Читать книгу: «Verwildert»
George Monbiot
Verwildert Die Wiederherstellung unserer Ökosysteme und die Zukunft der Natur
Aus dem Englischen von Dirk Höfer

Feral, engl. verwildert: in einem wilden Zustand, besonders nach der Flucht aus Gefangenschaft oder Domestizierung
Für Rebecca, Hanna und Martha In Liebe
Und im Gedenken an Morgan Parry, einen rechtschaffenen Mann
Inhalt
1)Ein Sommer voller Geräusche
2)Wilde Jagd
3)Vorahnungen
4)Durchbrennen
5)Der Leopard, der nie gesichtet wurde
6)Die Wüste begrünen
7)Holt den Wolf zurück
8)Ein Werk der Hoffnung
9)Schafskatastrophe
10)The Hushings / Freispülungen
11)Das Tier in uns oder wie Rückverwilderung nicht stattfinden sollte
12)Im Naturschutzgefängnis
13)Die Rückverwilderung der Ozeane
14)Gaben des Meeres
15)Letztes Licht
Danksagungen
Register
Anmerkungen
1)Ein Sommer voller Geräusche
Ich steh jetzt auf und gehe, denn ich hör Tag und Nacht
Den See ans Ufer plätschern, die Wellen kräuseln sacht:
Gleich, ob ich auf dem Feldweg, auf grauem Pflaster steh,
Ganz tief im Herzen hör ich den See.
William Butler Yeats, Die Seeinsel von Innisfree1
Jedes Mal, wenn ich ein Stück Grassoden anhob, sah ich das Gleiche: Ein weißes Komma, das sich zwischen den Graswurzeln wand. Ich klaubte eines auf. Es besaß einen kleinen ingwerfarbenen Kopf und winzige Beinchen. Seine Haut war so straff gespannt, dass sie an den Segmenten beinahe platzen wollte. Am Schwanzende war der indigofarbenen Strich seines Verdauungstrakts zu sehen. Ich ging davon aus, dass es sich um den Engerling eines Maikäfers handelte, jenes Käfers mit dem bronzefarbenen Rücken, der im Frühsommer ausschwärmt. Einen Moment lang sah ich noch zu, wie er zuckte, dann steckte ich ihn mir in den Mund. Als er auf meiner Zunge zerplatzte, erlebte ich zwei Empfindungen, die mich wie Blitze durchzuckten. Die erste war der Geschmack. Er war süß, cremig, leicht rauchig, wie Alpenbutter. Die zweite betraf die Erinnerung. Ich wusste sofort, warum ich die Eingebung hatte, das Ding ließe sich essen. Ich stand in meinem Garten, Graupel bohrten sich in meinen Nacken, und erinnerte mich.
Als ich aufwachte, brauchte ich einen Moment, bis mir klar war, wo ich mich befand. Über meinem Kopf wogte und knallte eine blaue Plane im Wind. Die Pumpen liefen schon, ich musste also verschlafen haben. Ich schwang meine Beine über den Rand der Hängematte und saß blinzelnd in dem hellen Licht, starrte über das zerstörte Land. Die Männer standen schon bis zur Hüfte im Wasser und spritzten mit Hochdruckschläuchen die Kiesbänke frei. In der Nacht waren ein paar Schüsse gefallen, aber Leichen waren keine zu sehen.
Die Bilder der vergangenen Wochen gingen mir durch den Kopf. Ich erinnerte mich an Zé, den Massenmörder, dem die Landebahn in Macarão gehörte, wie er mit seinen schießwütigen Männern in die Bar kam und den Laden aufmischte. Ich erinnerte mich auch an den Mann, der später herausgetragen wurde, in der Brust ein Loch von der Größe eines Apfels. Ich dachte an João, einen mestizo aus dem Nordosten Brasiliens, der zehn Jahre lang den Amazonas zu Fuß durchstreift hatte, bis hinauf zu den Minen in Peru und Bolivien, um sich dann weitere 3500 Kilometer durch die Wälder zu schlagen und hier zu landen. »Ich habe in meinem Leben nur drei Männer getötet«, erzählte er, »und dass sie starben, war absolut notwendig. Aber wenn ich hier einen Monat bleibe, würde ich nochmal so viele umbringen.«
Ich erinnerte mich an den Mann, der mir die seltsame Schwellung an seiner Wade zeigte. Als ich sie mir genauer betrachtete, wimmelte das Fleisch von langen gelben Maden. Auch an den Professor mit dem gepflegten schwarzen Bart, der Goldrandbrille und der strengen asketischen Art erinnerte ich mich, an den zynischen Kopf, der für einen weniger belesenen Besitzer die Aufsicht über das größte Claim versah. Er sei, so sagte er, bevor es ihn hierher verschlagen habe, Direktor der Universität von Rondônia gewesen.
Aber allen voran musste ich an den Mann denken, der von den Schürfern Papillon genannt wurde. Blond und muskulös, wie er war, mit einem Schnurrbart à la Asterix, überragte er die kleinen dunklen Typen, die von Armut und Landraub getrieben hierhergekommen waren. Von den Chefs, den Händlern, den Luden und den Besitzern der Landebahnen abgesehen war er der Einzige, der sich freiwillig in diese Hölle begeben hatte. Bevor er, ein Franzose, sich dem Goldrausch anschloss, war er im Süden Brasiliens als Techniker für Landwirtschaftsmaschinen tätig gewesen. Er hatte noch kein Gold gefunden und saß nun hunderte Kilometer von der nächsten Stadt entfernt in den Wäldern Roraimas in der Falle, so mittellos wie alle anderen. Hier war ein Mann, der alles riskiert, der Behaglichkeit und Sicherheit aufgegeben hatte für ein Leben in gnadenloser Unsicherheit. Seine Chancen, aus dieser Situation lebend, zahlungskräftig und gesund herauszukommen, standen gering. Aber ich war nicht der Überzeugung, er habe die falsche Wahl getroffen.
Ich putzte mir die Zähne, nahm mein Notizbuch, ging hinaus, über den Schlamm und den Kies. Die Temperatur stieg und im umgebenden Wald erstarb der Lärm der Rufe, Pfeiftöne und Triller. Es war nun drei Wochen her, dass Barbara, die Kanadierin, mit der ich arbeitete, einen Weg durch den Polizeikordon am Boa-Vista-Flughafen gefunden und uns unregistriert auf einen Flug zu den Minen gebracht hatte. Gefühlt waren es Monate. Wir hatten den Schürfern zugesehen, wie sie die Adern aus dem Wald rissen: die Flusstäler, deren Sedimente von Gold durchsetzt waren. Wir waren auf Belege für den einseitigen Krieg gestoßen, den manche gegen die in der Gegend ansässigen Yanomami führten, und für den physischen und kulturellen Kollaps der Gemeinschaften, über die sie hergefallen waren. Wir hatten das Gewehrfeuer gehört, das jede Nacht aus den Wäldern kam, wo Banditen den Schürfern auflauerten, Diebe exekutiert wurden oder Männer, denen das Glück hold gewesen war, um das Gold kämpften, das sie gefunden hatten. In den sechs Monaten, seitdem der eigentliche Goldrausch hier einsetzte, waren von den 40 000 Schürfern 1700 durch Gewehrkugeln getötet worden. Von den Yanomami waren fünfzehn Prozent an Krankheiten gestorben.
Wegen des internationalen Skandals, den die Invasion auslöste, ließ die brasilianische Regierung die Minen nun räumen und die Schürfer zu Enklaven in anderen Gebieten des Yanomami-Lands abtransportieren. Von dort, das wussten die Schürfer, konnten sie wieder in ihre alten Claims einfallen, sobald das Interesse der restlichen Welt erlahmen würde. Die Bundespolizei hatte die Versorgungslinien unterbrochen, auf den Landepisten waren seit einigen Tagen keine Flugzeuge mehr gelandet. Die Schürfer brauchten ihren letzten Diesel auf und bereiteten sich auf ihren Abzug vor. Am Tag zuvor hätte eigentlich die Polizei eintreffen sollen, um noch vor der Räumung die Waffen zu beschlagnahmen, und die Männer waren den ganzen Morgen über in den Wald gegangen, um ihre Schusswaffen, in Plastik eingewickelt, zu vergraben. Ich war auf Beobachtungsstation geblieben, doch die Polizei war nicht aufgetaucht. Barbara – mein Gott, wo zur Hölle war Barbara?
Sie war gestern aufgebrochen, um in den Bergen ein Yanomami-Dorf ausfindig zu machen, und wollte eigentlich am heutigen Abend zurück sein. Aber niemand hatte sie gesehen. Ich hielt Ausschau in den von den Schürfern errichteten Hütten und Bars, unter den Trauben von Männern am Boden der Gruben – ohne Erfolg. Ich stieß auf meinen Freund Paolo, einen Mechaniker, der die Ureinwohner in Auseinandersetzungen mit anderen Schürfern verteidigt hatte. Zusammen schlugen wir uns das Tal hinauf, um sie zu suchen. Der Fluss war orange und tot, erstickt von dem Lehm des Waldes, der von den Minen aufgewirbelt wurde. Links und rechts war das Tal eine Wüstenei aus Gruben, Abraumhalden und umgestürzten Bäumen. Arbeiter auf einem Junior Blefé genannten Feldstück erzählten, Barbara sei zwar tags zuvor vorbeigekommen, aber nicht wieder zurückgekehrt. Ein Mann mit einem Trinkergesicht und einem blauen Auge wusste den Weg zum Dorf und erklärte sich bereit, uns zu führen. Wir gingen los, rannten, liefen in die Berge.
Bald nachdem wir in die Dunkelheit des Waldes vorgestoßen waren, stießen wir auf die Abdrücke von Barbaras Turnschuhen, sie waren einen Tag alt und überlagert von den nackten Fußspuren der Yanomami. Ich hatte meinen Blick auf den Boden gerichtet, aber Paolo hielt immer wieder mit lautem Rufen inne: »Sieh nur dieses Wasser, sieh nur die Bäume, wie schön, sind sie nicht schön?« Ich stoppte und starrte für einen Moment, sah Bäume, die von Moos und Epiphyten über das klare Wasser gebeugt wurden, in Lichtflecken schwebten Wasserjungfern.
Barbaras Fußabdrücken folgend liefen wir weiter, rutschten über den lehmigen Pfad. Gegen Mittag ging es steil aufwärts; wir kletterten und ich hatte das Gefühl, durch ein Tuch einzuatmen. Bald sah ich es vor uns hell werden: Wir erreichten den Kamm. Von dort sahen wir auf der gegenüberliegenden Talseite Frauen, die sich, nur mit einem Lendentuch bekleidet, durch einen Bananenhain bewegten und Körbe mit Früchten trugen. Hügel auf Hügel, bewaldet und unberührt, versanken in der Stille. Ein paar Minuten noch blieben wir versteckt zwischen den Bäumen, dann gingen wir hinunter durch den Talgrund und wieder in die Gärten hinauf, riefen auf Portugiesisch, dass wir Freunde seien. Die Frauen hielten an und beobachteten, wie wir näher kamen. Ich streckte meine Hände aus; sie schüttelten sie mit scheuem Lächeln. »Weiße Frau«, sagte ich. »Habt ihr die weiße Frau gesehen?« Mit den Händen ahmte ich Barbaras Größe und ihr langes Haar nach.
Sie lachten und wiesen den Hang hinauf, in den Wald hinter ihrem Rücken. Wir rannten wieder los, über die Anhöhe und in das nächste Tal hinunter. Wir strauchelten, schon erschöpft, durch das Tal, stolperten über Wurzeln und stießen gegen Bäume. Als wir um eine Windung des Pfads bogen, hielten wir an.
In einer an einem Bach gelegenen Lichtung saß oder kniete eine Gruppe Menschen, die honigfarbene Haut gekühlt von dem buntfleckigen Licht des Waldes. Die Frauen trugen Federn an den Ohren, waren bemalt mit Flecken und Streifen von Wildkatzen, und sie trugen die Schnurrhaare des Jaguars: ihre Nasen und Wangen waren von getrockneten Grashalmen durchbohrt. In der Mitte des Kreises saß Barbara, strahlend wie eine Blume im dunklen Grün des Waldes.
Sie drehte sie um und lächelte: »Schön, dass ihr es geschafft habt.«
Mit den jungen Yanomami gingen wir einen Pfad entlang, der zu ihren malocas führte: runde Gemeinschaftshäuser, die fast bis auf den Boden hinunter mit Palmblättern gedeckt waren. Ich zog Hemd und Schuhe aus – alle anderen waren so gut wie nackt – und setzte mich. Die Kinder scharten sich um mich, grinsten, kicherten, verbargen ihre Gesichter, wenn sie angeschaut wurden. Sie zogen an meinen Achselhaaren: die Yanomami besitzen keine. Man gab mir einen Pfriem grüner Blätter und als ich ihn unter meine Lippen schob und daran saugte, vergaß ich meinen Hunger.
Ein junger Mann bahnte sich einen Weg durch die Menge und gestikulierte, ich solle doch dabei helfen, die Gemeinschafts-maloca zu vergrößern: Ich sollte auf das Dach klettern und dort eine Plane anbringen, die die Gruppe von den Schürfern erhalten hatte. Ich stand ein paar Stunden auf dem Dach und flickte Löcher – unter Anleitung des jungen Manns. Als ich wieder unten war, fragte ich Barbara, warum er sich so herrisch aufführt.
»Er ist der Häuptling«, antwortete sie.
»Aber er ist doch gerade mal achtzehn.«
Sie warf einen Blick in die Runde. »Die älteren Männer liegen alle im Sterben oder sind tot.«
Die Hängematten im Wohnbereich der maloca waren von Kranken belegt. Als ich mich neben einen fiebernden Jungen setzte, brachen zwei alte Frauen durch den Schirm aus Bananenblättern, schwangen zuckend die Hüften, kreischten, fegten ihre Stöcke über den Boden, die Augen fest zugekniffen. Bevor ich aus dem Weg gehen konnte, wurde ich an den Knöcheln getroffen. Die Frauen stampften um die Hängematte, schrien und schlugen die Luft mit ihren Stöcken.
Das Gekreische ging noch fast den ganzen Tag weiter. Später erzählte man mir, dass Heilerinnen bei den Yanomami eigentlich unbekannt sind: Das war nur erklärlich, weil die Männer fehlten. Die alten Frauen führten mich zu einer Hängematte eines zwölf-, dreizehnjährigen Mädchens und machten mir vor, was ich tun sollte. Ich stampfte und schrie, wedelte mit den Armen durch die Luft, fegte etwas von der Oberfläche ihres Körpers und stieß es aus der maloca heraus. Von den zwei Frauen genötigt, tanzte und gellte ich schneller und lauter, stampfte und sprang über die Hängematte, bis ich fast ohnmächtig wurde und den Heilerinnen in die Arme fiel.
Als ich mich erholt und im Bach gewaschen hatte, brachten mir die Frauen etwas zu essen: Auf einem Bananenblatt hatten sie gebackene Kochbananen, Pilze und Käferlarven angerichtet, die Letzteren embryoartig zusammengekrümmt und sich noch windend. Meine Hände verharrten über dem Blatt. »Nur zu«, gestikulierten die Frauen. Ich klaubte eine Larve und öffnete den Mund.
Ich lehnte auf meinem Spaten und sah auf den Boden. An diesem garstigen Dezembertag – ich war erst seit Kurzem in Wales – holte mich die Kleinheit meines Lebens ein. Ich weiß nicht genau, wie es hatte passieren können, doch irgendwie führte ich plötzlich ein Leben, in dem schon das Einräumen des Geschirrspülers eine interessante Herausforderung darstellte.
Die Invasion Roraimas, deren Zeuge ich beinahe zwanzig Jahre zuvor gewesen war, steht für alles, was ich verabscheue. Armut und Verzweiflung hatten die Schürfer aus dem Nordosten Brasiliens, von denen viele aufgrund der Machenschaften von Geschäftsleuten und korrupten Beamten von ihrem Grund und Boden vertrieben worden waren, in die Minen getrieben. Doch die Leute, die das Ganze organisiert, die das Geld für den Bau der Landebahnen und den Kauf der Maschinen hatten, töteten und zerstörten aus reiner Gier. Wäre in Brasilien keine neue Regierung an die Macht gekommen und wären die Schürfer nach etlichen Monaten Verzögerung nicht aus dem Land der Yanomami vertrieben worden, hätte den Stamm das gleiche Schicksal ereilt wie die meisten derartigen Volksgruppen auf dem amerikanischen Doppelkontinent: Er wäre ausgelöscht worden. Der alten Regierung war dies bewusst gewesen. Der Genozid war nicht intendiert, er war nur eine unvermeidliche und kaum bedauerliche Folge ihrer Politik.
Und doch war ich von dem, was ich verabscheute, fasziniert, sogar als ich in den Goldminen war und die Schrecken der Invasion erlebte. Die Minen ließen die Metaphern, mit denen wir leben, zerplatzen. In den reichen Nationen betreiben wir unseren Goldhandel mit Zahlen und sind in unserem Trachten so sehr spezialisiert, dass wir Gefahr laufen, viele unserer Fertigkeiten zu verlieren. Gold war in den Minen Gold, und die Männer machten sich die Hände schmutzig – in jederlei Hinsicht. Konflikte wurden nicht durch gesetzliche Instrumente oder auf den Sofas von Fernsehstudios gelöst, sondern durch Schießereien in den Wäldern. All das war rauer, wilder und fesselnder als das Leben, das ich bis dahin geführt hatte, und als das Leben, das ich danach führen sollte.
J. G. Ballard hat uns daran erinnert, dass »die Vorstädte von Gewalt träumen. Eingelullt in ihre schläfrigen Villen, geschützt von wohlwollenden Einkaufszentren, wartet man dort geduldig auf die Alpträume, die sie in einer zornigeren Welt aufwachen lassen werden.«2 Noch besitzen wir die Angst, den Mut, die Aggression, die einst entstanden sind, damit wir uns durch unser Streben und unsere Krisen erleben können. Und wir spüren noch immer den Drang, uns in ihnen zu üben. Doch unser sublimiertes Leben nötigt uns zur Erfindung von Herausforderungen als Ersatz für die Schrecken, derer wir verlustig gegangen sind. Die Folgen unserer Natur fürchtend, haben wir uns selbst eingehegt und führen aus Angst, andere zu reizen oder zu beschädigen, ein kleinlautes Leben. »So macht Gewissen Feige aus uns allen.«3
Die Sozialgeschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte ist vor allem von der oft widerwilligen Entdeckung geprägt, dass andere Menschen gleich welcher Sprache, Hautfarbe, Religion oder Kultur ähnliche Bedürfnisse und Wünsche haben wie wir. Seit die Massenkommunikation jenen, deren Rechten wir einst keine Beachtung schenkten, Mittel an die Hand gegeben hat, für sich selbst zu sprechen und die Auswirkungen unserer Entscheidungen auf ihr Leben zu schildern, sehen wir uns zunehmend durch die nun unumgänglich gewordene Rücksicht auf die anderen eingeschränkt. Nicht minder wirksam ist heute das Wissen, dass so gut wie alles, was wir tun, Folgen für die Umwelt hat. Die durch die Technik ermöglichte Ausweitung unseres Lebens verleiht uns eine Macht über die natürliche Welt, die zu nutzen wir uns nicht länger leisten können. In allem, was wir tun, müssen wir heute auf das Leben der anderen Rücksicht nehmen, voller Bedachtsamkeit, Selbstbeschränkung und peinlicher Genauigkeit. Wir dürfen nicht länger leben, als gebe es kein Morgen.
In vielen Nationen wachsen mächtige Bewegungen heran von Menschen, die diese Einschränkungen ablehnen. Sie protestieren gegen Steuern, Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen, Handelsregulierungen, Rauchverbote, Tempolimits oder das Verbot von Schusswaffen. Aber vor allem rebellieren sie gegen Einschränkungen um des Umweltschutzes willen. Wie die Leute, die die Invasion des Yanomami-Landes vorangetrieben haben, treten sie Verbote, die einzuhalten uns der Anstand gebietet, mit Füßen. Sie sind der festen Meinung, sie könnten gleich, wessen Nase gerade im Weg ist, ihre Fäuste schwingen, als sei dies ein Menschenrecht.
Ich hege kein Bedürfnis, zu diesen Leuten zu gehören. Ich akzeptiere die Notwendigkeit von Beschränkungen, eines Lebens der Selbstbeschränkung und Sublimierung. Doch an diesem grauen Tag in Wales realisierte ich, dass ich so, wie ich bisher gelebt habe, nicht mehr weiterleben konnte. Ich konnte nicht einfach weiterhin am Schreibtisch sitzen und schreiben, für meine Tochter sorgen und nach dem Haus schauen, joggen, nur um fit zu bleiben, bloß etwas erstreben, was unsichtbar bleibt, die Jahreszeiten vorüberziehen sehen, ohne wirklichen Bezug dazu. Ich hatte diesem Leben zu wenig angeboten, dem Leben des Geistes,
Dem, was sich nicht in unserm Nachruf findet
Nicht in Aufzeichnungen, die die Spinne gütig überflort,
Noch unterm Siegellack, den der Notar erbricht
In unsern leeren Zimmern4
Ich glaube, ich war ökologisch gelangweilt.
Mir liegt nicht daran, die Zeit unserer Evolution zu romantisieren. Ich habe bereits länger gelebt, als die Lebensspanne der meisten Jäger-Sammler währte. Ohne Ackerbau, sanitäre Maßnahmen, Impfung, Antibiotika, Chirurgie und Augenoptik wäre ich schon tot. Wie ein Kampf um Leben und Tod zwischen mir, der ich kurzsichtig, einen Speer mit Steinspitze in der Hand, durch die Gegend stolpere, und einem riesigen wutschnaubenden Auerochsen enden würde, ist leicht abzusehen.
Untersucht man Ökosysteme der Vergangenheit, so zeigt sich, dass die Menschen, so rudimentär ihre Technologie und so klein ihre Zahl auch gewesen sein mag, beim Einfall in neue Gebiete schon bald viele der dort lebenden Wildtiere – insbesondere die größeren Tiere – ausgerottet hatten. Es gab keinen Zustand der Gnade, kein goldenes Zeitalter, in dem die Menschen in Harmonie mit der Natur gelebt hätten. Mir liegt auch nicht daran, zu den Opfer- und Hinrichtungsstätten jener Zivilisationen, die wir hinter uns gelassen haben, zurückkehren.
Schon gar nicht bin ich auf der Suche nach Authentizität: Das ist für mich kein brauchbarer oder sinnvoller Begriff. Selbst wenn es sie geben sollte, wäre sie per definitionem unmöglich zu erreichen, indem man sie erstrebt. Lediglich meinen Hunger nach einem reicheren, raueren Leben wollte ich stillen, in diesem Leben, das ich damals führte. Doch irgendwie musste ich diesen Drang mit dem Leben in Übereinstimmung bringen, das ich nicht so einfach aufgeben konnte: Mein Kind aufziehen, meine Hypotheken abbezahlen, die Rechte und Bedürfnisse meiner Mitmenschen respektieren, mich davon abhalten, der Natur Schaden zuzufügen. Erst als ich über ein selten gebrauchtes Wort stolperte, wurde mir klar, wonach ich suchte.
Das Wort ist noch jung, besitzt aber schon viele Bedeutungen! Als 2014 das Wort »Auswilderung« (rewilding) Eingang in die Lexika fand, war es schon heiß umstritten.5 Als es geprägt wurde, meinte es das Freilassen von in Gefangenschaft gehaltenen Tieren in die Wildnis. Bald wurde die Bedeutung auch auf die Wiedereinführung von Tier- und Pflanzenarten in Habitate ausgeweitet, aus denen diese verdrängt worden waren. Manche Leute verwendeten das Wort nicht nur für die Wiedereinführung einzelner Arten, sondern die ganzer Ökosysteme: Wiederherstellung der Wildnis. Später wendeten Anarcho-Primitivisten das Wort auch auf das Leben des Menschen an und meinten damit ein Wildwerden der Menschen und ihrer Kulturen. Die zwei Bedeutungen, die für mich von Interesse sind, unterscheiden sich etwas von den genannten.
Die Rückverwilderung natürlicher Ökosysteme, die mich interessiert, bedeutet nicht den Versuch, sie in einen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, sondern schafft die Voraussetzung, dass ökologische Prozesse wieder in Gang kommen. In Ländern wie dem meinen sind die Naturschutzbewegungen bei aller guten Absicht bestrebt, lebende Systeme in der Zeit einzufrieren. Sie versuchen, Tiere und Pflanzen davon abzuhalten, diese Systeme zu verlassen oder – falls sie nicht schon darin vorkommen – in sie einzudringen. Sie versuchen die Natur zu verwalten, wie man einen Garten pflegt. Viele Ökosysteme, etwa Heide- und Moorlandschaften, Hochmoore und Grasland, die man zu erhalten trachtet, werden von der niedrigen, buschigen Vegetation dominiert, die entsteht, wenn Wälder wiederholt gerodet und abgebrannt werden. Diese Vegetation wird von Naturschutzgruppen gehegt und gehätschelt; mit der intensiven Beweidung durch Schafe, Rinder und Pferde verhindern diese Gruppen die Umwandlung solcher Gebiete in Waldland – als hätten sich die Naturschützer im Amazonas entschlossen, anstatt des Regenwaldes die dortigen Rinderfarmen zu schützen.
Rückverwilderung erkennt an, dass Natur nicht nur aus einer Ansammlung von Arten besteht, sondern auch ihre stets veränderlichen Beziehungen untereinander und mit ihrer physischen Umgebung eine Rolle spielen. In dieser Sichtweise bedeutet das Anliegen, ein Ökosystem in seiner Entwicklung zu stoppen und in einem Status quo zu halten, es sozusagen wie ein Glas Gurken einzuwecken, soviel wie etwas zu schützen, das wenig Beziehung zur natürlichen Welt aufweist. Zu dieser Sichtweise haben im Übrigen die faszinierendsten wissenschaftlichen Entwicklungen der letzten Zeit beigetragen.
