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Gottfried Wenzelmann


Wie wir von unserem nächtlichen

Kopfkino seelsorglich profitieren können


© Copyright 2020 by Asaph-Verlag. All rights reserved.

1. Auflage 2020

Bibelzitate wurden folgender Übersetzung entnommen:

Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017,

© 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Lektorat: Angela Ludwig

Umschlaggestaltung: Fontis Media, René Graf

Satz: Samuel Ryba, SVK

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

ISBN 978-3-95459-608-9

Bestellnummer 148040

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Ich widme dieses Buch der Seelsorgearbeit ICHTHYS Verein für Seelsorge, Beratung und Lebenshilfe (mit der 2015 verstorbenen Gründerin, Christa Weber und der gegenwärtigen Leiterin, Christiane Sigg)

und den vielen Menschen, die mir ihre Träume in Seelsorgegruppen und in der Einzelbegleitung anvertraut haben.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Zum Geleit

Zur Einführung

1. Grundlegende Bemerkungen zum Umgang mit Träumen

1.1 Einführung zum psychologischen Umgang mit Träumen

1.2 Einführung zum seelsorglichen Umgang mit Träumen

2. Exkurs in die Schlafforschung und Neurobiologie der Träume

2.1 Ein Blick auf die Schlafforschung

2.2 Der neurobiologische Hintergrund von Träumen

3. Verschiedene Wege der Traumdeutung

3.1 Sigmund Freud

3.2 Alfred Adler

3.3 Carl Gustav Jung

3.4 Fritz Perls

3.5 Was aus der Vielzahl der traumtheoretischen Ansätze folgen kann

4. Psychologische Erschließungskategorien im Umgang mit Träumen

4.1 Symbole – ihr Verständnis und ihre Bedeutung für Träume

4.2 Das innere Kind im Traum

4.3 Deutung auf der Objekt- und Subjektstufe

4.4 Animus und Anima

4.5 Der Schatten im Traum

4.6 Albtraum und Trauma

4.6.1 Albträume als Auseinandersetzung mit heftigen Ängsten (nightmares)

4.6.2 Albträume als posttraumatische Wiederholungsträume (nightterrors)

4.7 Autoregulation und Kompensation in Träumen

4.8 Kausalität und Finalität in Träumen

4.9 Tagesreste

5. Zum praktischen Umgang mit Träumen

5.1 Recht und Grenze des subjektiven Zugangs zum Traum

5.2 Recht und Grenze eines Begleiters

5.3 Assoziation und Imagination

5.4 Gefühle erkunden

5.5 Der Gegenwartsbezug der Träume

5.6 Kreative Bearbeitung von Träumen

5.7 Mögliche konkrete Schritte einer psychologischen Traumdeutung

6. Drei Fragen zur Beeinflussbarkeit von Träumen

6.1 Traumlosigkeit (Oneirolysis) – was kann ich dafür?

6.2 Was fördert die Traumerinnerung?

6.3 Luzides Träumen – was ist das und wie ist es zu beurteilen?

7. Träume und christlicher Glaube

7.1 Skizze des religiösen Traumverständnisses in der vorneuzeitlichen Geschichte

7.2 Träume in der Bibel

7.3 Was sind religiöse Träume?

7.4 Zwei Holzwege religiöser Traumdeutung: Diffuse Spiritualität und Biblizismus

7.4.1 C.G. Jung und Religiosität in der Psychotherapie

7.4.2 John A. Sanford und Religiosität in Psychologie und Theologie

7.4.3 Maria Riebl und Religiosität in der Bibelauslegung

7.4.4 Ingrid Riedel und Religiosität in der Bibelauslegung

7.4.5 Exkurs: Traumdeutung nach Ortrud Grön

7.4.6 Ertrag der Auseinandersetzung mit der Religiosität C.G. Jungs und seiner Schüler

7.4.7 Ira Milligan oder Engführung durch biblizistische Traumdeutung

7.5 Träume und Heiligung

7.5.1 Rechtfertigung, Heiligung und der seelsorgliche Umgang mit Träumen

7.5.2 Heiligung und Verantwortlichkeit im Hinblick auf den Traum

7.5.3 Die Affinität der psychologischen Erschließungskategorien zur Heiligung

7.6 Prospektive und präkognitive Träume in Unterscheidung zu prophetischen Träumen

7.6.1 Prospektive Träume

7.6.2 Präkognitive Träume

7.6.3 Prophetische Träume

7.7 Mögliche konkrete Schritte einer geistlichen Traumdeutung

8. Wieso also auf Träume achten?

Endnoten

Literaturverzeichnis

Internetverweise

Danksagung

Zum Geleit

Das neue Buch Gottfried Wenzelmanns will eine Lücke im seelsorgerlichen Handeln in Kirche und Gemeinde schließen. Seine Leitfrage lautet: Welche ungenutzten Chancen bietet die Traumdeutung für die Seelsorge? Gleich aus einem doppelten Grund verwundert die Vernachlässigung der Träume in der seelsorglichen Begleitung heute: Schon ein oberflächlicher Blick in die Bibel zeigt nämlich, dass Träume für das Leben von Menschen häufig eine wichtige Rolle gespielt haben. Überdies gelten seit der Begründung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud Träume als Königsweg zum Unbewussten. Erstaunlicherweise haben weder in der seit den 1970er-Jahren vorherrschenden humanwissenschaftlich geprägten Seelsorge noch in der parallel dazu sich formierenden biblischen Seelsorge Träume größere Bedeutung gewonnen. Einzig in der charismatischen Seelsorge wurden von Anfang an Träume berücksichtigt. Weil Charismatiker davon ausgehen, dass der Geist heute nicht anders als in biblischen Zeiten wirkt, erwarten sie seine Hilfe in der Seelsorge auch durch Träume und Visionen. Gottfried Wenzelmann verdankt der charismatischen Seelsorge viel. Die Begegnung mit dieser hat ihn für die Dimension des Traumes im seelsorgerlichen Handeln sensibilisiert.

Immer wieder berichten die biblischen Texte von Träumen und Visionen. Das gilt für das Alte Testament in hervorgehobener Weise – man denke nur an die Josefsgeschichte. Aber auch im Neuen Testament spielen besonders für die Geburtsgeschichten nach Matthäus, für die Apostelgeschichte und für die Offenbarung Träume eine wichtige Rolle. Nach Matthäus führt Gott die an der Geburtsgeschichte beteiligten Personen primär durch Träume: Josef erscheint im Traum der Engel des Herrn, damit er die schwangere Maria nicht verstößt (1,20 ff.); im Traum befiehlt Gott den Weisen aus dem Morgenland, nicht zu Herodes zurückzukehren (2,12); Josef erhält im Traum die Anweisung, nach Ägypten zu fliehen und von dort wieder nach Israel zurückzukehren (2,13; 2,19 f.). Auch in der Apostelgeschichte spielen Träume und Visionen eine wichtige Rolle: In einer Vision wird Petrus auf die Begegnung mit Kornelius vorbereitet (10); Paulus erscheint bei Nacht ein Mann aus Mazedonien – eine Vision, die für den weiteren Weg der paulinischen Missionstätigkeit entscheidend ist (16,9 f.); in Korinth hat Paulus bei Nacht eine Vision des Auferstandenen, die ihn der Beauftragung, das Evangelium zu verkündigen, gewiss machen soll (18,9 f.); während der Schifffahrt nach Rom begegnet Paulus bei Nacht ein Engel und verheißt ihm die Rettung der Mitreisenden (27,23 f.). Die Visionen aus der Offenbarung sollen die Gläubigen in Verfolgungen des endgültigen Sieges Christi versichern.

Neben den biblischen Anstößen verdankt Gottfried Wenzelmanns Entdeckung der Träume für die Seelsorge auch der Psychologie und den unterschiedlichen therapeutischen Schulen wesentliche Einsichten. Es spricht nicht gegen die Integration von Träumen in die Seelsorge, dass diese nicht ausschließlich aufgrund biblischer Motive erfolgt. Erkenntnisse über den Menschen, die auf dem Weg der Wissenschaft neu gewonnen wurden, stellen einen schöpfungsbejahenden Akt dar und können deshalb das seelsorgerliche Handeln bereichern. Träume haben das Potenzial in sich, zu größerer Selbsterkenntnis zu helfen. Schon Jesus war der Überzeugung, dass die Wahrheit den Menschen freimacht (Joh. 8,32). Gottfried Wenzelmann ist überzeugt, dass die Beachtung der Träume eine wesentliche Voraussetzung darstellt, um in der Heiligung voranzukommen. Auch die Tatsache, dass die westlichen Kulturen zunehmend von visuellen Medien geprägt werden und viele Menschen primär über Bilder ansprechbar sind, spricht für die Integration von Träumen in die Seelsorge. Allein verbal übermittelte Botschaften kommen kaum noch an. Angesichts dieser Situation erleichtert die Einbeziehung von Träumen in der seelsorglichen Begleitung es den Hilfesuchenden, vertieften Zugang zum Wirken des Geistes im eigenen Leben zu bekommen.

Im Buch werden auch die Gefahren einer Integration der Träume in das seelsorgerliche Handeln nicht verschwiegen. Der Autor hebt mit Recht immer wieder hervor, dass die Berücksichtigung von Träumen in der Seelsorge ein großes Maß an Sensibilität aufseiten des Seelsorgers und der Seelsorgerin verlangt. Träume sind viel stärker noch als Worte für eine Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten offen und können darum auch leichter in die Irre führen. Weil der Traum Tiefenschichten der menschlichen Persönlichkeit aufschließt, die dem Wachbewusstsein verschlossen bleiben, sind die Folgen einer falschen Deutung besonders gravierend. Nicht ohne Grund wird besonders im AT vor falschen Propheten gewarnt, die mit ihren Träumen das Volk zum Übertreten der Gebote Gottes verführen wollen (Jer. 23,25 ff.; 29,8ff.). Die falschen Propheten setzen Träume ein, um Israel zu manipulieren. In Jeremia 23,25 ff. wird der Traum darum sogar scharf abgelehnt. An seine Stelle tritt das gesprochene Wort Gottes.

Gottfried Wenzelmann scheut sich nicht, klare theologische Bewertungen vorzunehmen – sowohl im Hinblick auf die Grenzen psychologischer Traumdeutung als auch im Hinblick auf Versuche, die biblische Rolle von Träumen eins zu eins auf heute zu übertragen. Er vertritt einen integrativen Einsatz, indem er biblische und psychologische Zugangsweisen zu Träumen miteinander ins Gespräch bringt. Dabei kann er zeigen, dass sich beide gegenseitig bereichern können.

Besonders hervorheben möchte ich schließlich die praktische Orientierung des Buches. Es enthält neben den theoretischen Überlegungen eine Fülle von Beispielen, an denen die Bedeutung von Träumen für die Seelsorge veranschaulicht und erläutert wird.

Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung!

Leipzig, im September 2019 Prof. Dr. Peter Zimmerling

Zur Einführung

Wie kommt ein Pfarrer dazu, sich intensiver mit Träumen zu befassen?

Die nächtlichen Gebilde beschäftigen mich inzwischen seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten. Zum ersten Mal habe ich den seelsorglichen Umgang mit Träumen im Mai 1982 erlebt. Damals nahm ich an einer Seelsorgegruppe des Ichthys-Werkes in Görwihl im Südschwarzwald unter der Leitung von Christa Weber und Christoph Häselbarth teil. Nachdem die einzelnen Teilnehmenden beim Frühstück von ihrem Befinden erzählt hatten, konnten sie ihre Träume der zurückliegenden Nacht einbringen. In der Gruppe wurde dann über die Bedeutung der Träume gesprochen. Diese Traumgespräche waren für mich so eindrücklich, dass ich noch heute den einen oder anderen meiner Träume mit seiner Deutung präsent habe.

In den folgenden Jahren habe ich immer wieder an solchen Seelsorgegruppen teilgenommen oder auch Traumgespräche im Rahmen von Einzelbegleitung durch Christa Weber beim Ichthys-Werk erlebt. Das war ebenso hilfreich wie beeindruckend. Es hat mich immer wieder zum Staunen gebracht, wie treffend sich die Seele in ihren Symbolen und Handlungssequenzen äußert. Häufig hatte ich den Eindruck: Die Traumbilder sind so präzise, so treffend, wie sie mein Verstand oder meine Fantasie nie auch nur annähernd konstruieren und konstellieren könnte. Immer wieder habe ich mich durch meine Traumbilder „auf frischer Tat ertappt“ gefühlt.

Bei dieser Art der Traumdeutung habe ich hautnah erlebt, wie die Seele im Traum hoch intuitiv arbeitet und was für ein hoch intuitives Geschehen die Deutung und Bearbeitung von Träumen ist. Ein Traum kann nicht mithilfe eines Wörterbuches, das lexikalische Deutungen gibt, erschlossen werden. Das wird uns noch im Laufe dieses Buches beschäftigen. Aber mir wurde auch deutlich, dass Traumdeutung etwas anderes als Willkür oder Beliebigkeit ist. Ich wollte Zusammenhänge entdecken und verstehen lernen, die lehrmäßig in der psychologischen Forschung vertreten werden, und fing an, mich mit psychologischer Fachliteratur zur Frage des Umgangs mit Träumen zu beschäftigen. Dabei wurde mir bald vor Augen geführt, wie vielfältig sich die vertretenen Positionen zum Verständnis und zur Deutung von Träumen darstellen. Hier wird es in den folgenden Darlegungen darum gehen, eine Schneise zur Orientierung zu schlagen.

Aus meiner eigenen Erfahrung heraus wuchs mir der Umgang mit den Träumen mehr und mehr ans Herz. Ich wollte gern an andere weitergeben, was ich selbst als hilfreich erfahren hatte. Als ich in der Zeit meiner Mitarbeit im Lebenszentrum für die Einheit der Christen auf Schloss Craheim zwischen 1999 und 2009 in die Arbeit im Tagungsteam einstieg, wirkte ich in den Tagungen zum Thema Innere Heilung mit. Dabei wurde bald klar: Es bedurfte in diesem Bereich Vertiefungstagungen, die ich zusammen mit Mitarbeitenden des Tagungsteams aufbaute. Seit Ende 2002 gab es dann in Craheim das Angebot von Intensivseelsorgegruppen, die dem ähnelten, was ich beim Ichthys-Werk selbst erfahren hatte. In diesen Gruppen bot ich auch das morgendliche Traumgespräch an. Außerdem gehörte zu meinem Dienst in Craheim die Begleitung einzelner Ratsuchender, in der auch immer wieder das Gespräch über Träume seinen Platz hatte.

So wuchs ich mehr und mehr in die Traumarbeit in Gruppen und in der Einzelbegleitung hinein. Als dann die Zeit der Mitarbeit auf Schloss Craheim zu Ende ging, tat sich für mich die Möglichkeit auf, diese Arbeit unter dem Dach der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung (GGE) im gesamten Bundesgebiet fortzusetzen. Immer wieder erhielt ich von Ratsuchenden in der Einzelbegleitung und in Seelsorgegruppen die Rückmeldung, dass sie das Gespräch über Träume als hilfreich erlebt hatten. Im Herbst 2017 äußerte die Teilnehmerin einer Seelsorgegruppe im Kloster Nütschau in der Rückblicksrunde am letzten Abend sinngemäß: „Gottfried, du hast so viel zu Träumen gelesen und kannst uns helfen, uns unsere Träume verstehbar zu machen. Du solltest ein Buch über den Umgang mit Träumen schreiben.“ Auf der einen Seite fühlte ich mich geehrt, dass mir so etwas zugetraut wurde. Auf der anderen Seite dachte ich mir (ich habe es an diesem Abend nur vorsichtig angedeutet): Der Aufwand an Arbeit ist für mich zu groß – und winkte innerlich ab. Diese Anregung hatte ich in den folgenden Monaten vergessen. Sie muss aber in meinem Unbewussten doch irgendwie weitergewirkt haben. Einige Monate später wachte ich eines Morgens (ohne einen Traum dazu zu haben) mit der inneren Freude und Gewissheit auf: Doch, ich mache mich an die Arbeit. Das Ergebnis dieser inneren Gewissheit liegt nun mit dieser Veröffentlichung vor.

Für mich stellt die Arbeit mit Träumen ein Teilgebiet der Inneren Heilung dar, daher kann dieses Buch als ergänzender Band zu meinem ersten Buch „Innere Heilung. Theologische Basis und seelsorgliche Praxis“1 verstanden werden. Für mich sind die Themen Innere Heilung und Traumarbeit bei aller berechtigten Unterscheidung zusammengehörig.

Gliederung und Struktur des Buches

Das Thema dieses Buches spricht vom seelsorglichen Umgang mit den Träumen. Dieses Adjektiv bringt eine Eingrenzung und Spezifizierung mit sich. Im Folgenden geht es nicht um eine umfassende psychologische Bearbeitung des Themas. Ich schreibe dieses Buch nicht als Psychologe, sondern als Seelsorger. Zugleich wird sich jedoch zeigen, dass ein seelsorglicher Umgang mit Träumen nicht von psychologischen Einsichten losgelöst möglich ist. Es wird die Frage zu klären sein, wie das Verhältnis von psychologischen Einsichten zum theologischen Grundanliegen im Vollzug seelsorglicher Traumarbeit zu bestimmen ist. In den sechziger bis achtziger Jahren war das Verhältnis von Psychologie und Seelsorge zum Teil von Konkurrenz geprägt. Im seelsorglichen Umgang mit Träumen steht dieses Verhältnis erneut zur Diskussion und wird noch einmal grundlegend zu klären sein. Darum wird es im Abschnitt 1 gehen.

Nach einem kleinen Exkurs in die Schlafforschung und die Neurobiologe (Abschnitt 2) und einer Skizze einiger neuerer Wege der Traumdeutung (Abschnitt 3) entfaltet Abschnitt 4 als erster Hauptteil dieser Arbeit einen Ausschnitt psychologischer Erschließungskategorien, die sich für mich im Laufe der zurückliegenden Jahrzehnte meiner Traumarbeit bewährt haben. Hier habe ich viel von der Traumtheorie und -arbeit C.G. Jungs gelernt. Mir ist klar, dass es sich dabei um nicht mehr als einen Ausschnitt möglicher methodischer Annäherung an die Träume handelt. Der in Traumarbeit spezialisierte psychologische Fachmann wird viele Interventionsmöglichkeiten zur Erschließung von Träumen vermissen. Es ging mir nicht um Vollständigkeit, sondern um eine Darstellung dessen, was sich für mich in der praktischen Arbeit mit Träumen bewährt hat.

