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Gerda und Rüdiger Maschwitz

Spirituelle

Sterbebegleitung

• Umgang mit Sterben, Tod und Abschied

• Heilsame Rituale und Gebete

• Erfahrungsberichte aus Familie, Beruf und Ehrenamt

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Rüdiger Maschwitz?

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Gerda und Rüdiger Maschwitz

Spirituelle Sterbebegleitung

• Umgang mit Sterben, Tod und Abschied

• Heilsame Rituale und Gebete

• Erfahrungsberichte aus Familie, Beruf und Ehrenamt

E-Book (epub ): ISBN 978-3-86374-094-8

(Druckausgabe: ISBN 978-3-86374-092-4, 1. Auflage 2013)

1. Auflage März 2013

Mankau Verlag GmbH

Postfach 13 22, D-82413 Murnau a. Staffelsee

Im Netz: www.mankau-verlag.de

Internetforum: www.mankau-verlag.de/forum

Lektorat: Josef K. Pöllath, Dachau

Endkorrektorat: Dr. Thomas Wolf, MetaLexis

Gestaltung Umschlag: Andrea Barth, Guter Punkt GmbH & Co. KG, München

Typografie und Satz: Catherine Avak, München

Umschlagabbildung: © Elena Ray / shutterstock

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Hinweis für die Leser :

Die Autoren haben bei der Erstellung dieses Buches Informationen und Ratschläge mit Sorgfalt recherchiert und geprüft, dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Verlag und Autoren können keinerlei Haftung für etwaige Schäden oder Nachteile übernehmen, die sich aus der praktischen Umsetzung der in diesem Buch vorgestellten Hinweise und Ratschläge ergeben.

»Sterbende brauchen keinen Rat, keine Ermahnung, vielleicht nicht einmal ein tröstendes Wort. Sie brauchen nur unsere Präsenz, unser Ausharren, vielleicht unsere Hand, gewiss unser stilles Gebet. Wenn es nur viele Angehörige von Sterbenden wüssten, wie wenig notwendig ist, um Sterbenden nahe zu sein, anstatt vor ihnen zu fliehen, aber wie wichtig gerade dieses wenige ist.«

Günther Schulz /Jürgen Ziemer

Inhalt

Leben, um zu sterben – sterben, um zu leben

Die Herrin des Todes und ihr Patensohn

Sterben ist einmalig

Wann beginnt das Sterben?

Einmal noch will ich den Sonnenaufgang fangen

Medizinisch das Sterben begleiten

Medizinische Erkenntnisse der letzten Jahre zum Sterben

Das medizinische Wissen heute

Am Anfang des Sterbens

Der Prozess des Sterbens

Rechtliche und ethische Probleme am Lebensende

Zur Palliativmedizin

Sterbehilfe

Wann beginnt Sterbebegleitung? Wie lange dauert sie?

Überlegungen nach dem Bericht über die Begleitung von O.

Phasen des Sterbens

Würden Sie einen Sterbenden begleiten?

Die Aufgabe, einen Sterbenden zu begleiten

Wer bestimmt die Art und Weise der Begleitung?

Was mache ich, wenn ich um Begleitung gebeten werde und eigentlich gar nicht will?

Welche Kompetenz ist für die Begleitung notwendig?

Wie viel Wahrheit braucht und verträgt der Sterbende?

Begleitung bei Konflikten

Spirituelle Begleitung – was ist das?

Sterbebegleitung ist spirituelle Begleitung

Tod und Leben – eine der religiösen Grundfragen

Spirituelle Begleitung als geistliche Begleitung

Gott ist ein begleitender Gott

Höllische und heilsame Urbilder

Spirituelle Sterbebegleitung und christliche Tradition

Begleitung als spiritueller Erfahrungsweg

Was können wir tun?

Für den Begleiter und die Begleiterin

Einübung in die Kunst des Sterbens

Annäherung

Friedvolles Sterben

Schritte eines möglichen Sterbeprozesses

Phasen des Sterbe- und Werdeprozesses

Betrachtungen zu den einzelnen Sterbephasen

Der Weg zum Tor der Geburt

Rituale und Übungen – Was wir tun können

»Nimm alles von mir, was mich hindert – zu leben und zu sterben!«

»Gib alles mir, was mich fördert zu Dir – zum Leben und zum Sterben«

»Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir«

Ich sage Ja und Amen

Für und mit dem Begleiteten

» Sieh mich! Würdige mich! Lass mich! «

Kraftvolle Zeichen im Übergang, besonders in der katholischen Tradition

Orte und Möglichkeiten der Begleitung

Im Krankenhaus

Tätigkeitsfelder und Kompetenzen der Krankenhausseelsorge

Palliativarbeit

Palliativmedizin und Begleitung

Die Hospizarbeit

Was ist ein Hospiz?

Geschichte der Hospizarbeit

Fragen zur Hospizarbeit

Rituale: Ein Mensch verstirbt – Angebote im stationären Hospiz

Erfahrungen in der Begleitung im Hospiz – Spiritualität in der Sterbebegleitung

Begleitungen und Erfahrungen im Hospiz

Begleitung im Hospiz mit Zen- bzw. buddhistischer Prägung

Begleitung in und durch die Familie

Erfahrungen: Wenn ich an das Sterben meiner Eltern denke. . .

Bericht über eine Begleitung im häuslichen Umfeld

Besondere Begleitungssituationen

Demenz – das Krankheitsbild

Beginnende Demenz

Sterbebegleitung, bei der keine Sterbebegleitung möglich war

Imagination – nach einer nicht möglichen Sterbebegleitung

Imagination des Abschiedes

Sterbebegleitung, Beerdigung und Trauer begleitung

Sterbe- und Trauerbegleitung

Sterbebegleitung und Beerdigung

Sonderfälle der Begleitung und Anregungen

Begleitung im Frühherbst

Meine erste Sterbebegleitung – Erfahrungsbericht

Nicht den Humor verlieren

Nach-Ruf

Anhang

Ausgewählte Literatur

Autorinnen und Autoren

Quellenvermerk

Stichwortverzeichnis

Hinweis

Der besseren Lesbarkeit

halber haben wir immer

nur ein grammatikalisches

Geschlecht verwendet –

also der Seelsorger oder

die Begleiterin –, um solch

mühsame Barrieren, wie zum

Beispiel der Seelsorger/die

Seelsorgerin verabschiedet sich

von seinen/ihren Kollegen/

Kolleginnen zu vermeiden.

Selbstverständlich ist immer

das andere Geschlecht mit

gemeint. Wir hoffen, Sie

haben dafür Verständnis,

denn es gehtschließlich nicht

um einen Gesetzestext oder

eine politische Verlautbarung.


Leben, um zu sterben – sterben, um zu leben

Alles auf der Erde hat seine Zeit,

geboren werden und sterben.

Prediger Salomo 3

Die Auseinandersetzungen mit dem Sterben und dem Tod begleitet uns seit vielen Jahrzehnten, sowohl aus privaten als auch aus beruflichen Gründen.

Nach vielen Beerdigungen, die Rüdiger in seiner Zeit als Gemeindepfarrer gestaltet und verantwortet hat, geriet in dieser Zeit langsam die Sterbebegleitung wieder in den Blickpunkt der Menschen. Anfang der achtziger Jahre erlebten wir Elisabeth Kübler-Ross bei einem Seminar in Lahnstein. Mir (Rüdiger) erging es ähnlich wie Michael de Ridder es in seinem Buch »Wie wollen wir sterben?« beschreibt. Am meisten irritierte mich die Information über die unterschiedliche medizinische und besonders medikamentöse Behandlung der Sterbenden in Deutschland. Ich recherchierte weiter und schrieb dazu einen kleinen Artikel im Gemeindebrief, der eine für ein solches Medium erstaunliche Resonanz erzeugte. Sterbebegleitung geschah in der pfarramtlichen Praxis damals eher selten. Sie erfolgte auf Anfrage und durch Mundpropaganda.

So sprach es sich schnell herum, dass der Pfarrer bereit sei, sich an das Bett eines sterbenden Menschen zu setzen. Die meisten Gespräche über das Sterben geschahen allerdings nebenbei, zum Beispiel bei Geburtstags- oder Hausbesuchen. Manche dieser Besuche sind mir nachdrücklich in Erinnerung. Sie zeigen die Schwierigkeit, über das Sterben zu reden. Ein Beispiel, das andere in ähnlicher Weise erlebt haben, ist symptomatisch für die damalige Einstellung zum Sterben.

Ich besuchte des Öfteren ein älteres Ehepaar. Bei einem Besuch, als der Ehemann auf die Toilette ging, teilte mir die Ehefrau leise mit, dass ihr Mann sterbenskrank sei und nur noch einige Wochen zu leben habe. Sie wollte ihrem Mann aber nichts verraten. Sie hatte die Aussage ihres Arztes so gedeutet: »Es ist besser, wenn ihr Mann nichts weiß.« Als die Frau kurz darauf in der Küche einen Tee bereitete, informierte mich der Mann flüsternd: »Ich bin sterbenskrank, aber meine Frau weiß nichts davon. Sie soll es auch nicht erfahren, sie macht sich sonst zu viele Sorgen.« Er hatte seinen Arzt so verstanden, dass es besser sei, seine Frau nicht zu informieren.

Ich saß da nun zwischen Hilflosigkeit, Ohnmacht und dem inneren Gefühl: »Das darf doch nicht wahr sein!« Ich hatte die Bitte beider im Ohr, dass ich den anderen nicht informieren sollte. Damit ging ich nach Hause. Die Supervision war noch in den Kinderschuhen und der Rat der Kollegen auch nicht hilfreich. Er schwankte zwischen dem Hinweis auf das Beichtgeheimnis und eigener Hilflosigkeit. So entschied ich mich zu einem zweiten Besuch. Ich wurde herzlich empfangen, und beide strahlten mich an. Ich weiß nicht, wer es zuerst sagte: »Wir haben uns miteinander ausgetauscht. Ihr Gesicht signalisierte uns, dass wir miteinander reden müssen.« Ich war erleichtert und erkannte, dass man auch ohne Worte das Wichtige und Richtige vermitteln kann. Bei der späteren Beerdigung nahm ich diese beiden Besuche in der Predigt auf, und dies erwies sich als eine hilfreiche Trauerbegleitung.

