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Friedrich Gerstäcker
Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser
Band 163 in der maritimen gelben Buchreihe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort des Herausgebers
Der Autor Friedrich Gerstäcker
Skizzen aus dem Seeleben – Aus dem Matrosenleben – Aus der See
Das Auswandererschiff
Jack und Bill
An Cap Horn
Die Dschunke
Die Goldbarren
Die Nacht auf dem Walfisch
Aus dem Matrosenleben – An Bord
Der Markt in Sidney
Die Matrosenkneipe
Die Flucht von Bord
Die Entdeckung
Sidney im Dunkeln
Was das Geld vermag
Die Ausfahrt
Hans
Die unterbrochene Exekution
Der Sturm
Die Riffbank
Das Wrack
Die Mannschaft trennt sich
Die Bootsfahrt
Der Morgenbesuch
Die Landung
Der australische Busch
Das Bivouak
Schluss
Aus der See – Die versunkene Stadt
Der Klabautermann
Der Klabautermann und die Schifferstochter
Die maritime gelbe Buchreihe
Weitere Informationen
Impressum neobooks
Vorwort des Herausgebers
Vorwort des Herausgebers

Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.

Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.
Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den Seeleuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzutragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktionen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.
Die in diesem Band enthaltenen maritimen Texte von Friedrich Gerstäcker zeugen vom Leben an Bord der Schiffe Mitte des 19. Jahrhunderts und spiegeln das Leben und die Denkmuster der damaligen Seefahrer.
Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski

Ruhestands-Arbeitsplatz
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Der Autor Friedrich Gerstäcker
Der Autor Friedrich Gerstäcker

Geboren am 10. Mai 1816 in Hamburg als Sohn eines Bühnentenors. Er ließ sich zum Kaufmannslehrling ausbilden, danach absolvierte er eine Ausbildung in Landwirtschaft. 1837 wanderte er nach Amerika aus, wo er ein abwechslungsreiches und abenteuerliches Leben als Matrose, Heizer, Jäger, Farmer, Koch, Silberschmied, Holzfäller, Fabrikant und Hotelier führte. 1843 kehrte Gerstäcker nach Deutschland zurück. Er lebte ab 1868 in Dresden und Braunschweig. Gerstäcker starb am 31.05.1872 in Braunschweig.
Gerstäcker war ein Erzähler von außerordentlich spannenden und farbenprächtigen Abenteuerromanen, die jedoch stets belehrende Momente in der Landschafts- und Kulturschilderung beinhalten.
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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser
https://www.projekt-gutenberg.org/gerstaec/blauwass/blauwass.html
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Skizzen aus dem Seeleben – Aus dem Matrosenleben – Aus der See
Skizzen aus dem Seeleben – Aus dem Matrosenleben – Aus der See
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Das Auswandererschiff
Das Auswandererschiff
https://www.projekt-gutenberg.org/gerstaec/blauwass/chap002.html
Von einer günstigen Brise getrieben glitt das wackere Auswanderer-Schiff, die „CAPTAUBE“, die schon acht Tage durch stürmisches Wetter in der Mündung der Schelde und in der Nordsee zurückgehalten worden, über die wieder ziemlich beruhigte Flut in den Kanal hinein und zwischen Calais und Dover hin.
Die „CAPTAUBE“ kam von Antwerpen mit hundert und dreißig Auswanderern nach New-York bestimmt.

Für Passagiere ganz besonders mit allen nur möglichen Bequemlichkeiten, räumlichen Decks und Kajüten, gutem Proviant und Wasser ausgestattet, fingen die meisten der Leute, wie sie nur einmal den ersten Anfall der Seekrankheit überstanden hatten, schon an, sich wohl und behaglich an Bord zu fühlen. So recht zur Besinnung war aber noch Keiner gekommen.
Es ist auch ein wunderliches Gefühl, auf einem solchen Fahrzeug sein Alles eingeschifft zu haben, für eine andere Welt. – Wenn wir nur eine Reise unternehmen, und sei sie noch so weit, wären selbst Jahre für ihre Dauer bestimmt, der Schwerpunkt unseres Lebens bleibt doch im Vaterlande zurück; der Platz, der unsere Heimat geworden, bleibt derselbe. Hunderte uns liebe Wesen und Dinge lassen wir mit dem Bewusstsein hinter uns, sie wieder zu finden, wenn wir zurückkehren, und die Freude des Wiedersehens wirft Ihre Strahlen schon jetzt auf jenes Bild. Mit gepacktem Koffer machen wir nur eben einmal einen Sprung ins Leben hinein, um zu sehen, wie sie's draußen treiben, halten unsern Rücken dabei gedeckt, und sind wir's müde, treten wir den Heimweg an. Wir haben einen Platz, wohin wir gehören; geht es uns draußen schlecht, was tut's? ist die Reise vorüber, können wir uns daheim wieder erholen.
Die fremden Länder, die wir betreten, behalten dabei eine ganz bestimmte Färbung; wir interessieren uns wohl für sie, aber mehr auch nicht; wir freuen uns ihrer Szenerie, ihres Klimas, der Sitten und Gebräuche ihrer Völker, wie man etwa ein schönes Gemälde betrachtet oder ein gutes Buch liest, aber unser Herz hängt nicht weiter daran, und eine neue Landschaft lässt uns die früher gesehene bald vergessen. – Wir sind nicht gezwungen, uns dort heimisch zu fühlen.
Wie anders ist das, wenn der scharfe Kiel, der unser Alles trägt, die Flut dem fernen Weltteil zu durchfurcht; wenn die Brücke zum Vaterland hinter uns abgebrochen liegt und wir die Heimat gemieden haben auf Nimmerwiederkehr. Wir wissen, was wir hier verlassen, aber nicht, was wir dort wiederfinden, und der dunkle Schleier, der über der Zukunft liegt, füllt da nicht selten selbst das Herz des Mutigsten mit banger Sorge.
Ein herrliches Mittel dagegen ist die Seekrankheit. In dem müßigen, monotonen Leben der Seefahrt würden sich Tausende von denen, die ihr Vaterland für immer verlassen haben, nur dumpfem Brüten und Trübsinn hingeben und den Schmerz der Trennung viel schwerer, viel furchtbarer empfinden; aber ehe sie an Bord nur recht zur Besinnung kommen können und kaum im Stand sind, ihre Sachen zu ordnen zu der langen Fahrt, und sich nur ein klein wenig bequem in dem neuen, ungewohnten und eigentlich höchst unbequemen Leben einzurichten, naht mit dem ersten Schaukeln des Schiffes der unerbittliche, erbarmungslose Feind und ertränkt in Vergessen das Vergangene.
Von dem Augenblick an, wo der Mensch seekrank ist, existiert keine weitere Welt mehr für ihn, weder in Vergangenheit, Gegenwart noch Zukunft. – Was er daheim verlassen, was dort drüben aus ihm wird, was hier mit ihm geschieht – bah – was kümmert's ihn; er hört und sieht und riecht und schmeckt nicht mehr. Der einzige Sinn, der ihm geblieben, ist das Gefühl – das Gefühl grenzenlosen, unbegriffenen Elends und einer Gleichgültigkeit wieder, sogar hiergegen, die ihn selber in Erstaunen setzen würde, wenn es noch irgendetwas auf der Welt gäbe, das dies bewirken könnte.
Dieser Zustand hat eine solche Konsistenz, dass die Vergangenheit, selbst wenn er endlich gewichen, doch nur wie mit einem dichten Schleier bedeckt hinter uns liegt und dem scharfen Schmerz des Abschieds keine Gewalt mehr über das Herz gestattet. Mit ihm beginnt gewissermaßen ein ganz neuer Abschnitt unseres Lebens, und eigentümlich zu beobachten ist die Veränderung, die in dem ganzen Wesen und Betragen der Passagiere nach dem ersten eintretenden stillen Wetter vor sich geht. Die Leute sind gar nicht mehr dieselben; die heimatliche Küste ist außer Sicht, dieser furchtbare Zustand zwischen Leben und Sterben, vor dem sie sich nicht retten konnten, gewichen, und das weite, offene Meer um sie her, mit seinen leichten plätschernden Wogen, der Anblick der geblähten Segel, des vorn am Bug aufträufelnden Schaumes und Gischts, wie das wackere Schiff so rasch die Flut durchschneidet, füllt ihre Seelen mit neuer Lebenslust, mit frischer, fröhlicher Hoffnung bis zum Rand.
Amerika, das ist das Ziel jetzt, dem sie entgegen streben, und wenn sie abends nach dem dünnen Tee oben auf dem Verdeck sitzen und die Sterne über sich funkeln sehen, die Wasser unter sich rauschen hören, dann scharen sie sich zu kleinen Gruppen zusammen, wie sie sich eben neben einander gefunden an Bord, und bauen sich Schlösser in die blaue, reine Luft, die hoch zu den Wolken reichen und mit diesen gen Westen ziehen – aber traurig ist Keiner mehr.
So mancher schöne Plan wird da ersonnen, wie mancher phantastische Traum ausgebrütet und gehegt. Gar weh freilich würde Vielen von ihnen ums. Herz sein, wenn sie vorher wüssten, wie bei den Meisten es nur eben Pläne, nur eben Träume bleiben sollen. Aber die Zukunft birgt das noch in ihrem dunkeln Schoss, und durch den tausendfarbigen Regenbogen der Hoffnung liegt ihnen das ferne Land schon jetzt in Paradieses Pracht und Schmuck vor Augen.
Wie sie lachen dabei und singen und jubeln – sind das dieselben Menschen, die erst vor wenig Wochen mit rotgeweinten Augen am heimischen Strande standen und denen das Herz brechen wollte von bitterem Weh und Leid? – Fort mit den Sorgen! Amerika, das ist das Zauberwort, dem alle trüben Gedanken weichen mussten, und „wenn wir nur erst einmal dort sind!“ lautet der Tröstungsruf. Indessen haben sie weiter nichts zu tun als zu essen, zu trinken und sich zu amüsieren, bis sie der Kapitän an Ort und Stelle liefert, und sie tun das eben nach besten Kräften.
Hier sitzen ein paar oben an Deck um einen umgestülpten Waschkübel und spielen Karten; dort steht eine kleine Gruppe um einen kurzen, dicken Schuhmacher, den Spaßvogel des Schiffes, herum, den Geschichten zu lauschen, die er ihnen erzählt, und über die sie sich ausschütten wollen vor Lachen. Hier kauern einige vorn auf der Back des Schiffes und singen, und andere liegen lang ausgestreckt auf den warmen Planken in der Sonne und schauen zu den schwankenden, neigenden Masten und den über ihnen hinziehenden Wolken hinauf, die herüber und hinüber zu schießen scheinen am Firmament. Ein Teil hat sich aber nützlicheren Beschäftigungen gewidmet, reinigt sein Geschirr oder seine Kleider, wäscht und bessert aus, und die Frauen besonders sind mit den Kindern in voller Arbeit, an denen sie ebenfalls gerade wie an dem Geschirr, zu putzen und zu scheuern haben, und die sich trotzdem am allerwohlsten an Bord zu fühlen scheinen.
Das Kind richtet sich auch am leichtesten in solch' neue Verhältnisse ein; sein junger Geist ist nur dem Augenblick empfänglich, und neue Eindrücke prägen sich so rasch dem Kinderherzen ein, als es die älteren schnell und leicht verwischt. Was weiß es von Vergangenheit und Zukunft; seine kleine Welt umschließt eben der Augenblick, und in dem engen Kreis hat es an Lust und Sorgen, Schmerz und Freude auch wieder gerade so viel zu tragen, wie's eben tragen kann.
So dauert es denn auch gewöhnlich gar nicht lange, und die Kinder, die überdies am wenigsten von der Seekrankheit ergriffen werden, spielen und haschen sich, selbst bei schwerem Wetter, munter über Deck, lachen und jubeln, wenn sie eine Spritzwelle trifft, und kennen selbst keine Furcht in dem grollenden Sturm, der an den Planken rüttelt und reißt.
Die schlimmste, schwerste Zeit an Bord haben die Frauen, denn außer der Sorge um die kleine Brut, die lustig tobend über Deck schwärmt und klettert und steigt und ewige Aufsicht erfordert, nicht dennoch zu Schaden zu kommen, nagt ihnen das, was sie verlassen haben, auch am meisten am Herzen. Die Frau ist weit mehr an die Scholle gebunden als der Mann; ihr ganzes Leben und Wirken schon liegt in der Häuslichkeit, in dem engen Kreis ihres eigenen Herdes, und nur mit Mühe und tiefem Schmerz reißt sie sich von diesem los. Hätten die Frauen darüber zu bestimmen, nicht der zehnte Teil der Auswandernden würde das Vaterland verlassen, und lieber ertrügen sie das Schwerste, ehe sie die wohnliche Stätte mieden, die ihre Heimat geworden. Bei ihnen wurzelt die Erinnerung an das, was sie verloren, auch am tiefsten; die Sorge für die Zukunft müssen sie doch dem Manne überlassen, und all' ihr Sinnen und Grübeln gehört der Zeit, die hinter ihnen liegt. Die Frauen sind deshalb gewöhnlich die stillsten Passagiere an Bord, und wenn sie auch nicht klagen und jammern über etwas, das nun doch einmal nicht mehr zu ändern ist, spricht die heimlich zerdrückte und rasch und ängstlich wieder entfernte Träne, die ihnen nur zu oft die Wange feuchtet, desto lebendiger das aus, was ihnen auf der Seele liegt.
Gleichgültig gegen alles Derartige sind natürlich die Matrosen, Steuerleute und Kapitän mit eingerechnet. Die See ist ihre Heimat, sie kennen keine andere, und das Schiff ist der Gegenstand, um den sich ihre ganze Sorge dreht.
Der Seemann gehört auch wirklich mit zu den Amphibien, d. h. zu den Wesen, die auf dem Lande und im Wasser oder wenigstens auf dem Wasser leben können, sonderbarerweise aber sämtlich das Wasser vorziehen und zu ihrem Hauptaufentaltsort wählen.

Am Lande sind sie unbehilflich und linkisch, man kann sie auf den ersten Blick erkennen: der schwankende Gang, die vom Körper abhängenden Arme, die etwas gedrückte Haltung selbst, machen die Burschen überall kenntlich, wo sie sich auf festem Boden sehen lassen. Sie fühlen sich auch dort nicht wohl, sie wissen, wie das ihr Element nicht ist, und halten sich wie Seehund, Frosch, Alligator, Schildkröte etc. etc. immer dicht am Ufer auf, zu neuer Ausfahrt jeden Augenblick bereit. Ein echter Matrose würde sich im inneren Lande gerade so wohl da fühlen wie ein Fisch auf einer Wiese.
Der echte Matrose wechselt auch sein Schiff nicht gern. Wenn er es nur irgend mit Kapitän und Steuermann aushalten kann und diese es ihm eben nicht gar zu bunt machen, bleibt er an Bord des einmal gewählten Fahrzeugs und gewinnt das lieb, wie wir die eigene Heimat lieb gewinnen. Er wird sogar stolz darauf und fühlt sich bitter gekränkt, wenn ein anderes Schiff besser aufgeriggt, reinlicher gehalten wäre, oder gar, das Schlimmste von Allem fast, schneller segelte, als das seine, und mit gleicher Anzahl von Segeln auf offener See an ihm vorbeiliefe. Es ist ein Teil seiner selbst geworden, und was dem Schiff geschieht, geschieht auch ihm.
Einen besonderen Hass hat der Seemann, der echte, richtige Matrose wenigstens, auf Passagiere – oder, wenn er sie auch nicht gerade wirklich hasst, verachtet er sie doch gründlich. Ein Passagier ist ihm das nutzloseste, unbequemste, störendste und fatalste Stück Fracht, das sich auf der weiten Gotteswelt nur denken lässt, und einem ordentlichen Matrosen wird es auch nie einfallen – wenn er das irgend ändern kann – sich ein Schiff auszusuchen, das regelmäßige Passagierfahrten macht – er ginge ebenso gern auf einen Walfischfänger.
Überall im Wege, wo sie nicht gebraucht werden, alles beschmutzend und verderbend, woran sie die Hände legen können, auf allen Reisen fast Ungeziefer brütend, machen ihm die Passagiere das Schiff zu einer Hölle, und haben selber genug dabei von seinem Unmut und Schabernack zu leiden. Wozu, um Gottes willen, ist solch ein Passagier auch nütz? – Er kann nicht nach oben gehen, denn wenn er das Deck wirklich einmal verlässt, um in die Wanten zu steigen, hat er alle Hände voll zu tun, sich nur selber festzuhalten; er kann kein Segel nähen, kaum einen Reefknoten machen, kann nicht steuern, noch eine der gerade verlangten Brassen (Die Taue zum Anholen der Rahen) finden, und wenn er Monate lang an Bord wäre, und ist zu faul, Schiemanns Garn zu drehen oder Werg zu zupfen. Was also in der weiten Welt ist mit ihm anzufangen? Gar nichts. Dabei sitzt er gewiss immer an den Stellen, wo er gerade nicht sitzen sollte, hängt die gewaschene Wäsche an das laufende Tauwerk, dass die Falle, wenn sie einmal recht rasch angeholt werden sollen, in den Blöcken hängen bleiben und einklemmen, hat natürlich immer nägelbeschlagene Schuhe und zertritt die frisch gestrichenen Decks, und trampelt regelmäßig zur Unzeit über dem „Logis“ herum, in dem der Teil der Mannschaft, der „seine Wache zur Koje hat“, liegt und die paar Stunden schlafen will.
Außerdem kann er nur einen Menschen verachten, der seekrank wird, und zwar so seekrank, wie es eben nur ein Passagier werden kann. Und in der Zeit hat der Matrose auch wirklich seine wahre Last und Not mit dem unglückseligen Volk in Zwischendeck und Kajüte, das, wie er nur kaum einmal das Deck rein gewaschen hat, aus irgend einer Luke vorgestürzt kommt, nur selten im Stande ist, die Reling zu erreichen, und seiner Krankheit den Lauf lässt, wo er eben liegt. Wer dann wieder mit Eimer und Scheuerbesen hinterher kommen muss, ist natürlich der Matrose, und die einzige Erleichterung, die er sich dabei verschaffen kann, ist, seinem Herzen durch eine unbestimmte, ungemessene Anzahl von Flüchen Luft zu machen.
Und wie sieht so ein Auswanderer-Schiff in der Zeit von außen aus! – Was müssen die Fische denken, wenn sie vorüberschwimmen! – denn von der Schiffmannschaft schaut gewiss keiner über Bord. Doch genug von den Leuten; wir wollen an Bord selber zurückkehren.
Es war Abend – eigentlich der erste warme, freundliche und stille Abend, den die Auswanderer gehabt, seit sie in der Schelde ihren Anker gelichtet, und die Passagiere versäumten nicht, ihn zu genießen. Der kleine dicke Schuster besonders war unter ihnen tätig, einen Ball zu arrangieren, holte aus den Tiefen seiner Kiste eine alte Violine – eine „Schwester von Paganini's Instrument“, wie er behauptete –, setzte sich damit auf den Windlass, der hinter dem Hauptmast stand und dessen blank gescheuerter Messingknopf mit einer ledernen Überkappe bedeckt war, und begann eine wahrhaft nichtswürdige Polonaise zu spielen.
Wo sich aber, bei wirklich guter Musik, mancher nach der so kurzen Trennung von der Heimat gescheut haben würde zu tanzen, überwand das Komische dieser kreischenden, ohrzerreißenden Melodie, die kein anderes Verdienst hatte, als ihre Misstöne wenigstens im richtigen Takt herauszustoßen, bald jede weitere Bedenklichkeit. Selbst die sonst Ernstesten lachten erst über die wirklich entsetzlichen Passagen, die der Schuster mit einer unzerstörbaren Ruhe und endlich, als er mehr in Hitze kam, selbst im Schweiße seines Angesichts herausarbeitete, und traten dann langsam selber mit zu der endlosen Polonaise an, die sich um den Windlass herum am Larbordgangweg (Larbord = Backbord – Statbord = Steuerbord) hin, vorn vor dem Logis vorüber und dann auf dem Starbordgangweg zurück wieder zu dem Platze bewegte, von dem sie ausgegangen war. Selbst einige hannöversche Bauern in Holzschuhen nahmen an dem Tanze teil, und wie der Schuster erst einmal sah, dass er sie alle in Bewegung hatte, sprang er mit seinen Dissonanzen plötzlich in einen munteren Rutscher über, dessen Erfolg über sein Erwarten gut ausfiel.
Eine Masse junger Leute, Burschen und Mädchen, waren an Bord, bei denen es eben keiner besonderen Einladung bedurft hätte, sie zum Tanz zu bringen, und die fingen natürlich rasch an, sich lustig im Kreise zu drehen. Die Übrigen folgten, wenn auch etwas langsamer, dem gegebenen Beispiel, und selbst von den Matrosen mischten sich einige zwischen die wie von der Tarantel Gestochenen, griffen sich die hübschesten Mädchen heraus und flogen im Takt herum, den jetzt die Holzschuhe der Hannoveraner, selbst ohne die dazwischen quietschende Violine, auf dem Deck der „CAPTAUBE“ schlugen und stampften.
Der Kapitän hatte nichts gegen das fröhliche Treiben an Bord; bis acht Uhr, wo doch sämtliche Mannschaft an Deck versammelt war, konnten sie toben, die Bewegung war ihnen überdies gesund, dann freilich, mit dem Ton der Glocke, war Feierabend – die Schiffs-Polizeistunde – und die Nacht begann. Die Zeit bis dahin musste also nach besten Kräften benutzt werden.
Rasch und schäumend, über die nur leise wogende See, verfolgte indessen das wackere Schiff seine Bahn; der Wind hatte sich nach Nordosten gedreht, und mit allen Segeln gesetzt, bis in die obersten Stengen hinauf, durchschnitt der scharfe Bug lustig die zischend und spritzend zur Seite schlagende Flut. Vorn im Westen erhob sich zwar eine dunkle Wolkenschicht, hinter der die Sonne jetzt glutrot niedersank, aber die obere Luftströmung ist der untern, über das Wasser streichenden, oft ganz entgegengesetzt, und keinesfalls bekümmerten sich die Passagiere um den grauen Saum, der ihren Horizont umzog.
Hell und klar funkelten die Sterne schon vom sonst wolkenreinen Himmel nieder und zu ihrer Rechten wurde ein rotschimmernder Punkt dicht über dem Wasserspiegel sichtbar – ein Leuchtfeuer der englischen Küste, unter der sie hinsegelten. – Wie das so still und freundlich zu ihnen herüberglühte von dem fernen Strand, der sichere Führer nach dem Hafen dort. Aber ihr Ziel lag weiter; kein gastliches Ufer konnte sie ablocken von der bestimmten Bahn, und weiter und weiter zurück blieb das Wachtlicht dort drüben, bis andere vor ihnen auftauchten, die Bahn bezeichnend, die sie nahmen.
Der Tanz hatte jetzt aufgehört; die Tänzer waren allerdings so wenig müde geworden wie der Geiger, aber die Saiten des Instruments – wenn der violinartig geformte Kasten wirklich einen solchen Namen verdiente – weigerten längeren Dienst, mussten, da sie in der feuchten Abendluft mehr und mehr nachgaben, höher und höher hinaufgeschraubt werden und platzten endlich. Nur die Holzschuhe waren einmal in Gang und Taktgekommen und klapperten fort, bis endlich des Kapitäns lauter Ruf auch ihre Fröhlichkeit unterbrach und den misshandelten Schiffsplanken Ruhe gönnte.
Es wurden Leute nach oben geschickt, die leichteren Segel einzunehmen und ein paar gegen Abend ausgesetzte Leesegel wieder einzuholen; die Wolkenwand im Westen hob sich höher und drohender, und der vorsichtige Seemann wollte sein Segelwerk bei doch etwa eintretendem andern Wind besser in der Gewalt haben.
Die Oberbramsegel flatterten und schlugen im nächsten Augenblick an ihren Rahen, die „leichten Matrosen“ sprangen nach oben, um sie an ihren Hölzern festzuschnüren; die Leesegel kamen ebenfalls blähend an Deck und wurden dort geborgen, und die nächste Wache, die von acht bis zwölf zu stehen hatte, lag, ihre Antrittszeit erwartend, vorn auf der Back, den Erzählungen des Segelmachers lauschend, der einst an Bord eines englischen Kriegsschiffes gedient hatte und die nötige Gabe besaß, ein „Garn zu spinnen“, d. h. eine Erzählung mit der fabelhaftesten Phantasie auszuschmücken und zu würzen.
Die Auswanderer hatten sich indessen ebenfalls in kleinen Gruppen gesammelt. In Lee (Die der Richtung, von welcher der Wind herkommt, entgegengesetzte Seite des Schiffes) stand eine Anzahl von ihnen zusammen und sang ihre heimischen Weisen; andere lehnten über Bord und schauten still und schweigend zu den einzelnen Leuchtfeuern hinüber, die jetzt auch von der französischen Küste sichtbar wurden und untergehenden Sternen glichen, und wieder andere lagen über die an Deck festgeschnürten Wasserfässer zerstreut, oder im großen, zwischen dem Haupt- und Fockmast befestigten Boot, bliesen den Rauch ihrer Pfeifen oder Zigarren in die stille Nachtluft hinein und schauten zu den Sternen und den schwankenden Masten hinauf.
Ein eigentümlich schriller Laut pfiff da über die See, und das Schiff neigte sich plötzlich und scharf nach Lee hinüber, dass, wer nicht fest stand, zur Seite rutschte und rollte und alles an Deck stehende lockere Geschirr und Gerät polternd nach Larbord über kollerte.
„Steht bei den Fallen! Los mit den Bramfallen, um euer Leben, los mit den Marsen!“ schrie in diesem Augenblick die Stimme des Kapitäns gellend über Deck. Die Matrosen sprangen erschreckt herbei, aber sie selber hatten Not, sich im ersten Augenblick der Überraschung festzuklammern und nicht ebenfalls nach Lee zugeworfen zu werden, und ehe sie nur die Falle, an denen die oberen Rahen befestigt waren, erreichen und, wie der Befehl lautete, abwerfen konnten, brach es und knatterte es oben in den Stengen und kam, unter dem Heulen der plötzlich aufgesprungenen Bö, rasselnd an Deck nieder, zwischen die ängstlich aufschreienden Passagiere hinein.
Noch standen die unteren Masten, und durch die niedergeschmetterten Stengen hatte der so plötzlich herangebrauste Sturm wenigstens seine größte Macht auf das Schiff verloren, das sich langsam wieder aufrichtete. Aber die „CAPTAUBE“ trieb auch, ein halbes Wrack, auf den Wellen, und unter dem Flattern der Segel, da der Mann am Steuer in plötzlichem Schreck das Schiff gerade in den Wind hineingedreht hatte, dass es nicht den mindesten Fortgang mehr durch's Wasser machte, sprangen die Matrosen jetzt an ihre Plätze, lösten die Schoten des großen Segels und den Fock, ließen den Clüver nieder – der Clüverbaum war ebenfalls abgebrochen – und warfen das Besansegel los.
In furchtbarer Schnelle hatte sich indessen die im Westen aufgekommene Wand gehoben; von der Windsbraut getragen, kam sie herauf, und wie die Leute nahe dabei waren, das indessen wieder seinem Steuer gehorchende Schiff von Allem frei zu kappen, was darum herging, an Deck zu ziehen, was zu retten war, und das Übrige über Bord zu schneiden, kam ein flutender Regen wolkenbruchartig niedergeströmt, sammelte sich an Deck und schlug, da er so rasch gar nicht durch die jetzt überdies noch mit Segel und Tauwerk verstopften Speygaten ablaufen konnte, in die noch offenen Luken hinein.
Die Passagiere hatten den ersten Anprall des Sturmes mit dumpfem, starrem Schweigen hingenommen. So plötzlich war das Unwetter aus vollkommen heiterer Luft über sie hereingebrochen, so wild und toll schlugen ihnen die Stengen und Segel dazu um die Köpfe, dass sie die Größe des Unfalls nicht einmal gleich begriffen. Nur die Frauen bemächtigten sich instinktartig zuerst der Kinder, um diese vor den fallenden Hölzern, wenn es sein musste mit dem eigenen Körper zu decken, gewannen aber auch zuerst ihre Stimmen wieder und schrien und wehklagten jetzt in das Heulen und Brausen der Elemente hinein.
Hatten die Seeleute übrigens die Passagiere, die ihnen mehr als je überall im Wege waren, noch bis jetzt unbelästigt an Deck gelassen, so war das die alleinige Ursache gewesen, dass sie auch noch nicht einen Augenblick Zeit bekommen, sich mit ihnen zu beschäftigen. Jetzt aber, wo der niederströmende Regen seine Flut selbst auch in die noch offenen Luken des Zwischendecks ergoss und die darunter liegende Fracht zu beschädigen drohte, änderte sich die Sache, und die Passagiere wurden beordert, nieder zu klettern, damit die Luken geschlossen werden konnten.
Unter dem Schreien und Jammern der Frauen und Kinder, und dem Fluchen der Männer, die sich größtenteils nur ungern dem Befehle fügten, wurde das endlich bewerkstelligt, und die übergehobenen Luken deckten wenige Minuten später den unteren, dunkeln, dumpfigen Raum des Zwischendecks mit Nacht und Schweigen. Die Mannschaft an Deck bekam freien Raum, das zerrissene Takelwerk wie die zersplitterten Masten so viel als möglich in Ordnung zu bringen, um das Schiff wenigstens regieren zu können, und als das geschehen war, änderte der Kapitän den Kurs. Mit den wenigen noch möglichen Segeln konnten sie sich aber nur langsam durch die rasch erregte Flut fortbewegen, und das Sicherste für sie war, nach Norden hinauf zu laufen, um mit Hilfe der Leuchttürme einen schützenden Hafen zu erreichen, wo der erlittene Schaden wieder ordentlich repariert werden konnte. Mit dem Wrack durfte er nicht wagen, seine Reise durch den Atlantischen Ozean fortzusetzen.
An Deck arbeiteten die Matrosen jetzt mit unermüdlichem Eifer, ihr Schiff von allem, was es noch behinderte, nicht allein frei zu bekommen, sondern auch die noch stehenden kurzen Masten und das Takelwerk zu untersuchen, das Schiff auszupumpen, ob die Erschütterung nicht vielleicht irgendwo eine „Naht“ aufgerissen habe, und dann soviel als möglich Segel zu setzen, um rascheren Fortgang zu machen. Die so plötzlich hereingebrochene Bö hatte sich indessen wieder vollständig gelegt; die See brauste und wogte allerdings noch heftig und unruhig, und weiße Schaumadern zischten durch die aufgeregten Wasser, aber die Luft war ruhig geworden, und nur im Nordwesten dichteten sich die Wolken mehr und mehr, und sandten von dort aus breite Schattenstreifen ab, hinter denen die funkelnden Sterne bald vollständig verschwanden. Nur die jetzt aufgehende Mondessichel warf dann und wann einmal einen flüchtigen matten Schein durch die zerrissenen Schleier nieder und beleuchtete das rege, tätige, ängstlich schaffende Leben an Bord des Wracks.
Im Zwischendeck sah es indessen traurig aus. Abgeschlossen von Luft und Licht, mit den nassen Kleidern nach unten geschickt, die jetzt einen feuchten, unangenehmen Dunst ausströmten, in vollständiger Dunkelheit dabei, hatten die armen Auswanderer, unter dem Wimmern und Schreien der Frauen und Kinder und dem Stöhnen Einzelner, die von der Seekrankheit wieder erfasst worden, eine traurige Stunde zu verbringen. Durch das ruhige Wetter sorglos gemacht, war eine Masse von Geschirr, halbgefüllte Flaschen, Gefäße mit Wasser oder Tee und anderen Sachen, im Laufe des Abends oberflächlich auf die Kisten gestellt oder nur leicht verwahrt worden, dem geringen Schaukeln des Schiffes zu begegnen. Wie aber dem Steward in der Kajüte, bei dem plötzlichen Überwerfen des Fahrzeugs, ein ganzer Korb Geschirr nach Lee hinübergeworfen und meist zertrümmert worden, so stürzte hier unten mit dem ersten Stoß das ebenfalls über den Haufen, was nicht fest verwahrt und angebunden war, und kleine Kisten und Körbe, zerbrochene Krüge und Glasscherben, mit den ausgegossenen Flüssigkeiten, und dem Erbrechen der wiederum Erkrankten, vermehrten nur noch in dem engen, dumpfigen, dunkeln Raum die entsetzliche Lage der Passagiere.
Glücklicherweise dauerte dieser Zustand nicht so lange. Der Kapitän, der sich wohl denken konnte, wie den unglücklichen Passagieren drunten zu Mute sein musste, ließ, als der Regen aufgehört hatte niederzuströmen, die Luken öffnen, um wenigstens frische Lust einzulassen, und die Zwischendecks-Laternen hinunterschaffen, damit die Passagiere bei dem matten Schein derselben den engen Raum wieder ein wenig in Ordnung bringen und sich dann zu Bett legen konnten. An Deck wurden jedoch nur Einzelne nacheinander hinaufgelassen, um die Arbeiten der dort noch immer beschäftigten Matrosen nicht zu hindern – unter Deck konnten sie machen was sie wollten – wenigstens was ihnen die Schiffsgesetze erlaubten oder nicht verboten.
Wie sich die Leute aber nur einmal von dem ersten Schreck erholt und sich vergewissert hatten, dass ihnen weiter keine unmittelbare Gefahr drohe, kehrte auch bei den meisten der frische, fröhliche Lebensmut zurück, und nachdem sie sich, soweit das die Umstände erlaubten, getrocknet, oder ihre Kleider gewechselt und das Zwischendeck selber von den umherliegenden Scherben und Sachen gesäubert hatten, sammelten sie sich unter den beiden Laternen, die neben der vorderen und hinteren Luke hingen, um die Erlebnisse des Abends zu besprechen, wie ihre verschiedenen Meinungen über die erlittene Havarie auszutauschen.
„Schöne Geschichte das“, sagte ein breitschultriger Schneider, der wegen revolutionärer Umtriebe in Deutschland hatte landesflüchtig werden müssen und auch schon steckbrieflich verfolgt, aber noch glücklich an Bord der „CAPTAUBE“ entkommen war – „vortreffliche Geschichte das – aber das kommt nur von der Überklugheit der Herren Matrosen, die alles besser wissen wollen als andere vernünftige Leute. Ich hab' es dem Holzkopf von Steuermann schon heute Morgen gesagt, dass die Segel zu hoch wären und das Schiff nächstens einmal umkippen müsste – ob er mir nur darauf geantwortet hätte, und jetzt haben wir die Bescherung. – Mir ist eine Flasche Sirup ausgelaufen, und gerade über mein Kopfkissen weg und in meinen einen Stiefel hinein, und dem Bäcker da drüben haben sie eine Flasche Tinte in die Wäsche gegossen.“
„Es ist wirklich schade, dass du nicht Kapitän geworden bist,“ sagte ein Lohgerber, der mit dem Schneider in einer Koje schlief, „und hier könntest du's gleich großartig betreiben, denn heut Abend sind uns in der einen Viertelstunde mehr Lappen über Bord gegangen, als du in deiner ganzen Lebenszeit wahrscheinlich unter den Tisch gesteckt hast.“
„Ja, ihr braucht auch noch darüber zu spotten,“ sagte aber ein Instrumentenmacher, der seine kleine Familie und eine Anzahl fertiger Fortepianos an Bord hatte, um sie nach Amerika überzuführen; „oben sieht's schön aus, und dass wir diesmal so mit dem Leben davongekommen sind, können wir eben nur dem Kapitän Dank wissen. Wie wir aber mit den Maststumpfen nach Amerika hinüber kommen wollen, weiß ich nicht.“
„Wir sind auch noch nicht davon,“ sagte da die tiefe, dumpfe Stimme eines alten, wetterharten Burschen, der jedenfalls schon mehr von der See gesehen, als einer der Übrigen, und in seinem ganzen Wesen, obgleich er nicht so gekleidet ging, kaum den Matrosen verleugnen konnte, an Bord der „CAPTAUBE“ aber als Passagier eingeschrieben war – „dahinten im Westen steht noch faules Wetter genug, und ich will keinen Zwieback mehr kauen, wenn ich nicht glaube, dass wir die Nacht noch 'was Tüchtiges auf die Mütze kriegen.“
„Ach, Dummheiten“, sagte der Schneider, „jagen Sie einem keinen Schreck ein; das Wetter ist ja wieder recht still und freundlich geworden –“
„Na, mir soll's recht sein“, meinte der Alte, „denn wenn's von da drüben herüberkäme, wo die Wolken jetzt so dicht und dunkel heraufziehen, und wo das erste auch schon hergekommen ist, dann könnten wir uns gratulieren. Mit den paar Lappen da oben wären wir nicht imstande, uns gegen den Wind noch einmal zu halten, und in Lee haben wir die fatalste Sandküste, die sich ein Mensch eben zu wünschen braucht. – Wer weiß, ob uns nicht schon vor Tag der Hals voll Wasser gelaufen ist!“
„Das ist ja eine schreckliche Unke“, brummte der Lohgerber. „Hals voll Wasser laufen – ja wohl, wer das Maul aufmacht, hätte das Vergnügen schon vor einer Stunde haben können.“
„Glauben Sie wirklich, dass es noch einmal anfängt?“ rief eine der Frauen, die dem Gespräch zugehört hatte und sich jetzt, mit einem kleinen Kind auf dem Arm, ängstlich zwischen die Männer hineindrängte, dem Alten zu.
„Ach papperlapapp!“ rief aber der Schneider ärgerlich. „Herr Meier weiß eben auch nicht mehr davon wie wir anderen, und da uns noch nichts gemeldet worden, brauchen wir uns auch an nichts zu kehren. Die Matrosen werden die Geschichte schon wieder in Stand setzen; sie haben ja eine ganze Portion Notmasten und andere Stücke Holz, die sie zu Querbalken und Latten gebrauchen können, an Bord, und die Segel sind auch wieder zu flicken; das ist keine Kunst.“
„Ehe der Morgen dämmert, sind vielleicht so viele Nähte (Die Stellen, wo die Planken zusammengefügt sind, heißen in der Schiffssprache Nähte) an dem alten Kasten auszubessern, dass alle Schneider der Welt eine Lebenszeit daran zu tun hätten,“ brummte der Alte wieder – „'s wäre mir lieb, wenn ich mich irrte. Hat jemand von euch hier ein Barometer?“
„Einen Korkzieher habe ich bei mir“, sagte der Schneider, „aber ein Barometer nicht.“
Die anderen lachten, und Meier, wie der alte Mann hieß, zog sich finster auf seine eigene Kiste in die vordere Ecke zurück, wo er, mit seinem Rücken an die Koje gelehnt und vollkommen im Schatten, keinen Anteil an dem Gespräch weiter nahm und sitzen blieb.
„Wichtigtuer“, brummte der Schneider noch mürrisch hinter ihm her – „der Art Leute meinen immer, wenn sie nur recht 'was Unglückliches prophezeien können, nachher hätten sie Recht, und dann soll man sie für 'was Großes ansehen – Hals voll Wasser laufen – ja wohl und was sonst noch.“
„Na, so viel weiß der Kapitän ja wohl auch noch“, sagte der Lohgerber, „und wenn der glaubte, dass Gefahr bei der Sache wäre, führ' er doch gewiss einfach ins Land und ließe uns aussteigen. Ich hab's in meinem Kontrakt, dass er uns sicher hinüber bringen muss.“
„Herr Gott von Danzig,“ mischte sich der Schuster, der bis dahin ziemlich still und vor sich hinbrütend gesessen hatte, mit in das Gespräch, „Was die Kerle da oben an Deck herumtrampeln und einen Spektakel machen, als ob sie die Planken durchtreten wollten. Das tun sie uns doch nur justament zum Possen, gerad' über unseren Köpfen hin.“
„Ich will einmal hinaufgehen und zuschauen, wie's oben aussieht,“ sagte der Schneider, indem er aufstand und seinen Hut hinter sich von der Kiste nahm; „wenn der Koch nur noch heiß Wasser in der Kombüse hätte, dass man sich einen Grog machen könnte – auf den Schreck und die Nässe wär' der famos.“
„Donnerwetter, ja, Heidelberger, versuchen Sie's einmal“, rief der Schuster, von dem Gedanken ergriffen, „wenn Sie dem Burschen ein paar Groschen in die Hand drücken, tut er's auch, und nachher legen wir zusammen.“
Der Schneider stieg mit dem doppelten Auftrag an Deck, und das Gespräch drehte sich unten indessen um allerlei häusliche Angelegenheiten, umgestoßene Senfbüchsen, ausgelaufene Milch- und Essigkrüge, zerbrochene Flaschen und Tassen und durchweichten Zwieback. Nur die Frauen drängten sich noch einmal ängstlich heran, wenn das Schreien und Stampfen der Matrosen an Deck gar zu arg wurde, und wollten wissen, ob der Sturm wieder angefangen hätte zu wehen. Von den Männern wurden sie aber gewöhnlich kurz abgefertigt, und die meisten waren auch durch das erneute Schaukeln zu unwohl geworden, sich in lange Gespräche einzulassen – wenn die Matrosen an Deck nur nicht gar solch' entsetzlichen Spektakel gemacht hätten!
Oben an Deck wurde jetzt die große, vorn hängende Schiffsglocke in regelmäßigen Schwingungen angezogen, während zugleich Heidelberger, der Schneider, wieder nach unten kletterte, mit dem einen Fuße von der Leiter ab vorsichtig nach seiner Kiste fühlte und dabei sagte:
„Herr du meine Güte, ist das eine Finster und ein Nebel da oben; keine Hand kann man vor Augen sehen.“
„Vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn –“ zählte der Lohgerber – „an was schlagen die denn da oben an? Die Uhr ist wohl mit ihnen durchgegangen.“
„Nein“, sagte der Schneider, der an Deck zufällig gehört hatte, wie der Befehl dazu gegeben wurde, „das ist immer bei Nebel und soll nur ein Zeichen sein, dass wir mit keinem andern Schiff zusammenrennen.“
„Wie sieht es denn oben aus, Herr Heidelberger?“ fragte die Frau des Instrumentenmachers, ein junges, blühendes Weibchen, die eben ihr Kind beruhigt hatte, aber aus Sorge selber nicht schlafen konnte.
„Stockpechrabenschwarze Dunkelheit, verehrte Madame Halter“, erwiderte Heidelberger achselzuckend, „man kann nicht einmal bis dahin an die Masten hinauf sehen, wo die Stücken abgebrochen sind; kein Stern am Himmel, keine Ecke Mond, kein Leuchtfeuer mehr zu sehen – blos noch Licht in der Kombüse und am Kompass –“
„Nun, kriegen wir heiß Wasser?“ fragte der Schuster schnell.
„Der Koch bringt's selber herunter“, lachte Heidelberger, „der trinkt auch gern einen Schluck und will die Gelegenheit nicht unbenutzt vorüberlassen. Sie sind gleich fertig mit ihren Arbeiten, und dann hat er „seine Wacht zur Koje“, wie er sagt. Es geht übrigens kein Lüftchen mehr oben, und die Segel hängen wie Lappen am Mast herunter.“
„Das wär' bös!“ sagte Meier, jetzt zum ersten Mal wieder aus seiner Ecke aufstehend und ebenfalls an Deck kletternd.
„Bös?“ brummte der Schuster hinter ihm drein. „Jetzt seh' einer den Holzkopf an; ärgert sich, weil es still geworden und der Sturm nicht gekommen ist, den er prophezeit hat – alter Barometermacher, der.“
„Ach, lass ihn gehen,“ sagte aber Heidelberger, „wir wollen lieber unterdessen alles zum Grog zurechtmachen, bis der Koch mit dem Wasser kommt – er meinte, der Kapitän müsste nur erst von Deck sein, dass er nicht etwa 'was merkte. Vor dem Alten hat er einen heillosen Respekt.“
Oben an Deck wurde es jetzt ruhig – es war wirklich so dunkel, dass sie keine weitere Arbeit vornehmen konnten. Was sich von den abgeschlagenen Spieren und dem Takelwerk bergen ließ, lag an Deck, die Segel, die jetzt angebracht werden konnten, standen, den geringsten wiederkehrenden Luftzug zu fangen, und alles Weitere musste bis zu dem dämmernden Tag verschoben werden, wo sich der erlittene Schaden dann freilich erst ordentlich übersehen ließ. Nur die eine Beruhigung hatten sie, dass sich kein Wasser im Raum fand. Der Schlag, der die Stengen über Bord jagte und das ächzende Schiff bis in seinen Kiel hinab erschütterte, hatte nicht vermocht, die Nähte zu trennen oder zu lockern, und sie durften hoffen, am nächsten Tag einen Hafen irgendwo an der englischen Küste anzulaufen um dort den erlittenen Schaden wieder auszubessern. Freilich musste das die Reise um Wochen lang verzögern.
Wie still und unheimlich das auf dem Wrack jetzt aussah, mit den an Bord geholten gebrochenen und zersplitterten Hölzern, den zerrissenen Segeln und wirr durcheinander geschlungenen Tauen, und wie das klappte und schlug von noch locker hängenden Enden und losgegangenen Blöcken, die mit dem faulen Schlingern des Schiffes, das keinen Widerhalt im Wind mehr fand und auf den Wogen herüber und hinüber taumelte, an die Maststumpfe und großen Rahen klopften. Dick und schwer lag dabei ein dicker Nebel auf dem Wasser, dass man nicht einmal von Bord zu Bord des eigenen Schiffes sehen konnte, und was dabei das Schlimmere war: Er verdeckte auch das Licht der Leuchttürme, das Einzige, wonach der Kapitän im Stande gewesen wäre den Platz jetzt zu bestimmen, wo er sich gerade befand, und die Strömung zu erfahren, die ihn, wie er fast fürchtete, dem südlich gelegenen flachen Lande zu setzte. Hierüber mussten sie sich aber Gewissheit verschaffen, und die war auch außerdem durch das Senkblei zu bekommen.
Mit dem kleinen Lot erreichten sie allerdings noch keinen Grund, das größere ergab jedoch eine Tiefe von fünfzig Faden, und als sie das Senkblei einige Sekunden auf dem Boden liegen ließen, fanden sie ihre Befürchtung der Strömung wegen allerdings begründet, denn das Schiff trieb über die Leine hin, nach Südosten zu. Trotzdem ließ sich für den Augenblick nichts weiter tun, denn das Wasser war zum Ankern zu tief und das Ankern selber auch für sie gefährlich. Die Brise konnte nicht mehr lange ausbleiben, dann verzog sich auch aller Wahrscheinlichkeit nach der Nebel, und ihr einziges Streben musste jetzt sein, so rasch als möglich einen Hafen zu erreichen. Das Schiff selber war dicht und unbeschädigt, und die paar Hölzer und Segel ließen sich dann bald wieder herstellen.
Fortgang machten sie indessen fast gar nicht, höchstens vielleicht eine oder zwei englische Meilen die Stunde; nichtsdestoweniger wurde vorn am Bug die Glocke zeitweilig angeschlagen, ein mögliches Zusammenstoßen mit einem andern Schiff, dem sie kaum hätten ordentlich ausweichen können, zu vermeiden.
Der Kapitän hatte jetzt seine Wacht zur Koje und ging nach unten. Was geschehen konnte, war geschehen, und sie durften ihre Kräfte nicht vor der Zeit aufreiben, da man allerdings nicht wissen konnte, was dem arg beschädigten Schiff noch bevorstand. Der Steuermann, der mit seiner Wache an Deck blieb, hatte aber strenge Ordre, das Senkblei von Zeit zu Zeit auswerfen zu lassen, sowie bei einer Veränderung der Witterung, oder sonst etwas Auffälligem, den Kapitän augenblicklich zu wecken und davon in Kenntnis zu setzen.

