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Heinrich Mann

Die Jagd nach Liebe

Inhaltsverzeichnis

I. Ziele

II. Das Loch im Frack

III. Einer, der das könnte

IV. Die andere Bude

V. Der Bruder

VI. Vorschriftsmäßig

VII. Der Herr Panier

VIII. Matthacker

IX. Das ist sie!

X. Der Kupferstecher

XI. Ein Zusammenbruch

XII. Manon

XIII. Has juvenum lachrymis ...

Impressum

I.
Ziele

In Utes rotes Haar stieß ein einzelner Sonnenstrahl einen metallischen Glanz, als sei er ein Dolchstoß. Ute wandte Bella den Rücken. Sie hielt eine Hand auf der Hüfte, streckte die andere weit aus gegen die Dachkammer im kalten Nachmittagslicht und sagte über ihre Schulter hinweg, in den schrägen Winkel hinein, zu dem Totenschädel Nathanael:

»Ziele! ... Um Herrschaft kämpfen, den andern schaden, ihren Haß einatmen, die eigene Persönlichkeit wirken fühlen, Rausch erregen, die Seelen alle zittern sehen: Ziele!«

Darauf drehte sie sich um. Bella blinzelte ihr gelassen zu. Sie ruhte fleischig und gemütlich in ihrem niedrigen Korbstuhl zwischen seidenen Kissen, denen sie glich. Ihr Haar, breit frisiert und blond ohne Glanz, beschattete ihre weiten, weichen Züge und die Nase, die beweglich und zu lang war. Ihr fleischiges Handgelenk hing kraftlos vom Teetisch. Sie fragte:

»Und der gute alte Herr aus Lindau, der dir Rosen geschickt hat, was ist mit dem?«

»Er war neulich im ›Othello‹, und er wollte wieder anfangen. Ich sagte ihm: Ach so, das sind Sie. Ich habe mit Ihnen über Divorçons gesprochen und über die Ehe im allgemeinen, und Sie haben daraus geschlossen, daß Sie mir Rosen schicken dürfen. Das war dumm, aber Sie können nichts dafür. Denn es ist meine Schuld, wenn ich immer vergesse, daß man mit einem jungen Mädchen von einer Sache nicht um der Sache willen redet, sondern wegen des jungen Mädchens. – Und dann hab ich ihn stehen lassen.«

Bella wiegte den Kopf.

»Wer weiß ...«

»Ob er mich nicht geheiratet hätte?«

Ute trat dicht vor die andere hin und sah tief auf sie herab.

»Und du bist Künstlerin?«

Bella murmelte:

»Lieber Gott, ich singe ...«

»Du singst wie aus seidenen Kissen hervor, und so einladend.«

»Wenn du meinst, daß ich singe, um meine Persönlichkeit wirken zu fühlen. Papa kauft mir von seinen Tantiemen Ringe und Kleider, anstatt vernünftigerweise eine Mitgift für mich zurückzulegen.«

»Ach ja ...«

Ute machte zwei ungeduldige Schritte.

»Aber ich spiele, damit sogar noch in Nathanaels leerem Gebein ein Schwindel entsteht! ... Wenn ich denke, ich sollte schließlich das alles erarbeitet haben zugunsten eines einzigen – damit ein einzelner Bürger mich heiratet. Meine ganze Kunst, meine Arbeit, meine gepflegte, mühsam erarbeitete Persönlichkeit einem einzelnen Bürger in die täppischen Hände zu werfen! Es wäre ein Verrat an jeder von meinen Schminkbüchsen!«

Bella sah ihre Freundin die Wand hinschreiten. Auf abgedankten Kartentischen wechselten Photographien von Schauspielern mit Lanolintöpfen und Puderdosen. Über Archibalds Bildnis hinweg schleuderte Ute eine starke Geste nach dem Schriftstück, das ein rotes Bändchen an einen Nagel knüpfte.

»Das ist mein Engagement, es ist ja mit einer Art Dienstmädchenschrift geschrieben, und es gilt ja nur für eine Sommerbühne, eine ziemliche Schmiere, irgendwo mitten im Walde: aber ich schwöre dir, wenn ich das nicht hätte, wenn Archibald mich fallengelassen hätte, wenn er mein Temperament nicht genügend oder sonst irgendeinen Schaden an meinem Talent gefunden hätte – oh, ich hätte euch kein Wort davon gesagt, aber ich wäre dort unten irgendwo aus der Isar gezogen worden. Dann hättet ihr's euch denken können!«

Bella kreischte weich.

»Nein! Daß deswegen ein hübsches Mädchen sich umbringt, nein, das hätten wir uns so leicht nicht gedacht.«

»Aber wenn das hübsche Mädchen einem landläufigen Assessor zuliebe ins Wasser springt, dann sind alle einverstanden?«

»Mein Gott ja, das kennt man.«

»Ich aber werde eine große und berühmte Schauspielerin – oder ich ende übel«, sagte Ute schauerlich und tief.

Sie stand aufgerichtet wie eine Erscheinung, groß, starkknochig, die Arme lang herabgelassen an dem schwarzen Hängekleid, das Gesicht erloschen unter dem hohen Brand ihres Haars.

Plötzlich zuckte ihr starker Mund, sie warf den Kopf zurück, das Kinn bog sich, schon leicht gepolstert, fahl von Chypre, ihr Blick flammte kalt zwischen den mit Kohle gefärbten Wimpern, die schwarzen Barren der Brauen drohten unter ihrem wilden Haar.

»Ich habe keine Angst«, sagte sie. »Ich werde, was ich will.«

Bella war eingeschüchtert. Die Züge der Freundin erschienen ihr zu groß, zu mächtig gehauen, sie fand ihren Mut zu unbedingt, ihr Wesen zu großartig.

»Wenn es nur gut geht«, meinte sie schwach. »Aus den meisten wird doch nichts ... Übrigens, mit dir ist es etwas anderes – da du Claude hast.«

»Was soll das. Du weißt ganz genau, daß der Kleine mein Freund ist. Darum gibt er mir Geld, und darum geb ich's ihm zurück, sobald ich eine große Gage habe.«

»Und wenn du keine kriegst?«

»Ausgeschlossen.«

»Versuche den Fall zu setzen. Womit entschädigst du ihn dann? ... Er liebt dich, nicht wahr?«

»Und du nimmst an, wenn ich ihn nicht bezahlen kann, muß ich ihn wiederlieben.«

»Man nimmt das an.«

»Du bist mal modern heute.«

»Bitte sehr, ich kenne keine, die so modern wäre wie ich. Glaub doch nur nicht, beste Ute, daß ich weniger entschlossen ums Dasein kämpfen werde als du. Man wird mich heiraten: denk daran, was ich dir sage. Ah! niemand, der mich nicht heiratet, wird irgendwas von mir erlangen.«

»Von mir erlangt er auch das Heiraten nicht.«

»Wer dir Geld geben darf, der hat schon was erlangt.«

»Nochmals, Bella, du sprichst doch von Claude, und du weißt, daß er zwanzig ist, geradeso alt wie ich, und daß er schon Mätressen hat, und daß er eines Tages sehr reich sein wird, und daß er mein Freund ist. Nun paß einmal auf: er unterscheidet zwischen mir und seinen Mätressen. Von ihnen nimmt er, was sie geben können, zu mir kommt er mit höhern, feinern Bedürfnissen.«

»Und – bezahlt sie?«

»Unter Umständen. Wir könnten ja viel mehr Geld haben. Hast du noch nie bedacht, wie dumm es von uns ist, das viele Geld, das die Männer für Liebe ausgeben, alles an untergeordnete Geschöpfe weggehen zu lassen, an Mädchen aus dem Volk, die bloß durch ihre Gliedmaßen heraufkommen und dann mit ihren Automobilen uns überfahren. Wir könnten selber drinsitzen, sag ich mir oft. Das bißchen, was man dafür von uns verlangt – Gott, ich spreche nicht von mir, für mich gibt es nur die Kunst ... Aber ihr andern, warum tut ihr den jungen Leuten, euren Standesgenossen, eigentlich nicht den Gefallen?«

»Das geht doch nicht«, meinte Bella sanft. Aber Ute verliebte sich in ihren Einfall.

»Der junge Mensch wird euch den ehemaligen Dienstmädchen vorziehen, selbst wenn ihr weniger schön seid. Ihr steht doch geistig auf seinem Niveau, manchmal höher. Und das braucht er. Wir haben es doch nicht mit dem nervenstarken Knoten zu tun, der den Krieg von siebzig mitgemacht hat und mit seiner Mannesgewalt ein Frauchen beseligt, dem er Kinder abzuhalten und Lampen zu putzen gibt. Der von heute ist schwächer als wir, er weint nach einer Gefährtin – fällt es dir nicht auf, daß heute fast immer der Mann im Arm der Frau hängt –, nach einer Erlöserin aus seiner nihilistischen Einsamkeit.«

Bella schluckte eine gut durchgekaute Makrone hinunter.

»Nihilistische Einsamkeit, was ist das. Trinkst du keinen Tee?«

Ute trank und erklärte:

»Die Einsamkeit, in der er mit seinen vor Nervenschwäche welt-, staats- und menschenfeindlich gewordenen, auf das Nichts gerichteten Gedanken umherwankt.«

»Komisch«, bemerkte Bella und kaute. »So was kann uns nicht passieren.«

»Du siehst, wie leicht wir diesem schwachen Menschen sein Geld abnehmen könnten – seine letzte Kraft – ohne ihm was Erhebliches dafür hinzugeben.«

»Du bist – na, ich pfeif ja auch drauf, aber du bist schon entsetzlich unmoralisch.«

»Das ist mein Stolz.«

Bella nickte.

»Man muß es sein. Es liegt in der Luft und wird verlangt.«

»Nein, ich bin es«, sagte Ute.

Sie schwiegen. Dann bemerkte Ute:

»Die Teeblätter sind abscheulich trocken, ich habe sie vom Bäcker an der Ecke. Papa, der Lump, konnte mir kein Geld geben, und Claude muß Archibald bezahlen. Claude hat auch nicht immer was. Sein Vater ist wieder krank, er kann ihn um nichts bitten.«

Bella zögerte.

»Und wenn der Herr Marehn stirbt?«

»Nun dann –«, machte Ute.

»Es ist doch nicht sicher, wieviel seine Mutter ihm dann gibt. Du mußt auf alles gefaßt sein, Ute. Die Frau hat ja andere Männer zu versorgen, bevor sie an Claude denken kann.«

Ute hob die Schultern.

»Drum such ich vorher noch meine Ausstattung zusammenzubringen, wenigstens für die klassischen Rollen. Die hält jahrelang.«

»Kannst du dir vorstellen, was dann aus Claude würde?«

»Nein. Schön wäre es nicht«, erklärte Ute mitleidig und mit Ungeduld.

»Dann unterstützt du ihn.«

»Tatsache ist – wenn ich mir vorstelle, was ich Leben nenne und wozu ich entschlossen bin: Rivalinnen wegärgern, für den Erfolg lügen, stehlen, bestechen und, wenn es sein müßte, morden; – das alles könnte er nicht. Bloß sein Geld macht ihn zum Leben fähig. Wenn ich arbeite, staunt er mich immer an, als sei ich aus einer unbegreiflichen Welt. Aber er hat was für sich. Er ist auch frech. Wir andern, wir sind ganz frech egoistisch. Claude hat etwas – Archibald nennt es den Zynismus der Güte. Neulich, als wir früh um sechs nach dem Bauernball in Lokale zogen – Papa wollte noch Sekt trinken, der Lump kriegt nie genug. Mama hatte einen Rausch und meinte, dann brauchte sie an dem Morgen wohl nicht mehr die Treppe zu scheuern. Claude hatte die ganze Nacht alles bezahlt. Aber da, mitten in der Ludwigstraße, stellt er sich vor Papa, den jungen Ende, den Lumpen, hin und sagt:

»Jetzt hab ich nur noch das Stundengeld für Ihre Tochter. Das geb ich nicht her.«

»Ich sag dir, Papa war einen Augenblick still. Ich dachte: Und wenn ihm das jemand auf dem Theater vormachte, wüßte er gar nicht, wie schön es ist – und wollte ihn deswegen geringschätzen. Aber ich konnte nicht.«

Bella wühlte sich erregt aus ihren Kissen heraus.

»Er hat deinem Vater, dem jungen Ende, mal Bescheid gesagt. Den Vätern muß man Bescheid sagen.«

Aber Ute bewegte die Hand.

»Das verstehst du nicht. Er hat Papa, dem Lumpen, keine Lehre geben wollen. Wozu übrigens. Er hat nicht einmal mir Eindruck machen wollen. Besonders zart war die Szene überhaupt nicht von ihm, denn die andern hörten zu, was mir aber natürlich egal war. Was ich glaube: in seiner Güte ist eine ganze Menge Verachtung, die stille Verachtung eines Schwachen ... Nein, er ist gar nicht zu verachten.«

»Aber zu lieben auch nicht«, sagte Bella. »Ich verstehe dich.«

Ihr früherer Gedanke hielt sie fest.

»Die Väter müssen's mal hören! Meiner, der von seinem großen Einkommen jedes Jahr 450 Mark zurücklegt und sich einbildet, davon sollen Mama und ich nachher leben – und mir das Studium verbietet!«

»Er weiß es noch immer nicht?«

»Keine Ahnung. Mama fragt manchmal schüchtern an, ob ich nicht doch noch was lernen solle. Dabei bin ich gleich fertig ausgebildet. Wir werfen 's Geld hinaus für Toiletten – denn das will er – und verkaufen sie gleich wieder an Tändlerinnen. Davon wird das Konservatorium bezahlt. Manchmal mit noch schäbigeren Hilfsmitteln. Aber zum Mittagsessen trinken wir täglich Sekt.«

Die weiche Bella war ganz in Empörung. Ute sagte wegwerfend:

»Deiner ist ein gediegener Bürger und meiner ein Lump, der bei allen festlichen Veranstaltungen Spaß macht und schmarotzt. Aber sie nützen uns einer so wenig wie der andere.«

»Wir sind auf uns selbst gestellt.«

»Und das ist recht!«

Sie standen beide auf den Füßen, Bella griff in den Zigarettenkasten.

»Arbeiten!« rief Ute und baute ihre Gestalt pomphaft auf vor Nathanael. »Nur arbeiten!«

»Da es sein muß«, sagte Bella entschlossen. »Studieren: den Tanz um den goldenen Mann!«

»Nein! Die Kunst allein!« so deklamierte Ute. »Immer nur sie! Wozu Männer. Ich will nicht einmal meine Zeit dafür verlieren, mit ihnen zu kämpfen. Wenn einer mir nützen kann, und es durchaus nicht anders tut, dann –«

Sie beendete nicht.

»Was liegt viel daran«, sagte sie und knallte laut mit zwei Fingern. »Stark sein!«

»Recht hast!« sagte Bella und bettete einen riesigen schwarzen Hut auf ihr breites Nest stumpfblonder Haare.

»Meine Arbeit! Meine Kunst!« so warf Ute den Knochen Nathanael ins Gesicht, bald mit Grabesstimme und bald mit gellem Schrei. Sie arbeitete.

Auf einmal rief Bella:

»Da ist ja Claude! Grüß Gott, Herr Claude!«

Claude vollführte einen kleinen steifen Gruß, nur mit dem Kopf – und blieb auf der Schwelle, dunkel gekleidet, schmächtig, gelblichblond, mit matten Schatten im schmalen Gesicht, schwachem Kinn, peinlich geschlossenem Mund und die Lider mit Stolz halb gesenkt über den verwischt blauen Blick.

Er blinzelte in die kalkweiße Kammer. Am Fenster, von dem die Sonne sich zurückzog, brannten auf dem Plakat eines Künstlerfestes die roten Tänzerinnen. Die Photographien ringsumher strotzten voll prunkender Gebärden, eine Weckuhr tickte laut und hart. Ein fetter und scharfer Duft von Kosmetiken und jungen Mädchen überlud die Ofenwärme. Er sah Bella mit den Händen am Hut, so daß der Kopf verlockend im Rahmen beider Arme stand, mit straff herausgearbeiteter Büste, ausladender Hüfte, gelassen in ihrer spannkräftigen Fülle. Aber Ute warf sich kniend am Boden umher. Ihre Hände griffen hoch in die Luft, stark und weiß an ihren schmalen, festen Gelenken. Und ihre langen Schenkel arbeiteten, stürmten, spielten mit unter den rollenden Falten des Kleides, als zwei starke biegsame Mimen. Sie deuchte ihm ganz und gar so kühn und schwer, wie der Sturz ihres metallischen Haares über ihrem hellen Profil, mit der geraden, breitgesattelten Nase, den weiten grauen Augen, schwarz überbrückt, dem gewölbten und fahlen Kinn, der feucht vorgeschobenen, fleischigen Unterlippe ... Claude meinte sehr lange auf der Schwelle zu stehen, und er verspätete sich dort nicht zum erstenmal. Dies waren zwei Empörte, laut und ihrer Sache gewiß. Er fühlte sich vorschriftsmäßig, streng verhalten, schüchtern aus Zweifelmut.

Er trat vor, drückte Bella die Hand und sagte: »Wenn du erlaubst, Ute, begleite ich dich nachher zur Stunde.«

»Ich hab noch Zeit«, sagte Ute. Dann schrie sie wieder:

»So werde die Haarnadel zum Dolche! Gleichviel ... Und nur eine Unschuld!«

»Aber ich muß machen«, sagte Bella. »Adieu, Schatz.«

Sie wollte an Claude vorbei.

»Was haben denn Sie am Arm. Ach! Ist denn Ihr Papa – Ja? Oh, das ist ja schrecklich!«

Ihr Gesicht war erschrocken darüber, daß es traurig zu sein hatte. Sie zog eine Schulter hoch, wand sich förmlich, um aus der Tragweite des Trauerfalles zu entkommen.

»Dann muß ich furchtbar eilen, daß ich nachher Ihrer Frau Mutter einen Besuch machen kann. Adieu, o Gott, wie schrecklich für Sie.«

Die Tür klappte zu. Ute hatte sich aufgerafft. Sie stellte sich vor Claude, sie dachte an ihre Kostüme.

»Das ist wirklich unangenehm«, sagte sie.

»Wie man's nimmt«, meinte Claude sanft. »Ich glaube, ihm lag nicht mehr viel daran.«

»Hast du ihn noch gesprochen?«

»Gestern. Er ließ mich rufen, seit vier Wochen mal wieder. Er saß wie immer in seinem Rollstuhl, er war etwas kurzluftig, und er konnte nicht sprechen. Er gab mir einen Tausendmarkschein.«

Ute nickte. Das waren die Kostüme, wenigstens die Hälfte von ihnen.

»Er wollte mir erst noch mehr geben, dann machte er eine Bewegung, als fände er's überflüssig ... Mama hat ihn gar nicht mehr gesehen ... Nun sind wir also soweit.«

»Wie weit?«

»Daß du deine Wohnung haben kannst.«

»Die Kostüme kommen erst.«

»Es kommt alles.«

»Eine ernste Frage, Claude. Bist du sicher, daß deiner Mutter viel übrigbleiben wird – für dich?«

Claude lächelte.

»Du meinst, von Eisenmann geht vor. Aber du mußt wissen, ich bin ein stiller Vorwurf. Oh, ich will es gar nicht sein. Womit die Frau sich unterhält, wie gleichgültig ist mir das. Wenn sie mich jemals liebgehabt hätte – weiter nehme ich ihr nichts übel. Aber sie fühlt irrtümlicherweise einen stummen Tadel, sooft ich ins Zimmer trete, drum wird sie mich immer mittels Taschengeld loswerden wollen.«

»Sie meint vielleicht, dein Papa hat dich gegen sie aufgebracht.«

»Der arme Papa, er konnte doch von der Frau schließlich nichts anderes verlangen. Seit fünfzehn Jahren im Rollstuhl. Ich habe wenige Überzeugungen, Ute, aber eine habe ich.«

»Die wird auch danach sein.«

»Wir betrügen jede Frau, der wir unter die Augen treten ohne die redliche Absicht, sie zu besitzen. Denn jede, aber jede einzelne, setzt das voraus und verlangt es. Wer erst in einem Zustand ist wie der arme Papa, der darf zu einer Frau – zu seiner eigenen oder einer andern – nicht einmal mehr sagen: ›Guten Tag, heute regnet's.‹ Das ist grober Betrug.«

Ute lachte kurz. Dann faltete sie geringschätzig den Mundwinkel. »Immer der eine Gegenstand, den du zu wichtig nimmst. Sprechen wir von unsern Angelegenheiten. Die Wohnung in der Karl-Theodor-Straße gefällt mir.«

»Achthundert. Ich gehe morgen früh und miete sie.«

»Das bleibt mein Absteigequartier, sooft ich nach München komme.«

»Sooft du nach München kommst«, wiederholte er eintönig. Seine Lider zuckten. Ute sah ihn neugierig an, schüttelte den Kopf und wandte sich ab.

»Daß du mich hier herausnimmst, das ist das Beste, weißt du, was du für mich getan hast. Es ist tatsächlich nicht mehr auszuhalten.«

Sie machte zwei Bühnenschritte.

»Ist der junge Ende aufsässig?« fragte Claude. Ute hob die Arme.

»Der Mensch könnte mich nicht so reizen, wenn ich nicht fühlte, ich habe etwas in mir, wenn ich das nicht totmache, wenn ich es nicht ganz totmache, werde ich auch so.«

»Na, so doch nicht.«

»Mich mit leichten, nicht erarbeiteten Erfolgen zu begnügen, da liegt die Gefahr. Wenn wir bei diesem betitelten und reichen Volk auftreten, das im Durchschnitt weder seine Glieder gebrauchen noch eine Schönheit fühlen kann – wie verlockend ist das Beispiel des jungen Ende, der diese Damen malt und diesen Baronessen Verse in den Mund legt. Es kostet so wenig, und der Erfolg ist da, man wirkt, man fühlt sich. Und ich lasse mich fortreißen von Papa, dem Lumpen, schwindle wie er, entweihe meine Kunst, und habe mit meinem Kitsch Erfolg, und amüsiere mich wie der junge Ende – ich bin doch fast so jung wie er – und bin ordentlich glücklich ... Das muß aufhören.«

»Soll es auch; aber reg dich weiter auf, du bist schön dabei.«

»Wirklich? Das ist kein Kitsch. Höre: Nächsten Donnerstag sollen wir zu der Gräfin Stockwenzel, lebende Bilder stellen. Daraus wird nichts. Vorher ziehe ich um.«

»Wie du befiehlst. Ich gehe sofort hinunter und spreche mit Herrn Ende.«

»Weißt du, das ist das Schlimme, daß er mich niemals schlecht behandelt hat. Wie kann er auch, der heitere Gemütsmensch. Er mißhandelt nicht einmal Mama. Was soll ich ihm vorwerfen, er spricht so gütig und nachsichtig mit ihr, wie man mit einem abgenutzten alten Haustier nur sprechen kann. Seit zwanzig Jahren tut sie alle Arbeit, aus Liebe zum jungen Ende, hat nur wenig körperliche Bedürfnisse und gar keine geistigen ... Mich aber verführt er durch Kameradschaftlichkeit.«

Sie fing wieder an das R zu rollen.

»Verführung ist die wahre Gewalt! – Ich habe Blut, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut, als eine ...«

Dann sagte sie erbittert:

»Er ist eigentlich liebenswürdig, der junge Ende. Wenn er mir nicht so grenzenlos zuwider wäre, wär er mir riesig sympathisch.«

»Nun, ich geh also, dich ihm abkaufen.«

»Du gefällst mir. Denkst du das so einfach abzumachen?«

»Ich rechne darauf, daß er mir auf den Weg hilft. Schließlich ist er der Erfahrenere – der Ältere ist er allerdings nie, der junge Ende.«

»Gehen wir«, entschied Ute. Aber sie besann sich:

»Nein. Erst noch einmal die letzte Szene. Während du bei Papa bist, muß ich mich umziehen, für den Besuch bei deiner Mutter.«

»Kind, es ist keine Haarnadel«, sagte Claude gefällig.

»So werde die Haarnadel zum Dolche! – Gleichviel!« schrie Ute und wand sich auf den Knien, vor Nathanael.

Claude sprach kühl und wohlerzogen:

»Was? Dahin war es gekommen? Nicht doch, nicht doch! Besinn dich. Auch du hast nur ein Leben zu verlieren.«

»Und nur eine Unschuld!«

»Die über alle Gewalt erhaben ist.«

»Aber nicht über alle Verführung ... Gewalt! Gewalt! Wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts! Verführung ist die wahre Gewalt! ... Ich habe Blut, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut, als eine. Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut. Ich kenne das Haus der Grimaldi.« Ute brach ab.

»Ich kenne auch das Haus der Stockwenzel. Aber das muß ich schon sagen: wenn der junge Ende mich nicht zum Verrat meiner Kunst verführt – die andern verführen mich zu gar nichts. Herrschaft, wenn diese Kavaliere mit den dicken Schnauzbärten und den breiten Schultern mich in die Winkel drängen und mich streicheln wollen wie ein Pferd ... Ist das widerlich!«

Sie stand auf, sehr blaß.

»Nein, mit der Wärme meines Blutes ist es glücklicherweise eher faul.«

Auch Claude war erbleicht. Sie trat auf den Stiegenflur hinaus.

»Ich schließe dir auf«, sagte Ute. »Mama ist, glaub ich, auf Besorgungen, und den jungen Ende darf man durch Läuten nicht belästigen. Dann kriegt Mama am Abend keinen Kuß.«

»Denkst du an einen Bestimmten?« fragte Claude kalt und sah fest geradeaus.

