Читать книгу: «Der Politiker»
Geri Schnell
Der Politiker
70 Jahre deutsche Geschichte
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Politiker
Einleitung
Erster Schultag /1920
Im Amtshaus /1922
Inflation /1923
Die Währungsreform /1924
Die goldenen zwanziger Jahre /1925
Das Gymnasium /1925
Mutige Zeitgenossen /1927
Der schwarze Freitag /1929
Ein neues Jahrzehnt /1930
Hitler in Worms /1932
Gefährliche Strassen /1932
Die Universität /1933
Die Machtübernahme /1933
Die allgemeine Wehrpflicht /1935
Olympiade in Garmisch /1936
Probleme mit Gabi /1937
Wir sind die Grössten /1938
Panzertruppen /1939
Säbelrasseln /1939
Umschulung /1940
Der Luftkrieg /1940
Unternehmen Barbarossa /1941
Das Hospital /1941
Der Spezialauftrag /1941
Warschau /1942
Der Aufstand im Ghetto /1942
Partisanen /1942
Der Schneesturm /1943
Die Hütte im Sumpf /1943
Auf der Flucht /1944
Die Heimkehr /1945
Winter in Worms /1945
Der Sohn Hans /1946
Die Rheinbrücke /1949
Die fünfzig Jahre /1950
Das Hochwasser /1955
Landtagswahl /1955
Joshua /1955
Der kalte Krieg /1956
Heikle Geschäfte /1959
Olympiade in Rom /1960
AKW-Abklärungen /1961
Grossmutter macht Probleme /1961
Kuba und andere Krisen /1961
Neue Art für Ferien /1962
Abwasser /1964
Kältewelle /1965
Mallorca /1965
Wahlkampf für Bonn /1965
Wettstreit im Weltraum /1966
Die Beatles kommen /1966
Studentenunruhe /1967
Tschechoslowakei Krise /1968
Das Apollo-Projekt/1969
Afrika /1972
Drogen /1971
RAF-Terror /1972
Rückkehr von Ruth /1973
Berater von Kohl /1974
Baubewilligung fürs AKW /1975
Südfrankreich /1976
Entführung der Landshut /1977
Verheerende Unfälle /1978
Drama im Dschungel /1979
Chefin Ruth /1980
Demos gegen AKW /1981
Bundeskanzler Kohl /1982
Die Hochzeit von Ruth /1983
Hamburg/1984
Geburt des Enkels /1985
Challenger Katastrophe /1986
Tschernobyl /1986
Flugzeug in Moskau /1987
Gorbatschow /1988
Bad-Gastein/1989
Epilog
Impressum neobooks
Der Politiker
von
Geri Schnell
Einleitung
Frei erfundene Lebensgeschichte.
In der Geschichte spielen einige bekannte Persönlichkeiten eine Rolle. Ich habe mich bemüht, die Aussagen dieser Personen möglichst authentisch und neutral wiederzugeben. Manchmal konnte ich echte Zitate finden, doch meistens musste ich mich in diese Personen hineindenken und ihre Aussage selber kreieren. Solche Aussagen sind also nicht authentisch und sind in keiner Weise mit der Person in Verbindung zu bringen. Zudem liegen die geschilderten Ereignisse rund 30 Jahre zurück und beleidigende Aussagen wären verjährt.
Die Personen welche in dieser Geschichte erwähnt werden, können sich immerhin rühmen, dass Sie in der deutschen Geschichte eine Rolle spielten, sonst würden Sie nicht erwähnt!
Erster Schultag /1920
Der Reihe nach stehen die Erstklässler auf und erzählen Frau Kunz, wie sie heissen und was ihre Väter für einen Beruf ausüben. Im Jahre 1920 ist das nicht so einfach. Die meisten Kinder haben gar keinen Vater, bei einigen lebt nicht mal mehr die Mutter. Die Waisenkinder die hier zur Schule gehen, haben Glück, sie sind von einer Tante oder von den Grosseltern aufgenommen worden.
«Ich heisse Wilhelm Wolf», erklärt der Dreikäsehoch, «mein Vater ist Beamter.»
Die anderen Kinder wundern sich. Wilhelm hat einen Vater und der arbeitet sogar. Bald sind alle Kinder durch und die erste Schulstunde beginnt.
«Wie heisst die Stadt hier?»
«Worms!», schreien alle durcheinander.
«Richtig!»
Sie hat etwas Mühe, die erste Stunde zu gestalten. Es ist ihre erste Schulstunde. Die Stelle als Lehrerin hat sie nur bekommen, weil sich zu wenige Männer beworben haben. Schliesslich fand der Stadtrat, für Erstklässler könnte es auch mit einer Frau funktionieren. Ein bisschen Rechnen und Schreiben wird sie den Kleinen schon vermitteln können. Das mit der Disziplin müssen dann die Lehrer in den nächsten Klassen nachholen.
Die anwesenden Eltern machen Frau Kunz nervös, zudem muss sie sich all die Namen der Kinder merken. Es schickt sich nicht, wenn die Lehrerin die Kinder mit falschen Namen anspricht.
Mehr für die Eltern gedacht, erzählt sie, dass ihr Mann im Krieg geblieben ist. Verdun wie so viele andere auch. Dann erklärt sie noch die Hausordnung.
«Ich mag es gar nicht, wenn man zu spät zum Unterricht erscheint und wer dazwischen schwatzt, muss mit einer Strafe rechnen. Ihr Handgelenk sei gut im Schuss.»
Dabei wippt sie drohend mit dem Stock auf und ab. Was das zu bedeuten hat, werden die Kinder noch schnell genug erfahren. Mit den Gedanken ist sie jedoch bei Wilhelm, dem kleinen Bengel. Er passt ihr gar nicht, genauer, sein Vater gefällt ihr nicht. Sie verkraftet es einfach nicht, dass ihr Mann im Krieg geblieben ist und der Vater dieses Jungen ohne einen Kratzer davongekommen ist. Die Welt ist ungerecht. Sie gibt sich einen Ruck, sie muss die erste Schulstunde anständig zu Ende bringen. Das Schlimmste steht ihr noch bevor, sie muss dem Herrn Beamten noch die Hand reichen und ein paar Worte mit ihm wechseln.
Die Begrüssung der Familie Wolf ist für sie eine weitere Demütigung.
«Wir verlange, dass Sie unseren Sohn mit dem richtigen Namen ansprechen! Er heisst Wilhelm, wie der Kaiser, ich hoffe, sie halten sich daran.»
«Wie Sie wünschen, ob sich die anderen Kinder daran halten, kann ich nicht versprechen.»
«Das wäre aber ihre Aufgabe, an einer Schule sollte Zucht und Ordnung herrschen. Ich denke, mit ihrem Handgelenk werden sie das schon hinkriegen!»
Während dem Gespräch steht Frau Wolf in ihrem schlichten schwarzen Rock und mit Kopftuch ohne ein Wort zu sagen daneben. Es ist eindeutig, wer in der Familie das Sagen hat. Sie kennt die Frau vom sehen her. Sie ist oft in der Kirche anzutreffen. Vermutlich weiss der Priester mehr über Frau Wolf, als ihr Mann. In der Kirche ist die Frau Wolf nicht zu übersehen. Sie bekreuzigt sich während einer Messe sicher zehn Mal. Zudem betet sie mehrere Rosenkränze und geht regelmässig zur Beichte. Sie ist vermutlich religiöser als viele Ordensschwestern.
Mit einer Handbewegung entschuldigt sich Witwe Kunz bei den Wolfs: «Es sind noch andere Eltern da, welche sie verabschieden muss.»
Danach reicht sie zum Abschied beiden die Hand. Nach dem Händedruck bekreuzigt sich Frau Wolf und blickt zu Boden.
Wie zu erwarten war, werden die Kinder mehrheitlich von Frauen begleitet. Etwas peinlich war die Begrüssung von Rosas Vater. Er streckte ihr den linken Arm entgegen, denn den rechten hatte er im Krieg verloren.
Endlich ist die erste Schulstunde, inklusive eines ersten Kennenlernens der Eltern zu Ende. Noch einmal steht sie zum Abschluss vor der Klasse. Ein erbärmlicher Haufen verwahrloster Kinder. Die Zeiten sind schlecht, es fehlt an allem. Trotzdem haben es alle geschafft, ihren Kindern die obligatorische Schultüte zu schenken. In einigen Tüten sind nur Äpfel und ein paar Nüsse, dank dem Zeitungspapier, in das sie verpackt sind, wirken sie gross.
Erleichtert stellt sie fest, dass der Vater von Willi - Entschuldigung - Wilhelm, die Tüte nicht überfüllt hat. Zumindest hat er Anstand, denn als Steuerbeamter weiss der Mann genau, dass die meisten Stadtbewohner ums Überleben kämpfen und jeden Tag schauen müssen, wie sie ihre Kleinen satt kriegen.
Nach einigen Wochen hat sich der Schulbetrieb eingespielt. Der Wilhelm ist der strebsamste. Das macht es für Witwe Kunz einfacher. Schüler die aktiv mitmachen, sind für jeden Lehrer ein Gewinn. Natürlich nennen ihn die Schüler Willi ohne dass es bis jetzt von Seite des Beamten eine Beanstandung abgesetzt hätte. Anscheinend ist Willi keine Petze.
Für die meisten Schüler ist die Schule ein Platz um sich zu erholen. Sie hat sich rumgehöhrt, einige wohnen in stinkigen, feuchten Löchern, anders kann man die Behausungen nicht nennen. Mittlerweile hat sich auch eingespielt, dass Willi von seinen Eltern eine zu grosse Pausenration mitbekommt, die wird auf die weniger begüterten Schüler verteilt. Es ist erstaunlich, wie das unter den Kindern funktioniert ohne dass sie etwas damit zu tun hat.
So lässt sich das Schuljahr gut an. Witwe Kunz ist zufrieden. Was bei ihr nicht funktioniert ist das Privatleben. Es gibt einfach keine Männer, dabei zählte sie sich mit ihren fünfunddreissig Jahren nicht zu den Frauen, die mit Männer abgeschlossen haben. Nur in dieser Beziehung läuft in Worms nichts. Die wenigen Männer im richtigen Alter, sind alle kriegsversehrt oder wie Herr Wolf verheiratet. Sie hatte es versucht. Dass einem Mann ein Bein fehlt, darauf könnte sie sich noch einstellen, aber dass bei jedem lauten Geräusch, panikartige Schreikrämpfe auftreten, daran kann sie sich nicht gewöhnen.
Am Wochenende fährt sie deshalb nach Mannheim. Vielleicht gibt es in grösseren Städten noch Männer. Den Plan hat sie schon vor Monaten gefasst, doch bis heute hatte sie sich nicht getraut. Jetzt ist sie immerhin schon auf dem Bahnhof, um nach Mannheim zu fahren. Sie hat schon oft daran gedacht, ihren Plan umzusetzen, doch immer fand sie eine Ausrede. Einmal war ihr Zyklus ungünstig, sie hätte riskiert schwanger zu werden und darauf hat sie nun gar keine Lust, die Bälger in der Schule reichen ihr. Einig Male war das Wetter schlecht, da sie, wenn alles schief läuft, draussen übernachten muss, ist das nicht akzeptabel.
Als sie in Mannheim den Zug verlässt, schaut sie sich um. Sie ist beruhigt, kein bekanntes Gesicht aus Worms ist auszumachen. Die paar Leute welche in Worms zugestiegen sind, eilen schnell weiter, während sie sich Zeit lässt.
Sie hat sich gut vorbereitet, lange hat sie an einem Rock geschneidert, bis sie darin sehr sexy wirkt. In Worms dürfte sie damit nie auf die Strasse. Auf der Zugfahrt trägt sie darüber noch einen zweiten Rock, nun muss sie diesen nur noch ausziehen und in dem Korb stecken. Noch ist sie nicht sicher, ob sie sich getraut, doch, dann wäre das Geld für das Ticket, herausgeworfenes Geld und das kann sie sich als Lehrerin nicht leisten.
Für den Besuch in einer Kneipe ist es noch zu früh. Sie spaziert am Rhein entlang und hält Ausschau nach Schlafplätzen, falls der Abend nicht so laufen sollt, wie sie es erhofft. Unter einer Brücke könnte sie zur Not schlafen, aber es währe sehr ungemütlich. Den letzten Zug nach Worms wird sie auf jeden Fall verpassen.
Endlich wird es dunkel. Jetzt macht sie sich auf die Suche nach einer geeigneten Kneipe. Den alltagstauglichen Rock hat sie bereits ausgezogen, sie fühlt sich nackt und ist verunsichert. In der ersten Kneipe wird sie abgewiesen, alle Plätze sind reserviert.
«Fräulein, versuchen sie es in der Glocke!», gibt ihr der Kellner einen Hinweis. Zum Glück zeigt er ihr noch die Richtung an.
Nach der nächsten Strassenkreuzung sieht sie das Schild, respektive die goldene Glocke, welche über der Türe hängt.
Noch einmal schnellt ihr Puls in die Höhe. Am liebsten möchte sie umkehren, doch sie wagt es und tritt ein. Es herrscht bereits viel Betrieb. Es gibt ein lange Bar, an welcher die Leute stehen und miteinander reden und an der Wand einige Tische.
Sie stellt sich etwas abseits an, als ob sie etwas zum Trinken bestellen möchte, es aber nicht schafft, dem Barmann ihre Bestellung durchzugeben. Es ist ihr recht so, sie will gar kein Bier, schon gar nicht, wenn sie es selber bezahlen müsste.
Während dem Warten beobachtet sie die Männer. An einem Tisch fallen ihr vier dunkelhaarige Männer auf. Das sind sicher keine deutschen, das wäre der Idealfall, so kann sie kritischen Fragen ausweichen. Sie verschiebt sich an der Bar so, dass sie von den Männern gesehen werden muss. Es dauert noch unendlich lange, bis einer auf sie aufmerksam wird.
«Fräulein, darf ich sie an unseren Tisch einladen?», fragt er in holprigem Deutsch.
Sie spielt kurz die Überraschte, dann willigt sie ein. Ein Stuhl wird dazwischen geschoben. Jetzt wird ist etwas eng, den Männern gefällt’s.
«Wünschen Fräulein ein Glas Wein?»
«Gerne», sie ist froh, dass es kein Bier gibt, Wein ist natürlich vornehmer.
Langsam kommt Stimmung auf. Die vier Herren sind französische Beamte, welche die Lieferung der Reparationen überwachen. Sie fühlt sich wie eine Verräterin, doch im Lokal scheint es niemand zu stören. Die Herren fühlen sich hier wie zuhause. Von der Unterhaltung bekommt sie nicht viel mit, sie hatte in der Schule Lektionen in der französischen Sprache, doch wenn die Franzosen unter sich sprechen, kann sie nur erahnen, um was es geht.
Wenn sie auch nicht direkt mit ihr sprechen, so sind zumindest ihre Hände aktiv. Anfänglich berühren sich ihre Hände, später auch mal ihre Beine. Ihre Blicke sind auch mit ihrem Dekolleté beschäftigt. Durch ein leichtes Vorbeugen erleichtert sie, es den Männer, das zusehen, was sie wollen.
Nach dem dritten Glas Wein, wird sie auch schon mal herzlich umarmt, dabei wird auch ihr Busen gestreift. Ab und zu spielt sie eine Abwehrbewegung vor, aber immer nur so heftig, dass die Männer nicht am nächsten Versuch gehindert werden. Sie ist schon erregt, sowas hatte sie, seit ihr Mann in den Krieg gezogen ist, nicht mehr erlebt. Genau genommen, hat sie noch gar nie eine solche Erregung gespürt. Sie ist zu einem Abenteuer bereit, nur weiss sie nicht, welchem der vier Herren sie ihre Gunst schenken soll, aber das ist nicht wichtig, die Herren werden sich ihre Beute schon aufteilen.
Was das Bezahlen von Wein angeht, herrscht jetzt Gleichstand, jeder hat ihr ein Glas spendiert, entsprechen locker ist ihre Stimmung. Sie ist bereit und geniesst es, wenn eine Hand an ihrem Oberschenkel soweit hochfährt, dass es eigentlich gegen die gute Moral verstösst.
Langsam leert sich die Kneipe und auch die Franzosen rüsten zum Aufbruch. Wie selbstverständlich wird sie von zwei Männer in die Mitte genommen und ohne gross zu fragen, marschieren sie los.
Zwei Querstrassen weiter, bleiben sie vor einem Haus stehen. Einer steckt den Schlüssel ins Schlüsselloch und öffnet die Tür. Als ob es selbstverständlich ist, führen sie Lollo, wie die Franzosen sie inzwischen nennen, nach oben.
Auf was hat sie sich da eingelassen? Das ist ja noch viel schlimmer, als sie es sich ausgedacht hatte. Die Möglichkeit, dass sie heute wieder einmal ein Mann spüren kann, steigt gewaltig.
Die Überraschung wird noch grösser, als sie feststellt, dass sie nur ein sehr kleines Zimmer bewohnen, in dem vier Betten eng beieinander stehen. Das kann ja heiter werden. Die vier Gläser Wein und die lange Zeit der Enthaltsamkeit tun ihre Wirkung.
Irgendwann muss sie dann eingeschlafen sein. Als sie wieder aufwacht, ist es draussen schon hell. So langsam begreift sie, was hier los ist.
Irgendwie muss sie hier weg, nur wie? Sie gibt den Männern durch Zeichen zu verstehen, dass sie gehen muss. Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet sie sich von jedem, dann geht's hinaus auf die Strasse. Der Bahnhof ist nicht weit. Sie bemerkt, dass ihr Korb mit Köstlichkeiten gefüllt ist! Sie wuchtet ihn auf den Kopf und marschiert los.
Im Zug nach Worms schaut sie sich ihren Lohn nochmals an, das sind ja richtige Schätze. Dabei schämt sie sich und wäre am liebsten im Boden versunken. Sie lehnt sich im Sitz zurück. Das Zugsabteil ist leer. Nun kommen nochmals Schuldgefühle auf. Muss sie die Ereignisse der letzten Nacht dem Priester beichten? Sie könnte ja ein bisschen schummeln. Aber nein, besser gar nichts erwähnen. Das letzte Mal, als sie das heikle Thema der Wünsche einer Witfrau beichtete, verkaufte ihr der Priester eine dicke Kerze mit dem Hinweis, sie frühestens in einem Jahr anzuzünden. Die Kerze steht immer noch neben ihrem Bett.
Am nächsten Montag steht sie wieder vor ihrer Klasse. Sie ist wieder die Lehrerin. Sonntagabend hatte sie mit den Geschenken einen Kuchen für die Kinder gebacken, den sie in der Pause verteilt. Wenn die Kinder eine Ahnung hätten, wie sie zu den Zutaten gekommen ist, sie würden sich wundern und noch mehr ihre Eltern.
Mittlerweile kommt sie mit der Klasse gut zurecht. Die meisten können schon recht gut lesen. Willi macht sich gut, ihm gefällt es in der Schule besser als Zuhause. Sein Vater bevorzugt die strenge Erziehung. Eben wie zu Kaiserszeit. Ein deutscher Junge muss gehorchen. Disziplinen ist alles, dass der Spass auf der Streckte blieb, ist für den Vater unwichtig. Auch nachdem der Kaiser abgedankt hatte, ist er immer noch stolz, dass eine Cousine von ihnen, in die Kaiserfamilie eingeheiratet hatte. Doch eines hat Willi den anderen Kinder voraus, bei ihm Zuhause gibt es immer genug zu essen. Dafür ist die Tischzeremonie eher mit einer Kaserne zu vergleichen, als mit einem Familientreffen.
Das erste Schuljahr geht zu Ende. Frau Kunz oder besser gesagt, Witwe Kunz, ihr in Worms üblicher Name, muss den Kindern Noten in die Zeugnisse schreiben. Etwas das sie gar nicht gerne machte, aber es muss sein. Seit ihrem Mannheimer Abenteuer ist sie ruhiger geworden. Ihre Schuldgefühle hat sie verdrängt. Anfänglich hatte sie Probleme mit der Feststellung, dass die Franzosen sie benutzt haben. Mittlerweile ist sie zur Überzeugung gelangt, dass sie die Männer benutzt hatte! Das macht es ihr wesentlich leichter, das Geschehene zu verarbeiten. Die Nacht in Mannheim ist aus dem Gedächtnis verschwunden.
Mit der Übergabe der Zeugnisse ist auch ein Gespräch mit den Eltern verbunden. Nervös erwartet sie Willis Vater. Hoffentlich vergisst sie nicht seinen Sohn Wilhelm zu nennen, obwohl er in der Klasse nur der Willi ist. Sie ist sicher, dass sein Vater davon noch nichts weiss. Da Wilhelm ausschliesslich gute Noten bekommt, ist sein Vater sehr stolz und als Folge davon, auch mit der Lehrerin zufrieden.
«Ich hoffe doch», meint er zum Abschluss des Gesprächs, «dass sie weiterhin sehr streng sind! Manchmal habe ich den Eindruck, dass er hier ein Herrenleben geniesst. Also nicht nachlassen und das Handgelenk entsprechend einsetzten.»
«Machen Sie sich keine Sorgen», sagt sie und reicht ihm die Hand zum Abschied, «die Kinder wissen genau, wo die Grenzen liegen und das nächste Jahr wird noch strenger.»
Der nächste Vater, welcher das Zeugnis besprechen muss, macht ihr mehr Sorgen. Der Vater von Joshua, er ist Uhrenmacher. Vor vier Monaten ist sein Frau bei der Geburt des zweiten Kindes samt Kind gestorben. Die Frau ist ihr am ersten Schultag aufgefallen, weil sie schwanger war. Den Mann hatte sie damals nicht gesehen. Natürlich war sie an der Beerdigung der Mutter und dem Kind von Joshua, hielt sich aber im Hintergrund. Sie hatte dem Mann kondoliert. Er war gebrochen. Keine Ausstrahlung und hatte keine Lebenskraft mehr.
Nun wird sie ihn erneut treffen. Das Zeugnis gibt keine Probleme. Joshua ist ein guter Schüler. Trotzdem wühlt sie das Treffen innerlich auf. Immerhin ist es ein Mann und soweit sie ihn in Erinnerung hat, war er nicht vom Krieg gezeichnet. Es klopft an der Tür, das muss er sein.
«Grüsse Gott Witwe Kunz», grüsst er und steckt ihr seine feingliedrige Hand entgegen, «ich bin Joshuas Vater.»
«Grüsse Gott Herr Goldberg, setzen sie sich. Die Bänke sind für uns Erwachsene etwas klein, aber die sind ja für die Kinder gedacht», entschuldigt sie sich.
Herr Goldberg ist eine stattliche Erscheinung, ihr fallen sofort seine dunklen Augen auf, welche sie freundlich mustern.
«Ich möchte mich noch bedanken», beginnt Herr Goldberg das Gespräch, «bedanken dafür, dass sie an der Beerdigung meiner Frau waren. Sie blieben im Hintergrund, das ist auch angepasst. Trotzdem ich habe es bemerkt! – Danke!»
«Das war doch selbstverständlich», erklärt Witwe Kunz, «wie kommen sie zurecht?»
«Es geht so, meine Schwester hat für Joshua die Mutterrolle übernommen, so geht es einigermassen. Ich kann auch viele Uhren nachts reparieren, dann schläft der Kleine.»
«Das ist natürlich ein Vorteil, wenn man einen eigenen Laden führt», meint sie und ist froh dass das Gespräch lockerer wird.
Schliesslich kommen sie auf das eigentliche Thema, nämlich Joshua zu sprechen. Da gibt es mehrheitlich positive Dinge zu erwähnen.
«Gut er ist noch etwas schüchtern, doch das ist kein Nachteil.»
Das Gespräch verläuft eigentlich, wie mit den anderen Jungs und doch sie sitzt sehr unruhig auf ihrem Stuhl. Sie hat nicht mehr oft Gelegenheit mit einem Mann allein zu reden und das macht sie nervös. Manchmal ist ihre Hand nur Millimeter von seiner entfernt. Eine ungeschickte Bewegung und sie könnten sich berühren. Doch beide vermeiden diese Geste.
Nach dem alle Themen durch sind, verabschiedet sich Herr Goldberg mit einem Händedruck, aber diese Berührung ist nicht dasselbe, wie wenn man sich zufällig gestreift hätte. Nun ist es zu spät, das schöne Gefühl, sich mit einem Mann allein zu unterhalten ist vorbei. Noch warten zwei Mütter zum Gespräch über ihre Töchter, dann ist sie fertig.
Nachts im Bett hat sie Mühe einzuschlafen. Schliesslich streicht sie Herr Goldberg endgültig aus dem Gedächtnis, er hat kein Interesse. Für ihn wäre es ein leichtes gewesen, die Hand leicht zu verschieben, doch er hat es nicht getan. Das Leben in Deutschland ist so schon hart genug. Alles wird teurer. Natürlich ist auch ihr Gehalt gestiegen, doch die Lohnerhöhung kommt immer zu spät, unter dem Strich bleibt immer weniger.
Im Amtshaus /1922
«Herr Wolf sofort in den Ratssaal», ruft die Sekretärin des Bürgermeisters, «schnell es herrscht dicke Luft!»
Nach rund zehn Minuten ist der Ratssaal mit diskutierenden Männern gefüllt. Alle sind da, nur der Bürgermeister fehlt noch, aber seine Schritte hallen schon durch den Gang. Schon sein Tritt verrät, dass er schlechte Laune hat.
«Sind alle da?», ruft er in den Saal, ohne die Antwort abzuwarten, legt er los, «meine Herren, wir haben ein Problem, die Gewerkschaft hat zum Streik aufgerufen. Wir müssen mit Unruhen rechnen. Die Preise steigen monatlich und nun verlangt die Gewerkschaft, dass der Lohn angeglichen wird. Es ist zum einen ein Problem der Stadt Worms, aber in den anderen Städten ist es ähnlich. Will sich jemand dazu äussern?»
«Das linke Pack sollte man einsperren», ereifert sich Herr Wolf, «zur Zeit des Kaisers, hätte man nicht lange gezögert.»
Im Saal wird es laut, die kaisertreue Zentrumspartei hat im Stadtrat zwar eine knappe Mehrheit, doch bei den letzten Wahlen haben die Sozialisten zugelegt. Deshalb arbeiten jetzt auch einige Linke im Stadthaus und die protestierten gegen das Votum von Wolf.
Der Bürgermeister lässt die erregte Diskussion eine Zeitlang laufen, dann erhebt er die Stimme: «Wir wollen uns doch nicht selber in die Haare geraten. Was wir brauchen sind konkrete Vorschläge. Denken sie daran, unsere Partei steht für christliche Werte ein.»
Die Diskussionen in kleinen Gruppen gehen weiter. Wolf hält sich zurück. Er hat die bösen Blicke einiger Mitarbeiter gesehen. Einigen ist durchaus zuzutrauen, dass sie handgreiflich werden. Zudem käme auch ihm eine Lohnerhöhung gelegen, es ist wirklich so, alles wird teurer.
Nach einer halbstündigen Sitzung, einigt man sich darauf, dass zumindest die berechtigten Forderungen erfüllen werden müssen.
«Die Sitzung ist geschlossen!», verkündet er, «seid vorsichtig, bitte keine Provokationen. Die Stimmung ist heikel, ein Funke und es gibt eine Katastrophe. - Wolf kommen sie noch in mein Büro, wir müssen die finanziellen Möglichkeiten abklären.»
Schmitz holt noch das Kassenbuch. Den ganzen Vormittag sitzen sie über dem Kassenbuch und rechnen verschiedene Möglichkeiten durch.
«Also, wenn ich das richtig verstanden habe», fasst der Bürgermeister zusammen, «dann könnten wir zehn Prozent Lohnerhöhung verkraften. Die Gewerkschaft verlangt aber mehr. Meine Partei rät ebenfalls auf die Forderungen einzugehen.»
«Wenn wir auf fünfzehn erhöhen, brauchen wir einen Kredit von der Bank.»
«Richtig, im Moment sollte das kein Problem sein. Zudem werden, bei steigenden Löhnen auch die Steuern höher ausfallen, es gäbe also Mehreinnahmen. Auf lange Sicht, wäre es für die Stadt sogar von Vorteil. Das Problem ist, wenn wir die Löhne anheben, dann muss die Industrie nachziehen, die werden keine Freunde haben.»
«Der soziale Frieden ist mir sehr wichtig. Das sehen auch die Freunde in der Partei so. Sie meinen Geld kann man drucken, das kostet nicht viel. Wir halten uns an die Richtlinien der Zentrumspartei und gehen auf die Forderung ein. Die Wirtschaft angekurbelt ist im Moment das Wichtigste. Nur das garantiert den sozialen Frieden.»
«Wenn sie meinen», nickt Wolf, «bestellen wir bei der Zentralbank einige tausend Mark und füllen damit die Lohntüten der Arbeiter. So kurbelt man die Wirtschaft an, haben Sie dabei keine Bedenken?»
«Ich halte mich an die Weisungen der Partei», erklärt der Stadtpräsident, «wenn die sagen, wir sollen auf die Forderungen eingehen, dann machen wir das so.»
«Ist mir auch recht», willigt Wolf ein, «ich werde mich um die Kredite kümmern.»
«Übrigens!», wendet sich der Bürgermeister an Wolf, «die Zeit des Kaisers ist vorbei! Das sehen sogar die in der Parteileitung so. Bedenke, dass es der Kaiser war, der uns diesen Scheisskrieg aufgedrängt hatte. Jetzt sind andere Zeiten, wir müssen uns jetzt mit dem Frieden arrangieren.»
«Ich meine nur, zur Zeit des Kaisers ging es uns noch gut.»
«Vor dem Krieg vielleicht, aber auch da nicht allen.»
«Ja den Revoluzzern, die sich nicht anpassen wollten. Aber die waren selber schuld.»
«Du bist unverbesserlich Wolf! Die Zeiten haben sich geändert. Bedenke, - unsere Partei vertritt die Kirche und die muss den Armen und Schwachen helfen.»
«Ja vielleicht, aber wenn jeder machen kann was er will, wo kommen wir da hin?»
«Ist gut Wolf, du änderst dich wohl nie! Geh und kümmere dich um den Kredit.»
Als Wolf zum Mittagessen nach Hause geht, muss er sich durch eine Menschenmenge drücken. Die Stimmung ist gereizt. Noch scheint sich nicht herumgesprochen zu haben, dass die Löhne steigen. Möglichst unauffällig drückt er sich vorbei und erreicht die Querstrasse, an der sein Haus liegt.
Sein Frau Rosa ist bereit für das Mittagessen. Auch Wilhelm sitzt bereits mit gewaschen Händen am Tisch.
«Wegen diesen asozialen Kerlen kommt man noch zu spät zum Mittagessen», brummt er. Dann spricht er das Tischgebet und kurz danach, schöpft ihm Rosa einen Löffel voll Gemüsesuppe in den Teller. Es wird kein Wort gesprochen, jeder löffelt den Teller leer.
Danach wird Schmorbraten mit Kartoffeln serviert. Erst als Rosa mit einer Tasse Kaffee erscheint, ist das Sprechverbot aufgehoben.
«Wie war es in der Schule?»
«Wir lernen jetzt die Zahlen über tausend. Es sei nötig, sonst können die Kinder nicht mal einkaufen gehen.»
«Soll das eine Anspielung sein? - Ich muss wohl mit Ihr sprechen. Sie soll sich aus der Politik heraushalten.»
«Das ist nicht Politik», verteidigt Rosa die Lehrerin, «man ist heute bei vielen Einkäufen schnell bei eintausend Mark. Es macht also Sinn, wenn die Kinder lernen mit diesen Zahlen umzugehen.»
«Ist ja gut», brummt der Vater.
«Heute Abend könnten wir doch ins Kino gehen, es läuft ein Film von ...»
Weiter kommt Rosa mit ihrem Vorschlag nicht. Franz unterbricht sie und erklärt, in keinem Widerspruch duldendem Ton, dass heute Donnerstag ist und er in den Schachklub muss.
«Dieses neumodische Kino sagt mir nichts.»
«Du warst ja noch gar nie im Kino», stellt Rosa mutig fest, «alle gehen hin.»
«Ich bin eben nicht wie alle», erklärt er leicht erzürnt, aber bestimmt, «dieses amerikanische Kino brauchen wir nicht. Pasta!»
Damit ist das Thema erledigt, jede weitere Diskussion erübrigt sich. Er trinkt seinen Kaffee aus und macht sich auf den Weg ins Stadthaus, dort wartet eine Menge Arbeit. Rosa schaut ihm noch nach, bis er das Gartentürchen schliesst. Mit einem Winken verabschiedet sie sich. Ihr Franz ist schon ein toller Mann.
Am Sonntag, gleich nach dem Frühstück, lässt Franz vom Wilhelm den Leiterwagen aus dem Schuppen holen. Noch vor Sonnenaufgang marschieren sie los.
Rosa hat etwas zum Mittagessen eingepackt. Nach einer guten Stunde erreichen sie den ersten Bauernhof. Den Bauer finden sie im Stall, nicht beim Melken, er ist bereits am ausmisten.
Der Bauer ist misstrauisch. Was wollen diese Städter hier? Nach einem kurzen Gespräch übers Wetter und die zu erwartende Ernte, kommt Franz auf das Wesentliche zu sprechen. Er will möglichst viele Kartoffeln kaufen, natürlichen nur, wenn der Preis stimmt.
Nach einem Schnaps in der Stube des Hofs, ist das Geschäft abgeschlossen, beide schlagen ein. Franz hat soeben dreihundert Kilo Kartoffeln gekauft. Mit dem Leiterwagen kann er die natürlich nicht mitnehmen. Der Bauer liefert sie nächste Woche mit dem Fuhrwerk, das Geld blättert Franz bereits auf den Tisch.
Vater und Sohnemann machen sich auf zum nächsten Hof. Bis zum Abend kauft Franz noch weitere fünfhundert Kilo Kartoffeln und die gleich Menge Mehl. Auch das wird geliefert. Im Leiterwagen liegen bereits fünf grosse Schinken. Damit geht es jetzt nach Hause. Wilhelm hatte an diesem Tag ausreichend Gelegenheit bis tausend Mark zu rechnen. Franz geht ein grosses Risiko ein, er hat heute sein Bargeld in Waren umgesetzt.
«Davon erzählt du niemanden etwas», erklärt er Wilhelm, «das bleibt unser Geheimnis.»
Am Montag muss Franz wieder ins Stadthaus. Nach dem Nachtessen haben er und sein Sohn zu tun. Sie Räumen den Schuppen aus. Die Gartengeräte werden hinter dem Häuschen draussen gestapelt. Im Häuschen macht er Platz für das Mehl. Die Kartoffeln kommen in den Keller.
Die restlichen Tage der Woche ist er selten in der Schreibstube des Stadthauses anzutreffen. Er muss bei den Banken über den Krediten für die Stadt verhandeln. Bei dieser Gelegenheit beschafft er sich ebenfalls Kredite für sich. Er beleiht sein Haus mit einer zusätzlichen Hypothek. Genau so hoch, wie die Banken noch gewährt.
Am nächsten Sonntag marschieren die beiden wieder los. Diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Nochmals wird tüchtig eingekauft. Diesmal ist Franz an Äpfel und Käse interessiert. Erschöpft kommen die beiden abends nach Hause und Rosa macht ihnen ein ausgiebiges Nachtessen. Wilhelm fällt todmüde ins Bett.
Nun brauchen sie nur noch zu warten bis die Preise steigen. Der Schuppen ist voll mit Lebensmitteln. Regelmässig kontrolliert er, dass keine Äpfel faulen oder sich Schimmel verbreite. Es läuft gut, es gibt ab und zu ein Apfel bei dem sich ein Flecken zeigt. Diesen sondert er aus und bringt ihn Rosa, die bäckt damit einen Apfelkuchen.
Im Januar 1923 steigen die Preise so stark an, dass er die ersten Verkäufe mit gutem Gewinn tätigen kann. Soll er damit die Schulden tilgen? Neue Lebensmittel kann er jetzt nicht kaufen, das lohnt sich nicht mehr, die sind schon zu teuer. Schulden tilgen ist ebenfalls nicht nötig, die Zinsen sind weiterhin tief. Er entscheidet sich zum Kauf von einer Tonne Kohle. Er muss nur noch einen Ort finden, wo er sie lagern kann. Im Winter wächst im Garten eh nichts, er lässt die Tonne Kohle im hintern Teil des Gartens zu einem Haufen aufschichten, dann organisiert er Wellblech, um sie vor der Nässe zu schützen.
Inflation /1923
Im Stadthaus herrscht Panik. Die Kredite müssen laufend erhöht werden. Franz macht sein Möglichstes. Die Löhne der Beamten steigen mit der Teuerung ohne dass die Steuereinnahmen im gleichen Masse ansteigen. Zum Glück gewährt die Landesbank weitere Kredite. Die lassen die Druckerpresse für Banknoten Tag und Nacht laufen. Zudem gelangen neu Banknoten mit höherem Wert in den Umlauf. Franz reibt sich die Hände, je stärker die Teuerung zunimmt, umso höher ist der Wert seiner im Schuppen gelagerten Güter.
Die einzigen Ausgaben für die Stadt welche sinken, sind die Unterstützungsgelder für Arbeitslose. Die sind im abklingen und haben sich im letzten Halbjahr um die Hälfte reduziert. So gesehen ist diese Geldflut ein Segen, es gibt wieder Arbeit.
Der Bürgermeister ist zufrieden. Die Arbeiter sind ruhig gestellt, der Wiederaufbau nach diesem furchtbaren Krieg kommt voran. Der Staat finanziert mit dem neu gedruckten Geld, grosse Projekte. Eisenbahnen, Strassen und Brücken werden wieder aufgebaut. Es gibt genug zu tun und dank der neu eingeführten fünfzig Stunden Woche wurde die Arbeit auf mehrere Arbeiter verteilt.
Am Morgen des elften Januar beginnt der Telegrafenapparat im Büro des Bürgermeisters zu tickern. Die Sekretärin zieht den Papierstreifen aus dem Gerät und beginnt zu lesen.
«Französische und belgische Truppen marschieren über die Grenzen», liest sie dem Bürgermeister vor.
Franz, der eben das Büro des Bürgermeisters betritt, erschrickt. Die Franzosen könnten ihm gefährlich werden. Er kann nur hoffen, dass die sein Lager nicht finden, sonst könnte es ungemütlich werden.
«Was meinst du Wolf», fragt der Bürgermeister, «sollen wir uns wehren?»
«Hätten wir eine Chance?»
«Militärisch sicher nicht, es bleibt wohl nichts anderes übrig, als zu kuschen.»
«Aber wir sollten es den Eindringlingen so schwer wie möglich machen.»
«Ich werde bei der Parteileitung nachfragen, wie wir uns verhalten sollen, noch sind die Soldaten nicht in Worms.»
«Die Partei rät zu passivem Widerstand!», erklärt der Bürgermeister, nachdem das Telegramm von seinem Parteifreund eingetroffen ist.
«Schnell gesagt», meint Wolf, «wie macht man das?»
«Einfach so weiterarbeiten wie du immer arbeitest!», meint der Bürgermeister scherzhaft, «nur nichts überstürzen. Das kannst du doch recht gut?»
Franz findet den Scherz seines Chefs unangebracht und gibt keine Antwort. Er geht zurück in sein Büro. Was soll’s, noch hofft man darauf, dass die Franzosen nicht bis Worms kommen.
Die Hoffnung verfliegt drei Tage später, als die ersten Lastwagen mit Soldaten in Worms eintreffen. Sie stoppen direkt vor dem Stadthaus. Ein Offizier meldet sich beim Bürgermeister und verlangt ein Quartier für seine Soldaten.
«Franz, kümmere dich darum», befiehlt er Franz, indem er seine Bürotür einen Spalt öffnet.
«Ich komme gleich», meldet Franz pflichtbewusst, lässt sich aber noch Zeit, er will die Geduld der Franzosen auf die Probe stellen. Bereits nach fünf Minuten ist die Geduld des Offiziers zu Ende und er kommt wütend in das Büro von Franz.
«Alle vite!», schreit er und verschafft sich mit einem Griff an die Pistole Respekt.
Inzwischen hat Franz nachgedacht, auf der anderen Seite der Stadt gibt es eine grosse Lagerhalle, die kann man vielleicht herrichten. Für ihn ist wichtig, dass das Lager der Franzosen möglichst weit weg von seinem Schuppen liegt. Mit Wilhelm hatte er die vergangenen Tage dazu genutzt, den Schuppen zu tarnen. Gut den Schuppen kann er nicht verstecken, aber zumindest sind die Gartengeräte wieder im Schuppen und versperren die Sicht auf die gelagerten Lebensmittel.
Er gibt dem Offizier ein Zeichen, ihm zu folgen. Im Vorbeigehen informiert er den Bürgermeister über seinen Plan. Der gibt sein Einverständnis, er ist froh, wenn er sich nicht mit Details herumschlagen muss.
Franz fährt mit dem Fahrrad voraus. Bewusst nimmt er den schlechten Weg, welcher dem Lastwagen einige Probleme bereitet. Wenn es gerade günstig ist, versteckt er sich kurz, nach einigen Minuten kommt er aus einer Seitenstrasse und spielt den unschuldigen. Die Fahrt zur Lagerhalle dauert beinahe doppelt so lange, wie auf dem kürzesten Weg. Die Franzosen sind sichtlich genervt, machen aber gut Mine zum Spiel.
Stolz präsentiert Franz dem Offizier die grosse Halle. Mit Handbewegungen zeigt er an, dass reichlich Platz vorhanden ist. Immerhin scheint der Offizier mit der Halle zufrieden. Er hat mit einem kleinen Keller gerechnet. Gut, gemütlich ist es hier nicht, aber das kann man ändern, zumindest ist es trocken.
Die nächsten Tage besucht er die Franzosen regelmässig und fragt, ob er etwas für sie tun könnte. Meistens kann er ihre Wünsche erfüllen, wenn es auch immer sehr lange dauert, aber das sind die Franzosen von Haus aus gewohnt.
Schlimmer für Franz ist, dass der Offizier täglich in seinem Büro auftaucht und die Bücher studiert. Er will sich ein genaues Bild über die Finanzen der Stadt machen. Jeder Posten in der Finanzbuchhaltung wird überprüft, ob nicht etwas für die Besatzer abfällt. Der Kohlenkeller im Stadthaus wird zur Hälfte geplündert. Man muss bereits die Heizung zurück drehen.
Langsam spielt sich die Zusammenarbeit mit dem Feind ein. Franz ist gut angesehen, schliesslich ist er zuständig, wenn der Offizier etwas braucht. Das gibt ihm eine Sonderstellung, dank der kommt er sehr früh an wichtige Informationen. Geschickt gelingt es ihm, die Franzosen von seinem Haus fern zu halten.
Was das Verkaufen seiner Schätze betrifft, braucht Franz Geduld. Der Winter ist streng und ab März lassen sich sowohl Lebensmittel, als auch Kohle mit viel Gewinn verkaufen. Wieder hat Franz das Problem, dass er viel Bargeld besitzt. Neue Ware zu kaufen ist ungünstig. Er steigt notgedrungen auf Tauschhandel um. In seinem Schuppen verändert sich das Lagermaterial. Aus Lebensmittel werden jetzt Gebrauchsgegenstände. Natürlich nur solche, die ihren Wert behalten, dabei sind Uhren und Schmuck besonders interessant. Was nützt einem ein goldener Ring in der Schatulle, wenn der Magen knurrt. Da ist es ein Leichtes, solche Gegenstände für Lebensmittel einzutauschen.
Bis zum Frühling müssen sowohl die Kohlen, als auch die Lebensmittel verkauft sein. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass es bei Franz immer etwas zu handeln gibt. Er muss den Käufern nicht nachrennen. Natürlich bleibt nicht verborgen, dass sich in seinem Schuppen die Wertgegenstände anhäufen, auch wenn er bemüht ist, dass die Wertsachen gut versteckt sind. Zur Sicherheit hat er sich einen Schäferhund zugelegt. Der Wilhelm muss sich um den Hund kümmern. Vor dem Kauf hat er sich informiert, dass dieser sehr aggressiv und wachsam ist. Es dauerte einige Zeit, bis er Wilhelm als Chef akzeptierte. Auch Franz gehorcht der Hund inzwischen aufs Wort.
Nachts ist der Hund beim Schuppen angekettet, die Kette ist lang genug, dass er den Schuppen verteidigen kann. Bereits das Knurren reicht meistens aus, um Diebe abzuschrecken. Jeder der am Garten vorbei geht, wird so angebellt, dass er sofort weiter zieht.
Das grössere Problem ist, dass im Stadthaus niemand von seinen Schuppen erfährt. Jeder der ihn im Stadthaus fragt, ob er Lebensmittel verkauft, wird mit der Bemerkung: Woher sollte er die haben? abgewiesen. Nur wer ihn zuhause oder auf dem Weg zum Schachklub fragt, hat Aussichten bei ihm etwas zu kaufen. So läuft nun mal der Schwarzmarkt, das weiss inzwischen jeder. Schwarz einkaufen muss gelernt sein.
«Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Millionäre werde», konstatiert Franz, als ihm der Stadtpräsident den Wochenlohn aushändigt, «jetzt verdiene ich bereits in einer Woche fast zwei Millionen.»
«Ja aber du musst es gleich ausgeben, sonst hat es Ende Woche nur noch die Hälfte Wert.»