Eindrücklich war auch, dass die Lebensqualität der gemeinsamen Zeit (die doppelt so lang war wie der Arzt vermutete) einzigartig war. Beide tauschten sich über ihre gemeinsame Zeit und auch über ihre Ängste und Sorgen aus. Es geschah Abschied, es gab Schmerz und Traurigkeit – aber noch mehr Dankbarkeit.

Heute würde ich wahrscheinlich anders reagieren und bereits beim ersten Gespräch behutsam die Hinweise der beiden Ehepartner aufnehmen und thematisieren. Und ich würde so lange bleiben, bis ein Verständnis und ein Akzeptieren (einigermaßen) möglich wäre. Was besser wäre? Ich weiß es nicht; denn hier gilt: Alles hat seine Zeit!

Dieses Beispiel, in dem es um die Endphase im Leben eines Menschen ging, macht deutlich, dass es ein Leben vor dem Sterben und erst recht vor dem Tod gibt.

Wer die Chance hat, bewusst zu sterben, wird im Sterben leben. Wer lebt, ohne das Sterben mit in das Leben einzubeziehen, der stirbt schon im Leben.

Die Herrin des Todes und ihr Patensohn

Ein Märchen

In welchem Verhältnis stehen Leben und Sterben – Sterben und Leben zueinander? Eine sehr anschauliche Antwort darauf gibt das Märchen von der Herrin des Todes. Das Märchen ist eine Variante oder vielleicht sogar die Ursprungsversion von »Gevatter Tod« der Brüder Grimm.

Die Herrin des Todes und ihr Patensohn

Es war einmal ein armer Mann, der hatte zwölf Kinder. Es bereitete ihm große Mühe, sie alle zu ernähren. Nun gebar ihm seine Frau ein dreizehntes Kind, ein Knäblein.

Darüber war er voller Gram und Sorgen. Traurig ging er seines Weges und wusste nicht ein noch aus. Da begegnete ihm auf einmal eine hohe schöne Frau. Es war die Herrin des Todes. Diese fragte ihn: »Warum, mein Freund, bist du so traurig?«

»Ach, warum sollte ich nicht traurig sein, ich suche einen Paten oder eine Patin für mein neugeborenes Kind. Du musst wissen, ich hab noch zwölf Kinder und kann sie kaum ernähren. Wer kümmert sich nun um dieses, was soll aus ihm werden?«

Die edle Frau antwortete ihm: »Tröste dich, ich will die Patin dieses Knaben sein.«

So geschah es. Die Herrin des Todes hielt jenes Kind über die Taufe. Als der Knabe herangewachsen war, ließ die Patin ihn die Heilkunst lernen, denn er war ein kluger und geschickter Jüngling. Dazu schenkte sie ihm die Gabe, der beste aller Ärzte zu sein. Als er seinen ersten Kranken besuchte, sprach die Herrin des Todes zu ihm: »Mein Sohn, ich möchte dir nun ein Geheimnis anvertrauen: Immer wenn du an ein Krankenlager gerufen wirst, werde ich bei dir sein. Niemand außer dir aber wird mich sehen können. Wenn ich am Kopfende des Bettes stehe, so wird der Kranke nicht genesen. Siehst du mich aber am Fußende stehen, so wird der Kranke gesund, so schwer sein Leiden auch sein mag.«

Auf diese Weise gelangte der junge Arzt bald zu höchstem Ruhm. Er konnte alle Kranken heilen, von denen er sprach, dass sie gesund werden würden.

Eines Tages wurde die Tochter des Königs schwer krank. Der König, der von dem großen Ruf des jungen Arztes gehört hatte, ließ ihn herbeiholen. Er sprach zu ihm: »Wenn es dir gelingt, meine Tochter zu heilen, so sollst du sie zur Frau bekommen.«

Der junge Arzt wurde in das Gemach der Königstochter geführt. Als er an ihrem Krankenbett stand, war er ergriffen von ihrer großen Schönheit und gewann sie sogleich lieb. Aber er sah, dass die Herrin des Todes zu Häupten der schönen Prinzessin stand. Da wusste er sich keinen Rat. Lange dachte er nach, wie da zu helfen wäre. Endlich kam ihm der rettende Gedanke: Er ließ vier starke Männer kommen, und diese mussten das Bett mit der Prinzessin drehen, sodass die Herrin des Todes nun zu den Füßen stand.

So kam es, dass die Königstochter wieder zu Kräften kam und gesund wurde. Wie er es versprochen hatte, gab der König seine Tochter dem jungen Arzt zur Frau. Noch dazu überhäufte er ihn mit Schätzen. Das Paar lebte sehr glücklich.

Die Herrin des Todes aber, die getäuscht worden war, ließ ihren Patensohn zu sich rufen und nahm ihn mit in ihr unterirdisches Gewölbe. Dort, in jenem Gewölbe befinden sich die Lebenslichter aller Menschen. Der junge Arzt sah all die brennenden Kerzen. Die Herrin des Todes sprach: »Ich verzeih dir, denn es war die Liebe, die dich bewog, mich zu überlisten. Aber wenn du es noch einmal wagst, so werde ich dich wieder in mein Reich unter der Erde mitnehmen, dieses Mal aber wirst du dann sterben.«

Lange Jahre lebte der Arzt glücklich an der Seite der schönen Königstochter. Eines Tages aber wurde der König schwer krank. Er ließ seinen Schwiegersohn, den Arzt, kommen. Dieser sah, dass die Herrin des Todes am Kopfende des Lagers stand. Weil er aber seinen Schwiegervater retten wollte, achtete er die Worte seiner Patin nicht und ließ das Bett in gleicher Weise drehen, wie er es einst bei seiner Frau getan hatte. Da genas der König und gab dem Arzt die höchsten Ehren.

Die Herrin des Todes aber holte ihren Patensohn noch am selben Tage ab und führte ihn in ihr unterirdisches Reich. Sie sprach zu ihm: »Du hast dein Versprechen nicht gehalten und hast meine Güte missbraucht. Siehst du die Kerze, die fast abgebrannt ist? Dies ist dein Lebenslicht.«

Im selben Augenblick flackerte die Kerze ein letztes Mal auf und erlosch. Da musste der Arzt sterben. Wenn er auch reich und mächtig war, wenn er auch der Patensohn der Herrin des Todes war, so half ihm das doch alles nichts. Und so nimmt die Herrin des Todes alle Menschen zu sich, bis auf den heutigen Tag.

Übersetzt von Sigrid Früh

Bei diesem Märchen gibt es einige Veränderungen gegenüber der Version der Brüder Grimm. Die wichtigste wird schon in der Überschrift deutlich: Der Tod ist eine Frau. Dies nimmt dem Tod den Aspekt der männlichen Macht. Die Frau strahlt mütterliche Geborgenheit aus, aber auch sie verändert die letzten Spielregeln des Lebens nicht. Der Tod kommt. Für unseren Zusammenhang verdeutlicht das Märchen vier Aspekte:

Wer den Tod anschaut, wird leben

Das Patenkind erkennt genau, wer sterben muss und wer leben kann. Steht der Tod am Fußende des Bettes, und der Patient sieht ihn an, wird der Kranke leben. Wer den Tod nicht anschaut (der Tod steht schon hinter dem Menschen – welch Doppelsinnigkeit), wird sterben. Das Hinschauen des Menschen, das Betrachten des Todes verhilft zum Leben. Dieses Märchen enthält also die Einladung, im Leben dem Tod gegenüberzutreten. Wir leben oft so, als ob der Tod nicht existiere. Er wird verdrängt oder aus dem Leben ausgeklammert. In Wirklichkeit steht er – wie im Märchen – schon lange bei uns.

Wer liebt, kann die Bedingungen (manchmal) verändern

Das Patenkind dreht bei seiner großen Liebe das Bett um. Der Tod kann nun angeschaut werden. Auch hier ist spannend, dass der Mensch gesund wird und leben kann, wenn er dem Tod ins Gesicht sieht. Die Sterbebegleitung, die das Patenkind der Herrin des Todes (also der Arzt) übernimmt, konfrontiert den geliebten Menschen mit dem Tod, und dies wirkt sich heilsam aus. Wenn wir diese Situation einmal übertragen, bedeutet dies, dass wir auch geliebten Menschen das Wissen über Sterben und Tod zumuten dürfen und sollen. Die Liebe vertraut, hofft und verändert.

Der Begleitende lernt, den Tod wahrzunehmen

Was in diesem Märchen geschieht, erachten wir vielleicht als selbstverständlich. Das Patenkind, sprich der Arzt, muss den Menschen anschauen und den Tod wahrnehmen. Beides will gelernt und gewagt werden. In unserem Alltag ist dies keine durchgehende, allerdings eine mögliche Praxis. Mir ist es oft so gegangen, dass ich den Tod im Zimmer antraf. Dies war kein Sehen des Todes am Bett, sondern ein Wahrnehmen des Todes in Raum und Zeit, sprich im Gesicht des Menschen oder in der entsprechenden Atmosphäre im Raum. Viele Ärzte, viele Krankenschwestern, viele Begleiterinnen im Hospiz können von ähnlichen Erfahrungen berichten. Der Tod hat seine eigene Atmosphäre. Als meine Mutter starb, wies uns eine vertraute Schwester mit ihrer Kompetenz und ihrer Erfahrung auf den nahen Tod hin. Und sie hatte Recht. Uns half dies im Abschied.