„Na, da kommt er endlich!“ rief unten im Zwischendeck Heidelberger, als der Koch, ein eben nicht besonders reinlich aussehender Bursche, mit einem großen dampfenden Blechgefäß in der Hand, rasch die schmale Treppe, die in der Vorderluke lehnte, herabstieg, sich die Mütze dann abnahm und den Schweiß von der triefenden Stirn mit einem rotbaumwollenen Tuche abtrocknete.
„Hurrah, der Koch soll leben!“ wollte der Schuster eben, in dem Vorgefühl bald befriedigten Durstes, ausrufen, als ihn aber das also zu ehrende Individuum selber eben nicht sanft gegen die Schulter stieß und bedeutete, „das Maul zu halten“.
„Hol' euch doch der Henker hier mit eurem ewigen Brüllen!“ knurrte er dabei; „muss es denn immer gleich das ganze Schiff wissen, wenn man euch einmal einen Gefallen tun will? – Und dann werdet ihr überdies nicht mehr lange zu hurrahen haben – beten wär' euch besser und nützlicher.“
Der Koch war ein mürrischer, finsterer Gesell, trotzdem aber mit einem ziemlichen Teil trockenen Humors begabt, der ihn schon bei seinen Passagieren sehr beliebt gemacht hatte. Auch kochte er nicht übel und verstand die Behandlung einer Auswanderungsküche aus dem Fundament. Nur mit der Reinlichkeit sah es nicht besonders aus, und das in tausend kleine bewegliche Falten gezogene Gesicht ließ ihn dabei immer noch schmutziger erscheinen, als er vielleicht wirklich war. Der einzige Fehler nur klebte ihm an: er trank und ließ sich auch deshalb mehr und intimer mit den Passagieren ein, als das auf der langen Reise für den Koch nützlich und den Offizieren des Schiffes angenehm ist. Die Auswanderer führten aber eine Menge spirituöser Getränke bei sich, und denen konnte er, da an Bord selber kein Branntwein verabreicht wurde, nicht widerstehen.
„Beten? Hallo, was ist nun im Wind?“ lachte der Schneider, der ihm indessen das Wasser abgenommen hatte und einen Teil desselben in eine große Blechkanne auf die darin schon vorbereitete Mischung von Rum und Zucker goss; „weil die paar Stücken Holz und Ellen Leinwand über Bord gegangen sind?“
„Der Klabautermann ist fort!“ flüsterte aber der Koch dem Schneider heimlich zu, und sah sich dann scheu im Kreise um, die Wirkung zu beobachten, die diese Worte auf die Umstehenden machen würden.
„Der Klabautermann?“ rief der Schneider erstaunt und lachend, denn es war das erste Mal in seinem Leben, dass er den Namen auch nur erwähnen hörte – „wer heißt Klabautermann? Nennt Ihr einen von euern Masten so?“
„Kennt Ihr den Klabautermann nicht?“ rief der Koch, aufs Äußerste erstaunt – „na, Gott sei Dank, weiß nicht einmal, wer der Klabautermann ist, und geht zur See; ihr Passagiere seid noch schrecklich dummes Volk.“
„Na, Donnerwetter, woher sollen wir denn in Preußen erfahren haben, wer der Klabautermann ist?“ brummte der Schuster – „heraus mit ihm denn, was ist mit ihm los, und wo ist er hin?“
„Fort ist er“, sagte der Koch wieder mit unterdrückter Stimme – „fort und vom Schiff, und nun ist die Geschichte aus.“
„Aber wer ist der Klabautermann?“ rief der Lohgerber, jetzt auch ungeduldig werdend – „schwafelt der Mensch da in den Tag hinein, dass keine Seele daraus klug wird, und antwortet auf keine vernünftige Frage. Was haben wir mit dem Klabautermann zu tun?“
„Was Ihr mit dem Klabautermann zu tun habt?“ wiederholte der Koch, „das wird euch bald klar werden. Der Klabautermann ist der Schiffsgeist, ein kleines kurzes Männchen, ganz wie ein Matrose angezogen, der unten im Raum der Fahrzeuge seine Wohnung hat und das Schiff, wenn ihm ein Unglück bevorsteht, warnt, sobald es aber nicht mehr zu retten ist, von Bord geht und nicht wiederkommt. Wenn die Ratten und der Klabautermann ein Schiff verlassen, dann gnade Gott der Mannschaft!“
„Na, die Geschichte muss uns der Koch nachher einmal ein bisschen näher auseinandersetzen“, sagte der Instrumentenmacher, der ungemein gern Geschichten erzählen hörte, „jetzt macht nur, dass ihr mit eurer Mischung fertig werdet, denn der Schreck vorhin und die Nässe sind mir dermaßen in die Glieder geschlagen, dass mich's ordentlich wie im Fieber schüttelt. Dagegen ist ein guter Grog die beste Medizin, und ich habe hier auch noch eine famose Flasche Rum.“
„Bravo“, sagte Heidelberger, „solche milde Beiträge lassen wir uns gefallen – der Wohltätigkeit werden keine Schranken gesetzt, und eure Becher her, ihr Leute. Wer ist denn da hinten noch so seekrank? Herr du meine Güte, würgt der Mensch –“
„Das ist der Nadler aus Nummer Sieben“, lachte der Lohgerber; „so wie sich das Schiff anfängt zu bewegen, liegt der auf der Nase.“
„So gebt ihm einen Schluck von der Mischung hier“, meinte der Instrumentenmacher gutmütig, „das wird ihn wieder auf die Beine bringen.“
Des Nadlers Frau wurde gerufen, um ihrem Mann etwas von dem Grog zu bringen, der aber stöhnte und ächzte, weigerte sich zu trinken und bat, man solle ihn lieber über Bord werfen. Die anderen lachten und nahmen weiter keine Notiz von dem Seekranken.
Die Becher wurden indes fleißig gefüllt und geleert; der Schreck von heut Abend war manchem in die Glieder geschlagen, und von allen Seiten kamen Flaschen und Krüge mit Rum gefüllt aus den verschiedenen Kojen vor, dass der Koch noch zweimal in die Kombüse musste, mehr heißes Wasser herbeizuholen. – Der Steuermann trank ebenfalls gern ein Glas, und wenn es ihm auch nicht einfiel, das mit den Zwischendecks-Passagieren zu tun, ließ er es doch geschehen, dass ihnen der Koch gefällig sein durfte – noch dazu an dem heutigen Abend. Auch Meier hatte sich bei der Bowle eingefunden, von der er aber oft fort und nach oben ging, um nach dem Wetter und Wind zu sehen.
Der Koch, der dem Grog fleißig zugesprochen, übrigens eine sehr bedeutende Quantität davon vertragen konnte, hatte indes den aufmerksam und vergnügt lauschenden Passagieren die Sage vom Klabautermann ausführlich erzählen müssen. Es war ein kleiner gemütlicher Geist, ein Überbleibsel noch der alten Heinzel- oder Wichtelmännchen, der im Innern des Schiffes, aber immer nur einzeln und einsam, sein Quartier aufgeschlagen und die weitesten Reisen mit dem einmal erwählten Fahrzeug machte. Bei gutem Wetter ließ er sich dabei weder hören noch sehen, und kam nicht vor; wenn aber dem Schiff Gefahr drohte, rief er aus den Masten herunter den Leuten zu, zu reefen, oder warnte sie auch wohl vor drohenden Klippen und Bänken, und nur, wenn das Schiff rettungslos verloren war, nahm er sein kleines Matrosenkistchen, das er, wie jeder andere Seemann, bei sich führte, unter den Arm und zeigte sich gewöhnlich noch einmal, ehe er ging, denen an Bord, die er während seiner Anwesenheit am liebsten gehabt. Nachher war er fort, und was aus ihm wurde, konnte niemand sagen.
Heut Abend aber war er fortgegangen. Er, der Koch, der ihm immer die gebührende Ehrfurcht erwiesen, und dem er deshalb auch gut geblieben war, hatte ihn mit eigenen Augen gesehen, und wenn einer von ihnen wieder das Land sehe – meinte der Mann mit leiser, unheimlich flüsternder Stimme – sei es ein Werk des Himmels.
Die Passagiere, die den Koch dicht umdrängten, hatten im Anfang über das „Märchen“ gelacht und ihren Spaß damit gehabt; als der Mann aber so gar ernsthaft dabei blieb und das überdies finstere und faltige Gesicht noch weit mehr zusammenzog und die Kunde, die auch sie so nahe betraf, so geheimnisvoll flüsterte, dass man ihm wohl ansehen konnte, wie er selber jede Silbe glaube, wurden doch auch manche der vorher noch ganz Beherzten und Ungläubigen stiller – das Lachen verstummte, und die noch immer unheimlich durch die Nacht tönenden Schläge der Schiffsglocke über ihren Häuptern mahnten sie dabei, dass allerdings nicht alles an Bord sei, wie es eigentlich sein solle.
„Aber es gibt doch keine Geister“, sagte endlich der Instrumentenmacher, der das ihm fatale Grausen zuerst abzuschütteln suchte mit einem allgemeinen Beweisgrund gegen jede derartige Erzählung.
„So? – gibt es nicht?“ erwiderte ihm der Koch, ohne von seinem Becher aufzuschauen – „und mich haben sie wohl nicht einmal an der Weser drüben zehn Meilen ins Land hinein gesetzt, ohne dass ich wusste wie?“
„Zehn Meilen ins Land?“ rief der Schneider erstaunt.
„Zehn Meilen ins Land“ bestätigte der Seemann, den Becher jetzt bis auf den letzten Tropfen leerend und wieder zum Füllen gegen Heidelberger vorstreckend, „und die Geschichte war merkwürdig genug. Wir lagen mit der „ROBERT FULTON“, einem andern deutschen Schiff, auf dem ich damals meine Reise als Koch machen sollte, unter Bremerhaven vor Anker und warteten auf den letzten Lichter, der mit Fracht von Bremen herunter kommen musste. Abends nach dem Essen schickte mich der Kapitän mit dem Kajütsjungen und zwei Leuten an Land, um in dem nächsten Dorf eine Partie Eier und Hühner und andere Sachen für die Kajüts-Passagiere und den Kapitänstisch einzukaufen. Der eine von den Leuten, die ich mit hatte, war aber ein alter Matrose, der damals schon seine sechzig Jahre auf dem Rücken haben mochte und die ganze Zeit, von Kindheit auf, zur See zugebracht hatte, und der behauptete, dass ihm an dem nämlichen Abend der schwarze Mann an Bord erschienen sei.“
„Der schwarze Mann?“ rief der Lohgerber, der mit offenem Munde der Erzählung lauschte.
„Ja, der schwarze Mann,“ bestätigte der Koch, „auch so ein Wesen, das sich nur sehen lässt, wenn es mit einem von uns zu Ende geht, und der alte Bursche, sonst immer einer der Flinksten und Muntersten von allen, ließ den Kopf hängen und sprach kein Wort. Wir anderen jungen Burschen lachten ihn jetzt aus, neckten ihn, dass er einen Schluck zu viel genommen und den Pumpstock für den schwarzen Mann angesehen habe, und ich – ein junger Kehrdichannichts, der ich damals war – trieb es am tollsten, ja behauptete zuletzt sogar, es gäbe gar keine Geister, weder schwarze noch Klabautermänner, und rief, wenn wirklich welche da wären, sollten sie sich mir auch einmal zeigen, und dann wollte ich an sie glauben. Der Alte bat mich zwar nun, ich möchte still sein; wenn ich älter würde, erführ' ich das alles überdies noch zeitig genug; mit ein paar Gläsern Grog im Kopf machte ich mir aber aus der ganzen Sache nichts und trieb es toller als vorher. Unter der Zeit war es ziemlich dunkel geworden; das Dorf lag jedoch keine fünfhundert Schritt vom Fluss ab und ein breiter Fahrweg lief von der Landung gerade darauf zu, so dass wir gar nicht irre gehen konnten. Wir machten also unser Boot fest, stiegen ins Land und fanden auch glücklich den Platz, wo wir kauften, was wir brauchten, und dann mit den Sachen den Rückweg antraten.
„Ziemlich schwer zu tragen hatten wir übrigens und gingen deshalb einzeln hintereinander her auf der Straße, ich hintennach, weil ich auf das Ganze sehen musste. Gerade halbwegs zwischen dem Dorf und Fluss lag ein kleines Erlendickicht, vielleicht hundert Schritt breit, wie denn überhaupt die ganze Entfernung vom Dorf bis nach der Weser ja kaum einen Büchsenschuss betrug. Als wir nun mitten im Erlenbusch drin sind, hör' ich links neben mir, vielleicht zehn Schritt vom Wege ab, den Alten fluchen und mich rufen; er wäre von der Straße abgekommen und hätte ein paar Hühner verloren. „Na, ja“, sag' ich, „und in der Dunkelheit – wie sollen wir die nur wieder finden!“, und dann rief ich ihm zu, er möchte stehen bleiben, wo er wäre, ich wollte zu ihm kommen. Den Korb, den ich trug, behielt ich übrigens umhängen und drängte mich durch die kleinen Büsche der Stelle zu, wo ich ihn noch immer hören konnte; – auf einmal war alles still. – „Steffen“, sagte ich – keine Antwort – „Steffen, wo steckst du denn – mach' keine Dummheiten –“ keine Antwort.
„Jetzt wurde mir's unheimlich zu Mute, und was ich heute mit dem Alten gesprochen, fiel mir wieder ein; dann dachte ich aber auch daran, dass er mich wahrscheinlich zu fürchten machen wollte, weil ich nicht an Geister geglaubt hatte, und nun fing ich an zu lachen und rief ihm zu, so dumm wär' ich nicht, dass ich mich bange machen ließe. Wenn er das Maul nicht auftun wollte, damit ich ihn im Finstern fände, möcht' er stehen bleiben wo er wär', und arbeitete mich dann wieder rasch zurück auf die Straße – mit dem schweren Korb war's auch in den doch ziemlich dichten Büschen eben nicht angenehm zu marschieren.
„Die Anderen konnten übrigens kaum hundert Schritt vor mir sein, und da mir's doch jetzt, wie alles so still und ruhig um mich war, ein wenig unheimlich zu Mute wurde, schrie ich ihnen laut nach, auf mich zu warten – keine Antwort. Ich schrie noch einmal, und wie ich jetzt immer noch nichts hörte, fing ich an auszukratzen und lief, so rasch ich mit meinem schweren Korbe nur vorwärts kommen konnte, dem Flusse zu. Es war jetzt so dunkel geworden, dass man keine Hand mehr vor den Augen sehen konnte, vor mir aber schimmerte ein Licht – wie ich glaubte aus meiner eigenen Kombüse an Bord – und ich fing jetzt wieder an ein wenig aufzuatmen und langsamer zu gehen. Sonderbar kam es mir freilich dabei vor, dass ich noch immer Büsche zur Seite hatte, und vorher war mir es doch, als ob das Ufer vollkommen frei von Buschwerk gewesen wäre. Ich dachte mir aber doch nichts weiter dabei und kam dem Lichte immer näher; – das Schiff war es aber nicht, und, Jungens, ich sage euch, der Schweiß trat mir in großen Tropfen auf die Stirn, als ich plötzlich vor einem kleinen niederen Hause stand, aus dessen Fenstern ein Licht schimmerte, und von Fluss oder Schiff auch nicht die Spur zu finden war.“
„Natürlich“, lachte jetzt der Instrumentenmacher, „Sie hatten sich vorher in der Angst falsch herumgedreht und waren, anstatt nach dem Fluss zu wieder nach dem Dorf zurückgelaufen.“
„Das dacht' ich auch“, erwiderte der Koch, der jetzt in der Erinnerung an das damals Geschehene selbst des Trinkens vergaß, „setzte den Korb nieder, um ein wenig auszuruhen, und wollte dann eben umdrehen, als ich aus dem Dorf heraus einen Wagen kommen hörte, der jedenfalls nach dem Strom zu fuhr. Die Schultern taten mir überdies von dem Schleppen weh, und ich beschloss, den Wagen abzuwarten und meinen Korb da aufzusetzen. Der Wagen kam auch und hielt, als ich ihn anrief, und der Fuhrmann, der erst dicht zu mir herantrat, um zu sehen, wen er vor sich hätte, sagte ganz freundlich, er wolle meinen Korb gern mitnehmen, und ich möchte mich dazu oben aufsetzen. „Aber wo wollt Ihr denn hin“, fragte er mich dann, „mit dem schweren Ding?“ – Blos bis zum Fluss, sagte ich. – „Zur Elbe?“ – Ih Gott bewahre, zur Weser. „Zur Weser?“ rief der Mann erstaunt aus, „an die Elbe meint Ihr wohl.“ – Nein, sagte ich wieder, an die Weser, mein Schiff liegt ja drüben, dicht unter Bremerhaven. – „Na, du lieber Himmel,“ rief da der Mann, „da habt Ihr noch einen weiten Weg vor Euch und bliebt am besten hier über Nacht, vielleicht könnt Ihr dann morgen früh eine Fuhre dorthin bekommen; durch den Ort durch müsst Ihr doch.“ Durch den Ort durch? rief ich erschreckt, ja das ist ja doch gar nicht möglich, ich kann doch nicht darum hingelaufen sein. „Das weiß ich nicht“, lachte der Fuhrmann, „aber die zehn Meilen seid Ihr doch nicht mehr im Stande, heut Abend mit der Last zu machen.“ Zehn Meilen? schrie ich, und ich konnte mich vor Schreck kaum auf den Füßen erhalten, so fingen mir die Knie an zu zittern: – das kann ja aber gar nicht sein, denn ich bin vor einer Stunde etwa – der Fuhrmann ließ mich aber gar nicht ausreden und meinte: „Kann nicht sein; – wenn Ihr sie mit dem Korb da laufen wolltet, würdet Ihr glauben, es wären fünfzehn. Von Buxtehude aus werden zehn gute Meilen nach der Weser gerechnet.“ – Aber das ist doch nicht Buxtehude? schrie ich, halb tot vor Schreck. – „Das ist Buxtehude, Freund“„ sagte der Mann; „doch ich muss fort jetzt, will noch die Nacht nach Harburg und habe ebenfalls einen langen Weg vor mir. Gleich links, wenn Ihr ins Städtchen kommt, ist ein gutes Wirtshaus, da könnt Ihr übernachten“, und damit schwang er seine Peitsche um den Kopf, trieb seine Pferde an und ließ mich allein auf der Straße stehen. Wie mir aber zu Mute war, könnt Ihr Euch denken – und der Mann hatte Recht. Ich musste die Nacht in Buxtehude bleiben, wo sie mir aber mein Unglück nicht glaubten und mich für einen Deserteur von einem Hamburger Schiff hielten. Dorthin wurde ich am nächsten Morgen geschickt und später erst mit meinem Korb nach Bremen ausgeliefert, mein Schiff war aber indessen natürlich abgesegelt und ich blieb zurück.“
„Koch, Ihr gingt besser nach oben und wecktet den Kapitän“, unterbrach plötzlich Meier's tiefe und hochklingende Stimme das atemlose Schweigen, das der Erzählung des Kochs gefolgt war – „es ist die höchste Zeit.“
„Höchste Zeit?“ rief der Koch, erschreckt aufspringend; „was ist nun wieder los?“
„Noch nichts“, sagte Meier, „aber es kommt, der Wind hat sich nach Nordwesten gedreht und – es riecht draußen nach Schwefel.“
„Ich hätte bald 'was gesagt“, brummte der Koch ärgerlich; „wenn der Steuermann den Alten wach haben will, wird er ihn schon selber wecken. Bis er nicht morgen früh das Frühstück verschläft, weck' ich ihn gewiss nicht.“
„Wir werden morgen früh wohl kein Frühstück brauchen“, sagte Meier ruhig und setzte sich wieder auf den Platz in die Ecke.
„Um Gottes willen, was ist vorgefallen?“ riefen ein paar der leicht geängstigten Frauen, die den Platz umstanden und der Erzählung des Kochs ebenfalls gelauscht hatten; „hat der Sturm wieder angefangen?“
„Unsinn“, sagte der Koch, der aufgestanden war und durch die Luke nach oben gehorcht hatte; „es ist totenstill draußen – man kann die Segel an die Masten schlagen hören.“
Die Zwischendecks-Passagiere waren aber, schon durch die Erzählung aufgeregt, ängstlich gemacht worden, tranken ihre Becher aus und stiegen nach oben, um selber zu sehen, wie es an Deck ausschaue. Die See lag totenstill und der Nebel noch immer dick und schwer auf der Flut. – Wie das so sehr unheimlich um sie her rauschte und schwoll und in dem zerrissenen Takelwerk klapperte und schlug! Vorn am Bug standen die wachthabenden Matrosen und hatten eben wieder das Senkblei ausgeworfen, das diesmal dreißig Faden gab. Mit einem Flaschenzug holten sie das schwere Blei herauf, und der Steuermann ging langsam auf dem Quarterdeck auf und ab.
Hinten an der kleinen Kompassglocke schlug es elf Uhr, die große Glocke vorn antwortete den Schlägen; der Mann am Steuer wurde abgelöst und das Log geworfen, die Fahrt des Schiffes zu prüfen; die Brise hatte sich ein klein wenig verstärkt und das Schiff lief drei Meilen durch's Wasser, aber dicht am Winde, der jetzt gerade von Nordwesten zu wehen anfing. Als Log- und Senkbleiwerfen vorüber war, nahm alles wieder seinen ruhigen Gang, und der Steuermann stieg in die Kajüte hinunter, um Lauf und Richtung des Schiffes wie vermutete Abdrift auf seiner Tafel für die letzte Stunde zu notieren.
Die Zwischendecks-Passagiere blieben eine Weile an Deck, da sich aber nichts Außergewöhnliches erkennen ließ und die Nachtluft kalt und unfreundlich über die See herüberkam, stiegen sie nach und nach wieder einzeln hinunter, ihre Kojen zu suchen.
Es war recht still unten geworden; die Passagiere lagen sämtlich in ihren Betten, der alte Meier ausgenommen, der noch immer angezogen vor seiner Koje auf der Kiste saß und den Kopf in beide auf die Knie gestemmte Arme gestützt hatte. Nur das Schnarchen und regelmäßige Atmen der Schläfer unterbrach die Ruhe, und dann und wann einmal das ängstliche Aufschreien eines Kindes, das von der Mutter wieder beschwichtigt wurde.
Ein hohler, brausender Laut tönte über das Wasser, dem die dröhnenden Schritte der rasch über das Deck laufenden Matrosen folgten. Meier hob den Kopf, horchte einen Augenblick und stieg langsam nach oben.
„Kapitän, kommt an Deck!“ rief der Steuermann mit lauter, fast ängstlicher Stimme in die Kajüte hinunter, dass die Kajüts-Passagiere ebenfalls in ihren Betten auffuhren und die Männer sich rasch ankleideten. Der Kapitän hatte unausgekleidet auf seinem Bett gelegen, sprang mit beiden Füßen aus seiner Koje, griff seinen Südwester und den dicken Überrock auf, sie unterwegs aufzusetzen und anzuziehen, und stand im nächsten Augenblick neben dem Steuermann und dem Ruder vor dem Kompass.
„Was ist, Steuermann, was gibt's?“ fragte er mit ruhiger Stimme.
„Es kommt!“ sagte dieser lakonisch.
„Wie viel Faden?“
„Zwanzig“, lautete die Antwort.
„Böser Platz, wo es her weht“, sagte der Kapitän, nach dem Kompass sehend und seinen Rock dabei anziehend, „aber wir können mit bestem Willen nicht mehr Segel anbringen. Und wenn's zu arg wird, müssen wir sehen, dass wir irgendwo Anker werfen.“
„Wär' eine schlimme Geschichte“, brummte der Steuermann zwischen den Zähnen durch, „hallo, wie das zu heulen anfängt!“
„Werft das kleine Lot noch einmal“, sagte der Kapitän, während er den Fortgang seines armen Schiffes beobachtete und einen scheuen Blick nach Lee hinüber sandte. „Wenn man wenigstens die Leuchtfeuer erkennen könnte! Wie viel Uhr ist's?“
„Dreiviertel auf Zwölf“, sagte der Mann am Ruder, indem er sich bückte und nach der im Kompassgehäuse hängenden Uhr sah.
„In einer Viertelstunde wissen wir, woran wir sind“, meinte der Seemann – „wie viel Faden?“ rief er dem vorn postierten Matrosen zu.
„Bei der Mark neunzehn“, lautete die Antwort.
„Wie viel Kette haben wir oben, Steuermann?“ fragte der Kapitän.
„Ungefähr vierzig Faden.“
„Ist der zweite Anker klar?“
„Noch nicht.“
„Lasst ihn klar machen.“
Über die Wasser heulte es dabei in scharfem, pfeifendem Ton herüber und schäumte und zischte über die erregte Flut. So scharf als möglich lag das seiner meisten Segel beraubte Schiff dabei gegen den Wind an, aber nicht verkennen ließ es sich, dass es, mit zu wenig Kraft, den schweren Bau vorwärts zu treiben, unverhältnismäßig viel Abdrift machte und mehr und mehr nach Lee hinübersetzte.
Von den Kajüts-Passagieren kamen jetzt ebenfalls mehrere an Deck und fragten den Kapitän ängstlich, ob Gefahr vorhanden sei. So freundlich und zuvorkommend aber dieser auch sonst gegen seine Passagiere war, so kurze, abfertigende Antwort bekamen sie jetzt, wo er andere Sachen im Kopf hatte, und er bat sie mit ziemlich dürren Worten, in ihre Kojen wieder zurückzugehen, da sie an Deck doch nichts helfen könnten und nur im Wege ständen.
Es war zwölf Uhr, der Wind hatte sich wieder zu vollem Sturm erhoben und die leichterregte See rollte mit den kurzen aber schweren Wogen ärgerlich gegen den Bug des Schiffes an, über den sie die schäumenden Kronen an Deck spritzte; die weißen, zähen Nebelschwaden wälzten sich dabei in dichten Massen vor ihm her, dem Lande zu, und wenn sie auch, hier und da zerrissen, einen Blick nach den jagenden Wolken gestatteten, hüllten sie doch das leewärts gelegene Land noch immer in tiefe Nacht.
„Bei der Mark siebzehn!“ tönte der monotone Ruf des am Senkblei stationierten Matrosen, und die schwere Kette des Starbordankers rasselte, von der jetzt ebenfalls an Deck gerufenen anderen Wache gehoben, der Ankerwinde zu.
„Bei der Mark sechzehn –“
„Steuermann, wir müssen wahrhaftig den Anker fallen lassen!“ rief der Kapitän; „steht bei da vorn, Anker klar?“
„Alles klar, Kapitän!“ lautete die Antwort.
„Wie viel Faden jetzt?“
Der zischende Schlag des Senkbleis auf das Wasser antwortete der Frage, und gleich darauf tönte wieder der eintönige Ruf:
„Bei der Mark zwölf!“
Noch immer zögerte der Kapitän – sie konnten sich gerade hier an einer Bank befinden, die sie vielleicht im nächsten Augenblick passierten. Solcher Art in offener See zu ankern, wo die Wogen mit ungebrochener Kraft heranwälzen können, ist auch immer eine ängstliche, gewagte Sache; so lange er sich flott halten kann, tut es kein Seemann.
Wieder wurde das Blei geworfen, und der Ruf zeigte dreizehn Faden.
„Gott sei Dank!“ rief der Kapitän mit einem aus innerster Brust herausgeholten Seufzer –, „das Wasser wird tiefer – es war richtig nur eine Bank.“
„Bei der Mark vierzehn –“
„Bravo, mein Bursche, fahr so fort!“
„Bei der Mark vierzehn ein halb.“