Ökologen haben in den vergangenen Jahrzehnten die Existenz breitgefächerter trophischer Kaskaden entdeckt. Dabei handelt es sich um Prozesse, die von Tieren an der Spitze der Nahrungskette ausgelöst werden und die bis an die unterste Ebene der Nahrungskette durchschlagen. Prädatoren und große Pflanzenfresser sind in der Lage, die Orte, an denen sie leben, umzuformen. In manchen Fällen verändern sie dabei nicht nur das Ökosystem, sondern auch die Bodenzusammensetzung, das Verhalten von Flüssen, die Chemie der Ozeane und sogar die Zusammensetzung der Atmosphäre. Befunde wie diese legen nahe, dass die natürliche Umwelt aus weit faszinierenderen und komplexeren Systemen besteht, als wir bislang dachten. Mit ihnen verändert sich unser Verständnis vom Funktionieren der Ökosysteme und sie stellen bestimmte Modelle des Naturschutzes radikal infrage. Zudem liefern sie ein stichhaltiges Argument für die Wiedereinführung großer Raubtiere und anderer verschwundener Arten.
Bei der Recherche zu diesem Buch bin ich mit der Hilfe Adam Thorogoods, eines visionären Försters, auf eine aufwieglerische Idee gestoßen, die mit Ausnahme einer beiläufigen Feststellung in einem Wissenschaftsartikel noch nirgendwo erörtert worden ist.6 Ich hoffe, dass diese Idee dazu anregen wird, die Funktionsweise unserer Ökosysteme und auch das Ausmaß, in dem sie als naturgegeben wahrgenommen werden, neu zu bewerten. Wir glauben, dass es schlagkräftige Indizien für die Annahme gibt, dass sich zahlreiche in Europa heimische Bäume und Büsche unter dem Einfluss von Elefantenattacken entwickelt haben, die zu spezifischen Abwehrstrategien führten. Der europäische Waldelefant (Elephas antiquus), der mit der heute noch in Asien lebenden Art verwandt war, lebte in Europa bis vor etwa 40 000 Jahren, das ist kaum mehr als ein Ticken der Evolutionsuhr.7 Er starb wahrscheinlich durch Überjagung aus. Wenn die Indizien tatsächlich so stringent sind, wie es scheint, dann legen sie nahe, dass diese Art die gemäßigten Zonen Europas dominierte. Unsere Ökosysteme sind offenbar an den Elefanten angepasst.
Mir liegt es allerdings fern, die Landschaften oder Ökosysteme der Vergangenheit wieder erschaffen, ursprüngliche Wildnis – als sei dies möglich – wiederherstellen zu wollen. Rückverwilderung heißt für mich, dem Drang, die Natur kontrollieren zu müssen, zu widerstehen und ihr stattdessen die Möglichkeit einzuräumen, sich ihren eigenen Weg zu suchen. Dazu gehört, verschwundene Pflanzen und Tiere wieder einzubürgern (und in einigen Fällen exotische Arten, die nicht der einheimischen Tierwelt angehören können, auszumerzen), Zäune abzubauen, Entwässerungsgräben zu schließen, aber ansonsten den Dingen ihren Lauf zu lassen. Auf dem Meer bedeutet es, die kommerzielle Fischerei und andere Formen der Ausbeutung auszuschließen. Die entstehenden Ökosysteme sind dann weniger als Wildnis, sondern als selbstgesteuert zu beschreiben: Nicht vom Menschen beherrscht, sondern von ihren eigenen Prozessen gelenkt.* Rückverwilderung kennt keine Ziele, besitzt keine Anschauung darüber, wie ein »richtiges« Ökosystem oder ein »richtiges« Artengefüge auszusehen hätte. In ihr ist kein Trachten, aus dem eine Heide, eine Wiese, ein Regenwald, ein Kelpgarten oder ein Korallenriff hervorgehen soll. Es ist die Natur, die entscheidet.
Die in unserem veränderten Klima, auf unseren ausgelaugten Böden entstehenden Ökosysteme werden anders aussehen als die in der Vergangenheit vorherrschenden. Wohin sie sich entwickeln, ist nicht vorhersehbar – ein Grund auch, warum dieses Projekt so spannend ist. Wo sich der Naturschutz allzu oft an der Vergangenheit orientiert, blickt die so verstandene Rückverwilderung in die Zukunft.
Die Rückverwilderung von Land und Meer könnte selbst in ausgelaugten Regionen wie in Großbritannien und Nordeuropa Ökosysteme produzieren, die so überreich und faszinierend sind wie jene Gegenden, die zu Gesicht zu bekommen Enthusiasten um den halben Globus reisen. Ich hoffe zudem, dass durch diese Strategie der Aufenthalt in einer großartigen, freilebenden Tierwelt für jedermann möglich wird.
Mich interessieren, wie gesagt, zwei Definitionen der Rückverwilderung. Die zweite ist die Rückverwilderung des menschlichen Lebens. Sehen manche Primitivisten einen Konflikt zwischen der zivilisierten und der wilden Welt, hat die Rückverwilderung, wie ich sie im Auge habe, nichts mit dem Abstreifen der Zivilisation im Sinn. Ich bin der Überzeugung, dass wir die Vorzüge einer avancierten Technik ebenso genießen können wie ein Leben, das mehr an Abenteuer und Überraschungen bietet. Bei der Rückverwilderung geht es nicht darum, die Zivilisation aufzugeben, sondern sie zu verbessern. Es gilt, »nicht den Menschen abgewandt, doch mit Natur vertrauter« zu werden.8
Würde man eine ausgefeilte, von hohen Ernteerträgen gestützte Ökonomie aufgeben, wäre das katastrophal. Bevor der Ackerbau auf der Britischen Insel begann, hat sie offenbar höchstens 5000 Menschen ernährt.9 Wenn diese Menschen gleichmäßig verstreut gewohnt hätten, hätte jede Person 54 Quadratkilometer beansprucht, eine Fläche, die etwas größer ist als das Stadtgebiet von Southampton (das heute 240 000 Einwohner beherbergt).10 Das war anscheinend die Anzahl der Menschen, die sich durch Jagen und Sammeln ernähren ließ. (Gleichwohl haben die Männer und Frauen der Mittelsteinzeit das Vorkommen großer Säugetiere beträchtlich reduziert.) Ich habe Primitivisten getroffen, die mit der Fantasie liebäugelten, zu einer Jäger-und-Sammler-Ökonomie zurückzukehren. Allerdings würde dies die Eliminierung fast aller Menschen voraussetzen.
Aus dem gleichen Grund bin ich der Auffassung, dass eine extensive Rückverwilderung nicht auf ertragsfähigem Land erfolgen sollte. Sie kommt besser an Orten zur Anwendung, an denen die Ertragsfähigkeit so niedrig ist, dass Ackerbau nur noch aufgrund der Großzügigkeit der Steuerzahler stattfinden kann, insbesondere etwa in den Bergregionen. Da aufgrund mangelnder Finanzierung die Grundversorgungsleistungen allerorts in Europa (und in einigen anderen Teilen der Welt) gekappt werden, können Landwirtschaftssubventionen in ihrer heutigen Form sicherlich nicht länger ausbezahlt werden. Ohne sie allerdings kann man sich schwerlich vorstellen, wie der Landbau in den genannten Regionen noch aufrecht erhalten werden soll: zum Guten oder Schlechten wird er nach und nach aus den Bergregionen verschwinden.
Für manche Leute bedeutet Rückverwilderung den Rückzug des Menschen aus der Natur; für mich bedeutet sie seine neuerliche Einbindung. Ich würde nicht nur gerne eine Wiedereinführung von Wolf, Luchs, Vielfraß, Biber, Wildschwein, Elch, Wisent und – vielleicht eines Tages, in ferner Zukunft – von Elefanten und anderen Arten erleben, sondern auch von Menschen. In anderen Worten: Ich sehe in der Rückverwilderung eine verbesserte Möglichkeit für den Menschen, sich mit der natürlichen Welt zu verbinden und sich an ihr zu erfreuen.
Verwildert nimmt auch jenes Leben ins Visier, das wir nicht mehr führen können, so wie die – oft unabdingbaren – Zwänge, die uns davon abhalten, unsere vernachlässigten Fähigkeiten zu üben. Es legt dar, wie ich selbst versucht habe, innerhalb dieser Zwänge mein eigenes Leben wieder wilder zu machen und der ökologischen Langeweile zu entrinnen. Mit Sicherheit bin ich nicht der Einzige, der ein unerfülltes Bedürfnis nach einem wilderen Leben verspürt, und ich möchte behaupten, dass dieses Bedürfnis zu einer bemerkenswerten kollektiven Wahnvorstellung geführt haben dürfte, an der heute tausende Menschen leiden und die in der fast perfekten Abkapselung des Wunsches nach einem weniger gebändigten, weniger vorhersehbaren Ökosystem zu bestehen scheint.
Wenn Sie mit Ihrem Leben in all seinen Facetten zufrieden sind, wenn es bereits so bunt und überraschend ist, wie Sie es sich immer gewünscht haben, wenn das Entenfüttern schon das höchste der Naturgefühle ist, das sie erleben möchten, dann ist dieses Buch wahrscheinlich nichts für Sie. Wenn Sie aber, wie manchmal ich, das Gefühl haben, Sie kratzten an den Mauern Ihres Lebens, wenn Sie hoffen, einen Ausweg in eine hinter den Mauern liegende größere Welt zu finden, dann dürften Sie in diesem Buch etwas entdecken, in dem Sie sich wiedererkennen. Wie wir unseren Platz in der Welt verorten, ihre Ökosysteme verstehen und die Mittel, mit denen wir uns mit ihnen verbinden können, wahrnehmen, möchte ich auf den Prüfstand stellen.
Damit hoffe ich, zu einem positiven Umweltschutz zu ermutigen. Die lebenden Systeme der Erde haben im zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhundert eine von Zerstörung und Entwürdigung gekennzeichnete Behandlung erfahren. In dem Versuch, dieses Gemetzel zu stoppen, haben Umweltschützer deutlich erklärt, welche Dinge die Menschen unterlassen sollten. Das Argument, das wir anführten, lautete, dass bestimmte Freiheiten – die Freiheit, der Umwelt Schaden zuzufügen, sie zu verschmutzen und zu vergeuden – eingeschränkt werden müssten. Für Verfügungen dieser Art gibt es gute Gründe, im Gegenzug aber hatten wir bisher nur wenig zu bieten. Wir haben lediglich darauf gedrungen, dass die Leute weniger konsumieren, weniger reisen, nicht unbekümmert, sondern mit Bedacht leben, den Rasen nicht betreten sollen. Da wir keine neuen Freiheiten im Austausch gegen die alten anzubieten haben, werden wir oft für Asketen, Spielverderber und Pedanten gehalten. Wir wissen, wogegen wir sind; jetzt heißt es erklären, wofür wir eintreten.
Verwildert tritt für einen Umweltschutz ein, der die Lebensdimension der Menschen nicht einschränkt, sondern erweitert, ohne das Leben anderer oder die Textur der Biosphäre zu beschädigen, und zieht dabei Regionen in Wales, Schottland, Slowenien, Polen, Ostafrika, Nordamerika und Brasilien als Fallstudien heran, an denen die Praxis zeigt, was gut oder schlecht funktioniert. Einen Umweltschutz, der im Austausch gegen Freiheiten, die wir einzuschränken versuchen, neue anbietet. Einen, der große Land- und Meeresgebiete auf seiner Zukunftsagenda hat, die sich selbst regulieren, Orte, die wieder von dort verschwundenen wilden Tieren bevölkert werden und an denen wir frei umherstreifen können.
Vielleicht am wichtigsten: Es ist ein Umweltschutz, der Hoffnung bietet. Die Rückverwilderung sollte den Schutz bedrohter Orte und Arten nicht ersetzen; die Geschichte, die sie vorbringt, lautet allerdings, dass der ökologische Wandel nicht immer die gleiche Richtung einzuschlagen hat. Im zwanzigsten Jahrhundert hatte der Umweltschutz einen stummen Frühling vorausgesehen, wobei die weitere Beeinträchtigung der Biosphäre unausweichlich schien. Die Rückverwilderung bietet Hoffnung auf einen geräuschvollen Sommer, in dessen Verlauf zumindest in manchen Weltteilen zerstörerische Prozesse eine Umkehrung erfahren.
Wie alle Visionen muss auch die Rückverwilderung fortwährend infrage gestellt und auf ihre Folgen abgeklopft werden. Sie sollte nur mit der Zustimmung und dem Enthusiasmus derjenigen erfolgen, die auf dem betreffenden Land arbeiten. Sie darf auf keinen Fall als Instrument der Enteignung und Zwangsräumung benutzt werden. Ein Kapitel des Buchs beschreibt erzwungene Rückverwilderungsmaßnahmen, wie sie hie und da auf der Welt stattgefunden haben, sowie die menschlichen Tragödien, die mit ihnen einhergehen. Rückverwilderung sollte zum Wohl der Menschen stattfinden und nicht um einer Abstraktion willen, die wir als Natur bezeichnen. Sie sollte die Welt, in der wir leben, verbessern.
Die Recherchen zu diesem Buch sind ein großes Abenteuer gewesen: seine Themen gehören zu den bezauberndsten, denen ich je nachgegangen bin. Sie haben mich an wilde Orte geführt, mich mit dem wilden Leben und mit leidenschaftlichen Menschen in Kontakt gebracht. Durch sie bin ich mit überaus faszinierenden Erkenntnissen im Bereich der Biologie, der Archäologie, der Geschichte und der Geographie in Berührung gekommen. Sie haben mein Leben tiefgreifend verändert. Bisweilen kam es mir bei meinen Nachforschungen vor, als würde ich, wie in der Erzählung vom König von Narnia, durch einen Kleiderschrank in eine andere Welt treten. Die hier erzählte Geschichte beginnt eher sachte in dem Bemühen, mich mit den Ökosystemen direkt vor meiner Haustür zu beschäftigen und in ihnen etwas von dem unbändigen Geist zu entdecken, den ich so gerne wiedererstehen lassen würde. Wenn Sie sich bitte durch die Mäntel und Kleider schieben wollen, wir treffen uns dort.
* Der Ausdruck wurde von Jay Hansford Vest geprägt. Siehe Jay Hansford Vest, »Will-of-the-Land: Wilderness among Primal Indo-Europeans«, in: Environmental Review, Bd. 9, Nr. 4, (Winter 1985), S. 323–329. Er ist von Dr. Mark Fisher, dessen Arbeit für das Zustande-kommen dieses Buchs nicht unwesentlich war, propagiert worden.
2)Wilde Jagd
Ich muss wieder hinab zum Meer, zum einsamen Meer
und dem Himmel / Und ich brauche nur ein großes Schiff
und einen Stern, nach dem ich steuern kann.
John Masefield, Seefieber1
Am Flussufer neben der alten Eisenbahnbrücke belud ich mein Boot. Ich band ein Rolle an ihm fest, die ich aus Haselstangen gemacht, mit orangener Schnur umwickelt und mit einer Auswahl Lamettaködern versehen hatte. Ich zurrte eine Flasche Wasser und einen Holzknüppel an die links und rechts von meinem Sitz angebrachten Schlagleisten und befestigte das Paddel mit einer Leine am Boot: Alles, was nicht festgebunden ist, könnte leicht verloren gehen. In den Taschen meiner Schwimmweste befanden sich Ersatzköder, Wirbel und Gewichte, ein Schokoladenriegel, ein Messer und für den Fall, dass ich gestochen wurde, ein Feuerzeug.
Ich setzte meine Füße in das braune Wasser. Es drang in meine Tauchschuhe ein und durchtränkte meine Socken. Den ganzen Tag lang würde es meine Füße warm halten. Ich stieß das Boot in tieferes Wasser, schwang mich hinein und legte flussabwärts ab. Zwei Brachvögel pickten und stocherten am Ufer entlang. Eine Schwanenfamilie mühte sich, kleine Bugwellen aufwerfend, gegen die Strömung. Bald erreichte ich das schnell sprudelnde Wasser in den Untiefen nach dem ersten Mäander. Wolkig bäumte es sich über den Felsen auf, schoss zwischen ihnen hindurch und zerstob zu gischtigen Mähnen. Ich raste durch die Stromschnellen, hüpfte über die Wasserkissen an den Felsbrocken, fühlte mich lebendig und frei. Dann erreichte der Fluss den Strand, wo er sich zu einem flachen Fächer verbreiterte. Ich fand einen Kanal, der gerade tief genug war, um mich zu tragen, und glitt in die erste Welle hinein, die das Kajak überspülte und mich dann passieren ließ. Die weiteren Brecher schwemmten abwechselnd über den Bug oder hoben das Boot, um es mit einem Beben wieder ins Wasser krachen zu lassen. Ich paddelte mit aller Kraft, tauchte unter, tauchte wieder auf, stürzte in die Wellentäler und schob mich durch die brechenden Wellen in die dahinterliegenden rollenden Wasser.
Ich drehte mich noch einmal um, prägte mir die Landmarken der Küste ein und fuhr auf das offene Meer. Ein schwacher unregelmäßiger Wellengang mit Schaumkronen hie und da. Die Wogen sahen aus wie abgeplatzter Flintstein. Ihre muschelig facettierten Kämme glitzerten im Sonnenlicht. Mir voraus segelte ein Eissturmvogel bis beinahe auf die Wasserfläche hinab, machte eine halbe Rolle und schwang sich wieder fort in die Höhe.
Ich ließ die Leine aus, platzierte die Rolle neben meinen Fuß und führte die Schnur kurz unter dem Knie über mein Bein. Beim Paddeln konnte ich das Blei über die Steine des Riffs holpern fühlen. Hin und wieder spannte sich die Leine und ich zog sie hinauf, fand aber an den Haken nichts als Klumpen krustigen rosafarbenen Korallenmooses oder ledrige Seetangschnüre, die manchmal bis zu vier Meter lang waren. Einen knappen Kilometer von der Küste entfernt überquerte ich eine Schar fliederfarbener Quallen. Sie sahen fast wie Ölflecken aus, eine blasse zweidimensionale Ausfärbung des Wassers, aber hin und wieder hob der Wind sie an und sie stießen fett und gummiartig durch die Oberfläche. Zu Tausenden strömten sie unter dem Boot hindurch. Manche trugen orangefarbene Nematozysten auf ihren Tentakeln. Mit ihren Segmenten und samenartigen Strukturen sahen die Tiere aus wie aufgeplatzte Feigen.
Auf der anderen Seite des Riffs drehte ein Krebsfischer seine einsamen Runden, zog seine Reusen hoch, versah sie mit neuen Ködern und ließ sie wieder an der Leine ins Wasser, während sein Boot langsam von Boje zu Boje tuckerte. Über einen Kilometer Meer hinweg konnte ich den Köder riechen und den Diesel. Der Fischer dampfte wieder in Richtung Küste davon und ich war allein.
Je näher ich dem Rand des Riffs kam, desto höher stieg der Wellengang. Die Leine suchte sich ihren Weg durch das Meer wie eine Erweiterung meiner Sinne, eine an meine Haut geheftete Antenne, die zuckte und zitterte. Von Zeit zu Zeit ruckte die Rolle und auf meinem Knie straffte sich die Schnur, doch wenn ich anhielt und zog, spürte ich, sobald die Welle, die die Leine angehoben hatte, vorbeigerollt war, lediglich das Gewicht zurücksinken. Ich befand mich jetzt einen guten Kilometer, vielleicht etwas mehr, von der Küste entfernt, aber wonach ich suchte, hatte ich noch nicht gefunden. Immer wenn ich damit in Berührung kam, schien es ein bisschen weiter vom Land entfernt als zuvor.
Einen Kilometer hinter dem Riff zog ein Basstölpel an mir vorbei. Er stieg ein paar Meter in die Luft, legte seine Flügel an und stieß wie ein Pfeil ins Wasser, eine Gischtfahne aufwerfend. Er schwamm auf der Oberfläche und verschlang, was er gefangen hatte, flog auf und tauchte erneut. Ich nahm die Verfolgung auf, die Leine aber schlingerte schlaff durch das Wasser. Der Himmel hatte sich zugezogen, der Wind war heftiger geworden und nun begann Regen niederzuprasseln. Das Meer fühlte sich an wie ein halb erstarrtes Gelee.
Ich paddelte drei Stunden lang in westlicher Richtung, direkt hinaus aufs Meer. Das Land war nur noch ein olivgrüner Schmierstreifen, die Küstenstadt im Süden eine undeutliche, blasse Linie. Die Wellen nahmen an Höhe zu und der Regen prasselte in mein Gesicht wie Vogelschrot. Ich hatte mich nun zehn, elf Kilometer weit von der Küste entfernt, weiter als je zuvor. Aber noch immer hatte ich den Platz nicht gefunden.
Am Horizont entdeckte ich eine Schar dunkler Vögel. Überzeugt, dass sie auf Fische gestoßen waren, erhöhte ich mein Tempo auf Rammgeschwindigkeit. Die Vögel verschwanden, tauchten wieder auf, wirbelten ein paar Fuß über dem Wasser. Beim Näherkommen sah ich, dass es Sturmtaucher waren, etwa fünfzig an der Zahl, die aufstiegen, kehrtmachten und wieder auf dem Meer landeten. Eine Handvoll Vögel löste sich aus der Schar und umkreiste mich. Ihre samtig schwarzen Flügel streiften beinahe die Wellen. Sie waren so nahe, dass ich den Schimmer in ihren Augen sehen konnte. Sie fraßen nicht – hielten bloß Ausschau. Das vage Einsamkeitsgefühl, das mich beschlichen hatte, je weiter ich mich vom Land entfernte, zerstreute sich.
Die Vögel ließen sich wieder auf dem Wasser nieder und ich hielt nur wenig entfernt von ihnen an. Kein Geräusch war zu hören, nur das Schlagen der Wellen und der Wind, der in hohen Tönen und kaum vernehmbar durch am Boot befestigte Gummischnüre pfiff. Die Vögel waren stumm.
Jedes Mal, wenn ich auf das Meer hinausfahre, suche ich nach diesem bestimmten Platz, einem Platz, an dem ich eine Art Frieden spüre, wie ich ihn auf dem Land nie erlebt habe. Andere finden ihn in den Bergen, in Wüsten oder in der methodischen Ruhigstellung ihrer Gedanken durch Meditation. Mein Platz jedoch war hier; ein Hier, das stets anderswo war, sich aber immer gleich anfühlte; ein Hier, das sich mit jeder Ausfahrt weiter von der Küste zu entfernen schien. Auf meinen Handrücken hatte das Salz Krusten gebildet, meine Finger waren rissig und runzelig. In meinen Gedanken verfing sich der Wind, von den Wellen wurde ich geschaukelt. Nichts existierte außer dem Meer, den Vögeln, der Brise. Mein Kopf war wie leer geblasen.
Ich legte mein Paddel ab und beobachtete die Vögel. Sie traten das Wasser, hielten die Distanz zwischen uns. Regen trommelte in Böen gegen meine Stirn. Die Wellen, die jetzt höher waren, hoben Bug und Heck und schwangen das Kajak herum: Ich musste das Paddel wieder in die Hand nehmen und das Boot gelegentlich in den Wind drehen. Auf der Oberfläche der Wellen ließen die Regentropfen kleine Sporne emporwachsen. Hier war mein Schrein, ein Ort der Geborgenheit, wo mich das Wasser wiegte, an dem ich mich von Wissen frei machte.
Nach einer Weile bewegte ich mich langsam nach Süden parallel zu der in der Ferne liegenden Küste. Ich fuhr etwa anderthalb Kilometer, hörte mit dem Paddeln auf und ließ mich vom Wind tragen. Ich hätte mich bis ans Land treiben lassen können, aber mir wurde kalt und ich nahm das Paddeln wieder auf. Ich war jetzt so müde, dass das Meer, obwohl ich den Wind im Rücken hatte, sich holprig und steif anfühlte.
Etwa fünf Kilometer von der Küste entfernt kam ich an zwei Lummen vorbei; sie tauchten ihre Schnäbel ins Wasser und richteten sich gelegentlich auf, um mit ihren Flügeln zu schlagen. Als ich an ihnen vorbeipaddelte, streckten sie ihre Köpfe in die Luft und beobachteten mich aus ihren Augenwinkeln, ohne jedoch vom Meer aufzufliegen. Gleich danach spürte ich ein scharfes unmissverständliches Zerren an meinem Knie. Ich riss an der Leine und holte sie Hand um Hand ein. Ich meinte fast, so etwas wie das elektrische Sirren der Schnur zu hören. Als das Vorfach in Bootsnähe kam, ruckte es wie verrückt hin und her. Tief unten im Grün sah ich etwas Weißes aufblitzen und kurz darauf zog ich den Fisch ins Boot. Er hüpfte über das Deck und trommelte dann mit raschen Zuckungen auf das Plastik. Ich brach ihm das Genick.
Der Rücken der Makrele hatte das gleiche tiefe Smaragdgrün wie das Wasser, war mit schwarzen Streifen versehen, die auf dem Kopf aufbrachen und verwirbelten. Der Bauch war weiß und gespannt, verengte sich zu einem schlanken Stiel und dem knapp gegabelten Schwanz eines Mauerseglers. Das Auge des Fischs war eine Scheibe aus kaltem Gagat. Mein Raubtiergenosse, kaltblütiger Dämon, mein Bruder und Schüler des Orion.