Kein Mensch kann dem Tod entkommen

Der Tod lässt sich nicht austricksen. Weder mit Geld für die beste medizinische Behandlung noch mit Frömmigkeit, die alles tut was Gott vermeintlich will, noch mit der Verpflichtung gegenüber anderen Menschen. Der Patensohn fühlte sich vielleicht dem König verpflichtet, vielleicht war er ihm auch innerlich sehr verbunden und dankbar. Er wollte ihn vor dem Tod bewahren, er wollte ihn nicht gehen lassen und konnte ihn nicht freigegeben. Vielleicht wollte er auch seiner Frau einen Gefallen tun. Wer weiß? Aber der Tod kommt, unweigerlich, und erreicht jeden.


Sterben ist einmalig

Es gibt zwei Fragen, die zum Sterben immer wieder gestellt werden: Wie ist das Sterben? Wie wird mein Sterben sein? Die beiden Fragen sind ähnlich und werden von Menschen jeden Alters gestellt. Natürlich spitzen sich diese beiden Fragen in einer akuten Situation zu. Doch es gibt dazu nur eine Antwort: Sterben ist einmalig, ganz im Sinne des Wortes. Jeder Mensch stirbt einmal. Darüber hinaus ist jedes Sterben eines Menschen in seiner Art und Weise einmalig. Jedes Sterben ist einzigartig. Manchmal ähnelt sich etwas, im Grunde genommen lässt sich aber keine Art und Weise des Sterbens vorhersagen. Ich habe Menschen erlebt, da dachte ich, sie sterben in Frieden und völliger Gelassenheit, und dann war es ein schweres Sterben voller Kampf und Festhalten. Bei anderen Menschen erwartete ich eher diesen Kampf, und sie starben in Frieden und tiefer Stille.

Diese Erfahrung »Sterben ist einmalig und höchst individuell« gilt ganz unabhängig vom Glauben und vom Vertrauen zu Gott; sie gilt unabhängig von einer langen Meditationspraxis, und erst recht ist sie unabhängig von jedem Alter.

Dabei ist es wichtig, das eigentliche Sterben von den Sterbemöglichkeiten, die es im Leben immer wieder geben kann, zu unterscheiden. So können schwere Verletzungen durch Unfälle, Krankheiten wie Herzinfarkte, schwere Lungenentzündungen, Folgen von Thrombosen und Ähnliches mehr an den Rand des Todes führen. Dank der Fortschritte in der Medizin, aber auch aufgrund der inneren Kraft des vom Tode Bedrohten kann sich dies aber auch noch einmal wenden und der Mensch ins Leben zurückfinden.

So haben wir es erfahren, als meine Mutter nach einem Unfall im Sterben lag (→ Seite 46 ff.). Als wir bei ihr im Krankenhaus waren, rüttelte eine der Enkelinnen ganz erschüttert und heftig an ihrem Bett und rief: »Du darfst noch nicht sterben, du musst doch bei meinem Fest dabei sein.« Die Botschaft erreichte sie. Sie war mit einem Schlag hellwach und schaute ihre Familie an. Gegen alle Wahrscheinlichkeit gesundete sie. Von dieser Frau gibt es noch einen zweiten Bericht. Ein halbes Jahr bevor sie in aller Stille und in tiefem Frieden wirklich starb, drohte sie zu ersticken. Sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert, und der leitende Chefarzt sagte auf Lateinisch etwas über ihren Zustand.

Vielleicht gebrauchte er das Wort »prämortal«. Die alte Frau konnte Latein, hörte dieses Wort und verstand es anscheinend. Sie zuckte zusammen und machte die Augen auf. Sie erholte sich, stand später wieder auf und lebte noch ein halbes Jahr.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass nicht jeder Sterbeprozess zum Tod führt. Menschen können Sterbeerfahrungen machen und dabei nicht sterben. Manche von ihnen haben in eindrucksvollen Berichten ihre Nahtod-Erfahrungen geschildert (Moody). Sie wussten danach etwas über den Sterbeprozess und konnten es mitteilen, aber über ihr letztes Sterben und den Tod sagte es nichts aus. Sterben ist und bleibt einmalig.

Wann beginnt das Sterben?

Eine weitere Frage, die immer wieder gestellt wird, lautet: »Wann beginnt das Sterben?« Meist ist damit auch eine Altersfrage verbunden: »In welchem Alter beginnt das Sterben?« Manchmal ist auch gemeint: »Kann man erkennen, wann bei einem Menschen der eigentliche Sterbeprozess einsetzt?« Dieser Frage gehen wir weiter unten nach.

Oft steht hinter der Frage: »Wann beginnt das Sterben?«, die Hoffnung, dass man das Leben von dem Sterben abgrenzen kann. Dahinter steht die Erfahrung, dass viele Menschen sich ab Mitte 50 und ab Anfang 60 mit dem Älterwerden beschäftigen. Wer akzeptiert, dass er älter geworden ist, wird sich meist auch mit dem Tod auseinandersetzen oder, als gegenteilige Möglichkeit, versuchen, ihn aus dem Leben herauszuhalten. Dann begegnen uns ältere Menschen, die in Kleidung und Styling nicht älter werden wollen. Die alte Spruch: »Von hinten Lyzeum (Schule), von vorne Museum«, trifft in vielen Fällen zu. Der Mensch will nicht älter werden, um nicht zu sterben.

Dabei beginnt das Sterben eigentlich schon vor der Geburt (→ Seite 28 ff.). Mit dem Geborenwerden gehen wir stetig auf den Tod zu. Das gilt für uns alle und ganz allgemein. Aber auch konkret kann uns der Tod jederzeit treffen. Viele Menschen haben Angst, nicht alt zu werden, etwas vom Leben zu verpassen. Dabei kann die Angst so lähmen, dass sie das Leben heute wirklich verpassen. Wer sich bewusst ist, dass allein durch unsere Umwelt, durch die Teilnahme am Straßenverkehr oder durch andere äußere und innere Faktoren der Tod jederzeit möglich ist, lernt den Tag schätzen. Die Zahl der Tage oder Jahre sagt nichts aus über unsere Lebensqualität.

Dag Hammarskjöld sagt in seinem Tagebuch: »Noch einige Jahre, und dann? Das Leben hat nur Wert durch seinen Inhalt – für andere. Mein Leben ohne Wert für andere ist schlimmer als der Tod.«

Trotzdem trifft es uns immer wieder besonders, wenn ein Mensch vor der Zeit gehen muss, vor allem wenn es noch ein Kind ist. Doch auch hier liegt der Wert des Lebens nicht in den gelebten Jahren. Natürlich muss ein Kind nicht wissen, dass es sterben kann. Es drängt nach außen und will die Welt erkunden, sich seinen Platz suchen, sich entwickeln und sich die Zukunft vorstellen. Dies ist die eine Seite. Auf der anderen Seite aber sind Kinder schrecklich realistisch. Meine Erfahrungen mit todkranken Kindern zeigen, dass die Kinder – egal wie die Eltern sich verhielten – von ihrem nahen Tod wussten.

Eine Geschichte beschreibt dies:

Einmal noch will ich den Sonnenaufgang fangen

Werner war zehn Jahre alt. Er hatte Krebs. Schon ein paar Mal war er für mehrere Wochen in der Klinik gewesen. Er bekam Spritzen, ihm fielen die Haare aus, er hatte Schmerzen, Angst und Hoffnung. Er fühlte sich allein, auch wenn er von seinen Eltern Besuch hatte.

Er hörte den Ärzten zu, wenn sie ihm erzählten, was sie tun wollten. Er tat nichts, was er nicht tun sollte. Schon lang spielte er nicht mehr Fußball, dabei war er vor einem halben Jahr noch der beste Stürmer seiner Mannschaft gewesen. Er wollte gesund werden und fühlte sich immer schwächer. Seine Ärztin tröstete ihn: »Halte durch, wir können es schaffen!« Aus seiner Klasse kamen ihn hin und wieder Kinder besuchen. Manche Kinder durften auch nicht kommen, sie sollten das Elend nicht sehen. »Ich bin kein Elend«, dachte Werner dann, manchmal wurde er richtig wütend. Seit gestern war er wieder in der Klinik. »Die Werte waren nicht gut«, hatten sie gesagt.

Er wollte raus hier, nur ein bisschen spazieren gehen. Leise verließ er das Krankenhaus, er kannte sich aus. Er hatte sein ganzes Geld dabei. Niemand achtete am Hinterausgang des Kinderkrankenhauses auf den Jungen. Still und leise verschwand er. Er lief die Straße entlang und stieg in den Bus, der gerade ankam. Werner sah alles an sich vorbeiziehen . . . So sah er den Bahnhof und stieg aus.

Jetzt wusste er, was er wirklich wollte: Er wollte das Meer sehen, den Sonnenuntergang am Meer. Zu Opa wollte er reisen und allein ans Meer gehen. Es war toll dort. Langsam ging abends rot die Sonne unter, bis sie am nächsten Morgen wieder aufging. Noch nie war er so lang wach geblieben, er wollte jetzt die ganze dunkle Nacht wachen und dem Mond zusehen.

Am Schalter holte er eine Viertel-Kinderkarte, wer noch zwei Schwestern hat, reist billiger. Sein Geld reichte. »Einmal Grömitz – erst Zug – dann Bus«, hatte er gesagt.

Der Beamte lächelte: »Du weißt ja Bescheid. Fährst du ganz allein?« Werner zögerte nicht: »Nein! Ich wollte nur die Karte selbst kaufen.« Und leise sagte er: »Können Sie mir den Bahnsteig und den nächsten durchgehenden Zug sagen, dann weiß ich genauso viel wie die anderen?«

Wie zwei Verschwörer tauschten sich die beiden aus. Werner ergatterte einen Fensterplatz und ließ die Landschaft an sich vorüberziehen. Es reichte gerade noch für den letzten Bus nach Grömitz.

Die Fahrerin weckte den Jungen an der letzten Station: »Sag mal, wer holt dich denn ab?«

Werner erschrak und stotterte: »Mein Opa – Telefon 7890.« Die Fahrerin benachrichtigte die Zentrale per Funk. Sie nahm den Jungen – so groß er schon war – in den Arm und wartete. Opa kam allein. Das war gut. Opa war schon alt, bald 70 Jahre, aber er war stark wie ein Bär.