»Woran? Ach, bei der Stockwenzel?«

»Du weißt, ich stehe jeden Augenblick zu deiner Verfügung.«

»O laß doch«, murmelte Ute. »Was gehn denn uns solche Leute an.«

Sie öffnete die Tür der Wohnung, gleich neben ihrer Dachkammer. Inzwischen zeigte sich auf der Treppe eine kleine Frau mit einem Korb Holz. Sie war in einem alten Paletot, der ihr nicht paßte. Graues Haar hing um ihr Gesicht, das voll staubiger, versteinerter Falten war, wie das eines Mörtelweibs. Ute knickte förmlich zusammen.

»Guten Tag, Mama, bitte, geh voran«, sagte sie, sichtlich angestrengt durch die eigene Sanftmut. Claude grüßte, die Frau verschwand. Ute flüsterte:

»Ich habe immer solche Angst, sie wie ein Dienstmädchen zu behandeln ... Das alles ist ja nicht länger haltbar. Raus!«

Sie blieb vor ihrem Schlafzimmer stehen.

»Hol mich nachher ab. Viel Vergnügen.«

Claude ging den Korridor zu Ende, schluckte hinunter und klopfte.

Der junge Ende hatte seinen Stuhl und seine Staffelei schon verlassen. Seine gepflegte Person lief auf Lackschuhen durch das öde Atelier mit zwei geöffneten Armen dem Gast entgegen.

»Mein lieber, lieber Freund! Herzlich willkommen! Gerade habe ich an Sie gedacht.«

»Zu welchem Zweck?« fragte Claude, leise und entschieden wie immer. Ende rief, und er schwenkte seine weiße, lange und volle Hand – Utes Hand:

»Zweck? Um einen freundlichen Gedanken zu haben. Uns selbst und andern immer zu freundlichen Gedanken verhelfen: Das ist die ganze Kunst!«

›Stimmt‹, dachte Claude. ›Davon lebst du.‹

Und des fröhlichen Rheinländers schlanke, leichtlebige Gestalt, seine gewinnenden Gebärden und sein blonder Lockenkopf, die Herzlichkeit seiner unverfänglichen, leeren Züge und seine sonnigen Augen – alles deuchte ihm über die Maßen minderwertig. Dennoch war dieser Springinsfeld von vierzig Jahren Utes Vater. Die frühe Ehe mußte ihn jung gelassen haben, und daß er für Arbeit, Sorgen, Menschenerkenntnis und Unterordnung immer die Form eines Vergnügens gefunden hatte.

»Die Sezessionisten in allen Künsten«, sagte der junge Ende, »wollen fortwährend Stimmung machen, und fortwährend versetzen sie einen in schlechte Stimmung. Da schauen Sie unser neues Theater an mit seinen dürftigen Linien und den großen, kalkweißen Flächen. Das soll schön sein? Wenn man den Vorhang ansieht, ahnt man schon all den Kummer, der einem nachher vorgespielt werden soll. Und es wäre so leicht, etwas Hübsches zu machen, so leicht!«

Er erfaßte Claude mit seiner warmen Hand und führte ihn vor das gleich fertige Gemälde.

»Ist es nicht schelmisch?« fragte er.

»Schelmisch ist das Wort«, sagte Claude.

Der junge Ende setzte dem venezianischen Blumenmädchen ein Glanzlicht auf den reinlichen Fingernagel.

»Im kommenden Frühling soll ich nämlich die Ehre haben, die Frau Gräfin Stockwenzel nach Venedig zu begleiten. Und da hab ich schon soviel Aufträge, können Sie denken. Es gibt ja gerade in den besten Kreisen soviel liebe Menschen, denen man eine wahre Freude bereitet, wenn man etwas Hübsches macht.«

»Und da machen Sie die Blumenmädchen schon im voraus?«

»Natürlich. In Venedig werde ich wohl keine Zeit haben.«

»Und ohne Modell?«

»Versteht sich ... Ich will Ihnen sagen, mein lieber Freund, ein venezianisches Blumenmädchen, wie der deutsche Liebhaber es wünscht und sich vorstellt, das hab ich im Kopf, dazu brauch ich weiter nichts. Und die deutschen Maler, die von Venedig Blumenmädchen herschicken, die wohnen auch nur dort, um durch die Echtheit des Herstellungsortes Eindruck zu machen. Die Blumenmädchen malen sie darum doch, wie sie in Deutschland verlangt werden.«

Claude suchte nach einem Übergang.

»Was werden Sie denn am Donnerstag bei der Gräfin Stockwenzel veranstalten?«

»Oh, ich bitte Sie, daran denke ich noch gar nicht. Vorerst bin ich am Montag zum Regenten befohlen, wegen der Auszeichnungen für die Literatur ... Jawohl, mein lieber Herr Claude, man hat hohen Orts die Bemerkung gemacht, daß München sein Gepräge als Kunststadt heute fast ebensosehr von den Schriftstellern erhält wie von den Malern. Es sollen Orden verteilt werden, Pensionen sogar, ganz als ob es Maler wären. Als Kommissionsmitglied bin auch ich von oben ernannt worden. Ich habe sogar den Vorzug, als Sprecher zu dienen.«

»Sie? ...«

»Wie Sie erstaunen! Bin ich so ganz ohne Verdienst? Glauben Sie nicht, daß ich mir viel beimesse. Aber ich habe das eine für mich, daß die Herrschaften mit mir reden können, ohne Satire oder geistigen Hochmut in mir zu fühlen. Mein Gott, dem sind sie bei Literaten ausgesetzt. Drum vertrete in allen Kreisen, die die Bildung nicht gern entbehren, sich aber ihretwegen keinen Unannehmlichkeiten aussetzen möchten, meistens ich die Literatur.«

»Es wird ihr ja gleich sein«, meinte Claude.

»Lieber Freund, es heißt ohne Arg sich schicken, bevor man es mit Bitterkeit tun muß ... Kommen Sie, setzen Sie sich ... Sagen Sie das doch meiner Ute, Sie haben so viel Einfluß auf das Mädchen.«

»Ich? Nicht den geringsten. Und Ute ist der gegenteiligen Ansicht.«

»Ich weiß. Leider. Sie will es sich verbitten, daß Ihre Exzellenz die Frau Gräfin Stockwenzel sie gutes Kind und du nennt ... Mich nennt die Gräfin einfach Ende, ohne Herr.«

»Und ›Ihr‹?«

»Hahaha. Und dabei weiß ich genau, wie gut sich Ute am Donnerstag unterhalten wird.«

»Sie weiß es auch und will sich der Möglichkeit, bei Stockwenzels glücklich zu sein, entziehen. Sie geht nicht mehr hin.«

»Wir haben ja schon zugesagt, mein Lieber.«

»Sie zieht vorher um ... Lassen Sie's gut sein, Herr Ende, Sie sehen doch ein, daß Ute einmal heraus muß.«

»Aber das ist etwas ganz Neues. Ihren Vater verlassen, noch bevor ihr Studium beendet ist.«

»Nächstes Jahr ist sie mündig.«

»Nächstes Jahr«, wiederholte der junge Ende geringschätzig, ohne Verständnis für so weite Zeiträume.

»Sie muß einmal Ernst machen«, bemerkte Claude.

»Womit?«

»Mit ihrer Kunst.«

»Ernst mit ihrer Kunst!«

Ende hob fassungslos beide Arme auf.

»Wenn sie nicht heiter ist, die Kunst, was hat sie dann für einen Zweck?«

»Das ist Sache der Künstler, Herr Ende.«

»Ah! Mich rechnen Sie nicht dazu? Sie werden noch anderer Meinung werden, Herr Marehn. Sie werden noch erkennen, wer von uns der richtige Künstler ist, und daß Ute sich selbst aufgibt, sobald sie mich aufgibt. Sagen Sie ihr das! Ich kann ja mit ihr nicht sprechen, sie behandelt mich von oben herab. Ich schäme mich nicht, Ihnen das zu gestehen, denn es ist nur der Irrtum eines jungen Mädchens. Es ist in ihr allerlei Krankhaftes. Ich glaube, sie sollte etwas für ihre Hygiene tun, und die Gedanken an ernste Kunst würden ihr vergehn.«

»Dann sollte sie lieber nichts dafür tun.«

»Sie hat, mit mir zusammen, vielen Personen Freude gemacht. Sie ist der Liebling einer hohen und reichen Gesellschaft gewesen. Sie ist verwöhnt, ihr Talent ist durch feinsinnige Anerkennung erwärmt, in einer Luft von Lebensfreude unter gefälligen Menschen aufgewachsen. Meinen Sie, es wird den Feinden draußen, den argwöhnischen Zuschauern, die an ihr Eintrittsgeld denken, standhalten? Wird sie aus den Balgereien mit Kolleginnen, Direktoren, Rezensenten, Nachstellern genug Illusionen retten?«

»Sie verzichtet auf Illusionen, sie will Wirklichkeitskunst«, sagte Claude stolz.

»Hat sie für eine so wütende Laufbahn genug Temperament? Sie ist kalt. Sie, Herr Marehn, müssen das bemerkt haben.«

›Der Hund greift mich an‹, dachte Claude.

»Sie erreicht alles, was sie will«, äußerte er. »Denn sie weiß genau, was sie kann. Das werden Sie, Herr Ende, zuerst merken. Denn Ute zieht von Ihnen fort, ohne sich vor den Folgen zu fürchten. Was können Sie tun, Sie werden doch keinen Lärm schlagen.«

Ende wehrte ab; er dachte an Wichtigeres.

»Wem soll ich am Donnerstag ihre Rolle geben? Wie rücksichtlos ist das Mädchen, sie stört uns alle.«

»Vor allem werden Sie selbst, Herr Ende, dadurch geschädigt, daß Sie sich nun in den Salons nicht mehr Ihrer Tochter bedienen können. Das sieht auch Ute ein. Ich komme eben, um die Vergütung des Schadens mit Ihnen zu besprechen.«

Der junge Ende stand auf, erhaben vor Schmerz.

»Sie erschüttern mich! Sie glauben, mir mein Kind abkaufen zu können ...«

Er drehte den Kopf auf dem Rande seines hohen Halskragens angstvoll hin und her, glättete mit einer Handbewegung ein empörtes Meer und setzte sich wieder.

»Ich will Ihnen nicht zürnen. Ich würde durch meine Unversöhnlichkeit Ihrer Menschenfeindlichkeit recht geben. Sie sollen an Güte glauben. Oh, diese jungen Leute, die sich aus Stolz vornehmen, die Welt recht schwarz zu finden, wohin gelangen sie! Sie sollen es nicht mehr für möglich halten, Herr Marehn, daß ein Vater sich seine Tochter bezahlen läßt – und dadurch sollen Sie selber glücklicher werden.«

»Sehr angenehm«, sagte Claude.

»Sie lieben Ute als Jugendfreund. Sie haben das redlichste, trauteste und reinste Verhältnis zu ihr ... Warum sehen Sie mich so kalt und zornig an ... Meinen Sie aber nicht, daß andere das Mädchen anders lieben und daß ich schon oft Gelegenheit gehabt hätte, mir eine abscheuliche Hilfeleistung bezahlen zu lassen. Oh, ich vergesse solche Vorkommnisse. So etwas muß man rasch vergessen. Ich zweifle am Ende sogar, ob es wirklich geschehen ist. Der Mensch kann nicht schlecht sein, lieber Herr Marehn. Denn wenn ich selbst ernstlich in mir nachfrage: ich finde mich ganz unfähig zu der Schurkerei, die Sie heute bei mir vorausgesetzt haben.«

Er sah klar und frei in Claudes Augen, die sich halb schlossen. Claude dachte: ›Dazu sind Sie allerdings zu minderwertig. Hätten Sie mir nach dem ersten Wort einen Preis gestellt, Sie würden mir Achtung eingeflößt haben. Zu wissen, daß man ein Schurke ist, und sich gut zu heißen, das hat etwas für sich. Sie wissen nichts. Sie tun alles, damit Ihre Tochter einmal das Brot eines Liebhabers essen muß und daß Sie mitessen können; aber Sie werden, auch wenn's soweit ist, nie erfahren, daß Sie das waren. Ihre Tochter verkaufen – niemals. Sie verkaufen nur gefälschte Venezianerinnen: zu höheren Schurkereien versteigen Sie sich nicht.‹

»Sie laden sich eine schwere Verantwortung auf, Herr Marehn«, sagte Ende sanft und eindringlich.

»Ich?«

»Denken Sie gar nicht daran, daß ohne Ihr Geld Ute zu dem allem außerstande wäre?«

Merkwürdig, nein, daran hatte Claude nie gedacht. Der Wille in dem allem war doch Ute.

»Diese jungen Leute halten ihre Freiheit für grenzenlos, sie meinen, niemand achtet auf sie. Neulich hat die Frau Gräfin Stockwenzel von Ihnen gesprochen.«

»Von mir?«

»Das wundert Sie. Die Frau Gräfin hat doch mit Ihrem Papa geschäftlich zu tun. Sie sind ihr nicht unbekannt. Da können Sie denken, was die Gerüchte, die über Sie und Ute umgehen, auf Ihre Exzellenz für einen Eindruck machen.«

»Daß ich mit ihr ein Verhältnis habe? Die Menschen sind zu gut, so etwas glauben sie nicht.«

»Mein Lieber, Sie schädigen Ute«, sagte der Vater leise und feierlich.

»Es ist ihr gleich, Herr Ende. Ich habe mich nicht mit ihr zeigen wollen. Aber sie zeigt sich mit mir.«

»Das Mädchen sucht etwas darin, es ist schrecklich. Aber Sie selbst, lieber Herr Marehn, auch Sie haben einen Ruf zu verlieren. Sie sollten die gute Gesellschaft nicht herausfordern, indem Sie ihr ein junges Mädchen abspenstig machen, das sie so gütig war aufzunehmen. Früher oder später werden Sie die gute Gesellschaft nötig haben. Dann wird man Sie auch fühlen lassen, daß Frau Gisela Gigereit – um nur diese zu nennen – zwar jedermann bekannt ist, daß man ihr aber im Theater kein Bier kauft. Ich habe Ihnen keinen Rat zu geben ...«

»Allerdings nein«, sagte Claude bestimmt.

Der junge Ende schien, verzweifelnd, irgend etwas über die Achsel zu werfen.

»Und schließlich – ich bin ein Mensch – Sie tun auch mir sehr unrecht. Wird die Gräfin Stockwenzel, nachdem meine Tochter sich von Ihnen eine Wohnung hat einrichten lassen, mich, den Vater, noch nach Venedig mitnehmen?

Sehen Sie!«

Claude beschloß heftig zu werden.

»Wollen Sie mich nun zu Wort kommen lassen! Sie können doch nicht von mir verlangen, daß ich Ihnen Geldverluste beibringe und einfach meiner Wege gehe. Ich habe niemals die Absicht gehabt, Ihnen Ihre Tochter abzukaufen, Sie sind übertrieben kitzlig. Ich will Ihnen einfach ersetzen, was meine Handlungsweise Sie kostet ... Lassen Sie mich ausreden! Wieviel ich Ihnen geben kann, weiß ich heute noch nicht. Mein Vater ist erst seit drei Stunden tot ...«

»Was denn? Was sagen Sie? Aber Herr Claude! Mein armer, lieber Claude! Und die ganze Zeit haben Sie den Hut vor Ihren Krepp gehalten. Soll ich denn Ihren Schmerz nicht teilen?«

Claudes Gesicht sagte: ›Nein, lieber nicht.‹

»Solch enges, rührendes Verhältnis, wie es Sie mit Ihrem Vater verband! Und nun auf einmal alles – Sie sehen mich wahrhaft ergriffen!«

Claude sah es, ohne daß er zweifeln konnte.

»Oh, es ist furchtbar, solch einen Menschen zu verlieren, wie man ihn nur einmal verliert. Aber ein Trost ist es doch, daß uns das nur einmal zustoßen kann! Mein lieber, lieber Herr Claude. Nur immer das Gute im Leben suchen! Es ist immer da.«

›Wie der Knochen zuunterst im Straßenkehricht. Ein unentwegter Hund findet ihn‹, dachte Claude. Er machte sich los von des jungen Ende warmer Hand, zog seine Brieftasche und legte den Tausendmarkschein hin. Ende sah ihn gar nicht.

»Welch schwere Zeit, bei Ihrer Jugend.«

›Allerdings‹, meinte Claude für sich. ›Ich hätte ja Utes Wohnung davon zahlen sollen. Aber komm ich denn anders fort von Ihnen?‹

»Später mehr«, erklärte er mit zusammengezogenen Brauen.

»Und wie wird Ihre Frau Mutter das tragen!«

Claude ging rasch und steif hinaus, die Schulterblätter zurückgedrängt. Im Korridor mußte er über Frau Endes Füße wegsteigen; sie lag und scheuerte. Es roch in der Wohnung arm und nach Scheuerlappen. Er öffnete eine Tür: das Zimmer war mit gelbem Kretonne ausgeschlagen und duftete gut; nur daß die Fenster schon zu lange geschlossen waren. Am Bett und über Stuhllehnen hingen ein halbes Dutzend Röcke, Unterröcke und Blusen. Auf der Kommode lag Wäsche, darüber zwei Leihbibliotheksbände und ganz oben ein halbes Butterbrot. Lanolintöpfe waren überall verteilt. Am Boden trieb sich ein rosaseidenes Kissen umher, neben einem Irrigator und drei alten Handschuhen. Dazwischen, über die Schulter dem Spiegel zugewendet, stand Ute, in einem halblangen Paletot, einem dunkeln, wundervoll fallenden. Sie war neu frisiert und trug einen Riesenhut wie Bella. Sie erblickte Claude im Spiegel und fragte:

»Nun, was hab ich gekostet?«

II.
Das Loch im Frack

Sie gingen die Leopoldstraße zu Ende. Claude stellte fest, daß er mit dem Zylinder doch noch etwas höher sei als Utes Haar. Man starrte sie an. Er dachte daran, daß man sie für seine Geliebte hielt, und schämte sich seiner Genugtuung. Er sagte plötzlich:

»Der junge Ende hat auch verraten, daß man zwischen dir und mir was vermutet. Ich habe geantwortet, du machst dir nichts daraus.«

»Ganz recht.«

»Es ist mir doch unlieb, daß ich dich kompromittieren muß. Ich habe dich dafür zu lieb. So viel ist sicher, daß deine eigene Wohnung die Sache bedeutend verschlimmern wird.«

»Was heißt verschlimmern. Es gehört zu meinem Beruf als Schauspielerin, daß man mir ewig Verhältnisse zutrauen wird – bis in mein hohes Alter. Ob ich sie habe oder nicht – glauben tut man's doch. Mir genügt's, daß ich keine habe.«

»Du bist stark, ich bewundere dich, daß du dich über alles hinwegsetzen kannst. Aber ist es so wünschenswert, es tun zu müssen?«

Er verwirrte sich.

»Ich will ja nichts sagen, du bist berufen; du gehörst der Kunst. Ich habe keinen Anspruch auf dich, wie könntest du meine Frau sein. Ich komme mir so klein vor, wenn ich dich spielen sehe!«

»Armer Claude«, sagte sie etwas künstlich, viel zu stark mit sich selbst beschäftigt, um ihn deutlich zu hören, wenn er von sich sprach.

»Du bist verliebt. Das gibt sich.«

Claude murmelte starr, mit einem tiefen Zittern:

»Nie.«

Ute hielt sich dabei nicht auf.

»Mich über alles hinwegsetzen zu müssen, was das Volk glaubt und versteht, das ist ja mein Stolz. Allein zu sein: im Leben und auf der Bühne, immer einem weihelosen und gebannten Theatersaal gegenüber, immer allein als geschulte, bewußte Persönlichkeit vor einem dumpfen Haufen, immer durch kundige Mittel schön, geschickt, beredt und allen überlegen zu sein, die klatschen.«

»Und niemals bei einem einzigen fühlen, was alles du ihm bist – daß du ihm alles bist. Und ihn lieben, meinetwegen bloß, weil du ihm alles bist. Das niemals?«

»Dazu fühle ich mich nicht veranlagt.«

»Ich nur dafür – dich zu lieben.«

»Sei nicht so schwach.«

»Könntest du nicht doch – oh, nicht mich heiraten, davon spreche ich nicht mehr, ich lasse dich der Kunst. Aber dich von mir lieben lassen, mir erlauben – du weißt, ich habe immer nur dich geliebt ...«

»Immer nur! Du bist zwanzig. Weißt du denn, was noch kommt.«

»Nichts. Ich werde immer nur dich lieben. Glaub es, glaub es. Und das wird in meinem Leben das einzige sein, was zählt. Das einzige, wofür ich da bin.«

Er äußerte seine Leidenschaft vollkommen höflich und sah dabei den Vorübergehenden ins Gesicht. Ute empfand, daß mit diesem Ton auf der Bühne nichts zu machen gewesen wäre. Sie sagte:

»Hör auf. Du langweilst mich.«

»Ich wollte dich noch einmal bitten, ob du mich nicht lieben willst. Zu Hause fehlt mir schon der Mut, ich bitte dich auf der Straße ...«

Da sie nicht antwortete, fügte er hinzu:

»Wie ein Bettler um ein Geldstück.«

Das gefiel ihr; sie sagte ein wenig wärmer:

»Ich hab dich ja gerne, was willst du mehr.«

Sie betrachtete ihn von der Seite, mit gleichgültigem Wohlwollen. ›Gott sei Dank hat er fast keinen Bart, ist von sanften Sitten, und ich kann mit ihm machen, was ich will.‹

»Oh, was ich mehr will«, sagte er.

»Du stehst mir doch immer am nächsten.«

»Aber so fern.«

»Genug, bitte, du willst hoffentlich nicht für die Wohnung deinen Lohn haben.«

»O Ute!«

Claude war heftig erschrocken. Er atmete mehrmals stark, bezwang sich.

»Das war mal häßlich.«

»Ach, verzeih«, sagte sie, »ich bin nervös.«

Bis zum Odeonsplatz sprachen sie nicht. Dort lachte Ute vor sich hin.

»Weißt du, von wem du noch am meisten zu fürchten hast? Von Archibald. Der könnte mir gefährlich werden.«

»Du machst Witze?«

»Gar nicht. Ihr seid mir alle zu korrekt ... Oh, Archibald kann das auch sein, sobald er will. Bitte: Geheimer Hofrat Professor von Archibald, Ehrenmitglied der Königlichen Hofbühne, Direktor der K. B. Akademie für dramatische Kunst, Ritter hoher Orden, Günstling und Freund des Regenten – wer bringt's denn überhaupt so weit. Und wenn man zusieht, was steckt drin? Ein alter Mime ... Er sollte noch mehr abgetakelt sein. Ein sehr alter Mime, von Schminke und Schreien ganz rauh und heiser geworden, das wäre, glaube ich, meine Schwäche.«

Claude biß die Zähne aufeinander.

»Ich kann doch nicht eifersüchtig sein auf Archibald; mir scheint, das würde uns beide erniedrigen, mich und dich.«

»Warum?«

»Stell dir eine tief empfindende Frau vor, die bemerken muß, daß sie die Mitbewerberin einer Dirne ist ... Übrigens spielst du bloß mit einer Verderbtheit, von der du nichts fühlst.«

»Wer weiß ... Was mich so reizt, das ist, wenn der alte Mime aus einem Loch im Staatsfrack des Geheimrats herausgrinst.«

»Wieso. Was meinst du.«

»Pst. Nachher«, machte Ute.

Sie waren angelangt. Der Diener in bayrisch Blau führte sie die breite Treppe hinauf.

»Der Herr Geheimrat sind in seiner Privatwohnung und erwarten das gnädige Fräulein.«

Claude nahm ihr den Paletot ab. Sie waren kaum im Arbeitszimmer des Direktors, eine wilde Wirrnis auf seinem Schreibtisch spielte ihnen Nächte voll genialen Fiebers vor, da krachte das Parkett unter leichten, sieghaften Schritten.

Archibald kam auf Schnallenschuhen, sah niemand an, dachte an nichts als an seine Wirkung, lehnte sich gegen den Schreibtisch, kreuzte die Beine in ihren seidenen Strümpfen, die Arme über der Brust voll gestickter Palmen neben sonnenähnlichen Ordenssternen, und zog den Hals ein. Der Kopf, von dem gefärbten Rest eines schwarzen Schopfes spitz beleckt, saß dick auf der rundlichen Gestalt, mit dem kühnen Magen. Archibald ließ einen fettigen Glanz von Marmor seine aufgeblasenen Wangen bestreichen und über seinen edlen Nasenrücken spiegeln und befahl seinen Augen zu blitzen. Sein Mund, blau vom Messer und gewulstet, bebte, bevor er sprach, wie ein Rennpferd, ehe man es losläßt. Er sagte mit sehr hoher, metallischer Stimme, ebenso leicht und sieghaft wie sein Schritt:

»Kind, es ist keine Haarnadel.«

»So werde die Haarnadel zum Dolche!« schrie Ute und wälzte sich.

Aber Archibald machte eine jähe Bewegung gegen Claude; er bemerkte ihn. Und er kam geneigten, zärtlichen Hauptes auf den jungen Mann zu, der dunkel vor einem dunkeln Teppich stand.

»Süßester Freund, wär's möglich, Sie – Sie erblickt ich? Sie, den ein Schicksal eben erst traf, ein unnennbares? Soll ich es denn glauben, was die Leute sagen: Ihr Vater – – aber nein, nein –«

Archibald, den Oberkörper abgewandt, streckte die gespreizte Hand aus.

»Ich will's nicht glauben! Süßester Freund, es wäre zu schwer, ich trüge es nicht. Weiß der Himmel, ich überlebte es nicht!«

Er verschwand rasch hinter einem Vorhang und kam sogleich, weiß im Gesicht, wieder zurück. Die Hände ganz oben in der Luft gerungen, rief er:

»Ich überlebe es nicht!«

Geschüttelt von Schluchzen, den klagenden Blick an der Decke, wankte er zweimal durch das Zimmer. Schließlich nahm er Claudes Hand; sich fassend, noch mit etwas Feuchtigkeit in der Stimme, begann er seinen Monolog.