„Dort drüben, glaub' ich, sehe ich ein Licht durch den Nebel schimmern“, rief plötzlich der Steuermann – „dort nach der Richtung hin!“ Der Kapitän strengte seine Augen an, das Dunkel zu durchsuchen, und glaubte selber einen Schein zu erkennen.
„Bei der Mark fünfzehn!“ rief der Mann.
„Sobald wir das Licht ausmachen können, dass wir herausbekommen, wo wir sind,“ sagte der Kapitän, ohne auf das Senkblei jetzt weiter zu achten, „wollen wir die Peilung nehmen, und wenn der Sturm nicht nachlässt, wird uns nichts weiter übrig bleiben, als in Lee Schutz zu suchen.“
„Der Henker soll die Küste holen!“ brummte der Steuermann; „weiß es Gott, da ankere ich lieber hier mitten im Kanal.“
„Bei der Mark elf!“ schrie der Mann vorn.
„Elf?“ fuhr der Kapitän empor; „was ist das – bist du gewiss? – Steht klar bei eurem Anker da vorn.“
„Alles klar, Kapitän!“ rief der zweite Steuermann zurück.
„Bei der Mark sieben!“
„Nieder mit eurem Anker!“ gellte der schrille Ruf des Kapitäns über Deck, und zu gleicher Zeit rasselte die Kette donnernd durch die Klüsenlöcher. In demselben Augenblick aber auch, und noch ehe der Anker den Grund erreicht haben konnte, zitterte das Schiff bis in seinen Kiel hinab von dem furchtbaren Stoß, den es erhielt, und der Kapitän musste sich an den Kompasskasten halten, um nicht vorn überzustürzen.
„Heiliger Gott, wir sind verloren!“ schrie eine Stimme vom Bug aus, und eine See wusch hochaufbäumend an dem gestrandeten Schiff über Deck und schleuderte ihre Flut in die noch offenen Luken des Zwischendecks hinab.
Ein gellender Wehschrei antwortete von dort her, und in der nächsten Minute stürzten die halb entkleideten Passagiere aus Kajüte und Zwischendeck jammernd und wehklagend an Deck.
„Wir sind verloren – wir sind verloren!“ tönte der gellende Ruf von den bleichen Lippen, und Männer, das, was sie gerade im ersten Augenblick gefasst, Frauen, ihre Kinder auf dem Arm oder an den zitternden Händen, drängten dem höher gelegenen Quarterdeck zu, um Rettung, Hilfe von dem Kapitän zu erflehen.
„Die Luken zu – hinunter mit Euch!“ schrie dieser aber, der rasch seine Geistesgegenwart wiedergewonnen hatte, als eine neue Woge sich an der Seitenwand des Schiffes brach und ihre Flut die steilen Zwischendeckstreppen niederwusch – „die Luken zu – wir füllen sonst das Schiff – hinunter mit den Passagieren, sag' ich!“
Ja, der Befehl war wohl gegeben, aber wie auszuführen? – Nicht allein die eindringende Flut, sondern auch die wiederholten Stöße, die das seinem Untergang geweihte Schiff erhielt, und die es dermaßen erschütterten, dass sich weder Passagiere noch Matrosen auf den Füßen halten konnten, weckten auch den festesten Schläfer aus seinem Schlummer und donnerten ihm die furchtbare Wirklichkeit in das betäubte Ohr: – wir sind verloren! Wieder ein Stoß, der mit einer Wucht gegen den Kiel traf, als ob die Planken voneinander bersten müssten, und schäumend, schmetternd wälzten die mehr und mehr emporgerüttelten Wogen über Deck, wieder und wieder einzelne der Passagiere, die sich nach oben retten wollten, von den Treppen hinunterwaschend. Die Matrosen suchten jetzt die Klappen auf die Luken zu werfen, die übersteigende See zu verhindern, hineinzuschlagen, aber der von den Passagieren hatte noch ein Kind unten, der eine Schwester oder Mutter, und die Leute, in der Verzweiflung des Augenblicks ihrer Sinne kaum mächtig, warfen die Matrosen zurück und hielten den Eingang frei und offen.
„Sie wollen uns nicht herauf lassen – da unten sollen wir ersaufen und ersticken, während sie sich in den Booten retten!“ schrien sie dabei. „Nein, die Boote nieder – wir haben unsere Passage bezahlt – wir müssen ins Land gesetzt werden. Herr Kapitän, um Gottes willen, die Boote nieder!“
Der Kapitän hatte indessen mit vollkommener Ruhe die Wassertiefe um das Schiff her untersuchen lassen, und es blieb bald keinem Zweifel mehr unterworfen, dass sie auf einer weiten gleichhohen Sandbank aufsaßen, wo sie nicht hoffen durften, so bald wieder frei zu kommen. Ja, im Gegenteil schien die Bank in Lee höher, als zu windwärts, und jeder Stoß, den das unglückliche Schiff von den anprallenden Wogen bekam, setzte es höher und fester hinauf.
Die Passagiere, die jetzt über Deck schwärmten, ließen endlich, da sich keiner weiter von ihnen im untern Raum befand, die Luken schließen, die untersuchten Pumpen ergaben aber gleich darauf sieben Fuß Wasser im Raum; das Schiff hatte jedenfalls bei den furchtbaren Stößen einen Leck bekommen, und Rettung schien jetzt nur in den Booten möglich.
Aber, guter Gott; wie waren die zu benutzen? Die kleine Jolle hing allerdings unter den eisernen Krahnen, aber Dollen und Ruder fehlten und konnten in der jetzt herrschenden Verwirrung gar nicht gleich gefunden werden, und das große Boot, die sogenannte Barkasse, stand mitten auf Deck und musste erst mit Flaschenzügen über Bord gehoben werden.
Die Verwirrung, die indessen unter den Passagieren herrschte, war furchtbar; ein Teil von ihnen riss die Luken wieder auf, hinunter zu klettern und das im ersten Schreck unten vergessene Geld heraufzuholen und zu retten; Andere lagen auf den Knien und beteten und weinten. Die Frauen drängten, mit ihren Kindern auf dem Arm, der Kajüte zu, den Kapitän anzuflehen, nur diese, nur die Kleinen zu retten, und wieder andere standen, an irgend ein Tau oder Holz geklammert, in stumpfer, starrer Verzweiflung da, ließen die Sturzwellen über sich hinübergehen und sahen mit stierem Blick hinaus über die anstürmenden Wogen, die mit immer wachsender Kraft wieder und wieder gegen das Wrack anschmetterten und es wild und heftig auf die Sandbank aufstießen. Konnten doch in jedem Augenblick seine Rippen brechen und in Trümmer auseinander bersten.
„Heiliger Gott, Du wirst doch nicht wollen, dass wir hier so elend umkommen sollen!“ schrie eine Frau, die, ihre zwei Kinder fest an sich gedrückt, auf den Knien lag und mit einem umklammerten Tau sich vor dem Werfen des Schiffes zu schützen suchte. Da bäumte eine See, stärker als eine der vorigen, an dem Starbordbug des Fahrzeugs aus und riss, niederschlagend, die Kombüse und einen Teil der Wasserfässer, wie die ganze vordere Schanzkleidung des Larbordquater mit über Bord. Zehn oder zwölf Menschen, die sich dort angeklammert hatten, wurden ebenfalls mit in die See gewaschen, und ihr Wehgeschrei schlug dumpf und entsetzlich an das Ohr der noch Lebenden, denen sie vergebens die Arme nach Hilfe entgegenstreckten. Auch die Frau war von der Woge erfasst und an die andere Seite des Schiffes geschleudert worden, wo sie sich wieder festklammerte – aber ein Kind fehlte ihr, und ihr gellender Hilfeschrei übertönte selbst den Sturm. Eine neue Woge brach mit solcher Kraft gegen die Seitenwand des Wracks an, dass sie das Schiff ganz auf die Seite warf, und nur die strenge Disziplin an Bord eines Schiffes konnte noch einen Teil der Matrosen zusammenhalten, den Befehl des Kapitäns Folge zu leisten und die Barkasse klar zu machen.
„Hurrah, hurra!“ schrie in dem Augenblick der Koch, der – mit dem vollem Bewusstsein, nach der Flucht des Klabautermanns doch hier unterzugehen und zu ersaufen – in die ihm bekannte Vorratskammer der Kajüte geschlichen war und jetzt mit einem kleinen Anker Rum unter dem Arm auf dem Larbordgangweg hin nach vorn sprang, um seine Beute mit den Matrosen und den Passagieren zu teilen – „hurra, Jungens, hier ist der Stoff, der uns aus dem Wasser hilft; hier ist die richtige Mischung mit Salzwasser zu nehmen. Ein Spließeisen her, dass wir den Spund herauskriegen. Hol der Teufel die Boote und den alten Kasten, der Klabautermann ist fort, und die Latten gehen doch in der nächsten Viertelstunde aus dem Leim – hurra, der Rum soll leben!“
„Her mit dem Rum!“ schrien die Matrosen, in wilder Verzweiflung zu dem letzten Mittel greifend, ihre Todesangst zu betäuben, und der Zimmermann hatte rasch mit einem Spließeisen den Korkspund hinein gestoßen, als der Kapitän, ein Enterbeil in der erhobenen Rechten, zwischen sie sprang und aus voller Kraft einen mächtigen Hieb gegen den aufgedrehten und unter dem Schlag zusammenbrechenden Boden führte.
„Wahnsinnige!“ schrie er dabei, während er zu gleicher Zeit das Fass mit dem Fuße um- und in das dort strömende Seewasser stieß; „wollt Ihr Euch die letzte Möglichkeit rauben, unser Aller Leben zu retten, und wie feige Schufte, die sich vor dem Tode fürchten, in viehischem Trunk vor Euren Gott treten? An die Arbeit mit Euch, die Barkasse in See, und bei dem Himmel dort oben, der jetzt seine Schrecken über uns ausgießt, dem Ersten, der einen weiteren solchen Versuch macht, schlag' ich mit diesem Beil den Schädel ein, wie ich dem Fass den Boden ausgeschlagen habe. – In See mit dem Boot!“
„Schade um den Rum!“ brummte der Koch, der sich scheu vor der gehobenen Waffe hinter die Übrigen zurückdrückte; aber die Besseren der Schaar sahen doch ein, dass der Kapitän Recht hatte und warfen sich, trotz der jetzt mit immer wilderer Wut überschlagenden Wogen, in die Wanten hinauf, die Flaschenzüge oben an den Rahen zu befestigen und das Boot, das sie mit Armeskraft allein gar nicht hätten regieren können, empor zu heben und überzulassen.
Die Zwischendecks-Passagiere drängten indessen fast sämtlich dem Quarterdeck zu, das gegen den Anprall der Wogen noch am meisten geschützt lag, und herzzerreißend war der Jammer, das Elend der Unglücklichen. Mütter schrien nach ihren Kindern, Gatten nach ihren Weibern, und suchten die noch unter den Lebenden, die schon, von den wilden Sturzwellen erfasst, über Bord in ihr Verderben gerissen waren. Gerade die Männer aber, die sonst mit keckem Wort die Gefahr herausgefordert, betrugen sich am mutlosesten, am verzagtesten von Allen. Der Lohgerber, ein großer, starker Mann, mit ein paar Fäusten wie ein Bär, lag, das Gangspill umklammernd, auf den Knien und wimmerte zu Gott um Vergebung seiner Sünden und Rettung aus dieser Not, und der Schneider hing mit beiden Armen in der Starbord-Besanwant und weinte und schluchzte wie ein Kind.
Andere dagegen sahen dem Unvermeidlichen, das über sie hereinzubrechen drohte, mit stillem, entschlossenem Mut entgegen, und unter ihnen der Instrumentenmacher, der sein junges Weib und das zweijährige Kind fest umklammert hielt, sie gegen eine etwaige Sturzsee so viel als möglich zu schützen, während er der an seinem Halse weinenden Frau mit leiser Stimme Mut und Trost einsprach.
Am wildesten gebärdete sich einer der Kajüts-Passagiere – ein Kaufmann Wolf, der, in Unterkleidern aus der Kajüte gestürzt, in wirrer Todesangst kaum mehr wusste, was er tat. Von einem Ende des Decks taumelte er schreiend zum andern, warf sich vor den Matrosen auf die Knie und rief, er dürfe nicht sterben, er habe Geld, viel Geld, und sie sollten ihn retten – er würde sie reich, er würde sie steinreich machen. Die Seeleute stießen den Mann mit Ekel von sich, und winselnd lag er zuletzt lang ausgestreckt und mit dem Schwanken des Schiffs herüber und hinüber rollend auf dem Vordeck, kratzte sich die Nägel blutig an den Planken, raufte sich die Haare und fluchte und betete.
Der Einzige von Allen, der kein Wort sprach, keinen Klageruf, keinen Fluch über die Lippen brachte, war Meier. So ängstlich und besorgt er gewesen, ehe das Unglück geschehen war, so ruhig betrug er sich jetzt und trat zwischen die Matrosen hinein, um die von dem Kapitän gegebenen Befehle mit ausführen zu helfen. Er war auch der Erste, der nach oben lief, einen Block an der Rahe zu befestigen, um die Barkasse überheben zu können, und wie das Tau hindurchgebracht und an Deck eingeholt war, stieg er wieder nieder, fasste es auf und sang vor, wie das an Bord Sitte ist, als ob gar nichts vorgefallen wäre und sie sich auf sicherem Schiff draußen in offener See, statt auf einem zertrümmerten, gestrandeten Wrack befänden.
Sein Beispiel wirkte auch ermutigend auf den Rest der Seeleute, die sich über ihren früheren Kleinmut, wie darüber, dass sie jetzt ein Passagier beschämte, ärgerten, und unbekümmert um den heulenden Sturm, um die überstürzenden Seen, griffen sie wacker und unverdrossen zu.
Das Aufwinden des Bootes brachte aber eine eigentümliche Wirkung auf die Passagiere hervor. Da war Hoffnung; ein Mittel, eine Aussicht wurde ihnen geboten, das Land zu erreichen, die gefährdeten Planken, die in jedem Augenblick auseinander zu brechen drohten, zu verlassen, und ohne Verabredung, aber still und sicher, ja Jeder in der Angst, dass ihm der Andere zuvorkommen könnte, drängten die Unglücklichen der Stelle zu, wo das Boot über Bord gelassen werden sollte. Nur einmal in dem kleinen Fahrzeug, und sie waren ihrer Meinung nach gerettet.
„Ein Licht – dort ist der Leuchtturm!“ schrie Meier plötzlich, der bei der Arbeit fortwährend sehnsüchtig den Blick dorthin geworfen hatte, wo er Land vermuten musste.
„Ein Licht! – der Leuchtturm! Land!“ jubelten und schrien die Passagiere durcheinander. „Gott sei Dank, Gott sei ewig gelobt und gepriesen, oh, er konnte, er wollte uns nicht verlassen!“
Land? – Guter Gott! Noch eine weite Strecke stürmischer See lag zwischen ihnen und dem rettenden Lande, aber die Schiffbrüchigen begrüßten es, als ob sie den festen Boden schon unter sich fühlten.
Jetzt hob sich die Barkasse, von den starken Tauen getragen und von hundert Händen dabei in krampfhafter Angst gezogen, empor und schwang gleich darauf, durch die schräge Lage des nach Lee zu übergedrückten Schiffes begünstigt, über Bord. Der Kapitän erkannte aber ganz das Gefahrvolle ihrer Lage, wenn sich die Passagiere voll wilder Todesfurcht in das hinuntergelassene Boot, das sie nicht alle tragen konnte, geworfen hätten. Zwischen sie springend, bat und beschwor er sie deshalb, nur erst die Frauen und Kinder hinunter- und überhaupt nicht mehr Menschen hineinzulassen, als möglicher Weise in dem kleinen Fahrzeug sicher gegen die Wogen ankämpfen konnten – umsonst. Es war, als ob wilder Wahnsinn die Unglücklichen erfasst hätte und sie nicht hören wollten.
„Hinunter mit dem Boot!“ schrie und brüllte die Schaar – „hinunter damit – sie wollen uns zurücklassen – die Matrosen wollen sich allein retten – hinunter!“ Und die losgegebenen Taue ließen im nächsten Augenblick das breite, etwas schwerfällige Boot, rücksichtslos ob es schöpfe oder schwimme, auf die Wogen hinunterschlagen. Glücklicherweise kam es, nur wenig Wasser einnehmend, unten auf, und das Fahrzeug selber, in dessen Lee es lag, schützte es die ersten Augenblicke vor den anprallenden Wellen.
Ein Teil der Matrosen hatte indessen Ruder und Segel aufgegriffen und war hineingesprungen, wild und blind folgten ihnen dabei Männer, Frauen und Kinder in furchtbarem Gemisch, als ob sie sich an festes, schützendes Land retteten, und nicht in ein schwimmendes, gebrechliches Boot, das sinken musste, sobald es mehr bekam als es tragen konnte.
„Stoßt ab – kappt die Taue!“ schrien die unten Befindlichen dabei wirr durcheinander, als sich das Boot mit Menschen füllte – „zurück da – es kann Niemand mehr herein!“ – Aber, lieber Gott! was halfen die Rufe, was selbst die Gewalt, mit der sich die im Boot des weiteren gefährlichen Andranges erwehren wollten; die Todesgefahr gab den Schüchternsten Mut und Stärke, und ehe die Matrosen unten im Stand waren, die Taue zu kappen und die Barkasse abzustoßen, war sie bis zum Rand gefüllt. Ja, selbst noch, als sie das Schiff verließ, sprangen Einzelne in die unten kochende Flut, den Bootsrand teils mit den Händen fassend, teils um Hilfe und Rettung die Arme danach ausstreckend. Aber wo war Erbarmen von den selbst Verzweifelten zu hoffen – die Hände der sich Anklammerndem wurden abgeworfen, selbst mit Messern zerschnitten, wo sie sich krampfhaft eingehakt, und im nächsten Augenblick trieb das überfüllte Boot, von den ihm nachstürzenden Wogen gefasst und wild umhergeschaukelt, nach Lee zu.
Der Instrumentenmacher hatte mit seiner jungen Frau und dem Kind unwillkürlich mitgedrängt, dem Boot entgegen, als er sich am Arm gefasst und zurückgehalten fühlte. Wie er sich umsah, stand Meier neben ihm und flüsterte ihm zu:
„Bleibt da – das Boot ist verloren und wird nimmer das Land erreichen.“
„Aber wir hier?“ rief der Mann in Todesangst – „meine Frau, mein Kind –“
„Sind vielleicht auch verloren“, sagte der alte Mann erregt, „aber noch nicht so gewiss, als die da draußen. Wenn Sie meinem Rate folgen wollen, bleiben Sie auf dem Schiff – ich bleibe bei Ihnen.“
„Auf dem Wrack?“
„Immer besser auf einem Schiffswrack auf dem Sand sitzen, als auf den Trümmern eines untergegangenen Bootes draußen in solcher See schwimmen.“
Noch zögernd stand der Mann, als das Abstoßen des Bootes draußen ihm keine weitere Wahl ließ. Zu gleicher Zeit war auch das Kapitänsboot in See gelassen, in das sich die Steuerleute mit einem Teil Matrosen und vier oder fünf Damen aus der Kajüte retteten. Der Kaufmann Wolf war einer der Ersten gewesen, die, rücksichtslos um alles andere, in die Barkasse sprangen.
Der Kapitän, der alte Meier, der Instrumentenmacher mit seiner kleinen Familie und sieben oder acht Frauen aus dem Zwischendeck, die nicht gewagt hatten, in das Boot hinab oder über Bord zu springen, waren die Einzigen, die noch an Bord zurückgeblieben waren.
„Und Sie sind nicht mit in Ihr Boot gegangen?“ redete der alte Meier den Kapitän an, der auf der Reling des Quarterdecks stand und, den linken Arm um die Besanwant geschlagen, mit stieren Blicken den mit den Wogen kämpfenden Booten folgte.
„Ich darf mein Schiff nicht verlassen“, antwortete der Seemann, „aber ihr?“
„Wenn ich denn einmal ersaufen muss“, sagte der alte Meier ruhig, „will ich das doch gern so lange hinausschieben als irgend möglich.“
„So glaubt ihr nicht, dass die Boote das feste Land erreichen?“ rief der Kapitän mit einem tief aus der Brust geholten Seufzer.
„Eben so wenig, wie wir je mit der „CAPTAUBE“ wieder flott werden“, sagte der Alte – „seht Ihr die Woge, Kapitän, die da hinter der Barkasse herschäumt?“ – das ist die letzte – und die Jolle – wo ist die Jolle? – ich kann sie gar nicht mehr finden.“
„Großer, allmächtiger Gott!“ stöhnte der Kapitän, sein Antlitz in den Händen bergend – „sie sind verloren, alle verloren!“
Ein wilder, gellender Hilfeschrei schallte noch von dort herüber. In dem weißen Schaum, der durch die Nacht blitzte, war es fast, als ob sich dunkle, ringende Gestalten erkennen ließen – dann blieb alles still. Nur die wilden Wogen brachen und stürmten ärger als je gegen das jetzt fast ganz auf die Seite geworfene Wrack an, dessen vordere Planken von den ungestümen Wassern schon so auseinander gerissen waren, dass sie die gierige Flut unter sich konnten gurgeln und bohren hören.
Stoß folgte jetzt auf Stoß, und die drei Männer gingen daran, durch das Kappen der noch stehenden unteren Masten dem Schiff Erleichterung und vielleicht auf der Sandbank auch mehr Festigkeit zu geben. Die Masten, mit dem Übergewicht der schweren Rahen und zerrissenen Segel, die noch daran hingen, bedurften nur weniger Schläge, um einzubrechen und umzuschlagen, und Meier suchte nun, von den beiden anderen dabei unterstützt, was sie an Hölzern an Bord erreichen und losschneiden konnten, zusammenzubinden und eine Art Floß herzustellen. Die Möglichkeit war vorhanden, dass sich der Sturm mit Tagesanbruch legte und die See beruhigte, und sie durften dann doch wenigstens hoffen, wenn sie über Tag kein Schiff fand und rettete, die in Lee liegende, gar nicht so ferne Küste zu erreichen.
Entsetzlich war indes die Lage der armen Frauen, die, auf dem schrägen Deck zusammengedrängt, die See schon nach sich heraufzüngeln fühlten und jeden Augenblick erwarten mussten, von den überstürzenden Wogen erfasst und fortgerissen zu werden.
So brach der Morgen endlich an, und das Licht des jungen Tages beschien die wildempörte Oberfläche der See, beschien den Schauplatz der Zerstörung, wo Woge auf Woge noch an den lockeren Planken riss und zerrte und arbeitete, das ganze Wrack mit seinen letzten Insassen zu sich hinabzuziehen in Nacht und Tod. Aber der Sturm hatte schon vor Tag seinen Gipfelpunkt erreicht gehabt und sich fast unmittelbar nach der Zerstörung der Boote mehr und mehr beruhigt. Die See ging noch hoch, aber der dem Wrack so gefährliche Druck hinter den Wogen, die jetzt nur, durch ihre eigene Schwere getrieben, dem Land zurollten, fehlte, und die an Bord Zurückgebliebenen durften auf Rettung hoffen.
Aber noch ein langer Tag der Angst stand ihnen bevor, lange, furchtbare Stunden, an lockere Planken geklammert und über einem drohenden Abgrund schwebend, und erst gegen Abend kam ein Schiff in Sicht, von dem sie Rettung hoffen durften. Es war ein von Havre nach London bestimmter Dampfer, der glücklich das gestrandete Schiff mit seinem aufgesteckten Notsignal entdeckte, und jauchzend sahen sich die Unglücklichen endlich bemerkt – sahen, wie das Fahrzeug auf sie zuhielt, soweit es sich dem sandigen Ufer nähern durfte, sahen, wie es auch endlich beilegte und ein Boot aussetzte – und fanden sich schon dem sicher geglaubten Tod entrissen.
Von dem Wrack war aber nichts mehr zu bergen. Das Wetter sah noch viel zu drohend aus, um lange an solch gefährlicher Stelle zu weilen; das Postboot, an eine bestimmte Zeit gebunden, durfte sich auch nicht aufhalten, und der in der nächsten Nacht wieder losbrechende Sturm jagte das seinem Geschick verfallene Fahrzeug noch höher auf den Sand hinauf, schmetterte die riesigen Wogen gegen den geborstenen Bau, riss seine Planken auseinander und warf die Trümmer in seinem tollen Spiel der Küste zu.
* * *
Jack und Bill
Jack und Bill
Es ist nun schon einige Zeit her, da lebten am Oldcastle-Cap in Wales zwei Brüder, Namens Jack und Bill Dreygarn. Beide waren Seeleute, die sich seit ihrem achten Jahre auf Salzwasser umhergetrieben und nie viel nach dem festen Lande verlangt hatten. Das Ufer betrachteten sie auch in der Tat, wie die meisten dieser Menschenklasse, nur als einen Platz, der dazu da sei, Wasser und frische Provisionen, besonders Rum, an Bord zu nehmen, und wo die Matrosen ihr auf See sauer genug verdientes Geld wieder rasch und fröhlich durchbringen könnten. Außerdem hielten sie es für das, was es für den Seemann auch wirklich gar nicht selten ist, nämlich für ihren schlimmsten Feind, und mochten nicht viel davon wissen.
Bill war zwei Jahre jünger als Jack, an Gesicht und Körper glichen sich aber die Beiden so, dass sie schon oft für Zwillinge gehalten und zuweilen selbst von ihren nächsten Bekannten verwechselt worden waren. Ziemlich phlegmatischer Natur alle Beide, hatten sie jedoch einander lieb und fuhren stets auf ein und demselben Schiff mitsammen, brachten mitsammen durch, was sie hatten, und ließen sich dann wieder ebenso ruhig und vergnügt zu neuer Reise anwerben. Machten es doch die anderen Matrosen ebenso.
So gut sie übrigens von der See dachten, so schlecht meinte es diese eine Zeit lang mit ihnen, und nachdem beide lange Jahre außerordentlich glücklich gefahren, änderte sich das plötzlich. Sie konnten keinen Fuß mehr an Bord eines Schiffes setzen, ohne dass es nicht irgendwo scheiterte oder strandete, oder wenigstens die Masten über Bord jagte und sonst schwere Havarie litt. Mit dem Leben kamen sie allerdings immer glücklich davon, aber sonst verloren sie auch auf mehreren Reisen hintereinander alles, was sie sich eben mit großer Müh' und Anstrengung angeschafft und mussten immer wieder von neuem und zwar ganz von vorn beginnen.
Seeleute sind alle ein wenig abergläubisch, und den beiden Brüdern kam zuletzt der Gedanke – der sich in diesem Fall auch wirklich entschuldigen ließ – dass sie zum Unglück auf See ausersehen wären und die letzten Fatalitäten als wohlmeinende Warnung zu betrachten hätten: Salzwasser fortan zu meiden. Nur einen Versuch wollten sie noch machen, der eben ihr künftiges Schicksal entscheiden sollte, und wie der ausfiel, danach wollten sie handeln. Der fiel übrigens sehr schlecht aus.