Werner sah klein aus in seinen Armen, und die Arme waren fest und sicher. »Junge, was machst du denn allein hier?«, hörte Werner jemand sagen. Die Stimme war leise und brüchig. Werner staunte und sah Großvater an: »Ich wollte den Sonnenuntergang an deinem Meer sehen – einmal noch – auf unserem Platz. Und den Sonnenaufgang will ich fangen – ganz allein.«

Opa schaute Werner in die Augen, und Werner sah in Opas Augen Tränen. Werner drückte sich fest an ihn: »Du musst nicht um mich weinen, ich lebe noch ewig.«

Opa atmete tief aus.

Werner sah den feinen Atemhauch weiß in der Abendluft unter der Laterne. Und der Atemhauch löste sich auf. »So wie dem Atem geht es mir auch mal, Opa. Ich werde immer weniger. Aber das ist nicht schlimm. Ich habe keine Angst.«

Opa schluckte und sah Werner wieder ins Gesicht: »Ich bin über jeden Tag froh, den du lebst.«

»Na klar, Opa – und morgen fange ich die Sonne. Sei nicht traurig – der Tod ist mein bester Freund. Manchmal spricht er abends mit mir. Aber verrate es nicht Mama, Papa, Oma, Kristin und Birgit. Das ist mein Geheimnis.«

Sterben geschieht mitten im Leben. Sterben ist altersunabhängig und jederzeit möglich. Dies vergessen wir verständlicherweise gern, weil wir leben möchten. Aber es gilt die alte Weisheit: Das einzig Selbstverständliche ist der Tod.

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt

er voll der Marmorschale Rund,

die, sich verschleiernd, überfließt

in einer zweiten Schale Grund;

die zweite gibt, sie wird zu reich,

der dritten wallend ihre Flut,

und jede nimmt und gibt zugleich

und strömt und ruht.

Conrad Ferdinand Meyer


Medizinisch das Sterben begleiten
Medizinische Erkenntnisse der letzten Jahre zum Sterben

In den letzten Jahren haben sich neue und alte Erkenntnisse der Medizin zum Sterben langsam, aber sicher durchgesetzt. Vor über 20 Jahren, in meiner Zeit als Gemeindepfarrer, begegneten mir in den Gesprächen mit Krankenschwestern, Krankenpflegern und Ärzten oft noch Hinweise auf medizinische Notwendigkeiten, die heute als überholt oder gar falsch gelten.

Ein Arzt und Psychotherapeut verdeutlicht einige dieser neueren Erkenntnisse aus eigener Erfahrung:

Das medizinische Wissen heute

Raimund Hillebrand

Im Jahr 2012 starben innerhalb weniger Monate meine beiden Eltern. Mein Vater starb mit 81 Jahren an den Folgen einer rasch voranschreitenden Demenz. Meine Mutter war 73 Jahre alt, als sie kurz nach meinem Vater an einer Krebserkrankung verstarb, gegen die sie über mehrere Jahre angekämpft hatte.

Im Folgenden will ich versuchen, einige Erfahrungen aus dieser Zeit und das, was an medizinischem Wissen derzeit verfügbar ist, in einem kurzen Überblick zusammenzuführen. Dies ermöglicht das Verständnis für den körperlichen Prozess des Sterbens und kann dabei helfen, sich mit den Erfahrungen und den Entscheidungen, die in einer solchen Situation entstehen, auf andere Weise auseinanderzusetzen.

Es handelt sich jedoch nur um eine kurze Darstellung. Wer sich mit den medizinischen Aspekten ausführlicher befassen möchte, dem seien die Bücher von Gian Domenico Borasio oder Michael de Ridder empfohlen.

Am Anfang des Sterbens

Wann fängt das eigentliche Sterben an? In den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde im Zusammenhang mit der Diskussion der gesetzlichen Regelungen der Abtreibung ausführlich darüber debattiert, wann das Leben beginnt. Mit der Geburt? Mit der Befruchtung der Eizelle? Mit der Einnistung der Eizelle in die Gebärmutter? Damals wurde schließlich mit der Fristenlösung ein Kompromiss gefunden, der dennoch nach wie vor Anlass zu Diskussionen gibt. Auch die Frage, wann ein Mensch als tot angesehen werden kann, gab und gibt Anlass zu Auseinandersetzungen sowohl im Rahmen der Transplantationsgesetzgebung als auch bei der Frage nach dem Umgang mit Menschen, die aufgrund schwerer Erkrankungen keine erkennbaren Lebensäußerungen mehr zeigen.

Aber wann beginnt das Sterben? Wann setzt der Prozess ein, an dessen Ende der Mensch für uns nicht mehr erreichbar ist, weil alle Vorgänge im Körper des Menschen zum Stillstand gekommen sind?

Als mein Vater Ende 2011 immer deutlichere Zeichen von Vergesslichkeit, Verwirrtheit und Unruhe zeigte und es schließlich zu einem Zustand kam, der zu Hause nicht mehr zu bewältigen war, blieb uns zunächst nichts anderes übrig, als ihn in einer geronto-psychiatrischen Klinik unterzubringen, auch in der Hoffnung, dass sein Zustand sich dort positiv beeinflussen ließe. Die folgenden Wochen waren geprägt von zum Teil hektischen Planungen. Zuerst dachten wir, die Versorgung des Vaters mithilfe eines Pflegedienstes zu Hause im gewohnten Umfeld leisten zu können. Wir nahmen Kontakt zu Krankenkassen und Pflegediensten auf. Dann, als der Zustand sich eher verschlechterte als verbesserte, die Einsicht in die Notwendigkeit der Unterbringung in einem Heim. Neue Kontakte wurden hergestellt, Heime angesehen: Welches ist geeignet, welches scheint uns weniger gut geeignet. Doch kaum schien hier eine Lösung in Sicht, kam es zu einer erneuten Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Mein Vater wollte nicht mehr essen, nahm allenfalls noch kleinste Mengen zu sich. Neue Überlegungen waren nötig: Soll der Vater eine Magensonde bekommen, künstlich ernährt werden. Lässt sich so sein Leben retten? Wir hatten uns, genau wie unsere Eltern, mit diesen Fragen nicht beschäftigt, keine Vorsorge getroffen. Schnell stand die Aussage im Raum: »Wir können ihn doch nicht verhungern lassen!«

Nach vielen Diskussionen, in denen wir Geschwister uns noch einmal sehr nahe kamen, konnten wir uns schließlich dazu durchringen, die Nahrungsverweigerung unseres Vaters, auch wenn er dement zu sein schien, als seine Willensäußerung anzusehen und zu respektieren. Ab diesem Zeitpunkt war uns allerdings klar, dass jetzt das Leben unseres Vaters zu Ende gehen würde.

Im Gegensatz dazu konnte meine Mutter wenige Monate später, nachdem alle Chemotherapien den Krebs in ihrem Körper nicht mehr aufhalten konnten, sehr bewusst sagen: »Ich kann nicht mehr, und ich will nicht mehr.« Das Sterben begann mit der Entscheidung, nicht mehr gegen die Krankheit ankämpfen zu wollen, sondern sie in ihrer Unvermeidlichkeit anzunehmen.

Wir wissen heute aus der medizinischen Forschung, dass der Tod uns schon vom frühesten Beginn unseres Lebens an begleitet, als ein heimliches, stilles Phänomen, das wir mit unserem Bewusstsein nicht wahrnehmen können. Schon bald nachdem unser Köper anfängt, sich aus der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle zu entwickeln, sterben das erste Mal Zellen in diesem sich bildenden Körper ab. Dieser kleine Tod in uns ist zunächst ein wichtiger Prozess, um das Leben überhaupt möglich zu machen. Die Zellen, die absterben, machen Platz für andere, und so formt sich der Köper mit seinen Organen, die in einem komplexen Zusammenspiel ineinandergreifen. Ohne ein Gleichgewicht von Zellwachstum und Zelltod wäre das Leben kaum denkbar.

Das Gleichgewicht von Wachstum und Zugrundegehen der Zellen ist in einem ständigen Fluss. So ist es dem Körper auch möglich, sich an Umweltbedingungen anzupassen und auf Krankheiten zu reagieren. Gleichzeitig ist aber auch ein Verlauf zu beobachten, der – vereinfacht gesagt – darauf hinausläuft, dass in der Anfangsphase des Lebens, dem Wachstum, das Gleichgewicht verschoben ist zugunsten des Aufbaus und der Differenzierung des Körpers, während später der Abbau von Zellen schneller vonstattengeht als deren Bildung. Ab einem Zeitpunkt, den wir heute noch nicht exakt definieren können, nimmt der Zelltod in einem oder mehreren Organen schließlich so überhand, dass diese ihre Funktion nicht mehr ausreichend wahrnehmen können, ohne dass dafür eine Erkrankung vorliegen muss, die diesen Abbau erklären würde. Insbesondere, wenn lebenswichtige Organe wie Herz, Leber, Niere oder das Gehirn betroffen sind, tritt schließlich ein Zustand ein, in dem das Zusammenspiel aller Körperfunktionen nicht mehr möglich ist und an dessen Ende der Stillstand aller Funktionen steht. Schwerwiegende Erkrankungen wie Infektionen oder Störungen der Blutzirkulation können diesen natürlichen Prozess zu jeder Zeit des Lebens beschleunigen.

