Читать книгу: «Literarische Romantik»

Шрифт:

UTB 3315

Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage

Böhlau Verlag · Köln · Weimar · Wien

Verlag Barbara Budrich · Opladen · Farmington Hills

facultas.wuv · Wien

Wilhelm Fink · München

A. Francke Verlag · Tübingen und Basel

Haupt Verlag · Bern · Stuttgart · Wien

Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung · Bad Heilbrunn

Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft · Stuttgart

Mohr Siebeck · Tübingen

Orell Füssli Verlag · Zürich

Ernst Reinhardt Verlag · München · Basel

Ferdinand Schöningh · Paderborn · München · Wien · Zürich

Eugen Ulmer Verlag · Stuttgart

UVK Verlagsgesellschaft · Konstanz

Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen

vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich


Dr. Gerhard Kaiser ist Privatdozent an der Universität Göttingen und vertritt derzeit eine Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Siegen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detailliertere bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-846-33315-0 (E-Book)

ISBN: 978-3-8252-3315-0 (UTB-Bestellnummer)

© 2010 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seine Teile dürfen ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages öffentlich zugänglich gemacht werden. Dies gilt auch bei einer entsprechenden Nutzung für Lehr- und Unterrichtszwecke. –

Reihenkonzept und Umschlagentwurf: Alexandra Brand

Umschlagumsetzung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: Ruhrstadt Medien, Castrop-Rauxel

Druck und Bindung: Hubert & Co, Göttingen

Hinweis zur Zitierfähigkeit

Diese EPUB-Ausgabe ist zitierfähig. Um dies zu erreichen, ist jeweils der Beginn und das Ende jeder Seite gekennzeichnet. Bei Wörtern, die von einer zur nächsten Seite getrennt wurden, steht die Seitenzahl hinter dem im EPUB zusammengeschriebenen Wort.

Inhaltsverzeichnis

Titel Impressum Hinweis zur Zitierfähigkeit Einleitung Romantik im Profil 1 - Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders oder: Was »romantisch« meint und wie man es sich merken kann Begriffsgeschichte Fünf wesentliche Charakteristika der literarischen Romantik

1. Herzensergießungen 2. eines 3. kunstliebend 4. und 5.: Klosterbruder Weiterführende Literatur

2 - »Die Welt muß romantisiert werden« – Frühromantische Gruppenbildung, Literaturpolitik und Programmatik Wechselnde Gruppenbildungen und Jena als wichtiges Zentrum Literaturpolitik und Programmatik I: August Wilhelm Schlegels »Kritik an der Aufklärung« Literaturpolitik und Programmatik II: Friedrich Schlegels 116. Athenäums-Fragment und Novalis’ »Romantisierungs«-Postulat

Das Athenäum (1798-1800) Das Fragment Das 116. Athenäum-Fragment und Novalis’ »Romantisierungs«-Postulat Weiterführende Literatur

3 - Wahnsinn, Witz und Waldeinsamkeit: Romantisches Kunstmärchen und romantisches Drama am Beispiel Ludwig Tiecks Zur Biographie Tiecks Zur Gattung des Kunstmärchens Der blonde Eckbert als ›verdrehte‹ romantische Erzählung von »schwindeligen Identitäten« Zum Drama der Romantik – Der Gestiefelte Kater oder: Eine romantische Beobachtung aufklärerischer Romantikbeobachtung

Weiterführende Literatur

4 - Fragmente und Experimente: Der Roman der Romantik Ein kurzer Blick auf die Geschichte des Romans Skandal, Allegorie, Arabeske und Liebe als Passion: Friedrich Schlegels Lucinde (1799)

Zur Biographie Friedrich Schlegels Zum Inhalt des Romans Zur Form des Romans Transzendentalallegorie Arabeske Liebe als Passion

»Wie in einfachen Worten und Geschichten das Weltall offenbart werden kann«: Novalis’ Heinrich von Ofterdingen (1802)

Zur Biographie Novalis’ Zum Inhalt des Romans Novalis’ Experimentalroman als konsequente Umsetzung seines Romantisierungs-Postulats Potenzierung Logarithmi(si)erung

»Küssen Sie den Hintern, junger Mann, küssen Sie, und damit gut« – Die Nachtwachen ( 1804) von Bonaventura als Anti-Ofterdingen Wer ist ein Autor? Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte und zum Inhalt des Romans

Von der blauen Blume zur Zwiebel: Die Nachtwachen als Anti-Ofterdingen Weiterführende Literatur

5 - »... Schläft ein Lied in allen Dingen«: Die Lyrik der mittleren und späten Romantik Dezentrierung und Vervielfältigung der geographischen Verdichtungszentren in der mittleren und späten Romantik Charakteristika, Formen und Inhalte der romantischen Lyrik

Kontextgebundenheit Abkehr von klassizistischen Formen: Romanische Formen

Invented tradition 1: Patriotische Gebrauchslyrik in Zeiten des Krieges und im Zeichen des »Volkes« Invented traditon 2: Sentimentalische Naivität im Zeichen des »Volkes« Des Knaben Wunderhorn oder Romantisches sampling im Zeichen des ›Volkes‹ Clemens Brentano als sentimentalischer Dichter des Naiven und »trauriger unstäter Geist«

Zur Biographie Brentanos Brentano als Lyriker Taugt Eichendorff nichts? Zur Biographie Eichendorffs Eichendorff als Lyriker Weiterführende Literatur

6 - Wahnsinn mit Methode – Die spätromantische Erzählkunst E.T.A. Hoffmanns Zur Biographie Hoffmanns Hoffmanns Erzähldebüt Fantasiestücke in Callot’s Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten (1814/15) Durchs »elfenbeinerne Tor«: Hoffmanns Erzählprinzip der Mehrdeutigkeit am Beispiel des Ritter Gluck

Mischung der realistischen und phantastischen Elemente Schwebezustand durch darstellungstechnische Mittel Intertextuelle Anspielungen und Zitate Die Thematisierung der Kunst und die (zumindest indirekte) - Problematisierung bestimmter Aspekte einer frühromantischen Kunstreligion

Hoffmanns skeptischer Blick auf das ästhetische Prekariat im Goldenen Topf und im Sandmann Weiterführende Literatur

7 - »Do not go gentle into that good night« – Eine kurze, unwissenschaftliche Nachbemerkung zur Romantikrezeption

Weiterführende Literatur

Serviceteil

Zeittafel: Wichtige Texte der Romantik Siglen Literatur

Namenregister

Einleitung

»Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muß verschlafen haben«, so der Philosoph und Literaturwissenschaftler Walter Benjamin 1927. Mit der »blauen Blume«, dem wohl bekanntesten Symbol der Romantik, und mit dem Heinrich von Ofterdingen spielt Benjamin an auf den gleichnamigen Roman Friedrich von Hardenbergs (1772-1801), der sich selbst dann den Künstlernamen Novalis zulegte. Was Benjamin damit unter dem gesteigerten Realitätsdruck in der Weimarer Republik zum Ausdruck bringen will, ist: Wer noch in den Träumen und Ideen der Romantik, jener gesamteuropäischen kulturellen Strömung, die in den 1790er Jahren beginnt und fast ein halbes Jahrhundert dauert, schwelgt, der macht sich einer unzulässigen »Weltfremdheit« schuldig. Die Zeit der Romantik, die Zeit des Romantischen also, sei endgültig vorbei.