»Ich denke an diesen Mann. Er war einer von denen, die niemand vergißt, der sie gekannt hat. Warum? Weil sie stark sind und von ihrer Rolle überzeugt wie ein großer Schauspieler. So war Ihr Vater, Herr Marehn. Ich hatte mit ihm zu tun, als wir dieses Haus bauten. Dieses Haus, das der Stolz meines Lebens ist, diese Pflanzstätte hehrer Kunst, die der Nachwelt zu schenken mir beschieden war, ich habe sie immerhin mit seiner Hilfe errichtet.«

Claude bewunderte das »immerhin«.

»Hat er mir zu schaffen gemacht, dieser Mann!«

Archibald ließ Claudes Hand los, er machte, die Stirn gesenkt, die Hände auf dem Rücken, zwei nachdenkliche Schritte.

Claude wußte Bescheid; bei dem Geschäft mit Archibald war sein Vater der Hereingefallene gewesen. Ihm hatte das Grundstück gehört. Er hatte es unternommen, das Konservatorium für dramatische Kunst darauf zu errichten, eine private Anstalt, die Archibald pachten wollte. Das Baukapital hatte Marehn aufnehmen müssen. Es hatte nicht ausgereicht; und Archibald, der hinter dem Gläubiger versteckt gewesen war, hatte den fertigen Bau eingesteigert, um ihn mit gutem Nutzen dem Staat zu verkaufen. Darauf war er Direktor des königlichen Instituts und Geheimrat geworden.

»Soll ich Ihnen sagen«, fragte Archibald, »mit wem ich ihn verglich, diesen stillen, bleichen und mächtigen Mann in der Dämmerung seines Kabinetts? Diesen denkenden Punkt, der, immer unbeweglich, Geschäfte von unerhörter Weite ausstrahlte und beherrschte? Der nie die Sonne breit auf einer Straße liegen sah, und in dessen Namen weite Ländereien sich mit Wohnungen bedeckten, Prachtbauten erstanden, und Städte, bis in entlegene Winkel Europas, ihr Bild veränderten? Ich verglich ihn mit König Philipp!« erklärte Archibald und beschrieb eine Gebärde, langsam und stählern.

»Sie übertreiben«, sagte Claude, aber ohne Anspruch auf Beachtung.

»König Philipp im Eskorial, während seiner letzten Lebensjahre, als er im Dunkel einer Gruftkapelle, angesichts seines Sarges, und vor den leeren Blicken eines Schädels, die Geschicke der Welt lenkte. Sage ich zuviel? Konnte nicht auch Ihr Vater, in dem totenhaften Schweigen seiner Zelle, ›am Abend jedes Tages berechnen, wie die Herzen seiner Völker in seinen fernsten Himmelsstrichen schlugen‹? Hieß nicht auch er, was unsere Finanzleute angeht, ›der reichste Mann in der getauften Welt‹? ... Er war nicht nur ein reicher Mann: er war ein Mann – nehmt alles nur in allem.«

Und Archibald drückte nochmals die Hand des Sohnes. Er schlüpfte hinter einen Vorhang, kehrte abgeschminkt wieder. Dann sagte er leichter, mit einer Stimme, in der die umwickelten Paukenschläge eines Trauermarsches nur schwach noch rollten:

»Es ist gut, daß Sie da sind, wir brauchen Sie. Haben Sie ein Auge auf Ihre schöne Freundin! Wir sind jetzt soweit, seit gestern schaut was heraus.«

›Seit gestern?‹ wollte Claude fragen, aber Archibald hatte ihn mit einem Händedruck auf das Sofa gesetzt und stand bei Ute. Sie hatte die Leistung ihres Meisters mit großen Augen lebhaft nachgefühlt. Ob Archibald sein Beileid aussprach oder einen Witz riß, er war immer im Theater, und Ute arbeitete mit ihm.

»Mein Fräulein, ich gehöre Ihnen!« rief er, ausbrechend in laute Fanfaren. »Lassen Sie sich nicht einschüchtern durch mein Kleid. Mein königlicher Herr hat mich zu seinem Fest befohlen. Und keine Minute Ihrer Stunde, mein Fräulein, habe ich an meine Toilette verlieren wollen. Ich bin der redlichste Mann, wie, Herr Marehn? Auch Ihr Vater wußte das. Ich stehle Ihnen keine Ihrer kostbaren Minuten.«

›Das Stück kostet dreiundachtzigeindrittel Pfennig‹, berechnete Claude, während Ute spielte.

Archibald nickte, gab eine metallene Replik, blitzte zu Claude hinüber. Ihm lag am Beifall dieses Knaben, ihm, der keinem Menschen mehr den Hof machte, wenn er nicht königlicher Prinz oder Redakteur war. Er hatte so viel Macht erspielt, daß er keinen Mächtigen mehr achtete: alle waren schlechtere Komödianten als er. Kein Staatsmann hatte seinen Schritt, kein Reicher seine Faust, kein Feldherr sein Auge. Sie waren seelenlos und ohne Formen in ihre Funktionen hineingestiegen. Archibald atmete und prangte in der seinigen. Und ein Befremden überraschte ihn nur noch vor diesem strengen Träumer, dessen Schüchternheit ihn wie Drohung anmutete, der schlicht und steif aus seinem gemieteten Coupé stieg vor der Tür zu einer Arbeiterversammlung, der ohne Raschheiten und Eitelkeiten an der Seite sehr schöner Frauen ging, eine junge Schauspielerin beschützte, auf seinem zwanzigjährigen Kopf den Zylinder lüftete und im Spekulanten-Königreich seines Vaters die Erbfolge antrat. Überall, wo sie sich nebeneinander zeigten, würde Archibald der Vorzug werden: dessen war er gewiß. Und doch witterte er, dieser stille Kleine habe eine Rolle, so schön wie seine glänzendste.

Er mußte Ute auffangen, die hauchte:

»Lassen Sie mich sie küssen, diese väterliche Hand.«

»Glauben Sie's, Herr Marehn? Ihre Freundin hat doch Temperament!«

»Ich habe nie daran gezweifelt«, sagte Claude.

»Aber ich!«

Archibald schmetterte durch die Nase. Seine Brauen bogen sich hoch, herausfordernd. Claude verstummte; Ute drängte:

»Also was nun, Herr Geheimrat.«

»Geduld, mein Fräulein! Was habe ich Ihnen gesagt, Herr Marehn: ich werde vielleicht das Talent Ihrer Freundin wecken – vielleicht! Sie ahnte es erst in sich. Es war noch nichts zu spüren, ich stand noch für nichts ein, ich war noch für nichts gut. Jetzt habe ich's gemerkt, das Talent dieser Künstlerin. Von heute ab, mein Fräulein, sind Sie Künstlerin!«

Er ging hinter den Schreibtisch zu den Kränzen, pflückte, auf den Fußspitzen, ein Lorbeerblatt und brachte es Ute. Dann setzte er wieder ein, eine Skala höher als der vorige Schlußton.

»Oh! mein Herr! wenn Sie wüßten, wenn Sie beurteilen könnten, mit welcher Liebe, mit welcher Kennerschaft solch ein Talent freigemacht, zum Bewußtsein seiner selbst gebracht werden will!«

»Ich kann mir's denken«, erklärte Claude.

»Was der sich denken kann«, murmelte Archibald und grinste Ute an. Claude sah nur seinen feierlichen Rücken.

»Wenn er sich denken könnte, was wir gestern für 'ne diebische kleine Szene zusammen gespielt haben – auf dem Sofa, wo er sitzt.«

»Jaja«, machte Ute, jäh angewidert.

»Sie haben die feine Rolle gehabt, haben mich hineingelegt, kleiner Schäker. Aber passen Sie auf, wir begegnen uns doch noch mal im Dunkeln.«

Sie sah ihn vertauscht, den Geheimrat abgesetzt, den Professor vom Katheder gefallen. Der kunstvoll hergerichtete, auf Amtlichkeit und Einschüchterung gearbeitete Kopf war vom Hals heruntergeklappt wie eine Maske aus Pappe. Und der wirkliche Archibald, der durch Stellungen, Titel, Ehrerweisungen ewig unberührbare Duzfreund jedes umherstreichenden Artisten, streckte seine geduckte Fratze aus einem Loch im starren Frack des andern. Ute erschrak auch diesmal, so gut sie ihn schon kannte, den tieferen Archibald. Dann überlegte sie, daß diese Harmonika gelber abgeschminkter Falten, im Schatten einer Kulisse zu einem gemeinen Witze feixend, am Ende noch Exzellenz heißen werde. Und Stolz packte sie. ›Das ist die Kunst. Und ich werde es gerade soweit bringen – durch die Kunst, nur durch die Kunst. Man soll sehen, was die für eine Macht ist!‹

Archibald, zurückverwandelt, verlangte:

»Nun, mein Fräulein, die Szene im Ganzen.«

Ute spielte, hingerissen von Ehrgeiz und von Siegesgewißheit. Archibald unterstützte sie anfangs nur. Allmählich vergaß er sie, begann selber zu wachsen, griff aus, sang, läutete Glocken, gab sich ganz – wie er's nur einmal jährlich, zur Fremdenzeit, tat.

Beim Abschied sagte er:

»Erlauben Sie, daß ich dieser Schülerin selbst den Hals einwickele? ... Ich danke Ihnen.«

Mit Bühnengeflüster, dreißig Meter weit hörbar, sagte er zu Claude:

»Ich warne Sie, mein Lieber, ich warne Sie.«

»Kein Grund«, meinte Claude kühl.

»Doch!«

Archibald rollte einen fürchterlichen Blick nach Ute hin.

»Ich bin auch nur ein Mensch!«

Er drehte sich jäh um und ging fort. Der Diener riß vor ihm eine Tür auf.

Draußen hielt Claudes Wagen.

»Diesen Monat hast du ihn also wieder?« fragte Ute, wie sie abfuhren.

»Dummerweise«, sagte er, die Stirn in Falten.

»Du wirst schon wieder Geld kriegen. Ich verlaß mich ganz auf dich, weißt. Du bist mir als Freund ganz genug, Archibald hat nicht die geringste Aussicht.«

»So.«

»Du bist eifersüchtig, weil ich mich für den alten Mimen begeistert habe?«

»Mir scheint, er prahlt mit dir. Oder wenigstens droht er mir?«

Sie verzog den Mund.

»Hast du nicht gemerkt, daß er mir heimlich was sagte? Er drehte dir den Rücken, inzwischen konnte ich wieder das Loch in seinem Frack sehen.«

»Versteh ich nicht.«

»Ach was, ich werde doch mit dem da kein Geheimnis vor dir haben. Wozu denn. Wenn ich's noch nötig hätte, dich eifersüchtig zu machen, armer Kerl. Zu meinem Vergnügen tue ich's aber nicht. Also er ist gestern bei mir abgefallen.«

»Gestern? Er hat dir einen Antrag gestellt?«

»Antrag sieht dir ähnlich. Er hat mich haben wollen.«

Claude fuhr auf.

»Und bei dem waren wir eben? Dem hab ich die Hand gegeben?«

»War sie nicht gewaschen? ... Daß er seine Schülerinnen fast alle verführt, wußten wir vorher, wie? Darum ist er doch immer der Meister. Was du eben wohl wolltest.«

Claude war beschämt.

»Ach ja: das alte Zeremoniell in unserm Blut, bei uns Männern. Geschlechtsmoral. Ritterlichkeit. Glauben, wenn wir überrascht werden, immer noch, wir müßten vom Leder ziehen, ihr könntet nicht allein fertig werden.«

»Ich hab mich wundervoll herausgespielt. Archibald ist himmlisch. Die Verführungsszene, das war die beste Stunde, die er mir überhaupt gegeben hat. Ich habe riesig dabei gelernt.«

»Jaja. Aber wie kamst du gestern zu ihm. Es war ja nicht der Tag.«

»Hör zu. Vorgestern abend – ich spiele gerade, ich spiele so, wie ich bloß für Nathanael spiele, und wie ich erst wieder spielen werde, wenn ich das Apokalyptische Tier, das Publikum, im Dunkeln schnaufen fühle – da kommt Mama hinauf zu mir, mit einem Brief von Archibald an sie. Unglaublich, aber wahr, an sie. Es stand drin, er habe nach ernstlicher Prüfung doch zu wenig Temperament bei mir gefunden. Um dich und mich nicht zu schädigen, als ehrlicher Mann müsse er meine Mutter wissen lassen, daß er nicht mehr hoffe, eine gute Schauspielerin aus mir machen zu können.

»Ich hab mich furchtbar zusammengenommen, hab Mama heilig schwören lassen, daß sie dem jungen Ende nichts sagen würde, und hab sie hinausgeschoben; sie benahm sich schrecklich blöde. Dann bin ich aber in Tränen ausgebrochen, kann ich dir sagen. Und die Nacht war ich nicht im Bett. Über zwei Stühlen hab ich gelegen und geheult, geheult. Und was ich dem Nathanael alles gesagt habe, das ahnt keiner.«

Sie sah ihm plötzlich voll in die Augen.

»Wenn es nicht doch noch gut gegangen wäre, weißt du, dann säße ich nicht hier. Dann hätte ich das Schloß geschlossen am gutgeheizten Ofen und wäre eingeschlafen.«

Er wollte rufen: ›Ohne mir ein Wort zu sagen, ohne alles!‹ Aber er blieb reglos in seinem Winkel und hörte zu.

»Gestern früh geh ich also zu ihm. Er war in seinem Amtszimmer, es warteten eine Menge Leute, aber er kam gleich herüber. Er sagt mir ganz bieder, viel Temperament habe ich wirklich nicht, aber er könne was aus mir machen, sogar wenn ich gar keins hätte. Soviel traue er seinem Einfluß zu. Ich müsse ihn bloß belohnen. Und dann wurde er wie ein alter Clown. Ich frage bloß: ›Und wenn ich's nicht tue?‹ Er zuckt die Achseln. ›Das würde meine Ansicht bestätigen, daß Ihr Temperament nicht zureicht.‹ Dann fängt er wieder an.«

Claude ward von einer Frage gequält.

»Wo war das?«

»Auf dem Sofa, wo du heute gesessen hast. Mir ward schrecklich übel. Aber ich versicherte ihm, ich habe viel mehr Temperament, als er glaube. Er schüttelt den Kopf. ›Wie hab ich Ihnen bisher mein Temperament zeigen können‹, ruf ich. ›Einem Herrn, der wie jeder andere zu mir »Guten Tag, Fräulein« sagt.‹ Er werde künftig was ganz anderes sagen, meint er.

Ich frage: ›Und dann wollen Sie mir Engagements verschaffen, nur weil ich Ihre Geliebte bin? ... Nein, ich werde das niemals annehmen. Die Kunst steht mir zu hoch. Habe ich nicht die Fähigkeiten einer wahren Künstlerin, habe ich doch ihren Stolz. Und auch ihren Willen!‹ rufe ich und mache mich los. Es war Zeit. Ich hatte einen gräßlichen Schreck bekommen.

Er richtete sich auf, ganz rot; trotz seines abscheulichen Zustandes hatte er gestutzt. ›Das ist der erste Anlauf zu was Ordentlichem‹, sagt er. ›Schade.‹

›Schade? Nun können Sie mich ja mit gutem Gewissen unterstützen. Sie sehen, was ich bin.‹

›Schade. Da Sie ja nicht wollen.‹

›Das bringen Sie fertig?‹ sage ich kalt vor Entsetzen – und etwas davon fühlte ich –, ›Sie bringen es fertig, ein Talent zu morden, weil eine Frau Ihnen nicht zu Willen ist?‹

›Sie haben ja ohnedies einen Liebhaber, was macht's Ihnen‹, meint er. Und ich, aufspringend, ausbrechend:

›Sie? Sie sind der Schurke, der das sagt? Sie, der Alternde, wollen einem uneigennützigen Knaben die Freundin stehlen? Sie wollen meine Kunst zerbrechen, die ich demütig in Ihre Hände gelegt hatte? Weil ich Ihnen widerstehe, wollen Sie mich und mein Können, von dem Sie überzeugt sind, von dem ich Sie in diesem Augenblick überzeuge, wegwerfen, verraten, unmöglich machen?!‹

Hier schluchzte ich. Zum erstenmal gelang mir ein ganz richtiges Schluchzen. Dann schrie ich weiter:

›So etwas gibt es? Das kommt nicht nur in schlechten Stücken vor? Wie können Sie die Augen erheben. Sie, ein Künstler, vor der Künstlerin, die Sie verderben wollen? Die Orden, die Sie durch Kunst erwarben, sie müssen Ihnen doch die Brust versengen!‹

Er trug gar keine, aber das bemerkte ich erst später. Oh, es kam alles auf einmal zutage, was ich langsam in mir geschaffen, erarbeitet hatte, ganz allein, in meiner Bude. Alles, alles ...«

»Ich weiß«, sagte Claude leise.

»Auf einmal wußte auch Archibald alles. Er stand, als ich schon fertig war, noch eine ganze Minute starr da. Dann sagte er: ›Donnerwetter. Nein, das geht doch nicht. Sie muß ich behalten.‹

Ich erholte mich erst allmählich. Du, in meinem Leben hab ich noch keine solche Freude gehabt. Mein erster Triumph! Er wollte nicht mehr das beliebige Fräulein, das ihn besuchte. Er bekundete Achtung vor einer, namens Ute Ende!

›Ist das sicher?‹ fragte ich wieder im ganz gewöhnlichen Ton. ›Wollen Sie nie wieder solche Ansprüche stellen?‹

›Oh, nie ist zuviel gesagt‹, meinte er. Er behalte sich alle Rechte vor ... Na, lassen wir ihn dabei.«

»Jawohl«, sagte Claude.

Sie kamen an.

»Übrigens beglückwünsche ich dich, du bist fein durchgekommen.«

»Das hat er ja auch gesagt. Ich schiene das Talent zu haben, viel zu erreichen und nichts dafür zu geben. Das könne mir noch sehr viel nützen. Ich glaub's. Ich werd alles, was ich will. Und geben will ich nichts. Ich kann auch nichts geben. Dafür hab ich eben die Kunst. Das muß den Leuten genügen.«

Claude schloß die Lippen ganz fest und half ihr aussteigen, gesetzt und beflissen.

III.
Einer, der das könnte

Wie sie durch das Rauchzimmer gingen, saßen an dem grün bedeckten Tisch vor großen Papieren der alte Panier und von Eisenmann. Panier holte beim Anblick eines weiblichen Wesens seine Gichtbeine unter dem grünen Teppich heraus und stützte sich empor. Auf seiner gekrümmten Hand war ein dicker Knoten. Er stand endlich aufgerichtet, kurz, beleibt, ohne Hals, wüste violette Röte über dem gewellten weißen Bart, funkelnde Brillen unter schwarzen struppigen Brauen und ehrsames Greisenhaar auf der Stirn voll heftiger dummer Laster. Er wartete schmunzelnd, ob man ihn vorstellte:

»Panier«, sagte er schließlich selbst mit einem Kratzfuß.

Ute wollte weiter, aber er rief:

»Herrjeses, das is ja woll – Sind Sie nicht Fräulein Ende? ... Is die auch schon 'ne Dame! Nöh, nu dürfen Sie man nich gleich weglaufen. Wir müssen Sie uns doch erst 'n bischen besehn. Was machen Sie denn, Fräulein Ute, Sie sollen ja jetzt beim Theater sein – oder Sie lernen dafür.«

»Ja, ich lerne dafür«, sagte Ute, und all ihr Fleisch war in Angst. Die gefräßigen schwarzen Augen des Alten zogen ihr die Röcke stramm über den Schenkeln und öffneten ihr die Knöpfe vor der Brust.

»Is doch die Möglichkeit«, äußerte er. »Was aus den kleinen Mädchen wird. Daß wir Sie nicht gesehn haben, das is ja woll seit Anno – drei, vier Jahr is es ja woll. Na, und voriges Jahr sind wir doch auch 'n bischen nach München gekommen. Da haben wir aber gar nie das Vergnügen gehabt.«

»Haben Sie's nun nachgeholt?« fragte Ute und ließ ihn stehen.

Von Eisenmann blieb hinter seinen Papieren herrisch zurückgelehnt, einen Arm über den Tisch geschoben, den andern auf der Hüfte. Er war mager, gelblich und herausfordernd. Seine Stirn erhob sich schmal und entblößt, der schwarze Schnurrbart zottelte stürmisch über seinen blassen jähzornigen Lippen. Er fragte Claude mit Strenge, wo er gewesen sei. Claude erklärte dem Freunde seiner Mutter nachlässig, daß er Fräulein Ende zur Stunde begleitet habe.

»An einem Tage wie heute ist das ein Fehler«, behauptete von Eisenmann. »Ihre Frau Mutter hat nach Ihnen gefragt.«

»Dann wird sie es mir selbst sagen«, meinte Claude schonend. Er schämte sich vor von Eisenmann, der die Geschmacklosigkeit beging, ihn zu hofmeistern. Es ihm zu sagen, wäre auch wieder geschmacklos gewesen. Der Mensch mußte doch selbst fühlen, daß er sich falsch benahm. Aber von Eisenmann hielt Claudes Milde für Herausforderung.

»Ich spreche als Freund Ihrer Mutter!« rief er erhobenen Hauptes. »Ich genieße das Vertrauen Ihrer Mutter.«

»Ich weiß«, machte Claude zerstreut. Der Mensch genoß doch noch mehr. Wollte er ihm denn weismachen, er habe kein Verhältnis mit seiner Mutter. Wie konnte jemand so taktlos sein.

»Sie werden künftig von Ihrer Mutter abhängen, und die Interessen Ihrer Mutter vertrete ich! ... Sie werden also guttun, sich mit mir besser zu stellen als bisher.«

Panier griff ein.

»Laß ihn man, Claude. Er ist nicht halb so wild, wie er tut. Und wir sind auch noch da, mein Jung. Immer 's Panier hoch! Wir sind doch der engste Geschäftsfreund von deinem seligen Vater. Wir lassen dich nicht darben, dazu haben wir zuviel Pietät. Will er dir mal nichts geben, dann komm du man zu uns, und fertig is die Kiste.«

»Danke«, sagte Claude. »Es wird sich schon machen.«

Aber von Eisenmanns Augen loderten in noch böserem Blau aus völlig schwarzen Winkeln. Er sprang sogar auf, vergaß alle Hoheit, hatte Speichel im Mundwinkel. Claude versagte es sich, sichtbar die Achseln zu heben. Er dachte: ›Das Individuum ist, was Matthacker eine Sauerstoffnatur nennt. Er verbrennt enorm viel, verschlingt Massen Fleisch, ohne stärker zu werden, regt sich fortwährend auf, bespuckt die ganze Welt von einem furchtbar hohen Posten, und weiß selber nicht, wie er da hinaufkommt.‹

»Ich wiederhole Ihnen ...«, sagte von Eisenmann und fauchte ein paarmal. Inzwischen erhob sich draußen Frau Marehns Stimme, und von Eisenmann mäßigte sich.

»Sie werden selbst zugeben, daß es ein Fehler war, heute an Frivolitäten zu denken.«

Claude betrachtete ihn mit Teilnahme. Aber aus dem gelben Salon kehrte Ute eilig zurück.

»Sie reden von meiner Arbeit als von etwas Frivolem? Herr von Eisenmann, das ist ein Fehler von Ihnen.«

Und in ihrer Haltung und ihrer Stimme waren viel steilere Anmaßungen als in seiner.

»Nu süh mal«, sagte Panier.

»Mein Fräulein, das sind Gesichtspunkte«, erklärte schneidend von Eisenmann.

»Allerdings. Man muß die äußerliche Vorschriftsmäßigkeit entbehren können, ohne damit gleich alles zu verlieren«, meinte Claude sehr stramm.

»Nu süh mal«, sagte Panier. » Jetzt kann er sich wehren, wo die Dame dabei ist. Tjatja, die Damen.«

Claude sagte noch etwas, er redete sogar mit von Eisenmann gleichzeitig und ohne ihn zu hören. Ute stand geringschätzig dabei. Panier sagte ihr:

»Eisenmann ist auch 'n Kunde, von dem darf man sich bloß nicht imponieren lassen, sonst holt einen der Teufel. Na wir – uns soll er mal kommen. Uns könnt der Kaiser von China kommen. Nöh ... Und dann, warum soll Claude sich woll nicht mit 'ner Dame vom Theater abgeben, weil sein Vater gestorben ist. Er war weiß Gott unser Freund, aber wenn wir deswegen nicht ins Theater gehen sollen – mit solchen Duckmäusereien arbeitet man bloß wieder für die Pfaffen. Nöh, dazu sind wir nicht zu haben.«

Er kam händereibend näher. Ute rettete sich von einem Stuhl zum andern. Schließlich blieb sie stehen und maß wütend den Alten.

»Und wenn Sie erst auftreten, Fräulein Ute«, sagte Panier, »denn kann sterben wer will, wir gehn doch hin. Sogar wenn wir selbst schon tot und begraben sind.«

»Sie sind ja noch ziemlich rüstig.«

»Machen Sie sich man lustig. Wer woll zuletzt lacht. Wissen Sie, auf lange leben kommt es überhaupt nicht an; aber auf viel leben.«

»Was nennen denn Sie leben?« fragte sie und suchte mit kalter Neugier hinter seinen Brillengläsern.

Er zuckte mit dem Kopf nach Claude hinüber.

»Wir sind immer noch besser als mancher Junge!« behauptete er und erklärte:

»Wer weiß. In Düren haben sie 'n feines Theater. Und wir sind da einer von denen, die die Sache machen, Fräulein Ute.«

»Düren? Wie groß ist das eigentlich?« fragte sie sofort, ganz bei der Sache.

Da trat Frau Marehn ein, entsetzt über die erhobenen Stimmen.

»Herr von Eisenmann, ich bitte Sie ... Claude, dein Vater liegt eben erst im Sarge.«

Claude wunderte sich selbst.