Der Prozess des Sterbens

Zu wissen, dass das Leben zu Ende geht, dass das Sterben beginnt, ist traurig und erleichternd zugleich, und nicht immer ist einem diese Gewissheit gegeben. Ein Jahr bevor meine Mutter starb, war als Reaktion auf eine neue Chemotherapie ein Zustand erreicht, in dem meine Mutter nur noch völlig entkräftet im Bett liegen konnte und auf Pflege angewiesen war. Wir wussten nicht, woran wir waren. Würde sie diese Schwäche, diese völlige Teilnahmslosigkeit, die wie eine Agonie wirkte, überstehen, oder lief es auf das Ende hinaus? Nach drei Wochen Bettlägerigkeit erholte sich meine Mutter wieder, sodass sie sogar einige Monate später noch einmal einen Urlaub an ihrem Lieblingsort antreten und genießen konnte. Sowohl meine Mutter als auch wir, die wir mit dem Schlimmsten gerechnet hatten, brauchten einige Zeit, um zu begreifen, dass sie noch einmal mit dem Leben davongekommen war.

Dieses Beispiel zeigt auch, dass es nicht möglich ist, den Prozess, der sich gerade vollzieht, vorherzusehen. Kein Arzt kann sagen, wann ein Verlauf nicht mehr umkehrbar ist. Ein erfahrener Arzt wird sich nicht festlegen, wenn er gefragt wird: »Wie lang dauert es noch?« Es gibt kaum verlässliche Anhaltspunkte dafür, was der Körper eines Menschen alles aushält. Laborwerte, die mit dem Leben kaum vereinbar erscheinen, Wochen ohne Nahrung, Metastasen in den lebenswichtigen Organen sagen vielleicht aus, dass ein Mensch sterben wird, aber es ist nicht möglich, vorherzusagen, wann das sein wird.

Menschen, die dem Tod nahe sind, haben heute die Möglichkeit, auf eine Weise medizinisch versorgt zu werden, die dem Prozess des Sterbens einen Teil seines Schreckens und seiner Belastungen nehmen kann.

Insbesondere die medikamentöse Behandlung von Schmerzen ist in einer so differenzierten und individuellen Weise möglich, dass niemand mehr Qualen aushalten muss. Von den einfachen Schmerzmedikamenten, die jeder aus der Behandlung von Kopfschmerzen kennt, bis hin zu hoch wirksamen Opiaten können Ärzte aus einer großen Zahl an Wirkstoffen auswählen. Das 3-Stufen-Schema der WHO bietet dabei eine Orientierung, nach der vorgegangen werden sollte. Wirkstoff und Dosis der Medikation werden nach einer festgelegten Vorgehensweise gesteigert, mit dem Ziel, am Ende Schmerzfreiheit zu erreichen. Dabei können Medikamente aus anderen Wirkbereichen – wie Antidepressiva, Anxiolytika (angstlösende Medikamente) oder Cortisonpräparate – zusätzliche Unterstützung geben, je nachdem, wie sich der Zustand eines Sterbenden entwickelt.

Zu den Symptomen, die über die Schmerzen hinaus den Zustand des Sterbenden erschweren und zu unnötigem Leiden führen, gehören Atemnot, Angst und andere neuropsychiatrische Symptome wie Verwirrtheit und Unruhe. Auch hier können Medikamente, wenn sie überlegt eingesetzt werden, Linderung verschaffen, ohne dass der Betroffene zu sehr in seiner Wachheit beeinträchtigt würde. Erfahrene Palliativmediziner und Pflegedienste sind in der Lage, eine Behandlung im Sinne des Patienten zu gewährleisten. Es ist wichtig, sich dort Hilfe zu holen, da es weder für den Sterbenden noch die Angehörigen gut ist, wenn diese sich im Glauben, alles selbst bewältigen zu können, zu viel zumuten.

Von denen, die den Sterbenden begleiten, seien es die Angehörigen, die Pflegenden oder die Ärzte, erfordert es ein hohes Maß an Feinfühligkeit, um den Zustand des Menschen am Ende seines Lebens so aufmerksam wie möglich erfassen zu können. Wahrnehmen, was ist: die Mimik und Gestik, die Atmung, die Körpersprache erfassen und beschreiben können, ohne daraus schon Interpretationen abzuleiten. Aus der Beschreibung kann sich dann in der Kommunikation unter den Berufsgruppen und den Angehörigen die Schlussfolgerung entwickeln, an deren Ende die Behandlung steht. Die Menschen im Umkreis des Sterbenden sind herausgefordert, sich miteinander – und wenn es möglich ist – mit dem Sterbenden auszutauschen. Das ist schwieriger, als es sich hier liest. Die Betroffenheit der Angehörigen, der Arbeitsdruck unter dem die Pflegenden und die Ärzte stehen, erschweren die Kommunikation oft. Die Herausforderung liegt darin, für einen Augenblick das Eigene zurückstellen zu können: Die Angst oder auch die Wut, die man als Angehöriger empfindet, die Überforderung und Belastung auf der Seite der professionellen Helfer.

Selbst wenn die Kommunikation gelingt, bleiben viele Entscheidungen, die getroffen werden müssen, schwierig. Dazu gehören vor allem die, die sich mit den Möglichkeiten lebensverlängernder Maßnahmen befassen. Sehr häufig geht es dabei um die Frage nach der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. Die Begriffe Verhungern und Verdursten stehen dann schnell im Raum und damit die eigenen Vorstellungen, die man als Gesunder davon hat, wie es ist, wenn man nicht genug zu essen und zu trinken bekommt. Die Maßstäbe eines gesunden Menschen lassen sich allerdings nicht einfach auf einen Sterbenden übertragen. Der Stoffwechsel eines Menschen am Ende seines Lebens ist ganz anders ausgerichtet, als von einem, der noch in allen Lebensprozessen steht. Man spricht beim Sterbenden von einer katabolen Stoffwechsellage, d. h., dass der Stoffwechsel sich auf einen Abbau der eigenen Körpersubstanz eingerichtet hat und damit grundsätzlich anders funktioniert als der anabole, aufbauende Stoffwechsel eines Gesunden. Einem Sterbenden Nahrung und Flüssigkeit zuzuführen wie einem Menschen in der Mitte seines Lebens, belastet ihn und wird subjektiv als unangenehm erlebt. Der Körper kann in diesem Zustand mit den normalen Mengen nichts mehr anfangen. Daher ist auch die Nahrungs und Flüssigkeitszufuhr durch eine Magensonde nicht angemessen.

In den letzten Wochen, als mein Vater zu Hause war und es für uns Außenstehende klar war, dass er sterben würde, kam es immer wieder vor, dass er sagte: «Jetzt hätte ich gern eine schöne Flasche Bier.« Wenn dann einer von uns das Bier geholt und ihm ein Glas eingeschenkt hatte, trank er vorsichtig ein oder zwei Schlucke. Dann seufzte er verzückt und stöhnte vor Vergnügen: »Das war gut!«, und dann war es gut. Mehr wollte er nicht, nur diesen Schluck, diesen Geschmack. Durch nichts hätten wir ihn dazu gebracht, mehr zu trinken. Es ging nicht mehr um die Menge, es ging um das Erlebnis, das er noch einmal haben wollte.

Insbesondere wenn die Flüssigkeitszufuhr nicht mehr möglich ist, weil der Sterbende zu schwach zum Schlucken ist, sollte man nicht versuchen, ihn zum Trinken zu animieren. Die Gefahr des Verschluckens und damit des Eindringens von Flüssigkeit in die Lunge ist zu groß. Dennoch ist es unbedingt wichtig, durch eine konsequente Mundpflege dafür zu sorgen, dass die Schleimhäute feucht sind und sich keine Beläge bilden. Das Auswischen des Mundes mit Wasser oder Tee oder auch mit Eis, das man selbst im Gefrierfach aus Wasser in einem schmalen Glas an einem Holzstiel herstellen kann, erleichtert den Zustand sehr, weil dadurch kein Durstgefühl entstehen kann.

Ebenso bedeutend ist die Lagerung, die dafür sorgen sollte, dass der Betroffene sich wohlfühlt und dass keine Druckstellen entstehen. Wechseldruckmatratzen und verstellbare Pflegebetten erleichtern es, öfter die Position zu ändern. Nicht jedes Mal muss aber die Lage vollständig verändert werden. So wie wir manchmal nur ein wenig unsere Position auf einem Stuhl verändern, um wieder bequem zu sitzen, reicht es oft aus, Beine, Arme oder Kopf nur ein paar Zentimeter zu bewegen und durch diese kleine Veränderung dem Kranken wieder eine positivere Wahrnehmung zu ermöglichen.

Medizinische Hintergrundinformationen

Den folgenden Hinweisen liegen die beiden bereits erwähnten Bücher von Michael de Ridder: »Wie wir sterben wollen« und Gian Domenico Borasio: »Über das Sterben« zu Grunde, in denen die jeweiligen Themen aktuell und ausführlich dargestellt werden. Die Seitenangaben beziehen sich auf die jeweiligen Kapitel, in denen das Thema ausführlich behandelt wird.

Sterben als natürlicher Prozess betrifft den ganzen Menschen mit Leib, Seele und Geist. Jede medizinische Intervention muss den ganzen Menschen und sein Wohl im Blick haben.

Der Wille des Patienten steht über dem medizinisch Machbaren: Nach dem Patientenverfügungsgesetz vom 1. September 2009 ist die Autonomie des Patienten und seine Entscheidungen hinsichtlich seiner medizinischen Behandlung bindend, selbst wenn er sich damit schadet (→ de Ridder, Seite 181).

Der Wille des Patienten kann in einer Patientenverfügung verbindlich festgelegt werden, aber auch mündlich neu formuliert werden oder aus der vertrauenswürdigen Wiedergabe des Willens des Patienten bestehen, wie er sich zu Zeiten, als er bei vollem Bewusstsein war, darüber geäußert hat (→ de Ridder, Seite 201–205; → Borasio, Seite 140 ff.; → hier im Buch, Seite 37 ff., 145 ff.).

An dieser Willensäußerung muss sich jede Begleitung, auch die der Angehörigen und ehrenamtlichen Begleiter, orientieren.

