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Comanchen-Mond
In den Plains
Historischer Roman
von
G.D. Brademann

Impressum
Comanchen Mond, G.D. Brademann
TraumFänger Verlag Hohenthann, 2019
1. Auflage eBook Juli 2021
eBook ISBN 978-3-941485-98-3
Lektorat: Michael Krämer
Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag
Datenkonvertierung: Bookwire
Titelbild: James Ayers
Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG, Hohenthann
Printed in Germany
Inhalt
Teil I: In den Plains
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Manchmal ist Erinnerung alles, was uns bleibt.
Ich höre noch immer die Mustangs hinter den Hügeln, das Lachen der Kinder, das Geschwätz der Frauen. Höre noch immer die lauten Rufe der Krieger, die mit Jagdbeute beladen zurück in das Lager reiten.
Teil I
In den Plains
Der Sommerwind bewegte das hüfthohe Gras wie Wellen den Ozean. Die Sonne stand gleißend hell am weiß-blau flimmernden Himmel. Verstreut, wie kleine Oasen, ragten hohe Baumgruppen aus einem Meer voller Gras – einsame Wächter, die nach Eindringlingen Ausschau hielten, Beschützer der Weite.
Weich geschwungene Kreideplateaus unterbrachen die gerade Linie des Horizonts. Tief in die Hochgrasebene eingeschnittene seichte Flüsschen schlängelten sich durch tiefe Canyons, umgeben von Pappeln, Weiden, Eichen, wilden Pflaumen- und Pekannussbäumen. Unterirdische Wasseradern brachen aus geheimen Höhlen hervor, versickerten vor hoch aufgeschütteten Flussterrassen in der sengenden Sonne.
Um eine von diesen rot und ockerfarbenen Felsengebilden wand sich ein fast ausgetrocknetes Flussbett nach Osten. Es war ein trockenes Jahr gewesen. Unter dem wolkenlosen Himmel verdorrte das Gras bereits. Trotzdem gab es noch einige Wasserstellen, und spärlicher Regen reichte oft aus, um dieser Landschaft wieder seine Schönheit zurückzugeben.
Eine dichte Staubwolke zeigte an, wo eben noch eine riesige Herde Büffel friedlich gegrast hatte. Einige Nachzügler, alleingelassen, setzten sich träge in Bewegung. Sie ließen sich Zeit. Von ihren Körpern schälte sich die Behaarung, hing in Fetzen bis auf den Boden hinunter, aber das tat ihrer majestätischen Erscheinung keinen Abbruch. Allein die furchteinflößenden Hörner, die sich drohend über ihren Köpfen erhoben, machte sie zu gefährlich aussehenden Kreaturen.
Plötzlich erwachte das Leben in ihnen, und sie donnerten in einem unglaublich schnellen Galopp davon, bis sie wieder langsamer wurden, weil sie die Herde eingeholt hatten. Hörner von fluchtbereit sichernden Antilopen tauchten kurz aus dem hohen Gras auf, um wenige Augenblicke später wieder zu verschwinden. Schon einen Herzschlag später erinnerte nichts mehr an sie. In der Morgensonne glitzerten tausende Tautropfen an sich im leichten Wind wiegenden Gras. Zwischen halbvertrockneten Rispen hingen blaue, goldene, gelbe und rote unscheinbar aussehende Blüten. Ein einziger Zauber, so wunderbar und anrührend, dass es dem, der es zu sehen vermochte, jedes Mal wieder den Atem verschlug.
Mitten in dieser Welt vollkommener Wunder tauchte der Kopf eines Mustangs aus einem Wellental auf. Ein Sonnenstrahl brach sich tausendfach an der Spitze einer etwa 13 Fuß langen Lanze, die ein Comanchenkrieger triumphierend zusammen mit dem daran flatternden Skalp in die flirrende Hitze hielt. Hinter ihm kam eine zweite, ebenso geschmückte Lanze zusammen mit weiteren Mustangs hoch. Nacheinander erklommen sechs Reiter die obere Kante des Wellenberges und ritten auf der anderen Seite wieder hinunter. Ihre kleinen robusten Mustangs reagierten auf den kleinsten Schenkeldruck. Sechs Comanchen zeigten sich – stolz, zu allem entschlossen, kriegserprobt und gezeichnet von einem hinter ihnen liegenden blutigen Kampf. Sie kamen geradewegs von Osten, direkt aus dem Sonnenaufgang. Es war ihr Land, ihre angestammte Heimat, die sie bereit waren, mit ihrem Blut zu verteidigen.
Obwohl der Anblick der weiten, unendlichen Plains mit ihrem flimmernden Horizont und dem oftmals bis zur Brust reichenden Gras auf viele der fremden Eindringlinge einen bedrückenden Eindruck machte, hielt es sie nicht davon ab, dieses Land in Besitz zu nehmen. Land, das ihnen nicht gehörte – Indianerland. Noch waren es nur wenige, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in das Gebiet der Comanchen eindrangen. Es hätte durchaus ein friedliches Miteinander werden können. Im Laufe der Jahre jedoch kamen mehr und mehr Siedler. Sie nahmen sich einfach ohne zu fragen, was den Comanchen gehörte. Doch dieses Volk, das sich selbst „Jene, die kämpfen möchten“ nannte, war nicht bereit, sich ohne Gegenwehr vertreiben zu lassen. Daher kam es zu immer größeren blutigen Konflikten.
Die junge Republik Texas, die sich inzwischen gegründet hatte, war entschlossen, dieses Problem so schnell wie möglich mit Gewalt, brutal und vor allem endgültig zu lösen. Schließlich hatte man das Land der Comanchen 1838, ohne sie um Erlaubnis zu fragen, zur Besiedlung freigegeben. So begann ein erbarmungsloser Ausrottungskrieg, der entgegen den Erwartungen der Texaner fast vierzig Jahre andauern sollte. 1838 meldeten sich in Texas etwa zweitausend Freiwillige, die gegen die Comanchen in den Krieg ziehen wollten. Es wurden Gelder vom Kongress zur Verfügung gestellt, ja, man konnte sogar einige der Todfeinde der Comanchen – die Lipan-Apachen und die Tonkawa – als Späher gewinnen. Comanchenlager, die voll pulsierenden Lebens waren und dessen Bewohner sorglos in den Tag hinein träumten, wurden niedergemacht – zielgerichtet Frauen, Kinder und Männer jeden Alters ermordet; schließlich, so die Begründung, sahen sie ja alle gleich aus. Zurück blieben rauchende Tipis und geschändete Leichen. Nur die kreisenden Bussarde und Geier kündeten noch vom einstigen Leben dort.
Doch die mordenden weißen Horden aus Freiwilligen und Rangertruppen hatten nicht mit dem Überlebenswillen der Comanchen gerechnet. Bald war das Grenzgebiet zur Comancheria nur noch ein rauchender Trümmerhaufen – diesmal aber brannten Farmen und Ranches. Das stolze Volk der Comanchen setzte sich zur Wehr. Sie kämpften, wo immer sich ihnen weiße Eindringlinge entgegenstellten, und verteidigten ihre angestammte Heimat, ihre Familien, ihre Lebensart.
Siedler, die ihre Heimstätten aufgaben, wurden von anderen abgelöst, die es besser zu wissen glaubten, um ihrem Traum von einem Leben in Wohlstand nachzujagen. Anstatt sich von Krieg und Vernichtung fernzuhalten, ihre Frauen und Kinder der drohenden tödlichen Gefahr zu entziehen, überfluteten von Monat zu Monat mehr von ihnen das Comanchenland. Viele dieser Menschen stammten aus Irland, Schottland oder Deutschland. Raue, robuste Männer und Frauen, die sich hier eine bessere Zukunft erhofften und diese Hoffnung oftmals mit ihrem Leben bezahlten. Der 98. Längengrad – die Barriere, die die Weißen als Comancheria bezeichneten – setzte ihren Plänen und Träumen ein grausiges Ende.
Seit etwa zweihundert Jahren – vielleicht waren es auch dreihundert oder mehr – lebten Comanchen schon hier, und sie hatten nicht vor, dieses Land aufzugeben. 1706 tauchten sie zum ersten Mal in der Geschichte als „Jene, die kämpfen möchten“ auf. Von ihnen hinterlassene Felszeichnungen am Rio Grande Gorge dokumentieren noch heute Kämpfe gegen die spanische Armee, die an ihnen scheiterte und denen sie ihre ersten Pferde verdankten. Niemand konnte sie besiegen, selbst die Cheyenne oder die Arapaho nicht. Damals gehörte ihnen ein Land, das etwa acht Millionen Quadratkilometer groß war. Am Ende blieben ihnen nicht mehr als 200.000.
Auch diese kleine Gruppe von sechs Comanchen, hunderte sollten es ihnen in den nächsten Jahrzehnten erfolgreich gleichtun, stellte sich den Eindringlingen todesmutig und unerschrocken entgegen. Sechs Krieger, die wieder in ihr Zuhause ritten, nur noch rauchende Trümmer und skalpierte Leichen als Warnung für die Rangertruppen und künftigen Siedler zurücklassend. Auf den Rücken ihrer Ersatzpferde stapelten sich geraubte Gegenstände wie Säcke voller Mehl, Zucker, Tabak, Kaffee. Ein Kochtopf klapperte gegen ein Bündel, aus dem der Griff eines Spiegels hervorlugte. Sie waren auf dem Weg zurück zu ihren auf sie wartenden Familien, zurück auf die Hochgrasprärie des windumtosten Llano Estacado. Den Vollmond hatten sie genutzt, um auch die klaren Nächte hindurch reiten zu können. Hunderte Meilen hatten sie so ununterbrochen auf ihren zähen Mustangs verbracht, um im hereinbrechenden Morgengrauen die erste sich auf ihrem Gebiet befindliche Ranch, auf die sie stießen, zu überfallen.
Hier im Grenzgebiet zur Comancheria kannte man einen Namen dafür: Es waren die gefürchteten Nächte des Vollmondes, in denen die Siedler in ihren Häusern aus Grassoden mit den Waffen in Reichweite schliefen und ihre Kinder und Frauen in unterirdischen, primitiven Kellerlöchern versteckten.
Diese schlimmen Nächte nannten sie:
Comanchenmond
Kapitel 1
Sommer 1839
Die sechs Comanchen waren den ganzen Morgen über einem fast ausgetrockneten Flusslauf gefolgt. Endlich hielten sie die Pferde an, saßen ab und ließen sie im schlammigen Wasser saufen. Noch hafteten an ihnen die Spuren ihres letzten Überfalls. Ihre Gesichtszüge konnte man trotz der verschmierten Kriegsbemalung noch gut erkennen. Büffelhörner, mit Hauben auf ihren Köpfen befestigt, gab ihnen ein drohendes, ja, furchteinflößendes Aussehen, fast wie die Büffel selbst.
Ihre Pferde begannen das spärliche Gras neben dem Flussbett abzugrasen. Die Krieger trugen Leggins, die ihnen bis in den Schritt reichten und dort mit Bändern aus Leder an den Hüften festgebunden waren. Darüber hing ein einfaches schmuckloses Lendentuch.
Einer von ihnen – groß, hager, sehnig, mit Schultern, die noch nicht völlig ausgewachsen waren – stand neben einem Schimmel. Obwohl die meisten Comanchen eigentlich keine Schimmel bevorzugten, ja, sie sogar oftmals als Unglücksboten ansahen, hatte er seine Liebe für sie entdeckt. Seine blauschwarz schimmernden Haare trug er offen. Gleichmäßige Züge, eine gerade Nase, ein voller, sinnlicher Mund, nur leicht hervorstehende Wangenknochen und ein kräftiges breites Kinn kennzeichneten ihn als einen gutaussehenden Mann. Ja, er war schön und jung – höchstens sechzehn oder siebzehn Winter alt, genau wie die anderen vier auch. Einer, den sie Antelope-Son nannten, war älter – sehr viel älter. Er zählte vierzig Winter und war ihr Anführer. Die jungen Krieger hatten sich diesem erfolgreichen und angesehenen Mann angeschlossen, um ebenfalls ihren Mut im Kampf zu beweisen. Obwohl sie in diesem Sommer weitab von ihren Grenzgebieten im Llano Estacado lebten, wussten sie durch einen Besuch im Lager befreundeter Kotsoteka-Comanchen, was sich hier an ihren Grenzen abspielte.
Nun waren sie hier. Voller Wut auf die ungebetenen Eindringlinge, die ihre Jagdgebiete nicht achteten, wollten sie sie das Fürchten lehren, ihre Skalps nehmen, Beute machen – vor allem Beute machen und ihnen zeigen, mit wem sie sich hier einließen. Das Kriegshandwerk beherrschten sie perfekt – so wie die Jagd, die ihnen zugleich eine große Freude war. Das wurde ihnen von Kindheit an beigebracht. Manch einer von ihnen hatte bereits mit vierzehn seinen ersten Feind getötet.
Von den sechs Kriegern machte besonders einer einen arroganten, überheblichen Eindruck. Eng zusammenstehende, dunkelbraune Augen blickten streng unter den Wülsten ausgezupfter Augenbrauen hervor. Sein Mund war nur ein einziger schmaler Strich. Den Namen Icy-Wind hatten ihm seine jungen Begleiter erst vor zwei Monden gegeben. Damals war er mit einigen anderen jungen Kriegern auf ein kleines Pawneedorf gestoßen. Wie ein Wirbelsturm hatten sie es überfallen, die Menschen auseinandergetrieben, aber weder Gefangene noch einen einzigen Skalp erbeutet. Als sie weiterzogen, brüstete sich der junge, arrogante Krieger, wie ein Icy-Wind über seine Feinde gekommen zu sein, so dass sie sich frierend und zitternd verkrochen hätten. Seitdem nannten sie ihn nur noch so. Ein Spitzname, den er lieber hörte als seinen anderen Namen, den er mit vierzehn Wintern empfangen hatte: The-One-Who-Should-Not-Look-Back. Nein, dann schon lieber Icy-Wind.
Einen Blick auf seine Pferde werfend, die in Rufweite standen, nahm er den Köcher von seinem Rücken, neben dem an über Kreuz verknoteten Rohlederriemen sein Tomahawk und ein ausgehakter Bogen hingen. Seine rechte Hand hielt dabei noch immer die Lanze. Jetzt warf er sie mit aller Kraft in den harten, ausgetrockneten Boden. Zitternd und schwankend blieb sie dort stecken.
Ein anderer der sechs Krieger – kleiner als seine Kameraden, vielleicht fünfeinhalb Fuß groß und von gedrungener, etwas fülliger Gestalt – beschäftigte sich bereits damit, seine Sachen nach Proviant zu durchsuchen. Weil er fündig wurde, hellte sich sein rundes, gutmütiges Gesicht auf, und er packte ein fest verschnürtes Bündel mit Trockenfleisch aus. Die anderen sahen sich verstehend an, nickten ihm verschmitzt zu und suchten dann selbst nach einem geeigneten Lagerplatz für sich, um ihre spärlich gewordenen Vorräte hervorzukramen.
Inzwischen steckten drei mit Skalps behängte Lanzen zusammen mit den drei anderen ohne Kriegsbeute nebeneinander hinter den Kriegern. Während sie aßen, wurden kaum Worte gewechselt; jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Das Prahlen mit ihren Taten konnte warten, bis sie zu Hause waren. Die Kriterien, mit denen sie dort beurteilt werden würden, waren Tapferkeit, Mut und natürlich Freigebigkeit.