»Oh, Ute!« rief Frau Marehn halblaut. »Und niemand sagt mir, daß du da bist.«

Sie umarmte Ute, die stillhielt und etwas murmelte, das höflich klang.

»Du durftest in dieser schweren Stunde nicht fehlen. Ich danke dir, daß du kommst. Es ist manches zwischen uns getreten, du weißt, ich kann deine Entschlüsse nicht alle billigen, liebe Ute.«

»Das verlang ich auch gar nicht, liebe Melanie«, sagte Ute trostreich. Sie strebte sichtlich nach Bescheidenheit, aber ohne rechten Erfolg. Frau Marehn warf sich trotzdem an ihre Brust:

»Und, o Gott, wir waren doch Freundinnen!«

Sie blieb ein wenig liegen, und auf Utes kalten Reizen sahen alle Melanies Schönheit noch wärmer blühen. Ihr Kornblond war noch reifer, noch voller von Verstecken der Liebe, neben der harten Pracht von Utes roten Flechten. Ihre Hand war noch reicher an Grübchen. Sie sah noch enger geschnürt aus, mit noch stärkeren Hüften und noch runderer Brust. Die Füße unter ihrem schweren Körper waren noch kleiner. Der magere von Eisenmann betrachtete sie von oben. Panier durchwühlte sie mit den Augen wie jede Frau. Claude sah zu, lehnte es ab, sich unbehaglich zu fühlen, und sagte sich, es gebe keinen vernünftigen Grund, seiner Mutter ihre Jugend nicht zu gönnen.

Frau Marehn flüsterte davon, wie schwer für eine Frau das Alleinstehen sei, und sie seufzte, aber aus keiner großen Tiefe. Sie richtete sich auf.

»O Gott, wie bist du gut angezogen! ... Ja, das ist der Vorteil, wenn man immer Schwarz trägt. Stirbt dann einer, so macht es nichts. Ich war bei Schultze und bei Schober, aber natürlich nichts Passendes. Sie ändern es bis morgen – wenn Sie's tun.«

Jetzt seufzte sie tief.

»Wollen wir zu ihm gehn?«

Alle gingen mit, gelangweilt, auf peinliche Augenblicke gefaßt, aber dazu entschlossen. Die Witwe fühlte sich einer lästigen Bekanntschaft wieder einmal zu einem Besuch verpflichtet.

Der Tote lag hinter dem gelben Salon, in dem Zimmer mit Frau Marehns Bildnis von Stuck, und mit dem Kopf gerade unter diesem Bildnis. Die Frau in ihrer geistlosen Genußsucht hatte von jeher hinweggesehen über den Mann und seine strengen Zahlen. Nun sah ihr üppiges Bild hinweg über seine erkaltete Maske.

Frau Marehn betete, Ute erregte durch ihre Haltung die Meinung, sie tue es auch. Claude schaute ihr zu. Panier und von Eisenmann bekamen achtungsvolle Gesichter; sie empfanden: ›Hier ist nichts zu machen. Wenn einer noch soviel Geld zahlen wollte, tot bleibt tot.‹

In die anstrengende Stille trat Bella, wieder ganz außer Fassung, weil sie Trauer äußern mußte. Sie gab der Witwe ihre weiche Hand, eine Schulter hochgezogen, mit einer Miene, als sei ihr Gewissen schlecht. Ihre Blumen ließ sie ganz hastig und verstohlen zu den andern gleiten, und sie beugte ihr schönes, dickes Gesicht über den Toten in seinem Sarg wie über die Wiege eines Neugeborenen, das sie zu bewundern hatte.

Dann ging man wieder in den gelben Salon, schob sorgfältig die Kulissentür zusammen und trank Portwein. Panier nahm ein zweites Glas, er bewog ohne Mühe auch Bella dazu. Er bemächtigte sich ihrer ganz, drängte sie in die Ecke am Kamin.

»Donner, das haben wir ja noch gar nicht gewußt, daß Fräulein Ute so 'ne schöne Freundin hat. Wie geht das zu. Wo haben Sie den Teint her, Fräulein?«

»Ich weiß nicht. Ganz von selbst«, sagte sie freundlich.

»Sie wollen doch sicher auch aufs Theater, wie?« fragte er und betrachtete ihren großen Hut.

»Na, wenn wir Ihnen nützen können, wir sind nämlich im Theaterverein, zu Haus in Düren.«

»Ich singe aber. Paßt Ihnen das?«

»Das soll uns woll passen. Wir singen ja selber. Nöh, ganz fertig sind wir noch lange nicht, Fräulein Bella. Wir können noch sehr vergnügt sein.«

Er räusperte sich, begann hinten im Schlunde an der Bildung eines Tones zu arbeiten; da fiel ihm der Tote ein, und er gab es auf. Er überzeugte sich, daß Claude und Ute beschäftigt waren.

»Sie sind doch ganz was anderes, Fräulein Bella«, raunte er. »Was 'ne richtige Dame sein soll.«

Und seine Hand mit dem Gichtknoten tastete auf ihrem weiten Gewande nach der Hüfte.

»Das müssen Sie nicht tun«, sagte Bella sanft und wohlmeinend, ohne sich ihm zu entziehen.

Frau Marehn erschien in der Tür des Rauchzimmers.

»Herr Panier! Unser Kassier Herr Ringsum ist da. Herr von Eisenmann spricht mit ihm.«

»Is jut«, sagte Panier.

»Kommen Sie, Ringsum gibt uns Aufklärungen.«

»Gleich. Ein Moment, Frau Melanie. Ringsum kann warten. Erst kommen die Damen. Die Damen gehen immer vor. Was, Claude? Das Beste hier auf Erden und unterm Sternenzelt, das Beste sind die Damen auf dieser Tränenwelt.«

»Nun muß ich wirklich gehn«, erklärte Bella. »Papa wird sonst bös, er will mich beim Essen immer sehn.«

»Das können wir woll begreifen. Ihr Papa weiß Bescheid, dem soll es woll schmecken. Was ist denn Ihr Papa, Fräulein Bella?«

»Papa ist Direktor an der Ortererschen Brotfabrik.«

»Denn heißt er Walgauer? Nu süh mal. Orterersche Brotfabrik, da liefern wir ja die Kohlen für. Nu müssen wir doch mal Ihrem Herrn Vater unsern Besuch machen.«

»Ach ja, bitte«, sagte Bella.

»Siehst du woll, Claude, was 'n richtiger Kavalier ist, das merken die Damen gleich. Was, Fräulein Bella?«

»Ja, wirklich, Herr Panier.«

»Immer 's Panier hoch!«

Er ging hinaus, kurzbeinig, mit mißtrauischen Blicken auf seine Füße in ihren gewölbten Schuhen.

Ute rang die Hände mit zerstörten Mienen.

»Wenn man so 'nen Menschen sieht, kann einem die Lust zur Arbeit vergehn. Auf diesen Mangel an Geschmack soll man wirken. Das sitzt im Parkett. Na – auch gut.«

Bella sagte erstaunt:

»Ich finde ihn sehr nett für einen alten Herrn.«

»Du sagst das, als ob du ihn heiraten könntest.«

»Warum nicht? Er ist doch ein appetitlicher Greis.«

Claude meinte:

»Wir kriegen bald was anderes zu essen.«

»Du bleibst, Bella«, sagte Ute. Bella lehnte ab, sanft und wichtig:

»O Gott, nein, was meinst du, ich könnte nicht essen, wo nebenan eine Leiche liegt. Was ißt man da alles mit, Miasmen oder so was. Sie verzeihn schon, Herr Claude.«

»Bitte schön«, sagte Claude.

Und Bella stahl sich davon.

Nebenan redete die dumpfe Stimme des Kassiers Ringsum.

»Dann ist ja Herr Marehn in einem geschäftlich sehr günstigen Augenblick gestorben«, so stellte von Eisenmann fest, mit Anerkennung für den Toten. Panier hoffte, daß er also die 500 000 Mark des alten Marehn jetzt nicht aus seinem Geschäft herauszuziehen brauche.

»Wir würden sein Geld gern noch behalten«, erklärte er, »aus Pietät gegen unsern alten Freund.«

Und er entfaltete klatschend ein großes Taschentuch.

Claude schloß angewidert die Tür. Er blieb mit Ute allein zwischen zwei geschlossenen Türen. Hinter der einen lag sein Vater; hinter der anderen veranschlagte man seines Vaters Nachlaß. Claude lehnte sich gegen den Tisch, um Utes Haarknoten vor Augen zu haben. Ihr Haarknoten richtete sich hoch gegen die gelbe Seide an der Wand; sein Kupfer wütete auf ihr. Der blaßgrün lackierte Lehnstuhl ohne Polster spannte herb seine dünnen Arme um ihre engen Hüften. Ihre Schenkel standen lang über den schmalen Sitz hinaus, kühn umfaltet vom Kleide. Sie waren das stärkste an ihr, und Claude begehrte am heftigsten sie. Auf ihrer schwarzseidenen Bluse war ein wenig Silberstickerei, ein Zweig mit Blättern, an der linken Achsel. Sie wendete sie Claude zu; die Seide schillerte dunkel bei ihrer Bewegung auf der noch mageren Schulter. ›Es ist recht, daß sie sich dunkel kleidet‹, dachte Claude. ›Ihr metallenes Haar würde alle Farben töten.‹ Er sah, ohne es zu wissen, so sehr verstörte sie ihn, in ihr starkes, ruhiges Gesicht, das sie ihm hinhielt. Plötzlich zuckte er zusammen; sie hatte gefragt:

»Seit wann liebst du mich eigentlich?«

»Wie kommst du darauf?« murmelte er.

»Ja warum. Weil heut so vieles vorfällt.«

Ihre Schulter zuckte nach dem Zimmer des Toten.

»Man erinnert sich. Also seit wann.«

»Du weißt es doch. Seit du da bist.«

»Komisch. Mir sind seitdem eine Menge anderer Sachen dazwischengekommen. Dir natürlich auch.«

»Mir nie. Ach – wie kannst du ahnen, was du für mich geworden bist. Ich weiß ja, man ist allein. Hast du schon mal nachgedacht, was mein Leben war, bevor ich dich kannte?«

»Nein«, sagte sie, überrascht davon, daß man ihr zumutete, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit sich selbst. Und neugierig verlangte sie:

»Sag es mal.«

»Ja, das zu sagen –«, meinte er zweifelnd und tat zwei Schritte.

»Meine Mutter kennst du und kannst dir denken, was ich ihr bin. Sie ist ja selber nur ein dickes Schulkind, liebt ihre Kinder nur solange sie klein wie Puppen sind, weint ewig meinem Schwesterchen nach, das als Baby gestorben ist, und findet mich lästig, weil ich sie älter mache, als sie sich fühlt. Sie hat immer nur darauf gesonnen, Unfug zu treiben hinter dem Rücken des Schulmeisters.«

Er deutete mit dem Kopf dorthin, wo sein Vater lag.

»Sie nippte unaufhörlich am Ehebruch, ich wußte das schon als Junge. Ob sie einmal einen stärkeren Zug getan hatte, war mir unbekannt und gleichgültig. Die Frau interessierte mich zuwenig. Was das alles für angelernte Redensarten sind von der Schande der Mutter, unter der der Sohn durchaus zusammenbrechen muß. Fällt mir nicht ein, zusammenzubrechen.«

»Das ist fein«, erklärte Ute. »Du gefällst mir.«

»Wie gesagt, wenn sie mich je liebgehabt hätte. Aber wir kennen einander so wenig, daß wirklich wenig darauf ankommt, womit jeder von uns sich unterhält. Zum Beispiel der Rennonkel nebenan –«

»Was soll dir der machen«, sagte Ute, von Herzen einverstanden.

»Manchmal brauchte sie für ihre kleinen eiteln Sinnlichkeiten einen Vertrauten. Sie hielt es nicht aus, sie mußte es einmal herausjauchzen, was sie in der Stille angestiftet hatte, das Schulmädel. Dann rief sie mich, ihren Sohn, in ihr Toilettezimmer und sagte zum Beispiel: ›Papa ist so schrecklich bös auf den Leutnant von Trutzhelm, und er hat mir doch bloß beim Tanzen den Arm geküßt.‹«

»Unappetitlich«, sagte Ute mit einer Grimasse. »Er hat sicher geschwitzt.«

»Wer? Der Arm oder der Leutnant?«

»Beide.«

Sie lachten.

»Dann hat die arme Frau sich in dich verliebt, Ute. Da kam sie an die Rechte.«

»Bitte sehr. Ich konnte ihr nützen, das war alles. Gleich als sie mich mit dem jungen Ende im Englischen Garten traf, verglich sie ihr Haar mit meinem, ich habe es sehr wohl gemerkt. Na, und weil es stimmte, bin ich zu euch ins Haus gekommen.«

»Jaja, du stehst ihr famos.«

Sie lachten wieder. Die Tür ward auseinandergeschoben, Frau Marehn sagte vorwurfsvoll:

»Ihr lacht schon zweimal. Worüber lacht ihr eigentlich?«

»Über jemand, den du nicht kennst, Mama.«

»Es ist doch heute nicht passend zu lachen. Claude, Herr von Eisenmann ist wirklich unzufrieden mit dir.«

Frau Marehn zog sich zurück.

»Kannst du die Unzufriedenheit ertragen, Claude?« fragte Ute. Er faltete die Hände.

»Kann man so naiv sein wie sie? Diese Naivität entwaffnet einfach.«

»Also manchmal hat sie dich doch gereizt?«

»Manchmal verursachte sie mir eine Wallung zugunsten meines Vaters ... Willst du noch hören?« fragte er erstaunt.

»Natürlich.«

»Für gewöhnlich aber wußte ich nichts anzufangen mit diesem Vater, der gelähmt, unbeweglich und abseits irgendwo im Hause saß und von dem eigentlich schon bloß noch der Kopf lebte. Und der lebte nicht für mich.«

»Er ist doch eine feine Figur«, sagte Ute in der Erinnerung an Archibalds Monolog.

»Nur als Vater –«, meinte Claude bedenklich.

»Da allerdings –«, bestätigte Ute. »Übrigens das mit den Eltern finde ich weiter nicht melancholisch. Mein Papa ist ja auch nicht empfehlenswert.«

»Meiner steckte mir hier und da Tausendmarkscheine in die Hand. Dazwischen kamen Zeiten, wo er keinen Hunderter hatte. Schließlich ist er immer gut gegen mich gewesen, und seinem Gefühl fehlte vielleicht bloß die Gelegenheit, sich klarzuwerden. Ich gab ihm auch keine, so viel ist richtig. Ich las Romane, im Schulranzen versteckt, weißt du, und bei jedem Geräusch unter den Tisch geworfen, denn mit Lektüre war Mama streng – und beim Lesen erfaßte mich manchmal die Ahnung höherschlagender Herzen. Ich wünschte mir auch eines; aber ich wußte nicht wie und für wen.«

»Das war vor meiner Zeit. Jetzt wird Tusch geblasen, und ich trete auf.«

»Und du trittst auf«, wiederholte Claude mit einem Schauer.

»Das ist das Ereignis deines Lebens, nicht?«

»Ja.«

»Komisch, komisch.«

Mit ihren grauen und weiten Augen, die ganz hell waren, durchsuchte sie rücksichtslos seine trüberen.

»Du mußt bedenken, ich hatte meine Kindheit allein verlebt, ganz allein zwischen diesem Vater in seinem Arbeitszimmer und dieser Mutter in ihren parfümierten, mit Fremden gefüllten Salons. Ich war sehr schüchtern.«

»Du bist es noch, mein Lieber.«

»So? ... Ich fürchtete das Zusammentreffen auf der Treppe mit den weltkundig und fratzenhaft lächelnden Gesichtern. Ich erstieg lieber die Dienerschaftstreppe. Wenn das Haus nach festlichen Diners duftete, nach Zigarren, Blumen, gepuderten, gesalbten, erhitzten Menschen, verschloß ich mich im zweiten Stock in mein Zimmer. Einmal, ich war dreizehn, überraschten mich ein paar Damen, wie ich im Nachthemd stand. Sie betrachteten mich durch Lorgnons, lachten und gingen hinaus, etwas weniger lustig.«

»Puten«, sagte Ute.

»Ein anderes Mal hatte ich mich drüben in den Rauchsalon geschlichen. Es war Konzert, ich wollte meinen Teil davon. Alle waren im Musikzimmer, ich glaubte mich in Sicherheit. Da hörte ich jemand an der Tür. Ich flüchtete, wild erschreckt, erst hierher, dann dort hinein, wo jetzt Papa liegt, schließlich auf die Treppengalerie und wieder ins Rauchzimmer – der andere immer hinter mir, ohne daß wir uns zu sehen kriegten. Dreimal machten wir die Runde, eine Jagd auf den Fußspitzen. Schließlich blieb ich stehen, nebenan, wo Papa liegt; und der Leutnant von Trutzhelm sprang herein. Er hatte wahrscheinlich geglaubt, eine junge Dame spiele mit ihm Verstecken, oder wenigstens ein Dienstmädchen. Als er den langen, rot überlaufenen Jungen sah, drehte er erzürnt den Rücken.«

Claude war wieder ganz rot. Ute, sehr aufmerksam, verzog keine Miene.

»Unter Demütigungen«, sagte er hart, »ohne Liebe, mit Aufwallungen wesenloser Sehnsucht und voll schüchternen Trotzes ist meine Kindheit vergangen. Da kamst du, Ute.«

»Also da.«

»Ich war sechzehn.«

»Ich auch. Aber das merkte man nicht. Gleich im Englischen Garten galt ich als fertige Dame. ›Ihre Tochter, Herr Ende? Unmöglich. Sie, ein so junger Mann? Bringen Sie sie mir doch. Auf Wiedersehen.‹ ... Dann rollte der Wagen deiner Mama weiter, und der junge Ende war beglückt. Er hatte bei euch Spaß gemacht wie überall. Jetzt durfte auch seine Tochter anfangen, Spaß zu machen.«

»Meinst du nicht, daß du zu ernsten Diensten berufen wurdest? Ich glaube, der Leutnant von Trutzhelm hatte eine kleine Unzartheit begangen.«

»Ah! Das konnte ich nicht wissen. Aber daß deine Mama mich als Stütze für ihren Ruf gebrauchte, war mir klar. Ich war immer da, und immer als süße kleine Freundin, nie als Kind. Ich mußte Melanie sagen, bloß nicht Tante. Gott, was liegt an den Dummheiten. Nur soll man mich nicht zur Dankbarkeit auffordern und im Namen empfangener Wohltaten von mir verlangen, daß ich der Kunst entsage. Ich verstehe, als Schauspielerin kann ich den Ruf keiner großen Dame mehr stützen; im Gegenteil. Drum bin ich ja gegangen. Aber Dankbarkeit? Bitte, nein. Ich habe deine Mutter gebeten, sich bei mir zu bedanken. Ich habe meinen Ruf für sie riskiert, und es ist meine Sache, daß mir nicht viel daran liegt.«

Ute war in Aufruhr.

»Gib mir auch eine Zigarette!« befahl sie, ohne Furcht für ihr Organ. Claude ging umher, er träumte laut.

»Am ersten Tage, als ich eintrat, lehntest du ganz kühl, wie eine kostbare Prinzessin, in einem seidenen Stuhl ... Es war hier, der Salon ist seitdem neu möbliert, aber der Stuhl, auf dem du zuerst gesessen hast, der steht droben bei mir ... Du gabst mir die Hand, deiner Sache gewiß, und als ob du ganz freundschaftlich sagtest: ›Was für ein schüchterner kleiner Mensch!‹«

»Was für ein schüchterner kleiner Mensch«, sagte Ute und gab Claude die Hand.

»Darauf liebte ich dich! Du hattest mich freundschaftlich angesehen, du warst schön. Du warst die Reiche, du hattest alles zu geben. Ich war immer im Salon, immer um dich her, begleitete dich nach Hause, sprach, lachte. Das Leben fing an für mich ... Ja, Ute, damals warst du noch ein menschliches Wesen.«

»Was heißt das?«

Er wußte längst, wie sehr er ihr Komödienspiel haßte, mitten in allem Zauber, den es ihm eintränkte. Aber er war seiner versichert gewesen; sie würde es nie erfahren. Und jetzt brach alles heraus, er wußte nicht warum – weil irgendein Sturm wehte.

»Das heißt, daß du bloß noch Kunstwerk sein willst und gar kein Mensch mehr. Tragt ihr eure Kunstwerke nicht immer mit euch herum, sieht man sie euch nicht immer an? Ihr seid selbst euer Werk. Ihr macht aus euch selbst, aus eurem Körper und eurer Seele, ein Kunstwerk, zusammengesetzt aus Brusttönen und Gekreisch, aus Schminke, Atlas auf Pappe gefüttert, aus tragisch wankenden Schritten, aus – ich weiß nicht. Deine Arbeit, deine geliebte Arbeit ist darauf gerichtet, daß du deine gutgewachsenen Glieder der Reihe nach unterbindest und eine echte Empfindung nach der andern erstickst, bis sie alle absterben. Dafür schraubst du dir Kunstglieder ein und verstellst deine Lunge, dein Hirn und deine Augen zu Kunstempfindungen. Wenn die Verwandlung fertig ist, pflanzt du dich vor tausend Dummköpfe hin, und es kommt nun darauf an, daß die Puppe, die du aus dir gemacht hast und die ›Papa‹ und ›Mama‹ sagen kann, den Dummköpfen draußen auf die Nerven geht, daß sie Tränen loslassen oder einen Lachkrampf kriegen. Dann triumphierst du, dann wirst du berühmt und bist am Ziel!«

Er bemerkte schon während seiner letzten Sätze, daß sich das auch ganz anders auffassen lasse. Um die entweichende Überzeugtheit zu ersetzen, sprach er recht laut. Ute betrachtete ihn aufmerksam.

»Du mußt wirklich verliebt sein ... Du bist gar nicht –«

Da ging nochmals die Tür auf. Frau Marehn klagte:

»Aber wer schreit hier denn so schrecklich? Claude, ich dachte, du habest wenigstens etwas Pietät.«

»Hab ich auch, Mama«, sagte er, beinahe erweicht durch seine große Aussprache. Aber hinter seiner Mutter erschien blitzend von Eisenmann:

»Hier wird geraucht! Das ist einfach unglaublich!«

Claude sagte:

»Mein Vater spürt es nicht, ihm ist es gleich. Und Ihnen, Herr von Eisenmann, muß es gleich sein.«

Von Eisenmann stieß Drohungen aus, aber Panier rief von draußen:

»Das haben Sie nu doch weg, Eisenmann, das hilft nu nichts. Nu kommen Sie man wieder rein, alter Freund.«

Schließlich warf Claude die Frage auf:

»Wenn mein Vater sich aufrichten könnte – wem würde er hier die Tür weisen, mir oder – Ihnen?«

Mit solchen Möglichkeiten rechnete von Eisenmann nicht. Er stellte fest:

»Ich bin in meinem Recht!«

Er hatte doch diese Frau erobert!

Claude blieb nichts übrig, als die Achseln zu zucken. Frau Marehn flüsterte ihrem Geliebten etwas Bittendes zu. Sie schlich hinaus, allmählich folgte er ihr. Panier rief noch:

»Wir rauchen ja auch! Was sollen wir woll nicht rauchen! Nöh, auf so 'n Unsinn lassen wir uns nicht ein. – 'n freidenkender Mensch ...«

Hier rollte die Tür zusammen. Ute brach ihr verächtliches Schweigen. Sie beendete einfach ihren Satz.

»Du bist gar nicht langweilig, wie sonst alle, die nur eine Rolle kennen. Alle diese dumpfen Bürger, die dahingehen und ihr Leben lang dasselbe reden. Immer nur auf ihr kleines Stichwort fahren sie los, dann machen sie wie aufgezogen zwei, drei Gesten, die keinen mehr überraschen, und gehen wieder ab. Das ist der normale Mensch. Wir aber, wir – wir wirken mit unserer ganzen Persönlichkeit, wir haben die ganze Leier in uns. Wir verändern uns nicht, wie du meinst. Wir sind nur mehr, als ihr auf einmal erfassen könnt. Wir geben euch täglich ein Stück davon anzustarren, und ihr seid schon ganz dumm davon.«

»Du verachtest also jeden, der nicht so ist wie – ihr?«

»Von Herzen.«

»Mich auch?«

»Ich will dir sagen – von dieser Seite, ja. Von einer andern gar nicht. Da bist du auch wieder ein Mensch auf eigene Hand. Aber – lassen wir's.«

Sie war wieder ganz bei sich selbst.

»Überhaupt bist du ja mein Freund.«

»Und ich hab dir zuerst recht gegeben, als du zur Bühne wolltest – ich zuerst.«

Ute lächelte überlegen.

»Recht gegeben? Du hast nicht den Mut gehabt, mich zu hindern. Ein Talent zerbrechen, mir meine Leidenschaften verbieten, mich an jeder Genugtuung hindern, die nicht von dir kommt, mich in dein Leben zwingen – ich bitte dich, du bist ja kein von Eisenmann, kein Junker im letzten Stadium, dem es noch in allen Instinkten sitzt, daß die Welt mit Hinblick auf ihn geschaffen ward, der an ihrer Widersetzlichkeit nervenkrank wird und sich der Tobsucht nähert.«

»Nein«, sagte Claude.

»Nun also, darum hast du mich hübsch artig zu Archibald geführt.«

»Du weißt, wie es mir schwer ward?«

»Du hieltest mir kleine vorsichtige Reden über die Gefahren und die Enttäuschungen, die junge Schauspielerinnen erwarten – ganz wie ein Alter. Außerdem warst du auf jeden Mimen eifersüchtig, der mich begeisterte. Aber du brachtest mir ganz still seine Photographien. Das war nobel! Das war um so nobler, als du, ein Mann, natürlich nicht verstehen konntest, wie wenig mir solch Mime Mann war. Ob du Künstler bist? Jedenfalls hast du etwas – genug, ich hab dich achten müssen.«

»Danke«, sagte Claude.

