Читать книгу: «Die Entdeckung Alaskas mit Kapitän Bering»
Georg Wilhelm Steller (1709-1746) wurde in Bad Windsheim geboren. Er war deutscher Arzt und Naturforscher. Weil er in Preußen keine Aussicht auf eine Anstellung hatte, ging er nach Russland. Er galt als einer der besten Kenner der Geographie, Geschichte und Völker Kamtschatkas und wurde durch die Entdeckung der nach ihm benannten Großen Nordischen Seekuh (Stellersche Sehkuh) weltberühmt.
Vitus Jonassen Bering (1681-1741) wurde 1703 von Zar Peter dem Ersten als Kapitän der Nordischen Marine in Dienst genommen. Er nahm am Dritten Nordischen Krieg gegen Schweden teil, sowie an Gefechten im Russisch-Türkischen Krieg. 1725 wird er zum Leiter der Kamtschatka-Expedition ernannt.
Dr. Volker Matthies (geb. 1945), Prof. i. R.; studierte Politische Wissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte, Geographie und Ethnologie. Er lehrte und forschte in Hamburg am Deutschen Ubersee-Institut, am Institut für Politische Wissenschaft der Universität sowie an der Führungsakademie der Bundeswehr. In der Edition Erdmann hat er bereits die Abenteuer im arktischen Kanada von Samuel Hearne herausgegeben.
Zum Buch
Russland im 18. Jahrhundert: Nach seiner Öffnung zum Westen unter Zar Peter dem Großen suchte es nun das Fenster zum Osten; Sibirien war zu erschließen, die Beziehungen zu Japan und Amerika auszubauen. Und nun stellte sich die Frage, deren Antwort schon längst vergessen war: Gibt es eine Landbrücke zwischen Asien und Amerika? Erst die zweite Expedition unter Kapitän Bering brachte den Durchbruch, den Erfolg – aber unter welchen Mühen und mit welchen Opfern! Georg Wilhelm Steller, der Arzt und Naturwissenschaftler, schrieb die Geschichte der Großen Nordischen Expedition, der Entdeckung Alaskas, an der er selbst auch teilnahm, für die Nachwelt auf.
Im Juni 1741 verlässt die St. Peter unter Kapitän Bering Kamtschatka. Nach sieben Wochen sichtet die Besatzung die erhabene Küste Alaskas. Eines der größten Forschungsunternehmen der Geschichte war die Große Nordische Expeditton von 1733 bis 1743, in deren Verlauf Alaska und die später nach dem Kapitän der Expedition benannte Beringstraße entdeckt wurden. Mit über fünfhundert Teilnehmern, darunter ein großer Stab an Wissenschaftlern, war diese Expedition von Zar Peter dem Großen beauftragt worden Sibirien zu erforschen und einen nordöstlichen Seeweg nach Asien zu entdecken. Georg Wilhelm Steller, Arzt, Naturwissenschaftler und Menschenfreund, hielt die Geschichte der Großen Nordischen Expeditton, der Entdeckung Alaskas mit Kapitän Vitus Jonassen Bering, für die Nachwelt fest.
DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER

Der »Böse Gott« der Kamtschadalen
Georg Wilhelm Steller
Die Entdeckung
Alaskas mit
Kapitän Bering
Von Sibirien nach Amerika
1741 – 1742
Herausgegeben
von Volker Matthies

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Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013
Der Text basiert auf der Ausgabe Edition Erdmann, Wiesbaden 2013
Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH
Nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München
Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin/North Wind Picture Archiv
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0348-9
www.marixverlag.de
Inhalt
Einführung des Herausgebers
Beschreibung der Seereise von Kamtschatka nach Amerika mit dem Kapitän-Kommandeur Bering
Beschreibung der Beringinsel
Von der Seekuh
Von den Seetieren um Kamtschatka
Vom Reisen auf Kamtschatka
Von dem Zustand des Landes Kamtschatka vor der Okkupation
Von der ersten Okkupation des Landes Kamtschatka
Maße und Gewichte
Verzeichnis der Quellen und Literatur
Bildnachweis
Dank des Herausgebers
Einführung des Herausgebers
Dieses Buch handelt von zwei Entdecker- und Forscherpersönlichkeiten, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Dienst des zaristischen Russlands zur Erforschung und Erschließung Sibiriens sowie zur Sicherung russischer Interessen im Nordpazifik (gegenüber Amerika und Japan) beitrugen. Beide Persönlichkeiten waren »Ausländer« in russischen Diensten: Vitus Jonassen Bering war Däne, und Georg Wilhelm Steller war Deutscher. Beide können als Repräsentanten der kosmopolitischen Szenerie gelten, die im Zuge der von Zar Peter dem Großen eingeleiteten Politik der Öffnung zum Westen in Russland entstand. Das unter Zar Peter I. (1682–1725) zwangsweise modernisierte und machtpolitisch erstarkte Russische Reich wollte sich im Konzert der europäischen Mächte seinen Platz sichern, sich seiner Naturschätze bedienen, maritime sowie koloniale Unternehmungen fördern, seine Handelsbeziehungen ausbauen und seine Grenzen und Küsten gegenüber möglichen Bedrohungen von außen schützen.
Zu diesen Zwecken wurden aus aller Herren Länder zahlreiche Fachleute (namentlich Seeoffiziere, Ingenieure und Schiffbauer) und Wissenschaftler angeworben und in Russland mit zum Teil hohen Funktionen betraut. Im Bereich der Wissenschaft (1725 nahm die Petersburger Akademie der Wissenschaften ihre Arbeit auf) hatten namentlich die Deutschen (neben Georg Wilhelm Steller vor allem Johann Georg Gmelin, Gerhard Friedrich Müller und später Peter Simon Pallas) großen Anteil an der Erforschung Sibiriens. Das 18. Jahrhundert gilt als das »Zweite Entdeckungszeitalter« (John H. Parry, Europäische Kolonialreiche, München 1972); die Verwissenschaftlichung der Entdeckungsreisen hatte begonnen.
Vitus Bering wurde die Leitung eines gewaltigen Forschungsunternehmens übertragen, der »Ersten« und »Zweiten Kamtschatka-Expedition« (Letztere auch unter dem Namen »Große Nordische Expedition« bekannt), deren Hauptziele die Kartierung weiter Teile Sibiriens und die Erkundung der Verbindungen des Russischen Reiches mit Amerika und Japan waren. Diesen sich über mehrere Jahre hinziehenden Expeditionen (1725–1730; 1733–1743) war später ein großer Wissenschaftlerstab zugeordnet, zu dem auch Georg Wilhelm Steller gehörte.
Während Bering als dem Kapitän-Kommandeur die Gesamtleitung und Gesamtverantwortung des Unternehmens oblag, kam Steller als »Adjunktem« (Gehilfe) der Petersburger Akademie der Wissenschaften eine eher untergeordnete Stellung zu; als Mitglied des wissenschaftlichen Stabes war ihm die naturwissenschaftliche Erforschung Kamtschatkas aufgetragen worden.
Die Bedeutung Stellers als Reiseschriftsteller und als Wissenschaftler reicht jedoch weit über seinen Status im Rahmen der Expedition hinaus. Vor allem wurde er als Teilnehmer an der Amerikafahrt Berings deren bedeutendster Chronist.
Bering, der auf der Rückfahrt von Amerika starb, wurde lange Zeit der Ruhm seiner Entdeckungstaten (zugunsten des russischen Kapitäns Tschirikow) streitig gemacht; verkannt blieben auch viele Jahre hindurch die Tragweite seiner Unternehmungen und die Größe seiner Leistungen. Doch immerhin wurde er später auch als »russischer Entdecker« rehabilitiert und fand – wie Kurt Lütgen in Anlehnung an Joseph Conrad formuliert – zumindest Eingang in die »kleine Unsterblichkeit der Lexika und Atlanten« (Beringstraße, Beringmeer, Beringinsel).
Demgegenüber blieb Steller der Welt weithin unbekannt, obwohl er zu den ersten »modernen« Naturforschern und Reiseschriftstellern gehört. In seiner Heimat Deutschland fiel er der Vergessenheit anheim; nicht einmal Embachers »Lexikon der Reisen und Entdeckungen« von 1882 oder das »Biographische Lexikon der hervorragendsten Ärzte aller Zeiten und Völker« von 1887 erwähnen ihn. Steller verstarb zu früh (mit siebenunddreißig Jahren), um sein wissenschaftliches Werk vollenden und internationale Berühmtheit erlangen zu können.
Beide Männer – Bering und Steller – gingen ein Stück ihres Lebensweges gemeinsam. Obwohl ihre Beziehungen keineswegs frei von Spannungen waren, scheinen sie sich auf ihre Weise geschätzt und ergänzt zu haben: der ältere, etwas bedächtige Däne, von Ausbildung und Beruf Seemann und Soldat, und der jüngere, etwas hitzige Deutsche, von Ausbildung und Beruf Arzt und Naturwissenschaftler. Doch ungeachtet gewisser Missstimmigkeiten hat Steller den vor ihm verstorbenen Bering fair und verständnisvoll gewürdigt. Zum Teil spiegeln ihre Beziehungen nur die allgemeinen Spannungen zwischen dem (militärischen) Seekommando und dem (zivilen) Wissenschaftlerstab der Expedition wider, wie man es auch von anderen großen Entdeckungs- und Forschungsreisen her kennt (man denke etwa nur an das schwierige Verhältnis zwischen Kapitän Cook und den beiden Försters oder zwischen Kapitän Kotzebue und Adalbert von Chamisso).
Zeitgenössische Ansicht von St. Petersburg
Sowohl Bering als auch Steller sollen im Folgenden in ihren persönlichen Lebensläufen ebenso wie im Rahmen der russischen geographischen Entdeckungen vorgestellt und gewürdigt werden, insbesondere auch vor dem Hintergrund ihres gemeinsamen Schicksals und ihrer gemeinsamen Leistung während der Amerikafahrt. Da Steller der wichtigste Berichterstatter dieser Reise war und das vorliegende Buch sich auch seinem wissenschaftlichen Werk widmet, sollen seine Leistungen als Naturforscher und Reiseschriftsteller besonders hervorgehoben werden.
