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Thomas Flichy de la Neuville

Gregor Mathias

2030Neue Geopolitik und die Welt von morgen Aus dem Französischen von Caroline Gutberlet

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-86408-199-6

Titelgestaltung und Satz: Frank Petrasch

Coverabbildung: © Moon Light PhotoStudio / Shutterstock

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2016

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Das vorliegende Buch entstand im Rahmen eines Forschungsprogramms des Centre Roland Mousnier / CNRS – Université de Paris IV – Sorbonne.

Inhaltsverzeichnis

Kurze Vorwarnung

Einleitung

Haben die Amerikaner die globalen Entwicklungen für 2015 richtig prognostiziert?

„Global Trends 2030“: Zwischen Annäherung und Fehlanalysen

Die besondere methodologische Vorgehensweise

Teil 1 – Wissenschaftliche Prognostik

Kapitel 1 – Die Europäische Union zerbröckelt

Großmütterchen Europa

Konnektivität und Abkapselung

Der Ausschluss der armen Peripherieländer aus der Währungsunion

Das Mittelmeer als Bollwerk gegen Migrationsbewegungen

Eurokorps

Der Abstieg europäischer Mächte

Schwere Unruhen in Wuppertal

Das nicht mehr vereinigte Königreich von Großbritannien

Die Einheit Spaniens bleibt bewahrt

Was wird aus Ceuta und Melilla?

Kapitel 2 – Russland, eine Großmacht im Aufwind

Russland knüpft an seine alte Identität an

Die Erderwärmung als Ursache für eine Neuordnung der Meere

Klimaflüchtlinge

Der geopolitische Gewinn der Öffnung des Nördlichen Seewegs

„Anschluss verlorener Gebiete“ und asiatischer Bevölkerungsdruck

Kapitel 3 – Amerika, Isolationismus der USA und die Ambitionen Lateinamerikas

Amerika wird hispanischer

Der isolationistische Rückzug der USA kommt den aufsteigenden Mächten zugute

Verlauf einer internationalen Krise mit den USA als Zuschauer

Lateinamerika zwischen Ehrgeiz und Ernüchterung

Wird Brasilien zum Konfliktherd?

Kuba 51. US-Bundesstaat?

Mexiko, ein unfreiwilliges Opfer des amerikanischen Isolationismus?

Kapitel 4 – Afrika, vereinzelte Wohlstandsinseln in einem Ozean der Armut

Ein unterernährter urbaner Kontinent

Bevölkerungsexplosion auf dem afrikanischen Kontinent

Ausländische Beraubung eines Kontinents

Afrikas Neokolonialisten

Das nigerianische Chaos

Eine düstere Zukunft für die Regenbogennation

Kapitel 5 – Der Iran im Zentrum des geopolitischen Spiels

Geopolitische Neuordnung im Nahen und Mittleren Osten

Die Türkei, ein unumgänglicher wirtschaftlicher und militärischer Akteur

Die Union der Turkstaaten

Destabilisierung und Zersplitterung des Nahen Ostens

Umwälzungen in Israel

Der Iran wird Großmacht im Nahen Osten

Kapitel 6 – Indien knüpft an seine alte Identität an

Das bevölkerungsreichste Land der Welt

Religiöse und kulturelle Erneuerung

Das Kastenwesen als Garant des sozialen Gefüges

Wahrscheinliche geopolitische Veränderungen

Indien entdeckt den Norden wieder

Kapitel 7 – China im Jahr 2030, eine geschwächte Großmacht?

Das Bild des Westens von China

Amerikanische Versuche der Eindämmung eines allzu mächtigen China im Jahr 2030

Chinas ungleiche, undurchsichtige Entwicklung

Chinas selbstmörderische Bevölkerungs- und Umweltpolitik

Schluss

Teil 2 – Literarisch-intuitive Prognostik

Von der Prognose zur fantastischen Erzählung

Wie der Blaue Ritter in der Zeit versetzt wurde und sein heimatliches Königreich verwüstet vorfand

Die amourösen Abenteuer vom Blauen Ritter in Moskowien

Wie der Blaue Ritter in Neu-Frankreich nur knapp der Falle seines Feindes entging

Wo der Blaue Ritter in das Herz des neuen Afrika vorstieß

Die Begegnung mit Djamschid und die Abreise gen Orient

Der Blaue Ritter kehrt dorthin zurück, wo er hergekommen ist

Literatur

Anmerkungen

Die Autoren

Wenn ihr eine Wolke im Westen aufsteigen seht, sagt ihr gleich: „Es wird regnen“, und dann regnet es auch. Wenn ihr merkt, dass Südwind weht, sagt ihr: „Es wird heiß werden“, und so geschieht es auch. Ihr Scheinheiligen! Das Aussehen von Himmel und Erde könnt ihr beurteilen und schließt daraus, wie das Wetter wird. Warum versteht ihr dann nicht, was die Ereignisse dieser Zeit ankündigen?�

Lukas 12,54–59

Die Blumen der Zukunft ruhen in den Samen der Gegenwart.

�Chinesisches Sprichwort

Kurze Vorwarnung

Einige der hier vorgestellten Analysen werden den Lesern vielleicht abwegig vorkommen. Dahinter steht die Entscheidung des Redaktionsteams, das an der Entstehung dieses Buches mitgewirkt hat, auch originelle, ja kühne Positionen nicht von vornherein auszuschließen. Schließlich geht es bei einer Zukunftsanalyse darum, sich trotz aller gebotenen Vorsicht eine mögliche Zukunft vorzustellen. Mag sein, dass diese Zukunft in den Augen derjenigen, die düstere Jahrtausendvorhersagen mögen, naiv erscheint, oder auch übertrieben pessimistisch für diejenigen, die der Idee des Aufstiegs und Niedergangs der Kulturen – aus einer eigenartigen Koketterie des Geistes heraus – ablehnend gegenüberstehen.1 Es wird also tunlichst zu vermeiden sein, die denkbar angenehmste Zukunft vorauszusagen. Die Absicht des vorliegenden Buches ist es daher nicht, zu beruhigen, sondern zu hinterfragen. Andererseits sind Prognosen nicht gleichbedeutend mit Prophezeiungen: Die Prognostiker wissen von vornherein, dass sie sich irren können. In einer Zeit jedoch, in der sich alles zu beschleunigen scheint, wäre es überaus überraschend, wenn die kommenden Jahrzehnte keine Überraschungen bereithielten. Kurz, der Nutzen einer Zukunftsanalyse, die es nicht schafft, sich von der Gegenwart zu lösen, stünde in keinem Verhältnis zur Langeweile, die sie erzeugt.