Der mit dem freundlichen Gesicht schmunzelte in sich hinein, während er die Reste seiner Mahlzeit wieder zusammenpackte. Sein Blick unter belustigt hochgezogenen Augenbrauen – er war der Einzige hier, der sie sich nicht auszupfte – fiel auf die erbeuteten Sachen des kleineren Freundes. In seinem Gesicht arbeitete es. Spöttisch zog er die Lippen zusammen, verbiss sich jedoch eine Bemerkung.
„Meine Beute verwundert dich wohl, Red-Eagle?“, meinte der Freund, sein Mienenspiel richtig deutend. „Wie ich sehe, willst du über mich lachen, aber meine Little-Pigeon freut sich über einen neuen Kochtopf wie eine Hirschkuh über frisches Gras am Morgen.“
„Oh, Wolf-Hunter, da hast du ja bestimmt nicht an dich gedacht, oder?“, neckte der Schöne ihn und lächelte freundlich.
Die anderen – bis auf den streng blickenden jungen Mann, Icy-Wind – sahen sich vielsagend an und verbissen sich ein Schmunzeln. Wolf-Hunter machte sich immer Sorgen ums Essen, das war bekannt.
Bevor ihre Unterhaltung weiter in diese Richtung abdriften konnte, erhob sich der Ältere abrupt mit ernstem Gesicht. Gebannt beobachtete er die sich in Sichtweite befindlichen Mustangs, die jetzt mit erhobenen Köpfen leise schnaubend in die Richtung blickten, aus der sie eben gekommen waren.
Erst dann schenkten sie dem dürftigen Gras vor ihren Mäulern wieder mehr Aufmerksamkeit. Insgesamt standen achtzehn Mustangs zusammen, denn die Krieger ritten immer mit Ersatzpferden.
„He, Antelope-Son – was sehen deine Augen, was unseren entgeht?“ „Dort kommen Eindringlinge in unsere Gebiete, Red-Eagle hat diesmal die Augen eines Grashüpfers und nicht die eines Adlers“, rief er, an den Schönen gewandt.
Alle starrten in die angegebene Richtung. Ein winziger Punkt erschien in der Ferne, um gleich darauf wieder hinter dem nächsten Wellenberg zu verschwinden. Nur wenig später sahen sie diesen ersten Punkt wieder, größer als vorher, und weitere Punkte folgten.
Icy-Wind ließ ein schnaubendes Lachen hören; dann meinte er, mit einem Arm in die Richtung deutend: „Die Tejano irren sich, wenn sie glauben, wir lassen sie durch unser Land ziehen, als gehörte es ihnen bereits – denn dann sind sie dumm.“ Er machte eine weit ausholende einladende Geste zu den Pferden hin. „Lasst uns sie gebührend empfangen!“
Wolf-Hunter erhob sich zögernd. „Wir sollten warten und sie näher herankommen lassen“, befand er mit einem Blick auf seinen halb zusammengepackten Proviant. Dann zuckte er nur bedauernd die Schultern.
Antelope-Son ging entschlossen zu seinem Kriegspony und befestigte die Büffelhörner, die er bereits abgelegt hatte, wieder auf seinem Kopf. „Icy-Wind hat recht“, rief er den anderen zu. „Lasst sie uns niedermachen, bevor sie noch weiter auf unserem Land herumtrampeln können.“
Wütend durch die Nase ausatmend griff er nach seiner blutigen Lanze und saß von links auf; so brauchte er die etwa 13 Fuß lange Waffe nicht mehr in die rechte Hand hinüberzuwechseln. Diese Art Aufsitzen war ihnen allen ins Blut übergegangen.
Wolf-Hunter packte sein Essen zusammen, während er einen vieldeutigen Blick mit Red-Eagle wechselte. Auch der hätte noch gewartet, wenn auch aus anderen Gründen. Es war immer das Gleiche. Icy-Wind – als der erfolgreichere Krieger von ihnen – musste bei jeder Gelegenheit das Kommando an sich reißen. Die anderen schienen jedoch seiner Meinung zu sein, denn sie standen bereits neben ihren Pferden, die Bogen wieder eingehakt und die Köcher über den Schultern.
„Die Tejano werden sterben!“ Icy-Wind spuckte aus. Sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an, während er mehr zu sich selbst als zu den anderen sagte: „Warum müssen sie diesen Weg nehmen, wenn sie auf die andere Seite unserer Jagdgebiete wollen? Warum reiten sie nicht über Santa Fe? Die Apachen sind lahme Hunde; vor ihnen brauchen sie sich nicht zu fürchten, aber vor uns!“
Antelope-Son ritt hart an ihn heran und hörte die letzten Worte. „Jetzt haben sie keine Wahl mehr“, schrie er in den lauen Wind, der ihnen entgegenwehte. Sein Pferd stampfte unruhig den Boden. Er hatte ihm in der vergangenen Nacht Ringe um die Augen gemalt – als Zeichen der Magie, damit es den Weg besser finden und sich nicht verletzten konnte. Später, wenn Zeit dafür war, würde er ihm auf seine eine Flanke eine weiße Hand aufmalen, als Zeichen für einen getöteten Feind.
Die sechs Comanchen saßen jetzt nebeneinander auf ihren Kriegsponys und blickten wie gebannt nach Osten. Vier von ihnen trugen wieder ihre gewaltigen Büffelhörner. Red-Eagle hing die zottelige Behaarung in die Stirn und an den Seiten bis auf die Schultern herunter. Unter dem Fell lagen seine schwarzen Augen tief im Schatten vergraben. Augenringe zeugten von den überstandenen Strapazen durchrittener Tage und Nächte. Kriegsfarbe auf Wangen und Stirn, noch vom letzten Kampf verschmiert, taten seinem guten Aussehen keinen Abbruch. Als er sich auf den Hals seines Lieblingsponys hinunter beugte, fiel ihm die lange Fellbehaarung ins Gesicht.
Fünf Planwagen rumpelten über das nächste Wellental der Prärie von Osten kommend nach Westen, als ob ihnen die ganze Welt gehören würde. Von der ihnen drohenden Gefahr schienen sie keine Ahnung zu haben. Vielleicht waren sie auch einfach nur von ihrer Überlegenheit überzeugt.
Icy-Wind gab das Zeichen. Er schwang die Lanze, an der der Skalp eines erst im Morgengrauen getöteten Ranchers hing, in Richtung Eindringlinge.
Den markerschütternden, furchtbar klingenden Kriegsruf der Comanchen auf den Lippen, stürmten sie los, tauchten hinein in das wogende Grasmeer, kamen auf der nächsten Bodenwelle schreiend, drohend, in vollem Galopp reitend wieder herauf. Mit ihrer verschmierten Kriegsbemalung, die Lanzen in der rechten Hand, mit Pfeil und Bogen und den Kriegsäxten bewaffnet, machten sie einen furchteinflößenden Eindruck. Ihre schrillen Kriegsschreie hallten weithin über die Prärie. Der donnernde Hufschlag der kleinen, zähen Mustangs ließ trockene Erdklumpen hoch aufwirbeln, während sie den Siedlern näher und näher kamen.
Erst jetzt schienen sie die Comanchen zu bemerken, denn der Wagentreck formierte sich zu einem Kreis, um den Angriff besser abwehren zu können. Männer schirrten in aller Eile die Zugpferde ab und ließen sie im inneren Kreis frei laufen. Frauen – sechs an der Zahl, darunter eine junge – und drei Kinder brachten sich hinter den Wagen oder darunter in Sicherheit. Die Männer verteilten Waffen und Munition untereinander, um die angreifenden Indianer gebührend zu empfangen. Deren dunkle Umrisse waren in der aufgehenden Sonne als gut auszumachendes Ziel deutlich zu erkennen.
Noch gaben sich die Siedler siegesgewiss. Sie riefen sich gegenseitig zu, ja noch zu warten, bis diese Wilden – diese roten Nigger, denen sie sich weit überlegen glaubten – in Schussweite heran wären.
Und sie kamen. Ein Kugelhagel aus den Büchsen von sieben bis an die Zähne bewaffneten Männern empfing sie. Einer der Mustangs stürzte tödlich getroffen, der Reiter sprang zur Seite, bevor das Pferd ihn unter sich begraben konnte. Antelope-Son griff nach ihm und zog ihn hinter sich auf sein Pferd. Der Gestürzte gab einen markerschütternden Pfiff von sich, eines seiner abseits wartenden Ersatzpferde kam das Wellental hinter ihnen heraufgestürmt und sein Herr wechselte zu ihm hinüber.
Eine weitere Gewehrsalve ging knapp über die Köpfe der johlenden Krieger hinweg, traf aber niemanden. Den Tod verachtend, umrundeten sie die Wagenburg. Lachend, vor lauter Übermut über die Fehlschüsse der Weißen Kunststücke auf den Rücken ihrer Pferde vollführend, riefen sie Obszönitäten hinüber zu den Weißen. Wie zum Hohn entblößte Wolf-Hunter sein Hinterteil unter dem Lendenschurz, um damit zu zeigen, was er von ihnen hielt. Erst nach dieser ersten Runde voller Angeberei, Provokation und Verachtung gegenüber ihren Feinden antworteten die Comanchen mit Pfeilschüssen auf den Kugelhagel. Die Sehnen ihrer Bögen surrten, ihre Mustangs rasten wieder auf die Wagenburg zu. Wolf-Hunter erhielt dabei einen Streifschuss am Oberarm, schenkte ihm jedoch keinerlei Beachtung. Er sah nicht einmal hin, während das Blut an seiner nackten Haut herunterlief.
Die Krieger führten atemberaubende Reiterkunststücke aus – diesmal nicht aus Übermut, sondern aus Notwendigkeit – sprangen mit ihren gut ausgebildeten Mustangs über Wagendeichseln zwischen die Siedler und wieder hinaus. Sie hakten sich in aus Pferdehaar geflochtene Schlingen an den Hals ihrer Kriegsponys, hingen unter dem Bauch ihrer Pferde oder an ihrer Seite, schossen von dort aus ihre todbringenden Pfeile ab – zwanzig Stück binnen sechzig Herzschlägen, wenn es sein musste. Sie waren schnell wie der Wind, und sie waren überall. Ihrem tollkühnen, aus unzähligen Kämpfen erprobten Einsatz hatten die Siedler nur wenig entgegenzusetzen. Ihre Schüsse kamen jetzt immer unkontrollierter, sie setzten sogar immer wieder ganz aus. Verzweifelt luden die Frauen die Gewehre nach, ja, schossen sogar selber unter den Wagen hervor auf die an ihnen vorbeistürmenden Reiter. Die schwerfälligen Lastenpferde der Siedler liefen unkontrolliert in der Mitte der Wagenburg panisch hin und her, bis sie endlich einen Ausgang fanden, durch den sie hinaus in die Weite stoben.
Red-Eagle hatte einen der Wagen erklommen, seine Lanze steckte daneben im Boden. Er verschwand im Innern, um Augenblicke später, einen der Siedler fest umklammernd, wieder herauszukommen. Sein Schimmel sprang auf einen Pfiff von ihm über die Deichsel, der Krieger saß auf, schleuderte den mit seinem eigenen Messer getöteten Mann von sich weg, während sein Pony mit einem gewaltigen Sprung über einen umgestürzten, halb auseinandergefallenen Planwagen setzte. Icy-Wind tauchte Augenblicke später mit grinsendem Gesicht und blutverschmierter Brust neben ihm auf, an seiner Lanze ein zweiter Skalp. Während er sich Red-Eagle zuwandte, sprühten Blutstropfen nach allen Seiten. Ohne dass das Grinsen aus seinem Gesicht wich, deutete er mit dem Kinn nach unten, unter einen der Wagen. Dort kauerten drei Kinder, zusammengerollt, eng umschlungen. Ihre Augen weit aufgerissen, harrten sie so der kommenden Ereignisse.
Red-Eagle gab Icy-Wind mit der Hand ein Zeichen: Das hat noch Zeit. Wolf-Hunter, der sich inzwischen ein Stück Stoff von dem zerrissenen Kleid einer getöteten Frau um den verletzten Arm gewickelt hatte, rief etwas, aber sie konnten es wegen der lauten Schießerei nicht verstehen; da zeigte er mit den Händen hinter sie. Beide Krieger drehten sich gleichzeitig um, verschwanden im selben Moment unter den Bäuchen ihrer Mustangs, als zwei gut gezielte Schüsse kurz hintereinander über sie hinwegfegten. Wolf-Hunter hatte schon einen Pfeil auf der Sehne, und der Mann, der dafür verantwortlich war, sackte getroffen neben einer Frau zusammen, die sich schreiend über ihn warf. Antelope-Son tauchte wie aus dem Nichts auf, einen weiteren Mann mit seiner Lanze durchbohrend, während dieser mit auf ihn gerichteter Waffe um sich schoss.
Im heißen Odem der inzwischen höher gestiegenen Sonne tobte der Kampf unerbittlich. Immer und immer wieder ritten die Comanchen ihre Attacken gegen die Wagenburg. Es wurde keine Gnade gegeben und ebenso keine erwartet. Nur noch zwei der Siedler wehrten sich verzweifelt.
Icy-Wind auf seinem Mustang umtänzelte wie in einem grausamen Spiel den Wagen, unter dem sich die letzten Überlebenden verkrochen hatten. Anscheinend war den beiden Männern jetzt auch die Munition ausgegangen. Der eine von ihnen warf seine Kentucky-Büchse wütend zur Seite, und – als würde ihm das noch etwas nützen – hielt er, sich ergebend, in einer letzten verzweifelten Geste die Hände hoch.
Die Comanchen lachten. Wenn es um Tod oder Leben ging wie hier, kannten sie kein Erbarmen.
Icy-Wind zielte lässig mit seiner Lanze und warf sie nach ihm. Der Mann sackte schreiend in sich zusammen, die Hände auf die klaffende Wunde in seinem Oberbauch gepresst. Eingeweide quollen hervor, wanden sich schmutzigen, grauen Schlangen gleich über seine blutigen Hände. In seinen Augen erschien ein Ausdruck ungläubigen Staunens, als könnte er es nicht fassen, hier so sterben zu müssen. Augenblicke später starrten seine Augen ins Leere. Der Mann, der noch neben ihm lebte, warf einen letzten verzweifelten Blick auf ihn, dann sprang er aus der Deckung heraus und machte, nur noch mit seinem Messer in der Hand, einen letzten Ausfall auf Icy-Wind zu.
Wolf-Hunter ritt heran, um diese Szene zu beobachten, und sprang lässig von seinem Pferd. „Der, der wie ein eisiger Wind über seine Feinde kommt, sollte ihn mir überlassen“, rief er und ging auf den weißen Mann zu, der bedeutend größer war als er. Der Kampf war fair. Erst nach zähem Ringen gelang es dem jungen, erst sechzehn Winter zählenden Comanchen, dem bedeutend älteren, kräftigeren Weißen sein Messer aus der Hand zu winden. Der Ausgang dieses Kräftemessens war einige Male durchaus ungewiss. Doch keinem der Krieger wäre es eingefallen, sich einzumischen. Am Ende behielt Wolf-Hunter die Oberhand und tötete den Mann mit einem Stich ins Herz. Damit starb der letzte der weißen Männer.