In Abschnitt 5 werden dann verschiedene Hinweise zum praktischen Vorgehen in der Arbeit mit Träumen aus psychologischer Sicht gegeben. Dieser Abschnitt endet mit praktischen Fragestellungen, mit denen eine Annäherung an den konkreten Traum möglich werden kann.

Der erste Hauptteil schließt mit drei Fragen zur Beeinflussbarkeit von Träumen. Die erste bezieht sich auf die Traumlosigkeit: Womit hängt sie zusammen und lässt sie sich beeinflussen? Die zweite Frage schließt sich daran an: Was fördert die Traumerinnerung? Schließlich richtet sich die dritte Frage auf das sogenannte luzide Träumen: Was ist damit gemeint und wie ist es zu beurteilen?

Im zweiten Hauptteil ab Abschnitt 7 wird dann der seelsorgliche Umgang mit Träumen unter der Berücksichtigung theologischer Fragestellungen thematisiert. Den Einstieg bildet ein Überblick über das Verständnis der Träume in vorneuzeitlicher Geschichte (7.1), gefolgt von einem Überblick über Träume und Traumverständnis im Alten und Neuen Testament (7.2). Um die Frage, was unter einem religiösen Traum zu verstehen ist, geht es in Abschnitt 7.3. Da diese Arbeit bestrebt ist, den seelsorglichen Umgang mit Träumen auf einen biblisch-reformatorischen Glauben zu gründen, ist eine Auseinandersetzung mit dem religiösen Gedankengut C.G. Jungs und seiner Schule erforderlich, da dieses sich in psychologischen und theologischen Kreisen großer Beliebtheit erfreut und ein reiches Repertoire an religiösen Fragen anspricht; diese Auseinandersetzung erfolgt in den Abschnitten 7.4.1 bis 7.4.6. Eine entgegengesetzte Einseitigkeit folgt danach mit einem Vertreter eines biblizistischen Traumdeutungsansatzes, mit dem sich der Abschnitt 7.4.7 auseinandersetzt.

Nach diesen Abgrenzungen kommt die biblisch-reformatorische Ausrichtung eines seelsorglichen Umgangs mit Träumen zur Darstellung. Dafür werden Konzepte wie Rechtfertigung und Heiligung in ihrem Bezug zur Traumdeutung bedacht (7.5.1). Anschließend wird der Frage nach der Verantwortung des Träumers für den Inhalt seiner Träume nachgegangen (7.5.2). Im Abschnitt 7.5.3 wird schließlich die Affinität der psychologischen Erschließungskategorien zum Anliegen der Heiligung in den Blick genommen, die im Glauben an den dreieinigen Gott erkennbar wird.

In manchen christlichen Kreisen übt die prophetische Dimension von Träumen eine große Faszination aus, sodass von einem Streben nach einem derartigen Traumverständnis gesprochen werden kann. Im Abschnitt 7.6 wird dem Recht auf und der Grenze der Offenheit für eine solche Dimension in Träumen nachgegangen. Dabei wird die Unterscheidung zwischen prospektiven, präkognitiven und prophetischen Träumen nahegelegt.

Abschnitt 8 gibt – entsprechend dem Abschnitt 5 unter psychologischem Blickwinkel – für einen seelsorglichen Umgang mit Träumen konkrete Hilfen durch die Nennung verschiedener möglicher geistlicher Fragenstellungen. Sie stellen nicht mehr und nicht weniger als Anregungen dar, die einem verantworteten intuitiven Umgang mit Träumen dienen wollen.

Die einzelnen Abschnitte sind zumeist deduktiv aufgebaut: Sie beginnen im ersten Teil mit einem oder mehreren einleitenden Beispielträumen, die dann im reflektierenden zweiten Teil bedacht werden. Im dritten Teil führe ich noch weitere Beispiele von Träumen zum jeweiligen Thema des Abschnitts an, um das Verständnis zu vertiefen.

Wer will, kann zuerst den jeweils angeführten Traum lesen und dann das Buch schließen, um sich zunächst eigene Gedanken zu einem möglichen Verständnis des jeweiligen Traumes zu machen. Ein Traum hat häufig verschiedene Facetten in seiner Botschaft, die er dem Träumer nahebringen will. Von daher geht es nicht zuerst um die Frage nach richtig oder falsch in der Traumdeutung, sondern eher um die Frage, was mehr oder weniger angemessen erscheint. Auf diese Weise kann der Leser sich bei der Lektüre dieses Buches selbst in der eigenständigen Interpretation von Träumen üben.

Um einer besseren Lesbarkeit willen habe ich zumeist die männliche Form gewählt. Leserinnen und Träumerinnen sind jeweils mit gemeint.

1.
Grundlegende Bemerkungen zum Umgang mit Träumen

Die Schlafforschung der letzten Jahrzehnte hat herausgefunden, dass jeder, der schläft, auch träumt. Die Fähigkeit zu träumen ist jedem Menschen gegeben, auch denen, die sich selten oder nie an ihre Träume erinnern können. Wenn das so ist, dann ist jeder Mensch vor die Frage gestellt: Wie gehe ich mit meinen Träumen um?

Eine immer noch – leider nicht ganz selten – anzutreffende Haltung ist diejenige, die sich sprichwörtlich in dem Satz „Träume sind Schäume“ ausdrückt. Eine solche Haltung hat meiner Einsicht nach zwei Gründe:

Der eine hängt mit einer Hilflosigkeit im Verstehen von Träumen zusammen. Wie soll man mit den nächtlichen Symbolen und Sequenzen der Träume umgehen? Diese Hilflosigkeit kann dazu führen, die eigenen Träume zu übergehen.

Den anderen Grund sehe ich in einem intuitiven Widerstand gegenüber der Botschaft der eigenen Träume. Im Traum könnten sich möglicherweise unangenehme Hinweise auf noch unbewusste Nöte, Wahrheiten und Lebenskonflikte zeigen, die der Träumer oder die Träumerin lieber von sich fernhalten will. Oft führen sie immer wieder zu unangenehmen Einsichten, die zum Teil in sehr drastischen, aufwühlenden Bildern verpackt auftreten. Dabei kommen Zusammenhänge ans Licht, die unser Selbstbild und unsere Lebensorientierung infrage stellen und auf Erlebnisse hinweisen, die der Aufarbeitung bedürfen. Sie unterwerfen immer wieder das Bild, das wir von uns selber haben, einer Prüfung. Sie können Persönlichkeitsfacetten von uns ans Licht bringen, die uns unangenehm oder sogar peinlich sind. Diese Hinweise können so deutlich sein, dass Träumende nach dem Motto reagieren: Ich möchte damit nichts zu tun haben. Manche weichen auf diese Weise einer Selbsterkenntnis aus, die für sie zu schmerzhaft ist – und lassen unbewusst ihre Träume nicht zu.

Allerdings hat dieses verdrängende Ausklammern der Träume neben der verpassten Chance einer vertieften Selbsterkenntnis noch einen weiteren Nachteil: Wie im Laufe dieses Buches gezeigt wird, enthalten Träume auch immer wieder Mut machende Bilder und Botschaften. Diese kommen bei einer grundsätzlichen Ausklammerung der eigenen Träume nicht beim Adressaten an. Wer seine Träume also negiert, verhindert die Möglichkeit der Entfaltung dieser wertvollen Seite der Traumbotschaft.

Hilfreich ist ein dauerhaftes Ausweichen vor den eigenen Träumen also nicht. Die Tatsache, dass unser Gehirn Nacht für Nacht Traumbilder produziert, kann zu der Überlegung einladen, ob hinter der menschlichen Fähigkeit zu träumen nicht ein Sinn stehen könnte, den zu entdecken sich lohnt. Sie kann zur Einladung werden, sich um ein Verstehen der Traumbilder zu bemühen. Wenn wir unangenehmen Dingen nicht ins Gesicht sehen und so tun, als existierten sie nicht, heißt das beileibe nicht, dass sie aufhören zu bestehen. Unterdrückte Dinge leben im Unbewussten weiter und können auf unberechenbare Weise ins Leben hineinwirken.

1.1 Einführung zum psychologischen Umgang mit Träumen

Sehr tiefsinnig heißt es im Talmud: „Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungeöffneter Brief.“2 Greifen wir die Metapher vom „Brief“ auf, dann ergeben sich zwei Fragen: Wer schreibt diesen Brief? Und welchen Inhalt bringt er mir nahe? Auf dem Hintergrund des christlichen Glaubens umfasst die Antwort auf diese Fragen zwei Dimensionen, eine psychologische und eine theologisch-seelsorgliche Dimension. Ich spreche von Dimensionen, weil – wie später noch gezeigt wird – für den christlichen Glauben die Antworten auf die oben genannten Fragen zwar zu unterscheiden sind, trotzdem aber dicht nebeneinanderliegen und wechselseitig aufeinander bezogen sind. Es ist eben nicht so, dass dort, wo das Unbewusste im Spiel ist, Gott auszuklammern wäre. Umgekehrt wäre es auch nicht angemessen zu behaupten, dass dort, wo Gott als Autor des Briefes in den Blick kommt, das Unbewusste nichts mehr zu suchen hätte.

Betrachten wir hier zuerst die psychologische Dimension der Antwort auf die Frage nach dem Autor des Traumbriefes:

Der Psychologe oder Neurologe wird zur ersten Frage sagen: Der Schreiber dieses Briefes ist das Unbewusste. Denn die moderne Traumforschung ordnet die Entstehung der Träume dem sogenannten Unbewussten zu. Dieses umfasst, allgemein ausgedrückt, all das, was zu unserer Persönlichkeit gehört, ihr jedoch nicht oder noch nicht zugänglich ist. So regt der Traum unter psychologischem Gesichtspunkt das Selbstgespräch zwischen Bewusstem und Unbewusstem an. Das Unbewusste teilt sich dem bewussten Ich so mit, dass der wache Mensch seine Botschaft bewusst aufnehmen kann.

Das führt uns zur zweiten Frage nach dem Inhalt des Briefes, der im Traum geschrieben wird. Psychologisch betrachtet ist der Traum eine Sprache in Bildern. Der Traum enthält so etwas wie eine Botschaft, die wie ein Brief „gelesen“, also gehört, verstanden und aufgenommen werden will. In diesem Sinn sagt Ulrich Kühn sehr prägnant: „Für mich ist ein Traum:

a) eine Schöpfung des Unbewussten,

b) eine szenische Verdichtung von Sinneseindrücken und

c) eine Symbolisierung von Emotionen.“3

Diese These von Ulrich Kühn enthält verschiedene wichtige Aspekte zum Verständnis von Träumen:

Zum einen geht sie davon aus, dass das Unbewusste sich in den Traumbildern sehr kreativ äußert. Häufig sind die Traumbilder so gestaltet, dass vieles von dem, was in ihnen passiert, auch in der Alltagsrealität vorkommen könnte. Personen, Gegenstände und Handlungen könnten – mindestens zum Teil – tatsächlich auch so in der Alltagswelt vorkommen. Aber die Kreativität des Unbewussten zeigt sich darin, dass diese alltäglich bekannten Dinge in einer spezifischen Weise verarbeitet, umgestaltet und häufig in einen neuen Kontext gestellt werden. Während die Wirklichkeit ritualisiert und mehr oder weniger berechenbar ist, gilt dies für die Traumwelt nicht.

Zum andern sagt die These von Ulrich Kühn, dass im Traum Sinneseindrücke verarbeitet werden. Diese Eindrücke werden vom Unbewussten ausgesucht und szenisch verdichtet. Was wir sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen, kann im Traum aufgegriffen und verstärkt werden.

Schließlich bemerkt Ulrich Kühn in seiner These, dass Träume eine „Symbolisierung von Emotionen“ darstellen. Träume lassen sich als Gesichter unserer Gefühle und der mit ihnen verbundenen Kräfte verstehen. Sie sind Gefühle in (bewegten) Bildern. Von daher gilt: Begegnen wir unseren Träumen, so begegnen wir der Tiefe unseres Lebens, weil Gefühle Lebendigkeit und Tiefe in unser Leben bringen.

Träume sind ein Spiegelbild des Träumers; sie geben ihm ungeschminkt Einblick in sein Leben mit seinen häufig unverarbeiteten Erlebnissen. Sie geben Einblick in die Tiefenschichten unserer träumenden Persönlichkeit. Häufig führen sie vor Augen, was wir im Alltag vermeiden, was an konflikthaften Erlebnissen unverarbeitet geblieben ist oder wo wir einer einseitigen Lebensweise verfallen sind. Manchmal deuten sie auch zukünftige Lebensmöglichkeiten an, weisen auf ungenutzte Potenziale hin und unterstützen uns dabei, zu einem ganzheitlicheren Leben zu finden. Sie können mahnen oder warnen. So findet sich in Träumen beides: Auf der einen Seite Schreckliches und Gefahrvolles und auf der anderen Seite Schönes und Erfreuliches, was mit unseren Sehnsüchten und Wünschen zu tun haben kann. Sie können uns helfen, auf der psychologischen Ebene tiefer zu unserer Wahrheit zu finden und innerlich mehr ganz, mehr heil zu werden. So sind sie eine Art innerer Begleiter auf unserem Entwicklungsweg der Reifung.

Mit dem allem liefern Träume den Träumenden so etwas wie einen „Diskussionsbeitrag“4 des Unbewussten, der vom Bewusstsein aufgegriffen werden kann. Somit tragen sie zu einer vertieften Selbsterkenntnis bei, um möglicherweise unsere Lebensorientierung zu korrigieren. Das Spezielle dieses Diskussionsbeitrages besteht darin, dass er im Traum in einer Bildsprache präsentiert wird. Diese Bilder wollen verstanden werden. Und dazu bedarf es der Deutung. Die Frage der Traumdeutung ist entscheidend für die Frage danach, was Träume den Träumenden zu sagen haben.

Vor dem Hintergrund der soeben skizzierten psychologischen Zusammenhänge wird verständlich, warum Reinhold Ruthe und Lydia Ruthe-Preiss etwas überspitzt formulieren können: „Wer nicht träumt, lebt gefährlich.“5 Die Botschaft der Träume will im Leben der Träumenden aufgenommen und dadurch fruchtbar werden. Unter psychologischem Gesichtspunkt ist Ortrud Grön nur zuzustimmen, wenn sie sagt: „Träume können eindeutig sein oder so vielschichtig, dass sie kaum dechiffrierbar erscheinen. Nur eines sind sie nicht: bedeutungslos.“6 Und es wäre mehr als schade, wenn sie von den Träumenden ungehört und in ihrer wachstumsfördernden Dynamik ungenutzt blieben.

1.2 Einführung zum seelsorglichen Umgang mit Träumen

Oben habe ich die psychologische Dimension angesprochen, die auf das Unbewusste verweist. Nun muss die zweite Dimension in den Blick kommen, nämlich die theologisch-seelsorgliche.

Vor dem Hintergrund des christlichen Glaubens könnte man sich ja fragen: Warum sollen wir uns überhaupt mit unseren nächtlichen Träumen befassen, wo es Christen doch um Gott und sein Wort in der Bibel gehen sollte? Gibt es für Menschen, die im christlichen Glauben leben und Jesus Christus nachfolgen wollen, nichts Dringlicheres zu tun als sich mit ihren Träumen zu befassen? Oder anders gefragt: Gilt das, was im Hinblick auf Träume bisher gesagt wurde, nur für diejenigen, die dem christlichen Glauben fernstehen? Man könnte sich dabei auch auf Jeremia 23,25 f. berufen, wo der Prophet sich kritisch gegenüber den königstreuen Propheten äußert, die sich bei ihren Prophetien auf ihre eigenen Träume beriefen: „Mir hat geträumt, mir hat geträumt.“

Es geht bei diesen Überlegungen also um die Frage, ob, und wenn ja, wie Gott als Autor des Traumbriefes zu verstehen ist: Lässt er den Traum in einem „unmittelbaren Eingriff“ entstehen und was würde das für die Interpretation von Träumen bedeuten? Oder wirkt er irgendwie nur „teilweise“ bei der Traumentstehung im Unbewussten mit und was würde das dann für die Arbeit mit Träumen bedeuten? Weil dieses Buch primär vom seelsorglichen Umgang mit Träumen handelt, möchte ich auf die Frage eines geistlich begründeten Umgangs mit Träumen bereits an dieser Stelle ausführlicher eingehen.

Ich beginne mit der These, dass ein spezifisch seelsorglicher Ansatz im Umgang mit Träumen unter dem Anspruch steht, in zweierlei Hinsicht sachgerecht zu sein:

Er hat auf der einen Seite im Hinblick auf psychologische Einsichten zur Traumdeutung sachgerecht zu sein. Die Arbeit mit Träumen in der Seelsorge hat die psychologische Forschung nicht nur als notwendiges Übel zur Kenntnis zu nehmen, sondern verantwortlich einzubeziehen und fruchtbar zu machen. Immer wieder begegnet einem in der Praxis eines seelsorglichen Umgangs mit Träumen, die psychologische Deutungshilfen einbezieht, die Meinung: Das ist doch nur „psychologischer Kram“. Mit diesem Urteil im Hinterkopf würde sich ein Christ den Bezug zu einem psychologisch sachgerechten Umgang mit Träumen verstellen.

Auf der anderen Seite hat ein seelsorglicher Ansatz des Umgangs mit Träumen auch im Hinblick auf das Zentrum des christlichen Glaubens sachgerecht zu sein. Es wäre unangemessen, wenn bei einer seelsorglichen Bearbeitung von Träumen der Gottesbezug als „frommes Zeug“ praktisch ausgeklammert werden müsste. Ein Christ würde sich dann unkritisch an die Psychologie – egal welcher Schule – verkaufen.