Sie gingen beide wieder in einer nach New-York bestimmten Brig von Pembroke aus in See, verloren gleich in der ersten Nacht beide Masten und Clüverbaum, und trieben endlich mit dem Wrack, nachdem sie dasselbe mit Pumpen noch vierundzwanzig Stunden flott gehalten, an dieselbe Küste wieder an, von der sie ausgelaufen.
Der Fingerzeig war denn doch zu deutlich, um ihn zu verachten, und Jack und Bill beschlossen jetzt, was schon seit einiger Zeit ihr Plan gewesen, zu bleiben, wo sie waren, das heißt auf festem Grund und Boden, und der See, wenigstens dem Fahren, zu entsagen. Dass sie nicht ganz von der See und dem, was dazu gehörte, Abschied nahmen, versteht sich wohl von selbst, wie hätten sie auch sonst wohl existieren wollen. Ihr ganzes Leben und Treiben war von Jugend auf viel zu eng damit verwachsen. Beides ließ sich aber auch leicht vereinigen, denn ein tüchtiger und ausgelernter Matrose ist auch meist immer ein geschickter Segelmacher, und so beschlossen denn Jack und Bill, in Pembroke sich als Segelmacher zu etablieren. Dadurch blieben sie mit der See eng verbunden, hatten fortwährend mit allen dort einlaufenden Schiffen zu tun und – brauchten nicht selber mehr zu fahren.
Die Ausführung dieses Planes erforderte allerdings ein kleines Kapital, und beide Brüder waren ohne einen einzigen Penny; in Pembroke selber aber lebte eine alte Witwe, eine Mrs. Bellhope, mit einer einzigen Tochter, die einiges Vermögen besaß und den Brüdern gewogen war. Diese, die sie als rechtschaffene Matrosen kannte, entschloss sich, ihnen fünfundzwanzig Pfund vorzuschießen, mit denen sie recht gut beginnen konnten.
Alles ging vortrefflich. Die kleine Werkstätte war bald eingerichtet, und die beiden „jungen Leute“ (Bill war dreißig und Jack zweiunddreißig Jahre alt) bekamen bald Arbeit genug. Nur eins fehlte ihnen noch – eine Häuslichkeit, und die mussten sie sich auf die eine oder die andere Art verschaffen. Matrosen sind nämlich nicht daran gewöhnt, sich ihre Lebensmittel selbst zu kochen – wenn sie sich auch ihre Betten selber machen und ihre Kleider eigenhändig ausbessern, ja auch wohl selber nähen. – Für das erstere sorgt unter allen Umständen der Koch, und einen solchen brauchten sie deshalb notwendig.
Einen wirklichen Koch konnten sie aber nicht bezahlen, und sie fielen deshalb auf den jedenfalls glücklichen Gedanken, dass einer von ihnen – welcher bliebe sich ziemlich gleich – heiraten müsse. Bill schlug dabei vor, dass das Alter hierbei zu entscheiden habe, wer von ihnen diesen Schritt tun solle, Jack dagegen meinte, das Los müsse entscheiden, denn er sähe nicht ein, wie er gerade dazu käme, allein für den Koch zu sorgen.
Das Los entschied denn auch wirklich, aber nicht für Jack, sondern für den Jüngeren, der bei dem wichtigen Entscheid keine weitere Gemütsbewegung zeigte, als dass er sein erst halb verbrauchtes Priemchen Tabak wegwarf und sich ein frisches abschnitt, figürlich dadurch andeutend, dass er jetzt ein vollständig neues Leben beginnen müsse.
Wen er heiraten solle, darüber war bis jetzt zwischen ihnen noch kein Wort gewechselt. Nach stillschweigendem Übereinkommen konnte das aber niemand anderes sein, als die Tochter der Witwe Bellhope, Polly, und zu der ging denn auch ohne Weiteres Bill, bot ihr seine Hand an, wurde freundlich auf- und angenommen und kehrte, nachdem er Polly einen tüchtigen Kuss gegeben, augenblicklich wieder nach Haus zurück, um die nun einmal notwendig gewordenen Anstalten zur Hochzeit zu treffen.
Diese war auf den Sonnabend vor den Osterfeiertagen bestimmt worden und wurde denn auch mit alle dem bei solchen Gelegenheiten üblichen und nicht üblichen Pomp vollzogen. Viel Poesie war eigentlich nicht dabei, Bill hatte deshalb auch nicht gewollt, dass die Hochzeit an einem Sonntag sei, da die Heirat doch eigentlich mit in das Geschäft gehöre und sonntags nicht gearbeitet würde. Nur einmal, gleich vor der Trauung, als sie die Braut in die Kirche führten, meinte Jack, „eigentlich täte es ihm doch jetzt beinahe leid, dass sie gelost hätten.“ Als sie aber Ja gesagt und der Geistliche ihre Hände ineinandergelegt hatte, versicherte er seinem Bruder, „jetzt wär's ihm wieder lieb“.
An dem nämlichen Abend erhielten die beiden Brüder einen Brief von Wexford in Irland, dass ein Schiff dort eingelaufen sei, dessen Kapitän ihnen noch eine ziemliche Summe für Segel schulde und diese zu zahlen wünsche. Jack, als der am nächsten Tage noch nicht Beschäftigte, entschloss sich, mit einem gerade bei ihnen vor Anker liegenden und dorthin bestimmten Schoner hinüberzufahren und das Geld einzukassieren, schiffte sich am nächsten Morgen ein, und versprach in spätestens drei oder vier Tagen wieder zurück zu sein. Es vergingen indessen sechs und acht Tage, und Jack ließ nichts wieder von sich hören.
Bill wurde zuletzt unruhig darüber. So lange war er in seinem ganzen Leben noch nicht von seinem Bruder getrennt gewesen, und die Summe, die jener holen sollte, ebenfalls keine Kleinigkeit für sie. Er beschloss also, selber hinüberzufahren und zu sehen, was aus ihm geworden, denn mit dem günstigen Westwind, der die letzten Tage geweht, hätte er recht gut von Wexford in vierundzwanzig Stunden herüberkommen können.
Gesagt, getan. Das Geschäft konnte er indessen recht gut seinem sehr zuverlässigen Altgesellen überlassen; die Schwiegermutter ließ es sich überdies nicht nehmen, nach dem zu sehen was Rechtens war, und am nächsten Morgen schiffte er sich in einem Küstenfahrer, der nach Wexford mit englischen Waren hinüberlief, ein, um seinen Bruder aufzusuchen.
Zu seinem Erstaunen hörte er in Wexford gar nichts von ihm. Allerdings hatte er das Geld bei dem Kapitän, der noch dort lag, erhoben, und dieser zeigte ihm die darüber ausgestellte Quittung – dann war er spurlos verschwunden.
Nur zwei Fälle blieben jetzt möglich. Einmal hatte an dem Abend ein kleines Segelboot mit zwei Mann das Ufer verlassen und war verunglückt. Den Eigentümer desselben, der ebenfalls mit ertrunken, kannte man; der Andere sollte ein Fremder gewesen sein, und es blieb möglich, dass sein Geschick den armen Teufel hier ereilt. Dann aber war an dem nämlichen Abend ein Auswanderer-Schiff nach New York in See gegangen, das noch spät abends mehrere Passagiere aufgenommen, und wen er darüber fragte, sprach sich dahin aus, Jack würde wohl das kleine Kapital genommen und damit nach der neuen Welt gegangen sein, um dort sein Glück rascher zu finden als im alten Vaterland.
Bill verwarf diesen Gedanken natürlich mit Entrüstung. Aber auch der andere Fall war ihm unwahrscheinlich, wenn allerdings möglich – dass sich Jack in einer solchen Nussschale von Fahrzeug der See ohne dringende Not anvertraut haben sollte. Das Wahrscheinlichste blieb immer, dass er, ohne weiter jemand etwas davon zu sagen, nach Waterford gegangen sei, um von dort mit dem Dampfboot nach Hause zurückzukehren, und nun schon lange gemütlich daheim sitze, während er ihn hier draußen suche. Gerade jetzt lag auch wieder eine amerikanische Barke in Wexford, die noch mehrere Passagiere in Waterford an Land zu setzen hatte. Auf der nahm er Passage, und weil sie noch einige Tage dort liegen blieb, amüsierte er sich indes vortrefflich mit einigen da gefundenen alten Schiffskameraden. Nach drei Tagen erhielt er plötzlich Nachricht, dass die Barke abends sieben Uhr bei eintretender Ebbe segeln würde, und mit dem gerade günstig wehenden Wind konnte sie den Ort ihrer Bestimmung recht gut bis Tagesanbruch erreichen.
Bill ging an Bord und zwar, wie das alte Matrosen gewöhnlich tun, als Zwischendecks-Passagier im Forecastle, das heißt, er aß mit den Leuten, mit denen er, als nicht der Mühe wert zu Koje zu gehen, die Nacht auf den verschiedenen Wachen verplauderte. Erst als sie dem Leuchtturm näher und näher kamen, und die Leute noch einiges aus dem Raum heraufholten, was mit an Land geschickt werden sollte, holte er sich seine kleine Tasche herauf, um, wenn das Boot abstieß, gleich fertig zu sein.
Irgendein kleiner geringfügiger Umstand, an und für sich nicht von der mindesten Bedeutung, hat oft Einfluss auf unser ganzes Leben und wirft unsere noch so vortrefflich berechneten Pläne über den Haufen. Hätte Bill die Tasche nicht unten im „Logis“ liegen gehabt, wäre alles so gegangen, wie er dachte, und er selber wieder in kurzer Zeit zu Haus gewesen. So, als er im Dunkeln die schmale Treppe herauf und an Deck stieg und nach der Mitte des Fahrzeugs zu gehen wollte, wo das Boot niedergelassen werden sollte, stolperte er über den ausgehobenen Lukendeckel, stürzte, ehe er sich halten konnte, in den Raum hinab, schlug mit dem Kopf an eine Kiste und blieb bewusstlos liegen.
Diese Luke wurde von den Leuten gleich darauf wieder zugelegt, und als das Boot niedergelassen ward, rief man vergebens nach dem plötzlich verschwundenen Passagier. Der rasch und heftig wachsende Wind ließ aber auch kein längeres Zögern zu – der fremde Seemann musste jedenfalls in der Dunkelheit über Bord gefallen sein, wo ihm doch nicht mehr zu helfen war, und die für Waterford bestimmten Passagiere, von denen einer Bill kannte und sich am vorigen Abend noch mit ihm unterhalten hatte, verließen das Schiff in der festen Überzeugung, dass der arme Teufel sein zeitiges Grab in den Wellen gefunden. „DAS FLIEGENDE EICHHORN“, wie die Barke hieß, brasste bald darauf die Segel wieder auf und flog mit trefflichem Wind seine Bahn entlang.
Der Morgen brach an und die Brise artete mit Sonnenaufgang in einen förmlichen Nordost-Sturm aus, der sie mit gereeften Segeln vor dem Wind elf oder zwölf Knoten die Stunde vorwärts jagte. Die Luken sollten wieder dicht gemacht werden, vorher aber brauchte der Koch noch Feuerholz aus dem unteren Raum, und als ein paar von den Leuten hinabstiegen, fanden sie unten den armen Teufel von Passagier noch halb bewusstlos in seinem Blute liegen.
Bill wurde jetzt allerdings gleich an Deck und zur Koje gebracht, und es geschah alles, was die Umstände erlaubten, ihn wieder zu sich zu bringen und zu pflegen; aber ihn jetzt an Land zu setzen war unmöglich. Die See ging hoch und der Kapitän hätte nicht um irgendetwas die kostbare Brise versäumen mögen. Außerdem lag der Fremde in einem heftigen Fieber, und es blieb eben nichts weiter übrig als ihn mitzunehmen – nach New-York.
Erst nach vier oder fünf Tagen, als sie schon lange weit draußen im Atlantischen Ozean und auf blauem Wasser schwammen, erholte sich Bill auch wirklich so weit, Rechenschaft von sich zu geben, wie er in den untern Raum gekommen, fand sich übrigens ungemein rasch in sein Schicksal, meinte, „es hätte einmal nicht anders sein sollen,“ und ließ sich, da der Kapitän gerade knapp an Mannschaft war, mit Vergnügen als Matrose einschreiben, um seine Passage zu verdienen. In New-York fand er ja bald Gelegenheit, wieder nach Hause zurückzukehren, und als er sich die Sache erst eine Weile überlegt hatte, schien es ihm sogar ganz recht zu sein, wieder einmal „ein Deck zu treten“ und Masten und See über und um sich zu sehen, statt der „ewigen langweiligen Dächer und Häuser.“ Das Seeblut stak ihm doch noch viel zu sehr in den Gliedern, es so leicht abzuschütteln, und nach Hause – „kam er noch immer zeitig genug.“
Von seiner Wunde, wie nur erst einmal das Fieber von ihm gewichen, erholte er sich ungemein rasch, und was seine häuslichen Verhältnisse betraf, so machte er sich derentwegen auch nicht die geringsten Sorgen. Jack war jedenfalls indessen lange wieder zu Hause angekommen, und seine Frau – ih nun, die musste sich schon die paar Monate trösten. Was hätte sie denn machen wollen, wenn sie einen Seemann geheiratet; die waren fortwährend auf dem Wasser, und nur dann und wann einmal acht oder vierzehn Tage zu Haus, und deren Frauen hielten es auch aus.
Nur eins genierte ihn im Anfang an Bord, obgleich er sich auch zuletzt daran gewöhnte: dass ihn der Steuermann und die Übrigen immer Jack statt Bill nannten. Zwischen den englischen und teilweise auch amerikanischen Matrosen ist es nämlich ein seit undenklichen Jahren eingeführter Brauch, alle, deren Namen sie nicht gleich wissen und die zum Seemannsstand gehören, Jack zu nennen. Wie man in Österreich jeden Fremden „Herr von“ und in Leipzig „Doktor“ nennt, so sagen die Matrosen untereinander Jack, und da der Name überhaupt so außerordentlich verbreitet ist, treffen sie noch nicht einmal so oft fehl. So lange Bill deshalb in seinem Fieber lag und doch schon, wenn er nicht starb, als zum Schiff gehörig betrachtet wurde, hieß er fortwährend, wenn von ihm geredet wurde, Jack, und zwar der „fremde Jack“, und als er wieder zu sich kam und Bill heißen wollte, ging das nicht mehr. Die Leute hatten sich so daran gewöhnt, und er blieb Jack nach wie vor.
„Hol's der Henker“, rief er dann zuletzt mit dem gewöhnlichen und allbekannten Seemannswitz, der auch vielleicht dem Namen Jack seinen Ursprung verdankt – „es ist mir einerlei, wie ihr mich auch ruft – nur nicht zu spät zum Essen.“
Bill war früher, wie schon vorerwähnt, Matrose mit Leib und Seele gewesen, und es lässt sich denken, dass er sich bald wieder hinein und wohl in seiner altgewohnten Beschäftigung fand. Über die Trennung von seiner Frau hatte er sich schon lange getröstet und lachte sogar manchmal, wenn er daran dachte, wie sie sich wohl den Kopf zerbrechen würde, wo er hingekommen und wann er zurückkehren würde. Am Ende war es noch gar kein so großes Unglück, dass er in das Loch gefallen, und jedenfalls hatte er bei der Gelegenheit doch wieder einmal tüchtig Salzwasser zu schmecken bekommen.
Nach einer Fahrt von neunundvierzig Tagen erreichten sie New-York, und Bill bekam, was er unterwegs verdient, ausgezahlt. In der Erinnerung aber an die freie fröhliche Zeit, die er sonst verlebt, wenn er nach langer Seefahrt wieder zum ersten Mal Land betrat, dachte er in dem Augenblick gar nicht an die Heimat und seine dortigen, ihm noch etwas neuen Pflichten, und jubelte mit den Kameraden Tag und Nacht durch, bis auch – was gar nicht so sehr lange dauerte – der letzte Cent verzehrt und sogar, nach echter Matrosenart, die Jacke versetzt war.
Damit hatte er den Gipfelpunkt seiner jetzigen Glückseligkeit erreicht, denn geborgt wird solchen Leuten nichts. Als aber der Rausch ausgeschlafen war, kratzte er sich doch hinter den Ohren und dachte zum ersten Mal ernstlich an die Rückfahrt, die er sich nun wieder als Matrose verschaffen musste. Umsonst hätte ihn natürlich kein Kapitän als Passagier mit hinübergenommen, hätte er selber als Passagier gehen wollen.
Bill sah sich deshalb rasch wieder nach einem Schiff um, auf dem er ein „birth“ bekommen könne, fand aber zu seinem Schrecken, dass kein einziges passend für ihn im Hafen lag. Vier oder fünf waren allerdings nach England bestimmt, aber schon vollauf mit Mannschaft versehen, andere, von dort erst angekommen, blieben vielleicht vier bis sechs Wochen liegen, ehe sie ihre Fracht gelöscht und neue eingenommen hatten, und so lange konnte er doch unmöglich ohne Geld und in Hemdsärmeln in New-York herumlaufen.
Ein einziges Schiff brauchte Leute und war nach England bestimmt, aber – über Rio Janeiro. Das verzögerte allerdings seine Rückkunft, doch blieb ihm in der Tat keine große Wahl; der Kapitän, der schon segelfertig im Hafen lag, bot ihm Handgeld und Bill – ging an Bord.
Dass er aber so gewissermaßen von zu Hause fortschiffte, wo er doch eine Frau sitzen hatte, war ihm ein unbehagliches Gefühl, und er wollte wenigstens nicht gekannt sein. Der Name Jack, den ihm „DAS FLIEGENDE EICHHORN“ aufgezwungen, passte ihm jetzt insofern, als er inkognito reisen konnte, und er ließ sich als Jack Brown in die Schiffsbücher eintragen. Gern hätte er auch nach Hause geschrieben und die Seinigen wissen lassen, wie es ihm ginge, aber – er konnte nicht schreiben, und einem Fremden mochte er die Geschichte auch nicht erzählen. Überdies drehte sich ja die Sache nur um sechs oder acht Wochen länger, und dann war er ja selber wieder zu Haus.
Das Schiff, eine englische Brig, die „YORKSHIREMAN“, ging schon am nächsten Morgen in See und kreuzte gegen ziemlich widrigen Wind nach Südost hinab. Es dauerte auch wirklich anderthalb Monate, bis sie nur die Passate erreichten, dann aber liefen sie mit Leesegeln und vor dem Wind den Hafen von Rio in vierzehn Tagen an, ankerten in der wundervollen Bai und löschten ihre für Rio mitgebrachte Fracht in kleine, zu dem Zweck längsseits legende „Leichter“.
Der Kapitän der „YORKSHIREMAN“ hatte nun allerdings darauf gerechnet, in Rio augenblicklich und gute Fracht nach England zu finden. Es lagen aber wenigstens sechs Schiffe im Hafen, die sämtlich keine Ladung zu anständigem Preis bekommen konnten, und einige hatten sich schon entschlossen, lieber in Ballast nach Haus zurückzukehren, oder vielleicht Bahia oder Buenos-Ayres anzulaufen, als ein frisch ankommendes amerikanisches Schiff der ganzen Sache eine andere Wendung gab.
Gerade war nämlich die erste Nachricht von der kalifornischen Goldentdeckung in Amerika angelangt und dies das erste Schiff, das mit Auswanderern um Cap Horn nach dem neuen El Dorado ging. Die Gerüchte, die von den Passagieren dieses Fahrzeugs in der Stadt verbreitet wurden, waren dabei so fabelhafter Art, dass besonders die Kaufleute ein wahrer Schwindel erfasste und jeder jetzt Güter so rasch als möglich nach Kalifornien verschiffen wollte, um reine, solide Goldklumpen dafür einzutauschen. Die Kapitäne, die von ihren Reedern Vollmacht hatten, über ihre Schiffe zu verfügen, wie sie es für das Beste hielten, standen sich jetzt vortrefflich und akkordierten augenblicklich Fracht nach San Francisco. Unter diesen befand sich die „YORKSHIREMAN“, und unserem Bill Drygarn oder Jack Brown, wie er sich genannt hatte, machte der Kapitän das Anerbieten, ihn, statt einer direkten Reise nach England, erst einmal nach San Francisco zu begleiten und dort, wenn er wolle, Gold zu graben. Er, der Kapitän, hätte selber Lust, einmal in die Minen zu gehen, wenn das Gold denn gar so dick dort oben herumliegen sollte.
Hier war auf einmal eine plötzliche Aussicht, reich – steinreich zu werden, und weiter nichts dazu nötig, als eine etwas längere Seefahrt. Und kam es denn, wo er nun doch einmal so lange von zu Haus entfernt war, jetzt auf die paar Monate an? – Paar Monate, ja der Teufel; mit ein paar Monaten mochte es, wie sich Bill heimlich selber gestand, wohl kaum abgetan sein, und eine Reise nach San Francisco und von da zurück nach England konnte immer acht bis zehn Monate fortnehmen. Vierzehn Tage musste er außerdem noch wenigstens darauf rechnen, eine Quantität Gold in den Minen zusammenzusuchen. – Wenn er nur wenigstens hätte einen Brief nach Haus schicken können! Aber auch das schadete nichts; die Überraschung, wenn er, noch dazu mit einem tüchtigen Klumpen Gold, ganz plötzlich angerückt käme, wurde nachher umso größer, und sein Bruder und seine Frau sollten nicht wenig staunen.
Bill besann sich auch wirklich nicht lange; die Verlockung war zu groß, und ein Abend, den er mit einem Teil der Mannschaft des kalifornischen Schiffes verbrachte, festigte seinen Entschluss dermaßen, dass er jetzt die Zeit kaum erwarten konnte, wo sie nach dem Lande seiner heißen Sehnsucht aufbrechen sollten.
Außerordentlich lieb war es ihm jetzt übrigens, dass er den Namen Jack Brown angenommen hatte. Er schämte sich doch etwas, so weit von der Heimat fortzuziehen, und seine Frau – aber zum Henker, gerade für die ging er ja nach Kalifornien, um etwas Ordentliches zu verdienen und als reicher, angesehener Mann zurückzukommen. Lieber wäre es ihm freilich gewesen, wenn er Jack bei sich gehabt hätte.
Die „YORKSHIREMAN“ machte eine verhältnismäßig rasche Reise um Cap Horn und erreichte das Goldland noch mitten in der ersten Gährung und Aufregung. Nicht allein die sämtliche Mannschaft brach denn auch, sowie der Anker niedergerasselt war, nach den Minen auf, das Schiff sich selbst und seinem Kapitän überlassend, sondern dieser hatte kaum seine Fracht und Ladung zu ziemlich guten Preisen untergebracht, als er mit seinen beiden Steuerleuten seine Kajüte zuschloss, die Luken vernagelte und ebenfalls in der kleinen Schiffsjolle durch den Bai und den Sacramento hinaufruderte.
Ich habe hier keinen Raum, das alles, was Bill im El Dorado erlebte, zu beschreiben. Leider hatte er aber mit seinem Goldsuchen eben so wenig Glück wie mit seiner Passage, und hielt das Wenige, das er fand, immer nicht des „Aufhebens“ wert. Einmal musste er ja doch an einen tüchtigen Klumpen kommen. Fünf Monate suchte er danach, bis er es endlich in Verzweiflung aufgab, und mit vielleicht sechzig Dollar in der Tasche und ärgerlich über sich und die ganze Welt, vorzüglich aber über das verwünschte Kalifornien, wieder nach San Francisco zurückkehrte. Eine Möglichkeit bot sich ihm allerdings noch dort, seinen Gewinn in kurzer Zeit zu verzehn-, ja vielleicht zu verhundertfachen, wenn er nämlich sein Glück in einem der San Francisco-Spielsäle versuchte. Das tat er denn auch, verlor in etwa einer halben Stunde alles, was er sich in den fünf Monaten mühsam erarbeitet, und vermietete sich dann aus reiner Desperation noch an demselben Abend auf ein Schiff, das am nächsten Morgen den Hafen verließ und – nach Sidney bestimmt war.
Wieder ganz in das Matrosenleben hineingekommen, und doch einmal viele tausend Meilen von zu Haus entfernt, wo es „auf ein paar Monate mehr oder weniger“ nicht ankommen konnte, gab er sich dem alten Beruf mit all' der Gleichgültigkeit dieser Menschenklasse hin, schiffte sich in Sidney auf ein anderes, nach Manila bestimmtes Fahrzeug ein, ging von da nach China, von China nach Bombay, und fand erst dort wieder eine direkte Gelegenheit nach England, und zwar nach Liverpool, mit der er nun endlich in die Heimat zurückkehren konnte.
Darüber waren etwas über drei Jahre vergangen und Bill den heimischen Verhältnissen so entfremdet worden, dass ihm seine bis dahin erlebten Schicksale, und was davor lag, oft wie irgend ein toller, wunderlicher Traum vorkamen, von dem er sich nicht einmal recht deutlich mehr besinnen konnte, was eigentlich echt und was nur Einbildung davon sei. Manchmal zweifelte er sogar daran, ob er denn auch wirklich verheiratet und durch eine wunderbare Kette von Umständen seiner Frau entführt worden sei, wonach es seiner Schwiegermutter, vor der er allen möglichen Respekt hatte, denn auch gar nichts anging, ob er jetzt wiederkam oder gleich noch einmal nach irgendeiner anderen Himmelsrichtung unter Segel ging.
Das gute Schiff verfolgte indessen wacker seine Bahn, und wieder im Sommer war es, als Jack Brown – welchen Namen er jetzt, so lange er zur See fuhr, beibehalten – nach viermonatlicher Fahrt von Bombay aus, den St. Georgs-Kanal hinaufkreuzte. Zum ersten Mal, nach so langer Trennung, erblickte er hier wieder die Küste von Wales, konnte aber natürlich nicht gleich an Land, sondern musste erst mit dem Schiff, auf dem er sich verdingt, nach dem Ort seiner Bestimmung anlaufen. Erst wenn dort Anker geworfen und die Segel beschlagen waren, blieb es den Matrosen gestattet, das Schiff zu verlassen, dessen Kapitän dann zum Löschen der Fracht andere Leute nimmt.
Wunderbar war ihm zu Mute, als er in Liverpool zum ersten Mal wieder an Land trat. Einmal hatte er auch wirklich gar nicht übel Lust, wieder, und noch einmal zuguterletzt, in das alte Leben mit beiden Füßen zugleich hineinzuspringen, und seine Kameraden ließen es nicht an Aufforderung dazu fehlen. Aber das Gute, was noch in ihm steckte, siegte doch zuletzt, und wenn er auch, um nicht knickerig zu erscheinen, ein paar Nächte mit ihnen durchtrank, behielt er doch noch immer Verstand und Geld genug übrig, um sich neue und anständige Kleider zu kaufen und seine Passage nach Pembroke mit der Eisenbahn zu zahlen.
Mit den alten, abgetragenen Kleidern hatte denn er auch den alten Menschen ausgezogen, und als er in Pembroke anlangte, schlug ihm das Herz nicht wenig in der Brust; wusste er doch nicht, wie er sein eigenes Haus nun wiederfinden sollte.
„Hol' mich der Teufel, Jack Drygarn – Junge, wo kommst Du her?“ waren übrigens die ersten Worte, die ihn, wie er mit seinem Bündel unter dem Arm aus dem Waggon stieg, begrüßten. Er drehte sich rasch und erstaunt nach der Stimme um und sah einen alten Schiffskameraden von sich und seinem Bruder, der ihn mit eingestemmten Armen und großen Augen betrachtete. „War's nicht hübsch in Amerika?“
Woher wusste der schon, dass er in Amerika gewesen war? Dass er Jack genannt wurde, fiel ihm übrigens gar nicht mehr auf, war er es doch die langen Jahre her gewohnt worden. Übrigens folgte er willig der Aufforderung des Freundes, mit ihm ins nächste Wirtshaus zu gehen und dort ein Glas auf glückliche Rückkehr zu trinken. War ihm doch die eigene Kehle von einer ganz unerklärlichen, ungewohnten Angst wie zugeschnürt, und ein Glas Grog unumgänglich nötig, dort Luft zu machen.
Zu gleicher Zeit suchte er aber auch etwas Näheres über die seinen zu Haus zu hören und hielt das eben gefüllte und schon gehobene Glas allerdings etwas erstaunt von den Lippen fest, ohne zu trinken, als ihm sein Freund in aller Ruhe erzählte, dass „Bill's Frau“ wieder geheiratet habe und das Geschäft vortrefflich gehe.
Bill's Frau? Alle Wetter, er war er den? Er trank jetzt erst einmal vor allen Dingen sein Glas aus, setzte es nieder und sagte dann, den Kameraden dabei von der Seite ansehend, ob der ihm vielleicht zum Besten habe:
„Wäre nicht übel, Bill's Frau hat wieder geheiratet?“
„Nun ja“, lautete die ruhige Antwort des ebenfalls mit seinem Glas Beschäftigten, „wessen Frau denn sonst?“
Jetzt erst fiel es Bill auf, dass ihn der andere mit Jack angeredet und also jedenfalls für seinen Bruder gehalten hatte. Aber war denn der auch nicht mehr in Pembroke? Ein eigenes wehes Gefühl schoss ihm durch's Herz, über das er sich selber noch keine ordentliche Rechenschaft geben konnte. – Er beschloss jedenfalls erst selber nach Haus zu gehen und nachzusehen, wie die Sachen ständen, ehe er sich einem Fremden entdeckte. Dieser wollte allerdings etwas Näheres über ihn hören, wo er die ganze Zeit gesteckt und wie es ihm gegangen sei. Bill ließ sich aber auf nichts Derartiges ein, gab ausweichende Antworten, griff sein Bündel wieder auf, schüttelte ihm die Hand und eilte dann mit raschen Schritten die wohlbekannten Straßen entlang, dem eigenen Hause zu.
Eigenen Hause? – Wieder gab es ihm jenen Stich durch's Herz, und er wusste eigentlich selber kaum, weshalb er den Kopf beim Gehen niederbog und das Gesicht mit seinem Strohhut beschattete, dass ihn keiner seiner früheren Bekannten weiter anredete.
So erreichte er endlich den wohlbekannten Platz unten am Hafen, ein kleines, freundliches Häuschen mit der riesigen Firma, die noch immer seinen und seines Bruders Namen bildete. Nur einen Blick warf er aber in den unteren Raum, in dem fünf oder sechs matrosenartige Burschen gar emsig an Segeltuch nähten und ein fremder Mann ihnen dabei Anweisung gab, und stieg gleich die wenigen Stufen hinan, die zur Haustür und der inneren Wohnung führten, ergriff den Klopfer und – behielt ihn unschlüssig in der Hand. Nach dem, was ihm der Bekannte vorhin gesagt, wagte er wahrhaftig nicht einmal, seine eigenen Räume zu betreten, und beschloss, lieber erst einmal unten hinein in die Segelkammer oder Werkstätte zu gehen und zu –, d. h. wenn er keinen Bekannten darin sah.
Rasch stieg er wieder die kurze Stiege hinunter und fand sich, nach einem flüchtigen, forschenden Blick in den Raum, glücklicherweise lauter Fremden gegenüber.
„Guten Morgen mitsammen“, sagte er, als er hineintrat und sein Bündel dabei in der Hand, seinen Hut auf dem Kopf behielt – „könnt' ich nicht einmal mit Jack Drygarn sprechen?“
„Guten Morgen“, sagte der ältere Mann, der hier die Oberaufsicht zu führen schien, „Jack Drygarn sucht Ihr? Ja, der ist nicht mehr in Pembroke.“
„Nicht mehr in Pembroke?“ rief Bill erstaunt, „aber wo ist er denn, und wem gehört denn hier das Geschäft?“
„Das Geschäft gehört mir,“ sagte der Fremde, „und Jack Drygarn ist, so viel wir von ihm haben erfahren können, vor etwas über drei Jahren nach Amerika gegangen.“
„Nach Amerika!“ rief Bill erstaunt. – „Hm, das ist doch wunderbar! Und was ist aus Bill geworden?“
„Ja, das ist eine unglückliche Geschichte,“ meinte der Eigentümer der Werkstätte, mit den Achseln zuckend – „Bill ging hinüber nach Irland, wo Jack hatte Geld einkassieren sollen, um diesen zu suchen, und fiel nachts, als das Schiff an Waterford beilegen wollte, über Bord.“
„Über Bord?“
„Ja. Ein Passagier, der in Waterford an Land gesetzt wurde, brachte die Nachricht mit dorthin. Ihr seid wohl ein früherer Schiffskamerad von den beiden?“
„Beinah' so 'was“, sagte Bill, der sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte, – „und Bill's Frau?“ setzte er dann hinzu, denn was nun kommen musste, wusste er, wie er fürchtete, schon mehr als zu gut.
„Nun, Bill's Frau“, sagte der Mann, indem er sich auf das Fensterbrett setzte und sein rechtes Bein über das linke schlug, „wartete ihr gehöriges Trauerjahr ab, und wie das vorbei war, heiratete sie wieder einen gewissen Henry Burton, und ihr Mann sitzt vor Euch.“
„Das ist nicht möglich“, rief Bill erschreckt, „Polly hat also wirklich –“
„Nicht möglich?“ sagte spöttisch der Mann, „aber, mit Eurer Erlaubnis, doch wahr.“
„Mit meiner Erlaubnis?“
„Ja, wenn Ihr nichts dagegen habt“, lachte der Segelmacher.
„Hm! – sonderbar“, brummte Bill vor sich hin, indem er sich hinter den Ohren kratzte.
„Heh?“ sagte da Polly's zweiter Mann, dem bei dem wunderlichen Betragen des Fremden ein eigener Gedanke aufstieg, indem er den Seemann lächelnd anschaute. „Ihr seid wohl gar ein alter Anbeter von Polly und habt gedacht, sie solle auf Euch warten, bis Ihr zurückkämet und um sie anhieltet?“
Bill sah den Mann überrascht an. Der Gedanke hatte aber doch so viel Komisches, dass er trotz seiner eben nicht heitern Stimmung darüber lachen musste.
„Beinahe könntet Ihr recht haben“, erwiderte er dann, „und doch nicht so ganz. – Lebt die Schwiegermutter noch?“
„Meine Schwiegermutter? – Ja – gewiss. Kennt Ihr die auch?“
„Ich denke – wenn's Euch recht ist, werd' ich einmal hinaufgehen und ihr einen guten Tag sagen.“
„Wird sich ungemein freuen, denk' ich“, erwiderte der Mann ganz ernsthaft. „Geht nur voran, ich komme gleich nach, habe hier unten nur noch eine Kleinigkeit zu tun.“
Bill ging, ohne weiter etwas zu erwidern, hinaus und die Treppe hinauf, und achtete nicht darauf, dass die Gesellen hinter ihm mitsammen lachten. Er ließ diesmal auch den Klopfer herzhaft auffallen, und als ihm ein Mädchen geöffnet und ihn, auf seine Frage nach der alten Dame, hinaufgewiesen hatte, stieg er langsam die Treppe hinan. Jetzt aber kam es ihm wirklich so vor, als ob er unter jedem Fuß eine zolldicke Bleisohle habe, so schwer wurden ihm die Füße, und auf der letzten Stufe musste er stehen bleiben und frisch Atem schöpfen. Endlich klopfte er an.
Die alte Dame, die schon auf der Treppe jemand Fremdes gehört, öffnete die Stubentür, sah ihn an, stieß einen Schrei aus – und schlug sie ihm wieder vor der Nase zu. Dass sie ihn erkannt hatte, war außer allem Zweifel. Bill wusste jetzt auch wirklich nicht, ob er da stehen bleiben und warten solle, bis sie wiederkäme, oder ruhig und unbekümmert eintreten. Darüber wurde er aber nicht lange in Zweifel gelassen, denn kaum zwei Minuten später ging die Tür wieder auf und Polly, seine eigene, allerdings höchst ungerecht verlassene Frau, stand auf der Schwelle und winkte ihm, einzutreten. Sie sah totenbleich aus – jedenfalls vor Schreck – und streckte ihm zitternd die Hand entgegen. Hinter ihr stand die doppelte Schwiegermutter und schaute ihn durch die Brille an.
„Aber, Jack“, sagte sie, „wo habt Ihr die Zeit über gesteckt, seit das Unglück passiert?“
„Das Unglück?“ sagte Bill ganz verstört und achtete gar nicht auf den Namen Jack. Er hielt seine Frau wieder an der Hand, und wagte nicht einmal, ihr um den Hals zu fallen.
„Ach, Jack! ach, Jack!“ jammerte die alte Dame, „was habt Ihr damals durch Euer Fortgehen für Jammer und Elend angerichtet – und der arme, arme Bill – das gute, ehrliche Herz –“
„Bill?“ rief dieser aber erstaunt, ja erschreckt aus, – „nun bei Gott, ich bin doch nicht Jack, und wenn Jack wirklich nach Amerika –“
„Ihr seid nicht Jack?“ rief Mrs. Bellhope, „und wer denn sonst?“
„Kennt denn Polly nicht einmal ihren eigenen Mann mehr?“ sagte der arme Teufel traurig, – „und sind doch erst kaum drei Jahre darüber hingegangen.“
„Bill?“ rief Polly erschreckt und riss ihre Hand aus der des Gatten, – „Ihr seid doch nicht Bill – der ist ja über Bord gestürzt und ertrunken.“
„Ist ihm nicht eingefallen“, sagte Bill kopfschüttelnd, – „in die Luke ist er gestolpert und hat sich den Schädel geborsten, das war alles, und jetzt – wie er zurückkommt –“
„Na, nun wird's aber Tag!“ schrie da plötzlich Mrs. Bellhope und stemmte die Arme in die Seite. „Erst geht der liederliche Strick mit dem Gelde durch und nach Amerika, und nun, da er das vertan und verjubelt hat und sein armer Bruder darüber verunglückt ist, kommt er mit einem Schnupftuch voll alten Gelumpes wieder an und will sich für den andern ausgeben.“
„Aber, Schwiegermutter –“
„Der Teufel ist seine Schwiegermutter!“ rief die alte Dame in vollem Zorn aus, und Polly rang indes die Hände, setzte sich auf einen Stuhl und barg das Gesicht in die Schürze.
„Hallo, was ist nun los?“ sagte da plötzlich die tiefe, aber vollkommen ruhige Stimme des neuen Segelmachers, der in diesem Augenblick in der Tür erschien und die drei verwundert ansah.
„Was los ist?“ rief Mrs. Bellhope in, wie sie glaubte, sehr gerechter Entrüstung, „da kommt Jack Drygarn zurück von seiner Vagabundenfahrt, und will sich für Polly's Mann, für seinen Bruder ausgeben – weiter nichts.“
„S — o?“ – sagte der Segelmacher, indem er die Hände in die Taschen schob und den angeblichen Delinquenten neugierig betrachtete. „Das ist also Jack Drygarn, der –“
„Jack und immer nur Jack – zum Teufel noch einmal mit dem Namen!“ rief aber jetzt auch Bill ärgerlich, „ihr werdet mich noch zuletzt so verrückt machen, dass ich am Ende selber nicht mehr weiß, wer ich bin.“
„Der Fall scheint mir schon jetzt eingetreten, mein Junge“, sagte Polly's neuer Mann gutmütig.
„Aber Polly wird doch wenigstens wissen, wer ich bin?“ rief der arme Teufel, zur Verzweiflung getrieben. „Polly, mein Schatz – kennst du denn deinen Bill nicht mehr?“
„Ach, Jack“, sagte aber schluchzend die junge Frau – „wie dürft Ihr nur Eures armen seligen Bruders Namen so missbrauchen und Jammer und Elend hier in seine Familie bringen wollen. – Ja, wenn es Bill wäre, das arme Herz, aber das schläft schon lange in seinem nassen kalten Grabe.“
„Ich werde wahrhaftig verrückt!“ sagte Bill, sich mit beiden Händen den Kopf haltend.
„Nun“, meinte der Segelmacher, „so lange Ihr noch immer nur erst die Aussicht habt es zu werden, mag es angehen. Jetzt aber, so lang' es noch Zeit ist, seid so gut und kommt erst einmal mit in meine Stube, dass wir über die ganze Sache ein vernünftiges Wort sprechen. Auch selbst, wenn Ihr nur Jack Drygarn seid, wie es doch scheinen will, haben wir eine Abrechnung mit einander, und wenn die in Frieden und Freundschaft abgemacht werden kann, ist es immer besser, als den Nachbarn nachher Futter für Skandal zu geben.“
Bill warf noch einen zögernden Blick auf Polly, als er aber in deren bleiches, verweintes und halb von ihm abgewandtes Gesicht schaute, drehte er sich langsam ab und folgte, ohne ein Wort weiter zu sagen, dem ihm vorangehenden Stellvertreter.
Auf der Stube angekommen, schloss Burton ohne Weiteres die Tür hinter ihm ab, rückte zwei Stühle zum Tisch, holte eine Flasche mit Brandy und Wasser aus dem Schrank, aus der er sich selber vor allen Dingen ein tüchtiges Glas einschenkte, und begann dann mit seinem wunderlichen Gast eine lange und, wie es schien, sehr ausführliche Besprechung, die aber so leise geführt wurde, dass selbst Madame Bellhope's dicht an die Tür gelegtes Ohr nur einzelne, unzusammenhängende Sätze, und nicht den geringsten Sinn daraus entnehmen konnte. Zwei volle Stunden dauerte die Unterredung, dann wurden drinnen die Stühle gerückt. Mrs. Bellhope glitt in ihre Stube, und aus der geöffneten Tür schritten Burton und Bill Drygarn, anscheinend als die besten Freunde. Burton's Gesicht drückte dabei volle Zufriedenheit aus, während Bill mehr ernst und sogar niedergeschlagen schien.
Unten an der Tür von Polly's Stube blieb er stehen und sah sich nach seinem ihm folgenden Gefährten um.
„Geht nur hinein, Jack“, sagte dieser, „ich will so lange hier draußen auf Euch warten.“
Bill drückte die Klinke auf und trat hinein. Polly saß in der Sofaecke und sprang erschreckt auf, als sie ihn allein auf sich zukommen sah. Ohne indessen eine Miene zu verziehen, trat er zu ihr, reichte ihr die Hand und sagte:
„Es hat mich gefreut, Polly, euch alle so wohl und munter hier zu sehen – die Mutter sieht noch recht gut aus, und – ich will wünschen, dass es euch immer unter der alten Firma wohl gehen mag.“
„Ihr wollt fort?“ stammelte Polly, und wagte nicht zu ihm aufzusehen.
„Ja – ich gehe wieder an Bord – wird wohl lange dauern, ehe ich einmal wieder nach Pembroke komme; Gott behüte euch, Polly!“
Er drückte ihr die Hand, die er noch immer in der seinen hielt, und wollte sie loslassen, aber sie hielt ihn fest.
„Polly!“ sagte er mit weicher, fast herzlicher Stimme. Die Frau ließ seine Hand los, sah ihm ein paar Momente starr in die Augen, warf plötzlich ihre Arme um seinen Nacken und drückte ihm einen heißen Kuss auf die Lippen. Dann, als ob sie ein Unrecht getan, schrak sie zurück und bedeckte ihre Augen mit den Händen. Sie hörte Schritte – die Tür wurde auf- und wieder zugemacht, und als sie emporblickte, war das Zimmer leer.
„Nun, Jack, das war rasch abgemacht“, sagte Burton, als Bill wieder aus dem Zimmer trat.
„Ja“, sagte dieser, sein Bündel mit der Linken aufnehmend und sich mit der Rechten den Hut in die Stirn drückend – „es war weiter nichts zu bestellen.“
„Und wo schick' ich Euch die Sachen heut Abend hin?“
„In den Anker – wann geht der Zug nach Liverpool zurück?“
„Um Neun. Wollt Ihr fort mit dem?“
„Wird wohl das Beste sein; good bye, Burton.“
„Adieu, alter Junge; hat mich herzlich gefreut, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben. Wollt ihr nicht Abschied von der Schwiegermutter nehmen?“
„Danke“, sagte Bill, „grüßt sie recht schön von mir.“
Die beiden Männer schüttelten sich die Hände; Bill schob die seinige dann in die Tasche, verließ das Haus und schlenderte langsam die Straße hinunter, dem Anker zu. Eine Stunde später etwa wurde eine Seekiste, wie sie die Matrosen gewöhnlich mit sich führen, im Anker für „Jack Drygarn“ abgegeben, um gleich darauf von Bill geschultert und nach dem Liverpool-Bahnhof getragen zu werden.
Um neun Uhr ging der Zug – und Bill mit ihm, auch erfuhr Burton, der sich sehr angelegentlich darnach erkundigte, später, dass er sich in Liverpool auf einem schon in den nächsten Tagen in See gehenden Ostindienfahrer eingeschifft habe. Weiter hörte man nichts mehr von ihm, und als die Tatsache in Pembroke bekannt geworden, dass Jack Drygarn, der Verschollene, plötzlich wieder aufgetaucht sei, schwamm Jack Brown schon lange wieder draußen auf seinem alten Element.
* * *
An Cap Horn
An Cap Horn
Über die See brauste und schäumte es in wilder, zorniger Wut, häufte die Wogen zu Bergen auf und jagte die bäumenden im tollen Spiel und Sturz hintereinander drein. Hoch auf stieg dann hier und da ein Wut kristallener Fels, einem spielenden Walfisch nicht unähnlich, der mit halbem Leibe der Flut entsteigt, um im nächsten Augenblick schwerfällig wieder darin zu verschwinden; riesig in sich selbst und doch so winzig klein in dem gewaltigen massenhaften Heer solcher Wogen, das ihn umgibt.
Hoch auf reckt er die Krone und streckt und dehnt sich, aber der Sturm leidet das nicht. Hui! hat er ihm den blitzenden Perlenschmuck vom Haupte gestrichen und streut ihn weit aus mit rüstiger Hand, wie der Sämann die Saat. In sich zusammenschmelzend, stürzt und zerfließt der Berg; ein milchweißer Teich kündet auf dem tintenfarbenen, von silbernen Schaumadern marmorartig durchzogenen Untergrund die in sich zusammengestürzte Woge, die jetzt wenige Sekunden lang ein Tal zwischen zwei anderen Bergen bildet und noch zischend in Schaum und Gischt schon wieder emporgeworfen wird von neuen, ungestümen Massen.
Wie das kocht und gährt und wühlt und in einander fließt und über die dunkeln Wasser heult in furchtbarer Majestät! – Die fliegende Windsbraut hält ihren Tanz dort unten und stimmt ihre Instrumente zum wilden, entsetzlichen Reigen – wehe dem, der sich ihr entgegenstellt in ihrem Grimm!
„Ein Segel, hoh!“ Durch Sturm und Graus und einen Wald von Wogen, von denen jede einzelne hinreichend wäre, mit einem Schlage eine Flotte zu vernichten, wenn sie nur den Halt bekäme, sie einen Augenblick zu fassen, wagt sich der kecke Mensch in schwankendem Kahn. Dem Kompass folgend, der ihm die Bahn zeigt durch die Wasserwüste, und unbekümmert um Gefahr und Tod, die ihm aus jedem schäumenden Wogenkamm entgegenblitzen und mit gewaltiger Faust an die dünnen Planken donnern, lenkt er sein Fahrzeug sicher durch den Sturm und trotzt den beiden empörten Elementen: Windsbraut und Wellen.
Alles an Bord ist fest und wohl verwahrt, die Segel liegen an die Masten geschnürt, der heulenden Windsbraut keine Fläche zu geben, an der sie reißen und zerren könne, und nur das dichtgereefte Vormarssegel, hart an den Wind gebrasst mit dem Vorstengenstag oder Sturmsegel – um das Schiff zum Steuern in der Gewalt zu halten, dass die Wogen sich nicht seitwärts dagegen werfen und ihm verderblich werden könnten –, zeigt, dass noch Leben an Bord und die Mannschaft trotzig dem Wind gerade in den Zähnen liege, sein Austoben ruhig unerschrocken abzuwarten.
Und über die empörten Wogen, von dem Sturm in rasender Schnelle geführt, mit langsamem gewaltigen Flügelschlag strich der riesige Albatros, umzog neugierig das Schiff in weiten Kreisen und kreuzte herüber und hinüber im glatten, einer Straße ähnlichen Fahrwasser, das sich der tiefe Kiel gezogen, aufmerksam den mit furchtbarem Schnabel bewehrten Kopf bald nach dieser, bald nach jener Seite drehend, ob nicht irgend ein von Bord des Schiffes geworfener Leckerbissen, wozu besonders Speck und Fleisch gehört, die Monotonie seiner gewöhnlichen Fischkost unterbrechen könne.
Ein ganzes Volk blau und weißer Cap-Tauben (Eine in Größe und Gestalt der Taube ähnliche Möwe) trieb sich schon lange hinter dem Heck des Fahrzeuges her, mit raschem Flügelschlag nach jedem übergeworfenen Stück Garn oder Werg niederfahrend, und gegen einander zankend und kreischend, wenn der Koch ihren Heißhunger durch ausgeworfene Leckerbissen rege machte oder einer oder der andere der Seeleute die kleine, mit Speck besteckte und an langer Leine befestigte Angel auswarf, um einen der Vögel heranzulocken. Die Matrosen fangen auf diese Art gern Cap-Tauben und Albatrosse, essen die ersteren und brauchen von beiden die Federn, oder nehmen auch den letzteren die mit großen Schwimmhäuten versehenen Füße, um sich wunderliche Tabaksbeutel daraus zu fertigen.
Auch andere Mögen kreuzten herüber und hinüber, braun und schwarz mit langen scharfgespitzten Schwingen, vom Sturm getragen und geschickt mit dem Schiff gegen ihn lavierend oder langsam über die aufgeregten Wogen streichend, auf deren nach ihnen aufleckende Wellen sie die elastischen Flügelspitzen legten und sich scheinbar mit ihnen hoben, immer aber mit rascher Wendung die Gefahr vermeidend, erreicht zu werden.
Tagelang begleiten sie so das Schiff, schlafen auch wohl hier und da nachts auf seinen Rahen, und folgen ihm am nächsten Tage wieder unermüdet auf seiner Bahn. Dem Seemann aber sind sie willkommene Begleitung auf einsamer Reise; gern sieht er ihren leichten Flug und folgt ihren kreisenden Bahnen mit dem Blicke, und wenn sie in Lee (Die Leeseite ist immer die Seite des Schiffes, auf der es liegt, also die dem Wind entgegengesetzte; „in Lee“ ist daher unter dem Wind.) vom Schiffe, was sie bei schwerem Wetter am liebsten tun, herüber und hinüber streichen, sagt er, dass sie nachschauen, ob die Schoten und Brassen auch fest sind, um Taue und Rahen zu wahren. Im Lee vom großen Boot sitzt er denn auch wohl, sein Priemchen geschäftig im Munde, schaut ihrem Fluge zu und plaudert und erzählt von der und jener Zeit, wo die Mögen gerade so kreisten und suchten und er an der oder jener Küste auf leckem Schiff vielleicht oder mit schwerer Havarie gegen das zornige Element ankämpfte, um sein Leben auf festes Land zu retten – und festes Land doch eben kaum nur betreten hatte, als er sich wieder hinaussehnte auf die weite, wogende, treulose und doch so lieb gewonnene See.
Die Leute am Land haben überhaupt gewöhnlich einen ganz falschen Begriff von dem Leben an Bord eines Schiffes in offener See und bei schwerem Wetter. Nicht selten hört man da sagen, wenn es weht und stürmt: „Oh die armen Menschen auf der See – wie weh und ängstlich ihnen jetzt zu Mute sein muss – wie sie jetzt in ihrer Angst zu Gott beten und den Mast mit ihren Armen umfassen – krampfhaft, um nicht fortgeweht zu werden!“ Weit gefehlt! Auf offener See und mit keiner Küste in Lee, von der sie abarbeiten müssen, um nicht auf den Strand gesetzt zu werden, nur mit dem regelmäßigen Seegang gegen sich und mit dem Winde, wenn der auch beide Backen voll genommen, gibt es kaum eine bessere und gemütlichere Zeit an Bord eines Schiffes für den Matrosen, als gerade bei solchem Wetter. Sobald die leichten Segel nur erst einmal festgemacht, die anderen nötigen dicht gereeft, ebenso alle Luken ordentlich dicht sind, und alles an Bord, was von überkommenden Seen fortgewaschen werden könnte, wohl und sicher befestigt ist, beginnt für den Matrosen, der sonst über Tag keinen Augenblick unbeschäftigt bleibt, die freie Zeit.
Mit dem breiten „Süd-Wester“ auf dem Kopf, in wasserdichten, geölten Jacken und Hosen, sitzen die Leute dann, wer nicht gerade seine Zeit am Steuerruder abzustehen hat, unbelästigt von einem Ruf der Offiziere, in Lee vom großen Boot, das ihnen Schutz gegen den Wind gibt, dicht geschaart beisammen, und haben sie nur Tabak zum Kauen, dessen Mangel ihnen allein vielleicht die Laune verderben könnte, so wird erzählt und gelacht, und der Sturm mag indessen wehen nach Herzenslust. Sie können auch nichts dagegen tun, als die Zeit abwarten, in der es einmal zu wehen aufhört; das Schiff liegt indessen dicht am Winde und reitet, wenn nur richtig von dem Steuerruder geführt, schon selber die Wogen.
So hier an Bord der tüchtigen kleinen amerikanischen Brig „SUANNAH“, die mit dem scharfen Bug keck gegen die drohenden, bäumenden Wogen anschnitt. So tief sie auch oft in die kristallenen Massen einschlug – wenn sich ein weiter Abgrund vor ihr öffnete, dass es aussah, als ob der nächste anstürmende Berg sie unter seiner Wucht begraben müsse – hob sie sich doch immer wieder kampfgerüstet zur rechten Zeit und schlug mit dem kecken Frauenbild, dessen Namen sie trug und das ihre Gallion zierte, rasch an gegen den auf sie geführten Wurf.