Icy-Wind und Antelope-Son zerrten die verängstigten Frauen gewaltsam unter einem der Wagen hervor. Ein anderer Comanche holte die drei Kinder. Wolf-Hunter und Red-Eagle sprangen in die Wagen, durchsuchten sie oberflächlich nach Sachen, von denen sie glaubten, dass sie ihnen nützlich sein könnten. Ein weiterer Comanche warf die Toten auf einen Haufen. Acht unschädlich gemachte Eindringlinge – sieben Männer und eine Frau. Sie zu misshandeln kam ihnen nicht in den Sinn; sie hatten kein Interesse daran, denn es war ein guter Kampf gewesen. Manchmal verstümmelten sie die Leichen der toten Weißen und ließen sie so als Warnung für andere Eindringlinge zurück.
Ruhig, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, knieten sich die Krieger jetzt ins Gras, um ihre Schlachtbeile und Lanzen gründlich zu säubern. Erst als sie damit fertig waren, besahen sie sich den Haufen der Toten. Mit der gleichen kaum fassbar stoischen Gelassenheit begutachteten sie anschließend die fünf überlebenden Frauen und die Kinder. Ihre Mienen waren dabei so gleichgültig, als dachten sie über Alltäglichkeiten nach. Vier Frauen waren schon älter, vielleicht zwischen vierzig und fünfzig Winter, eine dagegen höchstens zwanzig. Die älteren drängten sich ängstlich zusammen, mit zitternden Händen klammerten sie sich eng aneinander. Die Jüngere, hoch gewachsen, mit dunklen, zu einem Kranz um ihren Kopf gelegten rötlichen, wie reife Kastanien aussehenden Haaren, stand etwas abseits von den anderen. Große hellbraune Augen schauten aus einem ovalen, schön geformten, aber bleichen Gesicht, das allerdings voller Schmutz war. Sommersprossen bedeckten die kleine Stupsnase, und ihre sonnenverbrannten Wangen begannen sich bereits zu schälen. Sogar auf der Stirn fanden sich viele dieser kleinen hell-orangenen Punkte, versteckt hinter roten Locken. Als Icy-Wind auf sie zutrat, ihr Kinn mit einer Hand umschloss und sie heftig zu sich heranzog, presste sie die blutig gebissenen vollen Lippen trotzig zu einem harten Strich zusammen. Ein großes Stück von ihrem Stolz war trotz aller Angst noch da. Einen kurzen Augenblick lang kam ihr das blutige Messer in den Sinn, das der Krieger vor ihr in seinen Gürtel schob. Wenn er sie töten wollte, dann sollte er das gefälligst jetzt tun. Doch der Krieger nickte nur in Richtung seiner Männer, arrogant, berstend vor Siegesruhm. „Diese hier gehört mir“, war seine klare Ansage. Noch ahnte er nicht, worauf er sich da eingelassen hatte.
Wolf-Hunter wollte zwar protestieren, er schien mit der Aufteilung der Kriegsbeute nicht einverstanden zu sein, doch Red-Eagle hielt ihn am Arm zurück. „Lass ihn – ich glaube, mit der wird er so seine Schwierigkeiten haben.“
Er hatte als Einziger den Blick der Frau gesehen, diesen Blick voller Verachtung und Stolz. Trotz seiner Jugend und Unerfahrenheit begriff er: Sie war nicht wie die anderen vier Frauen, die sich voller Angst und Schrecken aneinanderklammerten – kein ängstlicher herumflatternder Vogel, der aus dem Nest gefallen war. Diese hier würde sich behaupten. Sein Blick huschte hinüber zu den drei Kindern, die verängstigt nebeneinander hockten; zwei Knaben mit hellbraunen Locken und graublauen Augen. Der eine mochte sieben Winter zählen, der andere – dem Aussehen nach sein Bruder – vielleicht neun. Zwischen ihnen saß völlig verängstigt ein etwa vier Winter zählendes Mädchen, dessen braunes dunkles Haar in dicken Zöpfen geflochten schwer auf ihren Schultern lag. Sie weinte ununterbrochen laut, während die beiden anderen Kinder nur zitterten und mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin starrten. Unaufhörlich bissen sie sich auf die blutig und rissig gewordenen Lippen. Ihre Finger umschlossen jeweils die Hand des anderen, als suchten sie gegenseitig nach Halt. Brüder hielten zusammen. Schon immer war das so bei ihnen gewesen, aber da lebten sie auch noch in einer beschützten Welt. Jetzt, hier, in dieser aussichtslosen Situation hatten sie nur noch sich. Verzweifelt stellte sich der ältere immer wieder die Frage, was wohl aus ihnen werden würde. Konnten sie das hier überleben? Und was würde aus dem Mädchen werden, das ihnen während ihrer Reise wie eine Schwester geworden war?
Icy-Wind ließ von der jungen Frau ab und griff nach den beiden Jungen. Als er sie hochzerrte, machten sie sich vor Schreck in die Hosen. Mit schlotternden Beinen ließen sie sich von ihm zur Seite drängen, um dann dabei zuzusehen, wie er sich des Mädchens bemächtigte. Zu ihrem Entsetzen begann die Kleine noch lauter zu schreien. Was sollte man auch von einem vierjährigen Mädchen erwarten? Sie strampelte wie wild und versuchte, sich aus seinem harten Griff zu winden. Er war voller Blut und stank für ihre Begriffe entsetzlich. Obwohl sie von dem Gemetzel um sich herum nicht viel mitbekommen hatte, konnte sie das Grauen sehr wohl spüren. Nach all der Schießerei entsetzte sie besonders die plötzliche Stille. Mama? Erst jetzt wurde ihr anscheinend klar, dass sie allein war. Wo war ihre Mutter? Wo waren all die anderen Frauen? Das kleine Herz hämmerte wild gegen ihre Rippen. Mama hatte sie zum Schutz unter den Wagen geschickt, zusammen mit den beiden Jungen. Sie hatte doch gesagt, dass sie gleich wieder da sein würde! Doch niemand war gekommen – niemand beschützte sie jetzt vor diesen fremden Männern, die so furchterregend aussahen wie Teufel, mit ihren verschmierten, bemalten Gesichtern. Niemand klatschte in die Hände: Scherz, alles nur ein Scherz, um die Zeit zu vertreiben – wie bei den harmlosen Spielen während ihrer Reise, auf der sie so viel gelacht hatten. Trotz all der Strapazen hatte sich ihre Mama immer etwas für sie ausgedacht. Ein Spiel, Geschichten, am Ende hatten immer alle gelacht. Aber die grausig aussehenden Männer hier verschwanden nicht, lösten sich nicht einfach in Luft auf. So, wie der grässliche Mann, der sie festhielt, roch, musste er Wirklichkeit sein. Bussarde umkreisten bereits in Scharen den Berg aus aufgeschichteten Menschen; darauf fiel jetzt ihr Blick, und sie erkannte darunter das Kleid ihrer Mutter, das ihren Vater halb verdeckte. Panik erfasste sie. Mit einer Kraft, die überhaupt nicht ihrem zarten Wesen entsprach, biss und kratzte das vierjährige weiße Mädchen wie tollwütig auf den Krieger ein, der völlig überrumpelt auf sie herunterblickte und sie losließ. Der Kleinen gelang es tatsächlich, sich von ihm zu befreien. Sie trat mit ihren pummeligen Beinen nach ihm, wich nach hinten aus, versuchte verzweifelt, den unbarmherzig wieder nach ihr greifenden blutig-schmutzigen Fingern zu entgehen. Aus ihren weit aufgerissenen braunen Augen, die mit Sprenkeln wie Splitter aus Gold besetzt waren, flossen unaufhaltsam Tränen und vermischten sich in ihrem Gesichtchen mit Speichel und Rotz.
Ihre schrillen Schreie gingen dem Krieger Icy-Wind langsam auf die Nerven. Entschlossen zog er sie mit hartem Griff an den halb aufgelösten Zöpfen zu sich heran, umfasste ihren kleinen Körper und betrachtete sie abschätzend. Diese hier würde den langen Ritt in die Llanos nicht überleben, mochte er dabei denken. An einem der umgekippten Planwagen drehten sich langsam zwei Räder in der Luft. Icy-Winds Blick ging von dort zurück zu der Kleinen.
In das schöne Gesicht Red-Eagles trat in diesem Moment ein nachdenklicher Zug. Er zögerte nur kurz, die Augen zusammengekniffen; dann fiel er Icy-Wind in den Arm. „Warte – was du vorhast, ist deiner nicht würdig.“
Seine Stimme klang entschlossen, jedoch nicht laut. Dann meinte er, immer noch ohne die Stimme zu heben: „Diese kleine Wildkatze hat gut gekämpft; lass sie beweisen, dass sie überleben kann. Wenn du sie als Beute verschmähst, gib sie mir.“ Der Einwand hatte etwas Anmaßendes, ja Herausforderndes, denn er mischte sich damit in die Belange eines Anderen ein.
Ein Blick in die Runde machte Icy-Wind klar, dass er beobachtet wurde. Er durfte jetzt keinen Fehler machen, sein Ansehen stand auf dem Spiel. Seine Stirn wölbte sich über seinen dunklen, schmalen Augen – drohend, wütend; aber schon wurde ihm klar, dass dieses unscheinbare Kind es nicht wert war, dass er durch eine unüberlegte Handlung sein Ansehen schmälerte. Rasch machte er einen Schritt zurück. Seine fest aufeinandergebissenen Zähne mahlten hinter seinen hohen Wangen, während er mit einem herablassenden Gesichtsausdruck die Kleine musterte, die plötzlich zu schreien aufhörte. Instinktiv hatte sie die gefährliche Situation erfasst. Noch eben am ganzen Körper schlotternd, hing sie jetzt ruhig im Arm von Icy-Wind. Ihre pummeligen Beine berührten bewegungslos den Boden; das Gesicht, ein einziger pausbäckiger Klumpen Empörung, entspannte sich leicht. Sie hatte begriffen. Ängstlich huschten ihre Augen von einem Mann zum anderen.
„Willst du dich etwa mit diesem wertlosen schreienden Bündel belasten?“ Icy-Winds ausgezupfte Augenbrauen zogen sich abschätzig zusammen, während er Red-Eagle diese Frage stellte. Ein kaum wahrnehmbares Nicken kam als Antwort. Mitleidig zu dem anderen hin seufzend, ließ er das kleine Mädchen unsanft auf seine Beinchen fallen; er wusste genau, dass sie niemals durchhalten würde. Die Kleine kippte etwas zur Seite, fing sich aber sofort wieder. Mit hochgezogenen Augenbrauen, so hell und zart wie die Flügel eines Schmetterlings, beobachtete sie wachsam die beiden vor ihr stehenden Männer.
„Eine wertlose Tejano – nimm sie, aber sorg dafür, dass das Geheule für alle Zeiten aufhört.“ Damit wandte sich Icy-Wind von seiner Beute ab, als wäre sie nur ein lästiges Insekt. Die beiden anderen Kinder würden ebenfalls eine Last bedeuten – jedenfalls für die Zeit, bis sie ihr Zuhause erreicht hätten; so viel wusste er aus früheren Erfahrungen. Er, Icy-Wind, wollte damit nichts zu tun haben. Eine wegwerfende Geste zu den beiden Knaben hin machend, die immer noch eng aneinandergedrängt nur einige Schritte entfernt auf der Erde hockten, rief er: „Wenn du schon einmal dabei bist, dich um Ungeziefer zu kümmern, dann kannst du das auch ebenso gut mit diesen hier tun. Ich jedenfalls bin nicht bereit, den Aufpasser oder Ernährer zu spielen!“
Blutbespritzt, wie er war, verschwitzt vom Kampf und voller Schmutz, lächelte Icy-Wind ein grausames Lächeln zu den beiden Kindern hinunter. Sein Zeigefinger deutete erst auf den einen, dann auf den anderen. Erschrocken drängten sie sich noch enger zusammen. „Ein Schrei – und ihr seid tot“, das Zeichen des Halsdurchschneidens war deutlich genug. Im Vorbeigehen griff Icy-Wind lässig nach seiner Kriegsbeute – der jungen Frau, die ihm niemand streitig machte – und verschwand, sie brutal hinter sich her schleifend, zwischen den zum Teil umgekippten Planwagen. Vor dem einzigen noch halbwegs intakten hielt er an. Seine eng zusammenstehenden Augen verharrten auf der weißen Frau. Er musste sich regelrecht zwingen, den Blick von ihr abzuwenden. Gleich darauf starrte er sie wieder an. Fest presste er die Lippen aufeinander, Unruhe machte sich in ihm breit. Es war, als nähme ihm jemand die Luft zum Atmen. ‚Diese weiße Frau wird mir noch gewaltige Schwierigkeiten bereiten‘, wurde ihm da klar. Schon bereute er das Gefühl, dass ihn verleitet hatte, sie für sich zu beanspruchen, denn es war nicht nur Besitzanspruch gewesen, sondern viel mehr. Ein solches Gefühl entsprach nicht seinem Naturell. Niemand sollte Macht über ihn haben – und schon gar nicht eine weiße Frau. Ein einziger Blick in ihre Augen hatte ausgereicht, um ihm einen Stachel tief ins Herz zu treiben. Jetzt verhärtete sich Icy-Wind gegen den Gedanken, etwas anderes in ihr zu sehen als eine Kriegsbeute – eine Kriegsbeute, die sich seinem Willen unterzuordnen hatte, nichts weiter. Seine Medizin war stark. Er, Icy-Wind, hatte sich auf diesen Kriegszug gut vorbereitet. Sein Tiergeist war mit ihm, daran gab es keinen Zweifel. Außerdem hatte er Enthaltsamkeit geübt, sehr zum Missfallen von Crow-Wing. Diese weiße Frau hier würde keine Macht über ihn erlangen. Und doch, ihr rot schimmerndes Haar verwirrte ihn – ebenso die hellbraunen Augen, die nicht so schmal waren wie die der Comanchenfrauen, sondern groß, und die ihn anstarrten, als könnte sie damit töten. Ein wenig ähnelten sie dem Raubtierblick einer Bergkatze. Konnte sie seiner Medizin vielleicht doch schaden?
Icy-Winds Atem beschleunigte sich. Ein Zustand, den er nur schwer kontrollieren konnte. Über sich selbst wütend überlegte er, sie zu töten, bevor sie noch mehr von ihrer Magie versprühte. Verwirrt hielt er sich eine Faust gegen die Schläfe. Überlegte, grübelte und kam doch nicht zu einem Entschluss. Einerseits begehrte er diese hier, wie er noch nie eine Frau begehrt hatte, wollte sie besitzen, sie beherrschen; doch andererseits war ihre Macht, das spürte er, stark. Doch er – der harte, trotz seiner Jugend im Kampf mehrfach erprobte und mit dem Tod durchaus vertraute Krieger – sträubte sich, ihr das Messer in die Brust zu stoßen.
Seine Gefühle verdrängend – Gefühle, die ihn weich ihr gegenüber werden ließen – wappnete er sich mit einem unsichtbaren Panzer gegen das, was er ihre Medizin nannte. Denn das war es, womit er seinen Zustand erklärte; es lag nicht an ihm. Seine Medizin würde stärker sein als die ihre. Nein, diese Frau war nichts weiter als eine Kriegsbeute, eine vielleicht im Moment für ihn noch wertvolle Kriegsbeute, aber das konnte sich wieder ändern. Sie war sein Eigentum, und genau so würde er sie auch behandeln. Die Zähne fest zusammengebissen starrte er durch sie hindurch, kehrte sein Innerstes gegen sie, löschte aus, was gerade erst begonnen hatte, kehrte um, was Wurzeln schlagen wollte.
