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Geri Schnell
Lieben, kämpfen, leiden!
Die Arbeitswelt in den Neunzigerjahre
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Lieben, kämpfen, leiden
Erster Arbeitstag von Paul
Offerte für neue Walzstrasse
Besuch im Kursaal
Die Offerte
Die Lagererweiterung
Langes Wochenende von Regula
Sitzung in der Lagra AG
Paul im Stress
Rolands Freiheit
Die neue Firma
Krisensitzung in der Firma Lagra
Abenteuer in München
Der Auftrag
Auftrag verpatzt
Dino kommt
Regula im siebten Himmel
Der Unfall
Das Wiedersehen
Die Hazienda
Probleme
Die Entscheidung
Alles aus
Was nun?
Das einsame Leben in der Fremde
Ende gut, aber nicht für alle
Impressum neobooks
Lieben, kämpfen, leiden
Die Arbeitswelt in den Neunzigerjahre
Verfasser: Geri Schnell
Einleitung
Die folgende Geschichte ist der erste Roman, den ich geschrieben habe. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits seit zwei Jahren beschlossen, nach Feierabend die Firma zu vergessen und mich mit anderen Dingen zu befassen. Zwei Jahre lang malte ich Bilder, meistens Raumstationen oder ähnliche Motive.
An jenem Tag, las ich im Blick einen Artikel über einen Unfall in einer Fabrik und den daraus entstehenden hohen Folgekosten. Das reizte mich, ich entschied, es zu versuchen, mit diesen Angaben eine Geschichte aus der Arbeitswelt zu schreiben.
Es brauchte nicht lange und ich war mitten drin in der Geschichte und schrieb sie zu Ende. Allerdings veröffentlichte ich sie nicht, sie blieb im PC gespeichert.
Nun habe ich beschlossen, sie zu aktivieren. Beim Auffrischen der Geschichte, änderte ich Handlungsort und Firmen, so dass die Geschichte nichts mehr mit dem ursprünglichen Geschehen aus der Zeitung zu tun hat, Personen und Handlung ist frei erfunden. Was bleibt, ist die Zeit, in welcher die Geschichte spielt.
So kann man aus dieser Geschichte entnehmen, wie man anfangs der 1990er Jahre arbeitete. Für die Generation, welche mit dem Handy und Internet aufgewachsen ist, ist das vielleicht ein interessanter Vergleich, Dinge die heute selbstverständlich sind, waren damals viel komplizierter. Dagegen sind die zwischenmenschlichen Beziehungen noch anders abgelaufen. Man redete noch miteinander, und schickte nicht ein SMS.
Der Umgang mit der Liebe war auch offener, so sehe ich mich gezwungen, den Roman nur für über 18 jährige freizugeben, da ich sonst zu viel ändern müsste, obwohl es damals nicht als anstössig galt. Es ist also keine Sex Story, auch wenn einige Szenen etwas gewagt erscheinen. Lasst euch überraschen.
Wichtig, es ist ein Roman und hat mit den erwähnten Firmen nichts zu tun!
Erster Arbeitstag von Paul
«Sie wünschen?», fragt Regula Hauri den jungen Mann, der in sportlicher Kleidung, eine Mappe unter den Arm geklemmt, vor ihrem Schalter steht.
«Ich heisse Paul Merz und bin mit Herr Lehner verabredet. Ich werde ab heute hier arbeiten!»
«Bitte nehmen sie einen Moment Platz. Ich werde Herr Lehner rufen!»
Paul setzt sich in den bequemen Sessel in der Empfangshalle und blättert in den aufgelegten Zeitschriften, während er die Telefonistin sagen hört: «Herr Lehner, ihre Verstärkung ist eingetroffen.»
Nach einer kurzen Pause sagt sie: «O.K. ich bringe ihn vorbei, - bis später!»
Langsam steht sie auf, streicht sich über die langen schwarzen Haare, damit sie schön liegen, zieht den Pullover glatt und verlässt, nach einem kurzen Kontrollblick in den Spiegel, die Rezeption.
«Bitte folgen sie mir, Herr Merz. Herr Lehner ist im Moment zu beschäftigt, um sie selber abzuholen. Ich bringe sie zu ihm.»
Sie streckt Herr Merz die Hand entgegen, «Ich heisse Regula Hauri!»
«Sehr erfreut. Paul Merz», erwidert er die Begrüssung und folgt ihr wortlos durch den langen Gang. Keine schlechte Figur, denkt er für sich, doch im Moment ist er mit anderen Dingen beschäftigt.
«Was bringt ihm die neue Stelle? Wie verläuft der Start in seinen neuen Lebensabschnitt?»
Es sind jetzt fünf Jahre her, seit er das letzte Mal gearbeitet hatte. An der Ingenieurschule in Brugg-Windisch ging es streng zu und her, doch hatte man immer wieder Zeit, zum ausspannen und konnte das Leben geniessen. Früher wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass er mal in einem Aluminiumwalzwerk arbeiten würde. Doch, als junger Ingenieur ohne Erfahrung, musste man froh sein, wenn man erst mal eine Stelle findet.
«So da wären wir», hört er Fräulein Hauris sanfte Stimme, «Herr Lehner kennen sie sicher schon vom Vorstellungsgespräch.»
«Ich bringe ihnen ihren neuen Mitarbeiter», sagt sie an Herr Lehner gerichtet, «auf Wiedersehen Herr Merz, ich wünsche ihnen einen guten Start», mit einem sympathischen Lächeln verabschiedet sie sich.
«Dann wollen wir mal schauen, dass sie möglichst schnell loslegen können.» Weiter kommt Herr Lehner nicht, denn auf seinem Schreibtisch klingelt das Telefon.
«Lehner!», nachdem er einige Zeit zugehört hat, entgegnet er: «Moment, das ist zuviel auf einmal, das muss ich mir aufschreiben!»
Paul Merz steht vor dem Schreibtisch und schaut seinem neuen Chef interessiert zu. Offensichtlich wird da ein sehr hektisches Gespräch geführt. Es scheint sich um ein grösseres Problem zu handeln.
«Also, um vierzehn Uhr im Sitzungszimmer!», mit diesen Worten beendet Herr Lehner das Gespräch.
«Tut mir leid Herr Merz, ich kann mich im Moment nicht um Sie kümmern, sie sehen ja, was hier los ist. Silvia, kommen doch schnell her».
Hinter einem Zeichnungsbrett kommt ein zierliches Fräulein, mit braunen, kurz geschnittenen Haaren, hervor. Sie wirkt in ihrem weissen Arbeitsmantel etwas verloren, aber sehr sympathisch. Herr Lehner stellt seine Mitarbeiterin vor.
«Ich habe leider keine Zeit Herr Merz einzuführen. Bitte zeigen sie ihm den Arbeitsplatz, welchen wir letzte Woche vorbereitet haben und anschliessend führen sie ihn durch den Betrieb. Vergessen sie nicht, ihm die Abteilungsleiter vorzustellen.»
Mit einer Handbewegung zeigt er an, dass nun Herr Merz in die Obhut von Silvia Eichenberger übergeht.
«Yvonne, Daniel, Werner und Marcel - Bitte kommen sie in fünf Minuten ins kleine Sitzungszimmer! Es gibt Arbeit!»
«Guten Morgen, ich bin Silvia Eichenberger», sagt sie freundlich und streckt Herr Merz die Hand hin.
Die nächsten fünf Minuten ist das Technische Büro erfüllt von grosser Hektik, danach wird es ruhiger. Paul Merz wird allmählich mit seinem neuen Arbeitsplatz vertraut gemacht. Er erhält ein Pult in der mittleren Reihe zugeteilt. Das übergrosse Zeichnungsbrett gestattet nur einen schmalen Streifen Sicht auf das Fenster, von welchem man einen Blick über das weitläufige Fabrikgelände hat.
Im hinteren Teil des Technischen Büros, verschwindet das althergebrachte Aussehen des Technischen Büros, denn dort sind die CAD Arbeitsplätze eingerichtet. Gut abgeschirmt gegen das Tageslicht, stehen die zwei Bildschirmarbeitsplätze und ein PC-Arbeitsplatz. Durch eine Trennwand abgeschirmt steht der Walzenplotter, auf welchem gerade eine Zeichnung ausgeplottet wird. Die Geschwindigkeit des Zeichnungsvorgangs fasziniert jeden Anfänger. Erfreut stellte er fest, dass mit der gleichen Software gearbeitet wird, welche er bereits an der Ingenieurschule in Brugg-Windisch kennen gelernt hat. Die Grundlagen sind ihm vertraut, allerdings hatte er noch wenig Gelegenheit zum Üben, denn das System war an der Ingenieurschule dauernd belegt. Fräulein Eichenberger macht ihn mit den Benutzerrichtlinien bekannt.
«Ich bin mit dem System leider noch nicht vertraut, es steht erst seit einem halben Jahr hier und ich wurde noch nicht eingearbeitet. Jemand muss schliesslich noch arbeiten, während die andern spielen», meint sie trocken.
«Wie das mit der internen Organisation im System abläuft, wird ihnen Herr Zuber oder Fräulein Schmid noch genau erklären. Jetzt gibt es erst einen Kaffee, dabei kann ich ihnen auch die übriggebliebenen Mitarbeiter des Technischen Büros vorstellen. Kommen Sie, nach der Pause beginnen wir mit der Werkbesichtigung, sind sie ein guter Wanderer?», fragt sie.
«Es geht, ich werde morgen meine Rollschuhe mitbringen», scherzt Paul.
Im Pausenraum hat Monica, die Hilfszeichnerin, bereits Kaffee gekocht und Pascal, der Zeichnerlehrling, hat frische Brötchen aus der Bäckerei geholt.
«Wo sind denn die andern?», fragt Pascal, der den ganzen Morgen in der Werkstatt beschäftigt war.
«Die wurden in eine Krisensitzung gerufen. Es scheint, dass es ein grösseres Problem gibt. Dies ist übrigens Herr Merz, unser neuer Mitarbeiter. Pascal Kunz, unsere Nervensäge von einem Lehrling“, stellt Silvia den Lehrling vor.