Einleitung

In den USA und in Europa hat die Diktatur der Unmittelbarkeit in Verbindung mit einer Präferenz für konzeptionelle Analysen zu einer groben Vernachlässigung der Zukunftsforschung geführt. Die Antizipationsstudien beruhen fast ausschließlich auf statistischen Analysen und vernachlässigen die kommenden politischen und kulturellen Umwälzungen, wie wenn die neoliberale Vorhersage einer befriedeten Welt nach der Öffnung der Grenzen sich unweigerlich erfüllen müsste. Andererseits verdeckt letztendlich das Prinzip der Ausarbeitung von Zukunftsszenarien das Unvermögen der Zukunftsforscher, die Risiken einer Analyse auf sich zu nehmen und sich ihnen zu stellen. So schrieben die Autoren der Studie Global Trends 2030 des Nationalen Geheimdienstrats der USA2 bezogen auf das Jahr 2005: „Die Gegenwart erinnert an frühere Transitionsmomente – etwa 1815, 1919 oder 1945 –, als der Weg in die Zukunft nicht klar vorgezeichnet war und die Welt verschiedene Möglichkeiten einer globalen Zukunft vor sich hatte.“3 Natürlich ist die Zukunft immer offen, da sie letzten Endes vom freien Geist der handelnden Minderheiten bestimmt wird; dennoch war das Risiko sehr gering, dass sich zum Beispiel Frankreich unmittelbar nach 1815 oder Deutschland nach 1945 in ein neues wahnwitziges militärisches Abenteuer stürzen würden, nachdem sie ihre Kräfte gerade in einem solchen verbraucht hatten. Kurzum, wohl überlegte und im Team betriebene Prognostik ist und bleibt eine weitgehend verlässliche Übung, um sich auf das Wagnis einer Analyse einzulassen und mit ihren Konsequenzen umzugehen.

Im Übrigen beschränken sich die Indikatoren, die eine Antizipation von Zukunft ermöglichen, nicht nur auf die schwachen Signale der unmittelbaren Geschichte; unter Umständen liegen sie mehrere Jahrhunderte zurück, zumal Kulturen einem langfristigen Wandel unterliegen. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die meisten Zukunftsanalysen, vor allem wenn sie von der öffentlichen Hand in Auftrag gegeben werden, selten dem Zweck dienen, die unschuldige Neugier der breiten Öffentlichkeit zu befriedigen. Auftragsstudien legitimieren gewisse politische Entscheidungen im Voraus und schläfern Ängste ein, die störend sein könnten. Echte Antizipationsarbeit verlangt hingegen Klarsicht und Mut, zwei Eigenschaften, an denen es im Westen schmerzlich fehlt, wie der russische Oppositionelle Alexander Solschenizyn meinte. Eine mögliche Erklärung dafür ist: Weil wir vorgaben, uns von allem geschichtlichen Erbe loszusagen und uns als spontane Kultur zu begreifen, haben wir uns der Fähigkeit zur Antizipation beraubt. Tatsache ist, dass alle im Niedergang befindlichen Kulturen sich durch ihr Unvermögen auszeichnen, die drohenden Gefahren vorherzusehen. So kam es, dass der persische Eroberer Schapur I. im Jahr 252 nach Christus ungehindert in die Stadt Antiochia dringen konnte und die Einwohner sorglos versammelt im Theater vorfand. Wie der römische Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus berichtet, rief der Schauspieler auf der Bühne auf einmal mitten in die heitere Menge hinein: „Träume ich, oder sind da die Perser?“ Darauf drehten sich die Bürger von Antiochia verblüfft um und erblickten die sassanidischen Bogenschützen auf den obersten Rängen, die einen Pfeilregen auf sie niedergehen ließen, ehe sie die Stadt in Brand setzten.4 Manchmal ist die Strafe für geistige Blindheit sehr schmerzlich.

Weil Reiche in ihrer Endphase außerstande sind, die Welt so zu sehen, wie sie ist, und sie sich ihren Untergang nur im Traum vorstellen können, häufen sich die strategischen Fehler. Noch schwieriger wird es bei Zukunftsprojektionen, und sei es nur für die kommenden zwei Jahrzehnte. Oder gibt es etwa Zukunftsstudien, die Mitte der 1970er Jahre den Mauerfall in Berlin auch nur ansatzweise in Betracht gezogen haben?

Die Autoren dieses Bandes versuchen es dennoch: die Zukunft zu antizipieren. Als Vorlage und gleichzeitig gedankliche Gegenschablone fungieren die Zukunftsstudien amerikanischer Geheimdienste. Diese prominenten Quellen nehmen die Autoren auf, um ein eigenes Bild der naheliegenden Zukunft im Jahr 2030 zu zeichnen. Das vorliegende Buch wird daher kein Abklatsch des bekannten CIA-Berichts5 Global Trends 2030 sein, dafür haben die amerikanischen Studien bereits aus vielerlei Gründen zu viel von ihrer Glaubwürdigkeit verloren. Vielmehr geht es darum, eigene, mutigere und komplexere Zukunftsmuster zu beschreiben, gleichsam den Deutungsanspruch amerikanischer Außenpolitik, wie überhaupt das Selbstverständnis der heute Mächtigen, zu hinterfragen.

Haben die Amerikaner die globalen Entwicklungen für 2015 richtig prognostiziert?