Icy-Wind – der junge, kaum siebzehn Winter zählende Krieger – hatte seine Macht zurück, war wieder Herr seiner selbst. Denn Macht, das war das Einzige, womit er etwas anfangen konnte. Macht über andere, Macht über Schwächere, Macht über besiegte Feinde. Diese Art Macht konnte er spüren, damit konnte er etwas anfangen, sie war die Grundlage für alles andere, was zählte. Macht brachte einem Mann Ehre und Ruhm, gab ihm die Mittel, freigebig zu sein. Das machte einen erfolgreichen Krieger aus. Nach diesen Kriterien zu urteilen, war Icy-Wind ohne jeden Zweifel so jemand. Es hatte nur kurze Zeit gedauert, bis die Macht, die die weiße Gefangene über ihn zu erlangen drohte, wieder zu ihm zurückkehrte. Erneut musterte er sie. Besser, dachte er, jetzt ist es besser – er ärgerte sich über sich selbst, kurz schwach geworden zu sein. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, aber er war wieder er selbst, hatte seine Schwäche überwunden. Denn das war etwas, das er verachtete. Bei anderen wie bei sich selbst. Da kam ihm Crow-Wing in den Sinn – das Mädchen, das er irgendwann beabsichtigte, in sein Tipi zu holen. Sie hätte es niemals gewagt, ihm einen so trotzigen Blick zuzuwerfen. Sie besaß auch keine Macht über ihn und würde sie niemals besitzen. Ein harter Zug umspielte seinen Mund.
Wenn sie diese weiße Frau in die Hände bekommt und erfährt – denn das wird sie zweifellos – dass sie meine Beute gewesen ist, wird sie sie töten, ging ihm plötzlich auf. Zumindest ihre Wut an ihr auslassen. Er hatte nicht vor, diese weiße Frau zu beschützen, weder vor Crow-Wing noch vor jemand anderem. Sein Entschluss stand fest: Nein, er würde sie nach ihrem Heimritt nicht für sich beanspruchen. Icy-Wind war ein Mann, der Schwierigkeiten lieber aus dem Wege ging, immer schon. Jetzt lächelte er still in sich hinein. Schwäche würde er sich nicht leisten – weder bei dieser weißen Frau, noch bei irgendeiner anderen. In seinem jugendlichen Überschwang glaubte er das tatsächlich. Doch ohne sich das jemals einzugestehen, war es dafür längst zu spät.
Unterdessen hatte die junge weiße Frau, eingeschüchtert und am ganzen Körper zitternd, sein Mienenspiel beobachtet. Man brauchte kein besonders guter Menschenkenner zu sein, um nicht die widerstreitenden Gefühle zu sehen, die in ihm tobten. Obwohl er diesen Kampf nicht offen austrug, sondern zu verbergen versuchte, hatte sie es bemerkt. Zuerst waren es seine Blicke gewesen, mit denen er sie ansah. Dann dieses Zögern, die Unentschlossenheit, die ihn verriet, als er mit sich rang, sie am Leben zu lassen oder zu töten. Sie dachte, es läge daran, dass er noch nie eine weiße Frau gesehen hatte. Diesen Irrtum sollte sie bitter bereuen, denn die wahre Ursache dafür hätte sie niemals für möglich gehalten.Seit er sie gesehen, in ihre Augen geblickt hatte, war es ihm gewesen, als steckte ein Pfeil tief in seinem Herzen. Das war so unerwartet passiert, dass es ihn verwirrte, ihm zugleich Angst einjagte und er sich doch zu ihr hingezogen fühlte. Weil er sich dieses Gefühl nicht erlaubte, es nicht zuließ, machte es ihn hart und vergiftete ihn, denn er hielt es für Schwäche. Zugeben, was er tief in seinem Innersten für sie empfand, würde er niemals, nicht einmal vor sich selbst. Nicht er, nicht Icy-Wind. Eine Schwäche einzuräumen, dafür war er nicht geboren.
Bei ihrer Gefangennahme hatte sich die weiße Frau fest vorgenommen, keinerlei Gegenwehr zu unternehmen. Das schien im Angesicht der Brutalität, mit der diese Indianer gegen sie vorgegangen waren, ratsam zu sein. Keine der Frauen wusste, was sie erwartete; aber dass sie sich ihrem Schicksal ergeben mussten, war ihnen allen klar gewesen. Sie hatten keinerlei Chance, etwas dagegen zu tun.
Doch jetzt, hier, neben diesem Krieger, regte sich in der weißen Frau Widerstand. Trotzig hob sie ihr Kinn und sagte etwas, das er nicht verstand, zischte es durch zusammengebissene Zähne hindurch. „Verfluchter Mistkerl – wage es ja nicht, mich anzurühren.“ Dann, völlig überraschend, spuckte sie ihm ins Gesicht.
Dachte sie etwa, er würde ihr das ungestraft durchgehen lassen? Ihr Respekt verschaffen? Sie wusste selbst nicht, was sie dazu getrieben hatte, das zu tun. Es war ganz einfach so passiert.
Ein kräftiger Ruck, und schon verdrehte er ihr den Arm auf den Rücken. Sie schrie auf. Schwer atmend wischte er sich langsam mit dem Handrücken den Speichel aus dem Gesicht. Ihr Widerstand kam für ihn völlig überraschend, doch damit konnte er besser umgehen, als wenn sie geweint hätte. Sein Blick fiel auf ihren Arm, den er immer noch fest umklammert hielt, und auf einen schmalen silbernen Armreif – das Einzige an Wert, das sie anscheinend besaß. Ein breites Grinsen ließ seine ebenmäßigen weißen Zähne sehen. Brutal verrenkte er ihr den Arm noch weiter, dann löste er mit einem harten Griff den Armreif von ihrem Handgelenk. Natürlich passte er ihm nicht. Immer noch grinsend hob er den Rohlederriemen über seinen Kopf, an dem Bärenkrallen und Luchszähne hingen, um den Silberreif dort zu befestigen.
Die Augen der weißen Frau verengten sich verzweifelt – kaum, dass sie die Tränen zurückhalten konnte. Der Armreif war das letzte Andenken an ihre acht Freundinnen aus der fernen deutschen Heimat gewesen. Ihre Namen Selma, Else, Marie, Gertrud, Frieda, Elise, Marta und Berta standen im Inneren eingraviert. Ihr Atem, als sie nach Luft schnappte, war ein einziges Keuchen. In Gedanken sagte sie all ihren Freundinnen ein letztes Lebewohl. Als sie sich wieder gefasst hatte, ballte sie die Hände zu Fäusten und starrte den jungen Krieger wütend an. Er sollte nicht auch noch die Genugtuung haben, sich an ihrem Leid zu weiden.
Icy-Wind musterte sie leicht amüsiert. „Du wirst mir mehr Freude bereiten als dieser armselige Schmuck hier. Er wird mich nur daran erinnern, woher ich ihn habe.“
Die Worte in dieser unmöglichen Sprache ließen sie erschauern. Ihre hellbraunen, großen, weit aufgerissenen Augen blickten an ihm vorbei in die Ferne. Sie wollte Stärke zeigen, ihm trotzen, doch dann siegte das Gefühl der Angst, und sie senkte den Blick.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, stieß er sie dicht an den Planwagen heran, vor dem sie die ganze Zeit über standen. Er kletterte hoch und zog sie gewaltsam mit sich. Sie stolperte, konnte sich aber im letzten Moment gerade noch an einer Planke festhalten, um nicht auf ihm zu landen. Dabei war sie so nahe an ihn herangekommen, dass sie seinen Körper roch. Ihre Abscheu ignorierend, deutete er mit einer weit ausholenden Geste auf das ganze Zeug, das im Inneren des Planwagens durcheinander lag. Kisten waren bereits aufgebrochen worden, der Inhalt überall verstreut. „Such dir was aus, nimm es mit. Es wird das Einzige in deinem zukünftigen Leben sein, das dich an deine Vergangenheit erinnert“, sagte er leise, aber bestimmt. Zwar verstand sie seine Worte nicht, doch die Geste war unmissverständlich. Vorsichtig schob sie einen Stapel Kleidungsstücke zur Seite, während er sie stumm, nur mit gerunzelter Stirn beobachtete.
‚Glaubst du, jetzt bin ich dir auch noch dankbar für deine Großherzigkeit?‘, dachte sie verzweifelt und unterdrückte ein Schluchzen. Dann begann sie in einer der Kisten zu graben, warf überflüssiges Zeug zur Seite und fand endlich, wonach sie suchte. Ungeduldig geworden, machte er ein Zeichen mit der Hand. Beeil dich gefälligst, sollte das heißen. Ohne zu zögern griff sie nach einem in Seidenpapier eingewickelten Stück Lavendelseife. Das war das Einzige, was sie aus der Welt – ihrer Welt, die sie an diesem Tag verlassen musste – mitnahm. Noch lange danach besaß sie ein winzig kleines Stück davon. Sie steckte dieses einzige Zugeständnis, das er ihr jemals machen sollte, in eine der Taschen ihres verschlissenen Leinenkleides.
Icy-Wind, mit sich selbst zufrieden, zerrte sie wieder nach draußen, schwang sich auf sein Pferd und fasste nach ihr. Mit einem einzigen Ruck zog er sie hinter sich. Sein Kriegspony setzte sich in Bewegung, und beinahe wäre sie heruntergefallen. Instinktiv griff sie nach seinem schweißglänzenden nackten Rücken, um sich daran festzuhalten. Der für ihre empfindliche Nase von ihm ausgehende undefinierbare Geruch ließ sie kurz würgen. Schräg vor ihrem Gesicht hing außerdem noch sein blutiges Kriegsbeil in über Kreuz geschlungenen Rohlederriemen. Als das Pony in eine schnellere Gangart überwechselte, musste sie sich wohl oder übel fester an seinen Rücken klammern.
Icy-Wind hatte sich nicht an der Plünderung beteiligt. Er war nur auf Skalps und Coups ausgewesen, auf Ruhm und Ehre. Die Beute, die er jetzt hinter sich wusste, genügte ihm vollkommen. Was brauchte er Töpfe und Pfannen, Stoff oder den anderen Kram? Er war jung und besaß noch keinen Hausstand. Crow-Wing gegenüber hatte er keine Verpflichtungen. Sie würde sich mit seiner Anwesenheit begnügen müssen. In schnellem Galopp ließ er die Planwagen und seine Kameraden hinter sich, um mit seiner Beute hinter dem nächsten Wellenberg der Prärie zu verschwinden. Er würde sich selbst beweisen, dass sie nichts weiter als eine Kriegsbeute war. Eine weiße Frau, über die er jetzt Macht besaß.
Red-Eagle, der die Kinder vor einen Planwagen gebracht hatte, untersuchte sein liebstes Kriegspony nach Verletzungen. Das kleine Mädchen hatte nicht wieder angefangen zu weinen. Es verbarg den Kopf zwischen den Knien. Nur ein leises Schluchzen stahl sich noch ab und zu aus ihrem herzförmigen Mund. Mit einem Ärmel ihres zerfetzten, ärmlich aussehenden Kleides wischte sie sich über das verschmierte, vor Schmutz starrende Gesicht. Dann betrachtete sie den jungen Krieger, der sich so zärtlich um sein Pferd kümmerte. Mit kindlicher Neugier versuchte sie, die verschmierte Maske, die sein Gesicht war, zu durchdringen. Obwohl sie erst vier war, begriff sie doch schon, dass sie vor ihm keine Angst zu haben brauchte. Red-Eagle wandte sich von seinem Schimmel ab und band sich das Lederband vom Handgelenk, das ihn vor der Bogensehne schützte.
Die beiden Knaben flüsterten lebhaft miteinander. Er nickte den Kindern zu und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Der junge Krieger blutete aus verschiedenen Wunden; das schien ihm jedoch nichts auszumachen. Im Moment genügte ihm ein Stück Stoff, das er im Vorbeigehen von einer losen Plane riss und als Verband für die schlimmsten Verletzungen gebrauchte. Sein sehniger, durchtrainierter Körper straffte sich, als eines seiner Kriegsponys freudig wiehernd vor ihm auftauchte. Mit einer liebevollen Geste, die sein bisheriges blutiges Handwerk Lügen strafte, strich er ihm über den zerzausten Kopf. Die beiden Knaben verharrten mit gesenkten Köpfen abwartend und wagten kaum, sich zu rühren. Nur das kleine Mädchen, das treu neben ihnen her stapfte, ließ den Blick nicht von Red-Eagle. Wohl hatte sie den blutigen Skalp gesehen, der ihm am Gürtel hing. In ihrer kindlichen Einfalt wusste sie jedoch nicht, was das bedeutete.
Red-Eagle hob die beiden Knaben auf den Rücken des Ponys und drückte dem älteren von ihnen den Zügel in die Hand. Obwohl das Gesicht des jungen Kriegers noch immer von der Kriegsbemalung verschmiert war, sah man sein Lächeln. Wie beiläufig bückte er sich nach dem kleinen Körper des Mädchens, zog es mit einem festen Griff hoch auf seinen Arm. Das Kind hielt ganz still, wagte kaum zu atmen; ihr kleines Herz schlug so laut, dass sie glaubte, alle müssten es hören. Mama? Ängstlich blickte sie sich um. Aber es war niemand mehr da – nur diese sonderbaren fremden Wesen. Das Haar des Comanchen streifte flüchtig ihre Wange. Sein Körper war warm. Vertrauensvoll schmiegte sie ihren kleinen Kopf in die feuchte, verschwitzte Halsbeuge und schloss die Augen. Zwar klopfte ihr das Herz immer noch laut, doch sie fand Trost bei diesem Krieger, der wahrscheinlich ihre Eltern getötet hatte.
In großen, weit ausgreifenden Schritten ging Red-Eagle mit ihr neben seinem Schimmel her; das Pferd, auf dem die beiden Knaben saßen, folgte ihnen. Ein ganzes Stück weit vom Kampfgeschehen entfernt grasten die anderen Pferde. Red-Eagle schaute sich kurz um, und als er alles in Ordnung fand, saß er auf. Das kleine Mädchen setzte er vor sich und hielt es mit einem Arm fest.
Als wäre überhaupt nichts vorgefallen, lag die weite, unendliche Grasebene im flimmernden Sonnenschein vor ihnen. Einige der schweren Pferde der Siedler waren inzwischen zurückgekommen und grasten vor der halb zerstörten Wagenburg. Eine Rauchsäule, weithin sichtbar, zeugte von dem grauenhaften Geschehen. Zwei der Krieger plünderten noch immer, warfen wahllos Gegenstände aus dem Innern der Wagen heraus. Wolf-Hunter und Antelope-Son dagegen trieben die vier Frauen mit ihren Pferden vor sich her. Eine der Frauen stolperte, Antelope-Son zerrte sie im wilden Galopp wieder hoch und schleifte sie neben seinem Pony her. Ihre Kleidung hing völlig zerfetzt an ihrem Körper; blutige, hässliche Wunden zeugten von bereits erlittenen Verletzungen, die nicht alle von den Comanchen herrühren konnten. Die Reise bis hierher hatte ihr viele Opfer abverlangt.
Inzwischen waren die anderen Krieger außer Icy-Wind und Red-Eagle zu Antelope-Son und Wolf-Hunter gestoßen. Ein kurzer, heftiger Wortschwall – dann war man sich einig. Um vier Frauen brauchten sich vier Krieger nicht zu streiten. Bei der nächstbesten Gelegenheit konnte man sie ja eintauschen. Entweder bei den Comancheros oder einer anderen Gruppe ihres Volkes, wenn sie denn genügend für sie zu bieten hatten. Jetzt erst einmal machten sich die Männer einen Spaß daraus, ihnen Obszönitäten zuzurufen oder ihnen einfach nur mit Drohgebärden zu zeigen, welche Macht sie über sie besaßen.