Und doch tauchen das Romantische und mit ihm die Romantik immer wieder auf, lässt man das 20. und das beginnende 21. Jahrhundert Revue passieren. Sei es – um hier nur zwei Beispiele aus einer nicht allzu fernen Vergangenheit aufzugreifen – dass die Hippiebewegungen der 1960er Jahre und die ökologischen Bewegungen seit den 1980er Jahren, bewusst oder unbewusst, an bestimmte Aspekte der Romantik wieder anknüpfen, sei es, dass Ausstellungen zur Malerei der Romantik oder Bücher zum Thema regen Zuspruch in der kulturraisonnierenden Öffentlichkeit finden: Man denke etwa an die Caspar-David-Friedrich-Ausstellung in Essen 2002 oder an Rüdiger Safranskis unlängst erschienene erfolgreiche Abhandlung Romantik. Eine deutsche Affäre. Zudem kommt bis heute der Begriff »romantisch« im Alltag in geradezu inflationärer Weise zum Einsatz, wenn es darum geht, eine bestimmte Stimmung, eine bestimmte Situation, bestimmte Gegenstände, Landschaften oder Bilder, Romane, Filme oder Musikstücke zu charakterisieren. Kurzum: Das Bedürfnis nach »Romantischem« lässt sich nicht einfach stillstellen und die Rede vom Romantischen scheint ein steter Begleiter jener umfassenderen historischen Epoche zu sein, die zum Teil durch die Romantik selbst mitbegründet wird: der Moderne. Die Romantik ist, indem sie das Formeninventar und die Selbstreflexivität künstlerischen Ausdrucks nachhaltig erweitert und steigert, Mitbegründerin der kulturellen Moderne und zugleich, dies macht ihre Janusköpfigkeit aus, werden im Namen des Romantischen von Beginn an und immer wieder, vor allem in Zeiten von extremen ökonomischen und sozialen Veränderungsschüben, vehemente rückwärtsgewandte Einsprüche erhoben gegen die Folgen und Irritationen einer solchen Modernisierung. Diese Doppelgesichtigkeit aus Erneuerungsbestreben und Rückwärtsgewandtheit, Revolution und Reaktion, Weltveränderungsanspruch und Weltflüchtigkeit kennzeichnet das Profil der Romantik und gibt auch der literarischen Romantik ihr irritierendes und zugleich auch faszinierendes Gepräge.

Dieses Buch konzentriert sich auf die literarische Romantik und beschränkt sich zudem auf den deutschsprachigen Bereich. Doch selbst dann noch scheint das Ansinnen geradezu vermessen, in einem vergleichsweise knappen Rahmen einen einführenden Überblick geben zu wollen über einen Zeitabschnitt der deutschen Literaturgeschichte, der so reich an höchst widersprüchlichen, spannenden wie versponnenen, progressiven wie rückwärtsgewandten Tendenzen ist. Reicht doch das literarische Spektrum der Romantik – um nur einiges zu nennen – von den philosophischen Fragmenten und den literaturrevolutionierenden Romanexperimenten eines Friedrich Schlegel, Novalis, Bonaventura, den unkonventionellen und ironischen Dramen und Märchenerzählungen eines Ludwig Tieck über die »Kunstvolksdichtung« der Heidelberger Romantik, die patriotischen Schauspiele eines Achim von Arnim, die Lyrik und die Literaturgeschichtsschreibung Joseph von Eichendorffs und die phantastischen Romane und Erzählungen E.T.A. Hoffmanns bis zur katholischen Mystik der späten Texte eines Clemens Brentano oder Joseph Görres. Zudem handelt es sich um einen Zeitraum, der mit der frühen Romantik (erste Hälfte der 1790er Jahre bis 1801 mit den Zentren Jena und Berlin), der mittleren Romantik (mit den Zentren Heidelberg 1805 bis 1808 und Berlin 1809 bis 1822) und der späten, katholisch geprägten Romantik (1820/1830er Jahre mit den Zentren Wien und München) immerhin gleich drei Phasen umfasst, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben. Damit also das Ansinnen einer Einführung nicht zur telefonbuchartigen Aneinanderreihung von Namen, Werktiteln und Jahreszahlen wird, bedarf es einer Auswahl des Beispielhaften sowie einer Reduktion auf das je Charakteristische, d.h. Romantikspezifische dieser Beispiele. Im Folgenden sollen deshalb zunächst nach einem kurzen Blick auf die Begriffsgeschichte fünf wesentliche Charakteristika der literarischen Romantik vorgestellt werden. Im steten Rückbezug auf diese Charakteristika skizzieren dann die weiteren Kapitel das geistige und soziale Profil der literarischen Strömung. Dabei sollen, unter Berücksichtigung aller literarischer Gattungen, einige der exemplarischen Repräsentanten und ihre wichtigsten, in Schule und Studium immer wieder behandelten Texte vorgestellt werden.

|8◄ ►9|

Romantik im Profil

1

Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders oder: Was »romantisch« meint und wie man es sich merken kann

Wortgeschichtlich gesehen haben »romantisch« und »Roman« den gleichen Ursprung. Sie gehen auf das altfranzösische Stammwort »romanz« zurück. Mit »romanz« bezeichnete man die romanische Volkssprache im Gegensatz zur lateinischen Gelehrtensprache. Hieraus entwickelte sich dann der Begriff »romance« als Bezeichnung von zunächst in provenzalischer Sprache geschriebenen Vers- und Prosadichtungen, die ritterliche Themen aus dem Umkreis der Roland- bzw. Artussagen zu amourösen und phantastischen Geschichten verwoben. Aus ihm entstand neben der Gattungsbezeichnung »Romanze« auch der Begriff des Romans, der zunächst eine erfundene, erdichtete Prosaerzählung meinte.

Begriffsgeschichte

In diesem – meist eher negativen – Sinne für eine unwahrscheinliche, phantastische und zu Übertreibungen neigende Erzählhaltung hielt sich der Begriff bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es in England und Frankreich zu einer folgenreichen Erweiterung: »Romantisch« konnten nun nicht mehr nur bestimmte Erzählungen sein, sondern – in einem durchaus positiven Sinne – alle Gegenstände, an denen Merkmale des Wunderbaren, Phantasievollen einen Abstand zum Alltäglichen einerseits und zu klassizistischen Ordnungen in der Kunst andererseits markierten (zum Beispiel »romantische« Landschaften). »Romantisch« konnte aber nun |9◄ ►10| auch die Liebe sein; etwa dann, wenn sie sich gegen gesellschaftliche Konventionen (und um den Preis des Liebestodes) behauptete. Im alltagssprachlichen Gebrauch hat sich »romantisch« bis in die Gegenwart hinein als Bezeichnung für eine Haltung oder ein Handeln behauptet, das im Gegensatz zur Rationalität und zum Realismus des »normalen« Lebens steht.

Zeitlich nähern wir uns damit den Anfängen jener literarischen Strömung, um die es hier geht und somit u.a. einem Buch von Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773-1798) und Ludwig Tieck (1773-1853), das den Titel Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders trägt.