Die Eroberung und Erforschung Sibiriens
Die Eroberung und Erschließung Sibiriens wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von dem Handelshaus der Stroganows, einer aus dem nordrussischen Bauerntum aufgestiegenen, durch Salzhandel reich gewordenen Unternehmerdynastie, und einer Schar verwegener Kosaken unter Jermak in Angriff genommen. Der von den Stroganows ausgerüstete und bewaffnete Jermak eröffnete 1581 seinen Feldzug über den Ural nach Westsibirien, wo er die dort lebenden Völkerschaften unterwarf und Sibir (oder Isker) eroberte, die am Irtysch gelegene Hauptstadt des Tatarenkhans Kutschum. Nach Jermaks Tod (1584) gingen die westsibirischen Eroberungen zeitweilig wieder verloren, doch wurde 1598 von Truppen des Zaren der Sieg über den sibirischen Khan endgültig errungen. Alle Rechte der Stroganows gingen nunmehr auf die Krone über, Westsibirien wurde dem Russischen Reich eingegliedert und die Eroberung Ostsibiriens betrieben.
Von Stützpunkten entlang der Flüsse Westsibiriens aus stießen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Händler, Kosaken und Pelztierjäger weiter nach Osten vor. »Die russische Expansion nach Sibirien und Fernost spielte sich in einem dünn besiedelten Raum ab. Die kleinen Naturvölker vermochten ihren Eroberern kaum Widerstand entgegenzusetzen. Es waren vor allem die natürlichen Reichtümer, die die russischen Jäger und Kosaken immer weiter nach Osten lockten. Sibirische Zobelfelle waren im 17. Jahrhundert einer der wichtigsten Exportartikel des Zarenreiches. Der Staat, interessiert am ›Jassak‹, den in Fellen erbrachten Tributzahlungen der eingeborenen Völker, unterstützte und sanktionierte die häufig aus privater Initiative unternommenen Expeditionen in ›neue Länder‹. Die Ausweitung des russischen Herrschaftsbereichs vom Ural bis an den Pazifik ist nicht das unmittelbare Ergebnis einer zielgerichteten Hegemonialpolitik, sondern die Summe zahlreicher spontaner Einzelaktionen, bei denen es anfänglich mehr um die Pelzausbeute als um die Ausdehnung des Machtbereichs ging« (Scheidegger).
Den Charakter derartiger Beuteexpeditionen bei der frühen russischen Landnahme in Ostsibirien hat Steller in seiner Beschreibung der »Ersten Okkupation des Landes Kamtschatka« anschaulich und eindringlich herausgearbeitet. Im Zuge spontaner Einzelaktionen drang der Kosak Deschnew an der Küste des Polarmeeres nach Osten vor. Er umschiffte dabei das heute nach ihm benannte asiatische Nordostkap im Jahre 1648 und gelangte bis zur Mündung des Anadyr. Damit war der (bald wieder in Vergessenheit geratene) Beweis erbracht, dass Asien und Amerika durch eine Meeresstraße voneinander getrennt sind. 1649 wurde Ochotsk gegründet, der erste befestigte russische Stützpunkt am Pazifik. Zwischen 1697 und 1699 durchzog der Kosak und Pelzhändler Atlassow die Halbinsel Kamtschatka, verleibte sie dem russischen Staat ein und schloss damit die erste Epoche der großen russischen Landnahme in Nord- und Ostasien ab.
»Im 18. Jahrhundert begann in dem durch Peter I. gewaltsam modernisierten Russland eine neue Phase der Entdeckungen. Neben die eher spontanen, von ihren Mitteln wie Zielsetzungen her begrenzten Beuteexpeditionen traten nun vom Staat organisierte und finanzierte Forschungsexpeditionen. Im Mittelpunkt des Staatsinteresses standen nicht mehr die ›Zobel für den Staatsschatz‹, sondern Informationen über die Beschaffenheit und Bevölkerung eines unermesslichen Gebietes, dessen Wert und Nutzen vom Maß seiner Durchdringung und Erschließung abhängig waren« (Scheidegger).
Hierzu bedurfte es einer wissenschaftlichen Infrastruktur, Vorbereitung, Begleitung und Auswertung der Forschungsunternehmungen. Zu diesem Zweck rief Zar Peter ausländische Wissenschaftler ins Land und ließ in seiner Hauptstadt St. Petersburg eine Akademie der Wissenschaften eröffnen. Besonderes Interesse schenkte Peter I. der Erforschung der Grenzen Russisch-Asiens und dessen möglichem Zusammenhang mit Amerika. Beeinflusst hatte den jungen Zaren hierbei der deutsche Denker, Gelehrte und Diplomat Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), der ihn mehrmals persönlich auf die wissenschaftliche Bedeutung und den wirtschaftlichen Wert einer systematischen Erkundung der asiatischen Teile seines Reiches und besonders auch einer Klärung der geographischen Verhältnisse zwischen Asien und Amerika hinwies.
Auch die Pariser Akademie der Wissenschaften hatte anlässlich des Zarenbesuchs im Jahre 1717 auf eine Lösung dieses geographischen Problems gedrängt. Im entdeckungsgeschichtlichen Zusammenhang ging es hierbei um die Suche nach der Nordostpassage, nach einem Seeweg durch das Eismeer nach Japan, China und Indien, den die Kartographen des 16. und 17. Jahrhunderts oftmals – in Anlehnung an den Reisebericht Marco Polos – als »Straße von Anian« bezeichneten. Die Entdeckung der später so genannten »Beringstraße« durch Deschnew im Jahre 1648 war unbekannt geblieben oder vergessen worden. »Den im äußersten Nordosten Asiens wohnenden Tschuktschen war natürlich die gegenüberliegende Küste Amerikas gut bekannt, da die Bewohner der Tschuktschenhalbinsel mit den Bewohnern von Alaska, den Eskimos, Tauschhandel betrieben und auch manchmal mit ihnen Krieg führten. Durch die Erzählungen der Tschuktschen wussten auch die Russen von dem ›Großen Land‹ Amerika. Dieses Große Land wird in alten Quellen oft als Insel bezeichnet, wodurch die Annahme verbreitet wurde, dass es in der Beringstraße und gegen Alaska Inseln gäbe« (Berg).
Infolge der ungenauen Kenntnisse über den Nordpazifik herrschte bezüglich dieses Raumes die spekulative Kartographie vor. Auf den Karten der Zeit fanden sich imaginäre Fabelländer verzeichnet, wie etwa das von Maarten Vries, der im Auftrag der holländischen »Ostindischen Kompanie« segelte, angeblich 1643 gesichtete Land nordöstlich von Japan (»Kompanieland«) oder das in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von dem portugiesischen Seefahrer João da Gama angeblich an der gleichen Stelle gesehene Land (»Gamaland«). Auf der von dem französischen Geographen Joseph Nicolas Delisle im Auftrag der Petersburger Akademie der Wissenschaften für die Zwecke der »Großen Nordischen Expedition« im Jahre 1731 erstellten Karte tauchte sowohl das »Kompagnieland« als auch das »Gamaland« auf. Zu Berings Aufgaben, der wohl ein Exemplar dieser Karte bei sich hatte und sich an ihr auf seiner Amerikafahrt orientierte, gehörte es auch, die Existenz dieser beiden Länder zu überprüfen.
Doch ist die großzügige staatliche Förderung der Forschungsexpeditionen seit Peter dem Großen »nicht so sehr auf wissenschaftlichen Erkenntnisdrang als vielmehr auf praktische Erwägungen zurückzuführen. Für das zur europäischen Großmacht aufgestiegene Zarenreich ging es nach der Öffnung des ›Fensters nach Westen‹ darum, nun auch das im Verlauf des 17. Jahrhunderts erreichte ›Fenster nach Osten‹ aufzustoßen und aus den territorialen Gewinnen schließlich noch außenpolitischen und wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. So bestand schon während der ›Ersten Kamtschatka-Expedition‹ (1725–1730) Vitus Berings Aufgabe nicht nur darin, die vermutete Landbrücke zwischen Asien und Amerika zu suchen. Gemäß dem von Peter I. noch selber formulierten Auftrag sollte er auch ›herauszufinden trachten …, ob man bis zu einer Stadt in den europäischen Besitzungen fahren kann‹. Während der ›Zweiten Kamtschatka-Expedition‹ (1733–1743) sollten u. a. Handelsmöglichkeiten mit Amerika und Japan abgeklärt werden. Wie alle anderen Ziele der Expedition blieb dieser Auftrag streng geheim – ein deutlicher Hinweis auf die politische Bedeutung des ganzen Unternehmens« (Scheidegger).

Bildnis Zar Peters des Großen (1672–1725), der Vitus Bering den Auftrag zur »Ersten Kamtschatka-Expedition« erteilte
Vitus Jonassen Bering wurde 1681 in der ostjütländischen Hafen- und Handelsstadt Horsens geboren. Er entstammte einer bürgerlichen Familie und ging, nachdem er zu einem großen und stark gebauten Mann herangewachsen war, zur See und fuhr mit Handelsschiffen bis nach Ostindien. Während eines Aufenthaltes in Amsterdam ließ er sich für russische Dienste anwerben. Zar Peter I. stellte damals einen Stab tüchtiger junger europäischer Seeoffiziere zusammen, die ihm beim Aufbau und Führen seiner Flotte behilflich sein sollten. Im Jahre 1703 trat Bering als Unterleutnant in die Marine des Zaren ein und bewährte sich in verschiedenen Kommandos. Er nahm auch am »Nordischen Krieg« zwischen Schweden und Russland (1700–1721) teil, in dem Russland die vormals schwedischen baltischen Provinzen gewann. 1710 wurde Bering zum Kapitänleutnant befördert. Nach Beendigung des Krieges wies Zar Peter seinen verdienten Seeoffizieren Wohnsitze in der eroberten finnisch-schwedischen Grenzstadt Wiborg an. Bei ihrer Lage – besonders nach der Gründung St. Petersburgs im Jahre 1705 in der kurz vorher eroberten Provinz Ingermanland – war diese Stadt von größter Bedeutung für den russischen Ostseehandel und die Bewegungsfreiheit der russischen Ostseeflotte.