Kapitel 2
Dicht zusammengedrängt warteten die Frauen auf das, was die Männer mit ihnen machen würden. Ihre schlimmsten Befürchtungen standen ihnen in die Gesichter geschrieben; schließlich hatten sie im Osten genug Gräuelgeschichten über die Indianer gehört. Manche von ihnen wünschte sich, auf ihren Mann gehört zu haben, der die letzte Patrone für sie aufheben wollte. Jetzt war es dafür zu spät. Die Krieger trieben ihre Mustangs zu immer schnellerer Gangart an, umrundeten die Frauen und jauchzten vor Freude darüber, einen guten Kampf geführt zu haben – ohne eigene Verluste. Während die Frauen vor Verzweiflung, Angst und Entsetzen schrien, während vor ihnen Lanzen in den Boden gerammt wurden oder Pfeile dicht über sie hinwegflogen, lachten die Krieger und tollten herum wie ausgelassene Kinder. Vielleicht waren sie das ja auch noch ein klein wenig, denn bis auf Antelope-Son hatten sie alle nicht mehr als 16, 17 Winter gesehen. Die ihnen ausgelieferten Frauen glaubten doch tatsächlich, dass die nach ihnen geworfenen Lanzen sie treffen sollten.
Zwei etwas resolutere – eigentlich waren sie unterwegs diejenigen gewesen, die immer das Wort geführt hatten – versuchten, nach einer der Lanzen zu greifen. Es war eine Verzweiflungstat, die zu nichts führen konnte, denn schon hatten die jungen Krieger sie ihnen vom Pferd aus entwunden – lachend, nach ihnen stoßend, vorgetäuschte Attacken reitend, als wäre das nur ein Kinderspiel. Eine dritte Frau nutzte die Gelegenheit, um zu einem umgestoßenen Planwagen zu laufen, aus dem Rauch emporstieg. Hatte sie tatsächlich gedacht, die Krieger könnten nicht bis vier zählen und würden nicht merken, dass eine von ihnen fehlte? Es gab keine Möglichkeit für sie, zu entkommen.
Einer der Krieger, der eben einen Scheinangriff geritten war, holte sich seine Lanze aus dem Boden zurück, wog sie kurz in der Hand, dann schleuderte er sie hinter ihr her. Zusammen mit der Lanze brach sie schreiend zusammen. Diesmal hatte er mit voller Absicht getroffen. Eine klaffende Wunde in ihrer Schulter zeugte davon. Die Krieger johlten – gut getroffen, sollte das heißen; die Ware war nur leicht beschädigt.
Ganz in ihrer Nähe hörten sie auf einmal die junge Frau kreischen. Icy-Wind war abseits von den anderen sehr mit ihr beschäftigt. Dann herrschte plötzlich Stille. Die am Boden liegenden Frauen sahen sich an. Eine rappelte sich hoch, als Wolf-Hunter von seinem Mustang sprang. Sie hatte immer noch die Schreie ihrer jungen Begleiterin im Kopf. Mit einem kräftigen Fußtritt trat sie ihm in den Unterleib. Was auch immer sie sich dabei gedacht haben mochte, das war kein guter Einfall gewesen. Noch während sie sich keuchend mit den Armen auf ihre Oberschenkel stützte, stand er bereits wieder vor ihr. Brutal griff der kleine, 16 Winter zählende Comanche nach ihren Haaren, schleifte sie hinter sich her, als wäre sie kein menschliches Wesen, sondern nur ein Gegenstand. Nach einigen Schritten ließ er sie los, stand im nächsten Moment mit dem Messer in der Hand über ihr und warf es lässig aus dem Handgelenk heraus so nahe an ihrem Hals vorbei in den Boden, dass dabei nur ihre Haut leicht angeritzt wurde. Der Schmerz war für sie nicht schlimm; schlimmer war die Erkenntnis, dass sie ihm hilflos ausgeliefert war. Sicher, dass er sie jetzt töten würde, hielt sie sich schreiend einen Arm vor das Gesicht. Mit einem Ruck riss er ihr den Arm herunter, zwang sie, ihn anzusehen. Sein Gesicht zeigte keine Regung. Obwohl es in ihm vor Wut brodelte, riss er sich zusammen. Das hier war sein erster Kriegszug an die Grenze ihres Landes. Er wollte, dass die anderen anerkannten, wie umsichtig und beherrscht er sein konnte. Vorhin, bei den weißen Männern, hatte er keine Gnade gekannt. Doch dieses armselige, winselnde Weib hier brachte ihm keine Ehre, wenn er es tötete.
Wolf-Hunter sagte etwas in seiner gutturalen Sprache. Sie schüttelte verständnislos den Kopf. Er zeigte nach Osten, dorthin, woher sie gekommen waren, und spuckte vor ihr aus. Da wusste sie, was er meinte. Ja, wenn sie jetzt die Wahl gehabt hätte, würde sie sofort nach dort wieder zurückgehen – sogar barfuß.
In der Pose des überlegenen Siegers, der sich alles erlauben konnte, sogar Milde gegenüber einem Besiegten, steckte er das Messer zurück. Sie wagte nicht, ihren Arm wieder über ihr Gesicht zu legen, sie wagte gar nichts mehr. Jetzt wünschte sie sich, an der Stelle der Frau zu sein, die auf dem Leichenberg bei ihrem Mann und den anderen Toten lag. Was würden diese wilden Bestien weiter mit ihnen machen? Was würden sie noch alles auszuhalten haben? Sie war ohne jede Hoffnung und fügte sich in ihr Schicksal. Was auch immer noch kommen würde, sie hatte keine Kraft mehr, sich dagegen aufzulehnen. Erst als sich der junge Krieger von ihr entfernte, kroch sie auf allen vieren zu den anderen Frauen zurück. War der Traum vom eigenen Land das hier wert gewesen? Ihre Männer waren alle tot – und sie wahrscheinlich auch schon bald. Die Frauen drängten sich wieder eng aneinander und versuchten, ihre erlittenen Verletzungen so gut es ging irgendwie zu verbinden. Sie hatten dafür nur ihre Bekleidung und rissen sich Streifen von den weiten Unterröcken, dabei jeden Blick zu den Indianern hin vermeidend. Deshalb sahen sie auch nicht, dass einer von ihnen, Red-Eagle, herangeritten kam.
Sein breites Lächeln galt seinen Kameraden, die in der Nähe der Frauen weiter Kunststücke auf ihren Mustangs vollführten. Einer wollte den anderen übertreffen, angeben, besser sein. Seine wohlklingende Stimme übertönte ihr Gejohle. Es musste schon etwas Wichtiges sein, sonst hätte er sie nicht unterbrochen. Red-Eagle deutete auf die Prärie hinaus, und nun sahen es auch die anderen. Noch tauchten sie nur als bewegliche Punkte im Wellental der Prärie auf und unter. Flimmernde Gestalten, die im Licht zerflossen. Aber sie kamen stetig näher, wurden deutlicher, zeichneten sich alsbald dunkel gegen die Sonne ab. „Wir bekommen Besuch. So ein Glück an einem einzigen Tag“, rief er noch einmal.
Wolf-Hunter schlenderte dicht an der Frau, die er mit seinem Messer bedroht hatte, vorbei. Sofort begann sie zu zittern. „Vielleicht kann ich die hier ja gegen ein neues Pferd eintauschen“, damit zeigte er mit dem Kinn auf sie.
Er grinste, den Kopf schiefgelegt. Da sah er auf einmal wie ein Lausbub aus, der sich auf sein neues Spielzeug freute. Die anderen um ihn herum lachten. Der Vorschlag gefiel ihnen ebenso, das wäre ganz nach ihrem Sinn. Eilig sammelten sie ihr Plündergut zusammen, den Rest konnten die Neuankömmlinge gerne haben. Icy-Wind war nicht zu sehen; er gab auch keine Antwort, als sie nach ihm riefen. Antelope-Son, der sich als ihr Anführer ein wenig für ihn verantwortlich fühlte, zuckte nur die Schultern. Der Junge hatte sicher etwas Besseres zu tun, als sich um Kochtöpfe zu kümmern. Und doch fand er es ratsam, dass sie alle gemeinsam die Ankömmlinge empfingen – man wusste ja nie.
Unterdessen ritt Red-Eagle auf die Prärie hinaus, um sie in Augenschein zu nehmen.
Antelope-Son rief noch einmal nach Icy-Wind. Als wieder keine Antwort kam, ging er zu der Stelle, an der er ihn mit seiner Kriegsbeute vermutete. Im nächsten Wellental fand er ihn. Er stand neben der auf dem Boden liegenden, halb entkleideten jungen Frau und warf ihr gerade die Fetzen ihres Kleides zu, während der Ältere näher trat. Ihr Blick auf ihn aus weit aufgerissenen, blutunterlaufenen hellbraunen Augen drückte Panik aus, ja, unendliche Qual, Verzweiflung, Schmerz – alles auf einmal. Das wie reife Kastanien aussehende Haar hing ihr wild um die Schultern. Sie war furchtbar zugerichtet. Während sie mühsam aufstand, lief Blut an ihren Beinen hinunter, ihr zerfetztes Unterkleid war rot. Auf ihren Armen konnte man deutlich Fingerabdrücke sehen und einen tiefen Schnitt. An ihrem Kinn prangte eine Platzwunde – und diverse andere Verletzungen bezeugten, wie sehr sie sich gewehrt haben musste. Antelope-Son schüttelte angewidert den Kopf.
Icy-Wind ignorierte seinen tadelnden Gesichtsausdruck und sagte stattdessen gleichgültig: „Hab schon gesehen, Kotsoteka.“ Er winkte ab, als der ältere Mann etwas erwidern wollte. „Ich gedenke nicht, mit ihnen zu teilen – schon gar nicht diese hier“, machte er seinen Standpunkt klar.
Die junge Frau stolperte, weil er sie ungeduldig vorwärts trieb, knickte mit den Beinen weg und brach zusammen. Ungerührt bearbeitete er sie mit einem Fuß, bis sie sich wieder aufraffte. Sie stolperte erneut, riss sich zusammen und schlurfte nur mit einem Schuh, schwer atmend vor den beiden Kriegern her. So kamen sie bis zu den sich eng zusammendrängenden Frauen. Die sahen sie weder an, noch wechselten sie ein einziges Wort mit ihr. Hockten nur einfach da, vor Angst schlotternd, eingeschüchtert, eine mit einer tiefen Schulterwunde, andere nur leicht verletzt – wie Vieh, dass man zusammengetrieben hatte.
Die Jüngere, die dieser Anblick trotz ihres eigenen Leids erbarmte, fuhr sich mit fahrigen Bewegungen durch die langen, nach allen Seiten hin abstehenden lockigen Haare. Voller Entsetzen blickte sie dann auf ihre Finger, in denen ein Büschel Haare war. Das musste passiert sein, während Icy-Wind sie rücksichtslos hinter sich her gezerrt hatte. Eine Kriegsbeute, nichts weiter – und als solche würde er sie auch weiterhin behandeln. Niemanden kümmerte es, was aus ihr wurde. Er konnte sie töten, am Leben lassen, sie weiterreichen oder an die Comancheros verkaufen – ganz wie es ihm gerade beliebte. Jetzt, entgegen seiner ersten Entscheidung, gefiel es ihm nun, sie mit zurück in ihr Lager in den Llano Estacado zu nehmen. Er bedeutete ihr, sich neben die anderen Frauen zu setzen – und sie gehorchte, wissend, dass es keine Möglichkeit zur Flucht für sie gab. Inzwischen hatten die Comanchen ihre Ersatzpferde mit der Beute beladen. Manch einer war noch im Zweifel, ob er lieber dies oder jenes mitnehmen sollte.
Die Näherkommenden sollten ihnen die Wahl bereits wenig später abnehmen. Sie kümmerten sich um den Rest der Beute, und auch das Schicksal der vier Frauen schien mit dem Eintreffen der befreundeten Kotsoteka-Comanchen besiegelt zu sein. Sie waren aus dem Balcones Escarpment gekommen und mussten die Comancheria noch ca. 240 Meilen entlangreiten, um am Red-River wieder mit ihren Leuten zusammenzustoßen.
Bei ihnen befanden sich vierzig Ersatzpferde. Einige mussten gestohlen sein, denn das Zaumzeug und die Sättel sahen fremdartig aus. Sie ritten lautstark johlend zu den wartenden Comanchen, um triumphierend und stolz von ihren Taten entlang der texanischen Grenze zu berichten. Pferdestehlen galt unter ihnen als beliebter Sport. Schnell brannten drei Lagerfeuer, an denen sich die Krieger grüppchenweise niederließen. Die Neuankömmlinge hatten frisches Fleisch dabei, das sie großzügig verteilten. Das war eine willkommene Abwechslung zu dem Trockenfleisch, das die sechs Krieger in den letzten Tagen essen mussten. Bald breitete sich der Geruch gebratenen Fleisches aus. Den Frauen war trotzdem nicht nach Essen zumute. Stumm harrten sie der kommenden Dinge. Doch als ihnen achtlos Essensreste hingeworfen wurden, fielen sie wie Tiere darüber her.
Red-Eagle hielt sich meist aus den Gesprächen der Krieger heraus. Besonders was Icy-Wind betraf, hatte er seine eigenen Vorstellungen. Während dieser ganzen Zeit lag er ein gutes Stück abseits, nahe der Pferdeherde. Hinter ihm schliefen die Kinder. Es war nicht etwa so, dass er das, was Icy-Wind und diese Frau betraf, verabscheute oder verurteilte. Für ihn bedeutete das nichts anderes als sein Recht – etwas, das zum Krieg gehörte, genau wie das Skalpieren oder Beutemachen. Manche taten es eben und manche nicht. Diese Art, mit Frauen als Beute umzugehen, kam für ihn wie für viele weitere Krieger nicht in Frage. Dass er dem nichts abgewinnen konnte, war einzig und allein seine Sache.
Niemandem kam es in den Sinn, ihn deshalb zu verurteilen. Jeder Comanche hatte das Recht, zu tun oder zu lassen, was ihm beliebte. Das war ihre Art von Freiheit. Solange er der Gemeinschaft damit nicht schadete, ging es nur ihn etwas an. Was auch immer jemand mit seiner Beute machte, es hatte keinerlei Bedeutung.
So verbrachten sie die Nacht mit Essen und Schwatzen. Niemand achtete groß darauf, womit Icy-Wind sich inzwischen die Zeit vertrieb.
Kaum dass die Morgenröte den Horizont färbte, wurde mit den Kotsoteka um die vier Frauen gefeilscht. Icy-Wind stellte die junge Weiße nicht zur Verfügung. Zwar verschwendete er einige Überlegungen daran, kam dann aber doch zu dem Schluss, dass diese Frau mit den dunkelroten Haaren mehr wert war als ein Beutepferd der Tejano, so verlockend dieses Angebot auch sein mochte. Seitdem sie keine Macht mehr über ihn besaß, war er davon überzeugt, dass sie seiner Medizin auch nicht schaden konnte. Außerdem gab es da ja immer noch die Möglichkeit, sie an die Comancheros zu verkaufen, machte er sich etwas vor. Denn im Grunde genommen hatte er sich bereits anders entschieden. Jetzt spielte er sogar mit dem Gedanken, sie ganz für sich zu behalten, Crow-Wing hin oder her. Er konnte sich durchaus zwei Frauen leisten.