«Daran gewöhnt man sich», meint Franz, er lässt sich nicht anmerken, wie ihm das Steigen der Preise gefällt, «ich bin gespannt, wann die erste Milliardennote herausgegeben wird. Man braucht bereits eine Tasche um zum Einkaufen zu gehen, nicht wegen dem Einkauf, nur damit man genug Geld dabei hat.»
«Irgendwie müssen wir das wieder stoppen», sinniert der Stadtpräsident, «so kann es nicht weiter gehen.»
«Wieso? -hast du von deinen Parteifreunden irgendwelche Informationen?», fragt Franz nach, «ist da etwas im Busch?»
«Offiziell nicht», wehrt der Stadtpräsident ab, «aber so kann es nicht weitergehen.»
Franz spitzt die Ohren, er muss vorsichtiger werden. Nun, egal was passiert, wer die Waren hat, ist besser daran, als die mit einer Schubkarre voll Banknoten. Jetzt muss er aufpassen, auf jeden Fall muss er anfangen die Schulden zu begleichen. Vielleicht läuft es bald in die andere Richtung.
Mit der vollen Lohntasche geht er bei Arbeitsschluss zur Bank. Mit einem Wochenlohn kann er die erste Hälfte seiner Schulden bezahlen. Da er den Bankbeamten gut kennt, vereinbart er, dass der Schuldbrief so getilgt wird, als ob es ihn nie gegeben hat. Für den Bankbeamten kein Problem, es spart ihm eine Menge Schreibkram. Der Kredit verschwindet einfach aus den Büchern, das merkt keiner, die Abrechnung stimmt trotzdem.
Die nächste Woche kann die Familie von den Lebensmitteln im Schuppen Leben, da ist noch genug da. Eine Woche später sind die Schulden ganz getilgt, das Haus gehört jetzt ihm. Er lacht sich ins Fäusten, vor drei Jahren, als er das Haus gekauft hatte, musste er hunderttausend Mark aufnehmen, mühsam stotterte er jede Woche etwas ab, doch dann kam seine Chance, er investierte alles Geld in Waren, jetzt hat er ausgesorgt. Im Schuppen lagern viele Uhren und Schmuck, dazu Nähmaschinen und sogar drei Motorräder, die kommen jetzt in Mode.
Als Franz drei Wochen später im Stadthaus zur Arbeit erscheint, ruft ihn der Stadtpräsident zu sich ins Büro.
«Es ist etwas am Laufen», erklärt er mit wichtiger Mine, «ich denke der Mark geht es an den Kragen, die wollen in Weimar eine neue Währung einführen, jedenfalls vermutet das unser Parteipräsiden.»
«Was würde das für uns bedeuten?»
«Wenn ich das wüsste, vermutlich kannst du dann die Markschein zum einheizen brauchen.»
«Und von was sollen wir dann Leben»?
«Von der Hand in den Mund, da ändert sich nicht viel, du musst ja jetzt auch dein Wochenlohn sofort in Ware umtauschen, sonst hat er nichts mehr Wert. Ich denke, die Ersparnisse kannst du vergessen, dafür kriegst du keine neuen Markscheine.»
«Das ist ja eine Katastrophe», jammert Wolf, «alles futsch.»
Dass er gar keine Ersparnisse mehr auf der Bank hat, braucht der Stadtpräsident ja nicht zu wissen. Das Vermögen von Franz ist sicher in seinem Schuppen verwahrt, da soll das neue Geld nur kommen, er hat genug Waren um zu tauschen.
Im Verlauf des Nachmittags tickern die ersten Informationen über den Telegrafen ein. Es wird eine Rentenbank ins Leben gerufen. Was das soll bleibt ein Rätsel, aber der Stadtpräsident hält es für eine wichtige Neuerung.
Am nächsten Morgen kann man es im Wormser Tagblatt lesen. Die Rentenbank beschlagnahmt den Boden von Deutschland, dieser soll als Sicherheit für die Währung dienen. Eine komplizierte Sache. Noch blickt niemand durch. Alle laufenden Hypotheken werden neu berechnet und der Zins muss an die Rentenbank bezahlt werden.
Von was und in welcher Währung dieser Zins bezahlt werden muss, ist noch offen. Die ersten Zahlungen werden erst in einem halben Jahr fällig. Im Schachklub vermutet man, dass bis dann eine neue Währung eingeführt ist. Aber noch weiss man nichts Genaueres.
«Witwe Kunz hat uns zum Schulabschluss eingeladen», erklärt sein Frau Rosa, als er nach Hause kommt, «sie gibt im nächsten Schuljahr die Klasse an einen anderen Lehrer ab, da möchte sie sich mit einer kleinen Feier im Schulhaus verabschieden.»
«Das finde ich sehr nett», stellt Franz fest, «da solltest du einen Apfelkuchen oder besser zwei mitbringen. Die meisten Kinder bekommen sehr wenig zu essen. Das hat mir Wilhelm am letzten Sonntag erzählt. Die meisten haben kriegsversehrte Väter zuhause, die kaum Arbeit finden.»
«Das finde ich ein guter Vorschlag», antwortet Rosa, «ich habe auch daran gedacht, war mir aber nicht sicher, ob ich an deine Äpfel darf.»
«Aber Rosa, bin ich denn ein solcher Geizkragen?»
«Manchmal schon», stellt Rosa fest, «aber das müssen Steuerbeamte wohl sein.»
«Ja, es sind harte Zeiten, da muss man sein Geld zusammenhalten, aber ein Apfelkuchen liegt drin, meinetwegen zwei.»
Am Freitagabend trifft sich eine bunte Gesellschaft im Schulhaus. Witwe Kunz kann einige Bänke und einen langen Tisch organisieren. So müssen sich die Erwachsenen nicht in die engen Schulbänke zwängen. Mit den Kindern hat sie den Tisch schön dekoriert. Als Tischdecken haben die Kinder Zeichnungen gemalt.
Der Anlass wird mit drei Lieder der Kinder eröffnet. Dann begrüsst Witwe Kunz die Eltern mit einer kurzen Ansprache.
Anschliessend stellen sich die Eltern kurz vor. Die kleine Feier kann beginnen. Witwe Kunz serviert den Kindern frische Milch. Für die Eltern entkorkt sie ein Flasche französischen Wein.
Wenn die wüssten, wie sie diese verdient hat, die Spiesser würden sich wundern und vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denken sie für sich.
Franz Wolf mit seiner Rosa sitzt neben den Uhrenmacher Goldberg, welcher zur Feier des Tages eine Flasche Schnaps auf den Tisch stellt. Witwe Kunz spielt die entrüstete. Schnaps, den sollen die Männer trinken. Zudem wird man sich einig, dass der Schnaps erst nach dem Kuchen eingeschenkt wird.
Die anfänglich etwas steife Atmosphäre wird, nachdem man mit dem Wein angestossen hatte und sich darauf geeinigt hatte, dass man sich mit den Vornamen anredet, etwas lockerer.
Dass Franz sich neben Josef setzte, ist kein Zufall. Josef könnte beim verkaufen der Uhren noch nützlich sein. Noch erwähnt er seine Uhren nicht. Das hat Zeit, sowas muss man im privaten Rahmen besprechen. Für heute reicht es, wenn man sich besser kennenlernt.
Witwe Kunz, Entschuldigung, natürlich Maria ist mit Rosa in ein Fachgespräch über Apfelkuchen und andere Kunstwerke, welche Rosa in ihrer Küche herzaubert, beschäftigt. Maria hört gespannt zu, denn ehrlich gesagt, ist sie nicht die beste Köchin. Für sich kocht sie nur einfache Mahlzeiten.
Die Stimmung wird immer lockerer. Hungrig muss niemand vom Tisch. Jetzt öffnet Josef die Schnapsflasche und schenkt ein. Die Proteste von Maria nutzen nichts, sie bekommt ebenfalls ein Glas und Josef achtet darauf, dass es auch gut gefüllt ist.
Während die Schüler zur Auflockerung noch ein Lied anstimmen, schunkeln die Erwachsenen dazu. Rosa fordert Josef auf, sich zwischen sie und Maria zu setzen. Ein kleiner Schauer durchläuft Maria, als Josef sie um die Hüfte anfasst. Jetzt ist diese Berührung, welche vor einem Jahr noch nicht zustande kam, doch noch Tatsache geworden. Noch fasst sie Josef eher zaghaft an, während Maria auf jedes Zeichen achtet. Natürlich ist Josef nervös und sehr scheu, doch je länger das Lied dauert, umso lockerer wird seine Umarmung.
Nun ist das Lied zu Ende, die anderen Gäste haben längst ihre Hände wieder auf den Tisch. Josefs Hand liegt immer noch um die Hüfte von Maria. Er tut einfach so, als ob er auf das nächste Lied wartet. Nur das kommt nicht, denn die Kinder schicken sich an, den Anlass zu beenden und beginnen mit wegräumen.
Die Hand von Josef, welche immer noch um ihre Hüfte gelegt ist, versetzt sie innerlich in heftige Aufregung. Sie wagt sich kaum zu bewegen, weil sie befürchtet, dass eine Bewegung von Josef falsch interpretiert werden könnte. Schliesslich nimmt sie allen Mut zusammen und streicht sanft über seine Hand. Nach ein paar Sekunden drückt sie sie leicht und signalisiert damit, dass es ihr gefällt.
Inmitten der beginnenden Aufräumarbeiten, sitzen die beiden immer noch da und geniessen den Augenblicke. Als es Maria auffällt, drückt sie nochmals fest die Hand von Josef und steht auf, um sich an den Aufräumarbeiten zu beteiligen. Etwas verwirrt hilft nun auch Josef und trägt den Abfall nach draussen.
Witwe Kunz steht jetzt an der Schulzimmertüre und verabschiedet die ersten Gäste. Den Kindern wünscht sie schöne Ferien und einen guten Start beim neuen Lehrer. Bei den Eltern bedankt sie sich und wünscht ihnen alles Gute. Joshua und Josef sind ganz am Schluss noch da und Josef verabschiedet sich mit einem festen Händedruck und einem tiefen Blick in Marias Augen.
«Haben Sie», er korrigiert sofort, «hast du Lust, einmal mit mir ins Kino zu gehen?»
Im letzten Moment kann er mit der Frage noch die Situation retten, mit leicht zitternden Knien wartet er auf die Antwort von Maria.
«Gern», flüstert sie, «ich melde mich bei dir, wenn ein Film läuft, der mich interessiert. Ich schaue dann mal in deinem Laden vorbei, ich weiss wo der liegt.»
«Bis später, ich freue mich», mehr bringt er nicht zustande. Er hat das Gefühl, dass ihn alle beobachten und das ist ihm peinlich.
Es dauert eine Woche bis sich Maria auf den Weg zum Uhrengeschäft von Josef macht. Als sie in das Geschäft tritt, bedient Josef noch einen Kunden. Sie muss warten und schaut sich im Laden um. Es sind wirklich schöne Uhren die in der Auslage liegen.
«Ach du bist es!», meint Josef, als er endlich den anderen Kunden loswird, «entschuldige, dass du warten musstest.»
«Ich will nicht lange stören», meint sie und tritt nervös von einem Fuss auf den andern, «im Kino bringen sie Der Glöckner von Notre-Dame, ich hätte den gern gesehen.»
«Wann hast du Zeit?»
«Wie wäre es mit heute Abend?»
«Ja gut, ich muss nur meiner Schwester Bescheid sagen, dass sie auf Joshua aufpasst.»
«Um acht Uhr im Restaurant Vorstadt, ist das für dich in Ordnung?»
«Ich freue mich, um acht Uhr, ich werde dort sein.»
Es reicht noch zu einem zarten Händedruck, dann betritt der nächsten Kunden den Laden und Maria tritt auf die Strasse. Es ist überstanden, das erste Mal seit Jahren, dass sie mit einem Mann verabredet ist. Sie hat noch Schulferien und den ganzen Nachmittag für sich. Sie schlendert durch Worms, etwas das sie schon lange nicht mehr gemacht hat. Beim Schneider lässt sie sich ein neues Kleid zeigen. Eigentlich kann sie es sich nicht leisten, sie wird es vom Essen absparen müssen, aber es steht ihr gut und passt wie massgeschneidert.
Als sie um zwei Minuten vor acht das Restaurant Vorstadt betritt, sitzt Josef an einem Tisch, von dem er gute Sicht auf den Eingang hat.
Mit einem strahlenden Lächeln winkt er ihr zu.
«Die Tickets habe ich schon, der Film fängt in einer halben Stunde an.»
Sie setzt sich zu Josef. Das erste Mal können sie ungestört miteinander reden. Die anderen Gäste in der Vorstadt kennen sie nicht und die interessieren sich nur für Fussball. Maria erzählt, dass sie mit einer Freundin zusammen, in einer kleinen Wohnung am Stadtrand wohnt.
Josef beklagt sich, dass sein Haus für ihn viel zu gross ist. Eigentlich möchte er eine kleinere Wohnung, doch sie gehört zum Laden dazu und liegt direkt über seinem Uhrengeschäft. Das ist natürlich sehr praktisch, er hat keinen langen Arbeitsweg.
Beinahe hätten sie vor lauter plaudern den Anfang des Films verpasst. Nun sitzen sie nervös im dunkler werdenden Kinosaal. Die Oberarme, berühren sich leicht. Josef wagt kaum sich zu bewegen. Endlich fängt der Film an.
Als Quasimodo die schöne Esmeralda entführt, schmiegt sich Maria schutzsuchend an Josef. Der legt jetzt seinen Arm um ihre Schulter und zieht sie zärtlich zu sich. Beide entschweben auf Wolke sieben. Vom restlichen Film bekommen sie nicht mehr viel mit. Sie haben mit sich selber zu tun.
«Wenn du willst kannst du bei mir schlafen», schlägt Josef vor, «der Joshua bleibt heute bei meiner Schwester.»
Jetzt geht es Maria doch etwas zu schnell, doch sie gibt sich einen Ruck. Wer mit vier Franzosen fertig wird, wird auch mit dem scheuen Josef fertig.
Die Währungsreform /1924
Bis im Herbst hat Franz sein Lager komplett von Lebensmittel in Wertgegenstände umgetauscht. Damit hat sich auch der Wert der Ware gesteigert und ist einfacher vor den Franzosen zu verbergen. Ein Teil der wertvollen Gegenstände hat er in eine Blechschachtel verpackt und im Garten vergraben. Danach hat er den Bereich des Gartens umgegraben und zu einem Gemüsebeet umfunktioniert.
Sorgen bereiten ihm die Nähmaschinen und die Mopeds. Die lassen sich nicht so einfach verstecken, deshalb hofft er, dass ihn die Franzosen weiterhin nicht besuchen. Trotz dem Risiko das er eingeht, fühlt er sich besser. Den Verlust der Mopeds könnte er verkraften und die Nähmaschinen hat er im Keller in einer Mauernische gut versteckt.
Im Amtshaus sind die Franzosen sehr gründlich. Alles was sich in Geld umwandeln lässt, wird beschlagnahmt. Er ist sich nicht sicher, ob die beschlagnahmte Ware, alle dem französischen Staat abgeliefert werden, aber das ist nicht sein Problem.
Wenn er am Morgen zur Arbeit im Büro erscheint, kontrolliert er als erstes die eingegangen Telegramme. Er wartet, dass die Regierung in Weimar endlich Massnahmen gegen die Inflationen einleiten, inzwischen zahlt man bereits mit Billionen. Nur, wie kommen sie aus dieser Spirale heraus? Die Rentenmark hat etwas Stabilität gebracht, doch die wirkt nur beim Bezahlen von grossen Beträgen, wie sie der Staat oder Industrieunternehmen leisten müssen. Auf der Strasse zahlt man immer noch mit der Papiermark. Allerdings nur theoretisch, in der Praxis läuft alles nur noch über den Schwarzmarkt im Tauschhandel.
Täglich erwartet Franz deshalb auf eine Reaktion aus Weimar. Wie die aussehen wird, kann er sich schlecht vorstellen. Beginnen die mit dem Drucken von Rentenmark?
Inzwischen hat sich ausbezahlt, dass es von seinem Kredit den er seinerzeit aufgenommen hatte, keine Belege gibt. Die Tilgung von Schulden mit Papiergeld wurde für ungültig erklärt und diese Schulden wurden in Rentenmark umgewandelt.
Wer seine Schulden offiziell mit Papiergeld auf Null abbezahlt hatte, sieht sich jetzt mit einer Hypothek in Rentenmark belastet.
Da Franz bei seiner Transaktion keine schriftlichen Spuren hinterlassen hat, wird keine Schuld angerechnet. Für die Behörden gehörte ihm das Grundstück schon vor dem Krieg, deshalb muss er nur für jeden Quadratmeter Fläche eine Grundgebühr entrichten.
Am 28. August 1924, einem Freitag, ist es soweit. Mit einem Telegramm informiert die Regierung, dass die Rentenmark in Reichsmark umgewandelt wird. Eine Rentenmark entspricht einer Reichsmark, dagegen lässt sich die Papiermark nur im Verhältnis von 4,2 Billionen zu eins in eine Reichsmark umtauschen. Da kommen einig schlecht weg, sie verlieren ihr ganzes Vermögen. Der offizielle Zeitpunkt der Einführung ist der 30. August. Ab Montag gibt es die Papiermark als Zahlungsmittel nicht mehr.
Endlich denkt Franz. Nun kann er daran denken, die Warenwerte in Geldwert umzutauschen. Es eilt allerdings nicht. Für die täglichen Ausgaben reicht der Lohn als Beamter aus. Der Bürgermeister hatte, nachdem er das Telegramm aus Weimar gelesen hatte entschieden, dass der Lohn diesmal nicht am Freitag in Papiergeld ausbezahlt wird, sondern erst am Montag. Bis dann sollten die ersten Noten in Reichsmark geliefert sein. Dies wurde im Telegramm zugesichert.
Am nächsten Samstagmorgen gräbt Franz im Garten seine ersten Uhren aus. Danach macht er sich auf den Weg zu Goldbergs Geschäft. In der Tasche hat er zwei teure Uhren. Er ist gespannt, wieviel ihm Goldberg bietet.
Als er eintritt klingelt das Glockenspiel, welches über der Türe aufgehängt ist. Noch ist niemand im Geschäft, so kann er sich etwas umschauen. Leider sind an den ausgestellten Uhren keine Preise befestigt. Aus der Werkstatt betritt eine Frau den Laden. Franz ist überrascht, damit hat er nun nicht gerechnet.
«Witwe Kunz, äh Maria», stammelte er etwas verwirrt, «was machen sie, äh, machst du den hier?»
«Ich werde in drei Wochen Frau Goldberg!», verkündet sie nicht ohne Stolz.
«Du heiratest Josef», fragt er erstaunt, «ja geht denn das?»
«Warum nicht?», fragt Maria.
«Du bist doch katholischen, wenn ich mich richtig erinnere.»
«Ich war katholischen», korrigiert Maria, «ich werde Jüdin.»
«Aber du kannst doch der Kirche nicht den Rücken kehren, das geht doch nicht.»
«Doch, ich war nie eine überzeugte Christin, ich hatte immer Zweifel am Papst. Zudem sagt der Rabi, welcher mich zur Jüdin macht, ich könne für mich denken was ich wolle. Es sieht ja keiner, aber als Josefs Frau muss der Schein gewartet bleiben. Die jüdischen Rituale muss ich mitmachen. Der jüdische Kochkurs hat mir sehr geholfen, ich konnte vorher gar nicht kochen.»
In dem Moment betritt Josef den Laden. Erstaunt begrüsst er Franz. Mit ihm hat er nicht gerechnet.
«Grüsse Gott Franz», er reicht ihm die Hand, «das ist eine Überraschung, hat dir Maria schon erzählt?»
«Dass ihr heiratet, ja das hat sie eben erzählt. Ich gratuliere, das ist eine Überraschung. - Gut wenn man bei der Abschlussfest genau hingeschaut hatte, so konnte man es erahnen.»
«Du bist also nicht zum gratulieren gekommen, was kann ich für dich tun? Brauchst du eine Uhr?»
«Nein, meine alte Taschenuhr läuft noch gut», dabei zieht er die Uhr an einer goldenen Kette aus der Jackentasche, «ich habe da von einer Tante ein Uhr bekommen, ich möchte sie dir verkaufen.»
Dabei zieht er eine Armbanduhren aus seinem Hosensack und streckt sie Josef hin. Der begutachtet die Uhr gründlich.
«Eine Tante hat sie dir vermacht? - Ein sehr schönes Kunstwerk, leider kann ich nicht soviel Geld investieren, meine Ersparnisse sind alle draufgegangen und jetzt noch die Hochzeit, es geht einfach nicht.»
«Das verstehe ich, wie wäre es, wenn du für mich die Uhr verkaufst? - Natürlich mit einer Provision.»
«Das liesse sich eher machen, allerdings verkaufe ich lieber die Uhren von meinem Lieferanten. Ich muss da eine gewisse Menge Uhren abnehmen, sonst bekomme ich schlechtere Konditionen.»
«Verständlich», Franz merkt, dass er Konzessionen machen muss, «du könntest dreissig Prozent für dich behalten.»
«Das ist zu wenig, das Geschäft läuft nur bei fünfzig zu fünfzig, das ist mein letztes Wort.»
Schliesslich einigen sie sich auf vierzig Prozent für Josef. Das ist mehr, als Franz gerechnet hat. Nur, was bleibt im anderes übrig? Er muss dem Geschäft zustimmen.
«Gut Josef, weil du es bist», er reicht ihm die Hand, um das Geschäft zu beschliessen, dann zieht er noch die zweite, etwas weniger wertvoll Uhr aus dem Hosensack, «dafür verkaufst du die ebenfalls. - Abgemacht?»
Josefs nimmt die Hand und willigt in den Handel ein.
«Du glaubst nicht, was ich eben erfahren habe», erklärt Franz seiner Frau Rosa, als er nach Hause kommt, «Maria und Josef heiraten.»
«Waren die nicht verheiratet?»
«Nicht die aus der Bibel», erklärt er entrüstet, «die waren übrigens auch nicht verheiratet, das solltest du wissen, ich meine Witwe Kunz und Goldberg.»
«Ach die beiden vom Schulfest»?
«Genau die meine ich.»
«Mich überrascht das nicht, die konnten schon damals kaum voneinander lassen.»
«Schon, aber er ist doch Jude», gibt Franz zu bedenken.
«Das spielt doch keine Rolle, sie ist doch froh, hat sie endlich wieder einen Mann hat. Was für einen ist doch egal.»
«Der Josef ist übrigens ein sehr guter Geschäftsmann. Ich musste zu schlechteren Bedingungen verkaufen, als ich eigentlich vorhatte.»
«Was, du schliesst zu schlechteren Bedingungen ab, als du vorhattest?»
«Manchmal muss man zurückstecken», erklärt er bestimmt, «ich muss das gesamte Geschäft im Auge behalten. Von dem könnte der Wilhelm noch etwas lernen.»
«Jetzt mach mal einen Punkt. Der Wilhelm soll nicht zum Halsabschneider erzogen werden, wenigstens jetzt noch nicht.»
«Ein guter Geschäftsmann muss doch kein Halsabschneider sein. Doch wenn er überleben will, braucht es eine gewisse Härte, natürlich muss er auch sein Handwerk verstehen und das beherrscht der Josef.»
Damit ist die Diskussion beendet. Rosa bittet zu Tisch, das Abendessen steht an.
Der Franz hatte sich in Josef nicht getäuscht, als er nach drei Wochen wieder bei ihm vorbei schaute, drückte er ihm einen Bündel Reichsmark die Hände. Beide Uhren konnte er zu einem höheren Preis verkaufen, als sie als Minimalpreis ausgehandelt hatten. Der Josef hatte die Uhren noch total überholt und auf Hochglanz poliert. So kam er der höhere Preis zustande.
Um die Geschäftsbeziehung weiter zu pflegen, kramte Franz weitere drei Uhren aus dem Hosensack. Auf das Märchen von seiner Tante verzichtet er, das würde ihm der Josef eh nicht mehr abnehmen. Er informiert ihn, dass er einige Tauschgeschäfte abschliessen konnte, als man noch mit Billionen bezahlte.
Dem Josef ist das egal, er kann ein gutes Geschäft immer brauchen, die Hochzeit nächste Woche ist nicht günstig, ärgerlich, dass man das Fest nicht früher zur Zeit des Papiergelds organisiert hatte, aber besser spät als nie. Er ist so froh, dass der Joshua wieder eine Mutter bekommt. Noch mehr freut ihn, dass das auch der Joshua so sieht. Dass als Abfallprodukt, die einsamen Nächte zu Ende sind, ist ein weiterer Vorteil.
Die goldenen zwanziger Jahre /1925
Rosa ist aufgeregt. Sie muss aus Wilhelm einen flotten Burschen kreieren und dabei sollte sie sich selber zu Recht machen. Dazwischen hat auch Franz noch Spezialwünsche. Die Zeit wird knapp.
«Die Krawatte kannst du später noch im Zug richten», schickt sie Franz weg, «schau lieber, dass der Wilhelm sich nicht noch schmutzig macht.»
Endlich ist es geschafft. Der Franz schliesst das Haus ab. Der Hund bleibt als einziger zurück. Auch Willi ist gespannt, es ist das erste Mal, dass er weiter aus Worms rauskommt, als man bei einem Fussmarsch bewältigen kann.
Die Familie Wolf besucht das erste Mal ihre Verwandten bei Kassel. Sarah, die Urgrossmutter von Rosa hat sie eingeladen. Sie feiert ihren siebzigsten Geburtstag. Noch vor einem Jahr wäre eine solche Reise nicht möglich gewesen. Sie hätte nicht nur viel zu viel gekoste, sondern hätte viel zu lange gedauert. Natürlich hätten auch die Franzosen etwas dagegen gehabt.
Inzwischen hat sich die finanzielle Lage bei Familie Wolf deutlich verbessert. Viel Bargeld besitzen sie immer noch nicht. Franz hat ein beträchtliches Aktienpacket eingekauft. Für diese Reise musste er ein Moped verkaufen, aber das ist es Wert. Die Preise sind in letzter Zeit stark gestiegen. Doch jetzt hat in Bayern eine Fabrik mit der Produktion von neuen Motorrädern begonnen, es dürfte in absehbarer Zeit kein Mangel an Mopeds mehr geben.
Zuvor gibt es ein grosses Problem zu bewältigen. Wegen dem Eisenbahnerstreick fahren in Worms keine Züge. Sie müssen zuerst den Rhein in einem Boot überqueren, was leider nur illegal möglich ist. Doch die Schmuggler haben den Grenzübertritt im Griff, ausser dass es was kostet, gibt es keine Probleme. Ein Boot bringt sie bis Lampertheim, dort wartet eine Kutsche, welche sie zum Bahnhof von Heidelberg bringt. Für die Schmuggler ist das Alltag, für Franz und Rosa ist es wie eine kriminelle Handlung. Der Wilhelm findet es sehr aufregend.
Für Willi ist die Fahrt mit dem Zug ein grosses Ereignis. Er drückt seine Nase an der Scheibe platt. In Kassel werden sie von Rosas Schwester, welche immer noch im gleichen Dorf wie ihre Urgrossmutter wohnt, in Empfang genommen. Sie nennt sich jetzt Frau Doktor. Wie ihre Urgrossmutter hat sie einen Arzt geheiratet. Mit einem Zweispänner, den sie von einem Bauer geliehen haben, fahren sie zum Haus der Urgrossmutter. Es liegt am Stadtrand von Kassel. Das Haus ist riesig, man sieht sofort, dem ehemaligen Herr Doktor geht es gut.
Die Familie war mit dem Kaiser weit aussen verwandt, davon konnten sie jahrelang profitieren. Angefangen beim teuren Gymnasium, welches der Grossvater besuchte und so die Gelegenheit erhielt, ein Arztstudium abzuschliessen. Später wurde er Militärarzt, ohne dass er dazu in den Krieg ziehen musste. Er kümmert sich in einem Militärhospital hinter der Front um Verwundete.
Dort verliebte er sich in eine Krankenschwester, dass sie Jüdin war, hatte er gar nicht bemerkt. Sie trug keine religiösen Symbole und lebte wie eine deutsche Frau, sogar Schweinefleisch wurde nicht abgelehnt. Erst als sie auf der Gemeinde das Aufgebot für die Hochzeit anmeldeten, merkte er, dass sie nicht katholischen ist, sondern jüdisch. Da war es zu spät, er war schon hoffnungslos verliebt. Bei ihm spielte die Religion nie ein grosse Rolle, er war mit Leib und Seele Arzt.
Die erste Nacht erhält Familie Wolf ein Zimmer bei seiner Schwester. Die Geburtstagsfeier findet erst am nächsten Tag statt. Franz fällt auf, dass es den Leuten im freien Deutschland besser geht, als im Rheinland. Die Franzosen schöpfen den Rahm ab. Alles was nach Luxus riecht, wird eingezogen. Das scheint in Kassel nicht der Fall zu sein. Da hat sich das Radio bereits bis in die meisten Haushaltungen verbreitet. Seine Schwester hat auch ein Telefon, für einen Arzt, natürlich zwingend erforderlich.
Am Morgen macht man sich bereit, alle wollen sich auf der Geburtstagsfeier von der besten Seite zeigen. Diese findet auf einem Bauernhof in der Nähe von Kassel statt. Da das Wetter gut ist, sind die Tische vor der Scheune aufgestellt. Es werden gegen hundert Leute erwartet. Nur kurz können sie der Urgrossmutter gratulieren, sie wird dauernd von den anderen Verwandten in Beschlag genommen. Die aus dem Rheinland kommen zu kurz.
Schon an der Kleidung fallen die Rheinländer auf. Die neuste Mode ist noch nicht bis ins Rheinland vorgedrungen. Dort dominieren noch die einfachen Alltagskleider. Franz kann nur mit dem Aktienpacket etwas angeben. Da können die meisten freien Deutschen nicht mithalten, sie brauchen das Geld, um den höheren Lebensstandard zu finanzieren.
Die jüngeren Verwandten haben ein interessantes Unterhaltungsprogramm zusammengestellt. Franz staunt nicht schlecht, als die Töchter seiner Schwester mit drei Freundinnen einen Charleston tanzen. Die Musik dazu stammt von einem Phonografen. Sowas verrücktes hat er noch nie gesehen. Auch sein Frau Rosa schüttelt den Kopf, doch dann probiert sie selber und tanzt mit. In der Kirche wird sie nächste Woche einiges zu beichten haben.
An einem Feuer wird ein Lamm am Spiess gebraten. Dazu gibt es reichlich Kartoffeln und Gemüse. Ein Fass mit Bier sorgt dafür, dass niemand Durst leiden muss. Für Kinder und Frauen gibt es Apfelsaft. Kurz gesagt, es fehlt an nichts.
Wilhelm ist begeistert, einige Cousinen sind sehr hübsch. Für sie ist er etwas wie ein Exot, ein Wesen aus einer anderen Welt. Während die älteren Verwandten kaum mit dem Hauptperson sprechen können, widmet die sich vor allem den jüngsten ihrer Familie. Etwas abseits, Scharen sich die Kinder um die Uroma und lauschen gespannt ihren Geschichten. Es sind Geschichten aus einer Zeit, vor dem Krieg. Geschichten, wie sie nur eine Uroma erzählen kann.
Unter den Männern ist Politik das beherrschende Thema. Franz ist erstaunt, dass in seiner vornehmen Verwandtschaft einige Linke zu finden sind, die ihre Ideen von einer gerechteren Welt wortgewaltig vertreten.
Die Feier dauert bis weit in die Nacht. Wilhelm muss gegen die Müdigkeit ankämpfen, das ist er sich nicht gewohnt. Zu Hause muss er kurz nach acht Uhr ins Bett. Seine Cousinen werden nicht müde, Schallplatten abzuspielen. Dabei erwarten sie, dass er mit ihnen tanzt, doch so weit bringen sie ihn nicht. Tanzen, das ist nun gar nichts für Willi.
Am nächsten Morgen heisst es frühe aufstehen. Sie müssen vor acht Uhr auf den Zug und vorher muss noch ausgiebig gefrühstückt werden. Sie werden lange brauchen, bis sie zurück in Worms sind.
Diesmal ist die Zugfahrt für Willi nicht mehr interessant. Er versucht zu schlafen. Bei seinen Eltern bleibt ebenfalls ein zwiespältiger Eindruck zurück. Franz ist von der Verwandtschaft seiner Frau enttäuscht. Die sind mit dem Kaiser verwandt und doch hat er keinen gefunden, der seine Verehrung für den Kaiser teilt. Gestört hat ihn auch die Feststellung, dass sie aus dem Rheinland als rückständig angesehen wurden. Dabei hat er mehr Aktien als die andern, die werden schon noch sehen, wer am Ende reicher ist.
Ab Heidelberg übernehmen wieder die Schmuggler die Überfahrt nach Worms. Diesmal muss Franz für die Eisenbahnergewerkschaft einige tausend Reichsmark über den Rhein schmuggeln. Franz erhält genaue Anweisungen, wo er das Geld übergeben muss. Nur kurz überlegt er, das Geld zu behalten, doch er erinnert sich an andere Fälle, als einer Geld abzweigte. Es ist ihm nicht gut bekommen!
Am nächsten Morgen berichtete Willi in der Schule von seinem aufregenden Ausflug nach Kassel. Stolz erzählt er von seiner jüdischen Uroma und den spannenden Geschichten die sie erzählte. Das macht bei seinen Klassenkameraden grossen Eindruck. Nur wenige sind bis jetzt aus Worms herausgekommen und wenn, höchstens bis Mannheim.
Zurück in Worms kehrt wieder der Alltag ein. Franz kümmert sich um die Finanzen der Stadt. Seine privaten Geschäfte hat er beendet. Alle Uhren und Mopeds sind verkauft. Momentan sieht er lediglich bei Aktien eine Möglichkeit, sein gerettetes Geld gewinnbringend anzulegen. Er setzt auf die Sodawerke in Leverkusen. Die haben neue Produkte im Angebot, welche im Ausland sehr begehrt sind.
Inzwischen war er mit Rosa auch schon zwei Mal im Kino und seit einigen Tagen steht auch ein Radio in seiner Stube. Manchmal ist die Stube mit Freunden von Wilhelm gefüllt, wenn ein spezielles Konzert angesagt ist. Gespannt sitzen alle in der Stube und lauschen den aus dem Kasten klingenden Tönen.
Für viele ist es nur schwer zu verstehen, woher die Musik kommt. Direkt aus Baden-Baden in die Stube von Wolf, das macht gewaltigen Eindruck. Franz findet die Musik zwar schön, er ist jedoch mehr an den Nachricht interessiert. Immer um halb Eins mittags wird berichtet, was in Deutschland und der Welt läuft. Jetzt ist er nicht mehr auf den Telegrafenapparat im Stadthaus angewiesen. Gut er muss sich jetzt über Mittag mehr beeilen. Er will mit dem Essen fertig sein, wenn die Nachrichten verlesen werden.
Wilhelm ist immer noch ein guter Schüler. Nach der Schule begleitet er Joshua nach Hause, das Uhrengeschäft liegt am Weg. Manchmal ruft Josef die beiden Buben zu sich und zeigt Ihnen ein interessantes Uhrwerk. Die beiden staunen über diese Kunstwerke. Es fasziniert sie, wie die Zahnräder ineinander greifen. Kürzlich zeigte ihnen Josef eine Uhr, welche sogar das Datum anzeigt, ein wahres Meisterwerk.
Ab und zu hilft seine Frau den beiden Buben bei den Hausaufgaben. Maria hat den Lehrerberuf an den Nagel gehängt und ist jetzt nur noch Hausfrauen und hilft im Geschäft.
An freien Nachmittagen treiben sich die beiden Jungs in den Auen am Rhein rum. Von ihrem aus Zweigen gebauten Unterstand, überblicken sie die Auenwiesen. Sie beobachten Rehe und Wildschweine. Ab und zu sehen sie Schmuggler, welche sich in einem Boot über den Rhein schleichen. Das ist eher selten, die Schmuggler sind nur ausnahmsweise am Tag unterwegs, wenn es sehr dringend ist. Ab und zu beobachten sie auch französische Soldaten, welche jagt auf die Schmuggler machen. In diesen Fällen rennen sie über die Wiese. Natürlich stoppen sie sofort, wenn sie die Soldaten dazu auffordern. So lenken sie die Soldaten ab und die Schmuggler haben Zeit, sich zu verkriechen. Die ganze Bevölkerung unterstützt die Schmuggler so gut sie können, es ist zum Volkssport geworden, die Franzosen zu ärgern.
Auch Maria muss ab und zu, wenn sie eine Freundin besucht, an der Lagerhalle vorbei. Sie kann nichts dafür, aber jedes Mal denkt sie an ihre aufregende Nacht in Mannheim. Aber jetzt geht sie nicht auf die anzüglichen Sprüche der Soldaten ein, das hatte sie hinter sich, sie ist mit Josef zufrieden.
Die täglichen Nachrichten bereiten Franz Sorgen. Er hat viel Geld in Aktien der Sodafabrik investierte und nun lässt deren Ausstoss zu wünschen übrig. Die Arbeiter machen alles, damit die Fabrik den Franzosen keine Rendite abliefern muss. Da hat Franz aufs falsche Pferd gesetzt. Noch halten sich seine Verluste ihm Rahmen. Er macht sich trotzdem Gedanken, ob er verkaufen soll. Doch im Moment wäre es ein Verlustgeschäft und das ärgert ihn gewaltig. Wenn nur die Franzosen bald abziehen würden, dann ginge es wieder aufwärts. Im Radio berichten sie über Konferenzen. Jetzt da Deutschland den Völkerbund beigetreten ist, müsste die Besetzung bald zu Ende sein. So lauten wenigstens die Spekulationen der Reporter vor Ort. Ist schon eine feine Sache, so ein Radio, man ist immer auf dem neusten Stand. Gut das Lied: Was will der Meier am Himalaya, kann er schon fast nicht mehr hören, es geht ihm an die Nerven, aber anscheinend ist das das Niveau des neuen Deutschland.
Franz macht sich auch bei der Arbeit Sorgen. Die Steuereinnahmen gehen zurück. Die Projekte, welche die Regierung startete, sind beendet und neue gibt es nicht. Es fehlt schlicht das Geld. Nach den Erfahrungen mit der Zeit der Inflation ist es nicht so leicht, Kredite für Bauvorhaben zu bekommen. Dazu kommt, dass man alles Mögliche unternimmt, um den Franzosen zu schaden. Das bringt weniger Steuereinnahmen, zum einen kriegen die Arbeiter nicht mehr Lohn, weil sie nicht profitabel arbeiten und natürlich sinken auch die Erträge der Firmen.
Das Gymnasium /1925
Im Jahre 1925 schaffte, sowohl Joshua, als auch Wilhelm den Übertritt ins Gauss Gymnasium von Worms. Nun ist es vorbei mit dem Herumtollen an den Rheinauen. Im Gymnasium herrschen strenge Sitten, was besonders bei Franz gut ankommt. Endlich bekommt sein Junge die Härte zu spüren, die ein deutscher Junge braucht.
Wilhelm lebt immer noch in einer geschützten Umgebung. In seiner Familie herrscht kein Mangel. Die Unterstützung für alleinerziehende Mütter wird stets reduziert. Noch haben diese Familien genug zum Essen, aber sonst können sich die Frauen nichts leisten.
Bei Josef läuft das Geschäft mit den Uhren gut. Noch gibt es einen grossen Nachholbedarf. In vielen Betrieben sind die guten Zeiten vorbei. Es kommt zu Entlassungen. Der passive Widerstand gegen die Franzosen ist seit 1923 offiziell beendet, doch er drückt nach wie vor auf die Produktivität und hat zur Folge, dass man international nicht konkurrenzfähig ist. Die direkte Auswirkung ist, dass es einen Überschuss an Arbeitern gibt und das drückt auf die Löhne. Natürlich sind es nicht die Arbeiter, welche bei Josef Uhren kaufen, aber trotzdem, die Käufer werden weniger, die Mittelklasse wird vorsichtiger.
Sogar bei den Beamten wird gespart. Die letzten Lohnerhöhungen vielen spärlich oder ganz aus. Noch kann sich Franz nicht beklagen, seine Stellung im Stadthaus ist nicht umstritten. Ohne den Segen von Franz geht nichts. Das gibt ihm eine geschützte Position, erzeugte aber auch viele Neider.
Im Vergleich zu 1923, zur Zeit der Hyperinflation, waren die Zeiten natürlich noch viel schlechter, nur, die Erleichterung welche eine stabile Währung kurzzeitig brachte, wird nun von der Realität eingeholt. Der Staat kann der Wirtschaft keine Impulse mehr verleihen, er kann nicht mehr Geld drucken wie er will. Franz muss dem Stadtrat ein ausgeglichenes Budget vorlegen, also kommt es zwangsläufig zu Streichung von Projekten und zu Kürzungen. Langsam wirken sich die Sparübungen auf viele Bereiche aus. Lehrer erhalten keine Lohnerhöhung mehr. Die Grösse der Schulklassen nimmt zu, so kann man auf einige Lehrkräfte ganz verzichten. Generell nimmt der Druck auf jeder Stufe zu.
Bei Franz wirkt sich der Kaufkraftverlust nicht gravierend aus, er hat noch Reserven und könnte notfalls noch Aktien verkaufen, aber das versucht er um jeden Preis zu verhindern. Lieber verzichtet er im Schachklub auf ein Bier. Rosa wurde das Haushaltsgeld ebenfalls gekürzt. Sie kocht jetzt mehr Gemüse aus dem eigenen Garten und hinter dem Gartenhaus hat Franz einen Kaninchenstall aufgestellt, so gibt es jeden Monat einen günstigen Sonntagsbraten. Futter für die Kaninchen gibt der Garten genug her.
Im Sommer schliessen die beiden Jungen das zweite Jahr am Gymnasium mit ausgezeichnet ab. Aus diesem Grund lädt Rosa die Goldbergs zu einem Essen ein. Die Auswahl des Menus stellt sie vor Probleme. Sie informiert sich und entschied sich, ein Kaninchen zu schlachten. Zusammen mit feinem Gemüse aus dem eigenen Garten, sollte es auch für Juden essbar sein.
Während die Männer im Garten eine Zigarre rauchen, hilft Maria in der Küche. So können die Frauen sich ungestört über Frauenthemen unterhalten.
«Wollt ihr eigentlich noch Kinder?», fragt Rosa.
«Nein, dem Josef hat der Tod seiner ersten Frau so zugesetzt, dass er das Risiko nicht mehr eingehen will.»
«Das kann ich gut verstehen, ich hatte ebenfalls eine schwere Geburt, deshalb haben wir uns entschieden, dass wir es mit Wilhelm belassen.»
«Ja, in diesen schweren Zeiten ist es eine grosse Verantwortung, Kinder in diese Welt zu setzen. Aber in jüdischen Familien sind doch viele Kinder die Regel.»
«Schon, aber da kommt mir entgegen, dass ich eine Konvertierte bin. Mir ist es recht so, ich war schon zu alt, als ich Josef kennen lernte und vorher hatte ich ja meine Schüler.»
«Vermisst du die Kleinen nicht?»
«Kein bisschen! Die Rolle als Geschäftsfrau sagt mir besser zu».
«Kann ich mir gut vorstellen, ich muss mich jetzt, wo der Wilhelm meistens weg ist, um den Hund und die Kaninchen kümmern. Auch im Garten gibt es viel zu tun. Das füllt mich aus. Mehr brauche ich nicht.»
Kaninchen ist ein gutes Stichwort, es ist Zeit den Braten aus dem Ofen zunehmen.
«Kannst du die Männer und die Jungs rufen», gibt Rosa den Befehl, «die Jungs sollen sich die Hände waschen, ich will nicht, dass sie nach Hund riechen.»
Maria geht nach draussen und gibt den Befehl weiter. Das mit dem Händewaschen hält sie für überflüssig, schliesslich sind die beiden Jungs alt genug und müssen nicht mehr bemuttert werde. Das Händewaschen ist für sie selbstverständlich.
Am späteren Nachmittag verabschieden sich die Goldbergs. Rosa hat es geschafft. Ihr Franz ist mit ihr zufrieden, sie war eine gute Gastgeberin.
«Erstaunlich», stellt Franz fest, «mit Sepp kann man wie mit einem deutschen reden, er weiss recht gut Bescheid, was in der Welt läuft.»
Im September bereitet sich das Quartier auf das Quartierfest, die Kerb vor. Die Kerb ist jedes Jahr der Höhepunkt im Quartierleben. Jeder Verein leistet seinen Beitrag. Die Gymnasiasten des Quartiers haben entschieden, ein kurzes Theaterstück aufzuführen. Wilhelm muss auf Drängen des Vaters mitspielen. Der Druck von Seiten des Vaters wäre nicht nötig, jeder im Quartier weiss, was man von ihm erwartet.
Am ersten Treffen der Gymnasiasten sind zehn Jungen und lediglich vier Mädels anwesend. Ein Lehrer hat die Leitung übernommen und schlägt drei Stücke vor. Entscheidenden Einfluss auf die Auswahl haben die vier Mädels. Sie entscheiden sich geschlossen für einen Liebesschwank. Die vier teilten sich die Rollen unter sich auf, erstaunlicherweise konnten sie sich schnell einigen. Nur zwischen zwei Rollen brauchte es einen Losentscheid. Als die weiblichen Rollen vergeben sind, dürfen die Mädels ihren Liebhaber aussuchen.
