehörte und in welchem er mit kalter Ruhe alle seine Fähigkeiten zu sammeln und zu beherrschen nöthig hatte.
Auch die Gräfin schien erstaunt, den Chevalier hier zu sehen, — über ihre Lippen glitt ein Lächeln, das der arme junge Mann nicht bemerkte, — glücklicherweise, denn es würde ihn sehr traurig gemacht haben, wenn er es gesehen hätte.
»Sie hier, Chevalier?« sagte die Gräfin, indem sie ihm ihre schöne Hand reichte, auf welche er mit der ganzen zierlichen Galanterie jener Zeit, aber auch mit der ganzen gefühlvollen Innigkeit seiner Liebe die Lippen drückte, — »wie kommt der zurückgezogene Schriftsteller, der grübelnde Denker hier nach Versailles in den Salon der Marquise von Pompadour?«
»Wenn ich nun sagte, Gräfin,« erwiederte der kleine Chevalier halb scherzend, halb leidenschaftlich, »daß ich Ihnen gefolgt sei, — daß ich gekommen sei, um Sie aufzusuchen, daß ich keine Ruhe gehabt, seit Sie Paris verlassen —«
»Sagen Sie das nicht, Chevalier,« fiel die Gräfin ein, — »ich würde es nicht glauben. Sie der Spur einer Dame folgen?« fuhr sie fort, indem sie den Faltenwurf ihrer Schleppe in demselben Spiegel betrachtete, der dem Chevalier seine kleine Gestalt gezeigt hatte, — »Sie mich aussuchen? Diese Anmaßung habe ich nicht! — Ja, wenn ich ein seltenes Manuskript — ein altes Pergament wäre —«
»Sie spotten, Gräfin,« sagte der Chevalier unmuthig, — »und doch müßten Sie in meinen Augen lesen —«
»Ich lese niemals, Chevalier,« rief die Gräfin lachend, »weder die Schrift in Ihren Augen, noch die zierlichen Quatrains, die man mir zuweilen zusendete.«
Der Chevalier schlug erröthend die Augen nieder.
»Doch nun ernsthaft,« fragte sie neugierig, »wie kommen Sie hieher?«
»Der Herzog von Choiseuil ist mir freundlich gesinnt,« erwiederte der Chevalier mit wieder erwachendem Selbstgefühl, — »er hat meine Schriften gelesen, er will mich zum König führen, die Marquise will mich sprechen, bevor ich dem König vorgestellt werde, — sie hat mich um diese Stunde herbeschieden, — Sie sehen, Gräfin,« fuhr er mit liebevoll bittendem Blick fort, — »meine Zukunft scheint sich licht und golden gestalten zu wollen und vielleicht würde meine Hand Ihnen den Reiz des Lebens bieten können, — den Sie hier am Hofe gesucht haben,« fügte er mit schüchtern fragendem Ton hinzu.