Bildnis von Vitus Bering (1680 – 1741)
Auch Vitus Bering ließ sich hier nieder und heiratete 1718 Anna Christina, eine Kaufmannstochter aus Wiborg. Da es Bering nach zwanzigjähriger Dienstzeit im Jahre 1723 immer noch nicht gelungen war, Kapitän »ersten Grades« zu werden, trug er sich angesichts seiner schlechten Beförderungsaussichten mit dem Gedanken, seinen Abschied vom aktiven Dienst zu betreiben.
Doch der Oberkommandierende der zaristischen Flotte, Admiral Apraksin, der den Dänen als erfahrenen und zuverlässigen Seemann sehr schätzte, soll Bering zum Weitermachen gedrängt haben. Im Jahre 1724 dann gelang Bering ein schicksalhafter Karrieresprung, als man ihn zum Kapitän-Kommandeur beförderte und mit der Leitung der »Ersten Kamtschatka-Expedition« betraute.
Hauptziel dieser ersten Expedition war die Klärung der Frage, ob Asien und Amerika durch eine Landbrücke miteinander verbunden seien oder nicht. Bering, dem als Unterführer der russische Leutnant Tschirikow und der dänische Leutnant Spangberg mitgegeben wurden, reiste im Februar 1725 von Petersburg ab. Doch erst im März 1728 erreichte er Kamtschatka, baute dort ein Schiff (die »St. Gabriel«) und fuhr mit ihm am 13. Juli von der Kamtschatkamündung auf das Eismeer hinaus. Am 10. August entdeckte die Expedition die St.-Lorenz-Insel im späteren Beringmeer und durchfuhr die heutige Beringstraße. Da sie jedoch im Norden kein Land sichtete, trat sie am 15. August 1728 die Rückfahrt an. Die amerikanische Küste hatte Bering nicht gesehen. Nach seiner Rückkehr nach Petersburg im März 1730 erstattete Bering Bericht und legte eine Karte aller von ihm besuchten Gegenden vor.
Berings Bericht und Karte wurden allerdings von den Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften (namentlich von Joseph Nicolas Delisle) und dem Admiralitätskollegium nicht sehr wohlwollend aufgenommen. Man warf Bering vor, das eigentliche Ziel seines Unternehmens verfehlt und seine Untersuchungen nicht zufriedenstellend durchgeführt zu haben. Um sich zu rehabilitieren, unterbreitete Bering, der auch einflussreiche Fürsprecher hatte (u. a. den Vizekanzler Graf Ostermann, den Senatssekretär Kirilow), schon bald nach seiner Rückkehr den Plan einer zweiten, umfassenderen Expedition. Diesem Plan wurde entsprochen und die »Große Nordische Expedition« vorbereitet. Am 17. April 1732 gab die Kaiserin Anna Befehl zur Ausführung des Beringschen Vorschlags.
Bering wurde wiederum zum Leiter der Expedition bestimmt. Zur Unterstützung wurden ihm abermals die inzwischen zu Kapitänen beförderten Unterführer Tschirikow und Spangberg beigegeben. Die »Zweite Kamtschatka-Expedition« oder »Große Nordische Expedition« stellte schon allein ihrer Teilnehmerzahl nach ein gewaltiges Unternehmen dar; insgesamt nahmen an ihr weit über fünfhundert Mann teil. Sie dauerte von 1733 bis 1743, also zehn Jahre. Die Kosten der Expedition beliefen sich auf dreihundertsechzigtausend Rubel, eine gewaltige Summe in der damaligen Zeit. Als Teil des Unternehmens, dem Kommando Berings jedoch nicht unterstellt, reiste nun erstmalig ein von der Akademie zusammengestellter wissenschaftlicher Stab mit. »Um eine Vorstellung von dem Umfang, aber auch von der Schwerfälligkeit des wissenschaftlichen Stabes der Expedition zu geben, sei erwähnt, dass den vier Akademikern zwei Maler, ein Dolmetscher, ein Instrumentenmacher, drei Geodäten, sechs als Studenten bezeichnete wissenschaftlich vorgebildete junge Männer, zwölf Soldaten mit einem Korporal und einem Trommelschläger, ein Wundarzt und sechsunddreißig Pferde mitgegeben wurden. Ferner machte man von dem Recht, Dolmetscher, Wegweiser, Handwerker und Arbeiter an Ort und Stelle zu requirieren, ausgiebig Gebrauch« (Heydrich). Darüber hinaus nahm man eine Bibliothek von mehreren Hundert Bänden, ein großes Quantum Schreibpapier sowie dreihundertsechzig Pinsel für die Maler mit.

Karte des französischen Astronomen und Geographen Delisle, die Bering auf seiner Reise 1741 vermutlich dabeihatte
Wie bereits auf der »Ersten Kamtschatka-Expedition« mussten auch auf der »Großen Nordischen Expedition« gewaltige Entfernungen bewältigt und große logistische Probleme gemeistert werden. Während der ersten Reise war der Transport des zum Bau des Expeditionsschiffs »St. Gabriel« notwendigen Materials das Hauptproblem gewesen: »Schiffsanker, Takelage und Ketten waren anderthalbtausend Meilen durch Sibirien geschleppt worden, und das Tauwerk, das jeder Unbill der Witterung ausgesetzt gewesen war, war stark mitgenommen … Vitus Bering musste einer Spur folgen, die durch keine gebahnten Wege gekennzeichnet war, sondern über reißende Flüsse und unwegsame Schluchten, über wegsperrende Felsen und steinige Hochflächen führte. Bering und seine Männer sollten sich einen Weg bahnen, indem sie je nach den Umständen zu Fuß marschierten, ritten, im Hundeschlitten fuhren, auf behelfsmäßigen Flößen über tosende Flussläufe setzten oder in selbstgebauten Booten stromaufwärts segelten. In den langen, dunklen Wintermonaten mussten sie sich nachts in mannshohe Schneewehen eingraben oder, wenn es sich um längeren Aufenthalt handelte, Bäume fällen und Hütten bauen« (Petersen).

Bildnis Fedor M. Apraksins, Präsident des Admiralitätskollegiums
Während der zweiten Expedition wuchsen wegen der Größe der Teilnehmerschaft die Logistik- und Transportprobleme noch an: »Tief in den Sümpfen, Steppen und wilden Schluchten Sibiriens konnte das Menschen-material, das verlorenging, nicht ersetzt werden. Hier, weit entfernt von der Zivilisation, war alles unbezahlbar – die festgestampften Mehlvorräte in den Ledersäcken, das Baumaterial für die Schiffe … Es waren gefahrvolle Wege, die Vitus Berings Heer beschritt, wenn man auch nicht gerade viel von Wilden oder Wölfen zu befürchten hatte. Aber auf gewissen Strecken – z. B. von Jakutsk nach Ochotsk – konnte die Temperatur zur Winterzeit bis auf minus fünfzig Grad sinken. Und in dem beißenden Frost musste man oft nachts unter freiem Himmel kampieren … Von besonderen Delikatessen war keine Rede: Getrocknete Erbsen und Salzfleisch bildeten neben Mehl die einzigen Gerichte, die der Speisezettel aufwies – Tag für Tag« (Petersen).
Der Reisehistoriker Hanno Beck hat denn auch die Bewältigung all dieser Probleme durch Bering entsprechend gewürdigt: »Keine Expedition war bis dahin von einem vergleichbaren Transportproblem bedroht worden wie die beiden Unternehmungen Berings; selbst die Schwierigkeiten späterer Polarreisen lassen sich – wenn überhaupt – nur annähernd mit diesen vergleichen … Reisegeschichtlich ist diese ›Große Nordische Expedition‹ bis dahin das größte explorative Unternehmen der Geschichte gewesen.«

Faksimile der Paragraphen 3 und 4 der Order Zar Peters des Großen vom 23. Dezember 1724 für Berings erste Expedition
Doch hatte Bering auch noch andere Probleme zu meistern. Immer wieder musste er sich auf seiner Reise mit unfähigen, unwilligen und korrupten russischen Beamten auseinandersetzen, die ihm und seinen Reisegefährten das Leben schwer machten oder gar Intrigen gegen ihn einfädelten. Doch auch in seinen eigenen Reihen musste sich Bering gegen missgünstige und illoyale Untergebene und Mitarbeiter wappnen. Der wissenschaftliche Begleiterstab, dem gegenüber er keine Befehlsgewalt hatte, wirkte, namentlich durch den Professor der Sternenkunde, Delisle de la Croyère, einen Bruder des Kartographen Joseph Nicolas Delisle, oftmals als eine die Handlungsfähigkeit Berings lähmende Kontrollinstanz.
Hauptziele der »Großen Nordischen Expedition« waren »die Vermessung und Kartierung der russischen Nordmeerküste von Archangelsk bis Ostsibirien, die wissenschaftliche Erforschung und die Kartierung des nordpazifischen Raumes zwischen Kamtschatka, Nordamerika und Japan und die Erkundung von Handelsmöglichkeiten mit Amerika und Japan. Gleichzeitig betrieben Mitglieder der Akademie der Wissenschaften in Sibirien, Transbaikalien und auf Kamtschatka naturwissenschaftliche, ethnographische und historische Studien« (Scheidegger).
Bering und Tschirikow hatten den Auftrag, in Ochotsk oder auf Kamtschatka Schiffe zu bauen und dann auf zwei Schiffen an die Küste Amerikas zu segeln, um festzustellen, »was für Völker dort wohnen, wie diese Gegenden genannt werden und ob es wirklich die amerikanische Küste sei«. Spangberg erhielt die Anweisung, mit drei Schiffen die Kurileninseln zu erforschen, nach Japan zu fahren und dort freundschaftliche Beziehungen mit den Japanern anzuknüpfen. Verschiedene Teilexpeditionen sollten darüber hinaus in mehreren Abschnitten eine genaue Untersuchung der sibirischen Eismeerküste vornehmen. Die wichtigsten wissenschaftlichen Teilnehmer der »Großen Nordischen Expedition« waren die Deutschen Gerhard Friedrich Müller, Johann Georg Gmelin und Georg Wilhelm Steller, der Franzose Delisle de la Croyère und der Russe Krascheninnikow. »Reisegeschichtlich« – so lässt sich mit Hanno Beck festhalten – »haben die einzelnen Abteilungen, die aber doch einer einzigen Expedition angehörten, erstmals Teamwork verwirklicht.«
Ausschnitt der Karte der »Ersten Kamtschatka-Expedition«
Als wichtigste Ergebnisse hatte die Expedition zu verzeichnen: die Entdeckung Nordwestamerikas (Alaskas) durch Bering und Tschirikow, die Erforschung der Kurilen und die Herstellung der Verbindung zu Japan durch Spangberg, die genaue Beschreibung der Nordküste Sibiriens und die historische, ethnographische und naturwissenschaftliche Erforschung Kamtschatkas durch Krascheninnikow und Steller sowie anderer Regionen Sibiriens durch Müller und Gmelin.