Fünf wesentliche Charakteristika der literarischen Romantik

Obgleich fast am Anfang der literarischen Romantik stehend, verdichten sich bereits im Titel dieser 1796 (datiert auf 1797) erschienenen Sammlung wesentliche Aspekte der Romantik. Man könnte sogar so weit gehen, und – ein wenig boshaft vielleicht – behaupten, dass wir es hier bereits mit einer Definition des »Romantischen« zu tun haben. Zum Text selbst hier ganz kurz nur so viel:

Es handelt sich um ein durch seine Erzählstruktur – der titelgebende Klosterbruder fungiert als Erzähler der meisten Stücke – verklammertes Sammelwerk von 18 Texten: kunsttheoretische Aufsätze (insbesondere über Malerei, etwa Raffael und Dürer), Briefe, Bildbeschreibungen, Prosa und Poesie, Künstlerbiographik und Essayistik. Sowohl die unsystematische Form als auch ihr Inhalt machen die Herzensergießungen zweifellos zu einem der Gründungsdokumente der deutschsprachigen Frühromantik. Dies erklärt wohl auch Goethes lebenslange Abneigung gegen das Büchlein: Noch im November 1827 bezeichnet er in einem Brief das Buch als »Infektion eines schwindsüchtigen Pfaffenfreundes« (Wackenroder war 1798 mit 24 an einem Nervenfieber gestorben).

Aber zurück zum Titel: Hier verdichten sich, wie in einem Prisma und ohne dass der Begriff des »Romantischen« fiele, doch ganz zentrale Aspekte der deutschsprachigen literarischen Romantik, so dass man sie sich mit Hilfe dieses Titels (wie in einer Art 5-Finger-Lernmethode) immer wieder vergegenwärtigen kann:

|10◄ ►11|

1. Herzensergießungen

Die Herzensergießungen verweisen auf den Gemütszustand des Erzählers sowie auf seine Erzählhaltung, die zugleich eine Lebenshaltung ist: nämlich die der Schwärmerei und des Enthusiasmus (E.T.A. Hoffmann etwa wird später seine ersten Erzählungen von einem fiktiven »reisenden Enthusiasten« erzählen lassen). Die Tradition der enthusiasmierten Rede ist natürlich nicht genuin romantisch, geht sie doch – als Gotterfülltheit, Verzückung, Inspiration – über die Genieästhetik des Sturm und Drang und über die Empfindsamkeit zurück bis auf Platon.

Und dennoch manifestiert sich im schwärmerischen Redegestus der Herzensergießungen ein bewusster Einspruch der beginnenden Frühromantik gegen den zeitgenössischen, aufgeklärten Umgang mit der Kunst, der von einer klassizistischen und rationalistischen Poetik und Ästhetik getragen wird. Stark gemacht wird das Gefühl als jene angemessene Erlebnis- und Ausdrucksweise, in der sich der Kunst im Besonderen, der Welt im Allgemeinen begegnen lässt. Als liebevolle Einfühlung und pietätvolle Andacht richtet sich die Herzensergießung gegen jene

»[k]ritischen Köpfe, welche, an alle außerordentliche Geister, als an übernatürliche Wunderwerke, nicht glauben wollen noch können und die ganze Welt gern in Prosa auflösen möchten.« (W I, 65)

Damit wird natürlich nicht nur ein spezifisches Verhältnis gegenüber der Kunst, sondern auch eine aufgeklärte Denk- und Lebenshaltung insgesamt kritisiert. Die Reden des Klosterbruders sind durchsetzt von einem Wortschatz der Innerlichkeit, der Rhetorik des Erhabenen und Sakralen, der Tradition der Empfindsamkeit und der Sprache des Herzens. So heißt es etwa in dem Abschnitt Wie und auf welche Weise man die Werke der großen Künstler der Erde eigentlich betrachten und zum Wohle seiner Seele gebrauchen müsse:

»Ich vergleiche den Genuß der edleren Kunstwerke mit einem Gebet. [ …] Der aber ist ein Liebling des Himmels, welcher mit demüthiger Sehnsucht auf die auserwählten Stunden harrt, da der milde himmlische Strahl freywillig zu ihm herabfährt, die Hülle irdischer Unbedeutendheit, mit welcher gemeiniglich der sterbliche Geist überzogen ist, spaltet, und sein edleres Innere auflöst und auseinanderlegt; dann knieet er nieder, wendet die offene Brust in stiller Entzückung, gegen den Himmelsglanz und sättiget sie mit dem ätherischen Licht; dann steht er auf, froher und wehmüthiger, volleren und leichteren Herzens, und legt seine Hand an ein großes gutes Werk.« (W I, 106f.)

|11◄ ►12|

2. eines

Das klingt ein wenig konstruiert, aber wir haben es hier mit den »Herzensergießungen« eines Klosterbruders zu tun und nicht mit der klosterbrüderlichen Sicht auf die Kunst überhaupt. Was sich hierin andeutet, das ist die vor allem für die Frühromantik bedeutsame und oft im Rückbezug auf den Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) vollzogene Hochschätzung des Subjekts, das auf sich selbst, d.h. auf die Bedingungen seiner Möglichkeit reflektiert, und das die Welt außerhalb seiner selbst, das »Nicht-Ich«, wie es bei Fichte heißt, erst in ihrem Sosein »setzt«. Diese Hochschätzung der Individualität gilt auch und gerade für den Künstler, was sich etwa zeigt, wenn Friedrich Schlegel in seinem berühmten 116. Athenäums-Fragment (s. dazu unten) ganz in der Tradition der Genieästhetik des Sturm und Drang darauf besteht, »daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide« (FS, 183).

3. kunstliebend

Fast untertrieben ist das schmückende Beiwort »kunstliebend«, artikuliert sich im Klosterbruder doch geradezu eine Kunstfrömmigkeit, eine Sakralisierung der Kunst, die für die Romantik prägend und konstitutiv sein wird. Bereits in einem Brief Wackenroders vom 11. Dezember 1792 an seinen Freund Tieck bricht sich diese Kunstreligiosität Bahn:

»Nur schaffen bringt uns der Gottheit näher; u der Künstler, der Dichter ist Schöpfer. Es lebe die Kunst! Sie allein erhebt uns über die Erde, u macht uns des Himmels würdig.« (W II, 101)

Der Künstler fungiert als gottähnliches Schöpferindividuum, die Kunst selbst übernimmt gleichsam die Mittlerfunktion der Kirche als autonome, sakramentale Gnadenspenderin. Dass eine solche Überschätzung der Kunst gleichzeitig erhebliche Gefahren der gesellschaftlichen Entfremdung für die beteiligten Künstler mit sich bringt, auch dieser in vollem Umfang erst bei Hoffmann entfaltete Gedanke wird erstaunlicherweise bereits im Klosterbruder angedeutet: am Beispiel des Merkwürdigen musikalischen Lebens des Tonkünstlers Joseph Berglinger. Das Schlussstück der Sammlung (das bedeutendste und umfangreichste) entwirft Konturen des romantischen Künstlers als eines Zerrissenen, die traditionsbildend bis heute sind. Es baut die bis in den Ästhetizismus des 19. und 20. Jahrhunderts wirksame Kontraststellung des geweihten Künstlers gegenüber den gewöhnlichen Menschen, den »Philistern«, in |12◄ ►13| der Weise aus, dass für das Auserwähltheitsgefühl des Künstlers gleichzeitig der Preis seiner Selbstaufopferung zu bezahlen ist. Der Überschätzung der Kunst entspricht ein elitäres Bewusstsein des Genies, das die Musik und den Künstler im Rahmen einer Kunstreligion weiht, seine Auserwähltheit und Genialität aber mit einer radikalen Asymmetrie zum Publikum bezahlt:

»Er gerieth auf die Idee, ein Künstler müsse nur für sich allein, zu seiner eigenen Herzenserhebung, und für einen oder ein paar Menschen, die ihn verstehen, Künstler seyn.« (W I, 142)

Die für die Romantik so charakteristische »Kunstliebe« zeitigt aber noch einen weiteren wichtigen Effekt. So wie der Liebende in Gedanken permanent um das Objekt seiner Liebe kreist, so kreist die romantische Literatur immer wieder um das Objekt ihrer Liebe, nämlich um die Kunst. Insofern reflektiert die romantische Literatur eben auch permanent sich selbst und macht sich selbst zum Thema ihrer Darstellungen, was sich darin niederschlägt, dass die Hauptfiguren der romantischen Erzählungen, Romane und Dramen nicht selten Künstler sind oder zumindest werden wollen.