Trotz aller Effizienz des Marketings, das der amerikanische Geheimdienst rund um seine Zukunftsberichte entfaltet, tun sich die Vereinigten Staaten insgesamt schwer, Entwicklungen zu antizipieren. Nehmen wir zum Beispiel den Strategiebericht Global Trends 2015.6 Er wurde im Jahr 2000 ausgearbeitet und antizipiert die Weltlage von heute. Abgesehen von einigen Vorahnungen, die sich als richtig erwiesen haben, müssen wir feststellen, dass der zentrale Teil der Analyse wie die Projektion eines Wunschbildes daherkommt. Es ist das Wunschbild einer im Zuge der Globalisierung befriedeten Welt, die nicht in der Lage ist, sich angesichts der Supermacht USA neu zu ordnen.

Im Jahr 2000 gingen die namhaftesten amerikanischen Experten davon aus, dass die Weltwirtschaft um das Jahr 2015 wieder das Wachstumsniveau der 1960er bzw. frühen 1970er Jahre erreichen würde. Nicht nur die Schwellenländer würden von diesem Wachstum profitieren, sondern auch die Industrienationen. Tatsächlich trügen die Verbesserung der makroökonomischen Politiken, die Beibehaltung niedrigster Inflationsraten und vor allem die Schaffung des Euro zum Wirtschaftswachstum und infolgedessen auch zu einer weltweiten politischen Stabilisierung bei. In Europa „wird die rapide Ausweitung des Privatsektors, verbunden mit Deregulierung und Privatisierung, das Wirtschaftswachstum ankurbeln und einen Wettbewerbsdruck auslösen, der zu einer effizienteren Ressourcennutzung führt“.7 Die digitale Revolution würde es Unternehmen auf der ganzen Welt ermöglichen, die „‚Best Practices‘ der erfolgreichsten Unternehmen zu erlernen“8 (wobei darunter die Erfolgsmethoden des globalisierten Kapitalismus zu verstehen sind). Europa, der befriedete Kontinent mit dem wiedergewonnenen Wohlstand der 1960er Jahre, würde 2015 weltweite Handelsbeziehungen pflegen. Nach Einschätzung des US-Berichts aus dem Jahr 2000 würde dieser Wohlstand mit einem deutlichen Fortschritt von Demokratie und Transparenz weltweit einhergehen. Denn um eine globalisierte Wirtschaft zu managen, müssten die Regierungen fürei-nander transparenter sein. Die auf zwei Milliarden Menschen angewachsene Mittelklasse würde Bestrebungen nach mehr Demokratie erzeugen, woraufhin die Staatengemeinschaft dem Schutz der Bürgerrechte mehr Beachtung schenken und die Demokratisierung in der Welt unterstützen würde … Wie es aussieht, malte der National Intelligence Council im Jahr 2000 ein idyllisches Bild der Zukunft. Tatsache ist jedoch, dass die Entwicklungen in den Bereichen Wirtschaft und Staatsführung gleichermaßen genau in die entgegengesetzte Richtung verlaufen sind: Der Traum von einer befriedeten Welt nach der Öffnung der Grenzen ist geplatzt. Die Demokratie hat überall zu leiden gehabt, auch in den USA, wo die Freiheiten des Einzelnen im Namen der kollektiven Sicherheit beschnitten wurden.9

Genauso wenig stichhaltig waren die Vorhersagen des US-Geheimdienstrats in geopolitischer Hinsicht: 2015 hätte Russland in einer tiefen Rezession stecken und durch die Diskrepanz zwischen seinen politischen Ambitionen und den fehlenden Ressourcen einen Machtverlust erleiden müssen: „Russland wird im Innern schwach bleiben […] und nicht in der Lage sein, eine Koalition als Gegengewicht zur Führungsrolle der Vereinigten Staaten zu bilden“. Eine Vorhersage, die das heutige strukturgebende geopolitische Bündnis zwischen Russland, China und dem Iran – die kontinentale antiamerikanische Allianz schlechthin – Lügen straft. Den Machtverlust Russlands stellte man sich so einschneidend vor, dass das Land nicht einmal mehr in der Lage gewesen wäre, seine konventionellen Streitkräfte zu erhalten, geschweige denn zu entsenden. In Georgien und in der Ukraine ist das Gegenteil bewiesen worden. Den US-Vorhersagen zufolge hätte sich Russland im Jahr 2015 nur noch auf sein alterndes Atomarsenal stützen können, um die Nachbarstaaten zu terrorisieren. Außerdem wäre dann „‚Eurasien‘ nur noch ein geografischer Begriff, der keine verbindende politische, wirtschaftliche oder kulturelle Realität hat“.10 Die Ukraine ihrerseits würde „eher für die Unabhängigkeit optieren als für eine Wiedereingliederung in die russische Einflusssphäre“.11

Das ist selbstredend keine Prognose, sondern reines Wunschdenken! Was übrigens später in den amerikanischen Hilfsaktionen für die demokratische Ukraine greifbar wurde. Für den Nahen Osten wiederum zogen es die Amerikaner vor, „neue gesellschaftliche Dynamiken“ aufkommen zu sehen, die von einer Radikalisierung des Islam (das Wort kommt im Bericht nur fünf Mal vor) sehr weit entfernt sind. Sie verlieren kein Wort über die Wiedererweckung des Islam, obwohl es um die Jahrtausendwende schon deutliche Anzeichen dafür gab. Israel würde im Jahr 2015 in Frieden mit seinen Nachbarn leben, insbesondere mit Palästina, das als souveräner Staat anerkannt worden ist … Nur noch die Atomraketen eines erstarkten Irak würden eine Bedrohung für die USA darstellen. Jetzt, wo diese unheilvolle Gefahr gebannt ist, freuen sich die amerikanischen Zukunftsforscher bestimmt über das entstandene islamische Chaos auf irakischem Staatsgebiet.