Einen guten Kilometer weiter fühlte ich erneut ein kaum merkliches Zucken an der Leine. Ich nahm sie auf und zog, aber da war nichts. Ich zog erneut und sie wurde mir fast aus der Hand gerissen. Was auch immer daran gezupft hatte, es war zurückgekommen, als es die Köder aufsteigen sah. Es fühlte sich anders an: schwerer und nicht so ungleichmäßig. Das aufblitzende Weiß zeigte mir, dass ich drei Fische hatte – die komplette Hakenreihe. Ich holte sie ein, versuchte, als sie auf dem Boot landeten und sich herumwarfen, die Leine freizuhalten: Eine kurze Unaufmerksamkeit und ich wäre zwanzig Minuten mit der verhedderten Schnur beschäftigt. Sobald ich die Fische verstaut hatte, wendete ich das Boot und paddelte dorthin zurück, wo sie mir an den Haken gegangen waren. Ich kreiste auf dem Wasser, konnte aber keinen Schwarm entdecken.
Ich aß meine Schokolade und paddelte weiter. Einen Moment lang brach die Sonne durch und das Meer verwandelte sich in frisch geschmolzenes Blei. Dann zogen sich die Wolken wieder zu und es regnete erneut.
Einen knappen Kilometer vor der Küste traf ich auf einen kleinen Schwarm und zog ein halbes Dutzend Makrelen ins Boot. Dann fand ich mich in einem Band voller Quallen wieder, die stellenweise so dicht gepackt waren, dass es kaum noch Wasser zu geben schien. Sie zogen unter meinem Boot in einer gerade mal einen Meter breiten Kolonne hinaus aufs offene Meer. Sporadisch kamen die Makrelen nach oben, in Zweier- und Dreiergruppen. Eine Strömungslinie vielleicht, was erklären würde, warum die Raubfische sich um diesen Streifen geschart hatten: Wie die Quallen war das Plankton von einer sanften Kabbelung zusammengetrieben worden und die Beutefische waren ihm gefolgt.
Ich sah den Mondquallen zu, die übereinanderrollten wie die Blasen in einer Lavalampe. An einer Stelle war die Prozession unterbrochen. Ein paar Meter klares Wasser, dann zuckte ich angesichts einer blassen hässlichen Qualle etwas zusammen, ein monströses und gespenstisches Ding, das das nächste Bataillon anführte. Ich brauchte einen Moment, bis ich erkannte, dass es sich um eine Plastiktüte handelte, vom Wasser prall aufgeblasen, der Quallenkönig, dem die Untertanen hinaus in die See folgten.
Ich trieb mit ihnen, lupfte und senkte die Leine. Sobald ich paddelte, stießen die Quallen gegen die Schnur, was mich wieder anhalten ließ, um das Signal zu überprüfen, um zu sehen, welche Lebensform ihre Botschaft aus dem Dunkel heraufmorste. Eine Schwarmkugel entdeckte ich nicht.
Warum die Makrele in jenem Jahr so spärlich erschienen war, darüber gab es wie häufig bei solchen Dingen ebenso viele Meinungen, wie es Leute gab, die man fragen konnte. Ein Fischhändler vor Ort berichtete mir sehr überzeugend von einem monströsen Schiff, das in der Irischen See unterwegs sei und nicht mit einem Netz, sondern mit einem Vakuumschlauch arbeitete, der die Makrelen und alles, was ihm sonst noch in den Weg kommt, aufsauge. Das Ganze würde dann zu Fischmehl vermahlen und als Dünger und Tierfutter verwendet. Das Schiff habe eine von der Umweltbehörde ausgestellte Lizenz und dürfe 500 Tonnen Makrelen pro Tag fangen und habe zudem von der Europäischen Kommission Subventionen in Höhe von 13 Millionen Pfund erhalten. Ich überprüfte die Geschichte und stellte rasch fest, dass die Umweltbehörde auf See keine Rechtskraft hat, dass Vakuumschläuche nicht zum Fischen eingesetzt wurden, sondern um den Fang aus den Netzen zu saugen, dass in der Irischen See keine Fischmehloperation im Gange war und dass es kein einziges Schiff mit einer Lizenz über so viele Tonnen gibt. Ansonsten aber war die Erklärung makellos.
Andere schrieben die Schuld den Delfinen zu, die in jenem Jahr in größerer Zahl als sonst in die Bucht gekommen seien (die Aufzeichnungen belegen eher das Gegenteil), oder den seit Ende Mai vorherrschenden Nordwestwinden, die wohl die Schwärme auseinandergerissen hätten. Einige Leute verwiesen auf die sogenannten schwarzen Anlandungen durch eine Gruppe betrügerischer Fischer aus Schottland (sie hätten über die Quote hinaus Makrelen und Heringe im Wert von 63 Millionen Pfund angelandet),2 andere auf das Versagen der Europäischen Union, Norwegens, Islands und der Faröer, die jetzt, da die Schwärme im Winter weiter gen Norden zögen, falsche Entscheidungen hinsichtlich der Fangmengen der einzelnen Nationen getroffen hätten;3 oder es wurde der Überfischung der Biskaya durch die spanische Fischereiflotte zugeschrieben, die vor Kurzem fast das Doppelte der erlaubten Quote in ihren Netzen gehabt hätte.
Ich konnte bislang nicht mit Sicherheit feststellen, ob die in die Cardigan Bay wandernden Fische zu der gleichen Population gehören wie die, die in anderen Gewässern einem immensen Fangdruck ausgesetzt waren. Jedenfalls sind die in die Bucht kommenden Makrelen selbst in besseren Jahren, wenn man in etwa einer Stunde 100 oder 200 Fische an Bord ziehen kann, die zerfledderten Reste einer einst gewaltigen Population. Sie könnten sich noch daran erinnern, sagen die örtlichen Fischer, dass die Schwärme früher bis zu fünf Kilometer lang gewesen seien; heute könne man von Glück reden, wenn man einem Schwarm begegnet, der hundert Meter lang ist. Die Europäische Union klassifiziert den Makrelenbestand in der Irischen See als »innerhalb sicherer biologischer Grenzen«,4 was allerdings mehr über unsere verminderten Erwartungen hinsichtlich einer gesunden Population als über den Zustand der Art aussagt.
Ein weiteres Stoßen an der Leine, und ich zog einen kleinen braunen Fisch heraus. Ich zögerte, bevor ich ihn ins Boot schwang. An diesem Küstenstrich werden braune Fische nur mit Vorsicht eingeholt, denn sie könnten zu der für Angler gefährlichsten Art in britischen Gewässern gehören.
Zum ersten Mal kaschte ich einen bei meiner Jungfernfahrt in die Cardigan Bay. Ich hatte Makrelen gefangen, die wild herumschlugen, als ich sie am Haken hatte. Aber dieses Ding blieb unten und schüttelte den Kopf. Die Schwingungen waren über die Leine zu spüren. Ich brachte es an die Oberfläche und sah, dass es 40 bis 50 Zentimeter lang war, eher bleich und braun-weiß gefleckt.
Als ich es aus dem Wasser zog, begann es sich wie verrückt hinund herzuwerfen. Ich schwang es in Richtung meiner freien Hand, aber gerade als ich es ergreifen wollte, schrillte ein uralter, tief in den Basalganglien eingegrabener Alarm. Ich ließ den Fisch in das Boot fallen und inspizierte ihn, als er auf dem Deck zappelte. Ich hatte gedacht, jede in den britischen Gewässern vorkommende Art zu kennen, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Ein grün und purpur leuchtender Flossensaum lief den ganzen Körper entlang. Die Seiten waren mit Schlängellinien gezeichnet, Glupschaugen oben auf seinem Kopf und ein riesiges nach oben gerichtetes Maul. Dann, plötzlich, von einem lang vergessenen Buch oder Plakat herrührend, hatte ich den Namen im Kopf.
Es gab zwei Arten. Der Fisch gehörte nicht der kleineren Art an, die sich bei Ebbe im Sand versteckt und die Ferien von barfuß laufenden Kindern ruinieren kann. Es war ein Großes Petermännchen, das, wie ich später gelesen habe, erwachsene Männer vor Schmerz zum Weinen und Toben bringt. Wie die Viperqueise, die kleinere Art, besaß es drei giftbewehrte Stachel in seiner Rückenflosse und eine auf jedem Kiemendeckel. Wenn ein Stich nicht gleich behandelt wird, können die Schmerzen über Tage andauern. Eine Frau aus der Gegend, die auf einem gecharterten Boot angelte, setzte sich aus Versehen auf einen dieser Fische, den jemand auf Deck abgelegt hatte, und musste sechs Wochen im Rollstuhl verbringen. Ich habe einen Mann getroffen, der sechs Monate lang seine linke Hand nicht bewegen konnte. Es sind nur wenige Todesfälle durch Petermännchen bekannt, doch wenn man in einem Kajak gestochen wird und keine Gegenmittel zur Verfügung hat, wird man kaum aus eigener Kraft zurück an Land gelangen. Schmerz und Schock machen das Paddeln absolut unmöglich.
Nachdem ich fast aus dem Boot gefallen war, schaffte ich es, das seltsame Geschöpf vom Haken zu schütteln. Seither habe ich stets einen Holzknüppel dabei. Wann immer ich ein Petermännchen fange, ziehe ich es gegen die Seite des Kajaks und verpasse ihm einen heftigen Schlag. Es hat festes weißes Fleisch, das eine exzellente Bouillabaisse oder ein hervorragendes Curry ergibt. Im Mittelmeer dürfen die Angler auf den Charterbooten alle Fische, die sie fangen, behalten – mit Ausnahme der Petermännchen, die die Crew für sich beansprucht.
In der Saison zuvor gab es Zeiten, an denen ich Petermännchen in größerer Zahl geangelt habe als Makrelen. Auf dem Boot bin ich nie gestochen worden, doch eines Tages, als ich, zurück am Ufer, den Fisch filetierte, während mein Partner ein Feuer in den Dünen machte, rutsche ich mit der Hand aus und rammte meinen Daumen in einen Stachel. Es fühlte sich an, als hätte ich meinen Daumen auf eine Werkbank platziert, einen Hammer geschwungen und so heftig wie möglich zugeschlagen. Ich erstarrte vor Schmerz und spürte voller Panik eine sich durch den Arm über die Schulter bis zur Brust ausbreitende Taubheit. Obwohl mein Gehirn von rotglühendem Schmerz überflutet war, begann es zu arbeiten. Die Stiche von Petermännchen werden am besten mit heißem Wasser behandelt, was so schnell wie möglich geschehen muss. Am Strand gab es kein heißes Wasser. Da aber Haut wasserabweisend ist, konnte der erwünschte Effekt nicht vom Wasser ausgehen. Es musste die Hitze sein. Das Gift musste hitzeempfindlich sein. Und es spielte keine Rolle, woher die Hitze kam. Wo gab es Hitze? Mit nervösem Blick suchte ich die Gegend ab und sah den Rauch zwischen den Dünen aufsteigen.
Ich rannte, über meinen Arm gebeugt, den Strand hinauf, sprang über die Dünen und stieß meinen Daumen in die Flammen. Mein Partner starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Doch die Wirkung war bemerkenswert. Binnen einer Minute begann der Schmerz abzuklingen. Ich hielt meinen Daumen so nah ans Feuer, dass er beinahe versengte; der von den Flammen verursachte Schmerz war weniger heftig als der vom Gift herrührende. Schon bald beruhigten sich meine in Aufruhr befindlichen Nerven. Die Taubheit ließ nach und innerhalb einer halben Stunde fühlte ich mich wieder so wohl wie vor dem Moment, als ich mir den Stachel eingerammt hatte.
Bei dem Fisch allerdings, den ich nun ins Boot zog, handelte es sich nicht um ein Petermännchen. Er hatte eine hohe rechteckige Stirn, ein zartes schnabelförmiges Maul, damastene, kastanienbraune und mit Gold durchsetzte Flanken sowie zinnoberrote Flossen mit türkisen Flecken in der Form spanischer Fächer. Unter der Kehle befanden sich lange knochige Finger, mit denen er die Sedimente nach Nahrung abtastet. Von vorne gesehen sah der rote Knurrhahn wie eine Gans aus, seine Augen saßen seitlich und hoch angesetzt auf seinem beschnabelten Kopf. Von der Seite war er so hübsch wie ein Aquarienfisch. Ich ließ ihn frei und er huschte zurück in die Tiefe.
Ein paar hundert Meter von der Stelle, an der ich mich befand, brachen die Wellen auf dem Kies. Noch immer die Leine hinter mir her ziehend, mühte ich mich mit schweren Armen und vor Anstrengung zitternden Beinen Richtung Norden, wo eine Reihe weißer Brecher den Rand des Riffs markierte. Ich wickelte die Schnur auf die Rolle, sicherte die Haken und verstaute sie. Kurz darauf passierte ich die Salzgrenze. Eine säuberliche weiße Linie aus Schaum. Auf der einen Seite war das Wasser grün und klar; auf der anderen war es braun und trübe: Aus dem Fluss strömte Süßwasser und drang, sich ausfächernd, ins Meer vor. Der Farbwechsel war so abrupt wie auf einem Diagramm.
Ich torkelte durch die brechenden Wellen. Sie schlugen gegen die Felsbrocken in der Flussmündung. Sie schubsten das hintere Ende meines Bootes herum und drohten, mich breitseits in die felsige Brandung zu drücken. Ich wurde von dem Ende einer großen rollenden Welle erfasst; sie drehte mich und mein Bug knallte auf einen Felsen. Ich paddelte rückwärts, glitt durch den nächsten Brecher und fand schließlich zwischen zwei Wellen einen Durchgang. Ich drückte mein Paddel ins Wasser und schob mich in die Flussmündung hinein. Aufgrund der steigenden Tide hatte das Wildwasser im Fluss an Tempo verloren und ich vermochte, mich an die Innenseite der Mäander haltend, gegen es anzupaddeln. Kleine Plattfische schossen unter dem Bootsrumpf davon. Nach ein paar hundert Metern stieg das Flussbett an und das Wasser gewann an Macht. Ich paddelte mit aller Kraft, kam aber schon bald nicht mehr vorwärts. Ich klemmte das Paddel zwischen die Steine und glitt aus dem Boot. Müde und erschöpft, wie ich war, verlor ich den Halt, fiel Kopf voran ins Wasser und verfing mich mit dem Handgelenk in der Paddelleine. Das Boot trieb flussabwärts und zog mich mit sich. Ich strampelte, bis ich die Leine zu fassen bekam, und befreite mich, gerade als mein Gesicht unter Wasser gedrückt wurde. Dann stürzte ich den Fluss hinab, um das Kajak einzufangen. Ich drehte es um und watete wieder flussaufwärts, war aber so müde, dass ich mich kaum gegen das Wasser stemmen konnte.
In dem ruhigeren Wasser unter der Eisenbahnbrücke zog ich das Heck auf das Ufer und rüttelte das Boot, damit die Fische bis zur vorderen Luke glitten. Ihr Rücken hatte sich in ein dunkles Aquamarin verfärbt und der Bauch hatte ein irisierendes Rosa angenommen. Sie glühten im Abendlicht.
Ich holte ein Brett aus dem Wagen sowie ein weiteres Messer. Ich filetierte eine Makrele, legte die helle, durchscheinende Mittelgräte frei, heftete das Filet am Schwanzende mit meinem Taschenmesser an das Brett und häutete es mit dem anderen Messer. Das Fleisch schmeckte nach rohem Steak. Ich filetierte noch zwei weitere Fische und aß sie. Ich saß noch eine Weile an der Flussböschung, sah den Meeräschen zu, wie sie die Wasseroberfläche kräuselten, und den Krähen, die für einen kurzen Moment auf der rostigen Brücke landeten und wieder davonflatterten, wenn sie mich entdeckten. Die restlichen Fische nahm ich aus. Es war kein großer Fang, aber in diesem Sommer war es das erste Mal auf dem Boot, dass ich mehr Energie gefangen hatte, als ich verbraucht hatte.
3)Vorahnungen
Als jung die Welt, mahnt’ schlau Natur zur Hast
Es reifte früher und machte länger Rast
John Donne, Vom Fortschritt der Seele
Alles fing damit an, dass mein Freund Ritchie Tassel mich anrief. »Da gibt es etwas, was du dir ansehen solltest. Wie schnell kannst du hier sein?«
»Ich bin am Strand. In einer Stunde vielleicht?«
»Das reicht.«
Ich warf meinen Neoprenanzug ins Auto und machte mich auf den Weg um das Mündungsgebiet. Wenn Ritchie, der fast alles gesehen hatte, der Meinung war, die Sache würde sich lohnen, dann war es auch so.
In den Marschen links und rechts des Pfads zirpten und sirrten die Schilfrohrsänger. Schwalben schwirrten über den Gräben und flatterten um die Köpfe der Schafe. Der Duft des Gagelstrauchs – Honig und Kampfer – hing in der Luft, eine Reminiszenz an viktorianische Zeiten. Ritchie hatte mir ein Fernglas geborgt. Wir warteten.
»Da ist er!«
Bei der Entfernung hätte es sich für mein untrainiertes Auge um einen Bussard oder eine Mantelmöwe handeln können. Als der Vogel aber den Flussarm hinaufflatterte, mit einem seltsam linkischen Flügelschlag, bemerkte ich zwei Dinge. Erstens, dass etwas unter ihm baumelte und schwebte. Zweitens, dass er für eine Möwe zu dunkel und für einen Bussard zu weiß war. Ich brauchte eine Weile.
»Jesus Maria auf dem Fahrrad!«
»Habe ich doch gesagt, oder.«
»Ich kann gar nicht glauben, was ich da sehe.«
»Er ist seit drei Tagen hier. Wenn er sich ansiedelt, dann ist das das erste Mal seit dem siebzehnten Jahrhundert.«
Der Vogel flog auf uns zu. Etwa zwanzig Meter, bevor er den Pfad erreichte, wendete er, zeigte sein Profil und flog langsam vorbei. Er trug einen großen Plattfisch. Nach etwa hundert Metern landete er auf einem Zaunpfahl und begann an dem Fisch zu rupfen.
Indirekt war dafür Ritchie verantwortlich. Er hatte überlegt, dass die Fischadler, die seit 1954 wieder in Schottland brüteten, auf ihrem Weg nach und von Afrika die Küste entlangwandern würden und in den Mündungsgebieten und Seen pausieren und fressen würden – und war zu dem Schluss gekommen, dass die Jungvögel nach Revieren suchen würden. Er hatte die höchste Fichte auf seiner Seite des Tals ausfindig gemacht, sich aufgeseilt, die Spitze abgeschnitten und 15 Meter über dem Boden eine hölzerne Plattform gebaut. Er hatte sie mit Zweigen bedeckt und mit weißer Farbe bespritzt, damit es wie Vogelkot aussah: offenkundig die beste Methode, Fischadler zum Bleiben zu bewegen.
Auf der anderen Seite des Tals hatte ein eifriger Naturschützer diese Maßnahmen beobachtet. Es dauerte nicht lange, und er hatte den örtlichen Naturschutzbund davon überzeugt, eine eigene Plattform zu bauen. Also wurde ein Telegrafenmast neben das Eisenbahngleis gepflanzt und eine Sperrholzplatte auf ihre Spitze genagelt.
»Eigentlich ein Selbstläufer«, meinte Ritchie. »Der Vogel konnte zwischen einem kleinen, tief im Wald gelegenen hübschen Anwesen oben auf einem Baum mit Blick über den gesamten Flussarm wählen und einem exponierten Pfosten direkt an der Eisenbahnlinie. Und was tut der Blödmann? Er hat sich natürlich für das Angebot des Naturschutzbunds entschieden. Nicht, dass mich das ärgern würde oder so was.«
Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Es fiel mir noch immer schwer zu glauben, was ich gerade gesehen hatte. Mein Herz pochte. Ein wildes Verlangen überkam mich von der Art, die mich jedes Mal anfiel, wenn ich aus dem immer wiederkehrenden vorpubertären Traum aufwachte, in dem ich, meine Füße ein paar Zentimeter über dem Teppich, die Treppen hinabschwebte. In den letzten Jahren hatte ich ihn nur noch einmal geträumt; tatsächlich nur ein paar Monate, bevor ich den Fischadler zu Gesicht bekommen hatte.
Wie etwa alle vierzehn Tage hatte sich bei mir wieder einmal eine alarmierende Abwesenheit jenes Überlebensinstinkts gezeigt, mit dem andere Leute gesegnet sind, als ich am Strand der Ortschaft Pwlldiwaelod mein Kajak bei drei Meter hohem Wellengang ins Wasser stieß. Das Boot, das auf seiner Bahn durch die Wellen zurückgeschleudert wurde, überschlug sich über mir und ich knallte mit dem Kopf auf den Kies. Ein Glück, dass ich nicht ohnmächtig geworden war. Es erübrigt sich zu sagen, dass ich die Sache wiederholte. Aber beim zweiten Mal schaffte ich es durch die Wellen und paddelte auf das Meer hinaus. Nachdem ich ein paar Fische gefangen hatte, wollte ich wieder an Land zurückkehren. Die Flut stand höher und hässliche, chaotische Sturzseen donnerten gegen die Ufermauer. Etwa zweihundert Meter vor der Küste kam ich ins Grübeln. Selbst von meiner Position aus konnte ich sehen, dass die Wellen braun waren von dem groben Kies, den sie aufwirbelten. Ich hörte ihn gegen die Mauer krachen und prasseln. Ein kalter Angstschauder kroch über meine Haut. Ich suchte das Ufer nach einer besseren Landestelle ab, konnte aber nichts entdecken.
Hinter mir hörte ich ein monströses Zischen: eine Riesenwelle, die über meinen Kopf rollen würde. Ich duckte mich und presste das Paddel auf das Wasser. Nichts. Ich drehte mich um. Die Wogen rollten gleichmäßig heran: hoch, mit weißen Kämmen, aber in dieser Entfernung zum Ufer noch nicht bedrohlich. Verdutzt wendete ich das Boot in alle Richtungen und suchte nach einer Erklärung. Sie tauchte neben dem Boot aus dem Wasser auf: eine graue hakenförmige Flosse, narbig und verschrammt, deren Spitze direkt unter dem Paddelschaft vorbeistrich. Ich wusste, was es war, aber der Schock darüber verstärkte meine aufkeimende Angst und ich geriet fast in Panik. Ich sah nach links und nach rechts und glaubte schon, angegriffen zu werden.
Dann geschah etwas Bemerkenswertes. Ich hörte vom Heck kommend ein anderes Geräusch: ein Klatschen und Aufspritzen von Wasser. Ich wendete den Kopf und ein riesiges Delfinmännchen sprang in die Luft und fast über meinen Kopf. Beim Vorbeifliegen fixierte er mein Auge. Unsere Blicke kreuzten sich, bis er ins Wasser schlug. Ich starrte auf die Stelle und hoffte, er würde wieder auftauchen, aber er ließ sich nicht mehr blicken. Stattdessen spürte ich ein herzergreifendes Hochgefühl, das mich, einen Augenblick lang, klarer sehen ließ. Ich musterte den Uferwall und bemerkte etwas, das ich zuvor nicht gesehen hatte. Etwas entfernt nahm eine Schiffsrampe den Wellen die Kraft. An ihrer Leeseite gab es zwei, drei Meter ruhigeres Wasser.
Ich stach durch die Wellen, bis ich mich etwa 40 Meter vor dem Ufer ihrer Laufrichtung überließ und die Bootspitze auf den Fleck ruhigeren Wassers ausrichtete. Er tauchte alle paar Sekunden auf, wenn ein Brecher zurückrollte, dann, bei der nächsten Attacke auf den Uferwall, wurde er wieder weggefegt. Durch das Tosen der Wellen hörte ich die Kiesel gegen die Befestigungsanlagen prasseln wie Kartätschenkugeln, während die See am Mauerwerk saugte und schmatzte. Ich tauchte das Paddel ein und hielt aufs Ufer zu. Einen Moment zögerte ich noch, bis eine Welle vorbeigerollt war, und flog dann in die Lücke. Als das Boot in die Leeseite der Schiffsrampe glitt, sprang ich hinaus und erklomm, kurz bevor das Kajak gegen den Uferwall geschmettert wurde, den Betonkeil. Beim Aufprall zersplitterte meine Angelrute in tausend Stücke. Die Behauptung, der Delfin habe mir das Leben gerettet, mag etwas hergeholt erscheinen, aber ohne die Verlagerung des Blickwinkels würde ich jetzt wohl einen Teil des Strandguts ausmachen.
Zweimal in einem Jahr vernahm ich diesen Ruf, diesen hohen, wilden Ton der Begeisterung – nach einer Empfindungsdürre, die sich seit der frühen Erwachsenenzeit bemerkbar gemacht hatte; eine Dürre, die ich als dem Alter geschuldet akzeptiert hatte wie den Verlust der hohen Frequenzen beim Hören.
An diesem Abend, nach einem Bier mit Ritchie und einem langen Verweilen im Garten – ich hatte dabei zugeschaut, wie das Licht aus dem Himmel wich und über den Bergen die ersten Sterne aufblitzten –, traf mich ein Gedanke, der mir bislang nie gekommen war. Plattfische leben auf dem Meeresboden. Fischadler fangen ihre Beute kurz unter der Wasseroberfläche. Das passte nicht wirklich zusammen.
Sobald ich in der folgenden Woche wegkam, fuhr ich mit dem Boot in das Mündungsgebiet. Ich hoffte, den Vogel noch einmal zu sehen, aber auch herauszufinden, was es mit den Fischen auf sich hat. Den Fischadler habe ich nicht mehr angetroffen. Nachdem ich aber ein oder zwei Stunden an den Säumen der Sandbänke herumgestochert hatte, war meine Frage beantwortet. Ich war auf eine Stelle gestoßen, an der die Flundern sich so zahlreich versammelt hatten, dass sie nicht auf dem Sand, sondern übereinander lagen. Sie befanden sich in einer Wassertiefe von weniger als 30 Zentimetern und schwammen über meine nackten Füße. Wenn ich mich rührte, schraken sie in Sandwolken gehüllt davon.