Nach langen, zähen Verhandlungen zogen die Kotsoteka mit den Frauen ab. Vier Comanchen waren um einige Pferde reicher und mit dem Tausch mehr als zufrieden. Wenn die Frauen Glück hatten, würden sie irgendwann von den Comancheros ausgelöst werden und konnten zurück, anstatt bei den Kotsoteka ein Sklavendasein zu fristen. Wahrscheinlich hatten die Männer das ohnehin vor, denn die Frauen waren alle nicht mehr jung, was ihnen natürlich nicht entgangen war. Niemand konnte ein Interesse daran haben, sie als Ehefrauen zu behalten.
Während sie in nordwestlicher Richtung verschwanden, blickte sich eine von ihnen ein letztes Mal um. Sie nahm das Bild, das sich ihr bot, mit ins Exil. Sah, wie ein junger, arrogant dreinblickender Indianer eine zerbrechlich wirkende junge Frau auf einem Pferd festband, die offenen schwarzen Haare vom lauen Sommerwind zerzaust. Sie hörte, wie er laut lachte und ihnen etwas Anzügliches in dieser barbarisch klingenden Sprache nachrief. Dann verschleierten die Tränen, die ihr die geschwollenen Wangen herunterliefen, den Blick auf ihre ehemalige Reisegefährtin.
Die Comanchen sammelten ihre Pferde ein, fügten die eingetauschten den Ersatzpferden hinzu und saßen auf. Red-Eagle machte den Schluss. Neben seinem liebsten Kriegspony, das er selbst ritt, trabte das Pferd, auf dem die beiden Knaben saßen. Das kleine Mädchen mit den dicken braunen Zöpfen, die es mühsam mit eigenen Händen heute Morgen geflochten hatte, saß jetzt hinter ihm, die kleinen Arme so weit sie es vermochte um seinen Oberkörper geschlungen. Ab und zu erhaschte sie einen aufmunternden Blick von den beiden Brüdern, die neben ihr ritten.
Icy-Wind setzte sich sogleich an die Spitze der kleinen Gruppe, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ein Rohlederriemen verband sein Pferd mit dem, auf dem die junge Frau saß, die Füße unter dem Bauch des Tieres zusammengebunden. Der Kopf der jungen Frau lag müde und zerschunden auf dem Hals des Pferdes. Ihre Haare – zerzaust, dunkelrot trotz Staub und Schmutz in der aufgehenden Sonne schimmernd – fielen lang und wirr über den Widerrist des Tieres.
Auf ihrem Ritt nach Westen kam die kleine Gruppe schnell voran. Die Sonne stach unbarmherzig auf ihre Körper, doch das machte den dunkelhäutigen, zähen Comanchen nichts aus. Ihre Lider waren wie gegerbtes Leder, und um in die Ferne sehen zu können, schlossen sie sie bis auf einen winzigen Spalt. Das endlos anmutende Grasmeer breitete sich vor ihnen aus. Einzelne Kreideplateaus tauchten immer öfter aus dem weiten Hügelland hervor. Über ihnen spannte sich ein blendend heller Himmel – ohne eine einzige Wolke. Nur manchmal brachte ihnen ein laues Lüftchen angenehme Kühlung. Die Mustangs liefen unermüdlich durch das hier fast brusthohe Gras, das aber, je weiter sie nach Südwesten ritten, immer trockener wurde. Erst gegen Sonnenuntergang machten sie die erste Rast. Die Pferde ließen sie frei laufen, nur die Beutepferde der Siedler und die frisch eingetauschten wurden gehobbelt. Red-Eagle teilte seinen Wasservorrat und den mitgebrachten Pemmikan mit den Kindern. Die ungewohnte Nahrung wurde dankbar entgegengenommen. Wolf-Hunter lag zusammen mit drei Männern neben niedrigem Gesträuch, das ihnen etwas Schatten bot. Ein Feuer machten sie nicht an, es gab zu wenig Brennholz dafür; außerdem hatte sich keiner von ihnen auf die Jagd nach Wild gemacht.
Icy-Wind zerrte seine Kriegsbeute vom Pferd. Sie fiel wie ein nasser Sack auf den harten Boden. Er stieß mit dem Fuß nach ihr und deutete auf einen noch grünen Strauch, etwas entfernt von den anderen. Völlig erschöpft wankte sie vorwärts. In ihrem Kopf begann es zu hämmern. Ungewohnt, so lange der prallen Sonne ausgesetzt gewesen zu sein, ließ sie sich dort einfach auf den Boden fallen. Kraftlos, ausgelaugt, mit trockenen, aufgerissenen Lippen beobachtete sie den Mann, der ihr so verhasst war. Icy-Wind hatte anscheinend endlich Erbarmen. Nachlässig warf er ihr seinen Wasserschlauch zu, den sie hastig aufstöpselte und dann gierig daraus trank. Ihre Augen folgten ihrem Peiniger aufmerksam – wie ein Tier, das nach einem rettenden Ausweg sucht.
Icy-Wind ging zu Wolf-Hunter und vertiefte sich mit ihm in ein Gespräch, das für ihre Ohren mit diesen unaussprechlichen Wörtern so fremdartig klang, dass es sie faszinierte. Unter normalen Umständen hätte sie nachgefragt, sich diese Worte ausgiebig durch Gesten erklären lassen; das hier jedoch – nein. Sie war als Lehrerin in Deutschland ausgebildet worden und hatte gehofft, im Westen dieses Landes als Erzieherin eine Stellung in einer der deutschen Siedlungen zu bekommen. Hiermit aber hätte sie nie in ihrem Leben gerechnet. Doch sie hatte trotz allem nicht vor, so schnell aufzugeben, und sann bereits darüber nach, wie sie diesen Männern entkommen konnte. Wohin – diese Frage stellte sie sich nicht. Einen Schritt nach dem anderen, erinnerte sie sich an die Ratschläge ihrer Großmutter. Irgendwann hörte sie nichts mehr von der Unterhaltung der Männer, sondern schlief einfach ein. Zusammengerollt wie ein Embryo lag sie da, von den letzten Sonnenstrahlen berührt,sich nur ab und zu herumwälzend, als träumte sie einen schrecklichen Traum.
Die Nacht zog herauf, und es wurde unangenehm kühl. Der Comanchenmond hatte eine winzige Ecke verloren. Tausende silbern blinkende Sterne standen hoch oben am Firmament. Obwohl Pferde in der Dunkelheit besser sehen konnten als Menschen, und der Mond immer noch genügend Licht spendete, wollten die Comanchen nicht weiterreiten. Sie befanden sich tief in ihren eigenen Gebieten, der Comancheria, und niemand würde sie hier behelligen. Erst kurz vor Sonnenaufgang wollten sie ihren Ritt wieder fortsetzen.
Red-Eagle breitete eine Büffelhautdecke über die dicht aneinandergeschmiegt liegenden Kinder aus. Er selbst ging zu seinem liebsten Kriegspony, dem Schimmel, um sich in seine Nähe zu legen. Wachen aufzustellen kam ihnen nicht in den Sinn. Die arroganten, selbstsicheren Comanchen sahen dafür nicht die geringste Veranlassung. Gegen Mitternacht kam Icy-Wind aus der Gesellschaft der anderen Krieger zurück zu seiner Beute. Sie mit dem Fuß gegen den Rücken stoßend, holte er nochmals aus und traf ihren Kopf. Hochschreckend glaubte sie noch in einem Traum gefangen zu sein, der auf grausame Weise Wirklichkeit wurde. In Icy-Winds einer Hand lag eine Schlinge, die er ihr über den Kopf warf und zuzog. Als sie nach Luft schnappte, lachte er auf und befestigte sie so geschickt an einem der stärkeren Äste über ihr, dass sie ihren Kopf nicht mehr senken konnten, ohne sich dabei selbst zu erdrosseln. Jedes Mal, wenn sie gerade wieder am Einschlafen war und ihr der Kopf auf die Brust fiel, wurde sie brutal hochgerissen. Damit sie sich nicht bequemer hinsetzen konnte, waren ihre Hände zusätzlich noch an die Füße gefesselt. Die ganze restliche Nacht über fand sie keinen Schlaf. Icy-Wind hatte begonnen, seine anfängliche Schwäche ihr gegenüber in Macht umzuwandeln. Der Krieger amüsierte sich, ihr dabei zuzusehen, wie sie mit der Schlinge kämpfte. Er hatte sich in seine Decke eingewickelt, um den Schlaf nachzuholen, der ihm seit Tagen fehlte.
Die Sterne verblassten langsam, da lag die weiße Gefangene völlig übermüdet, frierend, wund und zerschunden von den Bemühungen, am Leben zu bleiben, mit hochgerecktem Hals halb auf der Seite. Über dem östlichen Horizont sah man schon den ersten rötlichen Schimmer, der den neuen Morgen ankündigte. Mustangs schnaubten zufrieden, ein Kriegspony wieherte. Die Krieger begannen sich verschlafen aus ihren büffelledernen Decken zu winden.
Erste Strahlen der aufgehenden Sonne fingen sich im Haar der jungen Frau. Das Dunkelrot begann zu glühen. Icy-Wind jedoch, der diesen Moment unendlicher Schönheit verpasste, stand vor ihr und pisste auf ihre Füße.
Sie ritten an diesem Tag, bis die Sonne sich dem westlichen Horizont zuneigte, dann erst machten sie Rast. Icy-Wind zerrte seine Gefangene wieder wie am Vortag vom Pferd. Sie hatte versucht, während des Rittes zu schlafen, war aber zweimal aus dem Sattel gerutscht, obwohl er ihre Füße unter dem Pferdebauch zusammengebunden hatte. Rücksichtslos trieb er sie jetzt vor sich her bis zu dem Platz, wo die anderen bereits lagerten. Großzügigerweise gab er ihr wieder aus seinem Wasservorrat zu trinken. Dann ging er zurück zu seinem Pferd, um in seinen Satteltaschen nach Pemmikan zu wühlen. Achtlos warf er ihr einen Beutel davon zu, doch er landete etwas von ihr entfernt. Sie versuchte, sich danach zu bücken, da gaben ihre Beine unter ihr nach. Zu der Stelle robbend, raffte sie das Essen an sich und öffnete gierig den Verschluss. Das erste Mal seit ihrer Gefangennahme bekam sie von Icy-Wind etwas zu essen. Er wollte sie also nicht sterben lassen, so viel stand fest. Erst jetzt bemerkte sie das bewusst. Ohne den Kopf zu heben, begann sie ihren Heißhunger zu stillen. Icy-Wind stand unterdessen vor seinem Pferd und band von dem wenigen doch noch von ihm mitgenommen Plündergut etwas los, dass, wie sie sah, ein zusammengerolltes Handtuch war. Anscheinend kannte der Comanche den Inhalt nicht, denn er warf ihr das Tuch, so wie es war, vor die Füße. Sofort griff sie danach, riss es an sich, bemüht um eine gleichgültige Miene. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie wusste genau, dass sich in diesem Tuch das Rasierzeug eines der Männer befand, dessen Skalp jetzt an der Lanze ihres Peinigers hing. Scheinbar ruhig, obwohl ihr das Herz bis zum Hals hinauf klopfte, blickte sie hinüber zu den Kriegern.
Icy-Wind ging gerade zu Wolf-Hunter, der neben Antelope-Son und zwei anderen Kriegern stand. Red-Eagle führte die Kinder über einen kleinen Hügel weiter weg von den anderen. Da löste sie die Schnüre, mit denen das Tuch umwickelt war, vorsichtig, ohne die Männer aus den Augen zu lassen. Mit zitternder Hand ertastete sie das Stück Seife, den Pinsel, das kleine schlanke Rasiermesser. Als sie das Tuch über ihre zerschundenen Beine breitete, sah niemand, wie sie das kleine Messer in dem zerrissenen Ausschnitt ihres Kleides verschwinden ließ. Die Schnüre band sie sich um die Taille, damit die kleine Waffe nicht hinunterrutschen konnte. Die Seife steckte sie zu der anderen in die Tasche ihres Kleides, den Pinsel und das Band zum Schärfen verscharrte sie mit den Füßen in der Erde. Sie wollte kein Risiko eingehen, obwohl sie nicht glaubte, dass die Comanchen wussten, dass zu Pinsel und Seife auch ein Rasiermesser gehörte, wenn sie diese Teile hier finden sollten. Wieder blickte sie zu den Männern. Icy-Wind schien mit den anderen etwas zu verhandeln. Laute Worte gingen hin und her. Zuerst schüttelte er den Kopf, schaute sich nach ihr um, musterte sie eine Weile und nickte.
Es ging um sie – um eine Gefälligkeit, die sich Antelope-Son erbat, aber das konnte sie ja nicht wissen.
Ein Mustang schnaubte, Insekten belästigten die Tiere genauso wie die Menschen. Antelope-Son und ein anderer Comanche erhoben sich von ihrem Lagerplatz, gingen zu ihren Mustangs und ritten fort, bewaffnet mit Köcher, Pfeil und Bogen. Sie verschwanden im Hügelland, den Spuren von Gabelböcken, die ihren Weg bereits seit Mittag kreuzten, folgend. Wolf-Hunter kam mit den beiden Jungen zu der weißen Gefangenen, musterte sie scharf, dann verzog er angewidert den Mund. Er sagte etwas in seiner Sprache zu den Kindern, und zum Erstaunen der Frau schienen sie seine Worte bereits zu verstehen. In ihren kleinen Händen hielten sie lange Stöcke, die sie irgendwo aufgetrieben haben mussten. Wolf-Hunter deutete mit einer weit ausholenden Geste um sich, worauf sich die Kinder entfernten. Es dauerte nicht lange, da kamen sie mit aufgespießten trockenen Büffeldunghaufen beladen zurück. Auch einer der Comanchen hatte sich am Einsammeln dieses eigenartigen Brennmaterials beteiligt. Sie stapelten alles zu einem Haufen auf und blickten dann erwartungsvoll in die Richtung, in der die beiden Krieger verschwunden waren. Es dauerte auch nicht lange, da tauchten sie im hohen Gras wieder auf. Sie wurden mehr als freudig begrüßt, denn von dem Widerrist des einen Mustangs hing ein erlegter Gabelbock. Das Lagerfeuer brannte bereits, von Wolf-Hunter entzündet. Die beiden Jungen, die ihn dabei aufmerksam beobachteten, legten ihr eingesammeltes Brennmaterial nach Anweisungen des jungen Kriegers nach; anscheinend machte ihnen das solchen Spaß, dass sie zum ersten Mal seit ihrer Gefangennahme lachten.
Die weiße Gefangene beobachtete wachsam das Tun um sich herum. Das Wild wurde zerlegt, auf von der Rinde befreite Stöckchen gespießt, über die Flammen gehalten, bis es gar war. Wolf-Hunter, der nicht auf sein Fleisch achtgab, verbrannte es an einigen Stellen. Er biss das verbrannte Fleisch ab, spuckte es achtlos auf den Boden, um dann den innen noch blutigen Teil genüsslich zu kauen. Niemand tadelte ihn, sie lachten nur. Die weiße Frau sah erstaunt, wie die beiden Jungen herzhaft in die ihnen zugewiesenen Fleischstücke bissen, als hätten sie nie etwas anderes gegessen. Red-Eagle tauchte auch auf, holte sich seinen Anteil am Fleisch und verschwand wieder.