Trotz der Fehlprognosen von Global Trends 2015 in den Bereichen Weltwirtschaft und Geopolitik fand der nachfolgende Bericht, Global Trends 2030, der noch massiver beworben wurde, reißenden Absatz bei gutgläubigen Menschen, die sich von den Experten jenseits des Atlantiks anscheinend nichts sehnlicher wünschten als weitere prophetische Aufklärung. Die französische Ausgabe Le Monde en 2030 vu par la CIA wurde als „Bibel von Experten“ verkauft.

„Global Trends 2030“: Zwischen Annäherung und Fehlanalysen

Nicht nur, dass der Bericht Global Trends 2030 länger und weniger plausibel ist als Global Trends 2015, überdies vernachlässigt er den geopolitischen Aspekt, um sich in geografische und Wirtschaftsanalysen zu flüchten. Die amerikanischen Zukunftsforscher zeigen sich verunsichert und beschränken sich darauf, noch mehr Fragestellungen und noch mehr Szenarien anzureißen, um zu verdecken, dass sie außerstande sind, eine Analyse vorzunehmen und mit ihren Konsequenzen umzugehen. „Die Nebel des Übergangs“ scheint das Motto dieses Berichts zu sein. Jedenfalls projiziert auch die Studie zur Weltlage 2030 wieder die aktuellsten amerikanischen Wunschbilder, besonders die Idee der Human Augmentation oder Human Enhancement, die sich die Bewegung des Transhumanismus auf die Fahnen geschrieben hat. Neben diesen utopischen Aspekten sowie einigen richtigen Vorahnungen sitzen die Autoren jedoch drei groben Fehleinschätzungen auf.

Die erste Fehleinschätzung betrifft die Projektion der demokratischen Utopie auf die Welt des Jahres 2030. Die Amerikaner fragen sich, ob starke Regime wie der Iran oder China sie nicht bald zum Vorbild nehmen werden, und das, obwohl sie die westliche Demokratie heute mit Chaos gleichsetzen. Nicht nur die schimärische Aussicht auf eine israelisch-palästinensische Versöhnung findet Erwähnung, sondern auch ein – nicht minder wahrscheinliches – Zustandekommen „moderater, demokratischer Regierungen im Nahen Osten“. Wie um die Wahrscheinlichkeit dieser Entwicklung zu unterstreichen, kommt an mehreren Stellen der Ausdruck islamische Demokratie vor – ein Widerspruch in sich, da Demokratie auf Gleichheit beruht, was aber der Islam ablehnt. Immerhin wird dieser erträumte Fortschritt der Demokratie um eine Nuance erweitert: Wenn Gesellschaften sich hinter religiösen, ethnischen, kulturellen oder nationalen Werten verschanzen, besteht die Gefahr von Fehlentwicklungen und Spaltungen im eigenen Land. Nicht Migrationen destabilisieren und spalten die Gesellschaften, sondern die vom Marktführer eingeforderte Absage an den Multikulturalismus.

Die zweite Fehleinschätzung betrifft die prognostizierten geoökonomischen Veränderungen. Zwar hebt der Bericht zu Recht die Alterung der Bevölkerung in Europa und Japan hervor, geht aber an keiner Stelle auf die damit verbundenen Folgen für das kreative Potenzial dieser geografischen Räume ein. Dabei wirkt sich das Durchschnittsalter einer Bevölkerung unmittelbar auf ihr Innovationspotenzial aus. Der Bericht macht sich offenbar die Idee der Auflösung des Politischen in der Globalisierung zu eigen und zieht für keine der Großmächte eine Vormachtstellung in Betracht, weder für die USA noch für China. Dafür wird Nigeria, ein Land, dem infolge der Aktivitäten der islamistischen Rebellengruppe Boko Haram heute der Zerfall droht, in den Rang eines „neuen regionalen Akteurs“ erhoben. Europa wiederum hat im Jahr 2030 die Krise überwunden und integriert seine Nachbarn durch einen Ausbau der Beziehungen zum „Nahen Osten, zu Schwarzafrika und zu Zentralasien“. Die Vereinigten Staaten ihrerseits bleiben aufgrund des Vermächtnisses aus ihrer früheren Führungsrolle weiter „Erster unter Gleichen“. Damit ist die für die Neuzeit kennzeichnende Epoche der Pax Americana zu Ende.

Die dritte Fehleinschätzung betrifft die Entwicklung des Islam. Hier gleitet der Bericht zum Thema islamischer Terrorismus ins Märchenhafte ab, was sicherlich mit den engen Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien zu erklären ist. Der islamische Terrorismus wird einfach mit einer politischen Bewegung gleichgesetzt, die sich kurzfristig wieder auflösen wird: „Eine Reihe von Umständen wird zum Ende der aktuellen Phase des islamischen Terrorismus führen. Ähnlich wie schon andere Terrorismuswellen – die Anarchisten in den 1880er und 1890er Jahren, die antikolonialen Terrorbewegungen der Nachkriegszeit, die Neue Linke der 1970er – wird auch die jüngste religiöse Welle abebben und 2030 zu Ende sein.“12 Mit dem fortschreitenden Rückzug der USA aus dem Nahen Osten, so fährt der Bericht fort, würden auch die Appelle zum heiligen Krieg gegen Amerika immer seltener. Am Ende bliebe nur noch ein Grund für den muslimischen Zorn: die Unterstützung Israels durch die USA. Aus amerikanischer Sicht bildet also nicht der Dschihad den Nährboden für den Terrorismus. Die gewaltsame muslimische Aktion ist nur ein vorübergehendes, durch ein „Bündel von Ursachen“ erklärbares Phänomen, das folglich durch eine günstige Reihung der Umstände auch wieder verschwinden kann. Aber anders als der sunnitische Terrorismus, der bis 2030 dem Verschwinden anheimfällt, werden „schiitische Gruppierungen wie die Hisbollah den Terrorismus weiterhin als Mittel sehen, um ihre Ziele zu erreichen“.13 Eine Erklärung für die erstaunliche Langlebigkeit des schiitischen Terrorismus über das Jahr 2030 hinaus liefert der Bericht allerdings nicht. Aber es ist nur allzu offensichtlich, dass die als Schurkenstaaten gelisteten geopolitischen Gegenspieler der USA (Iran und Syrien) als einziger Schlüssel für die Erklärungen dieser Analyse dienen, die eine Scheinargumentation über die angeblich antagonistischen Entwicklungen des islamischen Terrorismus führt. Doch die Autoren von Global Trends 2030 gehen noch einen Schritt weiter: Sie vertauschen geschickt die Rollen von Henker und Opfer und behaupten, dass die Terroristen im Jahr 2030 unterschiedlichsten Religionen angehören werden, auch der christlichen.

