Читать книгу: «Depressionen»

Die Autoren
Prof. Dr. med. Dr. h. c. (Rigas Stradins Universitate, Lettland) Manfred Wolfersdorf
Ehem. Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Erlangen-Nürnberg (bis 30.09.2016) und ehem. Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am BKH-Bayreuth (bis 30.09.2016), jetzt tätig in Praxis. Dozent an der Universität Bayreuth. Gründer und Leiter des AK Depressionsstationen Deutschland-Schweiz 1982–2016.
E-Mail: mwolfersdorf@t-online.de
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Gerd Laux
Ehem. Ärztlicher Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums (ISK), Wasserburg am Inn, Rosenheim, Freilassing, ehem. Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am ISK, niedergelassener Nervenarzt am MVZ Neuropsychiatrie in Waldkraiburg, Leiter des Instituts für Psychologische Medizin (IPM) in Soyen (Begutachtung Fahreignung), Konsiliararzt Geriatrie Klinik Haag und Professor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
E-Mail: ipm@ipm-laux.de
Manfred Wolfersdorf Gerd Laux
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-030647-9
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-030648-6
epub: ISBN 978-3-17-030649-3
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort
2 1 Depression, Melancholie: Historische Aspekte
3 2 Epidemiologische und gesundheitsökonomische Anmerkungen
4 2.1 Deutschland, Europa, weltweit
5 2.2 Soziodemografie, Alter und Geschlecht
6 2.3 Abschließende Bemerkungen
7 3 Klinisches Bild
8 3.1 Symptome einer depressiven Episode/eines depressiven Syndroms
9 3.1.1 Depressive Gestimmtheit
10 3.1.2 Depressives Denken und Erleben, Antrieb und Sprache
11 3.1.3 Kognitive Störungen
12 3.1.4 Sogenannte larvierte, d. h. körperbetonte depressive Syndrome
13 3.2 Burnout-Syndrom
14 3.3 Depressive Syndrome
15 3.3.1 Geschlechtsspezifische Depressionsformen
16 3.3.2 Anhaltende, sog. »chronische« Depression
17 3.3.3 Depression im Lebenszyklus
18 3.3.4 Somatogene Depression, Komorbidität somatische Medizin und Depression (u. a. Kardiologie, Onkologie, Dermatologie, Gynäkologie usw.)
19 3.3.5 Typologien und Sonderformen depressiver Erkrankungen
20 4 Ätiopathogenese
21 4.1 Neurobiologisch-somatisches Modell
22 4.1.1 Genetik
23 4.1.2 Neuropathologie
24 4.1.3 Bildgebung
25 4.1.4 Neurobiochemie
26 4.1.5 Neurotransmitterdysbalance, Rezeptoreffekte, Signaltransduktion
27 4.1.6 Neurogenese, neuronale Plastizität, neurotrophe Hypothese
28 4.1.7 Psychoneuroendokrinologie
29 4.1.8 Psychoneuroimmunologie
30 4.1.9 Psychophysiologie, somatische Krankheiten, Pharmaka
31 4.1.10 Chronobiologie
32 4.2 Psychologische Modelle
33 4.2.1 Psychodynamisches Modell
34 4.2.2 Kritische Lebensereignisse (Life Events), psychosoziale Faktoren/Stressoren
35 4.2.3 Kognitions- und lerntheoretische Modelle
36 4.3 Neuropsychologie, Persönlichkeit
37 4.3.1 Neuropsychologie
38 4.3.2 Persönlichkeitsfaktoren
39 4.4 Sozialpsychologische Modell (Brown und Harris), gesellschaftlich-soziologische Risikofaktoren
40 4.4.1 Sozialpsychologisches Modell
41 4.4.2 Gesellschaftlich-soziologische Risikofaktoren
42 4.5 Integrierte Modellvorstellungen – »Final common pathway«
43 5 Diagnostik, Diagnosekriterien/operationalisierte Diagnosen, Klassifikationen, Psychometrie und Differenzialdiagnosen
44 5.1 Diagnostik, Diagnosekriterien
45 5.1.1 Diagnosekriterien
46 5.1.2 Somatisches Syndrom
47 5.1.3 Anhaltende affektive Störungen (F34)
48 5.1.4 Atypische Depression, subdiagnostische Depressionen
49 5.1.5 Bipolare Depression
50 5.2 Klassifikationen
51 5.3 Doppeldiagnose-Problematik
52 5.4 Psychometrie, Selbst- und Fremdbeurteilungsskalen
53 5.5 Differenzialdiagnosen und Fehldiagnosen (inkl. »Resignative Trauer«)
54 5.5.1 Somatische Differenzialdiagnosen
55 5.5.2 Psychiatrische Differenzialdiagnosen
56 6 Therapie
57 6.1 Grundprinzipien
58 6.2 Akuttherapie
59 6.3 Erhaltungs- und Langzeittherapie
60 6.4 Pharmakotherapie
61 6.4.1 Antidepressiva: Substanzklassen, Einteilung
62 6.4.2 Wirksamkeit
63 6.4.3 Wirkpotenz im Vergleich
64 6.4.4 Akuttherapie
65 6.4.5 Auswahlkriterien
66 6.4.6 Risikofaktoren und Nebenwirkungsprofil
67 6.4.7 Klinisch-psychopathologisches Bild
68 6.4.8 Komedikation
69 6.4.9 Responseprädiktoren
70 6.4.10 Unerwünschte Wirkungen von Antidepressiva
71 6.4.11 Zusammenstellung der Nebenwirkungen nach Substanzklassen
72 6.4.12 Interaktionen
73 6.4.13 Kontraindikationen
74 6.4.14 Langzeittherapie-Erhaltungstherapie
75 6.4.15 Rezidivprophylaxe
76 6.4.16 Schwangerschaft und Stillzeit
77 6.4.17 Beendigung von Psychopharmakotherapie: Ausschleichen von Medikation
78 6.4.18 Verordnungspraxis, Pharmakoökonomie, Sozialpharmakologie
79 6.5 Andere biologische Therapien
80 6.5.1 Schlafentzugsbehandlung (»Wach-Therapie«)
81 6.5.2 Lichttherapie
82 6.5.3 Elektrokonvulsionstherapie (EKT)
83 6.5.4 Neuere biologische und experimentelle Therapieverfahren
84 6.6 Psychotherapie
85 6.6.1 Grundlagen
86 6.6.2 Psychodynamische Psychotherapien
87 6.6.3 Verhaltenstherapie und kognitive Verhaltenstherapie
88 6.6.4 Interpersonelle Psychotherapie, CBASP
89 6.6.5 Weitere und neuere Psychotherapieformen
90 6.6.6 Wahl des Psychotherapieverfahrens, Wirksamkeitsvergleiche
91 6.7 Begleittherapien
92 6.7.1 Körperliche Aktivität, »Sporttherapie«/Bewegung
93 6.7.2 Entspannungsverfahren
94 6.7.3 Soziotherapie
95 6.7.4 Komplementär alternativmedizinische Therapieansätze
96 6.7.5 Persönlichkeitsentwicklung – »Weisheitstherapie«
97 6.8 Kombinationstherapie – Integrierte Ansätze
98 7 Selbsthilfe – Selfmanagement; Angehörige
99 8 Verlauf, Prognose, Prädiktoren und Prävention
100 8.1 Verlauf und Prognose
101 8.2 Prädiktoren
102 8.3 Prävention
103 8.4 Resilienz, Religion
104 8.5 Fazit
105 9 Suizidalität und Depression
106 10 Versorgungsfragen: Wer versorgt depressiv kranke Menschen?
107 10.1 Allgemeinärztliche ambulante Versorgung
108 10.2 Fachärztliche Versorgung
109 10.3 Sektorübergreifende Versorgung
110 10.4 Stationäre Versorgung, spezialisierte Depressionsstationen
111 11 Abschließende Bemerkungen
112 12 Danksagung
113 Literatur
114 Sachwortregister
Vorwort
Am Ende unseres Berufslebens haben wir, Manfred Wolfersdorf und Gerd Laux, uns dazu entschlossen, ein Buch über das zu schreiben, was in den letzten Jahrzehnten der persönliche Schwerpunkt unserer Tätigkeit war und uns bis heute sowohl fachlich als auch persönlich beschäftigt, nämlich über »depressive Erkrankungen« und »depressiv kranke Menschen«.
In nun mehr als 40 Jahren hat jeder von uns über 60.000 depressive Patienten1 ambulant und stationär kennengelernt, untersucht, behandelt und auch über längere Strecken, z. T. über Jahrzehnte hinweg – sozusagen durchs Leben – begleitet. Beide Autoren waren und sind nicht nur in der Akuttherapie, sondern auch in der Langzeitbegleitung depressiv kranker Menschen tätig gewesen und haben so Lebensgeschichten über Jahrzehnte hinweg kennengelernt, begleitet und dabei Erfahrungen über das Leben depressiv kranker Menschen in ihrer Umwelt, ihrer Tätigkeit, hinsichtlich ihrer Person und ihrer persönlichen Perspektive, aber auch ihrer Lebensfähigkeit und Vitalität, ihrer Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen, sich mit einer manchmal anhaltenden Erkrankung, mit langfristigen therapeutischen Maßnahmen oder auch mit Veränderungen ihrer Lebenssituation zu arrangieren, gesammelt.
Man kann mit einer Depression oder auch mit wiederkehrenden Depressionen im Leben einen Bauernhof betreiben, eine Familie gründen, Manager, Verkäufer, Politiker, Geschäftsführer einer Firma oder auch Professor werden. Detaillierte Kenntnisse zur Diagnostik und Therapie depressiver Erkrankungen stehen zur Verfügung (siehe S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie »Unipolare Depression«; DGPPN, BÄK, KBV, AWMF et al. 2015). Unsere Kenntnisse über individuelle Ursachen, zu Langzeitverläufen und zur Lebensgestaltung sind andererseits gering.
Unsere Biografien weisen viele Parallelen auf: Tätigkeit in großen Fachkrankenhäusern in Baden-Württemberg (früher Psychiatrische Landeskrankenhäuser, heute Zentren für Psychiatrie genannt), in Universitätskliniken, in bayerischen Bezirkskrankenhäusern und in den dortigen Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und auch in Facharztpraxen. Unsere Wege haben sich vielfältig sowohl thematisch wie auch in der konkreten Arbeit immer wieder getroffen, da unser gemeinsames Interesse ja um das gemeinsame Thema »Depression und depressiv kranke Menschen« kreiste.
Vor 50 Jahren standen Depressionen nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit psychiatrischer Kliniken; stationär wurden vor allem sogenannte endogene Depressionen behandelt, bei entsprechender Schwere und/oder Chronifizierung auch »reaktiv-neurotische Depressionen«. Die Standardregel war jedoch, ein depressiv kranker Mensch geht erst dann in ein regionales Versorgungskrankenhaus, wenn die Schwere der Erkrankung so ausgeprägt und sozial beeinträchtigend ist, dass er in eine übliche psychosomatische Klinik nicht passt, wenn er akut suizidgefährdet ist, wenn er an einer »wahnhaften Depression« (heute depressive Episode mit psychotischen Symptomen) leidet oder auch wenn es keinen Kostenträger für eine zeitlich befristete Behandlung in einer psychosomatischen Klinik in schöner Landschaft gibt. »Reaktive Depressionen« und »neurotische Depressionen« gehören doch nicht in einer Klinik stationär behandelt; mit dieser Argumentation hatte einer der namhaften Ordinarien für Psychiatrie in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein vorgestelltes Forschungsprojekt zur stationären Behandlung gerade dieser Patientengruppen und damit die DFG-Förderung abgeschmettert. Depressionen bei Kindern und Jugendlichen wurden als sehr selten angesehen, in der Alterspsychiatrie war das Thema »Depression im höheren Lebensalter« ebenfalls noch nicht angekommen. Unsere klinischen Alltagserfahrungen in der Behandlung und langfristigen Begleitung depressiver Patienten im stationären Rahmen irritierten uns zunehmend und wiesen auf die Notwendigkeit einer klinikinternen intramuralen Differenzierung von Patientengruppen nach Störungsbildern und damit auf eine »Spezialisierung« (wie es damals genannt wurde in der heißen Diskussion um die »Sektorisierung versus Spezialisierung« nach Vorlage der »Psychiatrie-Enquete« in den 1980er Jahren) hin.
Manfred Wolfersdorf gründete 1976 mit seinem Team am Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weissenau die »erste Depressionsstation« in Deutschland, Gerd Laux die zweite im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weinsberg. Für Ersteren lag der Behandlungsschwerpunkt in der psychodynamisch-tiefenpsychologischen Psychotherapie, fachliches Spezialgebiet wurde die Suizidologie, die Suizidprävention und die Frage, warum Menschen sich das Leben nehmen. Gerd Laux widmete sich der differenzierten Behandlung mit Antidepressiva (einschließlich Infusionstherapien und Therapeutischem Drug Monitoring), von denen neue Generationen von Präparaten in der Entstehung waren. Als Arzt und Psychologe spezialisierte er sich auf die Verkehrsmedizin und -psychologie (Fahrtauglichkeitsuntersuchungen), psychotherapeutisch lag der Schwerpunkt im Bereich (kognitive) Verhaltenstherapie und interpersonell-humanistischer Psychotherapie.
Heute sind Depressionen zur »Volkskrankheit« geworden. Die Beschreibung des Krankheitsbildes und die Definition der diagnostischen Kriterien erfuhr durch die ICD-10 und vor allem durch das Diagnostische und Statistische Manual (DSM-III bis nun DSM-5) der amerikanischen Psychiatrie eine deutliche Erweiterung. »Depressive Störungen« umfassen nun ein großes heterogenes Spektrum, dessen Grenzen unscharf geworden sind. Die unglückliche Festlegung, dass bei Vorliegen einer »depressiven Episode« nach ICD-10 diese als Achse I-Diagnose an erste Stelle gestellt werden müsste, führte bereits vor Jahren zu den kuriosen Auswüchsen, dass in einem Standardversorgungsfachkrankenhaus plötzlich zwei Drittel aller Patienten unter einer F3-Störung litten.
Das Stigma »Ich bin doch nicht verrückt« scheint bei depressiven Störungen am geringsten ausgeprägt zu sein, die Inanspruchnahme von fachlicher Hilfe auch bei leichten oder mittelschweren depressiven Erkrankungen scheint zugenommen zu haben, zumindest hört man dies von niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sowie Ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten, bei denen ein gutes Drittel bis manchmal die Hälfte aller Patienten solche mit primären depressiven Erkrankungen sind.
Aktuell besteht eine Diskrepanz (»Gap«) zwischen einer mit hohem Aufwand betriebenen internationalen (Grundlagen-)Forschung einerseits und einer unbefriedigenden Versorgungsrealität anderseits. Trotz immenser Forschungsbemühungen im Feld der Genetik, der Neurobiochemie, der Endokrinologie, der Psychoimmunologie, der Bildgebung und der Psychotraumatologie bleiben die Ursachen auch für Subtypen von Depressionen im hypothetischen Bereich »multifaktorieller und biopsychosozialer Modellvorstellungen«. Es gelang bisher nicht, die Wirksamkeit der ersten trizyklischen Antidepressiva zu verbessern, zerebrale Stimulationsverfahren wie die Transkranielle Magnetstimulation erreichen nicht die Wirksamkeit der in Deutschland immer noch tabuisierten Elektrokrampftherapie. Im Bereich der Psychotherapie wurden in der Nachfolge und z. T. aus den klassischen verhaltenstherapeutischen und tiefenpsychologisch-psychoanalytischen Konzepten störungsspezifische Verfahren für depressiv Kranke entwickelt; so die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die Interpersonelle Psychotherapie (IPT) und speziell für chronische Depressionen das »Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy« (CBASP). Jüngst hält die sog. »Online-Psychotherapie« (Internet-basierte kognitive Verhaltenstherapie) Einzug in die moderne zeitgemäße Depressionsbehandlung. Die Zahl der Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, der Ärztlichen Psychotherapeuten und insbesondere der Psychologischen Psychotherapeuten in Deutschland hat zugenommen – dennoch bleiben depressive Patienten in manchen Regionen unversorgt und circa 30 % der Depressionen gelten als »therapieresistent« bzw. nehmen einen chronischen Verlauf.
Konzeptuell legen wir ein Buch mit persönlichen Akzenten vor: Einerseits enthält es wissenschaftlich-empirische Fakten im Sinne der evidenzbasierten Medizin (auf den klinischen Alltag bezogen und mit der Einschränkung, dass die Autoren sie so schildern, wie sie auch von ihnen erlebt wird), andererseits erlauben wir uns die Wiedergabe unserer persönlichen Sicht, basierend auf unseren langjährigen praktischen klinischen Erfahrungen. Diese persönlichen Anmerkungen werden im Folgenden durch einen eingefärbten Kasten hervorgehoben. Das große Spektrum depressiver Störungsbilder verdeutlichen wir durch Kasuistiken und damit »Patientenschicksale« aus dem eigenen Erfahrungsbereich, anonymisiert und auf Vignetten zur Darstellung des Wesentlichen reduziert. Vor allem zu den Themenkreisen Häufigkeit und Ursachen von Depressionen erlauben wir uns gesellschaftliche, sozialwissenschaftliche und zeitgeistkritische Überlegungen. Wir hoffen, so etwas Licht in den Nebel der »Allerweltsdiagnose Depression« bringen zu können.
Wir danken dem Kohlhammer Verlag, der sich mit uns auf dieses Projekt eingelassen hat, unseren Sekretärinnen für ihre langjährige Unterstützung und unseren Patienten, die uns lehrten, was es heißt, »depressiv krank« zu sein.
Im September 2021
| Manfred Wolfersdorf Bayreuth/Hollfeld | Gerd Laux Soyen/Waldkraiburg/München |
1 Im Text wird aus Gründen der Vereinfachung das generische Maskulinum verwendet; gemeint sind immer Frauen und Männer.
1 Depression, Melancholie: Historische Aspekte
Warum ist es sinnvoll, sich mit »Psychiatrie-Geschichte« zu beschäftigen, hier mit der Geschichte des Depressionsbegriffes bzw. der »Melancholie«, wie er früher genannt wurde? Zum einen erklärt das Wissen um die Entstehung des eigenen Faches, des Berufsstandes und der verwendeten Krankheitsbegriffe den heutigen Status in der gesundheitspolitischen und medizinischen Versorgung von Menschen und natürlich auch das Problem mit dem heute überbordenden Begriff der »depressiven Episode«. Die spezifischen naturwissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen, kulturspezifischen und im engeren Sinne medizinischen Fragen der Psychiatrie und hier bzgl. des Krankheitsbegriffes Melancholie/Depression, von der Symptombenennung über den Norm- und Krankheitsbegriff bis hin zur Psychodynamik, zu Ätiopathogenesekonzepten und zu psychosozialen und sozialpsychiatrischen Themen sind nur aus der Historie zu verstehen. »Depression« einfach als »depressive Episode« operationalisiert zu definieren und damit verstehen zu wollen, führt nicht zu einem vertieften Verständnis depressiv kranker Menschen, sondern bleibt an einer dünnen Oberfläche. Nur der Blick zurück führt zum Verständnis der Gegenwart und zu Perspektiven für eine Zukunft – die für Depressive besonders wichtig ist. Was bei jeder Befunderhebung für eine biografische Anamnese gilt, trifft auch auf das Verständnis von Psychiatrie und hier von Depression/Melancholie zu.
Versucht man eine – zugegebenermaßen ausgesprochen grobe – Gliederung der Geschichte der Psychiatrie zu erstellen, dann kann man drei große Zeiträume unterscheiden. Einen ersten Zeitraum, der vom Altertum bis ca. Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts reicht und den man mit »Geschichte des Wahnsinns« überschreiben könnte. Hier ging es um Fragen des »Raptus melancholicus«, um Wahn und Genie, um Tollheit u. ä. Die Psychiatriegeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts ist im engeren Sinne eine Geschichte der sich entwickelnden Krankenhauspsychiatrie, in der nun der krankhafte Aspekt psychischen Andersseins erkannt und akzeptiert wird und die Herausnahme aus der Gesellschaft (»Verwahrung«) und die Pathologie im Vordergrund stehen. Ein dritter Zeitabschnitt beginnt im 20. Jahrhundert und reicht bis in die Gegenwart und sicher weiterhin, der die »Geschichte der Psychiatrie als medizinisches Fach, als Behandlungsauftrag und als Forschungsgegenstand« versteht und in dem wir mit unserer heutigen Problematik um den Begriff »Depression« bzw. die Geschichte der Melancholie angesiedelt sind. Gaebel und Müller-Spahn (2002) haben Psychiatrie bezeichnet als eine »medizinische Disziplin, die sich mit der mehrdimensionalen Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Prävention psychischer Störungen in einem vernetzten System spezialisierter Behandlungseinrichtungen befasst […] und Gegenstand der Psychiatrie sind psychische Störungen«.
Viele Beiträge zur Psychiatriegeschichte beginnen mit dem klassischen Satz, welcher der Schule von Hippokrates von Kos (ca. 460 bis 370 vor Christus) (Mora 1990) zugeschrieben wird: »Man sollte wissen, dass nur im Gehirn, sonst nirgendwo, Freude, Entzücken, Lachen und Spielen entsteht ebenso Trauer, Sorge, Verzagtheit und Klage. Ebenso werden durch das Gehirn auf bestimmte Weise Vorstellungen und Wissen gestaltet, mit seiner Hilfe hören und sehen wir. Durch das gleiche Organ werden wir wahnsinnig und verwirrt, Ängste und Schrecken treten an uns heran, am Tag oder bei Nacht […] und all dies wiederfährt uns durch unser Gehirn, wenn es nicht gesund ist« (Mora 1990).