Für einen im dargelegten Sinne doppelt sachgerechten Ansatz bietet sich das Zentrum des christlichen Glaubens an, nämlich der dreieinige Gott. Gehen wir diesem Geheimnis nach und betrachten es im Hinblick auf den seelsorglichen Umgang mit Träumen:

Der erste Glaubensartikel im apostolischen Glaubensbekenntnis formuliert: „Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Die gesamte Schöpfung wird hier als aus dem Willen Gottes entsprungen begriffen. Dazu gehört auch der Mensch. In diesem Sinne beginnt Martin Luther seine Erklärung zum ersten Glaubensartikel mit den Worten: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat …“ Und Luther entfaltet in der Fortsetzung: „… mir Augen, Ohren, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält …“ Wir können unter dem Gesichtspunkt unseres Themas diesen Gedanken dahingehend entfalten, dass Gott uns mit unserem Unbewussten geschaffen hat. Auf diesem Hintergrund wäre es befremdlich, wenn er mit unseren Träumen nichts zu tun hätte. Er hat uns die Fähigkeit mitgegeben zu träumen und uns damit verstehend zu beschäftigen. Und Gott hat den Menschen den Auftrag gegeben, sich „die Erde untertan“ (1. Mose 1,28) zu machen. Zu diesem Auftrag gehört das weite Feld der Wissenschaft, auch der psychologischen Wissenschaft. Unter diesem Auftrag kann der Christ offen mit Einsichten der Psychologie – auch denen der Traumforschung – umgehen. Das gilt auch für wissenschaftliche Einsichten, die von Forschern ohne Gottesbezug herausgefunden wurden, sofern sie innerhalb der wissenschaftlich gegebenen Grenzen bleiben. Die psychologische Wissenschaft kann zum Wesen des Menschen unter dem Gesichtspunkt seines Gottesbezugs nichts sagen. Mit dem Gesagten eröffnet sich dem christlichen Glauben vom ersten Glaubensartikel her die Freiheit, sich psychologische Erkenntnisse für den seelsorglichen Umgang mit Träumen fruchtbar zu machen.

Der zweite Glaubensartikel spricht das Bekenntnis zu „Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn“ aus. Im Tod Jesu für uns am Kreuz wird der Zustand der Welt und des Menschen unter der Sünde offenbar. Sünde ist Trennung von Gott. Der Mensch und die ganze Welt sind von dieser Trennung betroffen und leben im Aufstand gegen den lebendigen Gott. Von diesem Aufstand ist der Mensch in allen seinen Dimensionen betroffen, also in seiner physischen, psychischen und spirituellen Dimension. Auch die Fähigkeit zur wissenschaftlichen Arbeit ist von der Macht der Sünde bedroht; das gilt auch für die psychologische Wissenschaft. Auch die Fähigkeit des Menschen zu träumen wird immer wieder in diesen Sog der Trennung von Gott hineingezogen. Es gibt keinen Bereich im Menschen, der nicht von der Sünde betroffen wäre. Es ist eine in manchen christlichen Kreisen beliebte Denkfigur, das innerste Selbst, das sich aus dem Unbewussten in Träumen meldet, als einen göttlichen Kern zu betrachten. Unter dem Gesichtspunkt des biblisch-reformatorischen Glaubens ist die Rede vom „göttlichen Selbst“ oder vom „göttlichen Kern“ des Menschen nicht mitvollziehbar. In der Arbeit mit Träumen werden sich daher immer wieder Spuren der Sünde zeigen, die es in den Blick zu nehmen gilt.

Der zweite Glaubensartikel eröffnet zugleich mit dem Blick für die Sünde die Realität der Erlösung durch Jesus Christus. In seiner Auferweckung hat er die Macht der Sünde überwunden. Diese Realität hat heilvolle Konsequenzen für den Umgang mit Träumen. Der Mensch ist nicht auf die physischen oder psychischen Spuren der Sünde festgelegt. Das gilt zum einen für die selbst vollzogenen Sünden der Träumenden. Zum Beispiel weisen Träume immer wieder auf destruktive Haltungen der Träumenden sich selbst oder anderen gegenüber hin. Zum anderen weisen Träume ebenfalls immer wieder auf erfahrene Sünden der Träumenden hin, die sie von anderen her betreffen und unter denen sie zu leiden haben. Sehr eindrücklich zeigen das Träume, die mit traumatischen Erfahrungen in Verbindung stehen. Wenn im Traum solche Zusammenhänge ans Licht kommen, dann können sie mit der Erlösung durch Jesus Christus in Verbindung gebracht werden. Wo in Träumen Hinweise auf Sünde mit falschen Einstellungen oder Handlungen sich selbst oder anderen gegenüber auftauchen, können sie vor Jesus Christus gebracht werden und so zu einem Weg der Umkehr führen. Wo Träume den Träumer auf durch andere erlittene Sünden und deren Folgen hinweisen, können diese Zusammenhänge – häufig in einem längeren Prozess – in die heilende Gegenwart des auferstandenen Christus gebracht werden. Das Traumgespräch bekommt daher unter dem Blickwinkel des zweiten Glaubensartikels einen realistischen Blick für die von der Sünde geprägten Zusammenhänge sowie für die vergebende, heilende und erneuernde Gegenwart des auferstandenen Gekreuzigten.

Im dritten Glaubensartikel bekennt sich die Gemeinde Jesu zum Heiligen Geist. Der Geist Gottes ist der uns gegenwärtig zugewandte und diese Welt erneuernde Gott. Er ist Gott, der auch unsere verborgenen Tiefen gestaltet. Das betrifft die seelsorgliche Arbeit mit Träumen in verschiedener Hinsicht:

Zum einen rechnen Glaubende damit, dass der Heilige Geist bis in das Unbewusste hineinwirkt. Wann und wie das geschieht, steht nicht in der Verfügung der Träumenden oder derer, die die Traumarbeit begleiten. Es ist jedoch immer wieder zu erleben, dass Träume in bildhafter Weise so etwas wie einen Abdruck des Wirkens Gottes durch seinen Heiligen Geist darstellen. Es gibt kein „christliches Unbewusstes“. Wir haben mit allen Menschen, auch mit denen, die nicht an Gott glauben, das Unbewusste gemeinsam. Wenn jedoch ein Mensch sein Leben ihm ganz anvertraut, dann vertraut er sich auch mit seinem Unbewussten dem lebendigen Gott an. Hier wird deutlich, dass Gott der Heilige Geist sich in seinem Wirken auf Gott den Schöpfer rückbezieht, dass also der dritte Glaubensartikel auf den ersten bezogen ist. Unter diesem Gesichtspunkt gibt auch der dritte Glaubensartikel eine Freiheit im Umgang mit Einsichten der Psychologie zur Traumdeutung.

Ferner ist dem Artikel über den Heiligen Geist das ganze Gebiet der Offenbarungsträume zugeordnet. Es gibt ernst zu nehmende Berichte von Offenbarungen Gottes in Träumen. Darauf wird im Abschnitt 6.6 eingegangen.

Der Bezug auf den Heiligen Geist setzt zugleich eine Grenze im Hinblick auf einen selbstherrlichen Umgang mit Träumen. Das Wirken des Heiligen Geistes ist nicht machbar. Hier sind die Menschen, die sich auf Gottes Geist verlassen, radikal (= an die Wurzel gehend) vom lebendigen Gott abhängig. Die Begrenzung, die mit dem Bezug auf den Heiligen Geist gegeben ist, macht eine prinzipielle Leugnung der Wirksamkeit Gottes in Träumen unmöglich. Wenn dies von psychologischer Seite her geschähe, müsste das klar als Grenzüberschreitung psychologischer Kompetenz bezeichnet werden.

Weiter können diejenigen, die als Christinnen und Christen Träume in der Traumarbeit einbringen, und diejenigen, die sie zu bearbeiten helfen, mit aktuellen Impulsen des Heiligen Geistes für das Verständnis von Träumen rechnen. Das kann sich zum Beispiel unspektakulär darin ereignen, dass sich in einem Gespräch, in dem der Heilige Geist einbezogen wird, bei einem zunächst unverständlich erscheinenden Traum eine überraschende Klarheit zeigt. Oder es kann durch den Heiligen Geist zu einem deutlichen inneren Eindruck kommen, den ein Ratsuchender oder Begleiter als deutendes Reden Gottes zum Verstehen eines Traumes erlebt.

Schließlich kann der Heilige Geist bewusst erbeten werden, wenn es darum geht, die Einsichten und Hinweise eines Traumes im praktischen Lebensvollzug umzusetzen. Der Heilige Geist bewirkt immer wieder durch Träume Prozesse der Heiligung und Verwandlung in denen, die Jesus nachfolgen. Dieser Zusammenhang wird uns noch im Abschnitt 6.5 ausführlicher beschäftigen.

Fassen wir den Ertrag der theologisch-geistlichen Begründung für das geistliche Verstehen von Träumen und die Verwendung psychologischer Einsichten im seelsorglichen Umgang mit ihnen zusammen:

– Die Begründung ist mit dem Glauben an den dreieinigen Gott gegeben. Gott der Schöpfer hat den Menschen mit dem Unbewussten geschaffen. Er hat ihm die Fähigkeit zu träumen geschenkt. Das schenkt uns die Freiheit, psychologische Einsichten zur Traumdeutung in die seelsorgliche Begleitung einzubeziehen.

– Jesus Christus schenkt mit seiner Erlösung einen nüchternen Blick für die Realität der Sünde sowohl in einer sich selbst überhöhenden Wissenschaft als auch in Träumen. Und er öffnet die Tür zu Heilung, Verwandlungsprozessen und zur Vergebung.

– Der Heilige Geist bezieht sich auf Gottes Schöpfung, wozu auch das Unbewusste und die Träume gehören, und hilft, sie im Sinne der Heiligung aufzugreifen und zu leben. Der Heilige Geist kann darüber hinaus auch Offenbarungsträume schenken, die ein rein psychologisches Verstehen von Träumen übersteigen.

Vor dem Hintergrund des soeben Dargelegten ist nun eine theologisch begründete anthropologische Standortbestimmung möglich. Mit der Grafik versuche ich sie anschaulich zu machen.


Die Abbildung versucht, die Verbindung (und Unterscheidung) der psychischen Verfasstheit des Menschen bei gleichzeitiger Bezogenheit auf die Realität Gottes (und der Sünde) im Hinblick auf einen seelsorglichen Umgang mit Träumen zu veranschaulichen:

Der kleinste Kreis stellt das Bewusstsein dar, also das, was sich im Laufe der Entwicklung an Ich-Bewusstsein entwickelt hat. Das Unbewusste umgibt das Bewusstsein als ein größeres Ganzes.7 Zwischen dem Ich-Bewusstsein und dem Unbewussten besteht ein vielschichtiges Verhältnis von wechselseitiger Beeinflussung. Vielschichtige Eindrücke des täglichen Lebens erreichen das Unbewusste, und umgekehrt kommen Impulse aus dem Unbewussten ins Bewusstsein. Der Doppelpfeil weist auf diesen wechselseitigen Austausch hin. Man kann nun sagen, dass die Träume an der Grenze zwischen dem Ich-Bewusstsein und dem Unbewussten angesiedelt sind. Sie greifen in ihrer Bildwelt Eindrücke des Bewusstseins auf und gestalten sie vom Unbewussten her in spezifischer Weise um.

Das Ich-Bewusstsein und das Unbewusste werden von der Realität Gottes und von der Realität der Sünde umgriffen, in der Grafik mit einem hellen und einem dunkelgrauen Ring symbolisiert. Beide Realitäten stehen in Verbindung mit dem Bewusstsein und dem Unbewussten und wirken auf sie ein; diese Verbindung deuten die gestrichelten Pfeile an. Der helle Ring umgreift den dunkelgrauen: Die Realität Gottes und seine Erlösung überwinden die Realität der Sünde, auch wenn damit die Sünde noch nicht endgültig bedeutungslos geworden ist. Der helle Ring, der den dunkelgrauen umfasst, soll die Wahrheit des paulinischen Wortes aus Römer 5,18 darstellen: „Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.“

Freilich ist bei dieser Darstellung eine Abgrenzung nötig: Wenn in der grafischen Darstellung die Realität der Sünde von der Realität Gottes umschlossen dargestellt ist, soll damit nicht gesagt werden, dass das Böse und der Böse in Gott selbst hineingenommen sind. Diese Vermischung von Gut und Böse in Gott wird von Carl Gustav Jung und seiner Schule vertreten; darauf wird in Abschnitt 6.4.1 bis 6.4.6 näher eingegangen. Eine solche Vorstellung entspricht nicht dem biblischen Denken. Ihr soll durch die grafische Darstellung nicht Vorschub geleistet werden; darin liegt eine Grenze der Darstellung. Hier geht es lediglich um die Aussage, dass die Sünde nicht neben oder über Gott steht, sondern ihm untergeordnet ist.

Das soeben Dargelegte hat unmittelbare Folgen für die Arbeit mit Träumen innerhalb der Seelsorge: Diese Arbeit will in einer Wachsamkeit für die Beziehung zur Realität des gegenwärtigen Gottes und zur Realität der Sünde getan werden. In der Symbolwelt der Träume werden sich immer wieder Spuren des Wirkens Gottes und Spuren der Sünde erschließen lassen. Diese Spuren sind zumeist nicht in unmittelbar religiösen Symbolen, sondern häufig in andeutenden Bildern und Handlungszusammenhängen im Traum zu erschließen und warten darauf, aufgegriffen und verarbeitet zu werden.

So können Träume in der seelsorglichen Begleitung eine wichtige Hilfe sein, den roten Faden im (geistlichen) Leben zu finden, zeigen sie doch häufig sehr eindrücklich und einprägsam, wo die Seele der Ratsuchenden steht und was für sie in den Blick zu nehmen ist. Immer wieder ermöglichen Träume beeindruckende Einblicke in das Wesen eines Menschen und zeigen sich dabei in ihren Urteilen als unparteiische Quelle der Information über den Zustand der Seele. Sie weisen ebenso auf Wachstum und Verwandlung wie auf Stillstand und ungesunde Orientierung der Träumenden hin. Es zeigt sich, dass unter geistlichem Gesichtspunkt Gotteserfahrung und Selbsterfahrung zusammengehören; beides ist zwar zu unterscheiden, aber nicht zu trennen. Sehr treffend bemerkt in dieser Richtung Ulrich Kühn: „Zum ganzheitlichen Glauben gehört demnach, auch das einzubeziehen, was unbewusst ist und etwa durch Träume bewusst werden kann. Ganzheitlich glauben heißt für mich, den verdrängten und abgespaltenen Teilen der Persönlichkeit zu begegnen und – wenn sie ins Bewusstsein drängen – sie nicht länger abzuwehren.“8 Wenn ich offen bin für das, was meine Träume anzeigen, werden sich immer wieder beide Erfahrungsweisen von psychischer Befindlichkeit und geistlicher Realität miteinander verbinden. Das, was ich wahrnehme, will an der Hand Gottes aufgenommen und ausgehalten werden – auch dort, wo es Unangenehmes und Unheiles in mir betrifft. Dieser ehrliche Blick auf sich selbst ist umschlossen vom liebevollen Anblick Gottes, der ohnehin weiß, was in mir alles schlummert. Zugleich gilt: Träume zwingen uns nichts auf und sie legen uns nicht negativ fest. Sie sind eine gute Gabe Gottes auch dort, wo sie uns zu einer nüchternen Selbsterkenntnis aufrufen. Indem wir sie annehmen, helfen sie uns zu geistlichem und menschlichem Wachstum.

2.
Exkurs in die Schlafforschung und Neurobiologie der Träume

Die menschliche Fähigkeit zu träumen ist psychophysisch hochkomplex. Es ist ebenso interessant wie hilfreich, sich einige grundlegende Zusammenhänge dieses Geschehens klarzumachen. Ich bin kein Spezialist in neurologischen Fragen. Deshalb werde ich mich mit den neurobiologischen Zusammenhängen nur so weit befassen, wie es mir für den Zusammenhang dieses Buches relevant erscheint.9

2.1 Ein Blick auf die Schlafforschung

In den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts hat die Traum- und Schlafforschung entdeckt, dass der nächtliche Schlaf sich in Rhythmen vollzieht. In regelmäßigen Abständen treten Schlafphasen mit raschen Augenbewegungen, die sogenannten REM-Phasen (Abkürzung für rapid eye movement) auf. Im REM-Schlaf zeigt sich im Gehirn eine hochfrequente Aktivität, die der im Wachzustand ähnelt. Deshalb bezeichnet man diese Schlafphase auch als „paradoxen Schlaf“. Während des REM-Schlafs ist eine vollkommene Entspannung der Muskulatur festzustellen mit Ausnahme der Atem- und Augenmuskulatur. Auf diese Weise kann die hohe Aktivität im Traumgeschehen nicht unbeabsichtigt in Körperbewegungen umgesetzt werden.

Die REM-Phasen, die zehn bis 60 Minuten dauern können, werden von den sogenannten Non-REM-Schlafphasen unterschieden. Ein gesamter Schlafzyklus, der beide Phasen umfasst, dauert ca. 90 Minuten. In der ersten Nachthälfte dominieren der Tiefschlaf-, gegen Ende der Nacht die REM-Phasen. Die Non-REM-Schlafphasen sind von unterschiedlich tiefem Schlaf gekennzeichnet. Mit zunehmender Schlaftiefe sinkt in der Non-REM-Phase die Herzfrequenz ab. Die Schlafforschung hat inzwischen festgestellt, dass wir sowohl in REM-Phasen als auch in Non-REM-Phasen träumen, dass die Träume in den beiden Phasen jedoch eine deutlich andere Qualität haben: Während Träume in der REM-Phase lebendig, bildhaft, emotional und häufig mit dem Vorherrschen des Visuellen verbunden sind, erscheinen Träume in der Non-REM-Phase kürzer, rationaler und logischer aufgebaut. Letztere sind dem Wachdenken ähnlicher.