Der Übergang von der kurativen zur palliativen Behandlung

Ethische Begleitung zum Wohle des Patienten muss erkennen, wann eine auf Heilung angelegte (kurative) Behandlung und/oder lebensverlängernde Maßnahmen dem Patienten nicht mehr dienen. Im Gegensatz zu dem immer noch häufig zu hörenden Satz: »Leider können wir nichts mehr für sie tun«, ist die Medizin auch dann noch gefragt, wenn keine Aussicht auf Heilung mehr besteht.

Die Palliativmedizin (→ Borasio, Seite 51 ff. und Seite 176 ff.; zur aktuellen Situation → de Ridder, Seite 232 ff.) hat zusammen mit der Hospizbewegung erst seit den 70er-/80er-Jahren des letzten Jahrhunderts ihre Aufgabe darin gefunden, Sterben als natürlichen Lebensabschnitt anzusehen, dessen Probleme so weit wie möglich auch medizinisch zu begleiten und zu lindern sind. Der Arzt, der den bevorstehenden Tod akzeptiert, kann mit medizinischen Mitteln ein schmerzfreies, angstfreies und so lange wie möglich bewusstes Leben und Sterben ermöglichen (→ Borasio, Seite 67 ff.; de Ridder, Seite 97 ff.). Dazu gehört auch der sinnvolle und gut dosierte Einsatz von Morphinen, vor allem bei Schmerzen und Atemnot (→ Borasio, Seite 132 ff.; de Ridder, Seite 232). Studien belegen, dass eine individuell angepasste Dosierung auch von stärksten Schmerzmitteln nicht Leben verkürzend, sondern eher Leben verlängernd wirkt (→ Borasio, Seite 163 f.).

Homöopathische Heilmittel und andere Hilfen aus der Alternativmedizin können helfen, den Sterbeprozess zu begleiten und z. B. den Einsatz von Morphinen und Psychopharmaka herauszuschieben und zu mindern (→ Gisela Holle; Dr. Annette Prollius; Gudrun Huber/ Christina Casagrande).

Die allgemeine palliative medizinische Begleitung kann stationär auf Palliativstationen oder im Hospiz oder auch durch ein entsprechend weitergebildetes Netzwerk (Hausarzt, Facharzt, Pflegeeinrichtung, psychologische und seelsorgerliche Betreuung u. Ä.) ambulant geschehen. »Die allermeisten Sterbevorgänge (die Schätzungen gehen bis zu 90 %) könnten mit Begleitung von geschulten Hausärzten und gegebenenfalls Hospizhelfern problemlos zu Hause stattfinden« (→ Borasio, Seite 25).

Seit 2007 besteht bei den Krankenkassen ein Recht auf eine spezialisierte, ambulante Palliativversorgung (SAPV, → de Ridder, Seite 232), allerdings nur für die Patienten, die »hinsichtlich ihrer Krankheitsschwere und des Betreuungsaufwandes« einen besonderen Betreuungsbedarf haben (→ Borasio, Seite 42 ff. und Seite 199, Anmerkung 3.3).

Ein allmählicher Verzicht auf feste Nahrung und ein Nachlassen des Durstgefühls gehören ebenso wie das zeitweise Wegdämmern und zunehmende Schwäche zum natürlichen Sterbeprozes. Der Satz: »Man kann doch niemand verhungern und verdursten lassen«, gilt nicht für Sterbende. Ein Sterbender, der die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeiten immer mehr einschränkt, erleichtert intuitiv oder bewusst seinen Sterbeprozess.

Umgekehrt erschwert eine dauerhafte Zufuhr von Nahrung über eine Sonde (PEG) das Sterben und führt zu erschwerenden Nebenwirkungen, ohne die Lebenszeit zu verlängern (→ Borasio, Seite 107 ff.; de Ridder, Seite 61 ff.).

Die wichtigste Nahrung am Lebensende ist menschliche Nähe und Fürsorge, was der Mensch dann noch braucht, sollte ihm auf natürlichem Weg gegeben werden, da so zusätzlich sein Bedürfnis nach Begleitung, sozialem Kontakt und Zuwendung erfüllt wird.

Wann ist ein Mensch tot? »Der Eintritt des Todes ist kein Moment, sondern ein Prozess« (→ de Ridder, Seite 47 ff.). Der Tod kann durch das Versagen unterschiedlichster Organe oder einer Kombination daraus eintreten (→ Borasio, Seite 15 ff.), was im Alter ein natürlicher Vorgang ist, der keiner vorangehenden Krankheit bedarf.

Die Medizin kennt verschiedene Anzeichen, die den Tod eines Menschen bestätigen: den Herz-Kreislauf-Tod, den Atemstillstand, den Hirntod, die Leichenstarre, die Totenflecke. Aufgrund der in den letzten Jahren enorm gewachsenen medizinisch-technischen Möglichkeiten sind Herz- und Atemstillstand dann nicht mehr aussagekräftig, wenn der Körper mittels Maschinen »am Leben gehalten« wird. Dann gilt der vollständige Ausfall jeglicher Hirntätigkeit (Hirntod) (→ Borasio, Seite 20 ff.; de Ridder, Seite 48 ff.) als Zeichen des eingetretenen Todes. Dies ist wichtig als Voraussetzung zur Organentnahme bei Organspenden. So weit die momentane wissenschaftlich anerkannte Definition. Manche Ansichten sehen im Hirntod noch nicht den endgültigen Abschluss des Sterbeprozesses. Erst wenn der Körper erkaltet ist, die Leichenstarre eingetreten oder Totenflecke sichtbar sind, ist für sie die Trennung von Körper und Seele vollzogen.

Rechtliche und ethische Probleme am Lebensende

Bärbel Trautwein

Zur Palliativmedizin

Der Palliativmedizin und der Hospizbewegung ist es zu verdanken, dass das Thema Sterben immer stärker in das öffentliche Bewusstsein rückt. Neben der Anforderung, Schmerzen und belastende Symptome zu lindern, sehen Palliativmedizin und Hospizbewegung ihre Aufgabe darin, das Sterben als untrennbaren Teil des Lebens zu akzeptieren. Die spirituellen und existenziellen Fragen werden ebenso berücksichtigt, wie die Bedürfnisse des Sterbenden. Der sterbende Mensch mit seinen spezifischen Werten und sozialen Bezügen erfährt eine ganzheitliche Hinwendung.

Palliative Care (der Begriff wurde von Dr. Balfour Mount, einem kanadischen Urologen und Onkologen, geprägt; → Borasio, Seite 175) bedeutet also einerseits, spezifische Behandlungsmöglichkeiten anzubieten und andererseits auch auf die Mittel und den Wert palliativmedizinischer Betreuung hinzuweisen, wenn die präventive und die kurative Medizin an ihre Grenzen stoßen. Hinzugekommen ist, dass inzwischen das Selbstverständnis der Betroffenen, ihr Wunsch nach Mitwirkung und Selbstbestimmung ein immer stärkeres Gewicht bekommen hat. Palliativmedizin beinhaltet deshalb auch, für die schwierigen Entscheidungen bei sterbenskranken und sterbenden Menschen nicht nur fachliche Beratung anzubieten, sondern Handlungsprinzipien zu finden, die der spezifischen und individuellen Lebenssituation eines Betroffenen in seiner letzten Lebensphase gerecht werden. Und dies sowohl im Hinblick auf die Intentionen und Motivationen als auch auf die Folgen des Handelns. Dafür ist eine patientenorientierte Haltung erforderlich, die den Glauben, spirituelle Gesichtspunkte und Wertvorstellungen der Betroffenen berücksichtigt.

Sterbehilfe

Manchmal bitten schwer kranke Menschen um aktive Sterbehilfe. Diese Frage ernst zu nehmen und die Gründe dafür zu erkunden, ist enorm wichtig. Oft sind es Ängste vor dem Sterbeprozess, nicht vor dem Tod. Hier kann es für den Patienten schon erleichternd sein, dass er seine existenziellen Nöte an- und aussprechen kann. Dem Patienten zu erklären, was beim Fortschreiten der Erkrankung in der palliativen Behandlung und Pflege möglich ist, kann ihm die Angst mindern und den Schrecken vor unartikulierbaren Vorstellungen nehmen. Auch die eigene, persönliche Haltung und die Zusage, für ein würdevolles Sterben zu sorgen, fließt in den Dialog zwischen dem Begleiter und dem Patienten mit ein. Meistens taucht im Verlauf der Behandlung das Verlangen nach Tötung nicht mehr auf, weil es eine bessere Alternative, eine Möglichkeit gibt, die auf das Weiterleben gerichtet ist. Für die Begleitung kann es hilfreich sein, die unterschiedlichen Formen der Sterbehilfe zu kennen und sie voneinander unterscheiden zu können:

Differenzierung der Begriffe

Aktive Sterbehilfe: Tötung auf Verlangen des Patienten (ist in Deutschland strafbar!)

Passive Sterbehilfe: Unterlassen, Reduzieren oder Abbrechen lebenserhaltender Maßnahmen

Indirekte Sterbehilfe: Medikamentöse Maßnahmen zur Linderung von Leiden und Schmerzen, auch unter Inkaufnahme des Bewusstseinsverlustes oder eines beschleunigten Sterbeprozesses

Mitwirkung beim Suizid: Hilfe beim Beschaffen des todbringenden Mittels (Medikaments), Begleiten und Zulassen des Suizids, Unterlassen von Rettungsmaßnahmen

Zulässige und unzulässige Handlungen (aktive Sterbehilfe) in der Betreuung schwerst kranker und sterbender Patienten sind oft nicht leicht zu unterscheiden; besonders die Bedeutung der Aktivität bei einem erlaubten Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen bereitet oft Probleme. Den erlaubten und vertretbaren Handlungsspielraum zu kennen, ist für eine ethische Praxis unerlässlich.