Für die Jungs ist das natürlich sehr spannend. Mit Herzklopfen verfolgten sie die Prozedur. Die Gabi entscheidet sich für Willi als ihr Partner. Gabi hat die Rolle der Rivalin im Stück, ist also nicht die Hauptperson. Willi ist am Ende des Stücks, so quasi der Trostpreis. Ihm ist das Recht, so hat er nur kurze Auftritte und muss entsprechen weniger lernen.
Dass die Gabi Müller ihn ausgesucht hatte, war für ihn eine positive Überraschung. Die Gabi gefällt ihm schon lange, nur getraut er sich nicht, sie anzusprechen. Er freut sich schon die ganze Woche immer auf Mittwochabend, wenn sie zusammen proben. Noch wird der Text nur gelesen. Die letzte Zeile macht Willi jedes Mal nervös, die beiden küssen sich! steht da.
Nach einigen Probewochen beginnt man, die Handlung auf einer kleinen Bühne zu proben. Die Kussszene wird meistens nur angedeutet, aber einige Male berührte Gabi seinen Arm. Jedes Mal lief Willi ein Schauer durch seinen Körper.
Gabi ist die Tochter eines Bahnarbeiters. Zur Zeit des Bahnstreiks hatte sie es nicht leicht. Das Geld reichte zu nichts. Gabi musste immer im gleichen Rock zur Schule gehen und Fleisch gab es nur am Sonntag und manchmal noch am Montag, wenn es am Sonntag Reste gab. Sie ist aber nicht die einzige. Auch wenn ihr Rock nicht der neusten Mode entsprach, findet Willi dass sie sehr gut aussah.
Im Lauf der Proben lernten sie sich immer besser kennen. Mittlerweile kann er mit ihr reden wie mit einem Kollegen ohne gleich rot anzulaufen. Sie scheint Willi zu mögen, was ihm zusätzlich Bammel für die bevorstehende Kussszene einbrockte.
«So», erklärte der Lehrer, «ab heute spielen wir richtig, wie bei der Aufführung.»
«Was war den das?», fragte der Lehrer, «das soll ein Kuss sein? Bitte nochmals, aber mit etwas mehr Gefühl!»
Willi wurde ganz rot im Gesicht, zum Glück ist das Licht etwas duster. Beim zweiten Versuch übernimmt Gabi die Initiative und zieht Willi zärtlich, aber bestimmt an sich. Er fühlte wie ihre Brust gegen seine drückte, ein unglaublich glücklicher Moment. Nun löste sich auch bei ihm die Anspannung und er wird etwas lockerer.
Die Theatervorstellung wird ein Erfolg. Nachdem der Vorhang geschlossen wurde, schaut er Gabi glücklich in die Augen, sie strahlt. Nur langsam lösen sie ihre Umarmung.
«Darf ich dich zur Kerb begleiten», fragt Willi mit klopfendem Herzen.
Ohne zu antworten nimmt sie ihn beim Arm und führt ihn nach draussen. Sie schlendern gemeinsam durch die vielen Besucher der Kerb. Er spendierte ihr ein Lebkuchenherz, zu mehr reichte sein Taschengeld nicht, denn er spart seit Wochen für ein Fahrrad, das er kaufen will.
Gegen zehn Uhr muss Gabi nach Hause, sonst kriegt sie Ärger mit ihren Eltern. Willi begleitet sie bis vor die Haustüre. Dort verabschiedet sich Gabi mit einem echten Kuss, diesmal ist nichts gespielt. Sie verabreden sich für nächsten Mittwochabend, obwohl die Proben beendet sind, auch nach der Kerb bleibt der Mittwochabend den beiden.
Mutige Zeitgenossen /1927
In den Nachrichten meldet der Sprecher, dass ein Amerikaner namens Charles Lindbergh in New York zu einem Flug gestartet ist, welcher ihn non-Stopp nach Paris führen soll. Seit er vor drei Stunden Neufundland passiert hatte, gibt es keine Sichtung des Flugzeugs, - niemand weiss, wo sich das Flugzeug befindet.
«Wir berichten sobald wir etwas Neues erfahren.»
«Das ist schon toll», findet Franz, «wenn auf der Welt was Spannendes geschieht, so ist man dabei. Die berichten direkt vor Ort.»
Nur widerwillig fährt Franz mit dem Fahrrad zur Arbeit. Viel lieber würde er den Flug von Lindbergh verfolgen. Der ist schon mutig, besonders wenn man bedenkt, dass er allein im einmotorigen Flieger sitzt. Wenn der Motor streikt, ist er verloren. Da muss er aufs Glück hoffen, es gibt nicht viele Schiffe im Atlantik.
Als er abends endlich Feierabend hat, rast er so schnell wie möglich nach Hause. Wilhelm hat das Radio bereits eingeschaltet und informiert seinen Vater über die neusten Meldungen. Seit mehreren Stunden gibt es keine verlässlichen Meldungen mehr. Ein Schiff will Motorengeräusche gehört haben, doch die Position des Schiffes liegt viel zu weit nördlich. Wenn die Meldung stimmt, so hat sich Lindbergh tüchtig verflogen.
Im Moment hält die Welt den Atem an und bangt um diesen verrückten Amerikaner. In Irland und Schottland haben sich zahlreiche Reporter eingefunden und suchen nach Lindbergh. Mit Feldstechern suchen sie den Himmel ab oder lauschen auf Motorengeräusche. Sie haben kleine Telegrafen dabei und könnten eine Sichtung sofort an ihre Zeitung durchgeben.
Dann endlich die erlösende Nachricht, in Südirland hat ein Reporter, das Flugzeug gesichtet. Alles scheint in Ordnung, er fliegt jetzt die irische Küste entlang.
«Ich will auch Pilot werden», meint Wilhelm.
«Das hat noch Zeit», erklärt sein Vater, «fliegen ist noch zu gefährlich! Zuerst solltest du was Anständiges lernen, danach sehen wir weiter.»
Inzwischen hat Lindbergh Irland verlassen. Die Pause wird genützt. Rosa serviert das Abendessen.
Vater und Sohn sitzen wie auf Nadeln beim Nachtessen, doch Rosa lässt sich Zeit. Endlich, Rosa serviert den Kaffee. Das Radio darf wieder eingeschaltet werden. Sie haben nichts verpasst, die Welt wartet immer noch darauf, dass Lindbergh über der Südküste von England auftaucht.
Dann endlich die Nachricht, ja er hat England erreicht. Alles verläuft nach Plan. Paris ist nicht mehr weit. Eigentlich wäre es Zeit zum Schlafen, doch Franz erlaubt Wilhelm bis zur Landung in Paris aufzubleiben.
Um zehn Uhr zwanzig meldet der aufgeregte Reporter, dass das Flugzeug in einer grossen Kurve die Landebahn ansteuert. Die Polizei muss die zig tausend Zuschauer im Zaun halten. Die wollen vor Begeisterung die Landebahn stürmen. Um zehn Uhr vierundzwanzig setzt das Flugzeug auf der Landebahn auf und rollt aus. Die Leute jubeln.
«So jetzt ab ins Bett», befiehlt Franz und Wilhelm gehorcht. Er musste sich zwingen, nicht in der Stube einzuschlafen, doch dieses Ereignis durfte er nicht verpassen. Morgen in der Schule würde es das Thema sein.
Der Flug von Lindbergh ist noch lange das Thema Nummer Eins in diesem Frühjahr. Die Begeisterung der Leute für die Fliegerei ist enorm. Es hilft über die Sorgen im Alltag hinweg. Die Zahl der Arbeitslosen ist weiter im steigen. Das Geld wird knapp und der Lebensstandard sinkt beinahe auf das Vorkriegsniveau ab. Der Staat hat kein Geld mehr und der Export wird schwächer. Noch gäbe es Nachholbedarf bei Konsumgütern. Radios und Grammofone wären nachwievor gefragt, doch den meisten Leuten fehlt es am Geld, für solche Dinge. Zuerst muss der Magen satt sein, erst dann kann man an Luxusartikel denken.
Optimistisch beobachtet Franz den Aktienmarkt, seit der passive Widerstand gegen die Franzosen offiziell ausgesetzt wurde, rentiert die Sodafabrik etwas besser. Noch steigt der Kurs nur langsam, denn nicht alle Arbeiter haben ihren Boykott beendet. Immerhin steigt der Kurs wieder und sie zahlen regelmässig Dividenden. Diese investiert Franz sofort in neue Aktien.
Das Leben in Worms geht seinen gewohnten Gang. Optimistisch feiert man den Jahreswechsel 1928. Diesmal haben die Goldbergs die Familie Wolf eingeladen. Sein Uhrengeschäft läuft gut und zur Überraschung von Franz, serviert Maria einen Schweinebraten. Josef hält nur noch an jüdischen Feiertagen die Tradition am Leben, dann besucht er auch noch die Synagoge.
Am sechsten Januar ist die Stube bei der Familie Wolf gefüllt. Am Radio wird der Boxkampf von Max Schmeling um die Europameisterschaft übertragen. Das ist natürlich für Männer ein Grossereignis. Der Jubel ist gross, als der Reporter den Sieg von Max verkündet, der Gegner liegt am Boden.
Eine kleine Episode am Rand trübt die Stimmung bei Franz. Ein Nachbar ist wieder gegangen, als er bemerkte, dass die Goldbergs in der Stube sitzen und die Übertragung mitverfolgen.
«Was hatte der?», will Rosa wissen.
«Der will nichts mit Juden zu tun haben.»
«Warum?»
«Das ist einer von diesen Nationalsozialisten, die halten sich für etwas Besseres. Jetzt kommen sie auch nach Worms, ich dachte, die gibt es nur in München.»
«Sind die gefährlich?»
«Ich denke nicht», meint Franz, «das ist nur so eine Modeerscheinung, die haben kein Programm, sie sind nur gegen alles.»
Damit ist das Thema vergessen, schliesslich muss der Sieg von Max gefeiert werden. Sein Biervorrat schmilzt, aber er reicht.
«Das Radio kommt uns langsam teuer zu stehen», bemerkt Rosa beim wegräumen der Bierflaschen, «ich bin heil froh, dass sich keiner übergeben musste».
«Wegen ein paar Flaschen Bier, das macht doch nichts. Die Feier war auf jeden Fall lustig.»
«Schon gut, ich meine ja nur.»
«Manchmal muss man investierten», meint Franz, «ich will für den Stadtrat kandidieren und ein solcher Abend bringt Stimmen.»
«Hast du zu wenig Arbeit?»
«Bedenke, du bist dann Frau Stadtrat, das tönt doch gut oder.»
«Wenn es den sein muss, meinetwegen.»
«Die Wahlen sind erst im Mai, die im Schachklub haben mich gefragt. Die Liberale Partei braucht noch ein paar Kandidaten, vier bisherige treten nicht mehr an.»
Rosa spielt die entrüstete, doch insgeheim ist sie mächtig stolz auf ihren Franz.
Die nächsten Wochen machte Franz Wahlkampf. Er zeigt sich in den Kneipen des Quartiers. Seine Aufgabe ist es, die Wähler in seinem Quartier zu gewinnen. Gar nicht so einfach, denn er ist nicht der typische Kneipengast. Er beginnt sehr vorsichtig und hört nur zu, bis er langsam herausfindet, was die Leute hier bedrückt.
Ein Thema ist der kalte Winter. Noch nie war es in Worms so kalt wie im Februar 1929. Am Fastnachtsdienstag sank das Thermometer auf minus 24 Grad. Der Rhein hat schon eine dünne Eisschicht und friert schliesslich ganz zu.
Schiffe werden im Eis eingeschlossen und müssen frei gesprengt werden. Nachdem das Eis so fest geworden ist, dass man es ohne Gefahr betreten kann, trifft sich die Bevölkerung auf dem Rhein. Es herrschte Volksfeststimmung. Man kann zu Fuss auf die andere Flussseite flanieren. Der Rhein zieht viele Leute aus der Umgebung an. Das darf man nicht verpassen, das erlebt man nur einmal im Leben. Der gefrorene Rhein ist das einzig Interessante in diesem kalten Winter. Die Leute frieren und sie müssen viel mehr Geld zum Heizen der Wohnung ausgeben. Die Stadt hatte mit geborstenen Wasserleitungen zu kämpfen. Ausgaben die so nicht vorgesehen waren.
Rosa sehnt die Wahlen herbei. Franz kommt zu oft leicht betrunken nach Hause. Als sein Name offiziell auf der Liste der Liberalen Partei auftaucht, muss er auch einige Runden bezahlen, das geht ins Geld. Diesmal muss er sich die Dividenden auszahlen lassen, sonst hätte er Rosa das Haushaltsgeld noch mehr kürzen müssen.
An Versammlungen seiner Partei hält er Vorträge über die Stadtfinanzen und welche Projekte unbedingt bevorzugt werden müssen. Dabei kommt er oft in einen Notstand. Was die Bürger in den Kneipen wollen, entspricht nicht dem, was die Parteiführung hören will. Die müssen ihre grössten Spender bei Laune halten. Deshalb prüfen sie sein Manuskript vor jedem Vortrag. Zum Glück sind an den Parteiveranstaltungen nie die Leute aus den Kneipen dabei, so kann er die Parteilinie ohne Widerspruch vertreten.
Die wichtigsten Streitfragen sind, ob man die traditionelle Lederindustrie weiter begünstigen will? Die Lederverarbeitung gerät durch neue Materialien immer mehr in einen harten Konkurrenzkampf. Die Bauern wünschten sich einen besseren Hochwasserschutz. Ihre Felder werden regelmässig überschwemmt und es gibt einige, die meinen, dass selbst die Stadt nicht mehr vor Hochwasser sicher ist. Da müssen einige Stadträte lachen. Worms gibt es seit über tausend Jahren, da ist noch nie was passiert. Die Bauern verweisen auf die bedenkenlos Abholzung der Wälder, welche deshalb ihre Schutzfunktion nicht mehr wahrnehmen können. Diese Leute werden als Schwarzseher abgekanzelt. Die Gelder kann man besser in der Erschliessung einer neuen Industriezone investieren. Es gibt Interessenten aus der chemischen Industrie, welche in Worms ein neues Werk errichten möchten. Chemisch Industrie, das hat Zukunft, da sind sich alle einig. Deshalb ist ein Projekt welches das Industrieland, durch einem Kanal mit dem Rhein verbinden soll, das Lieblingsprojekt der meisten Parteifreunde. Zumindest in diesem Punkt dürfte er Unterstützung in der Kneipe finden, denn Industrie bedeutet Arbeitsplätze und die kann man gut brauchen. Wenn dadurch noch die Aktien der Eigentümer steigen, profitiert er noch zusätzlich.
Der Kampf um die freien Stadtrat Sitze geht im Wahlkampf um die Reichstageswahl unter. Dieser Wahlkampf dominiert in den Zeitungen und natürlich auch am Radio. Die NSDAP nützt das Radio für ihren Wahlkampf. Franz hat vorgeschlagenen ebenfalls im Radio Aufrufe zu bringen, doch die Parteileitung ist dagegen. Es fehle ein Konzept und auch Geld ist nicht vorhanden. Erst drei Wochen vor dem Abstimmungstag versuchen sie, bei einer Radiostation eine Diskussionsrunde direkt zu übertragen. Doch die Radiostation winkt ab, alle freien Termine sind von der NSDAP belegt, da sei nichts zu machen.
Mit jedem Tag den die Wahl näher rückt, sinkt die Zuversicht von Franz. Täglich hört er, was die Nationalsozialisten ihren Wähler versprechen. Da kann das eigene Programm nicht mithalten.
Der Wahltag ist eine riesige Enttäuschung. Seine Partei verliert mehrere Sitze, so dass selbst zwei bisherige Stadträte nicht wiedergewählt wurden. Rosa hatte grosse Mühe, Franz wieder aufzupäppeln. Durch die neue Parteienverteilung gerät auch seine Stelle als Steuerbeamter ins Wanken. Noch ist er angestellt und die neuen Mitarbeiter respektieren ihn, sie sind auf sein Fachwissen angewiesen.
Für Willi ist der Wahlausgang eine Katastrophe. Die Mitschüler hänseln ihn, er verliert gewaltig an Ansehen. Ab jetzt hält nur noch Joshua zu ihm. In den Pausen sitzen die beiden meistens hinter einem dicken Baum im Schulhof. Das Absondern hatte nicht nur negative Folgen, jetzt konzentriert er sich voll auf die Schule. Seine Noten werden noch besser. Dass er das Abitur schafft, steht ausser Zweifel. Bis zur Prüfung sind es noch gut zwei Jahre.
Im Unterricht ist es nicht einfach. Die Rädelsführer der Klasse versuchen ihn bei jeder Gelegenheit lächerlich zu machen. Dank der Unterstützung der Mitläufer gelingt es meistens. Die Lehrer haben wenige Möglichkeiten einzugreifen, die Rädelsführer sind nicht dumm und wissen genau, wie weit sie gehen dürfen.
Im Mai ist der Name Nobile in aller Munde. Sein kühner Plan, mit einem Luftschiff zum Nordpol zu fliegen, ist das grosse Ereignis. Das Radio berichtet bereits über die Vorbereitungen. Natürlich hätten die deutschen Reporter lieber, wenn Nobile ein Deutscher wäre, doch Nobile wird von Mussolini grosszügig unterstützt. Schon lange schielen die Mitglieder der NSDAP, welche am Radio die Führung übernommen haben, nach Italien und bewundern die kompromisslose Art, wie Mussolini die Massen begeistert. In Deutschland ist alles nicht so einfach.
Am 23. Mai ist es soweit. Das Luftschiff Italia hebt in Spitzbergen ab und steuert auf Kurs Nord. Wieder müssen sich die Hörer gedulden. Nobile hat ein Kurzwellensender an Bord, doch will er ihn nur im Notfall benutzen. Die Reporter auf Spitzbergen können ausser technischen Daten nichts Aktuelles melden. Trotzdem verfolgt ganz Europa, was die Reporter aus Spitzbergen berichten.
Da es keine Neuigkeiten gibt, wurde ein Loblied für Mussolini angestimmt. Zwischen durch unterbricht der Reporter sein Loblied auf Mussolini und meldet die aktuelle Position des Luftschiffs, da keine aktuellen Daten vorliegen, hält sich der Reporter an den theoretischen Zeitplan, welcher Nobile ihm vor dem Start übergeben hat.
«Jetzt müssten sie am Nordpol sein!», verkündet der Reporter, «es ist der 24. Mai Ortszeit verkündet er. Am Pol kann man nur in Tagen rechnen, eine lokale Uhrzeit gibt es nicht. Die ändert je nachdem, auf welche Seite man sich vom Pol entfernt.»
Diese Aussage muss Wilhelm seiner Mutter erklären. Sie kann die Zusammenhänge nicht verstehen. Am Gymnasium hat der Lehrer das Thema Pole rechtzeitig in den Lehrplan genommen. Das Interesse der Schüler ist gross und er hatte wieder einige Stunden ohne grosse Vorbereitung. Er muss nur Zeitung lesen, was er ja sowieso machen würde.
«Jetzt müsste Nobile bereits auf dem Rückweg sein», verkündet der Reporter, ob das tatsächlich so ist, weiss er nicht.
Einige Stunden später klingt die Stimme des Reporters besorgt.
«Die Italia sollte jetzt zurück sein. Mit Verspätung muss man bei einem solchen Unternehmen rechnen. Die Expedition 1923 hatte auch Verspätung.»
Am 26. Mai ist es jedem klar, es muss etwas passiert sein. Nun melden auch die Zeitungen in grossen Buchstaben: «Wo ist Nobile, wo ist die Italia?»
Es gibt keine Neuigkeiten. Noch ist der Reporter auf Spitzbergen, doch er konnte immer nur das Gleiche berichten. Von Nobile und seiner Italia gibt es nichts zu berichten. Sie sind in der Eiswüste verschollen!
Am 2. Juni meldet sich der Amateurfunker N. R. Schmidt bei der schwedischen Zeitung: «Ich habe einen Funkspruch von Nobile Empfangen!»
Diese Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Europa. Die Italiener organisieren eine Rettungsaktion. Keine leichte Aufgabe. Es werden geeignete Flugzeuge gesucht. Inzwischen empfangen weitere Funkamateure das Signal und man kann daraus die ungefähre Position von Nobile berechnen. Inzwischen gibt es auch die ersten Informationen über die Situation der Überlebenden. Nobile ist verletzt und ein weiteres Mitglied der Expedition ist tot. Noch schlimmer! Sechs Mann wurden nach dem Absturz wieder in die Höhe gerissen. Nachdem zehn Männer und einiges Material, beim heftigen Aufprall auf dem Eis, aus der Gondel geschleudert wurden, war die Italia zu leicht und stieg mit grosser Geschwindigkeit in die Höhe, bis sie von Nobile Leuten nicht mehr gesehen wurden.
Der Funkkontakt muss auf ein Minimum reduziert werden. Die Batterien haben nur noch eine geringe Kapazität. Erst am 12. Juli kann der schwedische Pilot E. Lundgborg sein Flugzeug bei den Überlebenden landen. Er bringt Proviant und warmen Decken. Nur Nobile kann ausgeflogen werden, die restlichen Überlebenden müssen noch auf dem Eis ausharren. Ein russischer Eisbrecher kann sie schliesslich retten. Von der Italia hat man nie mehr etwas gefunden. Die sechs Abenteurer blieben für immer verschollen.
Die Ereignisse mit der Italia und Nobile haben für Willi positive Auswirkungen. Da er immer bestens informiert ist, steigt sein Ansehen in der Klasse. Dass dabei die enge Freundschaft zu Joshua etwas in den Hintergrund gerät, bemerkte er kaum. Er kann sich so für die Luftfahrt begeistern und dazu zählten auch die Luftschiffe.
Der schwarze Freitag /1929
Willi hat für seinen 14. Geburtstag Schulkollegen eingeladen. Joshua hat sich krank abgemeldet. Willi weiss nicht, ob er Willi ersparen wollte, dass mehrere Kollegen absagen, weil ein Jude eingeladen ist. Auf jeden Fall bekommt er dank der Absage von Joshua, keine Probleme. Er nimmt sich vor, ihn später einzuladen und nur mit ihm, Mutter und Gabi, zu essen.
Gabi hilft bereits am Donnerstagabend Rosa bei der Vorbereitung. Sie richten das Gartenhaus so ein, dass die Feier dort stattfinden kann. Rosa beobachtet die beiden Turteltauben mit einer Mischung aus Stolz und Eifersucht. Bei ihr und Franz war es nie so romantisch. Jedes Mal wenn sich die beiden näher kommen, streicheln sie sich, so ein richtig unschuldige Liebe.
Als Franz von der Arbeit nach Hause kommt, wirkt er nervös und schaltet sofort das Radio ein. Er hat in einem Telegramm aus Amerika gelesen, dass dort an der Börse einige Unruhe herrscht. Soll er die Aktien verkaufen? Noch hätte er einen kleinen Gewinn aufzuweisen, allerdings rät ihm sein Bankberater, nicht jetzt zu verkaufen, die Kurse gehen nur kurzzeitig runter.
Er vertraut seinem Berater, bis jetzt lag er immer richtig. Heute ist die Börse eh bereits geschlossen, er kann noch die ganz Nacht überlegen. Die Meldungen im Radio deuten nicht auf Probleme hin. So kann er nach den Nachtessen noch beim Fahrradhändler vorbei gehen und das Geburtstagsgeschenk für Wilhelm abholen. Ein solches Fahrrad hat Wilhelm noch nie gesehen, es hat fünf Gänge. Der wird Augen machen, ist Franz überzeugt. Als Wilhelm Gabi nach Hause bringt ist es günstig, er kann das Geschenk hinter dem Gartenhaus verstecken, eine Decke schützt es vor Blicken.
Noch bevor Franz am Freitagmorgen zur Arbeit fährt, weckt er seinen Sohn und führt ihn zum Gartenhaus.
«Herzlichen Glückwunsch zum 14. Geburtstag!»
Er zieht die Decke Weg und beobachtet Wilhelm, - seine Augen strahlen.
«Jetzt wo du vierzehn bist, kannst du nicht mehr mit dem alten Fahrrad zur Schule, der Händler hat mir versichert, dass es das Neuste auf dem Markt ist.»
«Danke!»
Mehr bringt Wilhelm nicht raus, er muss alles genau anschauen. Die fünf Gänge sind der grösste Luxus, aber auch der Sattel, der Gepäckträger und ein Schloss zum abschliessen gehören zur Ausrüstung.
«Darf ich mit ihm in die Schule?»
«Natürlich es ist deins, du kannst mit ihm machen was du willst», erklärt Vater, «so, ich muss zur Arbeit, heute Abend werden wir feiern, aber jetzt kannst du schon die erste Runde drehen.»
Franz verabschiedet sich und schwingt sich auf sein Fahrrad mit drei Gängen. Er hat auf dem Weg zum Stadthaus keine Steigung zu bewältigen, da reichen drei Gänge aus.
Im Stadthaus liest er die eingegangenen Telegramme durch. Letzte Nacht war in Amerika einiges los. Die Zahlen über das Wirtschaftswachstum vielen schlecht aus. Die Börse reagiert entsprechend. Er schaut auf die Uhr, die Bank ist noch geschlossen. Er ärgert sich, die ganze Woche schon hat er überlegt, ob er seine Aktien verkaufen soll, doch er konnte sich nicht entscheiden. Nun könnte es zu spät sein. Zum Glück haben sie jetzt im Stadthaus Telefonapparate. Zwei Minuten nach neun Uhr ruft er seinen Bankberater an. Der lässt sich entschuldigen, er sei in einer dringenden Sitzung.
Langsam begreift Franz, dass er ein grösseres Problem hat. Jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Nur, Franz sind die Hände gebunden. Ohne seine Bank kann er nicht verkaufen, er kann nicht selber an der Börse Aktionen auslösen. Er ahnt, dass er mit grossen Verlusten rechnen muss. Wie gross sie ausfallen, das weiss er noch nicht.
Kurz vor Mittag erreicht er endlich seinen Bankberater. Der informiert ihn, dass die Kurse um mehr als die Hälfte gefallen sind.
«Wenn du jetzt verkaufst», gibt er zu bedenken, «dann werden die Verluste noch grösser. Jede Aktie die auf den Markt zum Verkauf angeboten wird, drückt die Kurse weiter nach unten.»
«Du meinst, ich soll die Aktien behalten?»
«Im Moment ist es sehr ungünstig, zu verkaufen, glaube mir, das ist nur eine kurze Talfahrt, danach geht es wieder aufwärts.»
«Gut, ich vertraue dir», geht Franz auf den Vorschlag ein und legt auf.
Die Erholung lässt auf sich warten. In einer Woche hat er praktisch seine ganzen Ersparnisse verloren. In Deutschland bricht Panik aus. Die Arbeiter werden zu hunderten entlassen. Im Stadthaus ist die Stimmung schlecht. Die Beamten beobachten einander argwöhnisch. Jeder befürchtet, dass er als nächster entlassen wird. Dass es zu Entlassungen kommt, steht ausser Frage, es ist nur noch eine Frage der Zeit.
Rosa macht ihm Vorwürfe: «Ich habe immer gesagt, dass das mit den Aktien ein Risiko ist, aber du wolltest ja nicht hören. Diese Kandidatur für den Stadtrat, war auch nicht nötig, das gibt nur Neider.»
«Du hast ja Recht», verteidigt sich Franz, «aber wie sollte ich den Gewinn aus meinen Geschäften sonst anlegen.»
«Ist schon gut», besänftigt Rosa, «immerhin haben wir noch unser Haus und das ist schuldenfrei.»
«Wir müssen trotzdem unsre Ausgaben reduzieren, ich weiss nicht wie lange ich noch Arbeit habe. Die Stadtkasse ist leer, die müssen Leute entlassen.»
«Aber doch nicht dich Franz, das können die nicht machen.»
«Mit können hat das nichts zu tun, eher mit müssen. Zudem bin ich jetzt in der falschen Partei, die Sieger der Wahl wollen jetzt ernten.»
Langsam geht der Streit, in eine Diskussion wie man die Zukunft meistern kann, über. Man trifft einige Massnahmen. So soll der Garten wieder vermehrt auf Gemüse umgestellt werden. Die drei Blumenbeete werden geopfert. Essen ist wichtiger. Zudem wird von Wein auf Bier umgestellt. Im Schachklub gibt er den Austritt und Rosa will sich in Zukunft die Kleider wieder selber nähen. Im Keller wird ein Vorratslager mit Zucker, Marmelade und Kartoffeln angelegt. Der im Garten geerntete Kohl wird zu Sauerkraut verarbeitet. Sie sind auf schlechte Zeiten vorbereitet.
Ein neues Jahrzehnt /1930
Am Silvester zum Jahrzehnten Wechsel, ist nicht nur das Wetter sehr kalt, auch die Stimmung der Leute auf Worms Strassen deutet eher darauf hin, dass die Leute sich auf eine Beerdigung vorbereiten, als auf eine Silvesterfeier.
Die Familie Wolf hat keine Gäste eingeladen. Man begnügt sich, mit einem guten Nachtessen. Rosa hat sich grosse Mühe gegeben, den Tisch zu dekorieren. Das kostet nicht viel und gibt dem Essen etwas grössere Bedeutung. Es gibt sogar zum Dessert einen Apfelkuchen.
Zum Kaffee hört man am Radio eine Übertragung aus dem Kurhaus von Baden-Baden. Das Sinfonieorchester spielt berühmte Opernpartien. Sie passen gut zur Stimmung von Wolf.
Um elf Uhr machen sie sich auf den Weg zur Kirche. Der Besuch der Mitternachtsmesse ist für die meisten Katholiken Pflicht. Es gehört sich einfach, dass man das Jahr besinnlich beginnt.
Die Menschen denen sie auf der Strasse begegnen sind alle in Eile. Bei den frostigen Temperaturen will jeder so schnell wie möglich zurück an die Wärme. Die Kirche ist bereits gut gefüllt. Sie suchen sich einen Platz möglichst weit weg vom Eingang. Die Kirche ist nicht geheizt, wenn man nicht im Durchzug steht, sorgen die zahlreichen Besucher für eine angenehme Temperatur.
Einige Minuten vor Mitternacht schliesst der Pförtner die grosse Türe und es wird noch wärmer. Noch vor Mitternacht beginnt der Priester mit der Messe. Das stille Gebet endet kurz vor Mitternacht. Als der erste Schlag der Glocke erklingt, beginnen die meisten Leute, laut mit dem betten des Ave Maria. Eine friedliche Stimmung breitet sich aus. Jeder ist tief in seine Gedanken versunken. Was wird das neue Jahr, respektive Jahrzehnten bringen?
In der Predigt versucht der Priester den Leuten Mut zu machen. Er weiss, dass es im neuen Jahr nicht einfach wird. Die meisten werden den Gürtel noch enger schnallen müssen. Er ruft den Gläubigen in Erinnerung, dass auch Jesus arm war, das sei keine Schande. Wichtig ist, dass man auch in harten Zeiten seinen Respekt vor den Mitmenschen nicht verliert.
Als sich kurz nach eins die Türen der Kirche öffnen, ist es richtig warm geworden, nicht nur im Raum, auch in den Herzen der Besucher. Ohne zu sprechen eilt die Familie Wolf nach Hause.
Jeder in Worms sehnen den Frühling herbei. Bereits anfangs März gibt es die ersten wärmeren Tage. Franz nützt die Zeit und beginnt bereits mit den Gartenarbeiten. Wenn das Wetter mitspielt, hofft er auf zwei Gemüseernten. Er spürt, dass er nicht mehr lange im Stadthaus arbeiten wird. Man nimmt ihm Übel, dass er für die falsche Partei kandidiert hatte. Liberale Parteien sind nicht mehr zeitgemäss. Jetzt muss man sich für deutsche Werte einsetzt.
Franz hat eigentlich das Gefühl, ebenfalls für sein Vaterland einzustehen, doch er möchte das nicht auf Kosten von anderen Leuten tun. Das sehen die Wahlsieger anders, man muss die Feinde von Deutschland bekämpfen. Für sie ist es schon Verrat, wenn er Steuererklärungen der Juden, gleich wie für deutsche Personen behandelt. Ende April muss er bei seinem Vorgesetzten vorsprechen. Das Gespräch ist kurz.
«Herr Wolf, haben sie einen Antrag gestellt, um in der NSDAP aufgenommen zu werden?»
«Nein, ich bin seit meiner Geburt den Liberalen verpflichtet. Warum sollte ich wechseln?»
«Sie sind einfach unverbesserlich. Die Zeiten ändern sich, man muss mit der Zeit gehen. Unter diesen Voraussetzungen muss ich leider das Arbeitsverhältnis auflösen. - Tut mir leid, ich habe meine Anweisungen.»
Dann überreicht er ihm den Brief: «Bitte hier unterschreiben. Bis Ende April bekommen Sie noch Lohn.»
Mit gesenktem Kopf verlässt Franz das Rathaus, nun hat es auch ihn erwischt. Was soll er nur machen? Vielleicht bekommt er bei der Sodafabrik eine Stelle, immerhin hat er noch Aktien. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Anfangs Mai fährt er nach Mannheim und bewirbt sich als Buchhalter. Der mitleidige Blick des Pförtners spricht Bände, als er das Formular ausgefüllt zurückgibt.
«Der Personalchef hat keine Zeit, er wird sich bei Ihnen melden, wenn es eine Stelle für Sie gibt.»
Das war’s, er spürt, da ist nichts zu machen. Er hat noch seinen Garten, zumindest kann er damit etwas zu Essen herstellen. Da gibt es hunderte von Arbeiter, die nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Zu essen gibt's nur was in der Suppenküche beim Armenhaus, aber da wird er sich nie Blicken lassen, dazu ist er zu stolz.
Willi setzt sich auf seinen Platz im Schulzimmer. Er wundert sich, dass Joshua noch nicht da ist. Normalerweise ist er einer der ersten. Auch die anderen Schüler wundern sich. Mit dem Lehrer betritt auch der Schuldirektor das Schulzimmer.
«Der Joshua wird nicht mehr in unsre Schule kommen», erklärt der Lehrer, «sein Vater wurde in seinem Uhrengeschäft überfallen. Beim Überfall wurde sein Vater an der Hand verletzt und kann keine feinen Arbeiten mehr ausführen. Jetzt muss Joshua das Uhrenhandwerk erlernen. Dazu braucht er kein Abitur.»
Der Direktor verabschiedet sich und der Unterricht wird aufgenommen, als wäre nichts geschehen. Das Problem mit dem jüdischen Schüler hat sich so für alle Beteiligten elegant gelöst. Willi hatte schon lange befürchtet, dass die Lehrer den Joshua am liebsten loswerden möchten. Wie war das mit dem Überfall? Er hat nichts davon in der Zeichnung gelesen. Für ihn wird sich nicht viel ändern, die Kontakte zu Joshua hat er in letzter Zeit eingeschränkt. Joshua hat sich zurückgezogen, er hat gespürt, dass Willi Probe bekommen hätte.
Am Abend fragt er seinen Vater, ob er etwas gehört hat. Der will am nächsten Tag bei Goldberg vorbeigehen und sich direkt informieren. Er hat jetzt Zeit, mehr als ihm lieb ist. Als Franz den Laden betritt, ist Maria am abstauben der Regale. Sie begrüsst ihn erfreut.
«Was ist geschehen?», fragt Franz.
«Drei Typen sind in den Laden gestürmt. Sie hatten Knüppel dabei und schlugen auf die Regale ein, dann packten sie einige Uhren in einen Sack und wollten verschwinden. Dummerweise stellte sich Josef an die Tür und wollte verhindern, dass sie flüchten können, doch die schlugen mit dem Knüppel auf seine Hand. Drei Finger sind gebrochen. Er liegt noch im Krankenhaus. Der Joshua ist jetzt bei einem befreundeten Uhrenmacher in Mannheim und lernt das Handwerk, bis Josef aus dem Spital entlassen ist. Ich führe den Laden solange allein. Wenn Uhren zur reparieren sind, nimmt sie Joshua mit nach Mannheim und repariert sie unter Aufsicht des Freundes. So kommen wir über die Runde, viel läuft eh nicht. Unser Glück ist, dass es praktisch keine deutschen Uhrengeschäfte gibt, sonst hätten wir schon lange keine Kunden mehr.»
Maria lädt Franz noch zu einem Kaffee in die Wohnung über dem Geschäft, dieses bleibt solange geschlossen. Nach einem Gespräch über die schlechten Zeiten und dass es früher viel besser war, verabschiedet sich Franz und tritt auf die Strasse. Worms hat sich verändert. An Strassenecken hängen Männer rum und beobachten die Leute. Gelegentlich sprechen sie Passanten an und scheinen einen Handel abzuschliessen.
Auf dem Weg nach Hause denkt er intensiv nach. Nur den Garten bestellen, das kann es nicht sein. Er muss nach einer anderen Lösung suchen. Eine Stelle als Buchhalter kann er in nächster Zeit vergessen. Er braucht eine Alternative damit sie über die Runde zu kommen.
Franz schläft schlecht. Doch am Morgen weiss er, was er machen muss. Er verabschiedet sich von Rosa ohne zu sagen was er vorhat. Heimlich hat er den Briefumschlag mit den Aktien aus dem versteckten Fach des Sekretärs genommen und unter dem Mantel versteckt.
Noch zögert er, doch dann betritt er die Bank. Sein persönlicher Berater empfängt ihn in einem Sitzungszimmer. Franz begrüsst ihn freundlich, obwohl er ihm am liebsten eine auf die Fresse gehauen hätte. Das Gespräch ist kurz, sie sind sich schnell einig. Der Berater geht zur Kasse und kommt mit einem Bündel Geldscheinen zurück, welche er Franz auf den Tisch blättert.
«Stimmt», bestätigt Franz und überreicht ihm die Aktien, dann streckt er das Geld ein und verlässt die Bank. Auch so ein verrückter, denkt er für sich. Er hat das Hakenkreuz an seinem Kragen bemerkt.
Als Erstes geht er nach Hause und versteckt ein Teil des Geldes im Gartenhaus. Er darf nicht daran denken, wie viel die Aktien noch vor einem Jahr Wert waren, aber jetzt hat er sie los. Nun will er das Geld wieder vermehren.
Er steckt sich einige Geldscheine ein und macht sich mit dem Fahrrad auf zum Hafen. Noch weiss er nicht, wie es weiter geht, aber der Zufall wird ihm helfen, er muss nur die Augen offen halten.
Er stellt sein Fahrrad an eine Wand und schliesst es ab. Natürlich muss er damit rechnen, dass es trotzdem gestohlen wird, doch er behält es aus der Distanz im Auge. Es gibt viele Männer welche in der Nähe der Anlegestelle der Schiffe herumlungern. Er beobachtet die Männer heimlich. Die können sicher irgendwelche Geschäfte machen, sonst wären sie nicht hier. Einige verkaufen Zigaretten, andere Alkohol und dann gibt es noch solche, die Geld wechseln.
Ein Schiff aus Basel legt an der Pier an. Die Matrosen haben offensichtlich für den Abend Ausgang erhalten. Er folgt einem, welcher sich auf den Weg zur Innenstadt macht. Als der Matrose anhält und in seinen Taschen etwas sucht, holt ihn Franz ein und grüsst ihn.
«Kannst du mir Reichsmark verkaufen?»
«Wieviel brauchst du?»
«Ich denke für zehn Mark bekomme ich etwas zu essen und ein Bier.»
«Sicher, das reicht. Was kannst du mir geben.»
«Ich habe nur Schweizer Franken!»
«Was soll ich mit denen? Hast du Zigaretten?»
«Ja, aber nicht hier, ich muss zurück aufs Schiff, dort habe ich dreihundert.»
«Soviel brauche ich nicht, aber hundert zu zehn Mark wäre ein faires Geschäft.»
Man ist sich einig. Franz ist mit neunzig Zigaretten zufrieden. Nicht das ganz grosse Geschäft, aber immerhin ein Anfang.
Nach einer Woche hat er einige Güter ausgemacht, mit denen man gute Geschäfte machen kann. Am Nachmittag kann er noch drei kleine Geschäfte abschliessen. Es ist nicht viel, aber wenigstens hat er, als er nach Hause zu Rosa geht, mehr Geld in der Tasche, als er am Mittag mitgenommen hatte.
In den folgenden Tagen lernt er das Geschäft mit den Matrosen besser kennen. Die haben meistens nur wenig Zeit, um sich vom harten Job auf dem Schiff zu erholen. Die Meisten sind zufrieden, wenn sie eine Kneipe mit etwas Betrieb und gutem Bier finden. Mit dem Wirt der goldenen Gans schliesst er eine Art Vertrag ab. Für jeden Matrosen den er in die Kneipe bringt, erhält er drei Prozent Kommission auf dessen Umsatz. Es ist nicht viel, aber leicht verdientes Geld. Zudem sind die Matrosen dankbar, in anderen Städten werden sie oft übers Ohr gehauen. Die gute Betreuung durch Franz hat sich schnell herumgesprochen. Nach drei Wochen muss er den meisten Kunden nicht mehr nachrennen, sie suchen ihn.
Streng achtet er darauf, dass sie in der Kneipe gut betreut werden. Die meisten Matrosen fahren immer die gleiche Strecke. Inzwischen kennt er die Möglichkeiten, welche seine Kunden haben. In jeder Stadt gibt es spezielle Waren, welche dort günstig zu erwerben sind. So vertieft sich die Zusammenarbeit und beide Seiten profitieren. Die einen können ihre Rechnung in der Kneipe entweder mit einem Käse aus Holland begleichen oder mit Wein aus Frankreich. Aus der Schweiz sind die Zigarren momentan am einträglichsten.
Damit die Matrosen in der goldenen Gans nicht alleine rumsitzen müssen, organisierte Franz Leute von der Strasse. Die sind froh, wenn sie an der Wärme sind. Da sie sich kein Bier leisten können, stellt der Wirt ihnen ein, zwei Finger hoch gefülltes, Bierglas hin. Ab und zu, lässt er in ein leeres Glas etwas nachfüllen. So ist in der goldenen Gans immer viel Betrieb.
Nachdem es sich herumgesprochen hat, ist es manchmal zu laut. Einmal geraten sich Sozis und Nazis in die Haare und es gibt eine Schlägerei. Darauf hin hängte der Wirt eine Tafel vor das Lokal. Politische und religiöse Symbole sind in der goldenen Gans unerwünscht. Ab diesem Zeitpunkt sieht man weder Hakenkreuze noch rote Halstücher im Lokal.
Franz macht sich die Arbeit nicht leicht, jeden Abend führt er sein Kassenbuch nach. Es ist wichtig, denn die Preise schwanken. Er muss darauf achten, dass von keinem Produkt zu viel auf den Schwarzmarkt in Worms gelangt.
Eine steile Karriere, welche Franz da hinlegt. Vom korrekten Beamten, zu einer Drehscheibe auf dem Schwarzmarkt. Nach zwei Monaten steht er nicht mehr selber am Pier, dazu hat er Männer angestellt, welche für ein paar Zigaretten seine Aufträge ausführen. Er hat sie gut im Griff, jeder ist froh, wenn er seine Aufgabe hat, die ihm erlaubt, dass er abends nicht hungrig ins Bett muss.
Natürlichen hat sich herumgesprochen, dass in der goldenen Gans viele Matrosen einkehren. Um den Matrosen ein gutes Programm zu bieten, schickt Franz Männer aus, welche in den Strassen nach jungen Mädchen Ausschau halten. Die meisten sehen erbärmlich aus. Frau Wirtin nimmt sich den Mädels an. Zuerst müssen sie ins Badezimmer. Einige erhalten nach Wochen endlich wieder einmal ein Bad. Nach dem sie gründlich gewaschen sind, versucht die Wirtin, sie etwas herzurichten. Sie kämmt ihre meist wilde Frisur und bändigt diese in Zöpfen. Wenn die Kleidung gar schäbig aussieht, holt sie aus ihrem Kleiderschrank einen Rock oder eine Bluse und leiht sie den Mädels.
So herausgeputzt schickt man die inzwischen recht ansehnlichen Mädchen in die Kneipe. Der von der Strasse geholte Handharmonikaspieler sorgt für Stimmung. Es wird geschunkelt, als ob jeden Tag Fasching wäre. Das gefällt den Leuten. Die Matrosen haben meistens links und rechts bei einem Mädchen eingehängt und wiegen hin und her. Natürlichen wurde der Körperkontakt von beiden Seiten begrüsst. Die Mädchen bekommen zur Belohnung meistens ein Bier und manchmal eine Suppe spendiert. Die Spende wird üblicherweise mit einem Kuss verdankt.
Der Franz kann sich nicht beklagen. Der Wirt lässt ihn am guten Geschäft mit verdienen. Dass aus dem exakten Beamten, so quasi ein Zuhälter geworden ist, stört eigentlich nur Rosa. Sie ist jedoch froh, dass ihr Haushaltsgeld wieder etwas reichlicher ausfällt. Nachdem Franz arbeitslos wurde, musste sie sich sehr einschränken, das ist für sie ungewohnt. Sie die in Kassel Verwandte hat, welche mit dem Kaiser verwandt waren. Wenn die wüssten, sie könnte sich bei ihnen nicht mehr blicken lassen, aber das ist zurzeit eh kein Thema, es sind keine weiteren Familientreffen geplant.
Wilhelm geht immer noch ans Gymnasium. Dort hat es grosse Änderungen gegeben. Viele Schüler haben aufgegeben. Was sollen sie mit dem Abitur anfangen. Arbeit werden sie auch mit einem Diplom keine finden. Es gibt unter den Arbeitslosen zu viele Akademiker. Zurzeit sind eher Leute mit starken Muskeln gefragt. Kerle die anpacken können. Die Klasse ist um die Hälfte geschrumpft und wird nur noch von einem Lehrer unterrichtet.