«Das ist Monica Gretler, sie ist die gute Seele des Technischen Büros, sie besorgt alles, Kopien, Unterlagen, schreibt Briefe und die Ablage», stellt Silvia ihre Kollegin vor.
«Herr Merz, unser neuer Mitarbeiter! So, und nun brauche ich einen Kaffee.»
In der Kaffeepause ist das Fest des Eishockeyclubs das Hauptthema. Am letzten Samstagabend war anscheinend ganz Reinach, besser das ganze Wynental in der Eishalle. Es gibt viel zu erzählen, wer mit wem und wer nicht mit wem! Paul trinkt seinen Kaffee in aller Ruhe, ohne sich an der Diskussion zu beteiligen. Er hat genügend Eindrücke zu verarbeiten.
Kurz vor Ende der Kaffeepause öffnet sich die Türe zum Sitzungszimmer. Die Sitzungsteilnehmer schnappen sich schnell ihre Tasse und stürzen sich den Kaffee im Expresstempo herunter. Zwischen zwei Schlucken Kaffee kann Herr Lehner kurz Paul Merz vorstellen. Ihm werden seinerseits, seine neuen Arbeitskollegen kurz vorgestellt. Doch schon werden alle wieder von grosser Hektik erfasst. Für ein vernünftiges Kennenlernen ist heute keine Zeit, doch das wird sich mit der Zeit noch geben. Auf dem Schreibtisch von Herr Lehner klingelt bereits wieder das Telefon.
«Aber ich kann ihnen jetzt niemanden schicken, ich brauche alle Leute hier, wenn ich bis vierzehn Uhr meine Unterlagen zusammen haben will. - Ah, einen Augenblick, ich schicke ihnen unsern neuen Mitarbeiter, Herr Merz, vielleicht kann er ihnen helfen, er hat eben erst angefangen, aber mit seiner Ausbildung müsste er es eigentlich schaffen. Fräulein Eichenberger wird ihn, mit der Bedienungsanleitung und dem Schaltplan vorbeibringen. Bitte entschuldigen sie diese Notlösung, aber die Sitzung heute Nachmittag ist sehr wichtig. Danke!»
«Herr Merz, verstehen sie etwas von programmierbaren Steuerungen?»
«Ein bisschen Theorie ist vorhanden, aber es fehlt die Praxis.»
«Gut, hier sind einige Unterlagen, Herr Weber hat im Lager Probleme mit der automatischen Stapleranlage. Fräulein Eichenberger wird sie zu Herrn Weber bringen. Die Betriebsbesichtigung muss heute ausfallen, denn ich brauche auch Fräulein Eichenberger bei der Vorbereitung auf die Sitzung.»
«Ist schon recht, ich werde mein Bestes geben, das Ding wieder zum Laufen zu bringen», entgegnet Paul optimistisch.
«Fräulein Eichenberger! - Bringen Sie Herr Merz schnell zu Herr Weber. Kommen sie anschliessend ins Sitzungszimmer, ich brauche auch ihre Hilfe.»
Fünf Minuten später steht Paul im riesigen Lager. Von der Hektik im Technischen Büro bekommt er nichts mehr mit. Er hat nur noch so viel mitbekommen, dass es um die Umweltbelastung des Werks geht. Irgendein Amt verlangt genaue Angaben, oder hat neue Grenzwerte festgelegt. Auf jeden Fall hat das Amt erreicht, dass das ganze Werk in Aufruhr versetzt wurde.
«Das ist Herr Weber, er ist für das Lager verantwortlich», erklärt sie Paul, als sie ihm, «wie ihnen Herr Lehner bereits erklärt hat, muss ich sofort zurück. Ich wünsche ihnen viel Erfolg beim ersten Auftrag», mit einer Geste übergibt sie Paul an Herr Weber, welcher zustimmend nickt.
«Also, Herr Merz schauen wir, dass wir das Ding irgendwie zum Laufen bringen.»
Bis zum Mittagessen wird nun in der Betriebsanleitung geblättert, ab und zu wird ein Knopf gedrückt und die Reaktion beobachtet. Dann wird die Reaktion besprochen und weiter gesucht. Um zwölf Uhr fragt Herr Weber: «Essen sie auch in der Kantine?»
«Hunger hätte ich eigentlich schon, ich hoffe, dass wir uns die Zeit dazu nehmen können.»
Am späten Abend liegt Paul in seinem Zimmer auf dem Bett und ordnet sein Gedanken, obwohl er sehr müde ist, kann er nicht einschlafen. Er versucht die Eindrücke des ersten Arbeitstages zu verarbeiten.
Vom Technischen Büro hat er noch nicht viel mitbekommen. Auffallend war diese wichtige Sache, welche zur Diskussion stand. Einen bedeutend besseren Überblick hat er vom Lager und besonders von Kurt Weber, erhalten. Für einen Neuling ist es beeindruckend, wie das Lager eines Aluminiumwerks funktioniert, was für Gewichte transportiert werden. Wenn wie heute der Stapler für das Hochregallager ausfällt, respektive die falschen Lagerplätze ansteuert, ist das Chaos kaum noch zu durchschauen.
Herr Weber hat ihm imponiert. Paul ist beeindruckend, wie er seine Mitarbeiter anspornt, durch einen Sondereinsatz die Lage einigermassen im Griff zu behalten. Beim Mittagessen konnte er einige persönliche Dinge über Kurt Weber in Erfahrung bringen. Kurt ist 38 Jahre alt und hat Mechaniker gelernt. Er ist seit sieben Jahren verheiratet und scheint sehr stolz auf seine beiden Töchter, im Alter von fünf und drei Jahren, zu sein. Zusätzlich zu seiner Lehre hat er noch eine Ausbildung zum Betriebsfachmann absolviert. Im Aluminiumwerk arbeitet er erst seit vier Jahren. Er hat das Lager von einem langjährigen Mitarbeiter übernehmen müssen, welcher kurz vor seiner Pensionierung plötzlich krank wurde. Trotz der modernen technischen Einrichtung, fehlt unter diesen Umständen eine gute Dokumentation.
Bald schwenken seine Gedanken ab. Ausser Kurt, gehen ihm vor allem die neuen Mitarbeiterinnen durch seinen Kopf. Dass sich seine Gedanken immer wieder auf die Damen konzentrieren ist nicht verwunderlich. Seine ehemalige Freundin hatte sich, während er, wegen dem Prüfungsstress, etwas wenig Zeit für sie hatte, für einen Studenten aus dem zweiten Semester entschieden. So liegt es nahe, dass er seine neue Stelle auch in diesem Punkt für interessant hält.
Als Erste ist ihm Fräulein Hauri aufgefallen. Es ist ihm nicht entgangen, dass sie versucht hat, einen guten Eindruck auf ihn zu machen. Ausserdem scheint sie im Betrieb sehr beliebt zu sein. Sie ist sicher auch die am besten informierte Person im Betrieb. Sie dürfte so um die Mitte Zwanzig sein. Nebst den langen schwarzen Haaren und dem Jeansjupe, ist ihm vor allem der Perlwoll-Pulli aufgefallen. Er musste richtig gegen die Versuchung ankämpfen, dass er sie nicht am Arm berührt und fragt: «Ist der neu?»
Am ersten Arbeitstag kann man sich solche Dinge noch nicht erlauben. Auch Silvia hat ihn beeindruckt. Sie ist sehr nett und zuvorkommend. Doch über ihren Charakter hat er noch nicht viel herausgefunden. Sie dürfte etwa so alt sein wie Regula, wirkt jedoch jünger und etwas unsicher. Ihre Kurzhaarfrisur lässt sie knabenhaft erscheinen, was durch den weissen Berufsmantel noch verstärkt wird. Als sehr verführerisch hatte er ihre braunen Augen in Erinnerung behalten, welche gut zu ihrem braunen Haar passen. Silvia ist sich allerdings nicht bewusst, wie diese Augen auf Männer wirken.
Nur sehr oberflächlich sind ihm Fräulein Schmid und Fräulein Gretler in Erinnerung geblieben, da er sie nur sehr kurz gesprochen hat. Fräulein Schmid wirkt sehr selbstsicher und unternehmungslustig. Dagegen ist Fräulein Gretler noch sehr jung und unkompliziert. Sie scheint das Leben zu geniessen und interessiert sich mehr fürs tanzen und sonstige Unterhaltung, als für die Arbeit.
Allmählich nimmt die Müdigkeit von Paul Besitz. Bevor er endgültig einschläft nimmt er sich vor, nichts zu überstürzen. Im Walzwerk wird gearbeitet und die Suche nach einer Freundin wird auf den Abend verlegt. Reinach ist für ihn Neuland. Er ist im Zimmer erst gestern eingezogen. Es liegt im gleichen Gebäude wie die Citybar, dort hat er gestern Abend noch einen Croque Monsieur gegessen, weil seine Küche noch nicht eingerichtet ist. Heute hat er, nach der Arbeit, einige Sachen einkaufen können. Sein Junggesellenhaushalt hat den ersten Tag überstanden. Dann schläft er ein.
Offerte für neue Walzstrasse
Paul arbeitet jetzt schon drei Monate im Walzwerk. Er hat sich gut eingelebt. Ausser mit Herr Lehner, ist er mit allen Mitarbeitern per du. Da er das Problem im Lager lösen konnte, ist er jetzt der zuständige Mann, wenn im Lager etwas nicht gut läuft. Die andern Mitarbeiter im TB sind momentan mit einem Grossprojekt beschäftigt. Yvonne Schmid kommt mit einem dicken Briefumschlag ans Pult von Daniel Gautschi, dem Einkäufer des Werks.
«Die Offerte ist endlich eingetroffen», teilt Yvonne mit und übergibt Daniel den Brief. Gespannt nimmt Daniel das dicke Bündel aus dem Briefumschlag. Sauber zu einem Heft gebunden, liegt endlich die erste Offerte vor. Auf der ersten Seite ist eine Zusammenfassung des Inhalts, doch der Blick fällt unweigerlich auf die unterste Zeile, mit einer beängstigend wirkenden achtstelligen Zahl. Noch nie hat Daniel in seiner beruflichen Laufbahn ein solches Riesenprojekt betreut.