4. und 5.: Klosterbruder

Der »Klosterbruder« erinnert bildlich an zwei Grundzüge der Romantik: Zum einen an ihre Begeisterung für das Mittelalter, jene »tiefsinnige und romantische Zeit« (N 1, 249). Die zeigt sich nicht nur darin, dass viele romantische Erzählungen und Romane (etwa Novalis’ Heinrich von Ofterdingen) im Mittelalter situiert sind, sondern auch darin, dass das Mittelalter von romantischen Autoren wie A.W. Schlegel (in seinen Berliner Vorlesungen, s. dazu unten) oder Novalis (in seiner programmatischen Studie Die Christenheit oder Europa) als positive Projektionsfläche herangezogen und konstruiert wird, wenn es darum geht, die Zustände in der aufgeklärten, aber als leidenschafts- und geheimnislos empfundenen Gegenwart zu kritisieren . Das Mittelalter wird dann im Rahmen eines dreistufigen Geschichtsschemas zum ursprünglichen »goldenen Zeitalter« stilisiert, aus dessen Paradiesen sich der Mensch der Neuzeit selbst vertrieben habe. Als dritte Stufe wird eine im Zeichen des Romantischen »wiederverzauberte« Welt in die Zukunft projiziert. Neben dieser Funktion einer vergangenheitsorientierten Gegenwartskritik entwerfen die Romantiker mit ihrem eingeschönten Bild des Mittelalters natürlich auch ein Konkurrenzprogramm zur Antikeorientierung der deutschen Klassik.

|13◄ ►14|

Zum anderen steht der »Klosterbruder« für die latente oder auch ganz offene Neigung der Romantiker, jener »nach dem Ueberirdischen durstige[n] Seelen« (N II, 750), zum Religiös-Spirituellen im Allgemeinen, zum Katholizismus (man denke an die Konversion Schlegels, die Reversion Brentanos, an den Katholizismus Eichendorffs) im Besonderen. Die Sinn- und Ordnungsverheißungen eines christlichen Weltbildes gewinnen für die Romantiker vor allem nach dem Abkühlen des frühromantischen Überschwangs zunehmend an Attraktivität. Aber schon 1799 heißt es etwa bei Novalis in Die Christenheit oder Europa:

»Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.« (N II, 732)

Bei Wackenroder geht diese neue Begeisterung für das Mittelalter und den Katholizismus, die bald von vielen Romantikern geteilt werden sollte, auf seine Nürnberg-Reise im Juni 1793 zurück. In einem seiner Reisebriefe an die Eltern schreibt er:

»Nürnberg ist eine Stadt, wie ich noch keine gesehen habe, u hat ein ganz besonderes Interesse für mich. Man kann sie, ihres Äußern wegen, in der Art romantisch nennen.« (W II, 188)

Wenn Wackenroder an dieser Stelle Nürnbergs mittelalterlich anmutende Architektur mit dem Terminus »romantisch« belegt, deutet sich in seinem Wortgebrauch bereits jene folgenreiche Bedeutungsverschiebung bzw. -erweiterung an, von der am Beginn dieses Kapitels die Rede war: von der älteren Bedeutung des Romanhaften, Wunderbaren oder auch Naturhaft-Pittoresken zum Zentralbegriff einer modernen, dem Lob des klassischen Altertums entgegengesetzten Dichtungstheorie, wie sie insbesondere von den Gebrüdern Schlegel in der Folgezeit vor allem im Athenäum propagiert wurde.

Bevor es im folgenden Kapitel genau um jene Dichtungstheorie und die Gebrüder Schlegel gehen soll, hier abschließend noch einmal die fünf zentralen Charakteristika der deutschsprachigen Romantik in der Übersicht: |14◄ ►15|


Herzensergießungen1.Aufwertung des Gefühls
eines2.Subjektivität
kunstliebenden3.Kunstemphase und Kunstreflexion
Klosterbruders4.Mittelalter als gegenwartskritische Projektionsfläche
5.Neigung zum Religiös-Spirituellen, zum Katholischen

Weiterführende Literatur

Kremer, Detlef: Romantik. 2. Aufl. Stuttgart/Weimar 2003

Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre. München 2007

|15◄ ►16|

2

»Die Welt muß romantisiert werden« – Frühromantische Gruppenbildung, Literaturpolitik und Programmatik

Die Phase der Frühromantik ist vergleichsweise kurz, reduziert sie sich doch – sieht man einmal von den üblichen Inkubationszeiten solcher Strömungen ab – auf die zweite Hälfte der 1790er Jahre. In diese ca. 5 bis 6 Jahre fallen die Freundschaft zwischen Wackenroder und Tieck (die mit dem frühen Tod des Ersteren 1798 endet), zwischen Tieck und Novalis (die mit dem ebenso frühen Tod Novalis’ 1801 endet) sowie zwischen Friedrich Schlegel (1772 – 1829) und Novalis. Ebenfalls hier verortet ist die Zusammenarbeit der Gebrüder Schlegel, die zwischen 1798 und 1800 gemeinsam das erste romantische Publikationsorgan, das Athenäum, herausgeben, die als skandalös geltende Beziehung zwischen Friedrich und der damals noch verheirateten Bankiersgattin Dorothea Veit (1763 – 1839), die Beziehung zwischen August Wilhelm Schlegel (1767 – 1845) und seiner Frau Caroline (1763 – 1809), die dann wenig später Schlegel für den Philosophen Schelling (1775 – 1854) sitzen lässt.

Wechselnde Gruppenbildungen und Jena als wichtiges Zentrum

Die kurzzeitigen Zentren der instabilen und ständig im Fluss begriffenen, romantischen Geselligkeiten sind Jena, Berlin und dann wieder Jena. Im August 1796 ziehen die Schlegels auf Einladung Schillers, mit dem sie sich später heillos überwerfen, nach Jena und knüpfen dort auch Kontakte mit Fichte. Im Juli 1797, nach dem Zerwürfnis mit Schiller, zieht Friedrich Schlegel wieder nach Berlin, verkehrt dort in den literarischen Salons der Rahel Levin und Henriette Herz und beginnt eine Liebesaffäre mit Dorothea Veit. Hier lernt er auch den Philosophen Friedrich Schleiermacher (1768-1834) und den Dichter und Übersetzer |16◄ ►17| Ludwig Tieck kennen. Diese Berliner Periode dauert bis in den Spätsommer 1799. Das dritte größere Zusammentreffen, September 1799 bis etwa April 1800, ist das wichtigste – zumindest hat es als Konstitution der sogenannten »Jenaer Romantik« am meisten von sich reden gemacht. Hier treffen August Wilhelm und seine Frau Caroline mit Friedrich und Dorothea, Ludwig Tieck und seiner Frau sowie Novalis zusammen. Auf »Symphilosophie« und »Sympoesie«, also auf eine neue Form gemeinschaftlicher Kulturproduktion unter Wahrung der größtmöglichen Freiheit der beteiligten Individuen zielen Friedrich Schlegel zufolge alle diese vorübergehenden Romantiker-Bünde und die neuen Formen der Geselligkeit in der Frühphase. Das ist groß gedacht und geht natürlich – im Großen und Ganzen gesehen – am Ende schief. Der jugendbewegte Elan des schönen Chaos – die meisten der beteiligten Akteure befinden sich noch in ihren 20ern – verebbt, die Projekte scheitern, die hochfliegenden Pläne, das Experiment einer Gemeinschaftlichkeit ohne Zwang und feste Regeln – sie geraten in den Sog der Fliehkräfte des Allzumenschlichen. Um 1801/02 kommt es zum Zerfall der ohnehin nur lose gefügten Gruppe. Friedrich Schlegel beginnt – auf der Suche nach ordnungsstiftenden ideellen Bezugssystemen – seine Neigung für das Religiöse zu entdecken (die schließlich in seiner Konversion zum Katholizismus 1808 mündet), Novalis stirbt, Tieck – ohnehin eher in der Rolle des etablierten Außenseiters – verlässt Jena zu Beginn des Jahres 1801, Friedrich Schlegel und Schleiermacher überwerfen sich über dem Projekt einer Platon-Ausgabe und die sehr selbstbewusste Caroline Schlegel wird zur Lebensgefährtin Schellings.