Bei Hellmut Flashar findet sich eine Zusammenfassung der medizinischen Theorien zur Melancholie und Melancholikern in der Antike.
Hippokrates: »Wenn Furcht und Mißmut lange anhalten, so ist das melancholisch«.
In der Abhandlung »Problemata« von Aristoteles (wahrscheinlich von Theophrast) findet sich eine der ersten Betrachtungen zur Melancholie. Er sieht das »Zuviel an schwarzer Galle« positiv und spekuliert, warum »alle außergewöhnlichen Männer Melancholiker« seien.
Frühchristlich wird krankhafte Traurigkeit als Erscheinung der Acedia, der »Sünde der Trägheit« verstanden. Luther zitiert den damals weit verbreiteten Satz »Caput melancholicum est balneum diabolicum« – der melancholische Kopf ist ein Bad des Teufels, die Kranken wurden zu Sündern.
Der englische Lyriker Samuel Taylor Coleridge stellte im 18. Jahrhundert fest, dass man in der Natur keine Melancholie finde.
Als Bild einer Künstler-Melancholie gilt das berühmte Bild »Melencolia I« von Albrecht Dürer 1514, im Sinne einer Allegorie von Melancholie bzw. Depression. Die dargestellte Figur blickt ins Unbestimmte, ihr Buch ist zugeklappt, Werkzeug liegt unbeachtet auf dem Boden.
1818 benutzte Heinroth, Lehrstuhlinhaber für Seelenheilkunde in Leipzig, als einer der ersten den Begriff »Depression« in Deutschland. Er schrieb »ein böser Geist wohnt in den Seelengestörten, sie sind die wahrhaft besessenen«.
Aretaios von Kappadokien (ca. 80 bis um 130 nach Christus) gilt als Erstbeschreiber des Alternierens der Gestimmtheit bei heute sog. bipolaren affektiven Erkrankungen: »Es scheint mir aber die Melancholie Anfang und Teil der Manie zu sein« (Arenz 2003, S. 34). Grundlage seiner Überlegungen war immer die Vier-Säfte-Lehre von Hippokrates und später Galen, die sich durch das gesamte Mittelalter zog: Blut (Sanguiniker), gelbe Galle (Choleriker), schwarze Galle (Melancholiker), Schleim (Phlegmatiker), entsprechend den vier Elementen Feuer, Luft, Erde, Wasser sowie den vier Himmelsrichtungen und den Qualitäten heiß, kalt, trocken und feucht.
Die Äbtissin und Mystikerin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) schrieb in ihrem Buch »Causae et curae« wohl als Erste über Geschlechtsunterschiede in der Depression bei melancholischen Männern und Frauen. Melancholische Männer hätten »eine düstere Gesichtsfarbe, auch sind ihre Augen ziemlich feurig und denen der Vipern ähnlich. Sie haben harte und starke Gefäße, die schwarzes und dickes Blut in sich enthalten, […] und hartes Fleisch und grobe Knochen, die nur wenig Mark enthalten.« Allerdings werden depressive Frauen als noch beklagenswerter geschildert: »Sie haben mageres Fleisch, dicke Gefäße und mäßig starke Knochen. Ihr Blut ist mehr schleimig wie blutig, ihre Gesichtsfarbe ist wie mit einem blaugrauen und schwarzen Ton gemischt. Solche Frauen sind windig und unstet in ihren Gedanken, auch übler Laune, wenn sie durch eine Beschwerde dahinsiechen. Sie haben ein wenig widerstandsfähiges Naturell und leiden deswegen manchmal an Schwermut. […] Auch das Kopfleiden, das von der Schwarzgalle verursacht wird, werden sie bekommen wie auch Rücken- und Nierenschmerzen.« Bzgl. der Entstehung der »schwarzen Galle« im menschlichen Körper weist sie eindeutig dem biblischen Sündenfall Adams Schuld zu: »Als Adam das Gebot übertreten hatte, wurde der Glanz der Unschuld in ihm verdunkelt, seine Augen, die vorher das Himmlische sahen, wurden ausgelöscht, die Galle in Bitterkalt verkehrt, die Schwarzgalle in die Finsternis der Gottlosigkeit und er selbst völlig in eine andere Art umgewandelt. Da befiehl Traurigkeit seine Seele und diese suchte bald nach einer Entschuldigung dafür im Zorn. Denn aus der Traurigkeit wird der Zorn geboren, woher auch die Menschen von ihrem Stammvater her die Traurigkeit, den Zorn und was ihnen sonst noch Schaden bringt, übernommen haben (zit. nach Liebig 1992, S. 11–18)«. Die Vier-Säfte-Lehre in einen mittelalterlichen christlichen Kontext gestellt. Allerdings, übersetzt in das heutige Verständnis und die heutige Sprache, beschreibt Hildegard von Bingen hier die »Männerdepression«, wie wir sie von depressiven Männern kennen, die Reizbarkeit, den Zorn, die Selbstschädigung z. B. im Abwehrversuch von Depressivität durch extremen Sport, durch übermäßige Arbeit, durch eigentherapeutischen schädlichen Gebrauch von Alkohol, Medikamenten oder Drogen. Denn die »depressive Episode«, wie sie die ICD-10 beschreibt, ist ja eine »weibliche« Depression.
Das Buch von Robert Burton (1. Auflage Oxford 1621) »Anatomie der Melancholie. Über die Allgegenwart der Schwermut, ihre Ursachen und Symptome sowie die Kunst, es mit ihr auszuhalten« gilt als der Klassiker der Melancholie-Literatur. Man muss es gelesen haben und begreift dann den Unterschied zwischen Melancholie als Krankheit des Individuums und als Gestimmtheit und Temperamentslage der Gesellschaft. Eingangs steht ein Gedicht des Autors zur »Melancholie«, wobei er Melancholie einmal als süßeste Lust, dann als schmerzvollste Last, als sauerste Last, dann wieder als süßeste Lust, als verdammte Last, als bitterste Last, als drückendste Last und als verfluchte Last bezeichnet und die letzten Zeilen lauten: »Mein Los, das tausch ich auf gut Glück mit jedem Mistkerl, Galgenstrick, wie Höllenfeuer brennt die Qual, ich muss heraus, hab’ keine Wahl, und das Leben ist mir hassenswert, wer leiht ein Messer, wer hält das Schwert? Anders Leid – Gold gegen die verfluchte Last: Melancholie«. Zwei Hauptthemen ziehen sich durch das vor allem in der ersten Hälfte sehr locker und lebendig erzählende Buch, nämlich die Melancholie als eine Weltsicht, und er zitiert den Prediger Salomo, dass die Menschen überlaunig, schwermütig, verrückt, wirrköpfig sind, der schreibt: »Da wandte ich mich zu sehen die Weisheit und die Tollheit und Torheit« und weiter: »Denn all seine Lebtage hat er Schmerzen mit Grämen und Leid, dass auch sein Herz des Nachts nicht ruht. So kann man unter Melancholie vieles verstehen und sie begreifen als Schwermut im eigentlichen oder uneigentlichen Sinn, als Anlage oder Gewohnheit, als Auslöser von Schmerz- oder Lustempfindungen, als Schwachsinn, Missmut, Furcht, Kummer, Verrücktheit, sie das alles oder nur einen Teil davon umfassen lassen, buchstäblich oder metaphorisch von ihr reden – es ist jeweils Aspekt derselben Sache.« Im zweiten Teil, dem sog. »Hauptteil« setzt Robert Burton sich dann mit der Melancholie als Erkrankung auseinander. Dabei schreibt er: »Melancholie, der Gegenstand dieser Untersuchung, tritt entweder als Stimmung oder als Naturell auf. Als Stimmung bezeichnet sie jene vorübergehende Niedergeschlagenheit, die noch die unbedeutendsten Anlässe von Kummer, Mangel, Krankheit, Ärger, Furcht, Trauer, geistiger Unruhe, Missmut und Sorge begleitet. Sie kommt und geht, löst Bedrücktheit, Stumpfheit, Verdruss aus, macht das Herz schwer, ist folglich dem Vergnügen, Frohsinn, der Freude und dem Genuss in jeder Weise entgegengesetzt und erzeugt in uns Widerspenstigkeit und Abneigung. […] Und von diesen melancholischen Anwandlungen ist keine lebende Seele frei.« (Burton 1651, dtsch. Übers. Hartmann 1988, S. 41 ff und S. 309 ff). Wenige Zeilen später schreibt Burton dann »aber weil so wenige diesen guten Rat annehmen oder ihn richtig in die Tat umsetzen, weil sie vielmehr wie die wilden Tiere den Leidenschaften ihren Lauf lassen, sich ihnen unterwerfen und so in ein auswegloses Labyrinth von Sorgen, Kümmernissen und Nöten geraten, also ihre Seele ausliefern und sich nicht in der Geduld üben, die ihnen anstünde, deshalb geschieht es sehr häufig, dass die Anwandlungen und Stimmungen sich zu habitueller Schwermut verfestigen. Eine vorübergehende Erkältung löst […] nur Husten aus; wird sie aber chronisch, dann ist Schwindsucht die Folge. Ähnlich verhält es sich auch mit den melancholischen Reizen und je nachdem, ob die schwarze Galle auf einen empfänglichen oder einen widerstandsfähigen Organismus stößt, kommt es nur zu geringfügigen oder durchschlagenden Wirkungen […] Vielmehr gibt er bei dem geringsten Anlass, sei es eine eingebildete Kränkung, Kummer, Schande, seien es Verluste, Gaunereien, Gerüchte, seinen Gefühlen nachkommen, dass sich sein Aussehen verändert, seine Verdauung gestört wird, keinen Schlaf mehr findet, seine Lebensgeister schwinden, das Herz schwer und der Leib hart wird. Er laboriert an Blähungen und verdorbenem Magen, und Melancholie überwältigt ihn. […] Im Handumdrehen und wie durch eine geöffnete Tür überfallen ihn alle möglichen anderen quälenden Gedanken, und wie ein hinkender Hund oder flügellahme Gans siecht er dahin und fällt schließlich der habituellen Schwermut und krankhaften Melancholie zum Opfer.« Später definiert er »Melancholie« als »eine Art fieberfreier Verrücktheit, die normalerweise von grundloser Angst und Trübsinn. […] Nur gestört ist der Melancholiker im Gegensatz zum Irren und Wahnsinnigen, bei dem die Hirnfunktionen nicht in Unordnung, sondern ganz ausgefallen sind«. Angst und Sorge grenze sie von gewöhnlichem Irrsinn ab, Angst und Sorge seien die wahren Kennzeichen und unzertrennlichen Weggefährten der meisten Schwermütigen. Er diskutiert, welche Organe hauptsächlich befallen würden, entscheidet sich dann für das Hirn, denn als Geistesstörung müsse die Melancholie dieses Organ in Mitleidenschaft ziehen. Das sei die Position des Hippokrates, des Galen, der arabischen Medizin und der meisten modernen Heilkundigen. Später diskutiert er dann »das Dreierschema« und beschreibt als Ersterkrankungsform die Kopfmelancholie, die allein vom Gehirn ausgelöst werde, die Zweite betreffe den ganzen Körper, in dem die schwarze Galle aus dem Gleichgewicht geraten sei, die Dritte rühre her von Eingeweiden, der Leber, Milz oder dem Gekröse und werde hypochondrische oder blähende Melancholie genannt, wobei die Liebesmelancholie im Allgemeinen zur Kopfmelancholie gerechnet werde. Als Ursachen melancholischer Erkrankungen werden Gott, die Sterne, das Alter, die Vererbung, die Ernährungsgewohnheiten, Betrübnis und Kummer, Scham und Schande, Furcht, Verdruss, Sorgen und Not, aber auch Rivalität, Hass, Rachedurst oder auch Eigenliebe, Aufgeblasenheit, grenzenloser Beifall, Stolz und übermäßige Freude sowie der Verlust der Freiheit, Knechtung und Gefangenschaft diskutiert. Später schreibt er »keine körperliche Qual kommt der Melancholie gleich, keine Folterwippe, keine heißen Eisen und glühenden Ochsen des Phalaris, und selbst die sizilianischen Tyrannen haben keine schlimmere Tortur erdacht. Alle Ängste, Kümmernisse, Unzufriedenheiten, aller Argwohn, alles Ungute und auch alle Unannehmlichkeiten münden und verlieren sich wie Bächlein in diesen Euripus, dieser Irische See, dieser Ozean des Elends, diesen Zusammenfluss allen Grams, […].« (S. 327). Zum Thema Suizid schreibt er: »Selten endet die Melancholie tödlich, außer in den Fällen – und das ist das größte und schmerzlichste Unglück, das äußerste Unheil –, in denen ihre Opfer Selbstmord begehen, was häufig geschieht. So haben schon Hippokrates und Galen feststellen müssen: Wenngleich sie den Tod fürchten, legen sie doch meistens Hand an sich, und das wird aller ärztlichen Kunst zum Verhängnis […]. Ihr äußerstes Elend peinigt und quält diese Menschen derart, dass sie keine Freude mehr am Leben finden und sich gleichsam gezwungen sehen, sich den Kelch abzutun, um ihr unerträgliches Leid abzuschütteln. So begehen […] einige in einem Anfall von Raserei, die meisten aber aus Verzweiflung, Sorge, Angst und Seelenpein Selbstmord, denn ihre Existenz ist unglücklich und jammervoll« (S. 325). Robert Burton (1577–1640) war Theologe, Mönch und Gelehrter am Chris Church College der Universität Oxford. Er schrieb das Buch »Anatomie der Melancholie« als Selbstbetroffener, es kostete ihn seine gesamte Schaffenskraft, so dass nur wenig Sonstiges von ihm erhalten ist.
Romano Guardini (1928–1983) meinte in »Vom Sinn der Schwermut«: »Die Schwermut ist etwas zu schmerzliches, und sie reicht zu tief in die Wurzeln unseres menschlichen Daseins hinab, als dass wir sie den Psychiatern überlassen dürften [Romano Guardini 1949]. Wir glauben, es geht um etwas, was mit den Tiefen unseres Menschtums zusammenhängt.« Romano Guardini spricht damit etwas an, was sich durch die gesamte Literatur und das Denken zur Melancholie und Depression zieht, nämlich die Unschärfe der Trennung der Krankheit Depression von der »melancholischen Gestimmtheit« und er meint damit ein menschliches Phänomen, das per se keine Krankheit ist, aber zu einer werden kann. Romano Guardini war selbst depressiv erkrankt.
Schott und Tölle (2006, S. 402 ff.) schreiben, die Melancholie gelte in der abendländischen Medizingeschichte als eine Hauptkrankheit, die nach der antiken Humoralpathologie (Vier-Säfte-Lehre) von der (hypothetischen) schwarzen Galle herrühre. Die schwarze Galle solle vor allem mit der Milz in Beziehung stehen und vom Hypochondrium bzw. der Kardia (Magenmund) aus auch andere Körperregionen infizieren. Dabei habe die aus dem Bauch in den Kopf aufsteigende Melancholie (Melancholia hypochondriaca) in der allgemeinen Krankheitslehre bis ins 19. Jahrhundert hinein eine wichtige Rolle gespielt. Unzählige Vorstellungen seien im Zusammenhang mit der Melancholie seit der »Schwarzgalligkeit« der griechischen Medizin vorgelegt worden. »Im Begriff der Melancholie spiegelt sich wie in keinem anderen die gesamte abendländische Medizingeschichte wider«. Das sei gerade bezüglich des Leib-Seele-Verhältnisses, der medizinischen Anthropologie und der psychiatrischen Therapeutik höchst aufschlussreich. Dies erinnert erneut stark an die Aussage von Romano Guardine, die Melancholie nicht nur den Psychiatern überlassen zu können.
Nach Schott und Tölle (2006) (S. 406) neigen Psychiatriehistoriker dazu, der mittelalterlichen Heilkunde generell eine »dämonologische Interpretation der Geisteskrankheiten« zu unterstellen, um sie somit von den rationalen Krankheitsmodellen der Antike und den naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritten der Neuzeit abzugrenzen. Für Schott und Tölle ist dies eine Variante der Legende vom finsteren Mittelalter. Hole und Wolfersdorf (1986, S. 440) haben gezeigt, dass die Verallgemeinerung, dass im Mittelalter die somatische Grundlage der Melancholie zugunsten einer »dämonologischen Interpretation« aufgegeben worden sei, falsch ist. Die Medizin des Mittelalters stand durchaus in der Tradition der antiken Lehre, die keineswegs zugunsten der Dämonologie aufgegeben wurde, wenngleich religiöse und teilweise auch dämonologische Anschauungen integriert wurden. Nach Hildegard von Bingen schien etwa bei der viel zitierten »Mönchskrankheit« (Acedia) die schwarze Galle als Ausdruck der Sünde (der mönchischen Nachlässigkeit) eine Melancholie zu erzeugen, wie sie es schon in Adams Körper in Folge des Sündenfalls getan habe. Melancholie schwäche in dieser Sicht die Abwehrkräfte gegen Dämonen und disponiere somit zur Besessenheit.
Johann Baptist van Helmont (1579–1644), ein bedeutender Mediziner des 17. Jahrhunderts und Wegbereiter der chemischen Medizin aus dem Geiste der Alchemie, hat den Zusammenhang von Melancholie und Imagination beschrieben. Er lehnte die Vier-Säfte-Lehre der schwarzen Galle ab, zumal er sie nicht gefunden habe, sondern spricht von einem »Fehler des Lebens-Geistes«, wobei die Einbildungskraft (Imaginatio), welche die krankmachenden Bilder (Ideae morbosae) eine entscheidende Rolle spielten. Damit sind wir beim Saturn als Stern der Melancholiker angelangt. Van Helmont hält an der astrologischen Lehre fest, dass der Saturn als »Irrstern« über die Milz seinen üblen Einfluss ausübe, es entstünden dort durch Einbildung und Fantasie krankmachende Bilder, die quasi als Krankheitssamen den Lebensgeist im Magen so stark beeindruckten, dass eine Krankheit entstehe.
Neben den biologischen (Vier-Säfte-Lehre) und astrologischen (Saturn) sowie theologisch ergänzten (Vier-Säfte-Überlegungen, Hildegard von Bingen) gibt es auch psychologische und tiefenpsychologische Überlegungen zur Entstehung der Melancholie. Der französische Psychiater Pinel (1800, S. 66) soll als Ursache der Melancholie »Traurigkeit, Schrecken, anhaltendes Studieren, die Unterbrechung eines thätigen Lebens, heftige Liebe, das Uebermass in den Vergnügungen, Missbrauch betäubender und narkotischer Mittel, vorübergehende Krankheiten, die unrichtig behandelt wurden, die Unterdrückung des Hämorrhoidalflusses« gesehen haben. Esquirol (1816 S. 30 ff.) bezeichnete die Melancholie als »Lypémanie« (griechisch Lype ist gleich Betrübnis, Ärger, Schwermut) und schreibt: »Das Delirium bezieht sich nur auf einen oder eine kleine Anzahl von Gegenständen mit einer vorherrschenden traurigen oder niederdrückenden Leidenschaft«. Außerhalb der Psychiatrie wird der Begriff Melancholie häufig in Literatur, Kunst und Sonstigem in einem anderen Sinne verwendet. Dabei wird ein Zusammenhang zwischen der Melancholie und der künstlerischen Kreativität hergestellt, also zwischen »Krankheit und Genie«.
In einem eigenen Kapitel (S. 411 ff.) differenzieren Schott und Tölle zwischen »Melancholie und Depression«. Melancholie sei der ältere Begriff, mit einer mehr als 2.000-jährigen Verwendung, allerdings nur im Hinblick auf das Erscheinungsbild der Krankheit, nicht bzgl. der Theoriebildung. Heute spricht man nicht mehr von Melancholie und auch das Adjektiv »melancholisch« wird kaum verwendet. Der Begriff »Depression« tauchte anscheinend erst um 1800 auf und soll auf eine Anregung des schottischen Arztes William Cullen zurückgehen. William Cullen (1885, S. 57) war besonders interessiert an Nervenkrankheiten und bezeichnete sie als »Neurosen« (Morbi nervosi), er erklärte die Melancholie als Gehirnkrankheit und behauptete, die Krankheit sei vom »Grad der Festigkeit der Substanz des Gehirns« abhängig. Der Begriff Depression wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts immer häufiger benutzt. Heinroth (1825, S. 118) definierte die »Depression« als ein »Übermaß an Passivität«. Die französische Psychiatrie sprach noch von Melancholie, aber gleichbedeutend mit dem Begriff Depression. Im 20. Jahrhundert verwendeten den Begriff Melancholie eher anthropologisch orientierte Psychiater wie L. Binswanger oder H. Tellenbach. Der Begriff Depression erfuhr einen Bedeutungsverlust, indem man nur noch »irgendein Herabgestimmtsein« ohne Differenzierung meinte.
Die deutschsprachige Psychiatrie unterschied bis zur ICD-10 zwischen drei Kernformen von depressiven Erkrankungen: 1) endogene monopolare, monophasische oder rezidivierende Depressionen, 2) exogene Depressionen, zu denen auch somatogene, also aus der körperlichen Sphäre stammende zählten, und 3) psychogene Depressionen, die reaktiven, die neurotischen und die Entwicklungen. Allerdings gibt es auch in der ICD-10 noch die »melancholische« Depression, wenn man sich genauer das somatoforme Syndrom anschaut, welches eben biologische sprich melancholische Symptomatik enthält.