«Als Erstes versuchen wir uns einen Überblick zu verschaffen. Wenn ich ehrlich bin, weiss ich gar nicht, wo ich anfangen soll», meint Daniel zu Yvonne, «für den Anfang brauche ich drei Kopien. Kannst du das übernehmen, - Yvonne? Ich überlege mir inzwischen, wie wir bis Mittwoch einen Überblick erhalten, was da auf uns zukommt, damit wir dem Direktor der Lieferfirma, mit seinem Mitarbeiterstab, die richtigen Fragen stellen können.»
Während Yvonne zum Kopierer eilt, setzt sich Daniel an den Schreibtisch und beginnt Stichwörtern aufzuschreiben. Platzbedarf, Infrastruktur, Leistung der Maschine, Personalbedarf und viele weitere Punkte erscheinen auf dem Blatt. Dazwischen orientiert er sich an der Frageliste, die er von Herr Lehner erhalten hat, damit dieser die Geschäftsleitung informieren kann. Er und Yvonne haben die Aufgabe bekommen, die Offerte auseinander zu pflücken. Die Konkurrenzofferte wird erst für nächste Woche erwartet. Bis dann müssen die wichtigsten Parameter für einen Offertenvergleich zusammengestellt sein. Ausserdem ist die Offerte mit dem Pflichtenheft zu vergleichen, wobei vor allem die nicht erfüllten Punkte interessieren. Eine grosse Hilfe wird das Pflichtenheft nicht sein, da es nur sehr grob abgefasst ist. Zurzeit ist nicht genau bekannt was die Maschinenlieferanten alles anbieten können.
«Du solltest dich als erstes mit dem Grundriss der Maschine beschäftigen», meint Daniel zu Yvonne, als sie mit den vier Heften vom Kopieren zurückkommt, «damit wir sehen, wo wir das Ungetüm hinstellen können. Ich werde mich mit dem Auflisten der Leistungsdaten befassen. Eine Kopie, der Offerte, kannst du gleich Herr Lehner auf den Schreibtisch legen. Also, viel Spass beim Zeichnen!»
Yvonne beschäftigt den Kopierer, derweil stürzt sich Daniel auf die Zahlenflut der Offerte und beginnt sie auseinander zu pflücken. Es ist schon beeindruckend und beängstigend, wenn man sich die enorme Produktionsleistung der offerierten Walzstrasse vorstellt. Im Vergleich zu den heutigen, sicher nicht kleinen Maschinen, wird der Ausstoss gewaltig gesteigert. Eine Million Quadratmeter Folie pro Stunde, das sind, je nach Dicke 10 bis 50 Tonnen Aluminium in einer Stunde. Danach müssen die Rollen gelagert und transportiert werden. Es ist schon eine gewaltige Aufgabe, die da auf sie zukommt.
Nachdem er den ganzen Nachmittag mit seinen Listen beschäftigt hat, besucht er um sechzehn Uhr Yvonne.
«So bringst du das Monstrum in unseren Hallen unter?»
Yvonne schaut erschrocken auf, sie ist so in ihre Arbeit vertieft, dass sie ihn nicht kommen hörte. Die Maschine ist im gleichen Massstab gezeichnet, wie der Grundriss der Hallenpläne. Auf einem Karton hat sie den Maschinen-Grundriss ausgeschnitten und versucht nun, ihn in den bestehenden Gebäuden unter zu bringen. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, so richtig passt keine der Möglichkeiten.
«Ich glaube es wird nicht ohne bauliche Veränderungen gehen. Bis jetzt habe ich drei Varianten gefunden, die mit einem vernünftigen Aufwand realisierbar sind. Moment- ich zeig sie dir!»
Daniel ist ein sehr korrekter Kollege und scheint glücklich verheiratet zu sein. Mit seinen dreissig Jahren ist er das, was man unter einem interessanten Mann versteht. Er geht ganz in seiner Arbeit auf. Privat kümmert er sich liebevoll um seine beiden Kinder. Das Mädchen ist bereits vier Jahre, sein Bube erst ein Jahr alt und macht gerade seine ersten lustigen Gehversuche. Seine Frau Lisa sieht man selten. Trotz ihrer beiden Kinder wirkt sie noch sehr attraktiv und ist immer gut und modern angezogen. Das Interessante an Daniel ist nicht unbedingt seine äussere Erscheinung. Der Bart dürfte etwas moderner geschnitten sein und sein Friseur scheint auch nicht gerade ein Meister seines Fachs zu sein. Die Figur ist jedoch noch gut in Form. Man erkennt sofort, dass er ein regelmässiges Training betreibt und seine Grösse von gut eins achtzig wirkt auf Frauen auch nicht abstossend. Trotz allem ist es nicht das Äussere, das Daniel interessant macht, sondern die Art, wie er mit einem spricht und wie er mit Problemen fertig wird. Auch die Tatsache, dass er kein Schürzenjäger ist, macht ihn für jede Frau zu einer Herausforderung.
Mit wenig Überzeugung beginnt Yvonne die drei Varianten zu präsentieren. Nachdem er ihr interessiert zugehört hat, nimmt er seinerseits den Grundriss der Maschine in die Hand und schiebt ihn auf den Plänen hin und her.
«Das wird nicht leicht werden, aber wir dürfen eventuelle Bauarbeiten nicht scheuen. Es ist wichtig, dass mit der Maschine ohne Behinderung gearbeitet werden kann. Die Transportwege müssen kurz und sinnvoll sein. Am Besten ist es, wir schlafen nochmals darüber. Morgen kannst du dann die Vor- und Nachteile der drei Varianten zusammenstellen. Ausserdem müssen wir Herr Lehner etwas besser mit dem Monstrum vertraut machen.»
Ein letztes Mal verschiebt er den Grundriss auf dem Plan, dann richtet er sich auf: «So für heute ist Feierabend, ich muss meine Gedanken etwas ordnen und das kann ich am besten, wenn ich mit meinen Kindern spiele. - Ich wünsche dir einen schönen Abend, - bis morgen Yvonne!»
«Ich werde auch Feierabend machen, meine Katze erwartet mich sicher sehnsüchtig - Tschüss, Daniel.»
Sie räumt noch schnell den Schreibtisch auf, dann vertauscht sie ihren weissen Arbeitsmantel mit der Lederjacke und schnappt sich ihre Handtasche
«Bis morgen», verabschiedet sie sich von ihren noch anwesenden Kollegen und steckt die Zeiterfassungskarte in die Stempeluhr. Sie ist froh, dass Daniel pünktlich aufhört, denn sie hat heute noch was besonders vor. Ihre Kollegen und Kolleginnen würden sich wundern, wenn sie ihr heutiges Abendprogramm kennen würden. Doch von diesen Abenden, die sie sich von Zeit zu Zeit leistet, wissen ihre Arbeitskolleginnen nichts. Das bleibt ein gut behütetes Geheimnis.
Besuch im Kursaal
Um halbneun Uhr holt Yvonne ihre Freundin Cornelia in Beinwil ab. Mit ihrem Golf fahren sie zusammen zum Kursaal nach Luzern. Dort haben heute Damen freien Eintritt, dies ist vielen unternehmungslustigen Männern nicht entgangen, so dass sie normalerweise in grosser Zahl zur Auswahl stehen. Dazu kommt, dass der ganze Abend Damenwahl gilt, was von den meisten Frauen nicht zur Kenntnis genommen wird, da es eine gehörige Portion Mut erfordert, einen Mann zum Tanz aufzufordern. Nachdem ersten, mit klopfendem Herzen gewagten Versuch, zeig es sich, dass sich der Mut ausbezahlt.
So gegen halb zehn stolzieren sie den langen Gang, der zum Tanzsaal führt, entlang. Erfreut stellen sie fest, dass die Männer, denen sie begegnen, sie mit interessierten Blicken mustern. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn Yvonne hat es geschickt verstanden, ihre überschüssigen Pfunde zu tarnen und dafür ihren gut proportionierten Busen in den Mittelpunkt zu rücken. Das Decolleté verfehlt seine Wirkung auf die Männer nicht. Cornelia kann punkto Busen nicht mithalten, dafür zeigt sie unter ihrem engen kurzen Jupe, viel von ihren schlanken Beinen. Dazu kommt, die sehr gut wirkende, halblange Frisur. Ihre dunkelblonden Haare wiegen bei jedem Schritt verführerisch um ihren Kopf. Mit ihren hohen Schuhen, ist sie sicher eins fünfundsiebzig gross und wirkt so noch schlanker, als sie ohnehin schon ist.
Als sie den Tanzsaal betreten, wird der Eindruck vom Gang in eindrücklicher Weise bestätigt. Es hätte niemand verwundert, wenn die anwesenden Männer applaudiert hätten, aber so was schickt sich selbstverständlich nicht. Die Meisten schauen diskret zur Seite, wenn sie bemerken, dass man sie anschaut, oder nicken frech zurück. Die ersten Sekunden im Saal können sehr entscheidend sein, denn mit der Platzwahl sind die Weichen für den späteren Verlauf des Abends schon vorentscheidend gestellt. Sie haben es sich zur Gewohnheit gemacht, nach einer kurzen Inspektion, den Saal wieder zu verlassen und noch kurz den Spielsaal zu besuchen.
An den beiden Spieltischen stehen mehrheitlich ältere Männer. Trotzdem drängen sie sich bis zum Spieltisch vor. Zuvorkommend machen die Männer Platz, allerdings nur so viel, dass ein Vorrücken nicht ohne Körperkontakt möglich ist. Der Platz am Spieltisch wird von den beiden geschickt gewählt, denn der Croupier muss unbedingt auf sie aufmerksam werden. Er muss unbedingt eine gute Aussicht auf ihr Dekolleté haben, dann ist man sicher, dass wenn man fünf Mal auf Farbe setzt, vier Mal gewinnt. Dieses Spiel darf man allerdings nicht zu lange Spielen, sonst werden die Mitspieler darauf aufmerksam und halten mit, so dass der Croupier das Spiel abbrechen muss und man zu verlieren beginnt. Heute haben sie einen guten Tag erwischt. Nach kurzer Zeit kann Cornelia einen beträchtlichen Gewinn einstecken. Zufrieden gehen sie in den Tanzsaal zurück. Yvonne, die nicht mitgespielt hat, ist begeistert, sie wird es in der grossen Pause versuchen.