Wenn ihr die klare Flut dann in Strömen von der Stirn troff und die Woge, die ihren Untergang gesucht, sie selber auf den Nacken heben musste, schaute sie keck und zuversichtlich hinaus über das rollende Heer um sich her, und fuhr dann wieder nieder, wie zum Sprung, der nächsten zu begegnen.
„'s ist doch ein wackeres Seeboot,“ sagte der eine der Wache, die sich in Lee vom großen Boot zusammengefunden hatte und zwischen ein paar dort wohlbefestigten und Schutz nach vor und aft gewährenden Wasserfässern den Sturm eben austoben ließ, „und dicht und drall wie keins. Verdammt will ich sein, wenn noch ein anderes Schiff mit uns hier herumreitet, das bei so schwerem Wetter so wenig Wasser macht. – In zehn Minuten abends pumpen wir sie frei!“

Es war ein junger Bursche von vielleicht zweiundzwanzig Jahren mit vollem lockigen Haar, das der Süd-Wester kaum decken konnte, und freien offenen Zügen; ein Rhode Island-Mann, wie er denn auch von seinen Kameraden nach dem Staate, dem er angehörte, statt seines eigentlichen Namens James, Rhode Island gerufen wurde.
„Gott sei Dank!“ sagte einer seiner Kameraden, ein alter wetter- und sonnverbrannter „Teer“ mit schneeweißem Haar, eben solchen Augenbrauen und knochigen zähen Gliedern – „Gott sei Dank, mein Junge, und nicht ‚verdammt‘, denn nur wer erst einmal Tage und Nächte lang in solcher See an den Pumpstöcken gelegen und für sein Leben gearbeitet hat, während sich der Tod da drunten heimlich durch alle Poren des Schiffs sog, der weiß, was es für ein Segen ist, ein dichtes, gutes Schiff unter sich und keine Küste in Lee zu haben. Ich werde an die See hier denken und würde ich tausend Jahre alt; denn hier ist mir das Haar in einer Woche so weiß geworden, wie ich's jetzt noch trage. Ja in einer Wache könnt' ich sagen, und gebe Gott, dass ich ihm nicht wieder begegne die paar Jahre, die ich überhaupt noch zu fahren habe.“
„Wurdet Ihr leck hier am Cap, Mate?“ fragte ein Dritter, der bis jetzt auf einer Notspiere zusammengekauert gesessen und dem Gespräch der übrigen zugehört hatte, ohne viel dreinzureden. „Segne meine Seele, Kamerad, ich wollte auch lieber die ganze Nacht Segel reefen und über Stag gehen, ehe ich nur die Hälfte der Zeit an dem verwünschten Pumpgeschirr hinge; Gott bewahre einen ehrlichen Matrosen vor der Arbeit!“
„Auf welchem Schiff war's, Tommy?“ fragte Rhode Island.
„Auf der ‚BUCKEYE BELLE‘, Jungens“, sagte der Alte, sein Priemchen im Munde drehend, „und ein so wackeres Schiff war's euch, wie nur je eins Furchen durch Salzwasser gezogen. Vor dem Wind oder bei dem Wind, es blieb sich gleich, sie lief ihre zehn und elf Knoten mit nur halbwegs Brise, und lag euch mit fünf Strichen im Wind, dass es eine Lust und Freude war. Was uns auch zu windwärts aufkam, musste nach Lee zu; wir segelten alles tot und hatten eine Prachtreise schon von Boston nach Rio gemacht, in dreißig Tagen, glaube ich, oder einunddreißig. Von Rio aus wollten wir nachher das Cap doublieren. Bei den Falklands-Inseln aber erwischte uns ein Pampero, der uns vor Top und Takel an den verwünschten Inseln vorbei, über irgend ein verborgenes Riff oder eine heimliche Klippe fortjagte, und wenn wir auch nicht gerade hängen blieben, bekam das Schiff doch einen Knacks und machte Wasser.
„Der Steuermann, ein alter tüchtiger Seemann, wollte nun zwar wieder umkehren und nach Rio einlaufen, um dort zu reparieren, denn es war Winterszeit wie jetzt, und mit dem Cap ist manchmal nicht viel zu spaßen. Der Kapitän aber hatte seinen Sinn dick- und starrköpfig darauf gesetzt, die schnellste Reise nach Kalifornien zu machen, und wenn das Leck nicht ärger wurde, konnten wir's auch recht gut, mit ein paar Mal Pumpen den Tag über in den einzelnen Wachen, zwingen. Nicht weit von Staten Island kamen wir in ein schweres Wetter; eine See stand da, wie wir sie hier noch nicht einmal gehabt haben; von Segeleinnehmen war der Alte auch gerade kein Freund, und so jagte uns der Sturm denn auch richtig einmal in einer Nacht bei einem eisigen Schneegestöber, das uns die scharfen Flocken wie Nadeln ins Gesicht trieb, beide Masten über Bord. Durch die Erschütterung natürlich verschlimmerte sich das Leck, und bis wir das Wrack nur frei von Holz und Tauwerk hatten, das drum herumhing, fasste uns die See gerade in der Flanke, wusch die ganze eine Wache über Bord und Kombüse und Reling so rein vom Deck herunter, als ob im Leben nichts darauf gewesen wäre. Wie wir damals dem Tod entgangen sind, ist mir noch jetzt ein Rätsel; aber auf die eine oder die andere Art hielt Gott seine Hand über uns.
„An dem Stumpf des Vormastes, der vielleicht zehn Fuß über Deck abgebrochen war, richteten wir einen Notmast auf und brachten an Leinwand hinauf, was wir eben wagen durften zu führen, bis sich der Sturm gegen Morgen legte. Indessen war uns aber das Schiff halb voll Wasser gelaufen, und nun hieß es an die Pumpen, wenn uns nicht das Deck unter den Füßen weg sinken sollte. Jungens, Jungens, das war eine schwere Zeit, und die See schien zuletzt ordentlich müde zu werden, mit uns zu spielen, während wir selber Tag und Nacht an den Pumpen unsere Glieder kaum mehr regen konnten. Einmal wär's auch beinahe alle gewesen, denn ein paar von den jungen Burschen, die von den Pumpen herauf einen Branntweingeruch in die Nase kriegten, weigerten sich plötzlich, weiter zu arbeiten, und sprangen in den Raum hinunter, um die Rumfässer anzuzapfen, von denen wir, wie sie recht gut wussten, ein paar an Bord hatten; aber der Kapitän hatte glücklicherweise das vorhergesehen und ihnen den Boden eingeschlagen. Als wir's nachher mit dem Salzwasser herauspumpten, hatten sie's gerochen, aber zu trinken war nichts mehr, und die Leute kehrten zu ihrer Arbeit zurück.“
„Und bekamt ihr das Schiff in einen Hafen?“ fragte ein anderer.
„Ich glaube nicht, dass wir's so lange ausgehalten hätten“, sagte der Alte leise. „Zwei wurden uns noch während der Arbeit über Bord gewaschen, denn da uns die Schanzkleidung vorn von Bord geschlagen war, kamen die Wellen herüber, wie's ihnen gerade gefiel, und zwei andere wurden krank, fingen an zu phantasieren und mussten ins Logis gebracht werden. Einer kam wieder herauf und sprang über Bord, der andere lag ohne Besinnung, bis uns am neunten Tage ein Schiff, eine englische Barke, traf und anlief. Wir hatten auch nichts mehr zu versäumen, denn kaum an Bord des Engländers und noch selbst in Sicht vom Wrack, das jetzt langsam füllte, sank es weg.“
„Ach was! Lasst den traurigen Salm, wenn draußen der Sturm ebenfalls an die Planken pocht!“ rief der Rhode Isländer da ärgerlich. „Das ist eine Geschichte, die uns alle Tage selber passieren kann, weshalb sich die Wache damit verderben. – Wenn euch das Schiff gesunken wäre, hättet ihr euch immer noch mit Schwimmen Tage lang oben halten können, und der Engländer hätte euch doch gefunden.“
„Schwimmen, hier in See?“ sagte der Alte kopfschüttelnd; „ja, wenn Fische und Vögel nicht wären! Wer hier über Bord geht, dem wäre besser, dass er gar nicht schwimmen könnte; er sparte lange Qual und Todesangst.“
„Und das sagt Ihr mir?“ lachte Rhode Island, „mir, der sich erst auf der vorigen Reise mit Schwimmen gerade am Leben erhalten hat? Bah, Kamerad, das ist der Alteweiberspruch an Bord vieler Schiffe, dass ein Matrose eigentlich nie sollte schwimmen können, um nicht so schwer zu sterben. Ich habe mich aber schon volle vierundzwanzig Stunden über Wasser gehalten, als wir vor New-York mit dem Schiff nachts zusammenstießen, und bin dann doch noch von einem französischen Schiff aufgelesen worden. – Wo wär' ich jetzt, wenn ich nicht schwimmen könnte, heh?“
„Vielleicht besser aufgehoben“, sagte der Alte trocken; „wir sind alle noch nicht im Hafen!“
„Haha haha“, lachte Rhode Island, „die alte Krähe will weissagen. Aber ich erzähle euch einen Spaß, Kameraden, den ich an Bord des Franzosen hatte, kaum vier Wochen später, nachdem sie mich aufgefischt, und wenn ich nicht schwimmen könnte und es ihnen vorher bewiesen hätte, wäre es mir damals schlecht gegangen, obgleich ich mit keinem Fuß ins Wasser kam.“
„Unsinn, Rhode Island!“ riefen ein paar der Kameraden, „du willst uns wieder eine von deinen Rhode Island-Geschichten erzählen; aber nur zu; veer away und lass es uns haben, mein Junge, verlange nur nicht, dass wir's glauben.“
„Glauben? Der Teufel dank's euch!“ rief der junge Bursche; „was für andere Beweise wollt ihr, als eines Mannes Wort? Ich könnte euch übrigens die ganze Mannschaft zu Zeugen bringen, wenn ich sie eben hier hätte.“
„So komm einmal flott, zum Henker!“ rief ein anderer; „unsere Wache ist bald aus, und wir wollen die Geschichte hören.“
„Nun, sie ist einfach genug“, sagte Rhode Island. „Natürlich wurde ich an Bord von den Franzosen gleich einer Wache zugeteilt, zu der ich von da an, so lange ich an Bord war, gehörte, und wir liefen damals nach Rio hinunter. Unter der Linie nun, bei Windstille und blauem Himmel, ließ unser Alter das Schiff auswendig malen, und ich saß hinten allein auf dem Gerüst am Heck, gerade unter einer offenen Luke, die in die Vorratskammer führte. Nebenbei muss ich euch sagen, dass wir nicht einen Tropfen Spirituosen an Bord bekamen, weder Brandy noch Whisky, nicht für Liebe noch für Geld, nur solch verdammt saures Zeug, Claret glaube ich nannten sie's, das sie aus Blechbechern soffen und das mir jedes Mal Leibschneiden machte. Aus dem Vorrats-Spintge heraus roch es aber unmenschlich gut nach echtem Cognac, von dem der Alte wohl genug an Bord haben mochte, und mich plagt der Henker, dass ich, wie ich an Deck oben gerade niemand gehen höre, von der Stelling ab und in die Luke hinein krieche. In dem großen schwarzen Farbeneimer, den ich draußen bei mir hatte, konnte ich recht gut ein paar Flaschen unterbringen, die nachher schon aus dem Weg zu schaffen waren.
„Die Sache ging auch ganz vortrefflich; gleich in der nächsten Ecke stand eine offene Kiste mit der deutlichen Aufschrift Cognac. Ich hatte aus dieser schon zwei Flaschen in mein Hemd vorn geschoben und noch eine andere Flasche mit Pikles aufgepackt, und war eben wieder im Begriff, auf die Stelling draußen zurückzukehren, als ich den Ruf ‚Mann über Bord‘ oben an Deck und Stimmen höre, die gerade da, wo ich wieder zu Tage musste, laut über Bord sprachen. Einen ordentlichen Schlag gab's mir in die Kniekehlen, und ich wusste im ersten Augenblick wahrhaftig nicht, was ich tun, ob ich mich verstecken oder auf Gnade und Ungnade ergeben solle. Vielleicht zog aber gerade der über Bord Gefallene die Aufmerksamkeit der Mannschaft von mir ab, und ich konnte noch unbemerkt, unvermisst meinen Platz wieder einnehmen.
„Wie ich aber nur den Kopf an die offene Luke brachte, hörte ich auch schon zu meinem Schrecken, dass ich selber mit dem über Bord Gefallenen gemeint sei und gerade aus höchst unzeitiger Menschenliebe ein Boot niedergelassen wurde, um mich zu suchen. Hinten auf der Reling aber, am Besanbaum, stand der Kapitän mit dem Steuermann und wunderten sich, dass ich so rasch aus Sicht gekommen wäre, wobei sie einem Haifisch die einzige mögliche Schuld beimaßen.
„An ein unbemerktes Wiederherauskommen war gar nicht zu denken, eine Entschuldigung, weshalb ich in die Kammer hineingeklettert sein könne, ließ sich auch nicht erfinden – der wirkliche Grund lag zu klar auf der Hand, und selbst bei dem Überlegen verfloss so viel Zeit, dass mir zuletzt gar nichts weiter übrig blieb, als mich versteckt zu halten und abzuwarten, wie das Ganze enden würde.
„Wir liefen indessen bei einer ganz schwachen Südost-Brise, mit allen Segeln gesetzt, etwa drei Meilen die Wache dicht am Winde, und ich konnte deutlich hören, wie an Deck backgebrasst wurde, um das ausgeschickte Boot zu erwarten, das nach etwa einer halben Stunde, natürlich unverrichteter Sache, wieder zurückkehrte. Meine Lage war dadurch nur verschlimmert, und einzelne Pläne, mich krank oder ohnmächtig zu stellen, oder nach vor durchzubrechen und lieber die Strafe für Einschlafen im Logis auszuhalten, verwarf ich alle, weil ich damit die ganze Geschichte am Ende doch nur verschlimmert hätte.
„Jetzt kam das Boot wieder längsseits, die Blöcke wurden eingehakt, oben an Deck zog es die Mannschaft unter seine Krahnen. Bei der Bewegung des Schiffes und der Stellung des Steuerruders, das ich von der Luke aus genau beobachten konnte, fand ich aber, dass wir den alten Kurs wieder aufgenommen hatten, bis nach etwa einer halben Stunde der Befehl zum Wenden gegeben wurde und die ‚DUCHESSE‘, wie das Fahrzeug hieß, über Stag ging (Beim Lavieren oder gegen den Wind Aufkreuzen nennt man die verschiedenen Bewegungen des Herüber- und Hinüberfahrens, um etwas gegen den Wind aufzuarbeiten, Wenden oder „über Stag“ oder auch „über den andern Bug gehen“.), um das, was sie in Ost verloren, in West wieder aufzuholen. Hol's der Henker, ich saß indessen auf der Cognackiste und zerbrach mir den Kopf, wie ich aus der ganz verzweifelten Lage herauskäme und der Strafe entginge, bis mir auf einmal ein kostbarer Gedanke kam, den ich auch, eben gefasst, augenblicklich ausführte.
„Die Sonne war indessen dem Untergange nahe, und wie ich vier Glasen (Sechs Uhr) an Deck schlagen hörte und nun wusste, dass die Leute zum Schaffen (Essen) gingen und nicht gerade über Bord gucken würden, kletterte ich aus meiner Luke heraus, wobei ich die Flaschen natürlich zurücklassen musste, lief auf dem Leistenbrett mit Hilfe der Rüsteisen bis vorn an den Larbordbug, ließ mich im Lee leise ins Wasser gleiten, schwamm eine fünf oder sechs Strich vom Schiff ab und schrie nun mein „Hallo – hallo the ship!“ so laut und lustig in die Welt hinein, dass der Mann am Rad erschreckt mit dem Ruder aufkam, das Schiff glücklich durch den Wind gehen ließ, dass alle Segel gegen die Masten schlugen und die ‚DUCHESSE‘ natürlich baumfest auf dem Wasser lag.
Ehe der Kapitän aber nun seine gewöhnliche Anzahl Flüche los werden konnte, ging schon wieder der Schrei „Mann über Bord“ durch das ganze Schiff; dieses Mal ersparte ich ihnen aber das Bootaussetzen; denn wenn auch das Fahrzeug im ersten Ansatz noch etwa seine eigene Länge von mir fortgelaufen war, hielten es die zurückgeschlagenen Segel jetzt desto fester, und ich bekam Zeit, aufzuschwimmen.
„Werft nur ein Tau herunter!“ schrie ich jetzt, als ich nahe genug war. „Hallo da oben, lasst einen Kameraden nicht sitzen – ein Tau her!“
„Zehn sprangen gleich zu, und der Koch warf mir das Ende eines Bramseils gerade über den Kopf, das ich erwischte, um den linken Ellbogen schlug und mich an Deck ziehen ließ. Aber, Jungens, die verblüfften Gesichter hättet Ihr sehen sollen, wie die mich erkannten! Rhody, wo kommst du her? – Rhody nannten mich die Mounsiers, – Menschenkind, wo hast du gesteckt?
„Hätt' ich es nur allein mit den Kameraden durchzufechten gehabt, wäre die Sache nicht so schwer gewesen; so aber mischte sich auch der Kapitän ins Mittel und verlangte Aufschluss über das Geschehene, von dessen wahrem Bestand er keine Ahnung zu haben schien. Da hielt ich es denn für besser, erst noch einmal ohnmächtig zu werden, wodurch die Sache einmal natürlicher wurde und ich auch etwas länger Zeit bekam, mich zu sammeln, und ein paar der Leute schleppten mich jetzt nach vorn unter die Stevenpumpe und fingen an, mich zu begießen. Ich kam jetzt allerdings wieder zu mir, war aber noch so schwach, dass ich kein Wort herausbringen konnte, und so ließen sie mich denn die Nacht liegen, damit ich mich erst wieder ordentlich erholen möge.
„Am nächsten Morgen half übrigens nichts, ich musste mit meiner Geschichte heraus. Nun wussten wir aber alle miteinander, dass der alte Kasten dicht am Wind erbärmlich schlecht segle und reichlich sieben Strich brauche, um halbwegs vorwärts zu kommen; darauf hin log ich ihnen geradezu vor, dass ich am Mittag über Bord gefallen wäre und mir nachher fast den Arm ausgerenkt und die Lunge wund geschrien hätte, um gesehen und gehört zu werden. Das Boot habe aber in ganz anderer Richtung gesucht, und als es bald darauf wieder an Bord zurückgekehrt und das Schiff in seinem Kurs fortgesegelt sei, da wäre ich schon einmal in Verzweiflung entschlossen gewesen, mein Leben aufzugeben und mich wegsinken zu lassen. Die Lebenslust sei aber doch zuletzt stärker gewesen, und ich wäre nun, in der Hoffnung, dass das Schiff bald über Stag gehen müsse, gerade in den Wind hineingeschwommen, dessen genauen Kurs mir das leichte Kräuseln des Wassers gezeigt. So habe ich meiner Rechnung nach wohl eine gute Seemeile zurückgelegt, als das Schiff wirklich wieder in Sicht kam und fast gerade auf mich zuhielt. Mehr aber wüsste ich nicht; die letzten Minuten erschienen mir selbst jetzt noch wie ein wirrer Traum, und ich glaube, ich sei ohnmächtig geworden, selbst ehe ich das Deck erreicht habe.“
„Was für andere Beweise wollt ihr, als eines Mannes Wort?“ lachte einer seiner Kameraden.
„Und ließ sich der Alte wirklich leimen?“ fragte ein Anderer.
„Was wollt' er machen?“ lachte Rhode Island; „an die Luke hinten dachte niemand, da sie der Steward selber abends spät zugemacht und von innen verriegelt hatte, und fort war ich gewesen und jetzt wieder da – das ließ sich nicht ableugnen. Außerdem kannten sie mich schon als einen guten Schwimmer; denn wie sie mich auffischten, hatt' ich ihnen schon früher einmal aufgebunden, dass ich drei Tage und drei Nächte geschwommen hätte.“
„Auf Mannes Wort?“
„Oh, geht zum Teufel und mutzt einem nicht jede Silbe auf! – Aber das war noch nicht alles; denn verdammt will ich sein, wenn sich der Alte nicht eine von den nämlichen Flaschen heraufholen ließ, die ich schon einmal beigesteckt gehabt, und mir einen steifen Grog machte, dass ich mich erholen sollte, und dann die ganze Geschichte sauber und eigenhändig in sein Tagebuch eintrug. Dort steht sie noch unter meinem eigenen Namen, und ihr könnt sie bis auf den heutigen Tag lesen.“
„Haha haha, Rhode Island – Du bist eine prächtige Hand zum Aufbinden!“ lachte ein Kamerad – „unserem Alten dürftest du aber damit nicht vor den Bug kommen; der holte 'was anderes als Cognac.“
„Klar zum Halsen!“ ging der Ruf über Deck, die Wache sprang auf und das Schiff wurde, da die See zu schwer von vorn kam, um ordentlich wenden oder über Stag gehen zu können, vor den Wind über den andern Bug gebracht oder „gehalst“, immer bei so hoher und stürmischer See ein nicht ganz gefahrloses Manöver. Der Kapitän verstand aber sein Geschäft aus dem Grunde, die Leute, die recht gut wussten, wie viel dabei von ihrer Schnelligkeit abhing, führten die Befehle, kaum gegeben, rasch und vortrefflich aus, und wenige Minuten später peitschte die See den andern Bug, jetzt wieder nach Süden hinunterhaltend, damit sie über Nacht dem zu Starbord befindlichen Lande nicht zu nahe kämen.
Der kurze Tag, der in diesen Breiten zur Winterszeit in der Tat nur wenige Stunden dauert, neigte sich seinem Ende. Die Wache, in der Rhode Island war, ging bald zu Koje, und als sie wieder an Deck kam, hielt sie eine gesprengte Pardune beschäftigt. Im Dunkeln ließ sich aber nicht gut etwas Weiteres damit tun, als sie vorläufig mit Hilfe eines vierscheibigen Flaschenzuges wieder zusammenzubringen und mit umgeschlagenen Tauen notdürftig zu befestigen, bis sie am nächsten Morgen ordentlich gespließt werden konnte.
Es war in der Morgenwache, und der Sturm hatte wohl etwas nachgelassen, wehte aber doch noch immer scharf genug, und die See ging hoch und hohl.
Der alte Tom war eben vom Ruder abgelöst worden und kam nach vorn, seinen gewöhnlichen Sitz wieder in Lee von der großen, mitten auf Deck stehenden Barkasse nehmend; Rhode Island hatte indes versucht, auf dem Leegangwege auf und ab zu gehen; die Bewegung des Schiffes war aber zu stark und besonders durch die hohe See zu unregelmäßig. Sich also neben den Alten niedersetzend, wie er ihn kommen sah, sagte er:
„Hallo, Tommy, ich wollte Euch eigentlich um 'was fragen.“
„Und das wäre?“
„Ihr spracht gestern, wie Ihr uns die Geschichte von dem Wrack der ‚BUCKEYE BELLE‘ erzähltet, von jemand, den ihr nicht wieder zu sehen hofftet. Wer ist denn das?“
Der Alte hatte beide Ellbogen auf seine Knie gestützt und schaute eine ganze Weile still und kopfnickend vor sich nieder; endlich sagte er leise:
„Ihr junges Volk seid jetzt anders wie wir zu unserer Zeit – wenn man mit euch ein ernstes Wort sprechen und euch an 'was anderes mahnen will, als das tägliche Leben, das ihr eben fassen und begreifen könnt, dann lacht und spottet ihr und haltet euch für so entsetzlich klug – 's ist da besser, man schweigt.“
„Den Henker auch, Tommy!“ lachte Rhode Island, „nun habt ihr mich erst recht neugierig gemacht! – Mir könnt ihr's sagen – ihr meint doch nicht etwa den deutschen Klabautermann?“
Der Alte schüttelte mit dem Kopf und sagte:
„Jede Küste hat ihre besonderen Wächter; der hat mit uns nichts zu tun; ich meine den schwarzen Mann.“
„Den schwarzen Mann?“ rief Rhode Island erstaunt aus und musste sich Mühe geben, sein Lachen zurückzuhalten, denn dann wäre es mit dem Erzählen des Alten vorbei gewesen. Dieser schien überdies heute nicht sehr gesprächig zu sein oder auf das Thema nicht gern eingehen zu wollen. – „Der fliegende Holländer kreuzt doch nicht an Cap Horn, soviel ich weiß?“
„Nein“, sagte Tom, „von dem haben wir hier nichts zu fürchten; aber – glaubt ihr, dass ein Boot in dieser See leben könnte?“
„Ein Boot?“ rief Rhode Island, einen Blick nach vorn werfend, wo gerade wieder eine riesige Woge gegen den Bug donnerte und das wackere Fahrzeug bis in den Kiel hinab erzittern machte – „ein Boot in der See? – Nicht von einer Welle zur anderen, und wenn es von Kork wäre; es müsste füllen und zusammenbrechen in dem furchtbaren Druck.“
„Und was würdet Ihr sagen, wenn jetzt ein fremdes Boot zu uns längsseits käme, das Schiff anriefe und einen Passagier an Bord setzte?“
„Aber, Tommy ...“
„Ich hab' es erlebt, mein junger Bursch,“ sagte der Alte mit leiser, fast flüsternder Stimme, „und wer ihm zuerst begegnet, mit wem er spricht, der ist ein Kind des Todes im nächsten Sonnenlauf.“
„Wenn ich ein Boot in solcher See ankommen sehe“, sagte der junge Rhode Island jetzt lachend, „glaub' ich's auch, Tommy, Euer Wort in Ehren – aber nicht eher. – Dagegen wäre ja selbst der fliegende Holländer nur ein Scherz, der doch auf vollem Schiffe in der Welt umherfährt.“
„Macht's wie Ihr wollt“, sagte der Alte ruhig, „aber lacht wenigstens nicht darüber.“
„Haha haha,“ rief aber der junge Bursche, der sich nicht wollte merken lassen, dass ihm selber ganz unheimlich bei der ernsten Erzählung des Alten wurde, „Ihr schneidet ein so ernsthaft Gesicht, als ob Ihr's selber glaubtet – Tommy, Tommy, wenn das der Alte hörte!“
Tom senkte den Kopf, wickelte sich fester in seine Jacke und schien sich auf kein Gespräch weiter einlassen zu wollen; ehe ihn aber Rhode Island besänftigen konnte, wurde zum Loggen gerufen und er musste nach aft.
Es war etwa eine Stunde später, als der Sturm wieder eine frische Hand an den Blasebalg gestellt hatte, wie die Matrosen sagen, wenn es nach kurzem Besserwerden mit neuen Kräften an zu wehen fängt. Rhode Island kam von seiner Wache am Steuerrad. Die Starbordquarterdeck-Treppe eben hinuntersteigend, ging er hinter dem großen Mast durch nach leewärts. Die übrige Wache saß auf ihrem gewöhnlichen Platze, und einer der Leute „spann ihnen gerade ein Garn“ von einem Abenteuer, das er „an Bord eines Pferdes“ in Buenos-Ayres erlebt, und wo ihm die Gauchos Geld und Sattel abgenommen und er das Pferd hatte an einer Leine drei Leguas weit zurückführen müssen. – Da plötzlich tönte ein wilder Schrei zu ihnen herüber und alle sprangen erschreckt auf und nach windwärts.
„Hallo da vorn – was gibt's?“ rief der erste Steuermann vom Quarterdeck aus – „was ist los?“
„Den Teufel auch, Rhody“, rief einer der Leute, der dem jungen Burschen zuerst begegnete, „hast du so geschrien? – Junge, was fehlt dir? – Du zitterst ja am ganzen Leibe!“
„Unsinn!“ brummte der junge Amerikaner ärgerlich, „es fuhr mir nur so heraus – ich weiß selber nicht, wie es kam!“ Aber er warf dabei scheu den Blick über die Schulter zurück und über die See hinauf als ob er dort etwas zu sehen erwarte.
„Rhody!“ rief der Steuermann vom Quarterdeck aus.
„Ay, ay, Sir?“
„Wer hat geschrien?“
„Ich, Sir.“
„Weshalb?“
„Ich habe mich gestoßen.“
„Holzkopf!“ sagte der Offizier und nahm ruhig seinen Marsch an Deck wieder auf.
„Du hast 'was gesehen, Rhody,“ sagte der alte Tom leise zu dem jungen Burschen, als die Übrigen einer gerade auf und über Bord schlagenden See lachend aus dem Wege sprangen, um ihren früheren, mehr gesicherten Platz wieder einzunehmen. Dabei suchte er in dem Halbdunkel, das bei dem wolkenbedeckten Mond auf dem Wasser lag, die Züge seines jungen Kameraden zu erforschen.
„Geht zum Teufel!“ rief aber dieser, sich von ihm abwendend, ärgerlich – „das alberne Zeug, dass ihr den Leuten in den Kopf setzt, macht sie am hellen Tage Gespenster sehen, wie viel mehr denn in solcher Nacht!“
Er ging nach vorn, sich im Lee der Kombüse allein hinzusetzen, und die Kameraden, die ihn dort aufsuchten und nichts aus ihm herausbringen konnten, ließen ihn endlich zufrieden und ungestört.
Die Nacht ging ohne weitere Störung vorüber, der Sturm hatte aber nicht allein nicht nachgelassen, sondern eher noch zugenommen, und als sich die Sonne rotglühend über dem weißbeschäumten und jetzt engbegrenzten Horizont abhob, wogten und taumelten Schluchten und Berge wild durcheinander, und das ächzende Schiff rang sich triefend die Bahn durch alle Schrecken.
Das Frühstück war eben von den Leuten eingenommen, und der Kapitän kam an Deck, wo der Steuermann, der ihm gerade vorangegangen, ein paar Leute nach aft rief, um ein gestern eingerissenes Marssegel wieder auszubessern und instandzusetzen. Zu Larbord, an der großen Rahenocke, war ebenfalls der eiserne Ring, der die untere Leesegelspiere hielt, locker geworden, und Rhode Island wurde dort hinauf geschickt, ein Ende Tau um die sich losarbeitende Spiere zu schlagen, bis der Schaden bei ruhigerem Wetter wieder ordentlich repariert werden konnte.
Der junge Bursche lief die Wanten hinauf und auf den Paarden oder Laufseilen an die Rahenocke hinaus, um den Befehl auszuführen.