Er wußte sich nicht mehr auszudrücken; es endete immer mit dem einen. Ute wartete. Sie setzte sich wieder in das gebrechliche Lackmöbel mit der niedrigen Rückenlehne; darauf stützte sie die Arme. Die Schultern wurden zurückgedrängt, die Linie der Büste, unten gewölbt, war frei, jung, geschmeidig. Claude entschloß sich:

»Du mußt bedenken, was mir verlorenging, als ich dich zu Archibald bringen mußte. Seit heute kannst du das besser beurteilen.«

»Nein. Was uns viel entgeht, wenn wir kein Verhältnis miteinander haben, das werd ich nie begreifen.«

»Es handelt sich nicht darum. Aber mir war es doch ganz selbstverständlich gewesen, ich würde dich heiraten.«

»Ach so. Mir auch.«

Er war entsetzt.

»Wie! Und das sagst du so ruhig!«

»Ist das so aufregend? Jedes junge Mädchen von guten Anlagen, das plötzlich in ein reiches Haus versetzt ist, wird eine Stunde nach der Ankunft den Plan fassen, den Sohn zu heiraten. Der Gedanke wird einem durch zu viele Romane nahegelegt, weißt du, er ist unwiderstehlich. Darum hab ich ihn auch bloß acht Tage lang behalten. Dann sagte ich: ›Meinen Weg mache ich, das steht fest. Aber nicht durch so verbrauchte Mittel.‹ Das war längst bevor ich wußte, ich würde zur Bühne gehen.«

»Aber erst, als du das wußtest – oh, den Tag vergeß ich nicht. Es war schon ein gemeiner Streich. Es war solch wundervoller Sommerabend, ganz violett, in eurem Hause standen alle Fenster offen, man hörte vom Englischen Garten die Vögel. Plötzlich ein Geschrei – Herrgott, ist das Utes Stimme? Ist sie krank, überfällt man sie? Ich stürze hinauf. Ich reiße deine Tür auf, will rufen. Aber du hörst nicht, du fällst hin, aufkreischend: ›Abscheulich! Was hab ich getan?‹«

»Ach ja«, sagte Ute befriedigt. »Das war das.«

»›Was entdeck ich? Gott!‹ stöhntest du dumpf, mit dem Gesicht in einem seidenen Kissen. Und die Hand ausgestreckt gegen mich, ohne von mir zu wissen: ›Weg aus meinen Augen, um Gottes willen –.‹ Mir ward ganz kalt. Warst du wahnsinnig? Was für Grauenhaftigkeiten waren vorgefallen?«

» Die Angst«, sagte Ute, lautlos lachend.

»Du standst auf, du sahst mich, aber ich war nicht dort, wo du lebtest. ›Aus Großmut, aus Barmherzigkeit, hinaus, von meinen Augen! – Wollen Sie mich morden? Ich hasse Ihren Anblick! Meinen Brief und meinen Schlüssel geben Sie mir wieder!‹ Ich erkannte endlich die Eboli.«

»Na, gottlob.«

»Ich hörte weiter zu, von dir unbeachtet, deinen großen Monolog. Du warst voll von allem, was sich fühlen läßt, von allem, was Menschen leben macht: von Liebe, Haß, Eifersucht. Du zischtest vor Rachsucht und wälztest dich vor Gier nach einem. Und in mir, Ute, in mir, der ich dir zuhörte, hob sich etwas Unbekanntes auf – nein, etwas Bekanntes, aber etwas, das ich nie gewagt hatte. Ich schluckte es nieder. Ich fühlte mich weiß werden und drückte die Lippen aufeinander. Aber während ich steif dastand und leise atmete, war in mir ein anderer, der warf sich zu dir hin, Ute, vor deine Knie; der zuckte und schrie mit dir. Und der spielte nicht. Der rang die Hände im Ernst, ich versichere dich. Der schluchzte, jubelte, der flog zu Sternen, stürzte in Schlünde, lebte und starb an dir, Ute!«

»Das war dir wirklich nicht anzumerken«, sagte Ute und stand vom Stuhl auf.

»Er ward schließlich ohnmächtig, der andere, ich merkte nichts mehr von ihm. Ich war ein junger Mann aus der Schackstraße und du eine Schauspielerin.«

Ute sah genußsüchtig in seine Augen, auf seine Blässe und in all diese Anbetung hinein, die ihr galt, die eine Wirkung ihrer geliebten, gepflegten, täglich geübten Persönlichkeit war.

»Du erzählst das ja ziemlich ruhig. Wenn dir damals so wild zumute war, warum bliebst du wie aus Holz?«

»Wild zumute? Das war gar nicht ich selbst. Mir träumte, daß ich schrie, daß ich kämpfte, daß ich – liebte. Mir träumte, ich wäre einer, der das könnte.«

Sie fragte neugierig:

»Warst du glücklich?«

Er antwortete:

»Ich weiß nicht mehr. Es war sehr viel Schmerz dabei. In Wirklichkeit fühle ich nie so argen Schmerz.«

Sie wandte sich ab, atmete tief:

»Lassen wir das. Solche großen Sachen sind nur auf der Bühne zu brauchen.«

»Es muß sie doch auch irgendwo im Leben geben.«

»Vielleicht früher mal«, meinte Ute.

IV.
Die andere Bude

Die Tischgenossen waren schweigsam. Frau Marehn sah geringschätzig über die Gerichte weg. In langen Pausen steckte sie, wie aus Zerstreutheit, einen Bissen in den Mund. Von Eisenmann versuchte es ebenso zu machen. Aber er geriet ins Schlingen, er wußte nicht wie. Manchmal hielt er inne und nahm sich zusammen. Panier aß kräftig und ohne falsche Scham. Er machte eine Bemerkung, weil keine Salzkartoffeln da waren. Und während er sich den Mund füllte, fraßen seine Augen von Ute, soviel sie fassen konnten.

Ute und Claude sprachen von Dingen, die nur sie angingen. Von Eisenmann runzelte schon längst die Stirn. Schließlich sagte er zu Frau Marehn, er habe nicht die Absicht, sich in die Erziehung ihres Sohnes zu mischen; aber der junge Mensch lasse eine gewisse würdige Männlichkeit schon den ganzen Tag vermissen. Claude sah seine Mutter erröten und stellte fest, es tröste sie, daß man ihn noch als Buben behandelte. Aber Ute bemerkte unschuldig, im gleichförmigen Backfischton:

»Die würdige Männlichkeit kann unmöglich viel kosten, nicht, Herr Hauptmann? Sonst hätten Sie sie doch nicht.«

Wie war sie entschlossen! »Wenn ich ihm ins Gesicht sagte, daß er ein ausgehaltener Mann ist, mir scheint, ich müßte mich mehr dabei schämen als er.«

Von Eisenmann drehte Ute einfach den Rücken zu. Er verständigte Panier von seiner Überzeugung, daß Kassierer Ringsum ein Gauner sei. Der Preis von zwei oder drei unlängst während der Krankheit Marehns verkauften Terrains sei so niedrig, daß Ringsum unbedingt Provision vom Käufer erhalten habe. Panier meinte, ein Glas Sherry an der Nase:

»Na lassen Sie man, Ringsum ist noch 'n harmloses Huhn gegen die meisten. Und überhaupt, wenn einer stirbt, dann können Sie nicht verlangen, daß alles sauber zugeht. Von dem Fall profitiert jeder – aber jeder einzelne, dafür garantieren wir Ihnen.«

»Oho!« rief blitzenden Auges von Eisenmann, »'n paar anständige Menschen gibt's denn doch noch!«

Er schob ein großes Stück Pudding mit erregter Hand weit von sich. Gleich darauf riß er es zurück und begann daran zu würgen, gebückt, den Schnurrbart triefend von Saft.

Er sagte noch einiges Geschäftliche, richtete es aber ausschließlich an Frau Marehn. »Sie als Universalerbin –« kehrte mehrmals wieder.

Panier wiegte lange den Kopf, zwinkerte flüchtig nach Claude. Als niemand mehr daran dachte, äußerte er:

»Wer weiß.«

Nach Tisch nahm er Claude beiseite.

»Mein Junge, brauchst du Geld?«

»Ja«, sagte Claude. Panier nickte.

»Wir wissen woll, wofür.«

Und er zwinkerte nach Ute.

»Das soll ja 'n sogenanntes ide–a–les Verhältnis sein.«

Und er zwinkerte so lange, bis Claude verstanden hatte, er, Panier, glaube nicht an das ideale Verhältnis.

»Ja«, sagte Claude. Panier faßte ihn am Knopf.

»Mein Jung, du bist nu in den Jahren, du sollst man anfangen, dich 'n bischen zu amüsieren.«

»Ich, Herr Panier? Ich hör schon bald wieder auf.«

»Chotts – Was ihr heut alle habt, ihr Jungen ... Das sagt nu einer mit zwanzig. Und sieht so mieserig aus, daß jedes ordentliche Weib Angst haben muß, er geht ihr dabei kaputt. Wir – wir sind dreiundsechzig, aber wir werden noch mit jeder fertig. Jedes neue Weib ist 'n Paradies, mein Söhnken. Nöh, blasiert sind wir nicht. Und mit allem in Ordnung: Lunge gut, Verdauung gut, Haarwuchs gut, alle Zähne – und dann das, worauf es am meisten ankommt. Wir haben nichts weiter nötig, als daß uns jede Nacht 'n junges Mädchen ins Fenster steigt.«

»Jede Nacht, Herr Panier?« fragte Claude, die Augen weit geöffnet.

»Jede Nacht!«

»Sie müssen viel Glück bei Frauen gehabt haben, Herr Panier?«

»Gehabt is jut. Willst du mir woll glauben, daß uns, wie wir dastehen, in Düren noch heute die Weiber nachlaufen.«

»Wenn sie's in Düren tun – die werden ja nicht perverser sein als anderswo.«

»Nöh, pervers sind die nicht.«

Claude sah gleichgültig weg. Den weiblichen Geschmack verstehen zu wollen, das hatte er aufgegeben. Er äußerte:

»Was Sie also vorhin meinten ...«

»Richtig. Wir haben es dir gleich mitgebracht. Der Notar Angerer kommt vielleicht noch heut abend mit dem Testament, aber versprechen konnte er's uns nicht; das Ableben deines Vaters macht ihm ja enorm viel zu tun. Und wieviel du gleich in die Hand kriegst, ist auch nicht sicher. Na, da hast du erst mal fünftausend. Laß man, das Schriftliche gibst du uns morgen. Nöh, wir kennen dich doch. Und denn stehn ja eure fünfmalhunderttausend bei uns im Geschäft, die wirst du da auch woll lassen.«

»Soviel an mir liegt, Herr Panier. Meine Mutter als Universalerbin ...«

»Ach ja, Universalerbin. Na, ich wart hier nu auf Angerer mit dem Testament. Aber du, mein Söhnken, amüsier dich nu man 'n bischen. Dein Vater ist heute gestorben, alles was recht ist; aber versauern darfst du doch nicht, was?«

»Meinem Vater wird daran gar nichts liegen.«

»Siehst du woll. Denn geh nu man 'n bischen zu Gisela Gigereit. Ich hab ihr schon gesagt, daß wir auch kommen.«

»Auf Wiedersehn, Herr Panier.«

»Aber erst packst du dein Idea–al in den Wagen. Immer höflich mit die Damen.«

Draußen sagte Claude zu Ute:

»Du, deine Kostüme habe ich in der Tasche.«

»Die Wohnung auch?«

»Es langt für alles.«

»Ist recht. Laß nur dem jungen Ende nichts merken, sonst wird er begehrlich.«

»Darf ich jetzt noch ein Stündchen mit dir kommen?«

»Bitte nicht, ich muß arbeiten. Dein Vater kostet mich heute schon zwei und eine halbe Stunde. Wenn du meinst, das geht so weiter. Vor halb drei komme ich nicht zu Bett. Fedora, meine erste moderne Rolle!«

»Also gute Arbeit!«

Er schloß den Schlag. Sie besann sich, streckte den Arm heraus.

»Übrigens vielen Dank ... Und auf Wiedersehn. Wohin gehst du?«

»Zum Spießl.«

Aber bei der Universität überholte er Matthacker und Killich. Er grüßte. Matthacker rief ihm nach:

»Warum waren Sie denn nicht dabei, Marehn?«

»Wobei?«

»Ach ja. Ihr Herr Vater ...«

»Tiefes Beileid«, sagte auch Killich. »Kommen Sie her.«

Sie nahmen ihn in die Mitte, sie waren beide halb betrunken.

»Dieser Pömmerl ist zum Schreien«, erklärte Matthacker in seiner vorsichtigen Sprechweise. Er war groß, schwer, sehr schick; und weil seine dicken dunkelroten Wangen eine gewisse Schiebung bis unter die braunen Augen erlitten, sah Matthacker, abgefeimt wie er war, immer ganz erstaunt und hilflos aus.

»So, Pömmerl«, sagte Claude. »Ich wäre sonst auch gekommen. Ist er seine Frau los?«

»Er fährt sie und ihren Liebhaber eben zur Bahn. Er hat ihnen zuletzt noch Hotels in Italien empfohlen. Das Scheidungsmahl war heiter. Von so reiner Heiterkeit. Pömmerl hat geredet: das Zusammenleben mit seiner Frau werde ihm unvergeßlich bleiben, und in seinem nächsten Gedichtbuch solle sie sicher den meisten Raum einnehmen. Er trinke auf das Glück der beiden jungen Leute. Er ist sehr fein, der Pömmerl, ich werd ihm seinen Leichnam abkaufen.«

Matthacker sah in die Sterne. Killich erklärte, und ein Windstoß drückte ihm den großen wildblonden Bart gegen die linke Schulter:

»Es kommt auf das Temperament an. Die Zank kann mir nicht nachsagen, daß ich sie an den Bahnhof begleitet habe. Allerdings gab es auf unserer Südseeinsel keinen Bahnhof. Und der Kerl, den sie mir vorgezogen hat, mit dem kann man auch in keiner Droschke fahren; den setzt man in einen vergitterten Wagen.«

»Wo hält sich die Gräfin jetzt auf?« fragte Claude.

»Sie hat ihn nach Paris gebracht. Er produziert sich irgendwie, besonders bei Damen, und sie lebt davon. Sie hat mich ausdrücklich gefragt, warum eigentlich immer die Frau sich prostituieren müsse. Ich konnte ihr das auch nicht sagen ... Basta! Was mich bei diesen Liebesgemeinheiten reizt, ist das neue Licht, womit sie einen bewerfen. Sie zeigen einem auf haarsträubende Weise, wer man ist; wenigstens wer man für die Weiber ist. Ich und das Südseetier, in der Seele der Zank müssen wir verwandt sein.«

Killichs starke und gewandte Hand holte seinen Bart von der Schulter herunter. Auch befestigte sie seinen Burenhut. Im übrigen war seine Kleidung peinlich englisch. Aber er säbelte mit den Armen, zu dem Lärm seiner Rednerstimme.

»Also lassen wir gefälligst die Dummheiten. Eine Verschiebung des Papierstreifens um den zwanzigsten Teil einer Linie ruft, wie gesagt, bedeutende Verschiebungen des Buchstabens im Druck hervor.«

»Er meint seine elektrische Setzmaschine«, erläuterte Matthacker.

»Elektrisch?« fragte Claude ängstlich. »Maschine?«

»Beleidigt Sie das?«

»Alles, was Maschine heißt, erfüllt mich mit Mißtrauen. Es ist wohl der Haß des Schwachen. Aber tun Sie, als wäre ich nicht da.«

»Präzisionswerk«, sagte Killich. »Wird gefingert wie 'ne Schreibmaschine ...«

»Er will keine Maschinen«, sagte Matthacker sanft.

»Stößt Löcher ins Papier. Durch den Stoß werden elektrische Kontakte ausgelöst. Der Strom bringt die Buchdruckerlegierung zum Schmelzen ...«

»Er will es doch nicht.«

»Ein anmutiges Werkchen«, sagte Claude.

»Gestehen Sie«, bat Matthacker, »daß eine Kolonie von Frettchen, in Indien, gegen das Schlangengift, noch herziger wäre. Es ist ein graubraunes Wiesel, müssen Sie wissen, läuft wie 'n Wiesel, frißt ein gewisses Kraut, wird immun. Nun passen Sie auf: das Kraut nützt dem Menschen nichts, wegen Verschiedenheit des Magensaftes. Aber ein Serum aus dem Frettchen ...«

»Frettchen? Ist das ein Tier?« fragte Claude.

»Ach Gott, Sie haben nicht aufgepaßt.«

»Unsinn!« schrie Killich gegen den Wind. »Bisher war alles schon bekannt. Und die Verschiebung des Papierstreifens machte es praktisch bedeutungslos. Nun komme ich.«

»Das Frettchen ...«

» Nun komme ich! Statt des Papiers verwende ich einen fest eingebetteten Stahl-Argonstreifen. Argon legiere ich hinzu wegen besserer Konsistenz und der Seltenheit halber, weil bisher nur Spuren davon gefunden sind, in den Dämpfen des Mont Pelée.«

Matthacker rang sich durch.

»Sie müssen das bloß verstehen. Das Alkaligift der Schlange zersetzt die Blutkörperchen; das Gegengift muß neutral sein. Aus dem Darm des Frettchens geht das neutrale Element des Krautes ins Blut über. Beim Menschen müßte man es subkutan injizieren, in der Nähe des Bisses, aber näher dem Herzen zu. Wo wird man's zum Beispiel bei einem injizieren, der am Kopf gebissen ist?«

»Am Kopf?« wiederholte Claude mit Grauen.

»In der Klavikulargegend«, antwortete Matthacker mitleidig. »Zu den Versuchen brauche ich eine Kolonie von Brillenschlangen, eine Kolonie von Frettchen und einige Verbrecher.«

»Eine Verbrecherkolonie?«

»Also eine tropische Regierung, die mir zum Tode verurteilte Verbrecher überläßt.«

»Ich«, rief Killich, »brauche eine große Fabrik, die die Tragweite meines Gedankens erkennt.«

»Was Sie alles brauchen«, meinte Claude geringschätzig. »Man muß nicht so viele Bedürfnisse haben.«

»Meine Maschine bietet einen besonderen Reiz dadurch, daß sie viele tausend Setzer brotlos machen wird. Welche ungeheuerliche Beschleunigung der sozialen Veränderungen!«

»Und dazu haben Sie den Mut?« fragte Claude. »Nun, Sie kommen aus der Südsee.«

»Und von der Zank, junger Mann.«

»Meine Entdeckung«, sagte Matthacker, »kann aller Welt ganz gleichgültig sein, weil Brillenschlangen doch hier nur in vergitterten Käfigen vorkommen. Gerade darum erwarte ich, daß sich ein Unternehmer findet, mit Phantasie und mit Mitteln.«

»Niemand kann ihn hindern, sich zu finden«, sagte Claude. »Aber ich muß die Herren jetzt verlassen.«

»Sie kommen mit!« sagte Killich drohend. »Wozu nähre ich Sie zwanzig Minuten lang mit meinem Geist, wenn Sie nicht mal 'n Kognak drauf trinken wollen.«

»So fett war Ihr Geist nicht.«

»Wozu wir ihm das erzählen?« fragte Matthacker, den Fuß auf der Schwelle des Café Luitpold. »Er hat doch jetzt Millionen.«

»Donnerwetter!« sagte Killich und blieb stehen.

Die beiden starken Herren sahen von rechts und links auf Claude hernieder. Er fühlte sich auf einmal umgewendet, durchsucht, zu einem Gegenstand von Berechnungen geworden. Gedemütigt und angewidert murmelte er:

»Es ist nicht so schlimm.«

Aber seine Begleiter nickten mit gefalteten Stirnen auf ihn ein, als sagten sie: »Versuchen Sie nur nicht zu leugnen.«

›Es scheint, meine Funktion als Millionär fängt an‹, dachte er, während sie zwischen den spiegelnden Säulen in den Qualm von Menschen drangen. ›Ich erinnere mich, Papa sagte einmal ohne ersichtlichen Grund: »Ich möchte dir's wohl ersparen.« Jetzt weiß ich ungefähr, was er meinte. Na, was die Mitmenschen anlangt, da weiß man ohnehin Bescheid; dazu brauche ich weder Killich noch Matthacker ... Und er wird es mir erspart haben. Es wäre blödsinnig, wenn mir das viele Geld über den Hals käme, und Ute, für die es auszugeben Sinn hätte, käme nicht ... Außerdem‹, dachte er noch rasch hinzu, während er schon vor Freunden den Hut abnahm, ›ist Papas Geld recht gefährlich und unbequem angelegt. Vielleicht existiert es nur zeitweilig und wenn man guten Willen hat. Eine kleine, sichere Rente wäre mir lieber.‹

»Grüß Gott, Pömmerl.«

Pömmerl saß ganz hinten und an seinem Tisch allein; aber die andern Stühle hatte er alle umgekippt. Er winkte bloß mit seinem Patschhändchen, ohne aufzustehen. Er hielt eines seiner fetten Beinchen in prallen Höschen so kunstreich gebogen, daß der winzige dicke Lackschuh auf dem andern Knie lag. Sein Gesicht, mit klugen schwarzen Äuglein, glänzte rosig und breit unter der hohen, weißen Stirn.

»So sieht das Glück aus«, sagte Matthacker. »Ich habe gerade die Ansicht verteidigt, daß Sie etwas sehr Feines sind. Doktor Killich wollte es anders wissen.«

»Ich meine, Sie sind höchstens ein Meerschweinchen«, erklärte Killich.

»Jaja«, sagte Pömmerl und faltete die Hände über dem Knödel in seiner weißen Weste. »Da sitzt man im Café und hat wieder etwas erlebt.«

»War es der Mühe wert?« fragte Claude.

»Das kann ich Ihnen erst sagen, wenn die Gedichte fertig sind.«

»Ich wäre sonst auch gekommen. Übrigens meinen Glückwunsch.«

»Übrigens mein Beileid«, erwiderte Pömmerl.

»Grund genug«, sagte Killich verächtlich. »Er ist jetzt tropische Regierung und einsichtige Fabriksleitung in einer Person. So was greift an.«

»Wir haben unsern Unternehmer gefunden«, setzte Matthacker hinzu. »Er hat selbst gesagt, niemand könne ihn hindern, sich zu finden. Nun hat er sich selbst nicht hindern können.«

»Ich versichere Sie, daß Sie mich nicht zu Ihrem Affen machen werden!« sagte Claude plötzlich sehr fest. Er sah die drei, auch den armen Pömmerl, der Reihe nach an, blaß vor Gereiztheit, und wandte ihnen den Rücken.

Ein Stück weiter saß Köhmbold von der Zuckerfabrik in Altona und trank Tee. Claude reichte ihm stumm die Hand wie einem Leidensgefährten.

»Beileid«, murmelte Köhmbold.

Die Kellnerin kam; Claude zeigte auf den Tee.

»Mir auch«, sagte er.

Sie wollte eine menschliche Annäherung einleiten; aber die beiden jungen Millionäre hatten etwas Abstoßendes. Sie verzog das Gesicht und lief weiter.

»Setzen Sie sich doch bloß nicht zu den Viechern«, äußerte Köhmbold säuselnd und zog ein stark duftendes Taschentuch. »Das sind ja Viecher.«

Claude bedauerte schon, daß seine Duldsamkeit ihm einen Augenblick lang entschlüpft war.

»Es sind auch nur Menschen«, meinte er. Köhmbold entgegnete:

»Das leugne ich ja nicht. Um so schlimmer.«

Claude sah ihn sich an, den hagern, grobknochigen Gesellen, in dessen Gesicht die Nase, mit eingesunkenem Sattel, nur ein Knopf war. Die Stirn zerknitterte sich, voller Sorgen, nach den Augen hin, zwei blassen Wassern. Köhmbold hatte seinen langen Handgerippen und ihren viereckigen Nägeln soviel Vornehmheit abgewonnen, wie immer in seiner Macht stand. Seine Brust ward vollkommen gepolstert von einer langen, breiten und hohen Krawatte aus Gelb, Pfauenblau, Apfelgrün, Schwarz und Silber. Dieser verlorengegangene Kaufmann ließ seinen Bruder bei der Fabrik und tat nichts, als Maler in ihren Ateliers belästigen, Stücke beurteilen, die ihn nichts angingen, unanständige Verfeinerungen sich anmaßen. Claude fragte ihn:

»Wie kommen Sie eigentlich dazu, die Menschen zu hassen? Es tut Ihnen ja keiner was.«

»So? Sie werden schon merken, was sie einem tun. Haben Sie nicht geerbt? ... Sehen Sie, es gibt bekanntlich bloß Gauner und Dumme. Aber ich will keins von beiden sein – durchaus keins von beiden«, wiederholte er schwach und verbissen.

»Was ist denn Ihr Bruder, der die Fabrik leitet?«

»Der ist Gauner.«

»Sie Ihrerseits haben wahrscheinlich nicht mehr das Zeug zum Gauner. Aber zum Dummen langt es auch nicht mehr? Das ist schlimm.«

»Ich will überhaupt nur die Schönheit«, erklärte Köhmbold. »Das andere ist doch faul.«

Und eine dünne Sehnsucht tauchte, gleich einer dürftigen Fee, aus den Wassern seiner Augen.

»Was halten Sie von Killich?« forschte Claude.

»Der? Lebt der nicht von Weibern? Ich will nichts gesagt haben. Aber sicher bezahlt er die eine mit dem Gelde der andern. Und dann: ist er überhaupt Doktor? Und wenn schon, wovon ist er denn Doktor. Er pfuscht ja in alle Wissenschaften, ist auch noch Athlet und Politiker, und 'n großer Damengünstling. Das ist das einzig Sichere.«

»Nehmen Sie ihm das übel?«

»Die Weiber schenk ich ihm, die wollen doch immer bloß Geld. Aber etwas Bestimmtes muß der Mensch sein. Kaufmann oder Jurist oder Arzt!« rief er mit verzerrtem Gesicht; und Claude wunderte sich, wie genau der verwilderte Bürger es nahm mit den Forderungen seiner angestammten Klasse.