Zu Testzwecken wurden Schläfer über mehrere Nächte hinweg konsequent geweckt, wenn das EEG (Elektroenzephalogramm) den Beginn eines Traumes anzeigte. Dabei zeigte sich: Wird eine Person über längere Zeit am Träumen gehindert – wohl gemerkt am Träumen und nicht am Schlafen –, treten bei Tage zunächst Ängste, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, bei längerer Traumverhinderung dann Bewusstseinsstörungen und Halluzinationen auf. Die Testpersonen wurden mehr und mehr depressiv. Die Gefahr, bei einem Verkehrs- oder Arbeitsunfall zu verunglücken, stieg um das 2,5-Fache. Nach etwa spätestens sieben Nächten mit andauerndem Traumentzug erfolgte ein totaler seelischer Zusammenbruch, dem Zustand einer Psychose vergleichbar. Ohne eine lebensbedrohliche Gefährdung der Versuchspersonen zu riskieren, ließ sich das Experiment nicht fortsetzen.

Weiter konnte festgestellt werden, dass diese Personen nach Beendigung der Testphase in den Nächten nach dem Traumentzug eine vermehrte Traumaktivität aufwiesen; in den ersten Nächten stiegen die Traumphasen von vorher 19 auf 28 Prozent. Die Versuchspersonen verschafften sich also, vereinfacht formuliert, so etwas wie einen Ersatz für die in der Nacht zuvor gestohlenen Träume.

Diese Versuche machen auf eindrückliche Weise deutlich, dass die Traumtätigkeit einen Sinn haben muss. Sie ist eine psychische Notwendigkeit für eine Bewusstseinsklarheit im Wachzustand. Allgemeiner gefasst: Körperliches Ausruhen im Schlaf und Träumen sind nicht dasselbe. Das Träumen ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung des seelischen Gleichgewichts. Das gilt selbst dann, wenn die Träume nicht erinnert werden können.

2.2 Der neurobiologische Hintergrund von Träumen

Machen wir uns nun noch einige neurobiologische Zusammenhänge klar, die die Traumforschung herausgefunden hat:

Wir wissen heute, dass der Wach- und der Schlafzustand von zwei verschiedenen Gehirnzentren gesteuert werden, die beide im Hirnstamm, dem ältesten Teil des Gehirns, lokalisiert sind. Im Wachzustand ist das Wachzentrum aktiv. Es bewahrt uns, solange es aktiv ist, vor dem Einschlafen. Solange dies geschieht, haben wir auch Zugang zu unserer Motorik. Im Schlafzustand dominiert das Schlafzentrum. Im Schlaf bestehen andere neuronale Verbindungen zwischen einzelnen Hirnregionen und -funktionen als im Wachzustand. Dies möchte ich jetzt skizzieren, weil diese neurobiologischen Einsichten helfen können, ein vertieftes Verständnis für die Bedeutung von Träumen zu erschließen. Am Träumen sind nach Michael Ermann10 verschiedene Regionen des Gehirns beteiligt:

– Das Frontalhirn, also das Stirnhirn: Hier befindet sich in der weißen Substanz oberhalb der Augenhöhlen ein Bündel von Nervenfasern, von dem aus die Traumtätigkeit durch Ausschüttung der Überträgersubstanz Dopamin in den übergeordneten Hirnregionen ausgelöst wird. Diese Substanz motiviert das, was ganz allgemein als Begehren, also die Libido, bezeichnet werden kann. Die Region des Frontalhirns kann man als Motivationssystem bezeichnen.

– Die beiden seitlichen Partien des Gehirns oberhalb der Ohren, die Temporallappen: Hier befindet sich die Region, in der Wahrnehmungen zu Gedanken und Erinnerungen weiterverarbeitet und wieder abgerufen werden können. Sie gelten als das Gedächtnis- und Wahrnehmungssystem.

– Das Zwischenhirn im Innern, das den Hirnstamm mit dem Neuhirn (der Hirnrinde) verknüpft: In dieser Region sind vornehmlich der Hippocampus, der die Form eines Seepferdchens hat, und die Amygdala, der Mandelkern, an der Gestaltung von Träumen beteiligt, die zum Beispiel für die Affektivität in Träumen zuständig sind. Man kann auch von einem Emotionssystem sprechen.

Es zeigt sich also, dass die psychologisch bedeutenden Gehirnregionen des Begehrens, der (emotionalen) Verarbeitung von Informationen und der Verwaltung der Erinnerungen an Erfahrungen an der Traumentstehung maßgeblich beteiligt sind und hoch differenziert zusammenwirken. Parallel dazu sind die für die motorische Aktivierung zuständigen Regionen beim Träumen deaktiviert.

Neurophysiologisch betrachtet kann man das Gedächtnis als einen dynamischen Zustand von elektrisch messbarer Aktivität verstehen. Träumen führt zu Veränderungen dieses Zustandes, indem funktionelle Verknüpfungen aktiviert oder neu geschaffen werden. Die biologische Basis ist der Transfer von elektrischer Aktivität zwischen den Nervenzellen. Träumen (und Entsprechendes gilt auch für das Lernen) bewirkt eine Veränderung der elektrischen Potenziale des Gehirns. Diese Änderungen können von langer Dauer sein, sind aber zugleich auch veränderbar. Das Gehirn befindet sich demnach – und das gilt auch für die Gehirnaktivität beim Träumen – auf der einen Seite in einem Zustand von relativ hoher Konstanz, auf der anderen Seite kommt es kontinuierlich zu Neuverschaltungen in den Synapsen. Darin ist begründet, dass es bis ins hohe Alter möglich ist, zu lernen.

Veränderung ist einerseits Zuwachs an Neuverschaltungen in den Synapsen, andererseits bedeutet sie Umbau vorhandener Verschaltungen. Durch neue neuronale Verknüpfungen findet im Gehirn während des Schlafs eine sukzessive Umorganisierung statt. Das Träumen verändert also das Gehirn, und diese Veränderung hat wiederum Auswirkungen auf das Träumen. Solche Veränderungen geschehen das ganze Leben lang. Allerdings geschehen sie sehr langsam. Aus diesen Einsichten ergibt sich für das Verständnis der Funktion von Träumen, dass sie als eine besondere Form des Lernens zu sehen sind, die das Gedächtnis sukzessiv modifiziert.

Für das Verstehen der Bedeutung unserer Traumfähigkeit ist die Unterscheidung zwischen zwei Arten von Gedächtnisaktivitäten wichtig:

– das prozedurale (auch „implizite“) oder „Prozessgedächtnis“

– das deklarative (auch „explizite“) oder „Inhaltsgedächtnis“.

Das prozedurale Gedächtnis enthält Wissen über das Wie von Informationen, das deklarative über das Was. Beim Träumen werden zwar beide Arten von Informationen aufgerufen, es überwiegen jedoch diejenigen des impliziten Prozessgedächtnisses. Der Traum interessiert sich sozusagen mehr für die Informationen über das Wie, also den Modus von Erfahrungen, Handlungen und Beziehungen. Diese Informationen sagen uns, „wie etwas geht“ oder wie man etwas macht, zum Beispiel wie man lernt, spricht oder sich in Beziehung setzt. Dieses „selbstverständliche“ Wissen haben wir uns irgendwann zum Teil in frühester Kindheit angeeignet und wissen doch nicht, wo und wie. Das implizite Gedächtnis arbeitet nicht begrifflich, sondern es ist in somatisch-affektiven Zuständen strukturiert. In ihm lagert auch der wesentliche Teil des Beziehungswissens, das durch frühe Entwicklungsprozesse und Bindungserfahrungen mit den Eltern angelegt ist. Beim Träumen ist das gesamte limbische System mit der Amygdala hoch aktiv. Darin liegt, neurologisch betrachtet, der grundlegende Bezug des Traumes zur Emotionalität begründet. Diese Regionen sind unter anderem für die Basisemotionen wie zum Beispiel Lust, Wut, Furcht, Panik verantwortlich.

Was sagen diese Einsichten über die Bedeutung unserer Fähigkeit zu träumen? Die neurobiologische Funktion der Träume ist in zweifacher Hinsicht zu bestimmen:

Zum einen besteht der wesentliche Nutzen der Träume in der Steigerung der Lern- und Gedächtnisleistung. Schlaf und Traum haben Bedeutung für die Lernfähigkeit und die Gedächtnisbildung. Während des Tages Gelerntes wird nur im Schlaf sicher ins Langzeitgedächtnis überführt und damit wirklich dort integriert. Der Hippocampus, der vielfältig mit dem unser Denken ermöglichenden Kortex verknüpft ist, aktiviert im Schlaf die tagsüber gelernten Inhalte und leitet sie an die Hirnrinde weiter. In dieser internen Nachverarbeitung werden die im Hippocampus nur temporär bewahrten Engramme in den Langzeitspeicher des Kortex überführt. Zugleich werden dabei nicht mehr benötigte Daten gelöscht, was zur Entlastung des Gedächtnisspeichers führt. Spitzer drückt es bildhaft aus: „Der Hippocampus fungiert im Schlaf als Lehrer des Kortex.“11

Zum andern besteht der Nutzen des Traumes in der emotionalen Neubewertung und Bearbeitung von bereits bestehenden Inhalten. Im Traum können Informationen aus ganz verschiedenen Wahrnehmungs- und Erinnerungsbereichen miteinander neu verknüpft werden. Im Schlaf und Traum herrscht daher eine andere Logik und eine andere Affektivität als im Wachen, die uns nach dem Aufwachen häufig fremd erscheinen. Weil im Traumzustand andere Informationen zugänglich sind, die im Wachzustand nicht zur Verfügung stehen, entwickelt das Gehirn im Traum andere Verarbeitungsstrategien als im Wachzustand. Alte und neuere negative affektgeladene Erfahrungen werden auf diese Weise zur „Wiedervorlage“ gebracht, verarbeitet und gespeichert. Dabei werden neue Zusammenhänge innerhalb des vorhandenen Wissens und Sinngebungen von Erfahrungen möglich und zugänglich. In solchen Prozessen können Kindheitserinnerungen mit gegenwärtigen Erfahrungen in Verbindung gebracht werden. Der Schlafende kann auf diese Weise über einen längeren Zeitraum seine Biografie mehrmals durchgehen. Diese Einsicht ist für die Verarbeitung von psychischen Verletzungen und traumatischen Erfahrungen bedeutsam: Träume sind dafür heilsam und lebensnotwendig. Außerdem können so zukünftige Handlungsmuster und -varianten, Entwicklungsrichtungen der Persönlichkeit und schöpferische Ideen entstehen. Neues kann in diesem Prozess zum Vertrauten werden. Von daher kann man das Träumen mit gutem Grund als Gedächtnisarbeit im Schlaf bezeichnen, in dem wichtige Lernprozesse ablaufen. So trägt der Traum dazu bei, die Anpassung an neue Situationen zu verbessern, psychisches Wachstum zu fördern und weitergehende Entwicklungsschritte zu ermöglichen.

Das eine oder andere Ergebnis, das das nächtliche Kopfkino in den vielschichtigen neuronalen Prozessen im Traum hervorbringt, kann und will im Wachzustand fruchtbar werden, indem es vom Bewusstsein aufgegriffen wird. Das soll in den kommenden Abschnitten entfaltet werden.

3.
Verschiedene Wege der Traumdeutung

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Träumen hat vor über hundert Jahren begonnen. Das heißt jedoch nicht, dass die Jahrhunderte davor Träume nicht beachtet worden wären – ganz im Gegenteil. Was all den älteren Traumlehren gemeinsam war, ist ihr zumeist überindividueller Ansatz; das wird uns noch in Abschnitt 6.1 beschäftigen. Sie alle betrachten Träume als Ausdruck transzendenter, schicksalhafter oder mystischer Kräfte. Man sah die Träumenden als Sprachrohr jenseitiger oder überzeitlicher Botschaften. Mögliche individuelle Motive wurden selten in den Blick genommen, weil sie als nicht relevant angesehen wurden. Das Gemeinsame der überindividuellen Traumtheorien ist, vereinfacht formuliert, dass die Träume gleichsam ohne den Träumer gedeutet wurden.

Unter Punkt 1.2 wurde dargelegt, dass ein seelsorglicher Umgang mit Träumen in psychologischer und theologischer Hinsicht sachgerecht sein soll. Soll er in psychologischer Hinsicht sachgerecht sein, muss er die psychologischen Ansätze im Umgang mit Träumen in den Blick nehmen. Dies soll in den folgenden Abschnitten geschehen, indem eine kurze Darstellung der prägenden Schulen gegeben wird. Es kann dabei nur um eher skizzenhafte Einblicke in die Kernanliegen einiger prägender Ansätze gehen, um beispielhaft mitvollziehbar zu machen, welche Ansätze hinter dem hier vorgestellten Umgang mit Träumen stehen.

3.1 Sigmund Freud (1856–1939)

Freud steht für die älteste und damit längste Tradition der modernen professionellen Beschäftigung mit Träumen.12 Er blickte als Arzt auf den Traum und nahm ihn vorwiegend in seinen Bezügen zur seelischen Krankheit wahr. Das Verständnis der Träume ist bei Freud Teil des von ihm entwickelten Gesamtkonzeptes der Psychoanalyse. In diesem Gesamtrahmen stellte er die Entstehung, Funktion und Bedeutung von Träumen auf eine theoretische Grundlage.

Freud war der Ansicht, dass der Ursprung der Träume die halluzinatorische Erfüllung unbewusster sexueller Wünsche wäre. Der Traum würde dafür Symbole verwenden, die den Träumenden die ganze Unerfreulichkeit all ihrer primitiven sexuellen und aggressiven Triebe verbergen wollten. Um die Träumenden vor der Dynamik der verbotenen andrängenden sexuellen Triebe zu schützen, fungiert, Freud zufolge, der Traum, der im Vorbewussten zwischen den triebhaften Teilen des Unbewussten und dem Bewusstsein liegt, als „Hüter des Schlafes“. So bietet der Traum die von Scham besetzten Wünsche nur verschlüsselt dar. Dabei kommt es im Traum zu Symbolbildung, Dramatisierung, Verschiebung (eine Person in der Realität kann durch eine andere ersetzt werden), Verdichtung (zwei getrennte Situationen/Personen können durch eine einzige repräsentiert werden), Umkehrung (ein Mann kann z. B. durch eine Frau dargestellt werden oder umgekehrt) und zur Umwertung von psychischen Werten. Ein Symbol kann also für etwas ganz anderes, ja sogar Gegenteiliges stehen und so den Träumer täuschen. Vor diesem Hintergrund unterscheidet Freud zwischen dem manifesten, also offenkundigen, und dem latenten, also verborgenen Trauminhalt, wobei für ihn der latente Trauminhalt das eigentliche Traumthema enthält, das jedoch unbewusst bleibt. Im manifesten Traum erscheint der latente Trauminhalt zensiert, also von der unbewussten Traumzensur unkenntlich gemacht.

Kennzeichnend für die psychoanalytische Traumdeutung ist die freie Assoziation: Der Träumer soll spontane Einfälle zum Thema und zu den Gestalten des Traums äußern. Auf diese Weise vermag Freud auch Details der Träume in der Deutung zu erfassen. Er leitet so zur Begegnung der Träumenden mit ihrem Traum von innen her an. In der Assoziation und ihrer Deutung durch den Therapeuten ereignet sich die Spurensuche vom manifesten zum latenten Trauminhalt; das ist für Freud die eigentliche Traumarbeit als „Via Regia“ (Königsweg) zum Unbewussten.

Was ist nun zum psychoanalytischen Umgang mit Träumen zu sagen?

Der auf den einzelnen Träumer zentrierte Ansatz hat in jedem Fall seine volle Berechtigung; er ermöglichte einen grundlegend neuen Umgang mit Träumen. Das Verständnis des menschlichen Seelenlebens wurde dadurch enorm vertieft. Freud hat das Verständnis für das Unbewusste angestoßen.

Nehmen wir die Grenzen dieses Ansatzes in den Blick, so sind fünf zu nennen:

– Für Freud bleibt der Träumer auf den Fachmann angewiesen. Ohne die „detektivische“ Arbeit des Psychoanalytikers ist das tiefere Anliegen des Traums kaum zu erkennen. Dabei kann ein heikles Machtgefälle entstehen: Der Träumer ist dem deutenden Fachmann in gewisser Weise ausgeliefert und es entsteht eine Abhängigkeit zum Experten, wenn der Träumende die „richtige“ Deutung seines Traumes erfahren will.

– Der sogenannte manifeste Traum hat nach Freuds Lehre zumeist eine andere Bedeutung als der sogenannte latente Trauminhalt: Dagegen zeigt es sich in der Praxis der Traumdeutung, dass der von Freud als manifest bezeichnete Trauminhalt gerade der eigentliche Inhalt ist. Die Theorie der Verhüllung in Traumbildern hatte geradezu einen schädlichen Einfluss auf den Umgang mit Träumen, weil sie die Vorstellung verbreitete, Träume seien darauf aus, uns zu täuschen. Wie starr das psychoanalytische Verständnis des Traumes werden kann, zeigt die Äußerung Fritz Morgenthalers: „Das, was im manifesten Traum erinnert wird, kann niemals der Ausdruck des Unbewussten sein.“13 Mit einer solchen starren Theorie tut man den Träumen Gewalt an. Der Traum verbirgt nicht das, was er sagt, sondern er „entbirgt“ es in seinen Symbolen und Szenen; er täuscht nicht, sondern offenbart Wahrheit. Verschleierung ist eher eine Funktion der wachen Psyche, nicht die des Traumes.

– Fragen ergeben sich auch im Hinblick auf eine von Freud intendierte einseitige sexuelle Auslegung der Träume: Sicher kommen sexuelle Symbole immer wieder zur Sprache. Aber die Traumdeutung einseitig auf die Verdrängung sexueller Wünsche hin auszurichten, ist für viele Träume unangemessen.

– Freud hat die kausale Annäherung an Träume ins Zentrum seines Interesses gerückt, weil seine ganze psychologische Theorie sich auf das Es konzentriert. Das führt leicht dazu, den möglichen prospektiven, den auf das Zukünftige gerichteten Aspekt in den Träumen zu übersehen. Dieser ist häufig im Hinblick auf Entwicklungsmöglichkeiten der Träumenden sehr fruchtbar.