Über Jahrhunderte ist die Krankheit Melancholie im Kern übereinstimmend beschrieben worden. Paracelsus (sämtliche Bände Oldenbourg 1929–1933) schrieb im Band 12 (S. 42): »Melancholia ist ein krankheit, die in ein menschen falt, das er mit gewalt traurig wird, schwermütig, langweilig, verdrossen, unmutig und falt in seltsam gedanken und speculationen, in traurigkeit, in weinen etc., wie dan das gemüt an im selbs anzeigt.«
László F. Földényi (1988), ungarischer Dichter und Schriftsteller, eröffnet sein Buch im Vorwort mit dem Satz »Der Beginn unter Qualen zeugt von der Schwierigkeit des Unterfangens.« Darüber hinaus schreibt er im letzten Kapitel seiner Einführung: »Zu jener Zeit, da die Melancholie zum erstenmal als Begriff erschien, war über sie schon alles gesagt worden. Doch von Anbeginn an ist die Ungenauigkeit des Begriffs, auch der an spätere Epochen nichts ändern konnten, auffallend. Es gibt keine eindeutige oder genaue treffende Bestimmung der Melancholie. Die Geschichte der Melancholie ist auch die Geschichte einer nie zum Abschluss kommenden Präzisierung der Begriffsprägung und gerade daraus ergibt sich auch der Zweifel: sprechen wir über die Melancholie, so ist sie gar nicht Gegenstand unseres Sprechens, es handelt sich vielmehr um einen Versuch, mit den über sie geprägten Begriffen unsere eigene Lage zu erkennen.« (S. 12–13). Der Autor steigt in sein Thema dann mit einem überraschenden Satz ein: »Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?« Und er meint, dass dieser Satz, der aus der Schule des Aristoteles stammte, an seiner Gültigkeit bis in die heutige Zeit nichts eingebüßt habe. Das Gemüt und die Gestalt, der Geist und der Körper sowie die Melancholie sei ihre Krankheit, die Einheit der Seele und die auch den körperlichen Zustand bestimmende Vermengung der kosmischen Elemente. Das sich Auflösen und das Erkranken dieser Zweiheit sei die Melancholie und der Autor fragt, ob es denn eine ärztliche Anschauung gebe, die großzügiger und mütiger wäre. Die Melancholie als Krankheit sei, so in Anlehnung an Hippokrates, daher das »Ergebnis einer Art von Entgleisung, das Gleichgewicht von Mikro- und Makrokosmos hat sich verlagert, die Ordnung (der Kosmos) hat sich gelockert, es hat sich eine Störung eingestellt, und die betroffene Person ist nicht mehr in der Lage, den untrennbaren Gesetzen des Alls und des eigenen Schicksals zu gehorchen.« (S. 19). Weiter schreibt er: »Das Verstehen der Melancholie als endokosmogene Depression dehnt den Begriff derart aus, dass die streng objektivistische Medizin zurecht das Gefühl haben kann, dass man ihr die Basis entzogen hat. Es scheint, als ob ein schicksalhafter Relativismus nicht nur zwischen körperlichen und seelischen Krankheiten die Grenze verwische, sondern auch die Beziehung zwischen Erkrankung und Gesundheit relativieren würde.« (S. 296). Darüber hinaus führt er aus, was er unter Melancholie versteht: »Die Traurigkeit und die Angst, die den Melancholiker befallen, sind der im alltäglichen Sinne verstandenen Übellaunigkeit oder Furcht nicht gleich. Der Melancholiker ist traurig, blickt aber auch auf diese Traurigkeit: er ist sich darüber, dass es ein »sinnloses« Unterfangen ist, zu trauern, im Klaren und verhält sich zu seiner Traurigkeit wie zu einem Gegenstand. Er trauert, und dennoch hat er nichts mit seinem eigenen Zustand zu schaffen und deshalb ist er auch nicht zu trösten.« (S. 346).
Wolfram Schmitt eröffnet seinen Beitrag »Zur Phänomenologie und Theorie der Melancholie« in »Melancholie in Literatur und Kunst« (1990, S. 14–28) mit dem Satz, den er als »Enttäuschung« bezeichnet: »Was Melancholie ist, wissen auch die Psychiater nicht. Es gibt jedoch unter der Mehrzahl der Psychiater einen ungefähren Konsens darüber, was als das Erscheinungsbild der Melancholie zu gelten habe. Es handelt sich hierbei um einen psychopathologischen Symptomenkomplex, ein Syndrom, besser um ein Kern- oder Achsensyndrom oder auch um einen Idealtypus, den man als Melancholie oder zyklothyme Depression bzw. endogene Depression anzusprechen pflegt. Dieser Typus Abnormität, den man auch zu den affektiven Psychosen rechnet, ist auf der phänomenologisch-beschreibenden Ebene durch folgende Erscheinungen gekennzeichnet, die keineswegs vollständig ausgeprägt sein müssen: 1) Verstimmung, 2) Vitalstörungen und 3) Hemmung, 4) Wahn, 5) Suizidalität, 6) körperliche Verstörungen, insbesondere Biorhythmusstörungen« (S. 14).
Jaspers (1913) sah in der »tiefen Traurigkeit« und der Hemmung allen seelischen Geschehens den Kern der Depression. Kurt Schneider (1920) sprach von der »vitalen Traurigkeit«, Schulte (1961) von »Nicht-Traurig-Sein-Können«, Heinrich (1966) von »Herabgestimmtheit«, womit der Versuch gemacht werden sollte, die vom Patienten meist selbst schwer in Worte zu fassende, schwer auch nachvollziehbare depressive Herabgestimmtheit in Stimmung und Gefühlen, die sich deutlich von Trauer und Traurigkeit absetzen lässt, zu benennen (Kohs und Tölle 1987).
Wirft man einen ganz kurzen Blick auf die psychoanalytisch-tiefenpsychologische Literatur, so stößt man als erstes auf die klassische Schrift von Freud »Trauer und Melancholie« (1917): »Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal etc. Unter den nämlichen Entwicklungen zeigt sich bei manchen Personen, die wir darum unter den Verdacht einer krankhaften Disposition setzen, anstelle der Trauer eine Melancholie. […] Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tiefe schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt und den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühles, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert.« Freud (Freud 1917 GWX 428–446) verweist auf die außerordentliche Herabsetzung des Ich-Gefühles, eine »großartige Ichverarmung«, die Störung des Selbstgefühles, und meint, dass bei der Trauer die Welt arm und leer geworden sei, bei der Melancholie sei es »das Ich selbst«. Daniel Hell (2012) schreibt, es scheine ihm angebracht, die heutige Depressionsdefinition der Weltgesundheitsorganisation in der ICD-10 als diagnostische Übereinkunft zu übernehmen, dabei aber offen zu bleiben »für die Vielfalt depressiver Bilder und die Mehrdimensionalität depressiven Leidens« (S. 13). Zudem entwickelt er die grundlegende Vorstellung von der Depression als einer »Gleichgewichtsstörung« und verweist auf Gemeinsamkeiten aller Depressionstheorien und historischen Konzeptionen von Melancholie, Akedia und »dunkler Nacht«, welche »regelhaft von einem Ungleichgewicht ausgehen, sei es von einem Ungleichgewicht körperlicher Stoffe, seelischer Kräfte oder sozialer Verhältnisse.« (S. 15). Ihm erscheint das depressive Geschehen als eine spezifische Störung des Gleichgewichts, ohne dass allerdings schon klar sei, welche Hierarchieebenen in welcher Weise aus dem Gleichgewicht gebracht seien und wie sich die verschiedenen Ebenen gegenseitig beeinflussen würden. Marianne Leuzinger-Bohleber (2005 S. 21 ff.) erinnert daran, dass viele der älteren Arbeiten aus der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse Depression im Zusammenhang mit einem Verlust eines realen oder inneren Objekts gesehen haben. Bleichmar (2003) schlug vor dem Hintergrund zahlreicher psychoanalytischer Arbeiten vor, Depression nicht als einen krankhaften Zustand zu betrachten, sondern die Depression als einen Prozess zu verstehen, der abhängig von internalen und externalen Bedingungen ablaufe. Böker und Northoff (2016, S. 15) verstehen Depression als »Psychosomatose der Emotionsregulation« und fassen als wesentliche psychodynamische Merkmale der Depression die Reaktivierung früherer kindlicher Verlusterfahrungen, die Introjektion des verlorenen Objektes in Verbindung mit negativen Affekten und den Verlust aktueller Objektbeziehungen auf.
Griesinger (1845, S. 165–166) war der Meinung, das Zentrale der Melancholie sei »ein psychisch schmerzhafter Zustand. […] Und dieses psychische Wehthun besteht für die Kranken selbst in einem Gefühl von tiefem geistigen Unwohlsein, von Unfähigkeit zu Handeln, von Unterdrückung aller Kraft, von Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, in einer totalen Herabgestimmtheit des Selbstgefühls«. Karl Jaspers (1973, S. 90) sprach davon, dass es sich bei der Depression »nicht um Apathie, sondern um ein qualvolles Fühlen eines Nichtfühlens« handle. Die Kranken würden unter dieser subjektiv empfundenen Gefühlsleere ungeheuer leiden. Abschließend schreibt der amerikanische Psychoanlytiker Sidney Blatt (2002, S. 29): »Thus, depression can be defined as a basic affect state that can range from a relatively appropriate and transient dysphoric response to untoward life events to a severe and persisting disorder that can involve serious distortions of reality«.
Fasst man zusammen, so sind Absicht und Versuch, depressive Erkrankungen zu operationalisieren und auf einer eher Symptom- und Verhaltensebene zu beschreiben, gut nachvollziehbar. Wie später noch weiter ausgeführt wird, bieten sich Syndrombeschreibungen wie »depressive Episode« in der ICD-10 – oder früher »depressives Syndrom« – für derartige Vereinheitlichungen an, bergen aber auch immer die Gefahr der Überforderung und der Ausfransung in den Grenzbereichen. Trotzdem ist festzuhalten, dass über Jahrhunderte hinweg im Zentrum des Verständnisses von Melancholie, später der Depression, die Störung der Affektivität gesehen wird, ob nun als Trauer, als Herabgestimmtheit, als Gefühlsleere, als reduziertes Gemüt, als Schwermut oder auch als psychischer Schmerz bezeichnet, und anderseits die Betrachtung der Welt mit den Augen eines Melancholikers; wobei sich hier der Übergang zur melancholischen Weltsicht, ohne Krankheitswert, anbietet. Die somatische Betroffenheit in der Depression mit all ihren psychosomatischen Beschwerden, von den Schlaf- und Appetitstörungen bis hin zu den sexuellen Störungen, insgesamt zu einem veränderten körperlichen Erleben, kommen im engeren Sinne erst in der psychiatrischen Literatur der letzten beiden Jahrhunderte in den Fokus der Betrachtung. Interessant ist dabei, dass von psychiatrisch-soziologischer Seite (siehe Hell 2012) eine Störung des Gleichgewichtes als zentrales Erleben der Depression postuliert wird, von psychoanalytisch-tiefenpsychologischer Seite der Verlust realer Objektbeziehungen und nicht mehr nur unbewusste und triebpsychologische Aspekte gesehen werden (z. B. Böker und Northoff 2016).
Merke
Warum ist Psychiatrie-Geschichte, hier am Beispiel von der Melancholie/Depression hilfreich? Psychiatrie-Geschichte ist ganz früh eine Geschichte des Wahnsinns, dann im Mittelalter eine des Körpers (Vier-Säfte-Lehre) verknüpft mit religiösen Themen (Sünde), dann eine Krankheits- und Krankengeschichte in den letzten drei Jahrhunderten. Die Melancholie war immer besonders: beim »Raptus melancholicus« wird der Suizident auch im Mittelalter exkulpiert und christlich beerdigt; Melancholie und Genie werden gemeinsam gesehen; uni- und bipolare Erkrankungen klar psychopathologisch beschrieben. So groß sind die Unterschiede zum heutigen Bild nicht!
2 Epidemiologische und gesundheitsökonomische Anmerkungen
2.1 Deutschland, Europa, weltweit
Epidemiologische und gesundheitsökonomische Studien belegen die herausragende Bedeutung depressiver Erkrankungen: Verglichen sowohl mit anderen psychischen Erkrankungen als auch mit allen anderen nichtpsychiatrischen Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus sowie kardio- oder zerebrovaskulären Erkrankungen kommt nach der »Burden of Disease Study« der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank – gemessen an den zentralen Indikatoren DALYs (»Disability-adjusted Life Years«) und YLDs (»Years Lived With Disability«) – in den Industrienationen der Major Depression und der Dysthymia größte Bedeutung zu (Ferrari et al. 2013; Murray und Lopez 1996, 2010).
Depressive Erkrankungen verursachen v. a. indirekte Krankheitskosten durch Krankheitstage/Produktionsausfall und Frühberentungen. Nicht erkannte bzw. nicht diagnostizierte Depressionen ziehen wegen körperlicher Beschwerden aber auch zahllose überflüssige somatische Untersuchungen nach sich. Die mit depressiven Erkrankungen assoziierte Suizidalität besitzt angesichts ihrer Häufigkeit neben ihrer persönlich-familiären Tragik ebenfalls große gesundheitsökonomische Bedeutung.
In Deutschland stehen Depressionen heutzutage bei Krankmeldungen und den zu Arbeitsunfähigkeit führenden Gesundheitsstörungen an der Spitze, Frühberentungen erfolgen zu einem Drittel wegen Depressionen. Der Psychoreport 2015 der DAK und des IGES (Institut für Infrastruktur und Gesundheitsfragen) zeigte einen deutlichen Anstieg der AU-Tage vom Jahr 2000 bis 2014 um über 200 %; der Anteil depressiver Störungen (ICD-10: F32/33) ist dabei fast dreimal so hoch wie der schwerer Belastungs- und Anpassungsstörungen. 2015 wurden die Krankheitskosten für die ICD-10-Depressionsdiagnosen F32-34 mit 8,7 Mrd. € (2,9 Mrd. für Männer, 5,8 Mrd. für Frauen) angegeben (www.gbe-bund.de 2018). Die individuellen Behandlungskosten werden auf jährlich ca. 2.500 bis 5.000 € taxiert, die jährlichen Gesamtkosten werden auf ca. 16 Mrd. € geschätzt. Für Altersdepressionen bei Menschen ab 75 Jahren wurden in einer Beobachtungsstudie (AgeMooDe) mittlere Kosten über sechs Monate von 5.031 € kalkuliert (Bock et al. 2016). In Deutschland sind Depressionen bei Frauen die dritthäufigste, bei Männern die siebthäufigste Ursache für durch Krankheit beeinträchtigte Lebensjahre (DALY) (Plass et al. 2014).
In der TACOS-Studie (»Transitions in Alcohol Consumption and Smoking«; Meyer et al. 2000) mit 4.093 Interviews in einer norddeutschen Region fand man eine Lebenszeitprävalenz für depressive Störungen (Major Depression, Dysthymia) von 11,5 % (Männer 6,8 %, Frauen 16,3 %). In der Studie zur »Gesundheit in Deutschland aktuell« (GEDA) des Robert Koch-Instituts (2019) wurden Selbstangaben zu einer diagnostizierten Depression oder depressiven Verstimmung in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung erhoben. Die Prävalenzen betrugen für Männer 5,1 %, für Frauen 9,0 %.
Die Studie zur »Gesundheit Erwachsener in Deutschland« und ihr Zusatzmodul »psychische Gesundheit« (DEGS1-MH), basierend auf einer bevölkerungsrepräsentativen Erwachsenenstichprobe (18–79 Jahre, n = 5.317), ergab anhand ausführlicher Interviews für die unipolare Depression eine 12-Monats-Prävalenz von 6 % (Frauen 8,1 %, Männer 3,8 %). Die Lebenszeitprävalenz einer aus ärztlichen Interviews diagnostizierten Depression betrug 11,6 % (Frauen 15,4 %, Männer 7,8 %) (Busch et al. 2013; Jacobi et al. 2014). In der Hausarzt-Studie »Depression 2000« waren Depressionen die häufigsten psychischen Störungen, am Untersuchungsstichtag erfüllten 11 % der Patienten die Kriterien einer depressiven Episode. 26 % erhielten keine Diagnose einer psychischen Störung, 19 % nicht die einer Depression, in 34 % der Fälle gaben die Ärzte wahrscheinliche Depression an, nur 21 % wurden definitiv erkannt (Wittchen et al. 2002).
Nach neuen Erhebungen liegt die Prävalenz depressiver Symptome und von Depression bei Assistenzärzten bei knapp 30 %, wobei symptomatisch »Hilflosigkeit« dominiert. Ein Großteil der Daten basiert dabei aber auf Fragebögen und nicht auf Interviews.
Für die EU-Staaten wurde eine 1-Jahres-Prävalenz für Major Depression von 6,9 % ohne substanzielle Ländervariation gefunden, die DALY-Rate für die unipolare Depression lag an der Spitze aller psychischen und neurologischen Erkrankungen. Der EU-Report 2010 (Wittchen et al. 2011) stellte dabei Prävalenzraten (12-Monats-Prävalenz) aus den Jahren 2005 und 2011 gegenüber und fand bei der Major Depression in beiden Fällen einen Anteil von 6,9 %, was 30,3 Millionen Personen mit einer diagnostizierten Major Depression bedeutet. Das Risiko, im Laufe des Lebens an einer Depression (alle Formen) zu erkranken,die Lebenszeitprävalenz, liegt national wie international bei 16 bis 20 % (Bijl et al. 1998; Ebmeier et al. 2006; Jacobi et al. 2004). Die Replikation der großen US-amerikanischen National Comorbidity Study (NCS-R) anhand DSM-IV-Kriterien ergab eine 1-Jahres-Prävalenz für Major Depression von 9,5 %.
Nach einer Analyse von Krankenkassendaten (Barmer GEK) aus dem Jahr 2011 von 7,5 Mio Versicherten wurde bei knapp 237.000 eine Depression diagnostiziert. 53 % der schweren Depressionen und 51 % der Depressionen mit schwerer psychiatrischer Komorbidität wurden von Fachärzten behandelt. Knapp die Hälfte der Allgemeinarzt-Patienten wurde mit einem Antidepressivum behandelt, 10 % mit zwei Antidepressiva simultan. 26 % erhielten Psychotherapie (Wiegand et al. 2016).
Die oberbayerische Longitudinalstudie über 25 Jahre, wobei das Durchschnittsalter initial 39,4 Jahre betrug, fand mittels Interviews eine stabile Prävalenz depressiver Syndrome (initial 18,1 %, 16,1 % nach 25 Jahren) sowie für die »depressive Stimmung« (30,8 % bzw. 21,4 % bzw. 23,1 %). Dies unterstreicht die Feststellung, dass Depressionen über die letzten Dekaden nicht zugenommen haben (Fichter et al. 2008).
Das Lebenszeitrisiko, an einer unipolaren Depression zu erkranken, wird auf 11 % bis 26 % geschätzt, bei älteren Menschen auf etwa 10 %.
Untersuchungen zur Prävalenz der Major Depression in verschiedenen Kulturen zeigten eine bis zu 7-fache Varianz, wobei Punktprävalenzen zwischen 4,6 % und 24 % gefunden wurden.
Die Prävalenzraten der Dysthymie variieren stark. Laut DEGS 1-MH-Studie beträgt die 1-Jahresprävalenz etwa 2 % (Frauen 2,5 %, Männer 1,4 %). Für Deutschland (Jacobi et al. 2004) werden 2,5 % Dysthymie neben 8,3 % depressive Episode als Einzelepisode oder im Rahmen rezidivierender Verläufe angegeben. Dabei besteht eine hohe Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen, vor allem Angststörungen, Substanzmissbrauch und -abhängigkeit sowie Persönlichkeitsstörungen. Einige Autoren bezweifeln deswegen die Eigenständigkeit und die praktische Anwendbarkeit dieser Diagnose, die letztlich einen Sammeltopf aus der früheren (ICD-9) neurotischen Depression, sog. chronischen Depressionen und subsyndromalen depressiv-dysthymen Erkrankungen darstellt.
Die Prävalenzraten für bipolare Störungen werden für Bipolar I mit 0,6 % und für Bipolar II mit 2–6 % angegeben. Hierbei überwiegen Depressionen deutlich (Bauer et al. 2017).
Zu den depressiven Störungen, die noch weiterer Forschung bedürfen, gehören die »Minor Depression«, subsyndromale Formen sowie die rezidivierende kurze depressive Episode (»Recurrent Brief Depression«, RBD), für die Lebenszeitprävalenzen von 2–10 % berichtet werden (Laux 2017b). Der Kliniker und vor allem der niedergelassene Psychiater kennt RBD aus Verlauf und Nachsorge, wo sie als »Einbruch« oder »Absturz«, manchmal mit hoher suizidaler Gefährdung geschildert wird.
Depression bei körperlichen Erkrankungen. Angesichts der altersassoziierten Zunahme (chronischer) körperlicher Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit (KHK), Diabetes mellitus, M. Parkinson oder einem Schlaganfall hat die Bedeutung und Häufigkeit komorbider Depressionen zugenommen. Bei Krankenhauspatienten wird die 1-Jahres-Prävalenz von majoren Depressionen mit 4–17 % angegeben. Für einzelne Erkrankungen werden folgende Punktprävalenzen angegeben:
| • Diabetes mellitus | 10–30 % |
| • KHK, Myokardinfarkt | 20–45 % |
| • COPD, Asthma | ca. 30 % |
| • M. Parkinson | 40–50 % |
| • Epilepsie | ca. 30 % |
| • Schlaganfall | ca. 30 % |
| • Schädel-Hirn-Traumen | ca. 30 % |
| • Multiple Sklerose | ca. 40 % |
| • Dialysepatienten | 10–20 % |
| • Karzinompatienten | ca. 25 % |
Bei Krankenhauspatienten wird eine 1-Jahres-Prävalenz von Majoren Depressionen mit 4–18 % angegeben. Hier ist jedoch von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.