»Dann wird Ihnen Matthacker lieber sein. Er ist wenigstens Arzt.«

»Und was für einer. Er sorgt dafür, daß seine Klienten nicht an Kontinenz zugrunde gehen. Ach Sie! Mir hat er eine Photographie gezeigt! Ich bin daraufhin mit ihm in seine Klinik gegangen. Es war eine exotische Prinzessin.«

»Eine von denen, die durchaus Kinder kriegen wollen?«

»Wieso Kinder kriegen?«

»Das wissen Sie nicht? Matthacker hat doch eine große Kundschaft von reichen Damen aus der Fremde, von denen, die ein Professor dem andern zuschickt mit verschlossenen Billetten, worin geschrieben steht: Anbei eine goldene Gans, rupfen Sie sie ... Matthacker seine wollen sämtlich Kinder. Er tut auch, als läge es an ihnen; in Wirklichkeit liegt es natürlich am Mann. Er behandelt sie lange und kostspielig, und dann läßt er den Toni auf sie los.«

»Toni?«

»Den Toni aus Partenkirchen. Er sagt den Damen, es wäre schade, wenn sie die weite Heimreise machten und nachher stelle sich heraus, daß die Kur noch nicht gelungen sei. Besser sei's, man nehme einen Versuch vor. Der Toni nimmt ihn vor. Er gelingt immer. Und die Aristokratie der entlegensten Reiche fährt fort zu blühen, dank dem Toni aus Partenkirchen.«

»Und die Damen lassen ihn sich alle bieten?«

»Alle«, behauptete Claude mit Nachdruck. Aber Köhmbold entrüstete sich.

»Sehen Sie, woher wissen Sie das? Wenn meine Prinzessin damals den Toni genehmigt hätte, dann wäre ja ich nicht nötig gewesen.«

»Er hatte vielleicht Ferien«, meinte Claude. Köhmbold seufzte.

»Ach Gott, jetzt verstehe ich erst, was ich sollte. Ein Kind wollte sie haben, das niedrige Geschöpf. Und ich habe ihr gleich gesagt, daß die gemeine Sinnlichkeit nicht meine Sache sei. Ich wollte nur in nackter Schönheit eine Stunde mit der Dame verbringen. Dafür bezahlte ich Matthacker. Die Dame hatte auch scheinbar nichts dagegen.«

»Dagegen kann man doch nichts haben?«

»Nicht wahr? Aber nachher standen statt 380 Mark, die ausgemacht waren, 450 Mark auf der Rechnung. Vorgeblich, weil ich sie gelangweilt hatte.«

»Das ist kein Grund«, sagte Claude.

»Immer Gaunerei. Ich verlange bloß Schönheit, das ist ja das einzige, womit 'n anständiger Mensch sich noch befassen kann. Aber meinen Sie, daß ich je so viel kriege, als ich bezahle? Da hat mir der Hugendubel, unser großer Kunstgewerbler, der sticken kann und Servietten auf 'ne ganz neue Art zusammenfalten – der hat mir die Zigarettentasche da gemacht. Ist sie nicht riesig intim? ... Ich hatte auch extra dafür bezahlt, daß dies das einzige Exemplar sein sollte. Was glauben Sie, heut abend nach seinem unverschämten Scheidungsfest zieht der Pömmerl, der Schlucker, ganz dieselbe Zigarettentasche!«

»Wie schimpflich!« meinte Claude.

»Und er hat sie umsonst gekriegt – natürlich, der Schlucker. Daraufhin werd ich nicht mal klagen können. Diese Leute, die einem die Schönheit verkaufen, stecken alle zusammen. Was der Pömmerl für ein geschnitztes Doppelbett hat, gelb lackiert, die Schnitzereien schwer versilbert. Und einen Ofen haben sie ihm bemalt wie Delfter Kacheln. Natürlich, dazwischen stehen die Sachen, die er hat bezahlen müssen, und die sind denn auch danach. Und glauben Sie, daß das Lebewesen mich nach Tisch angebettelt hat? Er wollte seiner Frau noch ein Bukett kaufen.«

»Aber so eine Verletzung des Gastrechts!«

»Ich hab ihm gesagt, er solle sich das Bukett schenken lassen wie die Zigarettentasche.«

»Da war er geschlagen.«

»Ach Sie, Marehn, jetzt laß ich mir etwas machen, damit können sie mich nicht so leicht hineinlegen. Sie raten es doch nicht. Persönliche Zahnstocher! Was? Darauf ist noch keiner verfallen. Zahnstocher, die in Mädchenleiber übergehen, drei Sorten, und sie passen genau für meine Zahnlücken, da und da und da. Nun müßte einer schon ganz dasselbe Gebiß haben ...«

»Gott, die Zahnlücken können schließlich mal stimmen. Wissen Sie, das ist wie mit den Weibern; die passen auch mal einem andern.«

»Das sag ich ja. Drum genieß ich sie auch bloß in Schönheit. Was? dazu muß man schon 'ne verfeinerte Individualität sein.«

»Mindestens impotent«, sagte Claude und sah Köhmbold ruhig in die Augen. Köhmbold hob die Achseln, er lächelte groß.

»Was darauf noch ankäme, wenn man einmal bei der reinen Schönheit angelangt ist ... Gehen Sie schon? Nein, ich warte auf Ruschka.«

»Ihren schönen Jüngling? Dann rasch adieu! Wozu starren Sie immerfort in den Spiegel?«

»Ich werde ihn, wenn er kommt, zuerst dort im Spiegel sehen. Sie wissen doch, im Spiegel sind alle Dinge ferner und seltsamer, wie in Ahnungen, unter Wasser sozusagen, versunken, verzaubert und so weiter.«

»Und so weiter«, sagte Claude und ging. Ruschka kam eben an, träumerischen Ganges. Seine schwarzen Haare fielen glatt über seine Ohren. Er hatte das blasse, weiche Profil eines südlichen Mädchens und ein üppiges Auge.

Claude ging stramm an den Tisch der andern. Er sagte:

»Über Ihre Pläne, meine Herren, sprechen wir noch.«

Killich sah ihn kalt an.

»Natürlich sprechen wir. Wußten Sie das nicht? Und zahlen werden Sie.«

»Sie sind fein«, sagte Matthacker zart. »Ich kauf Ihnen Ihren Leichnam ab.«

Er heftete sich an den Strohhalm in seinem Getränk und äugte erstaunt und ängstlich über seine hohen Wangen hinüber.

»Grüß Gott, Pömmerl.«

Pömmerl rief Claude zurück.

»Es war der Mühe wert«, berichtete er selig und skandierte auf dem Tisch.

›Sie mögen mich hineinlegen‹, dachte Claude beim Weggehen. ›Ich durchschaue sie zum voraus und bin schon gerächt. Und ich werde dennoch gehandelt haben – anstatt in Spiegel zu blicken.‹

Im vorderen Raume des Cafés wankte ihm Kreuths langes Gerippe entgegen, wie immer abgewendeten Hauptes über die Welt hingeisternd. Sein beängstigend hohes und schmales Gesicht hatte er mit etwas Rot dem eines Lebendigen ähnlich gemacht; seine knorplig ausgreifende Nase hatte er gepudert; und von der weit und hölzern vorstehenden Unterlippe hing das Bärtchen blaß wie ein Tautropfen.

Ohne Claude angesehen zu haben, sagte er mit einer Stimme, die hohl wie aus altem Gemäuer kam:

»Von ganzem Herzen Beileid. Jetzt müssen Sie ja Geld haben?«

»Jawohl«, erwiderte Claude gemessen. »Geld habe ich, Graf Kreuth.«

»Dann können Sie mir was geben. Aber ich brauche es gleich.«

»Ich auch, Graf Kreuth.«

Claude schüttelte Kreuth die kalte Hand und entfernte sich.

Bei der Peterskirche, vor Spießls Tür, sammelte er rasch in sich den ausgelassenen Zynismus, der im Verkehr der Freunde Gesetz war. Er trat ein und sagte:

»Na, du würdiger alter Lustmörder, was bedichtest du denn da für 'ne Affenschande?«

Spießl blieb stumm in seiner Rauchwolke; nur sein Korblehnstuhl knarrte, miterfaßt von der Qual dieses Körpers, der dachte; und der schwärzliche Schreibtisch mit den abgebrochenen Ecken krachte. Das Büchergestell, den Waschtisch, das Bett, alles konnte Spießl mit der ausgestreckten Hand berühren. Er antwortete endlich, die Zähne auf dem Federhalter.

»Messalina bei den Soldaten, auf dem Marsfeld. Du weißt ja. Ich lasse sie gerade reden.«

»So, bloß reden.«

»O nein, schon sonst noch was.«

»Das ist hübsch. Sag mal, wozu machst du immer solchen Mist.«

»Wozu, wozu?«

Spießl hieb die Feder hin, warf sich herum.

»Nun – um den Bürger zu ärgern!«

»Er erfährt ja doch nichts davon.«

»Man ist halt Künstler. Wenn du das nicht fühlst, bist du keiner.«

»Muß wohl so sein. Im Grunde seid ihr eitel, nicht wahr? Wollt, daß die Leute sich ärgern oder sich begeistern, und auf jeden Fall euch anstaunen.«

»Ja, so ist der Künstler«, sagte Spießl stolz.

»Nein, mir ist das Wurscht«, entschied Claude. »Ich bitte dich, was ist denn der Ruhm? Ein Mißverständnis. Von jedem Bessern nimmt man nur das Minderwertige. Sein Genie, sein starkes Empfinden sieht man ihm nach, weil er auch Talent und etlichen Witz hat.«

»Ja, das Beste an meiner Messalina werden sie niemals würdigen«, meinte Spießl.

»Und dann«, sagte Claude, »kommt für den Ruhm zu viel darauf an, ob man sich beim Geborenwerden nicht verspätet oder es vorweggenommen hat. Bei den Fanatikern der Enge heut und guten Volkstümlern, da soll mal der Goethe hergehen und soll wieder von seinem Ideal einer Weltliteratur anfangen. Der Reinfall!«

Spießl bestätigte:

»Meine Messalina sind sie heut nicht wert.«

»Na, und überhaupt – damit der Ruhm Wert bekommt, muß man doch Achtung haben vor seinen Zeitgenossen. Nein, mir ist er Wurscht«, wiederholte Claude, und er dachte an Ute, die Erfolggierige. Vor sie hinstürzen zu können, wie er es einmal im Traum vermocht hatte; hingerissen und hinreißend, sie, die eine. Das war alles, was es zu begehren gab.

»Du siehst auf das Schwarze da?« fragte er. »Mein Alter ist nämlich tot.«

»So. Muß ich kondolieren?«

»Laß nur.«

»Wir wissen wohl, wie wir über die Familie denken«, sagte Spießl aus der Höhe; und Claude wunderte sich, daß der andere nicht fühlte, wenn ein Vater sterbe, vergesse man die nihilistischen Grundsätze und sei traurig. Er stimmte indes bei.

»Allerdings, die Familie. Wenn du als erwachsener Sohn deine Mutter älter machen würdest, als sie sich fühlt – da hört's eben auf.«

Aber Spießl verwahrte sich gegen die Hineinziehung seiner persönlichen Verhältnisse.

»Bitte schön, meine Mutter ist so schon alt.«

»Aber meine nicht ... Oder begehe einmal eine der Heldentaten, die du immer bedichtest – nur einen bescheidenen Inzest. Wie deine Mama sich da wohl benimmt.«

»Erlaube, meine Mama ist eine sehr anständige Witwe.«

»Meine nicht ... Das heißt, Witwe ist sie ja nun.«

Spießl stellte nochmals fest:

»Über die Familie wissen wir Bescheid.«

»Und über das andere«, meinte Claude, angewidert. Spießl war ganz freudig.

»Wenn ich hier so sitze, fehlt mir nur die Zeitung, wo ich sagen könnte, was eigentlich das Ganze für 'n ekliger Zauber ist.«

»Gründen wir sie!«

»Wirklich? Ist das dein Ernst? Keine faulen Scherze, bitte.«

Claude lachte feindselig.

»Natürlich. Im Café Luitpold bin ich eben schon an zwei Unternehmungen beteiligt worden; nun kommst du.«

»Tu vornehm, nicht wahr? Ich werde dich niemals um etwas bitten, daß du's weißt. Niemals!«

»Ich weiß ja. Ich kenne dich doch«, sagte Claude weich. Daß Spießl richtig beleidigt sein wollte! Sie forderten sich immerfort heraus, ja; aber sie taten es, weil sie sonst keinen Menschen genügend hochachteten, um ihn herauszufordern. Spießl mißverstand das. Man verstand nichts voneinander, nicht einmal unter zwei Freunden, für die Zynismus Gesetz war.

»Es ist gleich«, äußerte er. »Eine große nihilistische Tageszeitung wäre doch 'ne feine Blüte. Man ist enorm stark, wenn man gar keine Illusionen mehr hat.«

»Das weiß Gott. Hast du keine Zigaretten mehr?«

»Doch. Laß nur. Deine Pfeifen vertrag ich nicht.«

»Wir werden Tag für Tag – Tag für Tag«, wiederholte Spießl und klopfte mit den Knöcheln auf die Tischkante, »in allem, was vorfällt, den nackten Egoismus des Individuums vorzeigen. Der sogenannte Altruist ist natürlich der schlimmste. Wenn der sich um andere bekümmert, das braucht er ja zu seinem Wohlbefinden. Ah! Alles wird niedergerissen, was ihn verhängt, den Egoismus. Alle Redensarten von Patriotismus, Volkswohl, Menschlichkeit. Und das nackte Gerippe!« schrie Spießl begeistert – »das nackte Gerippe des eigennützigen Individuums wird unerbittlich durch alle unsere Spalten laufen.«

»Wir brauchen nur die Wahrheit zu sagen«, meinte Claude, »und es läuft schon. Ich möchte wissen, was Panier und Söhne, Holz und Kohlen en gros, sich aus dem Deutschen Reich noch machen würden, wenn es ihnen nicht hier und da eine Kohlennot bescherte.«

»Natürlich. Dazu ist doch das Deutsche Reich gegründet.«

»Es gibt kein Vaterland«, erklärte Claude hart.

»Es gibt keine Familie«, versicherte Spießl noch härter. Und Claude:

»Es gibt keine Freundschaft.«

»Natürlich nicht!« rief Spießl in großer Angst, der andere könnte ihn überholen. »Wozu hat man denn einen Freund? Damit er einem zuweilen das Stichwort gibt zu einem Selbstgespräch. Man redet überhaupt nur umeinander herum, und keiner versteht das geringste vom andern; wenn du das nur wüßtest, du Esel!«

»Gut, daß du's mir sagst. Was weißt du von mir! Einsichtslos bis dahinaus.«

Dies wollte Spießl eingeschränkt wissen.

»Oh, ich, doch immerhin ... Aber du! Was du von mir weißt! Gar nichts!«

»Du armer Kerl!«

»Bazi du!«

»Du folgst ja nur deinen viehischen Instinkten«, sagte Claude, »wenn du dir einen Freund suchst. Wir haben das mal in uns, die Geister müssen sich aneinander reiben. Wir müssen trachten, zusammenzukommen, so gut wir auch wissen: wir bleiben allein.«

Er zuckte die Achseln: konnte man sich denn mitteilen?

»Immer allein. Da gibt's nichts«, bestätigte Spießl erbarmungslos.

Sie maßen einander durch den Qualm hindurch, die Zwanzigjährigen, beide voll von dem Wort »allein«: der schlankere, korrekt gekleidete, mit matten Schatten im Gesicht, und der andere mit derberen Knochen, dessen weißliche Stirn voll gelber Punkte war. In dem Qualm, den sie aus ihren Mündern stießen und der in der engen Stube grau von der Decke bis auf den Boden hing, begannen sie umeinander herumzulaufen, bebend vor Selbstgefühl, jeder ganz gehoben durch die Erkenntnis des eigenen Elends, ganz feierlich gestimmt durch das Gefühl der weiten Kälte rings um sein einsames Hirn.

Claude erlahmte zuerst.

»Wir wollen das lieber in keiner Zeitung sagen«, meinte er und setzte sich auf das Bett. »Es ist trostlos.«

»So? Ich finde es großartig!« behauptete Spießl.

»Kann sein. Aber wenn man das alles erkannt hat, gründet man eben keine Zeitungen mehr. Das ist ja auch wieder eine Handlung, so unanständig wie alle andern.«

»Ach, so meinst du's? Natürlich; haben wir längst heraus«, erklärte Spießl, auf jedem Standpunkt zu Hause. »Die einzige anständige Handlung ist: die Achseln zucken.«

»Es gibt nur eine Art, nicht niedrig zu handeln: gar nicht handeln.«

»Stimmt. Meinst du, ich gedenke je was anderes zu tun als hier im Winkel sitzen und höhnische, ungebundene Sachen dichten? ... Bloß keine Ziele.«

»Um Gottes willen«, bat Claude, »wovon sprichst du, keine Ziele. Niemals Ziele ... Was nur heutzutage die Mädel haben.«

Er kicherte.

»Die andere Bude.«

»Welche Bude?«

»Ich meine nur, bei den Mädeln, dort sind sie jetzt so kühn.«

»Harmlose Neulinge«, erklärte Spießl.

»Und doch«, sagte Claude nach einer Weile, zweifelnd, ob er das äußern dürfe – »ich möchte nicht werden wie Köhmbold.«

»Köhmbold? Kenne ich nicht.«

Spießl kannte niemand.

»Das ist ein Individuum«, erklärte Claude, »das nur noch auf ästhetischem Wege sein Dasein fristet.«

»Das ist ja recht. Ist man einmal da angelangt, wo wir stehen, da gibt's nur noch Betrachtung: den Quietismus der Schönheit.«

»Hm«, machte Claude. »Wenn es eine Schönheit gegeben hat, woher kam sie? Ich vermute: aus starken Empfindungen, unter der Faust von Leidenschaften hervor, und durch Menschen, die zum Handeln noch das gute Gewissen hatten ... Aber die Schönheit der Schwachen? Der Ästhetizismus der gänzlich Untauglichen? Der Aufputz des verödeten Lebens? Persönliche Zahnstocher? Danke, ich passe.«

»O bitte sehr«, entgegnete Spießl gekränkt. »Schwäche ist vornehm.«

»Gestehe doch, daß es eine reichere Art zu leben gibt als unsere.«

Spießl hob die Arme.

»Ja, wenn man unanständig sein will, darf man stark sein. Du hast bloß die Wahl.«

»Hätte ich sie!« sagte Claude.

»Nun?«

»Es gibt eines, das ich wohl mal so erleben möchte wie einer mit reicherem Blut. Die Liebe.«

Er stand auf. Aber Spießl fuhr los.

»Die Liebe? Die haben wir wohl in unserm nihilistischen Organ noch gar nicht behandelt? Die Liebe! Dieser Weichselzopf von Selbstbetrug, Einsamkeitsflucht, niedrigen Interessen, Herrschsucht, Suggestion, gemeiner Sinnlichkeit. Die fehlet mir!«

»Trotzdem –«, begann Claude wieder.

»Ach was! Du gibst dich ja heut recht schön zu erkennen.«

Claude hörte Spießl gar nicht. Die Ereignisse des Tages hatten ihn umgeschüttelt, er stand wie unter Utes Atem, ganz heiß, und voll der Sucht, sich zu bekennen.

»Ich möchte einmal vor Liebe – na, sagen wir, in Verzückung geraten, toll werden.«

»Macht dich der Stuhlgang toll? Na siehst du? Das ist doch ganz dasselbe!« rief Spießl frohlockend. Claude winkte gequält.

»Das Blech weiß ich selber ... Ach, um sich als höherer Mensch ansehen zu können, muß man gar zu kalt sein. Wer tiefer steht, glaubt manchmal in ein anderes Wesen hineinzukönnen –«

»Aber sehr tief muß er stehen«, meinte Spießl.

»– vergißt sich manchmal, lebt woanders, hingerissen, unter Stürmen, und im Gefühl, selbst ein Sturm zu sein, denk ich mir. Ich wollte, ich wäre einer, der das könnte.«

»Hat dich das traurige Ereignis in deiner Familie schwach gemacht? Willst du Geibelsche Lyrik treiben? Dann trennen wir uns lieber.«

Claude erbitterte sich.

»Ich brauch doch nicht immer Spießlsche zu treiben!«

»Nein. Aber dann trennen wir uns. Ich, das merke dir, habe keine Lust, jemals mein modernes Bewußtsein – jawohl, mein modernes Bewußtsein einem sogenannten Gefühl zu opfern. Du, mein Lieber, hast es in dir: du hängst an einer Frau! Oh, versuche mir nicht weiszumachen, daß das ein für dich schmeichelhaftes Verhältnis ist.«

»Ich hab dir ja selbst erzählt, daß Ute nur meine Freundin ist.«

»Um so schlimmer. Du möchtest zu ihr hinab, du möchtest dich aus der Kälte des wissenden Nihilisten flüchten zu einem von diesen Halbmenschen. Du möchtest Gefühle haben, möchtest niedrig und dumm sein. Ich kenne dich, ich habe dich schon analysiert.«

»So?« fragte Claude neugierig.

»Schon längst«, bestätigte Spießl stolz. »Was meinst du denn. Du läufst einem Literaten täglich vor die Klinge und bildest dir ein, du seist noch nicht analysiert? ... Also dein Vater war eigentlich 'n Typus.«

»Das sagt Archibald auch. Ein denkender Punkt.«

»So was Ähnliches. So ein Spekulant hat etwas vom Phantasten. Weißt du, wie groß sein Vermögen ist?«

»Das kannst du nicht verlangen.«

»Nein, denn er wußte es wohl selber nicht. Das alles steht in der Luft. Ob er im Isartal Villenkolonien oder Schlösser in Spanien gebaut hat, er konnte sie ja nicht sehen von seinem Rollstuhl aus. Es waren Phantasien, aus Drang ins Weite, in hohe Ziffern hinein; aus Spielen mit zweifelhaften Möglichkeiten.«

»Was willst du eigentlich. Von der Vererbung kommt man ja zum Teil schon wieder zurück.«

»Du wirst aus Zartsinn noch katholisch werden ... Von deiner Frau Mutter, das ist leicht zu merken, hast du das Talent zur Liebe. Deine Frau Mutter hat, glaub ich, Verhältnisse.«

»Meinetwegen. Ich finde nichts dabei.«

»Meinst du, ich? Ich sage es ja bloß, weil es zu meiner Analyse gehört. Wenn es sich auch nur um eine Zeile Literatur handelt, du, dann sag ich den Leuten noch ganz andere Dinge.«

Und Spießl warf sich in die Brust.

»Also deine Mama hat Verhältnisse. Ob dein Papa es wußte?«

»Ist mir unbekannt und läßt mich kalt. Kommen wir zur Sache.«

»Ich bin bei der Sache. Es kommt doch darauf an, wie sich die sinnliche Frau und der reine Denker gestanden haben.«

»Gar nicht.«

»Na siehst du, so steht's auch in dir! Du bist nämlich für die Liebe auf der Welt wie deine Frau Mutter; aber du möchtest sie in der großartig spekulativen Art betreiben, wie dein Vater Geld verdiente.«

Claude beugte sich erschreckt über seine Knie und sah zu Boden.

»Es ist was Wahres dran«, murmelte er.

»Also wirklich was Wahres? Du Schaf, das ist die Wahrheit über dich!« rief Spießl und rieb sich die Hände.

»Du bist ein Phantast. Du träumst, nein, in deinem Blute träumt es von den alten jähen Vergewaltigungen durch Gefühle. Es jagt etwas in dir, das du mit dem ganzen Bewußtsein eines modernen Menschen durchschaust und verachtest – aber es jagt.«

»Was jagt, wer jagt?«

»Der Urmensch, mein Lieber. Das, was von dem tollen Vieh noch in uns ist.«

»Und wonach jagt er?«

»Dumme Frage. Nach Liebe ... Es versteht sich, daß er sich ganz umsonst abhetzt. Du möchtest schon; du möchtest dich fahren lassen, dich hingeben können, mitjagen. Es wird aber nie was draus werden, weil du ein viel zu hochstehendes Individuum bist. So wirst du immerfort nach Erlebnissen und Zuständen gieren, die dir dein gebildeter Geschmack verbietet – und bist im Grunde, weil Vater und Mutter so schlecht assortiert waren, 'ne ganz verfehlte Existenz ... Nun, wie findest du meine Analyse.«

»Sinnreich«, sagte Claude, sehr bleich und nachdem er hinuntergeschluckt hatte.

Er nahm »Jenseits von Gut und Böse« in die Hand, stützte sich auf seine Knie und las. Plötzlich richtete er sich auf.

»Ach so. Wir sollen ja zu Gisela Gigereit. Mach dich schön, du bist eingeladen.«

Spießl hatte auf einmal seine ganze Überlegenheit eingebüßt.

»Gisela?« fragte er mißtrauisch. »Ist das nicht eine von deinen Damen, die man auf der Straße nicht von Damen unterscheiden kann?«

»Was liegt daran.«

»Das heißt, ich weiß doch lieber, woran ich bin. Und dann, entschuldige, aber ich muß mit der Messalina fertig werden.«

»Gisela kann dir als Vorstufe dienen. Oder besser noch ihre Tochter, das Fräulein Theodora; der liegt die Messalina näher, glaub ich.«

»Eine Tochter hat sie auch noch? Du, ich bin heute wirklich nicht aufgelegt.«

»Schlaucherl, wann bist denn das. Aber ich kann Panier nicht sitzenlassen. Nun komm nur.«

»Panier, ist das der Mensch mit den Brennmaterialien?«

»Die Angst! Er ist ganz friedlich. 'n Greis aus kräftigeren Zeiten, überaus entschlossen und unbewußt. Du kannst Studien machen.«

»Wenn ich Studien machen kann –«, sagte Spießl pflichtbereit und zog seinen Arbeitsrock aus.