In den Strassen von Worms finden wöchentlich Demonstrationen statt. Sowohl rechts wie links mobilisieren ihre Leute. In der Schule gibt es zwei Lager. Von der Herkunft her gehört Willi eigentlich zu den rechten, doch die jüdische Urgrossmutter verhindert einen Beitritt zur Hitlerjugend.
So ist er gezwungen, sich mit den immer seltener werdenden Söhnen der linken zusammenzutun. Er tritt dem SV Wormatia Worms bei. Fussball hat ihn schon immer begeistert. Die Mitglieder sind meistens links orientiert, doch es dominiert der Fussball, Politik bleibt draussen. Nach anfänglichen Problemen, wird er immer besser und steigt vom Ersatzspieler zur Stammelf auf, allerdings nur in der zweiten Mannschaft.
In der Schule hat er immer noch viele Freunde. Auch solche die jetzt in der Hitlerjugend sind. Die erzählten von ihren Zeltlagern und Schiessübungen welche sie jedes Wochenende organisieren. Da können die Fussballer nicht mithalten. Eigentlich würde Willi auch gerne ins Zeltlager und bei Schiessübungen teilnehmen, aber sein Bericht über den Besuch bei seiner jüdischen Urgrossmutter, haben die anderen Schüler noch nicht vergessen. Wie konnte er nur so dumm sein, mit einer jüdischen Urgrossmutter anzugeben. Heute wäre das undenkbar, doch damals war das noch normal.
Zumindest Gabi schätzt es, dass er nicht in der Hitlerjugend ist. Ihre Familie steht politisch, auf Grund ihrer Herkunft, links. Sie besucht jedes Fussballspiel in dem Willi mitspielt, sogar wenn sie auswärts antreten, fährt sie mit dem Rad hin und unterstützt ihn mit lauten Zurufen.
In der goldenen Gans bereitet man sich auf eine spezielle Nacht vor. Max Schmeling boxt diese Nacht in New York. Der Wirt hat ein Radio organisiert, dass der Kampf direkt verfolgt werden kann. Eigentlich müsste er die Kneipe nachts schliessen, aber man hat vorgesorgt. Um Mitternacht sieht es so aus, als ob alle nach Hause gingen, doch die Leute kommen durch den Kellereingang wieder zurück in die Kneipe. Natürlichen heisst es ab diesem Zeitpunkt ruhig sein. Alles versammelt sich in der hinteren Stube, die für Versammlungen vorgesehen ist. Von dort dringt kein Laut nach draussen.
Der Kampf gegen den als unschlagbar geltenden Sharkey beginnt. Gespannt lauschen die Leute der Stimme des Reporters. Schmeling beginnt gut, doch es ist nicht zu verkennen, dass Sharkey sehr stark ist. Auch wenn der deutsche Reporter jede Aktion von Schmeling über Gebühren lobt, so ist nicht zu verheimlichen, dass er viel einstecken muss. Auf jeden Fall mehr als es dem Reporter lieb ist.
Immerhin, die ersten drei Runden hat er überstanden, das schafften bis jetzt nur die wenigsten. Dann wird die Stimme des Reporters laut.
«Max krümmt sich vor Schmerzen, es sieht schlechte aus, aber das war ein Tiefschlag, der ihn ausser Gefecht gesetzt hat».
Danach ist der Reporter verstummt, die Halle scheint zu toben.
«Der Kampf ist zu Ende», findet der Reporter seine Stimme wieder, «wird Max der Titel gestohlen?»
Die Spannung ist auch in der Kneipe zu spüren, ist das das Ende des Traums?
«Max ist Weltmeister!», - die Stimme des Reporters überschlägt sich beinahe. «Sharkey wird disqualifizier. Max ist Weltmeister, - Weltmeister, Weltmeister!»
In der Kneipe bricht Jubel aus. Max ist einfach der Grösste.
Mit dem Gefühl, wir Deutschen sind Weltmeister, verlassen die letzten Gäste die Kneipe erst, als es draussen schon hell war. Auch Franz hat ein bisschen zu viel getrunken, doch Rosa schläft schon fest, als er zu ihr ins Bett steigt.
Ende Juni ist es dann soweit, die Franzosen ziehen ab. Endlich ist Worms wieder deutsch. Endlich kann man die Ernst Ludwig Brücke überqueren, ohne dass man mit einer Kontrolle durch die Franzosen rechnen muss.
Die Freude in der Bevölkerung ist gross, nur öffentlich zeigen wollte man es nicht. Die Hauptsache ist, dass sie endlich gehen. Mit gemischten Gefühlen schaut Maria den letzten LKWs nach. Die Nacht von Mannheim spukt immer noch ab und zu in ihrem Kopf herum, zum Glück hat nie jemand davon erfahren.
Der Abzug der Franzosen verursacht in Worms eine optimistische Stimmung. Nur, der Lebensstandard steigt deshalb nicht wirklich an, die Armut ist nur besser zu ertragen.
Der Winter 1931 ist etwas wärmer, als die letzten Jahre. Trotzdem leiden die Einwohner von Worms unter der Wirtschaftskrise. Immer mehr Arbeitslose bedeutet auch für die Geschäfte wenig Umsatz und stark sinkende Erträge. Auch die goldene Gans musste Einbussen verkraften, doch lange nicht so viel, wie andere Kneipen. Das Konzept stimmte und Matrosen haben immer Geld. Aber die schlechte Wirtschaftslage führt dazu, dass weniger Schiffe in Worms anlegen. Auch Familie Wolf muss zurückstecken, doch im Vergleich mit vielen anderen Wormser sind sie gut dran.
Hitler in Worms /1932
Das Strassenbild in Worms verändert sich. Immer mehr junge Männer in Uniformen stolzieren durch die Gassen. Ihr Benehmen gibt zu Sorgen Anlass. Zivilisten müssen aufpassen, dass nicht eine Gruppe uniformierter sie aufs Korn nimmt. Wahllos werden Leute angegriffen und verprügelt. Nach einem Überfall ist es besser, sich ruhig zu verhalten. Eine Anzeige bei der Polizei ist zwecklos. Die Banden werden durch sie geschützt. Wenn man Pech hat, landet man als Anstifter einer Schlägerei im Knast.
Franz hat gelernt mit ihnen umzugehen. Wenn ihm eine Gruppe begegnet, hebt er den rechten Arm und grüsst zackig. Das macht Eindruck und hilft darüber hinweg, dass er kein Parteiabzeichen trägt. Sein Verhalten ist ihm innerlich zuwider, es ist jedoch besser als verprügelt zu werden. Er sehnt sich nach der Zeit des Kaisers zurück.
Der Winter 1932 ist wieder sehr streng. Franz muss langsam seine Reserven anzapfen. Um wenigstens ein Zimmer warm halten zu können, tauscht er drei Laib Käse gegen Briketts ein. Zu Essen gibt es Sauerkraut und Kartoffeln, ab und zu kocht Rosa ein bisschen Schinken.
Als sich endlich der Frühling ankündigte, ist das Schlimmste überstanden. Aus dem Garten gibt es frühen Salat. Mit der wärmeren Jahreszeit legen wieder mehr Schiffe im Hafen an und die goldene Gans macht mehr Umsatz.
Ende Mai hängen überall in der Stadt Plakate, welche auf einen Auftritt von Adolf Hitler im Wormatia Stadion am 12. Juni hinwiesen. Das ist ein grosses Ereignis und wird von vielen mit Begeisterung erwartet.
Für Franz hatte der Besuch von Hitler verheerende Folgen. Die SA wollen Worms im besten Licht erscheinen lassen. Am 3. Juni stürmen zwanzig SA-Leute die goldene Gans und schlagen alles zusammen. Es gab einige verletzte Gäste. Der Wirt wird schwer verletzt in Spital eingeliefert. Franz hat Glück, er war zum Zeitpunkt des Überfalls nicht im Lokal. Die SA nahm es dem Wirt immer noch übel, dass sie in Uniform nicht ins Lokal durften. Jetzt kann gar niemand mehr ins Lokal. Die Türe der goldenen Gans wurde mit Brettern vernagelt.
Brauchbar ist das Lokal eh nicht mehr. Das gesamte Mobiliar wurde zertrümmert. Nun hat Franz seine Haupteinnahmequelle verloren. Dank dem Garten kann er sich über Wasser halten, aber was bringt der nächste Winter?
Dann kommt der 12. Juni. Zu tausenden strömen die Leute ins Stadion. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion wütete der Mob. Alles was nach jüdisch aussieht, wird zerstört. Zum Glück liegt der Laden von Goldberg nicht in der Nähe des Stadions. Vorsorglich hat er das Geschäft die ganze Woche geschlossen. Kunden sind eh selten geworden. Neue Uhren kann er schon lange nicht mehr verkaufen. Lediglich mit Reparaturen, welche Joshua durchführt, hält er sich über Wasser.
Für Franz ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, er musste sich entscheiden, denn bei den Braunen gilt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Die Nachbarschaft beobachtet ihn schon lange. Zu verlockend ist es, einen bei der SA anzuschwärzen, so kann man von sich selber ablenken und hat seine Ruhe.
Vor dem Einschlafen diskutiert er mit Rosa, soll er morgen ins Stadion? Rosa hat sich sehr verändert. Seit Hitler allgegenwärtig ist, geht sie nur noch selten in die Kirche.
«Natürlichen gehst du hin, du musst mit der Zeit gehen», stellt Rosa fest, «du hast schon die Stelle verloren, nur weil du für die falsche Partei kandidiert hast. Du kannst dir mal anhören was dieser Hitler zu berichten hat. Das bedeutet ja nicht, dass du ihn dann wählen musst.»
«Meinst du?», fragt Franz nach, «ich habe ja nicht einmal eine Binde mit Hakenkreuz, da falle ich auf und werde womöglich noch verprügelt.»
«Dann nähe ich dir so eine Armbinde, das ist doch kein Problem. Stoff habe ich.»
«Das würdest du machen?», fragt er unsicher, «ist das nicht Verrat an den Goldbergs?»
«Hat sich Goldberg um dich gekümmert, als du die Arbeit verloren hast?»
«Konnte er ja nicht», wendet Franz ein, «das hätte es nur noch schlimmer gemacht.»
«Ja vielleicht hast du Recht, aber jetzt muss man für sich schauen. Die Braunen schauen gut zu ihren Leuten, die haben alle Arbeit.»
Damit ist das Thema erledigt, bis Mittag hatte Franz seine Armbinde. Die Farbe stimmt nicht genau, aber da wird er nicht der Einzige sein. Sein Haus verlässt er noch ohne Armbinde. Erst als er sich der Hauptstrasse nähert, holt er die Binde aus der Tasche und streift sie über den linken Arm. Nun ist er einer von Ihnen, das deutsche Volk muss zusammenhalten.
Im Stadion herrscht eine gespannt Stimmung. Die lokalen Organisatoren waren nervös. Der Führer soll einen guten Eindruck von Worms bekommen, das ist man der Stadt schuldig. Bevor der hohe Gast eintrifft, muss der Gruss geübt werden. Zu tausenden brüllten die Leute: «Heil Hitler!»
Als Franz die kritischen Blick der nebenstehenden Leute bemerkte, weil er nur die Lippen bewegte, schrie er bei der nächsten Übung kräftig mit. Jetzt strahlten die beiden kräftigen Männer neben ihm, geht doch, verrät ihr Gesichtsausdruck.
Dann kam der grosse Moment. Hitler tritt an das Rednerpult. Kaum hat die Menge ihn erblickt, bricht ein unglaublicher Jubel aus. Die Menge ist wie verhext, jeder schreit aus Leibeskräften. Franz ist verwirrt, er hatte sich Hitler grösser vorgestellt. Na egal, mal hören was er zu sagen hat. Die Blicke der beiden Kerle veranlassten ihn mitzuschreien. Dass er heiter, statt Hitler schrie, bemerkt keiner der Umstehenden.
Dann beginnt Hitler zu sprechen. Zumindest versuchte er es, aber kaum dass er die Stimmen erhebt, brandet der Jubel los. Erst nachdem seine Gesten andeuten, dass es genug sei, kann er seine Parolen ins Stadion schreien. Franz versteht nichts, er wird von zwei Lautsprechern, die nicht synchron sind, mit Ton versorgt. Zudem geht alles im Jubel unter. Er ist zu weit hinten, er kann Hitler nicht verstehen.
Nur Bruchstücke gelangen zu ihm. Deutschland muss sich von den Klauen der Siegermächte befreien! - Deutschland muss wider stark werden und dass der Jude an allem Schuld ist! sind die wichtigsten Punkte die er versteht. Aber eines wird ihm bewusst, gegen diese Fanatiker kommt man nicht an. Es ist wieder wie zu Zeiten des Kaisers, jemand übernimmt Verantwortung.
Franz lässt sich von der Stimmung mitreissen. Ein unglaubliches Gefühl der Zusammengehörigkeit ist zu spüren. Jeder wird mitgerissen, das Gehirn ist ausgeschaltet. Der Mann auf dem Podium hat die Massen im Griff. Sie schreien wenn er will, sie heben den rechten Arm, wenn er es befiehlt! Es ist unheimlich. In den Gesichtern der Zuhörer erkennt er, sie sind bereit dem Führer zu folgen und das ohne jede Kritik.
Gegen Ende der Veranstaltung wird nur noch geschrien. Fahnen werden geschwenkt, dann stehen die Uniformierten stramm und salutieren. Alles begleitet von Rufen: «Heil Hitler!»
Auch Franz schreit mit, dabei ist sein Innerstes immer noch am Zweifeln. Solange er im Stadion ist, wird das Gewissen verdrängt. Er ist ein Teil der fanatischen Masse, das muss er akzeptieren.
Dann ist die Veranstaltung zu Ende. Der Führer wird in seinem Auto weggefahren, noch einmal huldigt ihm die Menge. Die löst sich nur langsam auf. Immer wieder stolziert ein Uniformierter auf die Bühne und fordert die Menge auf, Hitlers Name zu schreien oder ihn hochleben zu lassen.
Erst nachdem er stundenlang in der Mass stehen musste, kann Franz sich auf den Heimweg machen. Langsam wird ihm bewusst was er eben erlebt hat. Der Franz der da im Stadion stand, das ist nicht der Franz den er kennt. Kann man Hitler mit dem Kaiser vergleichen? Eigentlich nicht, er ist klein und unscheinbar und trotzdem fasziniert er die Massen. Aber warum? Darauf weiss er keine Antwort, da muss er erst darüber schlafen.
«Und wie war es?», fragt Rosa.
«Unheimlich», mehr bringt er nicht raus.
«Ist das alles?»
«Er hatte sie in der Hand, es war unheimlich.»
«Nun erzähl doch, was hatte er für einen Anzug an?»
«Was interessiert mich sein Anzug? - Ja ich glaube er trug einen Anzug nicht die Uniform, aber ich bin mir nicht sicher, ich stand weit hinten.»
«Das nächste Mal muss ich wohl selber hingehen, du erzählst ja nichts.»
«Das kann ich dir nicht empfehlen. Politik ist Männersache. Die würden dich zerdrücken, da geht es nicht sehr friedlich zu. Ich kaufe morgen eine Zeitung, dann kannst du alles nachlesen.»
Danach versinkt Franz in grosses Schweigen. Der Tag macht ihm Angst, wie geht es weiter? Wird Hitler Deutschland wieder gross machen. Dagegen hat er nichts, nur dieser Hass auf die Juden, das kann er als Katholik nur schwer akzeptieren, dieser Goldberg ist doch ein angenehmer Zeitgenosse. Der hatte viel Pech im Leben und hat sich wieder gefangen. Franz könnte ihm nichts vorwerfen.
Sicher gibt es unter den Juden solche, die wissen wie man ein gutes Geschäft abschliessen kann. Ist das ein Verbrechen? Gut vielleicht meint Hitler die Juden, welche die Gutgläubigkeit der Mitmenschen ausnutzen und ihr Vermögen mit illegalen Geschäften anhäuften. Dass man gegen diese Leute vorgeht, da kann er nichts dagegen einwenden. Sicher meinen die Nazis nur solche Juden. Die Juden die Franz kennt, sind im Alltag integriert und fühlen sich als Deutsche. Wenn er da an seine Grossschwiegermutter denkt. Die hatte deutsche Soldaten gepflegt. Da kann man doch nicht von einer Jüdin sprechen, sie ist so deutsch wie andere Frauen.
Plötzlich läuft es ihm kalt den Rücken runter. Es wird ihm bewusst, dass er gar nicht in die NSDAP eintreten kann, er hat jüdisches Blut in seiner Verwandtschaft. Was heisst das nun für ihn? Die Vernunft sagt ihm, dass er die NSDAP mit allen Mitteln bekämpfen müsste, doch kann er das überhaupt? Wie konnte er, als er Rosa heiratete, wissen, dass sie jüdische Vorfahren hat? Das überprüfte doch damals niemand.
Beim Einschlafen drehen sich seine Gedanken um die Zeit, als er an der Kerb überlegte, welches Mädchen er zum Tanz auffordern will. Neben Rosa war da noch die Waltraud und auch die blonde Hanna stand zur Auswahl. Schliesslich viel die Wahl auf Rosa, weil sie sich nicht zierte, als er ihren Busen streichelte. Als er drei Tänze früher das gleiche bei Hanna probierte, spielte die die Entrüstete. Bei Waltraud klappte es nicht, weil sein Freund schneller war. Als er Rosa nach der Kerb nach Hause brachte, waren die Würfel gefallen! Wie konnte er damals ahnen, welch grossen Fehler er gerade beging?
Wieso Fehler? Stellt er entsetzt fest. Mit Rosa hat es doch ganz gut geklappt, jahrelang waren sie ein glückliches Ehepaar. Das soll nun wegen diesen Nazis plötzlich nichts mehr Wert sein? Er lässt sich von denen doch nicht vorschreiben, welche Frau er heiratet. Das geht die doch nichts an.
Trotzdem hat er nun ein Problem. Wie soll er sich verhalten? Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder er ist gegen die Nazis, das ist aber sehr gefährlich. Es bleibt also nur die zweite Möglichkeit, er muss unauffällig mitschwimmen. Nur nicht auffallen und so tun, als ob man sich nicht an der Politik beteiligt. Manchmal wird er eine Armbinde tragen müssen, damit er nicht auffällt, aber was er denkt, das bleibt sein Geheimnis. Vielleicht ist das mit diesen Nazis früher vorbei, als man denkt. Dieser Hitler kann es mit dem Kaiser nicht aufnehmen.
Gefährliche Strassen /1932
Seinen 17. Geburtstag feiert Willi mit den Freunden vom Fussball. Eigentlich plante er eine kleine Feier im Klubhaus. Der Stadionwart riet ihm ab, es könnte sein, dass die Braunen die Feier stören könnten.
So schmückte Willi das Gartenhaus. Rosa und Gabi helfen ihm, dass es trotzt dem kleinen Raum, gemütlich wirkt. Kaum zu glauben, dass seit dem schwarzen Freitag schon vier Jahre vergangen sind. Seither hat sich das Leben der Familie Wolf deutlich verändert. Die guten Zeiten sind vorbei. Für eine einfache Geburtstagsfeier reicht das Geld noch. Es wird ein ruhiger Geburtstag, vom Grammophon, welches ein Freund mitgebracht hat, ertönen mehrheitlich Schnulzen. Das Grammophon gehört seiner Mutter und die liebt diese Schnulzen. Da die meisten Freunde ihre Freundin dabei haben, wird bei schummrigem Licht viel geknutscht.
Die Paare steckten sich gegenseitig an, wenn einer seine Hand auf den Busen seiner Freundin legt, wird es von den anderen Paaren nachgemacht. Die Mädchen welche sich bisher züchtig verhielten, geben ihre Zurückhaltung noch so gerne auf. Lediglich seine Mutter Rosa, welche ab und zu frischen Kaffee bringt, verhinderte, dass die Feier total ausartet.
Gegen neun Uhr ist das Fest beendet. Die Jungen müssen ihre Freundinnen nach Haus bringen. Nachts sind die Strassen von Worms gefährlich, da patrouillierten Nazihorden durch die Strassen. Wehe, sie finden einen Grund, sich mit jemandem anzulegen. Das endete meistens mit einer blutigen Nase oder gar mit einem Spitalaufenthalt.
Der Stadtrat versuchte zwar, seine Polizisten zur Sicherung der Strassen einzusetzen, doch die Nazis finden immer Wege, die Polizei auszutricksen. So ist es sicherer, wenn man sich rechtzeitig in seine Wohnung zurückzieht, da hatte man seine Ruhe.
Wilhelm ist mit Ausnahme von Mittwochabend, den verbringt er immer noch traditionsgemäss mit Gabi, meistens zu Hause. Im nächsten Jahr will er sein Abitur abschliessen. Zurzeit arbeitet er an einem Bericht über die Fliegerei. Das Thema fasziniert ihn immer noch, obwohl seit Lindberghs Flug einige Zeit vergangen ist, werden in der Fliegerei werden laufend neue Rekord aufgestellt. Die technischen Neuheiten sind zahlreich und alle müssen in seinem Bericht erwähnt werden. Noch ist es ein Kampf zwischen Fliegerei und Luftschiffen. Die Flugzeuge sind schneller, doch die Luftschiffe sicherer.
Willi ist auf dem Nachhauseweg vom Fussballtraining. Er sass diesmal noch länger mit seinen Freunden zusammen als üblich, weil man noch den Jahresabschluss feierte. Willi geht durch die aussen Bezirke nach Hause. Hier kann er eine nahende Horde Nazis rechtzeitig hören und sich verstecken.
Er kommt gut voran und wird nicht belästigt. Er ist schon beinahe zuhause, als am Horizont eine helle Stelle auszumachen ist. Nach einigen Sekunden der Unsicherheit realisiert er, dass es irgendwo brennt. Er muss sich entscheiden, soll er nach Hause oder muss er sich um das Feuer kümmern. Schon hört er die Glocke mit der die Feuerwehr alarmiert wird. Er ist also nicht der einzige, welcher das Feuer bemerkt hat. Er kann nach Hause gehen, das Feuer ist bereits gemeldet und die Löscharbeiten sind eingeleitet.
Seine Neugier ist jedoch stärker. Er geht in Richtung des Feuers und nähert sich der Stadt. Das Feuer muss Mitten in der Stadt ausgebrochen sein. Dann kann er die Brandstelle zuordnen, es muss das Stadttheater sein, welches da in Flammen steht.
Inzwischen sind viele Leute eingetroffen und rennen panikartig herum. Die Feuerwehr legt Schläuche aus und beginnt Wasser in das brennende Gebäude zu pumpen. Einer ruft Willi zu sich, er soll beim Pumpen helfen. Kräftig zieht er an der Stange, mit fünf anderen Männern, pumpen sie was ihre Kräfte hergeben.
Eine Stunde später sind sie völlig erschöpft. Es ist nichts zu machen. Das Stadttheater ist nicht zu retten, es brennt bis auf die Grundmauern runter. Erschöpft geht Willi nach Hause. Worms hat ein schönes Gebäude verloren, es wird nie mehr wie früher sein.
Am nächsten Morgen wird vermutet, dass der Brand gelegt wurde. Es gibt Zeugen, welche eine Nazihorde im Bereich des Stadttheaters gesehen haben. Kurze Zeit später bemerkten Passanten, den Rauchgeruch und alarmierten die Feuerwehr. Doch das Feuer bereitete sich rasend schnell aus. Das historische Gebäude ist nicht mehr zu retten.
Wochenlang wurde gerätselt, warum man ein solches Gebäude in Brand steckt. Was und vor allem wem, bringt das etwas? Musste das Gebäude verschwinden, weil dort auch Stücke von jüdischen Autoren aufgeführt wurden? Man weiss es nicht, die vermutlichen Brandstifter werden ermittelt, doch verurteilen kann man sie nicht. Es fehlen die Beweise. Die Zeugen zogen ihre Aussagen zurück. Zum Glück ist der Feuerwehrkommandant so weitsichtig, dass die Namen der Zeugen nicht veröffentlicht werden.
Später findet man bei der Brandruine einen Zettel: Man hat es getan, weil man es konnte!
An einem Nachmittag macht sich Maria auf und besucht Rosa. Sie hat einen Plan den sie mit der Familie Wolf besprechen will.
«Welche eine Überraschung», ruft Rosa erfreut, als sie Maria vor der Türe sieht, «nett, dass du uns wieder mal besuchst.»
«Ich möchte etwas mit dir und Franz besprechen, ist er da?»
«Ja er sitzt in der Stube und studiert sich den Kopf voll, wie er noch etwas Geld verdienen könnte.»
«Ist nicht mehr einfach», bestätigt Maria, «dass Josef als Jude Probleme hat, verstehe ich, aber ihr seid doch deutsche.»
«Franz hatte für die falsche Partei kandidiert, du erinnerst dich. Momentan hat er es nicht leicht. Bis die goldene Gans geschlossen wurde, ging es noch gut, aber jetzt ist die Quelle versiegt.»
In der Stube begrüsst auch Franz die Maria. Nach langen, nichtssagenden Floskeln, kommt Maria auf ihr Anliegen zu sprechen. Sie schlägt vor, dass Franz die Rolle eines Zwischenhändlers übernimmt. Josef würde in der Schweiz und im Schwarzwald Uhren einkaufen und Franz würde diese an deutsche Händler im Rheinland verkaufen.
Franz ist zuerst vorsichtig und glaubt nicht, dass es genug Kunden gibt. Maria kann ihn überzeugen, die Nazis haben Geld um Uhren zu kaufen, nur wollen die mit Juden nichts zu tun haben. Das Uhrengeschäft ist seit Generationen in der Hand der Juden. Den deutschen Uhrenhändler fehlt es an Fachwissen.
Nach zwei Stunden einigt man sich darauf, es mit einer kleinen Stückzahl zu versuchen, danach kann man immer noch abbrechen. In der folgenden Woche reist Josef nach Freiburg und besucht jüdische Uhrenmacher. Nach vier Tagen kommt er mit zwanzig Uhren zurück.
Joshua übergibt die Uhren an Willi, wenn der am Mittwoch mit Gabi in den Rheinauen spazieren geht. Dabei kreuzen sich zufällig ihre Wege. Wie Maria vorausgesagt hatte, kann Franz die Uhren zu einem guten Preis verkaufen. Endlich hat er wieder eine Beschäftigung. Uhrenhändler ist auf alle Fälle ehrenwerten, als dem Wirt der goldenen Gans, Matrosen zu vermitteln.
Im Schnitt kann Franz zwanzig Uhren pro Woche verkaufen. Es zeigt sich, dass die Nationalsozialisten wieder Geld für Luxusartikel einsetzen können. Für die ist die Krise bereits zu Ende, nur woher sie das Geld haben, ist Franz schleierhaft, doch das geht ihn nichts an.
Franz hofft auf die Reichstageswahl, vielleicht gibt es ja eine Überraschung und das Volk erteilt den Nationalsozialisten eine Abfuhr. Nur das Bild auf der Strasse ist ein anderes. Da dominieren die Uniformen der Nazis. Franz hofft darauf, dass er nicht der Einzige ist, welcher die Armbinde trägt, aber an der Urne liberal wählt.
Ende Februar, der Frühling ist bereits spürbar, da verbreitet sich eine Meldung wie ein Lauffeuer: Adolf Hitler wird deutscher Staatsbürger.
Anfang März hat das Radio eine noch interessantere Meldung. Das Baby von Charles Lindbergh wurde entführt. Diese Meldung bewegt die Leute auf der Strasse mehr, als die Staatsbürgerschaft von diesem Hitler.
Nach einer bangen Woche und einem hin und her um das Lösegeld, wird das Baby am 12. März 1932 Tod aufgefunden. Danach beginnt die Suche nach dem Mörder. Das gibt jeden Tag weitere Schlagzeilen.
Am 10. April atmete Franz auf. Paul von Hindenburg wird Reichspräsident und nicht einer der Nazis. Die erreichen einen Achtungserfolg, werden aber nur die zweitstärkste Partei im Reichstag. Franz schöpft neue Hoffnung. Als die SA und die SS sogar verboten wird, lässt er die Armbinde zuhause. Deutschland hat doch ein Gewissen. Jetzt wo die Franzosen abgezogen sind und keine Reparationszahlungen mehr geleistet werden mussten, sollte es wieder aufwärts gehen.
Die Universität /1933
Im Sommer macht Wilhelm sein Abitur. Er schliesst sehr gut ab. Nun geht es darum, wo und was er studieren will. Für ihn ist klar, er will Luftfahrtingenieur werden und da bietet sich die Universität von Aachen an. Als seine Bewerbung angenommen wird, freute er sich riesig. Er wird in Aachen im Studentenwohnheim wohnen und nur noch am langen Wochenende nach Worms kommen. Die schönen Mittwochabende mit Gabi fallen aus. Aber sonst herrschte eitle Freude.
Rosa wischt sich eine Träne ab, als sie Wilhelm und Franz am Bahnhof in Worms verabschiedet. Ein grosser Koffer mit Wilhelms Habseligkeiten schleppend, besteigen sie den Zug nach Köln. Von dort fahren sie weiter nach Aachen. Franz hilft den Koffer bis ins Studentenwohnheim zu tragen. Wilhelm steht mit seinem Vater auf dem Platz vor der Universität. Er ist nicht der einzige. Auch andere Jungen stehen da mit ihrem Köfferchen und warten auf den Direktor der Uni.
Nun wird es Zeit, sich von seinem Vater zu verabschieden. Nach einer langen Umarmung, dreht sich sein Vater um und geht mit strammem Schritt Richtung Bahnhof. Sein rechter Arm geht oft zu seinem Kopf hoch, es könnte sein, dass er sich eine Träne wegwischen muss.
Nun ist Willi allein, das erste Mal in seinem Leben muss er ohne Eltern klar kommen. Er schaut seinem Vater noch nach, bis er hinter der Strassenecke verschwindet, dann konzentriert er sich auf seine neue Umgebung.
Auf der Treppe zum Eingang steht nun ein älterer Herr in einem Anzug mit Krawatte und fordert die Jungen auf ruhig zu sein. Dann beginnt er mit seiner Ansprache. Nach der Begrüssung verliest er einige Regeln, welche an der Uni gelten und die, so betont er, unbedingt eingehalten werden müssen. Eine Regel besagt, dass man nur in der Schuluniform, die jeder Student bekommt, an Vorlesungen teilnehmen darf.
Danach beordert er die Studenten, welche im Wohnheim der Uni wohnen werden, nach rechts, die anderen können bereits wieder nach Hause zu ihren Eltern. Beim Eingangstor verteilt ein Mann Zettel mit den Zeiten für den Beginn der einzelnen Vorlesungen. Es sind nur wenige die das Glück haben, bei ihren Eltern zu wohnen. Die meisten wohnen zu weit weg.
Eine attraktive Frau mit einer Liste beginnt nun mit dem Aufrufen von Namen. Immer wenn wieder vier Jungs bei ihr stehen, gibt sie denen die Zimmernummer bekannt. Darauf verlassen die den Platz mit ihrem Gepäck und machen sich auf, im Gebäude ihr Zimmer zu suchen.
«Klaus Kirsch, Wilhelm Wolf, Sepp Herger und Hermann Möller! - Ihr habt Zimmer zehn.»
Die vier schauen sich gegenseitig an, sie sind nun Zimmerkollegen. Dann packt Sepp seinen Koffer und geht los. Die anderen drei folgen ihm. Das Zimmer zehn liegt im ersten Stock des Wohnheims, nebst den vier Betten hat es einen grossen Schrank. Das Fenster zeigt Richtung Hinterhof. In der Mitte steht ein kleiner Tisch mit vier Stühlen. Die einzige Lampe hängt über dem Tisch.
Auf jedem Bett liegen zwei Schuluniformen. Jeder musste seine Kleidergrösse vorher schriftlich angeben. Auf den Schuluniformen ist auch ein Namensschild angebracht. So weiss jeder, welches der Betten ihm zugeteilt ist. Dann packen die vier ihre Koffer aus.
«Ich bin der Sepp aus München und studiere Mathematik.»
«Ich bin Willi und studiere Luftfahrt Technik», antwortet Willi und reicht dem Sepp die Hand, «ich komme aus Worms.»
«Aus einer Kleinstadt, das finde ich niedlich.»
«Ich bin Klaus aus Pahlen und studiere Biologie.»
«Pahlen, wohl liegt den das?», fragt der Sepp abschätzig.
«In Schleswig-Holstein nur zehn Kilometer von der Nordsee entfernt.»
«Und habt ihr dort auch eine Schule?», will der Sepp wissen, «oder gibt es dort nur Kühe.»
«Kühe gibt es in Pahlen viele», entgegnet Klaus, auf die Bemerkung über die Schule geht er gar nicht ein.
«Ich bin Hermann Möller aus Gera und studiere deutsche Geschichte», stellt sich noch der kleinste der vier vor.
Nach der kurzen Vorstellung ist jeder mit Auspacken beschäftigt. Sie haben noch viel Zeit sich kennen zu lernen. Ab und zu schielt Willi zu den anderen rüber. Sepp und Hermann hängen ihre Uniform der Hitlerjugend schön gebügelt in den Schrank. Sie können sie nicht anziehen, denn es herrscht ein striktes Verbot, was das Tragen von politischen Symbolen betrifft und dazu gehören sicher auch Uniformen. Damit ist Willi eine grosse Sorge los, er befürchtete, dass alle in Uniformen der Hitlerjugend herumlaufen und er weiss nicht, wie er zu einer solchen kommen könnte. In Worms konnte er nicht der Hitlerjugend beitreten, die Klassenkameraden haben sein jüdische Uroma nicht vergessen.
Welche politische Ideologie Klaus vertritt, kann er nicht feststellen. Er scheint aus einfachen Verhältnissen zu kommen, zumindest deutet seine Kleidung darauf hin. Das kann auch daran liegen, dass er aus einem kleinen Dorf stammt. Da ist Kleidung kein Statussymbol, sie muss nur zweckmässig sein. Nun er wird es in den nächsten Wochen herausfinden.
Eine schrille Glocke ruft zum Essen. Nun ist Willi gespannt, ist die Verpflegung gut? Er hat auf jeden Fall einen riesigen Hunger. In der Mensa sind schon viele Plätze belegt. Die vier Leidensgenossen bleiben zusammen. Der Sepp spielt sich mächtig auf und prahlt mit seiner Grossstadt München, als sei sie die Hauptstadt nicht nur von Deutschland, sondern von der ganzen Welt. Deshalb habe Hitler sich hier niedergelassen.
Willi fällt auf, dass dieser Hitler allgegenwärtig ist. Man kommt nicht an ihm vorbei, da auch an den anderen Tisch oft dieser Name zu hören ist. Wenn Willi hier nicht untergehen will, muss er sich anpassen, es bringt nichts, wenn er sich dagegen stellt.
Er braucht dringend eine Strategie und Ausrede, warum er noch nicht in der Hitlerjugend mitwirkt. Ein Vorteil ist, dass er der einzige aus Worms ist. Er muss also nicht befürchten, dass die Geschichte seiner Uroma jemand kennt, so gesehen, kann er einen Neustart wagen.
«Die Lehrer in Worms haben uns verboten, in die Hitlerjugend einzutreten. Das waren noch so richtig kaisertreue. Sie waren immer der Meinung, dass man den Kaiser wieder einsetzen soll, nur der würde Deutschland einigen. Wir mussten natürlich auch unter der französischen Besatzung leiden.»
«Dann verstehe ich erst recht nicht», wendet Sepp ein, «warum die gegen Hitler sind, ihm ist es anzurechnen, dass die Franzosen abgezogen sind.»
«Das haben die jetzt auch begriffen», verteidigt sich Willi, «schliesslich wurde Hitler in Worms gebührend empfangen. Das Stadion war restlos überfüllt.»
Die ersten Wochen als Student sind für Willi nicht einfach. Es zeigt sich, dass die Schule in Worms, ihn nur ungenügend auf das Luftfahrtstudium vorbereitet hatte. Die meisten Mitstudenten waren bereits in der Luft. Wenn nicht in einem Flugzeug, so zumindest mit einem Zeppelin. Auch mit seinem Wissen im Bereich Strömungslehre hinkte er im Vergleich zu dem anderen Studenten hintennach. In diesem Fach kann ihm Sepp wenigstens etwas Nachhilfe geben, so dass er langsam den Anschluss findet.
In Aachen halten sich die Nationalsozialisten zurück. Noch haben sie in der Regierung nicht die Mehrheit, sie sind nur zweitstärkste Partei. Immerhin Sorgen ihre Scharmützel in ganz Deutschland für Unruhe. Diese Unruhen führen am 12. September zur Auflösung des Reichstags. Faktisch ist Deutschland nicht mehr regierbar.
Sepp und Hermann halten mit bissigen Kommentaren nicht zurück. Willi beteiligt sich ebenfalls an den politischen Diskussionen und vertritt nun vehement die Haltung, dass nur Hitler Deutschland retten kann. Für ihn spielt auch die Tatsache, dass sich Hitler sehr für die Luftfahrt einsetzt, eine wichtige Rolle. Bei den Politikern der Zentrumspartei hat man immer noch den Eindruck, dass sie eher auf Kavallerie setzen, als auf diese neuartige Modeerscheinung.
Dank der Unterstützung von Sepp und Hermann wird Willi in die deutsche Studentenverbindung der Nationalsozialisten aufgenommen. Jetzt hatte er endlich das Gefühl, dass er dazugehört.
An den Abenden im Vereinslokal geht es hoch her. Nationalistische Lieder werden gegrölt. Die Studenten sind bereit, für den Führer alles zu geben, das sind sie Deutschland schuldig.
Der Aufschrei im Keller ist gross, als die neue Reichsregierung die SS und die SA verbietet. Das will man sich nicht bieten lassen. Nur dem Umstand, dass man keine Waffen hat, ist es zu verdanken, dass die Studenten nicht auf die Strasse gehen.
«Unsere Zeit komm noch», verkünden die Aufpeitscher, «wir müssen Geduld haben und uns auf die kommenden Aufgaben vorbereiten. Man darf erst losschlagen, wenn man sicher ist, dass man gewinnt. Diese Lehre haben wir aus dem gescheiterten Hitlerputsch gezogen. Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir an der Reihe.»
Grossdemonstrationen organisierte man keine mehr. Dafür sind immer kleine Gruppen unterwegs, die, allerdings nur wenn keine Gefahr besteht, Schaufenster von jüdischen Geschäften einschlagen oder linke Demonstrant verprügeln, wenn diese aus ihren Kneipen kommen. Solange Hitler nicht an der Macht ist, darf Deutschland nicht zur Ruhe kommen.
Willi lebt sich gut in Aachen ein. Seiner Gabi schreibt er wöchentlich einen Liebesbrief. Beide freuten sich, dass sie sich in den Herbstferien endlich wieder sehen können.
Die Enttäuschung von Gabi ist gross, als ihr Willi schrieb, dass er die ganzen Herbstferien in einem Lager für Studenten verbringt. Willi sieht das Lager als Chance, sich in der Hitlerjugend zu integrieren und das dadurch die jüdische Uroma nicht mehr relevant ist. Das Lager könnte auch seine Chance, später in die Luftwaffe einbezogen zu werden, erhöhen.
Zusammen mit Sepp und Hermann fahren sie nach Brüggen am Niederrhein. Dort wird ein Zeltlager errichtet. Das erste Mal wird Willi einem militärischen Drill ausgesetzt. Es beginnt bereits am Morgen beim Frühstück, ganze zehn Minuten sind dafür eingeplant. Punkt sechs Uhr ist Appel. Der Führer des Lagers verkündet das Tagesprogramm. Zuerst Sport, danach exerzieren, danach Schiessübungen mit einem Karabiner. Endlich darf Willi seinen ersten Schuss abgeben. Der landet nur noch knapp auf der Scheibe, was den Hortenführer zu einer Schimpftirade veranlasst. Mit dem zweiten und dritten Schuss kann er sich die ersten Punkte auf dem Blatt notieren lassen. Eins ist klar, beim Schiessen muss er sich noch gewaltig steigern. Danach gibt es Mittagessen auf dem Feld, das heisst aus der Feldküche und mit der Gamelle.
Nach einer Stunde geht das Programm weiter. Seine Horte wird beim Bau einer Holzbrücke über einen Bach eingesetzt. Da heisst es Holzträger und Bretter schleppen. Vor dem Nachtessen muss noch ein Fussmarsch über fünf Kilometer bewältigt werden. Verpflegung ist spärlich, Willi muss das erste Mal hungrig ins Zelt kriechen, zum Glück ist er so müde, dass er sofort einschläft.
Die nächsten Tage sehen ähnlich aus. Das einzige was Willi richtig Spass macht ist der Sport am Morgen. Besonders wenn Fussball gespielt wird, kann er sich durchsetzen, da hat er mehr Erfahrung. Alle anderen Aktivitäten bereiten ihm noch Probleme. Mit dem Schiessen wird es von Tag zu Tag besser, trotzdem, den Rückstand auf die andern, welche bereits in der Hitlerjugend geübt hatten, kann er nicht aufholen. Das Aufbauen der Brücke macht ihm Spass und auch die immer länger werdenden Fussmärsche bereiten ihm keine Probleme. Auch dass er abends immer hungrig ins Zelt muss, stört ihn nicht mehr, alles eine Frage der Angewöhnung. Das harte Leben wird durch die ausgeprägte Kameradschaft wettgemacht. Gemeinsam leiden ist nicht so schlimm, wie wenn man es allein ertragen müsste.
Nach dem Lager wird Willi in die Hitlerjugend aufgenommen, niemand hat überprüft, ob eine jüdische Verwandte in seinem Stammbaum auftaucht. Wichtig ist, dass er ein guter Kamerad war, auf den man sich verlassen konnte.
Als Mitglied der Studentenverbindung hätte er eigentlich das Recht, die SA-Uniform zu tragen, doch die SA bleibt vom Reichskanzler Schleicher verboten. Man darf sich momentan nur heimlich treffen.
Gabi ist immer noch beleidigt, weil Willi in den Herbstferien nicht nach Worms kam. Ihre Briefe wurden seltener und er merkt, dass sie sich langsam entfremdet. Zum Glück ist schon bald Weihnachten, dann kann er für zwei Wochen nach Hause. Er muss sich für Gabi ein schönes Weihnachtsgeschenk ausdenken, sonst darf er sich nicht blicken lassen. Für ihn war die Aufnahme in die NSDAP wichtiger, als die Freundschaft mit Gabi. Er mag sie, das sicher, aber im Notfall gibt es noch andere Mädels, denen man den Hof machen kann. Das mit der NSDAP hatte nun Vorrang. Er muss die Uroma endlich vergessen machen, ist man mal dabei, kümmert sich niemand mehr, um seine Verwandtschaft.
Die letzten Wochen besucht er immer den Markt. Noch kann er sich nicht entscheiden. Ein schöner Hut, ein Schal oder eine schöne Halskette stehen zuoberst auf der Liste, nur entscheiden kann er sich noch nicht. Eigentlich tendiert er auf die Halskette, doch die ist sehr teuer und übersteigt seine Möglichkeiten deutlich.
«Du suchst doch noch ein Geschenk für Gabi», Sepp wirkt sehr geheimnisvoll, «ich hätte da eine Halskette, die könnte ich dir für fünfzig Mark verkaufen!»
«Fünfzig? - Das könnte ich mir noch leisten», geht Willi auf den Handel ein, «ist sie aus Gold?»
«Natürlich!», er zieht eine kleine Schachtel aus seinem Hosensack und zeigt sie Willi.
Der nimmt die Halskette aus der Schachtel und betrachtet sie im Licht. Zudem schätzt er das Gewicht, ja, sie scheint wirklich aus Gold zu sein.
«Aber fünfzig finde ich etwas gar hoch, sie hat nicht mal ein Amulett», versucht er den Preis noch zu drücken.
«Das könnte ich noch organisieren, welches Sternzeichen hat deine Freundin?»
«Sie ist eine Löwin.»
«Gut, ich beschaffe dir noch ein Amulett mit einem Löwen, aber dann muss ich noch ein Fünfer extra verlangen. Das Amulett kostet mich sicher noch ein Zehner.»
«Also ab gemacht», Willi streckt ihm die Hand entgegen um das Geschäft abzuschliessen, «fünfzig aber mit dem Amulett, dafür kriegst du von mir noch zwei Tafeln Schokolade, mein Vater hat mir gestern ein Paket geschickt.»
Sepp ergreift seine Hand und bestätigt das Geschäft. Beide sind zufrieden, auf die Schokolade kann Willi gut verzichten. Vater schickt ihm beinahe jede Woche ein Paket. Er hat aus seiner Zeit als Schmuggler, immer noch einen Vorrat an Schokolade. Momentan sind die Preise sehr schlecht, so kann er sie wenigstens privat gut einsetzen. Für Willi ist die Schokolade eine Notreserve, wenn mal das Essen in der Mensa nicht seinem Geschmack entspricht.
Vor Weihnachten stehen an der Uni noch einige Tests an. Willi schafft die Prüfungen in Algebra, Physik und Englisch ohne Probleme. Bereits am 4. Advent reisst er mit dem Zug nach Worms. Vater holt ihn vom Bahnhof ab. Willi blickt sich um. Gabi ist nicht da, er ist enttäuscht, er hatte sich auf einen Kuss gefreut.
Mit seinem Vater spaziert er durch das weihnachtlich geschmückte Worms. Den schweren Koffer transportieren sie im Leiterwagen, wie vor einigen Jahren, als sie die Bauernhöfe in der Umgebung besuchten.