Literaturpolitik und Programmatik I: August Wilhelm Schlegels »Kritik an der Aufklärung«

Als August Wilhelm Schlegel zwischen 1801 und 1804 in Berlin seine Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst hält, ist die Konstitutionsphase der deutschen Romantik, die sogenannte Frühromantik, also in gewisser Weise bereits zu Ende.

Und doch sind es erst die Vorlesungen des Berliner Privatgelehrten, die im Sinne einer eigenständigeren denkerischen Leistung zwar nicht sonderlich originell sind, die aber dennoch die einzelnen Ideen des frühromantischen Kreises zum ersten Mal in pointierten Formulierungen zusammenfassen. Damit erst wird die Romantik als ein klar abgrenzbarer Diskurs einem breiteren Publikum vermittelt.

|17◄ ►18|

Nicht weniger nimmt er sich vor, als eine »Schilderung des gegenwärtigen Zustandes der Europäischen Bildung« (AWS, 537) überhaupt zu liefern. In diesem Zusammenhang widmet er seine fünfte und sechste Vorlesungsstunde einer grundlegenden »Kritik der Aufklärung«. Schlegel tritt hier, dies gilt es zu berücksichtigen, nicht oder doch zumindest nicht vorrangig als unbeteiligter Kunstwissenschaftler auf, dem es darum ginge, seinen Zuhörern einen möglichst objektiven Überblick über kulturelle und literarische Tendenzen der vergangenen Jahrzehnte zu geben. Schlegel ist als wichtiges Mitglied der frühromantischen Interessengemeinschaft ein beteiligter Akteur im Spiel um machtvolle Positionen innerhalb des literarischen Feldes und er betreibt Literaturpolitik. Was heißt das? Innerhalb des literarischen Feldes geht es immer auch darum, die Definitionsmacht darüber zu erlangen, was überhaupt als »Literatur« gelten soll und wer überhaupt ermächtigt ist, sich als Schriftsteller zu bezeichnen. Insofern entpuppt sich das literarische Feld, darauf verweist der französische Soziologe Pierre Bourdieu, als ein »Kampfplatz« mit eigenen Regeln, auf dem zuallererst und permanent von konkurrierenden Akteuren und Gruppen darum gestritten wird, was Literatur überhaupt ist (Bourdieu 2001, 379-445). Wer sich hier die Deutungsmacht erstreiten kann, erwirbt zugleich die Möglichkeit, gewichtige Positionen innerhalb des literarischen Feldes zu besetzen. Insofern wird man Schlegels Kritik an der Aufklärung auch als interessegeleiteten Versuch verstehen müssen, der Programmatik der eigenen Gruppe ein Profil zu geben und sie ins Gespräch zu bringen. Solche Positionierungsversuche haben eine bestimmte, strukturelle Logik. Sie leben von der Unterscheidung und von einem Überbietungsgestus, der mit ganz bestimmten Versprechungen einhergeht. Anders formuliert: Um Aufmerksamkeit wecken zu können, muss man deutlich machen, inwiefern sich das eigene Programm von konkurrierenden unterscheidet und inwiefern man bereits existierende Programme übertrifft. Das literarische Feld in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts verstärkt diesen Kampf um Aufmerksamkeit und erhöht mit der Konstitution eines literarischen Marktes den Inszenierungsdruck auf die Schriftsteller, ist doch für diesen Zeitraum eine immense »Verdichtung der Kommunikation« (Detlef Kremer) zu beobachten. Diese Verdichtung wird ermöglicht durch den Übergang des Buchhandels zu frühkapitalistischen Produktionsweisen, wodurch der Markt für Druckerzeugnisse enorm anwächst: Für den Zeitraum zwischen 1770 und 1800 geht man mittlerweile von einer Verzehnfachung der Buchproduktion und von einer Verdreifachung der Zahl der Buchhandlungen aus, die Zahl der neu erscheinenden Zeitschriften erreicht |18◄ ►19| 1790 in Deutschland mit 1225 Titeln einen Höchststand. Damit steigt aber auch die Zahl der Schriftsteller, die um ein zunehmend lesefähiges Publikum konkurrieren, in diesem Zeitraum enorm an.

Was bei August Wilhelm Schlegel unter dem Begriff »Aufklärung« firmiert, ist also selbst bereits eine interessegeleitete Reduktion und Selektion. Hauptgegner seiner Ausführungen ist mit Friedrich Nicolai ein Berliner Repräsentant der spätaufklärerischen deutschen Popularphilosophie, deren Kritik am frühromantischen Denken auch ausführlich mit Polemik bedacht wird:

Mehrere meiner Freunde und ich selbst haben den Anfang einer neuen Zeit auf mancherley Art, in Gedichten und in Prosa, im Ernst und im Scherz verkündigt […]. Das entsetzliche, gar nicht aufhörende Geschrey dawider von allen Seiten scheint doch zu verrathen, daß die Gegner unsre Behauptung nicht für so ungereimt halten als sie vorgeben, daß sie doch vielleicht heimlich fürchten, im ruhigen Besitz der Nichtigkeit durch jene verhaßten Anmuthungen gestört zu werden. (AWS I, 538)

Soviel zur polemischen Seite der Unterscheidung. Wer sich unterscheidbar machen will, muss aber auch zeigen können, was an dem, von dem er sich unterscheiden will und das er überbieten zu können vorgibt, falsch bzw. unzulänglich ist. Und er muss zumindest in groben Zügen das Profil des eigenen Programms umreißen. Was ist also nach A.W. Schlegel so falsch an der Aufklärung und was setzt er dagegen? Betrachtet man konkreter die Steine des Schlegel’schen Anstoßes, so zeigt seine Aufklärungskritik, die ganz in der Tradition von Schillers Kulturkritik steht, eine dreifache Stoßrichtung: Erstens kritisiert er ein auf bloße Nützlichkeit abzweckendes Denken, das er als Ausdruck eines defizitären Menschenbildes brandmarkt. Die aufklärerische Popularphilosophie ziele in ihrem Wahrheitsstreben lediglich auf »Brauchbarkeit und Anwendbarkeit«. Diese »ganze verkehrte Denkart«, der das »ökonomische Prinzip« zugrunde liege, ziele darauf, »das menschliche Dasein und die Welt rein wie ein Rechen-Exempel aufgehen« zu lassen. Die sich dergestalt aufgeklärt Dünkenden verfolgten »dabei als Unaufgeklärtheit die ursprüngliche Irrationalität, die ihnen überall im Wege ist«. (AWS I, 523f.) Was das aufklärerische Denken in Schlegels Augen also falsch macht, ist, dass es ausgehend von einem verkürzten Verstandesbegriff wesentliche Aspekte des menschlichen Daseins gar nicht erst in den Blick bekommt. Ein rein am Nutzenkalkül orientiertes Denken führt, so der Vorwurf, letztlich zu einem unangemessenen und naiven Bild des Menschen, zu einer defizitären Anthropologie. Das Nächtige im Menschen, |19◄ ►20| seine Furcht, seine Träume, seine Phantasie, so Schlegel, eben »das Dunkel, worin sich die Wurzel unseres Daseins verliert« und das »den Zauber des Lebens« ausmacht, könne wohl von der romantischen Poesie, nicht aber vom aufklärerischen Denken angemessen begriffen werden.