«Weisst du schon, wo wir uns hinsetzen wollen?», fragt Yvonne.
«Rechts oben habe ich einen Tisch mit fünf Männern ausgemacht. Es wäre sicher nicht schlecht, sich in der Nähe nieder zu lassen», schlägt Cornelia vor.
«Die sind mir auch aufgefallen, sie sehen allerdings verheiratet aus, aber mir soll es recht sein.»
«Lassen wir uns überraschen, der eine könnte durchaus noch ledig sein», meint Cornelia optimistisch.
«Wie du meinst. - Ich will heute Abend nicht den Mann fürs Leben finden. Mir reicht es, wenn ich mich amüsieren kann.»
Der Lärmpegel im Saal sinkt für einige Sekunden, als sie den Saal betreten. Die Männer unterbrechen ihre Gespräche und mustern die Beiden. Sie haben absichtlich den linken Eingang gewählt, nun durchqueren sie zielstrebig den Saal. So erhalten sie noch einmal die Möglichkeit, die günstigste Lage auszukundschaften. Schnell haben sie sich durch Blicke auf einen Tisch geeinigt und Cornelia setzt sich sofort so hin, dass sie die Männerrunde gut beobachten kann. Yvonne bleibt nichts anderes übrig, als sich mit dem Rücken gegen den Männertisch zu setzen. Sie unterdrückt die leicht aufkeimende Wut, doch sie will sich nicht über ihre Freundin ärgern, sie kennt sie inzwischen, wenn es um Männer geht, macht sie keine Geschenke.
Als die Musik die nächste Tanzrunde beginnt, sind sie noch damit beschäftigt, beim Kellner zwei Kola mit Eis und Zitrone zu bestellen. Yvonne bemerkt zuerst den dunkelhaarigen Herrn gar nicht, der bereits neben dem Tisch steht. Von seiner Aufforderung zum Tanz wird sie überrascht. Aus Prinzip gibt sie dem ersten Kandidaten keinen Korb, erstens kann man sich noch einmal im Saal umsehen und zweitens hat man die Möglichkeit, den andern Männern zu signalisieren, dass man mit diesem Tänzer noch nicht zufrieden ist. Erst auf der Bühne merkt sie, dass der Schwarzhaarige höchstens einsfünfundsechzig gross ist. Die fehlende Körpergrösse macht der Kleine mit grossem Einsatz wett. An Taktgefühl fehlt es ihm jedoch in jeder Beziehung, er ist so mit seinen forschenden Händen beschäftigt, dass er so manchen Takt der Musik verpasst, was oft mit einem sanften Aufprall in Yvonnes üppigen Busen endet. Diese Kollisionen gefallen dem Kleinen offensichtlich, denn schon bald spürt Yvonne, dass beim Kleinen nicht alles klein bleibt. Sie bemüht sich, den einzigen Vorteil den der Kleine hat auszunutzen. Durch seine geringe Grösse kann sie die Tanzbühne ungehindert beobachten, ohne dass sie immer in das Gesicht des Tanzpartners blicken muss. Nach dem zweiten Tanz hat sie genug gesehen und zeigt dem Kleinen, dass sie sich wieder setzen will.
Die Musik beginnt die nächste Runde mit einem Tango. Von weitem sieht sie den Kleinen aus der ersten Runde auf sich zukommen. Jetzt muss schnell gehandelt werden. Mutig steht Yvonne auf und geht an den Tisch der Männerrunde.
«Ist es erlaubt?», fragt sie den Herrn, den sie sich als Opfer ausgesucht hat. Er ist über einsachtzig gross, blonde Haare, welche er für sein Alter sehr lang trägt. Seine Kleidung ist elegant, mit einem sportlichen Einschlag.
«Mit Vergnügen», antwortet der Blonde und führt sie galant zur Tanzfläche. Erfreut stellt sie fest, dass er ein guter Tänzer ist. Als guter Tänzer geniesst er den Tango und führt sie sicher übers Parkett. Wenn man sich voll auf die Musik konzentriert, kommt natürlich das Gespräch zu kurz. So bleibt der grosse Blonde für diese Runde ein Unbekannter, was allerdings nicht ganz stimmt, denn der Blonde versteht es geschickt mit seinen Händen zu reden.
Dazwischen stellt sie erfreut fest, dass auch Cornelia einen Partner aus der Männerrunde geangelt hat. So ist der weitere Verlauf des Abends mit sehr positiven Vorzeichen eingelenkt.
Nach zwei weiteren Tanzrunden sitzen alle am gleichen Tisch. Der Reihe nach tanzt Yvonne mit allen fünf Herren, die sich nur flüchtig kennen. Sie sind alle Teilnehmer eines Kongresses. Der Blonde kommt aus der Ostschweiz, die andern aus Basel. Wie erwartet sind vier der Männer verheiratet. Um den fünften, als einziger Junggeselle kümmert sich Cornelia intensiv. So wechselt Yvonne vor allem zwischen dem Blonden und dem etwas jüngeren Schwarzhaarigen. Der Jüngere hat mit den geschlossenen Tänzen etwas Mühe. So ist man sich schnell einig, dass sie die poppigen Tänze eher mit dem sportlichen Rolf aus Basel und die geschlossenen Tänze mit dem blonden Jürgen aus der Ostschweiz, tanzt. Die Gespräche sind eher belanglos, jeder will ein bisschen anonym bleiben. Keiner, ausser Cornelia hat ein Interesse daran, allzu viel Privates preiszugeben.
Yvonne liebt vor allem die geschlossenen Tänze mit Jürgen. Er wird immer mutiger und spielt mit seinen Händen an ihrem Körper. Sie geniesst diese Streicheleinheiten und ist diesmal nicht schockiert, als sie deutlich die Auswirkungen in seiner Hose spürt. Sie spielt tüchtig mit, so gut es in der Menge eben geht, ohne dass man zu stark auffällt. Gegen Ende des Abends gibt es auch immer mehr geschlossene Tänze, so dass sie sich vermehrt auf Jürgen fixiert. In der nächsten Pause verabschieden sich Yvonne und Jürgen.
«Wir müssen ein bisschen frische Luft schnappen», meint Jürgen und geleitet Yvonne am Arm aus dem Saal. Draussen schlendern sie engumschlungen durch den kleinen Park. Bei dem kühlen Wetter ist es nicht verwunderlich, dass sie den Park für sich allein haben. Auf einer von hohen Büschen umgebenen Bank, setzen sie sich.
Jürgens Hand wandert jetzt unter ihrer Bluse und streichelt ihre Brüste. Sie macht sich an seinen Hosen zu schaffen. Auch Jürgens Finger sind sehr fleissig. Beide geniessen die Spielereien und etwas später muss Yvonne ein Taschentuch aus der Handtasche ziehen, um die Folgen ihrer handwerklichen Fähigkeit zu beseitigen. Bald spüren sie die Kälte der Nacht. Schnell richten sie ihre Kleidung und Frisuren zu Recht und gehen zurück in den Tanzsaal.
Nach einem letzten zärtlichen Tanz mit Jürgen, haben es alle am Tisch eilig, nach Hause zu kommen, denn morgen erwartet alle einen strengen Tag.
Auf der Fahrt nach Hause, redet vor allem Cornelia. Begeistert schildert sie, wie nett und zärtlich ihr Peter sei, dass er ihre Telefonnummer habe und sie demnächst anrufen will. Dann schwärmt sie, von seinem tollen Job den er hat und ist voller Hoffnung für die Zukunft. Dass er hundert Kilometer weit weg wohnt, scheint sie nicht zu stören.
Die Offerte
Seit Morgen um neun Uhr sitzen nun Yvonne, Daniel und Herr Lehner im kleinen Sitzungszimmer. Yvonne bewundert einmal mehr die Geduld von Daniel, denn es ist bereits Nachmittag um drei Uhr. Seit neun Uhr versucht er, Herr Lehner mit den Einzelheiten der Offerte vertraut zu machen. Doch Herr Lehner begreift die Zusammenhänge und deren Tragweite immer noch nicht. Mit Tabellen, Skizzen und kurzen Berichten präsentiert Daniel den in drei Wochen ausgearbeiteten Offertenvergleich. Doch in seiner bekannten, komplizierten Art, weicht Herr Lehner den wirklichen Problemen immer wieder aus. Dabei rechnet er mit seinem Rechner jede Zahl nach und stellt beispielsweise fest: «Das gibt aber mit Mehrwertsteuer gerechnet 5'234'432 Franken und nicht 5'240'000.»
So wird die ganze Zeit mit sinnlosen Detaildiskussionen vertan, ohne dass Daniel sein Hauptanliegen, ein komplett neues Layout für sämtliche Anlagen, vortragen kann. Sobald Daniel auf diesen Punkt zu sprechen kommt, weicht Herr Lehner aus und hat noch eine Frage zu einem bereits abgeschlossenen Thema. So kann Daniel seine Berechnungen von den entstehenden Kosten, welche durch lange Transportwege verursacht werden, nicht mit dem erforderlichen Nachdruck vortragen.
«Mit diesen Zahlen kann ich unmöglich zur Direktion gehen, die Maschine strapaziert unsere Finanzen so schon viel zu stark, da ist sicher kein Geld für ein neues Layout übrig. Ich will nicht, dass das ganze Projekt noch scheitert. Mit etwas gutem Willen werden wir schon eine Lösung finden», vertritt Herr Lehner energisch seinen Standpunkt.
«Die Kosten für ein neues Layout können wir nicht abschätzen. Vom Produktionsausfall während der Umstellphase ganz zu schweigen», damit ist das Thema neues Layout für diese Sitzung erledigt.
Um acht Uhr abends hat schliesslich auch Herr Lehner genug und meint: «So mit diesen Unterlagen kann ich die morgige Sitzung überstehen. Besten Dank Fräulein Schmid und Herr Gautschi, es freut mich, dass sie so lange ausgehalten haben, ich wünsche euch eine gute Nacht!»