– Zu den Grenzen des freudschen Umgangs mit Träumen gehört schließlich seine Einstellung zur Religion. Diese Grenze ist gerade vor dem Hintergrund der seelsorglichen Fragestellung dieses Buches zu erwähnen. Es ist, wie weiter unten dargelegt werden wird, sehr angemessen, für religiöse Aspekte in den Träumen bewusst offen zu sein.

3.2 Alfred Adler (1870–1937)

Blickte Freud in seiner Traumdeutung überwiegend in die biografische Vergangenheit des Träumers, interessierte sich Alfred Adler14 für die zukünftigen Ziele, die sich im Traum zeigen. Adler sieht im Traum eine Bewegung vom Heute zum Morgen und sieht die Beziehungsgestaltung der Träumer als fundamental. Der Begründer der Individualpsychologie befasste sich in diesem Zusammenhang schwerpunktmäßig mit dem Streben nach Macht, der Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls und der Bewältigung von Lebensaufgaben. Die Mischung dieser drei grundsätzlichen Lebensabsichten bildet das „Gemeinschaftsgefühl“ des Menschen; dieser Begriff ist für die Individualpsychologie grundlegend. Er ist individuell geprägt und wird in dieser Psychologie als der persönliche Lebensstil bezeichnet.

In diesem Rahmen interpretiert Adler die Träume: In seinem Umgang mit Träumen rückte Adler von Freuds Gedanken eines latenten Traumwunsches ab und verstand den manifesten Traum als Ausdruck des Lebensstils. Der Traum setzt den Lebensstil des Träumers in Szene. Man kann sagen, dass der Traum so etwas wie ein bildhafter Kommentar zur aktuellen Lebenssituation des Träumers darstellt. Entsprechend hat die Traumdeutung die Aufgabe, den Lebensstil der Träumenden, gleichsam das Bewegungsgesetz mit seinen in der Kindheit entwickelten Grundmustern, zu erschließen. So sagt der Traum für Adler zentral etwas über unser Denken, Fühlen und Handeln aus. Dabei kommen die Lebens-Grundüberzeugungen und die Ziele ans Licht, die etwas über die Ansichten des Träumers sagen, wie er sein Leben führt und Verantwortung wahrnimmt. Diese Lebens-Grundüberzeugungen können lebensfördernd oder – leider weitaus häufiger – lebensbehindernd wirken. Der Traum kann auf unbewusste neurotische und irrige Ziele hinweisen. Dazu kann die immer wieder auftauchende Strategie gehören, aus einem Empfinden von Minderwertigkeit oder Unvollkommenheit heraus unbewusst überwertige Lösungen anzustreben, um doch noch eine Überlegenheit oder die ersehnte Übervollkommenheit zu erreichen.

Zwei Fragen prägen das individualpsychologisch geführte Traumgespräch:

– In welcher Weise lässt der Traum den Lebensstil des Träumenden erkennen? Was sind seine Lebensziele und Absichten?

– Was sagt der Traum über das Verhältnis des Träumers zur Gemeinschaft?

Mit der Hilfe dieser beiden Fragestellungen sollen die Träumenden dazu geführt werden, neurotische Ziele zu erkennen und einen dysfunktionalen Lebensstil zu verändern.

Was ist zum individualpsychologischen Umgang mit Träumen zu sagen?

– Auf der positiven Seite hat Adler dazu beigetragen, die Engführung, die mit der Traumdeutung Freuds gegeben war, zu überwinden. Viele Träume lassen sich nicht auf ein sexuelles Problem hin deuten. Da erweist es sich als eine hilfreiche Blickerweiterung, in den Träumen den Lebensstil der Träumenden herauszuarbeiten.

– Adler hat ferner mit seiner Traumdeutung die soziale Verfasstheit des Menschen zentral in den Blick genommen. Mangel, Minderwertigkeit und Macht sind Faktoren, die stark emotional besetzt sind und in Träumen auf vielfältige Weise ihren Ausdruck finden.

Blicken wir auf die Grenze der individualpsychologischen Traumdeutung:

– Adlers Deutung der Träume hat eine erneute Einengung mit sich gebracht: Träume alleine unter dem Blickwinkel des Lebensstils und des Gemeinschaftsgefühls zu betrachten, schließt wichtige Bedeutungsgehalte der Träume aus. In Träumen können z. B. Emotionen betreffende Symbole erscheinen, die nicht auf die Hauptthemen der Individualpsychologie zu „trimmen“ sind. Gerade Träumen, in denen sich das Elend des Lebens unmaskiert zeigt, kann mit der einengenden Frage nach dem sich zeigenden Lebensstil eine Form von Gewalt angetan werden.

3.3 Carl Gustav Jung (1875–1961)

Die Traumtheorie C.G. Jungs15 ist vor dem Hintergrund und in Abgrenzung von Freuds Traumtheorie zu verstehen; Jung arbeitete ca. neun Jahre mit Freud zusammen, bis es 1912 zum Bruch zwischen den beiden kam. Dieser Bruch hat mehrere Gründe; führen wir uns die wesentlichen Unterschiede in der Traumtheorie beider vor Augen:

Während Freud sich vorwiegend für Träume kranker Menschen interessierte, waren für Jung die Träume Gesunder ebenso wichtig. Für Freud verhüllten Träume das Unbewusste, während sie für Jung dieses enthüllen; für ihn ist der Traum kein Bilderrätsel, sondern einer noch unbekannten Inschrift vergleichbar. Die Fixierung auf die Deutung von Symbolen sexueller Art konnte Jung nicht mitvollziehen. Die retrospektive, deduktive und kausale Orientierung in der Traumdeutung Freuds schloss für Jung das zielgerichtete, ein Fortschreiten ermöglichendes Potenzial von Träumen aus. Freuds radikale Abgrenzung von religiösen Fragestellungen in der Traumdeutung konnte Jung nicht übernehmen. Vor dem Hintergrund dieser Gegensätze sollen die wesentlichen Einsichten C.G. Jungs im Überblick skizziert werden:

Für den Begründer der analytischen Psychologie stand der Traum in Verbindung mit der Ganzheit des Menschen. Diese Ganzheit sah Jung in gesamtpsychischer Hinsicht im Selbst angelegt, das im Unbewussten eine verborgene Vorstellung, eine Idee des Menschen von sich selbst enthält. In der Entfaltung des Selbst findet der Mensch zu seiner Ganzheit; das ist für Jung der Prozess der Individuation, der vom Selbst initiiert wird. Der Traum stellt in dieser Sicht eine Brücke zwischen dem dar, was wir in unserem täglichen Leben sind, und dem, was wir von unserem Selbst her sein könnten. Er ist also, um mit Jungs Terminologie zu sprechen, eine Botschaft vom Selbst an das bewusste Ich.

Vom Selbst her wird auch einsichtig, warum Jung von der Selbstregulation der Psyche im Traum ausgeht. Der Traum kennt den Weg, weil er vom Selbst gesteuert wird. Damit ist dreierlei gegeben:

– Der Traum ist, vom Unbewussten her gesteuert, kompensatorisch zum Bewusstsein. Kompensatorische Träume bieten dem Träumer an, was seine Lebensorientierung ergänzt und ausgleicht.

– Der Traum bringt in vielfältigen Variationen die Potenziale der Träumenden ans Licht. Er weist auf das hin, was beim Träumer noch ungelebt ist und sein Leben bereichern könnte. Unter diesem Aspekt trägt der Traum zur Selbstfindung und Selbsterweiterung bei.

– Der Traum bildet nicht nur Probleme ab, sondern er ist häufig lösungs- und zielorientiert und damit final ausgerichtet.

In der kompensatorischen Förderung von Potenzialen und Lösungsorientierung entfaltet der Traum die Selbstheilungskräfte der Seele.

In seiner Traumtheorie hat C.G. Jung darauf hingewiesen, dass in Träumen häufig gegengeschlechtliche Anteile auftauchen. Animus bezeichnet laut Jung den männlichen Persönlichkeitsanteil der weiblichen Seele und Anima den weiblichen Persönlichkeitsanteil der männlichen Seele. Die Auseinandersetzung mit dem gegengeschlechtlichen Anteil soll zur bewussten Integration dieser Anteile führen.

Für die Traumdeutung nach Jung ist die Unterscheidung zwischen Persona und Schatten eine wichtige grundlegende Einsicht. Persona bezeichnet bei ihm die Seite unseres Wesens, die wir nach außen zeigen und die gesellschaftlich eher akzeptiert ist. Der Schatten beschreibt die oft ungeliebte Seite des eigenen Wesens, die uns peinlich ist; wir verstecken sie deshalb möglichst vor anderen und auch vor uns selbst. Wie sich die Schattenseiten in Träumen zeigen, werden wir in Abschnitt 4.5 sehen.

Eine weitere Unterscheidung, die Jung in der Traumdeutung eingebracht hat, ist die zwischen der sogenannten Objekt- und der Subjektstufe. Diese Deutungskategorien ermöglichen die Betrachtung eines Traumes aus zwei Perspektiven: Auf der Objektstufe repräsentieren Traumsymbole einen Bezug des Träumers zu Gegenständen der Außenwelt, auf der Subjektstufe repräsentieren die Traumsymbole Persönlichkeitsanteile des Träumers selbst. Auch diese Einsicht Jungs wird uns im Abschnitt 4.3 noch beschäftigen.

Für das Traumverständnis Jungs ist es schließlich wesentlich, auf seine Gedanken zu den von ihm so genannten Archetypen einzugehen: Archetypen sind für ihn Urbilder wie z. B. der alte Weise, die große Mutter oder auch Gott, die in Mythen, Märchen und in Religionen auftauchen. Wenn diese im Traum erscheinen, spricht Jung von einem archetypischen Traum oder auch einem „Individuationstraum“, der einen Bezug zu den Kulturgütern der Menschheit aufweist. Solche Träume leisten nach dem Dafürhalten Jungs einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der träumenden Persönlichkeit und sind seiner Meinung nach mit einem richtungsweisenden Sinn verbunden. Zur Erschließung des mythologischen Gehalts von Träumen regte er die „Amplifikation“ an, die nach den Assoziationen der Träumenden zu ihrem Traum aus der Literatur, aus Theaterstücken, aus Märchen, der Kunst oder der Bibel fragt oder diese vonseiten des Therapeuten einbringt.

In Verbindung mit den Archetypen unterschied Jung das dynamisch persönliche Unbewusste und das sogenannte kollektive Unbewusste. Während das persönliche Unbewusste die persönlichen Erfahrungen der Träumenden aufnimmt, sind im kollektiven Unbewussten überpersönliche Erfahrungen des „objektiv Psychischen“ gespeichert, die für Jung in jeder Kultur existieren und dem Menschen angeboren sind. Letztere beruhen auf der Zugehörigkeit des Einzelnen zur Gattung Mensch, zu bestimmten Gesellschaften und Kulturen mit ihrem allgemein menschlichen Wissen über den Menschen.

Wie ist nun die Traumtheorie C.G. Jungs zusammenfassend zu beurteilen?

Die Traumtheorie C.G. Jungs lässt sich in vielen Punkten als genial bezeichnen. Er hat viele der Engführungen Sigmund Freuds in der Traumdeutung überwunden. Die Unterscheidungen zwischen Persona und Schatten, Animus und Anima, Subjekt- und Objektstufe tragen häufig zu einem differenzierten Verstehen von Träumen bei. Die Kategorien Potenzialität, Komplementarität und Finalität machen die Beschäftigung mit Träumen in hohem Maße fruchtbar. Das alles wird später noch differenzierter zu bedenken sein.

Die Grenzen des jungschen Traumansatzes sehe ich in dreierlei Hinsicht:

– Zum einen ist seine Lehre zu den Archetypen zu hinterfragen. Jung sieht in ihnen universale Grundmotive, die in der Gehirnstruktur vererbt würden. Trotzdem ist festzuhalten, dass diese aus Kultur, Literatur und Religionen erschließbaren Symbole und Motive bestenfalls so etwas wie ein Vorschlag sein können. Ein Traum ist immer zuerst eine persönliche Botschaft an die träumende Person. Die Gefahr bei Jungs Umgang mit Archetypen besteht darin, dass ein „objektiver Deutungssinn“ den subjektiven verdrängt; so kann es zu einer Fremdbestimmung der träumenden Person durch den Begleiter und sein archetypisches Denksystem kommen.

– Zum andern trägt das, was Jung zu den Archetypen und zu archetypischen Träumen sagt, zuweilen zu einer Mystifizierung und Verkomplizierung von Träumen bei. Indem er transkulturelle, religiöse und auch okkulte Zusammenhänge einbezieht, geschieht eine Öffnung in Bereiche hinein, die weltanschaulich nicht mehr neutral zu sehen sind.

– Schließlich geht aus der Traumtheorie Jungs hervor, dass er dem Einfluss fernöstlicher Religionsphilosophie näher steht als dem christlichen Glauben. Das zeigt sich deutlich in der geradezu religiösen Aufladung des menschlichen Selbst. Die Verwirklichung dieses Selbst geschieht nicht in der sich abgrenzenden Individualität, sondern durch Auflösung in ein alles umspannendes Sein. Je mehr der Mensch sein Bestreben aufgibt, er selbst sein zu wollen, umso mehr wird er es in einer Alleinheit erleben. Die religiöse Gedankenwelt C.G. Jungs und seiner Schule wird uns noch im Abschnitt 6.4. beschäftigen.

3.4 Fritz Perls (1893–1979)

Perls16 entwickelte zusammen mit seiner Frau Laura und Kurt Goldstein die Gestalttherapie, in der er sich von der Psychoanalyse abgrenzte. Die Gestalttherapie ist keine analytische, sondern eine integrative Methode, die nicht so sehr nach dem Warum von Problemen fragt, sondern nach dem Wie und Was. So fragt sie z. B. nach der Struktur eines Lebensskripts und danach, wie es neu strukturiert und umgeschrieben werden kann. Diese Therapie leitet an zum Gewahrsein aller gegenwärtigen Gefühle, von Verhaltensweisen und des Kontakts sowohl zu sich selbst als auch zur Umwelt. So vertritt sie einen ganzheitlichen Ansatz und will den Menschen dazu führen, sich zu seiner Ganzheit hin zu entwickeln. Sie ist ein erlebnisaktivierendes Psychotherapieverfahren.

Für die Traumtheorie und -praxis ergibt sich vor diesem grundlegenden Hintergrund Folgendes: Die Gestalttherapie geht davon aus, dass Träume existenzielle Botschaften für die Träumenden bereithalten, die es verstehen zu lernen gilt. Alle Einzelheiten des Traums verkörpern Teile des Selbst, in denen Perls zum einen die unvereinbarten und sich widersprechenden Seiten, zum andern die nicht gelebten und verdrängten Persönlichkeitsanteile sieht, die das Ich bisher verleugnet und vermieden hat. So zeigt der Traum, was der Träumer in seinem Alltag zu leben vermeidet. Die sich widersprechenden und verleugneten Anteile projiziert das Ich des Träumers nach außen und nimmt sie nicht als Teil von sich selbst wahr.

Im Zuge gelingender Traumarbeit geschieht eine zunehmende Auflösung dieser Projektionen. Das Ich soll dabei wieder heimholen, was in seiner Fragmentierung verloren gegangen war. Perls war bestrebt, den Träumer zum unmittelbaren Erleben des Trauminhaltes zu führen, um auf diese Weise die Botschaft des Traumes zugänglich zu machen. Indem der Traum erfahrungsmäßig zugänglich gemacht wird, soll er seine Kraft in der Korrektur und Erweiterung des Lebens entfalten. Noch unverbundene Persönlichkeitsanteile warten seiner Theorie nach darauf, in der Verarbeitung des Traummaterials miteinander verbunden zu werden.

Dazu sind folgende vier Punkte in der Arbeit mit Träumen erforderlich:

Identifizieren,

Ausspielen,

Auseinandersetzen,

Integrieren.

Mit diesen vier Schritten soll der Traum nicht zuerst theoretisch reflektierend angegangen werden, sondern er soll für den Träumer zu einem existenziellen Ereignis werden. Der Träumer soll dafür selbst aktiv werden. Mit diesen Schritten setzt der Träumer seinen Traum in Szene. Dabei werden Blockaden erlebt und prozesshaft gelöst. Im Darstellen und Nacherleben jeder Traumgestalt kann der Träumer diesen Gestalten begegnen, das Abgespaltene integrieren und zur seelischen Stärkung finden. Die Traumarbeit als Selbsterfahrung im Dienst seelischer Gesundheit und Stabilität führt den Träumer mehr und mehr zu seiner Ganzheit.

Die Gestalttherapeutin Brigitte Holzinger zeigt sehr konkret, wie bei dieser Therapie in der Traumarbeit vorgegangen wird17:

„1) Wir fordern den Patienten auf, den Traum in der Ich-Form, in der Gegenwart zu erzählen, als ob der Traum gerade passieren würde.

2) Als zweiten Schritt machen wir den Patienten zum Bühnenregisseur: Mach dir doch bitte eine Bühne für deinen Traum zurecht. Sprich bitte als die Traumfigur in der Gegenwart, als ob der Traum jetzt, im Hier und Jetzt, geschehe. Nimm der Reihe nach alle Rollen der Personen und Gegenstände ein, die in deinem Traum vorkommen. Erzähle, was du erlebst und wie dir in diesen Rollen zumute ist.

3) Als dritten Schritt zentrieren wir zwei Traumfiguren, die den Hauptkonflikt verkörpern.

4) Der Träumer spricht in der Gegenwart aus, was sein Kontrahent zu ihm vorher im Rollenspiel gesagt hat, in seinem jeweils angebrachten Alter, in der ihm angemessenen Sprache. Er spricht in der Ich-Form: … Die Rollenspiele werden fortgesetzt, bis der verbale Ausdruck sich mit dem empfundenen Gefühl deckt und der Erzähler […] dessen gewahr wird.