Merke
Depressionen gehören heute zu den wichtigsten »Volkskrankheiten«. National wie international liegt die Lebenszeitprävalenz für depressive Störungen bei 13–20 %, die 12-Monats-Prävalenz bei 4–11 %.
Die Zahl der Menschen mit Depressionen steigt weltweit. Nach einer Studie der WHO waren 2015 rund 322 Millionen Menschen betroffen – 4,4 % der Weltbevölkerung. Dies bedeutet eine Zunahme von über 18 % im Vergleich zu einer Erhebnung von vor mehr als zehn Jahren. Ursächlich sind das Bevölkerungswachstum und die längere Lebenserwartung insbesondere von älteren Menschen. Eine Depression ist heute weltweit eine der wesentlichen Ursachen für eine Lebensbeeinträchtigung.
2.2 Soziodemografie, Alter und Geschlecht
Eine depressive Symptomatik anhand des Patient-Health-Questionnaire (PHQ-9 > 10 Punkte) bestand bei 8,1 % der Erwachsenen (Frauen 10,2 %, Männer 6,1 %) mit höchster Prävalenz in der Altersgruppe von 18–29 Jahren.
Frauen haben ein etwa doppelt so hohes Erkrankungsrisiko wie Männer. Mit steigendem Alter und nach einer WHO-Kohortenstudie in den letzten Jahrzehnten nähern sich die Geschlechtsverteilungen an. Ersterkrankungen zeigen bei Frauen einen früheren Krankheitsbeginn. Bei der saisonalen Depression (SAD) überwiegen Frauen mit ca. 75 %. In den letzten Jahren fand die Depression bei Männern vermehrt Beachtung (siehe
Kap. 3.3.1).
Die gepoolten Daten der GEDA-Studie bestätigen den Befund, dass bei Frauen in Deutschland signifikant häufiger die Diagnose Depression festgestellt wird als bei Männern. Insgesamt geben 8,9 % der Frauen und 5,2 % der Männer im Alter zwischen 18 und 64 Jahren an, dass bei ihnen in den letzten zwölf Monaten eine Depression oder eine depressive Verstimmung ärztlich oder psychotherapeutisch diagnostiziert wurde.
Altersverlauf. Während nur knapp 6 % der Frauen und knapp 3 % der Männer zwischen 18 und 29 Jahren von einer Depression oder depressiven Verstimmung innerhalb der letzten zwölf Monate berichten, sind es bei den 30 bis 44-Jährigen 8 % bzw. 4,4 %, bei den 45- bis 64-Jährigen 11,0 % bzw. 7,2 %.
Die Angaben zur Prävalenz von Altersdepressionen schwanken erheblich: In der Berliner Altersstudie wiesen knapp 5 % der über 70-Jährigen eine Major Depression auf, ca. 10 % erfüllten die Kriterien der Diagnose Depression. Die 12-Monatsprävalenz in Heimen liegt bei 15–25 %. Eine Metaanalyse von neun europäischen Studien (EURODEP) kam zu einer Prävalenz von 8,8–23,6 %, im Mittel von 12,3 % (n = 13.808 über 65-Jährige). Ein Review ergab eine Prävalenz in Privathaushalten von 1–10 %, für Heimbewohner von 14–42 % und betonte erhebliche methodologische Differenzen. Ein großes internationales Haushalts-Survey mit über 42.000 Interviewten kam zu dem Ergebnis, dass die Prävalenz depressiver Störungen mit dem Alter abnahm bei gleichzeitiger Zunahme (chronischer) körperlicher (Schmerz-)Symptome und hoher Komorbidität bei Depressiven. Jüngst ergab die AgeMooDe Studie bei > 75-Jährigen eine Depressionsprävalenz von ca. 18 % (Major Depression 8 %). Die niedrigere Depressionsrate bei den > 65-Jährigen wird mit einer höheren Resilienz und Copingstrategien Älterer in Verbindung gebracht.
Sozialstatus. Der Anteil von Menschen mit Depressionen ist in unteren Sozialstatusgruppen größer als in oberen Statusgruppen. Die Prävalenz beträgt für Frauen mit niedrigem Sozialstatus 11,8 % und für Frauen mit hohem Status 6,9 %. Bei Männern liegen die vergleichbaren Prävalenzen bei 8,8 % und 3,4 %. Diese Unterschiede zeichnen sich bei Frauen und Männern vorrangig ab dem mittleren Erwachsenenalter (30 Jahre und älter) ab.
Alleinerziehende erhalten im Vergleich zu Kinderlosen häufiger die Diagnose einer Depression. Bei Frauen finden sich häufiger Brüche im Lebensverlauf und in der Erwerbsbiografie, ihnen wird auch eine geringere Anerkennung der Familienaufgaben im Vergleich zur Erwerbsarbeit zuteil. Frauen leisten häufiger und in höherem Ausmaß als Männer unbezahlte Arbeit im Haushalt und bei der Erziehung der Kinder; die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Kindern ist niedriger. Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Depression ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen.
Das Zusammenleben mit einem Partner wird als Schutzfaktor für die psychische Gesundheit angesehen. Deutliche Unterschiede in der diagnostizierten Depression zeigen sich bei beiden Geschlechtern aller Altersgruppen zwischen Alleinlebenden und nicht allein lebenden Personen. Die Prävalenzen bei Frauen und Männern in fester Partnerschaft sind deutlich niedriger im Vergleich zu denjenigen, die nicht in einer festen Partnerschaft leben. Getrennt lebende, geschiedene und verwitwete Männer haben doppelt so häufig eine depressive Störung. Geringe soziale Unterstützung geht bei Frauen und Männern in allen Altersgruppen mit einer deutlichen Erhöhung der Prävalenz diagnostizierter Depression einher.

Abb. 2.1: 12-Monats-Prävalenz für diagnostizierte Depression bzw. depressive Verstimmung nach Alter und Sozialstatus (Datenquelle: GEDA 2009, 2010; Müters et al. 2013)
2.3 Abschließende Bemerkungen
Hinweis
Unterschiedliche Erhebungsstrategien (Fragebögen, Selbsteinschätzung, Telefoninterview, Zeitraumbezug, persönliche Untersuchung) und Definitionen (z. B. ICD/DSM-Kriterien) haben erhebliche Auswirkungen auf Prävalenzschätzungen. Depressive Symptome oder vorübergehende depressive Verstimmung geben ca. 25 % der Allgemeinbevölkerung an, die strikten Kriterien einer depressiven Episode nach DSM erfüllen in einer 12-Monats-Querschnittsprävalenz ca. 8 %, depressive Syndrome lassen sich bei ca. 12 % diagnostizieren (Wittchen und Pittrow 2002).
Psychische Krankheiten – insbesondere Depressionen – erfahren in den letzten Jahren eine konträre Entwicklung in Selbst- und Fremdwahrnehmung. Waren sie lange Zeit tabuisierte, heimliche, negativ bewertete und in ihrer Häufigkeit und Bedeutung immens unterschätzte Krankheiten, sind sie heute medial und gesellschaftspolitisch – auch oder sogar primär aus gesundheitsökonomischen Gründen – sehr präsent mit der Gefahr, dass fast alltägliche Befindlichkeitsstörungen zu behandlungsbedürftigen Krankheiten hochstilisiert werden und eine Überdiagnostik erfolgt (vgl. »Burnout-Welle«). In Befragungen angegebene Stimmungsschwankungen, Verstimmungszustände, Belastungs- und Anpassungsstörungen werden zu depressiven Syndromen. In Statistiken der Krankenkassen liegen Depressionen vorne, da diese Diagnose für Abrechnungen erforderlich ist oder diese erleichtern. Auch in Psychosomatischen Kliniken werden überwiegend depressive Störungen diagnostiziert. So leben wir in einem Land mit »Millionen Depressiven«.
Exakte Zahlen zur Häufigkeit hängen von Stichproben- und Diagnosekriterien sowie Untersuchungsinstrumenten ab. In den letzten Jahren ist eine Zunahme der Depressionsraten zu verzeichnen. Berücksichtigt man methodologische Fallstricke (z. B. Falldefinition, Stichprobe) ist eine echte Zunahme depressiver Erkrankungen fraglich (Richter et al. 2008). Auch beruhen die Datenanalysen auf Querschnittserhebungen und ermöglichen damit keine Aussagen über die Richtung bzw. Kausalität der Zusammenhänge.
Vor allem Zahlen auf Basis von Krankenkassendaten sind zu relativieren, da die Diagnose Depression in der ambulanten deutschen Versorgung eine breite Erweiterung erfahren hat (siehe »Burnout«) und z. B. gestellt wird, um ein sedierendes Antidepressivum bei Schlafstörung zu verordnen.
Unsere heutige Dienstleistungsgesellschaft mit ihren sich immer wieder ändernden Arbeits- und Lebensbedingungen stellt hohe Anforderungen an ihre Mitglieder. Psychische Erkrankungen werden immer bedeutsamer. Arbeitsunfähigkeitstage, Krankschreibungen und Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen haben zugenommen, wobei zweifelsohne depressive Erkrankungen sowieso zu den häufigsten psychischen Störungen zählen. Die Depression ist heute so bedeutsam geworden, dass man von »Volkskrankheit« spricht, nicht nur weil sie neben den Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen zählt, sondern auch weil die Rate der Früherkennung und der Behandlung zu gering erscheint. Darüber hinaus ist die Depression diejenige psychische Erkrankung mit einem Höchstmaß an Suizidalität, die in der akuten Situation mit Arbeitsunfähigkeit einhergeht, in eine anhaltende sog. chronische Verlaufsform übergehen kann und die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und in Beziehungen deutlich behindert (Murray and Lopez 1996; WHO 2001; Wolfersdorf und Rätzel-Kürzdörfer 2017a, b).
Depressive Erkrankungen verursachen vor allem indirekte Krankheitskosten durch Krankheitstage, was Produktionsausfall bedeutet und Frühberentungen. Nicht erkannte bzw. fehldiagnostizierte Depressionen ziehen wegen körperlicher Beschwerden aber auch zahllose und oft überflüssige somatische Untersuchungen nach sich. Die mit depressiven Erkrankungen assoziierte Suizidalität – bis zu 60 % aller durch Suizid verstorbenen Menschen haben an einer Depression gelitten (Schaller und Wolfersdorf 2010) – besitzt angesichts ihrer Häufigkeit neben ihrer persönlichen und familiären Tragik ebenfalls große gesundheitspoltische und ökonomische Bedeutung.
Die Zahl der schwer depressiv kranken Menschen scheint in Deutschland nicht zugenommen zu haben; geschätzt wurden ca. 4–5 Millionen (1-Jahres-Prävalenz), jedoch scheinen mittelgradig und leicht erkrankte Depressive heute mehr im medizinischen Hilfesystem aufzutauchen (Jacobi et al. 2014; Wolfersdorf und Rätzel-Kürzdörfer 2016).
Die Frage, ob es eine echte d. h. anhand von epidemiologischen Daten nachweisbare Zunahme depressiver Erkrankungen gibt oder im letzten Jahrzehnt gegeben hat oder ob es sich um eine »gefühlte« Zunahme handelt, müsste auf mehreren Ebenen beantwortet werden. Man könnte fragen, ob Arbeits- und Lebensbedingungen sich »depressiogen« verändert hätten. Da ginge es um Arbeitsplatzunsicherheit, Arbeitsverlust, erzwungene Mobilität, Selbstausbeutung durch Arbeitszeiten, Multitasking und ständige Verfügbarkeit, also um Faktoren, die auch in der Burnout-Diskussion angeführt werden. Oft wird Disstress durch Rollenvielfalt (Beruf und Familie für Frauen) aufgeführt, andererseits kann eine gelebte Rollenvielfalt auch eine Ressource im Hinblick auf die psychische Gesundheit darstellen.
Es wäre zu hinterfragen, ob wir angesichts der schwierigen Weltsituation, die vielfach ein Gefühl der Hilflosigkeit – evtl. i. S. von Seligman‘s »Learned Helplessness« – und des Ausgeliefertsein vermittelt, eine melancholische Grundgestimmtheit und einen Verlust von Sicherheit und Tradition, von Ordnung und Verlässlichkeit (i. S. von Tellenbach) in der Gesellschaft haben. Diese Nachweise wären zu erbringen.
Sog. »Minore Depressionen«, subsyndromale Formen sowie die rezidivierende kurze depressive Episode (»Recurrent Brief Depression«, RBD) werden im klinischen Bereich selten gesehen. Die RBD kann aber mit einem ausgeprägten suizidalen Impuls einhergehen, der diese Depressionsform gefährlich macht. Eine Patientin hatte von einem tiefen Schmerz gesprochen, aus dem sie mit allen Mitteln heraus wollte, und sei es tot. Ein anderer verglich diese wenige Stunden anhaltende Depressivität mit dem Sturz in einen Brunnen, der durch die Erdmitte bis Australien reicht.
Fasst man zusammen, so lässt sich festhalten, dass von einer deutlichen Zunahme depressiver Erkrankungen (Inzidenz, Prävalenz) nicht gesprochen werden kann, sondern dass dieser Eindruck durch ein verbessertes diagnostisches Procedere (z. B. auch auf der allgemeinärztlichen Seite) und ein besseres Inanspruchnahmeverhalten (siehe z. B. »Männerdepression«), durch Awareness-Programme und Entstigmatisierungsansätze zu erklären ist. Der Anteil schwerer depressiver Erkrankungen (früher endogene Depression, affektive Psychose genannt) wurde schon Mitte des letzten Jahrhunderts mit etwa 4–5 Millionen betroffenen Bürgerinnen und Bürgern für Deutschland angegeben. Allerdings wurde die gesundheitspolitische Bedeutung einer depressiven Erkrankung erst relativ spät aufgegriffen und wird heute vor allem von den Krankenkassen durch ihre Jahresberichte und die steigenden Arbeitsunfähigkeitstage sowie Frühberentungen untermauert und in die Öffentlichkeit gebracht.
Angesichts der altersassoziierten Zunahme (schwerer und chronischer) körperlicher Erkrankungen wie KHK, Diabetes mellitus, Morbus Parkinson oder Schlaganfall hat die Bedeutung und Häufigkeit komorbider Depressionen zugenommen. Komorbidität von depressiven Störungen mit anderen psychischen bzw. somatischen Erkrankungen wird ein Schwerpunktthema der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik zukünftig werden müssen, denn depressive Syndrome beeinflussen auch Therapie, Verlauf und Rehabilitation der somatischen Krankheiten.
Merke
Epidemiologische und gesundheitsökonomische Daten können verwirrend sein. Wichtig ist, dass die in den letzten Jahren geklagte Zunahme an depressiven Erkrankungen sich nicht in den epidemiologischen Daten abbildet. In Deutschland waren in den letzten 50 Jahren immer etwa 4–5 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger an einer diagnostizierten schweren Depression erkrankt. In der EU-Studie von Wittchen et al. waren es 2005 sowie 2011 jeweils 6,9 % mit einer Major Depression und jeweils 0,9 % mit einer bipolaren Erkrankung. Zugenommen hat anscheinend die Bereitschaft (auch bei leichten und mittelgradigen Depressionen), sich in fachärztliche und psychotherapeutische Behandlung zu begeben. Zugenommen haben die Arbeitsunfähigkeitstage, also die Krankschreibungen wegen einer Depression und auch die Frühberentungen bei sog. chronischen und rezidivierenden depressiven Erkrankungen und damit die Aufmerksamkeit der Krankenkassen, der Gesundheitsökonomie und -politik. Sicher ist das ein Verdienst der vielen gesundheitspolitischen Aktivitäten zum Thema Depression, die in den letzten 2–3 Jahrzehnten in Deutschland gepflegt werden, angefangen mit dem Kompetenznetz Depression/Suizidalität und den in der Nachfolge entstandenen »Bündnissen gegen Depression«, der »European Alliance Against Depression (EAAD)«, des »Greenbook« der EU-Kommission für Gesundheit zur Prävention von Depression, Drogenmissbrauch und Suizidmortalität, die Einführung eines »European Depression Day« der EU seit 2003 jeweils am 1. Oktober, die Etablierung von »Gesundheitsziele.de AG Depression« seit 2004 des Bundesministeriums für Gesundheit, des »Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NASPRO) für Deutschland« seit 2003 oder auch der Entwicklung der S3/NV-Leitlinie »Unipolare Depression« der verschiedenen Psych-Fach-Gesellschaften in Deutschland.
3 Klinisches Bild
3.1 Symptome einer depressiven Episode/eines depressiven Syndroms
Unter einer Depression versteht man eine Erkrankung der Affektivität, d. h. des Gemütes eines Menschen (deswegen im Volksmund auch als »Gemütskrankheit« bezeichnet), welche Stimmung und Gefühle betrifft, mit einer typischen, beschreib- und beobachtbaren Symptomatik (Psychopathologie), mit einer aus der Wechselwirkung von Persönlichkeit und Lebensereignissen ableitbaren Psychodynamik einhergeht, in der es immer wieder um Verlust-, Überforderungs-, Kränkungsereignisse geht, sowie einem typischen Verlauf in Form einer Ersterkrankung oder einer einmaligen depressiven Episode, eines rezidivierenden Verlaufes mit mehrmaligem Auftreten auch bereits in der Vorgeschichte oder auch einer anhaltenden depressiven Erkrankung im Sinne der Dysthymie mit einem Zeitraum länger als zwei Jahre. Dazu kommen alters-, geschlechts- und kulturspezifische Modifikationen der Psychopathologie und Psychodynamik, die berücksichtigt werden müssen. Im unten stehenden Kasten sind Patientenzitate zum eigenen depressiven Erleben zusammengestellt, wie sie von Betroffenen im ambulanten und stationären Bereich formuliert worden sind (
unten stehender Kasten: Patientenzitate zur Depression).
Was versteht man unter einer Depression? (nach Wolfersdorf 2007)
Depression ist eine krankhafte Störung/Krankheit der Affektivität des Gemüts eines Menschen (Stimmung und Gefühle),
• mit einer beobachtbaren, beschreibbaren Symptomatik (Psychopathologie),
• mit innerseelischen und/oder äußeren prädepressiven Ereignissen und Belastungen (Lebensereignisse, seelische Belastungen),
• überwiegend von Verlust-, Überforderung-, Kränkungscharakter (Psychodynamik),
• mit einer sog. depressiven Persönlichkeitsstruktur (melancholischer Typus, depressive Persönlichkeitszüge) (Psychodynamik, Biographie),
• mit beschreibbaren depressiven Verhaltensweisen des Appells, des Rückzugs, der Dysphorie und des Negativismus (Verhalten),
• mit depressiven Einstellungen von Hoffnungs- und Hilflosigkeit, Ich-Insuffizienz, Selbstentwertung und Schuldzuweisung an sich selbst (Attributationen: Bewertungsstile).
Patientenzitate zur Depression
• Ich fühle mich »wie ein welkes Blatt«.
• entwurzelt
• verloren
• ausgebrannt
• ausgelaugt
• Meine Akkus sind leer.
• Ich kann einfach nicht mehr.
• Jeder Schritt, jede Tätigkeit kostet unendlich viel Kraft.
• Ich fühle mich leer.
• Ich kann nichts mehr spüren.
• Ich kann mich über nichts mehr freuen.
• Als sei ich ohne schützende Haut.
• Nachts gehen mir dann 1.000 Gedanken durch den Kopf.
• […] und dann brenne ich so, von innen heraus.
• Ich merke mir nichts mehr.
• Wenn die Sonne scheint, ist es am schlimmsten.
• Alles macht mir Angst.
• Ich habe immer gern gegessen, auf einmal muss ich mich zu jedem Bissen zwingen.
• Morgens wache ich fix und fertig auf, mein Kopf tut weh, meine Muskeln brennen und die Kiefer tun mir weh, als hätte ich die ganze Nacht über die Zähne zusammengebissen.
• Oft würde ich am liebsten nicht mehr aufwachen.
• Ich sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben, alles ist leer und trist.
• Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.
• Ich kann keinem Gespräch mehr folgen, vergesse alles.
• Meine Gedanken kreisen nur noch um die Arbeit, ich frage mich wie das alles weitergehen soll.
• […] und dann bin ich immer so müde, ich könnte mich dauernd hinlegen und schlafen.
• […] und diese Getriebenheit, ich komme einfach nicht zur Ruhe.
• Wenn ich wenigstens etwas fühlen könnte.
• […] und dann weine ich ohne Grund.
• Man sieht mir halt nicht an, dass ich krank bin, das ist das allerschlimmste.