Das Schiff schlingerte dabei, wie die Woge unter ihm sank oder stieg, herüber und hinüber, und stampfte dann wieder, als ob es sich hineinhauen wolle bis auf den Grund. Rhode Island war aber ein tüchtiger Seemann und fühlte sich so sicher da oben wie auf dem Deck unten. So, während ein paar schwarzbraune schlanke Mögen mit rabenschwarzen Flügelspitzen um ihn her kreisten, als ob sie das kecke Menschenbild da oben bei sich nicht dulden wollten, schlug er das Tau um Spiere und Rahe, schnürte die erstere um die letztere fest, und trat dann noch einen Schritt weiter hinaus, um den Block zu fassen, der am äußersten Ende der Spiere hing und dessen Strop ebenfalls losgegangen war, als vom Deck eine Stimme „Segel ho“, rief.
Der junge Bursche fuhr zusammen, als ob er von einem Schuss getroffen wäre, richtete sich auf, verlor das Gleichgewicht und fasste im Sturz noch das Laufseil. Der Wurf, den das Schiff aber zugleich im Wiederaufrichten gab, vermehrte nur die Kraft, der die eine Hand nicht gewachsen war; das Seil schnellte aus den es krampfhaft umschließenden Fingern, und der Körper des jungen Matrosen schlug schwerfällig in die nach ihm aufzüngelnde Woge hinein.
„Mann über Bord!“ schallte der Schreckensruf aus zehn Kehlen zu gleicher Zeit, und alle sprangen nach Tauen, sie auszuwerfen und den Kameraden zu retten. So langsam das Schiff aber auch, mit so wenig Segeln und solcher See gegen sich, durch das Wasser ging, hatte die rückprallende riesige Woge den Körper des Unglücklichen schon außer Wurfes Nähe geschleudert, und als ihn die nächste zurückbrachte, glitt das Schiff auf dem Rücken derselben hinab, und in dessen Fahrwasser, mit den Wogen kämpfend, schwamm der Verlorene.
„Hilfe!“ tönte sein Notschrei markdurchschneidend herüber, und ein Schwarm Cap-Tauben, die einzeln dort über die Flut zerstreut gewesen, sammelte sich im Nu mit raschem Flügelschlag über ihm, die neue Beute noch scheu betrachtend.
„Es ist unmöglich, ein Boot auszusetzen!“ rief der Kapitän, in voller Angst eine der Besanpardunen fassend und auf die Reling springend, „wir bekämen nicht einmal die Mannschaft hinein, ehe es uns an den Seiten zerschmetterte.“
Der Steuermann schüttelte, ohne den Blick von dem Unglücklichen zu nehmen, traurig und ernst mit dem Kopf und sagte nur leise: „Es wäre Wahnsinn!“ Der alte Tom nickte langsam vor sich hin mit dem Kopf und flüsterte still in sich hinein:
„Er hat ihn gesehen – hab' ich's mir nicht gedacht? Der arme Teufel, was half da sein Leugnen – nun wird er mir's glauben!“
„Hilfe, Hilfe!“ tönte schon schwächer der verzweifelte Notschrei des Schwimmers zu ihnen herüber; er wusste, dass ihm keine menschliche Hilfe mehr werden konnte, aber der Trieb zum Leben ließ die Hoffnung nicht sinken, bis zum letzten Augenblick.
Und die Mögen sammelten sich über ihm – aufsteigend jetzt in weitem Zirkelschwung und dann niederstoßend nach der seltenen Beute, der sie sich dennoch nicht zu nahen wagten. Schwerer Flügelschlag jetzt von da drüben her; zwei Albatrosse, denen andere folgten, sahen den dicht gedrängten Schwann der Cap-Tauben und Mögen.

Mit den riesigen Fittichen ziehen sie heran, kreisen einmal herum über dem dunkeln Punkt in der Flut – in ihrer Flut, und der eiserne Schnabel haut nach der gebotenen Beute.
„Hilfe! Hilfe!“ Es war ein Aufkreisch, der die Männer aufscheuchte, als ob ein Schuss zwischen sie gefallen wäre, und selbst die Albatrosse wichen einen Augenblick dem fremden, unheimlich grellen Ton, aber nur, um ihren Angriff wenige Momente später mit so viel größerer Gier zu erneuen.
„Heiliger Gott!“ rief der Kapitän und sprang, das Fernrohr aufgreifend, das ihm der Steuermann reichte, ein paar Schritt die Besanwant hinan, in der er sich festklammerte und das Rohr auf den Schwimmenden richtet – „die Vögel stoßen auf ihn – das ist entsetzlich!“
„Hilfe! Hilfe!“
Ein scharfer Ton der Mögen antwortete diesmal; es war der Kampfschrei der hungrigen Tiere, die sich, dem stärkeren Albatros zum Trotz, auf die Beute warfen und unter den weiten Schwingen des mächtigeren Gegners hin nach Kopf und aufgeworfenem Arm des Unglücklichen hackten.
„Gott sei seiner Seele gnädig!“ sagte Tom, sich schaudernd abwendend, während Einzelne der Leute dem Kapitän in die Wanten folgten. Dieser jedoch schob sein Glas zusammen und stieg schaudernd hinab; er konnte den Anblick nicht länger ertragen.
Die Vögel, mit den Albatrossen an der Spitze, bildeten jetzt eine feste Masse auf der Flut, so dass sich unter ihrer dicht gedrängten Schaar schon nichts weiter mehr im Wasser erkennen ließ. Die schwächeren Cap-Tauben aber umflogen ärgerlich kreischend die gefundene Beute, von der die stärkeren Schwestern sie verscheucht hatten, auf und nieder dabei flatternd, manchmal dem Schiff folgend, als ob sie ein neues Opfer zu finden erwarteten, und dann zu dem ersten zurückkehrend mit raschem ängstlichem Flug.
Die Leute kamen langsam herunter und gingen nach vorn, und das Schiff kämpfte weiter gegen die empörte Flut, die ihr Opfer jetzt hatte.
Weit in Lee kam jetzt ein Segel in Sicht – dasselbe, das vorhin angerufen worden. – Oben auf einer Woge, wie von der äußersten Spitze getragen, stand es einen Augenblick, und verschwand dann in der Tiefe, als ob die Flut es verschlungen; es lag über dem andern Bug und kreuzte nach Norden auf – eine Stunde später war es am Horizont verschwunden, während mit schwerfälligem Flügelschlag die Albatrosse dem Schiffe wieder folgten – neue Beute erhoffend.
* * *
Die Dschunke
Die Dschunke
Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, dass die Engländer Besitz von Hongkong an der chinesischen Küste ergriffen. Sie wollten durch die kleine Insel vor allen Dingen einen Schlüssel zum „himmlischen Reiche“ bekommen, wollten erst einen festen Fuß in seiner Nähe haben, um es dann später ihren Missionaren und Kaufleuten zu überlassen, den zweiten irgendwo auf dem chinesischen Kontinent anzubringen.
Zu jener Zeit schwärmte das dortige Meer noch von teils chinesischen, teils malayischen Seeräubern, die, den Fremden wie ihren eigenen Landsleuten gleich gefährlich, selbst bis auf den heutigen Tag noch nicht haben können ausgerottet werden und nur höchstens gelichtet oder – vorsichtiger gemacht sind.

Auf Dschunken – einem anscheinend sehr unbehilflichen, aber nichtsdestoweniger sehr rasch segelnden Fahrzeug – gleiten sie an den Küsten Chinas, ja selbst in dessen Strömen hinauf und zwischen den Inseln des ostindischen Archipels fortwährend auf und ab, harmlosen Handelsfahrzeugen furchtbar und nur dem bewaffneten Kriegsschiff der Europäer ausweichend. Fühlen sie sich aber einem Gegner durch die Anzahl nur irgend gewachsen, dem zeigen sie auch rasch genug die Zähne. Haben doch die malayischen Prauen, besonders die von Borneo und den Nachbarinseln, natürlich in großer Überzahl, schon ein amerikanisches Kriegsschiff angefallen, dessen Kapitän alle Hände voll zu tun hatte, sich ihrer zu erwehren.
Es lässt sich denken, dass sowohl die Holländer wie Engländer, die beide besonders an der Sicherheit dieser Gewässer interessiert sind, ihr Möglichstes taten und noch tun, solchem Unwesen ein Ende zu machen und den Räubern ihr oft blutiges Handwerk zu legen. Das Terrain dort begünstigt aber die Verbrecher nur zu sehr. Diese Tausende von Inseln mit ihren unzähligen kleinen versteckten Buchten, mit Klippen und Untiefen – nur denen bekannt, die dort ihre Heimat haben – lassen eine richtige und wirksame Verfolgung in vielen Fällen nicht einmal zu. Das ist denn auch die Ursache, dass selbst noch bis auf die neueste Zeit ganz in der Nähe europäischer mächtiger Kolonien diese Seeräuber ihr Wesen treiben, Handelsschiffe von Freund und Feind plündern und mit dem Raub in irgend einen ihrer sicheren Schlupfwinkel flüchten.