5) Was sich als Hauptgefühl herauskristallisiert hat, wird der Situation angemessen ausgedrückt und mit der Therapeutin anschließend besprochen.“

Wie ist die gestalttherapeutische Traumtheorie F. Perls zusammenfassend zu beurteilen?

Wer sich auf diesen Ansatz mit den eigenen Träumen einlässt, wird zu einer sehr tief gehenden Begegnung mit sich selbst geführt. Dabei wird der träumenden Person nichts von außen übergestülpt. Die Erschließung der Träume geschieht aus dem Inneren heraus.

Außerdem kann ein Traum mit der gestalttherapeutischen Methodik sehr differenziert und detailreich angeschaut werden. Der Traum kann sich hierbei sehr ausführlich „aussprechen“ und seine Botschaft differenziert mitteilen. So können beim Träumer Wandlungsprozesse in Gang kommen.

Als Grenze sind folgende Aspekte zu nennen:

– Träume werden zu einseitig als Problemanzeiger verstanden. Das in ihnen enthaltene Potenzial kommt zu kurz. Häufig ist der in das weitere Leben des Träumers weisende, der so-genannte final-prospektive Aspekt ein möglicher wichtiger Entwicklungshinweis.

– Außerdem ist die Stärke des gestalttherapeutischen Umgangs mit Träumen zugleich auch seine Schwäche: Wer einen Traum mit dieser Methodik bearbeiten will, benötigt sehr viel Zeit. In der Praxis steht diese oft gar nicht zur Verfügung. Von daher wird diese Methodik in der Praxis nur mehr partiell zum Einsatz kommen, ohne die Möglichkeit, sie in extenso anzuwenden.

3.5 Was aus der Vielzahl der traumtheoretischen Ansätze für die Praxis der Traumdeutung erfolgen kann

Am Ende des kleinen Überblicks über verschiedene Traumtheorien – und dieser Überblick ließe sich problemlos noch erweitern – stellt sich die Frage: Welche Theorie und Deutungsmethode erfassen den Traum richtig?

Doch diese Frage ist falsch gestellt. Sie führt in die Irre, weil mit der Frage nach Richtig und Falsch eine Exklusivität der einzelnen Theorien herbeigeführt wird. Wird die einzelne Theorie mit einem Anspruch vertreten, der den anderen Theorien ihre Berechtigung nicht zugestehen kann, entstehen Probleme, die sich ohne einen solchen Anspruch nicht ergäben. Es gibt nicht die allein richtige Methodik. Ann Faraday hat sicher recht, wenn sie pointiert sagt: „Keine Theorie kann für sich allein der Fülle von Träumen gerecht werden …“18 Welche Probleme durch einen massiven Exklusivitätsanspruch entstehen, hat der Bruch zwischen Sigmund Freud und Carl Gustav Jung gezeigt; die geradezu dogmatisch anmutende Position Freuds hat diesen Bruch unausweichlich gemacht.

Wir haben bei den oben skizzierten vier Traumtheorien jeweils Stärken und Schwächen betrachtet. Die Traumtheorien mit ihrer unterschiedlichen Methodik können sich ergänzen. In der Praxis zeigt sich, dass Träume mit verschiedener Methodik zugänglich gemacht werden können. Traumtheorie und Methodik sollen zum Traum passen und nicht umgekehrt. Entscheidend ist allerdings nicht eine bestimmte Methodik, sondern die Erschließung des Traums für den Träumer, sodass es bei ihm zu einem Aha-Erlebnis und durch das Verstehen des Traumes zu (im Kontext des christlichen Glaubens geistlichen) Wandlungsprozessen kommt.

Bei der Beantwortung der oben gestellten Frage kommt hinzu, dass in der Handhabung der Traumdeutung der Subjektivität eine legitime Rolle zukommt: Das gilt für die Subjektivität sowohl der Person, die therapeutisch oder seelsorglich begleitet, als auch für die der träumenden Person. Beide haben ihre eigene Prägung und Ausbildung. Beide stehen vor der Aufgabe, einen Weg zum Traumverständnis zu finden, der ihnen jeweils am angemessensten erscheint. Für Therapeuten und Seelsorger ist entscheidend, dass ihr Umgang mit den Träumen in die gesamte Behandlungskonzeption – für den Seelsorger kommt hier der Glaube ins Spiel – integriert ist. In der Seelsorge hat dieser Umgang dem Ratsuchenden, dem Seelsorger und der seelsorglichen Situation gerecht zu werden. Die legitime Subjektivität ist von der Gefahr des Subjektivismus zu unterscheiden: Während der Subjektivismus eine Form von Willkür im Umgang mit Träumen mit sich bringt, achtet legitime Subjektivität auf eine verantwortlich reflektierte Entscheidung für – oder auch gegen – eine Traumtheorie und die dazugehörige Methodik.

4.
Psychologische Erschließungskategorien im Umgang mit Träumen

Im Abschnitt 2 hatte ich die These aufgestellt, dass der seelsorgliche Umgang mit Träumen nicht nur unter theologischem, sondern auch unter psychologischem Aspekt sachgerecht sein muss. Nachdem im vorhergehenden Abschnitt 3 ein Überblick über wichtige Traumtheorien gegeben wurde, ist nun in diesem Abschnitt auf Erschließungskategorien der Träume unter praxisrelevantem Gesichtspunkt einzugehen. Abschnitt 5 wendet sich dann Fragen individueller Zugänge zu den Träumen und konkreten Fragen ihrer Erschließung zu. Die Erschließungskategorien bieten eine Art Raster, wie Träume betrachtet werden können. Sie stellen so etwas wie einen Werkzeugkasten zur Verfügung, mit dem ein Traum bearbeitet werden kann. Die individuellen Zugänge zum konkreten Traum verbinden dann die Erschließungskategorien mit konkreten Schritten oder Schrittfolgen. Die Frage nach den Erschließungskategorien und den individuellen Zugängen stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander: Die Klärung allein der Erschließungskategorien könnte in der Gefahr stehen, zu unkonkret und allgemein zu bleiben. Die Überlegungen allein zu den individuellen Zugängen könnte zu einer Art von Deutungskasuistik oder Interpretationsmethodismus führen. Indem in den folgenden Ausführungen beides in Beziehung zueinander gesetzt wird, soll ein Raum des Verstehens von Träumen eröffnet werden, der Weite und Konkretion miteinander zu verbinden vermag.

In der Darstellung der Erschließungskategorien werde ich induktiv vorgehen: Ich werde zu Beginn jedes Punktes mit einem oder (wo es sich aus sachlichen Gründen empfiehlt) zwei beispielhaften Träumen beginnen und eine Deutung skizzieren. Anschließend wird die zur jeweiligen Kategorie gehörige Theorie dargelegt. Abschließend werde ich zu den meisten Erschließungskategorien noch weitere Beispiele anführen, die der Vertiefung der dargelegten Theorie dienen.

4.1 Symbole– ihr Verständnis und ihre Bedeutung für Träume

In ein Seelsorgegespräch brachte eine Frau einen Traum ein, den sie vorweg kommentierte: „Mit dem Traum kann ich gar nichts anfangen.“ Sie erzählte:

„Ich träume von einem Wald und komme an eine Lichtung. Da sehe ich, dass ein grünes Netz alles überzieht. Ich denke mir, dass dieses Netz doch alles Leben unter sich erstickt. Ich beginne damit, das Netz einzurollen. Da kommen plötzlich Bedenken in mir auf: Darf ich dieses Netz beseitigen? Dient es nicht zum Schutz der Pflanzen und des Waldes? Ich fühle mich ratlos. Dann kommen mehrere Leute ziemlich schnell in meine Richtung gerannt; ich habe Angst, dass sie mich überrennen. Ich ducke mich schnell weg; die Leute scheinen mich nicht zu sehen. Ich überlege mir, dass ich nach Hause zu meinem Ehemann gehe, um mit ihm darüber zu sprechen, ob das Netz zum Wald gehört oder nicht.“

Im Gespräch über diesen Traum fragte ich die Träumerin, was sie mit „Wald“ verbinde. Sie empfand ihn als etwas Schönes. Sie hält sich gerne in Wäldern auf. Wir kamen im Gespräch darauf, dass ein Wald mit Leben zu tun hat. Als Anregung deutete ich ihr an, dass der Wald auch ein Symbol für das Unbewusste sein könne. Die Lichtung könne dann ein Bild dafür sein, dass Licht in ihre Seele hineinkommt.

Als sie an der Lichtung angekommen war, machte sie im Traum eine wichtige Entdeckung: Sie merkte, dass alles mit einem grünen Netz überzogen war. Ich regte die Träumerin an, sich in das Bild des Netzes hineinzuspüren. Im Traum hatte die Träumerin den wichtigen Eindruck, dass das Netz die entstehenden Pflanzen und Bäume am Wachstum hinderte. Angestoßen durch dieses Bild sprachen wir darüber, dass die Träumerin eine sehr lebensverneinende Frömmigkeit in ihrer Herkunftsfamilie erlebt hatte. Gegen eine ehrliche und freie Meinungsäußerung wurde Gott so ins Spiel gebracht, dass bei ihr ein überempfindliches, schlechtes Gewissen entstanden war. Es handelte sich hierbei eindeutig um religiösen Missbrauch im frommen Gewand.

Wir kamen darauf, dass die Farbe Grün eine Farbe des Lebens ist. Sie passte sehr gut zum Leben des Waldes. Die Seele hatte nun bewusst die Farbe des Lebens als Farbe für das Netz gewählt. So wurde deutlich: Bei der Farbe des Netzes handelte es sich um ein Imitat des Lebens. Die lebenszerstörende religiöse Gesetzlichkeit wurde ja als Wille des „guten Gottes“ ausgegeben. Deshalb war es für die Träumerin so schwer, sich gegen diesen religiösen Missbrauch zu wehren. Statt Leben zu unterstützen, verhinderte das Netz im Traum die Entfaltung des Lebens. Das war ein sehr sprechendes Bild dafür, wie ihre Seele die Religiosität in ihrer Herkunftsfamilie erlebt hatte.

Die Fortsetzung im Traum zeigte eine spontane gesunde Beurteilung der Lage: Sie dachte im Traum ganz richtig, dass dieses Netz alles Leben unter sich erstickt. Eine Seite in ihr wollte das Netz spontan beseitigen und sie begann es einzurollen. Aber da kamen ihr Bedenken. Eine andere Seite in ihr stellte ihre spontane gesunde Reaktion infrage. Diente dieses Netz nicht dem Schutz der Pflanzen und des Waldes? So drückte der Traum plastisch die Pattsituation der anstehenden Auseinandersetzung mit der überkommenen Religiosität in ihrer Seele aus. Wenn sich in ihr Gedanken meldeten wie: „Ich will diese gesetzliche und bedrückende Religiosität nicht mehr“, dann meldete sich im nächsten Augenblick der Einwand: „Wenn ich mich dagegen wehre, werde ich dann nicht an Gott und seinem Willen schuldig?“ Auf diese Weise konnte sich die gesunde Kraft zum Ausstieg aus der fehlgeleiteten Religiosität in ihr nicht entfalten. Diese seelische Pattsituation drückte der Traum beeindruckend treffend im Gefühl der Ratlosigkeit aus.

Der Traum fand seine Fortsetzung in den vorbeirennenden Menschen. Ich fragte die Träumerin, was ihr dazu einfalle. Sie sagte, dass sie sich in ihrem Beruf immer wieder von Menschen überrannt fühle. Sie sähen sie nicht als Mensch, sondern nur als kompetente Frau in ihrem Beruf. Ich gab der Träumerin als Anstoß zur Überlegung noch mit, dass diese vorbeirennenden Menschen auch symbolisieren könnten, dass es in ihr Anteile gebe, die sie überrennen.

Wir gingen auch auf ihre Reaktion im Traum auf die vorbeirennenden Menschen ein: Sie suchte Deckung. Wir überlegten, ob möglicherweise eine andere Reaktion angemessen sein könne, z. B.: sich zu zeigen und bewusst den eigenen Raum einzunehmen. Der Traum wies mit diesem Bild auf den fehlenden Schutzraum für die Träumerin hin, an dem zu arbeiten sie herausgefordert ist.

Sehr originell und zugleich verheißungsvoll war der Schluss des Traumes: Die Träumerin entschloss sich, zu ihrem Ehemann nach Hause zu gehen. Sie wollte mit ihm darüber sprechen, ob das Netz legitimerweise zum Wald gehöre oder ob es beseitigt werden solle. Ich fragte sie, wie ihr Mann zur Befreiungssehnsucht ihrer Seele stehe. Sie sagte, dass er sie darin unterstütze. Da merkte die Träumerin, dass der Traum sie auf ihren Mann als unterstützendes „Übergangsobjekt“ hinwies. Sicher ging es dabei um eine Übergangslösung, weil die Träumerin eingeladen war, zu einer eigenständigen inneren Stärke zu finden; es wäre nicht gesund, wenn sie für eine innere Erlaubnis zu einer erwachsenen, befreiten Religiosität auf Dauer von einer äußeren Autorität abhängig wäre, selbst wenn es ihr eigener unterstützender Ehemann ist. Aber in ihrer gegenwärtigen Entwicklungsphase würde ihr Mann hilfreich für sie sein, ihre innere verurteilende Stimme zu relativieren. Ihr Traum ermutigte sie, mit ihrem Mann über diese Zusammenhänge zu sprechen.

Am Ende meinte die Träumerin, dass diese Deutung für sie „total stimmig“ sei.

Was ich in Variationen in der Begleitung von Ratsuchenden mit Träumen häufig erlebe, ist die einleitende Bemerkung: „Mit diesem Traum kann ich gar nichts anfangen.“ Dem Wald und Netz, der Lichtung, dem Grün, den rennenden Menschen und sogar ihrem eigenen Mann im Traum als Unterstützer konnte die Träumerin zunächst keinen Sinn abgewinnen. Die Fremdheit der Träume hängt wesentlich mit ihrer speziellen Art zu „denken“ zusammen. Sie drücken sich in einer besonderen Symbolsprache aus, die erschlossen werden will. Deshalb beginne ich den Abschnitt über die Erschließungskategorien der Träume mit einer Reflexion über das Verständnis von (Traum-)Symbolen.

Der Begriff „Symbol“19 kommt sprachlich vom griechischen Verb symballein (= sich unterreden, vergleichen, zusammentreffen) und bedeutet nach seinem ursprünglichen Sinn zusammenwerfen, zusammenfallen, zusammenfügen; das Symbolon ist demzufolge das Zusammengeworfene. Im Symbol kommen zwei Dinge zueinander und bilden eine neue Einheit; in ihm werden die materielle und die geistige Wirklichkeit aufeinander bezogen. So weist das Symbol als sichtbares Zeichen über sich selbst hinaus auf eine hinter ihm stehende Realität. Es ist damit ein Sinnbild, das nicht für sich selbst steht, sondern Träger einer Bedeutung ist, die auf ein von ihm Unterschiedenes hinweist. Dadurch sind inhaltliche Selbstständigkeit des Symbolisierten und gleichzeitige assoziative Nähe zu ihm miteinander verbunden. Der Sinn eines Symbols ist eine Mitteilung ohne Worte, wobei das Symbol für sich selbst spricht. Es will beim Betrachter, dem Adressaten, etwas bewirken.

Diese allgemeinen Gedanken zum Wesen von Symbolen gilt es nun in Richtung auf ihre Funktion und ihr Verständnis in Träumen zu spezifizieren:

– Im Traum geschieht eine Kommunikation zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten. Beide Ebenen des Bewusstseins stehen sich wie zwei Welten gegenüber. Die Traumsymbole können als Grenzgänger zwischen diesen beiden Welten bezeichnet werden; sie bilden eine Brücke zwischen dem uns vertrauten Bewusstsein und dem uns häufig fremden Unbewussten. Auf der einen Seite treiben sie ihre Wurzeln bis in die geheimsten Tiefen der Seele. Auf der anderen Seite sind sie für das Wachbewusstsein zugänglich; sie machen unsagbare Zusammenhänge des Unbewussten in Bildern sagbar. Im Traumsymbol überschneiden sich die Vorstellungsbereiche des Unbewussten und des Bewusstseins in einer Weise, die für den Träumer fassbar werden kann.

– Traumsymbolen ist eine Vielschichtigkeit und eine Gegensätze vereinigende Fähigkeit eigen. Darauf weist Verena Kast in sehr umfassender Weise hin: „Symbole haben mindestens einen Doppelsinn: sie verschleiern und offenbaren, verbergen und enthüllen, sind regressiv und progressiv, erinnern und entwerfen; im Symbol ist Reminiszenz und Antizipation, Erinnerung und Erwartung zu finden.“20 Das alles bringt das Unbewusste mit einer gegenüber unserem rationalen Denken völlig anderen Logik und Sprache und mit einer völlig anderen Wahrnehmung zum Ausdruck. Während die Sprache nur erklären und die Oberfläche des Verstehens berühren kann, wird durch Symbole eine Ahnung von vielschichtigen Zusammenhängen des Unbewussten geweckt. Was hinter den Traumsymbolen geahnt und angesprochen wird, ist zum Teil so weit gefächert und umfangreich, dass es manchmal nicht leicht in rationale Sprache übersetzt und verarbeitet werden kann. Die Weite und Offenheit des Bedeutungsspektrums von Symbolen lädt dazu ein, sich immer wieder neu mit ihnen zu beschäftigen und auch neue Bedeutungen zu finden.

Als Beispiel für die Vielschichtigkeit der Bedeutung von Symbolen greife ich auf den als Einführungsbeispiel angeführten Traum zurück: „Wald“ ist ein sehr bedeutungsreiches Symbol. Es umfasst auf der Bildseite eine Vielgestaltigkeit von Leben; dazu gehört die Vielfalt der Bäume, Pflanzen, Tiere usw. Außerdem laufen im Wald unzählige Entwicklungen gleichzeitig bei den Bäumen und anderen Lebewesen ab. Diese Vielgestaltigkeit im Sinnbild „Wald“ entspricht der Vielgestaltigkeit des zum Teil noch unbewussten Lebens der Träumerin.