»Ich bin hier,« erwiederte die Gräfin, »weil die Marquise, der mein Gemahl, als er noch am Hof erschien, manche Dienste geleistet, da er zu des Herzogs von Choiseuil Freunden gehörte, mich zu sich rufen ließ, als sie erfuhr, daß ich Wittwe geworden, — um mich zu zerstreuen, — und ich muß Ihnen gestehen, Chevalier, daß ich mich vortrefflich zerstreue, denn ich genieße hier zum ersten Mal in meinem Leben die Freiheit, dieses köstlichste Gut, das die eifersüchtigen Mächte des Himmels so selten den Menschen gewähren. Jene alten tugendhaften Damen rümpfen die Nase darüber, daß ich hier in den Salons der Marquise den Duft des frischen, reizvollen Lebens athme, statt mit ihnen zu beten und Anathema zu rufen über die sündige Welt, die den unverzeihlichen Fehler hat, jung zu bleiben, während sie alt werden; — aber ich lache darüber, — ich lasse sie beten und — lästern, ich habe meine Ketten abgestreift und will mir keine neuen anlegen lassen,« sagte sie mit Betonung, — »keine — möchten sie auch,« fügte sie mit leichter Ironie hinzu, »so zierlich, so elegant, so mit poetischen Blumenguirlanden umwunden sein, als diejenigen, mit welchen der Verfasser jener galanten Ouatrains mich fesseln würde. — Doch es freut mich, Chevalier,« sagte sie abbrechend, »daß der Ehrgeiz mehr und mehr in Ihnen erwacht —«
»Erwacht? — Gräfin,« rief der Chevalier, — »o dem Ehrgeiz gehörte die Arbeit meiner Tage, der Traum meiner Nächte! — vergebliche Arbeit vielleicht,« sagte er, wehmüthig seufzend, mit einem Seitenblick in den Spiegel, — »vergeblich wie die Hoffnungen meiner Liebe —«
»Liebe — Chevalier? — lassen Sie die Liebe,« unterbrach ihn die Gräfin, — »sie macht weich und kraftlos — ich kenne sie nicht und will sie nicht kennen lernen.«
»Gräfin,« sagte der Chevalier bittend, — »haben Sie denn keine Erinnerung an jene Zeit mehr, in der Sie Blicke und Worte freundlicher Theilnahme für mich hatten?«
»Doch, Chevalier,« antwortete die Gräfin mit Herzlichkeit, indem sie ihm die Hand reichte, — »ich habe alle Theilnahme für Sie, — für Ihr Glück und Ihre Hoffnungen, — alle Theilnahme, die man nur für einen Freund, einen Verwandten, einen Bruder haben kann, — ich erinnere mich wohl jener Zeit, in welcher sich einsam an der Seite eines alten kränklichen Gemahls lebte und — es ist wahr, Chevalier — an Ihr Bild knüpfen sich die einzigen lichten und freundlichen Erinnerungen aus jener Zeit —«
»O Dank — Dank, Gräfin!« rief der Chevalier entzückt, indem er ihre Hand an seine Lippen drückte.
»Doch, Chevalier,« sagte die Gräfin zurücktretend, »ich glaube nicht, daß diese herzliche Theilnahme, die ich für Sie empfinde, etwas mit der Liebe zu thun hat. — Sehen Sie, ich könnte mir für Sie die größte Mühe geben, — jedes Opfer bringen, um Ihnen eine glückliche Zukunft, eine ehrenvolle Laufbahn zu schaffen, — aber Liebe, Chevalier — Liebe — ich glaube nicht, daß es das ist, — ich glaube, ich kenne die Liebe nicht und werde sie vielleicht auch niemals kennen.«
Der Chevalier senkte traurig den Kopf.
»Vielleicht,« fuhr die Gräfin sinnend fort, »würde ich die Liebe kennen lernen, — wenn ich einen Mann fände, zu dem ich hoch hinauf sehen könnte, — dessen Hand mit Herrscherkraft das Leben erfaßte, — dessen Geist alle die glänzend aufgeputzten Marionetten dieses Hofes an den Fäden seines Willens lenkte — vor dem ich mich beugen müßte, zu dem ich scheu und bewundernd aufblickend sprechen könnte: Du bist mein Herr! Aber wo ist ein solcher Mann,« sagte sie, verächtlich die Achseln zuckend, »in dieser Welt des goldenen Flitters, des Scheins, der Heuchelei — der Erbärmlichkeit? Stolz und hochmüthig treten sie einher, um sich demüthig zu beugen, wenn ein Höherer erscheint, — nicht ein Höherer an Geist und Kraft, sondern ein Höherer durch Laune und Zufall, durch einen leeren Titel — durch eine Perle mehr auf der Krone seines Wappens, durch ein breiteres Band auf seiner Schulter, — und wenn ich dann sehe, daß diese Alle sich wieder in den Staub beugen vor dem Höchsten, — und daß dieser Höchste wieder das willenlose Werkzeug ist in den Händen einer Frau, — vor der sie Alle kriechen und die sie Alle hassen — dann kann ich doch wahrlich den Mann nicht finden, an dem meine Liebe sich emporranken möchte.«
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