Bering konnte sein Lebenswerk nicht mehr vollenden. Er starb im Jahre 1741 während der Rückreise von Amerika auf der später so genannten »Beringinsel«. Sein Schicksal entbehrt nicht einer gewissen Tragik: »Er hatte seine Energie verbraucht, indem er das alles voraussetzende Transportproblem zwar in jahrelanger Arbeit gelöst und die Schiffe am fernsten Gestade des Russischen Reichs gebaut hatte … Bering hatte etwas Großes geleistet, noch ehe die eigentliche Aufgabe für ihn begann, der er kaum noch gewachsen war« (Beck).
Immer wieder – zu seinen Lebzeiten wie nach seinem Tod – wurden Berings Leistungen in Zweifel gezogen oder schlicht vergessen; auch warf man ihm Führungsschwäche oder gar Unfähigkeit vor. Selbst Steller hebt diesen Schwachpunkt der Persönlichkeit Berings bei aller sonstigen Würdigung hervor: »Die einzige Schuld, die man dem wackeren Manne beimessen kann, ist, dass er durch eine allzu gelinde Kommandoführung ebenso viel geschadet hat wie seine Untergebenen durch allzu feuriges und oft unbesonnenes Verhalten.« Doch Petersen, ein dänischer Biograph Berings, wendet diesen Vorwurf gegen jene, die ihn vorbringen: »Seine Gegner haben ihm Weichheit vorgeworfen … Aber der Vorwurf der Weichheit gegen Bering ist nur ein Beweis der oberflächlichen Urteilskraft bei denen, die diesen Vorwurf erheben. Sein Wesen war … von einer organischen Geschmeidigkeit und einer geduldigen Unermüdlichkeit geprägt, die es ihm ermöglichten, den stärksten Widerstand zu überwinden.«

Ausschnitt der Karte der »Ersten Kamtschatka-Expedition«
Doch Kurt Lütgen zufolge war Bering »nun einmal nicht dazu geschaffen, sich durch Erfolg oder zwingende Persönlichkeit dem Gedächtnis von Völkern einzuprägen wie etwa Columbus, Cook oder Alexander von Humboldt. Da menschliche Größe sich unter anderem aber auch darin ausdrückt, wie tief und lange jemand auszuharren und zu leiden vermag um einer Sache oder eines Zieles willen … darf man Vitus Bering getrost zu den Großen der Menschheit zählen.«
In Russland wurde lange Zeit bestritten, dass Bering die amerikanische Küste überhaupt erreicht habe; die Entdeckung Alaskas sei vielmehr dem russischen Kapitän Tschirikow zu verdanken. Erst im 19. Jahrhundert wurde Bering durch den russischen Naturforscher Baer rehabilitiert, der in einem jahrelangen Kampf zwischen 1848 und 1872 in einer Serie von Streitschriften die historischen Leistungen Berings zu würdigen suchte. Baer schrieb, dass »kein geographisches Unternehmen, nicht einmal die Kartenaufnahme Chinas durch die Jesuiten, die Wanderungen MacKenzies oder die Franklin-Expeditionen, in Größe und Opferwillen sich mit dem gigantischen Werk vergleichen ließe, das auf die Schultern Berings gelegt wurde und das er zum Siege führte«.
In Dänemark gilt Bering als »der Dänische Columbus« (so eine dänische Publikation): »Die Tragödie Vitus Berings steht ebenso wie diejenige des Columbus als eine düstere Anklage in der Geschichte. Keiner der beiden Pioniere wurde nach Verdienst belohnt, während sie am Leben waren, und nicht einmal in der nächstfolgenden Zeitperiode. Der Bahnbrecher Columbus starb in Valladolid als ein alter, vergessener Mann, dem es nicht einmal vergönnt war, der Neuen Welt den Namen zu geben. Berings Name und Seefahrerruf war im ersten Jahrhundert nach seinem Tode eine leichte Beute für die Windhunde einer oberflächlichen Kritik. Aber während Columbus, der strahlende Atlantikgaukler, wenigstens den Triumph und die Ovationen nach seiner ersten Reise erlebte, war das Resultat für den einsamen Eismeerfahrer Vitus Bering lediglich eine laue und bedingte Anerkennung von einigen wenigen – Spott und Ablehnung von vielen« (Petersen).
Seine Heimatstadt Horsens setzte Bering in ihrem »Vitus-Bering-Park« ein bleibendes Denkmal; zwei Kanonen von dem gestrandeten Schiff Berings, die später auf der Beringinsel gefunden wurden, steuerte die Sowjetunion 1957 zu diesem Denkmal bei. Das Horsens-Museum widmet dem berühmten Sohn der Stadt eine Dauerausstellung, in der auch Befunde und Exponate der neueren archäologischen Untersuchungen auf der Bering-Insel sowie eine Rekonstruktion der Büste Berings präsentiert werden. Auch in der UdSSR stehen heute allerorten Denkmäler, die an Bering als einen großen russischen Entdecker und Seefahrer erinnern.
Wissenschaftlich wurden die Leistungen Berings von anderen großen Entdeckern und Seefahrern gewürdigt. So schrieb James Cook, als er auf seiner letzten Weltreise (1776–1779) Alaska, das Beringmeer und Kamtschatka aufsuchte: »Berings Andenken recht zu ehren, muss ich sagen, dass er diese Küste gar wohl beschrieben und gezeichnet und ihre Längen und Breiten besser dargelegt hat, denn man bei den Methoden, welche ihm zur Verfügung gestanden, erwarten durfte« (nach: James Cook, Entdeckungsfahrten im Pazifik. Die Logbücher der Reisen 1768–1779, hrsg. v. A. Grenfell Price. Edition Erdmann in der marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011).
Auch der spätere Bezwinger der Nordostpassage, der schwedische Forscher Adolf Erik Nordenskiöld, der mit seinem Schiff »Vega« von 1878 bis 1880 den nordsibirischen Seeweg entlangfuhr, bestätigte vollauf und anerkennend die Ergebnisse Berings. Doch kam es zu einer umfassenden internationalen Rehabilitierung Berings erst im 20. Jahrhundert, als der amerikanische Wissenschaftler Golder nach umfangreichen Quellenstudien das Werk des Sibirienforschers und Amerikafahrers vor der Weltöffentlichkeit ausbreitete und dessen Bedeutung mit den knappen Worten zusammenfasste: »Es wurde einhundertfünfzig Jahre vor Nordenskiöld bewiesen, dass die Nordostpassage ohne praktische Bedeutung war, dass Nowaja Semlja eine Insel ist, dass sich die asiatische Küste viel weiter nach Osten erstreckte, als früher angenommen wurde, und dass Japan eine Insel ist. Hierzu kommt schließlich das Hauptergebnis – die Entdeckung Alaskas.«
Georg Wilhelm Steller und die Reise nach Amerika
Georg Wilhelm Steller (der deutsche Name lautete eigentlich »Stöller« bzw. »Stöhler«, wurde jedoch infolge der schwierigen Transkription in Russland abgewandelt) wurde am 10. März 1709 in der kleinen freien Reichsstadt Windsheim in Franken geboren. Sein Vater, Johann Jakob Stöller, der aus Nürnberg stammte, war seit 1702 in Windsheim ansässig und wirkte dort als Kantor des Gymnasiums und Organist der Stadtkirche. Nach dem Besuch des traditionsreichen Windsheimer Gymnasiums nahm Georg Wilhelm Steller mit einem Stipendium seiner Vaterstadt das Studium der Theologie in Wittenberg auf, studierte dann auch in Leipzig, Jena und schließlich in Halle, dem damaligen Ausgangspunkt der deutschen Russlandkunde. Hier widmete sich Steller intensiv dem Studium der Medizin und Naturwissenschaften (der Arznei- und Kräuterwissenschaft); sein Examen als Arzt legte er 1734 in Berlin ab.
Da sich ihm in Preußen jedoch keine Aussicht auf eine akademische Laufbahn oder eine andere angemessene Anstellung eröffnete, beschloss er, sein Glück in Russland zu versuchen. Er schloss sich dem russischen Heer an, das damals (1734) im polnischen Erbfolgekrieg zur Unterstützung des Thronkandidaten August II. von Sachsen vor Danzig lag, und begleitete, um kostenlos nach Petersburg zu gelangen, als Arzt einen Verwundetentransport. Hier trat er als Hausarzt in die Dienste des Erzbischofs von Nowgorod, Feofan Prokopowitsch, der zu den Günstlingen Zar Peters des Großen gehörte und der ihn der Petersburger Akademie der Wissenschaften empfahl. Im Jahre 1737 wurde Steller zum Adjunkten der Naturwissenschaften an der Akademie ernannt und als Mitglied des wissenschaftlichen Stabes der »Großen Nordischen Expedition« auf die Reise geschickt.
Für ein Jahresgehalt von sechshundert Rubel sollte er als Gehilfe von Professor Gmelin tätig sein und sich insbesondere der Erforschung Kamtschatkas widmen. Vor seiner Abreise von Petersburg erlebte Steller noch eine herbe persönliche Enttäuschung. Er hatte die Witwe des verdienten deutschen Sibirienforschers Daniel Gottlieb Messerschmidt geheiratet, Helene Messerschmidt, geb. von Böckler, und gehofft, in ihr nicht nur eine Lebens-, sondern auch eine Reisegefährtin gefunden zu haben. Auch andere Mitglieder der Expedition, wie z. B. Bering oder Müller, wurden von ihren Ehefrauen auf den beschwerlichen Reisen durch Sibirien begleitet. Doch im letzten Augenblick entschied sich die junge, lebenslustige Frau, in Petersburg zu bleiben, wo sie in vollen Zügen das gesellschaftliche Leben genoss und sich später – nach Stellers Tod – wieder verheiratete. Doch unterließ sie es nicht, ihren abwesenden Gatten immer wieder mit Geldforderungen zu belästigen. Der junge Deutsche schrieb später, er habe seine Frau vergessen und sich mittlerweile »in die Natur verliebt«.