Icy-Wind musterte kauend seine Beute, nahm einen verkohlt am Boden liegenden Knochen und warf ihn ihr vor die Füße. Sie beugte sich vor, hob ihn auf und betrachtete ihn von allen Seiten. Er war restlos verbrannt, und sie würde hungrig bleiben. Trotzdem nagte sie verzweifelt, den Tränen nahe, an dem Knochen, immer den Blick auf ihren Peiniger gerichtet. Wolf-Hunter, dem das auffiel, schubste den neben ihm sitzenden Icy-Wind mit dem Ellbogen an und deutete mit dem Kinn, an dem das Fett vom Essen tropfte, auf die Frau. „Wenn du nicht willst, dass sie dir vom Pferd rutscht, gib ihr ein bisschen mehr Fleisch zu essen“, lautete sein Kommentar. Mit schmierigen Fingern suchte er ein gutes Bratenstück aus. „Da, gib es ihr. Wenn sie jetzt stirbt, hat niemand was davon. Die ganze Mühe, die du dir mit ihr gemacht hast, ist dann umsonst gewesen.“
Icy-Wind, dem der Hohn in der Stimme des anderen nicht entgangen war, schien das egal zu sein. Gleichgültig riss er mit den Zähnen an seinem Fleisch. Doch er musste darüber nachgedacht haben, denn irgendwie schien ihm das, was Wolf-Hunter eben gesagt hatte, nicht zu gefallen. Ein vernichtender Blick maß den Freund, dann spuckte er verächtlich einen Knochensplitter in seine Richtung. „So schnell stirbt diese da nicht. Die ist so zäh wie eine Bergkatze. Die Augen hat sie ja schon von ihr.“ Sein hageres Gesicht hellte sich jetzt auf, die dunklen, schmalen, eng zusammenstehenden Augen glitzerten im Feuerschein. Ihm war etwas klar geworden. Sich mit den fettigen Fingern durch die offenen Haare streichend, stellte er fest: „Sie ist gute Kriegsmedizin, Wolf-Hunter, glaub mir. Ich lasse sie schon nicht verhungern.“ Sein Blick huschte zu ihr. „Die Aufsässigkeit habe ich ihr ja schon abgewöhnt, vielleicht behalte ich sie ja doch.“ Die letzten Worte kamen so leise gemurmelt, dass Wolf-Hunter sie nicht mehr verstand.
Antelope-Son, der auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers kauerte, musste die Unterredung verfolgt haben, denn er nickte zustimmend. Sein von Narben entstelltes Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. „Wolf-Hunter hat recht – bring ihr ein bisschen Fleisch, sie sollte bei Kräften bleiben, besonders, wenn ich da an meine Bitte denke.“
Icy-Wind biss sich auf die schmale Unterlippe; es schien ihn zu verärgern, dass man ihn an etwas erinnerte, zu dem seine Zustimmung noch ausstand. Aber er tat, wie sie wollten, stand auf und brachte ihr ein halb gar gebratenes Stück Fleisch zu essen. Ohne sie weiter eines Blickes zu würdigen, setzte er sich wieder zwischen seine Leute.
Red-Eagle erschien erneut und setzte sich zu ihnen ans Feuer. Er hatte den beiden Jungen und dem kleinen Mädchen ein Nachtlager hinter einem der Hügel bereitet. Eine Weile musterte er einen der Krieger nach dem anderen nur stumm, bevor er das Wort an sie richtete. Dann aber klang seine Stimme laut und bestimmt. „Wir sollten einen Abstecher zum Red-River machen und unsere Wasservorräte auffüllen. Ich will das Risiko nicht eingehen, dass die unterirdische Quelle, die hier auf unserem Weg liegt, ausgetrocknet ist. In dieser Jahreszeit müssen wir damit rechnen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten stand er auf. Das war kein Vorschlag – nicht in diesem Ton, wurde den anderen klar. Die jungen Männer blickten sich, erstaunt über seinen befehlsmäßigen Ton, verdutzt an. Doch nach kurzem Nachdenken mussten sie sich eingestehen, dass er recht haben könnte.
„Deinen Rat zu befolgen, bedeutet, dass unser Heimweg dann länger dauert. Sollte die Quelle im Canyon trotzdem noch immer gutes Wasser führen, hätten wir den Umweg umsonst gemacht. Aber gut, wenn du es so siehst und das Risiko nicht eingehen willst, machen wir das eben so.“ Icy-Winds Worte klangen zwar ein wenig missbilligend, doch er wartete nicht erst auf eine Antwort der anderen, sondern stand auf. Einen Moment lang maßen sich die beiden jungen Männer mit abschätzenden Blicken. Ihr Machtkampf dauerte nun schon seit ihren Kindertagen. Icy-Wind fand, dass er noch einen kleinen Seitenhieb austeilen musste; es ging nicht ohne. „Deine eigenen Wasservorräte sind anscheinend knapp geworden. Kein Wunder, du musstest dich ja mit dem Kleinkinderkram belasten. Wenn du willst, kannst du einen Schlauch von mir haben, solltest du unterwegs Durst bekommen.“ Anmaßend machte er eine großzügige Geste hin zu seinen Sachen. „Bedien dich ruhig.“
Red-Eagle beherrschte sich. Lediglich seine geballte rechte Hand zeigte, wie ihn diese anmaßenden Worte getroffen hatten. In seinem schönen Gesicht zuckte es kurz. „Danke, aber meine Vorräte sind ausreichend“, lautete seine Antwort.
Wolf-Hunter strich sich über seinen wohlgeformten Bauch. „Also, lasst uns jetzt nicht streiten.“ Er wollte, dass die gute Stimmung zwischen ihnen nicht durch diesen immerwährenden Zwist der beiden getrübt wurde.
„Icy-Wind“, hakte jetzt Antelope-Son nach, um dem Geplänkel ein Ende zu machen. „Ich denke, jeder von uns sollte sich um seine eigenen Sachen kümmern. Kümmere du dich um deine Kriegsbeute. Doch sollte sie dir lästig werden, helfe ich gerne aus. Du kennst ja mein Angebot.“ Sein Narbengesicht verzog sich belustigt. Er drehte den Kopf zu der weißen Frau und betrachtete sie lüstern.
Icy-Wind zögerte. Wenn er sie für sich allein haben wollte, musste er das jetzt sagen und auch das Angebot von Antelope-Son ein für alle Mal ablehnen. Noch hatte er die Wahl. Die Augen der anderen waren gespannt auf ihn gerichtet. Sein arrogantes, prahlerisches Wesen kämpfte gegen das Gefühl in seinem Innersten an. Jemand wie er legte sehr großen Wert auf Anerkennung, auf Ruhm und Ehre. Besonders die Bewunderung seiner Leute bedeutete ihm viel. So viel, dass er Abstriche machen sollte?
Großspurig baute er sich vor dem wesentlich älteren Krieger auf. Nein, sagte er sich, während ihm verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf gingen.
Red-Eagle verzog bei diesem Anblick sein Gesicht herablassend. Schon hatte er eine Bemerkung auf der Zunge, beherrschte sich jedoch, wandte ihm den Rücken zu und zog sich zurück. Ein knappes Nicken, und Icy-Wind traf seine Entscheidung. Das Lagerfeuer knisterte, als er mit rauer, etwas belegter Stimme das Wort ergriff. „Ich werde schon allein mit ihr fertig, Antelope-Son. So schwer ist das gar nicht. Wenn ich Hilfe brauche, wende ich mich gerne zuerst an dich, alter Mann!“ Es sollte scherzhaft klingen und gleichzeitig wollte er damit Antelope-Son ein bisschen ärgern. Doch was war, wenn der sein Angebot erneuerte? Kurz fürchtete er sich vor seiner eigenen Wortwahl. Als Antelope-Son jedoch zu lachen begann, ja, ihm den kleinen Scherz nicht einmal übel nahm, atmete er erleichtert auf. Es würde keine zweite Aufforderung geben. Auch die anderen lachten jetzt.
Icy-Wind drehte sich zu der jungen Frau um. Sein breiter Rücken dehnte sich, während er Luft holte. Sie saß noch immer auf dem gleichen Platz wie zuvor. Blinzelte nervös, gespannt, was nun wieder kommen würde. Er streckte den Arm aus und winkte mit dem Zeigefinger. Es war klar, was er ihr damit sagen wollte.
Langsam, viel zu langsam, erhob sie sich. Den Rücken zur untergehenden Sonne, aufrecht und keineswegs unterwürfig, stand sie vor ihm, ohne seiner Aufforderung nachzukommen. Ihre dunkel erscheinende Silhouette war wie von dem Feuer übergossen, das im Westen am Horizont brannte. Orange, silberne und rote Strahlen glühten wie ein Flammenkranz in ihrem kastanienfarbenen Haar. Ihr Gesicht lag im Schatten. Niemand sah den Hass in den hellbraunen Augen. Ihre nackten, zerschundenen Beine zitterten, suchten nach einem festeren Stand. Schürfwunden, offen und bereits eitrig, zogen sich an ihnen bis unter ihren stinkenden Körper. Nur das verdreckte, zerrissene Kleid bedeckte spärlich ihre Blöße. Sie hatte sich seit dem Überfall nicht mehr gewaschen. Ihre Schenkel, wundgescheuert vom Reiten, klebten nicht nur vom Blut. Den rechten Arm presste sie über ihre an vielen Stellen von Insekten zerbissenen, aufgerissenen Brüste – dorthin, wo kein Stoff mehr reichte. Das Kinn hochgereckt und die Mundwinkel verächtlich heruntergezogen, so starrte sie jetzt ihren Peiniger an.
Icy-Wind, der vergeblich versuchte, ihre Gesichtszüge zu erkennen, blickte zu ihr hin. Jetzt bog sie den Kopf etwas zur Seite. Durch den Schatten, der noch immer auf ihrem Gesicht lag, trafen sich ihre Blicke. In diesem Moment sahen ihre Augen aus wie glühende Kohlen. Wie die Augen einer Bergkatze, die auf etwas lauert. Der junge Krieger missachtete diese Warnung, doch es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter. Die rotgoldenen Strahlen der untergehenden Sonne glühten nicht mehr nur in ihrem Haar, sie hatten sich wie ein Kranz um ihren Kopf gelegt. Der Zauber dieses Moments ließ sich nicht leugnen. Jeder der Männer musste es sehen. Alle blickten wie gebannt von dieser Erscheinung zu Icy-Wind.
Langsam senkte er seine ausgestreckte Hand. Zugleich bemerkte Wolf-Hunter Red-Eagle, der wie aus dem Boden gewachsen plötzlich hinter der weißen Frau stand. Icy-Wind sah alle Blicke auf sich ruhen und wusste, dass er etwas tun musste. Niemand sollte von ihm sagen können, er fürchtete sich vor der Magie einer weißen Frau oder ließe ihr diese Ungehorsamkeit ungestraft durchgehen. Er entschied sich für die brutale Art. Doch noch bevor sich seine Finger um ihr Handgelenk schließen konnten, erstarrte er mitten in der Bewegung. Blitzschnell hatte die weiße Frau ein aufgeklapptes scharfes, kleines Messer aus ihrem Kleid gezogen und hielt es sich an die Kehle. Die Botschaft war unmissverständlich. Lieber wollte sie sterben, als weitere Erniedrigungen zu ertragen.
Die Zeit schien stillzustehen.
Icy-Wind reagierte verwirrt, in seinem Kopf herrschte völlige Leere. Was diese weiße Frau hier zu tun beabsichtigte, konnte er nicht einordnen; das ging über seine Vorstellungskraft. Auch die anderen sahen sich ratlos an. Niemand von ihnen wollte sie tot sehen – und schon gar nicht von eigener Hand. Diese Medizin war schlecht, sehr, sehr schlecht.
Während sie die Frau immer noch anstarrten, lief ein Blutstropfen an ihrem Hals herunter. Sie drückte das scharfe Rasiermesser tiefer in die Haut. Einen Schritt, dachte sie entschlossen, macht auch nur einer von diesen verdammten Comanchen einen einzigen Schritt auf mich zu, töte ich mich. In ihrem regungslosen Gesicht schienen nur die großen braunen Augen lebendig zu sein. Unbewusst zählte sie die Männer. Verdammt, einer fehlt – wo ist der mit dem hübschen Gesicht?
„Was soll das, verrückte Tejano?“, fand endlich Icy-Wind seine Sprache wieder, wenn auch nur zaghaft. Doch er stand still, rührte sich nicht vom Fleck. Sie verstand nur das eine Wort: Tejano.
„Ihr verdammten Hurensöhne – dreckiges, verrohtes Vieh!“, schrie sie ihnen in ihrer Muttersprache, auf Deutsch, entgegen, das R besonders betonend. „Verdammt, verdammt, ich bin keine Tejano!“ Schmerz kroch ihre Kehle hoch und verengte ihre Luftröhre. Sie wollte doch nur nach Kalifornien, um dort Kinder in einer Schule zu unterrichten. Ein aufkeimendes Schluchzen krampfhaft hinunterschluckend, ihr Messer fest gegen die Halsschlagader gepresst, spie sie ihnen, jetzt englisch, nur ihren Namen deutsch aussprechend, entgegen: „Ich bin Adele Bergmann, keine Tejano! Ich habe doch mit euch überhaupt nichts zu schaffen!“
Natürlich verstanden sie sie nicht; den Männern wäre das auch egal gewesen, wenn sie die Worte verstanden hätten. Für sie waren alle Eindringlinge in ihr Land Tejano und Taibo, Weiße.
Was jetzt, ging es ihr durch den Kopf, was tue ich jetzt? Diese Mörder verstehen doch kein Wort. Sie werden nur lachen, wenn ich mich umbringe. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Verzweifelt suchte ihr Blick nach irgendeiner menschlichen Regung in den versteinerten Gesichtern. Noch einmal versuchte sie es, immer noch hoffend, dass sie jemand verstand. Doch dann wurde ihr die Wahrheit über ihr vergebliches Unterfangen klar. Verzweifelt wiederholte sie wieder und wieder die Worte: „Ihr irrt euch, ich bin nicht aus Texas, keine Tejano! Hört ihr nicht? Keine Tejano! Ich bin …“
Sie wurde jäh durch eine wohltönende Stimme unterbrochen. „Du bist Sun-In-The-Red-Hair“, rief Red-Eagle, den sie hinter sich nicht bemerkt hatte, holte mit der Handkante aus, traf ihre rechte Schläfe und fing sie in seinen Armen auf. Er hatte als Einziger ein paar ihrer Worte verstanden. Ohne auf die verblüfften Gesichter der anderen Männer zu achten, ließ er sie grob ins Gras fallen. Ihren Namen hatte er in Comanche gesprochen, so weit reichten seine Kenntnisse denn doch nicht, um ihn in ihre Sprache zu übersetzen.
Wolf-Hunter begann laut zu lachen. Antelope-Son fiel mit seinem dunklen Bass ein. Die Übrigen blickten Icy-Wind, ihren Besitzer, nur mitleidig an. Diese da hatte keinen Wert, warum sollte man sich über sie den Kopf zerbrechen? Sie wollten keinesfalls derjenige sein, der sich mit ihr herumärgern musste.