– Traumsymbole sind Bedeutungsträger im Dienste des Unbewussten, die – darauf hat C.G. Jung hingewiesen – als Transformatoren psychischer Energie aus den Tiefen der Psyche dienen. Sie vergegenwärtigen Inhalte, die letztlich adäquat nur in den vom Unbewussten konstellierten Bildern ausgesagt werden können. Der Übersetzungsvorgang ins Bewusstsein, der nötig ist, macht die Bilder des Traums nicht überflüssig. Die Symbole bleiben vielmehr gerade als spezifische Bilder des Unbewussten der träumenden Person in ihrer Lebendigkeit und unvertretbaren Aussagekraft erhalten. Die in den Symbolen angezeigten Inhalte wollen umfassend erschlossen und im Wachbewusstsein in das Ich integriert werden. Sie erschließen sich jedoch nur denen, die sich mit ihnen auseinandersetzen und sie auf sich wirken lassen.

Im Eingangstraum ist die Botschaft sehr eng mit dem Bild des Waldes verwoben. Würde aus diesem Bild nur die Botschaft herausdestilliert: „Es geht um deine Lebensentfaltung“, so wäre das eine abstrakte Verkürzung der nuancenreichen Traumbotschaft. Das mit dem „Wald“ Symbolisierte ist so beschaffen, dass es nicht in direkter Weise definitorisch, sondern nur in umschreibender Art und Weise vermittelt werden kann.

– Was in der Beschäftigung mit Traumsymbolen immer wieder auffällt, ist die Tatsache, dass in ihnen häufig Material aus alltäglich erscheinenden Erfahrungen aufgegriffen wird. Erst bei eingehender Beschäftigung mit ihnen zeigt sich, dass sie über die Alltäglichkeit hinaus auf im Unbewussten verankerte Zusammenhänge hinweisen. Der Traum zeigt den Träumenden den Zustand ihrer Seele in Bildern und eröffnet ihnen gleichsam kommentierende Anmerkungen zu ihrer Lebenslage.

Als Beispiel für einen mit einer alltäglichen Erfahrung verbundenen Traum will ich einen sehr kurzen Traum einer Träumerin anführen. Sie erzählt:

Ich bekomme einen Mantel. Er ist schön und passt, als ob er maßgeschneidert wäre.

Man möchte zu diesem Traum kommentieren: Alltäglicher geht es kaum noch – und dann könnte man den Traum beiseitelegen. Die Träumerin hat das nicht gemacht, weil, so erzählte sie im Gespräch über diesen Traum, sie dieses Symbol innerlich sehr angesprochen habe. Sie habe im Traum ein spürbares Gefühl des Schutzes und der Geborgenheit unter diesem Mantel empfunden und fand ihn von der Aufmachung her auch schön. Sie habe in ihrer Kindheit viel innere Einsamkeit und Ungeschütztheit erlebt. Mehrere Wochen nach dem Traumgespräch telefonierten wir noch einmal. In diesem Gespräch kam die Träumerin noch einmal auf ihren Traum vom Mantel zu sprechen. Sie sagte, dass sie dieses Gefühl des Schutzes noch weiterhin habe. Sie könne die Geborgenheit in Gottes Gegenwart vor dem Hintergrund dieses Traumes für sich immer wieder fassen und innerlich erleben. In dieser Wirkung des Traumes wurde eindrücklich der über die Alltäglichkeit hinausgehende im Unbewussten begründete Zusammenhang greifbar.

– Außerdem sind Traumbilder eine Sprache der Gefühle. Der Traum transformiert Emotionen und Stimmungen, Konfliktherde und positive Gefühle in sinnliche Wahrnehmungen, in Ereignisse in der Außenwelt. Unsere tiefsten Empfindungen werden im Traum bildhaft zur Sprache gebracht. Das führt im Erleben der Träume dazu, dass diese Bilder die Träumer immer wieder mit emotionaler Intensität erfassen. Die Aufladung mit einem hohen Gefühlswert wirkt nicht selten faszinierend auf das Bewusstsein. In der Symbolsprache der Träume sind die dominierenden Kategorien Intensität und assoziative Bildgestaltung, nicht Raum und Zeit.

Im eingangs erwähnten Traum kann man sich das Symbol als Sprache der Gefühle am Bild des grünen Netzes vor Augen führen: Die Träumerin könnte sich in die Bäume, Sträucher und Pflanzen unter dem Netz hineindenken. Oder sie könnte sich in ihrer Vorstellung selbst unter das Netz begeben. So kann sie erfassen, welches Gefühl für ihre Seele mit dem Leben unter ihrem inneren Netz verbunden ist. Hier kann sich für sie der Zugang zur Bedrückung oder Lebensverengung öffnen. Das alles theoretisch vermitteln zu wollen, würde notwendigerweise blass und abstrakt bleiben. Das Bild des Netzes ist sehr gefühlsbeladen, obwohl es beim ersten Betrachten nicht so erscheint.

– Traumsymbole haben eine individuelle Bedeutung. Immer wieder ist versucht worden, den Symbolen einen überindividuellen Sinn abzugewinnen. Als Beispiel dafür will ich Ausführungen von Leon Altmann nennen, der sich als Schüler Freuds versteht: „Wasser, insbesondere Eintauchen, bedeutet immer Schwangerschaft und Geburt. Gleichzeitig hat Wasser und alles, was fließt, eine orale Bedeutung und ist unmittelbar mit Fantasien und Erlebnissen des Urinierens verbunden. Die Heimsuchung durch Würmer und Insekten bedeutet Samen und Schwängerung. Schlaf, Schweigen, in die Erde steigen, an Größe verlieren, Reisen (besonders westwärts) und in einer Nebelhülle verschwinden sind alles symbolische Varianten des Todes. … Körperteile und -zonen entlehnen ihre Symbolisierung der Natur: Landschaften, Berge, Hügel, Täler, Wälder und blühende Gärten kommen oft vor. Höhlen erinnern an Körperhöhlen; Simse und Überhänge in Architektur und Natur, ebenso Schwestern und Früchte, stehen für Brüste. Alle Gegenstände mit Spalten oder solche, in die man eindringen kann, symbolisieren die weiblichen Genitalien. Das Hufeisen stellt ihre Form, Juwelen ihren Wert dar. Muscheln und der Mund sprechen für sich. Öfen und Schränke bedeuten mehr den Uterus als die Vagina. Gehölz und Unterwäsche stehen für die Genitalien ganz allgemein. Treppen, Leitern, Flure und Tunnels kommen im Traum oft für die weiblichen Genitalien vor.“21 Lässt man diese Zeilen auf sich wirken, so wird man hier von einer ins Gesetzliche gehenden Generalisierung in der Deutung von Traumsymbolen sprechen müssen. Vergleichbare Symboldeutung findet sich leider auch in christlichem Kontext; das wird in Abschnitt 6.4.7 angesprochen. Bei einem solchen Umgang mit Symbolen werden diese zu einer Allegorie, bei der einem Element der Bildebene eine willkürliche Bedeutung auf der Übertragungsseite zugeordnet wird, die keinen inneren Zusammenhang mit der Bildebene erkennen lässt.

Demgegenüber halte ich es für angemessener, Traumsymbole in erster Linie auf eine individuelle Bedeutung für die Träumenden „abzuklopfen“. Symbole sind subjektiv, weil sich ihre Bedeutung in den Träumen je nach Kontext und individuellen Kombinationen verändert. Jeder Traum ist eine einmalige Schöpfung. Wer bei sich selbst oder in der Begleitung anderer die Möglichkeit hat, mehrere Träume zu bearbeiten, wird feststellen, dass jeder Träumer seine Bilder, seine Symbole darlegt, die in seinen Träumen häufiger erscheinen. Man kann hierbei von einer Art seelischem Fingerabdruck in den Traumsymbolen einer Person sprechen. Allein deshalb dürfen Träumer der Deutungsmacht ihrer Träume mit ihren individuell konnotierten Symbolen nicht beraubt werden. Sehr ausgewogen urteilt Ulrich Kühn: „Der subjektive Sinn, die individuelle Deutung des Träumers geht jeder Art von Fremddeutung oder Zuschreibung voraus. … Gleichwohl kann ein Traumsymbol auch eine überindividuelle Bedeutung erlangen. Als ein sehr typisches Beispiel gilt das Traumsymbol ‚Kind‘.“22

In der Praxis wird sowohl der Ratsuchende als auch der Begleitende von den jeweiligen Symbolen ausgehend assoziieren und deuten. Der Begleiter hat bei der Deutung die größere Erfahrung und die Freiheit von Widerständen voraus, der Ratsuchende seine besondere Nähe zum eigenen Traum. Für die Erschließung der Bedeutung eines Symbols ist es hilfreich, sich seinen bildhaften Aspekt bewusst zu machen.

Ich füge nun noch einige Träume an, durch die das zu den Symbolen Gesagte exemplarisch erweitert und vertieft wird. – Ein häufig in Träumen erscheinendes Symbol ist das Haus. Eine Träumerin, aus deren Traum ich hier einen Ausschnitt aufnehme, erzählt:

Ich verkaufe unser Haus an zwei junge Männer. Ich frage, wie alt sie sind. Ich schätze sie ungefähr so alt wie unsere Kinder und erwähne ihr Alter. Sie sind 30 und 44 Jahre alt … Der Garten ist noch nicht angelegt und so rutschen sie den großen Berg Erde aus der ersten Etage herunter, wie es früher unser Sohn tat. Durch große Schlammlöcher laufen sie, und es stört sie nicht, sie genießen es eher.

Die Träumerin war in der Realität dabei, das im Traum erscheinende Haus zu renovieren. Im Traumgespräch sagte sie, dass sie die beiden jungen Männer im Traum sympathisch fand. Sie seien etwa so alt wie zwei ihrer eigenen Kinder. Ich stellte der Träumerin die Frage, wie es für sie wäre, dass sie im Traum ihr Haus verkaufen wollte. Sie sagte spontan und entschlossen: „Das würde ich nie machen!“ Ich wies sie darauf hin, dass sie im Traum gerade das gemacht habe. Diese auffallende Diskrepanz brachte sie ins Nachdenken. Ich gab der Träumerin die Anregung, dass ihr Haus ein Bild für ihre eigene Seele sein könne. Durch diesen Hinweis hatte sie ein Aha-Erlebnis: Sie hatte in den vor dem Traum liegenden Wochen ziemlich viel Arbeit mit der Renovierung ihres Hauses gehabt. Zusätzlich war sie noch durch die Krankheit eines engen Verwandten bis an ihre Grenzen gefordert. Durch das alles war sie strukturell überfordert. Sie hatte nicht mehr auf sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse geachtet. Sie stand in akuter Gefahr, ihre eigene Seele im Einsatz für andere und für die Renovierung ihres Hauses zu verkaufen. Die beiden Männer im Traum hatte sie nicht gekannt. Die Träumerin befremdete das Herunterrutschen der beiden im Schlamm; es war nicht sonderlich erwachsen, auch wenn diese Männer 30 und 44 Jahre alt waren. Wie wir weiter unten noch sehen werden, bietet es sich bei unbekannten Personen im Traum an, sie als Anteile der träumenden Person zu verstehen. Ich sagte der Träumerin, dass die beiden Männer für Anteile stehen könnten, die nicht wirklich verantwortlich sind. Außerdem spielten sie an Schlammlöchern, bei denen die Gefahr des Ausrutschens und Absinkens bestand. Der Träumerin wurde durch diesen Traum klar, dass sie ihr (Seelen-)Haus behalten und bewusster Verantwortung für sich übernehmen sollte.

Das Haus gehört auch zu den vielschichtigen und variablen Symbolen: Es kann als kleines, als großes oder als Hochhaus, als eigenes oder fremdes, als altes oder neues Haus usw. erscheinen. Die verschiedenen Möglichkeiten werden vom Unbewussten gestaltet und wollen im individuellen Bezug zur träumenden Person aufgenommen und bearbeitet werden.

– Zu den häufig im Traum erscheinenden Symbolen gehören auch Fahrzeuge. Ein Träumer erzählt:

Ich gehe mit anderen Leuten aus der Gemeinde zu einer Veranstaltung auf einem Hügel. Als ich oben am Hügel ankomme, sehe ich, dass zwei Autos, die beide mir gehören, auf der Straße vor dem gemeindlichen Versammlungsgebäude stehen. Das eine Auto ist ein Pkw, das andere ein Lastwagen. Ich frage mich, wie ich zwei Autos zugleich fahren kann. Ich rede mit einem befreundeten Kumpel. Er ist bereit, den Lastwagen zu fahren. Wir kommen dann auch wieder den Berg herunter. Dann spreche ich mit einer Tante von mir, die ich jedoch in der Realität nicht kenne. Sie sagt, dass sie beim Kauf von Autos für sich selbst und für ihre Familie immer eine Nummer kleiner nehmen würde. Sie macht das aus Sparsamkeitsgründen.

(Aus Platzgründen beschränke ich mich auf die zentralen Motive dieses Traums.)

Im Gespräch zeigt sich der Träumer besonders bewegt von den zwei Autos. Es war für ihn eine ihn beklemmende Überforderung, nun für zwei Autos verantwortlich zu sein. Wörtlich sagt er mit einem Unterton der Verzweiflung: „Das bekomme ich einfach nicht hin. Was soll ich da nur machen?“ Ich sage ihm, dass ein Auto ein Symbol für sein Ich sein könnte. Da steht ihm deutlich vor Augen, dass er sich immer wieder mit Entscheidungsschwierigkeiten herumschlägt; er erlebt diese Entscheidungssituationen als Dilemma. Der Träumer bekommt mit diesem Traum vor Augen geführt, was es heißt: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“ (Goethe). Außerdem ist der zweite Wagen ein Lastwagen. Ich frage den Träumer, wo er Lasten trägt. Er sagt, dass er gerne bei anderen mitträgt, wenn er etwas von deren Lasten mitbekommt. So zeigt der Traum ihm unmissverständlich, was die faktische Entscheidungsverweigerung mit seinem Leben macht: Sie zerreißt ihn.

Außerdem sprechen wir über die Haltung der Tante, was diese verkörpert: Sie wählt immer wieder für sich ein kleineres Auto, als eigentlich für sie oder für ihre Familie angemessen wäre. Ich frage den Träumer, wie er mit sich selbst umgeht. Er nimmt sich tendenziell anderen gegenüber mehr zurück, wenn es um seine eigene Position und seine eigenen Bedürfnisse geht. Ich weise ihn auch darauf hin, dass das sparsame kleinere Auto auch auf emotionale Sparsamkeit hinweisen könne. Da wird ihm bewusst, dass er seine Gefühle immer wieder sehr zurückhält. Außerdem fällt es ihm schwer, sich etwas zu gönnen, wenn es genuin um ihn selbst geht. Der zweite Teil des Traums lädt ihn ein, den Umgang mit sich selbst und mit anderen bewusster, offener und großzügiger zu gestalten, indem er seine Gefühle besser wahrnimmt und sie angemessen mitzuteilen lernt.

Fahrzeuge im Traum gehören auch zu den vielschichtigen, bedeutungsweiten Symbolen: Kleine oder große Autos, Lastwagen oder Bus, Fahrrad oder Zug – alle diese Fahrzeuge können sich mit ganz individuellen Hintergründen der Träumenden verbinden und somit eine ganz spezifisch eingefärbte Botschaft transportieren. Bei Autos kann die Frage fruchtbar sein, wer am Steuerrad sitzt. Wenn Bus oder Bahn im Traum auftauchen, kann die Frage für das Verständnis weiterhelfen, welche Rolle die Gemeinschaft mit anderen spielt. Bei Zug und Straßenbahn ist es naheliegend zu fragen, wie vorgezeichnet der Träumer seinen Weg lebt oder empfindet. Ein Fahrrad im Traum kann die Frage anregen, wie es dem Träumer damit geht, seinen eigenen Raum einzunehmen.

– Eine ganze Traumwelt öffnet sich mit den Symbolen von Tieren. Der nächste Traum ist ebenso kurz wie vielschichtig. Eine Träumerin bringt folgenden Traum:

Ein Krebs kommt auf mich zu. Ich nehme ihn in beide Hände und drehe ihm den Körper ab.

Im Traumgespräch fragte ich die Träumerin, welche Assoziationen sie zum Krebs habe. Sie sagte spontan: „Der zwickt einen, und das spürt man deutlich. Krebse sind für mich abstoßend.“ Außerdem sprachen wir darüber, dass Krebse sich häufig verkriechen. Ich regte an, dass sie sich dem Krebs, symbolisiert durch einen Stuhl, einmal gegenübersetzen solle. Auf diese Weise könne sie mit ihm ins Gespräch kommen. Der Gedanke daran stieß sie spontan eher ab, auf Zureden von mir ließ sie sich dann aber doch darauf ein. Das Gespräch zwischen der Träumerin und dem Krebs kam jedoch nur zögerlich in Gang, obwohl die Träumerin ansatzweise auf dem Stuhl des Krebses treffende Gedanken zu den Aggressionen äußerte. Sie stieß sich einfach zu sehr am Bild des Krebses.

Wir brachen den Dialog ab und gingen in die Reflexion. Ich fragte die Träumerin ganz direkt danach, wie es ihr mit ihren gesunden Aggressionen23 ergehe. Sie sagte ehrlich, dass sie sich ihrem Mann gegenüber lieber fügen würde. Es falle ihr schwer, zu ihren eigenen Gedanken über eine ihr wichtige Angelegenheit zu stehen und für sie einzutreten. Sie überließe dann „um des lieben Friedens willen“ die Entscheidung ihrem Mann. Ich sagte ihr, dass das für sie selbst und ihren Mann auf Dauer alles andere als förderlich wäre, wenn sie ihre gesunden Aggressionen an ihren Mann delegiere. Das leuchtete ihr ein. Sie erkannte durch ihren Traum: Ihre Seele hatte für ihre eigenen Aggressionen den Krebs gewählt, der sich tendenziell versteckt. Aber zugleich war der Krebs in ihrem Traum auf sie zugegangen; ihre gesunden Aggressionen wollten zu ihr kommen. Es war für ihr eigenes Leben nicht gut, wenn sie ihre eigenen Aggressionen vernichtete, ihnen „den Hals umdrehte“. Ihre Aggressionen warteten auf eine tiefere Integration.