Jenen Abend brachte ich in der Garage damit zu, in Kisten herumzuwühlen und Farbdosen, Blumentöpfe, Flintsteine, Fossilien und Samentütchen beiseitezuschieben. Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, aber dann fand ich es unter Flaschen, die ich als Kind in einer ehemaligen Müllkippe ausgegraben hatte. Es war ein kleines, schmales Paket, eingeschlagen in vergilbtes, mit Rost- und Ölflecken übersätes Zeitungspapier. Ich las:
A reunião aconteceu na Secretar-
– plicou o comandante de Polícia Fe-
– ará, no próximo dia II de Junho, d-
Beim Auswickeln zerfiel das Papier unter meinen Händen und ich hatte den kostbaren Gegenstand in meiner Handfläche. Das erste Mal, dass ich ihn wieder vor Augen hatte, nachdem ich ihn vor achtzehn Jahren auf einem Markt am Rio Solimões erworben hatte. Handgeschmiedet und schön aufbereitet hatte er mich weniger als ein Pfund gekostet.
In der überwachsenen Hecke eines Freundes fand ich einen drei Meter langen, gerade gewachsenen Haselstecken. Mit feiner Schnur band ich die Waffe an den Stock und schärfte mit einem Stein die Spitzen. Das hätte sich erübrigt: Der Dreizack war noch immer spitz wie eine Nadel. Zur besseren Befestigung der Schnur war der Schaft kantig und unbearbeitet geblieben, aber die Spitzen waren rund, poliert und perfekt zugespitzt. Jede hatte vier Widerhaken, die identisch angewinkelt und angeschrägt waren. Das Instrument war für das Harpunieren von Arapaimas geschmiedet worden – Arapaimas zählen zu den größten Süßwasserfischen –, aber ich würde mich auch mit kleinerer Beute zufriedengeben.
Zwei Wochen vergingen, bis ich wieder ans Wasser konnte. Ich paddelte an die Stelle, wo die Plattfische gewesen waren. Aber in dem Ästuar mit seinen beständig wechselnden Sanden gibt es kein »Wo«. Keinen festen Punkt, an den man zurückkehren könnte. Ich suchte vorwärts und rückwärts wie ein Hund, der seine Duftspur verloren hat, zog das Boot auf den Strand, durchwatete die seichten Stellen, überquerte die Kanäle und kreiste in den Tümpeln. Außer den silbrigen Meeräschen, die bei der Annäherung des Kajaks davonjagten, konnte ich nichts entdecken. Die Flundern waren verschwunden; das Plattfisch-Forum war unter einer Sandbank begraben worden.
Drei Jahre, nachdem ich das erste Mal den Fischadler gesehen hatte, wollte ich es wieder versuchen. Am Strand war ein dezenter Trubel: ein Eiswagen, eine Handvoll Autos, ein paar Kinder plantschten und wateten in den schmalen Rinnen, die zwischen den Sandbänken eingeschlossen worden waren, als die Flut den Stöpsel zog. Hinter den Autos bekam ich ein wunderbares Schauspiel zu Gesicht. Eine sehr alte Dame mit einer verspiegelten Skibrille auf der Nase und einer Decke über den Knien fuhr auf ihrem elektrisch betriebenen Rollstuhl volle Kraft voraus. Sand spritzte von den Reifen. Sie schlitterte durch enge Kreise, holperte vorwärts und schleuderte über die von den Autos gegrabenen Furchen. Da schlug noch ein Herz.
Ich blickte über die Flussmündung. Es war tiefste Ebbe. Auf See würde man das Stillwasser nennen, aber hier im Mündungsgebiet gibt es kein stehendes Wasser: das Wasser läuft den ganzen Gezeitenzyklus hindurch in unerwartete Richtungen. Zwei breite Kanäle und ein Netz aus Prielen, manche miteinander verbunden, manche Sackgassen, schneiden durch eine Wüstenei aus Sand. Jenseits des Wassers fiel die Sonne auf die pastellfarbenen Schatten von Drefursennaidd. Die auf der Reede neben dem Hafen ankernden Boote sahen so rosig aus wie Badespielzeug. Auf halber Strecke über dem Ästuar hing ein Wettervorhang: Die Hügel dahinter waren hinter silbernen Regenwänden verborgen. So verhält es sich die meiste Zeit im Jahr: Drefursennaidd bekommt nur halb so viel Regen ab wie Llanaelwyd 15 Kilometer landeinwärts; Llanaelwyd wiederum hat nur mit der Hälfte des Regens zu rechnen, der in Mwrllwch acht Kilometer weiter nördlich fällt.
Ich schnallte den Speer an die Seite des Boots, bastelte mir einen Anker, knotete einen wasserdichten Beutel an eine der Klampen neben der Heckvertiefung, füllte die Taschen meiner Schwimmweste mit einem Messer, einem Notizblock, Polaroids sowie einer Garnrolle und zog das Kajak zu einem Graben, in dem noch ein kleines Rinnsal floss.
In dieser Rille sah es aus, als ob eine Schlacht wütete. Sandgrundeln schossen mit kleinen Rauchwolken, wie aus Artilleriegranaten, davon. Baby-Plattfische ließen Bahnen von Flakfeuer entstehen, wenn ihr Schwanz beim Weghuschen alle paar Zentimeter den Schlamm traf. Schwerbewaffnete Bataillone trudelten seitwärts, Scheren schwenkten sich in meine Richtung. Doch bald war das Wasser tief genug, um das Boot zu tragen, und ich paddelte stromaufwärts los.
Nichts rührte sich. Das Wasser lief in Kräuselwellen vom Kajak weg und schreckte an den Rändern des Kanals riesige Meeräschen auf. Sie pflügten in Halbkreisen durchs Wasser und schossen mit einem plötzlichen Aufspritzen davon. Beringte Regenpfeifer trippelten mit einem seltsam kehligen Trällern am Ufer entlang und segelten mir auf Sichelschwingen voraus. Ich roch den verfaulenden Seetang und hörte die merkwürdige Musik der Wattlandschaft: das Zischen und Knacken Millionen kleiner Geschöpfe, die sich in ihren Röhren bewegen. Auf den Sandbänken lagen die Trümmer von Baumstämmen und Ästen, die die letzten Fluten herangetragen hatten.
Ein Knutt in ziegelrotem Brutgefieder lief über den Sand, senkte seinen Kopf und flog mit einem langgezogenen abfallenden Pfeifen auf. Eine Hummel, die auf dem Oberflächenfilm gefangen war, sendete hektische Barcode-Wellchen aus: sichtbar gemachter Klang. Ich ließ das Paddeln sein und trieb stromaufwärts in das Labyrinth hinein.
Mich den Ästuar hinaufbewegend testete ich immer wieder das Wasser auf seinen Geschmack. War es salzig, bedeutete dies, dass ich in eine Sackgasse trieb, war es süß oder brackig, dass ich einem Kanal folgte, der mit dem Fluss verbunden war. An den meisten Tagen funktionierte das. Es war aber in der letzten Woche so viel Regen gefallen, dass das Wasser fast überall leicht nach Süßwasser schmeckte: Die Gezeiten mussten es hin und her bewegt haben. Ich kenne keine andere Methode, im Labyrinth der Kanäle zu navigieren. Es gibt keine visuellen Anhaltspunkte. Selbst wenn man aus dem Boot aussteigt und auf den Sandbänken steht, sieht man nur die großen Einschnitte. Die Rinnen, die einen halben oder einen Meter tiefer liegen als die aufgewölbte Sandfläche, bleiben unsichtbar, bis man beinahe direkt über ihnen steht.
Ich paddelte blind weiter und gelangte bald in ein Netz von Bayous, mit von Strömungen ausgewaschenen Gräben, die nur durch kleine Rinnsale miteinander verbunden waren. Ich schlüpfte aus dem Boot und begann es durch diese Gerinnsel zu schleppen. Wo immer ich in tieferes Wasser kam, spürte ich Krabben gegen meine Füße stupsen. Sie bewegten sich wie ein Film, dem die meisten Einzelbilder abhanden gekommen waren: Sie tauchten auf, verschwanden, tauchten ein paar Zentimeter weiter wieder auf, schnellten mit so raschen Bewegungen mal da-, mal dorthin, dass man ihnen unmöglich folgen konnte. Auf der Sandbank ließ ein Kormoran seine Flügel trocknen.
Das Wasser war warm und trübe, es hatte die Farbe von dünnem Tee. Der Sand hatte sich in einem Rippelmuster abgelagert, in den Trögen dahinter hatte sich eine Lache dunklen Humus gefangen. Die Rippelkämme formten blasse Halbmonde, so regelmäßig angeordnet wie auf einer Tapete. Bald wurde der Wasserlauf wieder befahrbar, aber jetzt strömte er mir entgegen. Ich arbeitete dagegen an, schmeckte, paddelte, spähte über die Seite. Strandkrabben zogen sich mit ihren orangenen Beinen in den Sand zurück, wenn der Bootsschatten über sie hinwegzog. Dicke Herzmuscheln (cockles) zeigten zwischen ihren leicht aufklaffenden Schalen einen Rüschenrand rosafarbenen Fleisches. Cockle. Das Wort rollte durch meinen Kopf: rund, mit einem Scharnier versehen, sich öffnend und wieder schließend wie das Tier, das es bezeichnete.
Ein Brachvogel überquerte die Gezeitenödnis vor mir und schickte seine traurigen Schleiftöne über das Wasser. Hier im Watt war mir jedes Gefühl für Orientierung und Größenordnung abhandengekommen. Als ich um eine Biegung des Wasserlaufs herumfuhr, war ich verblüfft, zwei Menschen auf der Sandbank stehen zu sehen. Als ich mich ihnen näherte, breiteten sie die Flügel aus und flatterten davon. Am hinteren Rand der Salzmarschen bewegten sich Schafe im Gänsemarsch.
Die sumpfigen Stellen flossen zu einem weiten niedrigen Becken zusammen. Als ich hindurchwatete, spürte ich etwas über meine Füße huschen. Ich drehte mich um und sah einen braunen Diamanten davonschwimmen. Er stoppte ein paar Schritte weiter und grub sich in den Sand. Ich merkte mir die Stelle, band rasch meinen Speer los, entfernte die Korken an seinen Spitzen und ließ das Boot treiben. Dann ging ich an die Stelle, wo sich der Fisch niedergelassen hatte. Eigentlich dürfte er sich nicht fortbewegt haben, denn sonst hätte ich noch Schlammwölkchen im Wasser hängen sehen müssen. Doch er war verschwunden. Ich probierte es an einigen vielversprechenden Aufwölbungen, aber der Speer sank nur in den Sand. Die Flunder war verschwunden wie ein Geist, der durch die Mauer geht. Ich werde mich wohl in der Stelle geirrt haben, dachte ich, und suchte alles ab, der Fisch aber war spurlos verschwunden.
Ich ankerte das Boot, zog meine Schwimmweste und meine Regenjacke aus und zog einen Gegenstand aus der Trockentasche, den man auf einem Kajak nur selten zu sehen bekommt: ein weißes Hemd. Ich hatte ein paar Tage zuvor bemerkt, dass bei den meisten Vögeln, die sich von Fischen ernähren – Möwen, Tölpel, Sturmtaucher, Lummen, Reiher, Fischadler – der Bauch weiß gefärbt ist, was sie gegen den Himmel unsichtbar macht. Ich stakste, den Speer über der Schulter, den Kanal hinauf und versuchte meine großen Füße so ruhig ich konnte ins Wasser zu setzen. Ich muss eine schräge Figur abgegeben haben.
Schon bald schreckte ich einen Plattfisch auf – zu klein, um ihn zu spießen – und sah zu, wie er sich wieder im Schlamm niederließ. Da begriff ich, was zuvor geschehen war. Anstand im Sand einen Buckel aufzuwerfen, schmiegte er sich an einen Rippel und passte sich nicht nur perfekt der Farbe, sondern auch der Form des Bodens an. Selbst wenn ich mich über die Stelle beugte, war der Fisch nicht zu sehen. Er schoss erst davon, als ich fast auf ihn trat.
Mittlerweile hatte ich den Wettervorhang durchquert. Der Wind peitschte das Wasser und der Regen vernarbte seine Oberfläche. Fische auszuspähen wurde noch schwieriger. Ein, zwei ansehnliche Flundern stoben davon, allerdings in tieferes Wasser, wo ich nichts mehr sehen konnte. Ich ging zurück und holte das Boot. Als ich flussaufwärts paddelte, sah ich die großen schlürfenden Mäuler von Meeräschen aus dem Wasser lugen. Ich war zwar versucht, den Speer nach ihnen zu werfen, wusste aber, dass es nichts bringen würde. Schon bald verlandete die Wasserrinne, der ich folgte, in einer Ödnis aus Sand und leeren Muschelschalen. Eine Stunde mindestens würde es dauern, bis die Flut sie wieder mit dem Hauptkanal verbinden würde. Das Wetter verschlechterte sich und so kehrte ich um.
Die Strömung hatte wieder gewechselt: In beiden Richtungen war ich nun gegen die Strömung gefahren. Ich kehrte an die Stelle zurück, an der ich mitten im Watt einen kaputten, verlorengegangenen Hummerkäfig gesehen hatte; jetzt umspülte ihn schon das Meer. Der Wind frischte auf; ich kämpfte gegen Luft und Wasser an. Die Flut zog an mir vorbei und ich wunderte mich über ihren Ordnungssinn. Es gab Kanäle mit Zweigen, die sich über einen Kilometer hinzogen, Bänder mit Seetang, dann eine Drift vollgepackt mit etwas, das ich zunächst für tote Garnelen gehalten hatte. Es waren Millionen: Einen Augenblick hatte ich die Befürchtung, es handele sich um eine Seuche oder um eine Vergiftung. Aber als ich ein paar auflas, sah ich, dass es sich um abgeworfene Hüllen handelte: kleine perfekte Waffenröcke mit einem Handschuh für jeden Pleopod und Fühler. In der Garnelenstraße konnte ich keinen einzigen Zweig, zwischen dem Tang keine einzige Garnelenhülle entdecken; die Strömung hatte für sie jeweils einen andere Rinne ausgesucht.
Eine Woche später versuchte ich es noch einmal, vielleicht das letzte Mal. Ich ließ das Boot am Ausgang des Ästuars ins Wasser. Mein Plan war es, die Flundern auf ihrem Weg aus den Prielen, die in die Flussmündung spülten, abzuschneiden. Hier trafen die schläfrigen Sommerweiden auf vom Wind blankgefegte Flächen. Geschützt hinter Deichen und Böschungen standen die Kühe in den hohen Juliwiesen und wedelten mit dem Schwanz. Zwei Zwergtaucher tauchten, als ich mich annäherte, ins Wasser ab; ein Eisvogel flitzte an der Sandbank entlang.
Ich stieß auf die Mündung eines Bachs, die zwischen Schilfwänden versteckt lag. Dort fuhr ich hindurch, vom raschelnden Dickicht abgeschnitten von anderen Geräuschen und Aussichten. Das Schilf wich wilden Uferböschungen voller Brombeeren, Wasserdost, Flockenblumen und Wicken. An einer Stelle war eine Eiche über das Wasser gefallen. Ich verstaute mein Paddel, legte mich rücklings ins Boot und zog mich unter den Ästen hindurch. Das Wasser war so klar, dass ich durch Luft zu treiben schien. Ich konnte jeden Fleck, jede Faser auf dem Bachgrund erkennen. Kein einziger Fisch kam mir zu Gesicht, aber auch kein anderes Leben war zu sehen: keine Käfer, Wasserläufer, Insektenlarven oder Garnelen. Weder patrouillierten Libellen an den Ufern entlang, noch tanzten Köcherfliegen oder Eintagsfliegen über dem Wasser. Vielleicht war dieser Bach irgendwo durch alte Bleiminen geflossen? Blei ist hier seit römischen Zeiten abgebaut worden und selbst Minen, die schon seit vielen Jahren nicht mehr in Betrieb sind, produzieren noch Ausfällungen, so giftig, dass in dem davon betroffenen Wasser fast nichts überlebt. In einem Dorf in der Nähe meines Wohnorts fließen zwei Bäche zusammen. Der eine wimmelt vor Forellen und Groppen, der andere ist tot. Ein Freund, der in dem Dorf lebt, erzählte mir, dass eines Tages die dort gehaltenen Enten von ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsort an dem lebenden Bach in den anderen stromerten und dort für eine Weile gründelten. Später seien alle mit dem Bauch nach oben geschwommen.
Ich glitt den Bach hinab bis zurück in das Ästuar. Als ich um die letzte Biegung des Flüsschens fuhr, schüttelte mich der Wind hin und her. Ich konnte meilenweit über das Wasser bis hinaus aufs Meer sehen. Hier, innerhalb der Wolkenfestung, die die Hügel überschaute, war das Land ocker, oliv- und chromgrün. Jenseits des Wettervorhangs, in der Sonne entlang der Küste, glänzten die Felder, von Düngemitteln aufpoliert, in der Sonne und schienen fast zu fluoreszieren. An der Mündung des Ästuars sah es aus, als trieben die Dünen völlig losgelöst von ihrer Umgebung. Vom Vordergrund durch einen schimmernden silbrigen Streifen getrennt, schwebten sie wie die Insel Laputa aus Gullivers Reisen über dem Watt.
Eine Schar Kanadagänse, die auf der Sandbank ihre Hälse in die Höhe reckten und senkten, flog auf und ließ ein Durcheinander ausgegangener Federn zurück, die nun über das Watt gaukelten. Gänsesägerküken schlugen das Wasser auf, als sie ihrer Mutter nachflatterten, die sie ganz ungalant verlassen hatte und im Mündungstrichter ihre Kreise zog. Die Tide brauste nun nach draußen. Als sie auf den Wind traf, türmte sie sich zu stehenden Wellen auf, in denen das Boot wie auf dem Wasser festgeklebt schien: Ich musste mich nach vorne lehnen und das Paddel fast am Bug einstechen, um überhaupt vorwärtszukommen. Ich fuhr in Wasserläufe hinein, die so eng waren, dass ich umkehren musste, sobald ich auf ein Hindernis stieß. Ich fuhr die Uferbänke des Hauptkanals entlang, starrte ins Wasser und sah nichts als Schlamm und zerbrochene Äste.
Schon bald zog mich die Strömung an den Schlammbänken vorbei ins Leere Viertel, in jene weite Sandfläche, die ich zuvor erkundet hatte. Doch als ich dieses Mal den Hauptkanal entlangfuhr, traf ich auf dick mit Sand und Laub angereicherte Geysire, die völlig unerwartet mitten im Fluss aufstiegen, mitunter mit einer Kraft, dass ich beim Darüberfahren spürte, wie das Boot gestoßen und angehoben wurde. Eine Boje, die in diesem brodelnden Wasser halb untergegangen war, schien wie ein großer von einem Hai gezogener Schwimmer flussaufwärts zu pflügen.
Mit erhobenem Speer driftete ich an einer Sandbank entlang und suchte an den Rändern, wo das Wasser klar war. Die überall sichtbaren, aber kaum zu fangenden Meeräschen stoben davon. Ich störte zwei große Flundern auf, aber beide waren davongewedelt, bevor ich die Harpune werfen konnte. Ein Trupp Austernfischer in schwarzweißen Uniformen, die Flügel eng an die Seiten geklemmt, machte, als ich mich näherte, wie ein einziger Körper kehrt und marschierte über den Sand. Als ich auf dem Wasser die Spiegelung des Speers wahrnahm, überraschte mich ein Gedanke, der mir zuvor noch nicht gekommen war: Ich war dabei, das Kajak wieder seiner ursprünglichen Funktion zuzuführen. Die ihm zugrunde liegende Technologie und sein Name sind – wie Anorak und Parka – von arktischen Völkern entlehnt. So wie ich mit meiner Harpune an den Rändern der Sandbank entlangpirschte, patrouillierten sie die Ränder der Eisschollen. Hier allerdings wären sie verhungert.
Die Einheimischen hatten mir berichtet, Flundern seien einst so zahlreich durch das Mündungsgebiet gezogen, dass man mit Schubkarren ins Wasser gefahren sei und die Fische mit Grabgabeln aufgespießt habe, bis die Karren voll gewesen seien. Nach meinem letzten, zu späten Versuch aber kam mir zu Ohren, dass die Krebsfänger kürzlich damit begonnen hätten, die Flundern unmittelbar vor der Einmündung des Ästuars mit Netzen zu fischen, um sie als Köder zu benutzen. Sie haben sie mehr oder weniger abgeräumt. Wenn die Geschichte stimmt, ist dies eine so verschwenderische und unnötige Praxis (angesichts der Unmengen an totem Fisch samt Köpfen und Gräten, die die Fischereiindustrie wegwirft), dass wir uns offenbar kaum von jenen Tagen entfernt haben, als die englischen Kolonisten in Nordamerika riesige Hummer aus Felsentümpeln klaubten und sie ihren Schweinen zum Fraß vorwarfen. Wir sollten in diesen mageren Zeiten zumindest davon ausgehen, dass alle gefangenen Fische auf den Tellern der Menschen landen.
Ich ließ das Boot auf einer Sandbank zurück und watete einen guten Kilometer über das zerfurchte und gerippte Bett eines leerlaufenden Kanals. Das Wasser hatte sich geklärt: Selbst wo ich bis zur Hüfte im Wasser stand, konnte ich jetzt den Boden sehen. Ich ging schwebenden Schritts, fast schwerelos, über das Flussbett. Kleine Plattfische schnellten aus dem Sand.
Ich pirschte den Kanal aufwärts, den Speer wurfbereit über dem Wasser, und fühlte mich so angriffslustig und zielbewusst wie ein Reiher. Jede einzelne Zelle schien gespannt, wie eine Saite, auf die Welt gestimmt, durch die ich mich bewegte und in den wechselnden Harmonien von Wind und Wasser die richtige Note zu treffen suchte. Meine Konzentration steigerte sich in ein überhöhtes Bewusstsein, sodass ich jedes Körnchen unter meinen nackten Zehen spürte, jedes Wasserkräuseln an meiner Taille, jede Bewegung des Benthos, wie verschwindend klein sie auch sein mochte. Plötzlich war ich weg.
Es ist nicht leicht zu erklären, was geschehen war. Womöglich war es die hypnotisierende Wiederholung der Rippel im Sand, womöglich eine eskalierende Anspannung der Aufmerksamkeit, die mich durch die Barriere der Gegenwart stieß, jedenfalls war ich zu jenem Augenblick von dem Gedanken – dem Wissen – angerührt, dass ich genau dies schon einmal getan hatte.
Außer den beiden bereits angeführten Fischzügen war das aber nicht der Fall gewesen. Ich glaube nicht an Reinkarnation oder das Fortbestehen der Seele, nachdem der Körper gestorben ist. Ich spürte aber, dass ich etwas durchmachte, was ich schon tausend Mal getan hatte; dass ich diese Arbeit so sicher zu tun wusste, wie ich meinen Weg nach Hause fand.
Bereits einmal zuvor hatte ich einen ähnlichen Gefühlsansturm erlebt. Unterwegs in einem Wald in Süd-England sammelte ich Kräuter und Pilze und zwängte mich durch eine dichte Wand von Blättern und Zweigen, als ich neben einem kleinen Bach einen ingwerbraunen Hügel entdeckte. Es war ein Muntjak, einer der bellenden Hirsche aus China, die sich in der Gegend ausgebreitet hatten, seitdem sie im frühen zwanzigsten Jahrhundert vom Duke of Bedford freigelassen worden waren. Das Tier dürfte lediglich ein paar Minuten vor meiner Ankunft gestorben sein. Seine Augen waren noch klar, sein Körper warm. Es war keine Wunde zu sehen, kein Blut. Seine Fänge, die großen gebogenen Reißzähne, mit denen die Böcke sich bekämpfen und Hunde zerreißen können, ragten über den Unterkiefer heraus.
Das war eine Beute von etwas anderer Größenordnung als die, die zu finden ich mich aufgemacht hatte. Und so zögerte ich, als ich die schlanke Röhre des Körpers, das kleine korallenartige Geweih und die winzigen Hufe ansah, einen Moment lang. Doch dann nahm ich das Tier bei den Läufen und lud es mir auf die Schultern.* Der Hirsch schmiegte sich um meinen Nacken und den Rücken, als sei er eigens auf mich zugeschnitten worden; sein Gewicht schien perfekt auf meinen Gelenken zu lasten. Die Wirkung war bemerkenswert. Als ich die Wärme auf meinem Rücken spürte, wollte ich losbrüllen. Meine Haut rötete sich, meine Lungen füllten sich mit Luft. Genau deshalb bist du hier, sagte mein Körper. Genau dazu bin ich geschaffen worden. Die Zivilisation fiel so leicht von mir ab wie ein Bademantel.
In beiden Fällen, so glaube ich – auch wenn ich die Wahrheit einer solchen Vorstellung durch nichts belegen kann –, hat sich bei mir eine genetische Erinnerung bemerkbar gemacht. Während der längsten Zeit, in der der Mensch existierte und in der er noch der natürlichen Auslese unterworfen war, ist er von Imperativen geformt worden – der Notwendigkeit, sich zu ernähren, sich zu verteidigen und zu schützen, sich auszutauschen und zusammenzuarbeiten, Nachwuchs zu zeugen und für seine Kinder zu sorgen –, was dazu führte, dass bestimmte Verhaltensmuster instinktiv wurden. Das Denken mag sie unterdrückt haben, aber wie die angeborene Reaktion, die selbst einen Rentner noch eine anderthalb Meter hohe Mauer überspringen lässt, bevor ein Lastwagen ihn erfasst, entwickelten sie sich, um uns neben den langsameren Prozessen des bewussten Verstands (geformt durch Lernen und Erfahrung) zu leiten. Diese genetischen Erinnerungen – eine Art unbewusster innerer Drang – sind unseren Chromosomen eingeschrieben und bilden eine unauflösliche Komponente unserer Identität.