Hauptcharakteristikum einer depressiven Episode ist eine depressive Herabgestimmtheit, einhergehend mit dem Verlust von Freude und Interesse. Veränderung des Antriebes und der Psychomotorik zeigen sich in Form einer Antriebshemmung oder als ängstliche Agitiertheit, wobei es um Verlangsamung in Mimik, Gestik, aber auch Sprache und Handlungsabläufen oder um eine erregt-hyperaktive Getriebenheit, verbunden mit Angst und innerer Unruhe, sowie um ein insgesamt reduziertes Energieniveau geht. Die depressive Herabgestimmtheit betrifft dabei im Affektiven alle Gefühle und auch die Fähigkeit, Gefühle nach außen zu äußern, sowohl was Trauer auf der einen Seite wie auch Freude auf der anderen Seite anbelangt. Man kann sich nicht mehr über die Enkelkinder freuen, über den Besuch der Tochter oder des Sohnes, über die Wochenendbeurlaubungen aus der Klinik nach Hause, über die Sonne. Alle Ereignisse führen nur noch zu einer sehr eingeschränkten affektiven Schwingung, die von Außenstehenden und solchen, die in ihrem bisherigen Leben noch nicht näher an einer depressiven Selbsterfahrung waren, kaum nachvollzogen werden kann. Depressive Patienten formulieren mit Recht oft, dass sie von ihrem Umfeld, zu dem auch therapeutisch-pflegerisches Personal gehören kann, nicht verstanden werden, weil eben die Depression zu einer massiven Einschränkung des sonst sehr schwingungsvollen emotional-affektiven Erlebens eines Menschen führt. Die psychiatrischen Vorväter haben vom »Gefühl der Gefühllosigkeit« gesprochen und damit den quälenden Charakter dieser Empfindung versucht zu formulieren, nämlich dass es sich nicht um Leere, nicht um ein Defizit handelt, sondern um ein subjektiv als schrecklich erlebtes Gefühl, keine Gefühle mehr haben zu können. Hinzu kommt, dass viele Depressive dies mit Gedanken von Schuld verbinden, in dem Sinne, ich sollte mich doch eigentlich freuen, ich sollte doch eigentlich dankbar sein, ich sollte doch eigentlich traurig sein, aber es geht nicht, und dieses als persönliches Versagen empfinden. Im längerfristigen Verlauf und in der längerfristigen Begleitung von Patienten erlebt man gar nicht so selten, dass ein gewisses Ausmaß an Freudlosigkeit, an Unfähigkeit mit den Gefühlen anderer mitzuschwingen, als die eigentliche depressive Phase überdauernde Symptomatik verbleibt und lange anhält, obwohl sich andere Symptome wie im Antriebsbereich und im sonstigen körperlichen Bereich längst deutlich gebessert haben. Die Welt und das Geschehen in der Welt, die Menschen, mit denen man agiert, werden nicht mehr gefühlsmäßig so empfunden, wie es in gesunden Zeiten war. Tröstlich ist nur, dass auch solche überdauernden Freudlosigkeiten, Gefühllosigkeiten im Laufe der Zeit, über Monate und Jahre hinweg besser werden und verschwinden können.
Neben verschiedenen körperlichen Funktionsbeeinträchtigungen, wie z. B. Schlaf-, Appetit- oder sexuellen Störungen, also vieles, was mit Genussunfähigkeit, mit Anhedonie zusammenhängt, prägen dann Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld (eigentlich Gedanken über die eigene Person und im engeren Sinne keine Gefühle, sondern dann mit solchen einhergehend), ein vermindertes Selbstwertgefühl, fehlendes Selbstvertrauen, Konzentrations-, Merk- und Aufmerksamkeitsstörungen das klinische Bild. Hinzu kommt ein negativer Blick in die Zukunft, oft verbunden mit Hoffnungslosigkeit und auch Hilflosigkeit, es wird sich nichts und man kann auch nichts ändern, also Gedanken, die direkt in Suizidideen und Nachdenken über suizidales Handeln einmünden können. Beim sog. somatischen Syndrom tauchen klassische Symptome der Melancholie wieder auf, wie die chronobiologischen Störungen mit den Tagesschwankungen, dem morgendlichen Früherwachen um 3 Uhr oder 4 Uhr, sich dann sofort tief depressiv fühlend, mit Unruhe oder massiver Hemmung, was als Morgentief bezeichnet wird und sich im Laufe des Tages etwas entspannt, im Einzelfall auch mit einer völligen Normalisierung des Gemütszustandes am Abend einhergehen kann. Die fehlende Reaktivität auf eine freundliche Umgebung oder freudige Ereignisse hängt tief mit der depressiven Herabgestimmtheit selbst zusammen, denn das Fehlen von Gefühlen, das Nicht-Emotional-Reagieren-Können auf z. B. einen Besuch der Enkelkinder, auf tröstende Zuwendung, auf positive Ereignisse ergibt sich letztlich aus der Reduktion der gesamten Gefühlspalette. Die genannten Charakterisierungen umfassen die Ausprägung des Schweregrades, das Vorhandensein »somatisch-melancholisch-endogener Symptome«, psychotischer Merkmale und auch den Remissionsgrad.
Bei einer Dysthymie (Dysthymia) handelt es sich in Abgrenzung von der akuten depressiven Episode um eine chronische depressive Verstimmung, wobei eine Dauer von mehr als zwei Jahren mit anhaltenden depressiven Verstimmungen, aber auch mit wieder gebesserten Zeitabschnitten dazwischen gefordert wird. Die einzelnen Depressionszeiten erfüllen dabei nicht die vollen Kriterien einer rezidivierenden depressiven Störung. Die »Dysthymia« ist ein »unglücklicher Sammeltopf« von depressiven Zustandsbildern, die im Einzelfall subsyndromal nicht die Kriterien einer leichten, mittelgradigen oder schweren depressiven Episode erfüllen. Man zählt zu dieser Gruppe Erkrankungszustände, die einerseits den konfliktbezogenen neurotischen Depressionen oder depressiven Neurosen, den reaktiven Depressionen, den depressiven Entwicklungen aus der ICD-9 oder auch den anhaltenden, sog. chronischen depressiven Zustandsbildern entsprechen. Insofern ist dies ein Potpourri depressiver Zustandsbilder geworden und die Tendenz ist eindeutig: lieber eine depressive Episode diagnostizieren als eine Dysthymia. Dabei weiß man schon seit Jahrzehnten, sozusagen noch zu Zeiten der »neurotischen Depression«, dass auch diese schwere Verläufe zeigen kann mit ausgeprägten sozialen Beeinträchtigungen und einer Verschlechterung der Lebensqualität.
Die Symptomatik einer depressiven Episode lässt sich nach gestörten Funktionsbereichen beschreiben und als »depressives Syndrom« in psychische Symptome, psychomotorische Symptome und psychosomatische (physische, psychovegetative) Symptome gruppieren. Nachfolgend werden einige Symptome im Einzelnen angesprochen.
Psychopathologische Schwerpunkte depressiver Erkrankungen (Wolfersdorf 2014, S. 124 und S. 137)
• affektiv betont, z. B. Verzweiflung, Klage
• psychomotorisch betont, z. B. Hemmung/Stupor, Agitiertheit, Raptus
• kognitiv betont, z. B. Einengung, depressiogene kognitive Störungen
• psychosomatisch betont, z. B. Vitalstörungen, »vegetativ-larvierte Depression«
• mit/ohne Krankheitsgefühl, z. B. Schuldgefühl/Selbstanklage versus Betonung des Körpererlebens/Hypochondrie
• mit/ohne Wahn, z. B. Schuldverarmung, Untergangswahn, nihilistischer Wahn
3.1.1 Depressive Gestimmtheit
Auf der Basis eines insgesamt reduzierten Lebensgefühls dominiert eine persistierende, durch äußere Faktoren (fehlende Reaktivität) kaum aufhellbare »depressive Herabgestimmtheit«, die für den Betroffenen selbst und für Außenstehende umso schwerer zu erfassen und zu beschreiben ist, je tiefer und unmotivierter sie erlebt wird. Jaspers (1913) hat den Kern der Depression beschrieben als »[…] motivlose, tiefe Traurigkeit, zu der eine Hemmung alles seelischen Geschehens kommt, die sowohl subjektiv schmerzlich empfunden als auch objektiv festzustellen ist«. Das Ausmaß der Depressivität kann von leicht gedrückter Stimmung bis zum schwermütigen, scheinbar ausweglosen, versteinerten Nichts-mehr-fühlen-können (»Gefühl der Gefühllosigkeit«) reichen. Die melancholische Herabgestimmtheit hat dabei eine eigene Qualität (»distinct quality of mood«).
Zwar wird in der ICD-10 die depressive Episode anhand ihrer Hauptsymptome – die depressive Herabgestimmheit in ungewöhnlichem Ausmaß, die meiste Zeit des Tages anhaltend, fast jeden Tag vorhanden, unbeeinflusst von äußeren Umständen und Ereignissen und mindestens zwei Wochen anhaltend; sodann Interessens- oder Freudeverlust an normalerweise angenehmen Aktivitäten sowie verminderter Antrieb oder gesteigerte Ermüdbarkeit (mindestens zwei Wochen, keine manischen oder hypomanischen Symptome in der Vorgeschichte, Ausschlusskriterium: nicht auf Missbrauch psychotroper Substanzen (F1) oder auf eine organische psychische Störung (F0) zurückzuführen) (Dilling et al. 1993) (ICD-10 Forschungskriterien 1997) – charakterisiert, allerdings wird diese Formulierung den Charakter einer Kompromissbildung nicht los. Nicht nur, dass sich die Schweregradeinteilung in »leicht, mittelgradig, schwer« allein an der Zahl der Nebensymptome und des melancholisch-somatischen Syndroms orientiert, wo jedoch bereits allein die Freudlosigkeit, das Gefühl der Gefühllosigkeit, die fehlende Reaktivität auf Reize, die Lebens- und Erlebensqualität eines depressiv Kranken massiv herunterfährt und beeinträchtigt. »Sich nicht freuen können, ist schlimmer als sexuelle Impotenz«, formulierte es ein knapp 30-jähriger Patient. »Früher hat mich der Dreck auf der Straße gefreut, heute spricht mich nichts mehr an«, beschrieb es ein schwäbischer Bauer, nahm sein Gewehr und ging in den Wald; er lebt heute noch, seine Ehefrau sah ihn durchs Küchenfenster und lief hinterher. »Wenn ich durch meinen Wald gehe, alle Oberfranken haben einen Wald, hat mich jede Blume interessiert. Jetzt bin ich froh, wenn ich nicht ins Holz muss«, erzählte ein depressiver Bänker. Die meisten depressiv Erkrankten erleiden diese Herabgestimmtheit, die mit Apathie, einer Gleichgültigkeitseinstellung, nichts bewegt mich, einem aktiven sozialen Rückzug einhergeht. Die Frage an Patienten, die für das Wochenende nach Hause beurlaubt wurden, wie es denn gewesen sei, ist für viele schwer Depressive schwierig zu beantworten: »Ja, es war schön. Genießen? Es hat mich nicht bewegt«. Manchmal kommt als Ergänzung: »Es hätte mich doch eigentlich freuen sollen, meine Enkel (Kinder oder andere) zu sehen«. Apathisch-avitale depressive Syndrome gehen oft mit dieser Konstellation einher, die auch als eine klassisch melancholische bezeichnet wurde. Depressive wissen – und sie sagen das ab und zu auch mit Recht –, dass ihr therapeutisch-pflegerisches Gegenüber das nicht nachvollziehen kann. Trauer, ja, sei so ähnlich, ist aber lebendig, Gefühllosigkeit ist eher »…. losigkeit, Leere, Gleichgültigkeit, Apathie, Schmerz und Wunde«.
Griesinger (1845, S. 165–166) meinte dazu: »Dieses ist die wesentliche Seelenstörung in der Melancholie, und dieses psychische Wehethun besteht für die Kranken selbst in einem Gefühl von tiefem geistigen Unwohlsein, […], in einer totalen Herabgestimmtheit des Selbstgefühls«. Kraepelin (1899, S. 185) schrieb außerdem dazu: »Der Kranke ist unfähig, sich über irgendetwas zu freuen, auch die gesunde Befriedigung am Dasein selbst wandelt sich in das Gefühl schmerzlichen Lebensüberdrusses um«. Hier rutscht Depressivität dann auch näher an Lebensmüdigkeit und Todeswünsche bis hin zu aktiver Suizidalität heran. Die schwere depressive Herabgestimmtheit ist immer auch ein Risikofaktor für Suizidalität, wie Kraepelin hier andeutet. Peters (1984, S. 538) verwies darauf, dass »Stimmung […] ein ›längerdauernder Gefühlszustand‹ sei, durch den alle übrigen Erlebnisinhalte eine ›besondere Färbung erfahren‹«. Der amerikanische Psychoanalytiker Sidney Blatt (2002, S. 29) sprach von Depression »as a basic affect that can range from relativly appropiate and transient dysphoric response to untoward life events to a severe and persisting disorder that can involve serious distortions of reality«.
Für depressiv kranke Menschen mit dieser Symptomatik ist es wichtig, gerade hier angenommen zu werden. Es ist nicht wichtig, in der Tiefe der melancholischen Herabgestimmtheit verstanden zu werden, denn Depressive sind sowie der Ansicht, dass dies nicht nachvollziehbar ist. Sie haben überwiegend auch Recht, denn selbst erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten oder pflegerische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich dem Erleben, wenn sie es selbst nicht erfahren haben, nur annähren. Ein plastisches Bild hierfür, wie einer der Autoren es vor einigen Jahren von einer Patientin erzählt bekam, ist, dass der Haupthahn des Wasserzuflusses zu einem Haus zugedreht ist und es aus allen Wasserhähnen im Haus nur noch tröpfelt, bis alles versiegt ist. Der Depressive ist sozusagen auf dem Boden seiner Melancholie angekommen. Für den Patienten ist dieses Verständnis seines Erlebens und Denkens wichtig, dass wir aufgeschlossen und zugewandt zuhören. Dabei kann man jedoch durchaus die eigene Unfähigkeit, dieses Erleben nachzuvollziehen, vorsichtig formulieren. Genauso sollte man depressive Denkinhalte nicht gleich korrigierend abwehren. Der Patient muss erleben, »endlich versucht jemand, mich zu verstehen, auch wenn alles so schrecklich klingt«.
Vergesellschaftet ist dies mit Interessen- und Freudlosigkeit (Anhedonie), unter der eine reduzierte Fähigkeit von Empfinden von Freude, Lust und Vergnügen, einhergehend mit der Verminderung positiver Reaktionen (fehlende Reaktivität), zu verstehen ist. Dies führt oft zum Rückzug depressiver Patienten von der Umwelt, was Tellenbach (1983) als »Remanenz«, als »Zurückbleiben« hinter Entwicklungsschritten und »Inkludenz« (»Eingeschlossensein«) in der bestehenden Ordnungswelt mit all ihren engen Grenzen und der Unfähigkeit des Überstiegs bezeichnet hat.
Die depressive Herabgestimmheit wird oft auch begleitet von Angstgefühlen, Panikattacken und Irritierbarkeit. Unbestimmte oder Zukunftsängste werden berichtet, Aufgaben nicht gerecht werden zu können, nicht mehr leistungsfähig zu sein, nicht gemocht, geliebt, anerkannt zu werden, was bis in panikartige Zustände der existenziellen Bedrohtheit des eigenen Lebens reichen kann. Verbunden sind diese mit Irritierbarkeiten, dem Gefühl der Überforderung, Verpflichtungen nicht gerecht zu werden, Rollen nicht gerecht zu werden, oft verbunden mit quälender innerer Unruhe und gleichzeitiger Antriebshemmung. Man müsse nur lange genug Angst haben, um, wenn das System erschöpft sei, dann depressiv zu werden, hat es jemand genannt. Die Verbindung zwischen Angstzuständen und psychomotorischer Agitiertheit hat schon vor Jahrzehnten zur Beschreibung eines »agitiert-ängstlichen depressiven Syndroms« geführt, welches in der psychopharmakotherapeutischen Konsequenz dann zur Verwendung sedierend-anxiolytischer Substanzen, z. B. aus der Gruppe der Antidepressiva oder zur Kombination mit Benzodiazepinen und sedierenden Neuroleptika geführt hat.
3.1.2 Depressives Denken und Erleben, Antrieb und Sprache
Die zentrale Thematik im Denken depressiv kranker Menschen ist das »Nichtkönnen«, der Gedanke von Insuffizienz in der Folge von Minderwertigkeit, der Gedanke von Schuld und Scham, nicht geliebt zu werden, eigentlich überflüssig zu sein. Ein depressiver Bauer hat es einmal so formuliert: »Ich kann nichts, ich bin nichts, keiner mag mich, denn so jemand kann man auch nicht schätzen, schuld bin ich selber daran, weil ich nichts kann und weil ich ein Versager bin, das war immer schon so, das wird sich auch nie ändern. So jemand wie mich kann man auf der Welt nicht brauchen, das Beste ist, ich tu mich weg«. Darin beinhaltet sind die gesamte depressive Logik vom Erleben der Insuffizienz, dem Fehlen von Attraktivität für andere Menschen, von Wertschätzung durch andere Menschen und auch die Schuldzuschreibung an sich selbst – z. B. nicht an das System, nicht an die Gesellschaft, nicht an andere Menschen, an Gott oder das Schicksal –, die Hilflosigkeit und die Hoffnungslosigkeit bis hin zur Suizidalität. Klassischer kann man das nicht formulieren. »Lieber Herr Professor, in meinem ganzen Leben habe ich alles falsch gemacht«, sagte ein endvierzigjähriger Ingenieur, verheiratet, zwei Kinder in der höheren Schule, eine kleine eigene erfolgreiche Firma, in voller und nicht korrigierbarer Überzeugung. »Das muss schrecklich sein, so über sich denken und fühlen zu müssen.«, meinte der Therapeut, »Könnte man das auch anders sehen bzw. würden andere das auch so beurteilen?«. Die Selbstentwertung und die Schuldzuschreibungen an die eigene Person »Ich habe Fehler gemacht« wird dann in der überwertigen und wahnhaften Ausgestaltung zur Überzeugung, die nicht korrigierbar ist, die auch nicht belegt werden muss, weil sie für sich selbst evident ist, »alles auf der Welt falsch gemacht zu haben«, »der schlechteste Mensch zu sein«, was sich dann in den verschiedenen depressiven Wahnformen und -inhalten vom nihilistischen Wahn bis hin zum Verarmungs- und Versündigungswahn abbildet.
Die Verworfenheit der eigenen Person in der Welt, die einen völlig ablehnt, ist ein extrem schweres Erleben für depressiv kranke Menschen, denn es nimmt ihnen die Berechtigung zur weiteren Existenz, weist ihnen Schuld an Verarmung, am Untergang, an Zerstörung von Familie und Struktur zu und sie ist auch ein körperlich quälend erlebter Zustand, der mit einem hohen Suizidrisiko einhergeht. Unabhängig davon, dass das subjektive Erleben nicht der Realität entspricht.
Im Prinzip denken depressiv kranke Menschen nicht anders als gesunde Menschen. Aber sie verschieben die Schwerpunkte ihrer Bedenken, Zweifel, Sorgen, Befürchtungen, Ängste aus einer mittleren – wie man das so sagen darf – Position, die negative und positive Aspekte und Bewertungen ausgleicht wie ein Regulationssystem, hin zum negativen Pol. Positive Aspekte werden unzureichend bis nicht mehr wahrgenommen, unzureichend erinnert und eher externen Wirkfaktoren zugeschrieben und nicht der eigenen Person. Negative Aspekte werden mit zunehmender Schwere belastet, bis aus der noch normal psychologischen Sorge die überwertige Idee und letztlich die wahnhafte Überzeugung wird, die nicht mehr der Realitätsüberprüfung und der Korrektur bedarf, sondern zu tiefst vorhanden ist. Aus »Ich habe Fehler gemacht« wird »Ich bin der schlechteste Mensch auf Erden«, aus »Ich habe meinen Arbeitsplatz verloren« wird »Wir verarmen, wir verhungern, alle gehen unter«, aus »Ich habe mir mein Schienbein angeschlagen, da ist eine Schwellung« wird »Ich werde an dem Tumor versterben«. »Lieber Herr Professor, in meinem ganzen Leben habe ich alles falsch gemacht«, sagte ein endvierzigjähriger Ingenieur, verheiratet, zwei Kinder vor dem Abitur, eine eigene kleine und erfolgreiche Firma in der Region. Die Antwort des Therapeuten war: »Es muss schrecklich sein, so über sich denken und fühlen zu müssen«. Das Erschrecken über eine derartige Mitteilung und Überzeugung, also die Betroffenheit des Therapeuten wurde hier mitgeteilt. »Könnte man das auch anders sehen bzw. würden andere das auch so wie Sie beurteilen?« Ein Versuch, vorsichtig so etwas wie Realitätsüberprüfung oder eine banale Hinterfragung der Aussage anzustoßen.
Nach der Literatur weisen etwa 12–20 % aller schwer depressiv kranken Menschen psychotische Symptome in der Depression auf, auch »wahnhafte Depression« genannt, depressive Syndrome mit Verarmungs-, Versündigungs-, nihilistischem, körperbezogenem Wahn, mit Schuldwahn, mit akustischen oder haptischen Halluzinationen, selten optischen Halluzinationen (eher ein Hinweis auf Substanzmissbrauch bzw. eine nicht affektive Störung) z. B. als »Stimme des Gewissens: Du bist schon tot«, mit Schuldvorwürfen, der Aufforderung zur Selbsttötung, oder »Es riecht nach Friedhof«, Gedanken beobachtet zu werden, weil man sich zurückgezogen habe usw. Paranoide Beziehungsideen von Beobachtung, Verfolgung, Beeinträchtigung müssen den Charakter von Schuld beinhalten, von Schuldig-Gewordensein und deswegen in die Aufmerksamkeit gerückt zu sein – »die Polizei verfolgt mich, weil ich der größte Verbrecher bin« -, man wird beobachtet, weil man Schuld auf sich geladen hat. »Herr Professor, sehen Sie die beiden Polizisten, die werden mich verhaften, weil ich mich in die Klinik geflüchtet habe. Ich bin der einzige Mensch, der weiß, dass in drei Tagen die Welt untergehen wird. Bringen Sie sich in Sicherheit!« So formulierte es ein Patient kurz nach seiner Aufnahme in die psychiatrische Klinik.