Zweitens kritisiert er den Typus des Philisters. Das ökonomische Prinzip führt nämlich nicht nur zu einer Verkürzung des menschlichen Denkens, sondern es zeitigt und formt auch einen ganz bestimmten Charaktertypus: den Philister (den man heute als »Spießer« bezeichnen würde). Die permanente Ausrichtung am Nützlichkeitskalkül, so Schlegel, veranlasst das aufklärerische Denken »alle Tugenden, die sich nicht der Brauchbarkeit für irdische Angelegenheiten fügen wollten, für Überspannung und Schwärmerei aus[zugeben]«. (AWS I, 528) Alle sollten

gleichermaßen in das Joch gewisser bürgerlicher Pflichten gespannt werden, in das Gewerbs- und Amts- und dann das Familienleben, […] um den Acker des Staates wie Zugvieh zu pflügen, und die Bevölkerung zu befördern. (AWS I, 528)

Das Resultat einer solchen konzertierten Eindämmung menschlicher Entfaltungsmöglichkeiten liegt auf der Hand: »Produziert« werden Menschen, die »nur wie Uhren für die täglichen Verrichtungen maschinenmäßig aufgewunden werden« (AWS I, 539). Die romantische Literatur ist stark bevölkert von solchen Philistertypen: von Wackenroders seltsamem, »nackten Heiligen«, der besinnungslos vor Angst sich in »immerwährender Arbeit anstrengt«, weil er beständig das Getöse des »rauschenden Rads der Zeit« vernimmt (in Wackenroders Ein wunderbares morgenländisches Märchen von einem nackten Heiligen) bis zu E.T.A. Hoffmanns Bier trinkenden Bürgerfiguren.

Drittens schließlich formuliert Schlegel eine Kritik der beginnenden Moderne als Kapitalismus-, Medien- und Kulturkritik. Deutlich spricht sich in seinen Ausführungen ein Unbehagen in der beginnenden Moderne und ihrer Kultur aus. Was seit Rousseau und Schiller gleichsam als kommentierendes und komplementäres Phänomen der Moderne zu beobachten ist, artikuliert sich auch bei Schlegel: eine Kritik, die den Preis, die Konsequenzen und die Folgeschäden in den Blick nimmt, die eine zunehmende Ausdifferenzierung, Ökonomisierung, Versachlichung und Rationalisierung der Lebensverhältnisse mit sich bringen, kurzum das, was Max Weber einmal als die »Entzauberung der Welt«, die zu einem »stahlharten Gehäuse« geworden sei, bezeichnet. Dem aufklärerischen Fortschrittsoptimismus, der sich auf seine naturwissenschaftlichen und technischen Errungenschaften stützt, setzt Schlegel die Dialektik (d.h. hier: das Umkippen in sein Gegenteil) dieses Fortschritts entgegen: |20◄ ►21|

Die Entdeckung der fremden Welttheile hat zwar bey den Nationen, von denen sie herrührte, den Portugiesen und Spaniern, eine große heroische Periode hervorgebracht, und sie auf eine Zeitlang zu Mittelpunkten Europäischer Bildung gemacht. Im Ganzen aber hat sie den Luxus unermeßlich gesteigert, und dadurch die Herrschaft der handelnden Nationen über die nicht handelnden, und wiederum in jenen durch die Fabriken-Industrie den Despotismus des Geldes, die Abhängigkeit der Armen von den Reichen aufs stärkste fixirt. Die Erfindung des Schießpulvers hat den ritterlichen Geist zerstört […] (AWS I, 533)

Globalisierungs- und Kapitalismuskritik avant la lettre also. Auch die Verlusterscheinungen, die die Erfindung des Schießpulvers und des Buchdrucks zeitigen, sind für Schlegel strukturell analog: Beide führen letztlich zu einem Verlust an Authentizität. So wie das Schießpulver den ritterlichen Kampf Mann gegen Mann und Aug’ in Aug’ unmöglich macht und somit letztlich die »Ehre«, jene »große Idee aus dem Mittelalter« untergräbt, so führt der Buchdruck, mithin die technische Reproduzierbarkeit des Schriftlichen, zu einem medial bedingten Authentizitätsverlust: Der »Zauber des lebendigen Vortrags«, die Ursprünglichkeit der mündlichen Kommunikationssituation wird untergraben durch die »Bequemlichkeit der todten Buchstabenmittheilung« (AWS I, 534), es dominiert das »einsame, ungesellige Lesen«, die Vielzahl des unnütz Geschriebenen und potenziell zu Lesenden führt zu einer Rezeptionshaltung, die

»durch die Leichtigkeit des Besitzes gegen das Vortrefflichste so gleichgültig geworden, daß sie meistens gar nicht mehr mit Andacht [hier lässt der Klosterbruder grüßen, G. K.], sondern bloß zu gedankenloser Zerstreuung lesen«. (AWS I, 535)

Letzteres ist natürlich gerade auch für die romantischen Produkte, die in ihrer Komplexität geradezu programmatisch eine langsame und wiederholte Lektüre einfordern, desaströs: Droht ihnen doch angesichts der Masse an leichter konsumierbaren Konkurrenzprodukten, der »Verdichtung der Kommunikation«, das notwendige Maß an Aufmerksamkeit erst gar nicht zuteil zu werden. Bei aller Kritik an »der« Aufklärung erscheint sie Schlegel jedoch als ein notwendiges Durchgangsstadium in einem triadischen Geschichtsschema, ein »Übergang, eine Vorbereitung« (AWS I, 538) in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Kultur; ein Stadium, hinter das – bei allem Lobpreis des Mittelalters – zwar nicht mehr zurückgegangen werden könne, das es aber nun zu überwinden gelte. Am Ende seiner Ausführungen steht dann das frühromantische Konkurrenzangebot zur »Wiederverzauberung« der zuvor beklagten Welt. Es ist vor allem die neue, romantische Poesie, die das »Beginnen |21◄ ►22| einer andern Zeit« (AWS I, 539) ankündige. Diese neue Zeit kündigt sich zwar in einer von Schlegel mit geradezu religiöser Inbrunst umschriebenen Kunst an – »[w]o man einmal das Göttliche gefunden, gebe man sich mit einer Art von Andacht hin, um sich ganz davon durchdringen zu lassen« (AWS I, 536) –, allerdings bleibt insgesamt doch recht vage, wie die Beschaffenheit der neuen, romantischen Kunst sei. Ein Blick auf die Überlegungen seines Bruders mag hier weiterhelfen.