Die Tierwelt bietet für die Traumsymbole einen beinahe unbegrenzten Fundus: Häufig tauchen Hunde auf, die den Träumer vor die Frage nach dem Umgang mit seiner triebhaft-ursprünglichen oder auch aggressiven Seite stellt. Löwe, Bär und Tiger können ebenfalls Fragen in Bezug auf mögliche Aggressionen des Träumers aufwerfen. Vögel können als Raubvögel auch den Blick auf die eigene Aggressivität oder als Singvögel den Blick auf die Gefühlswelt des Träumers lenken.

Um allerdings nicht durch die Hintertür doch wieder einer Deutungskasuistik zu verfallen, ist der Hinweis wichtig, dass die Assoziationen der träumenden Personen zu den in ihren Träumen erscheinenden Tieren entscheidend sind. Außerdem ist auch das Verhalten des jeweiligen Tieres im Traum sowie das szenische Umfeld für die Deutung zu beachten.

– Flugträume gehören bei nicht wenigen Träumern zum festen Repertoire. Eine Träumerin war von einem ihrer Flugträume befremdet. Sie erzählte:

Ich sitze auf einem Flugzeug, das sich im Flug befindet. Ich befinde mich vorne über dem Cockpit außen auf dem Rumpf. Hinter mir sitzen noch weitere Personen, aber ich sitze vorne allein. Ich denke mir, dass es die anderen hinter mir besser haben als ich allein vornedran. Eigentlich hätte ich gerne einen Griff zum Festhalten, aber ich habe leider keinen und fühle mich ängstlich. Dann landen wir auf einem Flugplatz. Als wir unten ankommen, machen mir die Leute, die uns auf dem Boden empfangen, Vorwürfe, dass ich so ängstlich gewesen sei.

Im Gespräch über den Traum fragte ich die Träumerin, was ihr zu diesem Traum einfalle. Sie sagte, dass es für sie sehr bedrohlich gewesen sei, ganz vorne – und das noch außen – auf dem Flugzeug zu sitzen. Und sie fühlte sich auf dem exponierten Platz vor allen anderen mitfliegenden Leuten sehr allein. Sie hatte den Eindruck, dass alle anderen sich in ihrem sicher dürftigen Schutz befanden. Im Gespräch wurde ihr gefühlsmäßig zugänglich, dass sie im Traum sehr ungeschützt war. In ihrem Leben fühlte sie sich bereits als Kind immer wieder von den Eltern zu wenig unterstützt und geschützt und hatte sich daran gewöhnt, sich in vielen Situationen allein durchzuschlagen. Außerdem wurde der Träumerin bewusst, dass sie keinen Griff auf ihrem Sitzplatz hatte. Sie versuchte immer wieder alles „im Griff“ zu haben. Sie bemerkte, dass ihr Traum diese sprichwörtliche Wendung in Szene gesetzt hatte.

Ich fragte die Träumerin, was ihr zum Fliegen im Traum einfalle. Sie hatte keine einschlägigen Assoziationen dazu, aber auch keine Angst vor dem Fliegen. Ich erwähnte ihr gegenüber, dass manchmal das Fliegen im Traum ein Bild sein könne für Abheben und ob ihr dazu etwas einfalle. Da meinte sie, dass sie immer wieder sehr hohe Ansprüche an sich selbst habe. In dieser Hinsicht wolle sie hoch hinaus. Aber das mache sie zuweilen abgehoben von der Realität und unterstütze das Gefühl des Alleinseins. Das trug in ihrem täglichen Leben zu ihrer Angst bei zu versagen.

Schließlich gingen wir im Gespräch auf den Schlussteil des Traums ein, der Landung auf dem Boden. Hier bekam sie im Traum Vorwürfe für ihre Angst. Die Träumerin stellte bei sich immer wieder eine Tendenz zur Selbstkritik fest. Sie begann zu verstehen, dass die Angst vor Überforderung, die ihr früher zugemutet wurde und die bis heute Teil ihres Lebens war, sehr wohl berechtigt war. Der Vorwurf im Traum – und in ihrem gegenwärtigen Leben – war und ist alles andere als hilfreich. Die Traumbotschaft konnte sie für sich mit der Einladung zusammenfassen, mehr zur Entspannung zu finden.

Flugträume können zwei grundlegende Bedeutungsrichtungen annehmen: Sie können die träumende Person auf der einen Seite darauf hinweisen, dass sie in irgendeinem Bereich abzuheben droht. Dann besteht die Einladung darin, auf guten Bodenkontakt der Seele zu achten. Flugträume können auf der anderen Seite aber auch ein erhebendes oder erfreuliches Gefühl symbolisch darstellen. Dann kann der Traum auf einen beflügelnden Lebenszusammenhang hinweisen.

4.2 Das innere Kind im Traum

Das sogenannte innere Kind ist thematisch eigentlich Teil des vorhergehenden Punktes über das Thema Symbole. Ich widme ihm aber einen eigenen Punkt, weil ich dieses Traummotiv für sehr hilfreich halte. Es taucht in vielen Träumen auf. Immer wieder kommen Träumende durch dieses Symbol an entscheidende Fragen ihres Gefühlslebens heran. Außerdem bieten meine Frau und ich Seelsorgegruppen zum Thema „Begegnung mit dem inneren Kind“ an. Sicher hängt es damit zusammen, dass uns sehr viele Träume im Umfeld dieser Thematik in der Traumarbeit erzählt werden.

Ich beginne dieses Thema wieder mit einem Traum. Eine Träumerin bringt, innerlich bewegt, folgenden Traum:

Mein Sohn soll ins Bett. Ich möchte ihn mit und in Ruhe ins Bett bringen, weil ich auch zeitiger ins Bett möchte. Aber er will nicht, rennt herum. Er möchte, dass ich Spendengelder für arme Kinder gebe. Er legt sein Spenden-Portemonnaie und eine Liste auf den Tisch und bettelt immer wieder um Geld. Ich verspreche, ihm am nächsten Morgen Geld zu geben, und lobe ihn für sein Engagement. Aber auf mein Bitten, ins Bett zu gehen, hört er überhaupt nicht. Ich habe im Traum einen Vortrag über Selbstfürsorge gehört und in meinem Herzen war ein so wohliges Gefühl nach meinem Gebet. Dieses Gefühl geht durch das Verhalten meines Sohnes verloren. Wütend hebe ich meinen Sohn hoch und knalle ihn auf den Fußboden. Sofort tut es mir leid und ich laufe zu ihm, aber er rennt um den Tisch herum. Meine Kraft verschwindet, während ich meinem Sohn hinterherrenne, zu schnell.

Im Traumgespräch wandten wir uns ausführlich ihrem Sohn mit seinem Verhalten zu. In der Erinnerung der Träumerin war er als Kind sehr umgänglich gewesen. Der Träumerin fiel auf, dass er im Traum sehr aufgedreht gewesen war. Ich wies sie darauf hin, dass ihr Sohn im Traum für ihr Inneres Kind stehe. Wir sprachen darüber, dass ein Kind sich vor allem in Situationen aufgedreht zeigt, in denen es nicht genügend Aufmerksamkeit erhält oder gelangweilt ist. Die Träumerin hatte selbst als Kind wenig Zuwendung erfahren. Als erwachsene Person lebte sie in ständiger Selbstbeherrschung. Das aufgedrehte Kind könne ein Schattenkindanteil sein. Das Kind hatte im Traum noch eine andere Seite: Es war anderen Bedürftigen gegenüber sehr zugewandt. Und das war eine Seite, die die Träumerin auch selbst deutlich ausgeprägt lebte. Sie selbst wandte sich anderen viel mehr zu als sich selbst. Ihr Sohn bettelte im Traum um Geld. Hier wurde angedeutet, dass die Zuwendung zu anderen mit Selbstwert verbunden war.

Die Träumerin lebte in einem lebendigen persönlichen Glauben. Sie wollte sich ihr wohliges Gefühl nach ihrem Gebet nicht nehmen lassen. Aber dann rastete sie im Traum richtig aus: Als ihr Sohn sich nicht fügte, behandelte sie ihn extrem gewalttätig. Sie war sich auch selbst gegenüber sehr ungeduldig. Hier wies der Traum in einem drastischen Bild darauf hin, dass ihr Glaube noch auf eine tiefere Verbindung mit ihrem verletzten inneren Kind wartete. Es tat ihr dann sehr leid, aber ihr inneres Kind rannte vor ihr davon. Sie erreichte es nicht; ihre Kraft schwand im Traum, bevor sie es ergreifen konnte. Der Traum lud sie mit der drastischen Szene ein, sich bewusst ihrem inneren Kind zuzuwenden. So konnte das Gegeneinander zwischen der erwachsenen Träumerin und ihrem inneren Kind zu einer Versöhnung umgestaltet werden.

Was ist mit dem inneren Kind gemeint?

Die Metapher des inneren Kindes hat sich in neuerer Zeit in verschiedenen therapeutischen Kontexten etabliert.24 Sie geht davon aus, dass in jedem Menschen zwei Persönlichkeitsaspekte unterschieden werden können, den Erwachsenen und das innere Kind. Der Erwachsene steht für das Denken und Handeln. Das innere Kind repräsentiert das Fühlen, Erleben und Sein, die kreative und intuitive Seite, und schließlich auch unsere instinktive Seite, die mit unserem Bauchgefühl zu tun hat. Im inneren Kind sind die Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle der Kindheit gespeichert.

Für die persönliche Entwicklung eines Menschen ist die Beziehung zwischen dem Erwachsenen und dem inneren Kind entscheidend: Der Erwachsene kann sich für sein inneres Kind interessieren und so zu seiner positiven Entwicklung beitragen. In diesem Fall übernimmt der Erwachsene Verantwortung für sein inneres Kind. Hierfür kann man auch die Bezeichnung „liebevoller Erwachsener“ finden. Der innere Erwachsene kann das innere Kind aber auch vernachlässigen oder abwerten und so zu seiner Verkümmerung beitragen. Ein solches Verhalten des Erwachsenen ist eine Form von Verantwortungslosigkeit gegenüber dem inneren Kind. Dafür kann die Bezeichnung „liebloser Erwachsener“ verwendet werden.

Diese Zusammenhänge zeigen sich in vielfältigen Variationen auch in Träumen: Im Abschnitt über die Symbole haben wir gesehen, dass die Symbole als eine Sprache der Gefühle bezeichnet werden können. Das gilt zentral für Träume, in denen Kinder oder Jugendliche auftauchen. Man kann als Faustregel festhalten: Kinder im Traum stehen für Gefühle. An ihrem Ergehen und am Umgang mit ihnen im Traum lässt sich meistens etwas über das Verhältnis der träumenden Person zu ihren Gefühlen ablesen.

Das Kind-Symbol kann im Traum für Rückschritt in der psychischen Entwicklung oder für Fortschritt im Sinne der Entfaltung stehen. Es kann Infantilisierung oder Reifung anzeigen. Es kann Erfahrungen in der Kindheit darstellen und damit für Regression stehen. Es kann auch auf das Kindliche in der träumenden Person hinweisen, das verschüttet und verloren gegangen oder gerade am Entstehen ist. Je nach Kontext innerhalb des Traumes kann es auch eine nicht mehr altersgemäße, kindische Verhaltensweise anzeigen. Schwangerschaft oder ein neugeborenes Kind deutet häufig auf etwas Neues hin, auf ein Zukunfts- und Entwicklungspotenzial.

Dann können Altersangaben in Traumszenen hinzukommen: Wenn jemand z. B. von einem zehnjährigen Kind träumt, kann sich die träumende Person fragen, ob vor zehn Jahren ein neuer Prozess für ihn begonnen hat. Das kann von einem neuen Beruf über eine neue Beziehung, die damals begann, bis zu einer verletzenden Erfahrung gehen. Wenn sich unter dieser Fragestellung kein Aha-Erlebnis ergibt, kann es auch sinnvoll sein zu fragen, was er aus seinem Leben als Zehnjähriger erinnern kann. Es ist dann empfehlenswert, den Träumer anzuregen, sich an das damalige Lebensgefühl zu erinnern. Ein kleines Kind im Traum kann auf eine große Abhängigkeit von Erwachsenen hinweisen oder auf eine ursprüngliche Lebendigkeit im Träumenden. Jugendliche im Traum können auf wachsende Selbstständigkeit oder auf pubertäre Seiten im Träumenden hinweisen. Manchmal bedarf es einer Kreativität in der Fragestellung an den Traum, die der Kreativität des Unbewussten entgegenkommt.

Für viele Träume, in denen Kinder erscheinen, mag das gelten, was Anselm Grün sagt: „Träume von Kindern verkünden immer eine frohe Botschaft. In uns wächst Neues heran, und neue Lebendigkeit bricht sich durch die alte Starre hindurch.“25 Die Frage muss offenbleiben, ob dieses „immer“ im Zitat wirklich lückenlos auf alle möglichen Traumkonstellationen zutrifft. Welcher Aspekt der Vielschichtigkeit dieses Symbols im konkreten Traum zum Ausdruck gebracht wird, will in seiner Einmaligkeit jeweils neu erschlossen werden.

Ich bringe nun einige weitere Beispiele, in denen die dargelegten Zusammenhänge zum Kind-Symbol in Träumen anschaulich werden sollen: In einer Gemeinschaft hielt meine Frau und ich eine Lehreinheit zum Thema „Inneres Kind“. Wir verbrachten eine Nacht in dieser Gemeinschaft, weil wir am nächsten Vormittag noch eine Lehreinheit halten wollten. Darin gaben wir den Teilnehmenden Raum, ihre Träume aus der zurückliegenden Nacht einzubringen. Eine Teilnehmerin träumte:

Ich habe mein verlorenes Kind wiedergefunden. M. brachte es zu uns nach Hause.

Im Austausch über diesen Traum teilte die Träumerin mit, dass M. eine verstorbene Schwester ihrer Gemeinschaft war, die lange in der Kinderbetreuung gearbeitet hatte. Sie hatte sich fürsorglich um Kinder gekümmert. Die Träumerin war von den Ausführungen zum inneren Kind am Vortag angesprochen und wollte die Beziehung zu dieser Seite in ihr selbst bewusst aufgreifen. Ihre Entscheidung zu einer bewussteren Selbstfürsorge hat ihr Unbewusstes so aufgegriffen, dass M. ihr im Traum ihr eigenes verlorenes Kind nach Hause brachte.

Dieser Traum ist ein sprechendes Beispiel für die Kontinuitätshypothese: Diese besagt, dass der Traum Ereignisse des Wachbewusstseins aufgreift. Dabei werden keine Themen aufgegriffen, die für die Seele irrelevant sind. Vielmehr verarbeitet der Traum das, was für den Träumer emotional und existenziell bedeutsam ist.

Immer wieder kommt es vor, dass sich Träume derselben Person wechselseitig ergänzen und in ihrer Aussage verstärken. Das ist bei den nächsten beiden wiedergegebenen Träumen der Fall, die im Abstand von wenigen Wochen geträumt wurden:

Es geht um eine Hochzeit, die aber nicht zustande kommt. Ich muss immerzu Fragen beantworten und mein inneres Kind schreit ganz laut. Anschließend wechselt die Szene zwischen Hochzeitsvorbereitung und Entbindung.

Ich arbeite im Kreißsaal. Eine Frau liegt zur Entbindung im Kreißsaal. Wir wollen die Fruchtblase öffnen. Ich beginne, das Bett umzubauen, die Beinstützen anzubringen. Da bekomme ich auf einmal von der Ärztin ein Neugeborenes in den Arm gelegt. Das Baby krabbelt über meine Schulter. Ich muss doch noch die Frau lagern. Das Baby kann ich kaum bändigen, und die Frau liegt verkehrt herum im Bett und muss umgedreht werden. Das gelingt gut. Das Baby macht mich fertig. Es krabbelt ständig über meine Schulter.

Der erste Traum hinterließ in der Träumerin den Eindruck, dass Hochzeit und inneres Kind negativ korreliert waren. Im Gespräch über den Traum frage ich sie, ob sie in letzter oder nächster Zeit mit einer Hochzeit zu tun habe. Dazu fiel ihr nichts ein. Wir sprachen darüber, dass Hochzeit ein Bild sein könne, dass die männliche und weibliche Seite in ihr zusammenkommen wollen. Im Traum kam es jedoch nicht zur Hochzeit, weil sich das innere Kind laut schreiend meldete. Am Ende des Traums kam noch eine Entbindung dazu, die die Hochzeitsvorbereitung unterbrach.

Der zweite Traum begann mit der Entbindung einer Frau im Kreißsaal. Die Träumerin kannte die Frau im Traum in der Realität nicht. Im Gespräch über diesen Traum sprachen wir zuerst darüber, dass die Entbindung im Traum darauf hinweist, dass in der Träumerin neues Leben am Erscheinen war: Das Kind der Frau sollte zur Welt kommen. Die Vorbereitungen für die Geburt waren zwar etwas mühsam, aber sie gelangen. Dann sprachen wir über das bereits geborene Kind, das eine Ärztin der Träumerin übergab. Sie selbst war von Beruf Geburtshelferin und hatte eine gewisse „ärztliche Kompetenz“. Aber das bereits geborene Kind, das ihr am nächsten war, nervte sie am meisten. Der Traum brachte der Träumerin nahe, wie es um ihre Beziehung zu ihrem inneren Kind bestellt war: Das innere Kind wolle mit ihr in Kontakt kommen und deshalb nerve es so eindringlich. Wenn das geschehe, könnten auch ihre männliche und weibliche Seite mehr zusammenfinden.

Der folgende Traum führt bildhaft vor Augen, wie die Einstellung des Erwachsenen das innere Kind (bzw. die inneren Kinder) dominieren kann:

Ich sehe eine Familie. In der Familie wird festgestellt, dass es Läuse gibt. Die Läuse breiten sich aus. Es wird deutlich, dass sich diese Läuse von den Erwachsenen auf die Kinder ausbreiten.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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322 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783954596089
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