Persönliche Anmerkung der Autoren
Warum wird wahnhaftes Erleben in der Depression hier betont. Zum einen, weil die Fehlzuweisung zur F2-Gruppe der schizophrenen und paranoiden Erkrankungen naheliegt und dann zu psychopharmakologischer und psychotherapeutischer Fehlbehandlung führt. Zum anderen aber, weil im »Zeitalter der Psychotherapie« solche Krankheitsbilder fehleingeschätzt, über- oder unterdeutet werden, der verständnisvolle Nachvollzug innerseelischer Vorgänge (Psychodynamik) wie im Einzelfall auch lebensgefährliche Psychopathologie des psychotischen Erlebens nicht richtig sehen lässt und leicht eine psychotherapeutische Überforderung mit vordergründiger Deutung und damit Überforderung des Patienten passiert. Gefordert sind laut Leitlinie »Unipolare Depression« bei wahnhafter Depression die Kombination von Antidepressivum plus Neuroleptikum, wobei auch die Elektrokrampftherapie immer wieder entweder als primäre Behandlungsmethode oder als Ultima Ratio besprochen wird. Eigene Erfahrungen zeigen, dass die kombinierte antidepressive und antipsychotische Medikation von Anfang der Therapie an adäquat ist.
Therapeuten sind Hilfs-Ichs, sie garantieren hier das Überleben und sichern die Behandlung, die hier auch gegen den Willen des Patienten geschehen muss. Auch ein aufgrund seiner wahnhaften depressiven Erkrankung krankheitsuneinsichtiger Patient hat ein Recht auf eine fachlich adäquate Therapie zu seinem Nutzen, auch wenn es vordergründig gegen sein Selbstbestimmungsrecht geht. Depressiver Wahn nivelliert Selbstbestimmung, Therapie zielt auf Wiederherstellung von Selbstbestimmungsfähigkeit des Patienten ab.
Üblicherweise ist depressives Denken inhaltlich zum größeren Teil im Beziehungsfeld, in der Arbeitssituation, in der Lebenssituation, hinsichtlich situativer Veränderungen mit Verlusten von nahestehenden Menschen, von Lebenskonzepten, von Lebensinhalten angesiedelt und hat oft einen »neurotisch überwertigen« Charakter, einhergehend mit Hilflosigkeits- und Hoffnungslosigkeitsgefühlen und -überzeugungen, mit Minderung des eigenen Selbstwertgefühls, aber nicht psychotischen Charakters. Da gelingt zeitweise Distanzierung, Aufrechterhaltung der Lebens- und Alltagsvollzüge, evtl. sogar das kritische Fragen an das eigene Erleben, an die eigene Person selbst. Das Denken der meisten depressiv Kranken – und wie sie die Welt erleben – pendelt zwischen normalpsychologischer Sorge und Leid, Klage und Selbstanklage und berührt Beziehungs-, Arbeits- und Alltagssituationen bzw. deren Erleben.
Wenn wir wissen, dass wahnhaft depressive Verzweiflung ein Hochrisikofaktor für Suizid ist, ergibt sich daraus eine Verpflichtung der Notfallpsychiatrie und -psychotherapie ähnlich einem akuten Herzinfarkt oder Schlaganfall.
Antrieb und Sprache: Der Antrieb der Erkrankten ist typischerweise gehemmt, sie können sich zu nichts aufraffen, sind erschöpft und energielos. Die Lebensbewegung ist im anthropologischen Sinne ins Stocken geraten. Mimik und Gestik sind reduziert bis erstarrt, die Sprache kann leise, monoton mit großen Pausen und langsamen Formulierungen sowie inhaltlich verarmt sein. Depressive wählen häufiger Begriffe, die negative Gefühle ausdrücken. Neben der psychomotorischen Gehemmtheit, die sich bis zum depressiven Stupor steigern kann, gibt es die Agitiertheit mit Unruhe und stereotypen Klagen.
3.1.3 Kognitive Störungen
Unter »Kognitiven Störungen« bei der Depression ist das subjektive Erleben depressiv Kranker zu verstehen, Probleme bei Aufmerksamkeit, Konzentration, Merken, Erinnern, Zugriff auf das Gedächtnis zu haben. »Es war, wie wenn alles weg wäre, was ich noch vor kurzem bearbeitet hatte. Ich musste wieder, nach der schweren Grippe, von vorne anfangen. Es fiel mir alles so schwer und wie ich das vor zwei Monaten gelöst hatte, war einfach weg. Ich werde doch keinen Alzheimer haben«, so ein depressiver Beamter, Mitte 50 Jahre alt, gehobene Laufbahn. »Mir fiel nicht mehr ein, wo die Akten waren und was ich da an Daten für die Polizei erhoben habe«, meinte etwa ein 60-jähriger Polizist. Stationär fiel auf, dass er mehrfach sein Zimmer verwechselte und Therapeutentermine nicht wahrnahm. Im ersten Fall klang auch die kognitive Symptomatik mit der Besserung des depressiven Zustandsbildes ab, im letzteren Fall entwickelten sich im nächsten Jahr zusätzliche Hinweise auf eine dementielle Erkrankung, die diagnostisch mit den entsprechenden Konsequenzen abgeklärt und bestätigt werden musste.
Dass in der Depression Denkhemmung, Grübeln und thematische Einengung das sog. normale Denken beeinträchtigen, verlangsamen, den Zugriff auf Gedächtnisinhalte verzögern, ist bekannt. Ein Extremfall: Ein Ingenieur in der Waffenindustrie braucht in der schwer psychomotorisch gehemmten Depression über 45 Minuten, um eine Frage des Therapeuten zu verstehen, Dinge zu erinnern und eine Antwort zu formulieren. Nach Abklingen der depressiven Erkrankung konnte er dies so schildern. Eine ca. 60-jährige Chefsekretärin einer großen Firma brauchte 45 Minuten vom Aufstehen bis zum Wegfahren ins Büro einschließlich Hygiene, Kosmetik und Frühstücken. In der Depression wusste sie nicht einmal mehr, wie Zähneputzen geht und musste sich alle Hygieneabläufe Schritt für Schritt vorsagen; es dauerte dreimal so lange.
Bei der Klage über kognitive Störungen und dem Vorliegen eines Vollbildes einer depressiven Episode geht es aus Patienten- und Angehörigensicht immer auch um die Abklärung: Altersbedingter Prozess? Leichte kognitive Störung, evtl. im Sinne des »mild cognitive impairment (MCI)«? Demenzieller Prozess?
Persönliche Anmerkung der Autoren
Die Befürchtungen gehen häufig in Richtung eines demenziellen Prozesses. Die meisten Patienten haben sofort Angst vor einer »Alzheimer Demenz«. Das Problem und die Sorge lassen sich weder beim Patienten noch bei den Angehörigen »wegreden« bzw. durch ärztliche Kompetenz und durch Information aus der Welt schaffen. Wichtig ist die umfängliche diagnostische Abklärung: Klinik (Psychopathologie, Psychodynamik, Entwicklung und Verlauf bisher), Psychometrie (Testverfahren), Bildgebung (CCT, MRT), Labor (Lumbalpunktion). Gerade wegen der therapeutisch unterschiedlichen Konsequenzen, der Problematik für die Angehörigen, des Umgehenmüssens des Patienten mit der Diagnose, mit der Prognose und dem zu erwartenden Verlauf sowie den Konsequenzen von familiärer Versorgung bis Heimunterbringung, der Perspektive für die begleitenden Therapeuten und Ärzte ist die klare Diagnostik wichtig, auch wenn sie umfänglich – und teuer – erscheint.
Die Frage einer »weichen Diagnose«, was will der Patient hören, stellt sich dabei nahezu immer. Es ist schwierig, das zu beantworten. Medizinethisch ist die klare Prognose längerfristig hilfreicher, kurzfristig kann sie aber auch schaden. Nur, was soll man tun, diese Entscheidung hängt vom individuellen Fall ab, auf jeden Fall ist jedoch die weitergehende Betreuung des Patienten bzw. der Patientin dringend erforderlich.
Kognitive Dysfunktionen in Form von Störungen der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und von Exekutivfunktionen weisen 20–70 % aller depressiven Patienten auf. Sie sind von großer funktionaler Alltags- und Berufsrelevanz und können relativ lange persistieren. Jüngst wurde ein computerisiertes Screening zur Selbsteinschätzung entwickelt (THINC-it). Das Denken ist typischerweise gehemmt (Einfallsarmut, Konzentrationsstörungen), manche Patienten befürchten an einer Demenz zu erkranken (»depressive Pseudodemenz«), sie können sich zu nichts oder nur schwer entscheiden, häufig ist ein zumeist pessimistisch gefärbtes Grübeln. Die zentrale Thematik im Denken depressiv Kranker ist das Nichtkönnen, der Gedanke von Insuffizienz und Minderwertigkeit (Selbstwertmangel), Schuld, nicht geliebt zu werden, eigentlich überflüssig zu sein. Typische Denkfehler beinhalten ein »Schwarz-Weiß-Sehen«, Katastrophisieren, Übergeneralisieren, negative pauschale Selbstbewertungen und ein übertriebenes Verantwortungsbewusstsein. Als Extremform kann es zum melancholischen und/oder Versündigungswahn kommen.
Merke
Hieraus resultiert ein ausgeprägtes Suizidrisiko: 40–80 % der Patienten leiden während einer depressiven Episode unter Suizidideen, 15–60 % weisen Suizidversuche in ihrer Krankheitsgeschichte auf, 10–15 % der bereits einmal hospitalisierten schwer Depressiven begehen Suizid (Wolfersdorf und Etzersdorfer 2011).
Nach einer Untersuchung korrelieren Suizidgedanken Depressiver v. a. mit Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühlen, geringer Selbstachtung, früheren stationären psychiatrischen Behandlungen und niedrigem Funktionsniveau. Das Risiko für einen Suizidversuch war bei jüngeren Depressiven und solchen mit Persönlichkeitsstörungen erhöht. Zudem weisen Männer ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko auf. Im Folgenden wird auf einzelne Aspekte genauer eingegangen.
Hoffnungs- und Hilflosigkeit: Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit kennzeichnen als Attributionsstile depressives Denken und ziehen sich in gesunden Zeiten häufig als »pessimistischer Zug« durch das Leben des Betroffenen. Hierzu gehören eine negative Bewertung der eigenen Person im Sinne der kognitiven Trias nach Beck sowie Hilflosigkeits- und Hoffnungslosigkeitseinstellungen (gelernte Hilflosigkeit nach Seligman) mit Resignation, Verzweiflung und Perspektivlosigkeit. Diese Grundeinstellungen – von Tellenbach mit den Begriffen Remanenz (Zurückbleiben) und Inkludenz (Eingeschlossenbleiben), in den Attributionstheorien von Beck und Seligman als Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit beschrieben – sind typische Kennzeichen für depressives Denken.
Angstgefühle und Irritierbarkeit: Unbestimmte oder Zukunftsängste werden oft berichtet, einhergehend mit Irritierbarkeit und dem Gefühl der Überforderung, z. T. auch mit quälender innerer Unruhe (bei gleichzeitiger Antriebshemmung!).
Tagesschwankungen: Etwa die Hälfte der Patienten berichtet über deutliche Tagesschwankungen der Stimmung mit einem schlechteren Befinden am Morgen (»Morgentief«) und einer Aufhellung gegen Abend.
Für Patienten kann das häufig zur Qual werden: abends gut (»fast wie früher«), morgens depressiv und antriebslos. Aber es ist ein Symptom (Tagesschwankung!), das zeigt, dass das chronobiologische System wieder in Bewegung geraten und nicht wie Polareis weiter erstarrt ist. Aus psychiatrischer Sicht heißt das, es bewegt sich etwas.
Hauptsymptome depressiver Erkrankungen: affektive und kognitive Symptome (in Anlehnung an Wolfersdorf 1992 und Faust et al. 1984)
• depressive Herabgestimmtheit, depressive Verstimmung
• Freudlosigkeit, Gefühllosigkeit, Nicht-weinen-Können, Weinkrämpfe, Verzweiflung, Dysphorie
• Globale Angstzustände (vor allem, was auf einen zukommt)
• Angst vor dem Tag und seinen Anforderungen, objekt- und situationsbezogene Ängste, Zukunftsangst, übersteigerte Befürchtungen
• Grübelzustände, Gedankenkreisen, Denkhemmung, Leeregefühl im Kopf, Monotonie in der Sprache
• Selbstvorwürfe wegen Nichtkönnen (Insuffizienzgefühl), Versagen und Minderwertigkeit (Selbstwertstörung), Nichtgeliebt-, Nichtgeschätztwerden, Schuldgefühle (Selbstverurteilung, -anklage), Klage über materielle Probleme, Verarmung oder körperliche Befindlichkeit (Hypochondrie)
• Gefühl von Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit; negative Selbsteinschätzung
• Depressiver Wahn: Verarmungs-, Schuld-, Versündigungs-, Untergangswahn und hypochondrische Ideen
• Ruhe- und Weglaufwünsche, Todeswunsch, Suizidideen als Erwägung, Einfall; Suizidabsicht, frühere Suizidalität
• Klagen über subjektiv erlebte Merk- und Konzentrationsstörungen
• durchgängige und anhaltende depressive Herabgestimmtheit
• Keine anhaltende Aufhellung im emotional zugewandten Gespräch (Angehörige, Therapeuten, Pflege)
• Freudlosigkeit bzw. eingeschränktes Ansprechen auf Zuwendung, empathische Kommunikation (fehlende Reaktivität auf positive Außenreize)
• Panikattacken, vor allem nächtlich und Angstzustände in Bezug auf Bewältigung des anstehenden Alltags
• Emotionale Schwingungsfähigkeit abgeflacht (lächelnde Fassade)
• Klage über erhöhte Vergesslichkeit, über Unfähigkeit Informationen zu behalten, komplexere Zusammenhänge entgegen früher nicht mehr nachvollziehen zu können
• Zugriff auf Gedächtnisinhalte verlangsamt bzw. nicht mehr möglich
• Gedankliche Abläufe verzögert, verlangsamt
3.1.4 Sogenannte larvierte, d. h. körperbetonte depressive Syndrome
Die Psychiatrie hat lange Jahre eher auf die affektiven und kognitiven Symptome einer Depression geschaut. Körperbezogene oder rein antriebsbezogene depressive Zustandsbilder waren nicht im Blickpunkt. Erst die Formulierung der »larvierten Depression«, der »masked depression« unterstrich, dass es neben einer konflikt- und belastungsbezogenen Depression auch ein depressives Bild mit eindeutig somatischer Ausprägung gibt: Der Patient, der sich nach zwei kurz hintereinander erlittenen hoch fieberhaften Grippeerkrankungen plötzlich in einer Depression befindet, der Patient nach Herzinfarkt bzw. mit KHK oder mit einem Schlaganfall in der Post-Stroke-Depression, der Patient mit einer anhaltenden, sog. chronischen körperlichen Erkrankung, der krankheitsbedingt oder auch als Folge sozialer Einschränkungen depressiv wird.
Persönliche Anmerkung der Autoren
Die somatogenen Depressionen als Folge von therapeutischen Maßnahmen werden ebenfalls unterschätzt. Letztlich geht es darum, dass Menschen entweder durch direkte Einwirkung auf den zerebralen Stoffwechsel und in der Bewältigung von körperlicher Erkrankung (akut traumatisch, anhaltend chronisch mit Einschränkung der Lebensqualität) und deren Folgen »resignativ, depressiv« werden (können). Dass dies nicht alle betrifft, hat mit einer Bewältigungskraft der Person zu tun, heute als »Resilienz« bezeichnet, deren Ursachen vielfältig sind. Wahrscheinlich ist die Kraft gemeint, die sich aus Beziehung, Kinder, persönlichem Glauben, Überzeugungen, aus Erfahrung, mit Belastungen umzugehen ohne »durchzudrehen«, ergibt (siehe
Kap. 8.2).
Neben diesen akuten, früher »reaktiv« depressiv machenden Ereignissen gibt es »Entwicklungen«, wie die »Erschöpfungsdepression« (Kielholz und Hole 1973) oder auch Entwicklungen wie das »Burnout-Syndrom«, welches letztlich am Endpunkt mit der ICD-10-Benennung Z73 das Querschnittsbild eines Zustandes darstellt, welches sich unter klassisch arbeitspsychologisch belastenden Bedingungen entwickelt hat.
Im physischen, vegetativ-somatischen Bereich steht der Verlust des »Élan vital«, die Vitalstörung im Zentrum. Dies äußert sich in einer allgemeinen Schwung-, Kraft- und Energielosigkeit. Praktisch obligat sind Schlafstörungen. Zu den typischen somatischen Beschwerden gehören Appetitverlust, Obstipation, Libidomangel und Leibgefühlsstörungen wie Kopfdruck, Schwindel, Engegefühle und Spannungsschmerzen. In neueren Studien wurde die Bedeutung somatischer Symptome hervorgehoben, Schmerzen wurden z. B. von mehr als der Hälfte der Patienten angegeben.
Persönliche Anmerkung der Autoren
Die depressive Symptomatik muss häufig gezielt exploriert werden, da der Patient im Rahmen seiner psychomotorischen Hemmung und wohl aus Scheu keine psychischen Symptome, sondern nur körperliche Beschwerden angibt (sog. larvierte Depression). Dies gilt insbesondere für ausländische Patienten, bei denen neben sprachlichen Verständigungsproblemen kulturspezifische Somatisierungsphänomene von großer Bedeutung sind. Das Endbild eines schweren depressiven Syndroms ist symptomatisch oft sehr ähnlich, der Weg dorthin meist sehr unterschiedlich.
3.2 Burnout-Syndrom
Das sog. »Burnout-Syndrom« (ICD-10: Z73) ist keine eigenständige Krankheit (»Zusatz-Diagnose«), aber eine medizinisch relevante Gesundheitsstörung, die am Ende einer langen Entwicklung über Jahre hinweg steht und nicht selten in eine depressive Erkrankung mündet. In einer HTA-Analyse von über 25 Studien zum Burnout im Auftrag von DIMDI wurde festgestellt, dass gesicherte allgemeine Kriterien und eine einheitliche Defintion fehlen. Beim klassischen Burnout-Syndrom liegt der wesentliche Belastungsfaktor extern in der Arbeitswelt, die angeschuldigt wird. Kippt dies in die Selbstanklage, die Selbstentwertung der eigenen Person, mündet dies in eine (Erschöpfungs-)Depression. Christina Maslach (1982) hat in ihrem Buch »Burnout – The Cost of Caring« skizziert, welche Folgen ständige Selbstüberforderung haben kann, also ein sozialpsychologischer Ansatz, welcher im letzten Jahrzehnt zu einer breiten Diskussion über die psychischen Belastungen und psychosozialen Konsequenzen von Arbeitssituation und Arbeitsansätzen geführt hat (
Tab. 3.1).
Tab. 3.1: Burnout-Symptomatik. Das »Burnout-Syndrom« ist der Endzustand einer meist langjährigen psychosomatischen Entwicklung mit Phasen körperlicher und affektiver Symptomatik.

SymptomklasseEinzelne Symptome
Persönliche Anmerkung der Autoren
Glaubt man den Titelbildern der Medien im letzten Jahrzehnt, dann leidet die Hälfte der deutschen Bevölkerung an Burnout, die andere Hälfte an ADHS. Burnout (früher Erschöpfungsdepression genannt) steht am Ende einer Entwicklung als Querschnittsbild und hat auf dem Weg zu diesem Endzustand viele Gesichter, vor allem auch im somatischen Bereich, z. B. Bluthochdruck, chronische Rückenschmerzen, Herzrhythmusstörungen u. ä.
Burnout hat etwas mit dem Verhalten anderer, in der ursprünglichen Fassung der Arbeitgeber, zu tun und auch mit eigenen Einstellungen zur Arbeit im Sinne eines hohen Anspruches an sich selbst und mit einer daraus sich ergebenden, über die Zeit hinweg sich entwickelnden emotionalen Erschöpfung. Von Letzterem kommt auch die Nähe zu Depression und auch der Übergang in depressive Episoden. Die klassischen Burnout-Risikogruppen waren immer schon Lehrer im Schuldienst, Ärzte und pflegerische Mitarbeiter, also Personen mit anhaltender Mehrfachbelastung, hohem Verpflichtungsgefühl und zugewiesener Verpflichtung. Die Bundespsychotherapeuten-Kammer (BPtK) sprach 2012 von einer starken Zunahme der Burnout-Krankschreibungen von 2004 mit 0,67 AU-Tagen wegen Z73 pro Hundertversichertenjahre auf 9,1 AU-Tage im Jahr 2011; allerdings waren Depressionen mit 73 AU-Tagen deutlich führend. In der DGS 1-Studie (Korth 2012) zu Gesundheit Erwachsener in Deutschland wurde eine 12-Monatsprävalenz für ein Burnout-Syndrom mit 4,2 % angegeben (Frauen 5,2 %, Männer 3,3 %), wobei bezogen auf Altersgruppen die 18–29-Jährigen 1,4 %, die 50–59-Jährigen 6,6 %, die 60–69-Jährigen 3,4 % und die über 70-Jährigen 1,9 % Burnout-Syndrom angaben. Im Berufsvergleich (Nübling 2011) wiesen Ärzte im Copenhagen Burnout Inventory (CPI) durchgängig Werte über dem Durchschnitt auf, während die niedrigsten Werte bei Ingenieuren, Ordnungs- und -Sicherungsbeauftragten sowie Priestern zu finden waren.