Wilhelm erzählt von der Uni und dass er sich gut durchschlägt. Mit den Fächern hat er keine Probleme. Nach einigem Zögern informiert er seinen Vater, dass er in die NSDAP eingetreten ist.
«Gab es dabei keine Probleme», fragte der nach, «du weist doch, die Uroma?»
«Nach dem Lager gab es keine Probleme, ich wurde nicht mehr überprüft.»
«Dann ist's gut», meint Vater, «ich hatte schon befürchtet, dass du deine Zukunft wegen der Uroma verbaut hast. Im Moment kommt man an den Nationalsozialisten nicht vorbei. Ich denke, für Deutschland ist es das Beste, wir brauchen eine starke Führung.»
«Im Lager war es hart, aber die Kameradschaft ist einmalig. Es hat mir gefallen.»
«Das verstehe ich», meint Vater, «wenn nur dieser Hass auf die Juden nicht wäre.»
Wilhelm antwortet nicht, er denkt an Joshua und Frau Goldberg, seine ehemalige Lehrerin. Plötzlich erschrickt er, lässt sich gegenüber seinem Vater nichts anmerken. Ihm ist eben ein schrecklicher Gedanken gekommen. Woher hatte Sepp die Halskette? Hat er die bei einem Juden mitgehen lassen, als sie die Scheibe seines Geschäfts einschlugen? Ein schrecklicher Gedanke, doch er muss ihn verdrängen. Er kann sich nicht leisten, ein neues Geschenk zu kaufen. Zudem ist ja nichts bewiesen. Sepp hat in diese Richtung keine Andeutungen gemacht und Willi kann sein Gedanken inzwischen gut lesen. Er weiss wie er tickt und merkt im Normalfall sofort, wenn er ihn reinlegen will. Sicher ist alles korrekt verlaufen, auch das Amulett mit dem Löwen hat er nachgeliefert, das hätte er ja nicht wissen können oder hat er nochmals ein Geschäft überfallen? Kaum denkbar, die Zeit war zu knapp, das Amulett mit dem Löwen zu suchen. Langsam beruhigt er sich, schliesslich hat er es bezahlt.
Sie biegen in die Strasse ein und er sieht seine Mutter vor dem Haus stehen. Als sie ihn erblickt, rennt sie zum Gartentor und reisst es auf, dann rennt Rosa den beiden entgegen und fällt ihrem Sohn um den Hals. Die Tränen kullern über ihre Wangen. Wie gross er geworden ist.
«Kommt, ich habe ein Kaninchen gebraten, dazu gibt es Sauerkraut, das isst du doch so gern.»
Natürlich, denkt Willi, es war nicht anders zu erwarten, aber er freut sich wirklich. Mutters Küche ist doch die Beste. In der Familie Wolf hat sich nicht viel geändert, Mutter kocht immer noch mit etwas zu viel Salz. Die Möbel und auch das Essbesteck sind noch gleich. Wie könnte es auch ändern, Vater ist immer noch ohne Arbeit und die Geschäfte mit Goldberg bringen nur wenig ein. Wenigsten so viel, dass er nicht in der Suppenküche anstehen muss, um etwas im Magen zu haben, aber grosse Ausgaben kann er sich nicht leisten.
Was sein Vater macht ist ihm eigentlich egal, solange er das Schulgeld bezahlen kann und dazu hat es immer gereicht. Ihn interessiert etwas ganz anderes, was ist mit Gabi?
Während Rosa wie eine wilde Wespe in der Küche herum irrt, räumt Willi im Gartenhaus auf. Es beruhigt seine Nerven. Später gönnt sich Willi ein Bad und rasiert sich. Noch ist es nur Flaum den er da wegschaben muss, aber er fühlt sich dabei sehr erwachsen. Er zieht sich die lange Hose an, welche seine Eltern ihm für die Reise nach Aachen gekauft hatten. Rosa hat den Tisch gedeckt, erfreut stellt er fest, dass für vier Personen gedeckt ist.
Um sechs Uhr klingelt es.
«Machst du auf», befiehlt Rosa ihrem Sohn, «ich muss den Braten aus dem Ofen nehmen.»
Willi eilt zur Tür und öffnet. Er schaut in zwei strahlende Augen. Sekunden schauen sie sich an, dann breitet Willi seine Arme aus und umarmt Gabi. Die Umarmung geht Sekunden später in einen Kuss über. Erleichtert stellt er fest, dass die Herbstferien vergessen sind, sie hat ihm verziehen.
«Hallo Gabi», stammelt Willi nach Atem ringend, «freut mich, dich zu sehen. Hübsches Kleid», stellt er noch fest, dann küssen sie sich erneuert.
«So jetzt kommt endlich rein, das Essen ist fertig», stört Rosa die Begrüssung.
Während dem Essen wandert Willis Hand oft unter den Tisch und streichelt Gabis Hand. Dann ist es Zeit die Kerzen am Weihnachtsbaum anzuzünden. Gabi und Willi sitzen eng beieinander auf dem Sofa, welches ihnen Franz überlassen hat.
Dann ist es Zeit, die Geschenke zu verteilen. Bei Willi steigt die Nervosität wieder an. Gabis Augen strahlen, als sie das Geschenk auspackt. Eine Halskette mit einem Amulett ihres Sternzeichen, damit hat sie nicht gerechnet. Ein langer Kuss folgt als Dank. Sie schenkt ihm ein Sackmesser mit zehn Klingen. Auf der Karte steht: «In Liebe! Gabi!»
Von Rosa bekommt er einen selbstgestrickten Pullover und Vater schenkt ihm ein Füllfederhalter. Damit ist die Bescherung vorbei. Zum Kaffee gibt es noch selbst gebackene Weihnachtsplätzchen.
«Bringst du mich nach Hause?», flüstert ihm Gabi geheimnisvoll ins Ohr.
«Gern, musst du schon gehen?»
«Ja, ich habe versprochen um zehn zu Hause zu sein, ich bin schon spät dran.»
Die beiden verabschieden sich von Willis Eltern und treten in die kalte Nacht hinaus. Die Strassen sind menschenleer. Eng umschlungen schützen sie sich gegen die Kälte. In einer dunklen Ecke bleibt Gabi stehen.
«Ich will mich noch für die schöne Halskette bedanken!», flüstert sie ihm ins Ohr. Dabei öffnet sie den Mantel und zieht Willi eng an sich. Seine Hände umfassen ihre Taille, er spürt ihren schönen Körper, langsam wird er mutiger und seine Hände sind schon sehr nahe bei ihren Brüsten. Er bemerkt, dass der Rock von drei Knöpfen zusammengehalten wird. Vorsichtig öffnet er den ersten. Als er keine Abwehrreaktion feststellt, wird er mutiger und kurze Zeit später streichen seine Hände über und kurze Zeit später unter ihrem BH.
Langsam wird es kalt. Gabi deutet an, dass sie nach Hause muss. Beim Licht der Strassenlampe wird nochmals die Kleidung überprüft.
Silvester feiern sie bei den Eltern von Gabi. Es bleibt bei heimlichen Berührungen. Sie sind froh, dass sie ihre leichte Krise wegen dem Herbstlager überstandenen haben.
Jeden Tag verfolgt man am Radio das Geschehen in Berlin. Die Nazis machen enormen Druck. Das Verbot der SS und SA ist praktisch wirkungslos. Noch ist von Hindenburg Reichspräsident, doch er kann nichts beschliessen, wenn die Nazis nicht einverstanden sind, wird sein Beschluss ignoriert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Alles deutet darauf hin, dass es Neuwahlen braucht, so ist Deutschland nicht regierbar.
Am Dreikönigstag verabschiedet sich Willi von Gabi, er muss zurück nach Aachen. Doch er hat versprochen, in der Faschingswoche, nach Worms zu kommen, dann bleibt die Uni geschlossen.
Die Machtübernahme /1933
Am dreissigsten Januar informieren die Dozenten ihre Studenten an der Uni in Aachen, dass Adolf Hitler, mit den Stimmen der Nationalsozialisten und den deutschnationalen Partei, zum Reichskanzler gewählt wurde.
«Dies ist das Ende der Weimar Republik», verkündet der Professor, «was das für die Universität bedeutet, wird man sehen. Wir erwarten, dass die deutsche Wirtschaft dadurch gestärkt wird. Eine starke Wirtschaft ist für eine Universität von Vorteil, deshalb bitten wir die Studenten sich ruhig zu verhalten. Das wäre es für den Moment.»
«Die Vorlesung ist für heute beendet!», verkündet der Professor.
Die Studenten stehen noch lange zusammen. Es wird eifrig diskutiert. Die eher links gerichteten Studenten verhalten sich ruhig, für sie brechen harte Zeiten an. Zum Glück ist es an der Uni verpönt, seine politische Meinung zu äussern, so weiss niemand, wer dem linken Lager zugeordnet werden muss, wenn sie klug sind, wechseln sie die Seite.
Die erste Rede von Adolf Hitler als Kanzler wird am Radio übertragen. Den Studenten gibt man die Möglichkeit, die Rede in der Aula zu hören. Die ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Während die Rede am Radio einige Male durch Heil Hitler rufe unterbrochen wird, bleibt es in der Aula ruhig. Jeder versucht möglichst viele Informationen aus der Rede aufzunehmen. Wie geht es jetzt mit Deutschland weiter? lautet die grosse Frage.
Dass Deutschland in der aussen Politik vermehrt die eigenen Interesse waren will, kommt gut an. Die Schaffung von Lebensraum im Osten nimmt man zur Kenntnis. Keiner weiss, was das bedeutet, die wenigsten denken dabei an Krieg. Im Grossen und Ganzen ist man mit der eingeschlagen Richtung einverstanden, es wird sicher nicht so schlimm werden.
Auf den Strassen in Aachen zeigt sich bereits was es bedeutet. Die SA mit ihren schwarzen Uniformen zeigt Präsenz. Die örtliche Polizei hält sich zurück. Sie bleiben in der Polizeistation und verhalten sich ruhig. Auch die Bevölkerung stellt sich nicht gegen die SA. Jeder vermeidet im eigenen Interesse aufzufallen. Die SA würde nur allzu gerne einige Leute verprügeln, doch um die Uni bleibt es ruhig.
Auf ihrem Zimmer ist die Stunde von Sepp gekommen. Jetzt fühlt er sich stark. Willi unterstützt ihn so gut es geht, aber ohne die Führungsrolle von Sepp zu gefährden. Er braucht ihn noch, er muss unbedingt zu einer Uniformen kommen und da rechnet er mit der Unterstützung von Sepp.
Während das Studium zu Gunsten der aktuellen Politik etwas vernachlässigt wird, freuen sich die Studenten auf die bevorstehenden freien Tage über den Fasching.
Am Samstagabend trifft Willi in Worms ein und Gabi holt ihn vom Bahnhof ab. Sie nehmen sich Zeit mit dem Nachhauseweg. Den Koffer ziehen sie im Leiterwagen hinter sich her, so bleibt immer eine Hand frei. In ihrer dunklen Ecke beginnen sie wieder mit dem herumfummeln.
«Morgen muss ich bei meiner Familie bleiben», erklärt Willi, «am Montag haben wir Besuch, aber am Dienstag könnten wir auf einen Maskenball gehen. Hast du Lust?»
«Ja natürlich!», entgegnet Gabi und gibt ihm einen Kuss, «ich muss am Sonntag auch zuhause sein und an einem Montag darf ich normalerweise nicht ausgehen, das passt gut. Ich sehe dich am Dienstag, holst du mich ab?»
Am Dienstagabend holt Willi seine Gabi ab. Sie hat sich als Prinzessin verkleidet und sieht bezaubernd aus. Willi ist ein Strassenräuber, die beiden passen gut zusammen.
«Wollen wir ins Volkshaus oder in den Krug?», fragt Willi.
«Im Volkshaus kostet es Eintritt, mir reicht der Krug. Im Volkshaus kam es letztes Jahr zu Raufereien.»
«Also in den Krug!», willigt Willi ein, «auf eine Rauferei kann ich verzichten.»
Dass der Entscheid richtig war, zeigt sich, gegen Mitternacht. Als mehrere Maskierte im den Krug drängen und von Unruhen im Volkshaus berichteten. Nun ist es Zeit für die Beiden, sich auf den Heimweg zu begeben. Auch im Krug ist es vorbei mit der Gemütlichkeit.
Da geniesst das Liebespaar lieber noch eine halbe Stunde Zweisamkeit in ihrer dunklen Ecke. Als Willi nach Hause kommt, sitzt Vater vor dem Radio und hörte gespannt auf die neusten Meldungen.
«Der Reichstag brennt!», informiert er seinen Sohn, der noch nicht auf dem neuesten Stand ist, «sie meinen, ein linker Jude hat ihn angezündet.»
«Du meinst Brandstiftung, wie das Stadttheater hier in Worms?»
«Sie wissen noch nichts genaues, mit Sicherheit wurde er in Brand gesteckt.»
Am nächsten Morgen liest Willi in der Zeitung, was im Volkshaus los war. Der Wirt wurde während dem Lumpenball von Nationalsozialisten erschossen. Das Leben in Worms wird immer gefährlicher, nur wer sich deutlich als Nationalsozialisten zu erkennen gibt, ist sicher. Franz trägt jetzt in der Öffentlichkeit immer die Naziarmbinde, nur so kommt er ungeschoren durch die Stadt. Die Wormser Polizei wird von den Nazis kontrolliert. Auch wenn der Stadtrat noch zur Liberalen Partei gehört, im Polizeirevier hat er nichts mehr zu melden. Die sind nicht mehr unter seiner Kontrolle. Auch Franz fahren die Ereignisse im Volkshaus ein, erst jetzt merkt er, wie gefährlich seine Arbeit in der goldenen Gans war.
Aus Berlin melden sie, dass das Reichstaggebäude nur noch eine Ruine ist. Paul von Hindenburg verkündet, dass die Schuldigen bestraft werden. Gleichzeitig teilt er mit, dass ab sofort eine Notverordnung in Kraft tritt. Er beruft sich auf Artikel 48 der Weimarer Rechtsverfassung.
Dass der Brandstifter bereits ermittelt werden konnte, wird von der Presse gerühmt. Ein linker Holländer namens van der Lubbe wurde verhaftet. Der Kommunist ist erst 23 Jahre alt und reiste erst kürzlich aus Holland nach Berlin. Dem Lümmel wird man zeigen, wie man in Deutschland mit Unruhestifter umgeht.
Was die Notstandgesetze für die Deutschen bedeutet ist nicht klar. Allgemein wird begrüsst, dass man nun gegen Unruhestifter hart vorgehen kann, das deutsche Volk will endlich wieder Ruhe. Politische Aufwiegler haben in Deutschland nichts verloren.
«Jetzt geht es aufwärts», meint Franz zu seinem Sohn, «jetzt herrscht wieder Ordnung, jetzt sind die Deutschen wieder wer.»
«Ich hoffe nur», wendet Wilhelm ein, «dass uns unsere Uroma nicht zum Verhängnis wird.»
«Solange wir uns für Deutschland einsetzen, spielt das sicher keine Rolle», beschwichtigt sein Vater, «du wurdest immerhin in der Partei aufgenommen.»
«Schon, aber nur, weil die mich nicht so genau überprüft hatten.»
«Die Hauptsache ist, dass du jetzt in der Partei bist», stellt Vater fest, «der Rest wird sich geben. Du musst halt aktiv sein, dann fällt es nicht auf.»
«Mit Sepp hab ich einen guten Kumpel zur Hand, er ist schon lange in der Partei und hat einiges zu sagen.»
«Wichtig ist jetzt, es geht mit Deutschland voran. Die Versailler Verträge haben nichts mehr zu bedeuten, wir sind endlich frei.»
Damit ist das Thema abgehackte. In der heutigen Zeitung hat Franz eine Anzeige der Lederfabrik gelesen, die suchen einen Buchhalter. Er will sich noch heute dort bewerben. Den Direktor kennt er noch aus seiner Zeit als Steuerbeamter und damals hat er immer dafür gesorgt, dass die Firma nicht zu viel Steuern bezahlen musste, das ist eine günstige Gelegenheit.
Er zieht seinen besten Anzug an und verabschiedet sich von seinem Sohn.
«Du verstehst doch, dass ich dich nicht zum Bahnhof bringen kann?», erklärt er Wilhelm, «das ist für mich wichtig, ich will am neuen Deutschland mitarbeiten.»
«Ist verständlich! Gabi wird mich zu Bahnhof bringen. Sie wird den Leiterwagen nachher in den Schuppen stellen.»
«Mach's gut!»
Willi schaut ihm nach wie er sich aufs Fahrrad schwingt und in Richtung Lederfabrik davonradelt. Bei so viel Optimismus muss es klappen.
Franz ist nervös, er hofft, dass der Direktor ihn noch gut in Erinnerung hat. Vor der Fabrik reduziert er das Tempo, er will nicht verschwitzt zum Vorstellungsgespräch erscheinen. Es ist jedoch noch gar nicht sicher, ob er überhaupt vorgelassen wird. Sicher gibt es viele Bewerber. Zum Glück hat er letzte Woche noch eine original Armbinde und eine Anstecknadel mit Hakenkreuz gekauft. Er achtet darauf, dass die Binde vorschriftsmässig befestigt ist und steckt sich auch die Nadel an den Kragen. Er ist gerüstet, nun stellt er sein Rad ab und geht auf das Pförtnerhaus zu.
«Heil Hitler, - was kann ich für sie tun?»
«Heil Hitler», erwidert er zackig den Gruss, «in der Zeitung habe ich gelesen, dass sie einen Buchhalter suchen. Ich möchte mich bewerben.»
«Moment bitte, wie ist ihr Name?»
«Franz Wolf!»
Der Pförtner betätigt die Kurbel an seinem Fernsprecher. Franz kann von der Unterhaltung nichts verstehen, der Pförtner hat die Scheibe zugezogen.
«Sie sollen warten», informiert ihn der Pförtner.
Wenigstens wird er nicht gleich weggeschickt, doch das Warten zehrt an seinen Nerven. Nach einer Viertelstunde steht er immer noch vor dem Häuschen und wartet. In der Zwischenzeit sind drei weitere Männer beim Pförtner aufgetaucht. Zwei, beide ohne Parteiabzeichen, wurden sofort weg geschickt. Einer steht nun wie Franz herum und wartet.
Es dauert noch eine weitere halbe Stunde. In dieser Zeit stellten sich noch vier weitere Männer vor. Drei konnten gleich wieder gehen. Der andere steht jetzt ebenfalls vor dem Häuschen. Alle drei sind nervös und beobachten den Konkurrenten misstrauisch.
Endlich, der Fernsprecher klingelt. Nach einem kurzen Gespräch öffnet der Pförtner die Scheibe.
«Ich bringe sie ins Büro, Herr Wolf, - bitte folgen sie mir!»
Ein Stein fällt Franz vom Herzen, er ist der Erste, welcher vorgelassen wird. Er hofft, dass das ein gutes Zeichen ist.
Mit einem zackigen Hitlergruss wird er empfangen. Er erwidert den Gruss ebenso gekonnt.
«Setzen sie sich Herr Wolf, ihre Unterlagen brauche ich nicht, ich weiss, dass sie die Buchhaltung beherrschen. Wie steht es mit dem Parteibuch?»
«Ich bin immer noch in der liberalen Partei, weil das in meiner Familie so braucht war. Natürlich unterstütze ich auch die Nationalsozialisten, denn die wollen ein starkes Deutschland, genau wie ich.»
«Die Stelle als Buchhalter ist leider schon vergeben», meint der Direktor, «wir haben aber grosse Aufträge von der Partei in Aussicht gestellt, da brauchen wir einen Mann, welcher bei den Bauern und Metzger der Umgebung Leder in guter Qualität einkauft. - Trauen sie sich das zu?»
«Einkaufen, ja das müsste ich auch können, ich habe einige Bekannte, welche Bauern sind, die sind sicher froh, wenn ich ihnen die Felle abkaufe.»
«Das glaube ich Ihnen, nur verstehen sie etwas von Leder?»
«Im Schachklub haben wir viel über Leder diskutiert, zwei Freunde arbeiteten in der Fabrik.»
«Gut, das Fachwissen können sie erlernen, da bin ich sicher. - Dass sie nicht in der Partei sind, ist vielleicht ein Vorteil. Viele Bauern und Metzger sind noch nicht so weit, sie sind etwas rückständig, aber solange sie liefern, ist das kein Problem. Wir haben ja Meinungsfreiheit. Liefern müssen sie, da können wir nicht wählerisch sein».
«Vor einem Besuch auf dem Land, kann ich das Abzeichen entfernen. Das ist für mich kein Problem.»
«Das sehe ich auch so», stellt der Direktor fest, «dann sind wir uns also einig! Die Bezahlung ist abhängig von den Lieferungen. Melden sie sich morgen früh um sieben Uhr im Einkauf, dritte Tür links.»
Franz könnte in die Luft springen vor Freude, er hat wieder eine Arbeitsstelle.
Franz besucht die Bauernhöfe mit dem Fahrrad, nach zwei Monaten stellt ihm die Firma ein Motorrad mit Seitenwagen zur Verfügung. So kann er kleinere Lieferungen gleich selber besorgen und ist auch schneller. Die Bauern betrachteten dieses neuartige Gerät noch kritisch. Bevor er auf einen Hof einfährt, reduzierte er die Geschwindigkeit auf Schritttempo und drosselte den Motor. Anfänglich scheuten die Pferde und die Hunde waren kaum zu bändigen.
Franz kann es gut mit den Bauern. Sie sind froh, dass sie die Felle zu einem guten Preis verkaufen können. Bei den Metzgern ist es schwieriger, die haben bereits ihre festen Abnehmer. Da kann er sein Geschäft nur über einen guten Preis abschliessen. Dies ist insofern leichter, weil die meisten Metzger in der Partei sind, da darf er beim Einkaufen etwas grosszügiger sei. Alle sollen von der Parteizugehörigkeit profitieren.
Er teilte seine Besuche so ein, dass er drei Tage die Woche die Parteimitglieder besuchte und an den übrigen zwei Tagen sich um die Nichtmitglieder kümmerte. Am Samstag arbeitete er immer in der Fabrik und machte seine Abrechnung. Danach plante er die nächste Woche. Gegen Abend bekommt er noch den Wochenlohn ausbezahlt.
Anfänglich ist der Lohn bescheiden, doch mit der Zeit wird er besser. Dank dem Motorrad kann er seinen Aktionsradius ausdehnen. Inzwischen ist ihm der Wechsel zwischen Parteimitglied und parteilosem Bürger in Fleisch und Blut übergegangen. Er kann sowohl mit einem zackigen Heil Hitler, wie auch mit einer Begrüssung mit Händedruck und einem freundlichen grüss Gott umgehen.
Etwas schwieriger wird der Umgang mit Josef, da ist er vorsichtiger geworden. Er tätigt noch einige Geschäfte, aber nun rechnet er eine höhere Marge ein. Goldberg muss sich mit einem tieferen Gewinn zufrieden geben, doch der hat keine Wahl, als Jude hat er sich anzupassen.
Im März nehmen die Übergriffe auf Juden in Worms zu. Josef verlässt seine Wohnung, wenn er zuhause in Worms ist, nur noch selten. Er ist jetzt noch mehr im Schwarzwald unterwegs. Nicht weil er mehr Kunden besucht, sondern weil er immer vorsichtiger ist. Er schläft im Wald unter einer warmen Decke und wechselt nur bei Nacht seinen Standort. Mit seinen Lieferanten hat er geheime Zeichen vereinbart, so weiss er, ob sich ein Besuch lohnt, ohne dass er den Lieferanten sprechen muss. Auf diese Art könnte er auch gewarnt werden, wenn mit dem Besuch von Nazis zu rechnen ist. Joshua ist bei einem Uhrmacher in der Schweiz in eine Lehre eingetreten und lässt sich in Worms nicht mehr blicken.
Die seltenen Treffen zwischen Josef und Franz finden in den Rheinauen statt. Als Treffzeitpunkt ist immer der erste Montag jedes Monats eingeplant. Doch diese Treffen kommen nicht immer zustande. Wenn Franz das Gefühl hat, dass die Auen überwacht werden, geht er gar nicht hin. Dann versteckt sich Josef und muss warten, bis nächsten Monat.
Beim letzten Treffen, beschliessen sie, in gegenseitigem Einvernehmen, auf diese Art von Geschäften zukünftig ganz zu verzichten. Franz wünschte Josef viel Glück und bedauert, dass er nichts mehr für ihn tun kann. Die Zeiten sind schlecht und man muss vorsichtig sein. Das gilt natürlich besonders für Josef, aber auch Franz muss aufpassen. Seine Nachbarn beobachten alles genau, keiner ist sicher, jeder bespitzelt jeden.
Die Reichstagswahl ist in Worms eine grosse Sache. Die Nationalsozialisten zeigten eindrückliche ihre Stärke. Das Stadtzentrum ist mit Hakenkreuzfahnen geschmückte. In Uniformen patrouillierte die SA und singen deutsche Lieder. Seit die Lederfabrik wieder jeden anstellt, der sich um eine Stelle bewirbt, sind in der Region deutliche mehr Leute für die Nationalsozialisten. Die sind es, welche die Lederindustie kräftig ankurbelt.
Die Parteiführung hat Anrecht auf feine Lederhandschuhe. Die gehören zur Uniformen einfach dazu, natürlich brauchen die SS und die SA zu ihren Uniformen Gürtel und meistens gehört eine Kartentasche, welche an Lederriemchen befestigt ist, zur Standardausrüstung. Weiter brauchen die in Mode kommenden Motorradfahrer eine starke Schutzhaube aus festem Leder. Von den Uniformstiefel ganz zu schweigen. Da gibt es eine Menge Arbeit, man braucht jede Arbeitskraft.
Die Wahl macht die Nationalsozialisten zur stärksten Partei. Die Mehrheit verpassen sie knapp. Da sich die anderen Parteien nicht einig sind, spaltet sich Deutschland in zwei Hälften, die kleinere Hälfe hat die Macht, die grössere Hälfte muss sich unterordnen.
Am Samstagmorgen will Franz noch die Rehfelle eines Jägers abliefern. Die Abteilung, welche die Felle normalerweise entgegen nimmt, ist mit der Abrechnung beschäftigt.
«Bring doch die Felle direkt ins Lager», schlägt der Prokurist vor, «ich habe sie in der Liste eingetragen.»
Franz nimmt die Felle und geht durch den langen Gang zum Lager. Als sich die Frau, welche im Lager die Anlieferungen entgegen nimmt, umdreht, erschrickt diese. Franz ist es sofort aufgefallen, nur warum?
Dann tritt die Frau näher und Franz erkennt Maria Goldberg. Sie macht ein Zeichen, dass er still sein soll.
«Bitte nichts verraten», flüstert sie ihm zu, «ich bin hier als Witwe Kunz angestellt.»
«Hallo Frau Kunz», begreift Franz die Situation sofort, «arbeiten sie nicht mehr als Lehrerin?»
«Nein, die Bengel haben mich zu stark gefordert, die Jungen sind nicht mehr wie früher, sie sind zu frech geworden, das mache ich nicht mehr mit.»
«Das kann ich verstehen», antwortet Franz, «ich habe hier fünf Rehfelle, die machen vorne die Abrechnung und hatten keine Zeit sie zu liefern, da habe ich sie selbst vorbei gebracht.»
«Wie geht es Wilhelm?»
«Der studiert in Aachen, wir sehen ihn nur noch selten, aber er kann ein Luftfahrtstudium machen, das war immer sein Wunsch!»
«Ja das habe ich schon damals feststellen, das Fliegen hat ihn fasziniert. Schön dass es geklappt hat.»
«Und, wie geht es ihnen Frau Kunz, sicher ist es im Lager ruhiger, als bei diesen Bengel.»
«Das schon, aber es gibt viel zu tun, leider habe ich keine Zeit zum schwatzen. Die Felle müssen noch eingeräumt werden», sie reicht ihm die Hand und drückt sie sanft, zum Dank, dass er so gut mitgespielt hat, «hat mich gefreut etwas von meinem einstigen Schüler zu erfahren. - Heil Hitler, Herr Wolf.»
Franz geht nachdenklich ins Lohnbüro, er ist froh, dass die Goldbergs wenigstens einen Lohn haben, so können sie überleben. Er weiss, dass sich Josef gut verstecken kann, um ihn macht er sich keine Sorgen und wenn Maria wieder Witwe Kunz spielt, bleibt sie unbehelligt.
In Aachen setzt sich Willi im Studium ein und hat seinen Rückstand auf Sepp aufgeholt. Ob der politischen Lage ist das Studium etwas in den Hintergrund getreten. Nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten erscheinen einige Studenten in Uniform zum Unterricht. Anfänglich wollten die Lehrer sie aus dem Saal weisen, doch mittlerweile ist das zu gefährlich. Der erste Dozent welcher die Studenten aus dem Saal verwies, wurde auf den Heimweg verprügelt. Der nächste Dozent gab seinen Widerstand schnell auf, ihm kann es egal sein, er liebt seinen Beruf und will sich aus der Politik so gut wie möglich heraushalten.
Inzwischen hat Willi seine SA-Uniform bekommen. Am ersten Abend feiern sie mit Sepp und seinen Freunden aus der SA dieses Ereignis. Endlich gehört Willi dazu. Im Studentenlokal spendiert er eine Runde Bier. Das verkraftet sein Budget eben noch. Es wird ein geselliger Abend.
Auf dem Heimweg zu ihrer Studentenbude marschieren sie in Viererkolonne, singend durch die Stadt. In einem Park treffen sie auf einen Obdachlosen, welcher sich auf einer Parkbank für die Nacht eingerichtet hat. Er wird sofort angepöbelt. Ein Wort gibt das andere. Dann eskaliert die Situation, Sepp schlägt zu. Mit einem kritischen Blick fordert er Willi dazu auf, sich nicht nur aufs zuschauen zu begrenzen. Auch Willi gibt dem armen Penner eins auf die Nase. Die beginnt zu bluten, was man in der Dunkelheit aber nicht sieht. Willi bemerkt das Blut an seiner Faust erst, weil etwas Warmes über seine Hand läuft.
Als er feststellt, dass auch die neue Uniform mit Blut verschmiert ist, wird er wütend und schlägt noch drei Mal heftige zu. Der Mann geht zu Boden und bleibt wimmernd liegen. Mit einem Fusstritt in die Rippen verabschiedet sich jeder der Gruppe von ihrem Opfer.
«Dem haben wir’s gegeben», grölt Sepp und klopft Willi stolz auf die Schulter, «du hast dich gut gehalten, ich dachte schon, du traust dich nicht.»
Bei Willi halten sich die Freude darüber, dass er nun dazu gehört und die Scham, dass er einen Wehrlosen zusammengeschlagen hat, die Waage. Er rechtfertigt sich damit, dass man Deutschland vor solchen Schmarotzer befreien muss.
Nachdem er eine Nacht schlecht geschlafen hat, geht er zur Tagesordnung über. Er stürzt sich ins Studium. Abends ist er nun vermehrt in Uniform mit seinen Freunden unterwegs. Lediglich die Tatsache, dass sich in Aachen keine asozialen Leute mehr auf die Strasse wagen, ist es zu verdanken, dass er keine weiteren Personen zusammenschlagen muss. Die Leute haben gelernt und vermeiden es, auf den Strassen von Aachen aufzufallen. In den kleinen Gemeinden der Umgebung sind sie sicherere.
Einmal begegneten sie auf dem Heimweg einer jungen Frau, welche eine Freundin besucht hatte und nun zu spät nach Hause will. Sie umringen die Frau und beginnen sie zu schubsen. Die Frau reagierte überraschend.
«Ich habe nichts gegen einen harten Pimmel», erklärt sie den verdutzten Jungs und beginnt ihre Bluse zu öffnen, «es darf ihn aber nur einer reinstecken und von dem hätte ich gern seinen Namen! Ich muss ja wissen, wie der Vater meines Kindes heisst, sollte es eines geben. Die anderen dürfen zuschauen, wer will mich haben?»
Die Jungs schauen sich verdutzt an. Damit haben sie nicht gerechnet. Nach einigen kritischen Blicken ist die Entscheidung gefallen, sie ziehen gemeinsam ab. Die Frau kann ihre Bluse wieder zuknöpfen.
«So eine Schlampe!»
Beschämt zieht die Bande weiter. Inzwischen wird ihnen klar, dass die Freizeit nicht mehr mit herumziehen gestaltet werden kann, sie müssen sich etwas Neues einfallen lassen. Die meisten konzentrieren sich wieder auf das Studium, wie es Willi noch so gerne tut. Nun hat er abends wieder seine Ruhe.
Das Semester geht zu Ende. Seine Noten sind ausgezeichnet und die Promotion ins nächste Semester ist nicht gefährdet. Nun geht es darum, in den Sommerferien ein Praktikum zu machen. Sein Vater hat ihm angeboten, bei der Lederfabrik in der Produktion zu arbeiten. Das Angebot lehnt er ab. Er will in der Luftfahrt Erfahrungen sammeln. Dank seinem Professor darf er nach Friedrichshafen, da bauen sie an einem grossen Luftschiff.
Willi kann für drei Tage nach Worms, dann muss er weiter mit dem Zug über Basel nach Friedrichshafen. Die Zeit in Worms ist kurz, aber es reichte für einige schöne Stunden mit Gabi. Es ist für Willi ungewohnt, in ziviler Kleidung rumzulaufen. In Aachen trägt er entweder die Schulkleidung oder im Ausgang die SA-Uniform. Nun freut er sich, endlich ein Luftschiff zu sehen. Die LZ129 soll im Bau sein.
Am Bahnhof in Friedrichshafen wird er von der Frau des Ingenieurs abgeholt. Er darf für die sechs Wochen bei der Familie wohnen. Die Frau ist sehr elegant gekleidete, so feine Damen sieht man sonst selten.
«Heil Hitler!», begrüsst sie ihn, «ich bin Elfriede, aber nenn mich Elfi, so nennen mich Freund.»
«Heil Hitler! Ich bin Wilhelm, die Freunde nennen mich Willi.»
«Dann wollen wir schauen, dass wir nach Hause kommen», schlägt Elfi vor, «mein Automobil steht da drüben.»
Jetzt wird Willi nervös, sie ist mit einem Automobil gekommen. Er ist noch nie mit einem Automobil mitgefahren.
«Es ist eigentlich nicht mein Automobil, es gehört meinem Mann, aber ich darf manchmal damit fahren.»
Willi legt seinen Koffer in das Gepäckfach des Wagens und steigt auf den Beifahrersitz. Gespannt beobachtet er, wie sie den Motor startet. Es ist eine moderne Ausführung und lässt sich mit einem Anlasser elektrisch starten. Beim dritten Versuch startet der Motor. Noch hustet er laut. Aus dem Auspuff qualmt schwarzer Rauch. Sie lässt den Motor laufen, bis er etwas ruhiger und regelmässiger klingt, dann legt sie einen Gang ein und lässt das Kupplungspedal langsam hochkommen. Mit einem Ruck fahren sie los.
«Hoppla, das war etwas zu schnell», kommentiert Elfi den ruckartigen Start.
Langsam fährt sie über den Bahnhofsplatz und biegt in die Hauptstrasse ein. Die Leute springen zur Seite und schauen dem Gefährt nach, welches eine schwarze Rauchwolke zurücklässt. Ihr Haus liegt etwas ausserhalb von Friedrichshafen direkt am Bodensee. Willi staunt, in einem so grossen Herrenhaus war er noch nie.
«In einer halben Stunde gibt es das Nachtessen, dann wird auch mein Mann von der Arbeit zurück sein.»
Willi packt seinen Koffer und steigt die Treppe hoch. Auf der Treppe liegt ein eleganter Teppich, sicher sündhaft teuer. An der Wand hängen Ölgemälde. Das Zimmer ist gross, mit einem Fenster zum See. Ein Schrank und ein Schreibtisch aus edlem Eichenholz und ein Bett bilden die Einrichtung. Der Schrank ist für seine wenigen Kleider viel zu gross. Er hat schnell eingeräumt. Eine Durchgangstüre führt in den Waschraum. Er wäscht sich den Schmutz von der Reise ab und zieht sein bestes Hemd an.
Inzwischen hat er gehört, dass der Ingenieur nach Hause gekommen ist. Kurz darauf ruft Elfi zum Nachtessen. Hans, wie sich der Ingenieur mit seinem Vorname vorstellt, ist gross mit wachem Blick.
«Lasst uns mit dem Essen beginnen, wir haben anschliessend genug Zeit uns kennen zu lernen.»
Das Essen ist sehr gut. Gemüsesuppe, dann Teigwaren mit einem Kottelet, zum Dessert gibt es noch frische Erdbeeren. So gut hat Willi schon lange nicht mehr gegessen.
«Wie wird an der Uni der Wettstreit zwischen Luftschiff und Flugzeug beurteilt?», fragt Hans nach dem Dessert.
«Für lange Reise ist das Luftschiff im Vorteil. Zurzeit wird jedoch sehr oft über die militärische Verwendung diskutiert, da liegt der Vorteil bei den Flugzeugen, die könnten sich besser verteidigen.»
«Das mag stimmen, aber wer will den schon wieder Krieg», wendet Hans ein, «seit dem letzten sind erst fünfzehn Jahre vergangen. Haben die nichts gelernt?»
«Die Nationalsozialisten wollen unbedingt die Versailler Verträge rückgängig machen, dabei setzen sie auf das Militär.»
«Das mag sein, aber für mich ist nur die zivile Luftfahrt interessant, da liegt die Zukunft. In einer komfortablen Kabine in zwei Tagen über den Atlantik schweben, das ist Zukunft.»
«Da stimme ich zu, nur, bekommt die Uni Aachen mehr Geld zur Entwicklung von Flugzeugen. Sie haben einige Projekte, die in diese Richtung laufen. Wir haben sogar eine Maschine welche Luft in ein Rohr bläst, in der Mitte befindet sich eine Kammer für Versuche. Man untersucht den Auftrieb der Tragflächen und will bei gleichem Auftrieb den Widerstand möglichst gering halten. Leider dürfen sich nur die Abschlussklässer mit dieser Maschine beschäftigen, wir müssen mit komplizierten Formel den Auftrieb berechnen.»
«Das geht?»
«Ja, zumindest gibt es ein Resultat, später muss die Berechnung an einem Modell bestätigt werden.»
«Ich weiss, die Mathematik hat grosse Fortschritte erzielt. Bei den Luftschiffen ist immer noch die Erfahrung entscheidend. Natürlich rechnen auch wir, aber ich kann die Resultate mit meiner Erfahrung voraussagen.»
«Das kann ich mir gut vorstellen. Im Luftschiffebauen, sind wir auf dem Weltmarkt stark, das werden auch die Nationalsozialisten anerkennen. Bei den Flugzeugen liegen wir hinter den anderen europäischen Staaten zurück, von Amerika ganz zu schweigen.»
«Gut beobachtet, aber nun ist es Zeit, die Arbeit beginnt morgens um sieben Uhr, wenn wir vorher Frühstücken wollen, müssen wir um sechs Uhr aufstehen.»
Willi verabschiedet sich und steigt die Treppe hoch in sein Zimmer. Hans weckt ihn am nächsten Morgen rechtzeitig und mit vollem Magen, machen sie sich auf den Weg zur Werfthalle. Willi bekommt ein Fahrrad und fährt hinter dem Ingenieur her.
In der Werkstatt wird er mit seinen neuen Kollegen bekannt gemacht, dann geht es los. Man zeigt ihm, wie man die Streben auf die richtige Länge zuschneiden muss. Er erhält einen Plan, in dem ersichtlich ist, wie viele Streben von welcher Länge benötigt werden. Nun ist er beschäftigt. Nach einer Stunde hat er die erste Blase an der Hand, mit der er die Säge hält. Am Mittag gibt es in einer Kantine einen Eintopf, mit Fleischklössen. Eine Stunde später arbeitet er weiter. Um fünf Uhr holt ihn Hans ab.
«Ich denke, du möchtest Mal ein Zeppelin aus der Nähe betrachten, komm mit.»
«Ja gerne», er schwingt sich aufs Fahrrad und folgt dem Ingenieur.
«Die LZ127 ist seit einer Woche zur Inspektion in der grossen Halle.»
Willi steht staunend vor der mächtigen Halle. Durch eine winzig wirkende Türe gelangen sie ins Innere der Halle. Willi ist beeindruckt. Die LZ127 ist riesig und füllt die Halle beinahe aus. Er folgt Hans, welcher auf die Kabine zugeht, deren Räder auf dem Boden aufliegen. Eine Holztreppe erlaubt einem den Einstieg in die Kabine. Nun folgt eine Führung. Der Kommandostand ist mit diversen Instrumenten bestückt. Hans erklärt die genaue Funktion jedes Geräts. Dann besichtigen sie eine Kabine für zwei Passagiere. Sie enthält ein bequemes Doppelbett, einen kleinen Schrank. Am Fenster steht ein kleiner Schreibtisch.
«Das ist viel bequemer als diese engen Flugzeugsitze, da macht das Reisen spass.»
«Die Aussicht muss herrlich sein», staunt Willi, «das kostet sicher ein Vermögen, mit dem Luftschiff zu reisen. Das kann sich ein Student nicht leisten.»
«Da hast du natürlich Recht, aber Flugreisen mit dem Flugzeug sind auch nicht günstig! Zudem wird es den meisten Passagieren schlecht, weil es zu stark schaukelt, da kann keiner den Flug geniessen.»
Nach dem Besuch in der Kanzel erklärt Hans einige technische Daten. Das das Gasvolumen mehr als hunderttausend Kubikmeter beträgt und von fünf Zwölfzylinder Motoren angetrieben wird, welche über 450 PS Leistung haben, wusste Willi schon vorher. Er hatte alle Daten zur LZ127 im Kopf. Trotzdem ist er mächtig beeindruckt. Es ist schon ein Unterschied, ob man die Zahlen aus der Zeitung liest oder direkt vor dem Luftschiff steht.
«Wir müssen die Graf Zeppelin mit einem Hakenkreuze versehen», erklärt Hans, «Herr Eckert hat sich dagegen ausgesprochen, muss aber den Widerstand aufgeben, da er sonst die Betriebsbewilligung verloren hätte. Er erreichte lediglich, dass das Kreuz kleiner und nur auf einer Seite angebracht wird. Die Männer auf dem Gerüst sind die Mahler.»
Willi gibt keinen Kommentar ab, er will sich nicht politisch äusseren.
«Sobald die Mahler fertig sind, machen wir eine Probefahrt», erklärt Hans, «ich werde versuchen, dass du mitfliegen kannst. Es wird Zeit, dass du als Luftfahrtstudent deine Flugtaufe erlebst.»
«Ich darf mitfliegen?»
«Ich hoffe, es gibt noch einige Reparaturen an den Rudern, welche ebenfalls erledigt sein müssen, dann müsste es klappen. Auf Probefahrten bestimmt der Ingenieur, wer mitfliegen darf.»
«Danke!»
Mehr bringt Willi noch heraus. Damit wird seine Enttäuschung etwas gemildert, mit der er den ganzen Tag zu kämpfen hatte. Er ist von seiner Arbeit enttäuscht, nur Streben zuschneiden, ist nicht das was er von einem Praktikum erwartet hatte.
Erst nach einer Woche, nachdem er hunderte von Streben zugeschnitten, verputzt und hunderte von Löcher gebohrt hatte, wird er aus der Abteilung für mechanische Bearbeitung, in die Abteilung für die Aussenverkleidung versetzt.
Da lernte er mit Stoff umzugehen. Doch richtig interessant wird das Praktikum erst, als er in die Motorenwerkstatt verlegt wird. Endlich kann er das Herz eines Motors sehen. Einer der Motoren ist komplett zerlegt. Man ersetzt die alten Kolbenringe. Auch die Lager wurden ersetzt und mussten neu eingeschabt werden. Ein heikle Arbeit, welche nur von Spezialisten ausgeführt wird, aber er kann ihnen zumindest über die Schulter schauen und ihnen die Werkzeuge reichen.
Eine Woche später ist der Motor wieder montiert und auf dem Prüfstand bereit zum testen. Das ist für Willi sehr interessant. Jetzt kann er sich mit seiner Mathematik und seinen Berechnungen nützlich machen. Denn es zeigte sich, dass die Mechaniker gute Praktiker sind, aber von Mathe eher wenig verstehen. Der Motor würde auch ohne die Unterstützung von Willi für gut befunden. Die Leistungsdaten überzeugten den Ingenieur, dass der Motor nun wieder in Ordnung ist und im Luftschiff eingebaut werden kann.
Für den Probeflug wurde es noch eng. Erst eine Wochen vor Ende des Praktikums ist das Luftschiff für den Probeflug bereit. Vorsichtig wird der Riese aus der Halle auf das Vorfeld geschoben. Sicher vertäut werden die letzten Arbeiten ausgeführt. Ein Fotograf macht Aufnahmen für den Führer, auf denen das Hakenkreuz gut zur Geltung kommt.
«Einsteigen!», verkündet der Kapitän.
Endlich ist es soweit. Willi besteigt das startbereite Luftschiff. Man weist ihm ein Fensterplatz zu, auf den er sich setzen kann. Von der dritten Reihe aus, kann er genau beobachten, was die Besatzung für Handgriffe tätigt und auch die Kommandos kann er gut hören. Die Motoren wurden gestartet und der Koloss setzt sich in Bewegung.
«Ballast abwerfen!»