Kurzum, der Glaube an den linearen Fortschritt von Demokratie und Marktwirtschaft, gepaart mit dem Unvermögen, eine geokulturelle Analyse14 durchzuführen, lassen Global Trends 2030 ziemlich unglaubwürdig erscheinen – und damit im Übrigen auch die Grundlagen der amerikanischen Politik, weshalb es sich lohnt, die Berichte der Geheimdienste genauer zu sichten. Weil die amerikanischen Eliten unfähig sind, die Bedeutung des kulturellen Aspekts für die Konstruktion von Identität in ihre Überlegungen einzubeziehen, sind sie auch nicht in der Lage, sich ein Bild von der Zukunft zu machen.

Die besondere methodologische Vorgehensweise

Der thematische Rahmen ist einleitend gesteckt. Wie wir im Folgenden vorgehen wollen? Um die kommenden Entwicklungen zu beschreiben, möchten wir den Lese-rinnern und Lesern zwei Erzählweisen unterbreiten, eine wissenschaftliche und eine literarische. Auf dem Gebiet der Prognostik existieren zwei große methodologische Ansätze nebeneinander. Der erste basiert auf einer sachlichen Projizierung der laufenden Entwicklungen, die aus großem zeitlichem Abstand beleuchtet werden, in die Zukunft. Diesem Ansatz folgt der erste Teil des Buches. Beim zweiten sind eher Intuition und Kreativität gefragt; dabei werden Trends erforscht, die nicht zwingend naheliegend sind, und auch Irrtümer in Kauf genommen. Bei Zukunftsprognosen mit einem Zeitrahmen von mehr als 15 Jahren scheint die zweite Methode erfolgreicher zu sein.15 Sie liefert den Stoff für die literarische Erzählung im zweiten Teil des Buches, die das Zukunftsszenario bis an den Rand des Traumes rückt.

Der erste Teil dürfte in Ländern mit cartesianischer Tradition wie Frankreich mehr Zustimmung erfahren, der zweite Teil hingegen insbesondere in Kanada, wo seit mehreren Jahrzehnten auf die intuitive Methode gesetzt wird. Für ein deutschsprachiges Publikum scheint das ungewohnt zu sein – aber lassen Sie sich darauf ein, beide Methoden, auch die literarisch-intuitive, bergen großartige Erkenntnisgewinne!

Teil 1 – Wissenschaftliche Prognostik
Kapitel 1 – Die Europäische Union zerbröckelt

Die US-Studie Global Trends 2030 geht über mehrere Seiten auf die Entwicklungen Europas ein. Nach ihrer Einschätzung blüht dem Kontinent eine sehr ungewisse Zukunft. Drei Szenarien werden beschrieben: brutaler Zusammenbruch, langsamer Niedergang und Neuausrichtung.

Laut den Prognostikern ist die Hypothese eines brutalen Zusammenbruchs am unwahrscheinlichsten. Die Auflösung der Eurozone hätte eine Vertrauenskrise der Wirtschaftsakteure zur Folge, die mit massiven Kapitalabzügen reagieren und so den Zusammenbruch des Bankensystems beschleunigen würden. Über eine fatale Krise für den Euro hinaus würden vermutlich die Prinzipien der Freizügigkeit und der wirtschaftlichen Integration der EU vor dem Hintergrund politisch-gesellschaftlicher Proteste und einer Rezession in Frage gestellt.

Die zweite, weniger dramatische Hypothese eines langsamen Niedergangs betrifft den Fall, dass notwendige Strukturreformen scheitern. Selbst wenn die schlimmsten Folgen der Wirtschaftskrise vermieden würden und die EU-Institutionen erhalten blieben, würde das Wirtschaftswachstum bei null verharren, aber vor allem der wachsende Euroskeptizismus zu einer „Renationalisierung der Auslandspolitik der einzelnen Staaten“ führen.

Immerhin beschließt der Bericht seine drei kurzen Vorhersagen zu Europa – auf gerade einmal drei Seiten! – mit einer etwas optimistischeren Note. Dem Prinzip von Krise und Erneuerung folgend, könnte Europa sich auf dem föderalistischen Projekt einer Gruppe zugkräftiger Staaten gründen, das auch die Völker Europas unterstützen. Trotz der Spaltung in ein Europa der zwei Geschwindigkeiten „würde Europas Einfluss wachsen und dadurch die Rolle Europas und der multilateralen Institutionen auf globaler Ebene gestärkt werden“.16 Wie das geschehen soll, verschweigt der Bericht geflissentlich.