Jeder räumt noch seine Unterlagen zusammen und geht damit zu seinem Schreibtisch. Mit einem Gefühl von Resignation legt Daniel seine Unterlagen in seinen Schreibtisch. Morgen früh wird er die Akte neues Layout mit einem Vertreter, «Herr Lehner vorgestellt am 14. 4. 96, als zu teuer abgelehnt», abgelegen, dann wird sie in einem Ordner verstaut. Wie so oft, konnte er sich gegen Herr Lehner nicht durchsetzen. Der versteht es meisterhaft, seine Mitarbeiter von der Geschäftsleitung fern zu halten. Eifersüchtig ist er darauf bedacht, dass in seiner Abteilung nichts geschieht, ohne dass es über seinen Schreibtisch läuft. Auf der Heimfahrt überlegt sich Daniel, ob er jemand von der Geschäftsleitung direkt informieren soll. Er verwirft den Gedanken wieder, denn ein Herr Lehner ist nicht zimperlich, schliesslich geht es um die Warnung seiner Interessen. Als Familienvater kann er sich nicht auf Spiele, alles oder nichts! einlassen, er muss die sichere Variante wählen.
Regula betritt das Restaurant Pigal und schaut sich in der Gaststube um. An einem Tisch sitzen bereits Monica und Paul. Sie setzt sich zu ihnen. Bald treffen auch Silvia und Pascal ein. Gemeinsam wollen sie einen lustigen Abend verbringen. Die Führungstruppe des Technischen Büros ist heute zu einem Nachtessen eingeladen. Nach der ersten Frustration, dass man nicht ebenfalls eingeladen wurde, hat Silvia die Idee, selber einen gemütlichen Abend zu organisieren. So kommt es, dass sich die Fünf, ganz unüblich, am Freitagabend im Pigal treffen. Nach einer ersten Runde Kaffee, kommt man überein, den weiteren Verlauf des Abends, im Dancing Scharfer Egge in Rothrist zu verbringen.
Mit Pauls Opel Ascona fährt nach Rothrist zum Scharfer Egge. Pascal sitzt hinten, zwischen Silvia und Monica und geniesst die engen Platzverhältnisse. Regula hat vorne neben Paul Platz genommen. Auch sie geniesst die Fahrt. Endlich ist sie einen kleinen Schritt weiter gekommen und sie ist entschlossen, den heutigen Abend zu nutzen, um Paul endlich besser kennen zulernen. Denn, seit Paul im Werk arbeitet, beobachtet sie ihn mit Interesse, doch Paul scheint es nicht zu bemerken, er hat mit seinem Auftrag im Lager viel zu tun und getraut sich nicht bei einem Schwatz, Zeit zu vertrödeln. Im Cafe City taucht er nie auf, obwohl er direkt darüber wohnt. Seit er dem Eishockeyclub beigetreten ist, trainiert er verbissen, denn er möchte unbedingt den Sprung in die erste Mannschaft schaffen. Sicher erlaubt ihm die finanzielle Situation auch keine grossen Sprünge. Den Opel Ascona hat er noch von seinem Vater, für seinen Studiumsabschluss, geschenkt bekommen. Seit er von zu Hause ausgezogen ist, unterstützen ihn die Eltern nicht mehr. Das ist schon alles, was Regula in den kurzen Gesprächen herausgefunden hat.
Nun sitzt sie also neben Paul. So steigen bei Regula die Erwartungen für den heutigen Abend. Sie platziert ihre Beine so, dass Paul, wenn er in den fünften Gang schaltet, ihr Knie berührt. Regula hat sich verführerisch angezogen. Sie geniesst es, dass endlich wieder kurze Röcke getragen werden dürfen, für ihre Beine ist es die einzige richtige Kleidung.
In Dancing Scharfer Egge bemühen sich die beiden Herren, dass ihre drei Damen nicht zu kurz kommen. Die Partner werden fleissig gewechselt und keiner der fünf getraut sich, einen der Partner zu bevorzugen.
Das Hauptgesprächsthema ist natürlich die grosse Bestellung, welche die andere Hälfte des TBs heute feiern darf. Nach einer halbjährigen Auswahlphase hat die Geschäftsleitung entschieden, welcher Lieferant den Auftrag erhält. Der glückliche Maschinenlieferant hat ein Teil des TBs zu einem Nachtessen eingeladen. Die hier im Scharfer Egge versammelten Mitglieder des Technischen Büros haben nicht direkt mit Dino, wie die neue Anlage nun allgemein genannt wird, zu tun, sie bekommen jedoch viel von diesem Grossprojekt mit. Nun sind also die Würfel gefallen, ob die Geschäftsleitung richtig entschieden hat, können sie mit ihrem Informationsstand nicht beurteilen. Die beiden Offerten sind sehr ähnlich und am Ende hatte der Lieferant den Zuschlag erhalten, der schon die letzte Anlage geliefert hatte. Jedem der fünf Kleinen aus dem TB ist klar, dass viel Arbeit auf sie wartet. Welche Anlage nun beschafft wird, ist nun bestimmt. Was das jedoch für das restliche Werk bedeutet, wird sich erst allmählich herausstellen. Alles muss nun auf Dino angepasst werden. Bis zum definitiven Entscheid waren auch diese Nebenprojekte blockiert.
Je länger der Abend dauert, umso grösser wird die Enttäuschung für Regula. Als Telefonistin weiss sie mehr über das Projekt Dino, als die anderen, ist aber an technischen Dingen nicht so interessiert, wie die welche im TB arbeiten. Sie bekommt als Telefonistin mehr von den Hintergründen und versteckten Intrigen mit, welche das Projekt begleiten. So vermutet sie, genau zu wissen, warum schlussendlich Dino gesiegt hat. Sie muss jedoch aufpassen, dass niemand merkt, dass sie ab und zu, bei einem Gespräch mithört, denn das könnte sie die Stelle kosten.
So kommt es, dass das Gespräch am Tisch immer mehr an ihr vorbei läuft. Auch die geheimen Pläne, wie sie Paul verführen will, werden dadurch immer schwerer realisierbar. Sie ist deshalb froh, als sie von einem elegant gekleideten Herrn vom Nebentisch zu einem Tanz auffordert. Sie ist noch mehr erfreut, als sich herausstellt, dass der Herr ein ausgezeichneter Tänzer ist und über gute Manieren verfügt.
Er heisst Roland und ist Vertreter eines Werkzeugbaus. Seine dunklen Haare sind mit einigen Silberfäden verziert. Obwohl er vom Alter her eigentlich verheiratet sein sollte, deutet nichts darauf hin. Die linke Hand ziert ein grosser Siegelring. Die ganze Erscheinung deutet darauf hin, dass es ihm finanziell sehr gut geht. Leider deutet auch sehr viel darauf hin, dass er im Umgang mit Mädchen ebenso erfolgreich ist. Höchste Vorsicht wäre also für Regula angebracht gewesen. Doch da Paul immer noch mehr an technischen Gesprächen interessiert ist, leistet auch sie ihren Beitrag, dass der nette Herr sie auch zum nächsten Tanz auffordert, sie schmiegt sich sehr eng an und reagiert auf seine Annäherungsversuche mit keinerlei Abwehrreaktion. In den Tanzpause setzt sie auch vom Tisch aus ihren verführerischen Blick ein, der seine Wirkung nicht verfehlt. So ist es kein Wunder, dass sie nur noch mit Roland tanzt und von der technisierenden Viererbande nichts mehr mitbekommt. Sie verdrängt die aufkommende Angst, denn sie spürt, dass dieser Mann für sie gefährlich werden kann. Alles deutet bei ihm auf ein schnelles Abenteuer hin und dafür ist sie sich normalerweise zu schade. Doch heute ist sie nicht mehr in der Lage das Spiel zu beenden. Gegen zwei Uhr fragt Paul, wie es mit dem nach Hause gehen sei? Regula ist einverstanden, sie will sich nur noch von Roland verabschieden.
«Geh doch jetzt noch nicht, ich bringe dich im Auto nach Hause», schlägt Roland vor und schaut sie dabei verliebt an. Ihr Herz pocht so laut, dass sie glaubt das ganze Lokal müsste es hören.
Nach Sekundenbruchteilen voller Zweifel antwortet sie: «Gut, ich bleibe noch, wenn du mir versprichst, mich schön artig nach Hause zu bringen!»
«Ich verspreche es dir, dich sicher nach Hause zu bringen», und zur Viererbande gewandt erklärt er: «Ich heisse Roland Schenk und wohne in Aarau, ich verspreche, dass ich Regula sicher nach Hause bringe, ich wünsche euch eine gute Heimfahrt!»
«Also, tschüss Regula, amüsier dich gut», verabschieden sich die Vier der Reihe nach.
«Pass gut auf dich auf!», gibt Silvia noch den Rat, dann verschwinden die Vier.
Nun setzt sich Regula zu Roland an den Tisch. Händchenhaltend und eng umschlungen, sitzen sie in ihrer Ecke. Regulas Herz pocht noch fester, denn ihre Zweifel sind noch nicht behoben.
Hat sie zu hoch gepokert? fragt sie sich. Roland hat die Situation im Griff. Geschickt stellt er Fragen über Regulas Privatleben, alles scheint ihn zu interessieren. Die einzelnen Fragen werden immer wieder unterbrochen durch lange Pausen, in denen sie stumm in der Ecke sitzen oder zusammen tanzten. In diesen ruhigen Phasen, werden Zärtlichkeiten ausgetauscht. So vergeht die Zeit im Flug. Bald hören sie die Band sagen: «So, das war's für heute Abend. Wir wünschen ihnen eine gute Heimfahrt und hoffen sie ein anderes Mal begrüssen zu dürfen!»
So kommt es, dass sie auf der Heimfahrt neben Roland, in dessen teuren Mercedes sitzt und mit klopfenden Herzen ihren Mut bewundert. Zum Ablenken erzählt sie Roland aus dem Werk. Dass heute Dino bestellt wurde und was für Auswirkungen das auf das ganze Werk haben wird. Roland hört interessiert zu, ohne dass die Konzentration aufs Fahren nachlässt. Es beruhigt sie, dass er nicht einer von den Rennfahrertypen ist, die, sobald sie ein Mädchen im Auto haben, zeigen müssen, was für schnelle Autofahrer sie sind. In Rolands Auto fühlt sie sich sicher. Als sie in die Nähe ihrer Wohnung kommen, muss sie Roland dirigieren.