Nun hebt das Luftschiff ab, sie schweben über dem Platz und langsam gleiten sie in Richtung See. Friedrichshafen wird immer deutlicher sichtbar. Willi ist von der Vogelperspektive begeistert. Er drückt die Nase an der Scheibe platt, wie damals, als er das erste Mal mit der Eisenbahn nach Kassel fuhr.
Die folgenden Stunden wird er wohl nie vergessen. Sie lassen den Bodensee hinter sich und gleiten nach Süden. Später, über Zürich drehen sie auf Ostkurs, überfliegen den Zürichsee und später den Walensee. Die Winde welche seitlich aus den Alpen einfallen, verursachen ein Schlingern. Der Ingenieur verlangt von Kapitän einige spezielle Manöver, um das Verhalten des Luftschiffs unter erschwerten Bedingungen zu testen. Im Magen von Willi beginnt es zu rumoren. Das Schlingern wird noch schlimmer, er muss gegen das Erbrechen ankämpfen und ist froh, als der Ingenieur seinen Test beendet und das Luftschiff wieder ruhig dahingleitet. Über Sargans dreht der Kapitän nach Norden und folgt dem Rhein bis er den Bodensee erreicht.
Sie überfliegen den Flugplatz von Altenrhein. Dort ist die Do X im Hafen verankert. Das grösste Flugzeug der Welt, ist bereit für weitere Flugversuche. Von oben sieht sie klein aus, auf dem Flugfeld stehen noch andere Flugzeug, da sieht man schon, wie viel grössere dieser Gigant ist.
Von weitem ist Friedrichshafen zu sehen. Willi ist sich nicht sicher, ob er traurig sein soll, weil der Flug nach fünf Stunden schon vorbei ist oder ob er sich darauf freut, endlich wieder festen Boden unter den Füssen zu haben. Sein Magen hat sich noch nicht ganz beruhigt. Die Landung erfolgt ohne Probleme, der Ingenieur ist mit dem Testflug zufrieden. Zum Abschluss stellen sich alle, welche den Flug mitgemacht haben, zu einem Gruppenbild vor dem Luftschiff auf. Nochmal gibt es Fotos für den Führer und die Presse, welche über den erfolgreichen Testflug berichtet.
Bis Willi sein Praktikum abschliessen kann dauert es noch eine Woche. Der Testflug mit dem Zeppelin war der Höhepunkt. In der letzten Woche nimmt Hans ihn noch auf einem Motorboot mit nach Altenrhein. So kann er die Do X noch aus der Nähe betrachten. Unglaublich, dass so etwas fliegen kann. An Bord gehen, dürfen sie nicht, das Flugzeug unterliegt der Geheimhaltung. Ende August ist sein Praktikum zu Ende und er besteigt den Zug in Richtung Basel.
Am Bahnhof in Worms holt ihn Gabi ab. Sie hätte ihn gerne ein paar Tage früher begrüsst, denn in Worms ist seit einer Woche das Backfischfest im Gang. Da wäre Gabi gern mit einer Begleitung durch die zahlreichen Stände spaziert. Allein wurde sie immer angepöbelt, so dass sie lieber zu Hause blieb. Nun kann sie doch noch am Abend mit Willi durch Worms flanieren.
Willi ist überrascht, er kennt Worms beinahe nicht mehr. Die Strassen sind mit Hakenkreuzfahnen geschmückte und die Strassen sind sauber herausgeputzt. Gegen Abend hatte er den Eindruck, als ob ganz Worms auf den Strassen ist. Man kann sich kaum noch bewegen. Ideal für das verliebte Paar, sie schmiegen sich eng aneinander, so kommen sie besser durch die Menge.
Die allgemeine Wehrpflicht /1935
Die Studenten werden am Morgen alle in der Aula versammelt. Der Rektor hat eine wichtige Mitteilung zu machen. Die meisten ahnen um was es geht, sie hatten gestern bereits im Radio gehört, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt wurde. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Studenten. Die meisten sind eben ins wehrpflichtige Alter gekommen. Alle hoffen, dass sie ihr Studium noch beenden dürfen. Der Rektor muss mehrmals um Ruhe bitten. Dann beginnt er seine Ansprache.
«Studenten! Ihr wisst, dass gestern am 14. März 1935 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt wurde. Man hat mich gebeten, Sie, als direkt betroffene zu informieren. Das angefangene Semester dürft ihr noch beenden, danach müsst ihr euch bei der zuständigen Stelle melden. Es ist vorgesehen, dass ihr im Sommer den Grundkurs absolviert. Danach entscheidet die Wehrmacht, welcher Truppe sie zugeteilt werden. Ihr müsst euch dieses Jahr nicht um ein Praktikum bemühen, das übernimmt die Wehrmacht.»
Die einen jubelnd, die anderen konsterniert, entlässt der Rektor seine Studenten. In der Aula wird es laut. Das Studentenleben geht zu Ende.
Das Leben in den Städten hat sich normalisiert, wenn man nicht auffällt, lassen einem die Nazis in Ruhe. Belastend ist das Denunziantentum. Jeder Bürger muss vor seinem Nachbarn Angst haben. Es gibt zu viele, welche sich durch das Verraten eines anderen Bürgers, Vorteile bei den Parteibonzen erwarten. Ist man in der misslichen Lage, dass man bei den Nazis auffällt und Anlass bietet, dass sich eine Untersuchung lohnt, dann hat man nichts mehr zu lachen. Solche Gelegenheiten nehmen die Nazis gerne war. Solche Fälle werden dann ausgeschlachtet, das hält die Massen ruhig und sorgt dafür, dass man mit keinem Widerstand mehr rechnen muss. Die Weichen sind gestellt und die Fahrtrichtung ist vorgegeben.
Willi gehört eher zu denen, die der Rektor mit Jubel zurücklässt. Das Studium hätte er schon noch gerne abgeschlossen, doch er rechnet fest damit, dass er zur Luftwaffe eingeteilt wird. Der Traum, als Pilot ein Flugzeug zu fliegen, rückt immer näher. Das wird ihm beim Abschluss des Studiums später sicher helfen.
Von seinen Zimmerkollegen hat Klaus am meisten bedenken, er weiss nicht einmal, wie das Militär Biologen einsetzt. Kann man einen Biologen in der Armee überhaupt brauchen? Auch Sepp ist nicht sicher, wo man Mathematiker einsetzt. Vielleicht bei der Artillerie, zum berechnen der Flugbahn der Geschütze. Hermann rechnet, dass er als Geschichtsstudent eine Stabsstelle erhält, die deutsche Geschichte ist für Hitler sehr wichtig.
All diese Überlegungen, welcher jeder für sich anstellt, sorgen dafür, dass es im Zimmer ruhig ist. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Egal welche Einstellung einer hat, das Leben als Soldat wird jeden fordern. Da nützt auch die Vorbereitung in der Hitlerjugend nichts, das Militär wird doch ein ganz neuer Lebensabschnitt.
In den nächsten Wochen wird der Wehrdienst verdrängt, man darf das Studium nicht vernachlässigen. Jetzt erst recht nicht, wer weiss wie es nach dem Wehrdienst weiter geht? Es ist gut möglich, dass man wieder von neuem anfangen muss.
Die letzten Prüfungen schafft Willi mit sehr guten Noten. Dann kommt der Tag, an dem der Professor seine Studenten entlässt. Er gibt sich alle Mühe, dass die Studenten seine Gefühle nicht erahnen können. Er hat ein schlechtes Gewissen, trotzdem ruft er seine Studenten auf, dass sie den Dienst am Vaterland mit Stolz und Pflichtgefühl erfüllen werden.
Bis Willi einrücken muss, reicht es noch für ein paar Tage Ausspannen in Worms. Gabi holt ihn vom Bahnhof ab. Die Begrüssung ist stürmisch, sie haben sich seit Ostern nicht mehr gesehen. Gabi arbeitet jetzt in der Lederfabrik im Büro. Sie lernt mit der Schreibmaschine schreiben und hilft bei der Führung des Kassenbuchs.
Ausnahmsweise kann sie den Samstag frei nehmen. Die beiden treffen sich schon am Samstagmorgen. Sie wollen in den Rebbergen am Rhein wandern. Zum einen hofft Willi, dass er sich an schwerere Schuhe gewöhnen kann, noch wichtiger ist ihm, dass er mit Gabi allein ist.
Auf dem Weg aus der Stadt kommen sie zufällig am Geschäft von Goldberg vorbei. Die Goldbergs haben es sehr gut gelöst, von aussen hat man den Eindruck, das Geschäft sei längst geschlossen. Doch Josef betreut weiter einige Stammkunden. Natürlich weiss das niemand. Für den grössten Teil des Lebensunterhalts ist Maria besorgt, sie verdient in der Lederfabrik gut und die Goldbergs sind es gewohnt, bescheiden zu leben. Wenn einer eine schöne Uhr will, ist Josef immer noch eine gute Adresse.
Nur kurz lässt er seine düsteren Gedanken aufkommen, dann umarmt er Gabi und sie verlassen die Stadt. Zügig schreiten sie voran. Auf dem Weg haben sie eine schöne Sicht auf den Rhein.
Die erste Rast legen sie in einem Wäldchen ein, sie ziehen sich etwas zurück, so dass sie von niemandem gesehen werden. Auf einer Waldlichtung breiten sie eine Decke aus, dann schauen sie sich in die Augen. Beide haben nur einen Gedanken, heute wollen sie es wissen. Gabi ist bereit und hat keine Lust, weiter nur theoretisch zu wissen, wie es geht. Bald liegen sie nackt auf der Decke und können nicht genug voneinander bekommen.
Es dauert lange, bis sie ihre Wanderung fortsetzen, zu viel gibt es für beide zu entdecken. Eigentlich wollten sie noch den Hügel erklimmen, doch dazu reicht es nicht mehr. Sie kehren vorher um. Beide sind mit dem Ergebnis des Ausflugs zufrieden. Marschieren kann Willi nächste Woche noch genug, aber die Liebe zu Gabi, die musste unbedingt gefestigt werden. Das war beiden wichtig, sie wollen aufeinander warten.
Mit einem flauen Gefühl im Magen, sitzt Willi am Montagmorgen im Zug nach Mannheim. Dort ist seine Sammelstelle. Eine halbe Stunde vor seinem Termin steht er bereits auf dem Sammelplatz und beobachtete die eintreffenden Rekruten. Wie er kommen die meisten allein. Es gibt nur wenige Eltern, welche sich tränenreich von ihrem Sohn verabschieden. Wie Willi wollten die meisten Rekruten nicht als Muttersöhnchen dastehen.
Pünktlich auf die Sekunde betritt ein Offizier ein Rednerpult und begrüsst die jungen Männer mit einem zackigen: Heil Hitler!
Danach beginnt er sofort mit der Organisation des komplizierten Musterungsvorgangs. Die Männer müssten sich in Zehnerreihe aufstellen. Jede Kolonne steht nun vor einem Tisch, an welchem ein Feldwebel mit einer langen Liste sitzt. Der Vorderste der Kolonne schreit laut seinen Namen. Der Feldwebel sucht nun den Namen auf seiner Liste. Dort ist vermerkt, in welche Abteilung er eingeteilt ist.
«Wilhelm Wolf!», ruft Willi.
Nach einigen Sekunden kommt die Antwort: «Abteilung D, wegtreten!»
Willi blickt kurz um sich, dann sieht er das Schild mit dem Buchstaben D. Er stellt sich zu den dort wartenden. Ohne dass sie dazu aufgefordert werden, reihen sie sich in Viererkolonne ein und warten.
Die Schlange vor den Tischen wird kürzer. Einig Minuten später räumen die Feldwebel ihre Papiere zusammen und bringen die Tische in einen Schuppen. Danach verteilen sie sich auf die neu entstandenen Kolonnen. Abteilung A, beginnt mit dem Abmarsch. Später folgt die Abteilung von Willi ihrem Feldwebel, der sich in Richtung Bahnhof entfernt. Etwas abseits steht ein Zug, welcher nur aus drei Wagen besteht.
«Los einsteigen!», brüllt der Feldwebel, «ein bisschen Beeilung, wir sind nicht in einem Mädchenpensionat!»
Nun geht es zügig voran, keiner will auffallen. Einige versuchen mit einem Leidensgenossen ein kurzes Begrüssungsgespräch zu führen, das kommt beim Feldwebel gar nicht gut an, er brüllte sofort los. Also bleibt man ruhig und hängt seinen eigenen Gedanken nach.
Der Zug setzt sich in Bewegung und die nächsten Stunden hörten die jungen Männer nur das Rattern der Räder. Anfänglich weiss Willi noch, in welche Richtung sie fahren, doch schon bald fährt der Zug auf einer Strecke, die er nicht kennt. Dann wird es draussen dunkel und der Zug fährt immer noch.
Die meisten schlafen, als der Zug anhält und der Feldwebel losbrüllte.
«Alles aussteigen!», schrie er die Rekruten an, «alles persönliche Gepäck mitnehmen!»
Das kleine Bahnhofsgebäude ist nur spärlich beleuchtet, sie reihen sich in der Kolonne ein, jeder hatte ein kleiner Rucksack mit persönlichen Sachen dabei. Was erlaubt war und was Pflicht war, dass man es dabei hat, wurde ihnen vor Wochen schriftlich mitgeteilt.
Dann marschieren sie los in die dunkle Nacht. Im Morgengrauen erreichten sie eine Kaserne. Sie haben noch einen halben Tag als Zivilist, dann stecken sie alle in der Uniform und der militärische Drill beginnt.
Erst nach zwei Monaten gibt es den ersten Urlaub. Als ihn Gabi am Bahnhof abholt, kennte sie Willi beinahe nicht mehr. Es sind nicht nur die kurzen Haare, darauf wurde sie vorbereitet. Die Gesichtszüge von Willi sind härter geworden. Man sieht auch, dass er gut trainiert ist, er hat mehr Muskeln zugelegt. Auch seine Stimme ist lauter, früher hat er ihr zärtlich Worte ins Ohr geflüstert, jetzt empfindet sie es, als ob er sie anschreien würde.
Sie lässt sich nichts anmerken, sie wird sich daran gewöhnen. So sind Soldaten und es wäre ihr nicht Recht, wenn Willi sich vor der Wehrpflicht drücken würde. Sie will, dass er ein stolzer Soldat wird. Vor dem Haus der Wolfs verabschiedet sich Gabi, sie weiss, dass Rosa ihren Sohn für sich haben will, sie werden abends noch tanzen gehen, dann hat sie ihren Willi für sich.
Rosa freute sich den ganzen Tag auf ihren Wilhelm und werkelt in der Küche. Da Samstag ist, muss Franz noch bis fünf Uhr arbeiten. Immer wieder blickt sie nach dem Kaninchenbraten im Backofen, dazu gibt es Sauerkraut aus dem eigenen Garten, sie ist stolz. Der Wilhelm würde Augen machen, so gut wird er in der Kaserne sicher nicht essen.
Nun hat sie ihren Sohn für sich. Schnell merkt sie, dass ihr Sohn mit einer Frau nicht über den Soldatenalltag sprechen will. Das versteht sie eh nicht. So berichtet sie ihrem Sohn, was sich in Worms ereignet hat. Sie informiert, dass die Lederfabrik viele neue Arbeiter einstellte. Die kommen mit der Produktion kaum nach. Die Nachfrage nach Bestandteilen zu Uniformen ist gross. Handschuhe, Gürtel, Stiefel, alles ist gefragt.
Doch diese Information hat ihm schon Gabi gegeben, sie arbeitet ja auch in der Fabrik und das erst noch im Büro, da weiss sie viel besser, als seine Mutter, wie gut die Fabrik arbeitet. Mutter arbeitet, als deutsche Hausfrau weniger lang. Rosa muss nur ein reduziertes Pensum in der Näherei leisten. Sie hat sich auf das Nähen von feinsten Handschuhen spezialisiert.
«Unser Gauleiter hat sich bei mir persönlich bedankt», erzählt sie stolz, «er hat die Fabrik besucht und erhielt vom Werksleiter Handschuhe aus sehr feinem Leder, dieses Leder darf nur ich bearbeiten.»
«Ja nähen hast du schon immer gut gekonnt.»
«Der Gauleiter war mit Worms nicht zufrieden und hatte sich beschwert, den Juden in Worms geht es immer noch zu gut. Noch immer können sie die Synagoge besuchen und der Rabi wird nicht an der Ausübung seines Amtes gehindert. Die meisten Leute in Worms findenden, dass das die Stadt in ein schlechtes Licht rückt.»
«Es sind eigentlich keine Juden, die meisten sind deutscher als mancher Linke.»
«Die sind auch eine Gefahr. Der Gauleiter will, dass sie in ein Lager müssen. Da hat man sie unter Kontrolle.»
«Sonst habt ihr in Worms keine Sorgen, die Stadt wirkt ruhig, die Leute trauen sich wieder auf die Strasse. Das ist mir sofort aufgefallen.»
«Ja, in den Strassen ist es wieder ruhig, die Juden wagen sich nicht nach draussen, sie verstecken sich.»
«Dann ist ja alles gut, solange sie nur in der Synagoge sind, stören sie nicht.»
«Trotzdem macht es auf den Gauleiter einen schlechten Eindruck, es ist eine Schande! Worms feierte letztes Jahr das 900 jährige bestehen der jüdischen Gemeinde.»
«Da siehst du, die sind gar keine Juden mehr, das sind Deutsche.»
«Worms wird wohl damit leben müssen», seine Mutter wirkt resigniert, «es gibt zu viele und man kann sie gar nicht mehr von den deutschen trennen.»
«Das ist ja was ich meine, sie sind Deutsche geworden. Die Hauptsache ist, dass sie auch am Aufbau von Deutschland mithelfen.»
Soeben fährt Franz mit dem Motorrad vor. Nun muss sich Rosa wieder um das Essen kümmern. Wilhelm eilt nach draussen um seinen Vater zu begrüssen. Neben seinem Vater interessiert ihn auch das Motorrad. Stolz lädt Franz ihn ein, eine kurze Runde zu drehen, soviel Zeit bleibt noch, bis das Essen fertig ist.
Die Mutter ruft zum Essen. Wilhelm berichtet von seiner Ausbildung. Meistens ist sie sehr hart, was Franz freut, endlich werden die jungen Deutschen wieder zu richtigen Männer erzogen.
«Bevor wir in den Urlaub entlassen wurde, fand noch die Vereidigung satt, in einer imposant Zeremonie schworen wir Adolf Hitler die Treue. Jetzt bin ich ein richtiger deutscher Soldat!»
«Darauf stossen wir an!», Franz hebt das Glas, gefüllt mit einer Flasche Wein, welche noch aus seiner Schmugglerzeit stammt, «ich bin stolz auf dich!»
Nach dem Willi viel zu viel gegessen hatte, zieht er sich in sein Zimmer zurück. Die Reise war lang und anstrengend. Trotz der Müdigkeit, findet er keinen Schlaf. Seine Gedanken bewegen sich im Kreis. Die Gespräche, vor allem das mit seiner Mutter geben ihm zu denken. Plötzlich wird ihm bewusst, dass er keine eigene Meinung mehr hat. Er stumpft in der Wehrmacht ab. Der ganze Drill, die dauernd auf ihn einwirkenden Befehle verhindern, dass er selber denkt. Seit zwei Monaten wird ihm jede Entscheidung abgenommen, wenn es heisst rennen, dann rennt er. Heisst es warten, dann wartet er, bis der nächste Befehl kommt. So läuft das in der Wehrmacht.
Das Diskutieren hat man sich gänzlich abgewöhnt, viel zu gefährlich. Jede Form von persönlicher Meinung könnte falsch ausgelegt werden. Da hält man lieber die Schnauze. Die Aufgabe eines Soldaten ist nicht zu denken, sondern Befehle ausführen. Wo käme man hin, wenn jeder Soldat selber denken würde. Das erledigen die Offiziere. Schliesslich muss er doch eingeschlafen sein. Er erwacht erst, als Mutter an die Tür klopft und ihm sagt, dass unten Gabi auf ihn wartet, damit sie einen Spaziergang machen können.
«Ich komme sofort», ruft Willi und zieht sich an.
Gabi sieht bezaubernd aus. Sie trägt ein buntes Sommerkleid, für den Spaziergang im herbstlichen Worms nicht unbedingt geeignet. Willi wird sie dauernd wärmen müssen, aber diese Aufgabe übernimmt er gern. Rosa besteht darauf, dass er zuerst Frühstücken muss. Gabi setzt sich zu ihnen an den Küchentisch und muss mitessen.
«Soll ich euch mit dem Motorrad bis in den Rebbergen fahren?»
«Nein nicht nötig, für eine Fahrt mit dem Motorrad ist Gabi falsch angezogen, wir begnügen uns mit einem Spaziergang in den Auen», bedankt sich Wilhelm für das Angebot seines Vaters.
Kaum sind sie ausser Sichtweite, bleiben sie stehen und küssen sich leidenschaftlich. Ohne zu reden, steuern sie den Beobachtungsposten in den Auen an. Hier können sie andere Spaziergänger von weitem bemerken. Sie geniessen den Nachmittag.
Montagmorgen muss Willi allein zum Bahnhof. Sein Zug fährt erst um acht Uhr, sowohl seine Mutter, als auch Gabi müssen um sieben Uhr mit der Arbeit beginnen. Sein Vater ist schon seit sechs Uhr unterwegs.
Der Zug hält an jedem Bahnhof und so dauert es lange, bis er Mannheim erreicht. Er ist angespannt, morgen werden die ehemaligen Rekruten in ihre neuen Einheiten aufgeteilt. Er hat sich bei der Luftwaffe beworben, morgen wird er wissen, ob er aufgenommen wird.
Abends findet nochmals ein Antreten der ehemaligen Rekruten statt. Der Schulkommandant lässt sie nochmals mit einem zackigen Füsse zusammenschlagen die Achtungsstellung vorführen, es klappt hervorragend. Mit einer kurzen Ansprache entlässt er die Rekruten als ausgebildete Wehrmänner, welche dem deutschen Volk Ruhm und Ehre bringen sollen.
Anschliessend verteilt der Feldwebel den Soldaten einen Brief, darin steht, wie ihre Militärkariere weiter geht. Jeder ist gespannt, ob sein Wunsch in Erfüllung geht. Da und dort hört man ein Jubelschrei. Da die Briefe nach Alphabet verteilt werden, kommt Willi sehr spät dran.
Er reisst den Brief auf. Da steht es, Luftwaffe! Auch er kann jubeln. Er muss morgen nach Rostock reisen, dort geht die Ausbildung weiter.
Olympiade in Garmisch /1936
Die Freunde über die Zuteilung zur Luftwaffe macht schnell Ernüchterung Platz. Am ersten Tag in Rostock werden sie in tolle Uniformen der Luftwaffe eingekleidet. Doch einige Tage später stellen sie fest, dass die Einheit über keine Flugzeuge verfügt. Selbst der Flugplatz muss noch gebaut werden.
Mangels Bauarbeiter müssen die Arbeiten durch die Soldaten ausgeführt werden. Willi und seine Kollegen sind also mehr mit Schaufel und Pickel, als mit dem Steuerknüppel beschäftigt. Nebst der harten Bauarbeit, gibt es immerhin, mindestens fünf Theoriestunden pro Woche. Die Männer sollen vorbereitet sein, wenn dann die Flugzeuge geliefert werden.
Im Dezember 1935 sind der Hangar und eine achthundert Meter lange Startbahn fertig. Jetzt muss man nur noch auf die Flugzeuge warten. Es gibt eine kleine Einweihungsfeier. Vor, in Paradeuniformen angetretener Kompanie, landeten vier Flugzeuge. Die Piloten werden wie Helden empfangen und eine Nacht lang gefeiert. Am nächsten Morgen fliegen sie weiter. Lediglich die Offiziere durften bei einem Rundflug über die Stadt Rostock und entlang der Küste mitfliegen. Am Nachmittag werden die vier Flugzeuge wieder mit militärischen Ehren verabschiedet. Das war‘s vorerst, an Flugbetrieb auf dem neuen Flugplatz.
Da die Bauarbeiten inzwischen als abgeschlossen gelten, werden die Soldaten mit intensivieren Theorie, bei Laune gehalten. Zumindest ist man im Theorieraum vor dem kalten Wind geschützt. Der Kommandant kann Filme über die Ausbildung von Piloten vorführen, das musste vorerst reichen. Jetzt im beginnenden Winter sind Flugstunden eh zu gefährlich.
Nach dem kurzen Weihnachtsurlaub, muss die Kompanie nicht mehr in Rostock einrücken. Sie wurden nach Garmisch Partenkirchen aufgeboten. Ihre neue Aufgabe, sie müssen die Sportstätten für die anstehende Olympiade herrichten.
Zu diesem Zweck erhält die Kompanie neue Uniformen, welche eher wie winterfeste Arbeitskleidung aussieht. Nun werden sie in die neue Aufgaben eingewiesen. Zuerst müssen die Strassen gesäubert werden. Die aufwendig gestalteten Plakate: Juden raus! Müssen wieder entfernt werden. Deutschland soll sich als friedliebendes Volk der Sportwelt präsentieren.
Nach dem säubern der Strassen, müssen die Sportstätten hergerichtet werden. Die Luftwaffe wird zum präparieren der Sprungschanze eingesetzt. Das sind nicht die Flüge, welche sich Willi erhoffte, aber zumindest hat es etwas mit Luftfahrt zu tun. Wie sie von Kameraden aus anderen Einheiten erfahren, haben sie noch Glück. Die Sprungschanze ist windgeschützt. Das präparieren der Abfahrtsstrecke ist bedeutend schwerer. Sie liegt viel höher und der Wind bläst den Soldaten um die Ohren. Ein richtiger Härtetest.
Am vierten Februar meldet das Radio, das in Davos in der Schweiz, der Leiter der Landesgruppe Wilhelm Gustloff ermordet wurde. Die Kompanie von Willi wird sofort von der Schanze abgezogen und an strategisch wichtigen Punkten in Garmisch postiert. Man befürchtet Unruhen. In ganz Deutschland ist die Empörung gross. Die Regierung schürte die Entrüstung der Bevölkerung, nur, der Zeitpunkt, drei Tage vor der Eröffnung der Olympischen Spiele ist sehr ungünstig.
Zumindest in Garmisch und deren Umgebung musste man für Ruhe sorgen. Die Welt schaut auf Deutschland. Die Schlägertrupps müssen unter Kontrolle bleiben.
Inzwischen sind bereits viele Athleten in Garmisch eingetroffen. Alles fiebert der Eröffnungsfeier entgegen. Wird Hitler persönlich erscheinen? Das ist die Frage welche die Deutschen beschäftigt.
Nun, er erscheint und die Kompanie von Willi muss für seine Sicherheit sorgen. Mit Gewehren müssen sie die Menge zurückdrängen, damit der Führer nicht belästigt wird. Die Begeisterung der Masse kennt keine Grenzen. Nachdem der Führer sicher auf der Tribüne angekommen ist, kann die Einheit von Willi abgezogen werden und sicherte die Umgebung des Stadions. Von der Zeremonie, wie auch an den folgenden Tagen, von den Wettkämpfen, bekommt er nichts mit. Einzig den Sieg von Ruud auf der Schanze kann er hautnah verfolgen, weil sie nach jedem Springer die Piste kurz präparieren müssen.
Ende Februar geht der Einsatz in Garmisch zu Ende. Die Kompanie muss zurück nach Rostock und wird dort als Wachmannschaft zur Sicherung einer Flugzeugfabrik eingesetzt. Endlich geht es mit dem Bau von Flugzeugen vorwärts.
Die Fabrikhalle steht bereits, nur ist sie noch leer. Erst nach und nach treffen Maschinen ein. Der leitende Ingenieur hiess Herr Bauer. Auf einem Plan ist eingezeichnet, wo die angelieferten Maschinen aufzustellen sind. Nach einigen Tagen hat der Ingenieur bemerkt, dass Willi eine Ahnung hatte, wie und wo die Maschinen aufgestellt werden müssen. In seinem letzten Praktikum bevor er zur Wehrmacht einberufen wurde, arbeitete er in einer Flugzeugfabrik bei München. Deshalb fragt Herr Bauer den Kompaniekommantanten, ob er nicht Soldat Wolf als seinem Assistenten abkommandieren kann? Anfänglich ist der dagegen, er dulde keine Ausnahme. Doch als die angelieferten Maschinen immer komplizierter werden, willigt er ein. Schliesslich sollen in der Fabrik so schnell wie möglich Flugzeuge gebaut werden, denn auch der Kommandant will nur eines, nämlich Flugzeuge. Auch er kam zur Luftwaffe, weil er fliegen wollte. Auch für ihn ist die Situation nicht zumutbar. Seine angehenden Piloten sind eher Bauarbeiter, mit fliegen hatte das nichts zu tun.
Als es in der Halle langsam heiss wird, weil es Sommer wurde, sieht man, was Deutsche zu leisten imstande sind. Die Halle ist zu zwei Drittel gefüllt. Die Produktion der ersten Flugzeugteile für die Do111, wird aufgenommen. Diese werden jetzt von einem weiteren Ingenieur betreut. Herr Bauer ist für die Infrastruktur zuständig, Herr Günther für das zu bauende Flugzeug. Ein zu einem Bomber umkonstruiertes Zivielflugzeug.
Die beiden Ingenieure verstehen sich gut und Willi arbeitet für beide. Es geht vorwärts, endlich kann Willi mit Plänen eines Flugzeugs durch die Halle laufen. An einigen Stellen kann man bereits Teile erkennen, aus denen später ein Flugzeug entsteht. Der Prototyp der Do111 wurde in einem anderen Werk gebaut und befindet sich bereits in der Erprobung. Herr Günther steht permanent in Verbindung mit den Piloten. Nach den Telefonanrufen ist er üblicherweise verärgert, da meistens Änderungen notwendig werden.
«So werden wir nie fertig», schimpft er vor sich hin, «ich habe ihnen gesagt, aus einem Passagierflugzeug lässt sich nicht so einfach ein Bomber konstruieren, das ist doch was ganz anderes.»
Trotzt aller Probleme geht es vorwärts. Inzwischen arbeiten bereits hundert Leute in der Halle. Leider können nicht alle Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt rekrutiert werden. Politische Gefangene werden zum Arbeitseinsatz gezwungen. Die Kompanie der Luftwaffe muss vermehrt für Ordnung bei den Gefangenen sorgen. Keine erfreulichen Aufgaben! Die politischen Häftlinge sind nur schwer zur Mitarbeit zu bewegen, was Zwangsmassnahmen erfordert. Für solche Aufgaben sind die angehenden Piloten nicht geeignet. Für Willi ist es unangenehm, er hat mit der Bestrafung nicht direkt zu tun, muss aber Verstössen melden. Schon zwei Mal musste er beobachten, wie einer der Arbeiter an seinem Arbeitsplatz abgeholt wurde. Noch in der Fabrikhalle bekommt einer harte Schläge mit einem Knüppel, das Blut schiesst in Strömen aus der Nase des Unglücklichen. Dieses Erlebnis schraubt die Limite für das Melden eines Verstosses nach oben. Wenn jedoch die Sicherheit des Flugzeugs durch den Verstoss beeinträchtigt wird, muss er es melden.
Doch mit der Zeit gewöhnt er sich an die Bestrafung, die Leute sind schliesslich selber schuld an ihrer Situation. Doch es gibt einige die das sabotieren der Arbeit absichtlich begehen, denn für sie ist es ein Teil des passiven Widerstands gegen das Naziregime. Für Willi ist es nur schwer zu verstehen, dass es Leute gibt, welche das neue Deutschland nicht akzeptieren. Endlich geht es mit Deutschland voran. Die herumlungernden und bettelnden Arbeitslosen sind aus den Strassen der deutschen Städte verschwunden, das ist doch ein echter Fortschritt.
Noch gibt es ein Problem mit den Lebensmitteln. Es kommt zu Engpässen, doch auch da schaut die Regierung, dass nicht die einen mit Geld satt werden, während die Armen hungern müssen. Dank den Lebensmittelkarten kriegt jeder genug zu essen, wenn es auch manchmal etwas mehr sein dürfte.
Im September kann Willi einen längeren Urlaub beziehen. Er darf eine ganze Woche nach Worms. Endlich wieder Spaziergänge mit Gabi, die hatte er vermisst. In Rostock kann er ab und zu abends in den Ausgang. Es hätte in den Kneipen auch einige hübsche Mädels, welche nichts gegen eine engere Freundschaft hätten. Gabi ist immer noch seine Freundin, er ist treu. Er schreibt ihr mindestens einen Brief pro Woche. So hat er keine Probleme damit, wenn er die Mädels seinen Kollegen überlässt.
In Worms hat sich nicht viel verändert. Seit die Lederfabrik auf Hochtouren läuft, funktioniert auch das Leben in der Stadt. Die Leute haben Geld genug, davon profitiert auch das lokale Gewerbe. In den Strassen herrscht wieder Ruhe und Ordnung. Sein Vater erzählt ihm allerdings von einigen ehemaligen Kollegen, welche verhaftet wurden. Aus der Zeit in der goldenen Gans kannte er einige Kommunisten. Wenn die sich nicht ruhig verhalten, ist die SA sofort zur Stelle und dann verschwinde sie aus Worms, auf seiner Tour zu den Bauern hat er erfahren, dass sie in einem Arbeitslager umgeschult werden, wie die Nazis das nennen.
Dass es im Verborgenen brodelt, merkt man nicht. Die immer noch sehr zahlreichen Juden in der Stadt, sind den Nazis ein Dorn im Auge. Doch die Juden verhalten sich geschickt. Sie machen ihre Geschäfte heimlich. So intensiv die SA auch kontrolliert, den Juden kann nichts nachgewiesen werden. Es gibt viele die mit einer härtere Gangart gegen den Klassenfeind vorgehen möchten, aber, zum einen sorgt das defensive Verhalten der Juden dafür, dass sie keinen Anlass zu Beanstandungen geben. Zudem haben sie nach wie vor einige Geschäfte in ihrer Hand und man müsste Engpässe befürchten, wenn man den Juden diese Geschäfte verbieten würde. So gesehen ist die Situation, wie sie momentan ist, akzeptabel.
Als Willi wieder in Rostock zurück ist, staunt er. In der Halle steht ein fertiges Flugzeug. Noch werden die letzten Teile montiert und einige Teile überprüft. Doch das Flugzeug wird in den nächsten Tagen die Halle verlassen. Zum Glück ist er noch rechtzeitig zurück, den Moment möchte er nicht verpassen.
Bereits drei Tage später ist es soweit. Die Arbeiter schieben die erste in Rostock hergestellte Do111 auf das Rollfeld. Zum grossen Moment erscheinen einig Parteigrössen, insgeheim hat man gehofft, dass Hitler persönlich kommt, doch er lässt sich vertreten. Man verliert keine Zeit, nach der kurzen Ansprache, werden die Motoren gestartet. Der Testpilot ist mit dem Ingenieur bereits an Bord.
Man lässt die Motoren zehn Minuten warm laufen, dann gibt der Pilot Gas und rollt Richtung Startbahn. Ohne anzuhalten, erhöht er die Drehzahl auf maximale Leistung und löst die Bremse. Das Flugzeug schiesst nach vorne.
Mit dem Fernglas verfolgen die Parteigrössen den Start. Das Flugzeug hebt ab, es ist geschafft, das Ding fliegt! Alle jubeln, sogar die politischen Gefangenen zeigen, dass sie stolz sind, dass ihr Werk gelungen ist. Obwohl einige versucht haben, genau dies zu verhindern. Im Innern sind sie doch stolz, dass das Werk gelungen ist.
Der erste Flug dauert gut zwei Stunden. Dann schwebt die Maschine wieder auf den Flugplatz zu und legt eine perfekte Landung hin. Die nächsten Tage, ist die Maschine jeden Tag in der Luft. Die ersten Piloten werden ausgebildete. Nach einer Woche darf Willi einmal mitfliegen. Allerdings nur als Passagier, im Sitz des MG-Schützen. Die Pilotenausbildung hatte er, durch seine Funktion in der Produktion verpasst. Er konnte nicht noch am Theorieunterricht teilnehmen, was ihn jetzt ärgert.
Das Einsteigen in den MG-Stand ist nicht einfach, es ist sehr eng. Dafür hat er im Flug die beste Aussicht. Mit dem Kopfhörer und einem Mikrofon hat er Verbindung zum Piloten. Der Flug hatte lediglich den Zweck, die Piloten auszubilden. Willi ist nur als Passagier dabei. Er verfolgt die Gespräche in der Pilotenkanzel gespannt, verhält sich selber aber ruhig.
«Steigen auf 9000 Meter.»
«Bestätige, 9000.»
Die Maschine zieht steil nach oben. Willi sieht die Küste, dann dreht der Pilot aufs Meer hinaus und die Besatzung muss die Sauerstoffmaske aufsetzen.
«9000 erreicht», meldet der auszubildende Pilot.
«Höhe halten, Kurs Nordost», befiehlt der Instruktor.
Eine halbe Stunde fliegen sie über der geschlossenen Wolkendecke. Das ist ganz was anderes, als der Flug mit dem Zeppelin, das Flugzeug vibriert und die Motoren dröhnen extrem laut. Damit er die Gespräche im Cockpit mithören kann, muss er die Lautstärke auf dem Kopfhörer voll aufdrehen. Die Sonne blendet Willi stark, er muss die Sonnenblende herunterziehen.
«Jäger im Anflug, von Richtung 14 Uhr», befiehlt der Instruktor, «Ausweichmanöver einleiten.»
Willi schaut in die angegebene Richtung. Er kann keine Jäger erkennen, es ist nur eine Übung. Das Flugzeug macht eine steile Kurve nach links und geht in den Sinkflug. Der Magen von Willi spielt verrückt.
«Gut so», kommentiert der Instruktor, «jetzt die Maschine auffangen und hochziehen.»
Die nächsten Minuten geht es so weiter. Mal steil nach oben, dann wieder in einer harten Kurve nach unter. Willi ist schon ganz weiss. Er muss kämpfen, er kann hier nicht Erbrechen, dazu müsste er seine Maske ausziehen und dann droht er zu ersticken.
Nach zehn Minuten ist der Instruktor zufrieden, der Flug wird wieder ruhiger. Willi kann sich erholen. Nur geniessen kann er den Flug nicht mehr, vermutlich ist er doch nicht zum Pilot geboren.
Die Erleichterung ist gross, als sie nach vier Stunden endlich auf die Landebahn einschwenken. Noch einmal rüttelt es gewaltig und der Magen meldet sich erneut. Endlich steht das Flugzeug und Willi beginnt sich aus dem Sitz zu befreien. Er drängt zur Tür und öffnet sie. Noch muss er warten, bis die Bodenmannschaft die Treppe heranschiebt. Endlich ist die Treppe da und Willi eilt unter dem Gelächter der Kameraden die Treppe runter und muss sich im Gras am Rande des Rollfelds übergeben. Gespannt beobachtet der Instruktor die Aktion von Willi, er geht zu ihm und klopft im auf die Schulter: «Du bist wohl nicht zum Piloten geeignet, was!»
«Sieht so aus», gibt Willi zu, «ich hab wohl etwas Schlechtes gegessen.»
«Ja vielleicht, aber ich würde mir doch Überlegungen, ob Pilot der richtige Job für dich ist.»
Sein Traum platzt wie eine Seifenblase. Was nun? Der Kommandant hat damit kein Problem, er sieht Soldat Wolf sowieso lieber auf seiner Position in der Fabrik, da nutzt er der Luftwaffe mehr. Pilotenanwärter hat er genug.
Am 25. Oktober, an Willis zweiundzwanzigsten Geburtstag, gibt es Grund zum feiern. Die zweite Maschine ist fertig und wird aufs Rollfeld geschoben. Es ist Grund genug, um abends im Ausgang tüchtig zu feiern. Die Sperrstunde ist aufgehoben. Er trifft sich mit einigen Kameraden in ihrer Stammkneipe. Der Bierkonsum ist enorm, die Stimmung ist ausgelassen. Die meisten Kollegen sind jetzt mit der Pilotenausbildung beinahe fertig.
«Ich habe gehört», spricht ihn Georg an, «dass dir beim Fliegen schlecht wird.»
«Ja, das stimmt leider», bestätigt Willi, «ich musste mich beim letzten Flug übergeben, den Traum, Pilot zu werden, kann ich vergessen.»
«Aber das kann man doch trainieren, ich zeige dir morgen einige Übungen, wie du das das Problem in den Griff bekommst. Aber erst morgen, heute wollen wir feiern.»
Georg macht ihm Hoffnungen, vielleicht muss er seinen Traum doch noch nicht abschreiben. Er zahlt ihm noch ein Bier, das ist es ihm Wert.
«Auf Spanien», prosten sich die Piloten zu.
«Warum Spanien?»
«Der Instruktor hat uns erklärt, sobald wir genügend Flugzeuge besitzen, dürfen wir nach Spanien und General Franco bei der Bekämpfung der Kommunisten unterstützen.»
«Du bist für uns sehr wichtig, je schneller wir genug Flugzeuge haben, umso schneller geht es an die Wärme. Hier in Rostock ist es einfach saukalt», meint Georg.
Für Willi ist klar, so schnell werden sie ihn nicht aus der Fabrik abziehen und ihn zum Piloten ausbilden. Zuerst muss die Fabrik laufen. Wenn sein Traum nur aufgeschoben ist, hat er damit kein Problem.
Als der Wirt sie bittet, das Lokal zu verlassen, weil bereits Sperrstunde sei, machen sie sich singend auf den Weg zur Unterkunft.
Bis Ende des Jahres 1936 konnten noch vier Maschinen fertiggestellt werden. Nach dem Weihnachtsurlaub schafft man bereits eine Maschine pro Woche. Die Planung sieht vor, dass sie sich auf drei Maschinen pro Woche steigern müssen. Weil noch immer Änderungswünsche eintreffen, ist man von diesem Ziel noch weit entfernt.
Für Willi bedeutet das viel Arbeit. Er ist stark belastet, Georg hat ihm ein Trainingsprogramm zusammengestellt, welches ihn jeden Tag mindestens für eine Stunde beschäftigt. Die Übungen sollen seinen Gleichgewichtssinn stärken. Seinen Traum, Pilot zu werden, lebt wieder auf.
Von seinen ehemaligen Kameraden sind die meisten abgezogen worden. Wohin genau sie abberufen wurden, ist ein gut gehütetes Geheimnis, sicher sind sie jetzt in einer regulären Einheit der Luftwaffe stationiert und üben sich in Kampfeinsätzen. Für Willi hat es den Vorteil, dass der Instruktor ebenfalls abgezogen wurde. Bei einem neuen Ausbilder erhält er vielleicht nochmals eine Chance, seinen Traum zu verwirklichen. Im Moment ist allerdings nicht damit zu rechnen, den er wird in der Fabrik benötigt.
Probleme mit Gabi /1937
Ab Herbst werden die Briefe von Gabi seltener. Schrieben sie sich früher mindestens einmal in der Woche, so kommt es jetzt vor, dass bis vier Wochen vergehen, ehe ein kurzer Brief eintrifft. Willi weiss nicht was los ist, er ist froh, dass er über Weihnachten keinen Urlaub bewilligt bekommt. Die Fabrik muss so schnell wie möglich die Produktion steigern.
Seit die Briefe von Gabi so selten geworden sind, geht er vermehrt mit Freunden in die Kneipe in Rostock. Während er früher sich konsequent weigerte, sich mit einem der Mädels einzulassen, erwidert er nun die Blicke der Mädels und es kommt zu Umarmungen. Besonders Rita macht ihm schöne Augen und richtet es meistens so ein, dass sie neben ihm zu sitzen kommt.
Am Silvesterabend ist die Stimmung ausgelassen und Rita weicht nicht von seiner Seite. Um Mitternacht ist sie zur Stelle und überrascht ihn mit einem Zungenkuss. Eine Sekunde lang ist er verblüfft, doch dann erwidert er den Kuss.
Nach Mitternacht spielt das Trio, welches für Musik sorgt, nur noch langsame Stücke. Willi geniesst es, wieder engen Kontakt mit einem weiblichen Wesen zu haben.
Gegen zwei Uhr verlassen die beiden eng umschlungen die Kneipe. Es bleibt Willi nichts anderes übrig, als Rita nach Hause zu begleiten. Draussen ist es zu kalt und Rita wohnt mit einer Freundin zusammen in einem kleinen Zimmer bei einer Schlummermutter. Leise schleichen sie in ihr Zimmer und verschwinden sofort unter der Bettdecke. Das Jahr 1937 beginnt ja sehr aufregend. Ab jetzt trifft er Rita regelmässig, allerdings gibt es nur selten längeren Ausgang. Die Wehrmacht achtet streng darauf, dass ihre jungen Männer nicht auf dumme Gedanken kommen.
Zur Fastnacht bekommt Willi wieder einmal Urlaub. Enttäuscht stellt er fest, dass Gabi nicht in Worms ist. Auch ihre Eltern wohnen nicht mehr in Worms. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit einigen seiner ehemaligen Schulkollegen an den Faschingsball zu gehen. Die meisten hat er seit der Schulzeit nicht mehr gesehen.
Statt mit Mädels rumzuhängen, singt er mit seinen Schulfreunden um die Wette. Es wird reichlich getrunken. Jeder weiss eine Anekdote über einen Lehrer und noch viel besser, über eine Lehrerin zu berichten.