Die Proa oder Prau, malaiisch perahu, niederl. prauw, engl.prow ist ein Segelschiffstyp aus Indonesien und dem südpazifischen Raum. In der malaiischen Sprache steht perahu für „Boot“, „Segelboot“ und im engeren Sinn für ein Auslegerboot mit Segel.
In damaliger Zeit, während die holländischen Kriegsschiffe mit manchem Erfolg um Bali und Borneo und zwischen den Molukken herumkreuzten und besonders ihre Kriegsdampfschiffe die darauf nicht vorbereiteten Prauen zu Zeiten überraschten und in Grund schossen, ärgerten sich die Engländer im Kantonfluss in der Nähe von Hongkong mit den räuberischen chinesischen Dschunken weidlich herum. Manche davon hatten sie schon zusammen- oder in Brand geschossen, einige Mal schon ganze Flotten davon vernichtet, aber wie aus dem Meere selber heraus wuchsen neue und neue empor. Allerdings trugen sie an deren Unzahl selber mit die Schuld, denn durch den verbotenen Opiumhandel hatte sich eine große Anzahl von Dschunken auf solch gesetzwidriges Gewerbe geworfen. Nach China hinein schmuggelten sie dann den verbotenen narkotischen Stoff, und heraus raubten und stahlen sie, was sie bekommen konnten.
Vorzüglich waren die Räuber, wie schon früher erwähnt, Chinesen und Malayen; hier und da aber verschmähten auch selbst Araber – neben den Chinesen die bedeutendsten Handelsleute de ostindischen Archipels – ein solches Gewerbe nicht, dem sie ihren Koran eben anzupassen wussten. In einzelnen Fällen waren sogar Europäer dabei ertappt worden. Mit diesen letzteren machten die englischen Kriegsschiffe aber die wenigsten Umstände, und ein europäischer Pirat, in solcher Umgebung erwischt, konnte sich auch fest darauf verlassen, gleich auf frischer Tat die Rahenocke zu zieren. (Auf Kriegsschiffen wird im Fall einer Exekution das äußerste Ende der Rahe (des Querholzes, an dem die Segel befestigt sind) dazu benutzt, den verurteilten Verbrecher aufzuhängen.)
Es war im November des Jahres 1845 und der Nordost-Monsun (Die Monsune sind periodische Winde, die besonders im nördlichen Teil des indischen Ozeans herrschen. Dort wehen sie von April bis Oktober von Südwest, von Oktober bis April aber von nordöstlicher Richtung ununterbrochen fort. Ihr Name stammt von dem persischen oder malayischen mussin – eine Jahreszeit.) wehte mit voller Stärke. Die meisten, besonders die kleineren Küstenfahrzeuge, suchten deshalb auch, wenn sie an Hongkong ankern wollten, das südliche Ufer der Insel, wo sie vor dem gerade herrschenden Wind weit mehr geschützt und sicher lagen.
Eine Menge Dschunken hatten sich solcher Art hier zusammengefunden, die durch ihre Boote lebhaften Verkehr mit dem Land unterhielten, und Waren wurden aus- und eingeladen, teils für die südlicher gelegenen Inselgruppen, teils aber auch zum Schmuggelhandel für Kanton bestimmt, wo sich die Eigentümer oder Führer der verschiedenen Fahrzeuge auf ihnen selber am besten bekannte Weise Eingang zu verschaffen wussten. Unter diesen lag auch eine Dschunke, die sich in nichts fast von ihren Nachbarn unterschied, als dass ihr Bambusdeck vielleicht reinlicher gehalten war als das der chinesischen, dass die Teppiche, die vor den Kajütenfenstern hingen, neu und von feinem Stoff und selbst die Mattensegel fester, feiner gearbeitet und weißer schienen, als sie die gewöhnlichen Handelsdschunken trugen. Die Malerei an dem Fahrzeug war dieselbe, mit den beiden riesenhaften und unheimlichen Augen vorn am Bug. Hinten am Spiegel aber trug es, nach echt chinesischer Aufschneiderei, den malayischen Namen (Die malayische Sprache ist im ostindischen Archipel besonders die Umgangs- und Handelssprache zwischen Malayen und Chinesen, wie auch zwischen diesen und den Europäern.) „ORANG MAKAN“ – der „MENSCHENFRESSER“.
Eine Flagge zeigte es nicht, sondern war an dem Morgen noch vor Tagesanbruch zwischen die andere kleine Flotte der Küstenfahrer ruhig hineingeglitten und hatte seinen Anker vollkommen anspruchslos und in aller Stille fallen lassen, auch über Tag sein Boot noch nicht einmal an Land geschickt, bis in der Dämmerung einige jener halb europäisch, halb indisch aussehenden Gestalten in die kleine, hinten am Spiegel hängende Jolle stiegen und an Land fuhren. Dort blieben sie bis spät in die Nacht und kehrten dann eben so still, ja fast heimlich an Bord ihres eigenen Fahrzeugs zurück.

Hongkong ist ein Freihafen, und weder Gesundheitspolizei, noch neugierige Steuerbeamte bekümmern sich dort viel um anlegende Schiffe. Trotzdem schien diese Dschunke die Aufmerksamkeit der englischen Beamten erregt zu haben, denn am nächsten Nachmittag kam ein Boot vom Lande ab, das einen Regierungsbeamten und neben den chinesischen Bootsleuten auch noch zwei vornehme Söhne des „himmlischen Reiches“ mit sich führte, und der Beamte verlangte vor allen Dingen den Eigentümer des Fahrzeugs, wie dessen Papiere zu sehen.
Der Beamte schien keineswegs überrascht, dass sich ihm ein Landsmann als Führer und Eigentümer des chinesischen Fahrzeugs vorstellte. Mr. Moore, wie derselbe hieß, legitimierte sich aber ohne Weiteres auf das Vollkommenste und äußerte nur sein Erstaunen, dass er dazu aufgefordert werde, da es, so viel er wisse, bei den übrigen Dschunken nicht Sitte sei. Die Mannschaft, die sämtlich auf Deck beordert wurde, bestand nur aus Chinesen und war vollzählig, der Gesundheitszustand der Leute ließ ebenfalls nichts zu wünschen übrig. Sie sahen dabei ordentlich und reinlich aus – etwas, was sich von solchen Burschen sonst nicht gerade immer sagen lässt – und gaben den beiden Chinesen, die wunderbarer Weise der Visitation des Schiffes beiwohnten und sich bei ihnen näher nach dem Fahrzeug selber erkundigten, rasche und prompte Antworten.
Mr. Moore hatte seiner Aussage nach die Dschunke von einem chinesischen Kaufmann, der früher damit den Opium-Schmuggelhandel betrieben, um einen ziemlich mäßigen Preis gekauft. Da er nicht reich genug sei, ein größeres Fahrzeug zu erstehen, habe er mit diesem hier begonnen, an den Küsten Chinas wie des ostindischen Archipels Rohprodukte aufzukaufen, um sie dann später an europäische Schiffe wieder abzusetzen, oder dort gegen europäische Waren einzutauschen. Hier an Hongkong war er nur angelaufen, um frisches Wasser einzunehmen und für bares Geld vielleicht ein paar Kisten Opium zu erhandeln. – So weit war alles gut. Der Beamte gab die Papiere zurück, wechselte leise ein paar Worte mit den Chinesen und verließ dann wie er gekommen die Dschunke. Eine Einladung des „Kapitäns“, in dessen kleiner Kajüte ein Glas Sherry zu trinken, lehnte er dankend ab.
Als die Herren von dem ziemlich hohen Deck die Fallreepstreppe in ihr Boot zurückstiegen, lehnte Kapitän Moore an der Schanzkleidung, und hätten sie hinaufgesehen, würde ihnen ein etwas höhnisches Lächeln, das um seine Lippen spielte, wohl kaum entgangen sein. So waren sie aber beschäftigt, bei dem Schwanken des Bootes ihre verschiedenen Sitze wieder einzunehmen, und gleich darauf verließ die Jolle, von den regelmäßigen Ruderschlägen der chinesischen Bootsleute getrieben, die Seite der Dschunke und glitt nach dem Ufer zurück.
Mr. Moore war ein Mann in den besten Jahren, etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt, mit vollem, braunem, lockigem Haar, aber ohne Bart, das Gesicht glatt und sorgfältig rasiert. Von kräftigem, untersetztem Körperbau, ging er in die gewöhnliche Matrosentracht mit blauer Jacke und weißen Hosen gekleidet. Nur auf dem Kopf trug er eine chinesische Korkmütze mit roher Seide überzogen, und um den Leib einen der gewöhnlichen roten chinesischen Gürtel, in dem vorn statt jeder Waffe eine friedliche kurze, sehr hübsch gearbeitete Tabakspfeife stak.
Noch eine ganze Weile blieb er in der Stellung, in der wir ihn oben verlassen haben, bis das englische Boot außer Hörweite war. Dann drehte er sich, leise dabei zwischen den Zähnen durchpfeifend, auf dem Absatz herum, und zu der Kajütentreppe tretend, rief er lachend hinunter:
„Kommt herauf, Ben Ali, – es war alles in Ordnung und sie sind höchst zufrieden wieder abgegangen. Hahaha, was für ein verdammt gescheites Gesicht Ihrer Majestät Diener und was für ein verzweifelt dummes Gesicht die beiden Söhne des himmlischen Reiches machten, als sie mit meiner Physiognomie nicht so ins Reine kommen konnten.“
Noch während er sprach, erschien der beturbante Kopf eines Arabers in der schmalen Treppenluke, und bald stand Ben Ali, vollständig in die reiche Tracht seines Heimatlandes gekleidet, auf dem Verdeck der Dschunke, während jedoch die gegen die Sonne ausgespannten Teppiche ihn dem Lande zu vollständig verdeckten.
„Und hatt' ich Recht?“ sagte der Araber mit einem schlauen Lächeln, als er zu seinem Gefährten aufsah, „sind es nicht die beiden chinesischen Langzöpfe, denen wir im vorigen Monsun nahe bei Amoy ihre Ladung Opium wegnahmen? Ich kannte sie, wie ich nur einen Blick aus dem Kajütenfenster warf.“
„Allerdings hattest du recht, Ben Ali, Perle deiner Wüste“, lachte der Seemann, „und ich selber kannte sie, so wie ich ihnen nur in die verdutzten Gesichter schaute. Was aber in des Bösen Namen die beiden Schlitzaugen auf meine Spur gebracht hat, und wie sie dies Fahrzeug wieder erkannt haben, ist mir ein Rätsel. Wir haben Farbe und Kosten nicht gescheut, ihm ein anständiges und anderes Aussehen zu geben, und kaum ist der Anker unten, sind diese beiden Würdenträger der verkehrtesten Nation des Erdballs wie aus dem Boden gewachsen da. Ein Glück nur, dass ich meinem Kopf folgte und die „Zierde des Mannes“, wie du mich zu überreden beliebtest, meinen Bart, heruntergeschnitten habe. So fest war ihnen mein Gesicht doch nicht mehr im Gedächtnis, dass sie das wieder erkennen konnten; aber Verdacht hatten sie, und der kleine Schuft wollte keinen Blick von mir wegwenden. Schade nur, dass sie nicht mit in die Kajüte hinuntergingen, ich hätte ihnen dort einen Tee vorgesetzt, den sie im Leben nicht würden vergessen haben.“
„Es ist gut“, sagte Ben Ali, „wir sind diesmal, wenigstens für jetzt und so weit, durchgekommen. Aber ich dächte doch, wir gingen hier ganz still wieder unserer Wege, denn ich glaube kaum, dass sich diese beiden Chinesen mit der einen oberflächlichen Besichtigung beruhigen werden.“
„Was können sie tun?“ lachte aber Moore; „die Regierung ist durch ihren Beamten befriedigt worden, und China mag jetzt sehen, wie es sich selber hilft. Aber außerdem, Ben, glaubt Ihr, dass ich jetzt von hier fortginge und die Beute im Stiche ließe, die hier rechts und links, fast in Arms Bereich von uns vor Anker liegt? Die beiden kleinen Dschunken da drüben haben den Bauch so voll von Opium, wie sie ihn nur bekommen können, und sind dabei fertig zum Auslaufen; verlangt Ihr mehr? Lasst die erst unterwegs sein, und dann auf mit dem Anker so rasch Ihr wollt, aber eher wahrhaftig keines Kabels Länge von der Stelle. Hole die Zopfträger der Böse, denn wenn sie wüssten, wo es ihnen wohl ist, gäben sie wahrhaftig dem ‚MENSCHENFRESSER’ etwas weiteren Seeraum, als sie vor kaum einer halben Stunde getan.“
„Lasst die zufrieden,“ sagte lächelnd der Araber, „diese Art Leute weiß in der Regel recht gut, was sie tut, und fühlt sich hier, unter den Kanonen des kleinen Forts da drüben, gerade so sicher wie im Mittelpunkte ihres sogenannten ‚himmlischen Reiches’.“
„Sicher?“ rief Moore und warf einen trotzigen, herausfordernden Blick nach dem Fort am Ufer hinüber – „beim Teufel, Ben, wenn ich wüsste, dass unsere beiden Nachbarn nur zum Teil so gut segelten wie wir, weder das Fort noch die ganze Dschunkenflotte sollte mich abhalten, beide Fahrzeuge zugleich zu entern und mit in See zu nehmen. Das faule Ding von einer Kriegsbrig, das dort vor Anker liegt wie eine flügellahme Ente, möchte dann wohl vergebens hinter uns drein kriechen und Signale geben und Schüsse feuern. Mannschaft hätten wir überdies genug dazu im Raum. Bequemer haben wir's aber immer, wenn wir's noch ein paar Tage abwarten. Das andere Dschunkengelichter hier würde außerdem einen Heidenlärm machen und uns gerade so umschwärmen, wie der Rabe einen Habicht, der seine Beute gefasst hält.“
„Toll genug wäret Ihr dazu“, sagte der Araber mit ruhiger Stimme, während sein blitzendes Auge jedoch verriet, dass er den kühnen Plan keineswegs für unausführbar hielt.
„Toll?“ rief Moore; „war das etwa weniger toll, als Ihr den dänischen Kauffahrer bei mondheller Nacht mitten aus dem Hafen von Singapore herausnahmt und vor Tagesanbruch Eure Dschunke bis an den Rand beladen nach Malakka hinüberführtet?“
„Bah“, lachte Ben Ali, „damals war ich noch sechs Jahre jünger als jetzt, und Ihr – waret mein erster Steuermann.“
„Und jetzt, da ich Euer Compagnon bin“, rief Mooren „dürfen wir keine schlechteren Geschäfte zusammen machen.“
„Das schlechteste Geschäft ist, sich unnötigerweise in Gefahr zu begeben“, sagte der Araber achselzuckend. „Draußen im Archipel schwimmen eine Menge Fahrzeuge, die für den ‚MENSCHENFRESSER’ geladen haben; wir brauchen uns nicht die stacheligsten Früchte herauszusuchen.

Doch wie Ihr wollt – ein Spaß wäre allerdings dabei, gerade weil die Kriegsbrig da so bequem bei der Hand liegt, ihnen einen so fetten Bissen aus den Zähnen herauszureißen. Jetzt ist's aber noch keinesfalls nötig. Folgt Ihr meinem Rat, so gehen wir heute Abend mit Dunkelwerden in See, und zwar dicht am Wind, als ob wir die chinesische Küste anlaufen wollten, fallen aber in der Nacht ab und den Opium-Dschunken ins Fahrwasser, die uns nachher kaum entgehen können.“
„Wir wollen's uns überlegen“, sagte Moore. „Indessen gebt den Leuten unten etwas Luft. Kommen sie vorsichtig auf Deck, ahnt kein Teufel hinter der hohen Schanzkleidung die wackere Schaar. Da unten ist es zu heiß, und wir müssen sie bei guter Laune erhalten.“
Ben Ali stieg wieder hinunter, und es dauerte nicht lange, bis zwölf oder vierzehn wilde, braune Gestalten – lauter Malayen, mit Kopftüchern über und in die langen schwarzen Haare geflochten und Krise und Pistolen im Gürtel tragend, mehr auf Deck krochen als stiegen und fragende Blicke auf ihren weißen Führer warfen.
„Nur Geduld, meine Burschen“, lachte dieser aber, „nur Geduld, ihr sollt mir nicht lange da unten in dem heißen Raum Versteckens spielen, dafür lasst mich sorgen. Aber vorsichtig müsst ihr mir jetzt sein – nur noch wenigstens zweimal vierundzwanzig Stunden lang; versprecht ihr mir das?“
Die Anrede war in der malayischen Sprache gehalten, und einer der Leute, dem hellgraue Narben nach allen Seiten hin das braune Gesicht und die nackte Brust und Arme durchfurchten, erwiderte:
„Alles in Ordnung, Kapitän, solange wir noch unsere Nachbarn im Auge haben. Den Weißen wird Master Moore schon eine Nase drehen – ist nicht die erste.“
Er lüftete dabei den einen Sonnenteppich ein wenig, um freiere Aussicht zu bekommen.
„Hallo“, sagte er da plötzlich – „die Brig da drüben macht Anstalt zum Auslaufen? Desto besser, nachher haben wir ganz freie Hand, denn die zwei Jollen am Ufer kann man eben nicht rechnen.“
Moore hatte sein Fernrohr genommen und auf die Bemerkung des Malayen lange und aufmerksam nach dem bezeichneten Kriegsschiff hinübergesehen.
„Wahrhaftig, du hast recht“, sagte er jetzt, „an der Brig lösen sie die Vormarssegel, und dort sind auch ein paar Hände am Bug- und Vorstengenstag beschäftigt. Ihren Anker müssen sie beinahe schon in die Höhe haben, die Kette geht gerade auf und nieder.“
„Will sich vielleicht einen anderen Ankerplatz aussuchen“, meinte ein anderer der Malayen, der zu seinem Kameraden getreten war.
„So sieht's aus“, rief Moore. „Ich will nur nicht hoffen, dass der Besuch uns zugedacht ist.“
„Wäre nicht übel,“ sagte Ben Ali, der wieder an Deck gekommen war und nach der Rüstung am Bord der Kriegsbrig leicht erriet, von was hier die Rede sei; „aber ich dächte, da hätte sie uns doch viel leichter ein Boot herübergeschickt.“
„Und unser Wasserboot kommt auch nicht“, brummte Moore vor sich hin.
„Nun, so bleibt es weg“, erwiderte der Araber, „wir haben noch genug im Raum, und es war ja doch nur eine Entschuldigung für unser Ankern.“
„Allerdings“, sagte Moore, „aber das wissen die am Lande nicht, und ich glaube fast, das Boot ist von oben her verhindert worden, zu uns herauszukommen. Sie glauben uns dadurch am Ende hier halten zu können.“
„Da wären sie im Irrtum“, lachte Ben Ali. „Fatal bliebe es übrigens, wenn sie uns mit dem kanonenbespickten Schiff bedeutend näher kämen. Doch was tät's im Grunde; wir könnten ja dann unsern Ankergrund eben so leicht aus irgendeiner Ursache wechseln. Nun, wir werden sehen.“
Die Aufmerksamkeit der Dschunken-Mannschaft blieb von da ab übrigens ausschließlich auf das Manövrieren des Kriegsschiffes gerichtet, das, ein ziemlich altes und dem Anschein nach schwerfälliges Fahrzeug, jetzt wirklich seinen Anker aufnahm und mit dem wenigen Wind, der hier unter dem Schutz der Insel wehte, gerade die Richtung auf die Dschunke zu nahm. Etwa in einer Kabelslänge von ihr drehte es ein klein wenig ab, als ob es vorbeipassieren wollte, in einer Höhe aber mit derselben und etwa auf Büchsenschussweite von ihr entfernt, ließ es den Anker plötzlich wieder niederrasseln, schwang dann vor demselben herum, den Bug dem Lande zu, und blieb, die rechte Breitseite der Dschunke drohend zugekehrt, liegen. Wenige Sekunden später waren die für das Manöver gehissten Segel wieder fest beschlagen, und keine weitere Bewegung an Bord verriet, dass sie dort für den Augenblick irgendetwas beabsichtigten, als eben nur eine gleichgültige Veränderung ihres Ankerplatzes.
Nicht so gleichgültig war übrigens die Mannschaft der Dschunke Zeuge derselben gewesen.
„Zum Teufel auch“, sagte Moore jetzt, der mit dem Fernrohr am Auge dem allen auf das Aufmerksamste gefolgt war und das Glas erst jetzt wieder zusammenschob, „ist ihnen das Wasser dort am Land in der Ebbe zu seicht geworden? – Ich habe aber doch schon Dreidecker an der nämlichen Stelle ruhig liegen sehen – oder haben die Schufte etwas Anderes im Schild?“
„Das werden wir wohl gleich erfahren“, rief Ben Ali, und rascher als sonst seine Art zu sprechen war; „hinunter mit euch, Ihr Burschen, wieder in euren Versteck, und rührt euch nicht, bis ich euch selber durch das Zeichen rufe. Dort drüben kommt eben ein Boot ab, und ich müsste mich sehr irren, wenn der Besuch nicht uns gälte.“
„Ihr habt Recht, Ben“, rief Moore, sein Teleskop rasch wieder ausziehend und auf das eben sichtbar werdende Boot richtend, „drei Offiziere oder Beamte oder was sonst noch sitzen hinten im Spiegel.“
„Einer wird der Bootsmann sein, der steuert.“
„Nein, noch außer dem – Teufel noch einmal, ob sie uns nicht grad' unter ihre Breitseite gebracht haben, dass sie mit uns machen können, was sie wollen. Eine Flankensalve aus der Entfernung schösse' uns in Grund und Boden zusammen.“
„Dann wär's freilich aus“, sagte Ben Ali ruhig, „aber soweit ist's noch nicht. Ob ich ebenfalls wieder hinuntergehe?“
„Ich glaube, ja“, meinte Moore, „es ist besser, Ihr lasst Euch nicht eher sehen, als es irgend nötig ist. Und gingen sie wirklich in die Kajüte hinunter und wollten dann wissen, wer Ihr wäret, ei, so seid Ihr ein Kaufmann von einer der Dschunken, von dem ich Opium gekauft habe, und wartet hier auf Euer Boot. Lange bleiben werden sie doch nicht, und verlangen sie den Raum zu visitieren, so mögen sie's tun – sie finden nichts.“
„Und im allerschlimmsten Fall?“
„Ei, zum Teufel, die Flut ist uns freilich jetzt entgegen, aber noch Wind genug, uns fortzubringen. Zwingen sie uns, so wagen wir das Äußerste und kommen am Ende vielleicht noch hinter ihr Schiff, ehe sie uns großen Schaden tun können. Lebendig fangen sollen sie uns nicht. Ist Alles klar?“
„Wie immer“, erwiderte Ben Ali, „soweit wir es dürfen sichtbar werden lassen. Aber da sind unsere Gäste.“
„Hallo, die Dschunke!“ tönte in dem Augenblicke der seemännische Ruf vom Wasser herauf, und Moore trat auf sein spitz erhöhtes Hinterdeck, um dort zu antworten, während Ben Ali wieder in den untern Raum verschwand.
„Hallo, das Boot!“
„Werft uns ein Tau über – wir wollen an Bord!“
„Gleich, Sir. Heda, ihr da vorn, werf einmal einer von euch ein Tau hinunter in das Boot – rasch da – hört ihr nicht?“
„Ay, ay, Sir,“ lautete die den Engländern abgehörte Antwort der Chinesen, und im nächsten Augenblick flog ein zusammengerolltes dünnes Tau hinunter, das von einem der vorn im Boot sitzenden Matrosen geschickt gefangen und um die vordere Bank geschlungen wurde.
„Hol' an Bord!“
Das Tau wurde wieder eingezogen und um einen der „Nägel“ befestigt; gleich darauf lag das Boot unten fest längsseits, und die drei Offiziere, die, wie Moore ganz recht gesehen, hinten im Spiegel des Bootes gesessen, kamen aufs Deck und grüßten den Eigentümer der Dschunke höflich, aber ziemlich kalt.
„Und was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs, meine Herren?“ fragte Moore endlich, mit einem flüchtigen Blick nach der Brig hinüber; „kann ich Ihnen in etwas zu Diensten sein?“
„Sie sind der Eigentümer oder Führer dieses Fahrzeugs?“ fragte der erste Offizier und erste Lieutenant, wie es seine Uniform zeigte, ohne auf die Frage direkt zu erwidern.
„Allerdings“, lautete die ebenso kurze und etwas trotzige Antwort des Gefragten.
„Ihr Name?“
„James Moore; ich bin heute Morgen schon einmal darum examiniert worden und ich möchte wirklich wissen –“
„Mr. Moore“, unterbrach ihn aber der Offizier, „ich handle in höherem Auftrag und möchte Sie ersuchen, Ihren Ankergrund hier nicht zu verlassen, bevor Sie nicht weitere Weisung bekommen.“
„Ich warte auf Wasser“, erwiderte der Dschunkenführer finster, „und sobald ich das an Bord habe, sehe ich nicht ein, was mich hindern sollte auszulaufen, wann es mir gerade beliebt.“
„Es tut mir leid, Ihnen darin widersprechen zu müssen“, erwiderte ihm mit kalter Höflichkeit der Offizier, „aber ich habe gemessenen Befehl, Ihr Fahrzeug in Grund zu schießen, sobald es einen Versuch zur Flucht machen sollte.“
„Flucht?“ rief Moore emporfahrend; „sind meine Papiere nicht in Ordnung? Ist nicht erst ein Beamter hier gewesen, der mein Schiff untersucht hat, wenn ich auch nicht recht begreife, weshalb?“
„Ihr Fahrzeug ist, soviel ich weiß, noch nicht untersucht worden“, erwiderte der Offizier, „der Tag auch dazu für heute zu weit vorgerückt. Ich werde Ihnen deshalb diese beiden Herren heut Abend an Bord lassen. Möglich“, setzte er freundlicher hinzu, „dass die ganze Sache auf einem Missverständnis beruht, was sich dann jedenfalls bis morgen früh aufklären wird. Bis dahin ersuche ich Sie freundlich, sich dem Unvermeidlichen in Geduld zu fügen.“
„Und die beiden Herren bleiben bei mir an Bord?“
„So ist der Befehl meines Kapitäns. Sie selber werden jetzt – denn die Dämmerung beginnt schon – eine Laterne über Ihren Starbord-Bug hängen und dieselbe, während die Flut wechselt, so verändern, dass sie uns fortwährend zugedreht bleibt; Lieutenant Bolard wird schon darauf achten. Bei der geringsten Versäumnis dieser Maßregel und sowie das Licht verschwindet, haben unsere Boote Befehl, Sie augenblicklich zu entern. Welchen Unannehmlichkeiten Sie dabei ausgesetzt sind, wissen Sie selber am besten.“
Moore zuckte die Achseln.
„Gegen Gewalt ist nichts auszurichten“, sagte er dabei. „Ich bin unbewaffnet und kann gegen Ihre Kanonen nicht ankämpfen. Morgen hoffe ich indes, dass ich eine Erklärung über ein so merkwürdiges Benehmen erhalten werde. Außerdem ist auch unser bestelltes Wasser heute nicht angekommen und ich bin in der größten Verlegenheit. Wir haben keinen Tropfen mehr an Bord.“
„Ich werde Ihnen in dem Fall noch ein Fässchen heut Abend herüberschicken. Mr. Bolard, Sie kennen Ihre Pflicht. Mr. Pawton, sorgt, dass die Laterne ohne Säumen an ihren Platz kommt. Ist sie schon aus dem Boot heraufgeschafft?“
„Hier ist sie, Sir.“
„Gut denn. Guten Abend, meine Herren.“
Der Offizier verbeugte sich gegen Moore, nickte seinen beiden Untergebenen zu und stieg dann wieder in seine Jolle hinunter, die ihn rasch zu dem dicht dabei liegenden Schiff brachte.
Eine Viertelstunde später kam das versprochene Fässchen Wasser längsseits und wurde auf Deck gehoben, und die beiden Engländer gingen indessen auf und ab und schienen noch nicht recht zu wissen, wie sie sich eigentlich gegen ihre halben Arrestanten zu benehmen hätten.
Desto vollständiger war Moore selber mit sich im Reinen, und sobald er – wie er sich gegen die Fremden entschuldigte – danach gesehen hatte, dass das Wasser gleichmäßig unter seine Leute verteilt war, kehrte er zu jenen zurück und lud sie jetzt auf das Freundlichste ein, seine Kajüte in Augenschein zu nehmen.
Der Masters-Mate Pawton hatte indes danach gesehen, dass die Laterne nach vorgeschriebener Art aufgehängt war, wogegen die Brig an ihrer Seite ein gleiches Signal aushing, und Mr. Bolard, der dritte Lieutenant der Kriegsbrig, stieg mit dem Master der Dschunke in dessen kleine Kajüte hinunter. War er doch selber neugierig geworden, das Innere des Fahrzeugs in Augenschein zu nehmen, über das an Bord seines eigenen Schiffes, als dieses die drohende Stellung gegen dasselbe einnahm, solche wunderliche und unheimliche Gerüchte in Umlauf waren.
Er selber hatte sich denn auch auf eigene Hand ein gar wildes Bild von dem kleinen Fahrzeug entworfen und seinem Masters-Mate, ehe er hinabstieg, insgeheim die gemessensten Befehle erteilt, auf seiner Hut zu sein und auf alles ein wachsames Auge zu haben. Umso mehr war er überrascht, die kleine freundliche Kajüte wie ein Bild des Friedens zu finden.
Der Boden derselben war mit schneeweißen, feingeflochtenen Binsenmatten belegt, die leichten Bambuswände waren mit buntfarbigen, wie es fast schien, kostbaren Teppichen behangen, und eine zierliche europäische Astrallampe, die von der Decke niederhing, verbreitete ein helles und doch mildes Licht in dem kleinen gemütlichen Raum.
An dem in der Mitte befestigten Tisch saß Ben Ali in seiner morgenländischen Tracht, aus einer kurzen türkischen Pfeife rauchend und emsig mit Schreiben beschäftigt. Bücher und Papiere lagen um ihn her. So eifrig schien er dabei in seine Rechnungen vertieft, dass er die Kommenden nicht einmal gleich hörte und erst dann den Kopf erhob, als Moore seinen Namen rief.
Nirgends war auch die Spur von Waffen zu erkennen, zwei langläufige Flinten ausgenommen, die über die Tür befestigt hingen und wohl überhaupt in keinem Fahrzeug fehlen, das den ostindischen Archipel befährt. Aber selbst diese schienen seit langer Zeit nicht gebraucht, denn Bolard's prüfender und scharfer Blick, der darüber hin streifte, erkannte trotz dem Dämmerlicht doch leicht den Rost an den alten, noch mit Steinschlössern versehenen Läufen.
Bolard grüßte den Araber und sagte dann, sich in dem engen Raum umsehend:
„Alle Wetter, Mr. Moore, ich hätte es Ihrer Dschunke gar nicht von außen angesehen, dass sie eine so allerliebste Kajüte aufzuweisen hat.“
„Das Schiff ist unsere Heimat, werter Herr“, erwiderte Moore, „und jeder schmückt sich die nach besten Kräften.“
„Aber mit Waffen scheinen Sie nicht überflüssig versehen zu sein. Bei einer wertvollen Ladung möchte es kaum geraten sein, den malayischen Piraten des Archipels mit den beiden alten Flinten in die Hände zu fallen.“
„Die würden auch das Wenigste dabei ausrichten“, lachte Moore, indem er an einen kleinen Wandschrank ging und Flaschen und Gläser herausnahm. „Sie sind noch ein Inventar, das ich mit der Dschunke übernommen, und ich glaube sogar, noch von ihrem früheren Besitzer her geladen. Meine eigene Büchse und Pistolen habe ich über meinem Bett hängen, und unter dem Sofa dort steht eine Kiste mit Säbeln für meine Leute, falls wir wirklich einmal sollten angefallen werden. Sie wissen wohl aus eigener Erfahrung, dass die Chinesen mit Feuerwaffen nur höchst mittelmäßig umzugehen verstehen.“
„Das weiß Gott“, lachte Bolard, „so geschickt sie auch manchmal ihre Säbel handhaben.“
„Ein Glas Sherry verschmähen Sie doch nicht?“
„Ich danke wirklich.“
„Die Luft ist hier in der Nähe von Hongkong und gerade in diesem Monsun eben nicht so übermäßig gesund – Sie erlauben mir wenigstens, dass ich Ihnen vorher Bescheid tue. Nach dem, was die Herren Beamten an Land von uns zu denken scheinen, können sie uns sonst am Ende gar für Giftmischer halten.“
„Mein bester Herr –“
„Sicher ist sicher“, lachte Moore, während er sich ein Glas bis zum Rande füllte und es auf einen Zug leerte.
„So“, sagte er dann, die Flasche dem Lieutenant hinüberschiebend, „nun hoffe ich, dass Sie sich derselben nach besten Kräften bedienen werden, und wenn Sie es erlauben, ruf' ich den andern Gentleman ebenfalls herunter, uns wenigstens in einem Glas Bescheid zu tun.“
„Ich weiß nicht –“ sagte der Offizier zögernd.
„Sie haben nichts zu fürchten“, lächelte der Dschunkenführer, „von hier aus sogar können Sie durch unsere Bambuswände hindurch die dort aushängende Laterne, das befohlene Signal, erkennen. Außerdem seh' ich dem morgigen Tag mit großer Ruhe entgegen, denn irgendein wunderliches Missverständnis muss jedenfalls den gegen mich oder mein Fahrzeug befohlenen Maßregeln zu Grunde liegen. Also warten wir's ruhig ab. Fort kann ich ebenfalls nicht, bis ich nicht Wasser an Bord habe, und ich hoffe, dass wir den Abend auf angenehme Art verbringen werden.“
Ohne Weiteres stieg er jetzt die wenigen Stufen hinan, den Masters-Mate zu seinem Offizier hinabzurufen. Dieser verließ jedoch nur zögernd das Deck, und konnte erst bewogen werden ein Glas Wein anzunehmen, als sein Offizier ihn selber dazu einlud. Hierauf stiegen beide wieder auf das Deck und gingen dort wohl eine Stunde lang mit Moore auf und ab, der ihnen manches aus seinem bewegten Leben und den interessanten Küstenfahrten des Archipels erzählte.
So war es neun Uhr geworden. Die Flut trieb schon seit vier Uhr mit voller Stärke gegen das Land zu und der Wind war fast ganz eingeschlafen, während sich der Himmel mit Wolken dicht umzog. Die Dschunke hätte unter diesen Umständen ihren Ankerplatz gar nicht mehr verlassen können, ohne dem Land geradezu entgegen zu treiben. Außerdem herrschte an Bord vollkommene Ruhe. Die regelmäßige Wache ging allerdings an Deck auf und ab, die Rahen waren aber niedergelassen, im Kompasshaus war kein Licht, das Steuer festgebunden, und das kleine Fahrzeug ruhte wie eine schlafende Möwe auf der stillen, fast spiegelglatten Flut.
Indessen nahte die Zeit des Abendbrots und der kleine saubere Tisch in der Kajüte stand für vier Mann gedeckt. Lieutenant Bolard führte allerdings seine Provisionen bei sich und wollte die Einladung ablehnen, Moore aber rief eifrig: „Ei wahrlich, Gentlemen, Sie werden doch meinem Fahrzeug nicht die Schande antun wollen, seine Gäste nicht einmal bewirtet zu haben?“
„Ungebetene Gäste, wissen Sie, Mr. Moore“, lächelte der Offizier.
„Ei was“, rief der Seemann treuherzig, „im ersten Augenblick waren Sie mir allerdings ungebeten, und hätt' ich die Macht dazu besessen, verdammt will ich sein, wenn ich Sie gutwillig angenommen. Wie aber die Sache jetzt steht und nach näherer Bekanntschaft, denk' ich, haben wir auf beiden Seiten gefunden, dass wir nicht so schlimm waren, als wir aussahen, und deshalb nicht die geringste Ursache vorhanden ist, das zu verschmähen, was uns unser chinesischer Koch bereitet haben wird.“
„Es liegt zu viel Logik in Ihrer freundlichen Einladung“, sagte der Offizier lachend, „um sie zurückzuweisen, – bis zum Einsetzen der Ebbe haben wir überdies noch eine volle Stunde Zeit und können solche allerdings nicht besser ausfüllen, als auf die von Ihnen so gastlich bezeichnete Weise. Master Pawton, ich glaube, dass uns das Souper keinen Schaden tun wird.“
„Schaden?“ schmunzelte der Masters-Mate, den Moore durch sein derbes, echt seemännisches Wesen schon vollkommen gewonnen hatte, „wohl keinen Schaden weiter, den ausgenommen, den es unter den aufgetragenen Speisen und Getränken anrichten wird. Ich glaube, wir sind beide schon an schlechteren Plätzen gewesen.“
„Je eher der Koch dann anrichtet“, rief Moore auf Malaysisch seinem Steuermann zu, „desto besser. Ich selber habe heut Abend einen schmählichen Hunger“, setzte er dann gegen die Fremden hinzu, „und hoffe dasselbe von meinen Gästen. Wollen Sie sich nach dem Souper dann in die Wache teilen, so steht einem der Herren da unten mein Sofa zu Diensten, oder ich schlinge Ihnen oben auf dem Verdeck, wenn Ihnen das lieber ist, eine Hängematte auf. Das Wetter ist still und ruhig, und den Tau können wir schon durch ein darüber gespanntes Tuch abhalten.“
„Vortrefflich“, rief Bolard, dessen letzter Verdacht durch dieses Anerbieten beseitigt wurde, „dann bitte ich Sie freundlich um die Hängematte. Sie werden leicht begreifen, dass wir es unter den jetzigen Umständen vorziehen müssen, beisammen und an Deck zu bleiben.“
„Deshalb gerade machte ich Ihnen den Vorschlag. Aber jetzt zu Tisch; ich sehe eben, wie Tschung-Ih, unser würdiger Kochkünstler, seine gastronomischen Experimente dort hinunter spediert, und je eher wir ihm folgen, desto besser. Nur einen Augenblick müssen Sie mich entschuldigen, dass ich den Wein besorgen kann.“
Die beiden Engländer stiegen, nachdem sie noch einen Blick über Deck geworfen und sich überzeugt hatten, dass alles in Ordnung sei, in die Kajüte hinab, wo Ben Ali seine Papiere fortgeräumt und dem Tischtuch Raum gegeben hatte.
Moore stand indessen vorn an der Logistreppe, die in den vorderen Raum hinabführte, neben einer dunkeln Gestalt, die mit halbem Leibe daraus hervorschaute.
„Wie lange noch bis zur wiederkehrenden Ebbe, Rudah?“ fragte er rasch mit unterdrückter Stimme.
„Voll eine Stunde, Toean“ (Toean, sprich „Tuan“ = Herr), erwiderte der Malaye.
„Und was hältst du vom Wetter?“
„Gut – da drüben im Nordosten wird es hell. – Noch vor der Zeit haben wir Brise genug.“
„Ist die Laterne in Ordnung?“
„Alles fix und fertig – wann lassen wir sie nieder?“
„Bei dem ersten Champagnerkork, den ihr fliegen hört – Dschung-Ih mag an der Treppe bleiben.“
„Und wenn sie heraufkommen und etwas merken sollten?“
„Dann bleibt uns nichts anderes übrig als Gewalt!“ sagte Moore finster. „Sobald das Zeichen gegeben ist, kommen sechs von euch leise nach hinten und stellen sich rechts und links an der Kajütentreppe auf. Den Ersten, der nach oben will und dem ich nachrufe: „Aber nur noch ein Glas!“ fasst und knebelt. Verstanden?“
„Ay, ay“; lachte der Bursche mit blitzenden Augen. „Merken die dann auch etwas da drüben, können sie doch nicht auf das Fahrzeug schießen, in dem ihre eigenen Offiziere sind, und dass uns die Boote nicht einholen, dafür lasst uns sorgen.“
„Dass sie es nur nicht hören, wenn ihr den Schäkel (In der Ankerkette sind in gewissen Zwischenräumen Bügel mit Bolzen oder Schäkeln angebracht, um die Kette, wenn es nötig sein sollte, an den Stellen trennen und wieder zusammenfügen zu können, ohne ihr selber Schaden zu tun. Es geschieht das häufig, wenn der Seemann, besonders bei schwerem Wetter, genötigt ist, seinen Ankergrund zu verlassen, und den Anker nicht heben kann. An der Kette wird dann eine Luft-Boje oder Tonne gelassen, um später den Ort finden zu können, wo der Anker liegt.) ausschlagt. Wenn es nicht vorsichtig geschieht, fühlt man die Erschütterung durch's ganze Schiff, und die beiden Burschen sind zu viel Seeleute, um nicht den Augenblick zu wissen, was das bedeutet.“
„Weiß schon“, lachte der Malaye, „sobald wir staut (Zwischen Ebbe und Flut) Wasser haben und das Schiff nicht mehr an der Kette hängt, ist das im Nu geschehen. Schade nur um den Anker – vorsichtigerweise habe ich eine Boje angeschlagen.“
„Recht so, wir werden ihn uns schon wieder holen, wenn ihn die Brig da drüben nicht als Pfand behält“, lachte Moore. „Doch ich muss jetzt fort, dass meine beiden Herren keinen Verdacht schöpfen. Ich kann mich auf dich verlassen?“
„Saya, Toean“, sagte der Malaye lakonisch.
Moore erwiderte kein Wort weiter. Er kannte den Burschen und betrat wenige Minuten später mit den für ihn bereit stehenden Flaschen die Kajüte, wo er seine Gäste schon seiner harrend fand.
Das Essen wurde in diesem Augenblick vollständig aufgetragen und nahm vor der Hand die Aufmerksamkeit sämtlicher dabei beteiligten Personen so vollständig in Anspruch, dass selbst nur abgebrochene Gespräche geführt werden konnten. Moore sprach zu gleicher Zeit der Flasche herzhaft zu, und selbst Ben Ali, Muselmann der er war, schien sich auf der See von den strengen Verboten seines Korans auf das Liberalste dispensiert zu haben. Mit so gutem Beispiel vor sich, ließen sich die beiden Offiziere denn auch nicht lange nötigen, ohne jedoch den kräftigen Trank auch nur im Entferntesten unmäßig zu genießen. Sie kannten die Verantwortung, die sie hier übernommen, und wenn sie auch nicht den geringsten Verdacht gegen ihren jovialen halb Gefangenen, halb Gastgeber schöpften, waren sie doch viel zu gewissenhaft, sich nur das Mindeste dabei zu vergeben, oder irgend eine nötige Vorsicht außer Acht zu lassen. Sie blieben daher beide still und schweigsam, und dann und wann, bei dem geringsten Geräusch an Deck, trat Bolard auf die kleine Treppe, wo er den ganzen oberen Teil der Dschunke übersehen konnte. Ihr Signal hing aber dort noch leuchtend aufgehängt, die Rahen lagen nieder, und nur der langsame, regelmäßige Schritt des wachthabenden Matrosen ließ sich hören.
Eine eigentümliche Veränderung war indessen mit dem vorher noch so ernsten und schweigsamen Ben Ali vorgegangen. Des Englischen vollkommen mächtig, wenn er dasselbe auch mit einem etwas fremdartigen Dialekt sprach, hatte ihn der Wein so beredt gemacht, dass er, nur erst einmal aufgetaut, das Wort allein führte und aus seinem an Taten und Vorfällen überreichen Leben besonders für die Seeleute höchst interessante und spannende Skizzen zum Besten gab. Seit zwanzig Jahren fast an Bord eines oder des anderen Fahrzeuges im Archipel, kannte er die Küsten fast aller Inseln, vom chinesischen Meer hinab bis zu der Torresstraße, war von den Piraten schon geplündert, von den australischen Wilden schon gespeert und gefangen worden, hatte auf holländischen Kriegsschiffen als Dolmetscher gedient und den Krieg gegen die Engländer mitgemacht, war dann von diesen auf Java angestellt worden, und erst als diese jene Insel wieder an ihre früheren Besitzer abtraten, zu dem Entschluss gekommen, selber Handel zu treiben und sein eigener Herr zu werden.
Das Essen war ziemlich beendet und eine Stunde dabei im Fluge hingegangen, als das Gespräch durch Moore auf ein vor längeren Jahren an der chinesischen Küste gesunkenes Dampfschiff kam.