Manche dieser stereotypen Reaktionen – wie die instinktive Art, in der wir uns um unsere Kinder kümmern – sind noch immer angemessen und notwendig. Andere – wie die Instinkte, die einmal hilfreich waren, um uns und unsere Familien gegen Raubtiere und konkurrierende Clans zu verteidigen – können, einmal entfesselt, in bevölkerungsreichen und technisch aufgerüsteten Gesellschaften zu Katastrophen führen. Wir mussten Eindämmungstechniken erlernen, um unser brüllendes Blut in ruhigere Bahnen zu lenken. Wo uns diese inneren Zwänge vertraut sind, hat uns die Erfahrung gelehrt, sie zu unterdrücken oder umzuleiten. Diese Empfindung jedoch war etwas Neues. Ich hatte sie gar nicht assimilieren können, denn von ihrer Existenz hatte ich – bis ich den Hirsch aufhob – keine Kenntnis gehabt. Sie war überwältigend, roh und wild. Ich wusste nicht, wohin damit; aber ich wusste, dass sie zu mir gehört wie die Sehnen, die mir beim Beugen meiner Finger helfen.
An der walisischen Küste des Severn-Mündungsgebiets haben Archäologen mit Hilfe von Güllepflügen, wie sie auf Bauernhöfen verwendet werden, 8000 Jahre Schlamm abgeräumt, um eine fossile Salzmarschenfläche freizulegen, die so gut erhalten war, dass man beim Anblick von Fotografien der aufgefundenen Fußspuren unwillentlich nach den Tieren und Menschen sucht, die sie hinterlassen haben. Die Ausgrabungen von Goldcliff erzählen eine Geschichte aus einer Welt, die der unseren vorausging, zu der wir aber noch gehören.1
Manche der in lockerem Schlamm hinterlassenen Abdrücke sind groß und verwaschen; andere sauber und scharf. Man kann die Zehenballen sehen und den Schlamm, der zwischen ihnen hindurchquoll: Die Spuren sehen so frisch aus, als seien sie nach der letzten Tide entstanden. An manchen Stellen waren die Menschen gerutscht und geschlittert, die Spuren zeigen nach außen verrutschte Fersen und gespreizte Zehen, um Balance zu halten. Ein Ansammlung von Abdrücken hält einen Jagdzug von heranwachsenden Jungen fest, sie halten an, kehren um, ändern gemeinsam das Tempo. Die Schlammschicht, über die sie laufen, ist von Rothirschfährten gesprenkelt.
Andere Spuren lassen auf eine Schar kleiner Kinder schließen, die im Schlamm herumtollen: Sie rennen in Kreisen, schlittern, treten. An einer anderen Stelle aber bewegten sich die Kinder – unserer Urgroßeltern hoch 300 – systematischer. Sogar Vierjährige haben sich offenkundig schon an der Nahrungssuche beteiligt. »Für uns mag es schwierig nachzuvollziehen sein«, stellen die Archäologen fest, dass so kleine Kinder schon auf Sammeltour gingen, »herrscht doch in der westlichen Welt eher die Einstellung, den Nachwuchs übermäßig zu beschützen.«2 Die Spurenverläufe von Erwachsenen lassen vermuten, dass ihre Verursacher womöglich Vögel jagten oder Fallen leerten.
Die menschlichen Fußabdrücke werden von anderen gekreuzt oder umrundet: von Rothirschen und Rehen und der monströsen vollgelaufenen Spur eines gewaltigen Auerochsen. Zwei Fährten lassen sich sofort zuordnen: Hunde. Doch es sind keine. Hunde des Mesolithikums besaßen die Größe von Collies. Wo sie gehalten wurden, sind die Plätze mit zerkauten Knochen gepflastert. Diese Abdrücke sind zu groß und weder mit menschlichen Spuren noch anderen eindeutigen Hinweisen assoziiert: Die Befundlage lässt auf Wölfe schließen.
Die Spuren allerdings, die mir wirklich Gänsehaut verursachten, gehörten nicht zu den Säugetieren, die noch immer in unseren Alpträumen heulen und bellen, sondern zu einer völlig anderen Kreatur. Über den kleineren Abdrücken von Reihern, Austernfischern und Möwen spreizten sich krähenfußartige, dreizehn Zentimeter große Spuren, die in den versteinerten Schlamm eingekerbt waren wie Maurerzeichen. Die Spuren zeigen, wie die Forscher berichten, dass das Tier, das sie hinterlassen hat, »zur Zeit des Neolithikums ein äußerst häufiger Brutvogel in dem Mündungsgebiet war«. Kraniche. Als ich das las, lehnte ich mich in meinen Stuhl zurück und schloss die Augen. Beinahe konnte ich ihre Kornettrufe über das Watt schallen hören und sie zu hunderten in die Marschen ziehen sehen, mit mantelartig ausgebreiteten Flügeln, die wie Paragleiter schräg in der Luft hingen, wenn sie zur Landung ansetzten.
Diese Tiere – 1,20 Meter groß, mit einer Flügelspannweite von fast zweieinhalb Metern, und, in 4000 Metern ziehend, die am höchsten fliegenden Vögel der Erde –, die wie an Schnüren in der Luft hängen und den Himmel mit Lauten erfüllen, die so klar und ätherisch sind wie die Räume, die sie durchfliegen, die zur Balz, mit Dolchschnabel und Kokardenschwanz gerüstet, ihre Hälse zurückwerfen und tanzen, mit ausgebreiteten Flügeln vom Boden aufhüpfen und langsam, scheinbar so leicht wie Luft herabschweben, bevölkerten einst in Massen die Mündungsgebiete und Sumpflande. Sie lebten in Britannien in so großer Zahl, dass George Neville 1465 bei einem Fest anlässlich seiner Ernennung zum Erzbischof von York 204 davon auftischen ließ.3 Das mag unter anderem erklären, warum sie vor 400 Jahren hier ausgestorben sind. Aber seit 1979 kommen sie langsam zurück. Vom Kontinent kommende Vögel bildeten eine kleine Brutkolonie in Norfolk und ermutigten Naturschützer, sie auch anderswo wieder ansässig zu machen. 2009 wurde eine Gruppe in der Küstenebene Somersets ausgesetzt.4 Sie werden sich gegebenenfalls, wie ihre Mentoren hoffen, durch das Tal des Severn hinauf bis in die Moore und Sümpfe des restlichen Britanniens ausbreiten. Die Ausgrabungen in Goldcliff waren ein gutes Vorzeichen für die erste Phase ihrer Wiederansiedlung.
Zwischen den Fährten fanden die Archäologen die Überreste mesolithischer Mahlzeiten. Knochen von Hirschen, Rehen und Wildschweinen, verkohlt und von Steinäxten gekerbt und die enormen Rippen und Wirbel eines Auerochsen, deren einer von einer Pfeiloder Speerspitze beschädigt war; ein paar Otter- und Entenknochen, verkohlte Haselnüsse, Herzmuscheln und Krebspanzer. Zwei Mikrolithen – die kleinen Steinklingen, die die Spitzen von Speeren und Pfeilen bildeten – waren vom Feuer oxydiert, was nahelegt, dass sie noch in Fleisch steckten, das hier gegart wurde. Aber der weitaus größte Teil der Überreste stammte von Fischen: Lachs, Franzosendorsch, Barsch, Meeräsche, Plattfische und vor allem Aale. Ihre schiere Zahl und die Größe lassen darauf schließen, dass die Menschen sie in flachem Wasser fingen, in mondbeschienenen Sturmnächten um die Tagundnachtgleiche im Herbst, wenn sich die Aale auf ihren bis auf die andere Seite des Atlantiks führenden Wanderzug begaben. Drei angespitzte Pflöcke, die in einem fossilisierten Kanal freigelegt wurden, könnten einst als Stützen für Korbreusen gedient haben.
Ich erinnere mich an solche Bewegungen aus meiner Kindheit: Ich stehe in Norfolk oder in den südlichen Counties am Rand eines klaren Bachs und beobachte eine schwarze Rinne voller Aale, die manchmal eng wie Flechtwerk ineinander verwunden waren und sich ihren Weg bachabwärts wälzten. Heute wäre man glücklich, vielleicht ein halbes Dutzend am Tag zu sehen. Der große Karawanenzug bestand von der Mittelsteinzeit bis in die 1980er Jahre, bevor er zusammenbrach.
Zwischen den über den fossilen Marschen verstreuten Steinklingen, Mahlsteinen und Dechseln, den aus Knochen gefertigten Ahlen und Schabern, den Geweihen, die als Hacken benutzt wurden, befanden sich Artefakte, die an Plätzen dieses Alters nur selten zu finden sind: aus Holz hergestellte Werkzeuge. Die Ausgräber fanden einen Spatel, eine hölzerne Nadel, einen Grabstock. Doch ein Werkzeug faszinierte mich am meisten, ein y-förmiger Stock, der an der Innenseite der Gabel geschmirgelt war, vielleicht mit Sand. Die Forscher sind der Ansicht, das Gerät könnte womöglich dazu gedient haben, im Sediment verborgene Aale zu fangen und am Boden festzuhalten, bis man sie packen konnte. Ich dachte an die Menschen, die mit ihren Zinken die Kanäle entlangstaksten, langsam gingen, damit ihre Bewegungen nicht durch das Wasser fortgepflanzt wurden, ihre Füße in den Sand setzten und das Bachbett nach den unscheinbaren Spuren von Schleim oder den serpentinenartigen Erhebungen absuchten, die auf ihre Beute schließen ließen. Den Stock anheben, ihn der Brechung entsprechend ausrichten und hinabstoßen. Der Aal schlägt um sich, kringelt sich, windet sich nach der Hand, die ihn ergreift. Die Finger graben sich in das schleimige Fleisch hinter den Kiemen, drücken es heraus, schlagen den Schwanz, um die Rückengräte zu brechen, gegen den Pflock. Dann schiebt die Hand eine entrindete Weidenrute durch die Kiemen und zum Maul wieder hinaus und bindet den Aal zu der anderen Beute an den ledernen Riemen, den die Jäger um ihre Hüfte geschlungen haben.
Im Schlamm fanden sich Überreste, die darauf hinweisen, dass diese Menschen auf den Salzmarschen in Tipis kampierten. Eine Struktur mit etwa drei Metern Durchmesser, über deren Pfosten Häute oder Schilf gelegt wurde, hätte vier Menschen beherbergen können. In der Mitte stand ein Herd, an dem sie sich aufwärmten und ihr Essen brieten oder räucherten. Dem Wind und dem Regen an der walisischen Küste ausgesetzt, in dem harschen Klima nach dem Rückzug der Gletscher, müssen sie so zäh gewesen sein wie die Lammkoteletts, die man in Autobahnraststätten vorgesetzt bekommt.
Über das Leben auf den Britischen Inseln im Mesolithikum, in jenen annähernd 6000 Jahren (zwischen 11 000 und 6000 vor unserer Zeit), wissen wir nur wenig, auch deshalb, weil heute ein Großteil des Landes, durch das damals die Menschen streiften, unter Wasser liegt. Am Ende der letzten Eiszeit lag der Meeresspiegel 30 Faden oder 55 Meter tiefer als heute.5 Als das Mesolithikum einsetzte, etwa 4000 Jahre bevor die in Goldcliff entdeckten Lager errichtet wurden, gab es keinen Bristolkanal, keine Cardigan Bay, keine Liverpool Bay. Sogar Lundy Island, die Insel, die das westliche Ende des Bristolkanals markiert, gehörte zum Festland. Doch der Meeresspiegel stieg rasant an. Nachweise für die Besiedlung der Goldcliff-Stätte setzen ein (vor etwa 7000 Jahren), als das Meer das erste Mal an sie heranreicht. Damals lag bereits ein Großteil der Cardigan Bay unter Wasser und der Meeresspiegel stieg weiter, etwa anderthalb Mal so schnell wie heute.
Wie so viele Küstenstriche kennt auch Mittel-Wales einen Atlantis-Mythos, der womöglich in der Ausbreitung des Meeres nach der Eiszeit und dem Untergang von Siedlungen seinen Ursprung haben dürfte, auch wenn er zweifellos durch die mündlichen Erzählungen aktualisiert und schließlich schriftlich festgehalten wurde. Die walisische Erzählung berichtet von den Cantre’r Gwaelod – den Hundert Tieflanden –, die von einem Stammesfürsten namens Gwyddno Garanhir regiert wurden. Durch eine Reihe von Deichen wurden sie vor der See geschützt. Gwyddnos Gefolgsleute hatten die Aufgabe, die Deiche und ihre Sperren und Schleusen in Ordnung zu halten. Einer der Adligen war der notorische Trunkenbold Seithenyn. Er tat Dienst in einer Nacht, in der eine schreckliche Sturmflut wütete – mit vorhersehbaren Konsequenzen. Die Legende will, dass die untergegangenen Glocken von Cantre’r Gwaelod läuten, wenn jemand in Seenot gerät. Ich kann bezeugen, dass diese Story nicht wahr ist: Ich hätte die Glocken oft genug hören müssen.
Der Befund in Goldcliff lässt darauf schließen, dass die Menschen, die hier ihre Spuren hinterlassen haben, nur periodisch auf den Marschen jagten und sammelten, meistens im Sommer und im frühen Herbst. Zusammen mit anderen Prädatoren folgten sie den großen Hirschrudeln und den Auerochsenherden, den Wildschweinrotten und der Abfolge von Fülle und Knappheit, wie sie auch für andere Bereiche der Natur gilt. Offenbar haben sie nur für wenige Wochen hintereinander ihre Lager auf den Salzmarschen aufgeschlagen, wenn die Küstenwälder reich an Wild waren und die Gewässer vor Fischen wimmelten. Aus dem ausgegrabenen Boden ragen große Stümpfe und umgestürzte Eichenstämme. Einige davon weisen über zwölf Meter keine Äste auf. Dies legt nahe, dass hier ein dichter Wald mit hohem Kronendach stand, der bis an die Gezeitenlinie reichte. Im Schlamm finden sich Pollen von Eiche, Birke, Kiefer, Hasel, Ulme, Linde, Erle, Esche und Weide. Die Küste war gesäumt von Schilfflächen, Hochmooren und Erlenbrüchen. Um die Baumwurzeln herum fanden die Archäologen Vorratslager mit Haselnüssen, die von mesolithischen Eichhörnchen gegraben worden waren.
Diese Menschen, spekulieren sie, werden sich neben Wildbret und Fisch von Schilfwurzeln und -sprossen ernährt haben, dem süßen, von Binsen abgesonderten Gummi, von Grassamen und Melde, Rindenbrot aus Birken, von Nüssen, Ahorn, Blättern und wilden Früchten. Funde aus anderen Teilen Britanniens und Europas legen nahe, dass sie ausgehöhlte Einbäume zum Jagen und Sammeln im Mündungsgebiet oder für die Fahrt zu anderen Jagdgebieten entlang der Küste benutzt haben.
Im Spätherbst könnten sie an Strände gewandert sein, wo sich Robben aus dem Wasser hievten, um Nachwuchs zu zeugen: leichte Beute, wenn man sie erwischte, bevor sie ins Wasser plumpsten. Im Winter zogen sie landeinwärts und jagten Zugvögel in den oberen Mündungsgebieten und Tiere in den Wäldern. Die Wachstumsmuster der Herzmuscheln von mesolithischen Muschelhaufen in Nordwales lassen vermuten, dass sie im Frühjahr und im Frühsommer gesammelt wurden. Dann waren sie am fettesten. Die Goldcliff-Menschen dürften das Ästuar hinuntergefahren sein, um sie zu finden. Wenn die Muschelsaison vorbei war, folgten die Jagdverbände den Hirschen in die Berge bis auf die ergrünenden Weidegründe jenseits der Baumlinie. Dann, so sieht es aus, zogen sie zurück an die Küste, um die Fischwanderungen abzupassen. Es wird wahrscheinlich Plätze gegeben haben, an die sie jährlich zurückkehrten, aber einen festen Wohnort hatten sie nicht. Sie zogen mit ihrer Beute und hinterließen mit ihren Wanderungen die Fragmente ihres Daseins: Steinwerkzeuge auf den Gipfeln der Berge, Muschelhaufen an der Meeresküste, Waffen in den Wäldern, aufgeschlagene Knochen, verzierte Kieselsteine und gelegentlich eine Grabstätte. In den fossilierten Marschen in Lydstep in Pembrokeshire sind Archäologen auf das Skelett eines Wildschweins gestoßen, in dem zwei Mikrolithen steckten. Pfeil oder Speer im Rücken, die die Wunde schlugen, stürzte es sich zum Sterben in den Sumpf.6
Noch einmal betrachtete ich die Fußabdrücke, die sich in den Marschen und in der Zeit verloren. Ich hörte den Lärm von im Schlamm spielenden Kindern, sah die angespannten, ernsten Gesichter der Jäger, beobachtete mit meinem inneren Auge die Frauen und Alten, die mit ihren Speeren und Gabeln durch das Mündungsgebiet wateten, und spürte nun besser, wer ich war; woher ich gekommen war; was ich noch bin.
* Ein Tier, das eines natürlichen Todes gestorben ist, aufzulesen und mit nach Hause zu nehmen, ist keine gute Idee: Als ich einen mir bekannten Veterinär fragte, ob ich den Hirsch verspeisen könnte, riet er mir dringend, das Tier zu begraben.
4)Durchbrennen
Mein Freund, Blut schießt mir ins Herz ein,
Das nicht geheure Wagnis im Moment der Hingabe,
Den ein Lebtag des An-sich-Haltens nie zurücknimmt,
Dem, dem allein danken wir ein Dasein.
T. S. Eliot, Das wüste Land1
Ich drehte mich weg, versuchte mein Schmunzeln zu verbergen. Endlich und eher durch Zufall war ich auf etwas gestoßen, das ihm Angst machte.
»George, bitte, rühr das Ding nicht an.«
»Es ist harmlos.«
»Nein! Äußerst gefährlich. Giftig.«
Kopfschüttelnd trat er etwas zurück. Sechs Monate war es her, seit wir uns das erste Mal begegnet sind, sechs Monate, in denen sich sein sanfter Humor durch nichts und niemanden hatte aus der Ruhe bringen lassen, in denen sein Wagemut mich – der ich mich brüstete, mich Kopf voran in die Gefahr zu stürzen – wie ein Hühnchen hatte aussehen lassen. Mit einem grausamen Gefühl des Triumphs steckte ich meine Hand in den Busch.
»George, ich bitte dich …«
Das Chamäleon schwenkte sein Drehkuppelauge, um meine Hand zu mustern, und verfärbte sich in ein leichtes Rostrot. Sachte schob ich einen Finger unter eine seiner Greifhände und es umschloss ihn mit seinen Zangenzehen. Ich schob die übrige Hand unter das Tier. Es klammerte sich fest, und ich holte es langsam aus dem Busch. Seine Farbe wechselte in ein blasses Ziegelrot.
Toronkei war inzwischen fünf Schritte zurückgewichen. Auf seiner Stirn stand der Schweiß. Seine Lippen arbeiteten, gaben aber keinen Laut von sich.
»Siehst du, es ist ganz harmlos. Alles nur ein Mythos.«
Er schob sich nach vorne. Diesmal war sein Stolz verletzt. Das Chamäleon saß ruhig auf meiner Hand und drehte seine Augen. Es schlang seinen Schwanz um meinen kleinen Finger.
»Du kannst es anfassen, wenn du möchtest. Es tut nichts.«
Toronkei umklammerte seinen Speer so heftig, dass seine Knöchel glänzten. Er kam noch ein Stückchen näher, mit geöffnetem Mund. Zitternd vor Selbstbeherrschung streckte er seine Hand aus und schob seine Fingerspitze nach vorne, bis er das Chamäleon an der Flanke berührte. Es bäumte sich auf, öffnete sein rosafarbenes Maul und zischelte. Er machte einen Satz zurück, stolperte, fiel beinahe. Nun war es an mir, Selbstbeherrschung zu zeigen. Ich wendete mich ab und setzte das Chamäleon wieder in den Busch, verzweifelt bemüht, nicht zu lachen. Ich tat so, als beobachtete ich es, wie es wieder Fuß fasste, und nutzte den Moment, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu bekommen. Dann drehte ich mich um. Toronkei starrte mich mit einem Ausdruck an, den ich gerne als neu erworbenen Respekt interpretierte. Wahrscheinlich aber spiegelte sich in ihm die Überzeugung, dass ich verrückt geworden sei.
Wir waren in der Morgendämmerung aufgebrochen und bereits 30 Kilometer gerannt und gelaufen und hatten dabei eine weite Schleife durch Kajiando County im nördlichen Teil des Massai-Territoriums beschrieben. Gegen Mittag hatten wir an dem Haus seines Onkels haltgemacht, um Milch zu trinken, und zwei Stunden im Schatten gesessen, geredet und Fliegen verscheucht. Nun waren wir auf dem Heimweg zu Toronkeis manyatta. Fünfundzwanzig Kilometer lagen noch vor uns. Wir standen auf einer niedrigen Abbruchkante und sahen über die mit Büschen und Schirmakazien gefleckte Ebene, die sich von graugrün über grau und blau bis zu einem unsichtbaren Kilimandscharo hinzog und wie so häufig von Wolken oder einem grauen Himmel verhangen war. Durch den Hitzeschleier unter uns waberten Herden gefleckter Rinder, falbfarbener Elenantilopen, Impalas.
Wie üblich hatte mich Toronkei abgehängt, aber oft genug war er stehengeblieben und hatte vorgegeben, die Gegend abzusuchen, damit ich aufschließen konnte. Er nahm mehr Rücksicht auf meine Gefühle als ich auf seine. Wir hatten nichts Bestimmtes vorgehabt, außer seinen Onkel zu besuchen. Über die Savanne zu laufen, erfüllte an sich schon seinen Zweck. Toronkei und die anderen moran spornten sich gegenseitig zu Heldentaten an, etwa ihr Vieh in drei Tagen, ohne zu essen, zu trinken oder zu schlafen, über 200 Kilometer weit zu treiben. Ab und zu stahlen sie, obwohl sie mittlerweile, falls man sie erwischt, von der kenianischen Polizei schwer bestraft werden, auch Vieh von den Kikuyu, die in den benachbarten Landstrichen zu Hause waren, und entkamen mitunter nur in einem Kugelhagel. Unterhielt ich mich mit Toronkei und den anderen Kriegern, verblüffte es mich zu hören, dass die Flucht unter einem Kugelhagel ebenso Zweck der Übung war wie der Viehdiebstahl. Indem die moran ihr weites Land durchquerten und durchwanderten, lernten sie es so gut kennen wie wir unsere Vorstädte.
Ich hatte Toronkei durch die entscheidenden Phasen seines Lebens begleitet. Sechs Jahre, bevor ich ihn kennengelernt hatte, ist er beschnitten worden. Während der Operation musste er ruhig dasitzen und durfte sich nicht bewegen und nicht mit der Wimper zucken. Die, die es schafften, erhielten Rinder; die, die zusammenzuckten, wurden geächtet. Die Krieger übten sich darin, Schmerzen auszuhalten: Toronkei hatte eine kreisförmige Narbe auf jedem Oberschenkel, dort hatte er sich glühende Holzstücke auf die Haut gedrückt.
Jetzt, mit neunzehn, hatte er begonnen, den langen Weg der Initiationszeremonien als Krieger zu durchlaufen, an dessen Ende er den Status eines Junior-Ältesten erhält, heiraten und sein eigenes Haus errichten darf. Ich habe ihn über mehrere Monate mit den anderen morani tanzen, zechen und umherreisen sehen. Ich hatte zugesehen, wie sie einen Opferochsen bei den Hörnern und am Schwanz packten – er wirbelte sie durch das manyatta, bis sie ihn niederrangen –, ihn gezwungen hatten, einen Kürbis voll Bier zu trinken, ihn dann erstickt und sein Blut getrunken hatten. Ich hatte die starken Liebesbande zwischen den Kriegern mitbekommen, aber auch, dass ihre Messer unter ihren Umhängen aufblitzten, sobald ein Streit aufflammte.
Sie hatten – was ich nicht gesehen habe – einen Löwen getötet, und zwar wie von der Tradition vorgeschrieben: Erst trieben sie ihn in die Enge, dann packte einer seinen Schwanz, während die anderen versuchten, ihn mit ihren Speeren zu töten. Nichts schien die morani zu beunruhigen, außer Chamäleons. Gefahr war für sie etwas Delikates, das ausfindig gemacht und ausgekostet werden musste. Sie waren sprunghaft, leidenschaftlich, ungestüm und offen für alles. Ich fand es leichter, mich auf sie einzulassen als auf die indigenen Völker, mit denen ich in West-Papua und Brasilien gearbeitet hatte – vielleicht weil sie als Nomaden mit so vielen Kulturen in Berührung kamen. Sie akzeptierten mich, wie sie alles, was ihnen über den Weg lief, akzeptierten; nichts durfte ihren Erfahrungen im Weg stehen. Obwohl ich elf Jahre älter war als Toronkei, wurden wir, was anderswo unmöglich gewesen wäre, Freunde.