Großmütterchen Europa

Im Jahr 2030 steht es schlecht um die europäische Wettbewerbsfähigkeit, deren Grundpfeiler die Jugend, die Kreativität und das hohe Bildungsniveau der aktiven Bevölkerung, die Hochschulen und die Forschung bildeten. Die europäischen Gesellschaften sind überaltert, halten krampfhaft an ihren alten Gewissheiten fest und kultivieren die Freizeit als letzten Sinn und Zweck. Durch den zunehmenden Konkurrenzdruck insbesondere seitens der indischen, chinesischen, russischen, iranischen, brasilianischen, algerischen und mexikanischen Eliten gehen den europäischen Volkswirtschaften immer mehr Marktanteile verloren. Da die Exportverträge an einen signifikanten Technologietransfer in Richtung der Abnehmer gebunden sind, sehen sich die europäischen Industrien zur „Exzellenz“ gezwungen, um einen nennenswerten Vorsprung zu halten. Der Fachkräftemangel und das Fehlen einer proaktiven Politik lassen die Kunden von gestern, die den ethischen Arbeitsstandards inzwischen Folge leisten, 2030 zu aggressiven Konkurrenten werden. Die Verträge der Unternehmen der Flugzeug-, Raumfahrt-, Pharma-, Rüstungs-, Energie- und Transportindustrie werden nicht mehr auf Englisch, sondern auf Chinesisch und Arabisch abgefasst. Obwohl dies strategische Industriezweige sind, können die Golfstaaten ungehindert einzelne oder sogar sämtliche Flaggschiffe der europäischen Industrie mit Staatsfonds in ihren Besitz bringen – Hauptsache, die Defizite werden ausgeglichen und der immer weniger attraktive Euro wird gestützt.

Der Grexit, ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone, und das damit verbundene Ende der Währungsunion würden unmittelbar zum Verlust der europäischen Einlagen in Athen und zum Anstieg der Defizite um mehrere Prozentpunkte führen. Die kolossalen Verluste würden nicht nur die ohnehin kränkelnden Volkswirtschaften der Länder zusätzlich schwächen, die Folge wäre auch eine Vertrauenskrise in die europäische Währung.

Angesichts des Versagens sämtlicher politischer Lösungen wenden sich die Europäer massiv von der Politik ab. Das Machtwechselspiel auf nationaler Ebene und das demokratische Defizit der Europäischen Union nähren den Populismus und den Euroskeptizismus. Das Problem der Kontrolle der EU-Außengrenzen durch die Mitgliedstaaten zur Eindämmung der illegalen Einwanderung mit „Müll-Schiffen“ über das Mittelmeer wird so drängend, dass Länder wie Italien mit einem Austritt aus dem Schengenraum drohen.

Die Alterung der europäischen Bevölkerung führt zu einer Überrepräsentation der Senioren in der Gesellschaft. Die auf Umlageverfahren beruhenden Rentensysteme kollabieren und stürzen die „Oldie-Boomer“ in prekäre Verhältnisse oder in eine – nicht nur finanzielle – Abhängigkeit von den jüngeren Generationen. Alt werden ist eine Sache, dabei gesund zu bleiben eine andere. Durch Umweltverschmutzung und elektromagnetische Strahlung, der die Menschen fast permanent ausgesetzt sind, nehmen die Krebsraten zu; nicht alle Hilfsbedürftigen können sich die Dienste eines Roboters, der in der Anschaffung sehr teuer ist und dafür vergleichsweise wenig kann, oder einer der seltenen Pflegekräfte leisten. Die wenigen vorhandenen Senioreneinrichtungen können sich nur einige Privilegierte leisten, gleichzeitig müssen viele öffentliche Einrichtungen schließen, weil die Finanzierung nicht mehr gesichert ist. Nicht selten ist das in harter Arbeit ein Leben lang erworbene Vermögen schon nach wenigen Jahren für die Finanzierung eines eher traurig zu Ende gehenden Lebensabends verbraucht.

Konnektivität und Abkapselung

Die mit der digitalen Revolution verbundenen neuen Technologien, die lange Zeit als Domäne der jungen Generationen galten, durchdringen jetzt die Gesamtheit der europäischen Bevölkerung. Die Generation 65+ ebenso wie die 40-Jährigen, die mit diesen Technologien aufgewachsen sind oder seit Jahrzehnten damit leben, haben sie komplett in ihre Lebensweise integriert, die immer stärker von Chips, Displays und virtuellen Anwendungen abhängig ist.

Die Entwicklung der Automatisierung verändert das Verhältnis zum Menschen grundlegend. Die Robotertechnik stellt inzwischen eine glaubwürdige Lösung für das immer drängendere Problem der Abhängigkeit der Senioren dar und bietet erstaunliche Lösungen, von denen alle profitieren. In Erweiterung der E-Dienste schweben leistungsstarke Drohnen durch die Lüfte der Siedlungen und beliefern diejenigen, die nicht mehr in der Lage sind, die Drive-ins anzusteuern, die jetzt fast alle Geschäfte ersetzt haben, mit Paketen und Vorräten.

Künstliche Organe, insbesondere Herzen, beseitigen den leidigen Mangel an Spenderorganen. Exoskelette ermöglichen nicht nur Menschen mit Bewegungseinschränkungen das Gehen, sondern auch gesunden Menschen das Tragen von tonnenschweren Lasten, was für bestimmte Berufe einen großen Fortschritt bedeuten würde. Der wunde Punkt dieser Roboterrevolution ist jedoch, dass dadurch die meisten minderqualifizierten Arbeitsplätze überflüssig werden, während Berufe rund um die Programmierung oder Wartung der neuen Maschinen Hochkonjunktur haben.

Das zwingende Bedürfnis, permanent und überall online zu sein, wird durch die „Chiplementierung“ gelöst, die Einpflanzung eines Chips in den menschlichen Organismus. Der Chip enthält nicht nur den fälschungs- und diebstahlsicheren Personalausweis, sondern auch Lebenslauf, Gesundheitskarte, Bankkarte, Adressbücher, Autoschlüssel, Wohnungsschlüssel usw. und vielleicht sogar die elektronische Fußfessel, die im Zusammenhang mit bestimmten Straftaten angewendet wird. So können besorgte Eltern entsprechende Benachrichtigungen erhalten, wenn beispielsweise ein Pädophiler nach Abbüßen seiner Strafe sich der Schule ihrer Kinder oder ihrem Haus nähert. Das einzige, was diese Entwicklungen aufhalten kann, die bereits im Gange sind, scheinen juristische Gründe zu sein.