Literaturpolitik und Programmatik II: Friedrich Schlegels 116. Athenäums-Fragment und Novalis’ »Romantisierungs«-Postulat

Vielfach gebraucht, vielleicht seltener hinreichend erläutert ist das Schlagwort von der »progressiven Universalpoesie«. Geprägt und ›entwickelt‹ von Friedrich Schlegel in seinem 116. Athenäums-Fragment, verdichtet sich in ihm – eben schlagwortartig – nicht nur Friedrich Schlegels Poetik, sondern auch weitestgehend das frühromantische Literaturverständnis. Einige Erläuterungen zum Athenäum seien hier vorgeschaltet.

Das Athenäum (1798-1800)

Von der sprunghaften Zunahme der Zeitschriften auf dem literarischen Markt im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts war bereits die Rede. Warum gründen Schriftsteller Zeitschriften? Nicht nur Schlegel, auch andere haben dies ja immer wieder getan: Man denke etwa an die diversen Projekte Schillers. Friedrich Schlegel selbst gibt auf diese Frage in einem Brief vom 31.10.1797, in dem er seinem Bruder den Gründungsplan zu einer Zeitschrift unterbreitet, eine halb ironische und doch zugleich auch erhellende Antwort:

Ein andrer großer Vortheil dieses Unternehmens würde wohl seyn, dass wir uns eine große Autorität in der Kritik machen, hinreichend, um nach 5-10 Jahren kritische Dictatoren Deutschlands zu seyn, die Allgemeine Litteratur-Zeitung zu Grunde richten, und eine kritische Zeitschrift zu geben, die keinen anderen Zweck hätte als Kritik. (FS 24, 31)

Natürlich zielt die Anspielung mit den »kritischen Dictatoren« auch ironisch auf das zum Zeitpunkt des Briefes noch nicht eingestellte, klassische Konkurrenzprojekt der Horen von Goethe und Schiller. Aber sehr schön zeigt der |22◄ ►23| Brief, worum es bei literarischen Zeitschriften auch immer geht: nämlich darum, Positionen innerhalb des literarischen Feldes zu besetzen, indem man der eigenen Stimme im Spiel um die Deutungshoheit darüber, was denn Literatur eigentlich sei, ein Forum verschafft, von dem aus sie gehört wird.

Freilich konnte das Athenäum – anders als die von Schlegel erwähnte Jenaer Allgemeine Literatturzeitung – in breiteren Kreisen keinen Anklang finden. Das Athenäum war von ähnlicher Kurzlebigkeit wie Schillers Horen. Im Mai 1798 erschien die erste Ausgabe, zwei Jahre, sechs Hefte und zwei Verleger später war schon wieder Schluss. Zu extravagant, zu (bewusst) uneinheitlich, zu polemisch sicherlich auch war das Profil der Zeitschrift, so dass sich die Festsetzung der Auflage auf 1.250 selbst für heutige Verhältnisse als geradezu gewagt ausnimmt. Zur Profilbildung der frühromantischen Bewegung hat die Zeitschrift gleichwohl beigetragen: Zum einen erschienen in den zwei Jahren ihres Bestehens in dem Organ einige Beiträge, die für die Selbstverständigung und die Außendarstellung der Frühromantiker bedeutsam waren: neben den Fragmenten Schlegels seine für die Literaturkritik und -wissenschaft Maßstäbe setzende Wilhelm Meister-Rezension, sein Gespräch über die Poesie, Novalis’ Sammlung Blüthenstaub und zum ersten Mal seine Hymnen an die Nacht. Zum anderen sorgte sie innerhalb des literarischen Feldes vor allem durch die Gegner, die sie sich schuf, für Aufmerksamkeit: Nicht zuletzt seitens der Berliner Spätaufklärung um Friedrich Nicolai sahen sich die Herausgeber wiederholt scharfen Angriffen ausgesetzt.

Das Fragment

Die Form des Fragments spielt vor allem für Schlegel eine gewichtige Rolle. Mit seinem Charakter des Unabgeschlossenen, Werdenden, das gleichwohl auf ein Ganzes verweist, mit seiner Gedankenführung, die zwar philosophisch ist, sich aber den philosophischen Normen der Systematik verweigert, indem sie an die Stelle der stringenten Argumentation und Beweisführung den »Witz«, d.h. die Fähigkeit zu überraschenden Analogiebildungen setzt, spiegelt das Fragment auf formaler Ebene einige von Schlegels Grundüberzeugungen zur romantischen Poesie, mithin zur progressiven Universalpoesie wider. Das Fragment erscheint als eine Textform, die es dem Denken ermöglicht, sich selbst beim Denken zuzuschauen – ich werde auf diesen Aspekt der Selbstreflexivität noch einmal zurückkommen. Als Bruchstück von etwas setzt das Fragment ein ehemaliges Ganzes voraus oder deutet auf ein zukünftiges Ganzes voraus. Lothar Pikulik (Frühromantik. Epoche – Werke – Wirkung. |23◄ ►24| 2. Aufl. München 2000, 127) findet dafür die prägnante Beschreibung: »Im retrospektiven Sinne ist das Fragment Relikt, im prospektiven Sinne ist es Projekt.« In dieser Einsicht in die Diskrepanz, in die Spannung zwischen endlicher Bruchstückhaftigkeit und angestrebtem, letztlich aber nicht zu erreichendem Ganzen, Unendlichen, auf das das Fragment ja auch verweist, manifestiert sich das, was als »romantische Ironie« bezeichnet wird. Gemeint ist damit eben die Einsicht in die Paradoxie von Universalanspruch und Unabschließbarkeit.

Das 116. Athenäum-Fragment und Novalis’ »Romantisierungs«-Postulat

Kommen wir zum Inhalt des 116. Athenäum-Fragments mit einem gelegentlichen Seitenblick auf Novalis’ »Romantisierungs«-Postulat. »Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie« (FS 2, 182), so heißt es sloganartig und prägnant gleich zu Beginn. Das klingt schön und gut. Aber was bedeutet es? Drei Aspekte sind es, die Schlegel zufolge die romantische Poesie vor allem kennzeichnen:

1. ihre Universalität; 2. ihre Transzendentalität; 3. ihre Progressivität.

1. Universalität: Damit meint Schlegel, dass die romantische Poesie durch den Anspruch gekennzeichnet ist, grenzüberschreitend zu sein. a) Die romantische Poesie überschreitet die traditionellen Grenzen zwischen den Gattungen und sie ist demzufolge befugt, Dramatisches mit Lyrischem und Epischem zu vermischen; »alle getrennten Gattungen«, so heißt es, werden »wieder« vereinigt (auch hier modelliert das dreistufige Geschichtsmodell das Denken: Etwas, das wieder vereinigt wird, muss irgendwann einmal bereits zusammen gewesen sein).

b) Die romantische Poesie überschreitet die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft, denn sie will »die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung […] setzen […], den Witz [d.h. hier: das Geistreiche, G.K.] poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen.«

c) Die romantische Poesie überschreitet schließlich die Grenzen zwischen Kunst und Leben, sie will »die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen«. (FS 2, 182)

Eine Kunst, die diesen Forderungen nach mehrfacher Grenzüberschreitung genügt, ist zugleich eine synthetische Macht, insofern es ihr gelingt, ganz unterschiedliche Elemente miteinander zu verbinden. Oder, wie Schlegel es formuliert: »Die romantische Poesie ist unter den Künsten |24◄ ►25| was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist.« (FS 2, 183) Diese Fähigkeit zur Synthese, die Fähigkeit, Heterogenes, Einfaches und Schwieriges, Bekanntes und Unbekanntes, Hohes und Niedriges zusammenzubringen (bei Schlegel heißt es »Kunstpoesie und Naturpoesie« und von «der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht« (FS 2, 182) ist die Rede), charakterisiert Novalis als Prozess des Romantisierens:

Die Welt muß romantisirt werden. […] Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnißvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisire ich es – Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche – dies wird durch diese Verknüpfung logarythmisiert – Es bekommt einen geläufigen Ausdruck. […] Lingua romana. (N II, 334)

2. Transzendentalität: Dieser Gedanke wird bei Schlegel so formuliert:

»Und doch kann auch sie [die romantische Poesie, G.K.] am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. (FS 2, 182f.)

