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Comanchen Mond

Verwehte Spuren in den Plains

Historischer Roman

von

G.D. Brademann


Impressum

Comanchen Mond Teil 3, G.D. Brademann

TraumFänger Verlag Hohenthann, 2021

1. Auflage eBook Dezember 2021

eBook ISBN 978-3-948878-00-9

Lektorat: Michael Krämer

Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag

Datenkonvertierung: Bookwire

Titelbild: Frank McCarthy

Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,

Hohenthann

Printed in Germany

Dass wir nicht wissen, was uns erwartet, hat etwas Tröstliches.

Personae-dramatis

Comanchen:

Red-Eagle, geb. 1822, Krieger der Antilopenbande

Storm-Rider, sein Sohn

Moon-Night, ehem. geraubtes weißes Kind, Ehefrau von Red-Eagle und Mutter von Storm-Rider

Comes-Through-The-Summer-Rain, gen. Summer-Rain, Ehefrau von Storm-Rider

Gray-Wolf, Jugendfreund von Storm-Rider

Mocking-Bird, seine zweite Ehefrau

Light-Cloud, Krieger

Dark-Night, seine Ehefrau

Großmutter, gehört zur Familie von Light-Cloud und Summer-Rain

Great-Mountain, Friedenshäuptling und Medizinmann der Antilopenbande

Old-Antelope, Häuptling

Weitere Personen:

Erik Machel, Ziehvater von Running-Fox, oder „Jeremiah“, Cheyenne

Jones Harper, Slim Western, Buffalo-Man – Siedler in Colorado

Pete Hartfield, Farmer in Colorado

Frank Hamilton, Schwager des verstorbenen Trappers John Black

Antonia Harper, seine Tochter und Ehefrau von Jones Harper

Bob Marcen, Bankier

Lieutenant Colonel Andy Fisher, führt die Armee gegen die Comanchen

Carl und George, seine beiden Adjutanten

Inhalt

Teil III Verwehte Spuren in den Plains

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

EPILOG

Über den Autor

Teil III
Verwehte Spuren in den Plains

Ich höre noch immer die Mustangs hinter den Hügeln, das Lachen der Kinder, das Geschwätz der Frauen. Höre noch immer die lauten Rufe der Krieger, die mit Jagdbeute beladen zurück in das Lager reiten – doch der Wind hat längst ihre Spuren verweht.

1. Kapitel

Dem zunehmenden Mond fehlte nur noch ein kleines Stück zu seiner vollen Größe. Sein Licht verblasste jetzt jedoch allmählich im Morgengrauen. Obwohl viele von der kleinen Antilopenbande noch schliefen, standen bereits erste Frühaufsteher unten am Fluss, um den neuen Tag zu begrüßen. Im heraufziehenden Morgenlicht lagen die Wälder im Osten noch in dichten Nebel gehüllt. Davor weideten ihre Pferde – etwa 800 – in den Hügeln; hier hatte sich der Nebel bereits verzogen. Pferdejungen krochen zwischen ihren Beinen hindurch; junge, übermütige Hengste – Junggesellen – kabbelten sich miteinander, und der Leithengst in Light-Clouds Herde hob den Kopf. Das große, schwere Kavalleriepferd, auf dem Summer-Rain vor acht großen Wintern halbnackt und schwerverletzt zu diesem Volk gekommen war, stand in stolzer Pose etwas abseits. Ihm schien seine bevorzugte Stellung bewusst zu sein, denn Light-Cloud setzte mit ihm die Züchtung fort, die sein Vater Three-Bears begonnen hatte und die ihm den Neid so manches Kriegers einbrachte. Der helle Beinbehang des Pferdes flatterte im Morgenwind, mutwillig und voller Tatendrang schüttelte er die hellblonde, gewellte lange Mähne. Es war ein Anblick, der jedes Kriegerherz höher schlagen ließ.

Einige Männer holten gerade ihre Lieblingstiere, um mit ihnen wie immer auf der Ebene zu arbeiten; die Ausbildung konnte den ganzen Tag über dauern. Andere, die die Nacht über bei ihren Pferden gewesen waren, grüßten verschlafen. Gray-Wolf hinkte aus Richtung Fluss herbei, also hatte er die Nacht in seinem Tipi verbracht. Auf seinem groben Gesicht mit der großen Nase erstrahlte ein Lächeln. Gerade eben kamen Storm-Rider und Summer-Rain zurück aus den Bergen, wo sie fast einen vollen Mond verbracht hatten. Gray-Wolf rief ihnen einige freche Bemerkungen zu und sparte nicht mit unmissverständlichen, deftigen Handbewegungen. Auch andere hatten ebenfalls eine reiche Fantasie, was das betraf. Storm-Rider ritt an ihnen vorüber, ohne sich etwas daraus zu machen; lediglich seine Mundwinkel zuckten belustigt. Summer-Rain neben ihm tat so, als hielte sie sich die Ohren zu, doch auch sie strahlte über das ganze Gesicht. Sie ritten um das hohe Felsgestein, das im Abstand von etwa zwölf Pferdelängen zu den Hügeln im Südosten aufragte. Dann verschwanden sie an der sich daran anschließenden Mauer aus wie Wächter aussehenden Felsen, die die Sicht zum dahinterliegenden Fluss abschirmten. Sie ritten weiter, der Biegung des Flusses folgend, an den danach bis zur Mitte reichenden Schieferplatten vorbei, die eine Überquerung dort unmöglich machten.

Noch bevor sie die ersten Tipis sehen konnten, griff Storm-Rider nach Summer-Rains Hand. „Mach dir nichts draus“, meinte er, „sie hören bald schon damit auf.“

Natürlich, wenn sie ein neues Opfer finden, dachte sie belustigt.

„Wir sollten gleich wieder umkehren“, meinte er in einem so ernsthaften Ton, dass sie es fast glaubte und für einen winzigen Moment auch hoffte. Er blickte zu ihr hinüber – wachsam, besorgt. „Du bist jetzt meine Frau, und ich bin dafür da, allen Ärger von dir abzuhalten. Wenn du es wünschst, werde ich mit denjenigen reden, die es nicht lassen können, dich zu belästigen.“

„Musst du nicht, Storm-Rider, du bist zwar mein Ehemann, doch ich kann für mich selbst sprechen.“

Da hatte er es wieder: Mit dieser hier würde er es nicht leicht haben. Seine Hand loslassend sagte sie: „Ich muss zuerst zu Großmutter. Sie wird das von mir erwarten.“ Damit wendete sie Whirl, ihre Gescheckte, und ritt einfach weiter, einen verblüfften Storm-Rider hinter sich lassend. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als ihr nachzublicken – wohl wissend, dass er beobachtet wurde. Nun ja, sie sollten keine Ursache haben, über seine Ehefrau schlecht zu reden. Leise vor sich hin pfeifend machte er sich zum Tipi seiner Eltern auf.

Indessen kam Summer-Rain dem ihrer Großmutter näher. Das schlechte Gewissen plagte sie. Doch so langsam sie auch ritt, hinter der nächsten Flussbiegung stand ihr Zuhause. Das stimmte so nicht mehr – denn jetzt war sie die Ehefrau eines angesehenen Kriegers und würde ein eigenes Zuhause haben. Hinter dichtem Buschwerk lugten die Planen von Großmutters Tipi hindurch. Summer-Rain beugte sich tief auf den Rücken ihrer Stute und zog den Kopf ein. Es hatte sich nichts verändert; alles war noch genau so wie bei ihrem, nun ja, etwas überstürzten – oder vielleicht konnte man sagen: unüblichen – Aufbruch, und nun würde sie sich die Vorwürfe der alten Frau anhören müssen.

Tief luftholend hielt sie ihre Gescheckte an. Noch bevor sie absteigen konnte, wurde die Klappe des Tipis zurückgeschlagen – ziemlich heftig sogar – und ihre Großmutter schlüpfte heraus. Zwei Herzschläge lang blickten sie einander in die Augen, dann siegte die Wiedersehensfreude bei Großmutter und sie stand neben der Stute, die Arme zu ihrem Liebling hochgereckt. Summer-Rain ließ sich von ihrem kleinen Mustang gleiten, beide Hände um Großmutter geschlungen. Tränen kullerten über die Wangen der alten Frau, während sie sie an sich drückte. Sie ließ sie unbeachtet und tätschelte ihrer Enkelin – nun ja, eigentlich ja ihrer Nichte – den Rücken. Dann trat sie plötzlich einen Schritt zurück, Summer-Rain forschend betrachtend. Ihr einstiger kleiner Blue-Butterfly war jetzt eine verheiratete Frau. Sie trug ihr Hochzeitskleid – natürlich – ihr Aufbruch war ja so eilig gewesen, dass sie nichts anderes mitnehmen konnte. Doch es sah ganz danach aus, als hätte sie es kaum getragen. Großmutter fragte sich insgeheim, ob sie überhaupt Kleidung gebraucht hatte. „Du solltest dich umziehen“, brachte sie heraus; es klang nicht streng und doch irgendwie vorwurfsvoll.

Wortlos drehte sich Summer-Rain zu ihrer Gescheckten um, löste einen Lederbeutel vom Hals des Mustangs und reichte ihn Großmutter. „Dort drin sind mein Schmuck und alles, was mich an den Tag meiner Hochzeit erinnern wird. Verwahre es für mich, bis ich ein eigenes Tipi habe.“ Ihr Ton war sachlich, sie war etwas enttäuscht über die ersten Worte der alten Frau nach so langer Trennung. Zwischen ihnen entstand eine gedrückte Stimmung. Sie würden reden müssen, dachten beide gleichzeitig.

Summer-Rain war nicht mehr das kleine Mädchen, das ihres Schutzes bedurfte. Jetzt war sie eine verheiratete Frau und traf ihre eigenen Entscheidungen. Großmutter seufzte – hatte sie das nicht schon immer getan? Doch sie war doch noch ihr kleines Mädchen, ihr kleiner Blue-Butterfly – das würde sich auch nie ändern; Summer-Rain würde immer zu ihr kommen können, egal, was auch passierte. Diese Erkenntnis kam ihr jetzt, genau in diesem Augenblick – und da war der alten Frau, als hätte ihr jemand den schweren Stein, der auf ihrem Herzen lag, hinweggerollt.

Summer-Rain würde immer ihre Summer-Rain bleiben – ihr kleiner Liebling.

„Mein Tipi war immer dein Zuhause“, sagte Großmutter deshalb jetzt sanft, den Beutel entgegennehmend. „Für dich ist dort auch in Zukunft ein Platz. Doch ich weiß, dass ihr ein eigenes Zuhause braucht.“ Bevor sie noch weiterreden konnte – denn sie hatte längst dafür gesorgt – erschien wie herbeigezaubert Dark-Night. Großmutter ließ die beiden jungen Frauen allein und verschwand in ihrem Tipi.

Die kleine Mexikanerin begrüßte Summer-Rain überschwänglich, dann lächelte sie sie an und deutete mit der Hand flussabwärts. „Großmutter hat gemeint, wenn du schon einen so angesehenen Krieger wie Storm-Rider heiratest, dann musst du auch mit ihm in ein Tipi einziehen, das seiner Stellung entspricht. Sie hat keine Mühe gescheut und für alles gesorgt.“

Kaum hatte sie das ausgesprochen, da erschien Großmutter auch schon wieder. „Es sollte eine Überraschung werden, Dark-Night, du Plappermaul“, kam es leicht verärgert von ihr. „Ich habe nur das Nötigste getan. Da du es ja nicht abwarten konntest, bis die Geschenke vor deinem Tipi liegen, hat sich niemand die Mühe gemacht, welche zu bringen. Jetzt musst du selbst sehen, woher du die Töpfe für euer Essen nimmst, Comes-Through-The-Summer-Rain.“

Dark-Night wechselte einen vieldeutigen Blick mit Summer-Rain. Doch Großmutter konnte es nicht lassen, hinzuzufügen: „Aber ich kann dafür sorgen, dass sich das ändert, ich leihe dir gern einen von mir.“

Summer-Rain verbiss sich eine Antwort. Oh ja, Großmutter hielt noch immer die Zügel in der Hand, und das würde sich auch in hundert Wintern nicht ändern. Die alte Frau machte ein Zeichen, ihr zu folgen, und Summer-Rain ging mit Dark-Night hinter ihr her, die Stute mit sich führend. Flussabwärts, kurz vor der nächsten Biegung, hatte Großmutter mit Hilfe von Dark-Night und Moon-Night, Storm-Riders Mutter, ein prächtiges Tipi aufgebaut. Storm-Riders Kriegszeichen waren aufgemalt worden – ein steigendes Pferd, und vor dem Eingang stand ein dreibeiniges Holzgestell, auf den er seinen Schild stellen konnte. Mit großen Augen betrachtete Summer-Rain ihr neues Zuhause. Es hatte zwölf Stangen, wie sie sehr wohl bemerkte, und war perfekt eingerichtet. Sie stand noch voller Staunen davor, da erschienen bereits einige ihrer Leute, um ihr doch noch Geschenke zu bringen. Als wäre überhaupt nichts geschehen und heute ihr Hochzeitstag, kamen sie von allen Seiten herbei. Bald schon türmten sich die Reichtümer ihres zukünftigen Haushalts vor dem Tipi auf. Sie würde Großmutters Topf nicht brauchen, dachte sie, während sie das alles betrachtete. Es verging nur kurze Zeit, da erschienen ihre Freundinnen, beladen mit Geschenken – die meisten zwar nur mit Kleinigkeiten, doch am Ende häufte sich all das vor dem Eingang ihres Tipis. Es gab ein herzliches Willkommen, dann zogen sie sich wieder zurück. Jemand lud ein Bündel Feuerholz ab, eine alte, fast zahnlose Frau machte Feuer. Dann, als es brannte, nickte sie Summer-Rain ehrerbietig zu und war weg. Bevor sie es sich richtig versah, war ihr Zuhause ein Zuhause.

Jeder zeigte auf seine ganz eigene Weise und mit seinen Möglichkeiten, wie sehr er sich über die Hochzeit von Storm-Rider und Summer-Rain freute. Auf die, die es nicht taten, konnten die beiden ganz gut verzichten. Großmutter und Dark-Night legten letzte Hand an, dann verschwanden auch sie.

Inzwischen hatte sich Storm-Rider kurz bei seinen Eltern gemeldet. Danach war er weitergeritten, um Gray-Wolf zu suchen. Unterwegs kam ihm Light-Cloud entgegen, der ihn freundlich begrüßte – was nicht unbedingt selbstverständlich war. Erleichtert darüber, dass er ihm nichts mehr nachtrug, wollte er den Schwager schon zum Abendessen einladen, doch da fiel ihm ein, dass er nicht mal wusste, wo das stattfinden sollte. Weiterreitend machte er sich wieder auf die Suche nach Gray-Wolf. Erst nach der Begegnung mit Light-Cloud wurde ihm so richtig bewusst, dass es für ihn und seine Frau noch kein eigenes Zuhause gab. Diese Sorge schob er erst einmal weit von sich, denn eigentlich war das die Sache der Familie von Summer-Rain. Sollte er umkehren, um sich bei Moon-Night danach zu erkundigen? Nein, das konnte warten; zuerst musste er mit seinem Freund reden, musste von ihm erfahren, wie alles an diesem bestimmten Tag abgelaufen war und ritt auf Summer-Wind weiter zur Pferdeherde. Er brauchte lange, dann fand er Gray-Wolf endlich weitab davon. Summer-Wind näherte sich ihm offen genug, doch Gray-Wolf war so in seine Arbeit mit einem seiner besten Kriegsponys vertieft, dass er ihn nicht bemerkte. Storm-Rider glitt von seinem Mustang, gab ihm einen leichten Klaps auf die Flanken und ließ ihn laufen. Der Hengst würde sich nie weiter als einige Schritte von ihm entfernen – es sei denn, er erlaubte es ihm ausdrücklich.

Gray-Wolf blickte kurz auf, nickte ihm flüchtig zu, ließ sich jedoch nicht stören. Er stand vor seinem Pferd, in einer Hand ein Stück roten Stoffes, in der anderen die lange Leine aus Rohleder, die an einen einfachen, geflochtenen Halfter geknotet war. Der Stofffetzen diente nur dazu, dem Pferd zu signalisieren, dass es etwas zu lernen gab. Gray-Wolf ließ die Leine und den Stofffetzen fallen und blickte auf ein Wiegenbrett, das nur einige Schritte von ihm entfernt gegen einen Stein lehnte. Seine ganze Aufmerksamkeit galt jetzt dem kleinen Wesen, das darin zusammengeschnürt lag. Storm-Rider trat näher heran. Sein Kindskopf von Freund beugte sich mit einem so besorgt-fürsorglichen Blick zu seiner Tochter hinunter, dass er ihm nur erstaunt zusehen konnte. Andererseits wiederum, wenn er genauer darüber nachdachte, kannte er Gray-Wolf als einen durchaus feinfühligen Mann.

Trotz seiner vielen Späße und der Leichtigkeit, mit der er bisher sein Leben gelebt hatte, wusste er jetzt, nach all dem erfahrenen Leid, wo sein Platz war. Gray-Wolf hatte Verantwortung übernommen, so viel stand fest.

Wie er seiner Tochter mit einem Finger an der Wange entlang strich, das berührte Storm-Rider zutiefst. „Du hast die Kleine bei dir, wie ich sehe“, stellte er überflüssigerweise fest.

Ohne den Finger von der Wange zu nehmen, wandte sich Gray-Wolf zu ihm um. „Sie soll rechtzeitig lernen, wie man Kriegsponys trainiert“, sagte er und meinte es durchaus ernst.

Das Baby gluckste und griff nach seinem kleinen Finger. Gray-Wolf sah seine Tochter an, als wäre sie das schönste Kind auf der Welt. Voller Stolz erwartete er anscheinend, dass der Freund das ebenfalls bemerkte. Allerdings hatte der anderes im Sinn, als die Schönheit eines Babys zu bewundern. Enttäuscht, da nichts von ihm kam, erhob sich Gray-Wolf und holte den Stofffetzen.

„Wie hat Light-Cloud reagiert, als du ihm meine Mustangs so einfach vor sein Tipi statt vor das von Summer-Rain gestellt hast?“

Gray-Wolf, erst einen Blick auf seine Tochter werfend, die zufrieden vor sich hin krähte, drehte sich zu ihm um. „Oh, mach sowas nie wieder, Storm-Rider. Ich habe so viele Ängste ausgestanden wie schon lange nicht mehr. Du hast dir da etwas erlaubt, das hier so schnell keiner vergisst.“

„Ich hab auch nicht vor, so etwas noch einmal zu tun, mein Freund. Summer-Rain wird die einzige Frau bleiben, die ich jemals will.“ Gray-Wolf schnaufte unwillig. „Old-Antelope war ziemlich aufgebracht“, stieß er heftig hervor.

„Great-Mountain musste ihn beschwichtigen. Die beiden sind anschließend bei Großmutter gewesen, um sich von ihr mit einem Festmahl milde stimmen zu lassen. Du bist ihr also mindestens eine Antilope schuldig, wenn nicht gar einen zarten Büffelbullen. Dein Vater und deine Mutter waren auch dort; jeder hat so getan, als wäre nichts Besonderes passiert. Dass ich nicht lache, der Kuckuck legt manchmal die Eier in ein fremdes Nest, und nun tut man so, als hätte die kleine Vogelmutter dem zugestimmt.“

Storm-Rider schaute ihn mit gerunzelter Stirn an. „Dein Vergleich macht mich klein. Ich bin ein Falke, Gray-Wolf – ein Falke, und Light-Cloud ist keine kleine Vogelmutter.“

Gray-Wolfs Gesicht verzog sich, und er konnte sich das Lachen, das tief aus seiner Kehle hervorbrach, nicht verkneifen. Ja, wenn er an diesen Tag zurückdachte, wurde ihm noch immer das Herz weit. Acht Pferde hatte Storm-Rider für Summer-Rain hergegeben, und er hatte sich zu etwas hinreißen lassen, was er niemals selbst gewagt hätte. An diesen Streich würde er sich noch lange erinnern.

Anstatt sich für sein eigenmächtiges Handeln die Verachtung seiner Leute einzuhandeln, war Storm-Riders Ansehen womöglich noch gestiegen.

Die meisten konnten nur fassungslos den Kopf schütteln; ältere Mitglieder der Antilopenbande waren anfangs zwar schockiert gewesen, dann aber, die Zahl der Pferde bedenkend, hatten sie das Ganze als eine der vielen mutwilligen Aktionen Storm-Riders abgetan. Ihm, einem ihrer besten Krieger, wurde so manches verziehen. Am Lagerfeuer sprach man noch lange darüber, lachte, malte sich Light-Clouds Gesicht aus und schmückte alles mit allerhand Fantasie. Schließlich wurde das zu einer dieser Geschichten, die man bei Festlichkeiten zum Besten gab.

„Sei beruhigt, mein Freund“, strahlte Gray-Wolf ihn an. „Light-Cloud hat zuerst getan, als müsste er dir folgen und dich auf der Stelle umbringen, doch dann hat er die Pferde genommen und alles war gut – du hast ihn ja selbst noch gesehen.“

Während sich Gray-Wolf die Lachtränen mit der Handkante wegwischte, musterte er den Freund. Oh ja, Storm-Rider sah glücklich aus – glücklich und zufrieden. Dann wurde er wieder ernst, und ein Gedanke, der ihm eben durch den Kopf schoss, trübte seine Freude. Dream-In-The-Day – wie glücklich wäre er auch mit ihr geworden! Jetzt war alles anders, doch dafür konnte er Storm-Rider nicht verantwortlich machen. „Du hättest Light-Cloud sehen sollen. Während er deine Pferde zu seiner Herde brachte, ist er erst einmal den Hauptweg auf- und abgeritten. Beinahe wäre er vor Stolz geplatzt“, erinnerte er sich, die anderen Gedanken verdrängend – es nutzte ja doch nichts, der Vergangenheit nachzutrauern. Sein Lächeln war offen, und herzlich umarmte er den Freund. „Willkommen zurück, Bruder“, raunte er ihm zu, ihn an sich pressend.

Storm-Rider erwiderte die Umarmung ebenso herzlich, froh, dass er ihm keine nachträglichen Vorwürfe machte – die ganze Sache hätte auch für den Freund schlecht ausgehen können. Von dieser Seite her hatte er das gar nicht bedacht.

Erst jetzt betrachtete er das Kriegspony seines Freundes genauer. Sachkundig umkreiste er es, griff mal nach seinen Beinen, mal betastete er das Maul, bog ihm den Kopf zur Seite, erfühlte seinen Widerstand. „Du wiederholst die Übungen, die du schon seit einigen Monden mit ihm machst“, stellte er am Ende seiner Untersuchungen fest. Der Mustang, ein tief rotbrauner Hengst mit dunkler Mähne, stampfte mit der Vorderhand den Boden direkt neben seinen Füßen; es gefiel ihm anscheinend nicht, was man hier mit ihm machte.

„Er will noch mehr lernen – siehst du, er ist ungeduldig“, rief Storm-Rider und fasste nach dem Kopf des Tieres, das sich gegen diese Berührung jetzt wehrte. „Du liebst braune Augen bei deinen Mustangs, Gray-Wolf“, meinte er, den Hengst anblickend. Er ließ den Kopf des Mustangs los und lachte, während der sich rückwärts aus seiner Reichweite entfernte. Dann machte er sich den Spaß und ging ihm nach, während er weiterredete. „Ich halte davon nichts; ich finde, diese Pferde sind verschlagen. Wenn du nicht aufpasst, hast du ein Loch im Hintern, sobald du ihnen den Rücken kehrst.“ Als er sich zu Gray-Wolf umdrehte, strafte sein breites Grinsen seine Worte Lügen. Es war nicht ernst gemeint – nur ein Spruch unter Pferdekennern, denn er liebte auch Pferde mit braunen Augen.

Jetzt blieb der Hengst stehen, die seinen auf Gray-Wolf gerichtet und seine Ohren bewegten sich lebhaft. Er ist unsicher, wussten beide Männer – er zögert. Soll er weglaufen oder bleiben? Aber die Arbeit mit Gray-Wolf liebte er. Ja, er liebte diesen Mann dort, der schon lange sein Bruder war.

Storm-Rider erkannte es nach einem letzten Blick auf ihn. Dem Mustang den Rücken kehrend, kam er zu Gray-Wolf zurück.

„Deine Pferde haben nicht alle blaue Augen“, meinte der, seinen Hengst mit einem leisen Ruf zurückholend. „Einige von ihnen sind auch nicht so zuverlässig, wie du es gerne hättest, und so viel ich weiß hat dich das eine oder andere auch schon mal in den Hintern getreten oder noch viel Schlimmeres.“

„Weil ich nicht so viel Zeit mit ihrer Ausbildung verbringen kann, mein Freund, wie du oder wie Light-Cloud. Summer-Wind ist mein liebstes Kriegspony; er ist für mich wie ein Bruder. Vielleicht sollte ich es ja so machen wie Old-Antelope manchmal und meine besten Pferde abwechselnd zu mir ins Tipi holen. Ich glaube aber nicht, dass das meiner Frau gefallen würde!“

Beide grinsten sich wie zwei Jungen an, die eben über einen Streich nachdachten. Es war ein befreiendes Gefühl, so unbeschwert und sorglos hierzustehen und miteinander über belanglose Dinge zu reden. „Mocking-Bird würde mich zusammen mit dem Pferd aus dem Tipi werfen, wenn ich das auch nur in Erwägung zöge.“ Gray-Wolf musste lachen. Dann, kurz zögernd, sprach er aus, was ihn belastete; schließlich waren sie seit ihrer Kindheit schon die besten Freunde. „Es ist nicht immer leicht, mit ihr auszukommen, doch langsam wird es besser. Sie sieht es nicht gern, wenn ich mich selbst um meine Tochter kümmere; sie meint, dass das ihre Aufgabe sei.“ Mit dem Kinn deutete er auf das Wiegenbrett. „Ich muss das tun, denn es drängt mich danach. Dieses Kind ist wie ein unsichtbarer Faden, der sie und mich verbindet.“

Storm-Rider wusste, wen er meinte, und schaute zu dem Wiegenbrett. Die Kleine schlief, an ihrer Faust nuckelnd. „Mocking-Bird wird das wissen, sie ist ja nicht dumm. Ich weiß, dass sie dir fehlt, doch jetzt ist Mocking-Bird deine Ehefrau, und du solltest ihr das zeigen. Lass die Vergangenheit endlich Vergangenheit sein, denn Mocking-Bird leidet darunter, nicht die erste Frau in eurem Tipi zu sein. Solange du den Schatten der anderen nicht hinausgehen lässt, wird sie nicht glücklich sein.“

„Ja, ja, ja – ich weiß.“ Gray-Wolf seufzte. Er wusste, dass das stimmte, wusste, dass er das ändern sollte – aber es war schwer.

„Was stellst du eigentlich mit ihrem Sohn an, nimmst du ihn auch mit zu deinen Pferden?“

„Das tue ich“, beantwortete Gray-Wolf seine Frage, froh, diesmal das Richtige getan zu haben. „Er ist mein Sohn!“

„Und wo, bitte schön, ist er jetzt? Ich sehe ihn nicht.“

„Versetz dich in meine Lage“, suchte Gray-Wolf nach einer Erklärung. „Die alten Männer können gute Ratschläge geben und die Frauen halten sich ja damit auch nicht zurück. Mocking-Bird leidet, ich weiß; doch es ist alles nicht so einfach. Eigentlich hatte ich nur für meine Tochter eine Mutter gesucht, und Mocking-Bird erschien mir dafür geeignet. Du weißt das, wir haben lange genug darüber gesprochen. Was das alles für Folgen für mich haben würde, dass hab ich nicht bedacht.

Ich habe nicht nur die Verantwortung für eine neue Frau, sondern auch für ihren Sohn. Ich bin nicht rücksichtslos oder ungeduldig, wie manch ein anderer Mann es mit einer zweiten Frau vielleicht wäre, aber ich brauche Zeit. Versteh doch, warum ich da manchmal mit meiner Tochter allein sein möchte. Ich liebe Mocking-Birds Sohn auch – das ist es nicht. Aber diese Kleine hier ist einfach mehr für mich. Es ist nicht richtig, ich weiß, aber es ist nun einmal so.“

Seine ehrlichen Worte berührten Storm-Riders Herz. Wie würde er selbst sich denn an seiner Stelle fühlen? Vielleicht war es doch nicht so klug gewesen, so kurz nach dem Tod von Dream-In-The-Day sich eine neue Frau – aus der Not heraus, nicht aus Liebe – zu nehmen. „Mach ihr ein Kind, Gray-Wolf“, platzte es aus ihm heraus. Ja, dachte er, das ist die Lösung.

Gray-Wolf musste schlucken. Dann jedoch sagte er leise: „Sie meint das auch.“

Storm-Rider war erleichtert. Sie sprechen also miteinander, dachte er – das konnte ein Anfang sein.

„Dein Pferd langweilt sich“, wechselte er das Thema. „Du solltest ihm neue Tricks beibringen. Sieh dir an, wie er die Oberlippe hochzieht. Er will dir zu verstehen geben, dass das hier endlich weitergehen soll. Tu dich mit Light-Cloud zusammen – ihr beide seid wahre Pferdekenner.“

„Du weißt es noch nicht?“ Die etwas gedrungene Gestalt seines Freundes straffte sich.

„Was weiß ich noch nicht?“

„Er kümmert sich um den Fremden, einen Weißen. Er ist einen halben Mond nach dem Tag, an dem ich acht Pferde vor das falsche Tipi stellen musste, hergekommen. Großmutter wollte, dass er in ihrem Tipi wohnt – sie wäre so lange zu Dark-Night und Light-Cloud gezogen. Aber das hat er abgelehnt und sich in der Nähe der Pferdeherde – dort, wo die Felsengruppe ist – ein Lager eingerichtet. Er kommt und geht, wie es ihm gefällt; niemand stört sich daran. Wenn er Wild bringt, verteilt es Great-Mountain, ansonsten beschäftigt er sich mit seinen beiden Pferden.“

„Was will ein weißer Mann denn hier?“ Auf Storm-Riders Stirn erschienen zwei tiefe Falten. Ein fremder weißer Mann also! Das konnte nichts Gutes bedeuten, vielleicht sogar Ärger. Warum hatte ihm Light-Cloud, dem er ja vorhin erst begegnet war, nichts davon gesagt? Oder seine Eltern?

Das erschien ihm seltsam.

„Er spricht unsere Sprache“, unterbrach Gray-Wolf seine Gedanken.

„Er ist auf der Suche nach seinem Sohn hierher gekommen und hat auch nach Summer-Rain gefragt. Doch zuerst solltest du mit ihm sprechen.“ Als hätte er über nichts Wichtiges geredet, bückte er sich nach der Leine. Sein Pferd schenkte ihm sofort die volle Aufmerksamkeit. Auch das rote Tuch, das er wieder in der Hand hielt, tat seine Wirkung.

„Sein Sohn?“ Ein eisiger Schauer lief Storm-Rider den Rücken hinunter, während es ihm dämmerte.

„Du meinst, er sucht Running-Fox?“ Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, da hielt er sich auch schon die Hand vor den Mund; die Namen von Toten benutzte man nicht leichtfertig.

Gray-Wolf nickte bedächtig. Ernst sagte er: „Besser, du reitest gleich zu ihm.“ Überflüssigerweise deutete er in die Richtung, in der die Felsen von hier aus zu sehen waren.

„Nein!“ Storm-Rider blickte hinüber zum Fluss, wo er Summer-Rain vermutete. Nein, das ging nicht. Er konnte das nicht tun, denn sie würde ihm das niemals verzeihen. „Zuerst sollte meine Ehefrau mit ihm reden“, beschloss er deshalb. Auf einmal hatte er es eilig, fortzukommen.

Gray-Wolf wollte ihn halten, doch dann ließ er es bleiben. Ich sollte ihm da nicht reinreden, dachte er. Der Freund musste selbst wissen, was er tun sollte. Ein leiser Pfiff, und Summer-Wind stand neben Storm-Rider.

„Aber du weißt schon, dass Summer-Rain dann mit ihm allein sein wird“, konnte es sich Gray-Wolf dann doch nicht verkneifen, zu sagen.

„Und wenn schon, wir haben schon lange keine Geheimnisse mehr. Ich vertraue ihr, sie wird niemals etwas tun, das ich nicht auch gutheißen würde.“

Von Summer-Winds Rücken herunter rief er dem Freund noch einen Ratschlag zu: „Lass deine beiden Kinder zusammen aufwachsen. Dein Herz ist groß genug für zwei – was sage ich, auch für drei Kinder und deine neue Frau. Wo ist das Problem? Mach aus deinem ersten Sohn einen guten Mann und einen würdigen Krieger. Nimm ihn das nächste Mal mit auf die Jagd, damit machst du auch Mocking-Bird eine Freude.“

Gray-Wolf musterte ihn belustigt. „Machst du Witze? Der Junge ist kaum zwei Winter alt!“

„Ich weiß.“ Storm-Rider lachte. Dann wurde er wieder ernst: „Reich mir deine Tochter mal hoch, ich bringe sie zu ihrer Mutter; so gehst du für heute allem Ärger aus dem Weg, denn mir wird sie wohl kaum böse Blicke zuwerfen. Du darfst deine Tochter nicht deinem Sohn vorziehen; das geht so nicht. Bring ihm ein Geschenk mit, wenn du hier fertig bist.“

„Ein Geschenk? Woher soll ich das denn nehmen?“ Mit einer hilflosen Geste zeigte er auf die Ebene vor ihnen.

Doch Storm-Rider hatte sich das schon längst überlegt. „Meine Black-Cloud hat ein Fohlen. Das kannst du dir als kleine Entschädigung für all den Ärger, den du durch mich gehabt hast, holen. Es wird Mocking-Birds Herz erfreuen, wenn sie sieht, dass es für euren Sohn ist.“

Gray-Wolfs Augen weiteten sich ungläubig. „Du bist wahrhaftig ein großzüger Mann, Storm-Rider!“

Der machte lediglich ein belustigtes Gesicht – er war heute in Geberlaune. „Nun reich mir schon das Wiegenbrett hoch“, rief er aus, ihm die Hand entgegenstreckend.

Gray-Wolf bückte sich und gab es ihm. Erstaunt beobachtete er, wie fürsorglich Storm-Rider damit umging. Im Gegensatz dazu konnte dieser Mann ohne jegliche Empfindung töten und hatte so manchen Kriegszug gegen die Texaner angeführt. Bei jedem dieser blutigen Einsätze musste man sich aufeinander verlassen können; die unzähligen Narben auf ihrer beider Körper zeugten davon. Dabei war das Risiko immer ein Leben gegen ein Leben gewesen, und er hatte seines nicht nur einmal ihm zu verdanken. So jemanden wie diesen Mann dort auf seinem wunderschönen Kriegspony Freund nennen zu dürfen, machte Gray-Wolf stolz.

Doch das war es nicht allein, was ihm jetzt durch den Kopf schoss. Wieder dachte er an seine erste Frau Dream-In-The-Day. Ihr Vertrauen zu ihm war auch grenzenlos gewesen. Dann wurde ihm klar, dass er damit aufhören musste. Heute war ein neuer Tag, eine andere Zeit angebrochen. Dieser Freund dort hatte recht, denn er musste endlich Dream-In-The-Day loslassen. Einen letzten Blick auf seine Kleine werfend, die sanft in ihrem Wiegenbrett schlief, in Storm-Riders Armbeuge gebettet, sagte er zu ihm hoch: „Das steht dir außerordentlich gut, mein Freund.“

„Ah, du hast wohl gedacht, ich wüsste nicht, wie man ein Baby hält?“ Storm-Rider lachte.

„Na ja, irgendwie schon, aber da brauche ich mir jetzt ja keine Gedanken mehr darüber zu machen, denn du machst das richtig gut“, rief er ihm nach, denn Storm-Rider ritt bereits auf Summer-Wind mit seinem Kind in den Armen zurück zum Fluss.

Gray-Wolf bedachte noch einmal Storm-Riders Worte. So viel Einfühlungsvermögen hätte er ihm gar nicht zugetraut. Bisher war er ihm immer nur oberflächlich, was Frauen oder Kinder betraf, vorgekommen. Oh ja, der Freund hatte sich verändert. Oder vielleicht war er ja schon immer so gewesen und hatte es nur nicht gezeigt? Er ist wie ein Fels, sagte sich Gray-Wolf – wie ein harter Fels, den der Blitz erst spalten muss, um sein inneres Glänzen zum Vorschein zu bringen.

Eine Weile stand er noch, in tiefes Nachdenken versunken, und genoss das Gefühl der Freude über das Glück seines besten Freundes. Er würde sich das Gesagte zu Herzen nehmen – Mocking-Bird sollte keinen Grund mehr haben, sich zu beklagen, und ein Fohlen für unseren Sohn würde das Übrige tun. So mit sich im Reinen wandte er sich wieder der Ausbildung seines Mustangs zu. Das rote Tuch in der Hand schwenkend signalisierte er ihm, dass es etwas Neues zu erlernen gab. Mit Neugier und unbändiger Freude, die so charakteristisch für diese Mustangs ist, nahm der kleine Hengst die Herausforderung an. Eines seiner Ohren drehte sich voller Interesse dem seitlich von ihm stehenden Mann zu. Seine Augenbrauen hoben sich, Muskeln und Sehnen spannten sich an – man hätte tausend Gedanken in seinem Gesicht lesen können.

Aufmerksame Augen, denen nicht die kleinste Bewegung entging, beobachteten, was als Nächstes kam. Gray-Wolf gab ihm Sicherheit bei sämtlichen Übungen, denn Sicherheit war alles, was der Mustang jetzt brauchte. So arbeitete der junge Krieger mit ihm weiter, bis die Sonne genau über ihnen stand – wiederholte wieder und wieder, was zuvor bereits geklappt hatte. Gray-Wolf sparte dabei nicht mit Lob und Anerkennung, denn auch das war wichtig. Jede neue Übung, jede neue Herausforderung wurde mit einem Eifer angenommen, der sie beide immer enger zusammenbrachte. Bis sie sich bei dem, was sie taten, gegenseitig zu übertreffen versuchten. Sein Mustang bekam ein Gespür für ihn und ahnte bereits jeden weiteren Schritt einen winzigen Augenblick vorher. Sie waren auf dem besten Weg, eins zu werden – eins im Denken und im Handeln. Es war nicht ihr erster Ausbildungstag, oh nein, das hier dauerte nun schon viele Monde.

Nun aber war der Zeitpunkt gekommen, an dem Gray-Wolf eine Entscheidung traf. Sanft strich er seinem Pferd über den Kopf und lehnte sein Gesicht dagegen. So standen sie lange, bis sich ihre Gedanken miteinander verbanden, und das würden sie von jetzt an immer. Ein Pulsschlag, ein Atem würden sie zukünftig sein. Als er das Seil aus dem aus Pferdehaaren geflochtenen Halfter löste und dann auch diesen noch entfernte, entspannte sich der Mustang. Mit einem geschmeidigen Satz, seine Flanke dabei leicht berührend, nur das Haarbüschel am Widerrist erfassend, glitt Gray-Wolf auf seinen bloßen Rücken. Sofort suchten seine Knie die Kuhle unter den Schultermuskeln, wo er seine Schenkel bequem hineinschmiegen konnte. Gray-Wolf saß sehr aufrecht – ohne Zügel, ohne Sattel, hatte kein anderes Hilfsmittel als die Bindung zwischen ihm und seinem Pferd.

Würde das reichen? Oder war es noch zu früh?

Den Oberkörper leicht nach rechts neigend, verlagerte er so ihren gemeinsamen Schwerpunkt. Seine Augen visierten fest einen Punkt weit im Westen an – dort, wo die Ausläufer der Berge begannen – und band sich das rote Tuch um die Augen. Routinemäßig balancierte er den Schwerpunkt aufs Neue aus, seine Schultern bewegten sich nicht, nur sein Oberkörper zog sich ein winziges Stück nach vorn. Der kleine Mustang machte, frei von jedweder Aufforderung, die ersten Schritte – zuerst nur zögerlich, mit seinem Empfinden in den Gedanken seines Reiters, dann setzte er sicher ein Bein vor das andere.

Gray-Wolf sagte kein einziges Wort – brauchte es auch nicht. Ohne die Hände als Hilfe zu benutzen, blind, nur mit der Kraft seiner Gedanken und dem aufgebauten Vertrauen zwischen ihnen, tat das Pferd genau das, was er von ihm erwartete. Über die Ebene auf den Fluss zu galoppierend, fand es ohne zu zögern den Übergang an einer seichten Stelle und preschte, die Entscheidung seines Reiters bereits vorausahnend, auf die andere Seite, dann weiter auf das Ziel zu, das Gray-Wolf mit sehenden Augen zuvor angepeilt hatte. Ihre Gestalten verschmolzen zu einer, während sie im flimmernden Licht der Sonne verschwanden. Der wunderbar in all seinen Bewegungen dahingleitende Mustang wandte sich mit traumwandlerischer Sicherheit den Bergen zu. Ein nicht enden wollender Jubelruf von Gray-Wolf, der ein Pferd unter sich hatte, dem er sein Leben anvertrauen konnte, drückte all das aus, was er in diesem Moment fühlte – was Comanchen fühlten, wenn sie auf ihren Mustangs in die Weite ihrer Plains hinausritten. Es ist unmöglich, das nachzuempfinden – für uns Weiße jedenfalls.

Der Wind zauste Gray-Wolfs von ihm selbst aus Trauer um seine geliebte Dream-In-The-Day abgeschnittenen Haare, wehte ihm die seines Mustangs gegen die Schenkel und ließ ihn den Luftzug spüren, der über ihn und das Land dahinstrich. Noch einmal schrie er seine Lebensfreude hinaus, sein Glück, diesen Mustang unter sich spüren zu dürfen, seine ganze Sehnsucht.

Gras stob hinter dem Mustang hoch, der dahingaloppierte, als gelte es, bis ans Ende der Zeit zu laufen. Der Krieger Gray-Wolf hätte in dem, was er jetzt empfand, diese Welt umarmen können.

2. Kapitel

Auf ihrem Platz vor dem Tipi hatte Großmutter nur kurz in ihrer Arbeit innegehalten, um ihren Rücken durchzudrücken und ein wenig zu verschnaufen. Seit dem frühen Morgen war sie nun schon damit beschäftigt, Büffelhäute zu gerben. Sie stammten noch von der letzten Jagd und sollten ältere Exemplare auf dem Boden ihres Tipis ersetzen, deshalb mussten sie besonders weich und anschmiegsam werden. Müde wischte sie sich den Schweiß von der Stirn, dann machte sie weiter. Whirl, wie Summer-Rain ihre Gescheckte nannte, stand grasend in der Nähe. Wo sich ihre Reiterin aufhielt, konnte sie nur erahnen. Seit sie zurück war, musste sie einen Besuch nach dem anderen machen. Für sie und ihren Ehemann war inzwischen in dem kleineren Tipi alles bereit – wenn sie denn irgendwann einmal kommen würden. Egal, wie viele Verpflichtungen die beiden auch hatten, Großmutter fand es unmöglich, dass sie sich hier nicht sehen ließen. Noch lagen alle Hochzeitsgeschenke vor dem Tipi, das man von hier aus gerade noch sehen konnte, wenn man sich auf die Zehenspitzen stellte. Storm-Rider und Summer-Rain würden sie zusammen begutachten und dann weiterverteilen. Großmutter seufzte – sie hatte es noch nicht übers Herz gebracht, ihr von dem Fremden zu erzählen, denn das konnte sie noch früh genug. Sollte jemand anderes den Mund nicht halten können, dann ersparte er ihr damit die unangenehme Aufgabe, ihr diesen Tag zu verderben. Sie wischte den Gedanken an den toten Cheyenne mit einem Kopfschütteln weg, sah hoch und entdeckte Magic-Flower, die vom Fluss heraufkam, einen Wassersack unter dem Arm.

Unwillkürlich zog sich Großmutters Stirn in Falten. Der Hass der jungen Frau auf Summer-Rain war allgemein bekannt – spätestens seit der Sache mit Icy-Wind. Wenn man ihr auch nichts nachweisen konnte – allein der Verdacht, dass sie daran nicht ganz unschuldig war, genügte. Seitdem konnte ihre Schönheit niemanden mehr über ihren Charakter hinwegtäuschen. Nachdem Storm-Rider Icy-Wind getötet hatte, kam heraus – Light-Cloud hielt die Wahrheit nicht zurück – dass sie es gewesen war, die ihm vom Angriff auf Summer-Rain berichtet und ihn so zu Icy-Wind gelockt hatte. Zu dumm für Icy-Wind, dass Running-Fox in das Kampfgeschehen eingegriffen hatte und so seinen Tod verhindern konnte. Großmutter wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Doch anstatt sich reumütig zurückzuziehen, spielte sich das junge Mädchen weiter in den Vordergrund. Das war ihre Art, mit all dem Geschehen umzugehen. Ihr triumphierendes Auftreten hatte aber nicht mehr die Wirkung wie früher und kehrte sich in das Gegenteil, denn immer mehr ihrer Freundinnen trennten sich von ihr. An Magic-Flower jedoch prallte das alles ab. Sie wollte es nicht wahrhaben; nur so konnte man sich ihr Verhalten erklären.

Das alles ging Großmutter jetzt durch den Kopf, während sie sich wieder über die Büffelhäute hermachte. Aus heiterem Himmel erinnerte sie sich an ihre eigene Jugend. Einmal hatte sie sich die Schwäche erlaubt, sich in einen jungen Kiowa zu verlieben. Daraus war nichts geworden, denn die Kiowa heirateten nur innerhalb ihres eigenen Volkes. Das war so nicht ganz richtig, es gab natürlich auch Ausnahmen. Sie hatte nicht um ihre Liebe gekämpft und den einfacheren Weg gewählt.

Großmutter seufzte – danach war sie eine Zweckehe eingegangen. Nun ja, sie konnte sich wahrlich nicht beklagen. Ihr Mann war immer bemüht gewesen, ihr alles rechtzumachen, und hatte sie gut behandelt. Trotz all der vielen Fehlgeburten, der Kinder, die nur ein, zwei Tage überlebten, war er bei ihr geblieben. Er hätte sich auch anders entscheiden können. Nein, murmelte sie leise vor sich hin, ich kann mich nicht beklagen. Er war bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen; seitdem war sie allein. Sie wollte keine Ehe mehr eingehen, obwohl Great-Mountain ihr das immer wieder nahegelegt hatte, und genügend Bewerber hatte es gegeben. Am aufdringlichsten war Antelope-Son gewesen. Er hatte ihr schon vor der Geschichte mit dem Kiowa nachgestellt.

Sie erinnerte sich wieder an den Tag, als Sun-In-The-Red-Hair mit den Kriegern ins Lager gekommen war. Bei ihr und ihren beiden Kindern hatte sie ihr Glück gefunden. Später, als ihr kleiner Schmetterling in ihr Tipi flatterte, hätte sie mit niemandem mehr tauschen mögen. Wieder fiel ihr Antelope-Son ein. Er war damals über ihre Ablehnung nicht hinweggekommen. Nur um sich abzulenken, hatte er an diesem Kriegszug teilgenommen, von dem die Männer Sun-In-The-Red-Hair und drei Kinder mit zurückbrachten – Moon-Night und diese beiden Jungen, Raven-Feather, der einer ihrer besten Pferdemänner wurde, und sein jüngerer Bruder Arrow-Head.

Als käme die Vergangenheit auf sie zu, sah sie Antelope-Son plötzlich leibhaftig vor sich. Ungläubig kniff sie die Augen zusammen. Was machte er denn hier? Gerade eben hatte sie an ihn gedacht. Leicht amüsiert verbiss sie sich ein Lachen. Der stolze Krieger von damals kam jetzt auf einen gebogenen Stock gestützt, schlurfenden Schrittes näher. Alt und gebrechlich, mit zerfurchtem Narbengesicht, hielt er direkt vor ihr. Den Kopf mit den weißen Haaren, ordentlich zu zwei langen Zöpfen geflochten, schief gelegt, überlegte er, wo er war. Endlich hob er den Zeigefinger und tippte ihr damit an die Schulter. Großmutter ließ ihn gewähren, denn sie wusste um seine Vergesslichkeit.

Dieser Zustand hatte sich erst in den letzten sechs Monden so sehr verschlechtert, dass man ihn eigentlich niemals mehr allein umhergehen lassen konnte. Immer war jemand schnell zur Stelle, um ihn wieder zu seinem Zuhause zu bringen. Noch einmal tippte er sie an. Auf einmal huschte es wie ein Erkennen über sein eingefallenes Gesicht. Die fast nicht mehr sichtbaren Lippen kräuselten sich in tausend Fältchen, verschwanden in seinem zahnlosen Mund. Dann öffnete er ihn und erstrahlte in einem wissenden Lächeln. Es erreichte die Augen, die wie kleine runde Kieselsteine in dunklen Höhlen wohnten. „Ich gehe jetzt in die Berge, meine Liebste“, murmelte er geheimnisvoll. „So weit weg, wie ich kann, doch das darfst du niemandem sagen. Ich will nicht, dass man mir folgt und mich wieder zurückbringt.“

Seine Handflächen strichen sanft über ihre Schultern. Unverkennbar war er bei völlig klarem Verstand. „Wenn du mich damals nur gewollt hättest, meine Schöne, dann wäre manches anders gekommen. Der, der den Bruder deiner Nichte getötet hat, diesen Cheyenne – er stand mir damals nahe. Ich bin mit ihm auf diesen Kriegszug geritten, du weißt schon, um zu sterben oder dich zu vergessen – hat beides nicht geklappt.“

Den Kopf hochgereckt, lauschte er in den Wind – kicherte und sagte: „Sun-In-The-Red-Hair hat ihm damals, genau wie du mir einmal, das Herz herausgerissen. Danach ist er unempfindlich geworden gegen alle Freuden des Lebens. Dein Bruder hätte sich heraushalten sollen. So viel ist deshalb passiert – vor 34 Wintern – ich hab sie alle gezählt. Du und ich, wir sind keine jungen Leute mehr, wir sind mit dem Wind alt geworden. So ist das eben, und nun werde ich heimgehen, heim zu dem Schöpfer, der uns gemacht hat. Es wird endlich Zeit.“

Großmutter, die ihm bis jetzt nur stumm zugehört hatte, blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Wäre in diesem Moment ein Blitz neben ihr eingeschlagen, sie hätte sich nicht gerührt. Was wusste Antelope-Son von Icy-Wind und Sun-In-The-Red-Hair? Dann wurde sie wütend. „Du sprichst von Dingen, die lange vorbei sind; lass sie endlich ruhen.“ Sie meinte das mit ihm und ihr.

„Oh, Feet-That-Sing-When-They-Walk kann ja reden“, nannte er sie bei ihrem Mädchennamen. Verwegen blinzelte er mit einem Auge. Großmutter löste sich von seiner Berührung, indem sie einen Schritt nach hinten machte. „Es ist erstaunlich, an was du dich noch alles erinnerst, Antelope-Son“, erwiderte sie scharf. „Du solltest deine Erinnerungen in die Berge mitnehmen, anstatt sie hier vor mir auszubreiten. Du verschwendest nur meine Zeit!“

„Du hast recht, meine Liebste“, sagte er, bedauernd die Hände betrachtend, die nun nicht mehr auf ihrer Schulter lagen. „Es ist ohnehin schon zu lange her. Die Zeit hat dich und mich in verschiedene Richtungen gehen lassen. Dabei hätte ich deinen Weg leichter machen können, es hätte mich nur ein einziges Wort gekostet.“ Die in seinen Worten mitschwingende Drohung erkannte Großmutter wohl. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich jäh. In seinen Augen erschien ein seltsamer Glanz, und sie wurden groß und rund – so, als ob sich dort etwas hervordrängen wollte, was nicht aus seinem Mund kommen durfte.

Großmutter aber musste es wissen. Entgegen ihrer vorangegangenen Worte überwand sie ihren Abscheu und sagte in mildem, versöhnlichen Ton: „Ich sehe doch, dass dich etwas bedrückt, du solltest das, was dir auf dem Herzen liegt, nicht weiter mit dir herumschleppen.“

„Meine Zeit ist vorbei“, meinte er leichthin, den Blick in die Ferne gerichtet.

Sie wartete, ebenfalls ihre Augen nach dort gerichtet, nicht auf etwas Bestimmtes, nur irgendwohin; sie konnte ihn nicht einmal ansehen.

Den Kopf wieder der Frau zuwendend, die er einst so sehr begehrt hatte, sprühte es förmlich aus ihm heraus. „Siehst du, ich habe mich an deinen Namen erinnert, als du ein junges Mädchen gewesen bist:

Feet-That-Sing-When-They-Walk. Ich weiß noch genau, dass du deinen Bruder damals zu ihr geschickt hattest“, erinnerte er sich wieder an seine Worte von eben. Oh ja, ein einziges Wort von ihm hätte genügt – doch es nicht zu auszusprechen, war seine Rache gewesen, seine Rache wegen ihrer Abfuhr. Soll sie doch jetzt erkennen, welchen Fehler sie damals gemacht hatte! Antelope-Son wischte sich mit der Zunge über die welken Lippen. „Ja“, stieß er hervor und ihm war durchaus klar, was er da sagte. „Sie haben Sun-In-The-Red-Hair verfolgt – damals, als wir Männer sie ins Lager brachten, und Crow-Wing war die Schlimmste von allen. Du dagegen hast ihr Essen gegeben und eine Decke. Ich weiß das, denn ich habe es gesehen; ich wusste immer, wo du warst, auch in jener Nacht.“

Zufrieden betrachtete er das entsetzte Gesicht von Großmutter. Ja, das hatte sie nicht gewusst – und das war noch lange nicht alles. Beinahe triumphierend sprach er weiter. „In dieser Nacht wollte Crow-Wing dafür sorgen, dass sie stirbt. Das wäre sie auch, wenn Icy-Wind sie nicht aus dem Wasser gezogen und das verhindert hätte, denn jetzt wollte er Sun-In-The-Red-Hair, obwohl er vorher etwas anderes behauptet hatte. Dieser Mann war sich mit seiner Arroganz immer schon selbst im Wege. Als dein Bruder und er dann aufeinandertrafen, konnte er die entscheidenden Worte doch nicht sagen; er brachte es einfach nicht fertig, stattdessen gingen sie im Unfrieden auseinander.“

Antelope-Son hielt inne; seine alten Augen sahen nicht mehr so gut wie früher. Was sich jetzt jedoch vor seiner Nase abspielte, das bemerkte er in lichten Momenten wie diesen noch gut: Großmutters gequälter Ausdruck entging ihm nicht, doch es war ihm immer noch nicht genug. „Dein Bruder, der von den Gefühlen Icy-Winds nichts ahnte, machte sich ihn dort bei diesem Zusammentreffen für immer zum Feind“, fuhr er fort, sie zu quälen. „Dieser Mann, der jetzt tot ist, umgekommen in einem fairen Kampf, hat das Erlebnis von damals nie verwunden, und der Hass hat ihn aufgefressen. Eure ganze Familie musste dafür büßen; nur dafür hat er noch gelebt. Ich habe es gesehen, mit eigenen Augen, in dieser Nacht. Damals entschied sich das Schicksal von Sun-In-The-Red-Hair und Icy-Wind. Dieser Mann hat gelitten, unendlich gelitten und es nicht ertragen können, dass dein Bruder über ihn triumphiert hat. Der Schmerz, den auch ich einst gefühlt habe, hat ihn Wege gehen lassen, die er sonst niemals gegangen wäre. Begreifst du, wie leicht es gewesen wäre, all das kommende Unglück, all den Kummer von deiner Familie abzuwehren? Ein Wort von mir an deinen Bruder hätte genügt.“

Großmutter starrte ihn an, als wäre er ein Dämon. Er wollte ihr wehtun, erkannte sie in diesem Moment. Sie hatte es einmal getan, aber auf andere Weise, doch das war jetzt egal; sie konnte nicht zulassen, dass er zuletzt noch triumphierte. „Wenn du dir einbildest“, fuhr sie ihn an, „mein Bruder hätte diese Frau, von der du sprichst, zurückgewiesen, nur um allem Ärger aus dem Weg zu gehen, dann irrst du dich gewaltig, alter Mann – nie im Leben! Wenn du damals zu mir gekommen wärest, um mir all das zu sagen, was du heute hier hergetragen hast, um mir weh zu tun, so muss ich dich enttäuschen. Dieses Wissen hätte uns nur stärker gemacht – es hätte nichts, überhaupt nichts, geändert.“

Ihr Herz schlug schneller. Dieser alte, boshafte Mann hier sprach doch tatsächlich von Unglück und Kummer! Was wusste er denn schon! Eines aber wurde ihr klar: Wenn Three-Bears davon etwas gewusst hätte, wäre er sicher auf Icy-Wind zugegangen, um mit ihm Auge in Auge darüber zu reden. Wie das ausgegangen wäre, konnte niemand im Nachhinein wissen; zumindest hätte er es versucht. Schon wollte sie Antelope-Son das vorwerfen, da besann sie sich. Welch ein Irrsinn, denn eigentlich sollte man doch wohl mit dem Alter klüger werden; der hier jedenfalls nicht.

Verletzter Stolz nagte noch immer an seinen Knochen. Sein Groll auf sie hatte ihn damals daran gehindert, mit ihr darüber zu sprechen. Egal, ob es etwas genützt hätte oder nicht – er hätte es einfach nur tun sollen.

Sie sah ihn an und fragte sich, ob sie an all dem Unglück die Schuld trug. Dark-Night, Light-Cloud, Summer- Rain, Running-Fox, zählte sie in Gedanken auf. Zuletzt hätte es auch Storm-Rider beinahe das Leben gekostet. Nein, wusste sie plötzlich, nein, das alles war nicht meine Schuld. Mit diesem Mann hier hätte sie nie ihr Leben teilen können, auch nicht um den Preis seines Geständnisses. „Vielleicht hättest du mir tatsächlich viel Kummer und Leid ersparen können, Antelope-Son“, wies sie ihn mit fester Stimme zurecht.

„Hätte ich, hab ich aber nicht“, unterbrach er sie, freudig erregt. Ein schlaues Lächeln ließ seine Mundwinkel zucken. Sein Kopf wackelte belustigt hin und her; er schien sich an dieser Vorstellung zu weiden.

Großmutter hatte noch nicht zu Ende gesprochen. „Aber“, fuhr sie fort, ihn mit hochgerecktem Kinn betrachtend, „heute bin ich fest davon überzeugt, dass aus unserer Verbindung ein viel größeres Unglück hervorgegangen wäre. Ich muss dir daher dankbar dafür sein, dass du mir das alles nicht erzählt hast. Vielleicht hätte ich ja den Fehler begangen und meine Entscheidung gegen dich damals noch einmal überdacht.“

Oh? Antelope-Sons Gesicht, alt und runzlig, fiel in sich zusammen. Großmutter konnte regelrecht sehen, welche Gedanken ihm im Kopf herumsprangen. Umständlich verlagerte er sein Gewicht; kurz schwankte er, doch dann umklammerte er mit seinen Fingern, die voller Gichtknoten waren, den Stock nur fester. Großmutter sah, wie er vor Schmerzen das Gesicht verzog; seine Arthritis machte ihm zu schaffen – oder waren es ihre Worte? Es tat ihr nicht einmal leid, ihn so zu sehen. Die Jahre hatten alte Leute aus ihnen beiden gemacht. So viel Zeit war seit damals vergangen. Was geschehen war, konnte niemand mehr rückgängig machen. Den Entscheidungen, die man einmal getroffen hatte, folgten andere; wer konnte da schon vorher wissen, wohin sie führten?

Ob sie gut oder schlecht waren, richtig oder falsch? Dieser alte Mann bildete sich ein, die Geschichte beeinflusst zu haben und damit auch ihre Zukunft und die ihrer Lieben. Lachhaft, sagte sie sich, einfach nur lachhaft – diese Macht besaß kein Mensch; genauso wenig hätte er den Wind beeinflussen können. Kurz war sie versucht, ihn ins Gras zu stoßen. So sieht deine Macht aus, alter Mann, wollte sie ihm damit zeigen, so schwach bist du damals gewesen und bist es auch heute noch.

Was war aus ihm geworden? Antelope-Son, einst ungebührlich arrogant und anmaßend – jemand, der sich einbildete, anderer Leute Schicksal bestimmt zu haben – stand jetzt am Rande des Todes. Die letzten Worte von Großmutter trafen diesen ehemals starken und tapferen Krieger zutiefst. Heute war er nichts mehr von beidem, heute war er einfach nur seines Lebens überdrüssig. Jetzt aber hatte er sich unbewusst etwas aufgeladen, worüber er auf seiner letzten Wanderung nachgrübeln konnte – wenn er denn klar im Kopf sein würde. Sein Blick glitt über Großmutters Gestalt, als wollte er sich jede Einzelheit für den kurzen Rest seines Lebens einprägen – obwohl er es ja doch schon bald wieder vergessen würde. Vielleicht sah er sie ja in diesen Augenblicken der Erinnerung, wie sie als junges Mädchen gewesen war – als die, deren Füße sangen, wenn sie ging.

Ohne sich von ihr zu verabschieden, drehte er sich um. Sein letzter Weg würde ihn in die Berge führen, so weit ihn die alten, müden Beine trugen.

Gerade schlurfte er einen langgezogenen Hügel hinauf, da tauchte Great-Mountain atemlos auf einem kleinen Mustang auf, und Großmutter rief ihn an. Mit ihrer bestimmten, keinen Widerspruch duldenden Art machte sie ihm begreiflich, dass es sinnlos war, Antelope-Son aufzuhalten.

Great-Mountain stand lange neben ihr. Beide blickten sie dem alten Mann nach – jeder für sich allein.

„Hat er noch etwas gesagt?“

Großmutter wandte dem Friedenshäuptling langsam den Kopf zu. In ihren Augen war keinerlei Regung. „Nein“, log sie mit fester Stimme. „Nur Belangloses, nichts von Bedeutung. Er ist froh, diesen Weg noch allein gehen zu können – lassen wir ihn sein Leben zu Ende bringen.“ Und mögest du niemals Ruhe finden – nach dem, was du angerichtet hast. Aber das sprach Großmutter nicht aus.

Great-Mountain nickte. Die Gestalt des alten Mannes war längst verschwunden. Großmutter schloss die Augen. Ich bin alt, dachte sie, so alt und ebenfalls müde.

Summer-Rain holte Whirl, ihre Gescheckte, und warf ihrer Großmutter einen prüfenden Blick zu. Die stand noch immer neben den Büffelhäuten, aber Great-Mountain war nicht mehr bei ihr. „Warum hast du mir nicht erzählt, dass da ein weißer Mann ist, der mich sprechen will?“ Ein leiser Vorwurf schwang in ihrer Stimme mit. Sie griff nach dem Widerrist ihres Ponys und schwang sich auf seinen Rücken.

„Das hat keine Eile – lass ihn warten.“ Unwillig schob Großmutter die Unterlippe vor. Irgendjemand musste geplaudert haben. Doch nun wusste sie ja Bescheid, anscheinend aber nicht über alles.

„Wir haben uns um ihn gekümmert“, meinte sie dann doch. „Mach dir keine Sorgen; ich wollte, dass er in meinem Tipi auf dich warten soll – er zog aber die Nähe der Pferdeherde vor.“ Das stimmte zwar, und doch war sie erleichtert gewesen, als er sich so entschieden hatte. Summer-Rain verlagerte ihren Oberkörper leicht nach vorn, und Whirl setzte sich in Bewegung. „Ich reite zu ihm.“ Mehr sagte sie nicht, unzufrieden die Stirn runzelnd. Warum glaubte Großmutter noch immer, besser zu wissen, was für sie gut war? Oder was sie tun sollte? Ihr Pony wurde hinter dem dichten Gesträuch, das zwischen dem Fluss und der Ebene lag, schneller, preschte weiter bis hin zu den Hügeln im Osten, vor denen die ersten Pferde der riesigen Herde grasten. Einige Stuten, deren im Frühjahr geborene Fohlen miteinander spielten, hoben die Köpfe. Summer-Rain ritt mitten durch sie hindurch, überquerte einen Hügel und grüßte laut die Pferdejungen – überwiegend mexikanische Kriegsbeute, die schon seit langem bei ihnen lebten. Ein hellblonder älterer Mann saß auf einem der Pferde, die ihrem Bruder Light-Cloud gehörten. Er kam heran und hielt neben ihr. Aus seinem braungebrannten Gesicht stachen die hellen Augen besonders deutlich hervor. Ansonsten erinnerte nichts mehr an den kleinen Jungen, der einst so verängstigt auf Red-Eagles Pferd gesessen hatte. Seine Muttersprache kannte er schon lange nicht mehr – er war zu einem vollwertigen Comanchen geworden. Auch sein Bruder musste irgendwo in der Nähe sein; beide blieben nie lange voneinander getrennt.

„Du suchst sicher den weißen Mann, Summer-Rain“, redete er sie freundlich an. Dass sie mit Storm-Rider zurück war, hatte sich bereits bis hier herumgesprochen.

„Wo ist er?“ Mit einer Hand die Augen gegen die Sonne abschirmend, blickte sie sich suchend um.

Über das Gesicht des Mannes glitt ein wissendes Lächeln. Wenn der Fremde seit seiner Ankunft hier draußen lebte, dann war es wahrscheinlich, dass er wusste, wo er steckte. „Hinter den großen Felsen“, kam es prompt. Sich eine ergrauende Haarsträhne aus der Stirn streichend, zeigte er ihr die Richtung. „Manchmal denke ich, er traut uns nicht. Glaubt wahrscheinlich, wir stehlen seine beiden Pferde. Dabei müsste er doch wissen, dass sie hier in unserem Lager sicherer sind als irgendwo sonst.“ Tief luftholend grinste er jetzt. „Obwohl“, sagte er, bevor er weitersprach, vor sich hin kichernd, „das eine Pferd, dass da bei ihm ist, dass wäre es schon wert, gestohlen zu werden.“ Jetzt strahlte er über das ganze Gesicht, in dem man die Falten schon nicht mehr zählen konnte. „So eines hast du noch nie gesehen, Summer-Rain, es ist irgendwie“, um Worte verlegen formte er mit den Händen einen viereckigen Rahmen. „Etwa so!“

Sie hörte schon nicht mehr hin. Wenn sie sich auch sonst brennend für Pferde interessierte – auf einmal hatte sie es eilig. Sie wollte endlich wissen, wer der Fremde war, denn eine Ahnung kam ihr, die ihr Angst machte.

Je näher sie der kleinen Felsengruppe kam, desto mehr verstärkte sich dieses Gefühl. Der Gedanke, dass dieser Mann etwas mit Running-Fox zu tun haben könnte, ließ ihr Herz schneller schlagen. Warum sonst fragte er ausgerechnet nach ihr? Nein, nein, sie wollte nicht an diesen schrecklichen Tag erinnert werden. Nicht jetzt, nicht heute – nicht an diesem wunderschönen Tag.

Whirl stob dahin, als gelte es, ein Wettrennen zu gewinnen. Sie bemerkte gar nicht, dass sie sie zur Eile antrieb. Schon hatten sie die Felsengruppe fast erreicht. Mit ungewohnt harter Hand stoppte sie ihre Gescheckte, glitt von ihrem Rücken und ließ den kleinen Mustang frei laufen.

Ein Wiehern kam von der anderen Seite der Felsengruppe. Zuerst zögernd, dann schneller gehend, erreichte Summer-Rain sie. Das Erste, was sie dann sah, war ein Pferd, nicht viel größer als ihr eigenes, jedoch mit einer sehr kräftigen Statur, einem kleinen, geraden Kopf, wachem Ohrenspiel und Augen, die sie mit einem fast menschlichen Ausdruck neugierig musterten. Der vordere Teil bis zum Widerrist war tief dunkelbraun, fast schwarz – sogar die Beine. Dann sah es so aus, als hätte jemand eine Decke über sie ausgebreitet – eine weiße Decke mit dunklen, unregelmäßig großen Punkten und Flecken. Der Schweif wiederum hatte die gleiche Farbe wie der vordere Teil des Pferdes. Dort, wo man kein Fell sehen konnte – an den Nüstern und unter dem Bauch – war auch die Haut gefleckt. Ihr geübter Blick erkannte sofort seine Stärken. Der kurze, mit Muskelsträngen durchzogene Rücken und die schräg abfallende ebenfalls kräftig ausgebildete Kruppe zeichneten die Stute als einen sehr wendigen, schnellen Renner aus.

Summer-Rain konnte kaum den Blick von ihr abwenden. Für einen langen Augenblick vergaß sie, warum sie eigentlich hergekommen war. Eine Palouse, konnte sie nur noch denken, eine Palouse! Sie hatte den Atem angehalten, ihr ganzer Körper kribbelte bis in die Zehenspitzen. Der Blick des schönen Tieres wandte sich von ihr ab, und der Zauber verging in dem Moment, als sie den Weißen sah. Ihre Ahnung hatte sie nicht getrogen. Nach allem, was sie über ihn wusste, konnte das nur Erik Machel sein – Erik Machel, Running-Fox´ weißer Ziehvater. Sie zwang all ihre Empfindungen zurück, und ihr Herz fand allmählich wieder in seinen normalen Rhythmus. Tief luftholend stellte sie sich ihm und seinen Fragen.

Er saß vor einem kleinen Feuer, die langen Beine ausgestreckt. Seine schlanken Finger hantierten an einem Stück Leder, das sie als Zaumzeug erkannte. Es sah seltsam aus – ganz anders, als das, das sie selbst benutzte; doch darum ging es jetzt nicht. Ihr Blick glitt über ihn, musterte ihn unverhohlen, da sie sah, dass er das jetzt auch mit ihr machte.

Erik Machel sah jünger aus als 36. Sein längliches, von der Sonne dunkel verbranntes Gesicht mit den eingefallenen Wangenpartien hatte etwas männlich Herbes, das von einem harten Leben zeugte. Sein schmaler, ausdrucksvoller Mund öffnete sich leicht, als wollte er etwas zu ihr sagen, doch nach einem kurzen Zögern stand er nur auf. Irgendwie wirkte das unbeholfen, fast plump, aber das lag sicher nur an dieser Situation, denn er wusste sofort, wer sie war. Man konnte es ihm ansehen: Seine ganze aufgestaute Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben, und Summer-Rain erschrak. In seinen eisgrauen Augen erkannte sie all den Schmerz, all die Trauer, die sie selbst noch immer empfand – das hatte sie nicht erwartet. Stumm streckte sie ihm eine Hand entgegen, die er aber nicht beachtete – ja, sein Mund zuckte nur verächtlich; auch das hatte sie nicht erwartet. Dann kam ihr eine Ahnung. Oh nein, woher sollte er es denn wissen? Sie ließ ihren Gefühlen freien Lauf, ihr Gesicht verzerrte sich – und plötzlich, ohne dass sie es verhindern konnte, brach sie in Schluchzen aus. So stand sie vor ihm, beide Hände, unter denen Tränen hervorquollen, vor dem Gesicht. Endlich wurde sie ruhiger – und er auf einmal unsicher. Seine Gedanken flatterten durcheinander, er wusste nicht, was er von ihrem Verhalten denken sollte – wusste gar nichts mehr. Nachdem er hier erfahren hatte, was mit Running-Fox passiert war, hatte ihn tiefe Verzweiflung ergriffen und grenzenlose Trauer. Dann hatte sich das in Unverständnis gekehrt, danach in Wut über dieses Mädchen.

Summer-Rain wischte ihre Tränen nicht fort – der Wind würde sie trocknen.

„Setz dich“, kam es unfreundlich, harsch aus Erik Machels Mund in der Sprache der Comanchen.

Summer-Rain hatte sich zwar gefasst, kam der Aufforderung jedoch nicht nach. Unschlüssig glitt ihr Blick hinüber zu der Palouse, dann wieder zu dem weißen Mann.

„Ich hab gesagt, du sollst dich setzen“, sagte der jetzt in einem scharfen Ton.

Noch immer stand sie unschlüssig neben dem Feuer. Jetzt setzte er sich wieder, das Zaumzeug noch immer in der Hand. Es diente ihm wie ein Rettungsanker, an dem er sich festhalten konnte. „Ich bin Erik Machel, wie du dir vielleicht schon denken kannst“, kam es von ihm, noch immer unfreundlich.

Bevor er sie noch mehr anherrschen würde, setzte sie sich schnell – auch, damit er nicht zu ihr aufsehen musste, denn das wäre eine schreckliche Zumutung gewesen. Erst in diesem Moment begriff sie, dass er Comanche sprach, und zuckte zusammen. Was wusste sie denn schon über ihren Bruder Running-Fox? Gar nichts, durchfuhr es sie, überhaupt nichts – genauso wenig wie über seinen Ziehvater. Nichts, nichts, nichts, hämmerte es in ihrem Kopf. „Er hat viel von dir gesprochen“, begann sie zögernd, bemüht, die richtigen Worte zu finden.

„Verflucht, was soll das? Du hast ihn doch schon vergessen – tu doch nicht so, als würdest du groß um ihn trauern!“ Jetzt sprach er englisch; fluchen konnte man nur in dieser Sprache, das wusste auch Summer-Rain. Erik rieb sich über das Kinn; er hatte sich erst heute am frühen Morgen rasiert. „Verdammt, verdammt, verdammt!“ Wieder bediente er sich der englischen Sprache. „Deine Leute haben nicht viel mehr gesagt, als dass mein Sohn im Kampf gestorben ist.“ Das Zaumzeug in seinen Fingern hin- und herdrehend, dachte er verärgert an die verunstaltete Mexikanerin, die ihn im Tipi dieser uralten Frau einquartieren wollte. Da hatte er sein Lager lieber hier aufgeschlagen.

Niemand wollte so recht mit der Sprache heraus. Nur dieser Light-Cloud, der hatte sich ausweichend mit ihm unterhalten, war aber nicht näher auf die Umstände von Running-Fox‘ Tod eingegangen. So war er geblieben, um auf das Mädchen, wegen dem sein Sohn überhaupt hierher gekommen war, zu warten. Und genau dieses Mädchen war mit ihrem Ehemann in die Berge geritten. Das hatte ihn so sehr erbost, dass er mit niemandem mehr reden wollte. Jetzt sollte sie ihm endlich eine Antwort geben!

Wieder ins Comanche wechselnd, seine Empfindungen hinunterschluckend, kam er gleich zur Sache: „Ich will wissen, was genau geschehen ist. Dass du dich inzwischen mit einem anderen Mann getröstet hast, geht mich nichts an – so sehr ich dich dafür auch verachte.“

Sie hob eine Hand, wollte ihm Einhalt gebieten, ihn stoppen, sah den Zorn in seinen Augen und senkte sie wieder.

Erik schwitzte vor Erregung, seine Lippen bebten. Am liebsten hätte er ihr seine Verachtung gezeigt, indem er aufstand und einfach wegritt. Aber zuerst musste er wissen, weshalb sein Sohn gestorben war – alle Umstände erfahren. „Also rede schon, Weib!“, forderte er sie auf, den harten Zug um seine Lippen noch verstärkend.

Ich muss es ihm sagen, wurde ihr klar, ob er mir glauben wird oder nicht; ich muss es wenigstens versuchen. Sie schloss die Augen, berührte sie sanft mit Zeigefinger und Daumen, ließ das Bild ihres Bruders vor sich entstehen, beschwor seinen Geist herauf. Es war nicht schwer. Sie konnte dem weißen Mann in ihrer Sprache – nicht in der seinen, die ohne Gefühle war – beschreiben, was für ein wunderbarer Mensch Running-Fox gewesen war. Damit wollte sie beginnen.

Und das tat sie, löste die Finger von ihren Augen und blickte ihn an. Erzählte ihm, wie sie ihn kennengelernt hatte, ihre Versprechen, seine Suche nach ihr. Wie er sie gefunden und ihr damit das Leben gerettet hatte. Sie erzählte vom Sand-Creek-Massaker und wie sie als Kinder voneinander getrennt worden waren und wie sie all das in ihrem tiefsten Innern vergraben hatte. Sie berichtete weiter, wie Running-Fox herausgefunden hatte, wer sie war, wer sie beide tatsächlich waren. Zuletzt erzählte sie ihm von dem Versprechen, sie zu beschützen – damals, als sie mit ihrer Mutter zum Sand Creek aufgebrochen waren und er es doch nicht hatte halten können. Sie erzählte ihm vom Kampf mit Icy-Wind – jede Einzelheit, die tief in ihrem Gedächtnis eingebrannt war. So hatte er doch noch sein Versprechen eingelöst. Ihr Bruder war für sie gestorben, hatte sein Leben für das ihre hergegeben. Doch dafür konnte sie keine Dankbarkeit empfinden – dieser Preis war einfach zu hoch gewesen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hörte er nur zu. Seine Miene blieb starr, und er zeigte keinerlei Regung. Dann endlich begriff er. Entgeistert starrte er sie an, griff nach ihren Fingern, fühlte, dass sie nass von Tränen waren – und kalt, eisig kalt. Er betrachtete sie, als sähe er in ihren Augen die Bilder entstehen – wie sein Junge in all diesen Situationen gehandelt hatte; dann drehte er sich wortlos von ihr weg. Plötzlich bereute er, vorhin so unbeherrscht und grob gewesen zu sein. Er hatte sie angeschrien, ihr böse Dinge unterstellt, ohne die Wahrheit zu kennen. In ihm stieg die Erinnerung wieder hoch. Diese grässlichen Ereignisse, die sich am Sand Creek abgespielt hatten – denn wenn sie auch dort gewesen war, wenn sie als kleines Kind diese Schrecken hatte miterleben müssen, dann war es denkbar, dass sie all das völlig verdrängt hatte. Er kannte den medizinischen Ausdruck dafür nicht, doch er wusste, dass es so etwas gab. Im Krieg hatte er selbst erlebt, wie ein gestandener Mann nach einem Beschuss sein Gedächtnis verloren hatte.

Summer-Rain hockte neben ihm, die Beine untergeschlagen, den Rücken durchgedrückt, regungslos, wartend. Lange Zeit herrschte Stille. Es war eine heilsame Stille – eine Stille, die offene Wunden schließen konnte; beide wussten es. Sie ließen die Sonne über den Himmel wandern; nur der Wind war zu hören und das leise Schnaufen der drei Pferde, die sich dicht aneinanderdrängten.

Das also war Jeremiahs kleine Schwester. Wenn er von ihr gesprochen hatte, dann immer nur mit Vorwürfen gegen sich selbst. Er hatte sie nicht beschützen können, nicht damals, das wusste Erik von ihm – doch an diesem anderen Tag. Als Erik das endlich begriff, liefen ihm Tränen über die Wangen. Wie glücklich musste sein Sohn gewesen sein, die Schuld, die ihn so lange gequält hatte, doch noch zu begleichen. Vorbei, sagte er sich und hätte beinahe laut aufgeschrien. Die Sonne war ein beträchtliches Stück weiter über den Horizont gewandert, da regte sich der weiße Mann endlich. „Wo ist dieser Ort?“, fragte er tonlos mit trockenen Lippen.

Sie wusste, was er meinte, und nickte. Umständlich zog sie einen trockenen Ast aus dem Stapel, der als Feuerholz diente, und wollte es ihm aufmalen. Aber er griff nach ihrer Hand und löste ihn ihr aus den Fingern. „Warte, nimm das hier.“ Aus einer der beiden Satteltaschen, die hinter ihm lagen, kramte er einen Bleistift sowie ein dick eingebundenes Buch hervor. Normalerweise notierte er dort die Anzahl der gekauften oder verkauften Rinder. Er schlug eine leere Seite ganz hinten auf. „Mal es mir hier hinein.“

Summer-Rain nahm den Stift wie selbstverständlich in ihre rechte Hand, obwohl es schon lange her war, dass sie mit so etwas geschrieben hatte. Während sie zu zeichnen begann, betrachtete er sie jetzt zum ersten Mal genauer. Konnte er eine Ähnlichkeit mit Jeremiah erkennen? Nicht wirklich. Ihre Augen sind dunkelblau, stellte er fest, während seine so schwarz wie Kohle gewesen waren. Fasziniert verfolgte er jeden Strich, den sie aus dem Gedächtnis heraus machte. Am Ende sah ihre Zeichnung so aus, als blickte man von oben auf eine Landschaft herunter. Sie schrieb sogar den Namen des Flusses auf, in dessen Nähe sie damals gelagert hatten. Sie schrieb den Namen auf Englisch – aber so, wie die Comanchen ihn aussprachen. Erstaunt sah ihr Erik dabei zu. Das kleine Flüsschen jedoch – dort, wo Running-Fox gestorben war – hatte keinen Namen, nicht, dass sie sich an einen solchen erinnern konnte, aber sie zeichnete ihn aus dem Gedächtnis auf.

Ihr dankbar zulächelnd nahm er ihr das Buch und den Stift aus der Hand. Sie zeigte mit dem Finger auf einen Kreis, in dem sie eine Stelle besonders gekennzeichnet hatte. Neben dem Baum, auf dem ihr Bruder ruhte, zeichnete sie ein Ahornblatt. Sich in die Richtung drehend, wo sich dieser Ort befand, legte sie andächtig die Rechte auf ihr Herz. Dann ließ sie ihre Finger wie einen kleinen Vogel nach dort flattern, hin zu ihrem Bruder Running-Fox. Ihre Geste sagte mehr, als Worte es jemals gekonnt hätten.

„Ich danke dir, Mädchen, Comes-Through-The-Summer-Rain“, kam es leise, während er das Buch zuklappte. Sorgfältig verstaute er es wieder in seiner Satteltasche.

Dabei fiel Summer-Rains Blick auf den Griff der Waffe, die in dem großen Holster an seinem Gürtel steckte. Die andere Satteltasche war offen. Ganz deutlich konnte man darin Munitionsschachteln und ein Bündel Dollarscheine sehen. Er hatte ihren Blick bemerkt. „Ich war auf dem Weg zu einem Rinderzüchter, einige 100 Meilen nordöstlich von hier, da kam ich auf die Idee, dass Jeremiah vielleicht hier sein könnte.“

Jetzt war er an der Reihe, um ihr einiges zu erklären. Seine Stimme hatte einen weichen, angenehmen Klang, wie sie jetzt feststellte – ganz im Gegensatz zu vorhin. Das machte es ihr leichter, Vertrauen zu ihm zu fassen. Er war zwar Running-Fox‘ Ziehvater gewesen, aber mit ihm verband sie nicht das Geringste – sie war noch immer auf Abstand bedacht.

„Der, der von uns gegangen ist“, begann er zögernd, nach Art der Comanchen den Namen eines Toten nicht aussprechend, „hat mir von diesem Land hier erzählt. Er wusste aber nicht, wann oder ob deine Leute überhaupt herkommen würden. Von einem Fort in Wyoming machte er sich auf den Weg, um dich zu suchen. Ich habe ihm einen Mann genannt, den er in Tuckerville zu finden hoffte, um vielleicht etwas über dich zu erfahren. Denn dass sie dich hierher geschickt hatten, war ihm inzwischen klar. Ich bin zurück zu unserer Ranch geritten, in das Windriver-Gebiet. Danach führten mich meine Geschäfte zurück nach Colorado. Da dachte ich, wenn ich schon einmal hier bin, kann ich genauso gut bis nach Tuckerville reiten, um mich dort nach ihm umzusehen und gleichzeitig einen alten Kriegskameraden zu besuchen. Leider waren er und seine Frau nicht da. Man sagte mir, sie wären auf einer Reise nach Boston. Dann erfuhr ich, dass deine Leute hergekommen sind. Da hoffte ich, dass mein Sohn, mein Jeremiah“, konnte er sich doch nicht beherrschen und nannte ihn beim Namen, „dass mein Jeremiah auch hier sein würde. Anders konnte es gar nicht sein.“

Er schwieg jetzt, weil er nicht weiterwusste, denn er hatte sehr wohl die Stimmung in Tuckerville mitbekommen.

Summer-Rain legte sein Schweigen anders aus. Sie dachte, es fiele ihm schwer, über den Zeitpunkt zu sprechen, als er die Nachricht vom Tod Running-Fox‘ erhalten hatte. Erik dagegen überlegte, ob er ihr etwas über die Geschichten, die in der Stadt kursierten, erzählen sollte. Noch darüber nachdenkend hörte er, wie sie leise den englischen Namen seines Sohnes vor sich hin sagte.

Zu ihm aufsehend fragte sie: „Du nanntest ihn – Jeh-reh-mia-ha?“

Es klang völlig anders, als er es jemals ausgesprochen hatte. Es war Comanche, und es ging ihm durch und durch.

„Jeh-reh-mia-ha“, hauchte sie die Laute über ihre Zunge, als zerflössen sie dabei zu Rauch. Noch einmal wiederholte sie: Jeh-reh-mia-ha. Es war, als nehme der Wind jeden einzelnen Buchstaben von ihren Lippen.

Erik lief es eiskalt den Rücken hinunter. Oh nein, tu mir das nicht an, riss er sich zusammen. Die ganze Wucht der Trauer fiel wieder über ihn herein. Ihre Stimme, so voller Gefühl und Hingabe, war kaum zu ertragen. Der Schmerz war zurück, aber anders. Die Augen auf diese junge Frau gerichtet, die diesen geliebten Namen so voller Gefühl aussprach, war ihm, wie wenn sich tief in ihm etwas verschlösse. Als würde die Wunde, die der Tod in ihn gerissen hatte, jetzt aufhören zu bluten und eine Narbe zurücklassen. Mit einem Mal erkannte er, warum Comanchen den Namen ihrer Toten nie mehr leichtfertig laut aussprachen. Kostbare Erinnerungen – die Toten gingen zu den Toten. Eines fernen Tages würde er seinem Sohn in die Ewigkeit hinein folgen.

Summer-Rain betrachtete ihn nachdenklich. „Ich weiß nicht, ob die Namen in der Sprache der Weißen auch etwas zu bedeuten haben“, überlegte sie still vor sich hin und dachte in diesem Moment auch an John Black. Sein Name wurde ihm überhaupt nicht gerecht. „Der Name meines Bruders – er klingt wie der Wind, der den Morgentau auf dem Gras trocknet.“

„Jeh-reh-mia-ha“, versuchte es Erik mit geschlossenen Augen und wusste, dass es stimmte. Das englische Jeremiah hatte nicht diese Bedeutung wie ihr Jeh-reh-mia-ha – niemals, und das war gut so.

Er konnte nur nicken. Dann wiederholte er: „Wind-That-Dries-The-Morning-Dew-On-The-Grass. Wind, der den Morgentau auf dem Gras trocknet“, noch einmal in Comanche. Es war für ihn wie eine Offenbarung. Jeh-reh-mia-ha, mein Sohn, konnte er nur immer wieder denken – mein guter, geliebter, tapferer Sohn. Seine Stimme krächzte, als er jetzt etwas sagen wollte, es nicht richtig herausbekam, sich räusperte, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden. Endlich konnte er sprechen. „Meinem Sohn und mir gehört eine Ranch in Wyoming. Ich möchte, dass du seinen Anteil erhältst; komm mit mir, Schwester meines Sohnes!“

„Nein“, kam es sofort hart, laut und deutlich. Wusste er denn nicht, dass sie einen Ehemann hatte, eine Familie, ein Zuhause hier bei ihrem Volk?

Erik schien das tatsächlich vergessen zu haben und war sichtlich enttäuscht. Verstand er denn nicht?

„Nein.“ Noch einmal sprach sie dieses Wort aus, diesmal in einem freundlicheren Ton.

Da fiel es ihm ein. Verdammt, sie ist ja verheiratet. Aber was ist, wenn sich die Stimmung in Tuckerville weiter gegen ihre Leute zuspitzt? Sie würde trotzdem nicht mit ihm kommen. Nie würde sie ihr Volk verlassen.

Summer-Rain betrachtete ihn lächelnd. Dann sagte sie in seine Überlegungen hinein: „Ich wäre mit ihm gegangen, wenn er es verlangt hätte. Doch er hätte mich nie dazu gezwungen.“

Erik starrte sie an. Ihm fielen seine Gedanken wieder ein, während er hier in das Lager geritten war und die ersten Tipis gesichtet hatte. Was der Anblick der Krieger und der Kinder in ihm ausgelöst hatte – die Stimmen, die in Comanche zu ihm herüberschwirrten, das Wiehern und der Anblick ihrer Mustangs. Ihn fröstelte. Da wusste er, sie hatte recht. Jeremiah wäre hiergeblieben, als Running-Fox – hier bei ihrem Volk. War er nicht einer von ihnen geworden? Ein Comanche? So oder so hätte er ins Windriver-Gebiet allein zurückreiten müssen. Jetzt aber mit der Gewissheit, ihn niemals wiedersehen zu können, nie wieder mit ihm reden zu können – niemals wieder. Der Traum von einer gemeinsamen Ranch war zerstoben.

Erik erhob sich, verwirrt von all den Empfindungen, die auf ihn einstürmten. Lange stand er unbeweglich, in seine Gedanken versunken. Zwar blickte er nach Westen, wo die schneebedeckten Berge zu sehen waren, aber er nahm sie nicht wirklich wahr.

Summer-Rain wartete geduldig. Auch sie hatte sich erhoben. Ihre Blicke glitten zu den Pferden, die eng beieinander nur ein paar Schritte weiter grasten.

Endlich drehte er sich wieder zu ihr um, bückte sich nach dem Zaumzeug, das er vorhin achtlos auf den Boden geworfen hatte. „Ich weiß nicht, was kommen wird – niemand weiß das. Ich werde immer einen Platz für dich und deine Familie freihalten – dort, wo mein Junge einen Platz für dich erschaffen wollte. Sein Teil soll dein Teil sein, solange ich lebe und darüber hinaus. Für dich, deine Kinder und die Kinder deiner Kinder.“ Es war ein Versprechen, das er zu halten gedachte.

Als sie nickte, reichte er ihr seine Hand. Sie nahm sie so, dass sich ihre beiden Pulse berührten. Zehn Herzschläge lang standen sie so nah beieinander. Summer-Rain verstand diese Geste als Zeichen ihrer ewigen Verbundenheit.

Erik Machel klärte sie nicht darüber auf, dass der Name Jeremiah Machel in einer Urkunde stand, als Miteigentümer ihrer Ranch. Sie hätte es ja doch nicht verstanden. Es bedurfte langer Diskussionen mit seinem Sohn, bis dieser begriff, was Landbesitz für einen weißen Mann bedeutete, und es schließlich hingenommen. Nach seinen eigenen Vorstellungen konnte kein Land nur einem Einzelnen gehören. Mutter Erde gehörte niemandem. Wem gehörte denn der Wind, der darüberstrich, wem die Vögel in der Luft, wem der Regen und der Sturm oder die Sonne am Morgen und der Mond in der Nacht?

Ihre Hände lösten sich voneinander, da hob er die andere, in der das Zaumzeug war. „Das gehört zu der Appaloosa-Stute, die neben deinem und meinem Pferd grast“, zeigte er, plötzlich lächelnd.

„Meine Mustangs tragen Leder mit schmalen Riemen.“ Zögernd griff sie nach dem Trensengebiss und berührte es mit den Fingerspitzen.

Ein Gefühl der Vorfreude durchflutete ihn, weil er ihr Interesse sah. „Sicher, doch dies hier ist für dein Pferd gedacht.“ Er sah, wie ihr Kopf hochruckte, sah, wie sie auf die Appaloosa-Stute starrte, dann zu ihm. Sein Herz hüpfte vor Freude.

Unglaube machte sich auf ihrem Gesicht breit. Sicher hatte sie ihn nicht richtig verstanden. „Für dieses Pferd?“ Sie deutete auf die Stute.

Erik Machel nickte. Vorhin, während sich ihr Pulsschlag berührte, war sie mehr für ihn geworden als die Schwester seines Sohnes – seines toten Sohnes, verbesserte sie sich und nahm dieses Geschenk von ihm an.

Jetzt ist diese Frau meine Tochter. Diese plötzliche Erkenntnis überrumpelte ihn. Ja, dachte er, ja – ich habe jetzt eine Tochter. Er musste erst einmal tief durchatmen.

Als nächstes pfiff er nach seinen Pferden. Sie hoben die Köpfe, kamen aber sofort zu dem Mann, der seit einiger Zeit Teil ihrer kleinen Herde war. Sichtlich stolz führte er ihr die wunderschöne Appaloosa-Stute zu.

Unschlüssig wog sie die beiden großen Eisenringe, an denen die Zügel befestigt wurden, in der einen Hand, mit der anderen griff sie nach dem Halfter der Stute.

Im selben Moment ließ Erik den Halfter los. „Dieses Pferd gehört dir.“ Mit diesen einfachen Worten trat er einen Schritt zurück, damit sie es gebührend bewundern konnte.

Jetzt war es an ihr, tief durchzuatmen. Schon im nächsten Augenblick erstrahlte ihr Gesicht. Ohne zu zögern griff sie nach dem kleinen, schwarzen Kopf des Pferdes, nahm ihn zwischen ihre Hände und drückte ihr Gesicht gegen die gefleckte Haut des Mauls. Ihr ihren Atem in die Nüstern hauchend, begrüßte sie die Palouse. Sich wieder Erik zuwendend, rief sie voller Freude aus: „Du beschämst mich, Vater meines Bruders. Du beschämst mich umso mehr, da ich kein gebührendes Geschenk für dich habe.“

Aber sie lachte und ging voller Begeisterung um das Pferd herum, betastete die Beine vom Huf bis hoch an die Schenkel, fuhr mit der flachen Hand am Bauch entlang, befühlte die Muskeln, kam vom Kopf über die Ohren wieder zurück, suchte nach der kleinen Kuhle im Widerrist, strich ihr den Rücken entlang bis zur Kruppe.

Erik sah ihr fasziniert dabei zu. Summer-Rain trat zwei Schritte zurück, nahm das Pferd noch einmal in Augenschein; dann bückte sie sich zu dem Zaumzeug, das sie vor ihrer Inspektion auf den Boden gelegt hatte. Vorsichtig, noch ein wenig unsicher, legte sie der Appaloosa das Trensengebiss um. Danach überprüfte sie genau, ob es auch richtig passte. In ihrem Gesicht spiegelten sich Zweifel. Am Ende war sich Erik sicher, dass sie es doch wieder gegen ihr altes aus geflochtenem Leder eintauschen würde, sobald er ihr den Rücken zukehrte. Schon wollte er ihr die Vorzüge aufzeigen, da schwang sie sich bereits auf den Rücken der Appaloosa und ritt einfach davon, in die Ebene hinaus.

Während er ihr fasziniert hinterherblickte, beschloss er, noch eine Zeit lang hier in der Gegend zu bleiben. Der junge Mann fiel ihm ein, dem er vor kurzem im Saloon von Tuckerville begegnet war. Ihm und seinem Partner hatte er versprochen, sie auf ihrer Ranch zu besuchen. Damals lagen die Dinge noch anders. Er wusste, dass er sich der Wirklichkeit stellen musste. Sein Leben ging weiter, machte er sich klar. Hier, in diesem Indianerlager, konnte er nicht mehr bleiben. Zu viel würde ihn an seinen geliebten Sohn erinnern. Jetzt, da er alles wusste, drängte es ihn von hier fort. Alle würden sich weiterhin äußerst rücksichtsvoll und still ihm gegenüber verhalten. Er wusste das, und gerade das hätte er nicht ertragen können. Der Umgang mit Menschen, die sein Leid nicht kannten, würde ihm leichter fallen. Die Ranch in Wyoming konnte noch eine Weile ohne ihn auskommen. Außerdem, sagte er sich, könnte ich auch eine kleine Herde Rinder von den hiesigen Ranchern erwerben; da musste er nicht erst 100 Meilen weiterreiten. Doch seine Zukunft lag nicht hier, seine Zukunft lag im Windriver- Gebiet.

Summer-Rain kam zurück, da hatte er bereits alle Sachen zusammengepackt und war gerade dabei, sein Pferd zu satteln. „Ich denke, ich habe eure Gastfreundschaft schon zur Genüge in Anspruch genommen“, sagte er bestimmt, während sie ihm mit gerunzelter Stirn dabei zusah.

„Es ist ja alles gesagt. Einer der Rancher hier hat mich zu sich eingeladen. Bevor ich wieder zurück nach Wyoming reite, komme ich noch einmal her. Ich habe ja jetzt eine Tochter, von der ich mich verabschieden muss.“ Sich durch die Haare streichend, lächelte er. Summer-Rain gab das Lächeln zurück.

Vom Rücken des Pferdes gleitend, das nun ihr gehörte, stand sie vor ihm, musste zu ihm aufsehen, denn sie reichte ihm gerade mal bis zur Schulter. „Gut“, sagte sie nur, ohne die Absicht ihn umzustimmen. Sie wusste, dass dieser Mann seine Entscheidungen nicht leichtfertig traf. „Wenn du zu dieser hier, die jetzt deine Tochter ist, zurückkommst, wird sie ein Geschenk für dich haben. Nicht so eines wie das hier – natürlich nicht. Doch es soll trotzdem dein Herz erfreuen.“ Sich zu ihm hochreckend, legte sie ihm leicht eine Hand auf die Schulter.

Comes-Through-The-Summer-Rain, ging es ihm durch den Kopf. Und dann: Ich habe eine Tochter. „Comes-Through-The-Summer-Rain“, wiederholte er seine Gedanken, ihre Hand festhaltend, jetzt laut. „Meine Tochter, ich wünsche mir, du kommst einmal zu mir ins Windriver-Gebiet von Wyoming.“ Er erwartete keine Antwort, doch sie überraschte ihn, als sie sagte: „Irgendwann werde ich das tun.“ Und mit einem geheimnisvollen Lächeln: „ Wenn der Wind den Morgentau auf dem Gras trocknet.“ Damit ließ sie ihn stehen, ging, die Appaloosa-Stute am Zügel, von ihm weg. Nach etwa 20 Schritten blieb sie noch einmal stehen, drehte sich zu Erik um, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte, so verdutzt war er und rief: „Windracer, das ist der Name dieses prächtigen Pferdes. Die Palouse heißt Windracer. Und diese hier ist jetzt für immer deine Tochter.“

Ihre Worte klangen in ihm wider, prägten sich ihm ein. Immer, wenn er sich diesen Abschied später ins Gedächtnis zurückrief, konnte er sie hören.

Er wartete, bis sie in den Hügeln verschwunden war, saß auf und wendete sein Pferd, da kamen ihm einige der jungen Männer mit Jagdbeute beladen entgegen. Freundlich grüßend zeigten sie ihm stolz die erlegten Tiere. Es gab einen kurzen Wortwechsel – unbekümmert, belanglos. Sie stellten keine Fragen, obwohl es offensichtlich war, dass er ihr Lager verlassen wollte. Niemand rührte auch nur mit einem Wort an sein Leid. Rücksichtsvoll ließen sie ihn ziehen. Es war Comanchenart, die Gefühle des Anderen zu respektieren.

Während er zum Fluss ritt, dann vorbei an den Tipis, nahm er die Atmosphäre dieses friedlichen Lagers tief in sich auf. Kam vorbei an spielenden Kindern, an Frauen, die in ihrer Arbeit innehielten, um ihm freundlich zuzunicken, an alten Männern, die vor ihren Tipis saßen – es war beinahe so wie bei seinem Herritt. Aber nur beinahe, denn damals war seine Welt noch in Ordnung gewesen.

Doch Summer-Rain kannte nicht die ganze Wahrheit. Zwar hatte er sich auf den Weg gemacht, um die Appaloosa-Stute von den Nez Percé zu erwerben, war deshalb sogar bis nach Utah geritten, wo jemand lebte, der noch welche besaß, wie er wusste. Nach Colorado jedoch war er nicht nur wegen Jeremiah geritten. Erik Machel war drauf und dran gewesen, in den Stand der Ehe zu treten. Vor drei Jahren, bei einer Viehauktion in Denver, hatte er Claire Fairchild kennengelernt, die auf einer Ranch etwa 100 Meilen südlich von Denver lebte. Bei dem anschließenden Ball der reichsten Rinderzüchter der Gegend hatten sie die ganze Nacht miteinander getanzt, obwohl er gar kein guter Tänzer war.

Ein Jahr später waren sie verlobt. Im Gegensatz zu ihm hätte Claire kein Problem damit gehabt, ihm auf die unfertige, noch im Aufbau befindliche Ranch nach Wyoming zu folgen. Weil er wusste, in welchem Wohlstand sie mit ihren Eltern und drei Brüdern lebte, litt er das jedoch nicht. Erst wollte er ihr etwas bieten können, zumindest ein fertiges Haus. Dann war ein Brief von ihr gekommen, in dem sie ihm mitteilte, dass ihr Vater und einer ihrer Brüder bei einer Schießerei ums Leben gekommen waren. Es stellte sich auch noch heraus, dass ihr Vater sich verspekuliert hatte und sie ihr gesamtes Vermögen verloren hatten. Worum es bei der Schießerei gegangen war, erfuhr er nicht, aber er vermutete, dass es mit irgendwelchen zwielichtigen Geschäften zusammenhing. Natürlich musste er Claire da rausholen; sie durfte nicht in Gefahr geraten. Also beschloss er, eher als geplant loszureiten, stellte einen Mann ein, der sich in der Zwischenzeit um die Ranch kümmern sollte, und ritt zuerst nach Utah. Dann, mit dem Hochzeitsgeschenk für die zukünftige Frau seines Sohnes im Schlepp – außerdem diente die zähe Appaloosa-Stute ihm unterwegs als Ersatzpferd – machte er sich auf den Weg nach Tuckerville. Sollte er seinen Sohn dort nicht antreffen, würde er mit Claire nach Wyoming zurückreiten und dort auf ihn warten. Ihr hatte er telegrafiert und außerdem noch Geld geschickt; sie sollte ihn spätestens Ende des Jahres erwarten. Jetzt kam ihm das wie eine Fügung des Schicksals vor. Alles hatte sich irgendwie ergeben, wenn auch nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Auf dem Weg zurück nach Wyoming würde Claire bei ihm sein – wenigstens das.

Jeremiah – er hatte sich noch immer nicht an den Gedanken gewöhnt, dass er nie mehr neben ihm reiten sollte. Es war schwer, damit fertigzuwerden. In Gedanken bei ihm, ritt er durch ein kleines Tal, vorbei an einem Bergmassiv, nach Westen und erinnerte sich an all die Zeit, die sie gemeinsam verbringen durften, war dankbar, ihn gekannt zu haben, ihm ein Zuhause hatte geben können. Er war so reich von ihm beschenkt worden, dass ihm das Herz jetzt überquoll.

Summer-Rain ritt nachdenklich zurück. Das also war Erik Machel, der weiße Vater ihres Bruders.

Wind-That-Dries-The-Morning-Dew-On-The-Grass – wie passend. Running-Fox hätte es mit diesem Mann nicht besser treffen können. Jeh-reh-mia-ha hauchte sie in den Wind, schloss die Augen und beschwor sein Bild wieder herauf. Ja, Wind-That-Dries-The-Morning-Dew-On-The-Grass. Er hat gut auf dich aufgepasst, mein Bruder, als du es am Nötigsten brauchtest – und du auf mich, auf deine kleine Schwester. Einen Augenblick lang überkam sie wieder tiefe Trauer. Den Hals der Appaloosa-Stute – Windracer – tätschelnd beugte sie sich zu ihr hinunter. Ihre Mähne war nicht lang, genau wie ihr Schweif. Am Abend würde sie dort keine Kletten oder Blätter finden – wie sonst bei ihren anderen Pferden, die sie ritt. Sie ließ das Pferd in verschiedenen Gangarten laufen. Der weiße Mann konnte sie in der kurzen Zeit noch nicht allzu sehr verdorben haben. Aber was diese Art von Gebiss anging, war sie sich nicht sicher, ob sie das beibehalten würde. Ihrer Gescheckten legte sie immer einen geflochtenen Lederriemen über die Zunge und verschnürte ihn unter dem Kinn. Von dort ging ein einzelner Zügel nach links über den Hals des Tieres. Doppelt gedrehte, vernietete Kriegszäumung wie die Männer, verwendete sie nicht.

Sich zu Windracer herunterbeugend tätschelte sie der Stute den Hals. Er ist jetzt auch mein Vater, dieser Erik Machel, dachte sie überrascht. Nachdenklich strich sie über die wie hingekleckste gescheckte Zeichnung der Appaloosa. Wenn Comanchen Pferde züchteten, dann achteten sie weniger auf die Farbe oder die Zeichnung ihres Fells. Bei ihnen kam es hauptsächlich auf andere Dinge an: auf Schnelligkeit,

Trittsicherheit, Verlässlichkeit. Für sie musste ein Pferd willig sein, das zu lernen, wovon ihr Leben abhängen konnte – im Krieg, bei der Jagd, auf der Wanderung. Je nachdem, wofür sie sie ausbildeten. Comanchen gingen mit ihren Mustangs eine lebenslange Verbindung ein. Für sie waren sie ebenbürtige Lebewesen. Wie alles Leben mit ihnen verwandt war, so waren es auch die Pferde. Sie lebten mit ihnen, und sie starben mit ihnen; so war es schon immer gewesen. Ohne ihre Mustangs konnten sie sich ihr Dasein nicht vorstellen. Wenn sämtliche Geräusche im Lager verstummten, hörten sie immer noch die große Herde oder die Pferde, die vor ihren Tipis grasten. Für sie waren sie wie die Luft, die sie zum Atmen brauchten.

Summer-Rain ritt auf die sich nach Osten hinziehenden Hügel zu; Whirl folgte ihr, seit sie aufgebrochen war, wie ein Schatten. Der Wind zauste ihr das Haar, während sie wild die nächste Graswelle hinunterritt und auf der anderen Seite wieder heraufkam. Ich muss ein Geschenk für diesen Mann finden – diesen wunderbaren Menschen, der meinen Bruder beschützt, ihm ein Leben in Frieden ermöglicht und ihm all seine Liebe gegeben hat. Dieser Gedanke ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Es sollte bereitliegen, wenn er wiederkäme, das gehörte sich einfach so.

Die Appaloosa-Stute hatte bereits seit der Ankunft des Weißen die Aufmerksamkeit ihrer Leute erregt. Jetzt, als ihr zufällig einige der Krieger begegneten, waren sie erstaunt, sie darauf zu sehen, hüteten sich jedoch, neugierige Fragen zu stellen. Natürlich wollten sie sich spontan ein Wettrennen mit ihr liefern, was Summer-Rain jedoch nicht zuließ. Stattdessen übergab sie Whirl einem der Männer, der sie zur Herde bringen sollte.

Sie musste zurück, musste Storm-Rider finden, um ihm Windracer zu zeigen und ihr neues Zuhause.

Wie sich herausstellte, suchte Light-Cloud sie bereits seit einiger Zeit. Er tauchte auf einem seiner besten Mustangs auf, bevor sie Großmutters Tipi erreichen oder ihren Mann finden konnte. Unwillkürlich veränderte sich seine Haltung. Sein Körper straffte sich, er blickte ihr entgegen, wie sie auf der Appaloosa-Stute auf ihn zukam. In seinem Gesicht standen Staunen, Zweifel – beides gleichzeitig; das Überraschungsmoment war ganz auf ihrer Seite. Einige Herzschläge lang war er völlig sprachlos. Er und Erik Machel hatten des Öfteren zusammengesessen und sich ausgiebig über Pferde unterhalten, alles andere hatte er nicht zugelassen. Nur über Pferde, über die Jagd und manchmal auch über die Vorzüge verschiedener Methoden, das Fell einer Bergkatze zu gerben. Natürlich kannte er die Appaloosa-Stute inzwischen. Seine kleine Schwester jetzt auf ihrem Rücken zu sehen, überraschte ihn jedoch. Als sie ihm dann auch noch sagte, dass dieses Pferd ein Geschenk für sie war, konnte er nur den Kopf schütteln. Gleich danach wurde sein Gesicht wieder ernst. „Und ich dachte, ich hätte eine Überraschung für dich, kleine Schwester“, waren seine nächsten Worte, während er dabei den Hals der Appaloosa tätschelte. „Jetzt wird es meine Überraschung schwer haben, gegen diese hier zu bestehen. Was meint denn dein Ehemann dazu, dass du dich von einem anderen Mann beschenken lässt?“

Schwang da etwa ein leiser Vorwurf mit? Summer-Rain runzelte die Stirn, ließ sich aber nicht einschüchtern.

„Er weiß es also noch nicht“, stellte er unumwunden fest. „Na, dann solltest du dich beeilen, es ihm zu sagen, bevor es jemand anderes tut.“

Light-Cloud wollte sich nicht einmal Ansatzweise vorstellen, was es für Storm-Rider bedeutete, nicht aus ihrem Mund von diesem wertvollen Geschenk zu erfahren. Über sein ebenmäßiges, etwas verwittert aussehendes Gesicht legte sich ein Schatten. „Du bist jetzt eine verheiratete Frau, Summer-Rain“, mahnte er. „Benimm dich auch so!“

Seufzend hob sie die Schultern. Sie wollte keinen Streit, schon gar nicht mit Storm-Rider. Den würde sie unweigerlich bekommen, wenn sie es ihm nicht so schnell wie möglich erklärte. „Dieses Geschenk ist kein Geschenk an mich als Frau“, versuchte sie es ihm etwas kleinlaut zu erklären. „Es ist – nun ja, es ist kompliziert“, sprach sie das letzte Wort englisch aus.

Light-Cloud zog die Stirn in Falten, fragte aber nicht, sondern sagte nur: „Mach was du willst, Summer-Rain, ich will mich da nicht einmischen – doch mach es bald.“

Er hatte ja so recht. Kurz überlegte sie, mit ihm darüber zu sprechen, ihm alles zu erklären; dann aber beschloss sie, dass ihr Ehemann jetzt an erster Stelle kam. Da fiel ihr ein, dass Light-Cloud ja von einer Überraschung gesprochen hatte. „Verrat mir deine Überraschung“, drängte sie ihn. „Danach suche ich nach Storm-Rider.“

Inzwischen ritten sie den Fluss entlang. Ihr neues Zuhause war nur noch eine Biegung weit entfernt, als jemand seitlich aus dem Gebüsch kam. Light-Cloud und Summer-Rain fuhren herum.

„Ich habe dich vermisst, Summer-Rain, doch wie ich sehe, reitest du auf einem Pferd, das nicht aus meiner Herde ist.“ Storm-Rider.

Trotzig schob sie die Unterlippe vor. Light-Cloud, der diesen Gesichtsausdruck seiner Schwester bestens kannte, ließ sein Pferd zur Seite treten.

„Du kannst ruhig wissen, was ich zu sagen habe, Storm-Rider“, fauchte Summer-Rain. „Diese Palouse hier ist ein Geschenk des weißen Mannes, der in unser Lager gekommen ist, während wir in den Bergen waren. Und wenn ihr beide jetzt aufhört, mich wie ein unartiges Kind zu behandeln, dann erzähle ich euch alles.“

Stille. Beide Männer schauten einander an. „Ich behandle dich nicht wie ein unartiges Kind, Comes-Through-The-Summer Rain“, sagte Storm-Rider etwas heftiger als beabsichtigt. „Doch ich denke, dass meine Ehefrau mich zuerst fragen sollte, bevor sie von jemand anderem ein solches Geschenk annehmen darf.“

„Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich immer erst deine Zustimmung einhole“, schnappte sie, vom Rücken der Appaloosa gleitend.

Light-Cloud duckte sich ab. Das ging ja gut los, dachte er. Doch Storm-Rider reagierte anders, als erwartet. Er grinste. Dann, ebenfalls absteigend, murmelte er vor sich hin – jedoch laut genug, dass man es verstehen konnte: „Meine Mutter hatte mich ja vor dir gewarnt, Summer-Rain. Leider wollte ich nicht auf sie hören; das habe ich nun davon.“

Zu ihm tretend, den Zügel der Appaloosa um ihren Ellbogen wickelnd, kam es leise von ihr: „Und – bereust du es schon?“

Breit grinsend betrachtete er sie von oben bis unten, dann nickte er. Was auch immer das bedeuten sollte, Summer-Rain jedenfalls nahm es als ein Nein.

Light-Cloud schüttelte den Kopf.

„Setzt euch“, befahl ihnen Summer-Rain kurz und knapp. „Diese hier wird euch erzählen, was sie von dem weißen Mann, der Erik Machel heißt, weiß. Ich erzähle es nur einmal. Also unterbrecht mich nicht, und bewahrt meine Worte in euren Herzen. Noch jemand ist jetzt hier bei uns, denn es ist auch seine Geschichte.“

Nur die Geräusche der Pferde in ihrer Nähe waren zu hören, während ihnen Summer-Rain von dem Treffen mit Erik Machel berichtete. Er hatte wie ein guter Vater an ihrem Bruder gehandelt, so viel stand fest. Diese Palouse sollte ihr Hochzeitsgeschenk werden, das Geschenk eines Schwiegervaters an seine neue Tochter. Und deshalb brauchte sie auch nicht Storm-Riders Einwilligung, behauptete sie trotzig. Der war zwar anderer Meinung, sagte es aber nicht: Pferde waren Männersache.

Light-Cloud, den das Verhalten seines Schwagers überraschte, wandte sich endlich an ihn: „Ich habe eine Überraschung für Summer-Rain, doch überlasse ich dir, Storm-Rider, die Entscheidung darüber. Dafür aber müssten wir eine Strecke weit reiten.“

„Wenn du keinen Ärger mit mir bekommen willst“, rief Storm-Rider und lachte, „dann machen wir das so, Schwager.“

Light-Cloud nickte mit ernster Miene. In die Richtung zeigend, die sie nehmen mussten, saß er auf.

Summer-Rain wollte schon auf die Palouse steigen, als Light-Cloud ihre Hand festhielt. Mit gerunzelter Stirn deutete er auf das Trensengebiss. „Der weiße Mann hat ihn an das Zaumzeug mit den Ringen gewöhnt. Das gefällt mir nicht. Kriegszäumung kennt die Stute sicher auch nicht.“ Er warf einen fragenden Blick auf Storm-Rider.

Der wiegte nachdenklich den Kopf, dann sagte er bedächtig: „Du reitest die Stute auch mit zwei Zügeln, wie ich sehe – deine Gescheckte dagegen mit nur einem. Sicher ist die Palouse das gewohnt, wenn ein Weißer sie hierher gebracht hat.“

Summer-Rain betrachtete die Zügel. „Ich bin schon oft so geritten, und Windracer hier kennt es sicher auch nicht anders. Ich behalte das bei, sonst verwirre ich sie nur.“ Ihr trotziger Tonfall ließ keinen Zweifel über ihre Absicht. „Und Kriegszäumung bei einer Stute? Das meint ihr nicht ernst!“, setzte sie hinzu, den Kopf über die Männer schüttelnd.

Nein, bei dieser Palouse wollte sie sich nicht hineinreden lassen. Das Pferd gehörte jetzt ihr und sie würde es so reiten, wie sie es für richtig hielt. Die doppelt gedrehte und vernietete Kriegszäumung, wie sie die Männer bei ihren Mustangs meist benutzten, erschien ihr dem Zaumzeug von Erik Machel ebenbürtig zu sein. Mit nur einem Zügel würde die Stute sicher nicht klarkommen. Sie verstand nicht, was die Männer auszusetzen hatten. Zuerst war sie ja noch skeptisch gewesen, aber jetzt, wo sie es ausprobiert hatte, war sie zufrieden. Ohne die beiden Männer weiter zu beachten, hievte sie sich wieder auf den Rücken der Appaloosa.

Storm-Rider ließ Summer-Wind dicht neben ihr laufen. Er sagte nichts mehr zu ihr. Im Gegensatz zu ihm jedoch missfiel Light-Cloud ihre Entscheidung. Doch solange ihr Ehemann damit einverstanden war, musste er ihre Entscheidung hinnehmen. Unwillig murmelte er etwas vor sich hin, was die beiden nicht verstanden – es war auch besser so. Sich an die Spitze des kleinen Zuges setzend, schwang Light-Cloud eine kurze Peitsche, die die Comanchen nur symbolisch benutzten. Sie war mehr für einen kleinen Tatsch auf den Hintern geeignet, als ein Züchtungsmittel, wie die Weißen ihre Peitschen benutzten. Light-Cloud drehte sich nach seiner Schwester um. Hätte er mehr als acht Pferde für sie fordern sollen? Gewiss wäre dieser verrückte Mann vor lauter Verliebtheit bereit gewesen, mehr für sie zu bezahlen. Laut einen Schrei ausstoßend, stürmte er ihnen davon. Windracer zeigte, was in ihm steckte, und führte sogar kurz. Dann änderte sich das rasch. Die kleine Stute hielt dem Tempo, das Storm-Riders Summer-Wind vorlegte, nicht lange stand. Sie gab ihr Bestes, dennoch fiel sie hinter die beiden anderen Pferde zurück. Doch die Zähigkeit und Verbissenheit, mit der das Tier um das Mithalten kämpfte, war schon beeindruckend. Storm-Rider ließ Summer-Wind langsamer laufen, denn nur Light-Cloud wusste, wohin sie mussten. Die ersten Ausläufer einer Bergkette erreichend, kamen sie in ein Tal; da verlangsamte Light-Cloud das Tempo. So ritten sie an einem wild dahinschießenden Bach entlang bergauf, schlängelten sich an terrassenförmigen Felsplatten vorbei, die links und rechts von Kiefern und Erlen gesäumt wurden, bis sie schließlich ihr Ziel erreichten.

3. Kapitel

Das Erste, was sie sahen, waren hohe Felsen, von denen an einer Stelle ein kleiner Wasserfall aus etwa fünfzehn Fuß Höhe herunterstürzte. Der Bach, dem sie gefolgt waren, musste hier oben seinen Ursprung haben. Durch einen Erdrutsch war auf einer Seite eine halbkreisförmige, mannshohe Barriere durch heruntergestürzte Felsen und Böschung entstanden. Ein Teich, den der Wasserfall bildete, hatte sich tief ins Gelände eingegraben und spülte an einer Stelle darüber hinweg, steil abwärts zu einem rauschenden Bach werdend. Hier musste vor nicht allzu langer Zeit ein mächtiger Sturm gewütet haben. Die Lücken in der natürlichen Barriere hatte jemand mit groben Ästen und Steinen ausgefüllt und weitere dicht belaubte Baumstämme so geschickt angeordnet, dass das jetzt wie eine Umzäunung wirkte. Zwischen dem Ganzen lagen große Felsbrocken, die ebenfalls von dem Unwetter stammen mussten, und verfestigten somit die Barriere.

Davor hielt Light-Cloud nun an. Summer-Rain reckte sich auf ihrem Pferd empor, bis sie auf die andere Seite hinübersehen konnte. Plötzlich schnappte sie nach Luft. Storm-Rider, der es ihr nachgemacht hatte, stieß einen überraschten Ruf aus. Light-Cloud ließ sich, über das ganze Gesicht strahlend, von seinem Mustang gleiten. Die beiden anderen saßen ebenfalls ab und folgten ihm. An einem der Felsbrocken blieb er stehen und wies nach oben. Sie brauchten keine besondere Aufforderung. Im nächsten Moment hatten sie ihn erklommen und blickten nun von dort aus in die weitläufige Umgrenzung hinein. In dem so geschaffenen Freiraum war das Gras hinten an den Felsen niedergetrampelt. Etwa 15 Schritte seitlich von dem Wasserfall entfernt befand sich eine kleine Nische. Dort lagen Decken und trockenes Holz aufgestapelt.

Summer-Rain wandte sich zu ihrem Bruder um und rief überrascht: „Black-Fire!“

Light-Cloud schaute erst sie an, dann den Mustang, der wie festgewachsen neben dem Wasserfall stand. Die Ohren aufgestellt, jeden Moment zur Flucht bereit, starrte er zu ihnen herüber.

„Ich hab mir schon gedacht, dass du ihn kennst“, sagte er schleppend, den Kopf bedächtig schüttelnd und mit besorgtem Blick. „Er trug dein Zeichen, als ich ihn fand. Und das, kleine Schwester, konnte ich mir nun überhaupt nicht erklären.“

Storm-Rider blickte Summer-Rain an, und sein Gesicht verfinsterte sich. ‚Was kommt jetzt wieder für ein Geheimnis ans Licht?‘, schien sein Blick sie zu fragen. Bevor sie etwas sagen konnte, wandte er sich mit gerunzelter Stirn an Light-Cloud. „Was ist mit ihm passiert?“, wollte er wissen; das Schicksal des Pferdes interessierte ihn zuallererst.

„Jemand von den weißen Männern hat ihn angeschossen. Er war halbtot; ich fand ihn in der Nacht, als der Mond nicht schien. Dort, wo du die kleine Nische siehst, lag er, um zu sterben.“ Damit war alles gesagt. Light-Cloud kletterte einfach über den Felsbrocken auf die andere Seite.

Storm-Riders Miene entspannte sich etwas, als er sah, dass Summer-Rain sich verstohlen eine Träne aus den Augen wischte. Er hielt sie zurück, bevor sie Light-Cloud hinunter folgen konnte.

„Was ist das für ein Zeichen, von dem du behauptest, es wäre ihres? Und wieso kennst sie diesen Mustang?“, wandte er sich an ihren Bruder, nicht an sie.

Summer-Rain biss sich auf die Unterlippe. Sie wusste genau, dass er es ihr übel nahm, nichts davon zu wissen. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien, ihm gesagt, dass das nicht seine Sache war; über ihre Vergangenheit war sie ihm keine Rechenschaft schuldig. Die Lippen fest aufeinandergepresst, starrte sie an ihm vorbei auf Black-Fire.

Light-Cloud hatte wohl die Verstimmung zwischen ihnen bemerkt. Er verstand durchaus Storm-Riders Ärger, doch sie war seine kleine Schwester, und sein Beschützerinstinkt meldete sich. Da griff er in sein Lederhemd und holte ein rotes Band hervor.

Summer-Rains Mund öffnete sich, es kam jedoch nur ein erstauntes „Oh“ heraus.

Auf Storm-Riders Stirn vertieften sich die Falten.

„Das war in seine Mähne geflochten, Schwester“, stellte Light-Cloud sachlich fest. Mit dem Daumen auf den Mustang deutend, der ihnen jetzt sein Hinterteil zuwandte, sagte er aufgebracht: „Was hast du dir nur dabei gedacht? Ein solches Pferd wie das da, hätte dich umbringen können!“

Eine heiße Welle überspülte sie, aber das war kein Schuldgefühl; sie war einfach nur wütend. „Wenn du das sagst, klingt das, als hätte ich etwas Unüberlegtes getan, und das stimmt so nicht.“

„Dann erklär es mir, Schwester!“

Sie tat es, indem sie sagte: „Weiße Männer hatten ihn und zwei seiner Stuten eingefangen und in eine Falle gesperrt. Es war nicht gefährlich, sie daraus zu befreien. Wie ihr seht, hat er mir nichts getan, denn ich lebe ja noch.“

Storm-Riders Stirn glättete sich. Er sah sie an, als überlegte er gerade, ob er sie für diese freche Antwort bestrafen sollte. Seine Finger öffneten und schlossen sich, aber er beließ sie auf dem Felsen. „Manchmal erstaunst du mich so, dass es richtig wehtut, Summer-Rain“, brachte er nur gequält heraus. Den Mund säuerlich verzogen, drehte er sich zu Light-Cloud um. „Leichtsinnig und unvernünftig – du hättest keine acht Pferde für sie fordern dürfen, Schwager. Eines wäre noch zu viel gewesen. Statt dass ich für sie bezahlen musste, hättest du mich dafür bezahlen sollen, dass ich sie dir abnehme.“

Summer-Rains Herz stockte. Dann sah sie seinen Gesichtsausdruck und wusste, dass er das nicht ernst meinen konnte; doch sie schwieg jetzt lieber. Light-Cloud erwiderte nichts auf Storm-Riders Worte, sondern blickte ihn nur stirnrunzelnd an. Er dachte sogar kurz, genau wie Summer-Rain, er meinte es ernst. Ohne weitere Aufklärung, was das Pferd betraf, machte er einige Schritte in die Umzäunung und auf den Mustang zu.

Nach seiner kurzen Erklärung wussten Storm-Rider und Summer-Rain sofort, was sich hier abgespielt haben musste. Light-Cloud war nicht nur ein Pferdekenner, er kannte sich auch mit ihrer Heilung aus. Damit der Mustang ihm nicht vorzeitig entkommen konnte, musste er die Barriere aufgebaut haben. Jetzt, ihnen immer noch sein Hinterteil zeigend, lief das Pferd vor der Felsenwand auf und ab. Erdklumpen flogen hoch, während er wütend auskeilte. Die Ohren flach nach hinten gelegt, schnaufte er stoßweise; seine ganze Haltung war eine einzige Drohung.

Summer-Rain ließ sich vom Felsen gleiten, Storm-Rider folgte ihr, hielt sie am Arm fest, aber sie würde sich nichts von ihm sagen lassen. Er erkannte das, zögerte kurz, dann ließ er sie los. Diese wenigen Bewegungen hatten genügt, um die Aufmerksamkeit des Mustangs auf sie zu lenken. Er wendete den Kopf und schaute zu ihr hin. Dann machte er weiter, doch etwas hatte sich an seiner Haltung verändert. Storm-Rider und Light-Cloud sahen das sofort. Die Körpersprache des Mustangs war unverkennbar.

„Ich glaube, er wartet darauf, dass du auf ihn zugehst.“ Light-Cloud hatte das tatsächlich genau so gesagt. Summer-Rain wusste bereits, dass es stimmte. Es jedoch aus seinem Mund zu hören, war ein großes Zugeständnis.

„Ich hab mich lange mit ihm beschäftigt.“ Light-Cloud stand still, streckte die offene Handfläche aus. „Eigentlich müsste er jetzt zu mir schauen, aber er interessiert sich nicht für mich.“

Black-Fire hörte mit dem Hin- und Her-Gelaufe auf, stand wieder mit dem Hinterteil zu ihnen. Nur sein Kopf wanderte ein Stück zur Seite, das Spiel seiner Ohren in ihre Richtung.

„Ich habe ihm zwei Kugeln aus dem Rücken geholt“, sagte Light-Cloud zu ihm hin. „Die Wunde war bereits vereitert. Dankbarkeit sieht anders aus.“ Er machte noch einen Schritt und noch einen auf den Mustang zu, dann stand er still. Der Hengst rührte sich lange nicht. Dann endlich drehte er sich zu ihnen um, die Ohren nach vorn gerichtet. Sie hatten seine volle Aufmerksamkeit.

„Black-Fire.“ Summer-Rains Stimme – genau wie damals.

Etwas ging in ihm vor – seine Ohren bewegten sich zu ihr hin. Erinnerte er sich?

Light-Cloud wechselte einen fragenden Blick mit Storm-Rider. Black-Fire machte einen Schritt rückwärts – Light-Cloud, ihm seinen Körper zugewandt, bedeutete Summer-Rain durch Handzeichen, zu ihm zu gehen – aber langsam.

Sie hatte das ohnehin vor. „Komm, mein Schöner, komm.“ Ihre Stimme – leise, lockend – war fest. Sie zeigte nicht die geringste Unsicherheit. „Du hast mich nicht vergessen, ich weiß das. Zeig es mir, komm, zeig es mir.“ Sie ging an Light-Cloud vorbei, der kurz die Luft anhielt, als er sah, wie der Mustang fluchtbereit eines seiner Vorderbeine anwinkelte, doch Summer-Rain machte weitere Schritte auf ihn zu; ein Ohr des schönen Tieres zeigte nach vorn, das andere nach hinten. Light-Cloud und Storm-Rider ließen ihn und Summer-Rain nicht aus den Augen.

Eine Bewegung des Pferdes ließ Summer-Rain zur Seite blicken, zu Light-Cloud. Mit einem Finger bedeutete sie ihm: Geh zurück. Er machte es – langsam, ohne zu zögern – und beide Ohren des Hengstes gingen nach vorn. Light-Clouds Gesichtsausdruck zu Storm-Rider hin sagte: Sie ist verrückt geworden.

„Schau mich an, Black-Fire, schau mich an.“ Summer-Rain ging weiter auf ihn zu, beruhigte ihn mit ihrer Stimme, mit ihrer offen ihm entgegengestreckten Hand. Black-Fire entspannte sich. Das war die Stimme von damals – ihre Stimme, ihr Geruch – und er erinnerte sich, denn Pferde vergessen niemals.

Rückwärts gehend überließ Light-Cloud ihn seiner Schwester. Er erreichte Storm-Rider, der ihm zuflüsterte: „Ein Mustang vergisst nichts. Schau sie dir an, er wird ihr nichts tun.“

„Eigentlich gehört er ja mir“, flüsterte Light-Cloud ein wenig enttäuscht zurück. „Wo ich mir doch so viel Mühe mit ihm gegeben habe.“

„Wenn sie ihn reitet, gehört er ihr. Außerdem hast du ja selbst gesagt, dass du eine Überraschung für Summer-Rain hast.“

„Ja, das habe ich gesagt, doch die Entscheidung darüber wollte ich dir überlassen. Sie wird ihn reiten – wart es ab“, kam es jetzt doch stolz aus Light-Clouds Mund.

Es sah ganz danach aus. Gegen den Fels gelehnt beobachteten beide Männer, wie der Mustang mit geschlossenem, leerem Maul zu kauen begann. Sein leicht angehobener Schweif pendelte ruhig hin und her. Die Ohren hatte er nach vorn auf Summer-Rain gerichtet. Er schenkte nur ihr seine volle Aufmerksamkeit. Es war keine Anspannung mehr zu erkennen – ja, wenn man sich mit Pferden auskannte, dann sah man so etwas wie ein Lächeln bei ihm.

Summer-Rain atmete auf und machte drei, vier Schritte auf ihn zu. Dann verhielt sie, redete, tat noch einmal vier kleine Schritte auf ihn zu und redete ununterbrochen. Hoch aufgerichtet stand sie da, während er unruhig hin- und herlief. Sie blieb stehen und folgte ihm nicht, machte auch keine Anstalten, auch nur einen einzigen Schritt weiter auf ihn zuzugehen. Sie hatte aufgehört zu reden. Dann drehte sie sich um, zeigte ihm ihren Rücken und ging langsam zurück. Wieder blieb sie stehen, ging weiter zurück, blieb wieder stehen, halb von ihm abgewandt. Schritt für Schritt erneut zurückgehend, lauschte sie auf seine Reaktion. Er stand jetzt still. Seine Flanken bebten, und die Augen folgten ihr – neugierig, aber aufmerksam. Zögernd hob er ein Bein, stellte es wieder auf den Boden, scharrte, scharrte und scharrte.

Summer-Rain war abermals stehengeblieben, da machte er einen Schritt in ihre Richtung – und den zweiten. Sie drehte sich zu ihm hin, dann wieder von ihm weg und ging weiter. Sie hielt an, ihm den Rücken zukehrend. Sacht mit einem Finger gegen ihren Oberschenkel klopfend, wartete sie ab. Dann lockte sie ihn sanft, bewegte die Hand zur Seite, machte ihn neugierig und wartete, wartete, wartete.

Nur einige Singvögel und der Wind in den Bäumen waren zu hören. Black-Fires Nüstern blähten sich – seine Nasenlöcher zogen sich nach vorn und nach oben. Er öffnete das Maul ein kleines Stück, die Ohren nach vorn gerichtet. Das Bein, mit dem er gerade einen weiteren Schritt auf sie zu gemacht hatte, scharrte erneut auf dem Boden; noch immer zögerte er. Dann ging er einen Schritt nach vorn. Vorsichtig setzte er einen Huf nach dem anderen auf, prustete, schnaufte, hob den Kopf, suchte den Platz vor sich ab: Alles gut! Die beiden Männer hatten sich unsichtbar zurückgezogen und stellten keine Gefahr dar; das wusste er.

Summer-Rain hörte ihn. Sich zu einem regelmäßigen Atmen zwingend, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug, wartete sie. Black-Fire, dem die Menschen so viel Leid angetan hatten, ging weiter auf sie zu.

Hinter der Begrenzung verzog Light-Cloud das Gesicht. Wenn man jemandem dabei zusieht, was man selbst bereits hundertmal gemacht hat, fallen einem Dinge auf, die man besser machen konnte. So ging es auch ihm. Doch jetzt war er dazu verdammt, nur still zuzusehen – Storm- Rider empfand es nicht anders.

Summer-Rain ging langsam, kleine Schritte machend, weiter, schlug einen Bogen, um diesen Mustang, diesen wunderschönen Mustang nicht zu bedrängen.

Und dann kam er – trottete hinter ihr her, als wäre das schon immer so gewesen. Stand hinter ihr, ruhig und entspannt, einfach so. Sie drehte sich um, und da neigte sich sein Kopf vertrauensvoll zu ihr hinunter; sie war ja sein Menschenpferd – ihren Geruch hatte er noch in Erinnerung.

Summer-Rain streckte ihm die Hand entgegen und legte sie ihm zwischen die Augen. Mit ruhigen Bewegungen glitt ihre geöffnete Handfläche weiter bis über seine weichen Nüstern, berührte das samtene, behaarte Maul. Sich ein wenig auf die Zehenspitzen stellend, suchte sie den Blick seiner großen dunklen Augen. Nachtblau – sie waren nachtblau.

So standen sie beieinander, bis die Zeit da war, ihm ihren Kopf einfach an den Hals zu legen. Tränen rannen ihr die Wangen hinunter, unaufhörlich tropften sie auf sein schwarzes, struppiges, verfilztes Fell.

„Black-Fire“, kam es leise von ihr zu ihm. Ein schüchternes Annähern, mehr nicht. „Black-Fire.“ Er atmete ihren Geruch, den Kopf lang ausgestreckt, die Nüstern gebläht. Sie konnte nicht aufhören, ihm Liebkosungen zuzuflüstern, konnte nicht aufhören, ihn zu berühren. Endlich rieb er seinen Kopf an ihrer Schulter, verharrte kurz, dann tänzelte er behutsam zurück. Plötzlich, den Kopf hochreißend, entrang sich seiner Kehle ein Schrei, der tief aus seinem Innersten kam. All den Schmerz, den er durch Menschenhand erlitten hatte, legte er in diesen Ruf. Doch in seinem Innersten keimte etwas so Unbekanntes, Neues auf, dass sie es in seinen Augen sehen konnte. Dunkle Wimpern senkten sich über diese Augen, und als er sie wieder öffnete, erkannte sie ihr Spiegelbild darin.

Noch einmal stieß er diesen Ruf aus, seine Mähne dabei heftig schüttelnd. Sein Schweif peitschte den Boden, und er schlug, steigend, wild mit den Vorderbeinen in die Luft. Summer-Rain blieb vor ihm stehen, rührte sich nicht einen Fingerbreit. Sie konnte den Luftzug spüren, den seine Vorderbeine verursachten, sein Atem streifte ihr Gesicht, doch sie blieb. Black-Fire, erkannte sie in diesem Moment, würde immer nur so viel Nähe zulassen, wie er es selbst wollte – damit konnte sie leben.

Da fiel ihr Blick auf die beiden Männer, die hinter der Begrenzung standen.

„Lass es für heute genug sein, Summer-Rain“, rief ihr Bruder sichtlich stolz zu ihr hinüber. Was sie da eben gezeigt hatte, war unglaublich. „Sie sollte nicht gleich zu viel von ihm verlangen“, meinte er zu Storm-Rider, fast entschuldigend.

Wenig später kam auch Summer-Rain zu ihnen. Black-Fire stand noch immer dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte, den Hals etwas vorgestreckt und mit lebhaftem Ohrenspiel.

„Wem gehört das Pferd denn jetzt?“, wollte Storm-Rider mit einem Lächeln wissen, sich an Light-Cloud wendend.

„Ich hab doch gesagt, wenn sie ihn reiten kann, gehört er ihr. Aber nur, wenn du nichts dagegen hast.“

„Und ihr denkt, ich kann das nicht?“, mischte sich Summer-Rain etwas verärgert ein.

Keiner antwortete. Storm-Rider zog lediglich die Schultern hoch, Light-Cloud musterte sie abschätzend. „Wenn du ihn reiten kannst, gehört er dir oder Storm-Rider“, sagte er mit der Betonung auf wenn. „Wenn ich ihn nicht reiten kann, wird es kein anderer können.“Das war mal eine klare Ansage.

„Oho, du wagst dich weit vor, Schwester!“ Light-Cloud kniff wissend die Augen zusammen. „Du wirst ihn vielleicht reiten können, aber nicht beherrschen – er wird tun, was er will; glaub mir, ich kenne mich damit aus. So einer wie der lässt sich nicht auf ein Bündnis mit einem Menschen ein, dafür hat er zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Du wirst sehr, sehr lange brauchen, um Freude an ihm zu haben.“

Erstaunlicherweise nickte sie. Dann kam es etwas kleinlaut: „Ich werde ihn reiten. Doch es wird viel Zeit brauchen, um ein grenzenloses Vertrauen zu ihm aufzubauen. Vielleicht wird er ja nur mein Freund werden, nicht mein Bruder.“

Comanchenworte – wahre Worte.

„Gut, wenn dir das klar ist, Summer-Rain, und du den Unterschied kennst“, meinte jetzt Storm-Rider. „Wenn du ihn unter diesen Umständen immer noch willst, soll es so sein. Du hast ihm ja schon dein Zeichen in die Mähne geflochten.“

Light-Cloud war einverstanden und nickte. Es wurde langsam Nacht und die untergehende Sonne ließ seine Haare rötlich schimmern. Als er sein Pferd rief, kam es heran und er schwang sich auf seinen Rücken, während er Storm-Rider noch zurief: „Ich denke, ihr kommt ganz gut ohne mich zurecht. Ihr könnt meine Decken haben, die dort bei den Felsen liegen. Brennholz ist auch noch da. Ich sage Großmutter Bescheid – nicht, dass sie sich noch Sorgen macht, weil ihr euer neues Zuhause nicht einweiht.“

Jetzt lachte er über das hagere, von den Strapazen der letzten Zeit gezeichnete Gesicht. Die Sonne brach durch die Bäume und ließ erneut seine Haare wie reife Kastanien leuchten. In seinem Gesicht erschien ein weicher Zug, während er seine Schwester betrachtete, wie sie da vor ihm stand – so jung, so überaus jung. „Sie wird über euer Fortbleiben nicht gerade erfreut sein. Sie, Dark-Night und deine Mutter, Storm-Rider, haben sich bereits um die Gegenstände gestritten, die in euer Tipi kommen sollen. Wundert euch also nicht, wenn es so vollgestopft von all diesen Sachen ist, dass ihr euch kaum noch rühren könnt.“

Bevor jemand Einspruch erheben konnte, griff er sich die Appaloosa-Stute. „Noch etwas: Ich nehme die Palouse hier mit. Schließlich musst du dich um den Hengst mit dem Aschehaufen auf dem Hintern kümmern und hast keine Zeit für sie. Überlass ihre gute Erziehung also getrost mir, deinem großen Bruder, Summer-Rain, der richtig was davon versteht!“

„Aber um Summer-Wind darf ich mich noch selbst kümmern, ja?“ Storm-Rider hatte einen Augenblick gebraucht, um sich aus seiner Sprachlosigkeit zu lösen. „Gib mir deinen Bogen, Schwager, und die Pfeile, die du bei dir hast. Ich muss meine Ehefrau ernähren, wenn das hier länger dauert. Das konnte ich ja nicht ahnen, als wir losgeritten sind. Was die Stute betrifft, wirst du die schön zu meiner Herde bringen und weiter nichts mit ihr tun.“ Er machte eine fordernde Handbewegung. Light-Cloud reichte ihm das Gewünschte mit einem übertrieben beleidigten Gesicht.

„Wenn es um Pferde geht, bin ich ein vorsichtiger Mann – auch bei dir, Light-Cloud“, sagte Storm-Rider. „Besonders bei dir“, setzte er nach.

„Ich hätte neun Pferde verlangen sollen“, rief ihm Light-Cloud von seinem Pferd aus zu, doch es klang überaus belustigt. Damit wendete er sein Pferd und verließ die beiden, die Appaloosa-Stute im Schlepp. Schade, dachte er, sich Storm-Riders Worte durch den Kopf gehen lassend. Schade, aber er hat ja recht. Ein Mann wie er kümmert sich selbst um die Dinge, die seine Ehefrau und seine Mustangs betreffen. In dieser Reihenfolge. Ich habe da wohl nichts mehr zu sagen. Dann dachte er daran, welche Schwierigkeiten auf Summer-Rain zukamen.

Wenn ein junger Krieger einen Mustang zähmen wollte, dann verband man beide mit einem Rohlederriemen und schickte sie hinaus in die Prärie. Es wurde vorausgesetzt, dass er nach einigen Tagen zurück-geritten kam – oder mit der Schande, versagt zu haben, leben musste.

Wie lange wohl würde es bei Black-Fire dauern, bis sie ihn reiten konnte? Wenn überhaupt! Er hatte da seine Zweifel. Das kleinste Missverständnis, der winzigste Fehler konnte alles wieder zunichtemachen. Pferde vergaßen nie. Es ging vor allem darum, Vertrauen aufzubauen, ein bleibendes dickes Band aus vielen kleinen zu flechten, das auch in den schwierigsten Situationen halten musste. Wie viel das Pferd jetzt lernen würde, war bei den ersten Bändern nicht wirklich wichtig. Wichtig allein war das Verstehen untereinander, um behutsam weitere Bänder zu flechten – und das erreichte man nur mit gegenseitigem Respekt.

Es brauchte Zeit – viel Zeit. Zu allererst aber musste sie ihn reiten können. Was danach aus ihm wurde, ein Kriegspony oder ein Gebrauchspferd, das würde sich zeigen müssen. So wäre es gewesen, wenn Black-Fire ein gewöhnlicher Mustang wäre. Light-Cloud jedoch wusste, dass das nicht so war. Dieser Hengst würde für beides nicht zu gebrauchen sein.

Mit diesen Gedanken im Kopf ritt Light-Cloud, die Palouse im Schlepp, zurück in ihr Lager.

4. Kapitel

Die Decken reichten aus, um damit einen gemütlichen Platz für die kommenden Nächte zu schaffen. Summer-Rain richtete ihr Lager in einer höhlenartigen Nische zwischen den Felsen ein.

Black-Fire, der sich den Anschein gab, sie nicht zu bemerken, graste in der Nähe. Morgen in aller Frühe würde sie damit beginnen, ihn an einen Rohlederriemen zu gewöhnen, dann an einen geflochtenen Halfter. Brennholz lag vor der Nische aufgestapelt, und sie hatten Wasser vom nahen Wasserfall im Überfluss. Storm-Rider war auf die Jagd gegangen, um für sie beide Wild zu schießen. Natürlich würde er ihr auch bei der Arbeit mit Black-Fire helfen.

Es war bereits Nacht, da erschien er mit einer kleinen Antilope – genug Nahrung für die nächsten Tage. Sie ging ihm entgegen, leichtfüßig und so jung.

Wie er sie auf sich zukommen sah, hielt er Summer-Wind an und glitt von dessen Rücken. Er wartete nicht, bis sie bei ihm war, sagte einfach, was ihm in diesem Augenblick über die Zunge kam. „Das Gras singt, wenn deine Füße es berühren, und der Wind hält den Atem an. Komm zu mir, meine Schöne, ich will dieses Lied wieder und wieder hören – immer. Es bleibt in meinem Herzen, wie viele Winter ich auch noch leben werde. Du bist bei mir – du, meine Liebe, mein Leben.“

Summer-Rain blieb stehen – das hatte sie nicht erwartet, nicht von ihm, der sich bisher mit Worten über Liebe sehr, sehr zurückgehalten hatte. Doch sie wusste, dass er es genau so meinte. Wortlos, denn sie fand keine Worte, nahm sie ihm die Jagdbeute ab. Kurz streifte seine Hand ihre Schulter, und ihre Blicke fanden zueinander. Nebeneinander kletterten sie über einen der Felsensteine in den Rückzugsort von Black-Fire – der jetzt ihr Mustang war.

Das Feuer, kurz zuvor von ihr angezündet, warf zuckende Schatten; über ihnen wölbte sich der Sternenhimmel. So saßen sie dicht beieinander und teilten sich das Essen. Summer-Rain hatte noch immer nichts auf seine Worte von vorhin erwidert, sie nur tief in sich verschlossen – wie ein kostbares Geschenk, das sie betrachten konnte, immer wenn ihr danach war. Storm-Rider erwartete auch keine Antwort. Zufrieden kaute er an dem von ihr zubereiteten Wildbret. Von ihrem Platz aus konnten sie den Mustang im hellen Licht des Mondes stehen sehen. Schon eine ganze Weile dachte Storm-Rider über die spannende Frage nach, was wohl das verwischte weiße Gesprenkel auf dem Hinterteil und den Flanken Black-Fires verursacht haben könnte. Es sähe aus wie Asche, die jemand von einem ausgegangenen Feuer darübergepustet hatte, behauptete er hartnäckig. Summer-Rain dagegen war der Meinung, Schnee treffe es besser.

„Schneeflocken, die vom Himmel fallen und dann auf warmer Haut schmelzen“, flüsterte er leise, über ihren Einfall nachdenkend.

Summer-Rain schaute ihn mit staunend aufgerissenen Augen an. So viel in Worten ausgedrückte Gefühle war sie aus seinem Mund nicht gewohnt. Da fiel ihr die Blume wieder ein – damals, als sie an diesem einen Morgen ohne ihn aufgewacht war.

Er legte sein angebissenes Stück Fleisch zur Seite, wischte sich über den Mund und zog sie zu sich heran. „Schneeflocken, die auf dein Haar gefallen sind“, sagte er, mit seinen Lippen ihre Wange berührend. „Ich erinnere mich.“ Sacht zeichnete er mit einem Finger die Konturen ihres Gesichts nach; doch er war noch nicht fertig. „So hast du ausgesehen, meine Summer-Rain“, flüsterte er leise, „damals, als du in den Norden aufgebrochen bist.“

Sie merkte, wie er ihr eine Haarsträhne zurückstrich, und spürte ein Prickeln auf ihrer Haut. Mit geschlossenen Augen erinnerte sie sich: „Storm-Rider, du hast mir das Herz zerbrochen – ein zweites Mal, wenn das überhaupt geht, denn damals war es das bereits.“ Sie wandte ihm das Gesicht zu, da sah er im herunterbrennenden Feuer den feuchten Schimmer in ihren Augen.

„Sag so was nicht, Kleines. Du hast mich zurückgewiesen, da konnte ich machen, was ich wollte. Auch wenn ich damals angeboten hätte, mit dir zusammen in den Norden zu reiten, hättest du wahrscheinlich nur gelacht.“

Ja, das stimmte wohl; er hatte ja recht. „Ich wollte dich vergessen“, flüsterte sie in die Kuhle an seinem Hals. „Aber das ging nicht. Nicht an diesem Tag und auch nicht später – es hat mich zerrissen.“

Mit Daumen und Zeigefinger bog er ihr Kinn zu sich hoch; er griff ziemlich hart zu. „Wir haben beide viel zu viel Zeit vergeudet“, stellte er fest, und sein Druck verstärkte sich. Er wusste es, aber er ließ nicht los. „Ich war verloren, damals. Und ohne das Zutun von Gray-Wolfs klugen Gedanken wäre ich es auch heute noch.“ Jetzt ließ er los und starrte in die langsam herunterbrennenden Flammen. Auf seiner Stirn bildeten sich zwei tiefe Furchen. Ihr fragender Blick ließ es ihn ihr erzählen. Endlich erfuhr sie, weshalb er statt Gray-Wolf damals zu diesem Kundschafterritt erschienen war. Sie beide mussten Gray-Wolf unendlich dankbar sein.

„Und er hat es für alle Beteiligten so geschickt aussehen lassen, warum ich mit dir auf Kundschaft reiten musste. Nicht einmal deine Großmutter dachte sich etwas dabei.“

Daraufhin schwiegen beide. Auf diesem Kundschafterritt war viel geschehen. Storm-Rider wandte sich nach dem Mustang um. Als ob der es spüren konnte, hob er den Kopf in ihre Richtung.

„Du wirst nicht lange mit ihm brauchen.“ Er nickte zu Black-Fire hinüber. „Schau, er ist neugierig darauf, was wir beide bald tun werden.“ Leise lachend beugte er sich vor. „He, du Herumtreiber, ich möchte wetten, dieses Band war es, ihr rotes Band – du und ich, wir beide sind ihr verfallen.“ Auf einmal erschien es zwischen seinen Fingern. Etwas zerschlissen zwar, aber sie erkannte es sofort.

Erstaunt fragte sie sich, wie er es an sich gebracht haben konnte. Mit einem Lächeln hielt er es hoch. „Light-Cloud hat keine Verwendung dafür“, meinte er leichthin – als ob das als Erklärung reichte.

„Gib es her“, fordernd streckte sie eine Hand aus. Storm-Rider grinste nur und schwenkte es hin und her. „Es ist ein Pfand, du kannst es ja heute Nacht einlösen.“

Summer-Rain lachte und schob einen Ast weiter in die Flammen hinein. „Wenn Black-Fire mich auf sich reiten lässt, werde ich das Blockhaus von John Black besuchen“, sagte sie, in ein anderes Thema wechselnd. „Das wird mir helfen, mich von ihm zu verabschieden“, setzte sie erklärend hinzu. Sie hatte den Namen nur geflüstert, kaum dass er über ihre Lippen kam.

„Dein Großvater“, verbesserte Storm-Rider laut und deutlich. „Er ist dein Großvater. Das ist alles schon sehr seltsam, musst du zugeben. Aber ich bin froh, dass es ist wie es ist. Wer hätte gedacht, dass ich einmal die Tochter einer Cheyenne und Enkelin eines weißen Mannes lieben würde?“ Sein Blick wurde weich.

Sie schloss die Augen und spürte seine Hand unter ihrem Hirschlederkleid. Mit geschickten Fingern fand er, wonach er suchte. Sein Mund glitt an ihrem Hals entlang weiter nach unten – noch weiter.

„Es ist einen ganzen langen Tag her, seit wir das hier das letzte Mal getan haben, Mädchen – Comes-Through-The-Summer-Rain“, flüsterte er an ihrem warmen Schenkel.

Sie lachte und drückte seinen Kopf fester in ihr Fleisch. „Dafür hast du aber nichts vergessen – Mann, der durch den Sturm reitet.“

„Durch deinen Sturm, Liebste.“

Stille – doch sie spürte, wie er nickte.

Der Mond brauchte lange, um hinter der nächsten Wolke hervorzukommen. Dann aber stand er hell und klar am Nachthimmel.

Ein Mond, so rund und vollkommen, wie nur ein Comanchenmond sein konnte.

5. Kapitel

Die Vierte Kavallerie unter Three Fingers Mackenzie durchstreifte, unterstützt von seinen 20 Tonkawa-Spähern, den Texas Panhandle auf der Suche nach immer noch freilebenden Comanchen. Sie suchten sie an den Seitenarmen des Red River und ritten Meile für Meile weiter auf die Staked Plains zu. Es war nicht nur unbekanntes Terrain für die Armee, sondern auch für die Tonkawa. Den Quahari-Kriegern unter ihrem Anführer Quanah, den die Weißen wenig später Quanah Parker nennen sollten, gelang es, sich ihnen erfolgreich entgegenzustellen, bis Mackenzie sich wieder auf die alten Methoden der Texas Rangers besann und mit Scharfschützen und kleinen Grüppchen Jagd auf sie machte. Denn die Kavallerie, wie sie bisher vorgegangen war, richtete nichts gegen die Guerillakriegsführung eines Häuptlings, wie Quanah es war, aus.

Schon in einem Passus der Lederstrumpf-Erzählungen stand, dass Indianer nur auf Art der Indianer erfolgversprechend bekämpft werden konnten. James Fenimore Cooper wusste das schon damals.

Die Regierung der Vereinigten Staaten hatte allen noch immer freilebenden Comanchen, Kiowa-Apachen und Kiowa ein Ultimatum gestellt: Wenn sie sich nicht bis zum 15. Dezember des Jahres 1872 in der Nähe von Fort Sill einfänden, würde man sie als Feinde der amerikanischen Regierung betrachten. Das kam einer Kriegserklärung gleich. Was Quanah mit seinen Kriegern tat, war also nichts weiter, als Krieg gegen die Vereinigten Staaten zu führen. Es bedeutete auch, dass er und sein Volk im Falle einer Niederlage als Kriegsgefangene galten – nicht als Verbrecher oder Vertragsbrüchige, denn niemand von ihnen hatte jemals einen Vertrag mit den Weißen unterzeichnet. Jahre später sollte diese Tatsache ausschlaggebend für ihre Behandlung werden.

Was den Termin bis Mitte Dezember betraf, sollten sie sich bis dahin in Fort Sill melden, ihre Pferde und ihre gesamten Waffen abgeben, ihr bisheriges freies Leben aufgeben und von einem Tag auf den anderen „wie jeder normale Mensch“ von Ackerbau und Viehzucht leben. Welch ein Hohn, dass ausgerechnet Quäker für die Comanchen in der Reservation zuständig sein sollten. Schon allein diese Tatsache zeugte von der Unfähigkeit der Regierung der Vereinigten Staaten. Trotz der Knappheit der Zeit und der Ungeheuerlichkeit dieser Forderungen befolgte ein Großteil der Comanchen diesen Aufruf, denn sie waren am Verhungern, verzweifelt und demoralisiert. Nur die Quahari-Comanchen weigerten sich weiterhin beharrlich, in die Reservation zu gehen. Mackenzie war es nach und nach gelungen, ihre Lager ausfindig zu machen. Er ließ sämtliche Tipis niederbrennen, ihre Pferde erschießen und vernichtete ihre Vorräte für den Winter. Dann trieb er die Frauen und Kinder zusammen, verfrachtete sie in die Reservation – und dort brauchte man nur noch darauf zu warten, dass der Rest der Krieger ihnen folgte – denn sie konnten es nicht über sich bringen, ohne ihre Familien zu leben. Sie im Stich zu lassen, kam für sie nicht in Frage. Das war Mackenzies Art der Kriegsführung, doch er war kein Indianerschlächter.

Lieutenant Colonel Andy Fisher dagegen, der etwa sechs Wochen, nachdem Summer-Rain mit Storm-Rider durch den Red River entwischen konnte mit einer Abteilung Artillerie bei seiner Truppe eintraf, war einer. Bisher hatten seine Leute – zwei Schwadronen Kavallerie – die Furt am Red River bewacht, um aus der Reservation fliehende Indianer dort abzufangen. Tag und Nacht war die Kavallerie den Fluss abgeritten, hatte den Auftrag ernstgenommen, doch ohne Erfolg. Auf diesem Streckenabschnitt, den sie bewachen sollten, versuchte niemand, die Furt oder sogar den Fluss zu überqueren.

Endlich hatte Fisher einen Marschbefehl in der Tasche, der ihm ausdrücklich gestattete, gen Westen zu ziehen, um noch immer frei herumstreifende Comanchen aufzubringen – wie es so schön hieß. In Wirklichkeit war etwas ganz anderes gemeint. Er hielt den dortigen Posten noch eine Woche besetzt und lauerte verbissen an der Furt auf Indianer, die den Fluss in Richtung Westen überqueren wollten. Es gab nur diesen einen Weg durch den Red River, um aus der Reservation zu entfliehen. Auch hielt er Ausschau nach Indianern, die unterhalb des Arkansas River auf Büffeljagd gehen wollten. Vertraglich stand ihnen das noch immer zu – solange das Wasser fließt und das Gras wächst. Doch wen scherte das schon? Der Weiße Mann hatte nicht vor, einen einzigen der Friedensverträge, die in den letzten zehn Jahren mit großem Aufwand abgeschlossen worden waren, auch nur ansatzweise einzuhalten. Sie nahmen das Recht für sich in Anspruch, vertragsbrüchig zu werden; niemand bestrafte sie jemals dafür – auch nicht nach 100 Jahren, als sie es eigentlich besser wissen mussten. Das arrogante Amerika stellte sich gleichberechtigt mit Gott vor. Gott hatte beschlossen, dass nur der Weiße Mann berechtigt ist, das Land vom Atlantik bis zum Pazifik für sich zu beanspruchen; Gott hatte beschlossen, dass jeder Amerikaner eine Waffe besitzen darf. Noch heute sind viele Amerikaner fest davon überzeugt. Welch eine Anmaßung! Haben diese Amerikaner etwa mit Gott beim Frühstück zusammengesessen? Oder einen Deal ausgehandelt?

Die Indianer, die nur ihre Freiheit behalten wollten – auf die fiel diese Anmaßung wie ein Fallbeil herunter, und einer der Weißen – Lieutenant Colonel Andy Fisher – war wild entschlossen, genau dieses Fallbeil zu sein.

Doch sehr zu seinem Ärger kam dort, wo er mit seiner Truppe die Furt belauerte, niemand über den Fluss. Weder von Osten aus der Reservation, noch fand er Spuren, die nach Norden zum Arkansas River führten – es gab nicht das geringste Anzeichen von Indianern; es war, als ob die Erde sie verschluckt hätte.

Lieutenant Colonel Fisher dachte jedoch nicht daran, die Suche schon so bald aufzugeben. Sein Ehrgeiz ließ den Männern keine Ruhe. Immer wieder schickte er sie auf Patrouille über den Fluss. Der Freibrief der Regierung, der den Indianern noch bis zum Dezember Zeit ließ, interessierte ihn und andere Gleichgesinnte nicht die Bohne. Bereits jetzt waren die Indianer für sie Freiwild. Seiner Überzeugung nach – und da war er nicht der Einzige – sollte dieser Termin niemanden, der bei klarem Verstand war, daran hindern, auf Indianerjagd zu gehen. Nicht nur für ihn bedeuteten General Shermans Worte, dass er bisher nur tote Indianer gesehen hätte, die gute Indianer gewesen waren, das Maß aller Dinge. Und solche guten Indianer würden, nach Zahlen aufgelistet, bald in seinem Bericht stehen.

Schließlich brachten seine Pawnee-Späher ihm eine Nachricht, die ihn veranlasste, den Wachposten am Red River aufzugeben. Von Mackenzies Vorstoß in die Plains wusste er zu diesem Zeitpunkt nichts, und es würde an seiner Entscheidung auch nichts geändert haben. Nachdem er sich den Bericht der Scouts angehört hatte, war er sicher, dass sie auf eine vielversprechende Spur gestoßen waren, die nach Nordwesten führte. Anscheinend kamen diese Indianer – Comanchen, als die die Pawnee sie anhand von gefundenen Jagdpfeilen identifizierten, mit ihren Travois, Pferden und allem Besitz von Süden. Es waren noch immer sich frei auf den Plains bewegende Quahari, die sich außerhalb der Reichweite der Armee befanden. Sollten sie dennoch versuchen, sich in Sicherheit zu bringen – er, Andy Fisher, würde sie überall aufspüren, selbst noch im äußersten Zipfel der Comancheria, diesem großen Comanchenland, das nach Meinung der Comanchen noch immer bis in den Süden von Colorado hineinreichte. Das jedoch erkannte der Weiße Mann schon lange nicht mehr an. Eigenmächtig hatte er die Grenzen verschoben. Was interessierten ihn Verträge, die vor zehn oder noch mehr Jahren abgeschlossen worden waren?

Auch das Zehnte Kavallerieregiment mit seinen „Negersoldaten“, der so genannten Büffelarmee, war jetzt auf der Suche nach Indianern. Grierson, der es – sehr zum Ärger seines Vorgesetzten General Sheridan – aufgestellt hatte, war von Fort Davis aus losgezogen, bevor das Jahr 1872 oder der angekündigte Termin überhaupt vorüber war. Manchmal stieß dieser Teil der Armee auf halbverhungerte kleine Gruppen von Comanchen, die auf dem Weg nach Fort Sill waren, um sich der Gnade des Weißen Mannes zu ergeben. Sie konnten von Glück reden, wenn sie dann auf einen Kommandeur trafen, der sie einfach nur weiterziehen ließ, statt sie zu massakrieren, denn die Jagd auf die letzten Comanchen war in vollem Gange.

Lieutenant Colonel Fisher war entschlossen, dabei nicht untätig zuzusehen; er brannte darauf, allen seine Fähigkeiten zu beweisen. Da er nicht mehr der Jüngste war, saß ihm die Zeit im Nacken. Wenn er auf der Karriereleiter vorankommen wollte, dann musste er sich beeilen. Als er nach dem Krieg notgedrungen gezwungen war, die Seiten zu wechseln – er kämpfte in der Rebellenarmee gegen den Norden – war er in seinem Rang wie jeder Andere herabgestuft worden. Jetzt, mit Ende 40, ließ sein Ehrgeiz es nicht zu, weitere Jahre nur als Lieutenant Colonel sein Dasein zu fristen. Also entschloss er sich, der Spur, die die Pawnee entdeckt hatten, zu folgen. Den Befehl dafür hatte er ja bereits in der Tasche und war von General Sherman legalisiert worden, dass er jegliche Maßnahmen zu ergreifen bevollmächtigt war, um: „aller noch frei herumstreifenden Comanchen habhaft zu werden und diese wenn möglich unverzüglich in die Reservation zu verbringen“. Weiter hieß es noch: „Sich der Armee widersetzende Indianer sind nach eigenem Ermessen zu behandeln. Ich überlasse es Ihrer Entscheidung, wie Sie mit ihnen weiter verfahren.“

Das kam einem Freibrief gleich und ließ ihm genügend Spielraum. Also machte sich seine Abteilung, bestehend aus zwei Schwadronen – etwa 160 Mann Kavallerie, vier Pawnee-Scouts und einer Batterie Artillerie – 80 Mann – auf den Weg. Der Tross – unter ihnen ein Proviantwagen mit einem Koch, der zuvor einen Saloon geführt hatte – rumpelte hinter ihnen her.

Lieutenant Colonel Fisher war kein Mann von halben Sachen. Wenn, dann machte er etwas gründlich oder gar nicht. Seine Pawnee-Scouts führten die Truppe sicher durch unbekanntes Terrain bis zum Canadian River, dann überquerten sie den Fluss und zogen nach Westen weiter. Unterwegs stießen die aufmerksamen Indianerscouts immer wieder auf Spuren, die ohne Zweifel von einem wandernden Volk stammten. Egal, wohin sie auch ziehen mochten, Fisher würde ihnen auf der Spur bleiben. Doch plötzlich fanden sie nichts mehr. Tagelang ließ der Lieutenant Colonel die Gegend durchsuchen – vergeblich. Wie es aussah, hatte irgendein Unwetter sämtliche Spuren beseitigt. Selbst die tiefen Abdrücke der Travois, die vor Wochen hier entlanggekommen sein mussten, waren nicht mehr zu sehen. Allmählich verließ Fisher seine anfängliche Zuversicht, und Enttäuschung machte sich breit. Die Moral der Truppe befand sich auf dem Tiefpunkt. Der Mangel an frischem Trinkwasser und die immer gleichbleibende Verpflegung trugen auch nicht gerade zur Verbesserung bei, und die Hitze war kaum noch zu ertragen.

Das Terrain, in dem sie sich jetzt vorwärtsbewegten, war für die Armee unbekanntes Land und die Gegend menschenleer. Keine Ranch, keine Farm – nur vertrocknete Erde, Klapperschlangen, Wind und sprödes, gelbes Gras, das ihre Pferde nicht mochten. Manch einer der Soldaten fragte sich, warum man diesen verfluchten Landstrich nicht einfach den Indianern überließ. Allmählich ging auch das Futter für die Pferde aus. Fisher trieb sie unbarmherzig weiter und schickte die Pawnee immer wieder los. Irgendwo mussten sie doch wieder auf die Spur der Comanchen stoßen. Schließlich konnten sie sich doch wohl nicht in Luft aufgelöst haben. Endlich erreichten sie besseres Gelände. Die Vegetation wurde grün, wenn auch nicht üppig, aber immer noch besser als das, was hinter ihnen lag. Und am nächsten Tag kehrten die Späher mit guten Nachrichten zurück. Die Scouts, die über zehn Meilen vor ihnen gewesen waren, hatten eine Schleppspur entdeckt, die durch die Berge bis hinein nach Neu-Mexiko führte – dicht am Apachengebiet entlang, was die Pawnee nachdrücklich betonten.

Lieutenant Colonel Fisher hatte keine Ahnung, woher sie ihre Kenntnisse nahmen, denn selbst die Armee wusste nicht genau, wo das Apachengebiet begann und wo es endete. Egal, sie hatten etwas Brauchbares gefunden. Apachen interessierten hier niemanden – jetzt jedenfalls noch nicht und Fisher schon gar nicht. Um die sollten sich andere kümmern, sagte sich Fisher; er war hinter Comanchen her. Die Spur, der sie jetzt folgten, führte nach Norden in Richtung Rio Grande del Norte, den sie hier den Rio Bravo nannten oder auch einfach nur den großen Fluss. Obwohl den Lieutenant Colonel die Apachen nicht kümmerten, spornte er seine Scouts an, nach Hinweisen zu suchen, während seine Truppe die Berge überquerte.

Fisher hatte eine feste Meinung, was Indianer betraf. Von den erbärmlichen Zuständen im Reservat einmal ganz abgesehen, waren es diese Menschen nicht wert, überhaupt zu existieren, denn sie lagen den wahren Amerikanern nur auf der Tasche – niemandem nützte ein lebender Indianer. In A. Fishers Welt hatten weder Indianer noch Schwarze Platz; jeden Hund hätte er besser behandelt als einen von ihnen.

Nachdem sie nun wieder ein Ziel vor Augen hatten, besserte sich die allgemeine Stimmung. Seinen Männern ließ der Lieutenant Colonel nur die allernötigste Zeit zum Rasten. Unerbittlich trieb er sie mit harter Hand vorwärts. Es war auch nicht mehr so heiß. Einmal regnete es sogar, und sie füllten an einem ihnen unbekannten Fluss, der auf keiner Landkarte, die einer der beiden Adjutanten bei sich führte, verzeichnet war – ihre Wasservorräte auf. Die Stimmung unter den Soldaten konnte nicht besser sein. Im Laufe der nächsten Tage kamen die Pawnee-Späher immer wieder mit guten Nachrichten zurück.

Die breite Spur der Travois, tief eingegraben in das Gras der Prärie, führte sie geradewegs nach Nordwesten ins Colorado-Territorium.

6. Kapitel

Der Indianersommer mit seiner überwältigenden Farbenpracht beherrschte die Welt. Es war Ende September – oder, wie die Indianer diese Zeit nannten: Blättermond. Die Morgensonne auf den Gipfeln der schneebedeckten Berge verwandelte das Land davor. Unwirklich, fast überirdisch, wie mit Blut übergossen fielen die Felsformationen beinahe senkrecht in ein breit gefächertes, riesig großes Tal ab, etwa 100 Meilen vom Lager der Antilopen entfernt. Weiter den Fluss hinunter, der in diesen blutroten Bergen entsprang, bis hinter einen Canyon und in einem flachen kleinen Tal, zwischen Hügeln und Prärie, dort hatten sie sich inzwischen gut eingerichtet. Hier, wo sie für einige Zeit ihre neue Heimat zu finden hofften, leuchteten die Blätter der Bäume, die die Flussebene säumten, in allen Gelb- und Rottönen, die man sich nur vorstellen konnte. Gräser, deren Rispen sich entfalteten, bogen sich im Morgennebel feucht auf den Boden, schwer vom Samen. Kleine Erdhügel, von Maulwürfen aufgebrochen, bedeckten die Ebene vor dem urwaldähnlichen Dickicht, das bis an eine Uferböschung heranreichte.

Die riesige Pferdeherde bewegte sich schwarmartig hinter den Hügeln im Osten, immer auf der Suche nach Gras. Ein kleiner Fluss, irgendwo aus den Bergen kommend, versorgte sie mit Wasser. Von der Prärie im Südosten ritten Männer dem Lager entgegen. Ihre Mustangs waren mit Jagdbeute beladen. Vorräte füllten allmählich die Tipis, trocknendes Fleisch hing schwer von den Gestellen herunter, Felle stapelten sich, bereit für den Winter. Was nicht unbedingt benötigt wurde, wollten sie als Ware für Dinge, die nur die Weißen herzustellen verstanden, eintauschen.

Die Tuckerviller Bürger schickten regelmäßig – nach Absprache mit Old-Antelope – ihre Händler bis zu ihnen. Manchmal kamen sogar einfach nur neugierige Weiße, die sich am dem Fluss gegenüber liegenden Wall einfanden. Zögernd wurden erste Kontakte geknüpft, ja, wechselte sogar das eine oder andere Tauschobjekt den Besitzer. So war es jedenfalls noch bis vor einer Handvoll Sonnenaufgängen gewesen. Inzwischen blieben jedoch mehr und mehr Tuckerviller diesen Treffen fern. Vereinzelte Begegnungen mit den Ranchern, die ihre Rinder auf Comanchenland bis zu den Ausläufern der Berge außerhalb ihrer eigenen Grenzen weiden ließen, liefen jetzt auf einmal auch in einer etwas angespannteren Atmosphäre ab. Meistens grüßte man sich nur aus der Ferne, um dann wieder jeder seiner Wege zu reiten. Man arrangierte sich eben. Dieser Zustand wurde allmählich zur Gewohnheit. Die Comanchen respektierten den Frieden, indem sie nicht ein einziges Stück Vieh antasteten – ja, sie ließen sogar die Pferde der Rancher ungeschoren, obwohl es so manchen von ihnen in den Fingern juckte. Bei unerwarteten Begegnungen wusste manch ein Weißer plötzlich nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Das alles passierte aber erst, nachdem Pete Hartfield versuchte, die Rancher und Farmer gegen die Comanchen aufzuhetzen. Noch taten die meisten seine Reden als Übertreibungen ab oder nahmen ihn einfach nicht ernst. Doch schon gab es Anhänger, die seine Thesen verteidigten. Die Zukunft würde zeigen, was man von den neuen Nachbarn zu halten hatte – drohten die einen, während die anderen an einen dauerhaften Frieden glaubten.

Während also Pete Hartfield seinen Plan weiter vorantrieb, verharmlosten andere das, was er von sich gab, und legten dem keine Bedeutung bei. Manch einer meinte sogar, dieses Geschwätz würde niemanden lange beschäftigen.

Doch die Geschichten, die aus Texas bis nach hier drangen, spielten dem verbitterten Farmer in die Hände. Da gab es Zeitungen, die in Denver erschienen und die durch die Postkutsche bis hierher gelangten. Dort standen Berichte von Gräueltaten an der weißen Bevölkerung und vielen Todesopfern. So prüde man auch in dieser Zeit noch war – Andeutungen genügten und regten die Fantasie der Leser oftmals mehr an als ausführliche Beschreibungen. Von Vergewaltigung und Verschleppung weißer Frauen und Kinder war die Rede, von zerstörten Ranches und Farmen, von schrecklich zugerichteten Leichen. Wären es tote, massakrierte Indianer gewesen, niemand hätte sich darum geschert. Jedoch ein einziger toter Weißer oder gar eine tote weiße Frau – so etwas konnte niemand einfach so hinnehmen. Wie diese Zeitungen berichteten, machten in diesem Jahr die Quahari-Comanchen unter ihrem Anführer Quanah besonders von sich hören. Sie hätten Tausende Meilen Telegrafenleitungen vernichtet, hieß es unter anderem, Poststationen zerstört, die Inhaber bestialisch abgeschlachtet – und die Überfälle auf Postkutschen würden auch weiterhin kein Ende nehmen. Es stimmte nicht alles, was dort stand, aber das Letztere im Wesentlichen schon. 1872 war für beide Seiten, – Weiße und Indianer – ein schlimmes Jahr. Noch immer behaupteten sich die frei lebenden Quahari gegen das Vordringen der Zivilisation. Unterdessen wurden Eisenbahnlinien weiter nach Westen verlegt, somit die Wanderwege der Büffel abgeriegelt und ihre Ausbreitung nach Süden verhindert. Weiße Jäger schossen sie zu Tausenden ab – genau dort, wo es ihnen eigentlich durch die Verträge mit den Indianern verboten war. Es kümmerte niemanden. Die Comanchen, die sich wehrten, ihr Land nicht aufgaben, einfach nur ihr Leben führen wollten, wurden gnadenlos niedergemacht; darüber verloren die Zeitungen kein einziges Wort. Sie berichteten nur darüber, wie sehr die Texaner unter den Comanchen zu leiden hätten. Kein Mensch in Texas wollte etwas darüber lesen, wie sehr die Indianer unter den Texanern – und nicht nur unter diesen – litten.

In Tuckerville lagen diese Zeitungen überall für jeden zugänglich in Saloons oder in den Geschäften aus. Wer sie besorgte und verteilte, ließ sich nur vermuten. Allmählich schlug die Stimmung um. Plötzlich wurden diejenigen, die bisher als Fürsprecher der hiesigen Comanchen galten, schief angesehen. Die Atmosphäre war seltsam angespannt. Massenhysterie ist ein seltsames Phänomen und wie eine Seuche. Sie konnte auf eine Gruppe von Menschen übergreifen, die sich aus völlig harmlosem Grund zusammengetan hatten und in Panik enden. Dafür brauchte es nicht viel. Einige willkürlich ausgestreute Lügengeschichten, Mutmaßungen, die jeder Grundlage entbehrten, Behauptungen, die die Masse begeisterten – und sie glaubten es nur zu gern. Eine so einmal gefasste Meinung war schwer zu widerlegen, falls überhaupt. Die Fanatiker, die sie verbreiteten, waren für die Wahrheit taub. Mit einem wie ihnen konnte man nicht reden – das war nicht nur damals so.

Und diese menschenverachtenden Monster beherrschten allmählich die Stadt und ihre Umgebung. Die von ihnen angefachte Welle der Angst schwappte über Tuckerville zusammen. Der Stolz auf die Erneuerung des Friedens mit den Comanchen, das Gefühl, das Richtige getan zu haben, die Vorteile, die der beiderseitige Handel mit sich brachte – all das trat allmählich in den Hintergrund; davon redete kaum noch jemand. Denen, die es dennoch taten, wurde ein schlechtes Gewissen eingeredet, bis sie endlich kleinlaut schwiegen. Auf keinen Fall wollten sie Außenseiter sein, sich von ihren Nachbarn schief ansehen lassen oder gar erleben, wie ihre Kinder von den Spielgefährten wegen ihrer Eltern verlacht oder sogar ausgegrenzt wurden. Pete Hartfield hielt endlich seine Stunde für gekommen und schürte mit seinen Anhängern weiter Unfrieden mit dem letzten vernünftigen Rest der Bürger. Es brauchte dafür nicht mehr viel. Jeder, der noch immer meinte, dass der Frieden mit den Comanchen halten würde, fand sich nun bestenfalls einer stummen Mauer des Schweigens gegenüber – wenn nicht gar der Feindschaft. Diese letzten Vernünftigen wurden unsicher. Eine Hetzkampagne gegen diejenigen, die noch laut für die Indianer Partei ergriffen, machte sie endlich mundtot; sie wagten es nicht mehr, sich öffentlich zu äußern. Erneute grauenhafte Berichte in den Zeitungen kamen den Verfechtern einer harten Linie gerade recht. Ja, es kam sogar vor, dass sich im Saloon plötzlich jemand auf einen Stuhl stellte, um laut daraus vorzulesen – nur, um die, die dazu selbst nicht imstande waren, aufzuklären. Hinter diesen Aktionen steckte neben Pete Hartfield auch Frank Hamilton – ohne dass dies dem Farmer bewusst wurde; er hatte schon längst den Überblick über seine Unterstützer verloren. Der Vater von Antonia Harper hatte plötzlich Interesse daran gezeigt, was dieser Pete Hartfield da trieb. Dabei ging es ihm nicht einmal um die Comanchen, es ging ihm nur um dieses Land. Seinen Informationen zufolge würde in absehbarer Zeit genau dort hindurch eine neue Eisenbahnlinie führen. Wenn man dieses Land besaß, war es mehr wert, als ein Farmer oder Rancher jemals dafür bezahlen könnte. In aller Eile hatte sich der wieder einmal fast bankrotte Frank Hamilton durch die Aussicht auf ein lukratives Geschäft mit Bob Marcen zusammengetan. Ihre Beziehungen reichten weiter als die eines Mannes wie Pete Hartfield. Es war ihnen gelungen, Landkäufe zu tätigen, völlig legal und ohne diesen Vermerk in den Akten im Liegenschaftsamt von Denver beachten zu müssen, denn auf einmal war dieser wie von Zauberhand verschwunden. So gesehen hatten sie ebenfalls ein Interesse am Verschwinden der Comanchen.

Die Saat ging auf. Einzelne Menschen waren nicht leicht zu beeinflussen, aber wenn sie in Massen auftraten, dann schon. Das, wovon jetzt so viele überzeugt waren, konnte doch nicht falsch sein.

Und so änderte sich das Bild von den vor ihrer Nase siedelnden Indianern in den Köpfen der Tuckerviller.

Nichtsdestotrotz gab es immer noch genug Gegenargumente von Menschen, die nüchtern dachten und die für die Massenhysterie nicht empfänglich waren. Menschen, für die nur Tatsachen zählten. Solange man das alles kühl und sachlich mit einem gewissen Abstand betrachten konnte, siegte noch die Vernunft. Nun jedoch stand der angebliche Feind bereits in der Tür. Unsicherheit machte sich auch unter ihnen breit. Die Händler, die zu den Comanchen hinausfuhren, wurden weniger. Die, die immer noch kamen, erlebten vor Ort hautnah die Freundlichkeit, mit denen man sie behandelte. Sie konnten nur die Köpfe schütteln, wenn sie hörten, wie man über sie sprach. Vielleicht wäre das alles sogar irgendwann im Sande verlaufen und wieder so wie am Anfang geworden, denn die Wochen vergingen, und nichts von dem, was ein Pete Hartfield und seine Anhänger prophezeiten, ereignete sich. Der Tauschhandel ging ohne Zwischenfälle weiter, Rancher ritten ungeschoren bis weit ins Comanchenland hinein, auf der Suche nach ihren Rindern. Kein einziges ging durch die Comanchen verloren, kein einziges Pferd verschwand durch sie aus den Pferchen der Farmer und Rancher. Einige dieser besonnenen Männer waren es dann auch, die sich bei ihren Besuchen in der Stadt für die Comanchen einsetzten. Zu diesem Zeitpunkt jedoch hörte ihnen schon kaum jemand mehr zu.

Pete Hartfield stieß bei einem seiner Abende, die er jetzt häufiger als sonst im Saloon verbrachte, auf Slim Western und Buffalo-Man. Sie hörten sich seine Hasstiraden eine ganze Weile mit an, bis ihnen der Kragen platzte und sich beide in die Diskussionen einmischten. Während noch heftige Reden geführt wurden und Slim kein gutes Wort für Pete Hartfield erübrigen konnte, kam Erik Machel herein. Er war gerade bei einem Rancher gewesen, von dem er zwei Stiere kaufen wollte, und hatte eigentlich vorgehabt, danach Slim Western aufzusuchen. Als er ihn hier inmitten der randalierenden, grölenden Menge mit seinem schwarzen Kompagnon entdeckte, setzte er sich zu ihnen an den Tisch. Ruhig hörte er sich das, was Pete Hartfield zu sagen hatte, eine ganze Weile mit an. Er konnte nicht begreifen, dass es so viel Dummheit auf einem Haufen geben konnte. Denn Pete Hartfields primitive Argumente fanden eher Gehör als die auf Tatsachen begründeten Ansichten von Slim und einigen der anwesenden Rancher. ‚Warum rege ich mich überhaupt darüber auf?‘, fragte sich Erik unwillkürlich. Es gab immer Menschen, die zum Nachdenken nicht ihren Kopf benutzten, sondern ihren Arsch, denen die Wahrheit einen Scheiß bedeutete, die sie so weit verdrehten, bis nichts mehr davon übrig blieb.

Die Bedrohung durch die Comanchen war immer gegenwärtig gewesen, solange die Westgrenze von Texas nicht gesichert war. Diese Tatsache konnte selbst er nicht leugnen. Die Ursachen dafür waren vielfältig, darüber ließ sich nicht streiten. Jetzt und hier jedoch war eine völlig neue Situation entstanden. Endlich wäre es möglich gewesen, den Frieden aufrechtzuerhalten und ein Miteinander zu beginnen. Sie alle hier, jeder Einzelne von ihnen, hatte etwas zu geben und konnte dafür so viel bekommen; man musste es nur wollen. Als die Diskussionen ins Uferlose ausarteten, die Schrecken der Überfälle der vergangenen Jahre an der texanischen Grenze zum Hauptargument wurden, man immer wieder auf Einzelheiten der Gräueltaten zu sprechen kam, ging es nur noch darum, alle Schuld den Comanchen zuzuweisen. Von den Unverbesserlichen wollte keiner etwas davon wissen, dass man diese Situation nicht mit der hier vergleichen konnte. Erik Machel fragte die, die am hitzigsten gegen die Indianer wetterten, was sie selbst wohl tun würden, wenn man ihnen ihr Land wegnehmen würde, um sie dann in eine Einöde von Reservation zu zwingen. Er wusste, wovon er sprach. Wie es dort zuging, versuchte er ihnen begreiflich zu machen, aber er erntete nur ungläubiges Kopfschütteln oder wurde niedergeschrien. Sie glaubten ihm nicht oder waren der Meinung, dass diese Wilden dort viel zu gut wegkommen würden – und die Stimmung heizte sich noch mehr auf.

Als es Erik, Slim, Buffalo-Man und einer Handvoll derjeniger, die ebenfalls ihrer Meinung waren, endlich satt hatten, gegen den immer aufgebrachteren Haufen betrunkener, fanatischer Männer anzugehen, verließen sie gemeinsam den Saloon. Slim und Buffalo-Man banden ihre Pferde los und ritten mit Erik, eine Staubwolke hinter sich lassend, aus Tuckerville hinaus auf ihre Ranch. Es gab zwar noch immer kein fertiges Haus, sondern nur dieses große Zelt mit einem aus Planen gefertigten Küchenanbau, doch einige Scheunen und Stallungen waren bereits vorhanden. Erik besah sich die Männer, die von Slim erst vor kurzem eingestellt worden waren. Sechs von ihnen kamen aus den einfachen Hütten vor Tuckerville, wo sich Schwarze niedergelassen hatten. Männer und Frauen hausten dort mit ihren Familien – Überbleibsel aus der Sklaverei, noch immer auf der Suche nach einem geregelten Einkommen und einem sicheren Zuhause. Unter ihnen hatte sich ein guter Schmied befunden, den Slim sogleich für sich rekrutierte. Dadurch machte er unabsichtlich einem in Tuckerville ansässigen Weißen Konkurrenz. Inzwischen kochte auch Buffalo-Man nicht mehr selbst. Von den sechs neu eingestellten Schwarzen brachte einer seine Frau und seine Tochter mit. Sie übernahmen jetzt die Küchenarbeit. Besonders die Jüngere hatte es Buffalo-Man angetan. Sie war nicht nur fleißig, sondern überdies auch hübsch.

Es gab auch weiße Landarbeiter, von denen einige an diesem Morgen mit drei Ackerwagen loszogen, um Rüben zu ernten. Eigens für diese schwere Arbeit hatte Buffalo-Man Pferde einer schweren kaltblütigen Rasse aus Utah besorgt. Auf diese Idee mit der Aussaat von Feldfrüchten war Slim im Frühjahr gekommen, als er seine Finanzen durchrechnete und nicht hinnehmen wollte, dass er für den Winter zusätzliches Futter für die Rinder kaufen musste. Zwar konnte er sie lange auf den Weiden stehen lassen, doch wie hart der Winter werden würde, wusste man ja nie vorher. Von den anderen Ranchern erntete er dafür nur Unverständnis. Niemand hielt das für notwendig; sie kauften solche Dinge von den Farmern der Umgebung.

Slim hingegen sah nicht ein, warum er dafür Geld ausgeben sollte. Auch Heu brachten seine Arbeiter ein, Weizenstroh und Hafer für die eigenen Pferde. Einige Gemüsesorten wurden ebenfalls angebaut und auf dem Markt von Tuckerville für gutes Geld verkauft, das dringend benötigt wurde.

Allmählich entwickelte sich Slim Western nicht nur zu einem guten Rancher, sondern auch noch zu einem äußerst gerissenen Geschäftsmann. Alles, was auf der Ranch angebaut wurde, machte er zu Geld. Er ließ nichts verkommen, schaffte sogar bereits für den Winter Vorräte an – nicht nur für seinen Viehbestand, sondern auch für seine Leute. Im Großen und Ganzen waren er und Buffalo-Man auf dem besten Weg, erfolgreiche Rancher zu werden.

Erik Machel trug mit Ratschlägen aus seinem eigenen Erfahrungsschatz zu manch einer Verbesserung bei. Nach den arbeitsreichen Tagen, in denen auch er mit Hand anlegte, saßen sie manche Abendstunde noch lange beisammen am Lagerfeuer vor dem Zelt. Sie tauschten Geschichten aus ihrem Leben aus, und am Ende schliefen sie dicht nebeneinander, in ihre Decken gehüllt.

Erik erwähnte nie Jeremiahs Namen. Er konnte es nicht – da empfand er genau wie die Indianer. Niemand hier kannte den wahren Grund, weshalb er hergekommen war. Niemand wusste etwas von dem Schmerz, der ihn jedes Mal von neuem überfiel – wann immer er an seinen Sohn dachte.

Doch hier, in der Gesellschaft all dieser Männer, fühlte er diesen Schmerz nicht ganz so hart. Die Zeit heilt alle Wunden – dieses Sprichwort kam ihm manchmal in den Sinn. Nein, das stimmte nicht. Die Zeit heilte niemals Wunden, die Erinnerung war es. Die Erinnerung an einen geliebten Menschen machte, dass sich die Wunde langsam schloss. Zurück blieb immer eine Narbe, ja, man spürte sie noch; jetzt jedoch empfand man den Schmerz nicht mehr so sehr. Slim Western und Buffalo-Man fragten ihn nicht, drängten ihn nicht, seine Vergangenheit vor ihnen auszubreiten. Jeder hatte so seine Geheimnisse, die niemanden etwas angingen. Erik hatte ihnen lediglich mitgeteilt, noch so lange hierbleiben zu wollen, bis er zu Claire aufbrechen musste. Das von ihr wussten sie also.

So vergingen die Tage in der Gemeinschaft hart arbeitender Männer.

Eines Tages ritt Slim Western mit ihm zur Ranch von Jones Harper. Es gab geschäftliche Dinge zwischen den beiden ehemals besten Freunden zu regeln. Der Hausbau, den Mrs. Antonia Harper emsig vorantrieb, machte inzwischen riesige Fortschritte. Von irgendwoher musste sie wieder Geld aufgetrieben haben. Slim vermutete, von Bob Marcen oder ihrem Papa. Über die Vermögensverhältnisse ihrer Familie wusste er nicht viel, es interessierte ihn auch nicht – schon gar nicht die Gerüchte, die in Tuckerville in Umlauf waren. Irgendetwas von einer Erbschaft, er hatte nicht richtig hingehört. Erst als in diesem Zusammenhang von dem Mädchen die Rede war, das im Frühling bei John Black gewohnt hatte, horchte er auf. Nach ihrem Verschwinden war er oft mit dem alten Trapper auf die Jagd gegangen. Bei seinem letzten Besuch hatte er seinen Leichnam gefunden.

Als Slim Western jetzt mit Erik Machel über einen Hügel in das vor ihnen liegende Tal auf die Ranch von Jones Harper zuritt, erkannte er das Gelände kaum wieder. Seit ihrem Zerwürfnis hatte sich ziemlich viel verändert. Das neue Ranchhaus bekam allmählich ein Ausmaß, das seinen Vorstellungen von einem gemütlichen Zuhause nicht mehr entsprach. Im Halbrund davor standen zwei riesige Scheunen und etliche Stallgebäude, bereits mit Ziegeln eingedeckt. Dahinter, nahe einem Wald, dessen abgeholzte Baumstümpfe von der Arbeit, die hier geleistet worden war, zeugten, erhob sich ein kleines, niedriges Gebäude, das zum größten Teil aus Grassoden bestand – wahrscheinlich die Unterkünfte für die Landarbeiter. Irgendwo wieherten Pferde, die Koppel jedoch war nicht zu sehen. Langsam näherten sich Slim und Erik dem vorderen Teil des Hauses, der bereits fast fertig war. Eine Veranda sollte einmal das ganze Haus umrunden; davon sah man bisher nur den Rohbau. Die Arbeiter, die bis eben noch überall tätig gewesen waren, machten anscheinend gerade Mittagspause. Das Tor der einen von den beiden Scheunen, die Erik und Slim bereits von weitem gesehen hatten, stand weit offen. Während sie daran vorbeiritten, ertönten dort so laute, durchdringende Töne, dass Eriks Pferd kurz scheute. Slim lachte und deutete mit dem Daumen in die Richtung der seltsamen fremden Musik. „Das werden die neuen Arbeiter sein“, wandte er sich an Erik, „die Jones erst vor kurzem angeheuert hat.“

Schon wollten sie die Pferde anhalten, um diese Männer zu begrüßen, da sahen sie Antonia Harper vom Haus her auf sie zukommen. Während die Männer herangeritten waren, hatte sie sich in aller Eile umgezogen – so war sie nun einmal. Fein herausgeputzt begrüßte sie überaus freundlich die seltenen Gäste. Ihr Lächeln jedoch wirkte aufgesetzt, als sie die beiden ins Haus komplementierte. Sie fanden sich in einer spartanisch möblierten Eingangshalle wieder, in der die Fenster noch nicht eingesetzt waren und an einer Wand lehnten. Antonia drängte sie jedoch weiter durch eine Tür in ein anderes Zimmer, das im Gegensatz dazu bereits wohnlich aussah.

Erik, der einen Blick für guten Geschmack hatte, sagte kein Wort. Der Raum war eindeutig völlig überladen und strotzte nur so von Nippes und Flitterkram. Sogar Spitzengardinen hingen bereits an den beiden Fenstern, die nach hinten hinaus gingen. Slim schien das alles nicht wahrzunehmen, er blickte nur etwas beschämt auf seine schmutzigen Stiefel, die überall Dreckklumpen hinterließen. Erik kümmerte das wenig.

Neugierig ging er zu einem der Fenster und blickte hinaus. Aha, dachte er, anstatt Spitzengardinen vor die Fenster zu hängen, hätten sich die Bewohner lieber um das hier kümmern sollen. Nur etwa 40 Fuß entfernt wand sich ein Wald einen sandigen Berghang hinauf. Von unten nach oben war er bis zur Hälfte gerodet; man sah nur noch die Stümpfe. Mit Kennerblick erkannte er sofort, welcher Gefahr sich Jones Harper hier aussetzte. Wenn es länger regnen sollte, würde der Hang unterspült werden und ein Erdrutsch könnte das neue Haus gefährden. Er wandte sich wieder ins Zimmer zurück, denn in diesem Moment betrat Jones Harper den Raum.

Sein Aussehen glich dem eines gediegenen Mannes. Nichts war mehr von dem abenteuerlustigen, unbeschwerten Jungen übriggeblieben, wie ihn Slim ihm beschrieben hatte. Jones Harper trug einen Anzug mit einer seidenen Krawatte, dazu hohe, glänzende Lackstiefel. Den nach der neuesten Mode gefertigten Hut hatte er abgenommen. Bevor er auf die beiden Ankömmlinge zutrat, legte er ihn auf ein kleines Tischchen. Slim und er begrüßten sich freundlich, aber reserviert. Als er Erik vorgestellt wurde, nickte er nur kurz. Zu Beginn ihres Gesprächs erwähnte Jones, dass er soeben von einer Zusammenkunft der Farmer zurückgekommen war. Wollte er damit seinen Aufzug erklären? Vielleicht kam er sich doch ein wenig albern darin vor. Zumindest vor dem Freund, der ihn ganz anders kannte. Eifrig bemühte er sich darum, das Gespräch in Gang zu halten, doch immer wieder kam es ins Stocken.

Antonia, ganz Hausfrau, erschien mit einem Tablett voller Erfrischungen. Als sich jeder ein Glas mit Limonade genommen hatte, entspannte sich die Situation wenigstens ein wenig. Nachdem Jones und Slim ihre geschäftlichen Angelegenheiten in einem Nebenzimmer geregelt hatten, kamen sie wieder zu Antonia und Erik zurück. In dieser Zeit war es der Hausherrin gelungen, Erik ein Glas Whiskey aufzudrängen. Höflich beantwortete er ihre neugierigen Fragen, sofern sie nicht zu persönlich wurden.

Für Eriks Geschmack war Antonia eindeutig zu arrogant und von sich eingenommen. Ihren Charakter durchschaute er schnell. Schon nach kurzer Zeit stockte das Gespräch, und es entstand peinliche Stille; beide schwiegen sich nur noch an. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis Jones und Slim wieder auftauchten. Doch nichts war mehr so wie früher zwischen den beiden einstigen Freunden. Ihr Gespräch drehte sich jetzt nur um belanglose Dinge.

Erik hielt sich heraus und war lediglich stummer Zuhörer. Während Jones mit seinen Erfolgen prahlte, entging ihm nicht, dass er besser dastehen wollte als sein einstiger bester Freund. Man sah es ihm nicht an, und doch bedauerte es Slim, dass sich ihr Verhältnis so sehr verändert hatte. Von ihrer einstmaligen Freundschaft war nichts mehr übriggeblieben. Slim, der sich auf einem Stuhl niedergelassen hatte, fühlte sich unwohl auf dem kostbaren hellgrünen Polster. Obwohl schon auf der äußersten Kante sitzend, rutschte er unruhig hin und her.

Wieder einmal war Stille eingetreten. Um das Gespräch zu beleben, begann Antonia, von der Zukunft ihres Mannes zu schwärmen. „Jones wird einmal eine große Rolle nicht nur hier in Tuckerville spielen“, sagte sie soeben. „Mit seinen Fähigkeiten und den Beziehungen meines Vaters kann er es weit bringen. Wenn dieses Territorium erst ein Bundesstaat ist, werden fähige Männer wie er gebraucht. Ich lasse es nicht zu, dass wir hier versauern. Mein Vater hat bereits in Denver seine Fühler ausgestreckt.“ Ihre Gesichtsfarbe nahm einen dunkelroten Ton an, während sie das sagte, und ihre hellen, blauen Augen blitzten erwartungsvoll. Zwar nahm sie wahr, dass diese Mitteilung die beiden Männer nicht besonders beeindruckte, aber das brachte sie nicht davon ab, weiter ihr Garn zu spinnen. Stolz erhobenen Hauptes schwärmte sie weiter von seiner und natürlich auch ihrer eigenen zukünftigen gesellschaftlichen Stellung. Worin die eigentlich genau bestehen sollte, blieb den Zuhörern allerdings ein Rätsel.

Erik Machel wollte gerade eine dementsprechende Frage stellen, als er jedoch Jones seine verkniffene Miene sah, ließ er es lieber bleiben. Der arme Junge hat wirklich nichts zu lachen, ging ihm auf. Vielleicht wusste er ja selbst nicht, wovon seine Frau da gerade redete, oder es war ihm einfach nur peinlich.

„Was sind das denn für Pläne, von denen deine Frau hier spricht“, wandte sich statt Erik Slim jetzt an Jones. „Willst du etwa ins Parlament?“

Bevor Jones antworten konnte, warf sich Antonia in Position. „Hast du nicht zugehört?“, herrschte sie Slim an. „Colorado wird demnächst ein Bundesstaat der Vereinigten Staaten werden. Da braucht man hier Leute wie Jones. Natürlich hat er vor, nach Denver zu gehen.“

Erik verkniff sich ein Grinsen. Solche Frauen wie Antonia kannte er zur Genüge. Hinter der Fassade aus Glimmer und leerem Geschwätz war nicht mehr viel. Sie profilierten sich mit Hilfe ihrer Männer, glaubten, sie wären etwas Besseres als der Rest der Welt. Doch im Grunde genommen bestanden sie nur aus einer leeren, langweiligen, selbstsüchtigen Fassade. Aufgeblasene Weiber – so hatte er sie immer genannt. Wenn es darauf ankam, konnte ein Mann sich nicht auf sie verlassen. Sie würden eher ihr eigenes Scherflein in Sicherheit bringen, als ihrem Mann in schlechten Zeiten zur Seite zu stehen. Mit so einer Frau wollte er nicht verheiratet sein.

Einen triumphierenden Blick in die Runde werfend, redete Antonia schon wieder weiter. „Wenn erst einmal dieses Haus hier fertig ist, werden wir Gäste aus den höchsten Kreisen einladen. Es wird Feste geben und Musikabende“, schwärmte sie weiter.

Erik hörte schon gar nicht mehr zu. Ihr Gerede plätscherte dahin, ohne dass er es so recht wahrnahm. Plötzlich jedoch wurde er aus seinen Gedanken gerissen, denn Slim hatte eine Bemerkung gemacht, die Antonia verstummen ließ. Vergeblich versuchte er, sich daran zu erinnern.

„Warum warst du dann nicht bei seiner Beerdigung?“, hörte er jetzt Slim fragen. Dessen Augen waren starr auf Antonia gerichtet. Betretenes Schweigen, dann antwortete Jones an ihrer Stelle. „Meine Frau hatte bereits alles für eine würdige Trauerfeier in Bob Marcens Hotelhalle organisiert. Zuvor sollte Pastor Longe in der Kirche eine Trauerrede halten. Sie hatte auch einen prächtigen Sarg bei einem Bestatter bestellt und ihn beauftragt, ihren Onkel darin abzuholen. Aber da hattet ihr ihn ja schon heimlich, still und leise draußen vor seinem Blockhaus verscharrt.“ Jetzt wurde seine Stimme lauter. „Sie hatte alles organisiert, die Kirche war festlich geschmückt, Einladungen an die Würdenträger der Stadt verschickt; alles war so, wie es sich für einen Mann wie John Black gehörte. Da erfuhren wir, das seine Beerdigung längst stattgefunden hatte.“

Slims höhnisches Lachen unterbrach seine Rede. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. „Wie es sich für einen Mann wie John Black gehörte?“ Ein vernichtender Blick traf Antonia, bevor er sich wieder an Jones wandte. „Es ging euch doch gar nicht um den alten Trapper – es ging euch doch nur darum, Aufsehen zu erregen. Sein Ansehen wolltet ihr benutzen, um euch ins rechte Licht zu rücken. Plötzlich tut ihr so, als wäret ihr im besten Einvernehmen auseinandergegangen. Mir hatte der Alte was ganz anderes erzählt.“ Bevor er noch weitere Ausführungen darüber machen konnte, legte Erik ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter.

Das nutzte Jones dazu, sich vor seine Frau zu stellen. „Wir wollten ihm lediglich einen würdigen Abschied bereiten – so war das“, zischte er böse. „Alles, was du gesagt hast, ist eine Beleidigung meiner Frau! Sie hat schon genug zu leiden gehabt. Was glaubst du denn, wie sich die Leute in Tuckerville das Maul darüber zerrissen haben, nur weil es ein Testament gibt?“

Slim griff nach seinem Hut und stand auf. „Dr. Kamp“, sagte er in völlig ruhigem Ton, „seine Frau, zwei Freunde aus Tuckerville und ich – wir haben John Black so, wie es sein letzter Wunsch gewesen war, neben seinem Hund zur letzten Ruhe gebettet. Einen Tag später sind wir noch einmal dort gewesen, der Doc und ich. Wir beide saßen oben auf dem Berg, von dem aus man eine schöne Aussicht auf das unten liegende Tal hat – gegen Abend war das. Da kam deine Frau mit Bob Marcen in dessen Kutsche. Sie verschwanden im Blockhaus und blieben dort eine Weile. Als sie wieder herauskamen, stritten sie heftig, doch wir konnten nur ihre Gesten sehen. Nachdem sie verschwunden waren, gingen der Doktor und ich zum Blockhaus hinunter. Jemand hatte dort alles durchwühlt. Die Heinzelmännchen konnten das ja wohl nicht gewesen sein.“

Jones schüttelte heftig den Kopf. Anscheinend wusste er von diesem Ausflug seiner Frau nichts. Antonia lächelte ihn an, während sie es ihm zu erklären versuchte. „Das war an dem Tag, als ich in der Stadt gewesen bin, um die ganzen Feierlichkeiten wieder abzusagen. Schlimm genug, dass du mich das alles hast alleine machen lassen, Jones. Bob ist mir dabei eine große Hilfe gewesen. Danach hat er den Vorschlag gemacht, zum Blockhaus zu fahren, um sich selbst ein Bild von dessen Zustand zu machen. Als seine nächste Verwandte, muss ich mich ja schließlich um den Nachlass meines geliebten Onkels kümmern. Dass das die richtige Entscheidung war, mussten wir leider feststellen, als wir dort ankamen. Alles war durcheinandergeworfen, jemand hatte seine Sachen durchwühlt. Wir jedenfalls waren das nicht. Dass du so etwas von mir denken kannst, Slim Western, ist eine bösartige Unterstellung!“

Diese offensichtliche Lüge kam ihr ganz leicht über die Lippen, doch ihr Gesicht war dabei puterrot geworden. Verräterische Flecken bedeckten ihren Hals bis zu dem tiefen Ausschnitt ihres Kleides.

Slim, der aufgestanden war, trat einen Schritt zurück, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. „Geliebter Onkel? Ich sehe hier kein einziges Andenken an diesen angeblich so geliebten Onkel!“, stieß er heftig hervor, in die Runde blickend. „Hier ist kein einziges Bild von ihm – nichts. Dabei sind einige Aufnahmen seiner Familie noch immer im Blockhaus. Wenn er dir so viel bedeuten würde, hättest du zumindest eines davon mitgenommen. Hier aber stehen nur Abbilder von dir und Jones, ein paar sogar von deinem Vater und deiner Mutter. Ach – und dort sehe ich noch eines von einem preisgekrönten Stier!“

Unwillkürlich wandten sich alle außer Antonia um. Slim, der nach der Art, wie sie ihn anstarrte, gewärtig sein musste, dass sie auf ihn losgehen würde, ließ sich davon nicht einschüchtern. „In John Blacks Blockhaus habe ich kein einziges Andenken an deine Familie, die Hamiltons, gesehen. Alle Bilder zeigen nur seine eigene Familie. Und zu der habt ihr nie gehört.“

„Pah! Dass ich nicht lache. Von wegen seine Familie“, empörte sich Antonia aufgebracht. Jetzt war sie nicht mehr zu bremsen. „Die Indianerin, die er angeblich geheiratet haben soll, die zählt nicht zu seiner Familie. Und erst recht nicht diese andere, die bei ihm gewohnt hat! Der steht überhaupt nichts zu. Wir sind seine Familie – wir, hörst du? Die anderen sind alle verreckt. An der Cholera die, mit der er einen Bastard gezeugt hat, und der Rest dieser Brut ist irgendwo von Soldaten erschossen worden, als sie sich weigerten, sich unseren Gesetzen zu beugen.“ So, jetzt war es heraus.

„Antonia, Liebling, bitte“, versuchte Jones sie zu beruhigen.

Als wäre ihr erst jetzt klargeworden, was sie soeben von sich gegeben hatte, presste Antonia die Lippen fest zusammen. Wie ein beleidigtes kleines Kind wendete sie den Anwesenden den Rücken zu.

Erik, der das Ganze als Außenstehender beobachtet hatte, entging ihre Nervosität nicht. Ihm wurde bewusst, dass sie soeben etwas preisgegeben hatte, was sie normalerweise nicht gesagt hätte. Er ließ sich das alles noch einmal durch den Kopf gehen, wurde jedoch nicht schlau daraus. Wovon redete sie? Einen Blick auf Jones Harper werfend, bemerkte er auch dessen Nervosität.

„Dieses Mädchen, das damals bei deinem Onkel war“, machte ihr Ehemann einen Versuch, alles herunterzuspielen. „Du hast sie doch kennengelernt, Liebling. Wer weiß, wo sie jetzt ist? Sie war doch nur irgendein Mädchen, das für uns bedeutungslos ist.“ Antonias Mund klappte auf und sofort wieder zu; sie begriff sofort, dass er sich nur dumm stellte.

Bevor Jones weiterreden konnte, herrschte Slim ihn an: „Dieses Mädchen hat einen Namen. Und du weißt genau, wie sie heißt!“

Jones fuhr zu ihm herum, eine Ader pulsierte an seiner Schläfe. An ihn gewandt, der noch immer mit dem Hut in der Hand bereitstand, den Raum zu verlassen, wies er ihn zurecht: „Lass es gut sein, Slim, sie ist doch nur eine bedeutungslose Indianerin. Ich weiß nicht, warum Antonia sie jetzt im Zusammenhang mit ihrem Onkel erwähnt. Ich denke, sie hat sich damals zu sehr darüber geärgert, wie sie von ihr behandelt worden ist.“

Seine Miene war undurchsichtig, doch er ließ Slim nicht aus den Augen. Natürlich kannte er das Testament des alten Trappers. Doch wie viel davon war in Tuckerville bekannt? Konnte es sein, dass Slim etwas darüber wusste? Einer seiner Leute hatte ihm berichtet, dass Slim zu den ersten Besuchern im Comanchenlager gehört hatte. War er dort auf der Suche nach Summer-Rain gewesen? Wenn ja, dann konnte er sie wohl nicht gefunden haben, sonst wäre ihm das spätestens jetzt zu Ohren gekommen. Seine Suche nach ihr – aus anderen Gründen – war bisher ergebnislos geblieben.

Erik Machel blickte immer noch von Jones zu Slim. Worum in aller Welt ging es hier? Er schüttelte den Kopf, als müsste er ein lästiges Insekt verscheuchen. Diese beiden ehemaligen Freunde schienen ein gewaltiges Problem zu haben. Doch er war nicht der Mann, der sich in die Angelegenheiten anderer einmischte. Antonia schnaufte verächtlich, bestätigte aber die Worte ihres Mannes durch heftiges Nicken. Slim Western ärgerte sich über sich selbst. Er hatte sich hinreißen lassen. Um dem allen ein Ende zu machen, meinte er an Jones gewandt: „Es ist besser, wir gehen jetzt, bevor noch mehr harte Worte fallen. Was unsere gemeinsamen Geschäfte betrifft, so ist ja alles geklärt – es wird keine mehr geben.“ Damit setzte er seinen Hut auf und schlug den Weg nach draußen ein, ohne sich höflich zu verabschieden.

Erik war es nur recht. Nachlässig grüßend tippte er an seine Stirn und folgte Slim. Um den Anstand zu wahren, begleitete Jones die beiden bis auf die halbfertige Veranda. Als Slim vorhin mit ihm allein gewesen war, hatte er versucht, ihm ins Gewissen zu reden, sich nicht zu sehr von Antonia beeinflussen zu lassen. Er hatte ihn an vergangene gemeinsame Zeiten erinnert. Jetzt, wie auch schon bei anderen Gelegenheiten, verschloss sich Jones seinen Argumenten. Schmerzlich musste Slim erkennen, dass er gegen Antonia nicht ankam.

Eine der Bemerkungen, die Jones während ihres Gespräches gemacht hatte, blieb ihm noch lange im Gedächtnis haften. Sie waren bezeichnend für den Wandel, der mit dem früheren Freund vonstattengegangen war. Wider besseres Wissen hatte er gesagt: „Mein Schwiegervater hat seine Fehler, gewiss – aber er weiß, was er tut. Ich kann von ihm nur profitieren. Frank Hamilton fällt immer auf die Füße, egal, was er beginnt. Und jetzt hat er vor, noch weiter in die Eisenbahn zu investieren. Ich bin gewillt, mich ihm anzuschließen. Bald kommt ein neuer Schienenstrang bis hierher – und nicht nur bis zu dem Güterbahnhof dort draußen, einen halben Tagesritt von Tuckerville entfernt. Wir haben schon Land gekauft, mein Schwiegervater und ich. Ich will einmal zu den reichsten Ranchern hier gehören. Da kann ich nicht zimperlich sein, was meinen Umgang betrifft.“ Dass Jones so weit gehen würde, sich seinem Schwiegervater so eng anzuschließen, erschreckte Slim. Gleichzeitig aber wurde ihm klar, dass es gut war, sich von ihm getrennt zu haben. Wenn Jones mit seinem Schwiegervater gemeinsame Sache machte, war ihm nicht mehr zu helfen. Dass Frank Hamilton hinter diesem Viehraub steckte, der Jones beinahe seine Existenz gekostet hatte, darin waren sie sich einmal vor langer Zeit einig gewesen. Zählte das alles jetzt nicht mehr? Anscheinend war es so. Dann gab es zwischen ihnen nichts mehr zu sagen. Mit einem Mann, der so dachte, der das Geldverdienen vor alles andere stellte – mit solch einem Mann konnte ihn keine Freundschaft mehr verbinden. Das war aber noch nicht alles. Zum Schluss ihrer Unterredung hatte er noch etwas gesagt, das ihn völlig unvorbereitet traf, weil es einfach nicht mehr mit dem Bild des alten Jones Harper übereinstimmte. „Du und dein Nigger – ihr solltet euch vorsehen, was ihr sagt. Die Leute in Tuckerville werden bald nicht mehr gut auf Indianerfreunde zu sprechen sein.“

Außer sich vor Wut hatten sich da seine Hände zur Faust geballt. Dann erinnerte er ihn an etwas. „Wo wärst du denn heute, Jones Harper, wenn eine Indianerin dir nicht damals aus dem Schlamassel mit den Apachen geholfen hätte? Und nicht nur das! Wahrscheinlich wärest du sogar tot oder hättest zumindest ein Bein verloren.“ Jetzt, wo er über das alles noch einmal nachdachte, wurde ihm klar, was Jones meinte. Landkäufe? Natürlich! Es lag im Interesse von Frank Hamilton und seinen Geschäftspartnern, Land billig zu erwerben und es dann teuer weiter an die Eisenbahn oder neue Siedler zu verscherbeln.

Bald würde es eine Bahnstation geben. Ungeahnte Möglichkeiten und Jones Harper als Vertreter dieser Region in einem neuen Bundesstaat? Plötzlich wurde ihm die Luft zu knapp, und er war froh, endlich draußen zu stehen. Die Luft dort drinnen reichte nicht mehr für sie beide.

Erik, Jones Harper und ein tief durchatmender Slim Western standen nebeneinander auf den Holzstufen der Veranda – Jones in seinem gut sitzenden teuren Anzug, die beiden Anderen in schlichter, praktischer Cowboytracht. Trotz seiner Enttäuschung versuchte Slim zu lächeln, aber es kam nicht aus seinem Herzen. Jones wusste das sehr wohl. Bedauern über die verlorengegangene Freundschaft bemächtigte sich beider. Nichts konnte mehr wie früher werden. Jeder von ihnen hatte seinen eigenen Weg gewählt. Es gab kein Zurück, für niemanden von ihnen. Ihre Überzeugungen, ja, ihre Lebenseinstellungen, traten auf einmal weit auseinander.

Während Slim und Erik ihre Pferde losbanden, drängte es Jones, wenigstens noch etwas Belangloses zu sagen, um den tiefen Abgrund, der sich zwischen ihnen auftat, zu mildern. Ein bisschen wenigstens. Da ertönte laut und die Luft zerreißend von der Scheune her wieder diese seltsame Musik. Sie hörte sich nicht einmal schlecht an – irgendwie griff es ihnen ans Herz. Ja, genau so war Jones und Slim jetzt auch zumute. Wehmütig, traurig und schwer verhallte der Klang ganz langsam.

„Was ist das, Jones? Musizieren deine Arbeiter dort?“, fragte Slim, um Belanglosigkeit bemüht.

Auf Jones‘ Gesicht erschien ein Strahlen. Er kam die zwei Stufen herunter und nickte – froh, dass der einstige Freund nicht wortlos einfach so davonreiten wollte. „Ja“, sagte er. „Die sind seit sechs Wochen bei mir. Ich war zufällig gerade am Güterbahnhof, als sie dort ankamen. Sie hatten einen Dudelsack bei sich, auf dem einer von ihnen gerade spielte. Da hab ich gleich gewusst, dass das nur Schotten sein können. Wer sonst macht denn diese grässliche Musik? Sie sind aus Kansas und suchten Arbeit. Ich hab sie gleich vom Fleck weg eingestellt. Wären es Iren gewesen, so hätte ich es mir wohl dreimal überlegt. Nur leider sprechen sie ein so schlechtes Englisch, dass ich sie kaum verstehe.“

Während er weiterredete, deutete er zu der offenstehenden Scheune hinüber. „Einer spricht unsere Sprache ganz gut. Mit dem kann ich mich verständigen. Sie erledigen die Arbeit hier, als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht.“

Erik Machel kratzte sich das stoppelige Kinn und senkte den Kopf. Nur Slim, der zufällig zu ihm hinsah, bemerkte, wie es um seine Mundwinkel verdächtig zuckte. Er und Erik bestiegen in völliger Eintracht ihre Pferde und ritten – erleichtert, diesen Besuch so glimpflich hinter sich gebracht zu haben – davon. Jones blickte ihnen nach, bis sie hinter den Stallgebäuden verschwunden waren.

Nein, er bereute kein einziges Wort. Der Weg, den er gehen würde, lag klar vor ihm.

Er hatte sich dafür entschieden, mit dem Teufel ein Bündnis einzugehen.

Erst nachdem sie außer Hörweite waren, wandte sich Erik an Slim.

„Von wegen Schotten – dass ich nicht lache!“

„Nicht? Aber Jones hat doch gesagt …“

„Ich hab´s gehört. Doch das sind garantiert keine Schotten; das sind waschechte Iren.“

„Wie kommst du denn da drauf?“

Er hatte zwar durch das offene Tor ebenfalls in die Scheune geblickt, aber außer einem großen Kerl mit diesem seltsamen Instrument neben sich und einer Gruppe Zuhörer nichts weiter gesehen.

„Na, sag schon – da bin ich jetzt aber gespannt.“

Zum Ranchhaus zurückblickend meinte Erik: „Eigentlich sollte Jones ja wissen, wen er einstellt; schließlich ist man als Arbeitgeber für sie verantwortlich – so sehe ich das jedenfalls. Und dieser aufgeblasene Kerl, der einmal dein bester Freund war, ist ein noch größerer Schwachkopf, als ich zuerst dachte.“

Slim wartete auf eine weitere Erklärung, und die kam auch prompt.

„Hast du das Instrument gesehen?“ Und, als Slim nickte: „Jones behauptet, seine Arbeiter wären Schotten, nur weil sie Dudelsackmusik spielen. Stimmt fast. Nur ist das kein schottischer Dudelsack. Die Schotten blasen ihre Musik heraus, mit dem Mund – verstehst du, was ich meine?“

Nein, Slim verstand nicht. Aber er war weiterhin gespannt.

„Nun denn – hast du gesehen, dass dieser Mann in sein Instrument hineingeblasen hat? Nein, hast du nicht, denn er hat einen Blasebalg benutzt, stimmt´s?“

Slim nickte, und Erik klärte ihn weiter auf. „Ein schottischer Dudelsack sieht anders aus. Ich weiß zwar nicht, wie man das, auf dem der Mann dort spielt, nennt, aber auf jeden Fall ist das ein typisch irisches Instrument – glaub mir. Die Iren sind stolze Männer, und man sollte sie nicht mit den Schotten vergleichen – und schon gar nicht mit ihnen verwechseln; das würden sie einem richtig übelnehmen. Ein Mann mit Jones‘ Ambitionen wird es nicht leicht mit ihnen haben. Schon gar nicht, wenn er erst seinen Irrtum erkennt. Denk an meine Worte – das gibt bald richtig Ärger.“

Also Iren, dachte Slim belustigt, die er ja auf keinen Fall einstellen wollte. „Sollte ich ihn warnen?“

„Nein, lass mal, das geht uns nichts an. Wenn er Schwierigkeiten kriegt, muss er selbst damit fertigwerden.“

Slim ließ sein Pferd im Schritt gehen. Doch er musste mit jemandem über diesen Besuch reden, so aufgewühlt wie er war. „Jones war für mich einmal ein verdammt verlässlicher Kamerad. Jemand, dem ich blind vertrauen konnte – und jetzt?“

„Willst du meine Meinung hören, Slim?“ Doch er wartete die Antwort gar nicht erst ab. „Wenn ich sagen würde, dass er in meinen Augen ein überhebliches Arschloch ist, würde ich mir das zu einfach machen. Seine Frau ist der wunde Punkt. Er ist blind vor Liebe und merkt nicht, dass sie ihn nach ihren Vorstellungen formt. Falsch – schon verformt hat. Wenn man jemanden richtig uneigennützig liebt, sollte man nicht versuchen, ihn zu ändern. Damit verändert man doch auch die Person, in die man sich einmal verliebt hat. Sie wird zu einer ganz anderen – und man selbst doch auch, oder? Gefällt sie mir dann aber noch – oder ich ihr? Er vergöttert sie, ist blind und taub für jede Kritik. Was sie sagt, wird zum Gesetz. Das kann aber gewaltig nach hinten losgehen. Allmählich wird sie sich nämlich von einem Schmetterling zu einer hässlichen Raupe verpuppen, und Jones wird sich ihr angleichen. Um sie nicht zu verlieren, wird ihm nichts anderes übrig bleiben. Und dann? Ein Mann sollte das, was sich vor seiner Nasenspitze abspielt, sehen. Ich bin kein Freund davon, anderen zu sagen, was sie zu tun oder zu lassen haben. Diese Frau jedoch wird ihn nach ihren Vorstellungen weiter formen. Vielleicht weiß er das ja sogar in seinem tiefsten Innern bereits selbst. Doch er kommt nicht gegen seine Gefühle an. Was er einmal schlecht oder verwerflich fand, wird er bald anders sehen – wenn er weiter dem Einfluss seiner Frau und seines Schwiegervaters ausgesetzt ist. War zuvor noch blau, was blau war, so wird er demnächst behaupten, dass es grün ist. Du hast mir ja einiges über diesen Frank Hamilton erzählt. Slim, du kannst Jones Harper nie wieder Dinge anvertrauen, denn du weißt nicht, ob er sie nicht gegen dich verwenden wird, wenn es seinen eigenen Zwecken oder die seiner Frau dienlich ist. In Zukunft wird er alles zuerst mit ihr besprechen – und sie das mit ihrem Vater. Am Ende wird das, was sie zu sagen hat, zu seiner eigenen Überzeugung werden. Schade um ihn – nach allem, was du mir über ihn erzählt hast. Doch dieses Schicksal teilen viele schwache Ehemänner mit ihm, so ist das eben. Das muss ja nicht zwangsläufig schlecht sein, so habe ich das gar nicht gemeint. Aber bei manchen Männern kann einem dabei schlecht werden.“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Dass Menschen, die dankbar sein können, glücklicher durch die Welt kommen, daran glaube ich. Jones ist jedoch dabei, sich ganz und gar für seine Frau aufzugeben, um glücklich zu sein.“

Dass Erik ein kluger und weiser Mann war, hatte Slim schon des Öfteren erkannt. Was er jetzt über Jones Harper sagte, erstaunte ihn, denn Erik kannte ihn bisher nicht persönlich. Und doch hatte er genau erkannt, was Sache war.

Slim und er sprachen noch eine ganze Weile über dieses Thema. Erik kam nicht auf die Idee, Slim nach diesem Mädchen zu fragen, über das sich Antonia so abschätzig geäußert hatte. Auch Slim erwähnte sie mit keinem Wort. Als die Nachricht von der Anwesenheit der Comanchen die Runde gemacht hatte, war er sofort zu ihnen hinausgeritten, hatte noch zweimal mit einem Händler das Lager besucht. Er konnte kein Comanche, konnte nicht nach ihr fragen – und wagte es auch nicht. Endlich kam er zu dem Schluss, dass sie wohl zu einem anderen Lager gehörte. Erik Machel wusste weder etwas von Slims Gefühlen für dieses Mädchen, das er jetzt selbst als seine Tochter bezeichnen würde, noch von dem Nachlass John Blacks. Auch hatte er keine Ahnung, was Jones Harper mit ihr verband. Er war nicht neugierig und sah auch keine Veranlassung, bei Slim deshalb nachzuhaken.

So ritten die beiden Männer in stillem Einvernehmen weiter – ohne ihre Gedanken miteinander zu teilen.

Gegen Abend machten sie Rast und ließen ihre Pferde grasen. Sie selbst hatten Proviant mitgenommen und ruhten sich unter einer großen Eiche aus. Dann ritten sie gemächlich weiter; sie hatten keine Eile.

Über dem vor ihnen liegenden dunklen Wald sahen sie die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die die Ränder der Wolken in Gold aufglühend nachzeichneten. Am Horizont verschwamm alles in einem bleiernen Grau, das nur noch durch einen breiten Streifen Sonne erhellt wurde – dort leuchtete es wie geschmolzenes Eisen.

Später kamen sie an eine Flussbiegung, die die Grenze zu Slim Westerns und Buffalo-Mans Ranch bildete.

Der Abend war schon weit fortgeschritten, da erreichten sie das große Zelt, in dem Buffalo-Man auf einem prall gestopften Heusack, den Kavalleriesäbel wie immer neben sich gegen die Zeltplane gelehnt, laut schnarchte. Mit dem Hausbau hatten es Slim und er noch immer nicht eilig; es gab wichtigere Dinge. Das Leben hier draußen unter freiem Himmel waren sie gewöhnt. Keiner von ihnen vermisste etwas.

7. Kapitel

Am nächsten Tag ritten sie alle gemeinsam hinaus auf eine der Weiden. In völliger Harmonie trieben sie die Rinder zusammen, brannten ihnen gegen Abend Kennzeichen ein und aßen gemeinsam mit den Cowboys am Lagerfeuer. Weder Slim noch Erik rührte jemals wieder an das Thema Jones Harper. Einige Tage später, während Buffalo-Man gerade dabei war, in die Stadt zu fahren, um zusammen mit einer der Köchinnen Waren auf dem dortigen Markt zu verkaufen und dann noch notwendige Dinge mit zurückzubringen, kamen fremde Reiter auf die Ranch.

Slim, der sie schon von Weitem bemerkt hatte, holte Erik als Verstärkung. Gemeinsam erwarteten sie sie bewaffnet vor dem Zelt. Es waren sechs Männer, die bis auf zehn Pferdelängen herankamen; näher wagten sie sich nicht. Während sie absaßen, hielten sie auch weiterhin gewissenhaft diesen Abstand ein. Einer von ihnen, anscheinend ihr Wortführer, lüftete kurz seinen Cowboyhut, dann stellte er sich und die Anderen vor. Es handelte sich um eine Abordnung der Eisenbahngesellschaft, die die Farmer und Rancher von der Absicht in Kenntnis setzten, eine Eisenbahnlinie, die bereits von Kansas nach Denver führte, bis hierher auszubauen. Doch dafür bräuchten sie die Unterstützung der hiesigen Rancher, betonten sie in einem äußerst zuvorkommenden Ton; einige würden Land verkaufen müssen. Demnächst sollte eine Versammlung einberufen werden, um das alles zu klären. Sie sollten das nur schon mal wissen.

Slim Western war trotz ihres freundlichen Auftretens misstrauisch. Er kannte die raue Art, mit der sich die Eisenbahn Land angeeignet hatte, durchaus und wusste genügend Beispiele, wo der einfache Mann auf der Strecke geblieben war. Das sollte ihm hier nicht passieren. Während die Männer wieder abrückten, befiel ihn ein ungutes Gefühl. Sollte ihm das Land, das er sich so mühsam Stück für Stück erarbeitet hatte, wieder abgenommen werden?

„Sie können niemanden ohne sein Einverständnis zwingen. Wenn, dann müssen sie gut für das Land bezahlen, Slim“, wollte Erik ihn beruhigen.

„Was nützt mir das Geld, wenn dadurch mein Land zerrissen wird? Wenn sie einen Schienenstrang quer über meine Felder ziehen – wie, bitte schön, komme ich dann mit meinen Heuwagen auf die andere Seite hinüber? Ich kann nicht fliegen!“ Erbost ballte er die Fäuste.

„Ruhig, Slim, ganz ruhig. So einfach geht das nicht. Du hast Rechte. Warte doch erst einmal ab.“

Unwillkürlich musste Slim daran denken, was er von Jones über dessen Landkäufe wusste.

Irgendwie passte das jetzt alles zusammen und ergab Sinn. Hier so weit draußen im Westen herrschte noch immer das Gesetz des Stärkeren. Niemand würde sich für die Belange der Rancher oder Farmer einsetzen. Entweder behalf man sich selbst, oder man war der Dumme.

„Reite nach Denver“, riet ihm Erik. „Versuche, dort auf dem Grundbuchamt was herauszubekommen. Die wissen in der Regel eher Bescheid als jeder andere.“

Der gutgemeinte Rat fiel auf fruchtbaren Boden. Sobald Buffalo-Man wieder da war, besprach er alles Weitere, was die Ranch betraf, mit ihm. Er selbst packte danach eine Satteltasche und holte sich ein Ersatzpferd aus der Koppel; dann ritt er in Richtung Denver davon.

Buffalo-Man machte sich einen Tag später erneut, diesmal zusammen mit Erik Machel, nach Tuckerville auf. Als sie zurückkamen, befand sich in ihrem Gepäck ausreichend Munition, um sich gegen eine ganze Truppe Banditen zur Wehr setzen zu können. Sollte jemand vorhaben, sie von hier zu vertreiben, dann waren sie bestens gerüstet. Noch bevor der nächste Morgen richtig heraufgedämmert war, begann Buffalo-Man, mit einem nagelneuen Colt zu üben. Erik Machel schaute ihm, mit einem Becher heißem Kaffee in der Hand, eine Weile dabei zu. „Du machst das völlig falsch“, mischte er sich endlich ein, als Buffalo-Man die Blechdosen auf den in die Erde gerammten Pfosten nicht einmal annähernd traf.

„Dann zeig es mir, du Schlauberger!“ Buffalo-Man rückte seine Augenblinde zurecht und kniff das gesunde Auge zusammen.

Mit einem breiten Grinsen stellte Erik seinen Becher auf den Boden und ließ sich den Colt geben. Ohne lange zu zielen, schoss er aus der Hüfte heraus und traf, dass die Blechbüchsen nur so schepperten.

„Oho, das ist Musik in meinen Ohren“, lachte Buffalo-Man.

„Du darfst nicht wie mit einem Gewehr zielen, so einfach ist das“, erklärte ihm Erik und reichte den Colt zurück. „Nicht erst groß anvisieren. Such mit den Augen dein Ziel, und dann drück einfach ab.“

„Mit einem Auge, meinst du, denn mehr habe ich nicht.“ Er versuchte es erneut. Diesmal traf er wenigstens schon einmal den Pfosten. Nach einer Stunde und weiteren Ratschlägen hatte er es endlich raus. Zufrieden standen die beiden Männer nebeneinander und besahen sich die durchlöcherten Blechbüchsen.

„Werden sie herkommen, um uns von unserem Land zu vertreiben?“ Als Erik nur mit den Schultern zuckte, steckte Buffalo-Man mit einem kurzen, entschlossenen Nicken den Colt in das Holster an seinem Gürtel. Er rückte ihn zurecht und balancierte die ungewohnt leichte Waffe aus. Versuchsweise wippte er dabei mit den Beinen auf und ab. Der komische Anblick dieses großen, breit gebauten Mannes, wie er sich konzentrierte, erweckte Eriks Belustigung. „Ist schon eine seltsame Sache – das mit der Freiheit, was?“

Der weiße Mann nickte dem schwarzen Mann zu, wie der versuchte, mit der Hand nach dem Griff seines Colts zu greifen. Er zog, steckte ihn zurück, zog wieder. „Wie meinst du das?“, fragte Buffalo-Man nach einem erneuten Versuch.

Doch Erik dachte nicht an die Freiheit, kein Sklave mehr zu sein. Er meinte etwas anderes. „Jeder macht, was er will“, sagte er. „Keinem fällt es ein, für Recht und Ordnung zu sorgen; eigene Interessen haben Vorrang. Wird Zeit, dass sich Colorado den Staaten anschließt. Was wir hier brauchen, ist eine starke Lobby für die Rancher und die Farmer. Die Eisenbahngesellschaft drückt ihre Forderungen mit Gewalt durch. Das kann nicht gutgehen. Und nun zu deiner vorigen Frage: Ja, sie werden herkommen, wenn es euer Land ist, das sie für ihre Pläne brauchen. Und ja, sie werden euch vertreiben, wenn ihr es nicht freiwillig hergebt. Einfach, weil sie es können. Dafür brauchen sie nur Geld und eine Handvoll Banditen. Sie werden Revolverhelden anheuern und euch so lange zusetzen, bis ihr geht. So einfach ist das.“

„Du meinst, wenn das Territorium zu einem ordentlichen Bundesstaat wird, dann kehrt hier Recht und Ordnung ein?“ Zweifelnd musterte er Erik Machel.

„Ein Stern mehr auf der Flagge von Amerika wäre nicht schlecht. Ich denke, ja – bis jetzt macht hier doch jeder, was ihm gerade so einfällt. Und die Macht, die der Sheriff in Tuckerville hat, die reicht nicht bis hierher. Was wir brauchen, ist eine Gesetzgebung, die für jeden gilt. Die alle gleichstellt – ohne Ausnahme. Die man auch einklagen kann, wenn es sein muss. Ob das schnell gehen wird, weiß ich nicht. Denk mal nach, Buffalo-Man: Die Eisenbahngesellschaft wird ihre Interessen ohne Rücksicht auf den ‚kleinen Mann‘ durchsetzen. Von wegen Fortschritt! Das ist nur eine hohle Phrase, die man immer vorbringt, wenn ihnen die Ausreden ausgehen. Es gäbe andere Lösungen, aber die wären teurer und würden ihre Rendite schmälern. Zum Beispiel eine andere Route. Man könnte durch die Berge gehen oder eine Brücke über den Fluss bauen – so was eben.“

Nachdenklich ließ Buffalo-Man die Hand auf dem Colt liegen. „Pete Hartfield hat da ja im Saloon so einiges von sich gegeben. Er will, dass die Comanchen von hier verschwinden. So, wie der in der Stadt die Leute gegen sie aufhetzt, würde es mich nicht wundern, wenn er gemeinsame Sache mit der Eisenbahngesellschaft macht.“

„Nein, so weit würde ich nicht gehen. Er hat selbst ein Interesse daran, an das Land der Indianer zu kommen; weiter treibt den nichts an. Doch er sollte vorsichtig sein – am Ende ist er der Verlierer. Die Gewinner werden Landaufkäufer sein, die längst gezielt tätig geworden sind. Denn die Eisenbahn sucht sich ihren Weg nicht willkürlich, sondern nach Kriterien der Wirtschaftlichkeit. Da wird es bereits Pläne geben. Ich wette, die zukünftige Strecke steht bereits fest und ist sogar schon vermessen; Tuckerville wird einen Nebenanschluss bekommen. Was meinst du, wie viel dieses Land hier dann wert ist? Pete Hartfield, dieser alte Gauner, wird dabei das Nachsehen haben, glaube mir.“

Buffalo-Man dachte kurz nach. „Er wird fuchsteufelswild werden!“ Diese Vorstellung ließ ihn hell auflachen. Dann erfasste er plötzlich die Bedeutung von Eriks Ausführungen, und sein Gesicht wurde ernst. „Wenn er Pech hat, dann wird er Land verkaufen müssen, statt neues dazuzubekommen; eigentlich geschähe ihm das ja ganz recht. Trotzdem, es kann genauso gut auch uns treffen.“

„Wenn Slim zurückkommt, dann wisst ihr vielleicht schon mehr.“ Wie immer dachte Erik praktisch. Sich schon jetzt verrückt zu machen, brachte nichts.

Buffalo-Man begann von neuem, auf die durchlöcherten Büchsen zu feuern. „Jedenfalls sind wir gerüstet“, meinte er zufrieden, das Resultat seiner Ballerei betrachtend.

Erik, der dicht neben ihm stand, musterte ihn nachdenklich. Von der Größe her waren sich beide fast ebenbürtig. Buffalo-Man war jedoch wesentlich breiter gebaut. Einen wie ihn sollte man nicht zum Feind haben. Seit ihrem ersten Zusammentreffen waren sich beide nähergekommen. Erik schätzte inzwischen die offene, ehrliche Art des ehemaligen Sklaven. Vom Charakter her war er ganz anders als Jones Harper. So stur, wie er seine Grundsätze vertrat, würde ihn niemand so leicht beeinflussen können. Slim hatte mit ihm keinen schlechten Fang gemacht.

Die Sonne stand im Zenit über ihnen, da beendeten sie endlich ihre Übungen, um zurück zu ihrem Zelt zu schlendern. Einmal mehr bedauerte es Buffalo-Man, dass dieser Mann sie schon bald wieder verlassen würde. Er hätte ihn gerne länger hierbehalten, denn er war ihnen in vielen Dingen eine große Hilfe. Und dann war da noch diese Ungewissheit – es machte ihm Angst, nicht zu wissen, was da auf sie zukam.

Fast zwei Wochen vergingen, bis Slim Western endlich wieder bei ihnen auftauchte. In seinem Gepäck befanden sich Zeitschriften, und natürlich brachte er auch Neuigkeiten mit. Die Zeitungen enthielten Nachrichten, die er lieber unter Verschluss gehalten hätte. Wahrscheinlich war aber, dass sie auch in Tuckerville kursierten. Es hörte nicht auf. Wieder einmal war die Rede von grässlichen Massakern gegen die Bewohner im Westen von Texas. Die gesamte unsichtbare Grenze zum Indianerland war inzwischen Kriegsgebiet. Überfälle auf Postkutschen wurden bis ins kleinste Detail geschildert, Poststationen meldeten bestialisch zugerichtete Opfer; insgesamt war die Rede von über 100 toten Männern, Frauen und Kindern. Obwohl Slim nicht mal ein Viertel von dem glaubte, was dort stand – vor allem nicht an die Anzahl der Toten – lagen die Tatsachen klar auf der Hand. Quanah und seine Krieger führten einen erbitterten Krieg gegen die Weißen. Wer auch nur einen Rest Verstand besaß, dem musste eigentlich klar sein, dass es den Comanchen im Besonderen um die Büffeljäger ging, die gerade dabei waren, ihre Lebensgrundlage zu vernichten. Diese Tatsache aber wurde in keiner der Zeitschriften auch nur erwähnt. Ihnen ging es nur darum, die aufgeheizte Stimmung gegen die Indianer weiter zu schüren und durch angebliche Tatsachenberichte ihre Auflagen zu steigern.

Direkt nach seiner Ankunft, kaum dass er abgestiegen war und seine beiden Pferde einem herbeieilenden Arbeiter übergeben konnte, sprudelte es auch schon aus Slim heraus. „Ich war auf dem Grundbuchamt“, rief er Erik und Buffalo-Man zu, dirigierte sie, ohne weiter etwas zu sagen, zu dem kleinen Tischchen vor dem Zelt. Dahinter setzten sie sich auf einen Baumstamm. Erik zog den Klappstuhl, der immer ihm vorbehalten war, heran und wartete gespannt auf das, was nun kommen würde. Ein Stück Papier aus einer seiner Taschen ziehend, breitete es Slim auf dem Tischchen aus, glättete es sorgfältig, holte dann einen Bleistift aus der anderen Tasche. „Ich habe etwas Interessantes entdeckt“, sagte er, während er mit geschickter Hand zu zeichnen begann. „Frank Hamilton besitzt einige bereits vor Monaten beurkundete Grundstücke, die bis nach Utah hineinreichen. Breit gefächert – mal hier ein Stück, mal dort eines. Jones Harper hat sich ebenfalls mit Land eingedeckt. Hier, seht ihr? Und hier“, deutete er auf seine Zeichnung. „Es sieht so aus, als würden sie genau wissen, was sie tun. Auch andere Geldsäcke haben Land gekauft. Land, das die Eisenbahn mit hundert Prozent Sicherheit in naher Zukunft brauchen wird. Damit besitzen sie hervorragende Möglichkeiten, dieses Land teuer weiterzuverkaufen; sie müssen nur ein wenig warten. Noch mehr Gewinn wirft es ab, wenn die Eisenbahnlinie erst mal gebaut und dieses Land erschlossen ist. Ich schätze, damit lassen sich Millionen verdienen. Das kann nur jemand machen, der genau Bescheid weiß – Frank Hamilton zum Beispiel. Auf meiner Suche nach Antworten bin ich einem Mann begegnet, der mir erzählt hat, dass schon nächsten Monat Landvermesser von der Eisenbahngesellschaft hierher geschickt werden, die die Strecke vom alten Güterbahnhof, wo die Gleise enden, nach Westen hin ausmessen sollen.“

Buffalo-Man rieb sich durch die krausen Haare. Erik Machel sagte aufgebracht: „Dagegen können wir nichts machen, das hier ist ein freies Land.“

„Was ist mit unserer Ranch, Slim?“, fragte Buffalo-Man, Eriks Einwurf nicht beachtend.