Den Begriff »Burnout« hat der Arzt und Psychoanalytiker Dr. med. Herbert J. Freudenberger 1974 zur Beschreibung der psychophysischen Situation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in die Literatur eingeführt. Dabei wollte er zugleich auch die Situation der eigenen Mitarbeiter beschreiben, die in der alternativmedizinischen Betreuung sozialer Randgruppen in der New Yorker »Free Clinic« ehrenamtlich über Jahre tätig waren und sich in der Supervision entsprechend äußerten. Ursprünglich kam die Benennung wohl aus der Drogenszene, wo es die Bezeichnung »burned out on drug« gibt, um das Nachlassen einer Drogenwirkung zu beschreiben. Freudenberger hatte das »staff burnout« (1974) subjektiv als Gefühl der Verausgabung, der Müdigkeit, Infektanfälligkeit, einhergehend mit häufigen Kopfschmerzen, Magen-Darm-Problemen, mit Schlaflosigkeit und Kurzatmigkeit beschrieben und im Kontakt mit Kollegen emotionale Ausbrüche und leichte Reizbarkeit, im Denken Rigidität und fehlende Flexibilität gesehen. Insgesamt ist die Symptomatik vielfältig und bei jedem Betroffenen anders, wobei es sich letztlich um die Entwicklung zu einem Burnout als Querschnittsbild am Ende der Geschichte handelt. Burnout ist keine seelische Erkrankung, sondern resultiert aus einer anhaltenden beruflichen Überlastung (Freudenberger 1974). Der Schweizer Psychiater Kielholz hat 1957 in seinem Buch über die »Erschöpfungsdepression« die »emotionale Erschöpfung« in den Mittelpunkt gestellt, was letztlich dann zu der Untergruppe depressiver Erkrankungen im Sinne einer »Erschöpfungsdepression« führte (Kielholz und Hole 1973).
Fallbeispiel: »Burnout« – typische Depression
35-jähriger Abteilungsleiter, verheiratet. Er habe sich an seinem strengen Vater orientiert, in der Firma habe er als Lehrling angefangen und sei unter Förderung des Firmenbesitzers jetzt Abteilungsleiter. Der Besitzer habe einen eher autoritären und fordernden Führungsstil, in den letzten Jahren sei die Arbeit mit dem Vorgesetzten schwieriger geworden. Lob und Tadel werde willkürlich verteilt. Jüngst sei seine Ehefrau wegen des Verdachtes auf eine schwere lebensbedrohliche Erkrankung stationär untersucht worden, der Verdacht habe sich jedoch als falsch herausgestellt. Er leide unter starken Schlafstörungen mit ausgeprägtem morgendlichen Stimmungstief mit Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen, hinzu kämen Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust. Am meisten leide er unter einem Grübelzwang, der sich vollständig um seine berufliche Situation drehe, auch um aus seiner Sicht von ihm verschuldete Fehler im Betrieb. Er sei überzeugt, ein Versager zu sein und denke darüber nach, zu kündigen. Am Abend gehe es ihm deutlich besser. Nach dreiwöchiger Therapie mit einem Antidepressivum ist die Depression vollständig abgeklungen.
In den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts waren die Beschreibungen deutlich gesellschaftskritisch formuliert und betonten für die Entstehung eines Burnout-Syndroms eine besondere emotionale Belastungssituation des Berufstätigen in seinen Arbeitsbeziehungen. Es war also eine sozialpsychologische Definition, die sich auf spezifische Arbeitssituationen bezog. Deswegen waren hier besonders die Berufe angeführt, in denen man es mit Menschen zu tun hatte, also Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer, Sozialpädagogen. Danach kam es zu einem bemerkenswerten Gestaltwandel: Das Burnout von heute stammt überwiegend von dem Druck, die eskalierenden Ansprüche anderer zu erfüllen, oder von der intensiven Konkurrenz, besser als andere in der selben Organisation oder Firma zu sein, oder von dem Antrieb, immer mehr Geld zu machen, oder von dem Gefühl, es werde einem etwas vorenthalten, was man offensichtlich verdient. Das heißt, nicht mehr die arbeitspsychologische Beziehung Person-Arbeitssituation-Arbeitgeber im Sinne eines »Burnout-Dreiecks« steht psychodynamisch im Vordergrund, sondern die »Ego-narzisstische Orientierung des Einzelnen und das Scheitern am eigenen erhöhten Ich-Ideal«. Das heißt, wir scheitern bzw. erschöpfen uns selbst im Versuch, eigenen überhöhten Ansprüchen (Ich-Ideal) und überfordernden Erwartungen anderer (Leistungsnormen, Fremdbild) nachzukommen. Dieses heutige Verständnis von »Burnout«, also emotional erschöpft zu sein, ließ von einer »Burnout-Epidemie« sprechen und danach fragen, ob es sich hier um einen »bodenlosen Begriff« handle.
In der Entwicklung eines Burnout-Syndroms als sozusagen abschließendes Querschnittsbild finden sich in der Vorgeschichte vielfach körperliche und psychophysische Symptome wie
• Schlafstörungen jeglicher Art
• chronische Schmerzen ohne Befund
• unspezifische Magen-Darm-Beschwerden
• funktionelle Herz-Kreislauf-Beschwerden
• Erschöpftheit und rasche Ermüdbarkeit
• sowie psychische Symptome wie
• emotionale Leere
• Gefühllosigkeit und Depressivität
• Desinteressse und Apathie
• Hilf- und Hoffnungslosigkeit
• Frustriertheit
• Enttäuschung
• Abwertung anderer
• negative Sichtweise anderer Menschen
• Zynismus
Maslach (2001) hat Burnout als Folge des emotional belasteten zwischenmenschlichen Kontakts am Arbeitsplatz beschrieben und als wesentliche Kennzeichen in einem sozialpsychologischen Ansatz die emotionale Erschöpfung, eine gefühllose, gleichgültige oder zynische Einstellung gegenüber Klienten/Patienten, Kunden, Kollegen und als Drittes eine negative Einschätzung der eigenen Leistungskompetenz benannt. Als individuelle Risikofaktoren für ein Burnout-Erleben lassen sich nennen: Überhöhter Leistungsanspruch an Quantität und Qualität der eigenen Arbeit, hohe Verausgabung und Bereitschaft, Neigung zur Selbstüberforderung, Selbstwertprobleme und hohe Kränkbarkeit, soziale Fertigkeitsdefizite, z. B. fehlende Fähigkeit sich abzugrenzen, geringe Fertigkeiten des Selbstmanagements, erlernte Hilflosigkeit, ungünstiges Gesundheitsverhalten und mangelnde Coping-Strategien.
Erwähnt sei aber auch, dass Menschen durch Unterforderung erkranken, am sogenannten Bore-out. Gut ausgebildete engagierte Mitarbeiter werden zum Beispiel alle paar Jahre auf einen neuen Posten versetzt, der ihre Autonomie extrem einschränkt, bei dem sie ständig Rücksprache mit Vorgesetzten halten müssen und nichts mehr selbst entscheiden dürfen. So fühlen sich nicht wenige degradiert, kündigen innerlich und langweilen sich – auch das macht krank.
Persönliche Anmerkung der Autoren
Was unterscheidet nun »Depression« und »Burnout«? Die wichtigsten Unterschiede sind in der Psychodynamik und in der Psychopathologie zu suchen. Psychopathologisch ist beim Burnout-Syndrom die Vielfältigkeit der Symptome aus vielen somatischen Bereichen bedeutsam, die sich über die Jahre hinweg erstreckt und die mit dem Empfinden, krank zu sein, »Ich bin fertig«, verbunden sind. Und damit nicht mit Selbstentwertung wie bei der Depression, nicht mit Versagensideen und vor allem auch nicht mit Selbstanklage im Sinne von »Ich bin selbst schuld, dass man mich nicht befördert, wahrnimmt, respektiert« u. ä. Eine Burnout-Entwicklung ist eine sehr viel buntere Entwicklung wie die einer Depression, die im Endstadium der depressiven Episode ein relativ homogenes und über viele Menschen hinweg vergleichbares Bild anbietet. Psychodynamisch ist die Ursachenzuweisung, wer ist »schuld« beim Burnout-Syndrom externalisiert: Der Arbeitgeber, die vielen fordernden Patienten, die chronisch Arbeitslosen, die »böse Welt«, die chronische Überforderung usw. Die Externalisierung und die Schuldzuweisung an andere ist der wesentliche psychodynamische Faktor. Kippt dies um, dann liegt psychodynamisch eine »narzisstische Depression« vor. Der Burnout-Patient sagt, »Das schaffe ich, das will ich schaffen« (Ich-Ideal eher narzisstisch selbstüberschätzend) und legt noch einmal zu, bevor er »umkippt«, und versucht eine »Aufwärtsspirale«. Der Depressive sagt von vornherein, »Das schaffe ich sowieso nicht«, ist also abwertend-negativistisch. Wenn die »Aufwärtsspirale« des Burnout-Patienten erschöpft ist, kippt er in die depressive Abwärtsspirale, d. h. in eine Position der Selbstentwertung, es wieder einmal nicht geschafft zu haben. Das nennt man die »psychische Phase« der Erschöpfungsdepression. Die psychosomatische Symptomatik entspricht sowieso der einer depressiven Erkrankung. Burnout und Männerdepression können schwer zu unterscheiden sein, zumal Aggression und Wut, Überschätzung der eigenen Kräfte und Aktivismus im Kampf gegen Probleme in beiden Formen deutlich sind.
Man könnte also festhalten, dass das »Burnout-Syndrom« eine Vorstufe in der Entwicklung einer »Erschöpfungsdepression« ist und mit dem Ich-Ideal des Betroffenen zu tun hat. Andernorts wird das Burnout-Syndrom auch als »narzisstische Depression« bezeichnet. Burnout ist die End-Symptomatik einer emotionalen Erschöpfung eines (über-)engagierten Menschen mit einem hohen Ich-Ideal und der Neigung zu narzisstischer Selbstausbeutung und geht mit Scham-, nicht mit depressiven Schuldgefühlen einher. Damit ist das Burnout-Syndrom bei aller symptomatischer Buntheit im Vorfeld Ausdruck eines gescheiterten Anspruchs an ein erfolgreiches Leben, an sich selbst, wobei psychotherapeutisch nach dem Ausmaß des Anspruchs und der Vorstellung von Erfolg zu fragen wäre. Burnout hat immer etwas mit dem Lebenskonzept und der Arbeitssituation eines Menschen zu tun. Wahrscheinlich betrifft es deswegen gerade die »ideell motivierten Lebensentwürfe« von Menschen.
Beim klassischen Burnout-Syndrom wird die »Schuld« externalisiert, d. h. jemandem außerhalb der eigenen Person zugeschrieben: nicht wahrgenommen, nicht geschätzt, nicht befördert werden u. ä. Wenn diese Externalisierung in »So jemand wie ich ist einer Anerkennung gar nicht wert« kippt, also in »Selbstbeschuldigung«, dann ist das bereits depressive Selbstentwertung.
Die heutigen Ansätze zum Verständnis von Burnout-Syndromen heben, im Gegensatz zu den sozialpsychologischen Ansätzen der 1970er und 1980er Jahre, nicht mehr auf die Arbeitssituation, sondern auf die psychische Situation des Einzelnen ab; man könnte auch sagen, damit ist der Arbeitsbereich exkulpiert und die Verantwortung für das eigene Befinden der Person zugewiesen. Die Arbeitssituation und damit die Arbeitgeber sind hingegen aus ihrer Fürsorgeverpflichtung entlassen. Deswegen ist der heutige Burnout-Begriff schwammig geworden und bereits nach einem Burnout-Hype wieder im Abnehmen begriffen. Auch bei den therapeutischen Empfehlungen steht heute eher das Individuum und nicht so sehr die Arbeitsplatzsituation im Vordergrund, wenn es um die Förderung von Resilienz geht, also um die Förderung der Fähigkeit, aus widrigsten Lebensumständen gestärkt und mit größeren Ressourcen ausgestattet als zuvor herauszukommen, mit Belastungen geschickt umgehen zu können, ohne sich selbst dabei zu schädigen. Hierzu gehören internale Kontrollüberzeugungen im Sinne von Eigenverantwortlichkeit, Temperament, gute soziale Fähigkeiten, Akzeptanz von Krisen, Aktivität statt Opferrolle und keine eigenen Schuldzuweisungen sowie die Vermeidung von Selbstabwertungen.
Letztendlich ist das Burnout-Syndrom eine medizinische Störung, die unter dem Bild einer depressiven Erkrankung einhergeht, oftmals in eine sog. Erschöpfungsdepression, eine depressive Episode mündet, die mit Arbeitssituation, Selbstausbeutung und Arbeitgeber in Zusammenhang steht. Die nur auf den einzelnen Patienten bezogenen therapeutischen und rehabilitativen Empfehlungen sind unzureichend, wenn sie nicht auch die Arbeitssituation, die Atmosphäre am Arbeitsplatz, den Umgang und die Gratifikationsphilosophie des Arbeitgebers miteinbeziehen.
Der besonders in Deutschland populäre Begriff »Burnout« ist nicht verbindlich definiert und keine wissenschaftlich anerkannte Diagnose. Verschiedene Störungen können dahinterstecken, oft liegt eine »Erschöpfungsdepression« vor. Alleiniger »Arbeitsstress« führt nicht zum Burnout, weitere (persönlich-private) Konflikte müssen hinzukommen. Dieser Zustand ist als Risikofaktor für die Entstehung einer manifesten Depression anzusehen. Umgekehrt sind depressive Störungen ein Risikofaktor für die Entwicklung arbeitsplatzbezogener Burnout-Syndrome.
3.3 Depressive Syndrome
Unter einem »Syndrom« wird die regelhafte Kombination von Symptomen aus unterschiedlichen Bereichen verstanden.
Depressive Syndrome lassen sich vielfach nach psychopathologischen Schwerpunkten beschreiben, wobei die klassische Einteilung nach Kielholz (1966) anhand der Psychomotorik durch weitere Aspekte wie kognitive Störungen, psychotische Symptomatik oder Krankheitseinsicht vorhanden/nicht vorhanden zu ergänzen ist. Geht man davon aus, dass weltweit ein depressives Kernsyndrom eher mit einem apathisch-avitalen Symptombild einhergeht und die depressiven Denkinhalte eher kulturabhängig sind (z. B. Fuchs 2011), dann kommt ergänzend zur Psychopathologie auch psychodynamischen und psychosozialen Faktoren Bedeutung zu.
Depressive Syndrome – klinische Bilder (in Anlehnung an Faust et al. 1984 und Hole 1979)
• Agitiert-ängstliches depressives Syndrom
• Apathisch-avitales depressives Syndrom
• Gehemmt-apathisches depressives Syndrom
• Gehemmt-ängstliches depressives Syndrom
• Vegetativ-larviertes depressives Syndrom
• Kataton-erregtes depressives Syndrom
• Wahnhaft depressives Syndrom
• Depressives Syndrom mit Zwangsgedanken und -handlungen
– mit paranoiden Ideen
– mit überwertig körperbezogenen Ideen
– mit nicht depressiven kognitiven Störungen
– u. a.
Durch die differenzielle Wirkung von Antidepressiva auf agitierte oder gehemmte depressive Zustandsbilder wurde die Beschreibung von »depressiven Syndromen« bedeutsam. Sehr rasch war aber auch deutlich, dass die einfache Trennung nach »agitiert« oder »gehemmt« nicht ausreichend war. Die klinisch vor Jahrzehnten von Kielholz oder Pöldinger eingeführte Regel, agitierte Zustandsbilder mit sedierenden Antidepressiva und gehemmte depressive Syndrome mit aktivierenden Antidepressiva zu behandeln, wurde durch klinische Zusätze wie »gehemmt-apathisch« oder »gehemmt-ängstlich« ergänzt (Kielholz 1966; Pöldinger 1968). Bis heute gilt der klinische Hinweis, bei Suizidalität keine aktivierenden antriebsfördernden Antidepressiva zu verwenden, wegen der sog. »Stimmungs-Antriebs-Dissoziation«. Darunter versteht man die Beobachtung, dass sich unter antidepressiver Therapie häufig die Antriebsseite, also z. B. eine psychomotorische Hemmung oder eine ausgeprägte Agitiertheit rasch wieder bessern, jedoch die depressive Herabgestimmtheit und letztlich damit auch die Freudlosigkeit und die daraus sich ergebende Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit bzgl. der Zukunft, die ja die zentrale Motivationslage bei Suizidalität mitbestimmen, bestehen bleibt. Die klinische Überlegung ist einfach: Die Stimmung bleibt depressiv, der Antrieb ist deutlich gebessert, suizidale Impulse werden umsetzbar. Diese schlichte, aber klinisch gut nachvollziehbare Regel ist nicht belegt. Letztlich gibt es dazu sehr viel individuelle klinische Erfahrung, jeder Psychiater und Psychotherapeut, der mit schwer depressiven Patienten arbeitet und Erfahrung hat, hat solche Phänomene schon erlebt. Aber es gibt zu dieser klinischen Erfahrung kaum empirische Arbeiten (Barg et al. 1995). Trotzdem hat diese Aussage bis heute auch juristische Bedeutung, wenn jemand wegen des Suizids ihm anvertrauter Patienten mit der Frage, war die Pharmakotherapie adäquat, vor Gericht steht. Die Empfehlung, bei Suizidalität keine aktivierenden Antidepressiva zu verwenden, geht vermutlich auf Walter Pöldinger (1968) zurück, ohne dass dies belegbar wäre, der zeitlebens dieses Thema bzgl. Suizidprävention immer wieder angesprochen hat. Die heutige psychopharmakotherapeutische Empfehlung ist dabei etwas differenzierter, denn sie hebt auf die Kombination von Antidepressiva und Neuroleptika bzw. Benzodiazepinen bei suizidalen depressiv kranken Menschen ab und meint Behandlung der Depression entsprechend dem zugrundeliegenden Syndrombild und bei Suizidalität zusätzlich emotionale Entspannung, Sedierung und Dämpfung von Handlungsdruck durch sedierende Neuroleptika bzw. Benzodiazepine. Die Verwendung von Benzodiazepinen bei akut suizidalen depressiven Kranken hat auch die S3-/NV-Leitlinie »Unipolare Depression« empfohlen.
Die Unterscheidung verschiedener depressiver Syndrome, wobei die Typologie anhand verschiedener Symptomprofile wahrscheinlich u. a. auf Kielholz und Hole (1973) und andere zurückgeht, orientiert sich in erster Linie phänomenologisch an Antriebssymptomen, d. h. psychomotorischer Agitiertheit bzw. Hemmung, in zweiter Linie am Vorliegen von innerer Unruhe, Angstzuständen, depressiver Wahnsymptomatik und in einem weiteren Schritt an der Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen wie Zwang, Sucht oder in den letzen Jahren auch Persönlichkeitsstörungen. Das sog. Kielholz-Schema, das angeblich von Kielholz selbst nie propagiert oder publiziert worden ist, stellt dann einen Zusammenhang zwischen gehemmt- bzw. agitiert-depressiven Syndromen und sedierender bzw. nicht sedierender d. h. aktivierender und stimulierender Wirkung von Antidepressiva her. Die Psychiatergeneration, die in den 60er, 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts ihre Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie bzw. später zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie absolviert hat, ist mit dem sog. Kielholz-Schema aufgewachsen. Sedierende bzw. sedierend-anxiolytische Antidepressiva wie Amitriptylin oder Trimipramin wurden dabei der rechten Position im Kielholz-Schema zugewiesen, welche die agitierten Zustandsbilder verkörpert. Substanzen wie Clomipramin, Desipramin, Nortriptylin waren eher für die linke Seite des Kielholz-Schemas, also für gehemmte Zustandsbilder zuständig. Imipramin als am deutlichsten stimmungsaufhellende Substanz wurde immer der Mitte zugeordnet.
Persönliche Anmerkung der Autoren
Für die Klinik ist diese Regel einfach, gut nachvollziehbar und auch gut umsetzbar und sie hatte letztendlich auch einen hohen Marketingwert. Dabei wussten erfahrene Kliniker schon lange, dass das sedierende Amitriptylin über längere Strecken hinweg wegen des steigenden Nortriptylin-Anteils Unruhe und Agitiertheit bewirken konnte oder dass Clomipramin als primär antriebssteigernd verstandene Substanz in höheren oralen Dosen, wenn auch der Blutspiegel hoch wurde z. B. bei Infusionstherapien, wunderbar müde machte. Der junge Assistenzarzt in Weiterbildung war irritiert, wenn Patienten davon berichteten, dass sie Clomipramin zur Nacht nähmen und trotzdem gut schlafen könnten.
Betrachtet man die sozialen Aspekte der klassischen trizyklischen Antidepressiva, so muss man als Erstes festhalten, dass es einem Patienten anzusehen war, ob er ein Antidepressivum nahm. Er schwitzte, er war den ganzen Tag müde, er nahm an Gewicht zu, er war impotent, die Libido war reduziert, alle Schleimhäute, auch im sexuellen Bereich trockneten aus. Sexueller Verkehr konnte schmerzhaft sein.
Persönliche Anmerkung der Autoren
Ein Ingenieur, der mit russischen Firmen wegen Eisenbahnzügen verhandelte, sagte in der Ambulanz: »Herr Professor, das Zeug (er meinte Amitriptylin) nehme ich nicht mehr. Immer wenn ich Wodka trinken muss mit meinen russischen Vertragspartnern, bin ich zu müde, um noch etwas zu verhandeln«. Es wurde daraufhin auf einen der neueren SSRI umgestellt.
Die Einteilung nach »psychomotorisch gehemmt« bzw. »agitiert« wurde also bald ergänzt durch die Zusätze Angst, Wahn, Suizidalität, war aber und ist bis heute eine klare klinische Empfehlung: gehemmt-ängstliches depressives Syndrom mit depressivem Wahn bedeutet Verordnung eines sedierenden Antidepressivums plus eines modernen Neuroleptikums.
Mit der Einführung der SSRIs war die Zeit des »Kielholz-Schemas« vorbei, denn SSRIs konnte man bei allen klinischen Zustandsbildern geben, evtl. kombiniert mit einem Benzodiazepin. Diese grobe Vereinfachung begann Ende der 1980er Jahre und führte zu einem breiten Einsatz von SSRIs und war deswegen u. a. auch eine geschickte Marketingstrategie. Es schien nun nicht mehr nötig, typische Formen von Depressionen phänomenologisch anhand von Symptomprofilen zu unterscheiden. Unabhängig von dieser Kritik war die Einführung der SSRIs und der nachfolgenden Substanzen ein großer Gewinn für die Psychopharmakotherapie depressiver Erkrankungen. Zwar gilt bis heute, dass es eine Zunahme der antidepressiven Wirksamkeit gegenüber den klassischen Trizyklika nicht gegeben hat, aber das Nebenwirkungsprofil von heutigen modernen Antidepressiva und die breite Einsetzbarkeit auch bei Menschen mit körperlichen Erkrankungen und dortiger Pharmakotherapie war und ist bis heute ein großer Gewinn.