Nur wenige Wochen, nachdem wir zu dem Haus von Toronkeis Onkel gelaufen waren, war ich wieder in seinem manyatta, um der letzten Zeremonie beizuwohnen. Die morani tanzten langsam und traurig, mit einem sanften Gemurmel, das dem Wind in den Bäumen glich. Die Jahre der wilden Abenteuer gingen zu Ende. Ein junger Mann schritt mit dem langen leicht gewundenen Horn eines Großen Kudu in der Hand an den Rand der Gruppe. Er setzte seine Lippen an ein Loch in dem Horn und blies vier laute Trompetenstöße, die so tief waren, dass ich sie durch meinen Körper vibrieren fühlte. Schreiend und johlend liefen die Tänzer auseinander und stießen mich um. Vier oder fünf Krieger brachen zusammen und lagen unter Zuckungen und Ächzen auf dem Boden. Man versuchte sie auf die Beine zu stellen, aber sie schienen bewusstlos zu sein. Sie knurrten, sabberten und prusteten. Ihre Fersen schlugen auf den Boden. Das Horn wurde nur während der letzten Tage der Initiation geblasen, und immer wenn die Krieger es hörten, wurden sie von Trauer übermannt.
Ich folgte Toronkei in die Initiationshütte, die seine Mutter für ihn gebaut hatte – eine kleine Schachtel aus mit Kuhdung verkleidetem Weidengeflecht –, und hockte eine Weile unter der niedrigen Decke, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Als ich etwas sehen konnte, bemerkte ich eine unbekannte Frau, die auf einer Pritsche aus Kuhfell saß. Sie war sehr dunkel, mit starken Augenbrauen, einer glatten runden Stirn und einem kühlen, fast spöttischen Aussehen. Ich stellte mich vor. Mit einem komischen, fast verschämten Lächeln drehte sie sich weg. Verdutzt sah ich Toronkei an und war überrascht, dass er lachte.
»Dies«, sagte er, »ist meine Frau.«
Drei Tage, bevor ich im manyatta eintraf, war er 50 Kilometer gelaufen, um einen Freund zu besuchen. Als er sich dessen Dorf näherte, begegnete er einer jungen Frau, die den gleichen Weg nahm, und änderte seinen Plan. Die beiden verbrachten den Tag miteinander und als es Abend wurde, hatte er sie überzeugt, mit ihm durchzubrennen. Sie warteten, bis alle in ihrem Dorf schliefen, stahlen sich aus der Umfriedung und rannten los. Die Hunde wachten auf und die Brüder des Mädchens nahmen die Verfolgung auf. Das Liebespaar hetzte durch den Busch, aber kurz nach Mitternacht hatten die Brüder es gestellt. Das Mädchen weigerte sich, nach Hause zurückzukehren. Sie sagte ihren Brüdern, falls sie mit ihr sprechen wollten, müssten sie schon in Toronkeis Dorf kommen. Die Brüder kehrten in ihre Ansiedlung zurück, und bei Morgengrauen erreichten Toronkei und seine Verlobte das manyatta. Ihr Vater schäumte vor Wut, aber er konnte nur wenig ausrichten: Seine Tochter ließ sich nicht umstimmen. Toronkei hatte um Verhandlungen gebeten: Der Vater hatte einen Brautpreis von fünf Kühen und 10 000 Schilling gefordert. Toronkeis Eltern versuchten ihn herunterzuhandeln. Das Mädchen kam aus einer reichen Familie, es war ein hartes Geschäft.
Als ich die Geschichte hörte, die stolzen, konspirativen Blicke sah, die er mit seiner Braut austauschte, und mitbekam, wie er von den anderen morani als Held gefeiert wurde, stieg in mir – und dies nicht zum ersten Mal in meiner Freundschaft mit Toronkei – ein Gefühl der Eifersucht auf. Ich saß in der Hütte, trank Milch und begrüßte die Prozession junger Männer, die vorbeischauten, um ihm Respekt zu zollen, und haderte mit meiner Unzulänglichkeit. Als ich die jungen Krieger anschaute, die Hand in Hand auf der Pritsche saßen, und die junge Frau, die ihrem Ehemann zärtliche Blicke zuwarf, wurde ich von einem Gedanken eingeholt, der so klar und laut war wie eine direkt an meinem Ohr erschallende Glocke. Wäre ich als Embryo vor der Wahl gestanden zwischen meinem Leben und dem seinen – wohl wissend, dass ich mich dem einen wie dem anderen angepasst und mich in ihm eingerichtet hätte –, hätte ich das seine gewählt.
Trotz sechs an Abenteuern reichen Jahren in den Tropen, erschien mir mein Leben jetzt klein und behäbig. Ich dachte daran, was mich erwartete, wenn ich in ein paar Monaten nach Hause zurückkehren würde. Ich hatte den Plan, mein Buch zu Ende zu schreiben, Arbeit zu finden, wieder an alte Freundschaften anzuknüpfen und vielleicht eine Anzahlung auf ein Haus zu leisten. Nach zwei Hirnmalaria-Attacken, bei steigenden Ausgaben und schrumpfenden Ersparnissen, der Läuse, Moskitos, kaputten Straßen und des verdorbenen Wassers müde, erschien dies reizvoll. Jetzt aber dachte ich an die Unterhaltungen, die sich auf die drei Rs beschränkten: Renovierungen, Rezepte, Reiseziele. Ich dachte an Geländer und Staketenzäune. Ich dachte an Spaziergänge in der englischen Provinz, wo einen die Leute, sobald man sich abseits der Fußwege bewegt, anpöbeln. Nicht das erste Mal in meinem Leben kam mir plötzlich alles so sinnlos vor.
Benjamin Franklin beklagte sich 1753 in einem Brief an den englischen Botaniker Peter Collinson wie folgt:
Wenn ein Indianerkind unter uns aufgewachsen ist, unsere Sprache erlernt und sich an unsere Gebräuche gewöhnt hat, und wenn es loszieht, um seine Verwandtschaft zu besuchen und einen indianischen Wanderzug mit ihnen zu unternehmen, kann man es nicht mehr zur Rückkehr bewegen, und dass dies nicht bloß natürlich für sie als Indianer, sondern als Menschen ist, wird daraus ersichtlich, dass wenn Weiße gleich welchen Geschlechts von den Indianern gefangen worden sind und eine Zeit unter ihnen gelebt haben, und wenn sie dann von ihren Freunden ausgelöst und mit aller nur erdenklichen Zärtlichkeit behandelt werden, damit sie mit den Engländern zu bleiben bewogen werden, werden sie doch innerhalb kurzer Zeit unserer Lebensart und der zu ihrer Aufrechterhaltung nötigen Sorgen und Mühen überdrüssig und ergreifen die erste gute Gelegenheit, wieder in die Wälder zu entkommen, von wo man sie nicht mehr zurückholen kann.2
Für die kolonialen Autoritäten bedeutete das Überlaufen zu den Ureinwohnern eine schwere Bedrohung in ihrem Bestreben, die neue Welt zu unterjochen. Als junge Männer 1612 begannen, aus Jamestown, der ersten dauerhaften englischen Siedlung in Nordamerika, wegzulaufen, ließ ihnen der Vizegoverneur Thomas Dale nachstellen. Laut einem zeitgenössischen Bericht »wurden manche der Gestellten gehängt. Manche verbrannt. Manche gerädert, andere gepfählt und manche erschossen.«3
Die strengen Sanktionen belegen die Anziehungskraft. Trotz der Strafen liefen Europäer weiterhin über oder blieben, im Krieg gefangen, bei den Ureinwohnern. Das ging so lange, bis die Indianer derart geschwächt und gebrochen waren, dass es kein Leben mehr gab, zu dem man sich hingezogen fühlen konnte. 1785 berichtete Jean de Crèvecœur von europäischen Kindern, die, wenn ihre Eltern in Friedenszeiten kamen, um sie zu holen, sich fest entschlossen zeigten, in den indianischen Gemeinschaften zu bleiben, von denen sie gekidnappt worden waren:
[…] die, deren fortgeschritteneres Alter ihnen erlaubt hätte, sich ihrer Väter und Mütter zu erinnern, weigerten sich standhaft, ihnen zu folgen und liefen zu ihren angenommenen Eltern, um sich vor den überschwänglichen Liebesbezeugungen ihrer Eltern zu schützen! So unglaublich dies scheinen mag, mir ist es bei tausend Gelegenheiten zu Ohr gekommen, aus dem Munde glaubwürdiger Personen. In dem Dorf von …, in das ich mich zu begeben vorhabe, lebten vor etwa fünfzehn Jahren ein Engländer und ein Schwede …
Sie waren schon erwachsene Männer, als sie gefangen genommen wurden; glücklich entkamen sie den schweren Strafen für Kriegsgefangene und wurden gezwungen, die Squaws zu ehelichen, die ihr Leben durch Adoption gerettet hatten. Durch die Macht der Gewohnheit hatten sie sich schließlich vollständig diese wilde Lebensführung zu eigen gemacht. Ich war dabei, als sie von ihren Freunden eine beträchtliche Summe geschickt bekamen, um sich selbst auszulösen. Die Indianer, ihre alten Herren, ließen ihnen die Wahl … Sie entschieden sich zu bleiben; und die Gründe, die sie mir gegenüber anführten, dürften Sie gehörig überraschen: die vollkommenste Freiheit, die Leichtigkeit des Lebens, die Abwesenheit jener Sorgen und zersetzenden Kümmernisse, die so häufig Oberhand über uns gewinnen. … Tausende Europäer sind Indianer und wir haben kein einziges Beispiel von einem Ureinwohner, der aus freier Wahl Europäer geworden wäre.4
Der Zusammenstoß von alten und neuen Welten war von Enteignung, Unterdrückung und Massakern gekennzeichnet, aber an manchen Orten gab es Phasen freundschaftlicher Verbindung. Bei Crèvecœur ist dokumentiert, dass amerikanische Ureinwohner gelegentlich als Gleichgestellte in europäische Haushalte aufgenommen wurden; und in vielen Fällen war es für Europäer möglich, sich in ähnlicher Weise indianischen Gemeinschaften anzuschließen. Man könnte dies wie ein soziales Experiment auffassen. In beiden Fällen hatten die Menschen die Wahl zwischen dem relativ sicheren, doch eingehegten, ortsfesten und regulierten Leben der Europäer und dem mobilen, freien und unsicheren Leben der amerikanischen Ureinwohner. Am Ergebnis gibt es nichts zu deuteln. In jedem einzelnen Fall, so berichten Crèvecœur und Franklin, entschieden sich die Europäer, bei den Indianern zu bleiben, und die Indianer kehrten bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zu ihren Gemeinschaften zurück. Das sagt mehr über unser Leben aus, als einem lieb sein kann.
Warum also bin ich nicht zu Toronkeis Gemeinschaft übergelaufen? Eine Frage, die mich noch immer beschäftigt.
Ich war, wie ich nach und nach entdeckte, zu weich für sein Leben. Ich konnte schon physisch gesehen nicht richtig mithalten. Wichtiger noch, ich war außerstande, mit der Unsicherheit zurechtzukommen: Mit der Unstetigkeit, nicht zu wissen, ob ich heute zu essen hätte oder erst morgen, ob ich mich im kommenden Monat ernähren könnte – oder gar noch am Leben wäre. Die Massai begegneten den wilden Schwankungen ihres Glücks mit Gleichmut. War in einem Jahr die Ebene schwarz von ihren Rindern, konnte im nächsten die Dürre zuschlagen und sie hatten nichts mehr. Zu wissen, was als Nächstes geschieht, war womöglich das alles beherrschende Ziel materiell komplexer Gesellschaften gewesen. In dem Augenblick jedoch, als wir es erreicht hatten, oder nahezu erreicht hatten, wurden wir mit einem neuen Reigen unbefriedigter Bedürfnisse belohnt. Wir haben die Sicherheit der Erfahrung vorgezogen, haben damit viel gewonnen, aber auch viel verloren. Vor allem aber war mir wohl auch bewusst, dass das alte Leben vorbei war. Die kenianische Regierung zerschlug das Land der Massai in kleine Einheiten. Mächtige Stammesälteste haben sich so viel unter den Nagel gerissen, wie sie zu fassen bekamen, und die anderen rangelten darum, noch etwas für sich zu bekommen. Die Gemeinschaft war im Begriff zusammenzubrechen; öffentliches Land, auf dem manyattas gebaut und Zeremonien abgehalten werden konnten, stand keines mehr zur Verfügung. Mit der Veränderung der Machtstrukturen wurden die Altersgruppen, um die das Leben der Massai ausgerichtet war, zu einem Anachronismus. Die Generation, der Toronkei angehörte, war wohl die letzte gewesen, die den Initiationsprozess innerhalb der Gemeinschaft durchlaufen hatte. Die Menschen haben angefangen, sich niederzulassen, in die Städte zu ziehen, die Freiheiten aufzugeben, in denen sie sich von uns unterschieden.
Doch selbst wenn es diesen Druck nicht gegeben hätte, wäre das wilde Leben der morani nur mit Einschränkungen zu leben gewesen. Die Löwenjagd ist, da die Löwen immer seltener werden, durch die kenianischen Behörden unter strenge Strafe gestellt worden. Universalistische Prinzipien halten auch in Kenia, wo die Politik die Menschen immer noch nach Stammeslinien einteilt, nach und nach Einzug. Und ich habe meine Zweifel, dass die Kikuyu es je begrüßten, wenn die Massai ihre Rinder entführten und ihre Krieger mit Speeren bedrohten. Da mittlerweile Gruppen, die anders sind als wir, ihre Bedürfnisse und Rechte uns gegenüber geltend machen können, weil wir ihr Menschsein anerkennen, können wir ihr Leben nicht länger unseren Wünschen unterordnen, unsere Welt nicht mehr einfach der ihren überlagern. Die Freiheiten, die die Massai auf Kosten anderer genossen, sind – so reizvoll sie auch sein mochten – zu Recht beschnitten worden. Womöglich existiert einfach kein moralischer Raum mehr, in dem man seinen körperlichen Mut üben könnte. Wo auch immer man seine Faust schwingen möchte, wird stets die Nase eines anderen im Weg sein.
Auch wenn Jez Butterworths Theaterstück Jerusalem anfänglich auf den geteilten Zuspruch des Publikums stieß, wird es heute doch fast überall bewundert. Nach der Aufführung, die ich in der letzten Woche ihrer ersten strahlenden West-End-Inszenierung gesehen hatte, applaudierte die Hälfte des Publikums stehend, der Rest drängte mit finsterer Miene ätzend und tuschelnd zum Ausgang. Johnny Byron, packend dargeboten von Mark Rylance, ist der letzte Mohikaner. Er ist sinnlich, leichtfertig, ein Wüstling, wild und frei. Ein charismatischer, aber unedler Wilder, der in einem Wohnmobil in den Wäldern lebt, irre, schlimm und eine gefährliche Bekanntschaft, der letzte Mensch in England, der noch in Kontakt mit den alten Göttern ist. Seine totemistische Kreatur – sein Avatar – ist der Riese, dem er angeblich begegnet ist und den aufwecken zu können er beharrlich behauptet: das uneingeschränkte ursprüngliche Wesen, das keinen Regeln oder sozialen Zwängen unterworfen ist, der nicht mehr einer Welt angehört, in der neue Eigenheime die Wälder zersiedeln und Ordnungsbeamte in gelben Jacken mit ihren Klemmbrettern auf Patrouille gehen.
»Nehmt so viel ihr wollt«, sagt uns Byron. »Kein Mann wurde je ins Grab gelegt, der sich gewünscht hätte, auch nur eine Frau weniger geliebt zu haben. Hört auf nichts und niemanden, außer, was euch das Herz gebietet. Lügt. Betrügt. Stehlt. Kämpft auf Leben und Tod.«
Er lebt seine Überzeugung, der Bürokratie ein Dorn im Auge, ein Fluch der anständigen, sesshaften Leute, die ihn hassen und beneiden, ein Drogendealer, Schläger, Verführer, einstiger Draufgänger, Großsprecher, ein Magnet für aufmüpfige Teenager, ein schäbiger, vollgepisster, betrunkener Orgienfürst, ein Meister der letzten wilden Jagd. Er liegt im Clinch mit Wesley, einem Freund aus Kindertagen, jetzt Wirt des örtlichen Pubs (in dem Johnny natürlich Hausverbot hat), der von den Auflagen der Brauerei, durch Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften, durch sein eintöniges, verantwortungsvolles Leben und die hygienische, sterile Welt, die er sich geschaffen hat, aufgerieben wird. »… diese blöden fieseligen Teebeutel, diese blöden kaputten Handtuchspender, diese idiotisch beschissenen T-Shirts. Ich komme erst ins Bett, wenn auch der letzte Mistkerl nach Hause gegangen ist. Ich lege mich neben meine Alte und kann nicht atmen … Erste Regel, arbeite dein ganzes Leben. Zweite Regel, sei nett zu den Leuten …«
In unserer überfüllten, biederen Welt gibt es für Johnny Byron keinen Platz. Er kommt einem bestimmten Bedürfnis entgegen – das sich in den jungen Leuten zeigt, die zu ihm strömen –, doch es ist kein Bedürfnis, für das die Gesellschaft Raum böte. Die Tragödie des Stücks besteht darin, dass die Welt ihm keinen Platz einräumen kann, so wie sie für die Diebeszüge und Löwenjagden der morani keinen Platz mehr hat. So sehr wir uns nach einem Leben wie dem seinen sehnen mögen, so sehr uns der Tod des ungehobelten Geistes, der ihn antreibt, verarmen lässt, er ist zu groß für die Zwänge, innerhalb derer zu leben wir moralisch verpflichtet sind, für die Einschränkungen, die, wie Wesley feststellen muss, uns den Atem nehmen.
Ich könnte auf verschiedenen Wegen zu zeigen versuchen, dass wir den Verlust des wilderen Lebens spüren, das zu führen wir angelegt sind. Ich könnte den Drang einzukaufen als Ausdruck des Instinkts anführen, der uns auf Nahrungssuche gehen lässt; Fußball als eine sublimierte Jagd; Gewaltfilme als Abhilfe für nicht ausgetragene Konflikte; das Ausüben immer extremerer Sportarten als Reaktion auf das Fehlen gefährlicher Wildtiere; den Kult um den Fünfsternekoch als den Versuch, sich aufs Neue mit dem, was Land und Meer hergibt, zu verbinden. In all diesen Fällen erscheinen die Verbindungen plausibel, kaum zu belegen und banal. Ich glaube jedoch, ich bin auf eine interessantere Beweisführung gestoßen.
5)Der Leopard, der nie gesichtet wurde
Freilich, die Leute hassen die Wahrheit;
sie würden lieber einem Tiger auf ihrer Straße begegnen.
Robinson Jeffers, Kassandra1
Y iscuid oet mynud
Erbin cath paluc
Pan gogiueirch tud.
Puy guant cath paluc.
Nau uegin kinlluc.
A cuytei in y buyd
Nau ugein kinran
The Black Book of Carmarthen, ca. 1250
Die Szenerie hätte besser nicht sein können. Jenseits der Felder griff Maiden Castle, eine mit Türmchen versehene Festung aus lebendigem Fels, nach dem Himmel. Dahinter lag das Dorf Wolf’s Castle – Casblaidd –, das sich als eine von nur zwanzig Ortschaften, an denen Owain Glyndŵr geboren wurde (er starb an nicht weniger zahlreichen), hervortut und von dem gesagt wird, in seiner Nähe sei der letzte Wolf in Wales erlegt worden. Unter uns erstickte ein fahler verschlungener Bruchwald das Tal.
»Diese Lücke in der Hecke hier, da könnte er durchgekommen sein. Dann kam er die Böschung runter, schlenderte über die Straße und verschwand im Gebüsch.«
Ich spähte in den Bruchwald auf der anderen Seite des Fahrwegs. Die Bäume waren von Efeu überwuchert. Ihre bemoosten Stämme ragten verstreut aus dem Gelände oder lehnten aneinander, dunkel bekuttet wie betrunkene Klosterbrüder. Unter ihnen ein undurchdringliches Dickicht aus Brombeergestrüpp und Farn.
»Man würde ihn da drin wohl kaum zu sehen bekommen, oder?«
»Und Sie sind sich sicher, dass es einer war?«
Michael Disney blickte sich um, die hohe Böschung, die er heruntergekommen war, der schmale Streifen schadhaften Asphalts, das niedrige verschlungene Waldland, und zuckte die Achseln.
»Das ist kein Thema für mich. Ich habe gesehen, was ich gesehen habe, und das ist es. Die Leute können es glauben oder nicht. Ich muss niemanden überzeugen.«
»Sie arbeiten in der Gemeindeverwaltung. Hat man Sie jemals beschuldigt, Aufträge an Land zu ziehen?«
»Nein, das ist nicht mein Aufgabenbereich. Ich bin bei der Handelsaufsicht. Wenn Sie so wollen, ist dafür eigentlich niemand zuständig.« Ein scheues Lächeln, als wollte er seine Berufsbeschreibung illustrieren. »Warum sollte ich mich einer Situation aussetzen, in der ich mich lächerlich mache und Spott auf mich ziehe? Ich hätte absolut nichts davon, außer vielleicht ein kleines bisschen fragwürdige Berühmtheit.«
Michael war auf dem Rückweg von einer Inspektionsfahrt die Straße in Richtung A40 entlanggefahren. Er hatte die Geschichten gehört, Fotos von den bei Princes Gate, ein paar Kilometer hinter Haverfordwest gefundenen Fährten in den örtlichen Zeitungen gesehen, und kein Wort davon geglaubt.
»Wenn ich damals davon geträumt oder daran gedacht hätte, sähe die Sache womöglich anders aus. Aber so war es nicht. Ich fuhr einfach so dahin – und plötzlich überquert einer die Straße. Er war wohl um einen Meter hoch und vielleicht eins achtzig lang. Ich würde sagen, größer als ein mittelgroßer Hund, aber mit Sicherheit kein Hund. Er strotzte vor Kraft, mit einem schwarzen, glänzenden Fell, unglaublich muskulös, Schultern wie ein Pferd. Aber was wirklich merkwürdig aussah, war der Kopf. Einen solchen Kopf habe ich noch nie gesehen, noch nicht einmal im Zoo.«
Michael Disney, ehemaliger Polizist, Gemeindebeamter, gehörte zu seiner eigenen Verblüffung plötzlich zu den etwa 2000 Leuten, die jährlich in der freien Natur Großbritanniens eine große Katze sehen.
Als Michael das inzwischen als »Panther von Pembrokeshire« bekannte Tier zu Gesicht bekam, hatte es laut Wales on Sunday bereits zehn bestätigte Sichtungen gegeben.2 Zu denen, die behaupten, die Kreatur gesehen zu haben, gehören Landwirte oder Landarbeiter, die mit der weniger exotischen Tierwelt der Gegend vertraut sind. Auch der Bauer und – unabhängig davon – seine Frau, deren Land an die Straße grenzte, auf der wir standen. Alle hatten das Tier übereinstimmend so beschrieben wie Michael, groß, pechschwarz, glänzend, mit einem langen Schwanz, zweifellos eine Katze. Eine Person behauptete, es mit einem Lamm im Maul gesehen zu haben. Eine weitere berichtete, dass es »eine Hecke übersprang wie ein Rennpferd«.3 Es wurde verantwortlich gemacht für die grausigen Gerippe von Schafen und Kälbern, die man in abgelegenen Winkeln der bäuerlichen Besitzungen gefunden hatte. Aber erst als der ehemalige Polizist seinen früheren und aktuellen Kollegen von dem Biest berichtete, begann man, es ernst zu nehmen. Die County Times beschrieb die Sichtungen nun als »100 Prozent authentisch«.4
Drei Wochen später, als fünf Menschen es bei Rudbaxton gesehen hatten, schickte die Polizei eine bewaffnete Einsatztruppe auf den Weg. Ein Sprecher der Polizei in Dyfed-Powys meinte, dass man den Menschen geraten hätte, auf Abstand zu bleiben, sollten sie den »Pembrokeshire Panther« zu Gesicht bekommen, und bei der Gemeindeverwaltung Meldung zu machen. »Wir müssen die Sache ernst nehmen, auch wenn es streng genommen keine Polizeiangelegenheit ist, solange niemand in unmittelbarer Gefahr schwebt.« Er bemerkte noch, dass die walisische Regierung als Reaktion auf Berichte wie den von Michael eine Großkatzen-Sichtungs-Einheit aufgestellt habe. Das prüfte ich nach: So unwahrscheinlich die Kreatur auch sein mag, die Einheit existiert tatsächlich.
Ich kam zu der Überzeugung, dass Michael ein ehrlicher, verlässlicher und unaufgeregter Mensch ist, der kein Interesse an öffentlicher Aufmerksamkeit hat – sie schien ihm eher unangenehm zu sein. Ich bin mir sicher, dass er wie die anderen Leute auch, die behaupteten, das Biest gesichtet zu haben, getreulich beschrieben hat, was er gesehen hat. Ich bin mir aber genauso sicher, dass es den »Panther von Pembrokeshire« nicht gibt.
In Großbritannien existiert heute wohl kaum eine anständige Gemeinde, die sich nicht einer solchen Kreatur rühmte – oder von ihr besessen ist. Selbst die Londoner Vorstädte behaupten, von großen Katzen heimgesucht zu werden. Es gibt das Biest von Barnet, das Biest von Cricklewood, einen Kristallpalast-Puma und einen Sydenham Panther. Im Laufe der Geschichte hat es immer wieder Berichte über mysteriöse britische Katzen gegeben. Die früheste schriftlich niedergelegte Kunde – Cath Palug (Palugs Katze oder Kratzekatze) – findet sich im Black Book of Carmarthen, das, wie der Hase (bzw. der Panther) eben so läuft, genau 50 Kilometer von dem Ort entfernt niedergeschrieben wurde, an dem Michael seine Kreatur gesehen hat. Das Fragment am Anfang dieses Kapitels ist alles, was von dem Bericht auf uns gekommen ist: »Sein Schild war bereit / Gegen die Katze Palug / Als die Leute ihn willkommen hießen. / Wer erstach die Katze Palug? / Neun mal zwanzig Helden / Fielen ihr zum Fraß / Noch vor der Morgendämmerung.« Das gleiche Tier taucht allerdings auch in den Welsh Triads auf, worin seine Attribute eine noch schwierigere Herausforderung für die Biologie darstellen: Es wurde zusammen mit einem Wolf und einem Adler von einer riesigen Sau geboren.