Ende 1737 verließ Steller Petersburg, erreichte jedoch erst im Herbst 1738 Tomsk und im Januar 1739 die Professoren Gmelin und Müller, die mit ihrem Stab in Jenisseisk überwinterten. Steller bot an, anstelle der beiden durch die schon mehrjährigen Ärgernisse und Strapazen der Expedition recht erschöpften älteren Kollegen nach Ochotsk und Kamtschatka zu reisen, um dort die bereits von dem vor Jahren vorausgeschickten russischen Studenten Krascheninnikow begonnenen Forschungsarbeiten auszuweiten. Im März 1739 reiste Steller ab und gelangte zunächst bis Irkutsk, wo er Sommer und Herbst verbrachte, Abstecher zum Baikalsee und den mongolischen Grenzgebirgen machte und zoologische sowie botanische Sammlungen anlegte. Begleitet wurde er neben anderen von dem Maler Johann Christian Berckhan (Zeichenmeister bei der kaiserlichen Kunstkammer), nach dessen Zeichnungen später die Stiche in den Werken Stellers angefertigt wurden. Im März 1740 wurde die Reise über Jakutsk nach Ochotsk fortgesetzt, von wo aus Steller per Schiff nach Kamtschatka fuhr und am 21. September des Jahres Bolscherjetsk erreichte. Dort traf er mit Krascheninnikow zusammen, der bereits seit 1737 auf Kamtschatka selbständige Forschungsarbeiten durchgeführt hatte. Zu dieser Zeit trug sich Steller mit der Absicht, den Kapitän Spangberg auf einer seiner Japanfahrten zu begleiten; im Jahre 1740 hatte er eine entsprechende Bittschrift an die Regierung gerichtet. Doch erreichte ihn im Februar 1741 ein Schreiben aus dem Peter-und-Paul-Hafen (heute: Petropawlowsk-Kamtschatskij), in dem ihn Bering ersuchte, die Fahrt nach Amerika mitzumachen. Da der Expeditionsarzt kürzlich zurückgetreten war, benötigte Bering dringend einen Arzt für die Reise; ebenso, um seine Instruktion erfüllen zu können, einen Wissenschaftler zur Untersuchung der Mineralien des zu entdeckenden Landes. Nach anfänglichem Zögern erklärte sich Steller erst dann zur Mitreise bereit, als Bering die Verantwortung für diese Entscheidung voll auf sich nahm.
Erzbischof Feofan Prokopowitsch
Bildnis von Gmelin
Die Nachwelt kann Bering für diese Entscheidung nur dankbar sein, denn mit Steller hatte er sich einen Chronisten der Reise verpflichtet, der den anschaulichsten und lebendigsten Bericht über die Amerikafahrt gab. Die Schiffsjournale und Berichte der Seeoffiziere enthalten demgegenüber meist nur trockene Daten und Fakten. In Stellers Bericht offenbart sich als beständiger Grundzug die latente Spannung zwischen dem Wissenschaftler und dem See-Kommando, die sich manchmal auch offen entlud. Wenn der junge Deutsche überhaupt einmal zur Beratung hinzugezogen wurde, dann schlug man in aller Regel seine Ratschläge in den Wind.
Steller hielt nichts davon, zunächst auf Südostkurs das sagenhafte »Gama-« und »Kompanieland« zu suchen; aufgrund von mündlichen Berichten vermutete er die kürzeste Verbindung nach Amerika gegenüber der Tschuktschenhalbinsel und schlug daher Nordostkurs vor. Als er während der Seereise treibende Pflanzen und Tiere beobachtete und daraus auf die Nähe von Land schloss, glaubte man ihm nicht; vergeblich empfahl er auch »antiskorbutische Kräuter« zur Heilung der gefährlichen (Vitamin-C-)Mangelkrankheit Skorbut und warnte vor der Aufnahme brackigen Trinkwassers. Insbesondere zu den beiden Offizieren Berings, dem schwedischen Leutnant Sven Waxell und dem russischen Schiffsmeister Kitrow, geriet Steller immer wieder in Gegensatz. Demgegenüber schien sich Bering oftmals der Meinung Stellers anzuschließen, vermochte sich jedoch – geschwächt durch Alter und Krankheit – offensichtlich im Schiffsrat nicht mehr durchzusetzen.
Am 29. Mai 1741 legten sich die beiden Schiffe »St. Peter« (mit dem Kapitän-Kommandeur Bering und mit Steller) und »St. Paul« (mit Kapitän Tschirikow und mit Delisle de la Croyère) auf die Reede des Peter-und-Paul-Hafens und liefen am 4. Juni aus der Awatscha-Bucht in die offene See aus. Bereits wenige Tage später verloren sich die Schiffe bei schlechter Sicht und fuhren nun – nachdem sie sich tagelang vergeblich gesucht hatten – getrennt nach Osten. Kapitän Tschirikow erreichte am 15./16. Juli die amerikanische Küste und lief am 9. Oktober 1741 wieder glücklich in den Peter-und-Paul-Hafen ein. Allerdings waren etliche seiner Begleiter dem Skorbut erlegen, darunter auch Delisle de la Croyère.
Nachdem Bering ohne Erfolg die »St. Paul« sowie das »Gama-« und »Kompanieland« gesucht hatte, segelte er ohne weitere Ablenkung gen Amerika. Wahrscheinlich als Erster sah Steller am 15. Juli 1741 Land, doch erst am nächsten Tag bot sich ihm und den anderen bei klarer Sicht die imposante Kordillere Alaskas dar: eine großartige Küstenlandschaft mit einem hohen schneebedeckten Berg (dem Mt. St. Elias). Am 20. Juli erreichten sie eine Insel, die sie »St.-Elias-Insel« nannten (die heutige Kayak-Insel). Während Steller hier an Land gehen und forschen wollte, war es Bering offenbar nur um die Aufnahme von Frischwasser zu tun. Es entbrannte nun ein heftiger Streit darüber, ob Steller an Land gehen dürfe oder nicht. Erst als der Letztere ein »besonderes Gebet betete«, also wohl eine Art Eid schwor, nach der Rückkehr Bering und seine Offiziere vor höherer Stelle zur Rechenschaft zu ziehen, erteilte der Kapitän-Kommandeur die Erlaubnis zum Landgang. Um den hitzigen Steller, der sich nicht der Bemerkung enthalten konnte, man sei wohl nur hierhergekommen, um »amerikanisches Wasser nach Asien zu bringen«, lächerlich zu machen, ließ Bering ihm mit Trompeten hinterherblasen. Nur wenige Stunden blieben dem eifrigen jungen Wissenschaftler, die Insel zu erkunden. Er entdeckte hier rund einhundertsechzig Pflanzenarten und sammelte etliche materielle Zeugnisse der Aleuten. Bei seiner Rückkehr an Bord behandelte man ihn jedoch wieder gütlich und bewirtete ihn zu seiner großen Überraschung mit einer Tasse heißer Schokolade. Dennoch bemerkte Steller mit Sarkasmus: »Die Zeit, welche hier zu Untersuchungen verwandt wurde, stand zu den Vorbereitungen im umgekehrten Verhältnis: Zehn Jahre währte die Vorbereitung, und zehn Stunden wurden der Sache selbst gewidmet. «
S. P. Krascheninnikow
Da man nicht in Amerika überwintern wollte, entschloss man sich angesichts des früh hereinbrechenden Herbstes zur Rückreise, während der zahlreiche Besatzungsmitglieder an Skorbut erkrankten. Am 29. August erreichten sie die Shumagin-Gruppe der Aleuten-Inseln, wo der erste Tote dieses Teils der Expedition, der Matrose Shumagin, beigesetzt wurde. Am 4. September hatten sie erstmals Kontakt mit »Amerikanern« (also mit Aleuten), die Steller ausführlich beschrieb. Im September und Oktober litt die Schiffsbesatzung unter dem schlechten Wetter, unter wilden Stürmen und Skorbut: »Die Not und das Sterben auf unserem Schiff«, so schrieb Steller, »nahm übrigens dergestalt überhand, dass nicht nur die Kranken dahinstarben, sondern auch Leute, die nach ihrer eigenen Meinung gesund waren, vor Mattigkeit auf dem Posten abgelöst tot niederfielen. Die geringe Wasserportion, der Mangel an Zwieback und Branntwein, die Kälte, Nässe, Blöße, das Ungeziefer, Furcht und Schrecken waren die hauptsächlichsten Ursachen dafür … Man glaube nicht, dass ich die Gefahren übertrieben hätte; auch die beredtste Feder würde zu schwach sein, unser Elend zu beschreiben.«
Der Hafen St. Peter und St. Paul
Nach einer Sturmfahrt durch die Aleuten strandete Berings Schiff schließlich am 5. November 1741 auf der später so genannten »Beringinsel«, wo der Kapitän-Kommandeur am 8. Dezember 1741 starb. Als Teil der Kommandeur-Inseln liegt die Beringinsel etwa zweihundert Kilometer von der Ostküste Kamtschatkas entfernt; doch glaubte die Mehrheit der Gestrandeten zunächst fest daran, an einem Teil Kamtschatkas gelandet zu sein (Bering und Steller hingegen waren eher skeptisch). Auf der Insel entspann sich nun ein harter Überlebenskampf gegen die Unbilden der Natur. Mit den brauchbaren Restbeständen des gestrandeten Schiffs richteten die Männer sich so gut ein, wie sie konnten, gruben sich Erdhöhlen und organisierten gemeinschaftlich das Jagd- und Arbeitsleben. Zahlreiche Seetiere (vor allem Seeotter und Seekühe) boten ihnen Nahrung. Spätere (russische und dänische) archäologische Untersuchungen (1910/11, 1979, 1991) des Winterlagers der Gestrandeten führten u. a. zur Auffindung von Grabstätten und Skelett-Teilen, darunter auch dem Grab Berings mit dessen Schädel.