«Nächst Strasse nach links! Und dann kannst du auf dem kleinen Parkplatz anhalten!»
«Wie geht es wohl jetzt weiter?», stellt sie sich die Frage, «muss ich ihm noch einen Kaffee machen, oder fährt er sofort weiter?»
Vorsichtshalber hat sie einen Parkplatz gewählt, der nicht direkt vor ihrem Haus liegt, sondern zum Nachbarhaus gehört, «so, da wären wir, hat dir die Fahrt gefallen?»
«Ja, du bist sehr anständig gefahren. Das mag ich so.» Roland hat inzwischen den Motor abgestellt, offenbar will er nicht gleich weiter fahren, stellt sie ein bisschen ängstlich fest.
«Machst du mir noch einen Kaffee? Bis Aarau ist es noch weit und ich könnte eine Stärkung gebrauchen.»
Nach kurzem Zögern meinte sie: «Komm mit, ich wohne da drüben, aber sei bitte leise, meine Mitbewohner sind sehr neugierig.»
Eng umschlungen schleichen sie sich wie Diebe in ihre Einzimmerwohnung. Während sie Kaffeewasser kocht, steht Roland hinter ihr und streichelt sie an der Schulter. Etwas später, als er merkt, dass sie die Berührung geniesst, gehen seine Hände tiefer und streicheln ihre festen Brüste. Sie weiss nun, dass sie den Zeitpunkt, das Spiel abzubrechen verpasst hat, aber was soll’s, sie ist schliesslich zweiundzwanzig und niemandem Rechenschaft schuldig. Unter Aufbietung der letzten Konzentration, gelingt es ihr, Roland den Kaffee einzugiessen. Dann lässt sie sich neben ihn aufs Bett fallen, das auch als Sofa dient und küsst ihn leidenschaftlich. Sie weiss immer noch sehr wenig über ihn. Ist er verheiratet? Hat er eine Freundin? Warum ist ein solcher Mann allein in einem Dancing? Ein letztes Mal beschliesst sie, diese Fragen für heute zu verdrängen und den restlichen Abend zu geniessen. Sie will, dass Roland auf seine Rechnung kommt, denn das hat er sich, mit seiner höflichen Art verdient.
Es dauert nicht lange, bis die beiden in ihrem Bett liegen. Es wird für beide ein schöner Abend, sie verstehen sich sehr gut und beide geniessen das Geben und Nehmen.
«Besten Dank für den schönen Abend, Regula! Ich werde mich wieder melden. Zurzeit habe ich ein paar Probleme zu lösen, so dass es einige Zeit dauern kann. Bitte, versuche nicht mich zu erreichen, das könnte mich in Schwierigkeiten bringen.»
Ein inniger Kuss beendet den Abend.
«Ich liebe dich!»
«Ich dich auch!»
Die Lagererweiterung
Paul Merz, Kurt Weber und Herr Schöpf treffen sich um neun Uhr im kleinen Sitzungszimmer. Herr Schöpf, der Projektleiter des Dino-Projekts trägt ein dickes Bündel Akten bei sich und legt sie auf den Tisch. Er trennt das Bündel in drei Häufchen und schiebt sie den beiden anderen Herren zu. Nach einer kurzen Begrüssung kommt Herr Schöpf auf das eigentliche Thema der Sitzung zu sprechen.
«Ihr wisst, dass wir eine neue Walzstrasse, von allen Dino genannt, bestellt haben. Mit der Bestellung von Dino sind aber noch nicht alle Probleme gelöst. Die produzierten Rollen müssen transportiert und zwischengelagert werden. Dino kann seine Blechvariante nicht so schnell ändern, deshalb muss eine bedeutend grössere Menge als bisher zwischengelagert werden. Der Lieferant von Dino hat jetzt, in Zusammenarbeit mit unserm Verkauf und der AVOR, die ersten verbindlichen Zahlen erstellt, mit denen wir rechnen können. Das gesamte Ausliefer- und Lagerkonzept muss neu organisiert werden. Als sicher gilt, dass das Lager modernisiert und vergrössert werden muss.»
Nach dem Monolog von Herr Schöpf geht die Sitzung in ein Frage- und Antwortspiel über. Im Verlauf der langen Sitzung werden die Daten vom Verkauf auseinandergepflückt. Paul wird zum technischen Projektleiter für den Lager und Auslieferbereich eingesetzt. Herr Weber hat ihn dabei so gut wie möglich zu unterstützen. Als Erstes ist ein Pflichtenheft zu erstellen, nach welchem bei der Firma Lagra in Brugg eine Offerte eingeholt werden kann. Weitere Anbieter wären wünschenswert, zurzeit ist aber nicht bekannt, wer als weiterer Anbieter in Frage käme. Für das Abfassen der Anfrage steht vom Einkauf Daniel Gautschi zur Verfügung. Er wird bei der Offerte, die rechtliche Seite betreuen.
Nach der Mammutsitzung ist Paul müde, geht aber zufrieden nach Hause. Nachdem er jetzt ein Jahr lang nur an kleinen Projekten mitarbeiten durfte, hat er nun die Projektleitung für eine grössere Aufgabe erhalten. Er macht sich aber keine Illusionen, dieses Projekt hat er nur erhalten, weil die andern vom TB, mit Dinos Hauptproblemen beschäftigt sind und sich nicht noch mit dem Nebenprojekt Lager, herumschlagen können. Ausserdem ist er vom TB so etwas wie der Lagerspezialist geworden. Alle Aufgaben, die in letzter Zeit im Lager erledigt werden mussten, wurden ihm übertragen.
Er hat den Kopf noch voll von Gedanken an seine neue Aufgabe, als er in seinem kürzlich bezogenen neuen Zimmern, unter der Dusche steht. Das Zimmer im Zentrum von Reinach war ihm zu laut und zu teuer geworden. Auch das Feldbett und das improvisierte Mobiliar waren auf die Dauer zu unbequem.
Sein möbliertes Zimmer hatte er jetzt bei Familie Gerig gemietet. Die Gerigs bewohnten ein Einfamilienhaus am Sonnenberg. Dadurch gibt es die Möglichkeit, in den eigentlichen Kellerräumen ein sonniges Zimmer einzurichten, das bis vor kurzem, von ihrem Sohn bewohnt wurde, der ist jetzt mit seiner Freundin zusammengezogen, so dass das Zimmer samt Mobiliar frei wurde. Der siebzehnjährigen Tochter wollen sie es nicht geben, da das Zimmer einen eigenen Eingang hat und diese Freiheit wollen sie ihrer Tochter noch nicht bieten. Priska besucht in Aarau das Gymnasium und wird zu Hause recht streng gehalten. Am Anfang mochte Priska Paul überhaupt nicht, da sie ihn für den Hauptschuldigen hielt, dass sie das Zimmer nicht bekommen hat. Inzwischen hat sie sich an ihn gewöhnt, er ist so etwas wie ein Ersatzbruder geworden.
Abends hängt sie gewöhnlich mit ihrer Clique an der Strassenecke, zwei Strassen weiter unten, herum. Doch um spätestens acht Uhr ist sie auf ihrem Zimmer und macht ihre Aufgaben. Vom Vorplatz seines Zimmers, wo er einen Liegestuhl aufgestellt hat, kann Paul ihr Fenster sehen. In letzter Zeit zieht sie die Vorhänge nicht mehr ganz zu, so hat er schon einige Male beobachten können, wie sie sich auszieht. Irgendwie hat er das Gefühl, dass sie absichtlich diese kleine Show abzieht. Egal, er richtet es so ein, dass er die Show möglichst selten verpasst, das kleine Biest hat ihn in seinen Bann gezogen, besonders seit seine Hoffnungen auf Regula, an jenem Abend zerstört wurden.
Seit drei Wochen arbeitet Paul intensiv an der Ausarbeitung des Pflichtenhefts. In dieser Zeit arbeitet er viel mit Yvonne zusammen. So langsam wird allen Beteiligten klar, dass neben Dino ein weiteres Grossprojekt in Angriff genommen werden muss. Die Lagerkapazität die bereitgestellt werden muss, ist enorm. Dazu kommt, dass man nicht viel Zeit hat, die schweren Rollen ein- und auszulagern. Es müssen entweder mehrere oder sehr leistungsfähige Transportfahrzeuge angeschafft werden. Als sicher gilt, dass es mehrere Fahrzeuge werden, schon aus Gründen der Verfügbarkeit. Doch wenn allzu viele Fahrzeuge umherkurven, behindern sie sich gegenseitig. In der jetzigen Phase des Projektes, ist es noch nicht wichtig zu entscheiden. Die Problematik muss den aussenstehenden Lieferanten nur möglichst gut mitgeteilt werden, so dass diese geeignete Fahrzeuge offerieren können.
Auf heute hat man eine Sitzung einberufen, an der Yvonne, Kurt, Daniel und Paul teilnehmen. Es gilt aus den vielen Unterlagen, das Wichtigste in die Offerten-Anfrage zu packen und ein möglichst umfassendes Pflichtenheft zu erstellen, das auch den kritischen Fragen von Daniel standhält. Man hätte es nicht für möglich gehalten, was alles falsch oder zu ungenau sein kann. Paul hat Verständnis für die Einwände von Daniel, während sich Yvonne über den Tüpfle Schiesser aufregt, was sie nur sehr schlecht verbergen kann. Yvonne trägt heute, da es endlich einmal angenehm warm ist, eine bunte Bluse. Wenn sie sich vorbeugt, kann Paul sehen, dass sie heute keinen BH trägt. Dieser Umstand macht es Paul schwer sich zu konzentrieren.
Kurz vor Mittag ist das mehrseitige Werk soweit bereinigt, dass sich Daniel zurückziehen kann. Er muss nur noch das fertige Schriftstück einer abschliessenden Kontrolle unterziehen. Am Nachmittag haben Yvonne und Paul die Aufgabe, das Ganze ins Reine zu schreiben, wozu auch Kurt nicht mehr benötigt wird.
«So, das ging aber flott!», meint Yvonne, «vor allem, nachdem sich Daniel zurückgezogen hat! Kommst du mit in die Kantine, es ist Essenszeit, da können wir noch etwas plaudern?»