Während das Erscheinen der Smartphones in den 2000er Jahren das Verhältnis von Wissen und Erinnerung tiefgreifend veränderte – Gedächtnis- oder Wissenslücken lösten ein hektisches Tippen auf winzigen Displays aus, um eine Antwort im Netz zu finden –, verknüpfen jetzt integrierte Systeme aus intelligenten Brillen und elektronischen Implantaten die Menschen immer stärker untereinander und isolieren sie zugleich voneinander. Die Illusion der permanenten, grenzenlosen Kommunikation geht mit einem Unverständnis der elementarsten menschlichen Beziehungen einher. Weil der Andere über seine digitale Identität nicht zu begreifen ist, wird er immer ein Unbekannter bleiben.

Im Bereich Fortbewegungsmittel bewahrheiten sich die sagenhaften Vorhersagen für das Jahr 2000 von fliegenden oder auf dem Wasser schwebenden Autos nicht, dafür gibt es aber selbstfahrende Autos. Die Entwicklung der Hybrid- und Elektroautos ist von Region zu Region unterschiedlich und hängt insbesondere vom politischen Willen und vom Zugang zu fossilen Rohstoffen ab, die in manchen Gegenden durch die Förderung von Ölsanden und Schiefergas in größeren Mengen verfügbar sind. In den USA beispielsweise verschwindet der Verbrennungsmotor zwar nicht, aber hubraumstarke Spritschlucker kommen aus der Mode, da sie als wenig ökologisch gelten in einem Land, in dem Benzin teuer bleibt.

In Europa und Südamerika fliegt der Schwindel mit den Biotreibstoffen auf. Nicht nur, dass Biokraftstoffe niemals eine ernsthafte Alternative zum Diesel dargestellt haben, weil der für die Produktion erforderliche Input größer ist als der Output, auch der massive Anbau von Soja, Zuckerrohr und Rüben zulasten des Anbaus von Nutzpflanzen zeigt dramatische Folgen. Da deren Anbau kurzfristig weniger rentabel ist, schnellen die Kurse für Getreide und Mais in die Höhe, worauf Aufstände in Brasilien, Mexiko und Afrika ausbrechen. Obwohl die Weltbevölkerung immer weiter wächst und damit auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln steigt, geht paradoxerweise das Angebot an Nahrungsmitteln proportional zurück, sodass es zu Notlösungen wie der Züchtung von Insekten kommt, die medial groß präsentiert werden, um sie schmackhaft zu machen. Da Länder wie Brasilien oder Argentinien über ein großes Agrarreservoir verfügen, wird die Lösung „Futter für Maschinen statt Menschen“ nicht überall aufgegeben. Das „grüne Benzin“ bringt allerdings niemanden mehr zum Träumen.

Der Ausschluss der armen Peripherieländer aus der Währungsunion

Verkörpert Griechenland die Missstände Europas? Indem dieses Land seine Zahlen schönte, um in die Eurozone aufgenommen zu werden, setzte es sich in frevelhaftem Übermut über das rechte Maß hinweg, welches das Schicksal vorgesehen hatte. Für die alten Griechen hatte dieses Verbrechen einen Namen, Hybris, und löste den gerechten Zorn der Götter aus, Nemesis, um das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen.

Doch nicht nur Griechenland ist mit Vermessenheit geschlagen, sondern die ganze Europäische Union. Gefangen in der Schuldenspirale, unfähig zur Wiederankurbelung der Wirtschaft, die möglicherweise nur eine Abwertung des Euro aus ihrer Lethargie holen kann, gebeutelt von sozialen Unruhen, die den Nährboden für Populismen verschiedenster Couleur bilden, beschließen Athen und Brüssel schließlich eine Scheidung in beiderseitigem Einvernehmen. Natürlich ist die Trennung nicht endgültig: Griechenland bleibt in der EU, aber in einem peripheren Maße, das an Margret Thatchers maximale Forderungen für eine Unabhängigkeit Großbritanniens erinnert.

In der EZB-Zentrale in Frankfurt wird das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone zum Anlass genommen, um die europäische Einheitswährung grundlegend zu überdenken. Als starke Währung orientiert sich der Euro an der Deutschen Mark17, allerdings hat sich gezeigt, dass die Stabilität dieser Euro-Mark mit den weniger wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften der südeuropäischen Länder, deren Handelsbilanzen traditionell defizitär sind, nicht zu gewährleisten ist. Ausgehend von der Feststellung, dass 20 Jahre Scheitern und Hyperinflation eine Verarmung der privaten Haushalte mit sich gebracht haben, verkleinert sich die Eurozone auf die verlässlichsten Mitglieder. Griechenland und Portugal scheiden als erste aus, gefolgt von Italien, Spanien und Zypern, wo der Rubel sich im Alltag durchgesetzt hat.

Der Euro bleibt zwar eine starke und stabile Währung, doch der Vertrauensverlust der privaten Haushalte ist groß. Um dem massenhaften Abziehen von Kapital vorzubeugen, werden die Spareinlagen der Bürger teilweise eingefroren, außerdem die Finanzströme erheblich beschränkt, um das Bankensystem vor dem Zusammenbruch zu retten. Zum Ausgleich erhalten die Sparer Staatsanleihen, die nur schwer konvertierbar sind und deren Wert vergleichbar ist mit dem von toxischen Wertpapieren, was teilweise zu heftigen Protesten führt. Doch dessen ungeachtet ergreifen die Regierungen sehr unpopuläre Maßnahmen, um das Währungs- und Finanzsystem zu stabilisieren.

Um Steuerstreiks vorzubeugen, erfolgt der Steuerabzug nun allgemein an der Quelle. Dadurch wird eine Steuerreform möglich, um neue Steuerzahler zu generieren. Neben einer Mehrwertsteuererhöhung und der Einführung eines Sonderbeitrags zur Finanzierung des Gemeinschaftshaushalts kommt es durch die Einführung der Steuerprogression, die 70 Prozent der Haushalte erfasst, zu einer allgemeinen Verringerung der Lasten, da diese jetzt nicht mehr nur von einem Drittel der Steuerpflichtigen getragen werden, von denen sich übrigens viele aus der Mittelschicht der Bewegung der „Steuerflüchtigen“ angeschlossen hatten.