Bei Novalis heißt es: »Romantisiren ist nichts, als eine qualit [ative] Potenzirung.« (N II, 334) Was beide hier im Blick haben, ist, dass die romantische Poesie gleichsam eine – wie es an anderer Stelle heißt – »Poesie der Poesie«, eine »Transzendentalpoesie« ist. Den Begriff des »Transzendentalen« entleiht Schlegel bei Immanuel Kant, bei dem mit dem Begriff eine Denkbewegung gemeint ist, die das Denken selbst zum Gegenstand des Denkens macht und nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt fragt. Transzendental wäre also jene Poesie, die sich auf sich selbst zurückbeugt und nach den Bedingungen ihrer Möglichkeit fragt; eine Poesie, die sich also nicht im Darstellen (im Erzählen von Geschichten) erschöpft, sondern die zugleich die Darstellung selbst, den Prozess des Darstellens (das Wie und/oder den Akt des Erzählens) zum Thema macht: z.B. ein Roman, der nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern der zugleich auch das Schreiben eines Romans selbst zum Thema macht. Die romantische Poesie ist eine solche, die die Poesie selbst noch einmal zum Objekt macht. Deshalb spricht Novalis auch von der qualitativen Potenzierung, die ja auch eine Operation darstellt, bei der eine Zahl sich selbst noch einmal zum Gegenstand werden kann, indem sie mit sich selbst |25◄ ►26| multipliziert wird (22 entspricht 2x2). Dieser Gedanke, dass die Poesie also Subjekt und Objekt, Darstellendes und Dargestelltes zugleich ist, wird in Schlegels Ausführungen auch auf grammatischer Ebene anschaulich, wenn die Poesie Subjekt und Objekt des Satzes zugleich ist: »Sie [d.i. die Poesie, G.K.] will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik […] bald mischen, bald verschmelzen […]« (FS 2, 182).

3. Progressivität: »Progressiv« enthält eine beschreibende und zugleich eine wertende Komponente, es meint »fortschreitend« und »fortschrittlich« zugleich. Letzteres versteht sich gleichsam von selbst. Denn dass Schlegel sein eigenes poetologisches Programm für fortschrittlich im Sinne von modern hält bzw. es so ausweist, liegt nicht zuletzt im Überbietungsgestus einer Programmatik begründet, die sich innerhalb des zunehmend von Konkurrenz gekennzeichneten, literarischen Feldes gegen ihre ›Gegner‹ (etwa aufklärerische Poetiken) durchsetzen muss. Insofern hat die das Fragment beschließende Versicherung Schlegels, »denn in einem gewissen Sinne ist oder soll alle Poesie romantisch sein«, fast etwas von der Androhung einer ›freundlichen Übernahme‹ potenziell aller rivalisierenden poetologischen Konzepte.

Was aber bedeutet fortschreitend? Wie ist es zu verstehen, wenn Schlegel insistiert, die »romantische Dichtart« sei »noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann« (FS 2, 183)? Die Rede vom »ewigen Werden« wird verständlicher, wenn man den Blick über den je einzelnen (romantischen) Text hinaus erweitert. Dann könnten mit Progressivität u.a. folgende Aspekte gemeint sein:

a) Die romantische Dichtart folgt keinen spezifischen Regeln, weil sie, wie Schlegel betont, »als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide« (ebd.). Insofern sie also vornehmlich an die Subjektivität und die Phantasie ihres jeweiligen Verfassers gekoppelt ist, befindet sich die romantische Dichtart – zumindest der Möglichkeit nach – in einem Zustand der permanenten, eben von den jeweiligen schreibenden Subjekten allein abhängigen Entwicklung. Insofern, als außerkünstlerische Aspekte ihre Entwicklung deshalb auch nicht beeinflussen können, ist sie autonom (im wahrsten Sinne des Wortes, heißt »autonom« doch so viel wie »selbstgesetzgebend«). Das ist natürlich alter Wein in neuen Schläuchen, bedient sich Schlegel hier doch bei einer Genieästhetik, die seit dem Sturm und Drang geläufig ist. Die Absage an regelpoetische Vorstellungen und das Loblied der Phantasie bedeuten wiederum nicht, dass die romantische Poesie – ihrer Form nach – völlig willkürlich ist. Zwar duldet sie keine Verordnungen von außen, |26◄ ►27| in sich selbst soll sie allerdings auf so etwas wie »organische Ganzheit« hin angelegt sein: »indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird« (ebd.)

b) Die romantische Dichtart ist an keine bestimmte Epoche gebunden, weder im Rück-, noch im Vorausblick: Das schafft ihr die Möglichkeit, sich selbst im literaturgeschichtlichen Rückgriff eine eigene Tradition zu erfinden (Schlegel nennt an anderer Stelle etwa Dante, Petrarca, Cervantes, Shakespeare oder Goethe als Vorläufer der romantischen Poesie) und ermöglicht für die Zukunft eine prinzipiell unendliche Bestandsgarantie qua umfassendem Eingemeindungsangebot. Denn zumindest potenziell kann ja alles romantisch sein oder es zumindest werden.

c) Die romantische Dichtart ist fortschreitend in dem Sinne, dass einzelne Texte immer wieder auch auf andere Texte reagieren, sich auf andere Texte beziehen (kritisch oder sie fortschreibend): So erscheint die romantische Dichtart als fortschreitendes, prinzipiell unabschließbares Gespräch zwischen den Texten. Was Schlegel hier mit Blick auf die romantische Literatur fordert, bezeichnet die heutige Literaturwissenschaft als die Intertextualität von Literatur.

d) Gemeint sein könnte indes auch der rezeptionsästhetische Aspekt, der aus jedem Text beim Lesen und beim Darüber-Schreiben wieder einen anderen Text werden lässt. Auch dieser Prozess ist ja prinzipiell unabschließbar. Und auch bei Novalis heißt es ganz in diesem Sinne: »Der wahre Leser muß der erweiterte Autor seyn.« (N II, 282)

Wie eine solche, von Schlegel hier nur fragmentarisch skizzierte Literatur tatsächlich aussieht, das lässt sich wohl nirgends besser studieren, als an den Texten Ludwig Tiecks und an den frühromantischen Romanexperimenten. Darum soll es in den folgenden beiden Kapiteln gehen.

Weiterführende Literatur

Frank, Manfred: Einführung in die frühromantische Ästhetik. Vorlesungen. Frankfurt/M. 1989

Pikulik, Lothar: Frühromantik. 2. Aufl. München 2000, S. 87-167

Schanze, Helmut (Hrsg.): Romantik-Handbuch. 2. durchges. u. aktualisierte Aufl. Stuttgart 2003

Бесплатный фрагмент закончился.

1 076,90 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
181 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783846333150
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги