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Gaby Peer

PHANTOMBESUCH

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

Nachwort

Dank

1

„So, ich habe meinen Job erledigt – die kleinen Monster schlafen.“

„Du bist halt meine Beste!“

„Ja, wenn du mich nicht hättest … Aber was ist mit deinem Einsatz? Mit deinem Versprechen? Das ist doch wieder einmal typisch und unfair. Du hast versprochen, unseren Feierabendtisch zu richten. Wo ist der Wein, wo sind die Leckereien und wo sind die Kerzen?“

„Schatz, nicht böse sein, aber ich hatte noch eine fantastische Eingebung für die Präsentation morgen. Das musste ich gleich aufschreiben. Du weißt doch, wie das mit Geistesblitzen ist – sie kommen ganz plötzlich und sind auch ganz schnell wieder weg!“

„Faule Ausreden, immer nur faule Ausreden und immer zählt nur dein Job. Du hättest dich gedanklich ja auch auf unser Schäferstündchen einrichten können. Du bist schließlich wieder eine ganze Woche weg. Aber ich bin dir eben wieder nicht zuerst in den Sinn gekommen, sondern deine Arbeit. Ich fühle mich einfach vernachlässigt – und immer nur die Nummer zwei oder gar drei, vier zu sein, ist echt deprimierend. Wahrscheinlich musst du manchmal überlegen, wie ich heiße!“

„Komm, sei nicht so ungerecht. Du warst, bist und wirst immer die Nummer eins in meinem Leben sein. Die nächste Woche ist so unglaublich wichtig für mich. Dieser Ärztekongress ist eine große Chance, meine neue Operationsmethode vorzustellen. Ich muss aber perfekt vorbereitet sein – ich werde viele Fragen beantworten müssen und auch die Fachpresse wird vor Ort sein.“

„Ich weiß, aber ich bin gerade trotzdem echt sauer.“

„Du siehst mit deinem Schmollmund so unglaublich süß aus – ich mache dich immer absichtlich böse, nur um deinen Schmollmund sehen zu können.“

„Sehr witzig – Herr Schrader beliebt zu scherzen. Kannst du mich bitte einmal ernst nehmen? Auch wenn ich nur eine dumme kleine Krankenschwester und nicht hoch studiert bin?“

„Süße, wer so sexy Augen hat, so genial, perfekt geformte Kurven – genau dort die richtigen Erhebungen vorzuweisen hat, wo ein Mann sie sehen will, einen Hüftschwung erster Sahne beherrscht und das verführerischste Lächeln auf dieser Welt hat, der braucht nicht hoch studiert zu sein.“

„Du reduzierst mich immer auf meinen Körper. Ich bin wahrscheinlich nur ein Objekt deiner sexuellen Begierde.“

„Jetzt reicht’s aber! Manchmal unterhalten wir uns ja auch.“

„Du bist so unmöglich! Willst du heute Abend unbedingt streiten?“

„Nein, mein Schatz, das will ich nicht. Komm her zu mir!“

„Schon wieder behandelst du mich so, so …“

„Bin ich so ein schlechter Ehemann? Würdest du mich nicht mehr heiraten?“

„Natürlich nicht! Was ist das schon für eine Ehe mit dir? Du bist so gut wie nie zu Hause. Der komplette Haushalt bleibt an mir hängen, meine Karriere – schließlich war es mein Plan, eines Tages Stationsschwester zu sein – ist futsch und zur Krönung hast du mir auch noch zwei Kinder aufs Auge gedrückt. Du nagelst mich hier zu Hause fest und lebst dein Leben. Du wirst immer gescheiter und berühmter! Ich verblöde hier. Du baust uns ein unglaublich schönes und supermodernes Haus, du kaufst mir schöne Kleider, teuren Schmuck und führst mich hin und wieder, wenn es deine kostbare Zeit erlaubt, schick aus. Wenn dann noch etwas Zeit übrig bleibt, kommst du deinen sexuellen Verpflichtungen nach, wobei du währenddessen bestimmt an was weiß ich für Bakterien und Viren denkst. Ja, und als ob das nicht schon genug wäre, planst du auch noch zwei zusätzliche kleine Nervensägen, um mich noch mehr ans Haus zu binden, damit ich auch ja keine Zeit habe, mich nach einem neuen, wunderbaren, liebevollen, aufmerksamen Mann umzuschauen. Einem Mann, der sich für mich Zeit nimmt, der sich nach meinen kleinen alltäglichen Sorgen und Schwierigkeiten erkundigt. Einem Mann, der abends mit mir auf der Couch sitzt und sich mit mir schnulzige Filme anschaut. Einem Mann, der zwei Wochen – nicht nur fünf Tage – mit uns in den Urlaub fliegt, ohne dass er alle zehn Minuten auf sein Handy schaut, weil er mit der Einbildung lebt, dass er in der Klinik einfach unentbehrlich ist. Dass alles zusammenbrechen wird, weil er sich für ein paar Tage mit seiner Familie an irgendeinem Strand dieser schönen Welt vergnügt. Und als ob das nicht alles schlimm genug wäre – nein, neuerdings muss mein Mann auch noch in der Forschung mitmischen, weil das ohne ihn ja sonst nichts wird.“

„Du bist also enttäuscht von unserer Ehe und liebst mich nicht mehr. Sehe ich das richtig? Seit wann denkst du so?“

„Ich bin schon ziemlich lange sehr enttäuscht von dir und unserem Leben, aber ich habe beschlossen, bis zu deiner Rente zu warten. So lange dauert es ja auch nicht mehr, bis es so weit sein wird. Die dreißig Jahre werden doch sicherlich wie im Flug vergehen!“

„Ich bin entsetzt, ich dachte, du wärst glücklich mit mir.“

„Ich bin schon glücklich mit dir – aber wann bin ich denn mal mit dir zusammen?“

Manuel sah seine Frau hilflos an. Er wusste nicht, was er zu ihren Vorwürfen sagen sollte. Elena hatte noch nie so mit ihm gesprochen. Sie hatte ihn immer unterstützt und ziehen lassen. Oft hatte sie gesagt, dass es ihr lieber sei, wenn er nur ein paar Stunden zu Hause sei – wenn er diese wenigen Stunden dann wirklich intensiv mit ihr und den Kindern verbringe. Sie sagte immer wieder: „Was nützt mir ein Mann, der jeden Tag um 16.00 Uhr zu Hause, aber unzufrieden, unerfüllt und mürrisch ist.“ Manuel war ihr immer sehr dankbar für solche Aussagen gewesen, denn das schlechte Gewissen plagte ihn schon hin und wieder.

Elena fing an zu lachen.

„Was ist los? Was ist plötzlich so lustig?“

„Dein Gesicht, mein Liebling! Deine Augen! Du siehst irgendwie verzweifelt aus.“

„Ja, wunderst du dich, wenn du mich plötzlich mit solchen Vorhaltungen überschüttest? Ich hatte immer das Gefühl, dass wir am gleichen Strang ziehen und du mit deiner Rolle als Mutter und Hausfrau vollkommen zufrieden und glücklich bist. Wenn du wieder arbeiten willst, kann ich …“

„Nein, mein Schatz. Das will ich nicht. Ich wollte nur einmal ausprobieren, wie es ist, eine nörgelnde Ehefrau zu sein. Gefällt mir aber nicht. Wir hätten in dieser Zeit lieber knutschen sollen.“

„Du bist unmöglich! Du und dein furchtbarer Humor.“

„Ich hatte immer den Eindruck, dass du den an mir besonders liebst.“

„Du bist eine kleine Hexe, ehrlich. Mir ist vor Schreck fast das Herz in die Hose gerutscht!“

„Das habe ich mit Genuss beobachtet. Meinst du im Ernst, dass ich unsere Abmachung vergessen habe? Du wolltest niemals heiraten und eine Familie gründen, weil du schon immer gewusst hast, dass dein Beruf unglaublich wichtig für dich ist. Du wolltest niemanden verletzen, vernachlässigen oder auch nur traurig machen. Ich habe das alles nicht vergessen. Das wäre auch unfair von mir, denn ich habe dir in nächtelangen Gesprächen eine Familie praktisch aufgedrängt.“

„Na ja, gib jetzt nur nicht so an. So eine harte Arbeit war das nun wirklich nicht. Mach dich nicht so wichtig! Ich habe dich von der ersten Minute an geliebt und verehrt. – Also, ich mag diese paar Stunden, die uns jetzt noch bleiben, nicht mit Grundsatzdiskussionen verbringen. Ich wüsste etwas viel Besseres. Das könnte dir unter Umständen auch ganz gut gefallen.“

„Eine Idee hätte ich da auch. Meinst du, wir denken an das Gleiche?“

„Ich glaube schon, Frau Schrader. Dann stellt sich nur noch die Frage, wie Sie es heute denn bevorzugen würden. Eher sanft oder etwas stürmischer?“

„Wie wäre es mit einem Überraschungsprogramm – vielleicht bunt gemischt? Von allem etwas.“

Elena sah Manuel tief und frech herausfordernd in die Augen. Sie liebte diesen Mann so sehr. Sie konnte ihr großes Glück auch heute, nach all den Jahren, manchmal nicht so richtig fassen. Immer noch hatte sie ganz klar das Bild vor Augen, als Manuel in der Klinik vorgestellt wurde. Er stand locker, sehr selbstbewusst und mit einem leichten Lächeln neben Professor Maier, während dieser ihn in einer Kurzfassung bekannt machte und alle seine fachlichen Titel und Kenntnisse aufzählte. Wahrscheinlich hörte aber keine der weiblichen Kolleginnen wirklich zu. Das war so unwichtig – denn die Frauen benötigten definitiv alle Gehirnwindungen, um das optisch Gebotene zu verarbeiten. Diesen Mann würden sie also in Zukunft fast täglich sehen? Sie würden mit ihm zusammenarbeiten „dürfen“. Mindestens eins neunzig groß, ein wunderschönes, kantiges, sehr männliches Gesicht – geschmückt mit zwei blauen Edelsteinen. Sein Mund war wunderschön geschwungen – wie gemalt. Eine Figur wie Adonis – sportlich, muskulös und ein knackiger Po, der in seiner weißen und recht eng anliegenden Hose sehr gut zur Geltung kam. Wow, was für ein Mann! Und dann seine Stimme – warm, weich, freundlich, melodisch und doch so fantastisch männlich. Elenas Kolleginnen waren fast ohnmächtig geworden. Sie übrigens auch – als sein Blick sie streifte, spürte sie ein Feuer in ihrem Gesicht, das sich in Windeseile auf die Ohren und den Hals ausbreitete. Sie fühlte sich wie ein Leuchtturm und schämte sich sehr.

An diesem Tag hatte das große Rennen begonnen. Alle weiblichen Kollegen – ob Ärztin, Krankenschwester, Pflegerin, Putzfrau, Kantinenfrau oder Patientin – himmelten Manuel an und hyperventilierten in seiner Nähe. Ständig fiel einer Kollegin vor Aufregung etwas aus den Händen, wenn Manuel in Sichtweite war. Schnell wurde ein Blick in den Spiegel geworfen, um noch zu retten, was zu retten war. So aufgebrezelt hatte Elena ihre Mitstreiterinnen höchstens einmal im Jahr zur Weihnachtsfeier gesehen. Die Lippenstifte waren immer parat – in greifbarer Nähe – und hätte Manuel alle angebotenen Kaffees tatsächlich getrunken, wäre er vermutlich schon längst an einem Herzinfarkt gestorben. Er schien es so richtig zu genießen, denn er schäkerte und zwinkerte auf Teufel komm raus. Und trotzdem bildete Elena sich ein, dass er auf sie ein besonderes Auge geworfen hatte. Ach was, dachte sie – das denkt sicher jedes weibliche Wesen, das sich in seinem Dunstkreis aufhält. Er hatte eine ganz besondere Art, Frauen Aufmerksamkeit zu schenken, sodass diese sich gleich weiß Gott was einbildeten.

Dann kam der Tag, an dem Elena beschloss, sich an diesem Wettrennen nicht mehr zu beteiligen. Diesen Affenzirkus mache ich doch nicht mit, dachte sie trotzig. Er ist ein schrecklich eingebildeter Lackaffe, der mit den Gefühlen anderer Menschen spielt. Widerlich! Nicht mit mir!

Der Herr Oberarzt verkraftete ihre abweisende Haltung nur sehr schlecht. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass Elena ihn tatsächlich nicht mehr beachtete. Immer wieder versuchte er, sie bewusst und herausfordernd anzulächeln. Er war ganz verliebt in ihre Grübchen. Deshalb wollte er, dass sie möglichst oft zurücklächelte. Noch süßer fand er den feuerroten Kopf, den Elena innerhalb von Sekunden bekommen hatte, wenn er sie angesprochen hatte. Und nun? Hatte sie einen Knopf, den sie auf „Aus“ geschaltet hatte? Wie ging das von heute auf morgen? Sie gab ihm kurze und fachlich einwandfreie Antworten, aber sie errötete nicht mehr und lächelte ihn auch nicht mehr an. Was hatte er falsch gemacht? Hatte er sie beleidigt? Er konnte sich an nichts erinnern, was sie hätte so verletzen können.

Aber Manuel dachte nicht daran, aufzugeben. Er war auch nicht in seiner Ehre verletzt – das jedoch interpretierte Elena in seine Bemühungen, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich bin jetzt nur interessant, weil ich ihm die kalte Schulter zeige. So was ist der Herr nicht gewohnt. Jetzt muss der Herr Doktor der kleinen, zickigen Krankenschwester zeigen, dass er alles bekommt, was er will. Aber da hat er sich getäuscht, denn mir ist sonnenklar, dass er mich fallen lassen wird, sobald er sein Ziel erreicht hat. Ganz so blöd bin ich dann doch nicht – auch wenn ich nicht studiert habe, weiß ich genau, was der Kerl mit mir vorhat, schimpfte Elena in sich hinein.

Manuel passte seinen Dienstplan immer häufiger an ihren an, bis er letztendlich fast identisch mit Elenas Arbeitszeiten war. Sie konnte ihm so gut wie nicht mehr aus dem Weg gehen und ganz gegen ihren Willen verliebte sie sich immer mehr in ihn. Sie war so wütend auf sich selbst. Elena wollte auf keinen Fall die Kontrolle über ihre Gefühle verlieren, denn am Ende würde sie sicherlich bittere Tränen weinen und zum Gespött der Kollegen werden. Er war nicht aufdringlich, aber jeder konnte spüren und sehen, wie sehr Elena ihm gefiel.

Nach einem dramatischen Todesfall auf ihrer Station war Elena unglaublich erschüttert und mit den Nerven am Ende. Sie wollte nur nach Hause – oder wollte sie doch nicht in ihre kleine Wohnung fahren, um dort alleine zu sein? Sie überlegte angestrengt, ob sie lieber zu ihren Eltern fahren sollte oder zu ihrer Schwester. Ihre Mutter würde Elena mit ihrem jämmerlichen Wehklagen noch weiter herunterziehen und bei ihrer Schwester war es immer sehr laut und turbulent. Ihre Freundinnen waren auf die Schnelle alle nicht verfügbar. Als sie an ihrem Auto angekommen war, hatte sie sich entschieden, nach Hause zu fahren. Dort wollte sie noch ein bisschen spazieren gehen, bevor sie in ihre Wohnung gehen würde.

Erleichtert, zu einem Entschluss gekommen zu sein, setzte sie sich in den Wagen und wollte den Motor starten. Da tat sich allerdings nichts, einfach gar nichts – nicht einmal ein komisches Geräusch bekam sie zu hören. Ganz tief einatmen und noch einmal probieren. Mist! Das hatte ihr gerade noch gefehlt. In letzter Zeit hatte sie oft darüber nachgedacht, wie alt ihre Kiste war und dass sie langsam daran denken musste, dass der Tag X kommen würde, an dem das Auto schrottreif sein würde. Heute schien es so weit zu sein. „Ausgerechnet heute! Das ist wirklich nicht nett, Lissy“, schimpfte Elena, die ihren Autos immer Namen gab, leise vor sich hin. „Nicht heute!“

Plötzlich klopfte jemand an die Fahrertür und Elena erschrak. Es war schon dunkel und erst letzte Woche war eine Frau auf diesem Parkplatz überfallen worden. Doch dann erkannte sie Manuels Gesicht. Sie lächelte schief, drehte die Scheibe herunter und sagte: „Das ist heute wohl kein guter Tag.“

„Will er nicht anspringen?“

„Das ist eine Sie – Lissy“, sagte Elena und ärgerte sich sofort über diese dämliche Antwort.

Aber Manuel lachte herzhaft. „Sie geben Ihrem Auto also auch einen Namen? Mein aktuelles heißt Hugo! Kann ich Sie mitnehmen? Ich habe gerade darüber nachgedacht, dass ich eigentlich keine Lust habe, nach Hause zu fahren. Aber ich habe auch keine Lust auf meine Familie und schon gar nicht auf Freunde. Der Fall hat mich mitgenommen. Dieser plötzliche und völlig unerwartete Tod – und dann die Verzweiflung der Familienmitglieder. Ich werde mich wohl nie wirklich an solche Szenen gewöhnen. Ich schaffe es nicht, mich abzuhärten und abzugrenzen! Kluge und sicher wahre Worte – aber was ist, wenn die Gefühle das anders sehen? Hätte ich doch noch etwas tun können? Habe ich wirklich alles versucht? Habe ich nichts übersehen oder sonst einen schwerwiegenden Fehler gemacht? Es ist so quälend.“

Elenas Mund blieb offen stehen. Zu solchen Gefühlen und Gedanken war dieser Sonnyboy fähig? Er war doch ein oberflächlicher Gigolo. Verdammt, gerade zerstörte dieser Kerl ihr unter großer Anstrengung zurechtgeschneidertes Bild von ihm. Nur so konnte sie die Gefühle, die für ihn immer intensiver wurden, mühsam unterdrücken. Sie hatte ihn sich regelrecht schlechtgeredet. Er ist eine ganz miese Type – und basta! Dann hörte sie sich sagen: „Ja, so geht es mir auch. Aber nicht alleine sein und niemanden treffen zu wollen – na ja, das passt irgendwie nicht zusammen.“

„Ich habe ja nicht ‚niemand‘ gesagt. Mit Ihnen als Mitbetroffene würde ich sehr gerne noch ein Glas Wein trinken und reden.“

„Sie meinen, wir beide?“ Manuel lächelte so lieb, dass Elena gegen ihren festen Willen auf der Stelle dahinschmolz. Das ärgerte sie sehr. Aber sie hatte keine Zeit, sich weiter mit ihren Gedanken zu beschäftigen, weil die Autotür geöffnet wurde, eine Hand nach ihrem Arm griff und sie, wie sie später immer wieder gerne behauptete, quasi ungefragt mitgeschleift wurde.

Manuel verteidigte sich immer wortreich. Er hatte keinerlei Gewalt anwenden müssen. Elena sei ganz selbstständig und ohne den geringsten Widerstand aus ihrem Auto gestiegen und mit ihm zu seinem Hugo gelaufen.

„Hugo – meinen Sie wirklich, dass der Name zu diesem Auto passt?“

„Wieso – was ist daran verkehrt?“

„Dieses megaschicke, sportliche Auto soll Hugo heißen? Das ist eine Beleidigung!“

„Welcher Name würde Ihrer Meinung nach passen?“

„Puma wäre ganz okay!“

Manuel schaute sie an und sagte staunend: „Ja, das ist wahr – der Name ist passend. Aber dann müssen Sie mit uns eine kleine Tauffeierlichkeit veranstalten.“

Jetzt musste auch Elena lachen. Sein Humor gefiel ihr – er war dem ihren sehr ähnlich.

Es wurde ein wunderschöner Abend und der Grund, weswegen sie zusammensitzen wollten, war, wie sie sich später beschämt eingestehen mussten, schnell nicht mehr Thema. Es wurde sogar ein richtig lustiger Abend. Sie stellten fest, dass sie über die gleichen Witze lachen konnten, dass sie beide gerne joggen gingen, in jeder freien Minute lasen, gutes Essen und kreatives Kochen sehr liebten. Dass Elena schon jahrelang von einem exotischen Urlaub träumte, was für Manuel dagegen schon vor langer Zeit zur jährlichen Normalität geworden war. Ebenso stellten sie fest, dass sie den gleichen Musikgeschmack hatten und eifrige Konzertbesucher waren. Auch Kinoabende mit einer Maxipackung Popcorn auf dem Schoß gehörten zu den gemeinsamen Vorlieben.

Nach diesem Abend dauerte es nicht mehr lange, bis aus den beiden ein Paar wurde. Manuel bestand darauf, in der Klinik kein Geheimnis daraus zu machen – gegen Elenas Willen. Sie war immer noch unsicher und suchte insgeheim nach dem berühmten Haken. Warum sollte sich Manuel bei der Riesenauswahl, die ihm zur Verfügung stand, ausgerechnet für sie entscheiden? Sie konnte es einfach nicht glauben, dass Manuel sich in sie verliebt hatte. Das konnte nicht sein.

Elena hatte aber keine Chance – er zeigte seine Liebe zu ihr so offen und frei, dass Elena nicht lange auf die erahnten Reaktionen warten musste. Neid, Eifersucht und böse Blicke waren schnell an der Tagesordnung. Laufend wurden Elena Fehler unterstellt, Fallen gestellt und gemeine Lügen verbreitet. Es war schrecklich und Manuels Standardsatz war: „Lass sie doch, es wird aufhören. Irgendwann wird es ihnen zu blöd, glaub und vertrau mir. Je weniger du darauf reagierst, umso schneller ist Schluss damit!“ Er hatte gut reden – er war nach wie vor der Star.

Aber die Wochen und Monate vergingen und an Manuels Verhalten und Gefühlen änderte sich nichts – ganz im Gegenteil. Er stellte Elena sogar seinen Eltern als „meine Traumfrau“ vor. Herr und Frau Schrader empfingen Elena zwar freundlich, aber keineswegs herzlich. Gleich beim ersten Treffen wurde Belinda – Manuels Kommilitonin und damalige Freundin – erwähnt. Das Ende der Beziehung wurde sehr bedauert, denn Belinda kam aus sehr gutem Hause mit adligen Wurzeln. Ja, da konnte Elena nun wirklich nicht mithalten. In ihr gab es nicht die geringste Spur von Adelsblut – nein, es war dramatischer. Ihre Eltern waren einfache, ehrliche Menschen, die nur ein Ziel in ihrem Leben verfolgt hatten – ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Sie waren mächtig stolz auf ihre beiden Töchter. Die jüngere wurde eine ausgezeichnete Krankenschwester und die Erstgeborene hatte eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolviert.

Manuel bestand ziemlich schnell darauf – Elena ging es viel zu schnell –, dass sie zu ihm zog. Er machte einen sehr glücklichen Eindruck. Eines Abends, nach einem etwas zu hohen Weingenuss, gestand Manuel Elena mit schleppender Stimme, dass er sich eigentlich nie fest binden wollte. Eine Heirat und Kinder standen nicht auf seinem Lebensplan, weil er sich ganz auf seinen Beruf konzentrieren wollte und sehr hochgesteckte Ziele verfolgte. Auch in der Forschung wünschte er sich eines Tages mitmischen zu können. Um keinen Menschen zu enttäuschen, zu verletzen oder zu vernachlässigen, wollte er von vornherein keine feste Beziehung eingehen und schon gar keine Kinder in die Welt setzen. Er konnte von keiner Frau so viel Verständnis erwarten, wie er brauchte, um seinen Beruf so auszuüben, wie er es für sich geplant hatte – ohne ein dauerhaft schlechtes Gewissen zu haben.

Ja, das war sein ganz konkreter Lebensplan gewesen, bis Manuel Elena kennengelernt hatte. Das erzählte er ihr auch genau so in seinem angesäuselten Zustand. Seit ihrer ersten Begegnung hatte sich seine Meinung jedoch grundlegend geändert. Er musste sich eingestehen, dass die Vernunft gegen Gefühle – echte, starke Gefühle – kaum eine Chance hatte. Er wehrte sich auch nicht sonderlich dagegen. Nein, Elena tat ihm so gut – ihre Natürlichkeit war erfrischend. Sie war authentisch und ehrlich. Er fühlte sich in ihrer Nähe unbeschreiblich wohl und geborgen. Es erschien ihm alles richtig, selbstverständlich und er fühlte sich endlich ganz – komplett. Er hatte in seinem Herzen, trotz völliger Zufriedenheit und Erfüllung durch seinen Beruf, immer eine gewisse Leere verspürt. Es fühlte sich so an, als ob in einem Stückchen seines Herzens ein Vakuum wäre. Im Nachhinein behauptete Manuel oft scherzend, dass es wohl doch ein verdammt großes Stück war, das sich leer angefühlt hatte, weil es für die ganz große Liebe reserviert gewesen war. Wäre Elena in seinem Leben nicht aufgetaucht, wäre dieses Stück wohl für immer leer und unentdeckt geblieben. Er hätte wahrscheinlich niemals erfahren, zu welch intensiven Gefühlen er fähig war. Manuel staunte sehr darüber, wie viel Kraft er aus dieser ehrlichen, tiefen und bedingungslosen Liebe schöpfen konnte. Solche Gefühle hatte er noch nie verspürt – auch nicht, wenn er für ganz außerordentlich große berufliche Erfolge gefeiert wurde. Er verspürte natürlich großes Glück und Zufriedenheit, wenn ihm etwas sehr gut gelungen war – was im Übrigen nicht selten vorkam. Und doch war es jedes Mal nicht das perfekte, einhundertprozentige Glücksgefühl – es fehlte etwas! Vielleicht jemand, der die Freude mit ihm innig teilte.

Seit er mit Elena zusammen war, erreichte er das einhundertprozentige Glücksgefühl regelmäßig – oft hatte er sogar den Eindruck, die Hundertermarke zu überschreiten. Der Kreis hatte sich geschlossen – sein Leben war eine schöne runde Sache. Perfekt!

Dies alles nuschelte er in seiner Weinlaune laut vor sich hin. Elena dankte Manuel für diese Beichte und beschloss, am nächsten Tag mit ihm darüber zu sprechen. Sie wollte zum einen in Ruhe darüber nachdenken und zum anderen war sie sich ziemlich sicher, dass er von dem Gesagten nichts mehr wissen würde. Da hatte sie keineswegs unrecht. Als Elena Manuel einen Tag später mit seinem Monolog konfrontierte, wirkte er sehr erschrocken. Er hatte nie vorgehabt, Elena von seinen ursprünglichen Plänen zu erzählen, weil er sie nicht verunsichern wollte. Inzwischen konnte er sich durchaus eine Heirat und eigene Kinder vorstellen. Ach was, vorstellen – er wünschte es sich von ganzem Herzen und so bald wie möglich.

Jetzt hatte er sich, im betrunkenen Zustand, wohl alles kaputt gemacht. Er wusste wirklich nicht mehr, welchen Unsinn er am vergangenen Abend geredet hatte. Wie weit war er gegangen? Verdammt, wie konnte er sich so volllaufen lassen? Jetzt musste er abwarten und zuhören, was Elena ihm zu sagen hatte. Dann musste er versuchen zu retten, was noch zu retten war. Er sah jedoch schwarz.

„Ich würde niemals von dir verlangen, dass du deinen Beruf vernachlässigst. Ich weiß nur zu genau, wie sehr du diesen liebst und wie wichtig er für dich ist. Du willst helfen – du willst Leben retten. Was soll man dagegen schon sagen? Was soll daran denn falsch sein? Ich jedenfalls habe vollstes Verständnis und werde dich immer unterstützen, weil ich weiß, wie viel dir dein Beruf bedeutet und wie wichtig du für manchen kranken, verzweifelten Menschen bist. Manchmal bist du die allerletzte Hoffnung, der rettende Strohhalm. Ich bin sehr stolz auf dich. Ich verspreche dir, dass ich dir niemals Vorwürfe machen werde, solange ich deine Liebe spüre und mir deiner Zuneigung sicher sein kann.“

Manuel war völlig perplex. Er hatte mit Vorwürfen gerechnet. Er hatte sich darauf eingestellt, sich rechtfertigen zu müssen. Elenas Verhalten an diesem Tag überzeugte ihn gänzlich davon, dass sie die absolut richtige Frau für ihn war.

2

Manuel saß am nächsten Morgen todmüde am Esstisch und versuchte sich auf seine Kinder zu konzentrieren. Lois und Selina texteten ihn zu, und zwar beide gleichzeitig. Keiner von beiden schien eine Antwort zu erwarten. Sie plapperten fröhlich vor sich hin. Also reichte es vollkommen aus zu lächeln, was für Manuel schon anstrengend genug war. Die meiste Zeit verbrachte er sowieso damit, seine Elena beim Werkeln in der Küche zu beobachten. Sie richtete die Vesper für die Kinder und sah wahnsinnig süß dabei aus. Ihre blonden Haare waren völlig verstrubbelt und es hingen ihr mehrere Strähnchen ins Gesicht, die sie immer wieder genervt wegblies. Trotz der kurzen Nacht – nein, nicht die Nacht war kurz, sondern die Schlafzeit der beiden war etwas dürftig ausgefallen, weil sie einfach kein Ende finden konnten – sah Elena zum Anbeißen aus. Immer wieder fielen sie wie vollkommen ausgehungert übereinander her, als ob Manuel für ein ganzes Jahr verreisen würde. Elena hatte ein sehr dünnes Nachthemdchen an und die Zeit schien nicht gereicht zu haben, um die kleinen goldenen Knöpfchen zu schließen. Ein Glück für Manuel, denn immer wieder bekam er einen tollen Einblick in ihr Dekolleté geboten und wenn sie sich umdrehte und etwas aus dem Kühlschrank herausholte, schmiegte sich der hauchdünne rosa Stoff eng um ihre Pobacken. Meine Güte und ich soll mich hier auf ein Gespräch mit meinen Kindern konzentrieren können, dachte er verzweifelt. Wie gerne würde er aufstehen, sie schnappen, in den ersten Stock hochtragen und für Stunden – vielleicht sogar für den Rest des Tages – mit ihr zusammen dort bleiben. Sie war so schön, so besonders.

Mit Schrecken dachte er nochmals über die Szene vom gestrigen Abend nach. Wie würde es um ihre Ehe stehen, wenn Elena sich tatsächlich so verhalten würde? Vorwurfsvoll, verständnislos, eigene Bedürfnisse anmeldend und Ansprüche an ihn stellend, die sein berufliches Treiben massiv beeinträchtigen würden. Gott sei Dank war es nur ein Schauspiel gewesen – ein Scherz. Somit konnte er heute wieder wie gewohnt glücklich, sorgenfrei und beschwingt – sich ganz auf sein Ziel konzentrierend – losziehen, um erneut einen großen beruflichen Schritt nach vorne zu machen. Das wäre doch ein tonnenschweres Päckchen, das er mitschleppen müsste, wenn er mit solchen Vorwürfen im Ohr und einer beleidigten Ehefrau im Herzen von dannen ziehen müsste. Elena ist einfach großartig und einzigartig – sie ist mein persönlicher Sechser im Lotto, stellte Manuel glücklich fest. Ihr gemeinsames Leben war manchmal wirklich allzu perfekt.

Was hatte Elena heute Nacht wieder einmal – wie schon so oft – in sein Ohr geflüstert? „Ich hab so Angst, dass etwas Schreckliches passiert. Es ist alles viel, viel zu schön, um wahr zu sein. So kann es doch nicht für immer bleiben!“

„Ich werde mir die größte Mühe geben, meine Süße, dass es für immer und ewig so bleibt“, hatte er voller Inbrunst geantwortet.

Der Abschied war wie immer, wenn er für längere Zeit verreiste. Sie drückten und küssten sich innig – immer und immer wieder. Er wendete sich ab zum Gehen, kam wieder einen Schritt zurück und alles ging von vorne los. Es war jedes Mal das gleiche Spielchen und die Kinder machten sich mit ihren vier und sechs Jahren schon lustig über dieses Ritual. Sie sahen sich lange und intensiv in die Augen und Elena wünschte ihm alles Glück der Welt. „Ich werde in Gedanken bei dir sein, mein Schatz, und bitte melde dich, sobald du eine Gelegenheit dazu hast. Ich bin so gespannt. Lass mich nicht zu lange schmoren.“

Jetzt musste er sich wirklich gewaltsam loseisen, denn sein Flugzeug würde nicht auf ihn warten. Er musste die Kinder unterwegs noch abladen und bis zum Flughafen hatte er bei guten Verkehrsverhältnissen mindestens eine halbe Stunde Autofahrt vor sich. Manuel strich Elena die lästigen Haarsträhnchen aus dem Gesicht, sah ihr nochmals tief in die Augen und bedeckte ihr ganzes Gesicht mit Küssen. Dann gönnte er sich noch einen verschmitzten Blick in ihr Nachthemd und wurde dafür ordentlich gekniffen. „Pass gut darauf auf!“

„Du bist ein alter Lustmolch!“

„Was ist ein Lustmolch?“, fragte Selina neugierig.

„Komm, ich erkläre es dir im Auto, Maus“, sagte Manuel und zog die Kleine mit einem Augenzwinkern zum Auto.

Unmöglicher Kerl, dachte Elena selig, als sie ihm nachsah, wie er fröhlich mit ihren Kindern Spaß machte und mit beiden an der Hand zur Garage rannte. Es ist alles so schön, so perfekt, so unnatürlich, überirdisch einmalig. Wie komme ich zu diesem unverschämten Glück? Alle meine Freundinnen schlagen sich mit Partnerschaftsproblemen und zum Teil großen Schwierigkeiten mit ihren Kindern herum. Bei mir läuft alles wie von selbst – so entspannt, so unkompliziert. Wenn es einmal ein Problem – besser gesagt ein Problemchen – gibt, wird es schnell, vernünftig und zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelöst. Meine Kinder bocken äußerst selten. Die beiden sind meistens fröhlich, brav und wenn etwas geklärt werden muss, akzeptierten sie normalerweise ohne größere Diskussionen die vorgegebenen Regeln, dachte Elena dankbar.

Es war nicht so, dass die Kleinen keine eigene Meinung hatten oder äußern durften, aber sie ließen sich mit vernünftigen Argumenten eines Besseren belehren. Lois und Selina verhielten sich sehr höflich, rücksichtsvoll, hilfsbereit und mitfühlend gegenüber Dritten. Das Verhaltensmuster war exakt das, wie es Elena und Manuel ihnen vorlebten. Im Kindergarten wurden die beiden sehr oft gelobt und als leuchtende Vorbilder angepriesen.

„Das kann ja nicht immer so bleiben. Ich fürchte mich sehr – dieses makellose Glück ist mir unheimlich, Manuel“, hatte Elena erst neulich wieder geklagt.

„Wir können uns ja gerne Probleme anschaffen, wenn du unbedingt welche möchtest oder zu deiner Beruhigung brauchst“, hatte Manuel sie lachend geneckt. „Du hast ja auch sehr lange an einen Haken in unserer Beziehung geglaubt. Du hast immer darauf gewartet, dass ich endlich mein wahres, also mein böses Gesicht zeige. Und? Wartest du immer noch oder hast du es endlich aufgegeben?“

Er hatte ja recht. Eigentlich sollte sie jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und Sekunde einfach nur genießen. Wenn ein Elend über sie hereinbrechen sollte, würde es ausreichen, sich erst dann verrückt zu machen. Es war schon ziemlich dumm, sich gute Zeiten mit ängstlichen Gedanken wie „Was ist, wenn …“ zu verderben. Manuel hatte recht – wie immer! Er war so klug – sie liebte ihn so sehr. Er war ihre Luft zum Atmen, er war ihre wärmende Sonne! Oh, das hört sich schon sehr kitschig an – fast schon poetisch, stellte Elena schmunzelnd fest. Übertreibe ich mit meinen Empfindungen? Idealisiere ich unsere Beziehung zu sehr? Nein, beschloss Elena mit voller Überzeugung, alles ist genau so, wie ich es gerade gedacht habe. Meine Liebe zu Manuel ist definitiv so groß und intensiv! Und deswegen schrieb sie diesen Satz auch genau so als Nachricht an Manuel – mit vielen Herzen und Kussmund. So, jetzt aber ans Werk, Frau Schrader! Der Haushalt erledigt sich nicht von allein und einkaufen sollte ich auch noch ganz dringend.

In Windeseile, fröhlich und mit lauter Musik, die durch das ganze Haus dröhnte, erledigte sie alles, was sie sich für diesen Morgen vorgenommen hatte. Dann machte sie sich schick und schließlich auf den Weg zum Einkaufen. In der Garage angekommen, stellte sie fest, dass sie ihren Einkaufszettel in der Küche vergessen hatte. „Ja, wer es nicht im Kopf hat, der muss es in den Beinen haben“, murmelte sie belustigt. Auf dem Weg in die Küche schaute sie nochmals auf ihr Handy, ob Manuel auf ihre Nachricht geantwortet hatte. Nein, hatte er nicht, stellte sie enttäuscht fest. Bestimmt saß er schon im Flugzeug neben einem ach so wichtigen Menschen, mit dem er sich ernsthaft und äußerst fachmännisch unterhalten musste. Als Elena wieder aus dem Haus kam, erschrak sie beim Anblick der zwei Polizisten, die auf sie zukamen. Sie sah sie fragend an und war sich sicher, dass sie sich im Haus geirrt hatten.

„Frau Schrader, Elena Schrader?“

„Ja, das bin ich“, sagte sie noch mit fester Stimme und dachte, dass die beiden wenigstens guten Tag sagen könnten. Aber vielleicht ist es ja kein guter Tag mehr, dachte sie plötzlich, von einer schrecklichen Ahnung erfasst.

Dann baten die beiden Herren darum, ins Haus eintreten zu dürfen. Elena führte sie ins Wohnzimmer, während sich eine starke Unruhe und Hitze in ihrem Bauch ausbreitete und ihr Kopf zu glühen anfing. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden. Sie spürte regelrecht, dass von den beiden Uniformierten etwas Schreckliches, etwas Vernichtendes kommen würde. Etwas, das sie vollkommen aus der Bahn werfen könnte. Sie sollen wieder gehen! Geht doch einfach wieder, wollte Elena am liebsten laut schreien. Ich will das nicht. Ich will nichts von euch hören – kein einziges Wort dürft ihr sagen, wehrte sie sich innerlich ganz verzweifelt. Aber sie sah, wie der Mund des kleinen, dicken Polizisten sich zu bewegen begann. Er sprach wohl schon – sie sollte ihm zuhören.

„… es war eine schlimme Massenkarambolage. Er war sofort tot.“

Das hörte Elena, als sie wieder in der Lage war, sich auf das Gesprochene zu konzentrieren. „Wer war sofort tot?“, hörte sie sich fragen.

„Ihr Mann, Frau Schrader. Sie sagten doch, Sie seien Elena Schrader.“

„Mein Mann sitzt im Flugzeug nach Berlin. Es kann sich hier nur um eine Verwechslung handeln.“

„Es ist auf dem Weg zum Flughafen zu einem schlimmen Unfall gekommen. Wir wissen noch nicht, warum es dazu kam. Es tut uns wahnsinnig leid, Ihnen so eine Nachricht überbringen zu müssen. Gibt es jemanden, den wir für Sie anrufen können? Sie sollten jetzt nicht alleine sein.“

„Meine Schwester, Julia“, hörte Elena sich antworten. Es war, als ob sie neben sich stehen und sich selbst beobachten würde. Es war alles so gespenstisch. Nein, sie träumte sicher nur und würde gleich aufwachen. Bestimmt! Manuel war ein sehr guter und sicherer Autofahrer.

„Könnten wir bitte die Nummer Ihrer Schwester haben? Dann rufen wir sie an.“

Wie ferngesteuert nahm sie das Handy aus ihrer Tasche und schaute nochmals nach, ob Manuel geantwortet hatte. Vielleicht hatte er es sogar gerade eben getan. Dann hätte sie einen handfesten Beweis, dass es sich hier nur um eine Verwechslung handeln konnte. Aber nein, da war keine Nachricht. Ihre Hände zitterten unkontrolliert. Ihre Beine fühlten sich an, als ob sich sämtliche Knochen langsam in weichen Schleim verwandeln würden. Dann wurde es schwarz um Elena.

3

Sie wachte auf dem Sofa liegend mit unbeschreiblichen Kopfschmerzen wieder auf. Oje, habe ich zu viel getrunken?, dachte sie amüsiert. Soll ja in den besten Familien vorkommen. Sie startete einen neuen Versuch, die Augendeckel nach oben zu hieven. Aua, verflixt, das schmerzt aber sehr. Das muss verdammt viel Alkohol gewesen sein. Wie peinlich! Ich lasse mich als Vorbild volllaufen! Das ist doch nicht mein Stil, stellte sie betrübt fest.

„Sie wird wach“, sagte eine Stimme. Eine vertraute Stimme. Das hörte sich sehr nach Julia an. Was um Himmels willen hatte Julia mit ihrem Zustand zu tun?

„Elena?“ Eine Hand legte sich auf ihre Stirn und Elena dachte, das müsse King Kongs Hand sein – wie schwer war die denn? Also, ich brauche jetzt klare Verhältnisse, beschloss Elena tapfer. Sie gab sich einen großen Ruck und schaffte es, unter massiver Anstrengung die Augen zu öffnen. Tatsächlich, da stand Julia. Aber warum hatte sie ein tränenüberströmtes Gesicht? Julia war normalerweise keine Heulsuse. Ganz im Gegenteil, sie war sehr hart im Nehmen. Wie oft hatte sie früher die Jungs damit beeindruckt. Julia war eine ganz Coole.

„Elena? Wie fühlst du dich?“

„Ich hoffe, die Sause war es wert, dass ich mich so fühle, wie ich mich fühle“, scherzte Elena.

„Sie ist von der Spritze noch ganz benebelt“, sagte eine fremde Stimme hinter ihr.

Elena versuchte den Kopf zu drehen, um nachzusehen, wer so einen Mist redete. Spritze? Was für eine Spritze denn? Sie schaute sich langsam um – fast im Zeitlupentempo drehte sie ihren Kopf in alle Richtungen. Dabei musste sie deutliche Einschränkungen in Kauf nehmen, denn ihr Vorhaben, sich Klarheit zu verschaffen, war sehr schmerzhaft. Ja, das war ihr Wohnzimmer und sie lag auf dem Sofa, auf dem sie gestern Abend mit Manuel … Manuel, da war doch etwas. Was war mit Manuel? Sie strengte sich sehr an, um einen klaren Gedanken fassen zu können, aber es wollte ihr nicht gelingen. Wo waren die Kinder? Was war hier los?

„Spritze?“, fragte sie leise. Mehr schaffte sie nicht zu sagen.

„Elena, es ist etwas Schreckliches passiert. Du bist zusammengebrochen, weil – weil Manuel verunglückt ist. Er ist tödlich verunglückt, Elena.“

Mühsam versuchte sie, das Gesagte in ihrem Kopf ankommen zu lassen und einzusortieren. Es fühlte sich an, als ob ihr Kopf in Watte gepackt wäre. Sie hatte es gehört, sie hatte es verstanden – aber die Worte lösten nichts in ihr aus. Sie konnte deren Inhalt nicht realisieren. Tot, Manuel war tot. Das hatte Julia gerade eben gesagt. Sie schloss die Augen wieder, weil sie nicht mehr imstande war, diese noch länger geöffnet zu halten.

„Lassen wir sie noch ein bisschen schlafen. Gönnen wir ihr noch eine kleine Pause“, sagte die fremde Stimme.

Elena strengte sich sehr an, nicht wieder einzuschlafen. Manuel tot, Manuel tot, hämmerte es in ihrem Kopf. Schließlich gab sie dem Drang nach und schlief mit dem Gedanken ein, dass Manuel, wenn sie aufwachte, bestimmt wieder bei ihr sein würde.

Elena erwachte erneut, aber Manuel war dennoch nicht bei ihr. Ihre Schwester war aber immer noch da. Sie hielt ihre Hand und war wohl vor Erschöpfung eingeschlafen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Elena wirklich munter war und einigermaßen klar denken konnte. Aber was ihr dabei einfiel, war eine Katastrophe und durfte nicht wahr sein. Mehr und mehr drang die Wahrheit in ihr Bewusstsein. Sie wollte Julia nicht wecken, sie wollte nicht reden müssen – es war totenstill im Zimmer. Bei dem Wort „totenstill“ konnte Elena sich nicht mehr beherrschen und es brachen alle Dämme auf einmal. Elena schluchzte, zitterte und ließ den Tränen freien Lauf. Erschrocken fuhr Julia aus ihrer Schlafposition hoch, sammelte sich aber sofort und nahm Elena fest in den Arm. Sie sagte nichts. Sie wusste genau, dass es keine Worte gab, die Elena den Schmerz hätten nehmen oder auch nur lindern können.

„Die Kinder sind bei Irina und Max“, flüsterte Julia. Dann drückte sie Elena nur noch wortlos an sich und spürte selbst einen unbeschreiblichen Schmerz in der Brust.

„Es war zu perfekt, einfach zu perfekt“, presste Elena unter großer Mühe hervor. Das war der einzige Satz, den sie an diesem Abend sprach.

Keine der beiden hätte am nächsten Tag sagen können, wie sie die Nacht überlebt hatten. Irgendwann war sie zu Ende. Es herrschte die ganze Zeit absolute Stille. Außer ihren Atemgeräuschen und immer neuen Wein- und Schluchzattacken war nichts zu hören. So war es gut, stellte Elena am nächsten Morgen fest, als immer mehr Menschen sich in ihrem Haus versammelten. Alle wollten ihr beistehen. Alle hatten Fragen, die sie nicht beantworten konnte. Ihre Eltern, ihre Freundinnen, Manuels Freunde, Kollegen aus der Klinik, ja sogar Nachbarn wollten helfen. Die Nachricht von Manuels Tod hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Alle waren fassungslos, hilflos und tief betroffen. Die einen gingen gleich wieder, andere blieben länger und es kamen immer neue Menschen dazu. Elena fühlte sich, als ob sie in einem Käfig oder Schaufenster sitzen würde und eine besondere Attraktion sei. Verstohlen richteten sich die Blicke auf sie, bis sie es nicht mehr aushielt. Sie stand einfach auf und ging aus dem Haus. Julia rannte ihr hinterher. „Wohin gehst du, Elena?“

„Ich will zu meinen Kindern. Ich fahr zu Irina und Max.“

„Ich fahre dich.“

„Ja, das wäre gut.“

Irina öffnete die Tür – auch sie hatte ganz verweinte Augen. Ihr schlichtes „Es tut mir leid“ und „Ich bin jederzeit für dich da“ taten Elena gut. Keine große Reden und leeren Versprechungen, dass es schon wieder gut werden und der Schmerz sicher bald nachlassen würde. Nur einfache, ehrlich gemeinte Worte und eine herzliche Umarmung. Das reichte völlig aus.

„Lois und Selina sind oben bei Leon im Zimmer. Ich habe ihnen noch nichts gesagt, aber wenn du mich dabeihaben möchtest, stehe ich dir gerne zur Seite.“

„Kann ich sie im Wohnzimmer sprechen und ihr beide haltet euch bitte in der Küche bereit für den Fall, dass ich es nicht packe?“

„Ja, so machen wir es. Ich hole die beiden.“

Elena war nicht in der Lage, richtig zu denken. Zu fühlen, erlaubte sie sich nicht, denn sie wollte – musste für ihre beiden Kinder stark sein. Ihr war nur zu klar, dass sie das nicht mehr sein konnte, wenn sie es nicht schaffte, ihre Gefühle zu unterdrücken. Sie registrierte aber trotzdem, wie gut ihr Julias und Irinas Art, mit dieser Situation umzugehen, tat. Schlicht und einfach, keine großen Worte, kein „Oh, du Arme“ oder „Die armen Kinder“. Sie schauten ihr beide in die Augen, wenn sie mit ihr redeten, ansonsten waren sie einfach nur da – still, aber da.

Selina und Lois stürmten freudig auf sie zu und drückten sie. „Warum hast du uns von der Überraschung nichts erzählt? Es war so toll und hat echt Spaß gemacht. Wir haben so viel gespielt – Samira hat immer so tolle Ideen. Ich möchte auch eine große Schwester, Mami“, schnatterte Selina.

„Selina, Lois, ich muss euch etwas sagen.“

Erst jetzt schauten die beiden ihre Mama richtig an und man konnte an ihren erschrockenen Gesichtszügen erkennen, dass sie bemerkt hatten, dass mit ihrer Mami etwas nicht stimmte. Jetzt hatte Elena die volle Aufmerksamkeit ihrer Kinder.

„Es ist etwas sehr Schlimmes passiert. Ich werde euch sehr, sehr wehtun mit dem, was ich euch jetzt sagen muss.“

Beide sahen sie mit großen, ängstlichen Augen an. Keiner der beiden sagte einen Ton und keiner bewegte sich – keinen einzigen Millimeter.

„Euer Papa ist …“

Selinas Augen füllten sich bereits mit Tränen. Sie war schon immer ein sehr sensibles Kind gewesen, aber dass sie mit ihren sechs Jahren so schnell eine Tragödie erspürte, war bemerkenswert. Sie fixierte ihre Mama mit einem verzweifelten, aber auch wissenden Blick. Selina nickte Elena leicht zu, als ob sie ihr Mut zum Reden machen wollte.

„Papa ist verunglückt. Er hat nicht … Er ist …“

„… verletzt“, sagte Lois. „Ist er von einem Krankenwagen abgeholt worden? So richtig mit Blaulicht? Besuchen wir ihn gleich?“

Zusammenreißen, reiß dich zusammen, Elena! „Nein, Lois, Papa durfte nicht in einem Krankenwagen mitfahren. Papa ist nicht im Krankenhaus. Papa ist im Himmel. Die Engelchen haben ihn zu sich geholt, mein Schatz.“

Selina fing an zu weinen. Lois sah Elena noch immer mit großen, unverständigen Augen an. „Du meinst, er ist da oben im Himmel?“

„Ja, mein Schatz. Er schaut bestimmt gerade auf uns herunter.“

„Das will ich aber nicht!“, schrie Selina plötzlich mit einer ganz hysterischen, fremden Stimme. Sie fing an zu zittern und ließ sich einfach auf den Boden fallen. Sie wälzte sich hin und her und gab animalische Töne von sich, die Lois so sehr erschreckten, dass er sich ganz eng an seine Mama klammerte. Gott sei Dank kamen Julia und Irina in diesem Moment ins Zimmer und übernahmen die Führung. Elena war am Ende ihrer Kräfte und brauchte selbst Hilfe. Zusammenreißen ging nicht mehr. Sie knickte ebenfalls ein, klammerte sich an Selina und die beiden ließen ihren Gefühlen freien Lauf. Lois war geschockt – er war wie paralysiert und konnte das alles nicht begreifen. Papa war plötzlich im Himmel, seine Mami und seine Schwester hockten weinend auf dem Boden und beide schrien furchtbar laut. Mama versuchte nach ihm zu greifen, um ihn an sich heranzuziehen. Das erschreckte Lois aber so sehr, dass er einen Schritt nach hinten machte und stürzte. Jetzt fing auch er an zu weinen und Irina beschloss spontan, das Wohnzimmer mit dem Kleinen zu verlassen.

Julia kniete sich auf den Boden und nahm ihre Schwester und ihre Nichte fest in den Arm. Sie schaukelte sie sanft hin und her, überließ sie aber ansonsten, ohne ein Wort zu sagen, ihren Gedanken und ihrem Schmerz. Irgendwann fragte Julia fast flüsternd: „Sollen wir langsam nach Hause fahren oder möchtet ihr lieber hier schlafen? Irina hat es angeboten.“

Ohne lange zu überlegen, sagte Elena: „Ich möchte gerne nach Hause, aber die Menschen sollen bitte alle weg sein. Kannst du dafür sorgen?“

Julia nickte. „Sie sind schon alle weg.“

„Wirklich alle?“

„Ja, Elena. Ich dachte mir schon, dass du nach Hause und dort alleine mit deinen Kindern sein möchtest.“

„Julia, es wäre wirklich lieb, wenn du bleiben könntest. Ich weiß, es ist viel verlangt. Du hast selbst eine Familie zu versorgen …“

„Mama kümmert sich um alles. Ich bleibe!“, unterbrach Julia ihre Schwester.

„Danke!“ Elena versuchte aufzustehen, aber sie schaffte es nicht allein. Ihre Knie zitterten so sehr, dass sie sofort wieder einknickte.

Selina hatte alles wie aus weiter Ferne gehört und bewegte sich keinen Millimeter, doch als ihre Mama zusammensackte, kam Leben in ihren Körper. Sie hatte sich sehr erschrocken. „Mama, was ist los? Ist dir schlecht?“

„Nein, mein Schatz, es geht schon wieder.“

Elena erhob sich mit Julias und Irinas Hilfe, die inzwischen ebenfalls im Wohnzimmer stand, und ließ sich zum Auto führen. Julia und Irina nahmen jeweils ein Kind an die Hand. Max, Leon und Samira standen völlig hilflos an der Haustür, getrauten sich aber nicht, irgendwas zu sagen. Max dachte, dass er noch nie so ein trauriges Bild gesehen hatte, und er ärgerte sich sehr über seine Unfähigkeit, etwas Vernünftiges oder Hilfreiches zu sagen.

Irina drückte die drei, sah Elena tief in die Augen und sagte: „Tag und Nacht – du weißt es!“

Zu Hause angekommen, schloss Julia die Haustür auf und wartete darauf, dass die drei ins Haus gingen. Aber sie standen da, als ob vor ihnen eine unsichtbare Wand wäre, durch die sie nicht gehen konnten. „Zurück zu Irina? Oder zu uns nach Hause? Auch Papa und Mama haben angeboten, euch aufzunehmen.“

„Nein, gib uns nur noch einen kleinen Moment.“

Irgendwann setzten sie sich dann, ganz eng aneinandergedrückt, in Bewegung. Bei diesem Anblick schnürte es Julia den Hals zu. Einen guten Schritt im Haus und sie stockten wieder. Wahrscheinlich war es Elenas Rhythmus, aber die Kinder passten sich ihren Bewegungen an. Elena drückt die beiden so eng an sich, dass es sie sicher schmerzen muss, dachte Julia. Sie sah an Elenas völlig verkrampften Händen die weißen Knöchel hervortreten. Ihre Schwester sah sich um, als ob sie dieses Haus das erste Mal in ihrem Leben betreten würde. Ganz langsam schaffte es Julia, die drei ins Wohnzimmer zu schieben. Sie sorgte dafür, dass sie sich auf die Couch setzten. Dann ging sie in die Küche, um Tee zu kochen und etwas zum Essen herzurichten.

„Papa ist immer viel zu schnell gefahren, Mami. Warum hat er nicht auf dich gehört?“ Selina sah ihre Mama mit großen Augen an.

Elena suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. „Selina, es steht noch gar nicht fest, ob dein Papi zu schnell gefahren ist. Das wird die Polizei noch herausfinden.“

Es herrschte wieder Stille.

„Jetzt ist er bei meiner Einschulung nicht dabei“, sagte die Kleine weinend.

Julia drückte ihre Nichte ganz fest an sich. „Nein, Selinchen, und wir alle sind sehr traurig deswegen. Aber alle anderen Familienmitglieder werden bei dir sein.“

Elena konnte sich nicht mehr zurückhalten. Ihr heftiger Ausbruch erschreckte die Kinder wieder so sehr, dass Julia mit ihnen nach oben ging. Der Gedanke, Elena alleine zu lassen, gefiel ihr nicht. Aber wahrscheinlich war der Anblick ihrer verzweifelten Mami für die Kinder momentan sogar schlimmer als der Gedanke an den Verlust ihres Papas. Die Nachricht von Manuels Tod konnten sie sicher noch nicht realisieren.

Julia setzte sich im Spielzimmer auf die Matratze und forderte die beiden auf, sich hinzulegen und die Köpfe auf ihren Schoß zu betten. Beide taten wortlos, was Julia gesagt hatte. Dann streichelte Julia ihre Köpfchen ganz sanft, bis ihre Atemzüge ruhiger und gleichmäßiger wurden. Lois und Selina schliefen recht schnell ein und Julia konnte wieder nach ihrer Schwester schauen.

Sie fand Elena immer noch auf der Couch sitzend, aber ihr Körper war ganz verdreht. Sie drückte das Gesicht in das Rückenteil des Sofas – es sah sehr seltsam aus. „Elena?“

„Es riecht so gut, so vertraut. Vorgestern Abend hat Manuel genau hier gesessen.“

„Magst du reden?“

„Was gibt es denn zu reden, Julia? Manuel ist für immer weg – egal was und wie viel ich rede. Er kommt nie wieder! Kannst du dir das vorstellen? Gestern Morgen saß er noch am Frühstückstisch – putzmunter. Und jetzt ist er nicht mehr da.“ Die Tränen kullerten Elena wie eine nicht enden wollende Perlenkette über die Wangen. „Julia, ich wusste, dass etwas passieren würde. Ich wusste es ganz genau. Ich habe es gespürt – schon sehr lange und ich hatte Angst davor. So glücklich, wie wir miteinander waren, so eine beängstigende Übereinstimmung in nahezu allen Lebenslagen und Fragen, so viel Harmonie – das hätte ja unmöglich für immer so bleiben können! Das war mir immer klar. Aber so ein Ende …“ Elena drückte ihr Gesicht wieder in die Sofakissen. „Wie, wie soll ich nur ohne Manuel weiterleben? Julia, ich kann das nicht! Es wird nicht gehen!“

„Du musst. Du hast zwei wunderbare Kinder, für die du verantwortlich bist – sie sind auch Manuels Kinder. Du bist es ihm schuldig. Sie sind aus eurer wunderbaren, einmaligen Liebe entstanden. Sie sind das, was dich für immer mit Manuel verbinden wird. Selina und Lois sind der lebendige Beweis eurer fantastischen Beziehung.“

„Ich werde funktionieren, aber leben werde ich nicht mehr.“

„Die Zeit.“

„Nein, Julia, bitte sag das nicht – auch vergangene Zeit wird nichts daran ändern. Ich will es auch nicht. Ich werde mit diesem Schmerz bis ans Ende meiner Tage leben müssen.“

4

Am nächsten Morgen dachte Elena mit großem Schrecken an ihre Schwiegereltern. Erst jetzt fielen ihr die beiden ein. Sie hatten ihren Sohn – ihr zweites Kind – durch einen Unfall verloren. Ich muss mit den Kindern zu ihnen fahren, dachte Elena und in ihr sträubte sich alles gegen diesen Gedanken. Natürlich hätten sie sich auch bei ihr melden können, aber dass sie es nicht taten, bestätigte ihr nur wieder aufs Neue, wie wenig sie ihnen als Schwiegertochter willkommen war. Sie hatten immer wieder zu verstehen gegeben, dass sie sich für ihren Manuel eine andere Frau gewünscht hätten. Sie liebten die Kinder – auf ihre Art. Es war nicht die herzliche, vertraute, körperlich enge Beziehung wie zwischen ihren Eltern und den beiden. Es war eher eine steife und distanzierte Angelegenheit, aber sie strengten sich an. Das zumindest hatte Manuel immer wieder behauptet. „Wir wären für das bisschen Interesse und Zuneigung schon sehr dankbar gewesen“, hatte er immer wieder gesagt.

Als Julia vom Bäcker zurückkam, bat Elena sie um ihre Begleitung für den bevorstehenden schweren Gang. Es war eine Autofahrt von ungefähr einer Stunde und das traute sie sich nicht zu. „Du wärst mir eine große Stütze, Julia“, erklärte Elena traurig.

Die Fahrt wurde sehr schweigsam – obwohl Julia sich sehr bemühte, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Elena war abwesend und auch sehr angespannt. Der Besuch war ein Anstandsakt und keine Herzenssache. Sie ahnte, dass die beiden keinen Wert auf ihren Besuch legten, aber die Kinder würden ihnen bestimmt guttun. Der Verlust war für die beiden sicher unbeschreiblich groß, weil sie nun schon das zweite Kind durch einen Unfall verloren hatten. Manuels Schwester war vor vielen Jahren ebenfalls bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Die näheren Umstände wurden Elena nie erläutert. Das Thema wurde einfach totgeschwiegen – auch von Manuel. Obwohl sie sich so vertraut waren und sich restlos alles erzählten, ihr Innerstes dem anderen gegenüber stets nach außen gekehrt hatten, war dieses Thema immer ein Tabu. Das fand Elena schon immer sehr komisch, aber irgendwann hatte sie es aufgegeben, das Thema anzusprechen – auch wenn es ihr immer wieder einen Stich versetzte, weil Manuel nicht mit ihr darüber reden wollte. Es wurde ein richtiges Geheimnis um die Sache gemacht – warum nur? Elena fühlte sich dadurch noch mehr aus der Familie ausgegrenzt – was sie durchaus schon gewohnt war. Dass Manuel sich jedoch an der Ausgrenzung beteiligte, machte sie sehr traurig. Für eine lange Zeit quälte sie auch die Neugierde und sie versuchte, von den gelegentlichen Gästen der Schraders Näheres zu den Umständen des Unfalls zu erfahren. Auch hier erhielt sie nur ausweichende Antworten und es wurde immer sofort das Thema gewechselt.

Als Julia das Auto geparkt hatte und aussteigen wollte, sah sie Elena an, wie schwer ihr dieser Gang fiel. Sie sah ängstlich zu der wunderschönen alten Villa mit dem parkähnlichen Garten. Julia war noch nie hier gewesen. Sie kannte das Anwesen nur aus Elenas Erzählungen. Aber es war noch schöner und beeindruckender, als sie es sich vorgestellt hatte.

Nachdem sie an der Haustür geklingelt hatten, öffnete eine sehr schöne Frau ihres Alters. Elena kannte sie nicht – sie war ihr im Hause Schrader noch nie begegnet.

„Sie sind Elena!“, sagte die Frau freundlich. Elena war so baff, dass sie überhaupt nicht reagierte. Die Frau schien aber auch keine Antwort zu erwarten, denn sie sagte gleich: „Kommen Sie bitte herein.“

Sie führte sie ins Wohnzimmer – nein, in den Salon. So wurde das Wohnzimmer in dieser Villa genannt und es wurde vor allem von der Hausherrin unglaublich viel Wert auf diese Bezeichnung gelegt. Damit hatte Elena Manuel immer aufgezogen. Die Schwiegereltern saßen aufrecht und korrekt in ihren Sesseln – so wie Elena es kannte. Frau Schrader tupfte sich die Augen trocken und setzte sich bei Elenas Anblick noch aufrechter hin. Julia schickte die Kinder mit der Bitte los, ihren Großeltern höflich guten Tag zu sagen. Renate und Ludwig streckten den beiden ihre Hände entgegen, die diese nur zaghaft entgegennahmen. Der Opa strich ihnen sogar kurz und unbeholfen über die Haare, was die Kinder für einen Moment erschreckte. Sie waren es nicht gewohnt, von Renate und Ludwig berührt zu werden. Dann war Elena an der Reihe. Sie reichten sich die Hände und Elena sprach ihr Beileid aus. Die alten Herrschaften hielten es selbstverständlich nicht für notwendig, Elena ebenfalls ihr Beileid kundzutun. Sie war nicht sonderlich überrascht, hatte es nicht einmal erwartet. Auch Julia erfüllte ihre Pflicht. Dann trat eine betretene Stille ein.

Elena und die Kinder standen hilflos und verloren mitten im Raum. Obwohl es sich wahrscheinlich nur um Sekunden gehandelt hatte, schien es Elena eine Ewigkeit zu dauern, bis die fremde Frau sie endlich bat, Platz zu nehmen, und höflich nachfragte, ob sie Kaffee oder Tee trinken mochten. Sie fragte auch bei den Kindern liebenswürdig nach, was sie gerne hätten. Frau Schrader bemerkte Elenas fragenden Blick, der auf die fremde Frau gerichtet war. Sie sagte es, wie Elena schien, mit Genuss: „Darf ich vorstellen: Frau von Baslingen – Belinda von Baslingen.“

Oh, dachte Elena, Manuels Ex, die Traumschwiegertochter. Warum war die denn hier? Es gab doch ihres Wissens keinen Kontakt mehr. Renate war auf jeden Fall übertrieben nett zu Belinda und diese war außerordentlich freundlich zu dem Besuch. Sie gab sich große Mühe, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Als ihr klar wurde, dass das unmöglich war, fragte sie Elena und Julia, ob sie vielleicht Lust hätten, sich mit ihr die Füße zu vertreten. Elena schaute sie erstaunt an und stimmte dann rasch und sehr erleichtert zu. Es war zwar etwas befremdlich, mit Manuels Ex spazieren zu gehen, aber es war auf jeden Fall besser, als den Schwiegereltern im Salon gegenüberzusitzen und mit jedem Wort und jeder Geste zu erkennen, wie wenig willkommen sie war.

Sie dachten nicht im Traum daran, sie nach ihrem Befinden zu fragen. Es wurde nur nüchtern über die Obduktion und die Untersuchung des Unfallhergangs gesprochen und natürlich wurde mit einer großen Selbstverständlichkeit bestimmt, dass Manuel im großen Familiengrab seine letzte Ruhestätte finden würde. Und auch sonst schien für die Beerdigung alles schon geplant zu sein. Nur der Termin konnte noch nicht festgelegt werden. Wahnsinn, wie nüchtern diese Menschen waren. Elena hatte es noch nicht geschafft, über diese Dinge nachzudenken – sie wollte es auch nicht. Und jetzt hatte sie kein Wörtchen mehr mitzureden.

Man sah den beiden den tiefen Schmerz sehr wohl an. Die Haut war grau, die Augen ganz trüb und ihre aufrechte Haltung sah sehr künstlich aus – es schien sie sehr viel Kraft und Anstrengung zu kosten, in dieser Pose zu verharren und die Contenance zu bewahren. Also erhob Elena sich mühsam und gab zu verstehen, dass sie das Angebot von Frau von Baslingen gerne annehmen würde. Auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, was sie mit ihr reden sollte, war das eindeutig das kleinere Übel. Auch die Kinder schossen sofort in die Höhe, aber Julia sagte blitzschnell, dass es Oma und Opa bestimmt guttun würde, wenn sie bei ihnen bleiben würden. „Die beiden sind so traurig. Wir sind bestimmt gleich wieder bei euch. Wir machen ja nur einen kleinen Spaziergang.“

Elena schnürte es den Hals zu – sie musste wegschauen, denn ihre Kinder, insbesondere Selina, schauten sie total verzweifelt an. Elena hatte nie den Eindruck gehabt, dass sie sich riesig freuten, wenn sie die Großeltern besuchten. Die Besuche schienen aber auch nicht in die Sparte der richtig schrecklichen Dinge in ihrem Leben zu gehören. Sie hatten sich bisher immer eher neutral verhalten. Aber heute empfand Elena eine deutliche Abwehr seitens der Kinder. Selina und Lois spürten die unangenehme Spannung und die feindselige Atmosphäre zwischen den Erwachsenen ganz deutlich. Selina auf jeden Fall. Sie war ein sehr sensibles, aber auch sehr harmoniebedürftiges Kind. Also blieb sie ohne weitere Diskussion vollkommen steif auf dem Sessel, der ihr zugewiesen wurde, sitzen.

„Es tut mir leid, Frau Schrader, es tut mir so unendlich leid. Es ist unglaublich, was Sie gerade durchmachen müssen. Es muss ein unerträglicher Schmerz für Sie sein und dann müssen Sie auch noch das unhöfliche Verhalten Ihrer Schwiegereltern erdulden. Ich würde Ihnen gerne zur Seite stehen, wann immer Sie mich brauchen.“

Elena sah Belinda überrascht an. „Danke, Frau von Baslingen.“

„Sagen Sie doch bitte Belinda zu mir. Frau von Baslingen hört sich so förmlich an und wir sind doch ungefähr gleich alt.“ Belinda reichte Elena und danach auch Julia die Hand, die ebenfalls ihren Vornamen nannte.

„Vielen Dank, Belinda. Ich hätte es kaum noch eine Minute länger in dem Salon ausgehalten“, wobei sie das Wort Salon sehr ironisch betonte. Das bereute sie aber sofort wieder, weil ihr einfiel, dass Belinda sicherlich auch einen Salon oder gar mehrere besaß.

„Das habe ich deutlich gespürt. Es war nicht zu übersehen, dass euer Verhältnis sehr angespannt ist. Fast möchte ich behaupten, dass es sich sogar richtig feindselig anfühlte. So kenne ich die beiden gar nicht.“

„Ich kenne sie leider nur so. Na ja, ich will ehrlich sein – manchmal haben sie sich auch etwas mehr angestrengt als heute. Hin und wieder sind sie über ihren hoch gebildeten, feudalen Schatten gesprungen und haben mich mit so etwas wie gekünstelter Freundlichkeit behandelt. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht die Traumschwiegertochter bin. Das sind ja Sie – ich meine du. Das haben sie mir schon bei unserem ersten Treffen – keineswegs auf eine sensible Art und Weise – zu verstehen gegeben. Ich habe keine noblen Wurzeln, keinen beeindruckenden Stammbaum. Mein Bäumchen ist eher ein bescheidener Strauch – und dann ist er auch noch ein Flachwurzler.“

Belinda musste lächeln. „Entschuldige, Elena. Als ob es heutzutage darauf noch ankäme. Es gibt so viele verarmte Adlige, die mit ihrem Leben überhaupt nicht zurechtkommen. Es gibt mehr Versager und Nichtsnutze darunter als solche, die ihr Leben im Griff haben.“

„Na ja, es hätte ja vielleicht nicht einmal eine Adlige sein müssen, aber zumindest eine Studierte aus dem Kreise der oberen Zehntausend.“

„Allein die Tatsache, dass Manuel sich so in dich verliebt hat, dass er mit dir vor den Traualtar getreten ist, sagt mir, dass du echt in Ordnung – nein, noch mehr, dass du etwas sehr Besonderes sein musst. Du solltest wirklich keine Minderwertigkeitskomplexe haben, Elena, denn Manuel hat für dich ganz offensichtlich seine komplette Lebensplanung umgestoßen – und das soll schon etwas heißen. Das kannst du mir ruhig glauben.“

Die drei liefen ein paar Minuten schweigsam durch den wunderschönen Park zu dem kleinen See nebeneinander her. Diesen Park liebte Elena sehr und der kleine See war für sie eindeutig das Sahnehäubchen. Es war so friedlich und erholsam, hier zu laufen und am See zu sitzen – es fühlte sich für sie immer wie ein kleiner Urlaub an.

„Dass ausgerechnet du so nett zu mir bist, überrascht mich wirklich sehr.“

„Wieso sollte ich es denn nicht sein? Manuel und ich sind im Guten auseinandergegangen. Wir beide haben ziemlich gleichzeitig festgestellt, dass wir verschiedene Lebenskonzepte verfolgen und sich unsere Verliebtheit mit den Jahren auf ein Ich-mag-dich-sehr-Gefühl minimiert hatte. Also keine gute und schon gar keine ausreichende Basis für eine Ehe oder gar eine Familiengründung. Ich bin zwar sehr überrascht, dass Manuel doch Kinder in die Welt gesetzt hat – das war damals nicht Teil seiner Zukunftsvision –, aber du hast seine Gefühlswelt wohl ganz schön durcheinandergebracht. Du kannst also ganz beruhigt sein, Elena – ich war genauso für die Trennung wie Manuel. Ich war ihm viel zu oberflächlich. Ich wollte für seinen Geschmack zu viel Party und zu viel Urlaub. Das war schon während des Studiums nicht unbedingt sein bevorzugter Lebensstil, aber danach überhaupt nicht mehr. Ich bin ebenfalls Ärztin und arbeite auch in meinem Beruf. Nach dem Studium hatte ich mich für eine Privatklinik für Schönheitschirurgie entschieden, was Manuel unmöglich fand. Er wollte Leben retten, er wollte Menschen helfen – wirklich helfen. Wofür ich mich entschieden hatte, verachtete er zutiefst. Menschen die Nasen schön machen; Menschen, die sich nicht mäßigen können, das Fett absaugen; Tussen die Wunschbrüste formen, die die Natur ihnen verwehrt hat – für so was hätte er nicht studiert. Er hatte schon sehr lange geplant, in die Forschung zu gehen. Ja, es hörte sich damals für mich so an, als ob er nicht vorhätte, jemals eine feste Bindung einzugehen, weil er sich ganz und gar seiner Berufung widmen wollte. Du siehst also, Elena, welches Wunderwerk du vollbracht hast. Du hast ihn komplett bekehrt.“

„Nein, ganz so ist es nicht. Ich habe ihm nur immer jeden Freiraum gelassen, um seinen geliebten Beruf so auszuüben, wie er es geplant hatte. Er war nicht sehr oft zu Hause. Im Urlaub war er auch – zumindest zu fünfzig Prozent – in der Klinik und an Feiertagen und Wochenenden gehörte er uns ebenso selten ganz. Aber die Zeit, die wir zusammen verbringen“, Elena fing an zu schluchzen, „verbracht haben, war immer wunderbar und harmonisch gewesen.“ Elena konnte nicht mehr aufhören zu weinen und Julia gab Belinda zu verstehen, dass die Wirkung der Beruhigungstablette merklich nachlasse.

Auf der Heimfahrt, die sie recht bald nach einer sehr kühlen Verabschiedung – Belinda ausgenommen – antraten, konnte Elena nicht begreifen, dass sie sich mit der verhassten Ex von Manuel fast freundschaftlich unterhalten hatte und sich dabei nach anfänglich abwehrender Haltung auch noch recht wohl gefühlt hatte. Hatten diese Tabletten Schuld daran? „Die vernebeln einem doch das Gehirn komplett“, beschwerte sie sich bei Julia. „Aber ohne sie hätte ich diesen Besuch nicht überlebt – oder ich hätte mich ziemlich sicher sehr unangemessen verhalten“, heulte sie vor sich hin. „Verdammt, ich hab mit ihr wie mit einer Freundin gesprochen. Ich hab doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich hatte so eine Wut auf diese Frau, habe sie – unbekannterweise – richtig gehasst.“

„Du und gehasst? Das kannst du ja überhaupt nicht“, meinte Julia nachdenklich.

„Auf jeden Fall war ich immer sehr wütend auf sie, weil ich ihr die Schuld dafür gegeben habe, dass meine Schwiegereltern mit mir so unzufrieden waren. Und jetzt – sind wir doch einmal ganz ehrlich – kann ich es ganz gut verstehen. Sie ist eine Schönheit, sie hat studiert, sie hat ausgezeichnete Manieren, vollendete Umgangsformen und in ihrem Namen steht ein ‚von‘. Ja, und nicht zu vergessen, unglaublich reich ist sie bestimmt auch noch.“

„Ich glaube, du kannst mit dir ganz zufrieden und auf deine Arbeit sehr stolz sein, Elena. Das hat auch Manuel so gesehen. Du hast jahrelang sehr vielen Menschen geholfen und so manchem Hoffnungslosen mit deiner außergewöhnlich einfühlsamen Art in seiner größten Not Trost gespendet. Deine Patienten haben dich geliebt, weil du immer die richtigen Worte parat hattest. Erwähnenswert wäre da auf jeden Fall noch die Geduld, die du für deine Patienten – zum Teil auch sehr schwierige – stets aufgebracht hast. So mancher wollte am liebsten ausschließlich von dir betreut werden. Manuel hat dich dafür sehr bewundert und außerordentlich geschätzt. Das hat er mir höchstpersönlich zu Papas Geburtstagsfeier erzählt, also weiß ich es aus sicherster Quelle. Und was das Geld betrifft – davon hatte er doch selber zur Genüge. Also, Schwesterchen, besteht für dich nicht der geringste Anlass, Komplexe aufkommen zu lassen. Ganz im Gegenteil – keine außer dir hatte eine Chance bei Manuel – auch nicht eine blaublütige, steinreiche, wunderschöne Belinda. Mein Gott, Elena, überleg doch mal, welch große, ehrliche Liebe Manuel für dich empfunden haben muss – nachdem du Belinda jetzt kennengelernt hast. So solltest du denken.“

Julia hatte es mit ihrer Ansprache gut gemeint. Sie wollte Elenas Selbstbewusstsein stärken. Erreicht hatte sie damit jedoch nur, dass ihrer Schwester noch mehr bewusst wurde, was sie durch Manuels Tod verloren hatte. Eine große, ganz besondere Liebe. Elena weinte so sehr, dass Julia anhalten musste.

„Entschuldigung, Elena, es tut mir so leid. Ich habe nicht genug darüber nachgedacht, was ich rede. Wie dumm von mir.“

„Ist schon gut. Du hast es lieb gemeint. Es ging auch weniger um Manuels Meinung, sondern viel mehr um die seiner Eltern. Für die beiden war ich als Nachfolgerin von Belinda indiskutabel. Wahrscheinlich hätte es auch jede andere sehr schwer gehabt. Selbst eine Studierte wäre nicht gut genug gewesen, weil ihr ja immer noch der Adelstitel gefehlt hätte. Ich aber war für meine Schwiegereltern mit Sicherheit die allerunterste Schublade, die es überhaupt gibt. Meine Mutter ist Hausfrau, mein Vater übt einen minderwertigen Beruf aus – zumindest sieht meine Schwiegermutter das so – also zusammengefasst: ein sozial minderwertiges, niveauloses Zuhause. Ich selbst habe es auch nicht viel weiter gebracht – Realschulabschluss und eine Ausbildung zur Krankenschwester. Was soll daran bewundernswert sein?“

„Trotzdem – für mich war deine Arbeit viel wertvoller, als hängende Popos nach oben zu nähen.“

„Julia, es gibt doch in der Schönheitschirurgie nicht nur solche OPs. Es gibt so viele Menschen, die so sehr unter einem Makel leiden, dass sie psychisch krank werden. Oder Leute, die nach einem Unfall unter zurückgebliebenen Entstellungen unfassbar leiden müssen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich diese Menschen sind, wenn ihnen geholfen werden kann.“

„Also, ich muss ja schon ehrlich zugeben, dass ich mir ganz viel Mühe gegeben habe, Belinda unsympathisch zu finden. Es ist mir nicht gelungen, Elena!“

„Ja, du hast recht. Aber weißt du, was ich unterschwellig die ganze Zeit denken musste? Sie scheint nicht wirklich um Manuel zu trauern, oder?“

5

Die Tage bis zur Beerdigung verbrachte Elena hauptsächlich im Haus – in ihrem Haus. Sie verließ es nur, um die Kinder in den Kindergarten zu bringen und wieder abzuholen. Julia hatte sie darin bestärkt, die beiden am vierten Tag nach dem Unfall wieder in den Kindergarten zu schicken. Es tat ihnen gut – sie waren abgelenkt und ihre Anspannung ließ etwas nach. Irina, Julia und ihre Eltern kümmerten sich täglich um Elena und schotteten sie gegen andere Besucher ab. Aber die Zeiträume, in denen Elena alleine war, verbrachte sie ausschließlich mit Manuel. Sie lag stundenlang in ihrem Ehebett und schnupperte an seiner Bettwäsche, roch im Bad an seinem zuletzt benutzten Handtuch – das alles würde sie niemals waschen. Welche Möglichkeit gab es, diesen Geruch zu speichern, zu vakuumieren? Sie lief immerzu an seiner Parfümflasche riechend durch das Haus – von Bild zu Bild. Sie redete mit ihm – pausenlos. „Bitte komm wieder zurück, mein Liebling. Du kannst mich doch nicht alleine lassen. Bitte, bitte komm wieder – ich brauche dich so sehr. Ich kann ohne dich nicht leben. Deine Kinder brauchen dich.“ Sie setzte sich in seinen Kleiderschrank und streichelte lange seine Klamotten. Dort fand Julia sie dann auch eines Tages und sah sie mit großen Augen an.

„Ja, Schwesterherz, ich werde wohl verrückt werden. Ich halte diesen Schmerz nicht aus. Es tut mir leid.“

Julia nahm ihre Hand und zog sie aus dem Schrank. „Elena, denk bitte an die Kinder. Du darfst trauern, du sollst trauern – auch deine Kinder sollen trauern, aber bitte mach ihnen keine Angst. Dein Verhalten in dieser schwierigen Ausnahmesituation kann sehr negative Auswirkungen auf ihr ganzes Leben haben. Du trägst gerade eine unermesslich große Verantwortung. Du musst dafür Sorge tragen, dass deine Kleinen diese Phase möglichst unbeschadet überstehen. Bitte denk auch darüber nach, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Für dich selbst und auch für die Kinder.“

„Weißt du, was Lois heute Morgen beim Frühstück gesagt hat?“, fragte Elena. Julia schüttelte den Kopf. „Papa hat mir aber versprochen, dass wir am Samstag gaaaaanz viel Fußball spielen – mit einem neuen Ball. Und jetzt ist er lieber im Himmel. Er hat gelogen.“ Nun liefen auch bei Julia die Tränen. „Selina hat gestern gefragt, ob Papi sie auch sieht, wenn es regnet. Julia, wie soll man so etwas aushalten? Was antwortet man einem kleinen Kind auf solche Fragen?“

„Noch mal, Elena – bitte nimm therapeutische Unterstützung in Anspruch. Heutzutage ist das wirklich keine Schande mehr. Ich weiß auch nicht, was die richtige Antwort wäre. Sicher werden noch eine ganze Weile solche Fragen und Situationen kommen.“

„Du meinst eine Weile – bis sie sich an ihren Papa nicht mehr erinnern können?“

„Nein, so war das nicht gemeint. Die Erinnerung kann, nein, muss erhalten bleiben, aber der Schmerz muss weniger werden – er muss auszuhalten sein. Dafür bist hauptsächlich du verantwortlich. Du sorgst dafür, dass die Kinder mit viel Liebe an ihren Papa zurückdenken, ohne dabei zugrunde zu gehen. Ist es für dich in Ordnung, wenn ich mich um psychologischen Beistand für euch kümmere?“

„Lass mal, Julia – bitte gib mir noch etwas Zeit. Ich möchte nicht – noch nicht – mit einem wildfremden Menschen über Manuel sprechen.“

6

Belinda hielt sich tatsächlich an ihr Versprechen, sich zu melden. Zuerst war Elena sehr überrascht und auch ziemlich abweisend – irgendetwas sträubte sich bei ihr innerlich gegen einen Kontakt. Aber Belinda schaffte es in kürzester Zeit, Elena für sich zu gewinnen. Geschickt machte sie sich zu ihrem allerliebsten Gesprächspartner, weil auch sie Manuel sehr nahe gestanden hatte und dementsprechend viel über ihn erzählen konnte. Mit niemandem sonst konnte Elena so intensiv über Manuel reden. Ganz bewusst machte Belinda Elena in regelmäßigen Abständen klar, dass das Ende ihrer Beziehung von beiden gewünscht war. Sie erklärte auch ständig ganz ausführlich, dass Manuel und sie eine vollkommen andere Beziehung geführt hatten.

„Zuletzt war auch keine Rede mehr von Liebe. Unsere Gefühle füreinander waren lange nicht so tief gehend und ehrlich wie eure, Elena – auch nicht am Anfang. Unsere Beziehung war ehrlich gesagt ziemlich oberflächlich. Es ging hauptsächlich um Partybesuche und ich gebe auch zu, dass ich öfter fremdgegangen bin. Ich bin kein Mensch, der sich fest binden möchte – ich brauche meine Freiheit und zuerst dachte ich, dass Manuel perfekt zu mir passt. Ich hatte anfangs das Gefühl, dass er genauso denkt und fühlt wie ich. Er gab sich nach außen hin so, dass er mich zu Beginn vollkommen davon überzeugte. Vielleicht wollte er wirklich eine lockere und unverbindliche Beziehung führen, aber ich habe mit der Zeit immer deutlicher gespürt, dass zwischen Manuels Tun und seinen wahren Gefühlen eine riesige Kluft war. Er hatte Angst vor zu intensiven Gefühlen und einer festen Bindung, weil er befürchtete, dass er seine beruflichen Pläne dann nicht wie gewünscht umsetzen könnte. Für ihn war es unvorstellbar, eine Familie zu gründen, für die er Verantwortung tragen müsste, und gleichzeitig ein guter, engagierter Arzt zu sein. Na ja, es ist auch tatsächlich so, dass bei vielen Ärzten die Ehe scheitert oder zumindest nicht wirklich gut funktioniert. Die Partner müssen ungeheuer viel Verzicht üben, Verständnis haben und die vielen kleinen und großen Alltagsprobleme meist alleine lösen. Aber du hast es ja offensichtlich sehr gut geschafft, dich mit der seltenen Anwesenheit deines Mannes zu arrangieren. Er muss dich unwahrscheinlich geliebt haben, Elena, dass er sich trotz all seiner Bedenken doch noch auf den Weg zum Altar gemacht hat.“

Belinda erzählte viele Geschichten aus ihrer gemeinsamen Studienzeit und Elena weinte oft. Trotzdem bat sie Belinda immer wieder unter Tränen, ihr weitere Episoden zu erzählen. Sie wollte alles – restlos alles wissen, was Belinda über Manuel erzählen konnte. Sie saugte alles auf wie ein überdimensional großer Schwamm. Dazu stellte sie sich immer Bilder vor – Manuels verschmitztes Lächeln, sein berühmtes, umwerfendes Augenzwinkern, seine gekräuselte Denkerstirn, seinen ironischen Blick, seine wunderschönen blauen und meist strahlenden Augen, seinen extrem maskulinen, perfekten Körper. Oh, es tat so weh und doch wollte sie alles hören, was es über Manuel zu erzählen gab. Bereitwillig erfüllte Belinda ihr den Wunsch und schon bald war es Elena, die Belinda um Treffen bat. Belinda hatte es geschafft, Elena davon zu überzeugen, dass Manuel am Anfang ihrer Beziehung allerhöchstens in sie verliebt war.

„Richtig geliebt hat er mich aber mit hundertprozentiger Sicherheit niemals“, beteuerte Belinda. Sie behauptete sogar sehr überzeugend, dass Manuel während ihrer ganzen gemeinsamen Zeit niemals „Ich liebe dich“ gesagt hatte. Durch Belindas geduldige Überzeugungsarbeit schaffte Elena es, in ihr nicht mehr Manuels Exfreundin – eine verlorene und beweinte Liebe – zu sehen.

Elena erfuhr in dieser Zeit so viel über Manuel und ihr wurde immer bewusster, dass er nie viel von seinem früheren Leben erzählt hatte. Komisch, dass ihr das nie aufgefallen war. Sie waren immer so sehr mit sich, der Gegenwart und ihren Plänen beschäftigt gewesen, dass sie anscheinend keine Zeit erübrigen konnten, um über die Vergangenheit zu sinnieren. Im Nachhinein betrachtet, erschienen Elena die gemeinsam verbrachten Stunden wie kurze Episoden eines Films. Sie hatte sich immer riesig auf das Zusammensein gefreut und die Stunden stets im Voraus sorgfältig verplant. Die Umstände waren einfach so und sie hatte sich nie erlaubt, über deren Richtigkeit nachzudenken.

Jetzt fragte sie sich, ob der Lebensstil für sie wirklich in Ordnung gewesen war. Hatte sie sich nicht oft einsam gefühlt? War ihr die alleinige Verantwortung für das Familienmanagement und das Haus nicht zu viel gewesen? War sie richtig glücklich und zufrieden gewesen? Wenn sie ganz ehrlich war – nein. Es war oft vorgekommen, dass sich ihr Wünsche nach einem ganz normalen Familienleben – mit regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten, Spieleabenden, entspannten Urlaubstagen, gemeinsamen Kinobesuchen und so weiter – aufdrängten. Sie hatte aber einen Mechanismus entwickelt – so etwas wie einen Ausknopf in ihrem Kopf installiert, den sie ganz rasch drückte, wenn ihr solche Gedanken in den Sinn kamen. Sie wusste schließlich von Anfang an, worauf sie sich eingelassen hatte. Manuel hatte ihr offen und schonungslos klargemacht, wie ihr Leben mit ihm aussehen würde. Und so kam es auch – auch wenn sie anfangs dachte beziehungsweise hoffte, dass er mit der Zeit von selbst beruflich kürzertreten würde. Aus Liebe und Sehnsucht nach seinen Kindern – seiner Frau. Nein, so kam es leider nicht – es kam genau so, wie Manuel es Elena vor seinem offiziellen Heiratsantrag geschildert hatte. Elena sah in ihrer Eheschließung auch so etwas wie einen Vertrag, mit ganz klar vereinbarten Rechten und Pflichten. Ja, sie kannte seine Träume, seine Ziele, seine unglaublich extrem ausgeprägte Intension, Menschen zu helfen und vor allem der Menschheit durch erfolgreiche Forschungsergebnisse große Fortschritte in der Medizin zu bescheren. Er wollte etwas Bedeutendes erreichen – eine wichtige Spur auf dieser Erde hinterlassen.

Diesen imaginären Vertrag wollte sie klaglos erfüllen – etwas anderes kam für sie nicht infrage. Ihr Ehrgefühl und ihr Gerechtigkeitssinn ließen nichts anderes zu. Sie ging mit den Kindern alleine ins Kino, alles Mögliche feierten sie meist ohne Papa – Geburtstage, Heiligabend, Silvester, Ostern, Kindergartenfeste und so weiter. Wenn er es aber schaffte, einmal dabei zu sein, dann wurde aus dem gegebenen Anlass meist ein unvergessliches Event. Sowohl Elena als auch die Kinder waren wegen Manuels Anwesenheit hoch erfreut und so aufgeregt, dass sie sich völlig aufgedreht verhielten. Alle bemühten sich, ihm ein paar fröhliche und unbeschwerte Stunden zu bieten. Fast so, als ob sie ihm zeigen wollten, wie toll es war, mit ihnen Zeit zu verbringen. Ob das immer so weitergegangen wäre? Auch darüber dachte Elena nun intensiv nach – hätten die Kinder immer so ein großes Verständnis für Papas berufliche Ambitionen gehabt? Auch dann noch, wenn er eventuell ihre Abiturfeier verpasst hätte? Wie hätte es mit ihrem Verständnis in zehn Jahren ausgesehen? „Keine Ahnung“, sagte sie laut zu ihrem Spiegelbild. „Ich habe wirklich keine Ahnung! Und jetzt werde ich es auch nie mehr erfahren.“ Sie ließ sich auf den Boden fallen und kauerte vor der Badewanne, als Belinda ins Badezimmer kam.

„Liebe, Liebe, komm, steh auf.“

„Ich will, dass er wiederkommt! Ich will ihn wiederhaben – ich kann ohne ihn nicht leben! Nein, ich kann nicht und ich will nicht. Ich will, dass alles wieder so ist, wie es war.“

„Er ist bestimmt bei dir.“

„Wo denn? Ich kann ihn nicht sehen, nicht riechen, nicht fühlen und ich höre ihn auch nicht. Wo bitte schön soll er sein?“

„Elena, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir nichts wissen.“

7

Am achten Tag nach dem Unfall klingelte es an der Haustür. Elena war alleine zu Hause und überlegte, ob sie aufmachen sollte. Keiner der Menschen, die sie überhaupt ins Haus lassen würde, konnte es sein. Das Klingeln hörte aber nicht auf und der Gedanke, dass Selina oder Lois etwas passiert sein könnte, setzte sie dann doch in Bewegung.

„Guten Tag, Frau Schrader. Elena Schrader?“

„Ja, das bin ich, guten Tag.“

Eine Frau und ein Mann standen vor der Tür, stellten sich als Kripobeamte vor, zeigten brav ihren Ausweis und baten darum, eintreten zu dürfen.

„Kripo, wieso denn Kripo? Liegt ein Verbrechen vor? Wissen Sie, warum mein Mann sterben musste?“

„Warum der Unfall passiert ist, wissen wir jetzt, aber warum er sterben musste, das wissen wir nicht. Um diese Frage zu klären, bräuchten wir Ihre Hilfe, Frau Schrader. Könnten Sie uns bitte ein paar Fragen beantworten?“ Die Kripobeamtin schaute sie an und aus irgendeinem Grund musste Elena denken: Auch du hättest dich in Manuel verliebt, wetten?

„Gerne, aber bitte beantworten Sie zuerst meine Frage: Warum ist mein Mann verunglückt?“

„Die Obduktion hat nichts ergeben. Keine Spur von Misshandlung oder irgendwelchen Drogen, Medikamenten, Alkohol oder sonstigen Stoffen. Sein Leichnam wurde für die Beerdigung freigegeben, Frau Schrader. Sein Auto weist allerdings verdächtige Spuren auf. Der Motorraum wurde definitiv manipuliert – irgendjemand hat sich an den Bremsschläuchen zu schaffen gemacht. Können Sie sich vorstellen, wer Ihrem Mann nach dem Leben getrachtet haben könnte? Hatte er Feinde, Neider?“

„Oh, sicherlich nicht. Manuel war total beliebt. Er war immer im Mittelpunkt, aber niemals ein Angeber. Er war von Natur aus ein sehr fröhlicher, sympathischer Mensch, dessen Nähe viele Menschen gesucht haben. In der Cafeteria zum Beispiel saß er niemals alleine, selbst wenn er es so manches Mal versucht hat. Es ging einfach nicht, denn es gesellte sich nach kürzester Zeit immer irgendjemand zu ihm. Nein, nein, Manuel hatte keine Feinde – nur Freunde und Bewunderer.“

„Jeder Mensch hat Freunde und Feinde, Frau Schrader, das ist normal. Kein Mensch schafft es, allen alles recht zu machen. Und gerade die Beliebten haben logischerweise Neider.“

„Wieso fragen Sie mich überhaupt, wenn Sie mir sowieso nicht glauben?“

„Ich möchte ja nicht bezweifeln, dass Herr Schrader sehr beliebt war. Sie müssen jedoch bedenken, dass Neider sich selten zu erkennen geben. Sie leiden vor sich hin und warten sehnsüchtig auf den Tag, an dem das Schicksal endlich böse zuschlägt. Wenn das zu lange nicht passiert, dann fangen sie an, Pläne zu schmieden, um nachzuhelfen, dass dem Angeber endlich auch das Lachen vergeht. Zuerst sind es nur Pläne und schöne Vorstellungen. Dann kommt vielleicht der Tag, an dem es der Neider einfach nicht mehr aushält, weil er schon ganz krank ist vor lauter aufgestautem Frust, und schlägt schließlich zu.“

„Das mag es geben, aber mir fällt beim besten Willen kein Mensch ein, der so einen großen Hass für Manuel empfinden könnte.“

„Sie kennen alle seine Kollegen?“

„Nein, natürlich nicht, aber Manuel war auch sehr sensibel, er hätte so was gewiss gespürt. Genauso sicher bin ich mir, dass er mit mir über einen solchen Verdacht geredet hätte. Wir haben nämlich immer über alles geredet – es gab keine Geheimnisse zwischen uns!“

Haben wir das wirklich?, dachte Elena – na ja, für die Zeit vor unserem Kennenlernen stimmt diese Aussage auf jeden Fall nicht. Immerhin hatte sie entsetzt und traurig feststellen müssen, dass sie so gut wie nichts darüber wusste.

„Oder eventuell ein Patient – bei Ärzten besteht immer auch die Möglichkeit, dass sie Fehler machen beziehungsweise Patienten oder Angehörige sie eines Fehlers bezichtigen. Gab es in letzter Zeit eine Klage oder vielleicht eine Diskussion bezüglich einer fehlgeschlagenen Behandlung?“

„Nein, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Manuel berufliche Fehler gemacht hat. Er war der beste und gewissenhafteste Arzt der Welt“, beeilte sich Elena, in einem ziemlich trotzigen Tonfall zu sagen.

„Frau Schrader, wir möchten ihm ja auch nichts unterstellen – es ist selbstverständlich nicht unsere Absicht, Ihren Mann in irgendeiner Art und Weise schlechtzureden. Unsere Aufgabe ist es, den Mörder Ihres Mannes zu finden.“

„MÖRDER?“, fragte Elena entsetzt.

„Ja, es war ein Mord – zumindest bestand zu einhundert Prozent die Absicht, dass Ihr Mann verunglückt. Ob der Täter gleich an Mord beziehungsweise an ein so schreckliches Ende gedacht hat, können wir natürlich nicht sagen.“ Das war der erste Satz des Beamten und dafür hätte Elena ihn am liebsten geohrfeigt. „Frau Schrader, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber jeder Mensch macht Fehler – sicher hat Ihr Mann auch schon welche gemacht, was bei dem Stress, den die Ärzte heutzutage haben, nicht verwunderlich wäre.“

Sie suchten intensiv nach Fehlern – sie wollten Manuel um jeden Preis schlechtmachen und das war für Elena unerträglich. Sie fühlte sich sehr verletzt. Sie hatte aber plötzlich keine Kraft mehr, sich zu wehren oder Manuel weiterhin in Schutz zu nehmen. Die Gedanken wirbelten durch ihre Gehirnwindungen wie eine außer Kontrolle geratene Achterbahn, die einfach nicht mehr anhalten konnte. Irgendjemand hatte Manuel umgebracht! Ein Mensch hatte ihren Manuel so sehr gehasst, dass er bereit gewesen war, ihn zu töten. Dieser Gedanke war so unrealistisch – so abwegig. Das musste eine Verwechslung sein. Das wäre die einzige sinnvolle Erklärung.

Die Beamten verabschiedeten sich höflich, was Elena aber kaum wahrnahm. Beim Hinausgehen erkundigte sich die Beamtin, ob sie irgendjemanden verständigen sollten. „Können wir Sie alleine lassen, Frau Schrader?“

„Ja, meine Freundin kommt sowieso gleich“, hörte sie sich sagen. Sie nannte Belinda ihre Freundin – ja, wer einem so zuhört, hilft, guttut und zur Seite steht, ist doch eine echte Freundin, oder etwa nicht? Ihr Gedankenkarussell drehte sich unaufhaltsam weiter und sie realisierte nicht, dass die Kripobeamten gingen. „Leichnam freigegeben für die Beerdigung“, murmelte Elena leise vor sich hin und dann noch einmal lauter: „Leichnam freigegeben für die Beerdigung.“ Ich will, dass Manuel hier, wo wir zusammen gewohnt haben, beerdigt wird. Ich will jeden Tag an sein Grab gehen können. Die können das doch nicht alleine bestimmen! Wieso hatte sie nichts gesagt? Auto manipuliert? Während sie sich völlig ihrer Leidenschaft hingegeben und unglaublich viel Spaß dabei gehabt hatten, hatte jemand die Zeit genutzt, um an seinem Auto zu hantieren. Hätten sie sich einen Hund angeschafft, so wie Manuel es schon lange gewollt hatte, hätte dieser vielleicht angeschlagen und Manuel würde noch leben. Meine Schuld! Es ist also meine Schuld! Die paar Hundehaare im Haus. Wie gerne hätte ich Manuel wieder und Berge von Hundehaaren im Haus. – Was für einen Mist denke ich denn nur? Wie kann ich in dieser Situation an einen Hund denken? Ich werde verrückt. Hoffentlich kommt Belinda gleich und bestätigt mir mit vernünftigen Argumenten, dass ich keine Schuld habe, wünschte sich Elena inständig. Dass der Hund sicher auch nicht reagiert hätte, dass er es auch nicht hätte verhindern können. Irgendetwas in der Art wollte Elena gerne hören.

Sie nahm ihr Handy und rief bei den Schwiegereltern an. „Hallo, Renate, hier ist Elena. Die Kripo war gerade …“

„Danke, wir wissen schon Bescheid. Wie geht es den Kindern?“

„Sie gehen in den Kindergarten und dort lassen sie sich wohl auch ganz gut ablenken. Zu Hause sind sie sehr still und traurig.“

„Du musst dich eben zusammenreißen. Du kannst dich vor den Kindern nicht so hängen lassen. Wir Erwachsenen müssen Haltung bewahren.“

„Ich gebe mir die größte Mühe, aber es tut so weh, dass ich den ganzen Tag nur schreien könnte.“ Wie um Himmels willen komme ich dazu, meiner Schwiegermutter etwas über meine Gefühle zu erzählen? Bin ich denn von allen guten Geistern verlassen? Sie hat mich schließlich nicht gefragt, wie es mir geht, sondern wie es den Kindern geht.

„Belinda hat sich angeboten, die Kinder mit zu uns zu bringen.“

Wenn es mir dann recht ist, dachte Elena zornig. Verflixt, ich will jetzt keinen Streit anfangen. Ich muss mich aber wirklich unglaublich anstrengen, es nicht zu tun, versuchte sie sich selbst in Schach zu halten. Sie wollte ihren Kindern nicht auch noch die Großeltern wegnehmen. Aber sie nahmen sich mit einer Selbstverständlichkeit Rechte heraus. Sie – vor allem Renate – fragten nie, nein, sie erteilten ganz klare Befehle. Zu widersprechen, hätte wenig Sinn gehabt – die Erfahrung hatte Elena häufig – nein, eigentlich immer gemacht. Unglaublich – nur weil sie aus einer nicht ebenbürtigen Kaste stammte, meinte Renate, sie so abfällig behandeln zu können. Mit Belinda würde sie niemals so sprechen!

Elena schluckte ihren Ärger herunter und fragte leise: „Fällt dir ein Mensch ein, der Manuel nicht leiden konnte – jemand, der ihn so gehasst haben könnte, dass er ihm nach dem Leben getrachtet hat?“

„Natürlich nicht! Manuel hat nur Gutes getan. Wer sollte ihn dafür bestrafen wollen? Dein Ex war doch immer so eifersüchtig – dieser Taugenichts!“

Was hätte sie schon erwarten können? Natürlich suchte die Familie Schrader in Elenas Bekanntenkreis nach dem Mörder. Dass sie nicht von selbst darauf gekommen war. Selbstverständlich kam der Mörder aus ihren Reihen – bei ihrem sozialen Umfeld musste so etwas ja passieren. Jens, ihr Exfreund, war eifersüchtig – das stimmte schon. Sie hatte sich, schon ein paar Monate, bevor sie Manuel kennengelernt hatte, von ihm getrennt. Und ja, Jens hatte ihn ziemlich angetrunken nachts um zwölf in einer Bar dumm angemacht. Die Story hatte Manuel bei einer Familienfeier zum Besten gegeben. Er fand es einfach nur lustig, wie Jens ihm klarmachen wollte, dass er sein „Mäuschen“ eines Tages schon wieder zurückerobern würde. Aber wie krank war es, zu glauben, dass Jens Manuel deswegen getötet hatte. Zudem hatte er gleich am Morgen nach dem Vorfall angerufen und sich entschuldigt. Sein lächerlicher Auftritt war ihm im nüchternen Zustand unheimlich peinlich gewesen. Jens war ein absolutes Weichei – ohne Alkohol im Blut hätte er die beiden wahrscheinlich nicht einmal begrüßt. Das war auch der Grund für die Trennung gewesen. Elena hatte immer den Eindruck gehabt, Jens beschützen und alles für ihn regeln zu müssen. Sie wollte aber diejenige in einer Beziehung sein, die beschützt wird. Also war eine Ehe mit Jens für sie indiskutabel gewesen.

Elena war so sauer auf Renate, weil sie ihr mit jedem Blick, mit jedem Wort, mit jeder Geste klarmachen musste, dass sie der Meinung war – ihr Mann Ludwig dachte selbstverständlich ebenso –, dass sie nicht einmal bescheidene zehn Prozent ihrer Anforderungen an eine Schwiegertochter erfüllte. Sie hatten schon früh ein ganz klares Bild von ihrer Schwiegertochter vorgefertigt. Das Schlimmste war die Tatsache, dass es diese perfekte Schwiegertochter in ihrem Leben schon gegeben hatte. Wahrscheinlich, nein, ziemlich sicher hatte Belinda die einhundert Prozent sogar überschritten.

„Belinda wird mit den Kindern zu euch kommen. Auf Wiedersehen.“ Nein, auf Nimmerwiedersehen, wünschte sich Elena nach dem Ende des Gesprächs von ganzem Herzen.

Nach einigen Minuten, in denen Elena heftig weinte und mit Schnappatmung sowie Fassungslosigkeit kämpfte, wurde ihr klar, dass sie nichts zu der Beerdigung gesagt hatte. Ich bin selbst ein Weichei. Ich war zu feige, meine Meinung zu äußern. – Nein, das war ich nicht. Es ist immer das gleiche Muster. Diese Menschen schaffen es immer wieder, dass ich den Faden verliere und dumm dastehe – es war noch nie anders! Ich habe mich nach jeder Begegnung mit meinen Schwiegereltern klein, dumm und hässlich gefühlt, gestand Elena sich resigniert ein. Bereits nach ihrem ersten Besuch war sie wie ein geprügelter Hund aus der Villa gelaufen – besser gesagt gerannt –, weil sie sich darüber im Klaren gewesen war, dass sie es nicht geschafft hatte, auch nur einen kompletten, vernünftigen Satz zu sagen. Sie wurde beim Sprechen immer unterbrochen und grundsätzlich noch währenddessen korrigiert. Ihre Meinung war generell falsch, weil sie über kein Thema wirklich Bescheid wusste. Wie oft hatte sie zu spüren bekommen, dass ihr kein Gehör geschenkt wurde, wenn sie sich doch einmal getraute, etwas zu sagen. Als besondere Beleidigung wurde, prinzipiell während sie noch sprach, ein ganz anderes Thema angeschnitten. Sie hatte viele Stunden nahezu stumm in der Villa verbracht. Das wiederum wurde ihr natürlich so ausgelegt, dass sie zu den angesprochenen Themen einfach nichts zu sagen wusste.

Manuel reagierte darauf sehr unaufgeregt. „Sie sind unmöglich, stocksteif und konservativ – eigentlich bedauernswert. Wir überleben die paar Besuche im Jahr. Ich unterhalte mich mit dir sehr gut und gerne – vor allem über ein Thema.“ Er küsste ihr die Sorgen einfach weg. War ihre Beziehung für ihn in der Hauptsache sexuell? Nein, nein und nochmals nein! Ich werde jetzt auf gar keinen Fall anfangen, unsere Beziehung infrage zu stellen. Wir waren glücklich, sehr glücklich, und zwar beide gleichermaßen. Wir hatten unser ganz persönliches Arrangement getroffen, das für uns beide so völlig in Ordnung war. Nein, sie wollte keine bösen, kleinen Teufelchen in ihren Kopf hineinlassen, die Manuels Bild oder ihre Beziehung im Nachhinein zerstörten.

Elenas T-Shirt war vom Weinen ganz nass geworden und sie wollte sich umziehen, weil Belinda gleich kommen würde. Sie machte den großen Schrank auf, den sie sich mit Manuel geteilt hatte. Liebevoll nahm sie den Zipfel eines seiner Hemden in die Hand und schnupperte daran. Erschrocken dachte sie, dass das Hemd nicht mehr richtig nach Manuel duftete! Voller Panik roch sie an allen anderen Sachen. An der Bettwäsche, an dem zuletzt benutzten Handtuch im Bad – nichts roch mehr intensiv genug nach ihm. Manuels Geruch verflog. Sie rannte wie eine wild gewordene Stute an den Schuhschrank – aber auch der Geruch der Schuhe enttäuschte sie. Sie rannte ins Bad und holte das Parfüm, das er immer benutzt hatte, und zwar immer nur das eine. Sie kannte keinen anderen Duft an ihm. Wütend und verzweifelt sprühte sie alles ein. Die Flasche war fast leer. Sie musste sofort los, um eine neue zu kaufen. Es darf niemals aufhören, nach Manuel zu riechen – niemals!

8

Die Kinder waren bereits im Bett und Belinda war etwas früher als sonst gegangen, weil sie noch einen letzten Versuch starten wollte, um mit den alten Schraders über die Beerdigung zu sprechen. Elena hatte sie darum gebeten, auch wenn sie sich deswegen selbst als feige bezeichnete. Sie saß auf dem Sofa und hing ihren Gedanken nach. Inzwischen hatte sie sich etwas beruhigt. Es war für sie immer gut, wenn die Kinder nach Hause kamen, auch wenn sie oft gerne länger mit Manuel alleine geblieben wäre. Die Mäuse lenkten sie ab, forderten ihre Rechte ein. Sie musste feststellen, dass es den von der Schwiegermutter angesprochenen „Reiß dich zusammen“-Knopf tatsächlich gab. Unverschämte Person! Sie hält sich für so fein und gebildet. Ihr Sozialverhalten geht jedoch eindeutig in den Minusbereich, dachte sie trotzig.

Elena hätte später nicht sagen können, wie lange sie so in Gedanken versunken war. Immer wieder musste sie weinen, ansonsten bewegte sie sich kaum. Ihr Blick wanderte durch das Wohnzimmer und suchte nach Gegenständen, die Erinnerungen weckten. Sie sah Szenen vor sich, die hier stattgefunden hatten – manchmal so lebhaft und echt, dass sie hin und wieder das Gefühl hatte, die Situation gerade eben erst erlebt zu haben. Worte aus Gesprächen hallten in ihrem Kopf nach, als ob Manuel sie soeben gesagt hätte. Immer wieder streifte ihr Blick auch die Terrasse. Manuel hatte es ganz besonders geliebt, in lauwarmen Sommernächten dort mit einem Glas Rotwein und natürlich mit ihr zu sitzen. Obligatorisch für einen solchen Abend war auch seine begehrte Käseplatte, dekoriert mit kleinen süßen Trauben sowie würzigen grünen und schwarzen Oliven. Hätte er doch nur öfter Zeit gehabt für solche „Kurzurlaube“, wie er diese Abende schmunzelnd genannt hatte. Entweder musste er arbeiten oder das Wetter spielte nicht mit. Sie waren wirklich nicht allzu oft in den Genuss ihres wunderschönen Gartens gekommen. Dafür waren die wenigen besonders schöne, unvergessliche Abende und Nächte gewesen. Sie hatten es immer sehr genossen, sich im Freien zu lieben. Mit diesen Gedanken, einem verträumten Lächeln und gleichzeitig kullernden Tränen blieb ihr Blick an der Terrassentür hängen.

Elenas Atem stockte, denn sie sah eine Gestalt, die ganz langsam – fast in Zeitlupe – an der Fensterscheibe entlangschlenderte. Die Glasscheibe spiegelte etwas, weswegen sie die Gestalt nicht ganz klar sehen konnte. Sie war sich jedoch ganz sicher, dass es Manuels Figur war. Ganz eindeutig war es seine Gestalt – groß, breite Schultern, schmale Hüften, lange Beine, knackiger Po! Die Gestalt bewegte sich so langsam, dass es ihr problemlos möglich war, alles genau zu analysieren. Ja, sogar der Bewegungsablauf war zu einhundert Prozent der von Manuel. Elena hätte ihn unter Tausenden von Männern sofort wiedererkannt. Sie hatte diesen Körper so oft und so eingehend – mit der ganzen Liebe, die sie aufbringen konnte – studiert. Sie hatte diesen Leib nächtelang liebkost, gestreichelt und verwöhnt. Das da draußen war Manuel – er trug eine Schildkappe, die er ziemlich tief ins Gesicht gezogen hatte, weswegen Elena es nicht richtig sehen konnte. Der Schirm berührte beinahe seine Nase. Sie wollte aufstehen, zur Tür laufen, sie aufschieben, ihn in den Arm nehmen und schreien: „Ich wusste es doch, Liebling, du lebst! Sie haben sich geirrt. Es war eine Verwechslung – du bist nicht tot, nein, du lebst! Ich habe es die ganze Zeit gespürt.“

Irgendetwas hielt sie aber auf dem Sofa fest – es fühlte sich an, als ob unsichtbare, starke Arme sie in die Kissen drücken würden. Als Elena bemerkte, dass die Person gleich aus ihrem Sichtfeld verschwinden würde, gab sie sich einen Ruck. Unsicher stand sie auf und bewegte sich vorsichtig auf die Schiebetür zu, als ob sie Angst davor hätte, Geräusche zu machen, die den Zauber verfliegen lassen würden. Erst als ihre Hand den Hebel der Tür berührte, bemerkte sie, wie sehr sie zitterte. Mit großer Mühe und unglaublich viel Energieaufwand schaffte sie es, den Hebel umzukippen. Die Tür aufzuschieben, war noch schwerer und so geschah alles in Zeitlupe. Als die Tür dann endlich so weit offen war, dass Elena einen Schritt nach draußen machen konnte, war weit und breit niemand mehr zu sehen. Wie war das möglich? Der Garten war von einer durchgehenden Hecke umgeben. Es gab kein Schlupfloch – darauf achtete Elena sehr genau, wegen der Kinder. Wie war die Gestalt in den Garten gekommen und wie konnte sie so schnell wieder verschwinden? Hatte sie sich das alles nur eingebildet? War sie gerade dabei, verrückt zu werden? Nein, verdammt, sie hatte Manuel gesehen. Das war er gewesen – ganz sicher! Sie hätte nicht aufstehen sollen. Das war ein Fehler. Elena zitterte am ganzen Körper, sie schwitzte und fror gleichzeitig, sie hatte Gänsehaut und die Nackenhaare sträubten sich. Ihr Magen krampfte sich zusammen und in ihren Ohren dröhnte es. Die Wangen brannten wie Feuer und plötzlich versagten die Knie ihren Dienst. Sie ließ sich auf den Boden fallen, legte sich der Länge nach auf den Rücken, schaute zum Himmel hoch und rief laut: „Manuel, bitte komm wieder! Ich wollte dich nicht verscheuchen. Gib mir noch eine Chance, Liebling. Bitte, bitte! Ich kann ohne dich nicht leben und ich will es auch nicht. Ich glaube, dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, von denen wir nichts wissen – ich bin mir ganz sicher.“

9

Am nächsten Morgen kam ihr das Erlebnis vom Vorabend sehr unrealistisch vor, sodass sie an ihrem Verstand zweifeln musste. Ich wünsche mir so sehr, Manuel wieder lebendig vor mir stehen zu sehen, dass ich schon fantasiere. Ich darf nicht verrückt werden – ich muss mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben. Ich darf die Bodenhaftung unter keinen Umständen verlieren. Julia hat recht, ich muss endlich psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, ermahnte Elena sich selbst.

Lois krabbelte gerade auf ihren Schoß und wischte ihr eine Träne weg. „Mami, nicht weinen, alles wird gut. Soll ich ‚Heile Segen‘ singen?“

Aus den einzelnen, kleinen Tränen wurde ein Sturzbach. Sie wollte zuerst Nein sagen, als sie jedoch in sein trauriges, hilfloses Gesichtchen sah, sagte sie: „Gerne, mein Bärchen, das würde mir jetzt so guttun.“ Er wäre dann beschäftigt – würde sich gut und wichtig fühlen und sie müsste erst einmal nichts mehr sagen.

Lois nahm sie auf die Art und Weise in den Arm, wie sie ihn stets zum Trösten festhielt. Er wiegte sie hin und her und sang leise vor sich hin: „Heile, heile Segen.“ Auch Selina kam dazu, umfasste sie ebenfalls ganz fürsorglich von hinten und stimmte in Lois’ Gesang mit ein. Das Lied ging aber anders weiter, als Elena es kannte: „Heile, heile Segen, der Schmerz muss sofort gehen. Mami will ihn nicht mehr haben, drum holen ihn die schwarzen Raben. Sie nehmen das böse Aua mit und Mami ist ganz, ganz schnell wieder fit.“ Unter Tränen lächelte sie die beiden an und drückte sie an sich.

„Das ist ja lustig mit den Raben. Habt ihr das im Kindergarten gelernt?“

„Nein, Papi hat das so gesungen und immer wenn er ‚fit‘ gesungen hat, hat er uns fest gekitzelt. Und dann waren die Schmerzen weggezaubert.“

„Wann kommt er von seiner Reise wieder zurück, Mami?“, fragte Selina.

Da fiel Elena ein, dass sie sich dringend um einen Termin bei einem Kinderpsychologen kümmern wollte. Sie musste einsehen, dass sie zumindest für die Kleinen so schnell wie möglich fachliche Hilfe in Anspruch nehmen sollte. Es waren so schwierige Fragen, die die Kinder ihr stellten. Sie wollte auf keinen Fall eines Tages wegen unpassender Aussagen für psychische Schäden bei den beiden verantwortlich sein. Was war jetzt die richtige Antwort?

„Wisst ihr, das ist eine ganz besondere Reise, in ein ganz besonderes Land – nämlich in den Himmel. Richtig zurückkommen wird Papi nicht mehr – er wird euch in euren Träumen besuchen.“

„Warum ist er in den Himmel gereist? Hat es ihm bei uns nicht mehr gefallen? Bin ich schuld, weil ich böse war oder weil ich mich nicht getraut habe, ‚Hallo, ich bin die Biene und mache fleißig Honig für euch alle‘ zu sagen?“

Elena sah Selina durchdringend an, was die Kleine völlig verunsicherte.

„Weißt du es nicht mehr? Ich war doch die Biene am Kindergartenfest.“

Elena streichelte Selina über den Kopf und nickte.

„Wenn ich mich jetzt traue, kommt Papi dann wieder?“

Elena war völlig überfordert und wünschte sich in diesem Moment so sehr, dass das Telefon einen Ton von sich gab oder es an der Haustür klingelte. Sie wäre unglaublich dankbar dafür, auch wenn sie die letzten Tage fast nichts mehr gefürchtet hatte als das. Das Telefon blieb stumm, die Hausklingel ebenfalls und Selina sah sie aus großen, ängstlichen Augen an.

Mein Kind sucht die Schuld bei sich, registrierte Elena verzweifelt. Verdammt, da läuft etwas ganz gewaltig schief. Und das nur, weil sie sich nicht zusammenreißen konnte und sich nicht die Mühe machte, zu telefonieren. Ich bin so egoistisch, dachte Elena verzweifelt. Manuel wäre enttäuscht von ihr. Wie oft hatte er ihr dafür gedankt, dass sie alle Fäden im Hintergrund zog, das ganze Familienleben organisierte und sich einfach um alles kümmerte, sodass er immer den Rücken frei hatte. Sie erwartete und verlangte wirklich nie etwas von ihm, außer dass er ein interessierter und engagierter Papa war, wenn er zu Hause war, und dass er natürlich auch noch etwas Zeit für sie übrig hatte. So war es gut – für alle. Die Kinder waren zufrieden, wenn Papa mit ihnen Blödsinn machte, spielte, vorlas – auch wenn es manchmal nur eine halbe oder gar viertel Stunde war. Diesen wenigen Minuten verstand Manuel aber so viel Bedeutung zu geben, den Kindern so intensive Aufmerksamkeit zu schenken, dass sie wunschlos glücklich waren. Sie spürten in dieser knappen Zeit sehr deutlich, wie lieb ihr Papi sie hatte. Elena übernahm den Rest – sie erklärte den Kindern unermüdlich, dass ihr Papa ein ganz wichtiger Arzt war und ganz vielen kranken Menschen helfen musste. Sie hatte es geschafft, dass die Kinder in ihrem zarten Alter unbeschreiblich stolz auf ihren Vater waren und ihn immer verständnisvoll ziehen ließen. Selina bat ihren Papa immer öfter, ihr Geschichten aus der Klinik zu erzählen. Sie hörte interessiert und gespannt zu und erklärte immer wieder mit ernster Miene, dass sie auch Ärztin werden wolle. Die Große hatte bei der letzten Nikolausfeier im Kindergarten einer Frau, die voller Mitleid gefragt hatte, ob ihr Papa denn „schon wieder“ keine Zeit habe, erklärt, dass er sehr, sehr kranken Menschen helfen müsse – sonst würden diese doch sterben. Elena war vor Stolz fast geplatzt und hatte sich köstlich über das dümmliche Gesicht und die Sprachlosigkeit der Frau amüsiert.

„Ich lass Papi jetzt auch immer ausschlafen – versprochen“, piepste Lois und riss Elena aus ihren Gedanken. Ich muss antworten, ich muss etwas sagen. Etwas Kluges, Beruhigendes.

„Nein, meine Mäuse, nein, ihr habt gar keine Schuld. Ganz, ganz bestimmt nicht! Der liebe Gott hat den Papa wahrscheinlich dringend in seinem Himmel gebraucht und deshalb hat er ihn geholt.“

„Und wer hilft jetzt den kranken Menschen? Ist der liebe Gott ein böser Mann? Alle Patienten im Krankenhaus haben Schmerzen und Papi kann ihnen nicht mehr helfen. Das ist doch böse.“

Oh Gott, was soll ich denn nur antworten? „Im Krankenhaus sind ja noch viele andere Ärzte, die den kranken Menschen helfen können.“

„Dann soll der liebe Gott einen anderen Arzt holen und Papi wieder zu uns schicken.“

Ich antworte nicht das Richtige – ich mache alles noch schlimmer, dachte Elena verzweifelt. Selina wird immer unsicherer. „Papa war eben ein ganz besonders guter und fleißiger Arzt.“

„Also, wenn ich fleißig bin, komme ich in den Himmel und dann sehe ich Papi wieder?“

Oh, verdammt – nein! Elena brach weinend zusammen. So sehr sie auch versucht hatte, sich zusammenzureißen – es war einfach zu viel für sie.

„Es tut mir leid, Mami, bitte geh nicht auch in den Himmel. Ich bin jetzt ganz leise und brav!“, weinte Selina jetzt ebenfalls und Lois stimmte mit ein.

Das hast du ja super hingekriegt, Elena Schrader, lobte sie sich voller Ironie.

Dem Himmel sei Dank – es klingelte. Elena schickte nochmals ein kleines Dankesgebet in Richtung Himmel. Ich bin jedem tief dankbar, der vor der Tür steht – egal wer es ist.

Als Elena die Tür geöffnet hatte, wurde ihre Dankbarkeit noch größer, denn dort standen Julia und ihre Töchter Doreen und Sarah.

„Elena, um Gottes willen – wie siehst du denn aus, Schwesterherz?“ In ihr Ohr flüsterte sie leise: „Ich weiß, es ist unerträglich, aber bitte, denk doch an deine Kinder.“

„Sie stellen Fragen – so schwierige Fragen. Sie tun so weh und ich kann sie nicht beantworten. Ich sage immer das Falsche. Am Ende bringe ich sie regelmäßig zum Weinen und sie fühlen sich schuldig. Sie trauen sich bestimmt schon bald nicht mehr, mit mir über ihre Gefühle und Sorgen zu reden. Oh, Julia, wie soll ich das hinbekommen?“

„Süße, es gibt doch Hilfe – professionelle Hilfe. Zum Beispiel gute Bücher zum Vorlesen.“

„Ich bin aber zu nichts imstande und das Schlimmste kommt ja erst noch – die Beerdigung. Wie soll ich die überleben?“

„Ich sage es dir so, wie es nun einmal leider ist – du musst dich einkriegen. Ich weiß, das klingt sehr hart, aber das bist du Selina und Lois einfach schuldig. Die Kinder werden lernen, zu verstehen und zu akzeptieren. Aber sie brauchen deine Hilfe – ihr müsst das zusammen durchstehen. Natürlich kann ich mit ihnen zum Psychologen gehen, aber das solltest du selbst tun, Elena. Du musst bei den Gesprächen dabei sein. Du musst lernen, mit schwierigen Fragen umzugehen und kindgerechte Antworten zu geben. Und auch für dich selbst wird eine kompetente Kraft Ratschläge haben, die dir weiterhelfen.“

„Ich will Manuel aber nicht vergessen. Ich will auch nicht, dass die Kinder ihn vergessen. Ich will genauso wenig mit wildfremden Menschen über ihn sprechen – von uns erzählen.“

„Du entscheidest, was und wie viel du erzählst, Elena. Es wird sich im Laufe der Therapiegespräche einfach so ergeben – du wirst schon selber merken, ob es dir doch ganz guttut, zu reden. Ich glaube, dass es dir helfen würde – viel mehr, als du es dir in diesem Augenblick vorstellen kannst. Wenn es nicht so sein sollte, kannst du die Sitzungen beenden. Und in der Hauptsache geht es doch darum, dass du lernst, deinen Kleinen die richtigen Antworten zu geben.“

„Ja, du hast ja recht.“

„Weißt du was? Du kümmerst dich um einen Termin, die Kinder sollen spielen und ich besorge dir ein oder auch mehrere kindgerechte Bücher zu dem Thema. Dann kannst du gleich heute Abend damit anfangen, daraus vorzulesen. – Hast du dich mit deinen Schwiegereltern wegen der Beerdigung geeinigt?“

„Nein, Belinda hat das übernommen. Sie ist gestern Abend noch hingefahren. Sie hat sich bis jetzt leider noch nicht gemeldet. Sie kommt aber bestimmt noch vorbei, denn sie ist absolut zuverlässig.“

Julia versuchte mühsam, den Satz, der ihr im Hals steckte, nicht auszusprechen. Sie schaffte es nicht – sie hätte sich daran verschluckt. Es war ja auch nur ein Bauchgefühl – aber es war sehr aufdringlich und mahnend. Es ließ sämtliche Alarmglocken bei ihr schrillen. Bei Elena schrillte leider nichts. Da machte es nicht einmal leise „piep“ und das war komisch. Denn Elena war von ihnen beiden eigentlich diejenige mit der besseren Menschenkenntnis, mit dem Gespür für Stimmungen.

„Elena, ich weiß, du magst Belinda sehr und du vertraust ihr ganz ohne Bedenken. Ich aber habe ein sehr komisches Gefühl bei ihr.“

„Bist du vielleicht verletzt, weil ich mit ihr so viel über Manuel rede? Bitte sei nicht eifersüchtig und schon gar nicht böse. Du weißt, dass du für mich schon immer ein sehr wichtiger Gesprächspartner gewesen bist. Gleich nach Manuel bist du zusammen mit Papa die wichtigste Bezugsperson für mich. Und das wird für immer so bleiben. Aber Belinda kann mir so viel von Manuel erzählen und sie kann auch wahnsinnig gut zuhören, ohne irgendetwas zu bewerten. Deshalb brauche ich auch keine Therapie. Sie ist momentan die beste Therapeutin für mich – eine bessere kann ich mir nicht vorstellen. Unsere Gespräche haben für mich eine heilende Wirkung. Bitte misstraue ihr nicht. Warum denn auch? Sie müsste sich doch nicht um mich kümmern. Was hat sie denn davon? Ich glaube, sie mag mich ganz einfach. Was sollte sie sonst dazu veranlassen, ihre wertvolle Zeit mit einer Heulsuse – einem Häufchen Elend – zu verschwenden?“

Das klingt wirklich alles logisch, dachte Julia. Und trotzdem – irgendetwas störte sie an dieser Frau. Was es aber genau war, konnte sie Elena nicht erklären, weil sie es selbst nicht wusste.

10

„Hallo, Süße, wie geht es dir heute? Entschuldigung, dass es so spät geworden ist. Mein Arbeitstag war wieder mal die reinste Hölle. Eine Kollegin ist krank geworden und sofort bricht der komplette Dienstplan zusammen. Das ist ja auch kein Wunder, wenn das Personal so knapp bemessen ist.“

„Du musst dich doch nicht bei mir entschuldigen und du bist ja auch nicht verpflichtet, jeden Tag nach mir zu schauen, Belinda. Du hast so einen Stress wegen mir.“

„Unsinn, ich hab dich so sehr ins Herz geschlossen. Zuerst war ich nur neugierig, wer die Frau ist, die Manuel so bekehrt hat. Aber ich mag dich sehr.“

„Auch wenn du mich mindestens 95 Prozent der Zeit nur heulend erlebst?“

„Auch so – nein, das macht mir nichts aus. Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen. Da bin ich mir sicher!“

„Konntest du wegen der Beerdigung etwas erreichen?“

„Hör zu, Elena, ich hab mein Bestes gegeben. Es scheint alles organisiert zu sein. Übermorgen wäre es so weit. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, sie zu bitten, alles wieder umzustoßen. Die beiden leiden unglaublich, auch wenn es für dich nicht so aussieht. Sie haben immerhin schon ihr zweites Kind durch einen Unfall verloren. Für sie wäre es außerdem in absehbarer Zeit ziemlich mühsam, nach Düsseldorf zu kommen, um ihren Sohn auf dem Friedhof zu besuchen. Sie meinen, dass es für dich doch viel einfacher sei, zu ihnen herauszufahren, denn du bist jung und das Autofahren mache dir nichts aus.“

„Das stimmt schon – es ist alles richtig. Aber ich möchte jeden Tag zu Manuel und wenn er so weit weg ist, geht das natürlich nicht.“ Elena dachte nach und es kullerten dabei jede Menge Tränen über ihre Wangen. Belinda sehr lange kein Wort. Sie hielt nur Elenas Hand und streichelte sie liebevoll. „Also gut, lassen wir eben alles so, wie es ist. Ich habe auch nicht wirklich die Kraft, alles neu zu planen. Und ich habe schon gar keine Kraft, um große Diskussionen zu führen. Es würde vermutlich auch länger dauern, bis ich hier alles organisiert hätte. Ich möchte diesen schlimmen Tag so schnell wie möglich hinter mich bringen. Außerdem fühle ich mich Manuel sowieso nirgendwo so nahe wie hier im Haus. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass er direkt neben mir steht.“

Elena sah Belinda fest in die Augen und überlegte kurz, ob sie etwas von der Gestalt sagen sollte. Aber sie wollte nicht, dass Belinda auf die Idee kam, dass sie zu fantasieren begann. Elena hatte ja selbst ein Problem damit, zu glauben, was sie gesehen hatte. Oder hatte sie die Gestalt nicht wirklich gesehen? Verflixt! Wie sollte ihr dann jemand anderes glauben können? Belinda war eine bodenständige, realistische und weltgewandte Frau. Die glaubte sicher nicht an Geister und Co.

Alles war ruhig. Die Kinder schliefen schon, Belinda musste ganz plötzlich wegen eines dringenden Notfalls ins Krankenhaus und Elena saß gedankenverloren auf dem Sofa. Sie versuchte nicht daran zu denken, aber sie konnte nicht anders. Sie wünschte sich so sehr, dass Manuel – die Gestalt – wieder auftauchen würde. Auch wenn sie Angst hatte, sich danach wieder vollkommen verwirrt und verrückt zu fühlen, wünschte sie es sich doch sehnlichst. Es war so ein wunderschönes Gefühl gewesen, Manuel zu sehen. Sie presste beide Hände vor die Augen und ermahnte sich, die Fassung zu bewahren. Ich habe zwei wunderbare Kinder, die mich brauchen. Sie brauchen eine Mutter, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, sie beschützt, tröstet und ihnen auf ihrem Weg ins Leben zur Seite steht. Ich kann es mir nicht leisten, mich in eine Fantasiewelt zu flüchten, versuchte sie vernünftig zu denken. Dann setzte sie sich aufrecht hin mit dem festen Willen, für ihre Kinder stark zu sein, und erstarrte mitten in der Bewegung. Auf der Terrasse stand die Gestalt – Manuel, ganz eindeutig Manuel – und schaute mit einem Lächeln zu ihr. Nach der ersten Schrecksekunde wollte Elena aufstehen und in Richtung Terrassentür laufen. Manuel schüttelte den Kopf. Also setzte sie sich wieder hin, ohne die Gestalt aus den Augen zu lassen. Sie wollte auf gar keinen Fall etwas tun, womit sie Manuel wieder verscheuchen würde.

Sie sahen sich sehr lange an – beide ließen den anderen nicht aus den Augen. Sie bewegten sich nicht – Elena traute sich nicht einmal, richtig mit den Augen zu zwinkern. Sie taten ihr von dem Starren schon richtig weh. Dann setzte sich die Gestalt in Bewegung, schickte ihr einen Luftkuss, hob den rechten Arm und machte eine Geste, die so viel wie „Bleib“ heißen sollte.

Elenas Herz raste – es drohte aus dem Brustkorb zu springen. Sie hyperventilierte und hatte mit Atemnot zu kämpfen. Irgendwann – wie lange sie so erstarrt dagesessen hatte, hätte sie im Nachhinein nicht sagen können – erhob sie sich vom Sofa, lief zur Terrassentür und schob sie auf. Sie hatte so zittrige Beine, dass sie das Gefühl hatte, jeden Moment zu kollabieren. Nichts, es war nichts zu sehen. War das wirklich nur Einbildung? Nein, sie fühlte sich glücklich, aber ihr Verstand flüsterte ihr unbarmherzig ins Ohr, dass es keine Geister gebe. „Du bildest dir das nur ein!“ Verstand und Gefühl führten einen unerbittlichen Kampf und sie wollte so sehr, dass das Gefühl sie nicht täuschte. Ich hab ihn doch gesehen – ich habe ihn mit meinen eigenen Augen gesehen, so wie ich jetzt die Palme auf der Terrasse erkenne. Genauso deutlich und klar habe ich Manuel gesehen. Verdammt, ich bilde mir das nicht nur ein.

11

Die Beerdigung war wirklich schön gestaltet und unglaublich viele Menschen waren gekommen, um Manuel auf seinem allerletzten Weg zu begleiten. Elena kannte die meisten nicht. Verwandte, viele Bekannte und alte Freunde, die sie noch nie gesehen hatte, schüttelten ihre Hand. Manche Hand packte sie zwischendurch an ihrem Oberarm und drückte Mut machend zu. Elenas Familie stand um sie herum und sie hielt die meiste Zeit ihre beiden Kinder an der Hand. Die Tabletten, die Belinda ihr heute gegeben hatte, hüllten sie in einen flauschigen Wattebausch. Belinda stand auf der anderen Seite des Grabes neben ihren Schwiegereltern, aber sie suchte immer wieder Elenas Blick und nickte ihr ermutigend zu.

Die Rede des Pfarrers war sehr rührend. Ein paarmal erwähnte er, wie wichtig die beiden Kinder für Manuel waren. Über seine beruflichen Erfolge wurde viel erzählt, auch über die vielversprechenden Pläne, die er noch hatte. Auf sein großes, mitfühlendes Herz kam der Priester ebenfalls ausführlich zu sprechen. Ein großer Teil seiner Rede handelte von Manuels wichtiger Rolle als Sohn – der große Stolz seiner Eltern. Nur Elena wurde mit keinem Wort erwähnt. Bestimmt war diese Tatsache allen aufgefallen, aber keiner sagte etwas – auch niemand aus ihrer Familie. Wahrscheinlich hoffte jeder, dass Elena es nicht bemerkt hatte.

Elena war ganz in Gedanken versunken. Sie hoffte inständig auf ein nächstes Treffen. Sie hoffte so sehr, dass Manuel sie wieder besuchen würde, dass sie kaum auf die Vorgänge um sie herum achtete. Ob er seine Eltern auch besucht? Oder vielleicht sogar seine Kinder? Selina und Lois hätten mir sicher davon erzählt. Obwohl – bestimmt nicht, wenn er ihnen damit gedroht hatte, dass er dann nicht mehr kommen würde, davon war Elena überzeugt. Sie hatte inzwischen beschlossen, die Erscheinung nicht mehr zu bezweifeln. Ja, sie hatte Manuel ganz klar und deutlich gesehen. Daran glaubte sie unumstößlich. Sollte sie sich jemandem anvertrauen? Nur Julia, Irina oder Belinda kamen infrage – sonst niemand. Das war für Elena klar. Aber wenn sie überlegte, was sie selbst noch vor vierzehn Tagen über so eine Aussage gedacht oder gesagt hätte – nein, sie würden ihr nicht glauben. Sie würden die Erscheinung für Hirngespinste halten.

„Mami, Mami!“ Selina zog heftig an Elenas Hand. Sie musste wohl schon länger versucht haben, mit ihr zu sprechen.

Julia bückte sich zu Selina und fragte leise: „Mäuschen, was ist?“

„Warum redest du denn nicht mit mir?“

„Ich rede doch mit dir, mein Schatz.“

„Du hast gesagt, dass Papi im Himmel ist.“

„Ja, das ist er auch.“

„Aber Oma hat gesagt, dass er in der Kiste liegt. Dann kann er ja auch wieder herauskommen.“

„Ja, sein Körper ist tatsächlich in dem Sarg, aber –“, weiter kam Elena nicht.

„Hol Papi raus!“, schrie Lois plötzlich so laut, dass alle erschrocken in ihre Richtung schauten. In dem Moment fingen die Friedhofsangestellten an, den Sarg in das Grab herabzulassen.

Selina riss sich los, rannte zu einem der Männer und zog an seinem Mantel. „Aufhören, nicht in das Loch tun. Mach die Kiste auf. Mein Papa möchte wieder raus. Ich will ihn wiederhaben.“

Lois rannte zu seiner Schwester und schrie: „Papa ist nicht im Himmel. Papi ist in der Kiste!“

Alle waren von der Szene so erschüttert, dass es einen ganzen Moment dauerte, bis endlich jemand in der Lage war, zu reagieren. Julia schaffte es als Erste, zu den beiden zu laufen und sie schützend in den Arm zu nehmen. Sie flüsterte ihnen etwas ins Ohr, zog sie vom Grab weg und ging dann mit ihnen langsam in Richtung Friedhofsausgang. Julias Töchter, Sarah und Doreen, folgten den dreien weinend und schweigsam.

Elena sah ihnen hinterher und wäre am liebsten ebenfalls auf der Stelle gegangen. Aber trotz des Nebels in ihrem Kopf realisierte sie, dass sie diesem Drang nicht nachgeben durfte. Der Anstand erlaubte es nicht – sie musste durchhalten und sich vor allen Anwesenden anständig von Manuel verabschieden. Innerlich sehnte sie sich aber so sehr nach dem Moment, in dem sie endlich wieder auf ihrem Sofa sitzen und auf die Terrassentür starren konnte, um auf Manuel zu warten.

Plötzlich erreichte die eben geschehene Szene ihr Bewusstsein. Mit einem Schlag wurde ihr klar, dass ihre Kinder unfassbar litten und sie nicht in der Lage war, etwas dagegen zu tun. Sie lebte nur noch für den Augenblick, Manuel wiederzusehen. Sie war eine schlechte und egoistische Mutter. Dieser Gedanke tat so weh, dass sie laut aufschluchzen musste.

Jens, der gerade vor dem Grab Abschied genommen hatte, ging spontan zu Elena und umarmte sie. Dankbar lehnte Elena ihren Kopf an seine Schulter und blieb für eine Weile so stehen. Als sie den Kopf hob und versuchte, etwas durch den Tränenschleier zu erkennen, sah sie direkt in Renates Gesicht, die sie hasserfüllt anstarrte. Da wurde Elena bewusst, dass sie sich in den Augen ihrer Schwiegermutter an einen Mordverdächtigen gelehnt hatte. Auch Jens, der Elenas Blick gefolgt war, begriff sofort, dass diese Szene für Ärger sorgen würde. Er machte einen ruckartigen Schritt weg von Elena, was sie fast zu Fall gebracht hätte.

Irgendwann war es geschafft – alle Trauergäste hatten von Manuel Abschied genommen. Bis auf Elena, Belinda und die Schwiegereltern hatten sich alle vom Grab entfernt. Da zischte Renate: „Ich wusste es doch, dass sie mit dem noch was hat. Die hat es doch die ganze Zeit weiter mit dem getrieben. Bestimmt war sie froh, dass Manuel so viel und lange gearbeitet hat. So konnte sie den Versager wenigstens oft heimlich treffen und in Ruhe ihren Spaß mit ihm haben. Die war doch nur hinter Manuels Geld her. Ins gemachte Nest wollte sie sich setzen. Das haben die beiden Proleten doch von Anfang an so geplant. Umgebracht haben sie ihn. Aber das mit dem Erbe wird nichts – dafür sorge ich. Das schwöre ich hier am Grab meines Sohnes. Für die Kinder werden wir sorgen, vorausgesetzt der von uns angestrebte Vaterschaftstest beweist, dass die beiden überhaupt Manuels Kinder sind.“

Belinda nahm Renates Hand und streichelte sie. „Renate, sag doch so etwas nicht. Du bist gerade sehr aufgewühlt. Elena hat Manuel sehr geliebt – das kann ich mit absoluter Sicherheit behaupten. Und du weißt es auch.“

„Du musst diese Hure nicht in Schutz nehmen. Die Polizei wird schon Beweise finden. Dafür sorge ich höchstpersönlich. Hast du diese Blicke nicht gesehen, wie die sich angeschaut haben? Ich bin alt, aber nicht blind und schon gar nicht blöd!“

Belinda versuchte, Renate auf dem Weg zum Parkplatz zu beruhigen. Sie sprach so laut, dass Elena, die ein paar Meter hinter ihnen ganz alleine lief, ihre Bemühungen hören konnte.

Sie duzen sich jetzt, dachte Elena. Sie war Belinda zwar sehr dankbar, dass sie von ihr in Schutz genommen wurde. Gleichzeitig stellte sie aber auch erleichtert fest, dass die Beschuldigungen sie nicht sonderlich verletzten. Sie wollte jetzt nur noch zu ihren Kindern.

Sie saßen auf einer schattigen Bank neben dem Parkplatz, umrahmt von den Kindern ihrer Schwester. Selina hielt ein Buch in der Hand und die großen Mädchen redeten auf sie und Lois ein. Die Großen schienen den Kleinen ganz angestrengt und ernsthaft etwas zu erklären. Julia stand hinter der Bank, zeigte auch auf das Buch und sagte etwas. Als Julia Elena sah, ging sie ihr entgegen, ohne den Blick von ihr abzuwenden, und nahm sie fest in den Arm.

„Elena, das geht so nicht. Deine Kinder leiden. Sie wissen nicht mehr, was sie glauben sollen. Deine Schwiegereltern haben sie ganz schön verunsichert. Ich weiß ja auch nicht, wie man so kleinen Kindern den Verlust ihres Papas erklärt, aber gar nichts zu sagen – außer dass er jetzt im Himmel ist –, ist sicher nicht die Lösung. Ich habe mich im Buchladen ausführlich beraten lassen und das Buch, das Selina in ihren Händen hält, ist anscheinend das beste, das es für ihr Alter momentan auf dem Markt gibt. Ich konnte mich damit nur noch nicht wirklich befassen, aber das, was ich bisher gelesen habe, ist sehr einfühlsam – es beantwortet viele Fragen ganz einfach und verständlich. Es tröstet sogar meine Großen und auch ich selbst habe beim Lesen eine Wohltat empfunden. Es ist noch tief gehender als das erste Buch.“

„Danke, Julia, vielen Dank. Ich bekomme wirklich gar nichts auf die Reihe – ich schaffe es nicht einmal, ein Buch für meine Kinder zu kaufen.“

„Die beiden Bücher, die ich besorgt habe, werden auch keineswegs ausreichen, Elena. Ihr müsst euch einer Therapie unterziehen. Bitte versprich mir, dass du das Thema ernsthaft in Angriff nehmen wirst. Nur weil du drei Absagen erhalten hast, kannst du dich jetzt nicht zurücklehnen und nichts mehr unternehmen.“

„Lass uns erst einmal diesen schrecklichen Tag hinter uns bringen.“

Belinda versuchte beim anschließenden Tränenbrot die Wogen wieder etwas zu glätten – niemand von den Trauergästen sollte etwas von den Diskrepanzen zwischen Elena und den Schwiegereltern bemerken. Unermüdlich hetzte sie zwischen den verfeindeten Parteien hin und her und war bemüht, für alle gleichermaßen da zu sein. Sie tat Elena richtig leid.

„Belinda, kümmere dich bitte um meine Schwiegereltern. Ich komme schon zurecht. Julia, ihre Familie, meine Eltern, Irina und Max sind ja auch noch da. Um die beiden Alten scheint sich sonst niemand zu kümmern. Mach dir nicht so einen Stress. Wir beide finden schon noch genug Zeit zum Reden.“

Belinda lächelte und streichelte Elena über die Wange „Wie gut, dass Manuel dich kennengelernt hat. Mit dir hat er einen richtigen Schatz gefunden. Meine Güte, stell dir vor, er wäre bei mir hängen geblieben! Er hätte so einen wunderbaren Menschen wie dich womöglich niemals getroffen. Und ich auch nicht. So traurig die Umstände auch sind, ich bin unheimlich froh und dankbar, dass ich dich kennengelernt habe, Elena. Du bist ein ganz besonderer Mensch. Kein Wunder, dass Manuel alle seine Pläne für dich umgeschmissen hat.“

„Hat er nicht, Belinda. Er hat nur kleine Lücken für mich – für uns – geschaffen. Seine Träume hat er unverändert weiterverfolgt und eisern auf seine Ziele hingearbeitet.“

„Ja, aber du warst so empfindsam und schlau genug, um es zuzulassen. Du hast ihm das Gefühl gegeben, dass euer Leben, so wie es gewesen ist, vollkommen in Ordnung war.“

„Ansonsten hätte ich ihn verloren. Alles andere wäre auch äußerst unfair von mir gewesen, denn er hat mich nie angelogen. Ich wusste, wie wichtig ihm sein Beruf war, und trotzdem hat er es immer geschafft, dass wir drei das Gefühl hatten, unglaublich wichtig für ihn zu sein.“

„Das seid ihr auch gewesen, Elena – da bin ich mir absolut sicher.“

Wie gerne hätte Elena Belinda von Manuels abendlichen Besuchen erzählt, aber sie hatte zu große Angst davor, von ihr für verrückt erklärt zu werden. Was hätte sie denn selbst gedacht, wenn jemand von den Besuchen eines Toten erzählt hätte?

Irgendwann – es kam Elena wie eine Ewigkeit vor – hatte sich dann auch der letzte Gast verabschiedet und sie durfte nach Hause gehen. Belinda wollte noch vorbeikommen, nachdem sie Renate und Ludwig heimgebracht hatte. Auch ihre Familie und Irina boten sich an, sie nach Hause zu begleiten und noch bei ihnen zu bleiben.

„Kommt doch noch mit zu uns“, bot Julia herzlich an.

Elena lehnte alle lieb gemeinten Angebote ab. „Ich bin sehr erschöpft. Ich werde den Kindern noch aus dem Buch vorlesen, anschließend eine von Belindas kleinen Wunderpillen einnehmen und dann werde ich schlafen – tief und fest schlafen. Und vor allem werde ich nichts mehr denken müssen. Das ist es, was ich mir jetzt am meisten wünsche. Ich muss das Karussell, da oben in meinem Kopf, irgendwie wieder zum Stehen bringen. Zumindest muss ich es schaffen, es etwas zu entschleunigen. Seid mir bitte nicht böse. Ich möchte nicht undankbar wirken. Ich weiß eure Fürsorge wirklich sehr zu schätzen. Ich weiß auch, dass es nicht selbstverständlich ist, in so extrem schwierigen Zeiten derartig liebe und besorgte Menschen an seiner Seite zu haben. Bitte, bitte seid mir nicht böse.“

Alle reagierten sehr verständnisvoll und Elena hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie gelogen hatte. Sie konnte es schlicht und einfach kaum abwarten, wieder auf dem Sofa zu sitzen und auf die Terrassentür zu starren.

Zu Hause angekommen, überlegte sie gemeinsam mit den Kindern, was sie essen sollten. Sie einigten sich auf Wurst- und Käsebrote. Beim Essen erzählten die Kinder ganz gelöst und voller Gottvertrauen, dass es Papa ganz bestimmt gut gehe und er immer – Tag und Nacht – bei ihnen sei. Sie könnten ihn eben nur nicht sehen. „Er wird für immer unser unsichtbarer Schutzengel sein, der auf uns ganz prima aufpassen wird“, sagte Selina mit einem zufriedenen Lächeln.

Es kullerten schon wieder Tränen über Elenas Wangen, obwohl sie so tapfer sein wollte – zumindest für die Kinder. Verdammt, ich lasse mich so gehen!

„Soll ich euch noch aus dem Buch vorlesen?“

„Ja, Mami, dann bist du bestimmt auch nicht mehr so traurig. Oma hat nicht recht – nur seine Hülle liegt in der Kiste. Aber die braucht er nicht mehr, weil er ein unsichtbarer Engel ist, Mami.“

Selina war so süß. Sie schaute gerade genauso angestrengt und konzentriert, wie Manuel Elena immer angeschaut hatte, wenn er versuchte, ihr etwas Kompliziertes aus seinem Forschungsauftrag zu erklären. Meist hatte sie nicht allzu viel von dem verstanden, was Manuel ihr erklärt hatte – so wie sie auch jetzt Selinas Erklärungen nicht verinnerlichen konnte. Engel … Wie gerne würde sie ebenfalls ganz naiv und kindlich an Engel glauben. Aber sie konnte es nicht. Sie war viel zu realistisch. Sie glaubte nur das, was sie mit ihren eigenen Augen sah. Ich mag auch keine Fantasiefilme oder unrealistische Bücher. Eigentlich hasse ich sie richtig, dachte Elena. Und doch warte ich nachher sehnsüchtig auf einen Geist! Das ist doch verrückt oder nicht?

Das Kuscheln und Vorlesen tat den Kindern gut. Elena hatte wieder Angst vor schwierigen Fragen, aber das Buch war wirklich so wunderbar geschrieben, dass quasi keine Frage offen blieb. In Gedanken bedankte sie sich bei Julia. Diese Hilfe hätte sie sich wirklich sofort holen müssen. Die Kinder waren so selig und zufrieden mit den gefühlvollen Erklärungen. Ihre kleinen Kinderseelen waren beruhigt und sie schliefen mit dem Gedanken, dass ihr Papi auch bei ihnen ist, ein.

„Gute Nacht, Papi“, sagte Lois.

„Gute Nacht, Papi, und schnarch nicht so“, kicherte Selina. „Ich habe dich so lieb!“

Elena kam sich komplett verrückt vor, aber sie tat es doch. Sie zog ein schickes Kleid an und schminkte sich sorgfältig, bevor sie sich auf das Sofa setzte. „Du bist ganz eindeutig dabei durchzudrehen, Elena Schrader!“ Sie fokussierte die große Palme auf der Terrasse und beobachtete die leichten schwingenden Bewegungen der großen Blätter. „Das ist real – ich sehe die Palme. Ich sehe das Glockenspiel, das von der Terrassenüberdachung hängt. Ich sehe die wunderschöne, exklusive, sündhaft teure Stehlampe, die Manuel für mich gekauft hat, weil sie mir so wahnsinnig gut gefallen hat. Und ich sehe ganz klar und deutlich den Heizstrahler, den wir vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam ausgesucht haben.“ Alle Gegenstände standen ganz real da – mit hundertprozentiger Sicherheit. Und dann trat Manuel in dieses friedliche Bild. Auch er war da – er war keine Einbildung, kein Hirngespinst. Er stand so klar und deutlich da, wie auch die Palme, das Glockenspiel, die Stehlampe und der Heizstrahler ganz eindeutig zu sehen waren. Manuel lächelte und winkte ganz zaghaft – die Bewegungen sahen fast wie in Zeitlupe aus. Er hatte die Schildkappe nicht mehr auf und Elena dachte daran, wie oft sie durch dieses volle, wunderbar weiche, immer gepflegte und gut riechende Haar gestreichelt oder ihr Gesicht darin verborgen hatte. Sie hatte es immer mit viel Liebe, Intensität und Dankbarkeit getan. Sie hatte solche Momente aufgesogen, so bewusst genossen, als ob sie es geahnt hätte, dass ihnen nicht viel Zeit bleiben würde. Ja, heute bin ich mir zu einhundert Prozent sicher, es unterschwellig dauerhaft gespürt zu haben, dass unsere überglückliche Beziehung nur sehr kurz andauern würde. Dieses ungute Gefühl hat mich konstant begleitet, auch wenn es mir meistens ganz gut gelungen ist, diese Ahnung immer wieder und wieder erfolgreich zu verdrängen. Wieso habe ich so empfunden?

Elena fixierte Manuel so intensiv, dass sie sich nicht einmal erlaubte zu blinzeln. Keinen Bruchteil, auch nicht den einer Sekunde, wollte sie von diesem Anblick verschwenden. Aber wie immer hob Manuel dann irgendwann die Hand, schickte ihr einen Kuss und gab das befürchtete Zeichen, sitzen zu bleiben. Dann verschwand er, den Blick auf sie gerichtet, ganz langsam wieder von der Bildfläche. Als er weg war, wich die ganze Anspannung aus ihrem Körper. Elena sackte in sich zusammen und weinte herzzerreißend. Was passiert hier? Werde ich verrückt? Das kann doch nicht sein, dass ich Manuel so klar und deutlich sehe. Egal, dachte Elena, Hauptsache, er kommt wieder – morgen und übermorgen und nächste Woche. Dann bin ich halt verrückt oder es gibt eben doch Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir Menschen nichts wissen – Geister eben, stellte Elena für sich selbst fest. Voller Überzeugung sagte sie laut: „Ein Geist ist mir lieber, als gar keinen Manuel mehr zu haben!“

12

Am Morgen nach der Beerdigung klingelte es an der Haustür, was Elena aus ihren Gedanken riss. Vor der Tür standen wieder die Beamten, die Manuels Fall bearbeiteten. „Dürfen wir bitte einen Moment hereinkommen? Wir hätten da noch ein paar Fragen.“

Elena musste sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Manuel ihrer Meinung nach umgebracht wurde. Irgendjemand sollte seinem Leben ganz gezielt ein Ende gesetzt haben. Diese Tatsache hatte sie bisher immer wieder verdrängt. Sie glaubte immer noch an einen groben Ermittlungsfehler. Wer sollte Manuel schon umbringen wollen? Dieser Gedanke kam ihr so abwegig vor, dass sie ihn nicht zulassen wollte. Innerlich sträubte sich alles in ihr, über diese Möglichkeit nachzudenken. Wenn sich doch Gedanken über diese Variante seines Todes aufdrängten, verbot sie sich, weiter darüber nachzudenken.

„Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Ihrem Exfreund Jens Holder beschreiben?“

„Jens?“

„Ja, Frau Schrader. Es wurden gegen ihn und Sie Verdächtigungen ausgesprochen, denen wir selbstverständlich nachgehen müssen.“

„Meine Schwiegereltern, ich weiß. Und Sie glauben den Mist?“

„Haben Sie für unser Handeln bitte Verständnis, Frau Schrader. Wir möchten Ihnen nichts unterstellen und wir glauben auch nichts. Wir müssen prüfen. Wir müssen allen Verdachtsmomenten nachgehen – wir machen nur unsere Arbeit. Sicherlich liegt Ihnen auch etwas daran, den Mörder Ihres Mannes zu finden.“

Oh, dachte Elena genervt, wenn ihr wüsstet, wie wenig Gedanken ich mir darüber gemacht habe. Manuel ist tot, er ist weg – für immer. Unwiderruflich, endgültig aus meinem Leben verschwunden. Nichts und niemand könnte ihn mir lebendig zurückbringen. Er wird mich nie mehr in seine starken Arme nehmen, sein weicher Mund wird mich nie wieder küssen, ich werde nie wieder die Wärme seines Körpers neben mir im Bett spüren. Er wird nie wieder mit unseren Kindern durch den Garten toben und wir werden nie wieder ein gutes Gespräch miteinander führen. Das ist mein Problem – das verursacht mir einen so tiefen, stechenden Schmerz, dass ich vollauf damit beschäftigt bin, diesen auszuhalten. Warum und wie der Unfall passiert ist, das ist für mich momentan nicht entscheidend oder wichtig, weil das Ergebnis nichts an der furchtbaren Tatsache ändern würde. Er ist tot und ich muss weiterleben – ohne ihn. Ich muss es einfach tun – wegen unserer Kinder! Mit diesen Gedanken habe ich verzweifelt versucht, den Schmerz zu beherrschen und mich nicht völlig der Verzweiflung hinzugeben – was ich zugegebenermaßen nur zu gerne getan hätte. Vielleicht wird eines Tages die Frage nach dem Täter an Wichtigkeit gewinnen. Das kann gut sein – im Moment aber ist mein Gehirn völlig ausgelastet mit Trauer, Verantwortungsgefühl für die Kinder und der abendlichen Erscheinung. Ich hatte mir der Kinder wegen Mühe gegeben, zu akzeptieren, dass Manuel tot ist – dann sehe ich ihn plötzlich leibhaftig vor meinen Augen. Er bewegt sich, er lächelt und er gibt mir Zeichen. Das ist doch unmöglich, denn Manuel lag grau, starr und leblos auf einem Edelstahltisch in der Gerichtsmedizin. Ich habe ihn angefasst und er war eiskalt – durch seine Adern ist kein Blut mehr geflossen. Ich habe ihn sehr lange angeschaut in der Hoffnung, dass er zucken oder sonst irgendein kleines Lebenszeichen von sich geben würde. Aber es passierte nichts – er war einfach tot. Der Mann auf dem Tisch war tot und er war ohne jeglichen Zweifel mein Manuel. Wie konnte er also auf unserer Terrasse stehen? Das ist doch verrückt oder nicht? Wie soll man da einen klaren Gedanken fassen können und darüber nachdenken, wer ihn getötet haben könnte?

„Natürlich möchte ich wissen, wer meinen Mann getötet hat. Auch wenn ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass es auf dieser Welt einen Menschen gibt, der Manuel nicht wertschätzte oder zumindest mochte.“

„Frau Schrader, ich muss mich leider wiederholen – kein Mensch auf dieser Welt hat nur Bewunderer und Freunde.“

„Sie glauben mir nicht? Sie kannten Manuel eben nicht. Er war ein Engel auf Erden. Er war ein ganz besonderer Mensch. Da können Sie fragen, wen Sie wollen. Er war ein genialer Chef, ein traumhafter Ehemann und Vater, ein vorbildlicher Sohn, ein Arzt mit Leib und Seele, ein hilfsbereiter und fröhlicher Freund und vor allem ein herzensguter Mensch – eine Rarität in der heutigen Welt. Eine absolute Ausnahme. Ich habe aus Manuels Mund niemals böse oder gar hasserfüllte Worte gehört. Er hatte unglaublich viel Verständnis für Menschen und ihre Probleme. Wenn jemand Mist gebaut hat, hat er immer nach Entschuldigungen und Erklärungen gesucht, warum derjenige so gehandelt haben könnte. Vorurteile fällen oder Menschen verurteilen – das gab es bei ihm nicht. Seine Sozialkompetenz war fantastisch. Sicher denken Sie jetzt, dass ich maßlos übertreibe – kann ich gut verstehen, weil es einen solchen Menschen schließlich nicht wirklich geben kann, richtig? Aber ich schwöre Ihnen beim Leben meiner Kinder – so war er, mein Manuel. Er hat Menschen geliebt – diese Menschenliebe und der feste, unerschütterliche Glaube an das Gute haben ihn angetrieben, haben ihm Kraft gegeben. Er war ein vorbildlicher Mensch.“

„Frau Schrader, es ist völlig normal, dass man einen geliebten Verstorbenen durch eine rosarote Brille sieht. Aber sicher hatte Ihr Mann auch Fehler und hat sich ganz gewiss nicht immer korrekt verhalten. Fehler machen wir alle. Wir alle verletzen andere Menschen, auch wenn wir es manches Mal gar nicht bemerken und es das andere Mal vielleicht sogar mit voller Absicht tun.“

„Klar, das ist so bei einem ganz normalen Menschen, von dem Sie sprechen. Manuel war kein normaler Mensch – glauben Sie mir doch bitte. Es ist keine rosarote Brille, durch die ich schaue. Ich habe mich fast täglich gefragt, warum ich so ein Glück habe, dass dieser besondere Mann ausgerechnet mich liebt. Ich habe selber sehr lange nach einem Defizit bei ihm gesucht. Ich habe mir eingeredet, dass er mir sein wahres Gesicht eines Tages auf sehr unangenehme Art und Weise schon noch zeigen würde. Ich muss Sie enttäuschen, denn ich kann Ihnen nur glaubhaft versichern, dass es diesen Tag nie gegeben hat.“

„Können Sie sich vorstellen, dass irgendjemand speziell Ihnen das Glück mit Ihrem Mann nicht gegönnt hat? Dass eigentlich Sie, Frau Schrader, mit dem Tod Ihres Gatten verletzt und bestraft werden sollten? Vielleicht waren es Neid und Eifersucht. Fällt Ihnen jemand ein, dem Sie so eine Tat zutrauen würden?“

„Ich könnte Ihnen unendlich viele Frauen nennen, die in Manuel verliebt waren – ganz offensichtlich in ihn verliebt waren und es auch nicht verheimlicht haben. Krankenschwestern, Ärztinnen, Kolleginnen aus der Forschung, Patientinnen, ja sogar meine Schwester hätte vermutlich ihren Mann für Manuel verlassen. Soll ich eine Liste erstellen?“, fragte Elena ironisch.

„Nein, Frau Schrader. Könnten Sie uns aber noch unsere allererste Frage beantworten? Wie ist Ihre Beziehung aktuell zu Ihrem Exfreund?“

„Ich habe gar keine Beziehung zu Jens. Ja, so kann man es sagen. Der letzte Berührungspunkt war ein ziemlich unangenehmes Zusammentreffen vor Jahren in einer Bar. Jens hat Manuel sturzbetrunken von der Seite angepöbelt. Am Tag darauf hat Jens bei uns angerufen, um sich zu entschuldigen. Gestern zur Beerdigung habe ich ihn das erste Mal wiedergesehen. Ich weiß nicht, wo er inzwischen wohnt, was er beruflich macht, ob er eine feste Beziehung führt – keine Ahnung. Ich war sehr überrascht, als ich ihn unter den Trauergästen entdeckt habe. Aber es waren sowieso viele Menschen da, von deren Anwesenheit ich sehr überrascht und berührt war. Menschen aus meiner Schulzeit, Jugendzeit, aus meinen früheren Vereinen, die Manuel alle nicht kannten und zu denen ich auch schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Aber so eine Beerdigung ist wohl immer ein Anlass, sich an alte Weggefährten zu erinnern.“

Die Beamten verabschiedeten sich und Elena konnte nicht sagen, ob sie weiterhin zu den Verdächtigen gehörte oder nicht.

Als Elena am Mittag die Kinder vom Kindergarten abholte, hatte sie plötzlich eine Idee. Sie überraschte die beiden mit einem Vorschlag: „Wollen wir heute Mittag in Papis Lieblingspizzeria gehen? Habt ihr Lust auf eine Pommes-Pizza?“

„Ja“, jubelten die beiden und sprangen an Elena wie zwei kleine Kängurus hoch.

Sie setzten sich in die „Geheimecke“, wie Manuel sie nannte, weil sie dort immer so gut wie ungesehen und ungestört sitzen konnten. Es war nämlich sehr oft unangenehm gewesen, mit Manuel auswärts essen zu gehen. Irgendjemand kannte ihn fast immer. Daher nahmen sie oft weitere Wege auf sich, um in Ruhe speisen zu können. Bedient wurden sie wie immer vom Chef persönlich, der fröhlich nach dem Papa fragte. Bevor Elena etwas sagen konnte, antwortete Lois: „Der Papa ist schon da, du siehst ihn nur nicht.“

„Er ist jetzt nämlich ein Engel“, ergänzte Selina noch stolz.

Giovanni schaute Elena mit großen, geschockten Augen an und sie nickte mit dicken Tränen in den Augen. Giovanni machte einen Schritt auf sie zu, überlegte es sich dann aber in letzter Sekunde doch anders. „Warum?“, fragte er schlicht.

„Autounfall“, antwortete Elena leise.

„Es tut mir leid“, erklärte Giovanni jetzt ebenfalls mit Tränen in den Augen. Manuel und er hatten immer viel Spaß miteinander gehabt. Die beiden konnten so albern sein, was für die Kinder immer besonders lustig gewesen war. Oft lachten sie noch auf dem ganzen Heimweg. „Pommes-Pizza?“, fragte Giovanni mit belegter Stimme.

„Na klar, was sonst?“, versuchte Elena die Stimmung wieder zu heben. Die Pommes-Pizza war eine Erfindung von Manuel und Giovanni, um den Kindern eine besondere Freude zu machen, weil sie sich oft nicht zwischen Pizza und Pommes entscheiden konnten. Inzwischen stand die Kreation sogar auf der Speisekarte und war der absolute Renner bei den Kindern. Sogar viele Jugendliche wählten diese eigenartige Variante.

Giovanni machte sich auf den Weg und Elena beobachtete, wie er ungläubig den Kopf schüttelte und sich eine Träne aus dem Gesicht wischte.

„Nein, ich glaube nicht, dass sie ernsthaft verdächtigt wird.“ Pause. „Das weiß ich auch – Gefängnis wäre ganz blöd. Dann wird aus unseren Plänen nichts. Das ist mir schon klar.“ Pause. „Ja, ich weiß. Sie müssen am Ende alle weg sein. Auch die Kinder!“ Pause. „Ja, verdammt, ich bin ja nicht blöd“, keifte die bekannte Stimme.

Elena schaute um den Sichtschutz herum und sah Belinda mit hochrotem Kopf und ihrem Handy am Ohr dasitzen. Als Belinda Elena sah, ließ sie die Hand mit dem Handy so ruckartig auf den Tisch sinken, dass es einen richtigen Knall gab. Belindas Kopf wurde in Bruchteilen von Sekunden noch roter – so tiefrot, wie Elena es noch bei keinem Menschen erlebt hatte. Belindas Hände zitterten dermaßen, dass Elena es mit der Angst zu tun bekam. Sie schob sich auf den Stuhl neben Belinda und legte den Arm um sie. „Mein Gott, dein ganzer Körper bebt ja, als ob du gleich kollabieren würdest. Was ist los, Belinda? Hast du so schlechte Nachrichten bekommen?“

„Ich, ich …“ Belinda schaffte es nicht, einen ordentlichen Satz zu formulieren. Sie sah entsetzt auf ihr Handy, dann in Elenas Gesicht und wieder auf das Handy auf dem Tisch. Voller Panik beendete sie das Gespräch, indem sie auf das rote Hörersymbol drückte, und bedeckte blitzschnell das Display mit ihren beiden zitternden und nass geschwitzten Händen. Ihren Blick hatte sie starr auf die Pfeffermühle gerichtet.

Elena wartete ein paar Minuten geduldig und unschlüssig, was sie tun sollte. Dann sagte sie sanft: „Jetzt beruhig dich erst einmal. Komm, setz dich zu uns.“ Sie nahm Belindas Handtasche, ihre Jacke und ihr Tuch und transportierte alles an den Tisch hinter dem Sichtschutz, wo die Kinder mit aufgerissenen Augen saßen. „Du machst den Kindern Angst, Belinda. Reiß dich jetzt bitte zusammen. Komm, wenn du Feierabend hast, zu uns und wir reden über alles. Es wird schon nicht so schlimm sein. Du weißt, es gibt für alles eine Lösung, würde Manuel jetzt sicherlich sagen.“

Gegen siebzehn Uhr tauchte Belinda sichtlich beruhigt bei Elena auf. Sie schien sich wieder im Griff zu haben, nachdem sie noch während des ganzen Essens völlig unkonzentriert und fahrig gewesen war. Sie hatte zweimal ein Glas umgeworfen und das Brotkörbchen auf den Boden befördert. Gegessen hatte sie auch nur wie ein Spatz. Sonderbar – sehr, sehr sonderbar. Es musste schon ein riesiges Problem sein, das sie bedrückte, weil Belinda ansonsten ein richtiger Genießer und auch nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen war.

„Also los, spuck es aus! Was hat dich so durcheinandergebracht? Polizei? Alle weg! Auch die Kinder! Pläne?“

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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481 стр. 3 иллюстрации
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9783961450800
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