Während der letzten Jahre haben die Sichtungen stark zugenommen. In ihrem wunderbaren Buch Mystery Big Cats bemerkt Merrily Harpur, dass die »Katzenhysterie«, wie sie sie nennt, zwischen 2000 und 4000 mal im Jahr vorkommt.5 Auf meinen Reisen durch die Provinz habe ich festgestellt, dass auch viele Menschen, die die Katzen gar nicht gesehen haben, fest von ihrer Existenz überzeugt sind. Die Biester wurden selbst von Leuten gesichtet, die schon von Berufs wegen besser als etwa Michael oder die Landwirte Pembrokeshires einordnen können müssten, was sie sehen: Wildhüter, Parkranger, Wildtierexperten, ein Tierpfleger im Ruhestand. Merrily Harpur merkt an, dass etwa drei Viertel aller gesichteten Katzen schwarz sind, und in der Regel werden sie als glänzend und muskulös beschrieben. Interessant ist auch ihre Beobachtung, dass als wahrscheinlichster Kandidat ein Leopard mit Melanismus infrage kommt (der Leopard ist die Art, in der die schwarze Variante zwar selten, aber am häufigsten vorkommt), dass sie aber auf keinen einzigen Bericht von einem in freier Wildbahn beobachteten gewöhnlichen gefleckten Leoparden gestoßen ist.
Obwohl die Sichtungen Übereinstimmungen zeigen und die Zeugen verlässlich sind, ist die Beweislage für eine tatsächlich existierende Population von Großkatzen im Vereinigten Königreich um nichts gesicherter als die für das Monster von Loch Ness. Anders gesagt, trotz der abertausend Tage, die Kryptozoologen damit verbracht haben, dem Biest auf die Spur zu kommen, trotz der versammelten Bemühungen der Polizei, der Royal Marines und von der Regierung bestallter Wissenschaftler existiert es nicht.
Obgleich manche Großkatzenarten zu den scheuesten und umsichtigsten Wildtieren gehören, ist es für Experten leicht, Belege zu finden, dass es sie gibt. Es sind Tiere mit regelmäßigen Gewohnheiten. Sie haben ihre Territorien, Unterschlüpfe, in denen sie ihren Nachwuchs aufziehen, Stellen, an denen sie Duftmarken, und Bäume, an denen sie Kratzspuren anbringen. Wo sie sich aufhalten, hinterlassen sie Fährten, Losung und Haare, wobei Erstere ohne Weiteres zu erkennen sind und die anderen durch DNA-Tests erhärtet werden können.
Sogar Tiere, die nur selten beobachtet werden, hinterlassen so viele Spuren, dass sie eingehend erforscht werden können. Einmal verbrachte ich ein paar Tage mit Biologen in einem Waldschutzgebiet im Amazonas. Die ganze Nacht über hörten wir Jaguargebrüll; aber der Teamleiter meinte, auch wenn davon auszugehen sei, dass die Tiere uns beobachten, würden wir sie nie zu Gesicht bekommen. Eines Tages ging ich zu einem Bach ein paar Schritte vom Lager entfernt, um zu schwimmen. Ich war etwa zwanzig Minuten im Wasser und ging dann den sandigen Pfad zurück. In meinen Fußabdrücken befanden sich die Trittsiegel eines Jaguars.
Der Wildlife Photographer of the Year-Wettbewerb wurde 2008 von einem Fotografen gewonnen, der eines der am schwersten auffindbaren Tiere der Welt – den Schneeleoparden – an einem der unzugänglichsten Orte der Welt, in der Himalayaregion Ladakh, auf über 3000 Metern Höhe aufgenommen hat. Dem Fotografen ging es nicht nur darum, die Existenz des Leoparden zu dokumentieren. Nachdem Steve Winter dreizehn Monate lang experimentiert hatte und Hunderte nur unbefriedigende Bilder seines Zielobjekts geschossen hatte, gelang ihm durch eine ausgeklügelte Aufstellung von Kamerafallen und Lampen schließlich ein perfekt komponiertes Porträt. »Ich wusste, das Tier würde auftauchen«, berichtete er. Seine Ausrüstung wartete nur darauf, dass »der Schauspieler die Bühne betritt und den Sensor auslöst«.6
Doch trotz überall in Großbritannien an geeigneten Orten aufgestellten Kamerafallen, trotz aller Bemühungen von hunderten Enthusiasten, die sich ausgerüstet mit Teleobjektiven und Wärmebildkameras auf die Pirsch begaben, ist in diesem Land noch kein einziges unzweifelhaftes Bild eines Panthers geschossen worden. Die Fotografien und Filmfetzen, die ich gesehen habe – das Beste, was die Verfechter der geheimnisvollen Katzen zuwege bringen können –, zeigen etwa zur Hälfte eindeutig Hauskatzen. Bei etwa einem Drittel handelt es sich um Pappfiguren, Kuscheltiere, unbeholfene Photoshop-Bearbeitung oder – wie die umgebende Vegetation verrät – um Bilder, die in den Tropen geschossen wurden. Die Übrigen sind aus so großer Entfernung oder so undeutlich aufgenommen, dass sie nahezu alles wiedergeben könnten: Hunde, Hirsche, Füchse, Müllsäcke, auf allen vieren gehende Yetis. Mit am verblüffendsten an der ganzen Geschichte ist, dass von denen, die sich aufgemacht haben, eine Großkatze in Britannien aufzuspüren, eigentlich niemand eine zu Gesicht bekommen hat. Fast ausnahmslos geschahen die Sichtungen unerwartet. In den meisten Fällen erschienen die Katzen Menschen, die sich noch nie mit ihnen beschäftigt hatten oder nicht an ihre Existenz glaubten. Die Pasteur’sche Maxime, wonach das Glück den auswählt, der darauf vorbereitet ist, scheint hier nicht zuzutreffen.
Auch die unermüdlichen Bestrebungen, diese Tiere zu fangen oder zur Strecke zu bringen, haben nichts Überzeugenderes ergeben. Wie Harpur anmerkt, sind »mehr Anstrengungen und mehr Ausgaben für die Jagd nach anomal großen Katzen aufgebracht worden, als für die imperiale Tigerjagd«. Und das Ganze hat kaum mehr erbracht als ein paar glücklose Geschöpfe, die aus dem Zoo, dem Zirkus oder aus Privathaltungen entkommen sind und die in fast allen Fällen ein paar Stunden nach ihrer Sichtung eingefangen worden waren. In Harpurs Buch gibt es einen wunderbaren Bericht über einen Polizisten, der in der Nacht ausgeschickt wurde, um der Sichtung eines Löwen in einem Spa in Leamington nachzugehen. Auf seiner Runde hielt er an und fragte einen Milchmann, ob er das Tier gesehen habe. Kurz darauf, so schrieb er in seinen Bericht, »nahm ich einen vorbeihuschenden Schatten wahr und ein plötzliches Gewicht« im Fond des Wagens. »In einer fließenden Bewegung war der Löwe durch das Hinterfenster auf die Rückbank gesprungen.« Ohne Weiteres machte sich das Tier dort breit und der Beamte fuhr es zur Wache, wohl wissend um den Atem in seinem Nacken.
Nach einer Reihe von Viehrissen fing 1980 in Easter Ross, Schottland, ein Landwirt ein Pumaweibchen in einer Köderfalle. Anfangs schien es sich um ein wildes und bösartiges Tier zu handeln, das seine Häscher anfauchte und anspuckte. Aber dies legte sich schnell, als der Puma im Highland Wildlife Park in Kincraig untergebracht worden war. Harpur berichtet, wie das Tier, sobald sich jemand seinem Käfig näherte, zu schnurren begann und sich an den Stäben rieb. Offenbar gehörte die Berglöwin zu einem Paar, das in den Highlands von einem Mann, der ins Gefängnis musste, freigelassen worden war. Das andere Tier war später in der Nähe von Inverness tot aufgefunden worden.
Seither wurde nur ein einziges großes Raubtier gefangen, obwohl hunderte ähnlicher Fallen aufgestellt worden waren. Ein Kryptozoologe namens Pete Bailey, der schon fünfzehn Jahre lang auf der Jagd nach dem Beast of Exmoor war, kroch in eine seiner Fallen, um den Köder zu wechseln, und löste den Mechanismus aus. Zwei Nächte lang saß er dort fest, bevor er befreit wurde, und aß das rohe Fleisch, das er für die Katze ausgelegt hatte. Wir jagen das Biest, doch das Biest sind wir selbst.
Was ist dabei herausgekommen? Keine Fotos, keine Fänge, kein Kot, keine Kadaver (bis auf ein paar Schädel, die, wie sich später herausstellte, in die Wildnis geraten waren, nachdem sie sich von einem Leopardenfell und einer Wandtrophäe entfernt hatten), nicht einmal ein eindeutiger Fußabdruck. Die Biester Großbritanniens sind einer fünfwöchigen Jagd durch Royal Marines, Polizeihubschraubern und bewaffneten Einsatzkräften (was über die Ermittlungsanstrengungen bei Autodiebstählen weit hinausgeht), einer Reihe von Großkatzenexperten und Schatzsuchern und dem massiven Einsatz der besten Verfolgungs-, Anlock- und Aufspür-Techniken entwischt, über die der Mensch verfügt. Anderswo hat diese Technik funktioniert, hier jedoch nicht.
1995 schickte die Regierung zwei Ermittler in das Bodmin-Moor nach Cornwall, wo es angeblich die meisten Belege für das Vorkommen von Großkatzen gibt. Sie verbrachten sechs Monate mit Feldarbeit, untersuchten Kadaver und Fährten, erkundeten die Stellen, an denen das Biest von Bodmin gesichtet und fotografiert worden war. Die Unternehmung trägt Züge einer königlichen Untersuchungskommission des neunzehnten Jahrhunderts. Der Bericht enthält Fotografien eines strammen Kerls mit einem großen Schnauzbart und einer Messlatte in der Hand, der die Höhe der natürlichen Begebenheiten demonstriert, an denen das Biest aufgenommen worden war.7 Der Text dazu liest sich stellenweise wie die letzten Kapitel von Der Hund von Baskerville. Der Bericht ist gründlich, erschöpfend und niederschmetternd für diejenigen, die zwar der Meinung sind, dass es andere angebliche Großkatzen wohl nicht gibt, aber von der Existenz des Biests von Bodmin überzeugt sind. Die Ermittler untersuchten die berühmte, überall im Fernsehen ausgestrahlte Videosequenz, die eine Katze beim Sprung über eine Trockenmauer zeigt. Das sieht beeindruckend aus, bis man den vom Ministerium abgestellten Mann mit seiner Messlatte neben der Mauer stehen sieht und realisiert, dass das Hindernis kniehoch ist. Eine monströse Katze, die auf einem Torpfosten hockt, schrumpft von einer Schulterhöhe von knapp einem Meter auf dreißig Zentimeter, sobald die Messlatte in die Nähe kommt. In einem Fall, in der das Biest beim Überqueren eines Felds gefilmt wurde und keine zweckdienlichen Landmarken zur Verfügung standen, mit denen man es hätte vergleichen können, brachten die Ermittler eine schwarze Hauskatze an den Ort des Geschehens, setzten sie an der gleichen Stelle ab und fotografierten sie aus der Perspektive, aus der das Video aufgenommen worden war. Die Miezekatze sieht etwas größer aus als das Monster. (Unverdrossen insistieren die Verfechter des Biests von Bodmin nun darauf, dass die Originalbilder Baby-Großkatzen zeigen, deren Eltern rätselhafterweise nicht mit im Bild sind. Standbilder aus diesen Videos werden in Britannien noch immer als Beweis angeführt, dass Großkatzen durch die Insel streifen.)
Die Ermittler verglichen eine schauerliche nächtliche Nahaufnahme des Biests mit dem Bild eines echten schwarzen Panthers und bemerkten ein offenkundiges, aber bislang unbemerktes Problem. Der Panther im Käfig besitzt wie alle Großkatzen runde Pupillen, während die Kreatur auf der Fotografie vertikale Schlitze hat, ein Merkmal, das nur bei den kleineren Arten wie etwa der Hauskatze vorkommt. Sie untersuchten die drei Gipsabgüsse, die von im Moor gefundenen Trittsiegeln abgenommen worden waren. Zwei stammten von einer Hauskatze, eines von einem Hund. Sie suchten die grausigen Schafkadaver auf, die, wie die Ortsansässigen unbeirrt behaupteten, von dem Biest zerfetzt worden seien. Dass sie zerfetzt waren, daran bestand kein Zweifel, aber die Bösewichte waren Krähen, Dachse, Füchse oder Hunde gewesen (deren Spuren um manch eines der Gerippe buchstäblich überall verteilt waren), und in den meisten Fällen waren die Schafe zerrissen worden, nachdem sie aus anderen Gründen verendet waren. Die Wissenschaftler räumten zwar ein, es sei unmöglich zu beweisen, dass keine Großkatze existieren würde, aber sie waren auch auf keinen eindeutigen Beweis gestoßen, der für das Gegenteil sprach. Die regierungsamtliche Organisation Natural England sowie die durch die Waliser Regierung einberufene Großkatzen-Sichtungs-Einheit – beide hatten Sichtungen in Großbritannien untersucht – waren zu dem gleichen Schluss gekommen. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Wenn eine lebensfähige Population dieser Tiere existieren würde, gäbe es häufig genug eindeutige Beweise. Wenn diese Beweise fehlen, spricht das dafür, dass eine solche Population nicht existiert. Mit der verschwindend geringen Ausnahme der hin und wieder entlaufenen Exemplare (die allesamt rasch wieder eingefangen oder zur Strecke gebracht worden sind und von denen kein Einziges schwarz war) sind die Biester, die von so vielen vernünftigen, aufrichtigen, seriösen Leuten beobachtet wurden, reine Imagination. All dies hat aber nicht die geringste Wirkung gezeitigt, weder was die Anzahl der Sichtungen anbelangt noch im Hinblick auf die atemlose Leichtgläubigkeit, mit der die Zeitungen darüber berichteten. Ein Artikel in der Daily Mail behauptete, dass »riesige Tatzenabdrücke« im Schnee »endlich den Beweis erbringen« könnten, dass das Biest von Stroud existiert.8 Die Frau, die auf sie gestoßen war, erzählte der Zeitung, das Ganze sehe aus, als »hätte jemand an jeder Zehenspitze, wo seine Klauen eine Vertiefung in den Schnee gedrückt haben, einfach einen Pfeil geworfen.« Dies bestätigt, was die Fotos nahelegen: die Fußabdrücke stammten von einem Hund. Katzen ziehen beim Gehen ihre Klauen ein. Ein langer Bericht im Scotsman mit dem Titel: »Gigantische Pfotenabdrücke – streift eine Großkatze in der Hauptstadt umher?«, behauptete, dass von einem Rentner gesichtete Spuren im Schnee nahelegten, auch Edinburgh werde nun wie London von einer monströsen Raubkatze heimgesucht.9 Ein »Experte«, der eigens konsultiert wurde, meinte, »es ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen«, dass die Fußabdrücke von einem Biest verursacht worden seien. Wenn, dann dürfte es sich um eine furchterregende Kreatur gehandelt haben: ein einbeiniger Nachtmahr, der auf seinen Zehenspitzen durch die Straßen hüpft. Oder es war jemand, der schlicht seine Finger in den Schnee gedrückt hatte.
Ein ebenso plausibler Artikel stand im Guardian. Er berichtet von einem Mann, der behauptet, vom Panther von Sydenham angegriffen worden zu sein.10 Das Biest »sprang auf meine Brust, riss mich zu Boden«, erzählte er.
Ich sah seine riesigen Zähne und das Weiße seiner Augen nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Es fauchte und knurrte und ich war mir sicher, gleich würde es mich ernsthaft verletzen. Ich versuchte, es loszuwerden, aber ich konnte mich nicht rühren, es war schwerer als ich.
Ein Bericht der BBC behauptete, dass der Panther den Mann »für etwa 30 Sekunden in seinen Klauen« hatte und er deshalb »überall am Körper zerkratzt« war.11 Wäre er wirklich so von einem Leoparden angegriffen worden, wäre seine Kehle durchbissen gewesen, bevor er überhaupt mit den Augen hätte blinzeln können.
Meine Lieblingsgeschichte aus der Daily Mail trägt den Titel: »Ist dies das Biest von Exmoor? Kadaver eines rätselhaften Tiers am Strand angespült.«12 Begleitet von einer Fotografie eines verwesten Kopfes (und einer weiteren eines fauchenden schwarzen Panthers) stand in dem Bericht, dass »große Reißzähne aus dem riesigen Kiefer ragten und in der Nachmittagssonne glänzten. Dann das Gerippe. Bis zu eineinhalb Meter lang, kräftige Brust und möglicherweise die Überreste eines Schwanzes.« Die Zeitung hatte mit einem Polizisten vor Ort gesprochen, der die kryptische Bemerkung fallen ließ: »Wie es aussieht, könnte es fast definitiv ein Biest von Exmoor sein.« Erst am Ende der Seite enthüllte der Bericht, dass es sich um eine verwesende Robbe handelte. Zweifellos haben diese fesselnden Geschichten das Biest-Fieber angeheizt, aber viele, die die Großkatzen in Britannien gesehen haben wollen, behaupten auch, vor ihrer Begegnung nie von den Tieren gehört zu haben. Es steht außer Frage, dass, abgesehen von ein paar Witzbolden, die meisten im besten Glauben von ihren Sichtungen berichteten. In vielen Fällen wurde ein Tier von mehreren Leuten gleichzeitig beobachtet, die alle das Gleiche aussagen. Was also geht da vor sich? Warum sind in den vergangenen drei Jahrzehnten die Meldungen über Großkatzen in Großbritannien von jährlich ein paar Dutzenden auf Tausende angestiegen?
In der wissenschaftlichen Literatur findet sich keine Erörterung dieses Phänomens: Ich bin auf keinen einzigen Zeitschriftenartikel gestoßen, der sich mit den Großkatzen-Sichtungen befasst hätte. Kein angefragter Psychologe war in der Lage, mir jemanden zu nennen, der das Phänomen untersuchte.
Vielleicht mag die Tatsache, dass die meisten der gemeldeten Katzen schwarz sind, erklären, was hier geschieht. Schwarz ist die einzige Farbe, die alle Großkatzenarten gemeinhin mit der Hauskatze teilen. Erblickt man etwas, das man für einen fuchsroten Leoparden oder einen gescheckten Löwen halten mag, wird man höchstwahrscheinlich seine Wahrnehmung hinterfragen, bevor man das Gesehene als solches hinnimmt. Man wird wahrscheinlich auch zurückhaltender sein, wenn man anderen von seinem Erlebnis berichtet. Das Missverhältnis zwischen Farbgebung und Größe steht dem Bestätigungsprozess im Wege, mit dem das Gedächtnis das Gesehene verstärkt und womöglich übertreibt. Dieses Hindernis wird weniger wahrscheinlich auftreten, wenn die Katze schwarz ist, was immerhin die Möglichkeit bietet, dass es sich um einen Panther handelt. Die Hauskatzen-Hypothese dürfte zudem erklären, warum offenbar kein Mensch einen Leoparden mit Leopardenfell gesehen hat.
Die Größe eines Tiers zu beurteilen, ist schwierig. In der Zeitschrift The Skeptic weist David Hambling darauf hin, dass die Leute häufig die Tiere, die sie sehen, für weit größer halten, als sie tatsächlich sind.13 Als zum Beispiel Scharfschützen der Polizei einen entflohenen Karakal im County Tyrone in die Enge getrieben hatten, erschossen sie ihn in dem Glauben, es sei ein Löwe. Löwen wiegen zwanzig Mal mehr als Karakale. Die Kellas-Katze Schottlands ist ein schwarzes Biest, das wirklich existiert. Sie ist eine Kreuzung der Schottischen Wildkatze mit einer verwilderten Hauskatze. Oft wurde berichtet, sie habe die Größe eines Leoparden. Tatsächlich maß das größte je erlegte oder gefangene Exemplar 110 cm vom Kopf bis zum Schwanz, was immer noch kleiner ist als die größten Wildkatzen. Besonders schwierig dürfte es sein, die Größe eines schwarzgefärbten Tiers zu beurteilen.
Der Psychologe Richard Wiseman erklärt in seinem Buch Paranormalität:
Viele Menschen denken, dass menschliche Beobachtung und Erinnerung wie ein Videorekorder oder eine Filmkamera funktionieren. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein […]. Zu jedem Zeitpunkt haben Ihre Augen und Ihr Gehirn nur die Verarbeitungskapazität, um einen sehr kleinen Teil Ihrer Umgebung anzusehen […], um sicherzustellen, dass wertvolle Zeit und Energie nicht für bedeutungslose Details verschwendet werden, identifiziert Ihr Gehirn rasch dasjenige, von dem es meint, dass es sich um die bedeutsamsten Aspekte Ihrer Umgebung handelt, die es als wichtig erachtet, und konzentriert nahezu seine gesamte Aufmerksamkeit auf diese Bestandteile.14
Das Gehirn, so Wiseman, scannt die Szenerie, wie eine Taschenlampe ein dunkles Zimmer ableuchtet. Die Lücken füllt es aus und konstruiert aus den Teilinformationen ein vermeintlich komplettes Bild.
Dieses Bild kann sich in unser Gedächtnis einnisten und wir behandeln es, als sei es so konkret und eindeutig wie eine Fotografie in einem Album. Wenn wir uns auf eine Katze konzentrieren und ihre Umgebung außer Acht lassen, kann es vorkommen, dass durch den Auswahlprozess das Biest vergrößert und die Szenerie geschrumpft wird. Ich frage mich zudem, ob es in unserem Gehirn so etwas wie eine Schablone in Form einer Großkatze gibt. Da für unsere Vorfahren Großkatzen einst die gefährlichsten Raubtiere waren,* dürfte es ein starkes evolutionäres Interesse geben, sie zu erkennen, bevor das Bewusstsein das Bild verarbeiten und interpretieren kann. Es könnte sein, dass alles, was vage zu dieser Schablone passt, den Großkatzenalarm auslöst: Es schadet uns wenig, Katzen zu sehen, die nicht existieren, aber diejenigen nicht zu sehen, die existieren, umso mehr.
All dies erklärt jedoch nicht, warum Sichtungen von Großkatzen in den letzten Jahren häufiger geworden sind. Auch wenn das Phänomen anscheinend besonders stark in Großbritannien auftritt, ist es nicht nur auf die Insel beschränkt. Es sind auch zahlreiche Sichtungen in anderen Teilen Europas, in Australien und in Gebieten Amerikas gemacht worden, in denen es schon lange keine Pumas oder Jaguare mehr gibt. Seit Jahrhunderten leben verwilderte Hauskatzen auf dem Land, und es gibt keinen Grund zu der Annahme, und mir sind auch keine Anzeichen bekannt, dass heute ein größerer Anteil als früher schwarz sein sollte. Es könnte sein, dass ihre Population mit dem Nachlassen der Jagdtätigkeit angewachsen ist, aber das müsste mit dem Umstand aufgerechnet werden, dass wir weniger Zeit im Freien verbringen. So ist es eher unwahrscheinlich, dass die um sich greifende Katatonie auf eine zunehmende Begegnung mit Miezekatzen zurückgeht.
Jede Gesellschaft ist von bestimmten paranormalen Phänomenen affiziert, und diese Phänomene reflektieren offenbar unsere Sehnsüchte. Sehnsüchte, die uns nicht unbedingt völlig bewusst sind. Im viktorianischen England glaubten zahlreiche Menschen, dass ihnen die Toten erscheinen und mit ihnen kommunizieren würden. Sie sahen Gespenster, hörten Stimmen und wähnten, sie könnten durch Séancen und Tischerücken mit den Verblichenen Botschaften austauschen. Die Menschen dieser Epoche waren vom Tod besessen. Man muss nur über einen alten Friedhof spazieren und die tragischen Geschichten jener Zeit lesen: Kinder und Ehepartner wurden bisweilen innerhalb weniger Tage von den Epidemien, die seinerzeit in den überfüllten Städten grassierten, dahingerafft. Damals befand sich das Land in einem Zustand nie endender Trauer. Die Vorstellung, dass die Toten in das diesseitige Leben zurückkehren könnten, muss ebenso tröstlich gewesen sein wie der Glaube, sich im Jenseits wieder mit ihnen vereint zu finden. Heute sind Nachrichten über Kontakt mit den Toten nur noch selten.
Als der Wettlauf ins All zwischen den USA und der Sowjetunion auf der ganzen Welt die Fantasie der Menschen beschäftigte, nahmen die Sichtungen von UFOs und Aliens, die zuvor so gut wie unbekannt waren, um ein Vielfaches zu. Es war eine Zeit, in der wir große Hoffnungen in das Veränderungspotenzial der Technik setzten. Damals stellten sich viele Menschen vor, auf anderen Planeten zu leben und durch Galaxien und die Zeit zu reisen. Es war auch die Zeit, in der die Welt kleiner wurde und uns bewusst wurde, dass das Zeitalter der Entdeckungen auf der Erde und der Begegnung mit noch unbekannten Menschengruppen zu Ende ging; dass der Planet Erde womöglich ein weniger aufregender Ort wurde und sicherer war als bislang. Aliens und ihre Fertigkeiten füllten die Lücke, elektrisierten uns mit der Möglichkeit, dass Begegnungen mit unbekannten Kulturen weiterhin möglich seien, und stellten zugleich das Versprechen dar, dass auch wir jene Beherrschung von Technik und Physik erreichen würden, die wir den Außerirdischen zuschrieben. Heute hören wir nicht mehr so viel über UFOs – vielleicht weil unser Glaube an die erlösende Kraft der Technik nachgelassen hat. Könnte es also sein, dass herbeifantasierte Großkatzen einem unerfüllten Bedürfnis entspringen? Jetzt, da unser Leben zahmer und vorhersehbarer geworden ist, da Fülle und Vielfalt der Natur zurückgehen, da unsere körperlichen Herausforderungen so gering geworden sind, dass die größte Kraft- und Geschicklichkeitsprobe, mit der wir es heute zu tun bekommen, das Öffnen einer schlecht entworfenen Nusspackung ist, könnte es da nicht sein, dass uns diese illusorischen Kreaturen etwas liefern, das uns mangelt?