Jeder erzählt, was er so treibt. Die meisten sind in der Wehrmacht. Stolz informiert Willi, dass er nach dem Urlaub mit der Pilotenausbildung beginnen kann. Der Ingenieur hätte ihn vor seinem Urlaub noch informiert, dass er die letzten Monate seiner Wehrpflicht, als Belohnung für seine gute Arbeit, den Pilotenschein machen darf. In Sommer sind die vorgeschriebenen zwei Jahre Wehrdienst vorbei. Dann möchte er sein Studium in Aachen abschliessen. Wenn er in der Wehrmacht den Pilotenschein macht, darf er sich als Pilot bei den aufkommenden Fluggesellschaften bewerben.
Ohne dass er Gabi getroffen hat, muss er zurück nach Rostock. Er ist nicht traurig, so hat er kein schlechtes Gewissen, wenn er mit Rita in den Ausgang geht.
Wie vom Ingenieur versprochen, darf er mit dem Flugunterricht beginnen. Am Morgen macht er seinen Kontrollgang in der Fabrik und am Nachmittag nimmt er am Flugunterricht teil.
Die Übungen welche ihm Georg angeraten hat, wirkten. Beim ersten Flug mit dem Fluglehrer, wird ihm nicht schlecht. Beim Erstflug werden keine waghalsigen Manöver geflogen, das verkraftet er gut und mit jedem weiteren Flug, kann er sich an die Bedingungen gewöhnen. Seine theoretischen Kenntnisse helfen ihm und es dauert nicht lange, biss er das Flugzeug selber steuern darf.
Nach drei Wochen überlebt er seine erste selbst gesteuerte Landung. Gut sie strapazierte das Fahrwerk aufs Äusserste, doch der Fluglehrer ist zufrieden, er hat schon schlimmeres erlebt.
Die Flugprüfung besteht er beim ersten Mal und der Fluglehrer überreicht ihm den Pilotenschein. Endlich ist er Pilot, die zwei Jahre in der Wehrmacht haben sich ausgezahlt.
Langsam geht die Zeit in der Wehrmacht zu Ende und er muss sich mit der Planung der Zeit nach dem Wehrdienst befassen. Dass er sein Studium abschliessen will, steht fest, nur, nach seiner Entlassung, sind Semesterferien. Er sucht also nach einem Praktikumsplatz. Dazu ruft er Hans in Friedrichshafen an. Er erkundigt sich, ob der Pilotenschein auch zum lenken eines Zeppelin berechtigt. Leider wird das verneint, er bietet ihm aber an, als Bordingenieur den Kapitän zu unterstützen.
Insgeheim hofft Willi, dass er nach dem Luftfahrtstudium, sich zum Luftschiffkapitän weiterbilden kann. Er weiss, dass die Kapitäne langsam zu alt sind, da werden in Zukunft einige Plätze frei.
Willi freut sich auf Friedrichshafen, es sind bereits vier Jahre vergangen seit seinem letzten Praktikum. Hans wird ihm noch einige Ordner mit Unterlagen schicken, damit er sich bei theoretisch Fragen auf den neuesten Stand bringen kann.
In Rostock werden bereits zwei Do111 pro Woche aufs Rollfeld gerollt. Es braucht nicht mehr viel und man kann auf drei Flugzeuge pro Woche steigern. Meistens ist Willi mit seiner Inspektionsrunde am frühen Nachmittag fertig. Danach geht er spazieren.
Beim Zusammenbau der Tragflächen gibt es am Morgen Probleme, dabei hoffte Willi am Nachmittag einen Spaziergang in der warmen Maisonne zu machen. Vorher muss er das Problem mit den Tragflächen in den Griff bekommen, sonst wird es mit dem Spaziergang nichts. Durch nachmessen stellt er fest, dass die Lochabstände ausserhalb der festgelegten Norm liegen. So geht es nicht, man kann die Tragflächen nicht montieren.
Es bleibt nichts anderes übrig, als die Tragfläche auszusortieren. Danach muss man sie genau ausmessen und dann einen Flugzeugrumpf nach speziellen Massen herstellen. Eine ärgerliche Sache, für die Montage des aktuellen Flugzeug ist es nicht weiter schlimm, die nächsten Tragflächen stehen bereit, er muss nur dafür sorgen, dass sie aus den Lager ausgelagert werden.
«Wolf, sie sollen zum Ingenieur kommen», teilt ihm ein Mechaniker mit.
«Ich kann jetzt nicht weg, das sehen sie doch.»
«Ich habe meine Befehle, beeilen Sie sich.»
Was ist denn jetzt los? Wird er für den Fehler zur Verantwortung gezogen? Er beeilt sich und rennt förmliche durch den Gang. Er hat Angst, er weiss, dass der Ingenieur mächtig unter Druck von oben steht, muss er jetzt dafür büssen? Er wäre nicht der Erste.
«Was gibt es so dringendes?»
«Schmitz hinsetzen», befiehlt der Ingenieur und wartet bis der Mechaniker das Büro verlassen hat.
«Ich habe eben im Radio gehört, dass in Amerika die Hindenburg in Flammen aufgegangen ist.»
«Die Hindenburg», stammelt Willi vor sich hin, «aber das ist doch nicht möglich.»
«Doch, beim Anlegen in Lakehurst gab es ein Explosion, danach brannte das Luftschiff lichterloh und stützte ab, es gibt sicher Tote, ob jemand die Katastrophe überlebt, weiss man noch nicht!»
«Ich kann das nicht glauben, die Hindenburg war der Stolz von Friedrichshafen.»
«Ich befürchte, dass ist das Ende der Luftschiffe bedeutet.»
Willi erinnert sich an zahlreiche Diskussion mit dem Ingenieur. Der hat immer die Meinung vertreten, dass Luftschiffe zu gefährlich sind, während Willi sie verteidigte und ihnen im Langstreckenpersonenverkehr eine grosse Zukunft voraussagte.
«Wie geht es jetzt weiter?»
«Das werden die nächsten Wochen zeigen, sicher muss man die Ursache herausfinden, danach könnte ich mir vorstellen, dass es das war. Hitler setzt sowieso auf Flugzeuge, die eignen sich im Krieg besser.»
«Aber wir haben ja keinen Krieg.»
«Noch nicht! Wolf, noch nicht, wenn Hitler die enormen Ausgaben für die Wehrmacht rechtfertigen will, muss er früher oder später einen anzetteln, fragt sich nur gegen wen.»
«Meinen sie?»
«Warten wir ab, wie läuft es mit den Tragflächen?»
«Die Lochabstände für die Verankerung sind ausser Toleranz, aber wir haben noch im Lager, sie können ausgetauscht werden. Danach müssen wir einen Rumpf bestellen, bei dem die Bohrungen auf Mass angefertigt werden. Ich hasse solche Übungen.»
«Ich auch, aber wenigstens geraten wir nicht in Rückstand. Los Wolf, das ist alles, die Arbeit wartet.»
«Zu Befehl!», Willi schlägt die Füsse zusammen und salutiert, «ein Scheisstag ist das heute.»
«Ganz richtig bemerkt, wegtreten.»
Im Laufschritt rennt er zurück in die Halle. Was wird jetzt mit seinem Praktikum in Friedrichshafen? Das kann er vermutlich vergessen. Zum Glück ist er mit dem Austauschen der Flügel gefordert, so vergisst er sein Problem mit dem Zeppelin. Der Besuch bei Rita fällt sowieso in Wasser.
Die Befürchtung bezüglich der Zukunft der Luftschiffe bestätigt sich mit jedem Bericht den er in den Zeitungen liest. Es gab insgesamt 36 Todesopfer. Von den vielen Verletzten ganz zu schweigen. Niemand wird sich mehr freiwillig in einen Zeppelin setzen. Da sorgen schon die Zeitungen dafür. Damit ist für Willi ein Berufstraum geplatzt, er muss sich neu orientieren.
Er trifft mit dem Ingenieur eine Abmachung, dass er nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht, als ziviler Mitarbeiter in der Fabrik weiter arbeiten kann, bis das Studium beginnt. So kann er sich noch etwas Taschengeld verdienen.
Mit einer feierlichen Zeremonie wird der letzte Tag in der Wehrmacht begangen. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung bekleidet Wolf den Rang eines Obersturmbannführers. Noch ein letztes Mal Salutieren und Willi ist wieder ein Zivilist. Noch sind die Wehrmänner nicht endgültig entlassen, sie können bei Bedarf als Reservisten aufgeboten werden, aber davon geht keiner aus. Die meisten hoffen, dass sie ihr Studium abschliessen können.
Noch am gleichen Tag fährt er nach Worms und besucht seine Eltern. Die arbeiten immer noch in der Lederfabrik. In Worms scheint die Zeit stillzustehen. Er hofft auf ein zufälliges Treffen, wird aber enttäuscht. Gabi muss er vergessen. Er freut sich auf die Zeit in Aachen, wer wird noch da sein? Vorerst geht es zurück nach Rostock. Rita erwartet ihn und er ist gespannt, welche Arbeit ihm der Ingenieur zuweist, er tat sehr geheimnisvoll.
Die Überraschung ist riesig, als ihm der Ingenieur den Auftrag erteilt, das eben fertiggestellte Flugzeug, zu einem Fliegerhorst in Bayern zu fliegen. Auf dem Fliegerhorst muss er noch eine kurze Einführung für die neuen Piloten durchführen, am Abend wird er noch zu einer kleinen Feier eingeladen.
Am nächsten Morgen fährt er mit der Eisenbahn zurück nach Rostock. Damit ist seine Aufgabe für die erste Woche erledigt. Er hatte genügend Zeit, sich von Rita verwöhnen zu lassen.
Noch zwei andere Piloten haben die gleiche Aufgabe. So muss er meistens einen Auslieferflug pro Woche durchführen, da bleibt viel frei Zeit. Da die Maschinen nicht immer an den gleichen Fliegerhorst geliefert werden, lernt er Deutschland sehr gut kennen. Doch schon bald musste er von Rita Abschied nehmen. Sie versprechen sich zu schreiben, aber beide wissen, dass sie einander schnell vergessen werden. Nach einem kurzen Aufenthalt in Worms, reist er nach Aachen.
Wir sind die Grössten /1938
Die Rückkehr ins Studentenleben ist für Willi nicht einfach. Nach einem Monat ist es bereits wieder zu Ende. Den Studenten werden Aufgaben zugeteilt, welche sie zu Haus selbstständig bearbeiten können und anschliessend zu einem Bericht zusammenfassen müssen. Dieser Bericht wird entscheiden, ob es im Frühling, mit dem Studium weiter geht.
Bereits Ende September trifft Willi wieder in Worms ein. Er geht selten in eine Kneipe. Die meisten Leute sind zu Arbeitseinsätze eingeteilt. Gemeinsam isst Familie Wolf das Abendessen. Willi hilft der Mutter beim wegräumen, dann geht er auf sein Zimmer und arbeitet an seinem Bericht weiter. Er ist nicht sicher, ob er das richtige Thema gewählt hat, alle reden vom Krieg und er untersucht die Möglichkeiten, einer zivilen Fliegerei.
Seinen vierundzwanzigsten Geburtstag feiert Willi nur mit der Familie. Die Freunde sind entweder in der Wehrmacht oder im Arbeitsdienst. Es wird eine kurze Feier. Mutter Rosa kocht Willis Lieblingsgericht, obwohl es bei gewissen Zutaten schwierig war, sie zu beschaffen.
Jemand hat Willi bei der Stadtverwaltung gemeldet jetzt muss auch er zum Arbeitseinsatz in die Lederfabrik. Vater und Sohn fahren jeden Morgen gemeinsam zur Arbeit. Willi wird im Lager eingesetzt. Rosa leistet immer noch ihr reduziertes Pensum beim Nähen von Handschuhen.
Als das Radio berichtete, ein Jude hätte in Paris den Delegationssekretär Rath der NSDAP angeschlossen, schickte die SA ihre Männer los, welche grölend durch Worms und andere deutschen Städte zogen.
Zwei Tage später, das Radio hatte eben den Tod von Rath gemeldet, brennt die Synagoge in Worms. Das Feuer wird schnell entdeckt und kann gelöscht werden, später wird der Rabbiner verhaftet und die Synagoge erneut angezündet. Die SA steht diesmal bereit und verhinderte, dass das Feuer gelöscht werden kann. Die Synagoge brannte bis auf die Grundmauern nieder. Danach formiert sich die SA zu einem Saubannerzug und zieht plündern durch Worms. Alles was jüdisch aussieht, wird angegriffen. Diesmal machte der wütende Mob auch vor privaten Häusern der Juden nicht halt. Auf dem Platz vor dem Stadthaus werden sie zusammengetrieben. Einige werfen mit Abfall auf die verängstigten Leute, andere werfen mit Steinen, einige Juden bluten am Kopf. Ein SA Mann beginnt unter dem Jubel der Menge, mit einer Schere die Haare einer jüdischen Frauen abzuschneiden. Wer sich beklagte, wird brutal zusammengeschlagen.
Als Willi mit seinem Vater auf dem Platz vorbeikommt, meint er: «Jetzt bekommen sie ihre Strafe.»
Sie schauten noch eine Weile zu, dann fahren sie nach Hause. Am Radio wird berichtet, dass in ganz Deutschland die Synagogen brennen. Der Volkszorn entlädt sich nach dem feigen Anschlag in Paris. Jetzt geht es mit den Juden ab ins KZ. Sie haben es nicht anders gewollt. Meldet der Sprecher. Nun werden die Juden nicht nur boykottiert, jetzt werden sie eingesammelt und in Lager gesteckt.
«Ja endlich wird aufgeräumt», kommentiert Rosa die Meldung.
Drei Tage später erhält Willi einen Brief von der Wehrmacht. Mit einem unguten Gefühl öffnet er den Brief.
Umteilung
Wir informieren sie, Obersturmbannführer Wolf, dass eine Überprüfung ergeben hat, dass bezüglich des Ariernachweises Unsicherheiten bestehen. Unter diesen Umständen ist es nicht zulässig, dass sie weiterhin in der Luftwaffe ihre Wehrpflicht leisten können.
Bis die Unklarheiten beseitigt sind, werden sie zu den Panzertruppen umgeteilt. Die Unterlagen machen es erforderlich, dass sie einen Ausbildungskurs bei der Panzertruppe besuchen müssen. Der Kurs beginnt am 6. Januar 1939.
Sie haben sich am besagten Datum um sechs Uhr nachmittags, am Bahnhof in Lübeck einzufinden, dort werden sie abgeholt und auf den Truppenübungsplatz Putlos transportiert.
Panzertruppen /1939
Willi kann nicht glauben was er da liest. Erst beim zweiten Mal durchlesen wird ihm bewusst, dass er jetzt wegen seiner Herkunft diskriminiert wird.
«Du schaffst das Junge», meint sein Vater, «immerhin haben sie dich nicht aus der Wehrmacht ausgeschlossen.»
«Ja, aber was soll ich bei den Panzertruppen?»
«Du musst deinen Dienst am Vaterland leisten», meint Vater, «Panzer ist auch nicht so schlecht und weniger gefährlich.»
«Da bin ich nicht so sicher, aber was bleibt mir anderes übrig.»
Es braucht einige Tage, bis sich Willi mit der neuen Situation abgefunden hat. Innerlich staut sich eine Wut auf alles Jüdische auf. Er wird es ihnen zeigen. Nur wegen den Juden ist er nun eine Deutscher zweite Klasse.
In Putlos ist es sehr schön, er war von Rostock aus, schon Mal mit dem Fahrrad dort entlang gefahren. Es liegt direkt an der Ostsee. Die Umgebung hat ihn an die Rheinauen erinnert, allerdings ohne Berge und statt des Flusses, gibt ist ein Meer.
Noch hat er ein paar Tage Zeit. Jetzt, da ein neuer Einsatz in der Wehrmacht ansteht, ist er vom Arbeitseinsatz befreit. Es macht wenig Sinn, den angefangen Bericht fertig zu schreiben, da dieser nach seiner Zeit in der Wehrmacht, eh nicht mehr aktuell wäre. Deshalb ist er viel in Worms unterwegs. Zudem hat die Begeisterung für die Luftfahrt stark abgenommen.
Auf seinen Streifzügen durch Worms bemerk er, dass viele Juden ihre Wertgegenstände verkaufen müssen, damit sie ins Ausland emigrieren können. Das ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, gute Geschäfte zu tätigen. Er bespricht das Geschäft mit seinem Vater.
«Du meinst», fragt sein Vater nach, «die Juden müssen ihre Wohnungen zu Geld machen. Ja das macht Sinn, die müssen weg, es könnte eh schon zu spät für sie sein.»
«Ich kenne einige Bekannte von Joshua, als junger Bursche waren wir oft bei ihnen. Jetzt könnte ich die Kontakte nützen. Nur ich habe kein Geld.»
«Du hast recht Wilhelm», bestätigt sein Vater, «wenn ich das Bankkonto auflöse, gäbe es uns genug Startkapital. Den Banken traue ich momentan nicht mehr, ich befürchte, dass die Nationalsozialisten, sich alles unter den Nagel reissen wollen.»
«Wir könnten ja unseren Schuppen aus der Zeit der Inflation wieder in Betrieb nehmen.»
«Gute Idee», sein Vater ist begeistert, «du hast anscheinend bei Goldberg einiges gelernt. Ich gehe morgen zur Bank und beschaffe Bargeld.»
Am nächsten Morgen macht sich Willi auf und besucht die erste jüdische Familie. Zum Anfang hat er einen Musiker des Wormser Orchesters ausgesucht.
«Darf ich eintreten», fragt Willi, als ihm die Türe geöffnet wird, «die Sache ist etwas heikel.»
«Treten sie ein», er tritt etwas zur Seite und macht Platz, dass Willi eintreten kann, «was gibt es so Delikates zu besprechen?»
«Ich wollte sie nur informieren, dass ich interessiert bin, Wertgegenstände zu kaufen, falls sie diese loswerden wollen, bevor sie die Nationalsozialisten konfiszieren, man hört so einiges».
«Das ist ein gefährlicher Vorschlag», er macht ein besorgtes Gesicht, «wenn die Na..., darauf kommen, wird es für Sie gefährlich. Bei mir spielt es keine grosse Rolle mehr, ich bin früher oder später eh dran, da mach ich mir nichts vor.»
«Die Gefahr besteht nur dann, wenn sie warten, bis die Na... wie Sie sie nennen, bei ihnen reinschauen, aber vielleicht haben sie die Möglichkeit, sich ins Ausland abzusetzen. Sie haben sicher gute Verbindungen.»
«Du rätst mir also zu verschwinden?»
«Wenn sie solche Pläne haben, können sie nicht alles mitnehmen, dann würde Bargeld sicher helfen.»
«Verfügst du über flüssige Mittel?»
«Ja, sonst würde ich Sie nicht besuchen, aber natürlich sind meine Mittel nicht unendlich, aber ich habe Bargeld, teilweise sogar Schweizer Franken.»
Der Start ist gemacht, jetzt werden einige grössere Wertgegenstände zusammengestellt, kleinere, also vor allem Schmuck, lassen sich gut in der Kleidung verstecken. Nach einer Stunde sind grössere Gegenstände, wie einige Gemälde, eine wertvolle Truhe und eine grosse Standuhr als Tauschobjekte zusammengestellt. Nun beginnt das feilschen um den Preis. Der Dirigent macht ein erstes Angebot. Willi rechnet, so wie er es einschätzt, verlangt er ein Zehntel des Marktpreises. Nach harten Verhandlungen, steht der Preis fest, er beträgt knapp drei Prozent des Werts.
«Hier ist eine Anzahlung, stellen sie die ausgesuchten Gegenstände ins Gartenhäuschen und achtet darauf, dass das Gartentor nicht verschlossen ist. Ich hole, wenn es dunkel ist, die Gegenstände ab und bringe den noch ausstehenden Betrag mit. Mehr Bargeld habe ich leider nicht dabei.»
Zufrieden geht Willi nach Hause, das wird ein gutes Geschäft. Wenn alles gut läuft, wird es noch besser. Am Nachmittag besucht er einen Freund, welcher in der SA eine führende Position hat. Bei einem Bier beschwert er sich, dass es immer noch reiche Juden in Worms gibt, zum Beispiel diesen Dirigenten. Man sollte ihnen zeigen, wer hier das Sagen hat.
Als Willi in der Nacht mit seinem Leiterwagen beim Gartenhäuschen vorfährt, sind zwar die Gegenstände abholbereit. Nur der Dirigent ist nirgends aufzufinden, dabei würde ihm noch ein grösserer Betrag zustehenden. Ohne Probleme lädt er mit seinem Vater die Gegenstände auf den Leiterwagen. Möglichst leise verschwinden sie mit ihrer Beute aus dem Garten. Das Einlagern im Gartenhäuschen ist Routine.
Willi ist stolz auf sich, der Trick hat funktioniert. Als sein Freund am Vorabend mit seiner Horde, zwei Fensterscheiben einschlug, geriet der Dirigent in Panik und entschloss sich sofort unterzutauchen, bevor es zu spät war.
Am nächsten Morgen besuchte er seinen SA-Freund und schlägt ihm vor, zu kontrollieren, wie seine Einschüchterung gewirkt hat. Aus sicherer Entfernung beobachten sie das Haus und stellen fest, dass die Bewohner ausgezogen sind. Als die Strasse für einen Moment verlassen ist, steigen sie in das Haus ein. Wie von Willi erwartet, liegen immer noch viele Wertgegenstände herum. Man muss sich nur bedienen. Dabei achtet Willi darauf, dass sein Freund nicht zu kurz kommt.
Bis er wieder in die Wehrmacht einrücken muss, reicht es noch, um bei vier Juden ein ähnliches Geschäft abzuschliessen. Sein Vater ist zufrieden, die Gegenstände sind sicher versteckt. Nun ist es Zeit, mit dieser Art Geschäfte aufzuhören. Das hat er aus seiner Schmugglerzeit gelernt, man darf nicht zu gierig werden und muss rechtzeitig aufhören. Jetzt ist die SA an der Reihe und plündert noch die restlichen Juden aus. Die haben Pech gehabt, ihre Gegenstände werden beschlagnahmt, ohne dass sie ein Entschädigung erhalten, wenn man es so sieht, so haben die Juden, welche mit Willi ins Geschäft kamen, richtig Glück gehabt, er hat ihnen geholfen, wenigstens etwas zu retten.
Säbelrasseln /1939
Am siebten Januar 1939 reist Willi mit dem Zug nach Lübeck. Inzwischen hat er sich damit abgefunden, dass er nicht als Pilot eingezogen wird. Wenn er seine Wehrpflicht abgeschlossen hat, kann er immer noch versuchen, als Pilot zu arbeiten, schliesslich hat er den Pilotenschein in der Tasche.
In Lübeck wird er, mit zwanzig anderen Männern, welche dorthin beordert wurden, von einem Lastwagen abgeholt. Es ist schon dunkel, als sie die Kaserne in Putlos erreichen. Die meisten Männer auf dem Lastwagen, sind neu zum Wehrdienst verpflichtet und tragen noch Zivil.
Am ersten Tag werden noch die Zimmer verteilt und nach einem Nachtessen wird geschlafen. Die Ausbildung beginnt am nächsten Morgen mit dem Fassen der neuen Uniform. Mit einem zwiespältigen Gefühl kleidet er sich neu als Panzersoldat ein. Danach beginnt der übliche Drill.
Jetzt kommt ihm zugut, dass er schon eine Ausbildung hat. Der Offizier welcher die Ausbildung überwacht, ist zufrieden mit Willi und er bekommt öfter Sonderaufträge. So wird er in einen Funkerkurs geschickt, was er sicher später als Pilot brauchen kann. Seine Motivation für die Panzertruppen steigt von Tag zu Tag.
Es dauert noch gut einen Monat, bis sie den ersten Panzer zu Gesicht bekommen. Die sind immer noch Mangelware. Die Rüstungsindustrie ist noch nicht so weit. Das erste Gefährt wird vom Offizier persönlich vor die Kaserne gefahren. Es hat die Bezeichnung PZKpfw l und macht einen Höllenlärm. Die Länge von 4 Meter und einer Breite von 2 Meter ist nicht sehr beeindruckend. Dass das relativ kleine Fahrzeug, über fünf Tonnen wiegt, beeindruckt schon mehr, zumindest die Panzerung dürfte sehr stark sein.
In den folgenden Wochen versuchen sie, das Gerät in den Griff zu bekommen, was nicht sehr gut gelingt. Jeder Soldat merkt, dass dieses Gefährt nicht kriegstauglich ist, doch man darf es nicht laut sagen. Zum Glück steht kein Krieg in Aussicht, wenn Deutschland nicht besser ausgerüstet ist, muss man einen Krieg unbedingt verhindern.
Im Juni wird die Einheit in die Slowakei verlegt. Inzwischen besitzt die Kompanie zwölf Panzer. Die letzten angelieferten Panzer haben wenigstens einen stärkeren Motor eingebaut, nun kommen sie mit dem Gefährt schon besser zurecht. Wenn die Kompanie durch die Stadt Rabca fährt, macht das laute Ungetüm auf die Bevölkerung starken Eindruck. Die Mehrheit der Bevölkerung begrüsst die Anwesenheit der deutschen Truppen, sie fühlen sich durch die Polen bedroht, welche dem Anschluss der Slowakei an Deutschland nicht gut gesinnt sind.
Für die deutsche Regierung ist es wichtig, dass deutsche Truppen in der Slowakei geduldet wurden. Es beweist, dass sich die Bevölkerung der Slowakei, als Deutsche fühlen. Für die Kameraden von Willi bedeutet das, dass sie eine schöne Zeit in Rabca haben. Da Benzin und vor allem die Munition knapp sind, heisst das, dass sie sich möglichst wenig verschieben dürfen.
In den Kneipen in Rabca sind die Deutschen gern gesehene Gäste. Das einzige Problem besteht darin, dass der Sold relativ knapp ist, er reicht nicht aus, dass sie jeden Abend in die Kneipe können. Willi löst das Problem so, dass er sich eine einheimische Freundin zulegte. Sie heisst Hilde und ihre Familie bewirtschaftet einen Bauernhof. Statt sich in der Kneipe zu betrinken, hilft er lieber auf dem Bauernhof und wird dafür mit zusätzlichem Essen bezahlt.
Anfang August trifft ein grosser Transport mit Munition und Dieseltreibstoff ein. Am Tagesablauf änderte sich nichts, das Material wird eingelagert. Nach einer Woche gibt es einen Spezialauftrag. Ein Panzer soll die SS bei einem Auftrag unterstützen. Die SS hat in der Slowakei mit dem verhaften von Juden begonnen. Diese Operation soll durch Panzer abgesichert werden. Man rechnet nicht mit Widerstand, aber es ist sicherer, wenn man auf alles gefasst wird.
«Scharführer Wolf, sie übernehmen den Funk», befiehlt der Kommandant, der Fahrer sitzt schon im ausgesuchten Panzer, «das MG ist geladen, wenn die SS einen Schiessbefehl durchgibt, wird geschossen!»
Über Funk teilt die SS mit, wo der Treffpunkt liegt. Auf der Ausfahrstrasse Richtung Prag, wartet der LKW mit zehn SS-Soldaten. Der Kommandant der SS schaut kurz ins Fahrzeug.
«Ziel ist dieser Bauernhof», mit einem Bleistift markiert er die Stelle auf der Karte, «sie fahren bis zu diesem Punkt und sichern von dieser Anhöhe das Gelände. Meine Truppe durchsucht das Gebäude.»
Willi beschleicht ein komisches Gefühl, wenn es hart auf hart geht, muss er vielleicht schliessen. Noch nie musste er auf Menschen schiessen. Er hofft, dass es ohne Schiessbefehl ausgeht.
«Wir vermuten», instruiert der Kommandant, «dass sich Juden in der Scheune verstecken. Die Scheisskerle werden uns kennen lernen.»
Der Fahrer erreicht den eingezeichneten Punkt. Die Stelle ist gut gewählt, sie haben gute Sicht auf das freie Gelände und den Bauernhof. Die SS-Soldaten sitzen ab und gehen mit vorgehaltenen Maschinenpistolen auf das Gebäude zu.
Gespannt verfolgt Willi das Geschehen. Vier SS-Soldaten legen sich in Stellung, drei gehen auf das Scheunentor zu. Mit einer Handgranate wird das Tor aufgesprengt. Als sich der Rauch verzogen hat, humpelt ein verletzter Mann mit erhobenen Händen aus der Scheune. Zwei SS-Soldaten rennen in die Scheune und schiessen sofort. Dann wird es ruhig. Drei Männer schleppen eine verletzte Frau aus der Scheune und legen sie ins Gras. Zwei Männer heben sofort die Hände und verschränken sie über dem Kopf.
Die zwei SS-Soldaten schleifen, einen offensichtlich toten Mann auf den Vorhof und legen ihn neben die verletzte Frau. Inzwischen stürmen weitere Uniformierte in die Scheune. Es bleibt längere Zeit ruhig, dann verlassen sie die Scheune und zeigen an, dass die Aktion beendet ist. Der LKW fährt vor und die Gefangenen müssen aufsteigen. Die Leiche lassen sie liegen. Die verletzte Frau wird am Schluss noch auf die Ladebrücke geworfen. Sie schreit auf, als sie hart aufschlägt.
«Aktion beendet!», tönt es aus dem Kopfhörer von Willis Funkgerät, «bleibt noch fünf Minuten, dann könnte ihr zurück zu eurer Einheit. Heil Hitler!»
Nachdem die SS-Soldaten weggefahren sind, nähert sich ein Motorrad mit Seitenwagen dem Hof. Eine Frau und zwei Männer, wie Slowaken gekleidet, steigen ab. Der Fahrer des Gefährts redet auf sie ein. Die Handzeichen deuten darauf hin, dass der Bauernhof jetzt den beiden Passagieren gehört. Die bedanken sich überschwänglich. Bevor der Fahrer losfährt, deutet er noch auf die Leiche, sie soll verschwinden, wohin scheint ihm egal zu sein.
«Wir können zurückfahren», ruft Willi seinem Fahrer zu, «denen haben wir es gezeigt, diese verdammten Juden, jetzt wird aufgeräumt.»
Der Fahrer Antwort nicht, fährt aber sofort los. Als sie zur Einheit zurückkehren, empfängt sie der Kommandant persönlich.
«Gut gemacht Wolf», ruft er gegen den Motorenlärm ankämpfend, «die SS war zufrieden. Heil Hitler!»
Am nächsten Nachmittag wiederholt sich das gleiche Szenario bei einem anderen Bauernhof. Diesmal ergeben sich die Juden schon, als sie sehen, wie der LKW vorfährt. Die Aktion dauert nur eine halbe Stunde und geht ohne Schusswechsel und Verletzte zu Ende. Einige Schläge bekommen die Juden beim Einsteigen ab, aber sie werden nicht ernsthaft verletzt. Auch in diesem Fall übernimmt ein slowakisches Paar den Hof. Ein kleines Geschenk, weil die Slowaken den Deutschen so freundlich gesinnt sind.
Die nächsten zwei Einsätze finden ohne Willi statt. Der Kommandant legt Wert darauf, dass möglichst viele seiner Truppe, Kampferfahrung sammeln können. Da die Kompanie nur über drei Funker verfügt, ist er schon bald wieder im Einsatz.
Diesmal wird ein kleiner Weiler mit fünf Gebäuden umstellt. Die SS ist diesmal mit drei LKW an der Aktion beteiligt. Die sichert nach Norden ab, da ist es unübersichtlich. Willis Panzer fährt nach Süden, dort liegt ein weites Feld. Nach rund zweihundert Meter folgt ein Wäldchen. Ihre Aufgabe ist, zu verhindern, dass Juden in den Wald flüchten können, denn dann, das hat der SS Offizier deutlich gemacht, würde es schwierig, die Leute aufzuspüren.
Im Weiler geht es nicht so glimpflich ab, wie sonst, es fallen Schüsse. Dann meldet sich der Funk: «Panzer bitte seit wachsam, die wollen abhauen. Feuer frei auf jeden Flüchtenden.»
«Da!», ruft der Fahrer und er zeigt auf zwei Männer die aus einem Haus rennen.
Willi hat sie auch erspäht und richtet das MG auf die beiden. Nur kurz zögert er, dann feuert er die erste Salve ab. Er hat absichtlich rund zehn Meter vor die Männer gezielt, um ihnen die Möglichkeit zur Kapitulation zu geben. Doch die rennen im Zickzack weiter. Die zweite Salve feuert er gezielt ab. Einer ist getroffen, was sein Fahrer mit einem kurzen Jubel belohnt. Die dritte Salve streckt auch den zweiten Mann nieder. Beide winden sich im Gras, können aber nicht mehr weiter. Die SS wird sie einsammeln können.
Bei einem Haus bemerken sie eine verdächtige Bewegung. Nochmal schiesst Willi eine Salve vor die Haustüre. Er wagt nicht direkt auf die Bewegung zu schiessen, vielleicht ist es ja ein SS-Mann.
Die beiden verwundeten Männer, winden sich vor Schmerzen. Doch der eine wird immer ruhiger, dann liegt er plötzlich still da. Der andere kriecht zu ihm rüber und streicht ihm über den Kopf, dann schreit er auf, sein Freund scheint tot zu sein. Seine Hand fährt über das Gesicht des Toten und schliesst ihm die Augen. Dann ist er wieder mit seinem schmerzenden Bein beschäftigt und versucht das Blut zu stillen.
Im Weiler wird es ruhig. Die SS hat die Lage unter Kontrolle. Zwei Soldaten schleppen den verwundeten ins Haus. Von seinem Standort aus, können sie die LKW nicht einsehen. Sie wissen nicht wie die Aktien weiter abläuft. Nach einer Stunde kommt die Meldung über Funk.
«Aktion beendet, danke gut gemacht! Heil Hitler!»
«Los du kannst nach Hause fahren», befiehlt er seinem Fahrer.
«Denen hast die gegeben», dann fährt er los und man versteht kein Wort mehr.
Im Standort ihrer Einheit werden sie diesmal von niemandem empfangen. Die Einsätze sind zu Routine geworden.
Beim Antrittsverlesen der Kompanie, hält der Kommandant eine kurze Rede. Er informiert, dass die Wehrmacht in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt ist. Die Polen werden immer dreister und verweigern den Korridor zur Stadt Danzig. Das will sich unser Führer nicht bieten lassen. Er wird es ihnen zeigen!
«Ich mache nochmals darauf aufmerksam, dass wir auf unseren Führer die Treue geschworen haben.»
Danach lässt er die Kompanie den Eid wiederholen. Es herrscht eine ernste, aber feierliche Stimmung. Mit mehreren Heil Hitler Rufen, wird die Kompanie in den Ausgang entlassen.
Die Hilde erwartet Willi auf der Strasse mit einem heftigen Kuss. Danach geht's zu ihr nach Hause auf den Bauernhof. Heute muss Willi nicht arbeiten, es geht direkt auf das Zimmer. Sie hat Radio gehört und weiss, dass die politische Lage schwierig ist.
Als Willi ins Lager zurückkehrt, wird er informiert, ab sofort gilt Alarmstufe zwei. Dies heisst, abmarschbereit in zwei Stunden.
Am Freitag wird die Kompanie um drei Uhr früh geweckt.
«Um vier Uhr antreten!», meldet der Soldat, welcher die Aufgabe des Weckens übernommen hat.
Nun entsteht Hektik. Waschen, Frühstück und packen, alles muss schnell gehen. Um drei Minuten vor vier Uhr meldet der Feldwebel die Kompanie als bereit.
«Der Führer hat eine wichtige Meldung angekündigt», informiert der Kommandant seine Leute. Am Fenster des Kompaniebüros wird das Radio aufgestellt. Nun rückt jeder Zug der Reihe nach vor, um sich rund um das Radio zu postieren, so dass alle mithören können. Nach zahlreichen Anschuldigungen an die Adresse von Polen, kommt er auf den wichtigen Punkt.
«Seit fünf Uhr fünfuhrfünfundvierzig wird zurückgeschossen!», brüllt der Führer aus dem Radio, «ab jetzt wird Bombe mit Bombe vergolten!»
Die Kompanie bricht spontan in Jubel aus. Auch Heil Hitler Rufe werden skandiert. Endlich geht es los. Den Polen werden wir es heimzahlen. Danzig gehört zu Deutschland, das war immer so.
Der Rede von Hitler hört schon lange niemand mehr zu, man versteht eh kein Wort mehr. Die Kompanie gleicht eher einer Menge auf einem Volksfest, als einer Einheit der Wehrmacht. Einige liegen sich in den Armen, andere recken den Arm zum Hitlergruss.
«Soldaten!», ruft der Kommandant zu seinen jubelnden Männer, «ich unterbreche nur ungern, aber wir müssen in einer halben Stunde Marschbereitschaft melden. Also, jeder auf seinen Posten marsch.»
Schnell löst sich der jubelnde Haufen auf und es beginnt ein durchorganisiertes, systematisches Durcheinander, welches eine halbe Stunde später in einer abfahrbereiten Kolonne von Fahrzeugen aller Art endet.
Wie hundert Mal geübt, steht der Panzer von Willi an dritter Stelle am Rande der Hauptstrasse, welche zur nahen Grenze nach Polen führt.
Das Warten ist unerträglich, alle möchten losfahren, doch der Kommandant wartet auf den Einsatzbefehl aus dem Divisionsstab. Dieser trifft erst nach einer guten Stunde ein. Nun setzt sich die Kolonne Richtung Polen in Bewegung.
Drei Kilometer ausserhalb Rabca kommt der Befehl über Funk.
«Strasse nach rechts verlassen und auf dem Feldweg in Richtung des Berges Gabis Bora vorrücken.»
«Wir erwarten, dass die Hauptstrasse gut gesichert ist und weichen deshalb aus», ruft Willi seinem Fahrer zu, welcher nickt. Willi ist nicht sicher ob er alles verstanden hat. Auf dem Feldweg wird der Motor noch lauter.
Noch sind sie auf slowakischem Territorium, doch die Grenze rückt immer näher. Drei Kilometer vor der Grenze erhält Willi den Auftrag, nach links auszuscheren und möglichst weit den Berg hinauf zufahren, damit er die Grenze beobachten kann. Im ersten Gang kämpfen sie sich den Berg hoch. Noch sind sie von Polen aus nicht sichtbar. Eine Bergkuppe liegt dazwischen. Noch fünfhundert Meter, dann haben sie freie Sicht nach Polen.
Hinter einem dichten Gebüsch gehen sie in Stellung. Mit dem Fernglas beobachtet Willi den kleinen Grenzort. Alles scheint ruhig, die Strasse ist menschenleer. Der Schlagbaum an der Strasse ist heruntergelassen. Im Häuschen daneben trinken die Zöllner Kaffee oder Tee, das kann Willi nicht unterscheiden.
«Alles ruhig», meldet er über Funk an seinen Kommandant, «aber Vorsicht, auf dem Kirchturm und der Dachluke eines Bauernhauses ist eine MG-Stellung auszumachen.»
Er meldet die genaue Position der beiden Beobachtungen. Hinter einem Misthaufen erspäht er etwas später eine kleine Kanone.
«Die ist am gefährlichsten. Die muss aber noch bewegt werden, bevor sie auf das freie Feld schiessen kann. Die Wachsamkeit der Soldaten scheint nicht besonders hoch. Eine Frau bringt mit einem Wagen Milch in die Käserei. Alles scheint normal, als ob sie keinen Angriff erwarten. Aber Vorsicht, das kann täuschen», meldet Willi vorsichtig.
«Gut bleibt in Position», meldet der Kommandant, «leider kriege ich keine Flugzeug Unterstützung, aber wir haben ja noch unsere Artillerie, das Dorf können sie beschliessen, das liegt innerhalb ihrer Reichweite.»
Er wiederholt nochmals die Koordinaten der drei Ziele, «beobachte, ob noch Korrekturen nötig sind.»
Eine Viertelstunde später ist es mit der Ruhe im Dorf vorbei. Die erste Granate schlägt beim Miststock ein, die Kanone fliegt durch die Luft. Nur Sekunden später werden auch das Grenzhaus und der Kirchturm unter Beschuss genommen.
«Der Kirchturm steht noch», meldet Willi. Sekunden später explodieren weitere Granaten in der Nähe der Kirche, langsam neigt sich der Turm und fällt schliesslich zur Seite. Inzwischen rennen verzweifelte Menschen durch die Strasse des Orts. Mit einem massiven Angriff haben die nicht gerechnet. Die Zivilisten sind immer noch im Ort. Auch Soldaten rennen jetzt auf der Strasse herum und werfen sich hinter Mauern in Deckung.
Nach einer Viertelstunde ist der Spuk erstmal vorbei. Die Artillerie stellt das Feuer ein. Auf dem freien Feld, noch auf slowakischer Seite der Grenze fahren jetzt Panzer auf. Das Feld ist breit genug, dass fünf Panzer nebeneinander auf einer Linie vorrücken können. Dahinter sind Füsiliere im Vorrücken, immer die Deckung der Panzer ausnützend.
Aus dem Dorf schafft es ein polnischer Soldat, eine Salve in Richtung der anrückenden Panzer abzugeben. Unmittelbar nach der Salve feuern die Panzer mit allem was sie haben. Vier sind mit MGs bestückt und einer hat eine Kanone, welche das Bauernhaus ins Visier nimmt. Der Lärm ist ohrenbetäubend, der Ort verschwindet im Nebel.
«Ich kann nichts mehr erkennen», meldet Willi, «ihr müsst selber nach Zielen suchen. Ich beobachte das Umfeld des Dorfes, für den Fall, dass sich Verstärkung nähern würde».
«Gut gemacht», meldet der Kommandant, «haltet uns den Rücken frei. Wir kommen zurecht, der Widerstand ist gering.»
Zwei Stunden später ist der Ort eingenommen, es gibt keinen Widerstand mehr. Die Bewohner werden ausserhalb des Dorfes auf einem Feld zusammengetrieben und entwaffnet. Ihre Hände werden auf dem Rücken zusammengebunden. Ein Mann greift die Soldaten mit einem Messer an, er wird sofort erschossen. Noch drei Männer müssen erschossen werden, dann wagt es keiner mehr, Widerstand zu leisten.
«Los Beeilung!», ruft der Kommandant, «wir müssen weiter, die SS wird die Gefangenen übernehmen.»
Eine halbe Stunde später fährt die Kompanie wieder in einer Kolonne auf der Strasse in Richtung Polen. Nächstes Ziel Rabka-Zdroj, wo sich vier Strassen kreuzen.
Noch vor Rabca, auf einem freien Feld stürmt plötzlich ein Trupp polnischer Kavallerie auf die Spitze der Kolonne zu. Wie tausend Mal geübt, scheren die Panzer aus und bilden eine Linie. Willi beginnt sofort zu schiessen. Die Pferde haben keine Chance und sinken getroffen zu Boden. Die Reiter fliegen im hohen Bogen aus dem Sattel und schlagen hart auf dem Boden auf.
Das Gefecht dauert keine halbe Stunde, dann ist die polnische Truppe besiegt. Mehr als zwanzig Pferde liegen tot auf dem Feld. Von den Reitern ist keiner mehr am Leben. Einige Pferde winden sich vor Schmerzen auf dem Feld.
«Erschiesst sie!», befiehlt der Kommandant, «ich kann die armen Tiere nicht leiden sehen.»
Fünf Mann übernehmen die undankbare Aufgabe und gehen mit einer Pistole bewaffnet von Pferd zu Pferd.
«Igelt euch ein», lautet der nächste Befehl.
«Wir müssen neue Munition und Diesel besorgen. Der Nachschub sollte in zwei Stunden da sein.»
Die Sicherung des Geländes übernimmt die Infanterie. Die restlichen Soldaten dürfen eine Pause einlegen. Einige nützen die Zeit, um einige Pferde auszuweiden. Mit Äxten trennen sie die Hinterläufe ab. Andere schneiden mit einem Messer den Pferden die Zungen ab. Mit Drähten hängen sie die riesigen Schinken an die Panzer und zwar so, dass die heisse Luft der Kühler sie anbläst, so hofft man, das Fleisch zu trocken.
Zwei Stunden später ist jeder Panzer vollgetankt und die Munitionskisten sind wieder gefüllt. Das Vorrücken auf die Strassenkreuzung bei Rabka-Zdroj erfolgt ohne weitere Feindkontakte. Das Städtchen war schon von der Luftwaffe bombardiert worden. Die drei Scharfschützen, welche sich in den Ruinen versteckt hatten, wurden schnell ausgeschaltet. Jede Strasse wird von drei Panzern gesichert. Damit ist der erste Kriegstag überstanden. Leider sind zwei Kameraden gefallen, fünf wurden verletzt. Im Vergleich zu den Verlusten, welche sie den Polen zugeführt haben, ein gutes Verhältnis. Allerdings betrauert Willi den Tod von Karl, der von einem Heckenschützen im Kopf getroffen wurde. Mit ihm hatte er im Ausgang einige Male Karten gespielt. Er wird seine guten Witze vermissen.
Rund um die Strassenkreuzung richtet man sich für die Nacht ein. Ein Wachdienst wurde aufgezogen. Zwei Stunden Schlaf folgen zwei Stunden Wachdienst, danach zwei Stunden Bereitschaft, in der Zeit muss verpflegt werden und auch Waffenreinigung und Körperpflege müssen in dieser Zeit erledigt werden.
Geschlafen wird auf der Ladebrücke eines LKWs. Bei einem Bauer wird Stroh organisiert, damit es nicht so hart ist. Die Nacht bleibt ruhig. In der Gegend sind die polnischen Truppen bereits besiegt. Eine Widerstandsbewegung lässt sich nicht so kurzfristig aufbauen, woher sollten sie die Waffen nehmen?