„Oh, da kann ich dich beruhigen. Wir haben wahrscheinlich mehr Glück als Verstand. Hier ist nichts dergleichen geplant. Jedenfalls besagen das die Einträge im Grundbuchamt, soweit ich sie einsehen konnte. Einen der Männer, die dort herumsaßen und einen auf ‚wichtig‘ machten, habe ich in ein Gespräch verwickelt. Nach einigen Schlucken aus meiner Feldflasche waren wir beide die besten Freunde. Ich lud ihn anschließend ein, mit mir zu Abend zu essen. Da verriet er mir, dass ein Schreiben existierte, den die Bürgerversammlung von Tuckerville erst kürzlich geschickt habe. Darin wiesen sie ausdrücklich noch einmal auf den Vermerk „unveräußerlich“ hin, der bisher für einen bestimmten Landstrich in der Nähe von Tuckerville galt. Auf meine Frage, ob die Eisenbahngesellschaft das berücksichtigen müsste, zuckte er nur mit den Schultern. Aber er deutete an, welch gewaltige Lobby hinter denen stünde und es nur noch eine Frage der Zeit wäre, bis dieser Vermerk irgendwo in der Versenkung verschwindet. Dabei machte er mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung, aus der deutlich zu erkennen war, was er damit meinte. Und dann, meine Lieben, wird es auch für uns hier und alle Rancher, deren Gebiete an das Comanchenland grenzen, ernst. Die Comanchen haben sich nicht an unserem Vieh gestört. Aber wenn die Eisenbahnlinie erst einmal gebaut ist – dann ist es aus mit dem Treiben bis in die Berge – auf Land, das niemandem gehört, das wir aber trotzdem nutzen. Die Tiere können schließlich nicht laufend die Schienen überqueren. Außerdem werden sie an der Strecke einen weiteren Verladebahnhof bauen und wer weiß was noch alles. Was ich allerdings auch noch gesehen habe, als ich am nächsten Tag Einsicht in weitere Unterlagen bekam, wird unserem ‚Freund‘ Pete Hartfield gar nicht schmecken. Durch ein beträchtliches Stück seines östlichen Grundbesitzes soll ein Schienenstrang bis nach Tuckerville führen. Schon wieder muss er Land hergeben – wenigstens kann er diesmal nicht die Indianer dafür verantwortlich machen.“

Erik Machel nickte. Für ihn war das eine Art ausgleichende Gerechtigkeit. Slim schaute nach dort, wo es zur Farm der Hartfields ging, während er scherzhaft meinte: „Vielleicht kann er jetzt sogar Profit daraus schlagen, wenn in seiner Nähe die Zeltstadt der Eisenbahn entsteht.“

Erik runzelte die Stirn und machte eine wegwerfende Handbewegung, schob seinen Hut so weit zurück, dass man den hellen Streifen sehen konnte, wo die Sonne sein Gesicht nicht verbrannt hatte. Er kannte das, wusste, wie es beim Bau der Eisenbahnlinie zuging. „Wenn das erst losgeht, das mit der Eisenbahn“, meinte er deshalb, und seine Stimme bekam einen warnenden Klang, „dann wird es hier nur so von Menschen wimmeln, die alle versorgt werden wollen. Die nehmen sich, was sie brauchen, ohne viel zu fragen. Hartfield wird mehr damit zu tun haben, sie von seinem Land fernzuhalten, als seine Felder zu bestellen. Von den Huren einmal ganz abgesehen, die dem Bau der Eisenbahn folgen wie die Fliegen einem Kadaver. Mit dem Schienenstrang wird eine Zeltstadt mitziehen. Dort findet das schlimmste Gesindel Unterschlupf – nicht nur Arbeiter, die ihr Geld redlich verdienen wollen. Falschspieler sind da noch die harmlosesten Bewohner. So läuft das eben. Wisst ihr, wie es dort aussieht?“

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er in die Runde. Dann spuckte er es ihnen förmlich vor die Füße: „Wenn es trocken ist, ist alles voller Staub und Dreck, wenn es regnet, voller Schlamm und Dreck. Dreckig ist es nämlich dort immer. Dreckig, voller Gewalt und ohne jede Regeln. Dazu kommt, dass die Eisenbahngesellschaft ihre Leute nicht selbst versorgt. Sie müssen zusehen, wo sie für ihr hart erarbeitetes Geld was kriegen. Einige werden jagen gehen und ihre Beute in der Zeltstadt verkaufen. Ihr glaubt doch nicht, dass sie dabei auf irgendjemandes Land in der Umgebung Rücksicht nehmen? Die Tuckerviller werden sich bedanken für diese Ehre.“

Betroffen sahen sich Slim und Buffalo-Man an. Da kam ja gewaltig was auf sie zu, stand in ihren Gesichtern geschrieben. Buffalo-Man fuhr sich mit einer Hand über die Augenbinde, griff darunter und kratzte sich, während er vor sich hin murmelte: „Wenn diese Bagage bei uns einfallen sollte, werden wir vorbereitet sein. Ich hab genug Munition besorgt. Wenn sie auch nur eine einzige Kuh von unseren Weiden stehlen, kriegen sie Blei zwischen die Rippen. Komisch …“, sagte er jetzt, „die verdammten Comanchen haben uns kein einziges Stück Vieh geraubt, und jetzt sollen wir es an diese Halunken der Eisenbahngesellschaft verlieren? Das ist doch nicht zu fassen!“ Wie, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hieb er mit der Faust gegen den Baumstamm, auf dem er saß.

Erik musterte ihn unverhohlen. „Mal ganz ruhig, mein schwarzer Held“, sagte er, ihn am Arm berührend. „Deinen Colt solltest du immer bei dir behalten, aber verdeckt. Sieh dich vor – mit diesen Männern ist nicht zu spaßen. Die scheuen nicht davor zurück, einem Mann wie dir das Lebenslicht auszublasen, nur weil du schwarz bist. Da fragen sie nicht lange, denen genügt diese Tatsache.“

Und mit einem Blick auf Slim fuhr er fort: „Etwas anderes bereitet mir mehr Kopfzerbrechen. Das Gesindel von der Eisenbahn könnt ihr euch vom Hals halten, dafür braucht es nur ein paar zusätzliche Männer. Haltet euch zurück, was Streitigkeiten betrifft, etwas anderes kann ich euch nicht raten. Sollte es allerdings Schwierigkeiten mit den Indianern geben, dann sehe ich schwarz.

Mit Schwierigkeiten meine ich ihre Vertreibung. Ich befürchte, darauf läuft das jedoch hinaus. Noch haben die Tuckerviller hier was zu sagen. Die Comanchen könnten – ich sage könnten – friedlich nach Absprache von hier verschwinden, wohin auch immer. Es kommt also auf die Besonnenheit der Bürger von Tuckerville an. Ansonsten wird es nicht lange dauern, und die Armee löst die Indianerfrage auf ihre ganz eigene Weise – und dafür braucht sie nicht mal einen Vorwand.“

„Aber die Indianer haben doch mit der Eisenbahn nichts zu tun, wenn sie nur eine Strecke durch ihr Land bauen“, wandte Slim ein.

Erik schaute ihn an, als wäre er geistig zurückgeblieben. „Wie stellst du dir das denn vor? In kürzester Zeit wird es hier Mord und Totschlag geben. Neue Siedler werden einfallen, ohne Rücksicht auf die Comanchen. Sie werden einen Krieg anzetteln, von dem die Tuckerviller auch nicht verschont bleiben werden. Ich sage euch, sobald die Landvermesser hier sind, gibt es keinen Frieden mehr.“

Er biss sich auf die Unterlippe. Mist, dachte er. „Ich hab kein gutes Gefühl, was die Comanchen betrifft“, meinte er nachdenklich. „Wartet es ab – spätestens dann, wenn die Armee auch nur den kleinsten Wink davon bekommt, dass es hier ein Indianerproblem geben könnte, werden Soldaten auftauchen – sogar ohne jeden Grund.“

Nach einer Minute des Schweigens fragte er Slim: „Hast du Zeitungen mitgebracht?“

Als der zu seiner Satteltasche hin nickte, fuhr er fort: „Bis jetzt war hier alles ruhig. Doch bald wird die sogenannte Zivilisation dafür sorgen, dass Blut fließt. Die Bürger von Tuckerville werden abzuwägen beginnen, worin ihre Vorteile liegen, und das Wesentliche übersehen. Zuallererst werden sie nur an ihren Vorteil denken, an das Geld, das sie mit der Eisenbahn machen können. Einer nach dem anderen, der sich zuvor noch in gutem Einvernehmen mit den Comanchen befunden hat, wird sich von ihnen abwenden. Kann sein, dass ein kleiner Teil aufrechter Bürger übrigbleibt. Doch die werden nicht gegen die Mehrheit ankommen. Und die umliegenden Rancher und Farmer? Die, die die Vorteile einer Eisenbahnlinie zu schätzen wissen und sogar froh sind, dass ihr Land nicht betroffen ist, werden plötzlich zu Indianerhassern. Sie werden sie für den Tod eines jeden Rindes verantwortlich machen – egal, ob es nun über eine Wurzel gestolpert ist, sich dabei ein Bein gebrochen hat, ob es sich ein Wolf geholt hat oder ein hungriger Eisenbahnarbeiter. Für jeden noch so kleinen Vorfall werden sie die Comanchen verantwortlich machen, wenn sie denn noch hier sind. Die Tuckerviller oder die Eisenbahngesellschaft –irgendwer wird die Armee um Hilfe ersuchen. Was meint ihr denn, wie schnell das sogenannte Indianerproblem gelöst werden wird? Noch dazu will Washington sämtliche Indianer tot oder in Reservaten sehen. Halte dich da raus, Slim, das kann ich dir nur raten. Misch dich nicht ein, sonst wirst du zwischen den Fronten zerrieben, denn du allein kannst nichts ausrichten – überhaupt nichts.“ Auf einmal schwitzte er, obwohl es ziemlich kühl geworden war.

Die Männer blickten ihn an, erschrocken, weil er das alles mit solcher Hingabe von sich gegeben hatte, als wüsste er genau Bescheid. Ihre Gedanken bestätigend, sagte er leise: „Ich hab es einmal getan.“ Er zögerte – nein, es musste heraus, sonst würde er daran ersticken. „Mich zwischen die Fronten gestellt, damals, ‘64 am Sand Creek. Jeremiah, der zu meinem Sohn wurde und jetzt tot ist, war damals zwölf Jahre alt, und ich habe ihn aus diesem Gemetzel herausgeholt.“

Ein Sohn? Ein toter Sohn? Slim und Buffalo-Man schauten einander betroffen an; das war ihnen völlig neu.

Den Begriff Sand Creek und was damit zusammenhing, kannte nur Buffalo-Man. Erik, der ihre Blicke richtig deutete, redete einfach weiter. „Damals habe ich ihn aus dem Grauen eines Überfalls fanatischer Indianerhasser auf Cheyenne und Arapaho am Sand Creek herausgeholt. Sicher wisst ihr nichts darüber – es stand ja auch nur in einigen Zeitungen des Ostens. Als ich zurück bei meiner Truppe war, sprach sich das, was ich damals getan hatte, irgendwie herum. Es dauerte nicht lange, da verlor ich ohne besonderen Grund meinen Offiziersrang. Ich wurde gemieden, verachtet, öffentlich gedemütigt. Man hat mir Rechte vorenthalten, die ich bis dahin als selbstverständlich erachtete. Das Schlimmste aber war für mich meine Versetzung. Man begründete das damit, dass sich Männer, mit denen ich bisher Seite an Seite gekämpft hatte, weigern würden, das auch weiterhin zu tun. Ich war so wütend darüber, dass ich mich an die vorderste Front meldete. Auch nach dem Krieg hing mir das Ganze noch lange an. Niemand wollte etwas von damals wissen, niemand wollte mir zuhören. Was ich auch vorbrachte, was ich versuchte, den Leuten klarzumachen – es war alles umsonst. Fanatiker – Indianerhasser – kein Argument erreichte auch nur ihren Verstand. Es war, als redete ich gegen eine Wand. Doch alles ist doch genau so gewesen – genau so, aber niemand interessierte sich für die Wahrheit, niemand wollte hören, was weiße Männer den Indianern dort angetan hatten. Im umgekehrten Fall hätte die ganze Nation aufgeschrien.

Es gab nach diesem Massaker eine Gerichtsverhandlung, die alles aufdecken sollte. Einer der Hauptzeugen ist im Anschluss daran gemeuchelt worden; ja, geschieht ihm recht, diesem elenden Lügner, war der Kommentar einer ganzen Stadt – das muss man sich mal vorstellen! Und so sahen sie auch mich. Je mehr grauenvolle Einzelheiten ich erzählte, desto schlimmer wurde es für mich. Also ließ ich es wider besseres Wissen bleiben, schwieg und hoffte, dass sich irgendwann die Wogen wieder glätteten, dass mich irgendwann niemand mehr mit den damaligen Ereignissen in Verbindung bringen würde. Es dauerte, das kann ich euch sagen; es dauerte.“ Erschöpft hielt er inne. Es war nicht seine Absicht gewesen, die beiden Männer zu schockieren. Doch dieser Teil seines Lebens, von dem sie keine Ahnung hatten, machte sie zutiefst betroffen.

Sand Creek? Slim hatte tatsächlich keine Ahnung, Erik konnte es ihm ansehen. Er war irgendwie irritiert. Buffalo-Man dagegen wusste, wovon er sprach. Bedächtig nickend, stand das Bild von Ben Griffort wieder vor ihm, wie er in seinem Blockhaus damals Tabak aus dem Beutel hervorholte, der einmal der Hoden eines Cheyenne- oder Arapahokriegers gewesen war. Unwillkürlich musste er schlucken. „So einer wie Pete Hartfield – so einer wäre mit diesen Schlächtern geritten“, stieß er hervor und schüttelte sich. „Ich hab diese Geschichte mal von jemandem gehört, der sie wiederum von jemandem gehört hat, der bei den Soldaten war, die nicht geschossen haben“, brachte er erklärend hervor.

Erik schaute ihn an. „Dann weißt du ja ungefähr, was ich am eigenen Leib erfahren habe.“

Immer noch irritiert fragte Slim leise: „Dein Sohn? Ein Indianer?“

Erik sog die Luft scharf durch die Nase ein. Heftig nickend sagte er: „Er war ein stolzer Cheyenne – und er war mein Sohn.“ Sich zurücklehnend senkte er den Kopf; sie sollten die Tränen in seinen Augen nicht sehen.

Danach schwiegen alle. Obwohl sie gern mehr über diesen Sohn erfahren hätten, getrauten sie sich nicht zu fragen. Endlich ergriff Slim wieder das Wort. „Hast du jemals bereut, was du getan hast?“

Ein Lächeln grub die unzähligen Fältchen um Eriks hellgraue Augen tiefer in die dunkel gebräunte Haut. „Nein“, sagte er bedächtig, „nein, bereut habe ich nur, dass ich damals so duckmäuserisch gewesen bin und mich wie ein Feigling verhalten habe, als sich alle von mir abwandten. Verdammt, Slim, es waren harte Zeiten, und ich hatte das Zeug, es in der Armee bis weit nach oben zu bringen.

Nachdem meine Vorgesetzten wussten, was Sache war, legten sie mir Steine in den Weg, wo sie nur konnten. Ich war einfach nicht mehr tragbar, schon gar nicht als Offizier. Doch diesen verdammten Schlächter Chivington haben alle in den Himmel gehoben und den Schwachsinn, den er von sich gegeben hat, auch noch geglaubt – am Anfang jedenfalls. Dann wurde es um ihn ja ein wenig ruhiger, und er verschwand in der Versenkung; übrig blieb nur noch ein Hauch seiner Verschwörungstheorie.

Das ist das, was ich bis heute nicht begreife. Dass ein solcher Mensch ungeschoren davonkommen konnte. Die Wahrheit? He, was ist schon die Wahrheit, wenn sie den Interessen einer Mehrheit nicht dient? Sie wird unter den Teppich gekehrt oder der Mantel des Schweigens darüber gebreitet. Wer es wagt, diesen zu lüften, der ist für den Rest seines Lebens ein Gebrandmarkter.“ Während er weitersprach, klang seine Stimme verbittert. „Ich, Erik Machel, war so einer. So einer wie ich wurde mit Verachtung gestraft, sobald ich irgendwo auftauchte. Meine Geschichte – noch hübsch ausgeschmückt – sprach sich immer schnell herum; das könnt ihr mir glauben. Egal, wohin ich während des Krieges auch kam, alle wussten bereits Bescheid. In den Augen der meisten war ich ein verdammter Indianerfreund – einer, der auf der falschen Seite stand. Misstrauen war noch das Mindeste, was mir entgegenschlug, denn oft war es blanker Hass. Fragt nicht, wie lange ich mich in Denver nicht mehr blicken lassen durfte. Ich glaube sogar, es gibt dort heute noch Leute, die wissen, wer ich bin.“ Sichtlich um Fassung bemüht, schloss er die Augen.

Slim fasste nach seiner Hand. „Du hast es trotzdem weit gebracht, Erik – begrab diese bösen Erinnerungen.“

Buffalo-Man schien da anderer Meinung zu sein. „Das mit den Erinnerungen ist so eine Sache, das geht nicht so einfach. Man kann nie vergessen, was gewisse Ereignisse mit einem gemacht haben. Das zieht sich dann durch dein ganzes Leben. Unsere Gegenwart baut sich doch erst darauf auf, und die Zukunft wird dadurch ebenfalls bestimmt. Wir müssen uns erinnern – nicht nur an gute, auch an schlechte Dinge, so schwer es uns auch fällt. Es heißt zwar, dass das Erinnerungsvermögen im Laufe der Zeit schlimme Sachen verdrängt; nur an das Schöne würden wir uns erinnern, doch das stimmt nicht ganz. Man wird sich immer erinnern, wenn man es zulässt, und das ist auch gut so. Die bösen Dinge im Leben sollte man nicht vergessen; sie helfen uns dabei, unsere eigenen Fehler einzusehen, um es besser zu machen.“

Slim und Erik hatten ihm mit wachsendem Interesse zugehört. So viel Weisheit aus dem Mund des ehemaligen Sklaven war eine ganz neue Erfahrung für sie. Sogar Slim, der ihn schon länger kannte, war verblüfft. Buffalo-Man, der ihre Reaktion durchaus richtig auslegte, tat erstaunt. „Ah“, sagte er, „ihr denkt wohl, weil ich schwarz bin und auf den Baumwollfeldern geschuftet habe, müsste ich keinen Verstand haben und dumm sein?“

Slim verzog den Mund, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Doch er war dem Freund eine Erklärung schuldig. „Na ja“, meinte er daher gedehnt, „bisher kannte ich ja diese Seite deines Verstandes gar nicht. Ich weiß ja, dass du lesen, schreiben und sogar besser als ich rechnen kannst. Du hast kein Stroh in deinem schwarzen Wuschelkopf, Ben, dein Verstand ist so scharf wie mein bestes Messer. Ich bin froh, dich zum Freund zu haben und nicht zum Feind. Was die Erinnerungen betrifft, so sollte das jeder für sich allein entscheiden. Auch ich habe gute und schlechte, obwohl ich dazu neige, die schlechten aus meinem Gedächtnis zu streichen.“

„Vielleicht ist es ja gerade der Schmerz, den wir empfinden, wenn wir uns an unsere Toten erinnern“, kam es jetzt von Erik, „der uns weiterleben lässt. Wir fühlen doch etwas, wenn wir an sie denken. Also leben wir, so schwer es auch ist.“

Darauf sagte keiner etwas. Slim dachte über diese Worte nach. Aber das war ihm zu hoch.

Buffalo-Man schien es zu begreifen, denn er nickte. „Ich weiß, was du meinst; ich weiß genau, was du meinst.“ Doch er erklärte es ihnen nicht.

Nach Südosten blickend, redete Erik jetzt weiter, eigentlich mehr zu sich selbst. „Jeremiah hat mein Leben verändert. Ich musste Verantwortung übernehmen, wo ich nur in den Tag hineingelebt hatte. Das ist mir erst klargeworden, als ich mit ihm zusammen die Ranch in Wyoming aufbaute. Ohne ihn wäre ich nicht der, der ich heute bin, ohne ihn wäre ich wahrscheinlich immer noch ein Herumtreiber und Gelegenheits-Cowboy. Wenn ich jetzt dorthin zurückkehre, wird mich alles an ihn erinnern; ich weiß nicht, wie ich das ertragen soll.“ Dann lachte er hell auf, doch es war kein echtes Lachen.

„Warum bleibst du dann nicht einfach bei uns?“, ergriff Slim die Gelegenheit, um ihn zum Hierbleiben zu überreden.

„Nein“, kam es bestimmt von Erik. „Nein, du hast Buffalo-Man nicht richtig zugehört, Slim. Man kann seinen Erinnerungen nicht entkommen. Ich bin bereit, mich ihnen zu stellen, mit ihnen weiterzuleben, den guten wie den schlechten – sie gehören zu meinem Leben. Außerdem möchte ich die Ranch oben im Windriver-Gebiet nicht aufgeben. Ein Teil davon gehört ja auch Jeremiah. Und dann ist da noch Claire, meine Verlobte. Sie wird mir über die schlimmste Zeit hinweghelfen. So, nun aber Schluss mit den Sentimentalitäten“, deutete er auf Buffalo-Man. „Dieser dort hat fast jeden Tag geübt, mit seinem Colt umzugehen. Noch bin ich hier. Sollte es in nächster Zeit Schwierigkeiten mit der Eisenbahngesellschaft geben – ich bin bereit.“

Buffalo-Man schlug wie zur Bestätigung seiner Worte mit der Hand gegen das Holster, in dem die eben erwähnte Waffe steckte. „Slim, auch wenn die Eisenbahn einen Bogen um unser Land macht, ist das immer noch zu nah“, gab er seine Meinung kund. „Solange wir nicht wissen, was uns erwartet, will ich kein Gesindel auf unseren Weiden sehen. Daher schlage ich vor, wir bleiben aufmerksam. Es kann nicht schaden, wenn wir öfter über unser Land reiten als bisher.“

Slim betrachtete ihn mit ernster Miene. „Willst du auf weiße Männer schießen, wenn es um unser Land geht?“

„Du unterschätzt mich, Slim“, rief Buffalo-Man laut und klopfte mit den Fingern gegen den Griff seines Colts. „Als ich den ersten Konföderierten erschossen hatte, dachte ich, ich käme dafür in die Hölle, dabei war ich dort damals schon längst.“

„Lass gut sein, Ben. Wir beide werden unsere Zukunft und dieses Land hier gemeinsam verteidigen.“

„Macht euch doch nicht schon jetzt verrückt“, warf Erik dazwischen. „So weit wird es nicht kommen; wartet erst einmal ab. Ihr seid hier auch nicht allein. Das wird andere Rancher genauso betreffen.“

„Du hast gut reden, denn du bist ja dann nicht mehr hier.“ Slim seufzte. Er hatte sich entschlossen, hier zu leben, und niemand sollte ihm das jemals wieder wegnehmen können. In dieser Beziehung dachte er genau wie Pete Hartfield.

„Ja, das ist wohl wahr.“ Erik verstand, was er meinte. „Knapp zwei Monate kann ich noch bleiben, aber dann muss ich weg.“

Der Gedanke an Summer-Rain drängte sich ihm auf. Was wird aus ihr und ihren Leuten werden, wenn …? – Nein, er wollte nicht daran denken, wollte sich nicht wieder daran erinnern, nicht jetzt, wo der Tod seines Sohnes noch so gegenwärtig war. Wenn Slim nicht gewesen wäre und seine Sorgen um dieses Land hier, er wäre auf der Stelle fortgeritten.

‚Habe ich es deshalb so eilig?‘, fragte er sich unwillkürlich, damit ich nicht tatenlos dabeistehen muss, um zuzusehen, was – ihm stockte der Atem. Auf einmal erschienen ihm diese beiden Monate viel zu lang, doch er hatte es nun einmal so mit Claire abgesprochen. Sollte er seinen Entschluss ändern? Weil ich ahne, was kommt? Weil ich nicht weiß, was ich dagegen tun kann? Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Ich ergreife die Flucht, weil ich hilflos sein werde, wenn das geschieht, wovon ich weiß, dass es geschehen wird. Es war ihm vollkommen klar, dass die Zukunft so aussehen würde. Und doch blieb ein Fünkchen Hoffnung – ein Vielleicht. Sich diese Gedanken aus dem Kopf schlagend, wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Dann seufzte er tief und lehnte sich nach vorn. „Egal, was mir das Leben für Höhen und Tiefen gebracht hat, es geht immer weiter – irgendwie geht es doch immer weiter. Damals, als ich mit einem schwerverletzten Cheyenne-Jungen durch die Reihen der wild um sich schießenden, besoffenen Männer gestürmt bin, habe ich das getan, ohne viel nachzudenken. Jetzt, acht Jahre später, ist mein Junge tot.“ Seine Mundwinkel zuckten. In seinen Augen stand eine solche Traurigkeit, die den beiden Männern seine Gefühle offenbarten.

„Du würdest es nicht noch einmal tun, oder doch, Erik?“, fragte Slim Western. Ohne dass er es genauer bezeichnen musste, wussten alle, was er meinte.

Die Frage traf Erik mitten ins Herz. Er schluckte schwer. Nein, er würde es nicht noch einmal tun.

Noch zuckte diese Antwort nur wie ein klitzekleines Lichtgespenst durch seinen Kopf, als er sich auch schon dafür schämte. Damals war er nur durch einen dummen, dummen Zufall, weil er den Weg zu seinem Freund Frederik Kamp gesucht hatte, mitten in den Angriff auf das friedliche Lager der Cheyenne und Arapaho geraten. Voller Entsetzen hatte er sich auf die Seite jenes Armeetrupps geschlagen, der still auf einem Hügel verharrte, ohne auf die Indianer zu schießen. Sie schauten nur zu, taten nichts, warteten einfach ab. Während er das menschenverachtende Gemetzel von Chivingtons Abteilung dann hautnah mitbekam, hatte es ihn nicht mehr auf seinem Platz gehalten. Wäre er damals wirklich einfach so abgehauen, wenn er gewusst hätte, welche Konsequenzen sein Tun nach sich ziehen, ja, mit welchem Abscheu man ihm danach begegnen würde?

Das Lichtgespenst verlosch. Nein, Jeremiah war es wert gewesen. Alles, selbst als man ihn aus einem fadenscheinigen Grund degradiert hatte. Anstatt die Frage von Slim zu beantworten – er fand, dass er das nicht brauchte – hatte er einen Vorschlag parat, was ihre jetzige Situation betraf: „Haltet euch raus, was auch immer hier passiert. Niemand kann den Bau der Eisenbahnlinie aufhalten. Die Zivilisation frisst sich durch Berge, durch Täler und sogar durch Menschenleben. Alles, was sich ihr in den Weg stellt, wird zur Seite treten müssen oder vernichtet werden. Seht zu, dass ihr dabei nicht auf der Verliererseite landet. Versucht zu verhandeln, alles andere wäre unklug. Die Verantwortlichen für den Bau der Eisenbahn werden keine einzige Meile ihrer Pläne ändern, nur weil jemandes Weideland im Weg ist.“

Buffalo-Man hatte genug. „Lass das Geschwafel“, sagte er deshalb ungehalten. „Alle Mutmaßungen sind reinste Zeitverschwendung – wir werden es wissen, wenn es so weit ist. Bis dahin lasst uns endlich an unsere eigentliche Arbeit gehen.“

Natürlich hatte er recht. Slim schob sich seinen abgenutzten und von der Sonne gebleichten Filzhut in die Stirn und nickte. Es nutzte keinem von ihnen, wenn sie hier nur herumsaßen und die Zeit unnütz vertrödelten. „Sag mir, was ich tun soll, mein einäugiger schwarzer Freund. Heute kannst du noch die Arbeit einteilen, ab Morgen übernehme ich das dann wieder.“

Buffalo-Man lachte. Es stimmte – solange Slim fortgewesen war, hatte er hier das Sagen gehabt.

„Wir sind mit dem Kennzeichnen der Rinder auf der Südweide im Rückstand“, brachte er ihn auf den neuesten Stand. „Das kannst du übernehmen. Hole dir noch zwei Männer zur Unterstützung. Erik und ich, wir kümmern uns um die Rinder, die wir gestern Früh vor den Bergen im Westen gesichtet haben. Wir treiben sie zusammen und bringen sie erst einmal in unser Lager Nummer zwei.“

Damit übernahm er für heute noch das Kommando. Wie auch schon die Tage zuvor folgte Erik seinen Anweisungen. Er wusste, wie wichtig der reibungslose Ablauf auf einer Ranch war. Seine Position als Gast tat dabei nichts zur Sache.

Slim verschwand im Zelt. Als er wieder herauskam, trug er Shotgun-Chaps, die charakteristische Überhose aus Pferdeleder mit Taschen. Die brauchte man, um die verschiedensten Utensilien für die Arbeit unterzubringen, ebenso wie das Etui für ein breites Messer. Über einem Pfosten der nahen Koppel hing noch wie seit seinem Fortritt der einfache Arbeitssattel; nach dem griff er jetzt. Sich das Ersatzpferd, das noch nicht in der Koppel untergebracht war, holend, sattelte er es. Dann ging er ins Zelt zurück und kam bald darauf mit einer nagelneuen Waffe zurück, die er in Denver erworben hatte. Statt des alten Winchester-Repetiergewehrs schob er jetzt ein neueres Modell in die Halterung an seinem Sattel. Wie es aussah, war er gewillt, Eriks gutem Rat keinerlei Bedeutung zu schenken. Oh ja, er würde sich nicht zurückhalten, wenn es um sein Land ging. Und verhandeln? Slim dachte gar nicht daran. Kurz winkte er den beiden Männern zu, die sich jetzt beeilten, endlich an die Arbeit zu kommen.

Während Slim Western langsam davonritt, um sich noch zwei Helfer zu holen, machten sich Erik und Buffalo-Man auf den Weg nach Westen – dorthin, wo die hohen, schneebedeckten Gipfel der Berge über den dichten Wäldern felsendomartig emporragten.

Beide ritten in schweigendem Einvernehmen nebeneinander her. Der Wind, der von Norden kam, zerrte heftig an ihrer Lederkleidung, zerzauste die Mähnen ihrer Pferde.

Slim Western hatte bereits seit einiger Zeit erkannt, dass sich die Pferde, die er aus Arkansas mitgebracht hatte, nur langsam an dieses Klima hier gewöhnten; die Winter konnten sehr kalt und schneereich werden. Daher nahm er sich vor, ein paar Pferde bei den Comanchen einzutauschen – in der Hoffnung, sie würden auch für die Arbeit auf der Ranch zu gebrauchen sein. Die kleinen, zähen Ponys konnten diesem Wetter besser trotzen. Wildpferde einzufangen und selbst einzureiten, machte zu viel Arbeit und hielt nur unnötig auf. Einer der Rancher weiter oben im Nordwesten bot zwar zugerittene Mustangs an, aber noch waren ihm diese Pferde zu teuer.

Buffalo-Man beugte sich nach Western-Art mit dem Oberkörper nach vorn. In einem lang ausgreifenden Trab ließ er Erik Machel auf dessen Pferd weit hinter sich, doch der jagte ihm jetzt nach. Wieder nebeneinander den Bergen zu reitend, warfen sie ein ums andere Mal abschätzende Blicke auf ihre Umgebung. Unweigerlich erschienen dann vor ihren inneren Augen Schienenstränge, die die Landschaft zerschnitten, überquerten Brücken den Fluss, jagten mit Menschen voll besetzte Waggons durch die Landschaft. Siedlungen würden entlang dieser Bahnlinie entstehen, Bäume gefällt, ganze Wälder abgeholzt werden.

In innigem Einverständnis blickten beide hinunter auf einen reißenden Bach, der sich klar und fischreich durch ein fruchtbares, grün bewaldetes Tal dahinschlängelte. „Über kurz oder lang ist das hier alles kaputt“, sagte Erik Machel, der so etwas schon einmal erlebt hatte, zu Buffalo-Man – wenn die Zivilisation bis hierher kam. Keine Frage, sie würde kommen und mit ihr das Ende dieser Welt – denn das war der Preis, den die Menschheit zu bezahlen hatte. War er das denn Wert?

Gegen Mittag erreichten sie ein kleines Tal, und dort trennten sich ihre Wege. In verschiedene Richtungen reitend, machten sie sich auf die Suche nach ihren Rindern. Der Schrei eines Adlers zerriss die Stille und holte beide Männer aus ihren trüben Gedanken. Noch war diese Welt um sie herum heil, noch hatte die Zivilisation dieses Stückchen Erde nicht erreicht. Doch sie stand bereit, um den ersten Fuß hineinzusetzen, und mit dem nächsten würde die Zerstörung beginnen.

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0+
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612 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783948878009
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Правообладатель:
Bookwire
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