Klinische Ethik-Beratung

Angesichts der komplexen Fragestellungen im Krankenhaus wird eine kompetente ethische Beratung empfohlen. Die Konfrontation mit einer durch Unheilbarkeit und den Fortgang der Krankheit begrenzten Lebenszeit und dem unausweichlichen Tod stellt eine Grenzsituation dar. Der Betroffene, aber auch Angehörige, Ärzte, Pflegende, Therapeuten und Helfer stehen vor schwierigen Entscheidungen und müssen sich mit existenziellen und spirituellen Fragen auseinandersetzen. Die fachlichen Möglichkeiten des Handelns und deren Ziele und Werte müssen abgewogen und eine Orientierung gegeben werden, die unterschiedlichen und womöglich kollidierenden Wertvorstellungen, aber auch allgemeinen ethischen Prinzipien gerecht wird.

Die wichtigsten ethischen Probleme in der Palliativmedizin betreffen folgende Themen:

– Einverständnis bzw. informierte Zustimmung des Patienten

– Behandlungsverzicht, Behandlungsverweigerung

– Entscheidungs- bzw. Einwilligungsfähigkeit des Patienten

– Wahrheit am Krankenbett

– Schweigepflicht

– Neue Therapien, Studien, Forschung am Patienten

– Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen

– Ethische Fragen der Kostendämpfung

– Verteilung knapper Ressourcen

Ethische Probleme in der Medizin haben in der Regel drei Dimensionen:

Eine philosophisch-religiöse, durch die allgemeine Prinzipien und unterschiedliche weltanschauliche Wertvorstellungen berührt werden.

Eine rechtliche, die gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen berücksichtigt.

Eine medizinische, in der sich diagnostische und therapeutische Prinzipien, Möglichkeiten und Erfahrungen für konkrete Handlungssituationen manifestieren.

In der modernen Bioethik werden vier grundlegende Prinzipien bzw. ethische Forderungen für medizinisches Handeln unterschieden:

Für das Wohl des Patienten sorgen (Benefizienz)

Schaden für den Patienten vermeiden (Non-Malefizienz)

Die Mittel gerecht verteilen (Gerechtigkeit)

Die Autonomie des Patienten achten (Autonomie)

Eine ethische Fallbesprechung ist der systematische Versuch, im Rahmen eines strukturierten, von einem Moderator geleiteten Gesprächs mit einem multidisziplinären Team innerhalb eines begrenzten Zeitraumes zu der ethisch am besten begründbaren Entscheidung zu gelangen. Ethisches Empfinden, Fragen und Handeln im Krankenhaus sind nicht nur Aufgaben einer Expertengruppe, sondern liegen in der Verantwortung jedes Einzelnen, der an der Behandlung eines Patienten beteiligt ist. Die Würde des Patienten und seiner Angehörigen zu wahren, aber auch die aller Mitarbeiter, ist ein wesentliches Anliegen im Klinikalltag. Das Krankenhausdirektorium benennt ein Gremium, das sich mit den ethischen Belangen im Krankenhaus beschäftigt. Es setzt sich aus Vertretern der unterschiedlichen Bereiche zusammen und erstellt Leitlinien und Fortbildungsangebote zu ethischen Themen und bietet das Instrument der ethischen Fallbesprechung an. Dieses wird in vier Schritten mithilfe eines Protokollbogens durchgeführt:

Die Bestimmung des ethischen Problems – Benennen der ethischen Fragestellung

Die Analyse der medizinischen, pflegerischen, sozialen, weltanschaulichen und organisatorischen Fakten

Die Bewertung und Entwicklung von Argumenten aus dem Blickwinkel ethischer Normen

Die Beschlussfassung einschließlich der Zusammenfassung der wichtigsten Gründe, die zu ihr geführt haben – Ergebnis und Empfehlung

Grundsätzlich wird die ethische Fallbesprechung von einem multidisziplinären Team durchgeführt. Dabei ist zu klären, wie die Wünsche und Belange des Patienten so gut wie möglich in den Beratungsprozess einbezogen werden können. Die Gesprächsleitung erfolgt durch einen Moderator, die ethischen Fallbesprechungen werden protokolliert, und das Protokoll wird der Patientenakte hinzugefügt. Eine anonymisierte Fassung des Protokolls geht dem Ethikgremium zu.

Patientenverfügung

Dieses Instrument, mit dem sich Patienten vorausschauend auf die Betreuung am Lebensende vorbereiten können, gewinnt zunehmend an Bedeutung; es soll im Sinne des Prinzips Respekt vor der Autonomie in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Wichtig ist der Beratungsprozess für das Abfassen einer Patientenverfügung und für das Benennen eines Betreuers und für die Vorsorgevollmacht. Durch eine Vertrauensperson, die als Stellvertretung autorisiert wird, kann eine Patientenverfügung abgesichert werden. Informationen und gute Vorlagen finden Sie im Internet unter:

– www.ethik-medizin-pflege.de: Aktuelle Rechtslage bei Patientenverfügung, Betreuungsvorsorge und Vorsorgevollmacht

– www.justiz.bayern.de: Fragen, die sich jeder stellen sollte

– www.rub.de: Werteanamnese

– www.medizinethik-bochum.de

– www.bmj.bund.de: Textbausteine

– www.aekno.de: Rüstzeug für die eigene Erklärung

Zusammenfassung

Ethische Fallbesprechungen sind insbesondere dann angezeigt, wenn der Eindruck entsteht, dass die Würde oder die moralischen Werte des Patienten, seiner Angehörigen oder der an der Behandlung beteiligten Personen verletzt werden. Die ethische Fallbesprechung dient dazu, derartige Probleme zu benennen, zu verstehen, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen und Handlungsempfehlungen zu formulieren. Sie hat eine beratende und empfehlende Funktion für die verantwortlichen Ärzte, nimmt ihnen aber letztlich nicht die Verantwortung für die medizinische Entscheidung ab.

Wann beginnt Sterbebegleitung? Wie lange dauert sie?

Erfahrungen aus einer Begleitung in der Familie

Dass Sterbebegleitung mit Lebensbegleitung wechseln und sehr lange dauern kann, haben wir bei der Begleitung meiner Schwiegermutter erlebt. Sie war 86 Jahre alt und lebte allein in ihrem Haus. Es ging ihr gut, bis sie die Treppe hinunterstürzte und unglücklich mit dem Kopf gegen den Rahmen eines Ofens und auf die Steinfliesen fiel. Aufmerksame Nachbarn fanden sie und brachten sie ins Krankenhaus. Dort fanden wir sie, bewusstlos aber kreislaufstabil. Die Ärzte wollten und konnten keine Aussage über den weiteren Behandlungsverlauf machen. Es war ein kleines Krankenhaus, und für eine genauere Diagnostik hätte sie in das größere Kreiskrankenhaus verlegt werden müssen. War es notwendig? »Ich bin nicht sicher, ob sie den Transport überlebt und all die Untersuchungen und was dann folgt«, sagte der Stationsarzt, »sie ist hier gut aufgehoben.« Und das war auch unser Eindruck. Ärzte und Pflegekräfte sorgten für sie, taten medizinisch nicht zu viel und nicht zu wenig. Sie akzeptierten auch, dass ich das tat, was ich konnte: ihr mit homöopathischen Mitteln Kraft zum Leben oder zum Sterben zu geben. Eindrucksvoll war für alle, wie sie 20 Minuten, nachdem ich ihr drei Kügelchen Arnika C 200 in den Mund geschoben hatte, die Augen öffnete und uns ansah. Sie erkannte uns, versuchte ein paar Worte zu sprechen und schlief dann ein, deutlich entspannter als vorher. Dies wechselte in den nächsten Tagen immer wieder: kurze Wachphasen, Dahindämmern und Schlafen lösten einander ab. Wir waren, so oft es ging, bei ihr, sprachen mit ihr und wussten, dass letztlich sie sich entscheiden musste, ob sie ins Leben zurückwollte oder nicht. Vermutlich hat ihr wohl der emotionale Appell einer Enkelin, doch nicht einfach so zu sterben, dabei geholfen. Unterstützt von wiederholten Arnikagaben in verschiedenen Potenzen und Carbo vegetabilis, dem homöopathischen Lebenswecker wurden die Wachphasen zunehmend länger, die Hämatome bildeten sich gut zurück, sie konnte mit Unterstützung trinken und fing wieder an zu essen. Wie richtig die Entscheidung des Stationsarztes war, sie nicht in ein Krankenhaus mit mehr Diagnostik zu verlegen, zeigte sich in dieser Phase, in der sie wieder ins Leben fand. Wichtig und hilfreich waren nun auch die Bekannten aus dem Ort, die sie täglich besuchten, mit ihr sprachen und sie auch beim Essen und Trinken unterstützten.