Am Morgen steigt die Sonne blutrote hinter einem Wäldchen auf und jeder freut sich über den schönen Anblick. Aus Sicherheitsgründen gibt es kein Antrittsverlesen, jeder Zugführer holt sich seinen Tagesbefehl direkt beim Kommandanten ab. Allgemein wird erwartet, dass man heute weiter in Richtung Krakau vorstösst.
Es kommt einer Enttäuschung gleich, als sich allmählich herumspringen, dass sie die nächsten Tage beauftragt sind, diese wichtige Strassenkreuzung zu sichern. Man beginnt sich einzurichten. An strategisch wichtigen Stellen werden Stellungen gegraben und MGs in Stellung gebracht.
Am Nachmittag fahren die ersten deutschen Truppen über die Kreuzung in Richtung Krakau. Die wachhabenden Soldaten rufen Heil Hitler und strecken den rechten Arm aus. Nur schade, dass man da im Hinterland bleiben muss, während die anderen Verbände ihren Siegeszug durch Polen fortsetzen. Dabei bleibt Willi und seinen Kameraden nur die Zuschauerrolle. Natürlich ist die Sicherung dieser Kreuzung wichtig, aber man hat das Gewehr nur im Anschlag, geschossen wird vermutlich nicht. Man muss sich damit zufrieden geben, dass sie bereits ein Gefecht siegreich bestanden haben.
Regelmässig informiert der Kommandant über den Verlauf der Kämpfe, die deutschen Truppen siegen an allen Fronten. Die Polen können ausser Kampfgeist, nichts entgegensetzen. Ihre Ausrüstung ist ungenügend, sie haben keine Chance.
Inzwischen steht die Einheit von Willi bereits seit einer Woche an dieser Kreuzung. Krakau ist bereits erobert und die Kämpfe konzentrieren sich auf die Eroberung von Warschau. Inzwischen haben hunderte von deutschen LKWs die Kreuzung passiert. Der Krieg ist für Willi zur Routine geworden. Eine gefährliche Routine, denn auch wenn nicht geschlossen wird, muss man immer mit einem Angriff rechnen.
Vor Angriffen bleiben sie verschont. Die Kreuzung ist zu unbedeutend und strategisch gut durch die Deutschen gesichert, ein Angriff wäre reiner Selbstmord. So bleibt der Einheit von Willi nichts anderes übrig, als das Kriegsgeschehen aus der Ferne zu verfolgen. Ungemütlich wird es nach drei Wochen, als es zu regnen beginnt. Ihre ausgehobenen Stellungen füllen sich mit Wasser und verwandeln sich ein Schlammbad.
Nach zwei unangenehmen Tagen, hatte man das Problem im Griff und die Stellungen mit Holzrosten trockengelegt. Die Polen stehen kurz vor der Kapitulation. Täglich verkündet der Führer neu Erfolgsmeldungen. Inzwischen hat der Kommandant erlaubt, dass die Truppe jede Ansprache des Führers am Radio mithören darf. Jede Erfolgsmeldung wird mit Jubel und Heil Hitler rufen bedacht.
Nach vier Wochen heisst es plötzlich zusammenpacken. Die Kompanie wird nach Krakau verlegt. Die Überwachung der Kreuzung übernimmt eine Reserveeinheit mit älteren Soldaten.
Die Verschiebung nach Krakau führt durch zahlreiche zerstörte Orte. Ihr neuer Standort liegt ausserhalb der Stadt in der Nähe des Güterbahnhofs. Sie können vorbereitete Stellungen beziehen. Die andere Kompanie wurde nach Warschau abkommandiert. In Krakau ist wesentlich mehr Betrieb als auf der Kreuzung. Die Zufahrtsstrassen zum Bahnhof mussten kontrolliert werden. Die Polen, welche auf dem Gelände arbeiten müssen, haben Ausweise bekommen. Die meisten sind Bahnarbeiter, welch nun die Zugskomposititionen zusammenstellen müssen.
Willi wird nicht bei den Kontrollposten eingesetzt. Sein Panzer steht auf einer Anhöhe und kann das ganze Gelände mit MG-Feuer erreichen. Neugierig beobachtet er das Geschehen auf dem Bahnhof. Täglich werden hunderte von Leuten in Güterwagen verfrachtet. Pro Tag verlassen zwei bis drei Züge den Bahnhof in Richtung Warschau. Die Umsiedlung der polnischen Juden ist im Gang. Hitler beginnt sofort mit der Umsetzung seines wichtigsten Kriegsziels, die polnischen Juden unter strenge Kontrolle zu bringen.
Nach einer Woche weiss jeder wie es abläuft. Die SS durchkämmt die Häuser von Krakau. Jeder Jude wird umgesiedelt, wohin genau, das weiss keiner. Es sind provisorische Lager errichtet worden. Viele werden direkt nach Warschau gebracht, wo ein jüdisches Viertel eingerichtet wird. Den grössten Teil der Wohnungseinrichtung müssen sie zurücklassen, der wird von der SS beschlagnahmt.
Die Zeit vergeht schnell, nun hüten sie bereits ein Monat lang den Bahnhof. Inzwischen ist es kalt geworden. Die Schichten für die Wachmannschaft mussten verkürzt werden, nach einer Stunde ist man praktisch steif gefroren. Da genügend Soldaten zur Verfügung stehen, ist das kein Problem. Inzwischen wird nur noch ein Zug pro Tag abgefertigt. Die SS hat Probleme, Nachschub zu liefern. Die Wachposten werden nur noch zu den Verladezeiten vollbesetzt, die restliche Zeit reicht der Posten mit der besten Sicht auf das Gelände aus.
Willi ist mit Rolf auf dem Posten eingeteilt. In Kürze beginnt das Verladen der Juden, deshalb sind jetzt auch die anderen Posten besetzt. Willi schiebt sich ein Stück vom getrockneten Pferdeschinken in den Mund. Es hat sich so eingebürgert, dass auf der Wache auf einem Stück herumgekaut wird. So bleibt man besser wach. Die zusätzlichen Kalorien sind sehr willkommen. Das Essen ist nicht schlecht, aber im Überfluss leben die Soldaten in Krakau nicht.
«Da haut einer ab!», ruft Rolf.
Willi hat sofort das MG im Anschlag und zielt auf den über die Geleise eilenden Mann. Das MG ist auf Einzelschuss eingestellt, man will Munition sparen. Nun muss er schiessen, sonst erreicht der Flüchtende noch die Güterwagen auf dem äussersten Geleise.
«Scheiss Jude!», brummte Willi, «dir werde ich es geben.»
Dann kracht der Schuss. Es dauert endlos lange, doch dann fällt der Flüchtende hin. Er hat ihn. Er hat ihn immer noch im Visier, doch er zögert mit dem nächsten Schuss. Der kann ihm nicht mehr entrinnen.
Der Mann schreit aus Leibeskräften, er scheint grosse Schmerzen zu haben.
«Feuer einstellen!»
Die Aufforderung über Funk ist unmissverständlich, der geht uns nicht durch die Lappen. Zum Glück sind sie gut hundert Meter entfernt, denn das Schreien des Mannes geht einem durch Mark und Bein. Nur kurz überlegt Willi, ob er ihm einen Gnadenschuss verpassen soll. Dann müsste er sich wegen Munitionsverschwendung rechtfertigen. Er geht davon aus, dass einer der SS diese Aufgabe übernimmt, doch die denken nicht daran und lassen den Mann schreien.
Nach einer halben Stunde ist es im Bahnhof endlich wieder ruhig, ein einfahrender Zug hat den Juden überrollt. Jetzt liegen nur noch einzelne Körperteile auf den Geleisen verstreut herum. Die streunenden Hunde werden in der Nacht ihre Freude daran haben.
«Wie kann man nur auf solche Art Selbstmord begehen!», meint Willi zu Rolf, «der weiss doch, dass er keine Chance hat.»
«So denken eben die Juden», meint Rolf, «wenn es nicht um Geld geht, ist der Verstand ausgeschaltet. Doch damit ist jetzt in Deutschland Schluss, da müssen sie schon nach Amerika auswandern.»
Hast ja recht denkt Willi für sich. Innerlich ärgert er sich, denn er hatte tatsächlich einige Sekunden daran gedacht, den Mann von seinen Schmerzen zu erlösen. Er ist einfach zu weich. Für kurze Zeit hat er vergessen, dass es ein Jude war, der da schrie.
Mitte Dezember wird die Kompanie von Willi in den Heimaturlaub geschickt. Die SS findet in Krakau keine Juden mehr, deshalb wird der Bahnhof nicht mehr gebraucht. Die Polen haben sich mit den deutschen Truppen arrangiert, es sieht so aus, als ob die nur an den Juden interessiert sind, die gewöhnlichen polnischen Bürger werden nicht schikaniert.
Nach dem Weihnachtsurlaub wird seine Kompanie auf neue Panzer umgeschult. Der Einsatz für Willi in Polen ist zu Ende. Er wird für einige Wochen auf den Waffenplatz an der Ostsee zurückkehren.
Den Urlaub verbringt er bei seinen Eltern in Worms. Die jungen Leute sind aus dem Stadtbild verschwunden. In den Kneipen tummeln sich abends vor allem ältere Leute. Die meisten Deutschen, welche in der Lederfabrik arbeiten, bekleiden jetzt höhere Positionen als vorher. Die einfachen Arbeiten werden durch Kriegsgefangene erledigt. Alles was nicht unbedingt in der Fabrik gemacht werden muss, wird an ein Lager ausserhalb von Worms vergeben. Dort sind die Juden separiert worden.
Die Gegenstände, welche Willi und Vater von den Juden gekauft haben, sind immer noch im Gartenhaus verstaut. Es lohnt sich nicht, sie zu verkaufen. An einem Abend, Willi genehmigt sich ein Bier im Krug, als plötzlich Gabi auf ihn zukommt.
«Schon lange nichts mehr von dir gehört!», stellt sie fest und setzt sich zu ihm.
«Ich war in Polen.»
«Da hast du Bomben auf die Dörfer geworfen?»
«Nein, ich bin nicht mehr bei der Luftwaffe, ich wurde zu der Panzertruppe ungeteilt.»
«Aber du wolltest doch Kampfpilot werden!»
«Hat leider nicht geklappt, mir wurde immer schlecht, deshalb wurde ich umgeschult. Nun bei den Panzer gefällt es mir gut, da ist man viel näher am Kriegsgeschehen dran.»
«Du warst im Kampf?», fragt Gabi überrascht, «wurde auf dich geschossen?»
«Nicht direkt», gibt er kleinlaut zu, «aber unsere Kompanie hatte auch Ausfälle zu verkraften. Ein Freund wurde durch einen Kopfschuss getötet. Es war ein Heckenschütze, wir haben ihn leider zu spät entdeckt. Aber der Kamerad wurde gerächt.»
«Hast du Soldaten erschossen?»
«Ja, einige, aber am meisten hatte ich mit Juden zu tun. Einige wollten türmen, dann musste man schiessen. Die waren aber selber schuld, wären sie nicht weggerannt, wäre ihnen nichts geschehen. - Wo warst du die letzte Zeit?»
«Ich war in einem Spital als Krankenschwester im Einsatz. Allerdings nicht an der Front, wir hatten nur mit relativ leichten Verletzungen zu tun. Verletzungen welche sich die Soldaten bei Übungen zugezogenen haben.»
Das Thema Krieg wird bald nicht mehr erwähnt. Man erinnert sich an die Zeit vorher. Bei dieser Gelegenheit wandert Gabis Hand Willis Bein entlang und verweilte dann an einer Stelle, weil sie feststellte, dass sich etwas bewegte.
«Wie wäre es mit einem Ausflug auf unseren Hochsitz?»
«Da hätte ich nichts dagegen», beantwortet Willi die Frage, «es könnte allerdings etwas kalt werden.»
«Da wird mir schon was einfallen», meint Gabi mit einem Augenzwinkern.
Über den Einfallsreichtum von Gabi kann Willi nur noch staunen, offensichtlich hat sie einiges an Erfahrung dazugelernt. Er schiebt die aufkommende Eifersucht bei Seite und geniesst die kreativen Techniken von Gabi.
Umschulung /1940
Nach einigen schönen Abenden mit Gabi, muss Willi wieder nach Norden. In Putlos steht wieder Ausbildung auf dem Programm. Die meisten Rekruten im Umschulungskurs sind neu. Sie hatten eben eine militärische Grundausbildung abgeschlossen und sind jetzt bei den Panzertruppen eingeteilt worden.
Willi fühlt sich an den ersten Tag vor einem Jahr erinnert. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich einzuordnen. Erst als seine Gruppe vom Zugführer übernommen wird, kann er diesen informieren, dass er schon im Polenfeldzug dabei war.
Nun ändert sich alles schlagartig. Er wird zum Stellvertreter des Zugführers ernannt und erhält den nötigen Respekt. Sein Zugführer hat selber noch keine Kampferfahrung, er kommt direkt von der Offiziersschule. Für Willi geht es bei diesem Umschulungskurs darum, den neuen Panzer 35T kennen zu lernen. Dieser kann endlich in grossen Stückzahlen an die Wehrmacht ausgeliefert werden, doch es fehlt noch an Soldaten, welche das Gefährt bedienen können.
Es dauert noch eine Woche, bis Willi sein neues Gefährt endlich inspizieren kann. Mit dem PZkw ll hat der neue Panzer nicht mehr viel Vergleichbares. Lediglich die Lenkung über die Ketten ist noch gleich. Das neue Gefährt braucht eine vierköpfige Besatzung. Zu den beiden MGs gehört neu, eine Kanone mit der Geschosse von Kaliber 3,72 cm verschossene werden können. Die wird es auch brauchen, falls der neue Feind die Franzosen und Engländer sind, die verfügen über ähnliche Panzer, da könnten sie mit dem PZkw ll einpacken.
Auf dem Waffenplatz Putlos wird nun intensiv geübt. Willi wird als Instruktor bei der Ausbildung der Fahrer eingesetzt. Der grössere Teil seiner Kompanie trainiert die Bedienung der Geschütze. Es ist nicht einfach, die Kanone schnell nachzuladen, der Platz im Panzer ist eng. Es braucht Übung, bis der Leutnant zufrieden ist. Es wird später im Kampf wichtig sein. Wie lange es vom ersten bis zum zweiten Schuss dauert, kann über Leben und Tod entscheiden.
Ende März wurde die Ausbildung für abgeschlossen erklärt. In einer feierlichen Zeremonie werden sie vom Kommandant verabschiedet. Willi wird zum Leutnant befördert. Danach fährt die Kompanie zum Bahnhof und mit dem Zug nach Kleve in Westfalen. Ausserhalb von Kleve beziehen sie ein Zeltlager. Das Zeltlager ist grösstenteils im Wald errichtet und gut getarnt. Das Tagesprogramm besteht jetzt in theoretischen Panzerschlachten. In einem Zelt ist eine grosse Landkarte aufgeklebt. Mit Panzermodellen wird nun das taktische Vorgehen bei einem Angriff theoretisch durchgespielt.
Die Karte enthält Angaben über Flüsse, Brücken, Wälder und unwegsamen Gebieten wie Sümpfe. Die Ortschaften tragen keine Namen. Es brauchte einige Zeit, bis Willi bemerkte, dass das keine Phantasiekarten zum üben sind, die Karten zeigten Gebiete in Holland, deutlich erkennt er den Verlauf der Maas und der Waal. Seine Beobachtung behält er für sich, es wunderte ihn, dass man mit den Panzermodellen bis weit nach Holland vordringt.
Nach einer Woche mit intensiven Kriegsspielen, wird die Kompanie an einem Abend zum Bahnhof von Kleve gefahren. Sie mussten sich in Formation aufstellen, dann kommandiert der Feldwebel Achtung Stellung und meldet die Kompanie dem Kommandanten als bereit.
Normalerweise richtet sich der Kommandant nach so einem Aufmarsch an seine Truppe, doch diesmal schaut er auf die Bahngleise. Nach zwei langen Minuten hörte man das Nahen eines Zugs. Der verlangsamt seine Fahrt und hält genau vor der Formation an.
«Kompanie run!», schrie jetzt der Kommandant.
Jetzt kann man auch erkennen, was der Zug geladen hatte. Es sind Panzer. Willi zählt auf den Güterwagen 32 neue Panzer 35T.
«Abladen!», schreit der Kommandant, «aber schnell. Die Offiziere wissen was zu tun ist, folgt den Anweisungen.»
Ab sofort verwandelte sich der Bahnhof in einen Ameisenhaufen. Zwei Stunden später rollte der Konvoi in gemächlichem Tempo in Richtung ihres Camps am Waldrand. Die Fahrer haben die Anweisung, möglichst leise zu fahren, zum einen will man möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen, zum anderen müssen die Motoren noch eingefahren werden.
In den folgenden Tagen werden, auf einer vorbereiteten Strecke im Wald, die Panzer vorsichtig eingefahren. In Kleve darf nichts bemerkt werden. Höchsten ein leichtes brummen ist zu hören, doch das könnte auch von LKWs herrühren.
Nach einer Woche hatte jeder der 32 Panzer die notwendigen Einfahrkilometer abgespult. Nun müssen noch die MGs und vor allem die Kanone eingeschossen werden. Das ist nicht ohne Lärm möglich. Das MG-Feuer ist kein Problem, das ist in der Nähe von Truppen nicht aussergewöhnlich.
Damit der Lärm der Kanonen, möglichst nur lokal zu hören ist, wird jeweils ein Panzer in eine Kiesgrube gefahren, wo er seine ersten drei Schüsse abgeben kann. Genau zum Zeitpunkt der Schussabgabe, fliegt eine Bomberformation mit neun Do111 im Tiefflug über Kelve, so sind die Schüsse der Kanone kaum noch zu hören.
Anfang Mai führen immer fünf Panzer Übungen im Formationenfahren durch, dazu nutzte man ein Naturschutzgebiet, welches schon lange für Besucher gesperrt ist. Die Kompanie ist vorbereitet, jeder spürt, dass es nächstens losgeht. Die politische Lage ist angespannt. Offiziell haben Frankreich und England den Deutschen den Krieg erklärt, doch bis jetzt gab es höchstens mal ein Schusswechsel entlang der deutschfranzösischen Grenze. Das deutsche Volk ist immer noch im Siegestaumel. Nebst Polen im letzten Herbst, wurde auch Dänemark und Norwegen ohne grossen Widerstand besetzt. Jeder ist begeistert, den Deutschen kann niemand das Wasser reichen.
Ab dem 5. Mai werden alle Aktivitäten der Truppe eingestellt. An den Fahrzeugen werden allfällige Reparaturen vorgenommen. Die Übungsmunition wird durch Kriegsmunition ersetzt. Die Tanks sind gefüllt und in jedem Panzer gibt es eine Ecke mit einem Notvorrat an Verpflegung. Für Willi steht fest, es wird bald losgehen. Der Führer ist schon klug. Die französischen Truppen stehen wie im Weltkrieg an der Maginot Linie und Hitler umgeht das Bollwerk. Sehr geschickt, wir Deutschen habe ein riesen Glück, so ein weitsichtigen Führer zu haben.
Am 8. Mai gibt es nochmals Ausgang in Kleve. Danach wird die Alarmstufe drei gelten, also noch einmal tüchtig feiern. In Kleve haben sie selten Ausgang, deshalb hat Willi noch keine Freundin. Lohnt sich auch nicht, sie werden sicher bald verlegt. Für den Ausgang müssen sie diesmal zivile Kleidung tragen, es darf niemand merken, dass es in Kleve so viel Militär gibt.
Um Mitternacht gibt es einige Soldaten, welche den Heimweg nicht allein geschafft hätten. Man hilft sich gegenseitig, beim Rapport wird keiner vermisst. Der nächste Tag verläuft für Soldaten untypisch. Nur zum Essen kommen sie aus den Zelten, sonst ist Ruhe angesagt. Bis zum Abendrapport sind alle wieder nüchtern. Für die Nacht wird erhöhte Wachbereitschaft gefordert. Geschlafen wird nur noch in Kampfuniform, höchstens die Jacke darf man ausziehen.
Um vier Uhr fünfundvierzig kommt der Befehl: «Aufsitzen, aber leise!»
Jeder bezieht seine Position. Bereits stimmen die ersten Vögel ihren Gesang an, von den über hunderten Männern in den Panzer, ist nichts zu hören. Willi lauscht mit gespannter Erwartung auf das was jetzt folgt. Ist es nur eine Übung oder geht es gleich los? Noch ist das Funkgerät ruhig, es herrscht Sendeverbot. Die Spannung steigt mit jedem neuen Vogel, welcher ins Morgenkonzert einstimmt.
Der Leutnant rennt von Panzer zu Panzer: «Mit dem fünf Uhr Schlag der Kirchenuhr starten alle gleichzeitig die Motoren und danach in Formation auffahren.»
Welche Formation gemeint ist, weiss jeder, man hat sie hundert Mal geübt. Dann, die Kirchenuhr beginnt zu schlagen. Sekunden später erzittert der Wald in einem infernalen Getöse der Panzer. Die Vögel werden Mühe haben, heute eine Partnerin zu finden, aber Willi hat jetzt andere Sorgen. Er darf den vorderen Panzer nicht aus den Augen verlieren. Im leichten Morgennebel, der sie beim Verlassen des Waldes erwartet, ist das gar nicht so einfach. Nach zehn Minuten weicht die sonst übliche Route von den bisherigen Übungen ab, statt nach rechts, biegt der Führungspanzer nach links in Richtung Holländisch Grenze ab.
Jetzt weiss jeder was es geschlagen hat, endlich kann man in den Kampf ziehen. Als das Tal breiter wird, Fächern sich die Panzer auf und fahren in Sechserreihe Richtung Grenze.
Jeder weiss was zu tun ist. Noch ein Kilometer, dann dürfte die Grenzbefestigung in Schussweite liegen. Man weiss, dass der Grenzübergang mit zwei Kanone gesichert wird, noch bevor die Panzer in Schussweite der Kanonen gelangen, stürzt sich ein Verband von vier Stuckas auf die Bunker und deckt diese mit einem Bombenhagel ein. Die Truppe wurde beim Üben auf dem Kartentisch auch auf drei Panzer aufmerksam gemacht, welche normalerweise immer in der gleichen Position stehen. Diese auszuschalten ist die Aufgabe der drei mittleren Panzer.
Mit sechs gezielten Schüssen sind die drei Panzer ausgeschaltet, bevor sie selber feuern können. Dann steigt plötzlich eine Rauchwolke aus dem mittleren Panzer, er wird getroffen. Willi gibt sofort den Schiessbefehl. Durch die aus der Kanone des bisher nicht bemerkten vierten Panzers austretende Rauchwolke ist das Ziel nun gut zu erkennen. Der Schuss den Willis Panzer abgibt, trifft. Sofort wird nachgeladen. Vorsichtshalber nimmt das MG das Umfeld des Gegners unter Beschuss. Inzwischen wird der holländische Panzer vom Panzer links neben Willi ebenfalls beschossen.
Sicherheitshalber lässt Willi nochmals schiessen. Dann wird nachgeladen und das Gelände hinter der Grenze genau beobachtet. Es gibt noch einige Grenzschutzsoldaten, welch mit ihren Karabiner auf die Panzer feuern, aber mit einem Karabiner kann man die Panzer nicht ärgern, die Kugeln prallen ab.
Die Sechserreihe rückt weiter vor. Der getroffene Panzer bleibt zurück, seine Position wird sofort von einem Panzer aus der zweiten Reihe eingenommen. Die Grenzschützer werden mit MG-Garben bekämpft. Der Schlagbaum auf der Strasse wird von vordersten Panzer weggeschoben, wie ein Streichholz bricht er. Das Grenzhäuschen hat einen Volltreffer abbekommen. Die erste Schlacht ist geschlagen, es wird wieder ruhiger.
Hinter der Grenze wird es eng. Es können nur noch vier Panzer nebeneinander vorrücken. Mit einer gewissen Vorsicht rückt die Kompanie vor. Inzwischen fahren alle auf holländischem Gebiet. In regelmässigen Abständen werden sie von Stuckas überflogen. Die nehmen alles unter Beschuss, das für die Panzer gefährlich werden könnte.
Nächstes Ziel ist der Ort Tiel an der Waal. Genau wie nach dem auf dem Kartentisch durchgespielten Übungsverlauf, rücken sie jetzt im Ernstfall vor. Es kommt zu keinen nennenswerten Zwischenfällen. Die Holländer sind total überraschte und so lauten die letzten Meldungen aus den Flugzeugen, sie ziehen sich zurück. Sie hoffen in einer massierten Stellung weiter im Landesinnern, auf die Unterstützung durch die Franzosen, solange weichen sie dem direkten Kampf aus.
Für den Kampfverband von Willi bedeutet das, in vorsichtiger Fahrt der Waal entlang vorrücken. Aus einem Haus an der Strasse werden die Panzer mit Tomaten beworfen. Der getroffene Panzer öffnet seine Lucke und wirft zum Dank eine Handgranate ins Fenster des Hauses, welches mit einem lauten Knall explodiert.
«Das wird euch lehren, Deutsche verhöhnt man nicht», ruft er noch und schliesst die Lucke wieder.
Der Angriff mit den Tomaten ist der einzige an diesem Morgen. So gelangten sie noch vor Mittag nach Tiel. Rund um Tiel schliesst sich der Verband in eine Verteidigungsstellung zusammen. Die wichtige Brücke wurde im Handstreich von Grenadieren besetzt. Der Ort wird mit einer Ausgangssperre für Zivilisten belegt. Einige mutige wagten sich trotzdem auf die Strasse und werden sofort beschossen. Nachdem drei Personen Tod auf der Strasse liegen, haben die anderen begriffen, dass man sich besser fügt.
Nun kann die Einheit mit Nachschub versorgt werden. Munition musste nicht viel nachgeliefert werden, aber die Tanks müssen mit Diesel nachgefüllt werden, die Motoren sind durstig.
Am Abend wird die Kompanie informiert, dass der Angriff bisher nach Plan abläuft. Der Widerstand sei geringer als erwartet, morgen früh rücken wir weiter vor. Nächste Ziel, Dortrecht, auch da muss die Brücke unbeschädigt eingenommen werden. Die Wachen müssen mit Sabotage durch Zivilisten rechnen, von der holländischen Armee droht momentan keine Gefahr.
Um fünf Uhr werden die Motoren gestartet. Der Konvoi setzt sich in gleicher Formation, dem Fluss Waal entlang, in Bewegung. In regelmässigen Abständen überfliegen Stuckas den Konvoi und bereiten den Weg vor. Alles was nur im Entferntesten nach einer militärischen Anlage aussieht, wird mit Bomben zerstört.
So können die Panzer von Willis Kompanie ungehindert vorrücken. Trotzdem bleiben sie vorsichtig. Drei Panzer haben die Lucke geöffnet, damit sie bessere Sicht haben. Dabei wird leider ein Soldat durch einen Kopfschuss getötet. Das Haus aus welchem der Schuss abgegeben wurde, wird von drei Panzern unter Beschuss genommen und fällt in sich zusammen.
Schon bald tauchen die ersten Gebäude von Dortrecht auf. Auch wenn keine Soldaten auszumachen sind, werden die Gebäude in unmittelbarer Nähe der Brücke mit massivem Feuer belegt. Die Kanonen der Panzer werden so richtig gefordert. Man will keine Überraschung erleben. Die Brücke ist noch intakt. Gegen Abend Rücken die Grenadiere vor und nehmen die Brücke im Handstreich. Das wichtigste Ziel ist erreicht.
Wie am Vortag in Tiel, wird eine Verteidigungsstellung errichtet. Die Brücke muss gesichert werden. In Dortrecht übernimmt nun die Infanterie die Sicherung. Entlang der Strasse und im Bereich der Brücke, werden die Zivilisten vertrieben. Die meisten verlassen die Stadt mit einem Koffer voll mit den wichtigsten Habseligkeiten und versuchen sich nach Norden in Sicherheit zu bringen.
Damit ist der Krieg gegen Holland für die Einheit von Willi schon vorbei. Sie müssen nur noch die Brücke halten. Es bleibt anderen Kompanien vorbehalten, weiter vorzurücken. Willis Kompanie muss sich mit aufmüpfigen Holländerinnen abgeben.
Den glorreichen Sieg der Wehrmacht an allen Fronten, können sie nur über die täglichen Frontberichte, welche der Feldwebel bei jedem Antrittsverlesen durch gibt, verfolgen. Danach müssen sie wieder ihre Posten in den Panzern beziehen. Eine unangenehme Aufgabe, denn die Holländerinnen verspotten sie und laufen vor ihren Panzern durch, dabei ist das Stadtzentrum Sperrgebiet. Das kümmert die Mädels nicht. Sie stolzieren, als ob es keinen Krieg gäbe durch die Strassen.
Zwei Mal haben sie versucht, eine der Gören zu verhaften. Sie hatten in ihren schweren Armeestiefel keine Chance, das Mädchen war schneller und konnte mit lautem Gelächter entkommen. Natürlich hätten sie auf die Göre schiessen können, doch das hat bis jetzt keiner gewagt. Nur wie lange lassen sich die Soldaten diese Provokationen noch gefallen. Willi hört immer öfter den Ruf, dass man durchgreifen muss.
Ein Schiessbefehl durch den Kompaniekommandanten bleibt bisher aus. Ohne ausdrücklichen Befehl wagen es die Soldaten nicht zu schiessen. Nachts wird Kriegsrat unter Soldaten gehalten. Es muss etwas passieren, das ist allen klar. Man beschliesst, dass Soldaten, welche zu keinem Wachdienst eingeteilt sind, sich auf die Lauer legen. So hofft man ein der Gören festzunehmen und ihr tüchtig einzuheizen.
Am nächsten Tag wird der Plan in die Tat umgesetzt. Wieder erscheint eine Holländerin und spaziert provozierend vor dem Panzer durch. Das Lachen vergeht ihr schnell, als sie plötzlich überrascht feststellt, dass sie umzingelt ist. Die Falle schnappt zu, zwei Soldaten bekommen sie zu fassen und Sekunden später ist sie von zehn Soldaten umringt. Drei Soldaten haben ihre Arme und den Kopf fixiert, je zwei weitere heben ihre Beine an und so wird sie in ein, von der Kompanie requiriertem Haus gebracht.
Im Keller wird sie in einer Ecke abgesetzt. Die Soldaten bilden einen geschlossenen Kreis. Die freche Göre sitzt nun kleinlaut in der Ecke und harrt der Dinge, die da auf sie zukommen. Sie bekommt Angst, aus dem frechen Spiel, ist Ernst geworden.
Es entbrennt eine heftig Diskussion, was man mit ihr anstellen könnte. Die Phantasien der Soldaten sind sehr kreativ. Die Wehrmacht hat den Befehl herausgegeben, die Holländer anständig zu behandeln, schliesslich sind es Arier wie die Deutschen.
Ungeschoren darf sie aber nicht davonkommen. Die vorgesehene Strafe wird unter den Soldaten geflüstert, das Mädel hat keine Ahnung, was sie mit ihr vorhaben.
Jetzt geben die Soldaten eine Gasse frei und einer taucht mit einem Wasserschlauch auf und als hinten jemand den Hahn aufdreht, spritzt er das Mädel mit kaltem Wasser ab. Jetzt windet sie sich und versucht dem Wasserstrahl auszuweichen. Schliesslich dreht einer den Wasserhahn zu, sie hat es überstanden. Einer reicht ihr ein Handtuch, damit sie sich abtrocknen kann, dann darf sie gehen.
In den folgenden Tagen verzichten die Holländerinnen auf weitere Provokationen. Der Wachdienst wird einfacher, wenn auch langweiliger. Immer mehr zeichnet sich ein durchschlagender Erfolg der deutschen Truppen ab. Die Holländer warten vergeben auf die Hilfe der Franzosen und auch die Engländer können nicht helfen, sie sind, der Wehrmacht unterlegen. Sie müssen froh sein, wenn sie sich zurückziehen können, ohne dass sie zu starke Verluste hinnehmen müssen.
Anfang Juni wird es langweilig. Es gibt keine Gegner mehr. Die Engländer haben sich in Dünkirchen abgesetzt. Holland und Belgien haben kapituliert. Hitler lässt sich feiern. Dass sich die Engländer zurückziehen konnten, ist ein kleiner Schönheitsfehler, doch er wird sie von ihrer Insel vertreiben, dann können sie nur noch nach Amerika rüber schwimmen, aber auch das wird man verhindern.
In den besetzten Gebieten übernimmt die SS das Kommando und beginnt die Jagt nach Juden und von denen gibt es im neuen besetzten Gebiet viele. Noch gibt es organisatorische Probleme, doch mit jedem Tag werden mehr Juden in die Lager nach Deutschland verfrachtet.
Der Luftkrieg /1940
Am 25. Juni wird Willi ins Kompaniebüro bestellt. Er überlegt sich, was er wohl angestellt hat, aber es kommt ihm nichts in den Sinn, welches Vergehen ihm zur Last gelegt werden könnte. Hoffentlich nicht wieder die Sache mit seiner Uroma, das hat er inzwischen verdrängt und für unwichtig eingestuft. Er kann also mit ruhigem Gewissen vorsprechen.
Als er eintritt, ist der Kommandant noch am Telefon, er muss warten. Dann legt der den Hörer auf und kommt auf Willi zu.
«Gehen wir kurz nach draussen», schlägt der Kommandant vor. Willi wird es nun doch etwas bang.
«Leutnant Wolf, sie sind Luftfahrtingenieur?»
«Ich bin mit dem Studium nicht fertig», erklärt er seinem Kommandanten, «der Krieg kam dazwischen.»
«Ja das trifft bei vielen Wehrmännern zu», entgegnet der Kommandant mit ruhiger Stimme, was Willi etwas beruhigt.
«Das mit dem fehlenden Abschluss sehen die in der Heeresleitung anscheinend nicht so eng. Die brauchen Leute wie sie in der Rüstungsindustrie. Die wird immer wichtiger. Auf jeden Fall sind sie mit einem Antrag an mich gelangt, Sie aus der Wehrmacht zu entlassen, damit sie beim Aufbau einer Flugzeugfabrik helfen können.»
«Zu Befehl Herr Oberst - Heil Hitler!»
Die Details zu seiner Entlassung, erklärte ihm der Feldwebel. Mit einem LKW welcher in Deutschland Nachschub holen muss, wird er nach Aachen gefahren. Dort erfolgt die offizielle Entlassung aus der Wehrmacht. Die Uniform wird eingezogen. Freundlicherweise erhält er als Ersatz einen Anzug. Zudem werden ihm der Sold und eine Abgangsentschädigung ausbezahlt. Weiter erhält er einen Transportgutschein für eine Fahrt nach Worms und eine Fahrt von Worms nach Rostock, drei Wochen später.
Die Zeit in Worms verbringt er bei seiner Familie. Seine Eltern arbeiten immer noch in der Lederfabrik. Vater muss allerdings kein Leder mehr einkaufen, jetzt kann er es requirierten. Sowohl Bauern, wie auch die Fleischer, werden verpflichtet, die Felle der geschlachteten Tiere der Wehrmacht abzugeben. Die Entschädigung ist klar geregelt. Diese Verordnung erleichterte Franz die Arbeit, er kann jetzt doppelt so viel Tierfelle beschaffen, da er nicht mehr feilschen muss.
Seine Mutter Rosa ist Aufseherin in der Näherei und musste die Mädchen überwachen. Diese werden jeden Morgen mit einem LKW von einem Lager ausserhalb Worms hergefahren. Diese Mädchen musste Rosa im Auge behalten. Nebst einer Haselrute, mit dem sie den Mädchen auf die Finger schlägt, hatte sie weitere Möglichkeiten, indem sie bei dem Lagerkommandant Meldung erstatten kann. Nach einer solchen Meldung erscheinen die Frauen längere Zeit nicht mehr zur Arbeit. Zwei bis drei Wochen später, tauchen sie bis auf die Knochen abgemagert wieder auf, sind aber so geschwächt, dass sie die Frauen nicht mehr brauchen kann. Deshalb greift sie nur in Ausnahmefällen zu diesen drastischen Massnahmen. Meistens reichen leichte Schläge mit der Rute aus, ab und zu musste sie etwas härter zuschlagen, dann haben die Frauen begriffen, wer hier die Chefin ist.
Für Willi gibt es nicht viel zu tun. Als erstes überprüft er das Warenlager im Gartenhaus und kontrolliert, ob sich kein Schimmel gebildet hatte oder ob andere Massnahmen erforderlich sind, dass die eingelagerten Waren nicht an Wert verlieren, denn eines ist sicher, zur Zeit kann man diese Ware nicht verkaufen.
Als diese Arbeit erledigt ist, befasst er sich mit dem Flugzeugbau. Er schreibt einen Bericht, über die während seiner Zeit in der Flugzeugfabrik gemachten Erfahrungen. Er hofft, dass nach dem Krieg, mit diesem Bericht das Ingenieurdiplom leichter zu erlangen ist. So wie er die aktuelle Lage beurteilt, wird der Krieg nicht mehr lange dauern. Die gefährlichsten Gegner sind besiegt, dann wird Hitler seine Visionen über ein Europa unter einer deutschen Führung umsetzen. Alle werden von den weitsichtigen Projekten des Führers profitieren. Jeder wird erkennen, dass der deutschen Organisation nichts Gleichwertiges entgegengestellt werden kann. Der Lebensstandard in Europa wird für alle steigen. Dies gilt natürlich nicht für Juden, das ist klar, die werden ihre beherrschende Stellung verlieren.
Wenn Willi in Worms spaziert, wird er immer wieder von der Gestapo kontrolliert. Ein Mann im wehrpflichtigen Alter, welcher ohne Arbeit durch Worms spaziert, ist verdächtig. Einmal hat er seine Bescheinigung, dass er ordnungsgemäss aus der Armee entlassen wurde, nicht dabei. Er wurde sofort verhaftet und ins Gestapo Hauptquartier gebracht. Dort sass er für drei Stunden fest. Erst als ihm sein Vater das fehlende Papier brachte, wurde er entlassen.
«Die schauen schon, dass jeder seinen Pflicht gegenüber Hitler erfüllt», meint sein Vater, als sie wieder auf der Strasse stehen, «wie kann man ein so wichtiges Dokument zuhause lassen. Ich hoffe, das wir dir eine Lehre sein!»
Willi äussert sich nicht. Ihm sitzt der Schreck noch in den Knochen. Ihm ist nichts passiert, sie behandelten ihn vorsichtig. Er konnte darauf hinweisen, dass sein Entlassungsschreiben in der anderen Jacke steckt und er in zwei Wochen in eine Flugzeugfabrik abkommandiert wird. Er hat schon bemerkt, dass sie mit ihm vorsichtig umgehen, wenn seine Geschichte stimmt, dann ist er eine kriegswichtigtige Person.
Was Willi in den drei Stunden bei der Gestapo mitbekommt, beschäftigt ihn sehr. Wie die mit ihren Häftlingen umgehen, scheint alles andere als freundlich zu sein. Er hat im Gang eine ältere Frau gekreuzt, welche nebst einem blauen Auge, noch einige blaue Flecken am ganzen Körper aufwies. Die waren deutlich zu sehen, weil sie oben rum, nur einen BH trug.
Aus dem Verhörzimmer hörte man, wie die armen Kerle durch die Gestapoleute angeschrien wurden. Einige kurze, aber heftige Schreie, deuten darauf hin, dass auch mit Schlägen nachgeholfen wurde, wenn die Antwort nicht ins Bild der Schergen passte.
«Man muss schon acht geben», führt sein Vater den Monolog weiter, «es ist zu einem Volkssport geworden, Leute, gegen welche man noch eine Rechnung offen hat, bei der Gestapo anzuschwärzen. Am Besten ist es, wenn man die Schnauze hält, deshalb gehe ich auch nicht mehr in Kneipen. Es kann lebensgefährlich sein, wenn man betrunken einen falschen Witz erzählt. Ich kenne einige, welche nach einem lustigen Abend verschwunden sind.»
Noch immer ist Willi nicht bereit, sich auf eine Diskussion einzulassen und geht stumm neben seinem Vater her. Nicht auszudenken, was mit Ihnen geschehen würde, wenn jemand von den Geschäften mit den Juden erfahren würden. Zum Glück waren sie von Anfang an vorsichtig. Sogar sein Kumpel von der SA wusste nichts davon, dass er vorher seine Opfer abgezockt hatte und sich sein SA-Kumpel nur noch mit den Resten bedienen konnte, welch er übrig lies.
In den folgenden Tagen bleibt er lieber zu Hause. Er wartet darauf, dass er endlich nach Rostock abreisen kann. Meistens hört er Radio. Stündlich treffen die Erfolgsmeldungen von der Front ein. Am 22. Juni unterzeichnen die Franzosen die Kapitulation, der Krieg ist zu Ende. Die Zeitungen zeigen einen vor Stolz beinahe platzenden Hitler beim Verlassen des Eisenbahnwagens in Compiègne. Der Schmach des Weltkriegs ist getilgt. Jetzt kann man den Frieden vorbereiten und Willi hofft, dass er in Rostock früher oder später, Passagierflugzeuge bauen kann. Sicher das wird noch eine Weile dauern, noch muss das Erreichte gesichert werden.
Auf der Fahrt nach Rostock liest er die Zeitung. Ein unglaublicher Stolz befällt ihn, als Hitler, vor dem Eifelturm in Paris, sich den Fotografen stellt. Willi hat nicht viel, aber wenigstens ein bisschen dazu, beigetragen.
In Rostock wird Willi von Ortsgruppenleiter empfangen. Er fühlt sich geschmeichelt. Mit einer solchen Wertschätzung hätte er nicht gerechnet. Diesmal wird ihm eine grosse Wohnung mit teuren Möbeln zugeteilt. Die Einrichtung deutet darauf hin, dass sie einmal einer wohlhabenden jüdischen Familie gehört hatte. Allerdings sind alle jüdischen Symbole aus der Wohnung verschwunden.
«Ich hoffe sie fühlen sich hier wohl», erklärt der Ortsgruppenleiter, «wenn etwas fehlt, melden sie sich.»
«Danke, ich denke ich komme hier gut zurecht.»
«Dann wünsche ich ihnen einen guten Start. Sie wissen ja wo die Fabrik liegt, unten steht ein Motorrad, mit dem können sie in die Fabrik fahren - Heil Hitler!»
«Heil Hitler! Herr Ortsgruppenleiter.»
Zackig hebt Willi den rechten Arm. Der Ortsgruppenleiter erhebt seinen Arm ebenso zackig und verlässt die Wohnung.
Das muss Willi erst verdauen, er setzt sich aufs Sofa und starrt nachdenklich vor sich hin. Er hat es geschafft, er ist nicht mehr der Studenten, welcher in einer engen Studentenbude mit drei anderen Studenten zusammen wohnt. Er hat eine eigene Wohnung. Nachdem er seine Fassung wieder gefunden hat, geht er in die Küche und kocht sich einen Kaffee. Es gibt tatsächlich Bohnenkaffee, er ist ein Glückspilz.
Auf dem Tisch in der Stube findet er einen Brief, in welchem ihm weitere Anweisungen mitgeteilt werden. So wird erwartet, dass er in der SA-Uniform zur Arbeit erscheint. Die Rangabzeichen weisen ihn als Leutnant aus, entsprechend dem Rang, wird auch sein Lohn bemessen. Er wird ein gutes Leben führen können. Mit der Uniform sind zahlreiche Privilegien verbunden.
Obwohl das grosse Bett sehr angenehm ist, hat er schlecht geschlafen. Er ist immer wieder aufgewacht. Trotzdem fühlt er sich am Morgen bereit. Vor dem Haus steht ein Motorrad zu dem der Schlüssel, welcher am Schlüsselbrett hing, passt. Zum Glück hat ihm Vater einige Male sein Motorrad geliehen, so weiss er, wie man damit umgeht. Vorsichtig fährt er auf die Strasse und biegt in Richtung Flugzeugfabrik ab.
In der Fabrik nimmt ihn ein neuer Fabrikleiter in Empfang.
«Heil Hitler, ich bin hier der Chef, ich heisse Paul Walter, ihre Akte kenne ich, Herr Wolf, ich heisse sie willkommen.»
«Heil Hitler! Herr Walter», meldet sich Willi und grüsst vorschriftsmässig, «ich freue mich auf die Aufgaben.»
«Dann wollen wir Mal einen Rundgang machen, dabei kann ich ihnen am Besten erklären, was wir von ihnen erwarten.»
Seit seinem letzten Arbeitstag in der Fabrik hat sich viel, um nicht zu sagen alles, verändert. Auffallend ist der hohe Frauenanteil, es gibt nur noch wenige Männer in der Fabrik. Neu ist auch eine zweite Produktionsstrasse, welche eben in Betrieb genommen wird. Man will die Produktion verdoppeln. Der Führer verlange das so.
«Wir können die eroberten Gebiete nur halten, wenn wir eine starke Wehrmacht haben und dazu gehören gute Bomber», erklärt Herr Walter.
«Der Führer weiss schon was er machen muss», bestätigt Willi seine Aussage.
Damit ist die Aufgabe von Willi klar definiert. In seinem Büro studiert er die letzten Pläne des zu bauenden Bombers. Die Bezeichnung lautet immer noch Do111. Mit der Do111, welche Willi noch vor zwei Jahren baute, ist diese neue Ausführung nicht mehr zu vergleichen. Er staunt über die technischen Fortschritte in dieser kurzen Zeit. Da waren gute Konstrukteure an der Arbeit.
Бесплатный фрагмент закончился.