Durch den Genuss von Kräutern, Beeren und frischem Fleisch gingen die Skorbuterkrankungen langsam zurück. Gegen die diebischen Steinfüchse, von denen die Insel nur so wimmelte, führten die Männer einen stetigen, grausamen »Krieg Mensch gegen Tier«. Steller und der Leutnant Waxell, der nach dem Tod Berings das Kommando übernommen hatte, waren die handfesten und moralischen Führer der verzweifelten Schar der Überlebenden. Besonders Steller erwies sich auf der Insel als Meister der improvisierten Überlebenstechnik; er organisierte die Arbeitsabläufe, versorgte die Kranken, wirkte als Seelsorger und führte darüber hinaus noch wissenschaftliche Untersuchungen durch. Als Naturforscher gewann Steller dem Leiden auf der Beringinsel auch eine positive Seite ab: »Während für die übrige Besatzung diese Expedition ins Beringmeer ein wahres Martyrium bedeutete, wurde sie für Steller zum größten Gewinn seines Lebens: ›… ich wollte die Erfahrung, so in der Natur auf dieser faulen Reise erlanget, nicht für ein großes Capital vertauschen‹ bekennt er in einem Schreiben an Gmelin als Summe seiner Erlebnisse« (Hünefeld). Im 19. Jahrhundert würdigte Adolf Erik Nordenskiöld, der berühmte Bezwinger der Nordostpassage (1878–1880), die naturwissenschaftliche Leistung Stellers auf der Bering-Insel, »welcher eine mit selten übertroffener Meisterschaft ausgeführte Schilderung der Naturverhältnisse und des Tierlebens auf dieser früher nie von Menschen besuchten Insel gegeben hat.« (A. E. Nordenskiöld: Nordostwärts. Die erste Umsegelung Asiens und Europas 1878–1880, hrsg. v. Hans-Joachim Aubert, Edition Erdmann in der marixverlag GmbH, Wiesbaden 2012). Nur noch elementare Dinge waren jetzt wichtig: »Die wertvollen Seeotterfelle wurden uns schon bald zu einer Last, die ihren Preis bei uns verloren hatte; und weil wir keine Zeit hatten, sie zu trocknen und zuzubereiten, so wurden sie einfach hingeworfen, bis sie verdarben und von den Füchsen zerfressen wurden. Dagegen begannen wir, bisher gering geachtete und kaum in die Hände genommene Dinge wie Äxte, Messer, Pfrieme, Nadeln, Zwirn, Schuhdraht, Schuhe, Hemden, Strümpfe, Stangen, Stricke und dergleichen als wertvolle Güter sehr zu schätzen. Rang, Wissenschaft und andere Verdienste gewährten bald keinen Vorzug mehr und reichten zu unserem Lebensunterhalt nicht hin; so entschlossen wir uns, mit allen noch verbliebenen Kräften zu arbeiten.« Schließlich gelang es den Männern, aus den Resten des alten Schiffs ein neues, kleines Behelfsfahrzeug zu bauen, mit dem sie am 27. August 1742 glücklich den Peter-und-Paul-Hafen in Kamtschatka erreichten, wo man sie schon lange für tot gehalten hatte.
Die Geretteten, deren auf Kamtschatka zurückgebliebene Habe man schon verkauft hatte, waren nun froh darüber, doch etliche wertvolle Seeotterfelle von der Beringinsel mitgebracht zu haben. Aber jetzt richteten sich auch die begehrlichen Blicke anderer auf diese Felle und vor allem auf die Inseln, von denen sie stammten: »Seeotterpelze waren damals bei den Petersburger Schönen wie bei den Pekinger Mandarinen schon in gleicher Weise beliebt … Nicht nur aus Sibirien, auch aus Mittelrussland zog es die Kaufleute zum Ozean des Ostens. Menschen und Kapital strömten nach Kamtschatka. Wer in der Lage war, rüstete ein eigenes Schiff aus. Wer nicht reich genug dazu war, verband sich mit anderen zu einer Gesellschaft. Fünf Jahre nach Berings Tod waren fünfzehn solcher Gesellschaften tätig, abermals nach fünf Jahren – fünfundzwanzig. Später wuchs die Zahl bis auf vierzig an« (Semjonow). Herbert Wendt zufolge begann damit der größte Pelzrausch in der Geschichte der Menschheit – nur zu vergleichen mit dem Goldrausch, der hundertfünfzig Jahre später in Alaska losbrach. Private Beuteexpeditionen dezimierten im Gebiet der Aleuten und Alaskas nicht nur die Pelztiere, vor allem die Seeotter und Seebären, sondern auch die eingeborenen Bewohner des Beringmeers. Später wurden die anfänglichen kleinen, meist von mehreren Kaufleuten finanzierten Jagdexpeditionen zunehmend von denen großer, kapitalstarker Handelsgesellschaften verdrängt. Der Kaufmann Schelikoff bemühte sich erfolgreich um die Verleihung eines Monopols für die wirtschaftliche Ausbeutung und den Handel im Nordpazifik und in Nordamerika; seine Bemühungen führten später (1799) zur Gründung der »Russisch-Amerikanischen Handelskompanie«. 1783 reiste er nach Alaska und gründete dort im Jahr darauf auf der Insel Kodiak die erste russische Siedlung. Damit begann »nach der ersten Phase einer eher ›extensiven‹ Ausbeutung (die Pelztierjäger lebten jeweils nur eine beschränkte Zeit auf den Inseln und verließen sie wieder, nachdem sie ihre Beute gemacht – d. h. den Eingeborenen abgejagt – hatten) nun eine intensivere ›Bewirtschaftung‹ der neuen Kolonien. Die Anlage fester Stützpunkte ermöglichte eine verstärkte Kontrolle und z. T. die faktische Versklavung der aleutischen Inselbewohner, die als geschickte, den Russen weit überlegene Jäger den größten Teil der Pelzausbeute einbrachten« (Scheidegger).

Die Fahrten Berings und Tschirikows
Im Jahre 1867 verkaufte Russland Alaska und die Aleuten an die Vereinigten Staaten von Amerika. Nun jagten amerikanische Pelzgesellschaften in der Beringsee. Erst als die Ausrottung der Pelzrobben und Seeotter drohte, verhandelten die USA und Sowjetrussland im Jahre 1937 über eine Konvention zum Schutz dieser Tiere.
Doch nach diesem Ausblick in die jüngste Vergangenheit wieder zurück zu Steller und dessen weiterem Lebensweg nach seiner glücklichen Rückkehr von der Beringinsel. Von seinem Standquartier Bolscherjetsk aus führte er seine Forschungen zur Geschichte, Bevölkerung und Natur der Halbinsel Kamtschatka fort. Dabei scheint er offen Partei für die von den Russen unterdrückten Kamtschadalen oder Itelmenen ergriffen und sich hierdurch die Feindschaft russischer Verwaltungsbeamter zugezogen zu haben, was ihm später noch zu schaffen machen sollte. Nachdem Steller (zusammen mit dem Maler Berckhan) Kamtschatka insgesamt etwa drei Jahre lang durchforscht hatte, glaubte er, seinen ihm von der Akademie erteilten Auftrag im Rahmen der »Großen Nordischen Expedition« nun endlich erfüllt zu haben. Am 3. August 1744 verließ er Kamtschatka mit sechzehn Kisten wertvoller Sammlungen, um nach Petersburg zurückzukehren und der Akademie Bericht zu erstatten. Nachdem er in Jakutsk überwintert hatte, reiste er im Frühjahr 1745 weiter nach Irkutsk, wo er unter Anklage gestellt wurde. Wahrscheinlich hatten ihn seine Feinde verleumdet und beschuldigt, die Völker des äußersten Asiens rebellisch gemacht und Pulver unter sie verteilt zu haben. Doch aus Mangel an Beweisen wurde Steller freigesprochen, sodass er Weihnachten 1745 endlich die Weiterreise antreten konnte. Obwohl er von den Strapazen der jahrelangen Reisen schon gezeichnet und während des Reisens im kalten Winter ernstlich erkrankt war, setzte er seine Reise dennoch fort und gelangte halb tot nach Tjumen, wo er am 12. November 1746 starb.
Über die Abenteuer Stellers auf der Beringinsel, seine letzten Lebensjahre und insbesondere über die näheren Umstände seines Todes ist schon bald nach seinem Ableben viel Zweifelhaftes (u. a. über die angebliche Trunksucht Stellers) geschrieben und in Umlauf gebracht worden; doch trat solchen Berichten und Verzeichnungen schon bald eine anonyme Biographie Stellers entgegen (»Leben Herrn Georg Wilhelm Stellers, gewesnen Adiuncti der Kayserl. Academie der Wissenschaften zu St. Petersburg: worinnen die bißher bekannt gemachte Nachrichten von Desselben Reisen, Entdeckungen, und Tode, Theils wiederleget/theils ergänzet und verbeßert werden.« Franckfurt 1748).