Vielleicht verleihen die Biester, die so viele Menschen heute in den dunklen Ecken des Landes auf der Lauer wähnen, unserem Leben einen Kitzel, den wir uns sonst nur künstlich verschaffen können. Vielleicht wecken sie alte genetische Erinnerungen an Konflikte und schieres Überleben, Erinnerungen, die Begegnungen mit großen Raubkatzen beinhalten dürften – womöglich die heikelsten Zusammenstöße, denen unsere Ahnen ausgesetzt waren. Sie verweisen auf den geheimen Wunsch nach einem Leben, das wilder und stürmischer ist als das Leben, das wir heute führen. Mit gelben Augen und fauchend stieren unsere Sehnsüchte aus dem Dickicht unseres Verstands.
Ich nehme an, und ich verallgemeinere natürlich, dass die Konkretisierung unserer inneren Großkatzen nicht das einzige Phänomen ist, das auf ein solches Verlangen verweist. Man vergegenwärtige sich nur die verbreitete und andernfalls unerklärliche Reaktion auf den Tod von Raoul Moat. Moat wurde 2010 aus dem Durham-Gefängnis entlassen, nachdem er eine Freiheitsstrafe wegen Kindesmisshandlung abgesessen hatte. Mit einer abgesägten Schrotflinte und vielleicht von »Roid Rage« gepackt – jener explosiven irrationalen Wut, wie sie Bodybuilder bei Einnahme von Steroiden befällt – zog er los, um mit seiner früheren Freundin und der Polizei eine vermeintliche Rechnung zu begleichen. Er schoss seiner Ex-Partnerin in den Bauch und tötete ihren Freund, dann feuerte er einem Polizisten ins Gesicht, der dadurch erblindete.
Polizeibeamte aus acht Polizeieinheiten wurden mobilisiert, um ihn dingfest zu machen, aber fast eine Woche lang konnte er immer wieder entkommen. Er lebte im Freien, schlief in Abwasserkanälen und verlassenen Gebäuden. Auf dem Höhepunkt der Fahndung waren zehn Prozent der diensthabenden Polizeibeamten in England und Wales für seine Jagd im Einsatz. Teile von Northumberland wurden evakuiert. Als er schließlich gestellt wurde, hielt Moat die Polizei sechs Stunden hin, bevor er sich selbst in den Kopf schoss.
In anderen Worten, er war das Gegenteil von einem Helden: er hat Kinder misshandelt, gemordet, unbewaffnete Menschen verstümmelt. Doch noch immer, lange nach Moats Tod, erscheinen auf Facebook-Seiten Lobgesänge auf ihn.* Hier ein paar Beispiele:
R.I.P. Sir Raoul Thomas Moat – Ein wahrer Volksheld. Sir Raoul wurde von der Polizei Northumbrias kaltblütig ermordet. Wer das Geräusch einer abgefeuerten Schrotflinte kennt, weiß, dass er sich nicht umgebracht hat. Wir werden dafür kämpfen, dass dir, unserem tapferen gefallenen Soldaten, Gerechtigkeit widerfährt.
R.I.P. Raoul, Du warst ne echte LEGENDE! Werden dich vermissen, Kumpel! Wären doch die Leute wie du, nicht lange rumreden und tun, was man vorhat! DENKE DU HÄTTEST NOCH WEITER GEHEN KÖNNEN! R.I.P. KUMPEL FELS IM HIMMEL FELS HIER UNTEN! TOTALE LEGENDE
Ein echter Volksheld … Krank, wie unser Nationalschatz behandelt wurde. R.I.P. Sir Raoul Moat, verschieden, aber unvergessen.
Es gibt tausende solcher Nachrichten, gepostet von Männern wie Frauen. Moat scheint ein Vehikel zu sein für einen Drang, dem nachzugeben, was wir uns nicht leisten können. Er wird bewundert für seine Gewandtheit, sich der Ergreifung zu entziehen, wie ein wildes Tier durch die Gehölze und Dickichte von Northumberland huschend, die von der Polizei eingesetzten Hunde und Hubschrauber überlistend. Er war aus seinem Käfig ausgebrochen und zum Wilden geworden und scheint damit die Sehnsüchte von Menschen freigesetzt zu haben, die sich in ihrem Leben gefangen fühlen. Einige der Kommentatoren, die die Bewunderung für einen Mörder beklagten, benutzten denselben Ausdruck. Sie missbilligten, dass Moat »zum Löwen gemacht«, also vergöttert wurde.15 Dieses Wort besitzt mehr Gewicht als von den Autoren beabsichtigt.
*Als ich kurz nach der Lektüre von Bruce Chatwins berühmtem Bericht in Südafrika war, bat ich den Kurator des Transvaal Museums, mir die Schädel von Dinofelis zu zeigen, den Scheinsäbelzahnkatzen, sowie die der Hominiden, auf die sie wahrscheinlich Jagd gemacht haben und deren Schädelknochen sie unmittelbar über der Wirbelsäule mit ihren mächtigen Reißzähnen durchlöchert hatten. Sie sahen genau so aus wie in Bruce Chatwins Traumpfaden beschrieben.
* Moats Geschichte – und die merkwürdige öffentliche Resonanz – gleicht der von Harry Roberts, dem bewaffneten Räuber und sadistischen Mörder von Gefängnisinsassen in den späten Kolonialkriegen. Nachdem er 1966 zwei Polizisten erschossen hatte, war er auf der Flucht. Bevor er ergriffen werden konnte, versteckte er sich 96 Tage lang in den Wäldern. Wie Moat wurde auch dieser aufbegehrende Mensch von manchen Leuten als Volksheld gefeiert.
6)Die Wüste begrünen
Da durch den alten Eichenwald ich ging,
Lasst mich des öden Traumes nicht durchwandern.
John Keats, Sich niederlassen, um nochmals König Lear zu lesen
Am Abend vor Allerheiligen. Nos Galan Gaeaf. Frühe Fröste und stille Tage hatten einen leuchtenden Herbst beschert. Die Birken sahen aus, als ob Goldmünzen regneten. Hier und da das flammende Laub einer Buche vor den blassen Eschenblättern und den braunvioletten Eichen. Wie Zinn schimmerte die Sonne hinter den Wolken, die Luft stand fast still. Der Tag hatte etwas Sämiges, als ob er mit Ölfarbe gemalt worden wäre, oder als seien Luft, Laub und Boden das Fleisch eines einzigen Organismus. Wie Blutflecken stachen die Beeren des Weißdorns aus dem Grün des Waldes hervor.
Am Rand des Pfads waren die Samenkapseln des absterbenden Weidenröschens zu weißen Schnurrhaaren aufgesprungen. Rinnsale sickerten durch Steinbrech und Geißblatt. Aus dem Wasser flogen verspätete Köcherfliegen auf und ruderten durch die sämige Luft. Von der anderen Seite des Tals drang ein altes Geräusch an mein Ohr, das hier in den Hügeln selten geworden war. Ein Bauer, der nach seinen Hunden rief und pfiff. Ich verließ den Pfad und stieg hinauf in das letzte Waldstück vor der Wüste.
Der Wald zog sich einen sanften Hügel hinauf und als ich dorthin ging, wo es heller wurde, stoben ein paar Schafe vor mir davon. Ich schreckte einen Eichelhäher und einen Buntspecht auf, die durch die herbstlichen Bäume mit einem langen hohen Ton davonflogen. Der Waldboden war abgegrast. Unter den abgefallenen Blättern war nur noch Moos, Schafdung und Erde. Ein einzelner Semmelstoppelpilz war von den Schafen umgeknickt worden und zeigte seine langen feinen Stoppeln. Es gab keine krautigen Pflanzen, keine Schösslinge, keine Bäume, die jünger als etwa hundert Jahre alt waren, kein Unterholz irgendwelcher Art. Viele Eichen waren umgestürzt oder kurz vor dem Absterben. Der alte Wald ging ein. Die Schafe fraßen jeden Sämling, der sich zeigte, und töteten den Wald.
Der Wald wurde schütterer, ging in Birken, Farn und vereinzelte Ebereschen über und dann in schwammiges Grasland. Beim Gehen über den bloßen Berghang konnte ich an den moosigen Kuppeln erkennen, wo Bäume umgestürzt waren: Die Grabhügel eines bis vor Kurzem noch sehr viel größeren Waldes. Ich arbeitete mich durch Farn und gelbes Gras und über rot bemooste Ameisenhügel. Der Farn wich bald dem Pfeifengras, das nach den harten Frösten langsam grau wurde. Die letzten Saftlinge und Risspilze hingen schlaff über ihren Stielen.
Ich stieg auf die Spitze eines kleinen Hügels. Im Osten lag Bryn Brith, der gesprenkelte Hügel, dessen Name vermuten lässt, dass er schon seit Langem seiner Bäume verlustig gegangen ist. Das gelbe Gras war stellenweise durchsetzt von blaugrünem Stechginster. Dahinter lagen die langen verschwommenen Hügelbahnen, die den Pumlumon, den höchsten Berg auf dem Plateau, umgaben, graubraun und baumlos. Im Süden gingen die Hügelreihen mit zunehmender Ferne von gelb über grün nach blau über und reichten bis tief nach Ceredigion und Pembrokeshire hinein. Dahinter war ein grauer Streifen Meer zu erahnen.
Obwohl ich viele Kilometer weit schauen konnte, gab es außer ein paar Sitka-Fichten-Anpflanzungen in der Ferne und einem sich an die Steilhänge der Täler klammernden, verkrüppelten Weißdorn oder einer Eiche hier und da in diesem ganzen weitläufigen Panorama keine Bäume. Das Land war geschändet worden. Sein Pelz war abgeschält worden und jede Muskelkontur, jede Knochenerhebung lag bloß. Manche Leute geben vor, diese Landschaft zu lieben. Ich finde sie trostlos, ja erschreckend. Ich drehte mich in alle Richtungen, versuchte einen Ort auszumachen, der mir attraktiv erschiene, fühlte mich dabei, wie sich eine Katze an einem solchen Ort fühlen würde, ohne Deckung, dem Wind und dem Himmel ausgesetzt und verzweifelt nach einem geschützten Ort Ausschau haltend. Ich machte mich auf den Weg zu den einzigen Anhaltspunkten auf der Karte, die der Szene etwas Abwechslung verleihen dürften: einer Reihe von Staubecken und Baumplantagen.
Außerhalb des Waldes fühlte sich der Tag kälter an. Zwischen den Bäumen schien alles ruhig gewesen zu sein. Hier aber herrschte ein schneidender, feuchter Wind. Ich folgte einem Weg, der mich an einer eingestürzten Trockensteinmauer entlangführte, die durch Pfosten und Draht ersetzt worden war. Kein einziger Vogel flog auf, noch nicht einmal eine Krähe oder ein Pieper. Es gab weder Wacholder- noch Rotdrosseln, weder Lerchen noch Kiebitze. Mit Ausnahme der agrarchemischen Monokulturen East Anglias ist mir in Großbritannien noch keine Landschaft begegnet, die so wenig Leben birgt wie diese von manch einem aus der Gegend als Kambrische Wüste bezeichnete Hochebene. Fast überall wuchsen auf der abgerupften Grasnarbe nur zwei Arten von Blütenpflanzen, eben jene beiden, die die Schafe nicht abweiden: Blaues Pfeifengras und eine kleine Pflanze mit gezähnten Blättern und gelben Blüten namens Blutwurz.
Ich folgte dem Bwlch-y-maen-Pfad (Steinige-Talmulde-Pfad) über nackte Hügel und durch nackte Täler, bis ich an einen Punkt kam, der eine weite Mulde mit einem kleinen Staubecken namens Llyn Craig-y-pistyll in ihrer Mitte überblickte. Ich setzte mich auf einen Felsen und fühlte, wie ich in eine Depression sackte. Das Gras in der Talmulde trug bereits Winterfarben. Keine anderen Farben als grau, braun und schwarz: graues Wasser, pappbraunes Gras, die schwarzen Kronen der Sitka-Fichte auf einem entfernten Hügel. Die schwarze Narbe eines Landwirtschaftswegs hie und da verdarb den Blick weniger, als sie ihm Linderung bot. Auf meiner Karte konnte ich sehen, dass sich nichts ändern würde, selbst wenn ich noch den verbleibenden Tag und den ganzen nächsten weiterwanderte: Kein Baum auf der Hochebene, außer ein paar Ansammlungen von Salweiden oder Birken und den düsteren Palisaden der angepflanzten Fichtenwaldungen.
Als ich ungläubig über dieses Panorama blickte, zerstreute sich die Wetterfront in einen Haufen kleiner Wölkchen und die Sonne brach durch. Aber anstatt die Szene zu beleben, brachte sie lediglich die Trostlosigkeit der Szenerie zur Geltung. Jetzt war die graue Mauer der Fichtenstämme mit den grünen Zinnen darüber zu sehen. Die Leere schien sich im Sonnenlicht noch auszudehnen. Ich trottete an den See hinunter. Am gegenüberliegenden Ufer saßen fünf Kanadagänse. Es waren die ersten Vögel, die ich zu Gesicht bekam, seitdem ich den Wald zwei Stunden zuvor verlassen hatte. Als sie mich bemerkten, watschelten sie ins Wasser und trieben leise schnarrend davon. Schafe zogen am Ufer entlang.
Dafür dass es Herbst war, stand das Wasser überraschend tief. Das schiefrige Geröll der Uferböschungen und der schwarze, von Schafspuren zerwühlte Schlamm am Boden des Staubeckens waren zum Vorschein gekommen. Ich setzte mich ans Wasser und aß zu Mittag. Von wo ich saß, sahen die Wipfel der Fichtenbäume aus wie eine über den Hügel mit erhobenen Lanzen vorrückende Armee. Obwohl es Sonntag war, hatte ich noch keine Menschenseele gesehen. Ich lehnte mich an die freiliegende Uferböschung des Staubeckens und kleidete in Gedanken die Landschaft ein, malte mir aus, was einmal hier gelebt haben mochte, was hier wieder leben könnte. Dann erhob ich mich, stolperte den Hügel hinauf und lief den Pfad entlang zurück. Als ich in den glimmenden Aschehaufen des in Ruinen liegenden Waldes mit seinen gelegentlichen Vogelrufen zurückkehrte, weinte ich beinahe vor Erleichterung.
Die Cambrian Mountains nehmen von Machynlleth im Norden bis nach Llandovery im Süden, von Tregaron im Westen bis Rhayader im Osten um die 1200 Quadratkilometer ein. Sie sind nahezu unbewohnt und werden so gut wie nie besucht. Zwei Freunde von mir durchwanderten sie sechs Tage lang, ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Die Höhenzüge beginnen 250 Meter vor meinem Haus. Ich sehe sie von meinem Küchenfenster aus, von wo sie sich durch fridd* und Birkenwälder zu einer blanken Silhouette erheben.
Bevor ich nach Wales zog, lebte ich mehrere Jahre in einem dichtbevölkerten Stadtviertel. Immer wenn ich die wilden Schreie der Möwen hörte und nach oben blickte, um sie den schmalen Himmelsstreifen durchfliegen zu sehen, fühlte ich, wie ein kleiner Riss im Gewebe meines Lebens ein bisschen länger wurde. In solchen Augenblicken wusste ich, dass ich am falschen Ort lebte. Wo die Möwen hinzogen, dort wollte ich sein.*
Als ich in Wales ankam, wo ich mich zwischen den beiden am dünnsten besiedelten Gegenden Großbritanniens befand – den Kambrischen Bergen auf der einen Seite meines Tals und Snowdonia auf der anderen –, fühlte ich mich beinahe überwältigt. Wie ein Batteriehuhn, das aus seinem Käfig freigelassen wurde, wagte ich mich anfangs nur zögerlich in die Berge, da ich nicht glauben wollte, dass ich einfach so aus meiner Tür treten und gehen konnte, wohin ich wollte, und so weit, wie ich wollte, fast ohne auf eine Straße oder ein Haus zu treffen.
Als ich aber diese weiten Gebiete zu erkunden begann und oft den ganzen Tag über die Hügel wanderte, wich mein Erstaunen und meine Begeisterung bald der Enttäuschung. Auf die Enttäuschung folgte Verzweiflung. Der fast vollkommenen Abwesenheit menschlichen Lebens entsprach, wie ich feststellte, eine fast vollständige Abwesenheit wilder Pflanzen und Tiere. Die zerstückelten Ökosysteme der Stadt, aus der ich kam, wiesen ein viel reicheres Leben, eine reichere Struktur und interessantere Begebenheiten auf. In Mittel-Wales waren die Wälder spärlich und meistenteils im Absterben begriffen, da es an Unterholz mangelte. Die Auswahl an Blütenpflanzen auf offenem Land war jämmerlich. Vögel jeglicher Art waren selten; oft gab es nur Krähen. Insekten waren so gut wie keine zu sehen. Ich durchstreife diese Berge nun seit fünf Jahren und habe mich mit Ausnahme einer weniger kleiner Winkel nie mit ihnen verbunden gefühlt. Immer wenn ich mich in die Kambrische Wüste vorwage, laufe ich Gefahr, meinen Lebenswillen zu verlieren. Das Land sieht aus, als herrsche dort ewiger Winter.
Es gilt, besonders in diesem patriotischen Land, als illoyal, die hiesige Landschaft kleinzureden. Manche Leute halten sie für schön. Die Cambrian Mountain Society feiert die Leere der Region und beschreibt sie als »weithin unverdorbene Landschaft«.1 Beifällig zitiert sie den Autor Graham Uney: »Nichts in Wales lässt sich mit der Wildnis und der Atmosphäre absoluter Einsamkeit dieser weiten leeren Moorgebiete vergleichen.«2 Dazu kann ich nur sagen: Gott sei Dank! Was er als Wildnis preist, ist für mich trostlos und kaputt. Diese baumlosen, abgemähten Berge sehen aus wie das Set eines postapokalyptischen Films. Durch die Vogelarmut und das Fehlen anderer Wildtiere gewinnt man den Eindruck eines vergifteten Lands. Die Leere stößt mich ab. Aber ich habe auch anzuerkennen, dass sie eine bemerkenswerte Errungenschaft ist.
Denn die Kambrischen Berge waren einst dicht bewaldet. Was mit ihnen und den Hochlagen fast überall in Europa in unterschiedlichem Grad geschehen ist, lässt sich an einem feinkörnigen Pollenbohrkern ablesen, der in den Clwydians, einer anderen, etwa 60 Kilometer nördlich liegenden Waliser Bergkette, entnommen wurde.3 Ein Pollenbohrkern ist ein zylindrisches Stück Boden, das an einem Ort entnommen wird, wo sich Sedimente über einen langen Zeitraum ununterbrochen abgelagert haben, idealerweise ein See oder ein Moor, in dem sich Torfschichten gebildet haben. Jede dieser Schichten fängt die unsichtbar auf den Boden niedergehenden Pollenkörner und Kohlenstoffpartikel ein, die den Archäologen später eine Datierung erlauben.
Das Bohrgut aus den Clwydians wurde 2007 aus einem Moor entnommen, in dem sich während der letzten 8000 Jahre Torf abgelagert hatte. Zu Anfang der Pollenreihe war das Pflanzenleben noch von den kalten, trockenen Bedingungen gekennzeichnet, die auf den Rückzug des Gletschereises folgten. Bäume – Hasel, Eiche, Erle, Weide, Kiefer und Birke – machten in dieser Schicht etwa 30 Prozent des Pollens aus, der Rest stammte fast ausschließlich von Gräsern. Als das Wetter feuchter und wärmer wurde, begannen sich Ulme, Linde und Eschen breitzumachen. Die Wälder wurden dichter und dunkler. Vor etwa 4500 Jahren stammten über 70 Prozent der Pollen in der Probe von Bäumen. Pollen des Heidekrauts trugen hingegen lediglich etwa 5 Prozent bei.4
In der Jungsteinzeit (vor 6000 bis 4000 Jahren) wurde das Bergland nach und nach von Bauern besiedelt. Über Jahrtausende rodeten sie schrittweise Land für den Feldbau, weideten ihre Schafe und Rinder auf den Hügeln und brannten die verbliebenen Bäume ab. Das Roden, Niederbrennen und Abweiden nahm dem Boden seine Fruchtbarkeit und begünstigte die Verbreitung des auf armen Böden gedeihenden Heidekrauts. Bis vor etwa 1300 Jahren enthielt der Torf noch Pollen eines Gutteils der Bäume, die in den ursprünglichen Urwäldern vorkamen. Bald darauf verschwanden Esche und Ulme aus den Proben, dann Linde und Kiefer. Danach, bis auf ein paar Restbestände, die anderen Arten.
Mit dem Rückzug der Bäume begann der Anteil der Heidekrautpollen zu steigen. In den Pestjahren und den Zeiten des wirtschaftlichen Kollapses im vierzehnten Jahrhundert sowie im fünfzehnten Jahrhundert aufgrund der Wirren, die auf die Rebellion Glyndŵrs folgten, verzeichnet die Probe eine kurze Erholung des Waldbestands. Die Regeneration hielt jedoch nicht lange an. Um 1900 hatten sich die vor 1000 Jahren herrschenden Verhältnisse umgekehrt: Bäume lieferten nur noch 10 Prozent der Pollen, Heidekraut 60 Prozent. Der Wald ist der Heide gewichen. Inzwischen ist im britischen Hochland und besonders in den Kambrischen Bergen die Heide meistenteils von Grasland abgelöst worden.
Bis die Heide die Clwydians mit ihrem relativ fruchtbaren Boden dominierte, dauerte es länger als in den meisten anderen Hochlagen der Insel. Wo der Boden karger ist, wurde sie bereits in der Bronzezeit, vor 4000 bis 2700 Jahren, zur vorherrschenden Vegetationsform. Wenn ich an die Bronzezeit denke, dann stellt sie für mich die Zeit dar, in der das Bergland bronzefarben wurde.
Die Pollenaufzeichnung – und ähnliche Befunde aus dem übrigen Land – weist auf verschiedene Dinge hin. Sie zeigt, dass die offenen Landschaften des britischen Berglands, die Heiden und Moore und Hochmoore, das Grasland und der bloße Fels, all das, was meist als natürlicher Zustand der Berge erachtet wird und in tausenden romantischen Filmen und abertausenden Werbeanzeigen für Kleidung, Autos und Mineralwasser zur Schau gestellt wird, das Ergebnis menschlicher Tätigkeit ist, allem voran der Weidewirtschaft mit Schafen und Rindern. Sie zeigt, dass Beweidung und Kultivierung den Boden verarmen ließen. Sie zeigt auch, dass die Bäume zurückkehren, sobald der Beweidungsdruck nachlässt.
Stellt man sich vor, wie die Ökosysteme dieser Hügellandschaft ausgesehen haben, nachdem die Bäume in der frühen Mittelsteinzeit zurückkehrten und bis sie von den Bauern gerodet wurden, so vermittelt das Wort Waldgebiet einen irreführenden Eindruck. Von Schottland bis Spanien war das westliche Küstenland Europas von Regenwald bedeckt. Regenwald gibt es nicht nur in den Tropen. Er kommt an Orten vor, die feucht genug sind, dass sich Epiphyten, also Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen, auf Bäumen ansiedeln können. Ein paar Kilometer von meinem Wohnort entfernt bin ich auf etwas gestoßen, was offenbar ein winziges Überbleibsel des einstigen großen atlantischen Regenwalds darstellt. In der Nantgobaith-Schlucht liegt eine vor Schafen geschützte Insel eines Urwalds mit dichtem Blätterdach. Die über dem Wasser stehenden Bäume sind geschmückt mit Moos und Flechten. Polypodium – vielfüßiger Tüpfelfarn – hängt von ihren Ästen. Durch das Blätterdach ziehen Trupps von Langschwanzmeisen, Wintergoldhähnchen, Kleibern und Baumläufern. Als ich an einem Herbsttag das Cwm Nantgobaith hinauflief, bemerkte ich etwas Unverkennbares, aber zugleich so Unvertrautes, dass ich einen Moment lang brauchte, es zu verarbeiten. Zwischen den braunen Eichenblättern auf dem Pfad glänzte es wie ein Goldstück. Ich hob es auf. Es war ein Blatt der Tilia cordata, der kleinblättrigen Linde. Narzissengelb und zwiebelförmig nahm es gerade die Vertiefung meiner Handfläche ein. Ich blickte den Pfad entlang und sah ein weiteres und dann noch eins. Ich folgte dem Weg bis zu zwei großen Stämmen, die sich aus einem Wurzelstock verzweigten und sich in das Blätterdach über dem Pfad schraubten. Ich war schon viele Male unter ihnen hindurchgegangen, hatte sie aber nie bemerkt. Da ihre Stämme in dichtes Moos gehüllt waren, unterschieden sie sich nicht von den Eichenstämmen, und ihre Blätter waren nur weit über meinem Kopf zu sehen. Seither habe ich noch einige weitere Linden in der Schlucht entdeckt. Es handelt sich um einen Baum des alten Urwalds, der in Wales nur noch selten zu finden ist. Sein Vorkommen an dieser Stelle lässt vermuten, dass dieser Überrest eines Regenwalds seit prähistorischer Zeit ohne Unterbrechung hier gewachsen ist.
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