In der Amalienstraße, nahe der Akademie, schellte Claude an einer Parterrewohnung. Ein Fensterladen bewegte sich, eine tiefe Frauenstimme sagte:

»Ah! Herr Claude.«

»Grüß Gott, Theodora«, sagte Claude.

»Warum heißt sie so dumm?« fragte Spießl, die Zähne zusammengebissen.

»Nach der byzantinischen Kaiserin, gelt, Theodora? Da, Frau Gisela, das ist mein Freund Spießl, ein sehr kritischer Herr, vor dem man sich keine Blößen geben darf.«

»Bitte, wegen der Blößen komm ich her«, sagte Spießl, tollkühn wie ein Feigling.

Claude bat mit den Augen Gisela um Nachsicht, und sie gewährte sie.

»Wir haben uns seit zwei Wochen nicht gesehn, Claude«, bemerkte sie und führte ihn abseits. Spießl, den Theodora musterte, sah ihnen verzweifelnd nach.

»Läßt du uns auch im Stich?« flüsterte Gisela. Claude fragte:

»Wie geht's euch? Seid ihr nicht zufrieden?«

»Seit der junge Fastenspeis nach Berlin ist, fehlt uns was. Wenn sich nicht bald ein anderer findet, wird der Sommer fad. Wir werden dann in Bäder reisen müssen. Und ich hätt doch keinen größeren Wunsch, als am Land sitzen und Romane lesen.«

Sie sah ihm besorgt in die Augen. Der Rest eines lockenden Lächelns verharrte aus Gewohnheit in ihrem Gesicht. Es war gepudert und bemalt, und es war das einer guten Matrone. Claude weilte gern bei ihr; schon wegen ihres Haares, das beiläufig von Utes Rot war. Das heißt, rein äußerlich, meinte er. Alles Psychische war anders: Utes Seele fehlte hier, ihr Wille, ihre Kraft, ihre Kälte und ihr Feuer, die alle unter violetten Lichtern in ihrem Haar brannten!

»Ach ja«, versetzte Gisela und faßte Claudes beide Hände. »Ich habe es in der Zeitung gelesen von deinem Vater, es tut mir so leid ... Aber daß du heute zu uns kommen konntest«, meinte sie verwundert.

»Warum nicht. Panier kommt auch, nicht?«

»Ja, die Alten, die sind schon die Rechten. Aber daß der einmal ein übriges täte – brauchst keine Angst zu haben. Wenn der gezahlt hat, will er immer noch einen von meines Mannes Kupferstichen als Prämie haben.«

Claude besann sich.

»Schau, Gisela, ich will trachten, dir einen zu finden. Du weißt, ich selbst hab Verpflichtungen.«

»Ich weiß.«

»Da ist ein gewisser Köhmbold, dem würde die Theodora vielleicht gefallen. Er will immer nur Modelle, aber malen tut er nicht und sonst auch nichts.«

»Der muß narrisch sein. Aber 's ist schon recht; das ruht so ein Mädel aus«, entschied die Mutter und legte die Hände ineinander.

»Jetzt erlaubst du schon, daß ich den Tisch herrichte. Der Alte ist so genau. Und ihr werdet auch hungrig sein, gelt, ihr Buben?«

Sie ging hinaus. Spießl und Theodora hatten nichts miteinander anzufangen gewußt. Sobald Claude sich ihnen näherte, gestattete Spießl sich eine Zutunlichkeit. Theodora schüttelte ihn ab. Sie stützte sich im Stehen weich auf einen Lehnstuhl Louis seize, richtete ihre großen, schwarzen Augen kühn auf Claudes Gesicht und fragte:

»Nicht wahr, Ihre Freundin hat jetzt bald ausstudiert?«

»Erst zum Sommer.«

»Und dann kommt sie zum Theater in – ach lassen Sie, ich weiß; irgendwo im Walde liegt's.«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Mir? Ein junger Mann. Ich hab sogar gedacht: ob Sie nicht selber mitgehn in den Wald?«

»Ich? Warum.«

»Nun –«

Sie schnellte sich mit der Hand von der Lehne ab, machte zwei gleitende, lange Schritte, führte drei gespitzte Finger an den Haarknoten. Ihr Haar trug sie à la Mérode, ihre langen Gliedmaßen saßen locker in den Gelenken, und Theodora war gewandt in schlanken, flach gewellten Posen und in schmalen Madonnenmienen auf der Höhe eines steil und dunkel eingeschnürten Halses.

»Nun«, wiederholte sie, »weil ich meine, Sie trennen sich nicht gern. Und eine andere kann Ihnen Ihre Freundin doch nicht ersetzen.«

»Nein«, antwortete er bestimmt. Sie sagte:

»Wie dumm Sie sind.«

Gisela ging hausfraulich umher mit Schüsseln und Flaschen. Spießl stürzte sich blind auf ihren Weg, stotterte seine Hilfsbereitschaft, warf ihr einen Salat aus der Hand und sammelte ihn wieder auf.

»Wie Sie galant sind«, versetzte Gisela.

»Der Tisch ist fertig ... Ja, wenn nur der Alte da wär.«

»Wir fangen ohne ihn an«, verlangte Theodora. »Ich möchte einen Rausch haben.«

»Einen Kognak im Stehen«, bat Claude. »Ich hab kalt.«

»Himmel, ist das eine Jugend«, sagte Gisela.

»Nein, Mama, es ist nicht warm hier.«

Und Theodora hockte sich selbst vor den Ofen.

»Warum hilfst du ihr denn nicht?« fragte Claude. Aber Spießl ließ von Gisela in sein Glas, das zitterte, Kognak gießen. Claude trat hinter Theodoras schmale, fallende Schultern; er äußerte:

»Was Sie für spitze Finger haben, vorn umgebogen wie Widerhaken. Wer die einmal im Fleisch hätte –«

Sie sagte unter dem Rasseln der Kohlen:

»Sie sind wie an den Byzantinerinnen, die Papa immer in Kupfer stach.«

»Sie können mir von Ihres Vaters Stichen einen heraussuchen, worauf Ihre Hände sind. Ich kaufe ihn.«

»Gern«, sagte sie gleichgültig und stand auf.

»Ich denke, es ist alles da«, rief Gisela. »Ihr Buben, seid's zufrieden? Auch auf dem Alten seine Salzkartoffeln hab ich nicht vergessen.«

»Hier denkt man an alles«, sagte Claude.

»Nein«, stieß Spießl hervor und zog die Brauen zusammen. »Es ist zuwenig Fleisch da.«

»Was?« stammelte Gisela. »All der kalte Aufschnitt! Ja, zum Wärmen ist's zu spät.«

»Ich will Warmes!« entschied Spießl unerbittlich und starrte finster auf Theodoras Brust. Claude überwand eine Pein.

»Er ist so unanständig, wißt's. Er ist in Orgien groß geworden.«

Gisela lächelte gütig.

»Auch der Alte wird sich wundern, warum du so gar nicht festlich bist«, sagte sie zu ihrer Tochter.

»Was meinen Sie, Claude?« fragte Theodora. »Lohnt's noch die Mühe?«

»So etwas sieht man immer gern«, erwiderte Claude höflich.

Da ging sie gleitenden Schrittes aus der Tür.

Spießl biß sich die Lippe, senkte den Kopf. Plötzlich sah er Gisela frech ins Gesicht.

»Ich hab aber Sie gemeint.«

»Wie!« rief Claude. »Wozu starrst du denn da auf die Theodora.«

»Das versteh ich auch nicht«, versetzte Gisela.

Spießl vermochte es nicht zu deuten. Gisela streifte mit ihrer sanften Hand sein Kinn; er war rot und feucht.

»Bubi«, sagte sie und verließ gemächlich das Zimmer.

Spießl lief, den Hals eingezogen, wild von einem Winkel in den andern. Er antwortete nicht auf Claudes Frage, wie ihm die Damen gefielen. Claude sah ihm lange zu; schließlich äußerte er:

»Weißt du, woran du mich erinnerst?«

Spießl blieb stehen.

»Nun, du Depp?« fragte er, mit einem kräftigen Versuch, seine Überlegenheit zurückzuerobern.

»An unsere Matura.«

»Bei der bist schließlich du durchgefallen, mein Lieber, nicht ich.«

Aber Gisela trat ein, und Spießl verstummte. Er schob ihr einen Stuhl hin, machte sich voll finsteren Eifers um sie her zu schaffen. Sie sah zu ihm auf; in ihrem Corsage bewegten sich helle, freundliche Fleischmassen.

Theodora kam; sie hatte nur um den Magen ein wenig schwarze Gaze gewunden, worauf Spitzen gestickt waren. Ihre Arme raschelten von den Handgelenken bis zu den Ellenbogen in seidenen Falten. Oben waren sie frei zu allen gelenkigen Würfen, die den engen Schatten unter den Achseln blitzschnell auf- und zudeckten. Claude bemerkte, über ihren Nacken gebeugt:

»Sie hätten wirklich nicht nötig, sich da hinten zu pudern.«

»Weil Sie dumm sind«, erwiderte Theodora. »Da muß man sich pudern.«

Sie hob heftig die Schultern. Ihr Nacken stieß gegen Claudes Lippen, die ihn nicht gesucht hatten. Er schnappte nach Luft.

»Schauens, nun muß ich niesen! ... Man bekommt ja das Zeug in die Nase.«

»Essen Sie von dem Salat, der hat schon am Boden gelegen.«

»Wollen Sie denn keinen Tee?«

»Erst Sekt. Erst will ich meinen Rausch«, befahl Theodora.

»Ihr dürft Sekt und Tee durcheinander trinken, Kinder«, riet Gisela. »Wir sind doch en famille.«

»Das finde ich auch«, sagte Spießl verbissen und fuhr fort, sich zu betrinken. Schließlich sprach er. Er erklärte, die Damen psychologisch analysieren zu wollen. Theodora sei glatt und kalt wie eine Schlange; nein, das sei banal: wie eine tote Schlange.

»Erlauben Sie«, bat Gisela und ließ einen Löffel fallen.

»Aber die gnädige Frau«, so fuhr Spießl fort und sah weg, »die ist zehrend, ja aufzehrend; ein Weib, in deren Händen man den Mantel lassen sollte, um nicht selbst darin entzweizugehen!«

»Jesses«, machte Gisela.

Auch Claude ließ sich auf Allgemeinheiten ein. Er behauptete, man könne jedes Weib haben, aber jedes. Es handele sich nur darum, zur rechten Viertelstunde da zu sein. Das sei natürlich Glückssache; aber ihre Viertelstunde habe jede.

Gisela glaubte das nicht. Theodora sagte:

»Könnt schon sein. Aber so dumm darf einer nicht sein wie Sie.«

»Warum bin ich eigentlich dumm?« fragte er.

Ihr Arm stand vor ihm auf dem Tisch, schmal, rund, duftend. Er bog sich vorsichtig herum, um ihr in die Augen sehen zu können.

»Darum«, erklärte sie verächtlich.

Als Claude sich wieder umwandte, lag Spießl, ganz zusammengefallen, auf Giselas Brust. Gisela befragte Claude mit dem Blick. Er antwortete:

»Ich kaufe zwei von Herrn Gigereits Kupferstichen.«

»Der junge Mensch schläft mir da ja ein«, meinte Gisela mütterlich. »Wie spät ist's denn schon? Herrschaft, halb eins? Wo sich nur der Alte wieder umhertreibt. Wenn er noch kommt, sag ich ihm die Meinung ...«

»Kupferstiche?« lallte Spießl.

»Wollen Sie, daß ich sie Ihnen zeig? Gehens her.«

Gisela hob Spießl auf. Wie sie hinausgingen, sah man ihn zittern.

»Ah! Kupferstiche.«

Die Zähne schlugen ihm aufeinander.

Claude blieb bei Theodora sitzen, die Beine auf einem Stuhl.

»Magst mich heute nicht?« fragte sie schließlich.

»Kind, ich habe schon zwei Kupferstiche gekauft«, erwiderte er.

»Das meine ich nicht.«

»Das andere kann dir doch gleich sein.«

»Nein.«

»Wieso nein. Dann warte, bis Panier da ist.«

Er bedauerte, unhöflich zu sein; er setzte hinzu:

»Ich bin heute innerlich so sehr beschäftigt, weißt du.«

»Aber wir sollten uns kennenlernen«, sagte sie ruhig und mit Würde. Er stutzte.

»Wir – na, mir scheint, wir kennen uns.«

»Oh, das – das macht noch keine Bekanntschaft aus. Ihr überschätzt das ... Und dann verändert man sich. Kannst du dir nicht vorstellen, daß du eine schon sehr gut – kennst, was du ein Weib kennen nennst.«

»Die Bibel nennt es so.«

»Also die Bibel. Und eine Zeitlang später, so im Verkehr, wird dir's erst klar, daß sie dir sympathisch ist? ... Du bist mir nicht unsympathisch, weißt du.«

»Jaja.«

Sie beugte sich rasch über sein Gesicht.

»Woran denkst du eigentlich?«

»Ich?«

»Sage es – gleich!«

»Ich dachte an ein Renaissancekleid, weiß mit Gold, das sie als Porzia tragen soll.«

»Wer? Ach so ... Du, das kannst du mir glauben, das Mädchen ist furchtbar egoistisch.«

»Sind wir alle.«

»Aber nicht so.«

»Bah!«

Er stand auf, zündete eine Zigarette an und ließ die Kerze vor Theodora stehen. Aus ihrem voll beleuchteten Gesicht sahen ihre großen, schwarz umränderten Augen ihm nach.

»Also unsympathisch bist du mir nicht«, wiederholte sie.

»Du mir auch nicht«, sagte er gefällig.

»So meine ich es nicht«, sagte sie wegwerfend.

»Was also?«

Er dachte nach. Und es fiel ihm ein. Sie hielt ihn jetzt für schwer reich – und gleich, am selben Abend machte sie ihm eine Liebeserklärung. Das arme Mädel! Solch eine naive Berechnung mußte einem ja Mitleid einflößen. Er ging auf sie zu. Nein, das arme Mädel! Und er küßte sie wohlwollend auf den Mund.

Sie hielt die Augen halb geschlossen. Es klingelte.

»Nun kommt wahrhaftig der Alte«, sagte sie.

Sie holte ihn herein. Panier war übel gelaunt.

»Ihr seid mir nette Kerle«, so schalt er. »Amüsiert euch mit den Damen. Und wir müssen uns herumschlagen mit dem verfluchten Volk, dem Notar, dem Kassier und dem Eisenmann. Dem Kunden versalzen wir noch die Suppe ... Na, nu tu man bloß nich zipp, Mariechen!« schrie er, wüst rot, »und als ob de nich bis drei zählen könntest. Du sollst uns man 'n bischen aufheitern, dazu kommen wir doch her ... Na, es ist nicht so schlimm gemeint. Wie geht's denn.«

»Gotts«, sagte er dann, und beroch seine zwei Finger. »Die ist aufgeregt. Dafür haben wir 'ne Witterung. Brauchen 'nem Weib bloß mit 'n Finger über den Busen zu streichen ... Na, siste woll mein Junge. Das kriegst du den ganzen Abend nicht fertig, aber wir machen bloß die Tür auf, und sie fällt schon um. Is jut, Kind. Immer's Panier hoch!«

Und, ziemlich aufgeheitert, zog er Theodora aus dem Zimmer. Sie sah Claude nicht mehr an.

Kurz darauf zeigte sich Gisela, gutmütig und spöttisch.

»Claude, du bist so allein. Ich hab dir Kaffee gemacht. Aus dem Hause findest du ja ohne uns.«

Claude trank und rauchte. Eine Weile später ging nochmals die Tür auf, und Panier kehrte zurück. Der Greis war nackt, und seine Lenden gürtete ein Handtuch. Er bewegte sich frei und selbstbewußt wie in einer Badeanstalt.

»Na, nu geht's ja wieder«, äußerte er und seufzte auf. »Du, das hab ich vergessen, dir zu sagen: du bist Universalerbe.«

»Wie?« fragte Claude und erhob sich.

»Ja, es ist ein ernster Moment für dich, mein Jung'. Und ich bin nach der Verfügung meines seligen Freundes dein Vormund ... Na, ein Jahr dauert deine Minderjährigkeit ja noch. Da will ich auch alles tun, was ich kann, schon wegen des Andenkens an meinen Freund.«

Der Vormund kam näher. Seine Füße waren aufgequollen in ihrer Haut, die zu platzen drohte. Der Körper war weich, fett, ohne Runzeln, ganz weiß. Claude stellte fest, daß dies nach dem Sinn der Frauen sei. Der bebrillte, wild gefärbte Kopf des Alten wankte gerührt. Der Vormund faßte Claudes Hand und verhieß:

»Sollst es gut haben, Jung'.«

V.
Der Bruder

Claude nahm eine möblierte Wohnung, ein gleichgültiges Nachtquartier. Seine Tage verbrachte er mit Ute in dem Stockwerk, das er ihr ausstattete, oder bei den Lieferanten. Sie interessierte sich wenig für ihre Möbel; sie mußten einfach schick sein. Übrigens wurden sie nicht abgestaubt: das englische Mahagoni-Empire des Salons war immer bestreut mit Kämmen und Reclams Theaterbüchern. Es war also, wie Ute feststellte, schon alles eins.

Ihr Ehrgeiz erwachte erst, wenn es an die Stilisierung der eigenen Person ging. Sie stand im Anprobekabinett des Modehändlers. Ihr Rock lag um ihre Füße her eine Handbreit am Boden. Hinauf bis zu den Knien wölbte er sich weit, schwer bestickt, eine Kuppel von gehäuften Blättern, Ranken, Pflanzen. Und ihr entstieg triumphierend die schwarze, steile Linie aus Schenkeln, Hüften, Brust und Schultern. Die Arme hingen daneben, tragisch steif. Das Haar prunkte mit dunkler und heftiger Glut über diesem bleichen Kopf, diesem rückwärts gelehnten, auf dem Rande des hohen Kragens weiß aufgeblühten. Claude bemerkte andächtig, dies sei eine reicher lohnende Kostbarkeit, als stellte man sich auf den Schreibtisch eine Figur namens »Medusa« oder »Diseuse«.

Der Chef wollte ihnen wohl. Er sagte zu Ute:

»Dieser Rock, gnädige Frau, kostet mich 700 Franken. Dem Brodeur habe ich 300 Franken geben müssen. Ich zeige ihn den meisten Damen gar nicht, ich befehle den Mädchen, ihn nicht zu zeigen. Ihnen, gnädige Frau, zeige ich ihn.«

Er rechnete nur nach Franken, trug einen weißen Ziegenbart und versuchte, französischen Akzent zu sprechen.

»Wird die Futterseide nicht reißen?« fragte Ute.

»Gnädige Frau, kränken Sie mich nicht, bei mir reißt nie etwas. Mir kann etwas Menschliches passieren, aber es ist selten. Es ist meine Natur, den Damen stets nur das Beste zu kaufen und anzubieten, und gegen meine Natur kämpfe ich nicht an.«

Ute fand die Anschaffung im Grunde überflüssig für das Theater. Es käme darauf an, möglichst viel zu haben fürs Geld, also schick und unsolid.

»Bei den kleinen Theatern muß man alles spielen, aber alles. Man braucht mehr Kostüme als auf ersten Bühnen.«

»Deinem Direktor zu imponieren«, sagte Claude, »kann nie schaden.«

Ute gab das zu, und das Kleid wurde gekauft. Der Chef gab ihnen auf den Weg:

»Ich verführe Sie noch zu vielem, gnädige Frau. Ich werde Sie so bedienen, daß es Ihnen und mir zur Freude gereicht.«

Aber der freudigste war Claude.

Er hatte in dieser Zeit nur einen Kummer; den verursachte ihm Utes Freundin Bella, wenn sie mitging. Denn erstens verminderte sie dadurch seine eigene Wichtigkeit. Und dann riet sie zu Sachen im Kokottengeschmack.

»Mein Gott, Fräulein Bella, warum müssen es denn auf der Straße immer Hängekleider sein?«

»Mein Papa hat sie gern«, erklärte Bella. Ute sagte:

»Sie haben Zukunft.«

»Dann müssen sie erst was anderes werden als aufgeputzte Schlafröcke«, meinte Claude, gut bürgerlich. »Und zu diesem Hut werden Sie Ute nicht bewegen. Ich habe ihn, außer bei Ihnen, erst bei einer Dame gesehen, und das war keine.«

»Aber Papa findet ihn fesch.«

»Ihr Papa sieht gern Kokotten. Darum müssen Sie sich so anziehen, damit er die Illusion hat.«

»Die Kokotten«, sagte Bella sanft, »gefallen doch nicht meinem Papa allein, sondern allen Herren. Warum sollen wir das nicht auch dürfen. Die Kleider, die heute noch zu schick für uns sind, nächstes Jahr, wenn die Kokotten sie abgelegt haben, kriegen wir sie ja doch.«

Ute behauptete, auf der Bühne müsse man ohnehin immer aussehen wie eine Kokotte. Das verlange die Wirkung auf viele. Die anständige Frau wirke zu intim.

Claude mußte das einsehen, aber Bellas entledigte er sich darum doch vermittels vieler Listen, indem er ihr falsche Rendezvous gab, sie in Konditoreien lockte, wo sie stundenlang bei Schlagsahne saß, bis Claude sie erlöste, alles bezahlte und Bella nach Hause schickte: Ute habe ein ganz dringendes Billett vom Schneider bekommen.

Und er kehrte zurück zu ihr mit irgendeiner guten Nachricht – die gemalten Monogramme auf ihren Handschuhen würden reizend – und die Arme voll Blumen. Ute war hinter der angelehnten Tür ihres Schlafzimmers, im seidenen Unterrock, der knisterte, und im Mieder, das krachte. Sie trug kein Korsett. Sie streckte ihm durch den Spalt ihren vollen, elastischen Arm entgegen. Er drückte die Hand; dann hörte er artig ihren Bewegungen zu, die er nicht sah, empfing Mitteilungen über eine Rolle und ein Kleid. Endlich kam sie, und sie fuhren ins Theater.

Sie aßen zusammen; da Ute die eigene Wirtschaft langweilte, meistens im Restaurant. Claude zog sich dafür an, Ute war in Soirée-Blusen, in »Fedoras« und »Magdas« Hüten, in Boutons und Veilchen. Die Veilchen unterm schwarzen Hutrand, auf ihrem roten Haar! Sie plauderten angeregt miteinander, sahen niemand an, genossen es, sich schick zu fühlen.

Manchmal blieben sie abends zu Hause und rauchten Zigaretten unter einem mächtigen gelben Lampenschirm. Claude hielt darauf, daß der Hintergrund für Utes Haar orangefarben sei. Sie sagten sich ihre Eindrücke und ihre Wünsche; aber Utes waren zahlreicher. Claude kannte sie alle. Er wußte, in welchen Stücken sie zu glänzen gedachte, welches Stadt- und welches Hoftheater sie zuerst erobern würde, welchen Weg sie auf ihrer ersten Gastspielreise nehmen wollte, wie reich und wie berühmt sie sein müsse, bevor sie, ganz unerwartet, sich in eine Villa zurückziehe, irgendwo an einem distinguierten Ort.

Er wußte ihre Schuh- und ihre Handschuhnummer. Und da sie ihn unbedenklich auch zu geheimeren Besorgungen verwendete, lernte er die Länge ihres Schenkels berechnen, den Umfang ihrer Büste und ihrer Wade. Er beherrschte alle Maße ihres Körpers, war eingeweiht in seine oft geübten Gesten und vertraut mit den Stoffen, die ihn einhüllten bis auf die Haut hinab, deren Schönheitsmittel ihm geläufig waren. Er kannte seine Freundin ganz. Ihre Seele, kühl und ganz aus Willen, sah ihn aus der Tiefe ihrer weiten grauen Augen frei an. Er fühlte sich selber frei, ohne Schwüle, ruhig auf sich selbst gestellt, auf sich und sie. Denn sie waren ineinander hinübergewachsen, enger, als wenn sie ein Verhältnis gehabt hätten. Ute sprach vom Sommer, als würden sie sich gar nicht trennen. Vielleicht wäre ihr dies jetzt gezwungen vorgekommen, und sie fand es natürlich, wenn er mitkam? Aber alles, was sie wollte! Als Souffleur, als Lampenputzer! Doch aus einem Rest Vorsicht fragte er lieber nicht. Um elf Uhr schüttelte er ihr die Hand und ging fort.

Er stand früh auf, machte Spaziergänge durch den Englischen Garten und durch den Frühling. Er sah zum erstenmal Sonnenaufgänge. Er schloß genaue Bekanntschaft mit drei, vier Baumgruppen. Dort, um jenen Ast hatten gestern lauter purpurne Ringe gelegen, leuchtend grün durchsprenkelt. Unter diesem Busch hatte Claude im Grase ein goldenes Armband gefunden; und es war die Sonne. Er merkte sich's. Er sammelte Seligkeiten, speicherte in seinem Gedächtnis alles Glück auf, verschwenderische Gewinste, die es für ärmere Zeiten zu sparen galt. Manchmal stand er still und sagte erstaunt:

»Ich fange an zu leben.«

Er dachte zurück.