Was ist Georg Wilhelm Steller für ein Mensch gewesen? Der Nachwelt sind kein Bild und kein Bericht über seine äußere Erscheinung überliefert. Umso deutlicher tritt aus seinen eigenen und aus fremden Niederschriften sein Wesen hervor: »… sein lebhaftes Temperament, sein Frohsinn, sein scharfer Spott, seine Ungeduld gegenüber Trägheit und Lauheit, seine Abneigung gegen alles Gezierte, Eitle, Unechte, seine Anspruchslosigkeit, sein Fleiß, sein Mut« (Wotte). Sein Vorgesetzter Gmelin schrieb in seiner »Reise durch Sibirien« über ihn: »Er war mit keinen Kleidern beschwert. Weil man die Haushaltung durch Sibirien mit sich führen muss, so hatte er sie so klein als immer möglich eingerichtet. Sein Trinkgefäß zum Bier war eines mit dem Trinkgefäß zum Met oder Branntwein. Wein verlangte er nicht. Er hatte nur eine Schüssel, daraus er speiste und in welcher er alle seine Speisen anrichtete. Zu diesen gebrauchte er keinen Koch. Er kochte alles selber, und dieses auch wieder mit so wenigen Umständen, daß Suppe, Gemüse und Fleisch in einem Topfe zugleich angesetzt und gekocht wurden. Er konnte den Qualm davon in der Stube, da er arbeitete, gar leicht ertragen. Er brauchte keine Perücke und keinen Puder, ein jeder Schuh und ein jeder Stiefel war ihm recht; er hatte bei all diesem keinen Verdruß über die elende Lebensart; er war immer guten Mutes, und je unordentlicher alles bei ihm zuging, desto fröhlicher war er … Dabei merkten wir, dass ungeachtet all der Unordnung, die er in seiner Lebensart von sich blicken ließ, er doch in Anstellung seiner Wahrnehmungen überaus pünktlich und in allen seinen Unternehmungen unermüdet war, sodass wir deswegen nicht die geringste Sorge tragen durften. Es war ihm nicht schwer, einen ganzen Tag zu hungern und zu dursten, wenn er etwas den Wissenschaften Ersprießliches ins Werk richten konnte.«
Trotz dieser allgemeinen Wertschätzung Stellers durch Gmelin gerieten die beiden Männer zeitweilig in Gegensatz zueinander. Gmelin und Müller führten auch auf ihren Reisen durch Sibirien im Unterschied zu Steller einen gepflegten Lebensstil; als »Professoren« hielten sie eine gewisse Distanz zu dem »Adjunkten«. Beide waren, wie Hanno Beck treffend bemerkt hat, »eher Gelehrte als Reisende«, während Steller beides zugleich war. Als Steller einmal Sammlungen direkt an die Akademie senden wollte, hielten Gmelin und Müller die Sendung an, kontrollierten sie und machten dem Adjunkten den Vorwurf, er habe sie übergehen wollen und damit sozusagen den »Dienstweg« missachtet. Doch zeugt der intensive Briefwechsel zwischen Gmelin und Steller von ihrem tiefen Vertrauensverhältnis. Hanno Beck zufolge besaß Steller »stets einflussreiche Freunde und Gönner und muss wie Georg Förster, mit dem ihn manches verbindet, und Alexander von Humboldt die Gabe besessen haben, Menschen für sich zu gewinnen …«; doch wies Golder auch darauf hin, dass es dem jungen Deutschen vielleicht hin und wieder an Takt und Nachsicht gegenüber Andersdenkenden mangelte.
Übereinstimmend heben jedoch alle Biographen Stellers hervor, dass mit ihm ein großer Wissenschaftler und Forschungsreisender allzu früh gestorben ist: »Denn mögen die Verfasser die Akzente verschieden gesetzt haben, sie alle betonen seinen leidenschaftlichen Forschungsdrang, seine unbestechliche Wahrheitsliebe und seinen wissenschaftlichen Heroismus. Das aber war das Größte an ihm und wird ihm immer einen endgültigen Platz in der Geschichte der Wissenschaften sichern« (Hünefeld).
Er war einer der besten Kenner der Geographie, Ethnographie und Geschichte Kamtschatkas, der einzige wissenschaftliche Chronist der Beringschen Amerikareise, auf der er die Flora und Fauna der besuchten Inseln beschrieb, darunter namentlich die später ausgerottete große nordische Seekuh (»Stellersche Seekuh«), und zum »Pionier der Naturgeschichte Alaskas« (Stejneger) wurde. Dem Reise-Historiker Dietmar Henze zufolge beginnt mit Steller »die Natur- und ethnographische Forschung im aleutisch-alaskischen Raum. Erst siebenunddreißig Jahre später folgen ihm hier James Cook und seine Begleiter. Wenn auch deren Berichte früher herauskamen als die seinen, so blieben diese doch noch lange Zeit darüber hinaus die geistvollsten, reichhaltigsten und anregendsten, die man über jenes Insel- und Litoralgebiet besaß.« Robert Huxley und Robert Press vom Natural History Museum in London stellen Georg Wilhelm Steller in die Reihe der »Grossen Naturforscher von Aristoteles bis Darwin«: »Seine Beschreibungen und Illustrationen sind Musterbeispiele präziser Beobachtung und Aufzeichnung; sie versetzen uns in die Lage, noch heute viele Organismen zu studieren – ganz besonders diejenigen, die bald nach ihrer Entdeckung durch Einwirkung des Menschen ausstarben.« Als Arzt war Steller bei der Bekämpfung des Skorbuts ein »Vitamin-Vorkämpfer« (Wendt), anderthalb Jahrhunderte vor der »Entdeckung« der Vitamine; seine Beobachtungen der Heilkunde unter den eingeborenen Völkern Sibiriens kamen ihm hierbei sicherlich zustatten.
Aus dem Brief Stellers an Gmelin vom 4. November 1742
Steller als Naturforscher und Reiseschriftsteller
Georg Wilhelm Steller war ein außergewöhnlich produktiver und vielseitiger Wissenschaftler; neben seiner Feldforschungstätigkeit hat er zahlreiche Schriften zu den verschiedensten Wissensgebieten verfasst (u. a. zur Tierkunde, Fisch-, Vogel- und Mineralienkunde, zur Pflanzenkunde, zur Geschichte, Sprache und Heilkunde der sibirischen Völker). Sein Kollege Krascheninnikow zählte insgesamt zweiundsechzig Abhandlungen, von denen jedoch nur ein kleiner Teil nach Stellers Tod gedruckt wurde. Stellers Manuskripte und Berichte, die er im Juli 1743 per Schiff von Bolscherjetsk abgesandt hatte, erreichten die Akademie in Petersburg erst im Februar 1746; das Inhaltsverzeichnis wies dreiundzwanzig Schriften auf, darunter den Bericht über die Reise nach Amerika. Steller starb mit seinen siebenunddreißig Jahren zu früh, um noch genügend Zeit für die wissenschaftliche Bearbeitung und Edition seiner meist direkt »vor Ort« und unter schwierigsten Bedingungen geschriebenen Werke zu haben. Keine seiner Schriften hat Steller jemals gedruckt gesehen. Seine »Beschreibung der Meerthiere« (De bestiis marinis) erschien 1751 (dt. 1753), seine »Beschreibung von Kamtschatka« erst 1774, seine »Beschreibung der Beringinsel« 1781 und seine »Reise nach Amerika« erst im Jahre 1793. Doch war Steller nicht nur ein hervorragender und fleißiger Wissenschaftler, sondern auch ein ausgezeichneter Schriftsteller. Man kann zwar nicht gerade behaupten, Steller habe sich bewusst um einen gepflegten Stil bemüht. Vieles hat er, wie Hünefeld bemerkt, ohne am Ausdruck zu feilen, einfach niedergeschrieben, um die Fülle seiner Gedanken und des Erforschten schnell zu Papier zu bringen. Angesichts der schwierigen Umstände seines Schreibens ist seine schriftstellerische Leistung jedoch gar nicht hoch genug zu bewerten: »Der gelegentliche Vorwurf, seinen Schriften fehle der letzte Schliff, kann ebenso gut als Vorteil ausgelegt werden: Gerade dieses Drauflosschreiben bedingt eben jene Ursprünglichkeit und damit jene Lebhaftigkeit und Anschaulichkeit seiner Sprache, die der antiken Komödie gleicht: derb und realistisch, aber auch durch die köstliche Situationskomik und die Kunst der Charakteristik in den Bereich des Künstlerischen gehoben« (Hünefeld). Stellers Sprache ist teils wissenschaftlich sachlich und nüchtern (besonders bei seinen naturwissenschaftlichen Darstellungen), teils vermittelt sie echte Erlebnisnähe, besonders in seinem Bericht über die Reise nach Amerika, in dem sich hier und da kräftiger Humor, feine Ironie und beißender Sarkasmus finden. Trotz ihres Alters sind Stellers Werke von einer erstaunlichen Gegenwärtigkeit: »Wir können uns dem Zauber jener streng sachlichen Darstellung von De bestiis marinis ebenso wenig entziehen wie der farbigen Schilderung der Beschreibung von Kamtschatka, ganz zu schweigen vom ›Tagebuch‹ über jene Unglücksexpedition ins Beringmeer, das mit seiner verhaltenen Dramatik voll menschlichen Leids und Elends, aber auch voll Heldentum noch in unseren Tagen zu dichterischer Gestaltung anregen konnte« (Hünefeld).
Das Material zu seiner »Beschreibung von dem Lande Kamtschatka« sammelte Steller nicht zuletzt auf zahlreichen Reisen kreuz und quer durch die Halbinsel, obwohl, wie er selber schrieb, die Sommer- wie auch die Winterreisen an keinem Ort im ganzen Russischen Reich so beschwerlich und gefährlich waren wie auf Kamtschatka. Im Sommer kam man wegen der vielen Moraste, Binnenseen, Flüsse, Gebirge und steilen Täler selbst mit Pferden kaum voran. Im Winter lief man ständig Gefahr, in das Eis der Flüsse einzubrechen und zu ertrinken oder sich bei rasender Schlittenfahrt durch dichte Wälder die Knochen zu brechen und vom Schlitten zu fallen.
Auf seinen Reisen lernte Steller Land und Leute bestens kennen, besonders die Kamtschadalen oder Itelmenen, die zu den Paläoasiaten gehören; wie auch die Korjaken und Tschuktschen stellen die Itelmen Reste der altasiatischen Urbevölkerung Sibiriens dar, die in Randgebiete wie Kamtschatka abgedrängt worden waren. Steller konnte die durch eigentümliche Sprache, Fischfang, Erdhaus und Hundeschlitten gekennzeichnete alte Itelmenenkultur noch relativ unverfälscht erleben, erforschen und der Nachwelt schildern. Doch zeigt Steller in seiner Beschreibung der »Okkupation des Landes Kamtschatka« zugleich auch den Prozess der Eroberung, Unterdrückung, Ausbeutung und Vernichtung der Itelmenen durch die Russen auf, den er zum Teil noch selbst miterlebte.

Von 1697 bis 1699 durchzog der Kosaken-Konquistador Atlassow die Halbinsel und verleibte sie dem Russischen Reich ein. Nun begann eine langjährige grausame Schreckensherrschaft der Kosaken auf Kamtschatka, die raubten, plünderten, töteten und die Bewohner versklavten. Um die volkreichen Itelmenen zu dezimieren und zu schwächen, gaben die Kosaken, wie Steller schreibt, »ihnen durch unüberwindliche Beleidigungen Gelegenheit, mit Streit anzufangen, schlugen dann von Alten und Erwachsenen alles tot, was ihnen vorkam, machten ihre Weiber und Kinder zu Sklaven und ihre Güter zur Beute. So haben sie binnen vierzig Jahren die Zahl der Einwohner bis auf den zwölften oder fünfzehnten Teil reduziert.«
Später pressten die Kosaken die Itelmenen mit dem »Jassak« aus, dem in Pelzwerk erhobenen Tribut. Folge dieser russischen Unterdrückung waren zahlreiche Aufstände der Itelmenen, als deren größter die Rebellion von 1731 gilt, an die zu Stellers Zeiten die Erinnerung noch wach war. Es kam daher nicht von ungefähr, dass, wie Steller in dem Kirchenbuch geschrieben fand, nicht der dritte Teil von allen Kosaken auf Kamtschatka eines natürlichen Todes starb, sondern die meisten hier und da erschlagen wurden. Doch wurden die Widerstandskraft und der Überlebenswille der Itelmenen schließlich doch gebrochen; das Volk ging langsam seinem Untergang entgegen. Reichlicher Branntweingenuss und von den Russen eingeschleppte Krankheiten trugen mit dazu bei, dass die Reste der eingeborenen Bevölkerung Kamtschatkas elendig dahinkümmerten.