Sie wollte leben und unterstützte aktiv alle therapeutischen Maßnahmen, um wieder auf die Beine zu kommen. Das war ihr ganz wichtig, und der Wille, so selbstständig wie möglich zu sein, bestimmte auch die nächsten Jahre, in denen sie dann bei uns lebte. Sie kam zwar nicht wieder so ganz auf die Beine, doch in allem Auf und Ab der nächsten fünf Jahre gab es doch auch längere Phasen, in denen sie in der Wohnung gut allein gehen und sich außerhalb mit dem Rollator bewegen konnte. Doch der Sturz und die Blutergüsse im Kopfbereich waren nicht ohne Folgen geblieben und führten zu einer sich langsam entwickelnden Demenz und einer damit verbundenen Persönlichkeitsveränderung. Es gab gute Zeiten, in denen sie viel von früher erzählte. Sie las die Zeitung und profitierte sicher auch geistig von unserem recht lebhaften Familienleben. Sie war eine gläubige Frau, die den Tag mit einer Losung (einem kurzen Text aus der Bibel) begann, gern in ihrem Gesangbuch las, das immer am Bett lag, sich freute, wenn sie zu einem Gottesdienst konnte oder wenn der Ortspfarrer sie besuchte. Dennoch oder gerade deswegen war Sterben oder Tod selten ein Thema. Allerdings hatte sie in Bezug auf ihre Beerdigung und ihr Grab klare Vorstellungen, an die wir uns später auch gehalten haben. Daneben gab es zunehmend andere Zeiten, erst nur ab und zu, dann jedoch immer öfter und heftiger. Sie beschimpfte mich und andere, lehnte Hilfe ab oder wurde wütend, wenn sie selbst nicht zurechtkam. Auch merkte man, wie ihre Kräfte zunehmend nachließen. Sie saß viel im Sessel oder im Rollstuhl, ging aber immer wieder, auch wenn es nur wenige Schritte waren, mit dem Rollator auf und ab. Manchmal war es schwierig, mit ihren verbalen und körperlichen Aggressionen richtig umzugehen. Wir hatten uns von Anfang an entschieden, zur Unterstützung der jeweils nötigen Pflege einen ambulanten Pflegedienst hinzuzuziehen, was uns kräftemäßig aber auch emotional sehr entlastete. Mit ihrer Schwäche nahm die Verwirrtheit zu, phasenweise sah sie Personen vor der Tür und im Zimmer oder hörte Musik von draußen. Heute weiß ich, dass dies im Sterbeprozess häufig geschieht. Es kann ein Zeichen dafür sein, dass das Bewusstsein nicht mehr ganz hier ist. Da sich bei ihr die zunehmende Demenz mit diesen Erfahrungen überlagerte, haben wir dies nicht so wahrgenommen. In dieser gesamten Phase wurde sie von einer Hausärztin begleitet, die sich sehr um sie bemühte und sehr einfühlsam in der Medikamentierung war und auch meine homöopathischen Mittel akzeptierte. So konnte ich ihr bei manchen körperlichen Beschwerden helfen und ihr auch lang die Ängste erträglicher gestalten, die zum Beispiel aus den veränderten Sinneswahrnehmungen entstanden. Erst in einer späten Phase entschieden wir uns mit der Hausärztin für ein schwach dosiertes Psychopharmakon (das sie nur nahm, weil die Ärztin ihr sagte, dass ihr dieses Stärkungsmittel guttun würde). Anders wäre eine weitere Pflege zu Hause nicht mehr möglich gewesen. Dies war aber immer ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen, den wir ihr gern erfüllen wollten. Kurzzeitpflege im Altersheim hatte sie als Urlaub akzeptiert, aber vor einer Pflegestation oder einem Krankenhausaufenthalt hatte sie Angst. Vor allem wollte sie auf keinen Fall lebensverlängernde Maßnahmen. Die Intensivstation war für sie eine Horrorvorstellung, nachdem sie gesehen hatte, wie ihre Schwester starb und dabei an Schläuchen angeschlossen war.

Mit diesem Wissen standen wir dann erneut vor einer schweren Entscheidung, als sie, bereits seit einiger Zeit bettlägerig, an einem Tag sichtbar Atemnot hatte, Flüssigkeit hörbar die Lunge füllte und die Rettungssanitäter erklärten, dass sie nur im Krankenhaus die Möglichkeit hätten, sie ausreichend zu behandeln und sie damit vor dem Ersticken zu bewahren. Sie war schon lang schwach, aber jetzt auch nicht mehr bei Bewusstsein. Wäre dies gegen ihren Willen? Aber sie ersticken lassen?

Wir entschieden uns schweren Herzens, sie ins Krankenhaus bringen zu lassen, und waren darauf vorbereitet, dass sie dort sterben würde. Wir standen alle an ihrem Bett, nachdem ihre Lunge abgesaugt und ihr eine Sauerstoffmaske angelegt worden war. Der Atem war mühsam, die Augen geschlossen. Wieder sagten wir ihr, dass sie bleiben oder gehen dürfe, wir seien bei ihr. Wir beteten mit und für sie. Dann schaute der Arzt nur kurz herein, beugte sich über sie, fühlte den Puls und sagte zu der Schwester prämortal. Den Begriff kannte meine Schwiegermutter nur zu gut, zum einen konnte sie Latein, zum anderen war sie als Grüne Dame viel im Krankenhaus gewesen und hatte als Berufsschullehrerin Krankenschwestern ausgebildet. Das Wort war ein Weckruf, sie schlug die Augen auf und flüsterte: »Ich sterbe noch nicht.« Und von da an ging es noch einmal bergauf. Sie wurde wieder wacher, nahm mehr von ihrer Umgebung war, übte mit dem Physiotherapeuten, wollte wieder gehen. Der anschließende Versuch, sie auf der geriatrischen Abteilung medikamentös auf die Behandlung der Demenz einzustellen, misslang völlig. Sie schwankte zwischen höchst aggressiv und apathisch und wollte nur noch nach Hause. Dort erholte sie sich körperlich wieder, und mit den Psychopharmaka der Hausärztin und weiteren homöopathischen Mitteln konnte sie wieder am Familienleben teilnehmen. Zeitweise war sie bei klarem Bewusstsein und konnte sich zum Beispiel mit einer Frau aus dem ambulanten Hospiz-Besuchsdienst der Gemeinde gut unterhalten, die sie schon seit längerer Zeit immer wieder besuchte.

Dann wieder kam die Schwäche, das Dahindämmern – und wenn sie dies bemerkte –, die Aggression.

Doch ihr Wille war zeitweise immer noch klar. Sie wollte leben und tat dafür, was sie konnte, und wir versuchten, ihr es so gut wie möglich zu machen: kleine Freuden zu schenken, einfach da zu sein.

Der Umbruch kam, als ich sie eines Morgens wecken wollte und sah, dass sie im Schlaf einen leichten Schlaganfall erlitten hatte. Sie konnte sich nicht mehr allein aufrichten, eine Gesichtshälfte war gelähmt, und als ich ihr etwas zu trinken geben wollte, lief ein Großteil davon wieder aus dem Mund. Sie versuchte zu sprechen und sich aufzurichten, ihre Worte waren jedoch kaum verständlich, und sie konnte sich nicht aufsetzen. Ich versuchte sie zu beruhigen und sagte ihr, dass ich die Hausärztin rufen wollte. Diese bestätigte meinen Eindruck, machte meiner Schwiegermutter aber Hoffnung, dass sich ihr Zustand bessern würde. Auf keinen Fall wollte meine Schwiegermutter ins Krankenhaus. In den nächsten Tagen versuchte sie noch einmal, ihre Situation aus eigener Kraft zu verbessern. Als sie merkte, dass es nicht funktionierte, entschied sie sich, zu sterben. Ich erinnere mich, dass ich versuchte, ihr ein wenig Essen zu geben. Doch sie verschloss den Mund und sah mich ganz fremd an. Von dem Zeitpunkt an wollte sie nicht mehr. Der Pflegedienst kam jetzt dreimal täglich und versuchte auch, ihr zu essen und zu trinken zu geben. Wir mussten jede Trinkmenge dokumentierten. Am Anfang aß sie noch etwas, aber selbst ihren Lieblingsjoghurt lehnte sie nach zwei, drei Löffeln ab. Der Mund blieb zu. Der Satz: »Man darf sie doch nicht verhungern und verdursten lassen«, schwebte drohend über uns. Aber sie wollte nicht mehr. Sie wollte vor allem keine Schläuche und keine Apparate. Zum Glück bedrängte uns die Hausärztin nicht zu sehr und bot uns lediglich an, meiner Schwiegermutter einen Tropf zu legen, wenn sie gar nicht mehr trinken würde. Um das zu verhindern, versuchten wir, ihr mit vielen kleinen Schlucken noch etwas Flüssigkeit zuzuführen. Doch sie wurde immer schwächer, und irgendwann mussten wir die Versuche, sie beispielsweise zum Waschen in den Rollstuhl zu setzen, aufgeben. Wache und dämmernde Phasen wechselten sich ab. Keiner konnte uns sagen, wie lang dieser Zustand anhalten würde. Sie bekam eine pneumatische Matratze, um ein Wundliegen zu verhindern, sie wurde verpflegt und umsorgt, manchmal nahm sie Besuch noch gut wahr, manchmal schlief sie aber einfach ein. Im Grunde war es eine gemeinsame Zeit des Wartens und des langsamen Abschiednehmens. Es dauerte über zwei Monate. Dann veränderte sich noch einmal der Ausdruck ihres Gesichtes, und eine Freundin, die als Palliativschwester schon viele Menschen hatte sterben sehen, meinte: »Jetzt sind es nur noch Stunden oder wenige Tage.« Eine unserer Töchter hatte am nächsten Tag Geburtstag, und weil viele der Gäste auch meine Schwiegermutter kannten, gingen sie noch einmal kurz zu ihr hinein, grüßten sie, sagten ein paar freundliche Worte oder blieben ein wenig bei ihr. Am Morgen des übernächsten Tages sah und spürte ich, dass sie gehen würde. Ich war dankbar, bei ihr sein zu können. Auch wenn sie es mir nicht immer leicht gemacht hatte, hatte sie mir viel bedeutet. Alle, die im Haus waren, kamen noch einmal vorbei. Ich blieb bei ihr sitzen, streichelte über ihre Hände und sprach ein Gebet für sie und sang ein Lied, von dem ich wusste, dass es ihr Trost gab. Dann war Stille. Nur ihre unregelmäßigen Atemzüge waren noch zu hören, dann ein leichtes Seufzen, ein letztes deutliches Ausatmen. – Dann war, wie ich es schon beim Tod meines Vaters gespürt hatte, der Raum erfüllt: Sie war noch da, auch wenn ihr Körper tot war. Wir haben sie in ihrem Bett gewaschen und so angezogen, wie sie es gern hatte. Wer in der Nähe war, kam noch einmal vorbei, um sich zu verabschieden. Wir zündeten eine Kerze neben ihrem Bett an als Symbol für das Licht, in das sie gegangen ist. Ihr Körper war noch lang warm, sodass die Hausärztin am nächsten Morgen noch einmal kam, um anhand der Totenflecken absolute Sicherheit zu haben.

Dann wurde ihr Leichnam abgeholt, und der Raum war leer – oder doch nicht ganz.

Von guten Mächten

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht,

führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Dietrich Bonhoeffer

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