Kurze Zeit später sitzen sie gemütlich am Tisch, Yvonne verzehrt ihre Riesenportion Salat. Paul macht sich über ein richtiges Menü her, er ist hungrig. Endlich kann er erzählen, dass er die neue Saison vermutlich in der ersten Mannschaft spielen kann.
«Und was hast du am Wochenende gemacht?», fragt Paul Yvonne. «Ich war mit meiner Freundin auf einer Wanderung. Zwei Tag wandern, mit Übernachtung in einer Alphütte. Es war sehr anstrengend.»
Während sie ihnen von der letzten Tour erzählt, welche sehr harmlos verlief, kommt ihr immer wieder die Tour mit Cornelia vor drei Jahren in den Sinn. Seit dieser Tour will Conny immer wieder Bergtouren machen.
Yvonne muss aufpassen, dass sie nicht rot wird. Sie muss sich zwingen an den letzten Samstagabend in der Berghütte zu denken und nicht an jenen Abend vor drei Jahren, als sie in einer Berghütte mit Cornelia vier Jünglinge verführte.
Am Nachmittag hat Yvonne Mühe, sich auf die Offerte zu konzentrieren. Zum Glück kann Paul nicht Gedanken lesen, sonst hätte auch er einige Konzentrationsprobleme.
Langes Wochenende von Regula
Im Aluminiumwerk herrscht Feierabendstimmung. Am Mittwochnachmittag sind alle schon mit dem Wochenende beschäftigt. Morgen ist Auffahrt und am Freitag wird nicht gearbeitet, so dass ein langes Wochenende bevorsteht. Regula hat das Gefühl, dass sie die einzige ist, die noch arbeiten muss. Den Letzten beissen die Hunde. Sie ist beauftragt die Offertenanfragen für das neue Lager dreimal zu kopieren und an drei Firmen zu verschicken. Natürlich ist das Pflichtenheft erst im letzten Moment fertig geworden und an ihr liegt es nun, dass die drei Briefe noch vor Auffahrt auf die Post kommen. Seite um Seite lässt sie durch den Kopierer.
Plötzlich taucht Paul in der Rezeption auf: «Entschuldige Regula, aber auf Seite sechs ist noch ein Fehler! Das Gewicht der Rollen ist um eine Stelle zu gering angegeben, das muss unbedingt geändert werden, sonst gibt es eine Katastrophe!»
«Hast du das nicht früher bemerkt? Die Post ist heute auch früher geschlossen als normal, wir haben nicht mehr viel Zeit.»
«Ich helfe dir, so gut es geht, ich kopiere inzwischen die anderen Seiten fertig, während du die Seite sechs korrigierst.»
Mürrisch setzt sie sich an die Schreibmaschine und sucht die falsche Stelle. Seit jenem Freitagabend vor ein paar Wochen ist die Beziehungen zwischen Regula und Paul etwas weniger herzlich. Regula hat ein schlechtes Gewissen und Paul ist eifersüchtig und macht sich Vorwürfe, dass er die Gelegenheit nicht genutzt hatte. Aber jetzt muss erst Gras über die Sache wachsen, dann kann man vielleicht wieder darüber reden, wenn es nicht für immer zu spät ist.
Zu zweit geht es flott voran. Paul ist eine grosse Hilfe. Ohne lange Erklärungen weiss er was zu tun ist. Das Arbeiten wird nur durch Mitarbeiter behindert, die sich einer nach dem andern, für das lange Wochenende verabschieden. Zum Glück sind die meisten in Eile, so dass die kurzen Gespräche schnell beendet werden können, doch der eine oder andere kann es nicht lassen, noch in allen Details zu erklären, wo er das Wochenende verbringen will. Für Regula sind diese Gespräche heute sehr unangenehm. Ihr eigenes Wochenendprogramm will sie niemandem verraten, obwohl sie eigentlich nichts lieber tun würde. Doch sie weiss selber noch nicht, wie sich die geheimnisvolle Sache entwickelt und da ist es ratsam, für einmal nicht alles zu erzählen, wenn es auch schwer fällt. Paul ist kein Problem, der hat wegen der Änderung sowieso ein schlechtes Gewissen. Er erzählt nur, dass er mit den Eltern wegfahre. So gegen halb fünf sind die drei Briefe endlich versandbereit. Regula stellt die Zentrale auf Anrufbeantworter um und schliesst die Rezeption ab. Paul muss noch schnell an seinen Schreibtisch um etwas zu holen und verabschiedet sich von Regula.
Regula kann endlich die drei Briefe, zusammen mit der anderen Post zur Post bringen und am Schalter abgeben und beeilt sich in ihre Wohnung zu kommen. Sie ist gespannt, auf das Wochenende. Vor zwei Wochen hatte sie von Roland einen Brief erhalten. Darin wurde sie eingeladen, am heutigen Mittwoch in einem Hotel am Bodensee auf ihn zu warten. Er hätte dort ein Zimmer für sie reservieren lassen. Im Brief war ein Bahnbillet beigelegt für die Fahrt von Reinach nach Arbon erster Klasse. Bitte fahre mit einem Taxi ins Hotel, ich kann dich nicht abholen, es kann spät werden, aber ich werde sicher kommen. Wenn du nicht kommen kannst oder willst, so rufe am Sonntag um genau vierzehn Uhr die folgende Nummer an und lasse es dreimal Klingeln. Am letzten Sonntag hatte sie um vierzehn Uhr bereits den Telefonhörer in der Hand und wollte wählen. Nach drei Zahlen legte sie wieder auf.
Was war, wenn er nicht an den Apparat ging? dann war vielleicht alles aus. Jetzt steht fest, sie muss an den Bodensee fahren, nur was das Ganze soll, weiss sie noch nicht. Der Brief ist das einzige, was sie von Roland seit jenem Discoabend im Rothrist gehört hat. Im Telefonbuch von Aarau, gibt es einen Roland Schenk, Handelsvertreter, aber sie getraute sich nicht anzurufen.
Der Zug rast durch die Nacht, Regula sitzt im bequemen im Zug und versucht in ihrem Buch zu lesen, doch sie kann sich nur schlecht konzentrieren. Immer wieder schaut sie in die Nacht hinaus. Ist Roland in einem Wagen unterwegs? Ist er bereits am Bodensee? Die Fragen gehen ihr pausenlos durch den Kopf, aber sie muss sich gedulden, es gibt noch keine Antwort auf die Fragen.
Irgendwie schafft sie es, bis ins Hotel. Nun steht sie im komfortabel eingerichteten Hotelzimmer und weiss nicht, wie es weiter geht. Nach einer warmen Dusche legt sie sich im Bademantel auf das Bett und schläft sofort ein.
Sie erwacht erst, als ihr jemand sanft übers Haar streicht.
«Wo bin ich?», fragt sie verwundert, sie ist es nicht gewohnt, dass sie mitten im Tiefschlaf um drei Uhr nachts geweckt wird.
«Regula!», haucht Roland, «es freut mich, dass du gekommen bist! Ich war bis zuletzt nicht sicher, ob du diese seltsame Abmachung einhalten wirst! Bitte entschuldige diese Umstände, Morgen werde ich versuchen, dir alles zu erklären!»
Er gibt ihr leicht zögernd einen Kuss. Sie erwidert den Kuss und so wird aus dem anfänglich zögernden Kuss, eine innige Umarmung. Ohne ein weiteres Wort, schlafen beide in enger Umarmung ein. Roland muss später nochmals aufgestanden sein, denn am Morgen als sie aufwacht liegt er im Pyjama neben ihr und schläft immer noch fest. Lange betrachtet sie sein Gesicht, in der Disco und bei ihr zu Hause waren ihr die Falten in seinem Gesicht nicht aufgefallen. Je länger sie ihn betrachtet, umso stärker wird ihr bewusst, dass er sie braucht. Das ist kein Spiel mehr, jetzt wird es ernst.
«Oh, Regi, wie bin ich froh, dass du gekommen bist!», flüstert er, als er aufwacht, zieht sie zu sich herunter und küsst sie, «ich habe dir so viel zu erzählen, ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. Leider wird es auch für dich nicht ganz einfach werden. Ich muss sehr viel Verständnis von dir verlangen.»
«Ach Roli, wir haben vier Tage Zeit, ich werde mir Mühe geben, dich zu verstehen. Aber als erstes brauche ich am Morgen einen starken Kaffee, sonst bin ich nicht aufnahmefähig.»
«Da beginnen leider schon die ersten Probleme, also ganz kurz das Wichtigste. Die Details werde ich dir noch erklären. Zurzeit läuft die Scheidung von meiner Frau. Es gibt noch einige Unklarheiten. Meine Frau hat einen Privatdetektiv beauftragt, um mich zu überwachen. Bei der Scheidung könnte es für mich negative Auswirkungen haben, wenn sie nachweisen kann, dass ich eine Freundin habe.»
«Ach Roli, auf was habe ich mich da eingelassen, müssen wir den das ganze Wochenende verstecken spielen?»
«Wenn mein Plan klappt, wird es nicht so schlimm und es erhöht die Spannung. Es bleibt mir nichts anderes übrig, das Spiel mitzuspielen. Zum Glück hat mich ein Freund gestern gewarnt. Glaube mir, wenn ich es vorher gewusst hätte, ich hätte alles abgeblasen. Machst du bei diesem Detektivspiel mit?»
«Sehr verlockend sieht es nicht aus, aber ich habe im Moment nichts anderes vor, also spielen wir wie früher Versteckis! Wie komme ich also zu meinem Kaffee?»
Das Detektivspiel wird unterhaltsamer als es sich Regula vorgestellt hat, allein geht sie zum Frühstück und bekommt so endlich den ersehnten Kaffee. Sie angelt sich eine Zeitung vom Vortag und beginnt zu lesen. Es ist ein Regionalblatt, so dass es einige Artikel gibt, die sie noch nicht gelesen hat. Dazwischen beobachtet sie immer wieder die andern Hotelgäste.
«Wer ist der geheimnisvolle Detektiv?»
Je schneller sie das herausfinden, umso einfacher wird es für sie, sich zu verstecken und ihn an der Nase herumzuführen. Es ist abgemacht, dass Roli in genau einer Viertelstunde ebenfalls beim Frühstück erscheint. Bis zu diesem Zeitpunkt soll sie sich aus den Gästen ein paar Verdächtige ausgesucht haben.