In seinem Verhältnis zu den Itelmenen erwies sich Steller als ein Menschenfreund im Sinne jener Aufklärungsepoche, in der er in Deutschland groß geworden war. Eindeutig galten seine Sympathien nicht den russischen Eroberern, in deren Dienst er auf Kamtschatka weilte, sondern den unterdrückten und ausgebeuteten Itelmenen: »Es ist zu vermuten, dass man Kamtschatka von Anfang bis jetzt ohne Unruhe und Blutvergießen hätte erhalten können, wenn man mit diesen Leuten christlich, vernünftig und menschlich umgegangen wäre. So aber mussten sie die äußersten Verfolgungen und Drangsale ausstehen«, aus denen klar erhelle, »woher die vielen Rebellionen entstanden, wer die Urheber sind und wie man diesem noch zum Teil grassierenden Übel und dem gänzlichen Untergang dieser Nation noch beizeiten vorbeugen könne«.
Der junge Deutsche hatte mit seinen Forschungen in Kamtschatka eines der dunkelsten Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte beleuchtet; infolge der furchtbaren Ereignisse auf Kamtschatka nahm Russland seiner Meinung nach »ebenso großen Schaden an der eigenen Nation wie an den Itelmenen«.
Seine größten Leistungen aber vollbrachte Steller als Naturwissenschaftler. Er war Zeitgenosse des schwedischen Forschers Carl von Linné, des Begründers der modernen zoologischen und botanischen Systematik, lebte also in einer Zeitenwende der Naturwissenschaften. Man wendete sich zunehmend von überkommenen Fabeln und Halbwahrheiten der Tier- und Pflanzenkunde ab und bemühte sich um exakte Naturbeobachtung und -beschreibung. Steller ging sogar noch weit darüber hinaus: »Er suchte die Tiere und Pflanzen in ihrer Umwelt auf, er lebte mit ihnen, beobachtete sie und schilderte ihr Dasein in einem verblüffend modern anmutenden Stil, so exakt und zutreffend, dass seinen Berichten bis heute kaum etwas hinzuzufügen ist« (Wendt). In seinen Forschungsmethoden näherte sich Steller bereits der modernen Verhaltensforschung und Vergleichenden Anatomie. Er war der erste naturwissenschaftlich gebildete Forschungsreisende im Gebiet des Nordpazifiks und der »Pionier der Naturgeschichte Alaskas« (Stejneger). Auf der Kayak-Insel entdeckte er einhundertsechzig Pflanzenarten (Steller hinterließ einen »Katalog der Pflanzen, die innerhalb von sechs Stunden im nördlichen Amerika in der Nähe des Elias-Vorgebirges am 21. Juli unter dem 59. Breitengrad beobachtet wurden«) und den nach ihm benannten Schopfhäher (Cyanocitta stelleri), der ihm als Beweis dafür galt, wirklich in Amerika zu sein. Auf der Beringinsel erlebte er eine reichhaltige arktische Tierwelt, noch bevor sie durch den Eingriff des Menschen gestört wurde. Er beobachtete Seevögel, Steinfüchse, Wale, Seeotter, Seelöwen, Seebären und vor allem die eigentümlichen Seekühe. In seinem großen Werk »De bestiis marinis« (Petersburg 1751; dt. 1753 in Halle unter dem Titel »Ausführliche Beschreibung von sonderbaren Meerthieren«) gibt Steller eine meisterhafte Beschreibung von vieren dieser Meerestiere; im »Resümee der gelehrten Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften« zu Petersburg wird von diesem Werk Folgendes gesagt: »In dieser Abhandlung beschreibt der selige Autor vier Meerestiere, nämlich die Seekuh, den Seebären, den Seelöwen und den Seeotter so sorgfältig, dass man sich keine vollkommenere Darstellung dieser Tiere wünschen kann. Sehr genau und lebendig beschreibt er ihren Körperbau und macht gründliche Angaben über jeden Teil und jedes Glied, ihre Lage, Größe und Proportionen … Aber auch die inneren Teile lässt er nicht unerklärt … Er zeigt, wie man sie zur Nahrung, zu Heilmitteln und ähnlichen Zwecken zubereitet, und erklärt dann die Bewegungsweise, die Eigenart und die Gewohnheiten dieser Tiere.«

Unsterblichen Ruhm erlangte Steller durch seine Entdeckung und Beschreibung der nach ihm benannten großen nordischen Seekuh (»Stellersche Seekuh«; Rhytina Stelleri bzw. Hydromalis gigas). Er war der einzige Wissenschaftler, der jemals eine lebende Seekuh sah. Die Ordnung der Seekühe, zu der die Manatis und Dugongs gehören und die den wissenschaftlichen Namen »Sirenia« erhielt, steht in der stammesgeschichtlichen Entwicklung der an das Leben im Wasser angepassten Säugetiere zwischen den Walen und den Robben. Die einzige Seekuhart, die in arktischen Gewässern gelebt hat, ist die »Stellersche Seekuh«, ein riesiges, bis zu acht Meter langes Tier, das sich ausschließlich von Wasserpflanzen ernährte. Auf der Beringinsel bot sich Steller die einzigartige Gelegenheit, einen solchen Meeressäuger auf das Genaueste zu untersuchen und zu beschreiben; die Schwierigkeiten seiner damaligen »Feldforschung« hat er der Nachwelt allerdings nicht verhehlt: »Dass mir dabei nicht alles nach Wunsch geriet, ist auf das schlimme Wetter zur Zeit des Fanges dieser Tiere zurückzuführen. Fast ständig gab es Regen und Kälte, doch mussten die Untersuchungen unter freiem Himmel angestellt werden. Hinzu kamen noch die Gezeiten des Meeres sowie die räuberischen Seevögel, die alles benagten und mir auch unter den Händen wegstahlen. Während ich das Tier untersuchte, holten sie mir Papier, Bücher und Tinte weg. Wenn ich schrieb, plagten sie das Tier. Selbst die Größe des Tieres und das Gewicht seiner Teile waren schwer zu bestimmen, da ich doch alles allein untersuchen, zugleich aber auch alle Arbeit tun musste … Daher ersuche ich den Leser, wegen dieser verstümmelten Beschreibung nicht an meinem Willen und Forscherdrang zu zweifeln, sondern vielmehr die Umstände zu berücksichtigen, in denen ich mich befunden habe.« Bereits im Jahre 1768, also nur siebenundzwanzig Jahre nach ihrer Entdeckung durch Steller, galt die Seekuh infolge intensiver Bejagung als ausgerottet. In einigen Museen finden sich nur noch Skelette oder Skelettteile sowie Hautreste dieses urzeitlichen Meeressäugetiers.

Auszug aus der »Beschreibung sonderbarer Meerthiere« in der Handschrift Georg Wilhelm Stellers
Nach der Veröffentlichung wichtiger Schriften Stellers im 18. Jahrhundert war er nach der Jahrhundertwende so gut wie vergessen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Art »Steller-Renaissance« (Hünefeld); deutscherseits hob der Königsberger Anatom Ludwig Stieda in einem Artikel für die »Allgemeine Deutsche Biographie« (Bd. 36, 1893) die Bedeutung Stellers als Naturforscher hervor. Das Genie Stellers erkannte in moderner Zeit jedoch erst der Amerikaner Leonhard H. Stejneger, der im Jahre 1936 eine große und bahnbrechende Biographie über ihn veröffentlichte, die jedoch leider nicht ins Deutsche übertragen wurde. Als junger Naturforscher hatte Stejneger im Jahre 1882 die Beringinsel besucht: »Von diesem Tag an folgte ich achtzehn Monate lang buchstäblich Stellers Fußstapfen. Da ich von Anfang an die gewaltigen Schwierigkeiten erkannte, unter denen er gearbeitet hat, wuchsen mein Staunen und meine Bewunderung für seine Unerschrockenheit, seinen Fleiß, sein vielseitiges Wissen und seine Genauigkeit und Glaubwürdigkeit von Tag zu Tag.« Unvergessen blieb Georg Wilhelm Steller auch in seiner Heimatstadt Windsheim, die das Andenken an ihn auf vielerlei Weise wachhält und pflegt (Steller-Gasse, Georg-Wilhelm-Steller-Gymnasium, Steller-Gedenktafel am Platz seines Geburtshauses, Steller-Denkmal, Feierlichkeiten zu Geburtstagen Stellers).
Das neue Steller-Denkmal in Bad Windsheim
In der Geschichte des Reisens verkörpert Steller Hanno Beck zufolge den Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert, vom Barock zur frühen Aufklärung. Er war der naturwissenschaftlich führende Forschungsreisende des frühen 18. Jahrhunderts; als Zoologe gilt er in dieser Epoche als unübertroffener Meister. Deshalb verdient es Steller, der in der russischen und amerikanischen Wissenschaftsgeschichte bereits einen ehrenvollen Platz einnimmt, auch in der deutschen Wissenschaftsgeschichte nicht vergessen zu werden. Spätestens seit der von Dr. Wieland Hintzsche initiierten und viel beachteten Ausstellung der Frankeschen Stiftungen zu Halle im Jahr 1996: »Die Grosse Nordische Expedition. Georg Wilhelm Steller (1709–1746). Ein Lutheraner erforscht Sibirien und Alaska« sowie seit Gründung der »Internationalen Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft« in Halle kommt Steller endlich auch in Deutschland die Aufmerksamkeit zu, die ihm schon lange gebührt.
Volker Matthies
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