Mit fünfzehn hatte er, ein schwächlicher, verträumter Junge, auf Sofas gelegen und weinend das Schicksal befragt, ob er je die Glieder einer Frau um seine fühlen werde. Plötzlich hatte er sich entschlossen und gleich eine ganze Menge Glieder zu fühlen bekommen, gegen bar. Mit sechzehn hatte er Ute begehrt, nur sie, mit einer Angst und in einem Geheimnis, die ihn bleich machten und ihm eine Levikokur eintrugen. Mit siebzehn hatte er sich die erste Modistin angeschafft. Mit neunzehn hatte er die Frau Kahn gehabt, eine Amerikanerin, die bei seiner Mutter verkehrte; oder vielmehr sie ihn. Nun war er zwanzig, und nun lebte er mit Ute. Jeder Schritt, den er machte, jeder Gedanke, in den er einlenkte, führte zu ihr. In ihrem Kopfe konnte kein Bild entstehen, in das nicht seine, Claudes Gestalt, getreten wäre. Mit fünfzehn, als er zweimal wöchentlich eine andere Kokotte probierte, schwamm es im Horizont immer von Brüsten und Beinen. Es war die kurze Zeit, als jedes neue Weib für Claude ein Paradies gewesen war. Für den Herrn Panier war es das noch mit vierundsechzig. Aber woher strömte der märchenhafte Frühling, in den gebadet nun Claude umherging? Aus einer, nur aus der einen. Zum erstenmal im Leben fühlte er sich fast gesund. Er sah sich an jedem Morgen im sicheren Besitz des ganzen Tages, der voll zum Zerspringen war von ihren Worten, ihrem überlegenen Lachen, ihrem gerollten R, ihren an das Haar erhobenen Händen, ihrem Schritt – voll von ihr!

Eine alte Blumenverkäuferin beim Kontrolor in Nymphenburg, die den jungen Mann seiner Begleiterin nicht gewachsen fand, sagte einmal:

»'s tut halt nix 'm Menschen so gut wie 's Mailüfterl.«

Und Claude griff sich an die Schläfen, so überwältigt war er von dieser einfachen Wahrheit.

Es träumte ihm in mehreren Nächten, sein Vater sei wieder am Leben. Er erschrak, und er erwachte unter Tränen der Wut. Nachher zuckte er die Achseln über die Grausamkeiten, die jedes große Glück verlangte. Der arme Mann mußte tot sein, damit Claude frei sein und für Ute sorgen konnte.

Sie fuhren häufig nach Nymphenburg. Am siebenten Juni war es zum erstenmal ganz heiß. Sie wanderten um fünf Uhr den schattigen Kanal entlang. Dann schöpften sie Atem, bevor sie in den ungeheuren Kreis weißer Gebäude traten, den die Sonne anfüllte. Kein menschlicher Schatten bewegte sich darin; die bäuerischen Farben der Blumenbeete schwatzten fröhlich im Licht, das Lila der Fliederbüsche flüsterte nur. An den langen hellen Wasserbecken hielten Putten aus lauter steinernen Fettklößen dicke Königskronen empor; und in den Bassins wurden die blauen und weißen Himmelsmassen blasser und die Treppen und Schnörkel des Schlosses fast sehnsüchtig.

Diese Welt von ehemals war gegen alles Fremde verwahrt. Die gekalkten, mit Schindeln bedachten Häuschen schlossen sich kahl, demütig und heiter in einem Riesenrondell aneinander, bis vor die Füße der herrschaftlichen Pavillons; und in ihrer Mitte, ganz hinten, blähte sich der zopfig aufgedonnerte Haupttrakt. Man meinte einen rotbäckigen Rokokoherrn, gesund und geziert, sich spreizen zu sehen zwischen netten Pächterstöchtern.

Ute und Claude betraten jenseits des Palastes den Garten. Er war geschnitten, geordnet, mit Bildern bevölkert, durch Wasserläufe belebt. Er begrüßte sie wie ein gravitätisch lächelndes Gesicht. Die weißen Götter, sorgfältig gereiht, tanzten auf ihren Sockeln ein behutsames Menuett in die bleichgrünen und mattblauen Pastellfarben der Ferne hinein. Die Wasser empfingen freundlich jeden Reflex wie ein Kompliment. Es war unmöglich, einen der eigenen Pulsschläge zu spüren ohne Genugtuung und Güte. Claude und Ute faßten sich an den Händen.

Auf den Bänken saßen je zwei, die sich langsam auseinanderlösten, sooft jemand vorbeiging. Aber wenn Ute und Claude daherkamen, blieben sie zusammen. Claude bemerkte:

»Natürlich halten sie auch uns für ein Liebespaar.«

»Ach was«, sagte Ute, und dachte an etwas anderes.

»Glaubst du's nicht?« fragte er dringend. Es lag ihm auf einmal alles daran, daß man ihn für Utes Geliebten halte. Es mußte doch möglich sein, ihn wenigstens dafür zu halten!

»Nein?«

»Wer denkt daran«, meinte sie gleichgültig. »Das Volk, die Durchschnittsmenschen, kann sein. Wir, wir leben doch ganz woanders.«

»Menschen sind wir auch«, sagte er lächelnd. Sie stutzte.

»Das ist eigentlich wahr«, äußerte sie. »Du benimmst dich eigentlich sehr fein. Wenn ich denke –«

Sie sah ihn von der Seite an und schwieg. In einem weichen Lufthauch, der ihr Gesicht traf, unter dem Drängen eines liebeschweren Frühlings empfand sie einen Augenblick mit Erstaunen, wer da neben ihr ging. Ein Mensch, der sie liebte. Einer, der Minute für Minute sein Leben mit ihr überlud, mit Gedanken an sie, Sorgen und Opfern für sie. Es blieb ihr unbegreiflich. Sie hatten sich als halbe Kinder kennengelernt, gewiß, und sie war an ihn gewöhnt. Aber Gewohnheiten verlor man, und jeder hatte schließlich nur sich selbst. Was war Claude ihr, die in die Welt hinausfuhr und Kunst und Macht erarbeitete? Sie antwortete sich streng vernünftig: ein Fremder, nichts als ein angenehmer Fremder.

Claude, ihren prüfenden Blick auf seinem Gesicht, fühlte sich gequält, schon wieder gequält und im Blute entzündet von Sehnsucht. Nein, das Glück der vorigen Wochen war nichts gewesen als der kurze Stillstand eines langen Leidens, eines unerbittlichen, das zu etwas Schlimmem führte. Er begehrte Ute, er würde sein Leben lang nichts begehren als sie; und er hatte Angst davor.

»Nun?« fragte er mühsam. »Was sagtest du?«

»Daß du dich sehr fein benimmst«, wiederholte sie, herzlich betont. »Und daß ich dir danke.«

Sie drückte seine Hand. Aber er zog sie aus ihrer.

Sie hatten einen Seitenpfad eingeschlagen; der geregelte, vermenschlichte Garten ward ganz plötzlich zum Walde. Sie traten auf Moos, streiften an hängende Zweige, atmeten feuchten Schatten.

»Du bist wirklich ein Bruder«, sagte Ute noch, da Claude schwieg. Er antwortete, ohne zu überlegen, durch die geschlossenen Zähne hindurch:

»Aber einem Bruder, dem kann's auch einmal zuviel werden.«

»Was?«

Er wußte es selbst kaum.

»Ich denke nur an meinen Freund Gebauer, der sich erschossen hat.«

»Ach was, der war verrückt.«

»Das sagt man immer. Stell dir seine Lage vor. Als er siebzehn war, starb der Vater ohne Hinterlassenschaft. Gebauer ging von der Schule ab, er hatte die Schwester zu unterhalten, die war ein Jahr jünger; und dann war noch der Kleine da. Weil der Mangolf sein Onkel war, kam er in die Presse. Er war ja riesig geschickt, ohne irgendwas gelernt zu haben. Die auswärtigen Blätter hatten keine Ahnung, daß ihr pikantester Korrespondent achtzehn Jahre alt war. Er hat gearbeitet wie ein Besessener. Die Nerven natürlich kaputt, aber schließlich verdiente er zehntausend Mark. Er hatte mit Bruder und Schwester zusammen ein komfortables Heim. Die Schwester war eine Dame, ihr fehlte nichts. Du hast sie ja gekannt.«

»Flüchtig.«

»Sie sagte, sie müsse ihre Zukunft sichern, und ging nach Berlin ans Konservatorium. Nach drei Monaten kriegt der Bruder einen anonymen Brief; sie habe ein Verhältnis mit dem Baron Dingsda, irgendein ordinäres Tier, das so was als Beruf ausübt ... Darauf hat ihr der Gebauer ganz zart geschrieben, sich hundertmal entschuldigt, daß er das Gerücht überhaupt erwähne. Wie es denn in aller Welt nur habe entstehen können. Und nun kriegt er den unglaublichen Brief von ihr. Sie habe das mit vollem Bewußtsein getan, um aus der Abhängigkeit herauszukommen. Der glatzköpfige Dingsda reize sie natürlich gar nicht. Aber sie müsse sich Vermögen machen.«

»Das versteh ich eigentlich«, erklärte Ute.

»Das verstehst du? Na ja, daß du das sagst, und überhaupt, daß ihr so redet, das laß ich gelten, das ist wohl zeitgemäß. Aber wenn ihr's tut, siehst du, das verstehen nun wir nicht. Der Gebauer muß es wohl mißverstanden haben, er hat sich ja erschossen.«

»Bah«, machte Ute. »Der war ja verliebt in die Schwester.«

Claude blieb stehen, er wankte, wie bei einem Stoß vor die Brust.

»Was? Was sagst du?«

»Du weißt auch gar nichts. Ich hab mich damals mit Bella oft darüber aufgehalten. Die andern wußten es übrigens alle.«

»Wer, die andern?«

»Die andern Mädchen, die Freundinnen der Schwester.«

»Ja, ihr Mädel, ihr merkt das alles«, sagte Claude und ging gesenkten Kopfes weiter.

»Er hatte nicht den Mut zu seinen gewagten Gefühlen«, erklärte Ute geringschätzig.

»Wenn er sie liebte«, rief Claude wie unter einer Eingebung, »dann versteh ich ihn ja um so besser. Oh! um so tiefer versteh ich ihn dann.«

Ute schüttelte sich, voll Ungeduld.

»Hör mal, falls du je auf die Dummheit verfällst, die der Gebauer gemacht hat – von mir hast du kein Mitleid zu erwarten. Das ist doch zu dumm.«

Er machte eine Anstrengung, um ruhig zu werden.

»Du hast recht, die Geschichte war übertrieben. Solche körperlichen Verrichtungen wie das Totschießen nimmt ein Mensch von Geist nicht vor. Aber wenn ich je erfahre, daß du ein Verhältnis hast – es ist schon sicher, das wird ein böser Moment für mich.«

»Ich könnte dir sagen, daß dich das gar nichts angeht. Jeder hat doch sein Leben für sich, nicht wahr. Ich will aber ein übriges tun, und wenn mir mal was passiert, sollst du's durch mich selber wissen. Tröstet dich das?«

»Vielleicht«, sagte er, und er hatte gezögert. »Glaubst du denn, daß dir was passieren wird?«

»Du fragst kindisch!«

»Allerdings.«

»Wie kann man so was wissen. Mich zu verlieben, ich hab's dir schon gesagt, dazu fühle ich mich nicht veranlagt ... Nein, ziemlich sicher, niemals«, setzte sie hinzu, ganz sachlich, nachdem sie in sich hineingeblickt hatte. »Übrigens schreib ich dir. Und dann sehen wir uns ja wieder.«

So sprach sie zum erstenmal. Claude war auf einmal ganz überschauert von der Angst vor der Trennung. Bisher hatte er sie nur vorausgewußt; jetzt erst glaubte er an sie, an das Unfaßbare, wie wenn das Herannahen des Sterbeaktes ihn endlich an den Tod hätte glauben lassen. Er fragte, halb von Sinnen:

»Nun mußt du wohl bald Nachricht kriegen?«

»Meinetwegen«, sagte sie entschlossen. »Ich bin mit allem fertig. Drei Kisten mit Kostümen hab ich schon weggeschickt.«

»Hoffen wir, daß uns noch ein paar Tage bleiben«, sagte er und lachte. »Das Wetter ist grad so schön; wir sollten noch nach Schleißheim hinaus.«

»Danke«, erwiderte sie, »was denkst du denn, ich muß doch jeden Augenblick bereit sein. Und dann, dieses Herumbummeln in der Frühlingsluft ist überhaupt nichts. Es macht bloß schlaff und faul, und dann kommt man immer auf solche dummen Gespräche wie eben. Gearbeitet hab ich schon seit acht Tagen nicht mehr richtig. Was tu ich eigentlich? Meine Anschaffungen sind fertig, die Koffer sind gepackt. Warum bin ich eigentlich den ganzen Tag mit dir und tue gar nichts. Oh, jetzt wird sofort nach Haus gefahren und gearbeitet.«

»Na los«, sagte Claude.

Sie gingen eben über eine kleine hölzerne Brücke. Den laubigen Kanal entlang, durch das schwarze Grün einer Schattenbahn, und grün eingesponnen schwamm ein einsamer Schwan. Claude sah ihm nach, er deuchte ihm steil, kalt, nur auf seine Linie bedacht. Dann betrachtete er Ute.

Sie erreichten den Garten und durchmaßen ihn ohne umzuschauen, mit beschleunigtem Schritt, als seien sie hier nicht mehr am Platze. Claude sah in widerstandsloser Trauer alles zurückbleiben: diese Frühlingswochen mit ihrem verhalten dahingerauschten Glück, ihren unterirdischen Zärtlichkeiten; den Schluß machte der Gang durch diesen Garten, heute nach der Ankunft, Hand in Hand. Gleich würden sie das Gatter wieder durchschritten haben und draußen sein, für immer heraus aus alledem.

»Das Gute habe ich gehabt. Das war das Gute, das ich haben konnte.«

VI.
Vorschriftsmäßig

Zu Hause lag ein Telegramm von Utes Direktor; in der Nacht mußte sie reisen.

Sie war auf einmal in Erregung, lief in Hut und Jackett ziemlich planlos zwischen den großen Koffern umher, schlug Kursbücher auf, suchte nach überflüssigen Dingen, stellte kopflose und angstvolle Fragen. Sie war sich klar über alle ihre Lebensziele und über die Mittel, sie zu erreichen; aber sie war noch niemals allein auf der Eisenbahn gefahren.

Claude zeigte sich guten Muts, brachte sie sogar zum Lachen. Am Bahnhof, während man ihr Gepäck einschrieb, sagte er ihr, wie schick ihr Reisekostüm sei. Und das wiederkehrende Bewußtsein, gut angezogen zu sein, gab Ute ihr Selbstvertrauen zurück.

Er hatte ihr Blumen und Bücher in den Wagen gelegt; sie fand sich vorläufig in Sicherheit und atmete auf. Den Fuß auf der Treppe, sagte Claude:

»Wenn ich nun einfach einstiege und mitführe. Famos, was?«

»Ohne alles?«

»In Berlin kauf ich mir ein paar Hemden, den Rest laß ich mir nachkommen. Schließlich darf ich doch die Sommerfrische dort im Walde, wo du Komödie spielst, grad so gut genießen wie die Bürger aus Ritzebüttel oder Ülzen.«

Sie verzog befremdet den Mund.

»Du weißt ja, ich will mich dir erst zeigen, wenn ich was Ordentliches kann.«

»Archibald war schon sehr zufrieden zuletzt.«

»Das ist ganz was anderes. Auf der Bühne, im Ensemble ...«

»Also gegen Ende der Saison, wie? Du schreibst mir, wenn ich kommen soll?«

»Und überhaupt, diese Schmiere ist ja für mich nur eine Schule, da zeig ich mich bloß den Leuten aus Ülzen, die's nicht weitersagen.«

»Erlaube, ich stell mir das riesig amüsant vor, du in großer Toilette mit dem ersten Liebhaber, der mir und mich verwechselt, und mit der Direktorsgattin, die sich einen Ballmantel aus einer Tischdecke gemacht hat.«

Aber Ute ward ungeduldig.

»Genug, diese Saison wird mich kein Mensch zu sehen kriegen. Bloß den Direktor vom Merseburger Stadttheater, der in der Nähe kurt, den schickt Archibald mir wegen Engagement.«

»Na also«, sagte er hoffnungslos.

»Was willst du denn, das war ja längst abgemacht, daß du mich bis zum Herbst in Ruhe läßt.«

Sie sahen aneinander vorbei, unzufrieden. Sie warteten auf den Schaffner, der dort, ganz vorn, die Türen zuschlug. Er kam näher. Claude dachte fieberhaft, dies könnten unmöglich ihre Abschiedsworte gewesen sein; aber er fand nichts mehr zu sagen, unter den tausend Worten, von denen die Welt voll war, keines, das in dieser äußersten Minute hätte gesprochen werden können.

Im Augenblick des Einsteigens wandte Ute sich plötzlich um, von nervöser Bewegung ergriffen.

»Ich danke dir«, stammelte sie.

Unversehens warf sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn grad auf den Mund. Er hielt still, er war sehr bleich und wagte sich nicht zu regen, als sie schon verschwunden war. Sein Taschentuch flatterte nur ganz leise, während ihres noch außerhalb der Halle, in der Nacht, einen großen Flug beschrieb.

Er kehrte in ihre Wohnung zurück. Sie hatte es ihm nicht aufgetragen. Ihre Möbel, ihr Porzellan, das war ihr mal gleichgültig. Es lag alles umher, als sollte sie morgen wiederkommen. Er sagte der Köchin, sie könne bis Ende des Monats dableiben und die Zimmer in Ordnung halten. Er meinte, so würden sie etwas von dem gewohnten Leben bewahren, von ihrem Leben.

Ihr Schlafzimmer war aufgeräumt, das Bett für die Nacht aufgedeckt, glatt und kalt. Er spürte plötzlich den Schauer der tiefen Nacht, in die sie nun hineinfuhr, immer tiefer, wie in einen Tunnel. Jenseits lag ihr neuer Tag, voll vielleicht von Erlebnissen, Enttäuschungen oder Jubel; aber Claude kannte ihn nicht. Das Gefühl, nicht mehr zu leben, ausgestrichen zu sein, drückte ihn auf einmal so hart auf die Schultern, daß er sich setzen mußte.

Vor dem Stehspiegel auf dem Teppich begegnete er einem glitzernden Gegenstand. Er hob eine Hutnadel auf. Ute hatte sie, er erinnerte sich, in der Ratlosigkeit der Abreise viele Male in den Händen herumgedreht, sie schließlich mit einer andern vertauscht und weggeworfen. Claude begegnete ihr da wie einem Kameraden. Der metallene Kopf, den Utes Hände erwärmt hatten, nun war er kalt. Claude riß die Knöpfe seiner Weste und seines Hemdes auf, er drückte die Nadel gegen sein Herz. Solange ihre Kälte ihn durchdrang, kam er sich beglückt vor. Als er sie nicht mehr fühlte, war's ihm, als sei alles aus.

Er hatte geglaubt, er würde täglich in ihre Wohnung pilgern; aber er blieb wochenlang weg. Er war zu keinen Sentimentalitäten mehr versucht, sondern zu Gereiztheiten. In seinem sozialistischen Verein, wo sogar die Privatdozenten ihn mit Rücksicht auf seine künftige geschäftliche Machtstellung immer achtungsvoll behandelt hatten, schlug er einen anmaßenden Ton an und wollte die Herren, die studiert hatten, eines andern belehren. Er ließ sich zum Redner in einer Bauarbeiterversammlung bestimmen und erschien in seinem elegantesten Frack. Der Vorsitzende sagte ihm:

»Wenn Sie hier reden wollen, rate ich Ihnen, ziehen Sie einen fleckigen an, der wo ein paar Falten wirft.«

»Dann lassen Sie den Kellner reden«, erwiderte Claude.

Er wurde dann so ausfallend, daß der Polizeibeamte erstaunt sein Bierglas hinstellte. Auch versicherte er, er werde jetzt überall halbe Stadtteile verschleudern und auf die Preise von Grund und Boden dermaßen drücken, daß der Kapitalist verkrachen und der Arbeiter seine Wohnung sehr bald umsonst haben werde. Dies dünkte einigen nicht sehr klar, wurde aber gern gehört. Es kam selbst in die Neuesten Nachrichten.

In dem gut bürgerlichen Klub, wo er mit Matthacker, Graf Kreuth und mit Künstlern zusammenkam, wiederholte er seine Drohungen. Er sprach sogar von einer allerhöchsten Person als von einem Individuum. Die Künstler freuten sich, Matthacker erklärte: »Ich kauf Ihnen Ihren Leichnam ab«; aber ein Student aus Breslau, der ein goldenes Armband trug, bemerkte durch die Nase:

»Se sind ja 'n janz dummer Junge sind Se ja.«

Claude starrte ihn an.

»Ja, Sie mein' ich«, sagte der Student.

Wie war das möglich. Claude fühlte: ›Wenn ein anderer so ähnlich handelt, ist er ein dummer Junge. Aber ich, Claude Marehn – das ist eine Sache für sich.‹ Plötzlich schnellte seine Hand auf die weiße, breite Wange des Studenten. Als man die Herren getrennt hatte, begriff Claude erst vollends, was ihm zugestoßen war, und geriet vor Wut ins Zittern. Er wollte nochmals losstürzen, man mußte ihn ernsthaft fragen, ob er gar keinen Komment habe.

Am nächsten Morgen um fünf war er draußen in Planegg. Er hatte geschlafen und war mit dem Bewußtsein erwacht, vor ihm liege ein kaltes, wütendes Vergnügen und vielleicht das Ende vieler Unlust. Die Zeugen des andern hatten ihm den ersten Schuß erschlichen. Claude schritt stramm vor, mit einer Hier-bin-ich-Miene, die den Zuschauern ein stummes »Donnerwetter!« abnötigte. Der Student traf nicht, darauf schoß Claude ihn durch reinen Zufall irgendwo in die Hose, pfiff durch die Zähne und ging seiner Wege.

Wie er vor seiner Haustür aus dem Wagen stieg, kam die noch leere Straße der Briefträger herauf. Claude ging ihm entgegen, er erinnerte sich plötzlich an etwas, das der Mann vielleicht brachte. Da war's: der Brief von Ute.

Claude begab sich, und sein Gang war nicht mehr fest, in ihre Wohnung. ›Gut‹, dachte er, ›daß ich ihn noch lesen kann.‹ Und der Gedanke an den Tod, dem er entgangen war, machte ihn nachträglich kalt vor Angst.

Drinnen war es kühl und roch eingeschlossen und nach Staub. Die Köchin war nicht vorhanden. Er öffnete die Läden, die Sonne des Junimorgens stürzte sich jubelnd auf die Dinge, auf Utes Dinge!

Und sie schrieb jubelnd. Sie habe nicht früher berichten wollen: jetzt, seit der Magda, sei ihr Triumph entschieden. Sie habe alle Herren für sich und alle Damen gegen sich, außer einem jungen Mädchen in Weiß, das nicht bekurt werde; das sei heimlich zu ihr gekommen mit Tränen der Begeisterung und habe um ihre Freundschaft gebeten. Eine Verlobung sei ihretwegen zurückgegangen. Ein alter Herr sei von seiner Frau nach Hause geschickt. Diese Kleinstädter seien überhaupt aus dem Häuschen, man merke, wie lange sie gefastet hätten. Was sie gewöhnlich aber auch vorgesetzt kriegten! Die Kolleginnen seien alle zu haben und zum Teil für fünf Mark. Natürlich stürben sie vor Neid und Haß. Ah! sie fühle sich leben. Nächsten Dienstag komme nun ihr Benefiz ...

Sie fühlte sich leben! Einen Schrei davon sandte sie ihm – und fast hätte er ihn nicht mehr gehört. Was hatte er denn getrieben, seit sie fort war? Sich wie ein dummer Junge aufgeführt und von einem, der's ihm gesagt hatte, sich beinahe totschießen lassen. Und mit diesen Nichtigkeiten, gemischt aus Eitelkeit und Verachtung, sollte er alle seine Tage vergeuden? Und schließlich würde es dann sein Leben gewesen sein? Weil sie es nicht wollte, sein Leben? Weil er es ihr nicht darbringen durfte?

Er weinte, mit den Lippen auf ihrer Namensunterschrift, und seine Tränen gruben Lachen in den Staub der Tischplatte.

Am Nachmittag besuchte ihn von Eisenmann. Er wolle Claude darauf aufmerksam machen, sagte er, daß er sich durchaus nicht vorschriftsmäßig benehme. Seiner Mutter mache man doch wenigstens eine Aufwartung, bevor man sich schieße.

»War sie betrübt?« fragte Claude, ohne nachzudenken.

»Betrübt ist nicht das Wort«, sagte von Eisenmann. »Unangenehm berührt.«

»Ja so.«

»Überhaupt, was Sie tun und lassen ist nicht so belanglos, wie Sie zu glauben scheinen. Wenn die Baracke noch zusammenhalten soll, dann muß bei uns jeder einzelne von der ›vaterlandslosen Rotte‹ überzeugt sein wie von der Seligkeit, jeder einzelne. Das ist Vorschrift!« behauptete von Eisenmann, aufgereckt im eng geschlossenen Gehrock und den Zeigefinger gegen den Boden gerichtet.

»Erstens schädigen Sie durch solche Reden Ihr eigenes Geschäft.«

»Ist das so schlimm?« fragte Claude, freundlich lächelnd.

»Den Gaunern Geld hinzuwerfen!« schrie von Eisenmann, am ganzen Leibe zitternd. »Das soll nicht schlimm sein?«

Er mußte sich erst erholen.

»Den Panier, den alten Marder, brauchen Sie zum Stehlen wahrhaftig nicht aufzufordern. Der verkauft schon ohnedies Ihre Terrains für 'n Schwefelholz und läßt sich von den Käufern Provision zahlen.«

»Oh, oh«, machte Claude. »Wie können Sie von dem alten Mann so schlecht reden.«

»Oller Lomp!« rief von Eisenmann.

»Ich will ihn mal fragen.«

»Immer bloß mit Lompen und Gaunern zu tun zu haben! Für 'n anständigen Menschen ist es gar nicht auszuhalten!«

Von Eisenmann schnaubte, sein hängender Schnurrbart stieg auf und nieder.

Plötzlich kehrte er zu Claude zurück.

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