Es stieß damals mit reicher ostindischer Fracht beladen an eine Klippe, wurde leck und ging auch in der nämlichen Nacht zu Grunde. Nur wenige Menschen waren imstande gewesen, sich zu retten, und Bolard selber hatte, wie er sagte, seinen Vater dabei verloren.
„Ihren Vater?“ rief Ben Ali, der jetzt mit einer längeren Pfeife als vorher auf dem Sofa lehnte, indem er sich rasch emporrichtete, – „und war der mit unter jenen Unglücklichen, die der Tod selbst in der Kajüte ereilt, ohne dass sie imstande gewesen wären, das Freie zu gewinnen?“
„Gott weiß es“, sagte Bolard seufzend, indem er von seinem Stuhl aufstand, – „es ist auch eine zu traurige Geschichte, ihrer lange zu gedenken. – Aber ich glaube, die Ebbe wird bald eintreten, und es ist wohl Zeit, dass wir nach unserem Signal sehen.“
„Ich habe schon Befehl dafür gegeben“, erwiderte Moore, ebenfalls seinen Stuhl verlassend, „und will selber gleich nachschauen. Übrigens wird es uns hier unten gemeldet, sobald still Wasser eintritt. Apropos – jenes Schiff – wurde das an Bord befindliche bare Geld und was an Goldbarren vorrätig darin lag, nicht durch einen Taucher wieder heraufgeholt?“
„Ich glaube, ja“, sagte Bolard, „und der Mann soll über das Entsetzliche, das er da unten in dem versunkenen Schiff gesehen, wahnsinnig geworden sein.“
„Der Mann sitzt vor Euch!“ sagte da der plötzlich ganz ernst gewordene Ben Ali mit hohler, fast geisterhafter Stimme. Der Arm, der die Pfeife hielt, war niedergesunken, sein Haupt hatte er gebeugt, und sein Blick haftete stier und unheimlich in der fernsten Ecke der Kajüte.
„Sie selber?“ rief Bolard, der sich schon gewandt hatte, die Treppe hinaufzugehen, indem er sich überrascht nach dem Araber umdrehte.
„Ich selber“, sagte dieser, langsam mit dem Kopf nickend, „und noch jetzt, wenn ich an jene Stunden zurückdenke, rieselt mir das Entsetzen durch Herz und Seele bis in die Fußzehen nieder.“
„Das müssen Sie uns erzählen“, rief Bolard, „nur einen Augenblick geh' ich aufs Deck, ich bin gleich wieder unten.“
„Und ich werde indessen etwas besorgen“, setzte Moore, die beiden Fremden begleitend, hinzu, „das uns die Schauer wenigstens hier unten fern halten soll. Nicht umsonst habe ich mir einige Körbe Champagner in Batavia gekauft, und heute können wir versuchen, ob er echt ist.“
Als die drei Männer das Deck erreichten, fanden sie noch alles, wie sie es vor dem Abendessen verlassen. Noch kam die Flut ein, aber wie es schien langsamer. Nur der Wind hatte sich wieder etwas erhoben und wehte, wie immer in dieser Jahreszeit, von Nordosten her.
Moore öffnete die Mittelluke und stieg hinab, um den Champagner heraufzuholen, und Bolard ging mit dem Masters-Mate indes nach vorn, sah nach der Kette, die noch straff gespannt hing, warf einen Blick auf die Signal-Laterne und einen anderen nach seiner Brig hinüber, die ebenfalls nur durch ihre ausgehängten Lichtsignale sichtbar war, und schritt dann langsam wieder mit seinem Kameraden der Kajüte zu. Die Leute an Bord schienen zu schlafen; selbst der wachthabende Chinese hatte sich in Lee der etwas erhöhten Mittelluke lang aufs Deck ausgestreckt und schaute still und schweigend nach dem dunkeln Himmel über sich hinauf. Das Licht der Laterne fiel voll auf sein Gesicht.
„Eine merkwürdig stille Nacht heute“, sagte Moore, als er mit einem Arm voll bleibehalster Flaschen wieder dahin zurückkam, wo die beiden Offiziere noch standen, „aber ich denke, gegen Morgen bekommen wir mehr Wind. Der Himmel sieht dort drüben ganz danach aus.“
„Wohl möglich“, sagte Bolard, nach Nordost hinübersehend, „ich glaube sogar, dass es noch vor Morgen kommt. Aber der Ankergrund ist gut, und so lange die Ketten halten, hat es nichts zu sagen.“
„Hier überhaupt nicht“, meinte Moore, „denn die Insel schützt uns hinlänglich und hält das Schlimmste ab. Aber kommen Sie, Sir, der Champagner hier ist überdies nicht sehr kühl, und je eher wir ihn trinken, desto besser. Außerdem bin ich selber auf des Arabers Erzählung gespannt. Er hatte sich schon ordentlich einen kleinen Rausch angetrunken, und nur die Erinnerung an jene Zeit machte ihn im Nu wieder nüchtern.“ Er stieg, ohne sich weiter an Deck umzusehen, in die Kajüte hinab, wohin ihm die beiden Offiziere folgten. – Ben Ali saß noch dort, wie sie ihn verlassen. Die Pfeife war ihm sogar ausgegangen und er schien die Rückkunft der Männer gar nicht zu bemerken.
„Steward! he, Steward, andere Gläser!“ rief Moore aufs Deck zurück, als er seine Gäste eingeladen hatte, ihre Sitze wieder einzunehmen. „Und nun, Ben Ali, macht Euch Luft. Die Geschichte liegt Euch doch auf dem Herzen, und je eher Ihr sie herunterbringt, desto besser.“
Tschung-Ih selber brachte die Gläser und verließ augenblicklich die Kajüte wieder, während der Araber bei der Anrede rasch den Kopf erhob. Aber wie sich besinnend, hob er die Pfeife wieder zum Munde, zog daran, zündete sie dann langsam an einem auf dem Tisch stehenden Lichte an und sagte:
„Wohl habt Ihr Recht, Freund. Auf dem Herzen liegt mir jener Tag – und ich glaube, ich habe Ursache dazu. Doch die Erzählung ist kurz, und Euch die Zeit zu vertreiben, mögen die Bilder jener furchtbaren Stunden noch einmal an meinem inneren Blick vorübergleiten. Die Zeit, die alle Wunden heilt, hat sie überdies gemildert, und meine Worte werden die alte Kraft nicht mehr besitzen, sonst trieben sie Euch die Haare vor Entsetzen in die Höhe.“
„Alle Wetter“, meinte der Masters-Mate, der neugierig in das bleiche Antlitz des Muselmanns schaute, „Ihr redet ja, als ob Ihr ein Gespenst gesehen.“
„Ein Gespenst?“ rief Ben Ali, ihn wild anstarrend, „aber hört, hört und urteilt selbst.
„Ich kam damals“ – begann Ben Ali seine Erzählung – „gerade von Java zurück und zwar als Supercargo und Miteigentümer eines kleinen Schoners, den ein Landsmann von mir alt in Batavia gekauft. Der Gewinn, den wir aus der Reise bis Kanton machten, war nur ein geringer, denn von einem Typhon erfasst, litten wir Havarie und mussten viel Geld bezahlen, um unser kleines Fahrzeug wieder seetüchtig zu bekommen. Da hörte ich von dem versunkenen Schiff, das große Reichtümer an Bord haben solle, und dass der englische Bevollmächtigte in Kanton dem eine große Belohnung ausgesetzt habe, der das Gold und Silber aus der Kajüte desselben wieder zu Tage fördere. Ich selber war von Jugend auf ein trefflicher Schwimmer und noch besserer Taucher. Länger als irgendeiner meiner Kameraden konnte ich unter Wasser aushalten, und oft zum Scherz hatte ich schon bei nicht allzu tiefem Wasser vom Grund des Meeres hineingeworfene Gegenstände wieder heraufgeholt. Die Belohnung lockte mich deshalb, ich meldete mich, und da das Schiff in verhältnismäßig seichtem Wasser lag, fühlte ich mich ziemlich sicher, das einmal Unternommene auch durchzuführen.“
Moore hatte, während Ben Ali sprach, eine Zigarre aus der auf dem Tisch stehenden offenen Kiste und das Licht vom Tisch genommen, und trat damit in die Ecke, die Zigarre anzuzünden. Dort stand, von den Übrigen nicht bemerkt oder beachtet, ein Kompass, und ein einziger Blick darauf genügte dem Seemann, zu wissen, dass die Flut vorüber sei und die Ebbe beginne. Das Schiff fing an sich zu drehen.
Er setzte das Licht auf den Tisch zurück, nahm eine der Flaschen, löste den Kork und ließ ihn, ohne die Erzählung sonst zu unterbrechen, der Türe zu abknallen. Während er die Gläser vollschenkte, fuhr Ben Ali fort:
„Ein englisches Boot, mit allem Nötigen versehen, brachte mich zu der Stelle, wo wir noch die oberste Spiere des großen Mastes eben konnten über die Oberfläche ragen sehen. Es war ein wundervoller windstiller Tag zwischen den beiden Monsunen und die See so klar, dass man deutlich aus dem Boot heraus die Lage des Schiffes erkennen konnte. Die Engländer hatten außerdem eine Taucherglocke herbeigeschafft, in der ich bis auf das Deck des gesunkenen Fahrzeuges niedergelassen werden sollte, und in die ich zurückkehren konnte, um etwas Luft zu schöpfen. Unten vom Deck aus musste ich mir freilich meine Bahn in die Kajüte selber suchen, und wenn ich auch, der genauesten Beschreibung nach, ziemlich deutlich wusste, wo ich das Gold finden würde, blieb es doch immer ein böses und gefährliches Unternehmen, in die jedenfalls dunkle Kajüte hineinzukriechen. Ging mir der Atem dort aus und konnte ich nicht schnell genug wieder zurück, so war ich verloren. Außerdem hatte man mir schon vorher gesagt, dass ich im Innern wahrscheinlich noch einige Leichen finden würde, damit ich nicht, unten angelangt, erschrecken möge. Ein starker Sack, den ich bei mir trug und der an einer besonderen Leine hing, sollte, was ich fand, aufnehmen, um allein nach oben gezogen zu werden.
„Mit einem Gewicht beschwert und voll guten Mutes glitt ich also in die Tiefe, denn Gold ist ein trefflicher Magnet und zieht die Menschen in der Erde Schluchten, in der Wasser Tiefen, übers. Meer hinüber und durch Wüsteneien. Ich hatte vorher nicht gewusst, dass man auch in ein Grab danach steigen könne.“
„In ein Grab?“ wiederholte Bolard.
„Hören Sie“, sagte der Araber mit leiser, fast flüsternder Stimme. „Mit der Glocke wurde ich leicht aufs Deck und dicht neben den Eingang niedergelassen, der in die Kajüte führte. Hier schon versperrte mir ein toter Körper den Weg, der sich mit den Kleidern irgendwo eingehängt und, leicht geworden, oben an der Treppe schwamm. Ich überwand das Grausen, das mich beschlich, fasste und befreite ihn mit leichter Mühe, und die Leiche schoss, von dem Hindernis gelöst, wie ein Kork nach oben. Ich wandte den Kopf nicht danach um und stieg jetzt rasch die ziemlich breite, aber nicht tiefe Treppe nieder, um die mir kurz zugemessene Zeit nach Kräften zu benutzen. Nur mit großer Anstrengung öffnete ich hier gegen den Druck des darin liegenden Wassers die Tür und – stand zu Stein erstarrt, als mein Blick das düstere Zwielicht, das mich umgab, durchdrang und das Entsetzen fasste, das mir aus jedem Winkel, aus allen Ecken, von der Decke, vom Boden, unter dem Tisch vor und von den Fenstern her entgegengrinste.“
Er schwieg einen Augenblick und barg sein Antlitz in der rechten Hand, als ob er die Gedanken zurückdrängen wollte, die ihm aufs Neue das Blut rascher durch die Adern jagten. Endlich sah er wieder auf, leerte das vor ihm stehende und frisch eingeschenkte Glas mit einem Zug und fuhr langsam fort:
„Was ich sah, war furchtbar – die ganze Kajüte lebte von Leichen, die durch das Öffnen der Tür und die dadurch verursachte Strömung Bewegung erhalten hatten. Gleich vor mir unter dem Tisch und durch den Wasserdruck unter die Platte gedrückt, lag eine Frau, die wie Hilfe suchend den Kopf zu mir emporhob und mich mit den weitgeöffneten Augen anstierte. Andere, die sich im Todeskampf um die festgemachten Stühle geklammert, hatten noch jetzt ihren Griff nicht nachgelassen und bildeten wilde, furchtbare Gruppen, während das Grässlichste von allem dicht über mir, mein Gesicht fast mit den kalten Gliedern berührend, festgepresst unter der Decke hing. Eine Frau, ihr kleines Kind an sich gedrückt, und zwei Männer, der eine in Uniform, der andere in einem leichten indischen Anzug, schwebten förmlich unter der Decke der Kajüte – Kopf, Arme und Beine niederhängend – den einen Arm der Frau mit dem Kinde ausgenommen, und jetzt – langsam im Schlag des Wassers mit den angeschwollenen Gesichtern und stieren Augen auf mich nieder nickend. Mehr sah ich nicht – die Sinne schwanden mir, und ich weiß nur, dass ich im letzten Bewusstsein und mit der Kraft der Verzweiflung zurück durch die Tür, die Treppe hinauffuhr und mich nach oben, ins Licht – an die Luft arbeitete.
Halb ohnmächtig und von den Leuten im Boot anfangs nur für eine zweite Leiche gehalten, kam ich dort an, und es bedurfte einiger Zeit, bis ich mich dazu entschließen konnte, wieder hinab zu jener furchtbaren Gesellschaft zu tauchen. –
„Das zweite Mal wusste ich wenigstens, was mich erwartete, und als sich mir die geschwollenen Glieder dort entgegenschlenkerten, wandte ich nur schaudernd den Kopf ab und suchte nach dem Gold. Ich musste hierzu eine Kiste erbrechen, die in der Hauptkajüte stand. Die Werkzeuge hatte ich bei mir, aber länger, als ich dazu brauchte, konnte ich auch der Luft nicht entbehren und kehrte diesmal in die Taucherglocke zurück. Siebenmal drang ich solcher Art in die Kajüte ein und füllte endlich die Säcke, die, an dünnen, aber starken Tauen befestigt, auf mein Zeichen in das Boot gezogen wurden und den versenkten Schatz zu Tage förderten.
„Das achte Mal war ich, nachdem ich vorher auf einige Stunden an Bord zurückgekehrt und mich in der frischen Luft erholt und gestärkt hatte, wieder nach unten gegangen, um des Kapitäns Sekretär zu erbrechen, in dem sich noch eine Summe in spanischen Dollars befinden sollte. Wieder betrat ich, mit den Schrecken dort unten jetzt schon vollkommen vertraut, den düstern Raum. Ein Stuhl stand hier zwischen dem Sofa und der Kapitänskajüte geklemmt, den ich erst lüften musste. Ich tat das rasch, ohne mich weiter umzusehen, als plötzlich die eine auf dem Sofa liegende Frau, deren Kleider jener Stuhl bis dahin wahrscheinlich festgehalten, die Arme in die Höhe warf. Entsetzt drehte ich mich nach ihr um, da hob sie sich empor, und mit stier auf mich geheftetem Blick, die Arme vorgestreckt, als ob sie mich fassen und halten wollte, schoss sie auf mich zu.
„Das war zu viel für menschliche Nerven – das Blut drängte sich mir wie mit einem Schlage zum Herzen zurück, und das Gewicht, das ich in der Hand hielt, im Schreck fallen lassend, wollte ich der Tür zuspringen; dadurch aber leichter geworden, hob mich das Wasser unter die Decke zwischen die dort angepressten Leichen – wohin ich griff, erfasste ich tote aufgeschwemmte Körper, die sich alle nach mir zu drehen – mich nun zu greifen schienen. Ich fühlte dabei, dass mir die Luft ausging – sah mich schon im Geist verloren – tot zwischen diesen Entsetzlichen, ein Genosse ihrer furchtbaren Sippschaft, und nur die Verzweiflung, die mich erfasst hatte, stählte meine Nerven so weit, dass ich mit gewaltsamer Kraftanstrengung nach unten tauchen und die Tür gewinnen konnte.
„Ich war gerettet, aber keine Macht der Erde, keine Aussicht auf goldene Schätze hätte mich verlocken können, aufs Neue in das grässliche Schiff hinabzusteigen. Die Engländer boten mir die Hälfte des Silbers, das ich noch zu Tag bringen würde – sie versprachen mir –“
„Was war das?“ unterbrach da der Masters-Mate, von seinem Sitz aufspringend, die Erzählung.
„Es klang wie das Knarren einer Rahe“, sagte Bolard, rasch seinem Beispiel folgend, „das Schiff fängt an stärker zu schwanken.“
„Sie werden noch ein paar Segel beisetzen“, meinte Moore ruhig, indem er die Gläser wieder füllte. „Keiner der Herren ist doch, wie ich hoffen will, den Unfällen der Seekrankheit ausgesetzt?“
Bolard erwiderte nichts darauf. Mit zwei Sätzen war er oben an der Kajütentreppe, ohne jedoch von dem dort stehenden Malayen im Geringsten belästigt zu werden, und fand hier zu seinem Schrecken, dass die Dschunke, das große Mattensegel von dem Wind gebläht, in flüchtiger Schnelle durch die nur schwach gekräuselten Woge glitt.
„Verrat!“ schrie der junge Mann, indem er eine Pistole aus dem Gürtel riss und es in die Luft feuerte. „Verrat, wo ist die Signal-Laterne?“
„Die schwimmt an unserem alten Ankerplatz ruhig an einer Boje“, erwiderte ihm Moore, der ihm mit großer Kaltblütigkeit gefolgt war. „Ich fürchte fast, Sir, dass sie an Bord der Brig Ihr Zeichen nicht mehr hören werden.“
„Herr“, rief der junge Offizier in blinder Wut, „das ist nichtswürdig, das ist –“
„Halt, junger Mann“, unterbrach ihn aber mit ernster, drohender Stimme der Dschunkenführer, „das wäre genug gesagt, wenn – Sie nicht eben mein Gefangener wären. Für jetzt verzeihe ich Ihnen diesen ersten Ausbruch getäuschter Erwartung und vielleicht auch unangenehmen Staunens, und benachrichtige Sie nur, dass Sie, sobald Sie sich ordentlich und ruhig verhalten, nebst Ihrem Masters-Mate auf der „„ORANG MAKAN““ nichts für Ihre eigene Person zu fürchten haben. Alles Weitere hängt jedoch von Ihrem Verhalten ab.“
„Herr“, rief aber Bolard, durch die drohenden Worte nicht im Geringsten eingeschüchtert, „Sie vergessen, dass auf mein gegebenes Signal die Boote uns zu Hilfe eilen werden. Sie sind verloren, sobald diese nur in Rufes Nähe kommen.“
„Sie könnten Recht haben“, lachte Moore still vor sich hin, „vorausgesetzt nämlich, dass der Fall wirklich eintrete und Ihre Brig Licht genug hätte, die Boote mit Ihren Kanonen zu unterstützen. Für jetzt aber hat das wohl keine Gefahr. Sehen Sie die beiden Lichter dort in weiter Ferne? Das eine ist Ihre gedrohte Brig, und das andere mit etwas rötlichem Scheine, das rechts davon herüberblitzt, ist die Signal-Laterne, die wir so frei waren, etwas vorsichtig natürlich, auf das Wasser niederzulassen. Ha – jetzt verdunkelt es sich – da kommt es wieder vor – ein Boot ist zwischen ihm und uns durchgeschwommen, und wie es scheint, haben Ihre Freunde schon unsere kleine, unschuldige List entdeckt. Sehen Sie, dort blitzt es auch schon an Bord. Es ist wirklich grausam, die sanft schlafenden Behörden von Hongkong so ganz unnötiger Weise zu alarmieren.“
Der laut rollende Donner eines Kanonenschlages dröhnte, noch während er sprach, durch die Nacht – aber er kam aus weiter Ferne, während das mächtige Mattensegel, jetzt nicht mehr durch die Berge der windwärts gelegenen Insel behindert, das kleine, schlanke Fahrzeug mit flüchtiger Eile über die schäumende Flut dahinführte.
Bolard war Seemann genug, um mit einem Blick zu sehen, dass die Dschunke ihre Flucht, für diese Nacht wenigstens, glücklich bewerkstelligt habe, denn an eine Verfolgung in der Dunkelheit blieb immer ein entsetzlich zweifelhaftes Unternehmen. Lichtete die Brig auch wirklich ihre Anker und setzte Segel bei, was sie zweifellos tat, so machte ein einziger Strich, den sie verschieden in der Richtung steuerte, so großen Unterschied, dass mit Tagesanbruch die beiden Fahrzeuge weit aus Sicht und viele Meilen getrennt sein mussten. Alle Lichter an Bord der Dschunke waren sogleich gelöscht, oder doch so verhangen worden, dass sie nach außen hin nicht sichtbar blieben, und jede Minute vergrößerte die Entfernung zwischen ihr und ihren Feinden.
„Und was denken Sie mit uns zu tun?“ fragte Bolard endlich, die Zähne in maßlosem Grimm fest zusammengebissen – „wir sind in Ihrer Gewalt.“
„Als meine Gäste, versteht sich“, lachte Moore. „Vor allen Dingen haben wir noch Wein unten stehen, und Ben Ali ist uns den Schluss seiner Erzählung schuldig.“
„Ist das wie ein Gentleman gehandelt“, fragte Bolard scharf zurück, „des gefangenen Feindes noch zu spotten?“
„Sie haben Recht“, sagte Moore, plötzlich ernst werdend, „und ich bitte Sie deshalb um Verzeihung. Für jetzt“, fuhr er dann in eben dem Ton fort, „brauche ich Ihnen kaum auseinanderzusetzen, wie die Sachen stehen. Der Verdacht, den jene beiden chinesischen Herren gegen mich und mein wackeres Fahrzeug gefasst hatten, war allerdings begründet, und eine Untersuchung wäre mir nichts weniger als erwünscht gewesen, sie würde die braven Burschen, die Sie dort bis an die Zähne bewaffnet können stehen sehen, vielleicht gar vor der Zeit zu Tage gefördert und den Behörden bewiesen haben, dass meine kleine „ORANG MAKAN“ doch nicht so ganz harmlos sei, als er zu scheinen wünschte, und eher seinem Namen als seinem Äußeren entspreche. Dank dem gewöhnlichen schleppenden Geschäftsgange Ihres hierher verpflanzten europäischen Polizeisystems habe ich Zeit gewonnen, mich allen unangenehmen Auseinandersetzungen zu entziehen. Leider blieb mir dabei nichts anderes übrig, als Sie mit mir zu nehmen. Fügen Sie sich in das Unvermeidliche ruhig, und ich gebe Ihnen mein Wort, dass Sie hier unbelästigt an Bord bleiben sollen, bis ich Gelegenheit finde, Sie auf irgend ein friedliches Fahrzeug, oder irgendwo an Land abzusetzen. Es ist das Einzige, was Ihnen überhaupt zu tun übrig bleibt.“
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