Das Mittelmeer als Bollwerk gegen Migrationsbewegungen

Eine der größten Herausforderungen der 2010er Jahre ist der massive Zustrom von Migranten aus der afrikanischen Vierten Welt, die an den Küsten Europas stranden, nachdem sie tausend Gefahren überlebt haben, an Bord von Schiffswracks, die von Händlern gepachtet werden, die ihr Geschäft mit dem Elend machen. Wie soll man ein so lukratives Geschäft unterbinden, da der einstige Grenzschützer Libyen sich in einen failed State, einen gescheiterten Staat gewandelt hat, durch den die Routen der Schleuser führen, deren Ziel die italienische Küste ist?

Da in der EU die Personenfreizügigkeit gilt, geht diese Problematik, die einen humanitären, aber auch einen Sicherheitsaspekt hat, alle Mitgliedstaaten gleichermaßen etwas an. Terroristen haben die Gunst der Stunde genutzt und sich der Rettungs- und Aufnahmeinfrastruktur für schiffbrüchige Migranten bedient, um nach Europa zu gelangen und Anschläge zu verüben, die die Öffentlichkeit erschütterten. Die EU sieht sich zum Handeln gezwungen und stellt eine Seepolizei auf, die fast den gesamten Marineetat aufzehrt. Die unmittelbare Folge dieses Großaufgebots, das mit dem Aufgebot an Bodentruppen zur Wahrung der europäischen Binnensicherheit vergleichbar ist: Die EU gibt die Hochsee auf und zieht sich auf das Mittelmeer zurück, das alles für ein symbolisches Ergebnis, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt einer EU-Militärintervention gegen terroristische Gruppierungen, die sich in Libyen festgesetzt haben.

In dem Bewusstsein, dass Europa nicht alle Elenden aufnehmen kann, die durch die Sogwirkung einer Politik der systematischen Rettung der Bootsflüchtlinge angezogen werden, muss die Europäische Union ihre Politik grundlegend ändern. Angesichts überfüllter Abschiebezentren und gewalttätiger Zusammenstöße zwischen Einheimischen, die sich in Selbstverteidigungsmilizen organisiert haben, und immer zahlreicher werdender Migranten haben die Entscheidungsträger auf Länder- und auf EU-Ebene drastische Maßnahmen beschlossen. Nach dem Vorbild Australiens, das seine Küsten seit vielen Jahrzehnten hermetisch abriegelt, führt die europäische Marine ein effizientes System ein, um die Migranten auf hoher See abzufangen und systematisch an die afrikanischen Küsten zurückzubegleiten. Ähnlich wie im alten Partnerschaftsvertrag zwischen Libyen unter Gaddafi und Italien enthalten auch die neuen Wirtschaftsvereinbarungen mit den Ländern Nordafrikas Klauseln über die Abriegelung ihrer Küsten und Staatsgebiete gegen Schleuser.

Eurokorps

Durch die Wirtschaftskrise 2018 sahen sich die politischen Entscheidungsträger gezwungen, eine Manövriermasse im Haushalt zu finden. Unter Berücksichtigung der erfolgten Herabstufung haben sich Deutschland, Frankreich und Großbritannien, denen sich auch Spanien, Italien, Österreich und die Beneluxstaaten angeschlossen haben, für den Weg einer immer engeren Integration ihrer Streitkräfte im Rahmen des umgestalteten Eurokorps entschieden. Dieses neue Eurokorps ist weit davon entfernt, das Instrument einer europäischen Großmacht zu sein, und ersetzt die Deutsch-Französische Brigade, die regionale Spezialisierung und historisches Erbe miteinander verbindet.

Jedes Land hat weiterhin seine eigene Streitmacht, allerdings stark verkleinert (die Landstreitkräfte bestehen aus 60.000 Soldaten), dafür sind die Mittel für die Elite-Spezialeinheiten gebündelt worden. Frankreich konnte nach Einreichung des zigsten Weißbuches die Schule für Luftlandetruppen in Pau retten und als alleiniges Ausbildungszentrum für Fallschirmjägereinheiten in Westeuropa ausbauen, musste aber die Hochgebirgstruppen opfern. Die Gebirgsjägerbrigade ist jetzt in Italien stationiert, vereint französische, österreichische, italienische und deutsche Einheiten und integriert französische und italienische Traditionslinien. Für Kampfschwimmer gibt es ebenfalls nur noch ein Ausbildungszentrum in Italien; die Einrichtung einer EU-Sondereinsatzkräfte-Brigade für die Abwehr von Terrorgefahren ist in Planung.

Der Einsatz der Marineeinheiten der EU-Staaten beschränkt sich nunmehr auf Polizeimissionen an den Mittelmeerküsten, um den täglich wachsenden Zustrom von Migranten aus Subsahara-Afrika einzudämmen. Während Frankreich das Projekt eines zweiten Flugzeugträgers endgültig aufgibt, gehen auf EU-Ebene die Ambitionen nicht über eine ständige Flugzeugträgerkampfgruppe hinaus, deren Lenkwaffenkreuzer vor allem aus französischen und anglo-schottischen Marinehäfen stammen. Die konkurrenzlose französische Marine kann ihre Stellung als erste Marine Europas halten, allerdings ist der Gebäudebestand zunehmend veraltet. Nach der Unabhängigkeit Schottlands 2021 ist London zu einer Revision der britischen Militärstrategie gezwungen. Zum einen befinden sich die wichtigsten Flottenstützpunkte in Schottland, mit dem Großbritannien weiterhin durch ein Verteidigungsbündnis verbunden bleibt, zum anderen hat die Überlassung einiger Überwasserkriegsschiffe an die neue Royal Scottish Navy erhebliche Einsparungen erbracht, wie schon die Streichung von Programmen der Royal Air Force in den 2000er Jahren.

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9783864081996
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