Nach dem ersten überfliegen der möglichen Kandidaten, bleiben nur noch drei übrig. Da ist der ältere Herr, der schon das vierte Mal, am Buffet den Teller nachfüllt und dabei so umständlich agiert, dass ihm alle anderen Leute dabei zusehen. Er wirkt nervös und beobachtet die anderen Gäste dauernd.
Der zweite Kandidat sitzt in einer Ecke und liest wie sie die Zeitung, das machte er schon, als sie hereinkam. Dabei musterte er sie von oben bis unten, ehe er weiterliest. Jeder neue Gast wird ebenso begutachtet und beurteilt. Nur, was für Schlüsse er daraus zieht, ist schwer zu erraten. Sein Alter ist schwer zu schätzen, da er sich hinter der Zeitung versteckt.
Der dritte Verdächtige ist kein er, sondern eine Dame. Sie sitzt so, dass sie der Türe den Rücken zukehrt und somit eine schlechte Beobachtungsposition hat. Regula will sie deshalb schon von ihrer Liste streichen, als sie bemerkt, dass sie in einem Spiegel den Eingang genau im Auge behalten kann. Der Umstand, dass sie von den Verdächtigen als einzige noch am Essen ist, entlastet sie. Wenn sie es trotzdem wäre, dann ist sie sicher eine sehr gefährliche Gegnerin, da sie über viel Phantasie verfügt und ausserdem genau weiss, wann er zum Morgenessen kommt, das könnte heissen, dass sie bereits weiss, wie er die Nacht verbracht hat.
Zum Zeitpunkt, als Roland den Frühstücksraum betritt, wechselt sie schnell ihre Blicke, zwischen den drei Verdächtigen. Wie Inspektor Colombo registriert sie jedes Mienenspiel der Drei. Kann sie in einem der Gesichter lesen, dass Roland für ihn interessant ist? Die Aufgabe ist gar nicht so einfach, wie das im Krimi immer dargestellt wird. Jeder der Drei mustert Roland, doch das tun sie bei allen Gästen. Es ist schliesslich damit zu rechnen, dass der eine oder andere, in den nächsten vier Tagen, einem noch öfter über den Weg läuft. Sie hat das Gefühl, dass die Dame leicht zusammenzuckte und etwas nervöser wurde, doch Regula beschliesst, sich noch nicht festzulegen. Im Moment muss sie sich konzentrieren ihre Rolle gut zu spielen. Sie darf sich beim Detektiv auch nicht verdächtig machen. Also mustert auch sie Roland, nachdem sie wie zufällig von der Zeitung aufgesehen hat.
Nach einiger Zeit, Roland ist immer noch am Buffet, steht sie auf, um noch etwas vom Buffet zu holen. Dabei geht sie nahe an Roland vorbei und grüsst.
«Guten Morgen!», sie registriert absichtlich nicht, dass er ihren Gruss erwidert, sondern macht sich an der Früchteschale zu schaffen. Mit einer vollen Schale Fruchtsalat setzt sie sich wieder und verspeist genüsslich ihre Früchte, eigentlich ist die Welt ganz in Ordnung.
Nachdem alle Früchte verspeist sind, steht sie auf und verlässt den Frühstücksraum, wobei sie ihren Zimmerschlüssel auf dem Tisch liegen lässt. Sie wollte herausfinden, ob ihr jemand folgt. Sie geht zum Lift und fährt in die dritte Etage, steigt aus, steht einen Augenblick verärgert vor ihrem verschlossenen Zimmer und geht wieder zurück. Als sie im Parterre eintrifft, stellt sie erleichtert fest, dass ihr niemand gefolgt ist. Sie ist also noch nicht verdächtig. Wie abgesprochen verlässt jetzt Roland den Frühstücksraum und genau so, dass sie sich auf dem Weg zum Lift kreuzen. Während er zum Lift geht, kann sie ganz unauffällig die zurückgebliebenen Hotelgäste nochmals unter die Lupe nehmen, als sie an ihren Tisch geht um ihren Zimmerschlüssel zu holen. Sie nimmt den Schlüssel und verlässt ohne Eile den Raum. Sie hat noch Zeit, sich im Zimmer frisch zu machen. Um zehn Uhr will sie Roli von der Telefonkabine am See anrufen, hoffentlich ist nicht jemand am telefonieren.
Pünktlich um zehn Uhr klingelt das Telefon und Regula hebt ab. «Regula!», meldet sie sich. «Hallo du Detektivin! Wie geht es dir?»
«Ich bin mir jetzt ziemlich sicher, wer dich überwacht. Denn der ältere Mann wurde von seinem Sohn zur Familienfeier abgeholt und die Dame spaziert mit ihrem neuen Freund durch die Gegend, den sie offensichtlich auf ein Inserat hin kennen gelernt hat. Es bleibt also nur noch der Zeitungsleser übrig. Er dürfte etwa fünfunddreissig Jahre alt sein, trägt einen Schnurrbart und ist so eins siebzig gross», erklärt sie.
«Da hast du aber deine Hausaufgabe gut gelöst. Das macht die Sache einfacher, zur besseren Tarnung habe ich dich übrigens für einen Tenniskurs für Anfänger angemeldet. So bist du nicht die ganze Zeit allein, wir dürfen nicht immer zusammen sein. Der Kurs beginnt übrigens um zwei Uhr in der Tennishalle, ich hoffe du freust dich?»
«Ich wäre lieber mit dir zusammen, aber das Tennisspielen wollte ich schon lange mal lernen.»
Eine Weile unterhalten sie sich noch, wie sie den Spion am besten überlisten können. Das erste Treffen wird frühestens vor dem Nachtessen zustande kommen und dann erst wieder in der Nacht. Morgen muss Roland sowieso einen Kunden in der näheren Umgebung besuchen, deshalb ist er auf die Idee mit dem Hotel in Arbon gekommen. Roland will sich die Zeit mit lesen vertreiben. Er hat sich einen dicken Roman mitgebracht, den er in einem Liegestuhl am hoteleigenen Strand liest. Ausserdem hat er noch sein Fahrrad mit dabei und wird ein paar Kilometer den See entlang radeln, was die Aufgabe des Spions erheblich erschweren wird.
Der Nachmittag vergeht schnell. Regula steht hilflos auf dem Tennisplatz herum, sie ist jedoch nicht die Ungeschickteste in diesem Anfängerkurs und mit ihrem eleganten Tennisröcklein erreicht sie sehr viel Aufmerksamkeit aus dem Restaurant. Auf Roland wartet die erste Ausfahrt mit dem Fahrrad.
Am späteren Nachmittag sind sie endlich allein und Roland kann seine komplizierte Geschichte erzählen: Nach einer Ausbildung als kaufmännischer Angestellter, fand er einen Job in einer Maschinenfabrik. Der Besitzer hatte eine Tochter und wie es so kommen musste, waren sie bald ein Paar. Roland stieg auch in der Firma schnell auf und überholte bald langjährige Mitarbeiter. Schon nach einem Jahr wurde eine prächtige Hochzeit gefeiert.
Im Betrieb wurde er bereits als Juniorchef gehandelt, doch es gab viele Neider und Leute die sich übergangen fühlten. Diese Leute warteten nur darauf, dass ihm ein schwerer Fehler unterlief oder unternahmen zumindest nichts, ihn vor solchen Fehlern zu warnen. Nach ein paar Pleiten, kam es zum Bruch mit seinem Schwiegervater. Er trat aus dem Geschäft des Schwiegervaters aus und versuchte, eine Vertretung für eine englische Firma aufzubauen. Der Schwiegervater half, von einem schlechten Gewissen geplagt mit. Seine Frau hielt zu diesem Zeitpunkt noch zu ihm. Die Geschäfte gingen gut, doch das Verhältnis zu den Schwiegereltern wurde immer schlechter, erst blieb die Unterstützung weg, was bei dem guten Geschäftsgang gut verkraftet werden konnte. Das Schlimme war, dass seine Frau immer mehr zu ihrer Familie hielt, welche sie gegen ihn aufhetzte. Nun steht also die Scheidung bevor, bei der es um viel Geld geht. Er hat eigentlich recht gute Karten, da man ihm bis jetzt keinerlei Seitensprünge nachweisen kann. Seine Vertretung hat ihn zu stark in Anspruch genommen und von Frauen hatte er sowieso die Nase voll. Sport und Arbeit, Arbeit und Sport wurden sein Lebensinhalt. Bis zu jenem Abend, an dem er zufällig nach einem Kundenbesuch, der sehr lange dauerte, bei der Heimfahrt am Dancing vorbeifuhr und plötzlich Lust auf eine Kola hatte.
Die Tage am Bodensee vergehen schnell. Auch wenn sie nicht immer zusammen sein konnten, hatten sie doch Zeit für lange Gespräche und auch die zärtlichen Stunden kamen nicht zu kurz. Roland kann sehr feinfühlig sein und sie spürte immer mehr, wie sehr er einen Menschen brauchte, an dem er sich aufrichten kann. Das Ganze geht ihm doch sehr nahe und zurzeit hat Roland sonst niemand, dem er voll vertrauen konnte. Regula spürte wie aus ihrer anfänglichen Sympathie langsam Liebe wird. Dies ist kein Spiel mehr, sie weiss, dass es Roland nicht verkraften würde, wenn sie sich zurückziehen würde.
Etwas traurig sitzt sie am Sonntagabend im Zug nach Aarau. Sie ist sicher, dass der Spion nicht den geringsten Verdacht geschöpft hat. Der Preis war allerdings hoch, mehr als die Hälfte der Zeit musste sie allein verbringen. Im Tennisspielen hat sie gute Fortschritte erzielt und erreichte beim abschliessenden Turnier das Halbfinale, das verlor sie gegen die spätere Siegerin. Roland wird sie in nächster Zeit nicht sehen, die Scheidung geht in die letzte Runde und er will nichts riskieren. Sie wird sich noch eine Weile gedulden müssen und ihr bisheriges Leben fortsetzen. Ihre Katze wird wieder zum Mittelpunkt werden.
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