Aus Sicht der Autoren, die die Entwicklung der Therapie mit Antidepressiva sozusagen von Anfang an mitverfolgen und begleiten und auch im klinischen Alltag einsetzen konnten, ist der größte Vorteil, dass die modernen Antidepressiva der zweiten oder dritten Generation, wenn man das so einteilen mag, »sozial verträglicher« sind. D. h. man sieht einem depressiven Patienten, der einen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder auch einen Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) einnimmt, das Medikament nicht an.
Dies ist nur der Fall, wenn der SSRI überdosiert ist und zur Hyperhydrosis führt, d. h. der Patient schwitzt ununterbrochen, wobei diese Nebenwirkung sehr schnell abstellbar ist. Später wird auf die weiteren Nebenwirkungen von SSRIs und SNRIs und heutigen modernen Antidepressiva noch ausführlich eingegangen. Im Bezug auf die hier zu diskutierenden depressiven Syndrome sei jedoch noch einmal unterstrichen, dass es zum einen zu einer Vereinfachung der antidepressiven Therapie kam, indem nun nicht mehr differenziell ausgewählt werden musste. Zum anderen ist die gute Verträglichkeit als Besonderheit der SSRIs und SNRIs hervorzuheben, da diese unabhängig von Nebenwirkungen wie Schwitzen, QT-Zeitverlängerung oder auch sexueller Problematik nicht zur sozialen Auffälligkeit führte. Nicht zu vergessen ist auch die Straßenverkehrstüchtigkeit, die unter einem modernen SSRI oder SNRI weitgehend gegeben ist im Gegensatz zu der Dosierung mit einem klassischen sedierenden Trizyklikum.
Anhand verschiedener Symptomprofile lassen sich phänomenologisch v. a. folgende Unterformen der Depression beschreiben:
• gehemmte Depression (Reduktion von Psychomotorik und Aktivität, Extremform: Stupor)
• agitiert-ängstliche Depression (hier prägen ängstliche Getriebenheit, Bewegungsunruhe, unproduktiv-hektisches Verhalten und Jammern das Bild); diese Depressionsform soll mit einer schlechteren Therapieresponse einhergehen und z. T. zum bipolaren Spektrum gehören
• apathisch-avitales depressives Syndrom
• »larvierte«, somatisierte Depression (vegetative Störungen und vielfältige funktionelle Organbeschwerden stehen im Vordergrund; diese Depressionsform spielt in der ärztlichen Praxis eine besondere Rolle; »leibnahe« Symptome können sich bis zur Hypochondrie steigern)
• psychotische Depression (paranoide Symptome v. a. in Form eines Schuld-, Verarmungs-, Versündigungswahns oder Ich-syntone Halluzinationen in Form anklagender Stimmen; teilweise fehlende Krankheitseinsicht)
Gehemmte und agitierte depressive Syndrome werden anhand ihrer Psychomotorik unterschieden. Das gehemmt depressive Zustandsbild zeichnet sich durch eine deutliche Reduktion der Psychomotorik, also in Mimik, Gestik, mit verlangsamter Sprache, eingeschränkter Aktivität, meist auch mit Denkhemmung aus, wobei als Extremform der depressive Stupor, die Erstarrtheit des Menschen in seiner gesamten Psychomotorik zu sehen ist. Allerdings sind stuporös depressive Zustandsbilder heute selten geworden und auch der klassische Raptus melancholicus, das plötzliche, fast explosionsartige Handeln eines Patienten aus einer schwer gehemmten Depression heraus, wird heute selten beobachtet.
Fallbeispiel: Raptus melancholicus
Eine 29-jährige Patientin, Medizinstudentin in den klinischen Semestern, war der Meinung, bei einer OP-Assistenz einen Fehler gemacht zu haben und entwickelte ein ausgeprägtes gehemmt-apathisches depressives Zustandsbild. Sie lag stunden- und tagelang fast steif auf dem Bett, ohne Mimik oder Gestik, aß und trank nur auf Aufforderung, musste manchmal infundiert werden, sprach nicht. Ohne äußere Wahnzeichen kam es dann zu einem fast eruptiven Aufspringen mit dem Versuch, sich aus der Tür in das Treppenhaus zu stürzen bzw. Station und Klinik zu verlassen, um sich zu suizidieren. Sie konnte aufgehalten werden.
Bei den gehemmten depressiven Syndromen unterscheidet man zwischen gehemmt-apathischen, bei denen der Vitalitätsverlust, die Apathie und Anhedonie im Vordergrund stehen, von den gehemmt-ängstlichen, bei denen oft eine spannungsgeladene innere Angst herrscht. Letztere sind häufig mit psychotischen Ideen (wahnhafte Depression) von Nihilismus, Untergang, Bedrohtheit, Verurteiltsein, große Schuld auf sich geladen zu haben u. ä. zu finden. Auch hier liegen häufig Todeswünsche und auch Suizidideen mit einem hohen Handlungsdruck vor.
Agitierte depressive Syndrome sind in den meisten Fällen verbunden mit Angstzuständen, so dass man von agitiert-ängstlichem depressivem Zustandsbild spricht. Die Agitiertheit kann dabei so quälend sein, dass der Patient viele Dinge anfängt, nichts beendet, sich dauernd getrieben fühlt, auf und ab läuft, nicht zur Ruhe kommt.
Fallbeispiel: Agitiertheit
Eine über 70-jährige agitiert-ängstliche depressive Patientin wurde, nachdem sie in ihrer Agitiertheit über 30 Kilometer gelaufen war, völlig erschöpft und ausgezehrt mit einem derart agitiert-ängstlichen depressiven Zustandsbild in die Klinik gebracht. Auch hier waren psychotische Befürchtungen der Hintergrund.
Sogenannte larvierte depressive Syndrome sind immer sehr diskutiert worden. Dafür wurden auch die Begriffe »masked depression« oder vegetativ-larviertes depressives Syndrom verwendet. Der Punkt war, dass eine hinter einer Larve versteckte Depression als solche nicht oder nur schwer erkennbar ist, und wenn die Depression deutlich wurde, es sich nicht mehr um eine maskierte Depression handelt. Klinisch wurde unter einer larvierten Depression ein depressives Zustandsbild verstanden, bei dem die somatische Seite dominierte, aber ohne dass es sich um hypochondrische Zustandsbilder handelt. Die Benennung eines larvierten depressiven Syndroms ist heute aus dem klinischen Jargon fast vollständig verschwunden, zumal dieses Zustandsbild heute mit großer Wahrscheinlichkeit eher bei den somatoformen Störungen, einhergehend dann mit depressiver Symptomatik, zu finden ist.
Der »klassischen endogenen«, melancholischen Depression (Tellenbach 1961) werden als Kernsymptome v. a. das Gefühl der Gefühllosigkeit, Schuldgefühle, Tagesschwankungen mit Morgentief, somatische Beschwerden, Störungen der Psychomotorik und psychotische Symptome zugeschrieben.
Depressionen haben viele Gesichter und die klassische, früher »endogen« genannte, meist rezidivierende depressive Erkrankung mit biologisch-genetischen, psychosozialen und psychodynamisch-tiefenpsychologisch bzw. -lerntheoretisch nachvollziehbaren Anteilen, Belastungen und Konflikten in der aktuellen und in der biographischen Situation ist seltener geworden. Ebenso hat die sog. »neurotische« Depression mit ihren definitionsgemäß unbewussten Konflikten zwischen Über-Ich-Vorgaben und Es-Bedürfnissen, zwischen Realitäts-Ich und Es-Trieben und -Ängsten in der damals typischen Form abgenommen. Die ICD-10-Generation ist nicht mehr in psychodynamischem Denken (KVT, IPT, TP) ausgebildet.
Die Schuldthematik, das Zurückbleiben hinter Über-Ich-Regeln aus Erziehung und Gewissen, Gesellschaft, Kultur und Religion ist säkularisiert und scheint einem Zurückbleiben hinter einem Ich-Ideal, dem geheimen Selbstbild, was man denn gerne wäre, gewichen zu sein. Psychodynamisch gesprochen wird die Über-Ich-Depression von der Ich-Ideal-Depression abgelöst (Benedetti 1983; Böker 2001; Wolfersdorf et al. 2015), in der es um Schamgefühle geht und nicht mehr um Schuld und Sünde. Die Es-Depression nach Benedetti (1983) als Scheitern an den eigenen Wünschen und Triebbedürfnissen wird ersetzt durch ein Gefühl und Erleben von »Ungeborgensein«, wie Purucker (2014) dies benannt hat (Wolfersdorf und Purucker 2014), d. h. durch die schmerzliche Erfahrung von Beziehungslosigkeit in der Welt. Das reicht vom Heimkind bis zur Unfähigkeit junger Männer und Frauen, überhaupt in Beziehung mit anderen zu treten und Verantwortung zu übernehmen. Die Ich-Depression scheint heute die häufigste Form zu sein, als Kombination aus erlebter existenzieller Bedrohtheit und externalisiertem Scheitern, was positiv als Burnout-Verantwortung des Arbeitgebers und der Arbeitssituation und negativ als Kränkung, Diskriminierung, Mobbing, Verbitterung bis hin zu sensitiv-paranoid anmutender Gestimmtheit erlebt und beschrieben wird.
Die klassische Psychopathologie und Psychodynamik der depressiven Episode, wie sie vor 30–40 Jahren bei schweren klinisch behandlungsbedürftigen Formen auf Depressionsstationen noch gesehen wurden, unterliegen einem kulturell und gesellschaftlichen Wandel. Dies kann man am Beispiel des sog. Bur-nout-Syndroms sehen, das fast 100 Jahre nach dem Begriff der Psychasthenie als eine arbeitsbezogene und in der Entwicklung mit zahlreichen körperlichen Erkrankungen einhergehend wieder auftaucht. Dass wir nun im Zeitalter des Narzissmus – Selfies – leben, sei angefügt als persönliches Statement.
Nicht nur die Psychodynamik, auch die Psychopathologie, also das Symptombild einer depressiven Erkrankung verändert sich und hat sich verändert. Erstere in einem kulturell-gesellschaftlichen Kontext, in welchem heute der Traumatisierung, der Erfahrung von psychischer und körperlicher sexualisierter und nicht-sexualisierter Gewalt besondere Bedeutung zukommt (Gabbart 2005; Möller 2006). Letztere blieb und bleibt stabiler im Vergleich zu Beschreibungen aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert, da die depressive Symptomantwort auf individuelle Belastungen, Kränkungen, Überforderungssituationen, auf Veränderungs- und Entwicklungsdruck bis auf unterschiedliche Wortwahl in der Beschreibung gleich blieb (z. B. Blatt 2004; Burton 1621; Corvelyn et al. 2005; Faller und Lang 2011; Griesinger 1845; Hell 2012; Leuzinger-Bohleber et al. 2013). Kernberg (1999) meinte, die Psychopathologie der Depression sei durch einen komplementären Satz von ätiologischen Faktoren determiniert, worunter er auf der einen Seite eine neurobiochemisch kontrollierte Aktivierung der Depression unter Bedingungen der frühen Trennung und des Objektverlustes versteht und auf der psychologischen Seite die Entwicklung von pathologischen Ich- und Über-Ich-Strukturen auf der Basis konzeptuell vorgegebener oder durch Umwelt verursachter Aktivierung eines aggressiven Affektes. Kurt Schneider (1959) hatte von der »Aufdeckung der Urängste« des Menschen in der Depression gesprochen und diese als wenig veränderlich verstanden, da diese zum Menschsein gehören würden. Hingegen hat er den Inhalten bei schizophrenen Psychosen durchaus Kulturabhängigkeit zugestanden. Die Inhalte depressiver Erkrankungen scheinen sich eher langfristig anzupassen, siehe Wechsel vom Schuld- zum Schamthema, vom Über-Ich-Es-Konflikt hin zu einer Ich-Thematik und zur Traumatisierung, von der affektiv betonten hin zur köperlich-vegetativ betonten Symptomatik.
Fallbeispiel: Somatisierte Depression
Patientin kommt wegen persistierenden Schmerzen bei degenerativen Wirbelsäulenveränderungen. Keine Besserung der Schmerzsymptomatik trotz Erhöhung der Schmerzmedikation. Sie habe furchtbare Schmerzen, ihre Lebenssituation an sich sei gut, sie sei aber belastet durch die Krebsdiagnose bei ihrem Ehemann. Schlaf gut, Appetit reduziert. Sie sei seit sieben Jahren krank, verschiedene körperliche Beschwerden, vor allem Schmerzen.
Sie sei körperlich sehr sensibel, neige zu Magen-Darm-Verstimmungen und Herzrasen. Die Schmerzen würden durch Ablenkung etwas besser. Kognitiv alters- und bildungsentsprechend, lebhafter Rapport, extravertierte Persönlichkeit, keine Anhedonie, affektiv gut schwingungsfähig. Somatisierung mit hypochondrischer Tendenz, vermehrte Selbstbeobachtung.
Fallbeispiel: Rezidivierende, endogen-melancholische Depression
70-jähriger ehemaliger Landwirt, erste depressive Phase mit 24 Jahren, dann rezidivierend ca. alle drei Jahre. Jetzt Verdauungsstörung und wieder grundlos depressiv, gehe nicht mehr aus. Psychopathologisch schweigsam-skeptisch bis abweisend, introvertiert, tief depressiver Affekt mit völliger Anhedonie, hilf-, rat- und perspektivlos, negatives Selbstwertbild, antriebslos, Denkhemmung, immer wieder lebensmüde Gedanken ohne floride aktive Suizidalität. Erstarrte Mimik.
Der Vorteil der Beschreibung depressiver Zustandsbilder anhand ihrer Phänomenologie als »Syndrome« scheint ein differenzierterer Ansatz als eine reine Operationalisierung des depressiven Syndroms (DSM-5) anhand von Haupt- und Nebensymptomen und anhand der Anzahl von Symptomen zu sein. Gleichzeitig wurde mit der Einführung der »depressiven Episode« (ICD-10) festgelegt, dass das zentrale Symptom der Depression die depressive Herabgestimmtheit ist, mit Freudlosigkeit und Gefühllosigkeit, während die Antriebsseite auf den zweiten Platz verwiesen wurde.
Wenn die Phänomenologie der Depression auf eine definierte depressive Episode rückgeführt werden kann, ist auch der Bedarf an differenziell wirksamen Antidepressiva kaum mehr gegeben. Man mag dies als Vorteil sehen, als Vereinfachung, die sich z. B. im allgemeinmedizinischen Versorgungsbereich, der einen Großteil depressiv kranke Menschen betreut, als günstig erweist. Anderseits kann man es auch als eine phänomenologische Verarmung bezeichnen, wenn in der Folge eben nicht mehr genau hingesehen, genau hingehört und auch überlegt wird.
In der amerikanischen Psychiatrie gab es in der »Practice Guideline for the Treatment of Patients with Major Depressive Disorders« interessante Überlegungen zu »Special Clinical Features Influencing the Treatment Plan«, wobei ausdrücklich depressive Subtypen psychopathologischer Art einschließlich depressiver Zustandsbilder mit jahreszeitlichen Mustern, aber auch depressive Zustandsbilder mit Suizidideen und suizidalem Verhalten oder auch mit kognitiven Dysfunktionen sowie mit Komorbiditäten und psychosozialen Variablen wie psychosozialen Stressoren, Trauerprozessen, kulturellen Aspekten, Alter und Geschlecht sowie Postpartum-Depression und Familiengeschichte einbezogen wurden. Hier wurden also psychopathologische sowie psychosoziale Aspekt zur spezifischen Beschreibung von depressiven Syndromen verwendet. Eine ähnlich differenzierte Betrachtung depressiver Syndrome, wobei hier auch ätiopathogenetische und therapeutische Empfehlungen angeschlossen werden, findet sich aus psychosomatischer Sicht bei Lichtenberg und Belmaker (2010), wobei hier depressive Zustandsbilder mit Angst, Akuität, Postpartum, im höheren Lebensalter oder auch psychotische Zustandsbilder sowie solche mit psychosozialen Faktoren differenziert werden. In beiden Ansätzen wurde also die klassische Syndromlehre, die ja im Wesentlichen psychopathologisch orientiert ist, durch psychosoziale Faktoren und auch psychodynamische Anmerkungen ergänzt. Arieti und Bemporad (1983) hatten schon sehr früh eine »schwere« und »milde« Depression unterschieden. Ebenso haben Schmale (1972) und Seligman (1975) von depressiven Syndromen mit »helplessness« bzw. »hopelessness« gesprochen.
Hier noch eine Anmerkung zu den psychotisch-depressiven Syndromen, die früher auch als »wahnhafte Depression« bezeichnet wurden. Die psychotische Depression ist eine sehr schwere depressive Erkrankung mit typischen Symptomen, nämlich der nicht korrigierbaren Überzeugung/Wahn des Untergangs durch Schwinden der Welt (nihilistischer Wahn), durch körperlichen Zerfall (Körperwahn, hypochondrischer Wahn), Überzeugung nicht mehr leben zu können, zu verhungern, zu verschwinden von der Welt. Am Ende steht die Überzeugung vom selbst schuldhaft (Schuldwahn) verursachten, eigenen Untergang, dem Untergang der Familie und der Welt und dem selbst verschuldeten eigenen Tod (Todesgewissheit). Psychomotorisch gehen psychotische depressive Zustandsbilder entweder mit einem Stupor oder einer extremen Agitiertheit bzw. raschem Wechsel beider Symptombilder einher. Bei letzterem, der Erregtheit, die aus einer psychomotorischen Hemmung heraus entspringt, spricht man auch von »Raptus melancholicus«. Gemeint ist damit ein plötzlich auftretender psychotischer Zustand mit ausgeprägter Agitiertheit, hoher muskulärer Anspannung, nicht korrigierbarer kognitiver Einengung auf eine Wahnidee von tödlicher Untergangsangst mit gewalttätiger Aktivität, die mit Selbstvernichtung, Fremdaggression und dem Drang wegzulaufen sowie dem Drang sich zu suizidieren, einhergehen kann. Patienten beschreiben das als »unerträglichen Schmerz, man will nur raus, auch wenn man dabei verstirbt«. Dabei geht es um Beendigung, um Herauskommen aus dem seelischen Schmerz und nicht in erster Linie um suizidale Selbsttötung. Der Patient ist bewusstseinsklar, aber massiv auf seine Thematik eingeengt. Der Raptus klingt unter Schutz ab, der Patient erinnert sich an alles. Beim »Raptus melancholicus« fallen die Zeit des Beginns und der Handlungsdrang fast immer zeitlich zusammen. Manchmal sind dabei die Zunahme von innerer Anspannung, Druckgefühle im Körper, rasches Kippen des Denkens und wahnhafte depressive Denkinhalte als eine Art psychische Aura beobachtbar. 1879 hat Krafft-Ebing den »Raptus melancholicus« als eine »hochgradige Steigerung agitierter Melancholie bezeichnet, die sich nicht selten aus der tiefsten Passivität des Kranken heraus entwickelt«. Er meint weiter »das Krankheitsbild des ›Raptus melancholicus‹ stellt wesentlich eine Steigerung der Präcordialangst dar, ausgezeichnet dadurch, dass eine Trübung bis zur Aufhebung des Bewusstseins sich einstellt und die namenlose Angst in heftigster, so zu sagen convulsivischer Weise motorische Reaktionen hervorrufen. Nicht selten gehen dem eigentlichen Anfall aura-artige Zustände voraus in Form gedrückter Gemüthsstimmung, Reizbarkeit, Kopfschmerz, Schwindel, neuralgischen und paralgischen Sensationen«.
Abschließend zum Kapitel »Depressive Syndrome« noch einige Anmerkungen. Man könnte das Thema »Differenzielle depressive Syndrome« auf das klassische Kielholz-Schema mit seiner bescheidenen, aber klinisch durchaus relevanten Unterscheidung nach der Psychomotorik – agitiert oder gehemmt entsprechend unruhig-getrieben oder verlangsamt-mutistisch-stuporös – reduzieren und Syndrome nach Inhalten benennen wie »mit oder ohne Angst«, »mit oder ohne Einengungen« bis hin zu »mit oder ohne psychotische Symptome«. Absicht des Kielholz-Schemas war, einen differenziellen Ansatz für Psychopharmakotherapie anzubieten: auf der einen Seite eher sedierende Antidepressiva, auf der anderen eher antriebssteigernde und in der Mitte Imipramin. Bezieht man depressive Denkinhalte ein – Angst, Ängste, überwertige depressive Ideen, psychotische Ideen –, dann folgt auf die Frage, welches Antidepressivum verschrieben werden soll (und Antipsychotikum bei psychotischer Symptomatik, beim sog. depressiven Wahn) auch die Frage nach dem Verstehen von Denkinhalten, also nach Psychodynamik und differenzierten psychotherapeutischen Ansätzen.
Fuchs (2011) unterschied zwischen »somatisch-äußerlichen Symptomen«, meinte damit ein durch Vitalitätsverlust und Vitalstörungen gekennzeichnetes Kernsyndrom, und »psychisch-innerlichen Symptomen« mit der Entfremdung von der Welt, womit er die fehlende Reaktivität auf äußere Reize, das Nichtansprechen auf Zuwendung, Fürsorge und Verständnis in der tiefen Episode meinte.
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