Icy-Wind hatte es die Sprache verschlagen, erholte sich jedoch schnell wieder aus seiner Benommenheit. Gute Kriegsmedizin sollte sie sein? Wohl kaum. Er musste sich getäuscht haben. Die da war weiter nichts als eine, von der er sich lieber fernhalten sollte. Wenn sie sich umgebracht hätte – oder vorhat, es noch zu tun – brachte das ihm keine Ehre. Einen Moment lang erwog er, ihr einfach selbst die Kehle durchzuschneiden. Dann erinnerte er sich an den Blick, mit dem sie ihn aus dem Schatten heraus angesehen hatte, und ihn fröstelte. „Sun-In-The-Red-Hair – pah, nenne sie, wie du willst; ich kann sie nicht gebrauchen!“, schrie Icy-Wind aufgebracht. „Ich will sie nicht mehr! Ich will mit ihr nichts mehr zu tun haben, sie verdirbt meine gute Medizin. Wir hätten sie töten und mit den anderen auf einen Haufen werfen sollen. Wer immer sie haben will – jetzt, hier, kann sie haben. Ich will nichts für sie, ich schenke sie euch! Diese dort, die Red-Eagle Sun-In-The-Red-Hair nennt, wird mit einem anderen als Eigentümer in den Llano Estacado reiten oder hier verrecken; das ist mein letztes Wort. Sie soll mir aus den Augen bleiben!“ Icy-Wind hatte gesprochen und alle hatten es gehört.
Er war zu jung, um sich für eine solche Entscheidung Zeit zu nehmen. Es war überstürzt und unüberlegt von ihm, sich so schnell gegen sie zu entscheiden, hatte er doch kurz zuvor noch ganz anders gedacht.
In diesem Moment wusste er jedoch auch ganz genau, dass er das eben Gesagte nicht wieder zurücknehmen konnte. Unmöglich – sein Stolz und sein arrogantes Wesen würden das nicht zulassen. Diese hastig hervorgestoßenen Worte sollte er den Rest seines Lebens bitter bereuen. Eine Frau wie diese Weiße gab man nicht einfach mal so auf. Er bückte sich, um ihr das scharfe Rasiermesser aus der schlaffen Hand zu winden. Kurz betrachtete er das eingefallene, bleiche Gesicht und die zusammengepressten Lippen. Ihr Anblick berührte ihn auf eine so seltsame Art, dass es schmerzte. Eine Hitzewelle stieg in ihm hoch. Etwas griff nach seinem Herzen und versetzte es in rasenden Galopp. Ein Schauer raste durch seinen Körper, bis in seine Fersen hinunter. Das Gefühl von Verlust – ja, von Trauer – ergriff von ihm Besitz. Ein solches Gefühl hatte er bisher nie gekannt. Also schüttelte er es mit Gewalt von sich ab, als wäre es nur ein Blatt, das auf seine Schulter gefallen war. Um seine Stimmung zu überdecken, betrachtete er das kleine, unscheinbar aussehende Messer in seiner Hand mit großem Staunen. In seinem Innersten musste er zugeben, dass sie mit diesem Messer, so harmlos es auch aussah, Mut bewiesen hatte – und das war mehr, als man von einer weißen Frau erwarten konnte.
Seine Entscheidung kurz überdenkend wusste er bereits unbewusst, dass sie falsch war. Zurücknehmen? Niemals ! Jetzt musste er damit leben. Er kannte das schon – manchmal war man gezwungen, Dinge zu tun, die einfach notwendig waren. Wie ein Weg, den plötzlich ein anderer kreuzt, und man sich entscheiden muss, ob der neue Weg besser ist als der alte. Manchmal stellte es sich eben heraus, dass man die falsche Entscheidung getroffen hatte, doch man konnte nicht zurück. Während er noch immer das Messer betrachtete, kamen ihm erneut Zweifel. Konnte er das wirklich nicht? Den Weg zurückgehen und weiter auf dem alten wandern? Noch nicht einmal fertiggedacht, verwarf er diesen Gedanken sofort wieder. Nein, seine Entscheidung stand fest. Diese weiße Frau kümmerte ihn nicht das Geringste mehr. Er hatte es vorhin gesagt, und dazu stand er auch jetzt noch. Fest entschlossen blickte er auf. Wie zu erwarten waren aller Augen auf ihn gerichtet. Sie hatten ihn die ganze Zeit über beobachtet. Doch seine Miene war ja undurchdringlich geblieben, nichts war nach außen gedrungen. Nicht einmal, als er kurz seine Entscheidung in Zweifel gezogen hatte, wenn auch nur einen winzigen Augenblick. Um seine Meinung zu bekräftigen, spuckte er auf die vor ihm am Boden liegende Frau. Seine Finger um das Rasiermesser gekrallt, nickte er den anderen zu. Ihm war nicht so zumute, wie es nach außen hin den Anschein hatte, doch er würde das niemals zugeben. Jetzt nicht und auch später nicht. Ohne sich um die Frau oder ihren weiteren Verbleib zu kümmern, wandte er sich seinem Nachtlager zu. Niemand sah, was ihn das für eine Überwindung kostete, wie er sich zusammenriss, um nicht doch noch umzukehren und seine einmal getroffene Entscheidung zurückzunehmen.
Und so betrat er den neuen Weg, für den er sich entschieden hatte.
Wolf-Hunter, der so seine Zweifel hegte, was das eben Geschehene betraf, und der vielleicht der Einzige war, der den Freund durchschaute, wiegte bedenklich den Kopf. Er, der feinfühlige, oftmals in Träumereien versunkene junge Mann, machte sich so seine Gedanken über Icy-Wind. Vielleicht war es ja so, und der Freund hatte recht, was die schlechte Medizin betraf. Dennoch fand er, dass Icy-Wind die falsche Entscheidung getroffen hatte. Diese Weiße ist eine starke Frau, dachte er, ihre Medizin kann nicht schlecht sein. Konnte Icy-Wind das nicht erkennen?
Antelope-Son berührte die Frau leicht mit der Fußspitze. Nachdenklich betrachtete er Red-Eagle, während er etwas sagte, das Wahrheit werden sollte: „Icy-Wind wird dir das hier nicht danken, glaub mir. Was du eben getan hast, wird ewig zwischen euch stehen. Du hättest sie besser töten sollen. Ihr beiden werdet keine Freunde mehr sein – das ist sicher. Sun-In-The-Red-Hair, so heißt sie jetzt also. Ich denke, das wird sie auch noch sehr lange bleiben, und ihren Ehemann wird sie sich selbst aussuchen, genau wie eine aus unserem Volk.“
Kapitel 3
Wie recht er damit hatte, sollte sich bald zeigen. Um die weiße Frau kümmerte sich während ihres Heimritts keiner der Männer. Es meldete auch niemand einen Anspruch auf sie an. Sie musste selbst sehen, wie sie zurechtkam. Doch sie wurde nicht mehr auf ihrem Pferd festgebunden, und sie konnte kommen oder gehen, wann oder wohin sie wollte. Doch wohin konnte sie sich in dieser für sie völlig neuen, fremdartigen und bedrohlichen Welt wenden? Außerhalb dieser engen Gemeinschaft, mit der sie unterwegs war, erwartete sie der Tod. Es blieb ihr keine Wahl. Was sie am Ende dieses Gewaltrittes in dem Llano Estacado im Lager der Antilopenbande zu erwarten hatte, davon ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Dafür wusste sie zu wenig über die Gewohnheiten der Comanchen. Das war auch gut so, denn sonst hätte sie ihrem Leben vielleicht doch noch ein Ende gesetzt.
Wie besprochen zogen die Krieger zum Red-River, um sich und ihre Pferde mit frischem Wasser zu versorgen. Sie tauchten in den Fluss ein, wuschen sich seit Langem wieder gründlich, denn inzwischen konnten sie ihren eigenen Gestank kaum noch ertragen. Erstaunt sah die weiße Frau, wie sie ihre Körper mit Sand einrieben. Damit verschwanden auch die letzten Spuren ihres Kriegszuges. Die Kinder wie auch die Frau taten es ihnen gleich.
Während sie weiterritten, saß das kleine Mädchen zusammen mit Sun-In-The-Red-Hair auf einem Pferd. Die beiden Brüder ritten schon seit einiger Zeit auf eigenen Mustangs. Es hatte ganz den Anschein, als hätten sie sich mit der neuen Situation bereits abgefunden. Nachdem sie sich nach Westen gewandt hatten, überquerten sie die Caprock-Steilhänge, die das texanische Hügelland von dem Llano Estacado trennten, passierten die unzugänglichen Felsformationen, die die Hochebene umgaben und wie Palisaden aussahen. Die Weißen nannten sie daher Staked Plains. Die Quelle, die sich aus unterirdisch hervorsprudelndem Wasser speiste, fanden sie trotz Red-Eagles Befürchtung unversehrt vor. Sie tränkten ihre Ponys ein letztes Mal ausgiebig, bevor sie in das flache, baumlose, trockene Tafelland ritten.
Sun-In-The-Red-Hair fiel weder vom Pferd, noch passierte ihr ein anderes Unglück. Die Comanchen ließen sie in Ruhe. Es gab ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen ihnen. Im Gegenzug sorgte sie für Brennmaterial, kümmerte sich um das Feuer und lernte, ihnen ihr Wild zuzubereiten. Als ehemalige Lehrerin fiel es ihr auch nicht schwer, bald einige Brocken dieser unaussprechlichen Sprache zu lernen.
Icy-Wind stand zu seinem Wort. Er mied ihre Gesellschaft und ging ihr aus dem Weg. Sie blieb jedoch vor ihm auf der Hut, ihre Wachsamkeit ließ den ganzen Weg über nicht nach. The-One-Who-Should-Not-Look-Back, dieser ihm einst von einem alten, erfolgreichen Krieger gegebener Name, sollte sich noch viel eher bewahrheiten, als er dachte, und ihn sein ganzes Leben lang an diese seine Entscheidung schmerzlich erinnern.
So erreichten sie nach langem Ritt ihre Leute im windumtosten Llano Estacado. Die etwa hundert Personen umfassende Gruppe Comanchen hatte ihr Sommerlager vor einem Canyon, durch den sich ein Fluss schlängelte, aufgeschlagen. Sie nannten sich Antilopenbande und später einmal würden sie zu den Quahari gehören, die unter diesem Namen in die Geschichte eingehen sollten. Anders als auf der weiten Ebene, wo sie in einem Kreis lagerten, verteilten sich ihre Tipis hier unregelmäßig am Flussufer entlang. Nur die Familienverbände gruppierten sich enger zusammen.
Die Ankommenden wurden stürmisch empfangen. Es war allen eine große Freude, sie gesund wiederzuhaben. Neugierige wie auch feindselige Blicke trafen die weißen Gefangenen. Das blieb aber nicht lange so. Schon vor Sonnenuntergang gab es einige Familien, die die Kinder aufnehmen wollten. Am Ende sprach ihr Friedenshäuptling und Medizinmann Great-Mountain, ein weiser Mann um die vierzig, dessen Wort Gewicht hatte und der Streitigkeiten schon an der Wurzel schlichten konnte, die beiden Jungen zwei Familien zu. Die Brüder wurden zwar getrennt, ihre jeweils neue Heimstatt lag aber nur etwa hundert Schritte voneinander entfernt. Ihrer Adoption stand nichts mehr im Wege. Für das kleine Mädchen traf Red-Eagle selbst die Entscheidung. Er brachte es zu seiner Schwester, die erst im letzten Winter ein Kind im fast gleichen Alter durch die Krankheit der Weißen verloren hatte. Wie erwartet traf es Sun-In-The-Red-Hair nicht so gut. Nachdem sie ins Lager geritten waren, überließen die Männer sie den wartenden Frauen. Einige von ihnen machten ihr das Leben zur Hölle.
Crow-Wing, die zukünftige erste Ehefrau von Icy-Wind, war am grausamsten. Sie scharte etliche Frauen um sich, dann banden sie die weiße Gefangene an einen in den Boden gerammten Pfahl. Sie schlugen und stachen mit brennenden angespitzten Holzstöcken auf sie ein. Egal, ob sie ihr die Haare versengten, sie blutig schlugen, ihre ohnehin zerrissene Kleidung dabei verbrannten oder ihre nackte Haut – sie ließen ihre Wut an ihr aus. Wut, die sich seit langem aufgestaut und zuletzt durch den Tod einiger ihrer Kinder den Höhepunkt erreicht hatte. Eine ihnen völlig unbekannte Krankheit war nach dem Besuch einer der Handelsstationen des weißen Mannes unter ihnen ausgebrochen. Es war noch gar nicht lange her, und als sie der weißen Frau ansichtig wurden, erinnerten sie sich wieder daran.
Die Jagd auf sie ging einen ganzen Tag lang, ohne dass jemand ihr etwas zu trinken oder zu essen brachte. Niemand erbarmte sich ihrer. Crow-Wing hatte im Gegensatz zu diesen Frauen andere Beweggründe, denn es war ihr nicht entgangen, wie ihr zukünftiger Ehemann mit zerknirscht aussehendem Gesicht an ihr vorbeigeritten war. Nach einigen Fragen an Wolf-Hunter wusste sie Bescheid. Rasch zählte sie eins und eins zusammen und zog die richtigen Schlüsse daraus. Sie war eine sehr eifersüchtige junge Frau und nicht bereit, der Weißen das durchgehen zu lassen. Sie aus tiefstem Herzen hassend, beobachtete sie misstrauisch das Verhalten Icy-Winds. Oh ja, stellte sie schnell fest – sie war schuld, dass ihr Liebster nicht mehr so war, wie er sie verlassen hatte.
Noch vor Sonnenaufgang des nächsten Tages begann das Ganze für Sun-In-The-Red-Hair von Neuem. Je mehr sie litt, desto eifriger ersann Crow-Wing neue Foltermethoden. Darin war sie sehr erfinderisch. Irgendwann, die Sonne begann bereits zu sinken, banden einige der Frauen sie ohne das Wissen von Crow-Wing von dem Pfahl los, an dem sie seit dem Morgen hing. Völlig erschöpft, barfuß, halb verhungert, durstig und aus unzähligen offenen Wunden blutend, hatte die weiße Frau keine Kraft mehr. So hockte sie nur noch hilflos unten am Fluss, wohin sie sich des Wassers wegen gezwungen hatte zu kriechen. Ihr Kopf lag auf ihren Knien, sie war müde und verzweifelt. Die Männer hatten sich den ganzen Heimweg über zurückhaltend und beinahe höflich ihr gegenüber benommen. Das hier aber brachte sie an den Rand ihrer Kräfte. Sie konnte sich das Benehmen der Frauen nicht erklären. Wusste nichts von dem Leid, das Weiße, wie sie eine war, über dieses kleine Volk gebracht hatten. Krankheiten und ein Überfall im letzten Jahr, während sie an einem Nebenfluss des Brazos-River lagerten, stachelten den Hass der Frauen noch an. Die Verluste waren hoch gewesen. Jetzt, bei ihrem Eintreffen im Lager, entlud sich die Wut mancher Frau, die ihren Sohn, ihren Ehemann oder einen Bruder verloren hatte. Ihre Lage schien aussichtslos. Niemand stand ihr bei, niemand hatte auch nur einen Funken Mitleid für sie übrig. Die Männer mischten sich wohlweislich nicht in die Angelegenheiten der Frauen ein. Selbst Great-Mountain hielt sich zurück. Sie vertrauten auf die Zeit, die eine Entscheidung bringen würde. Entweder ging sie zugrunde und musste eine Art Sklaven-Dasein führen, oder sie konnte sich behaupten. Auf die Möglichkeit, dass vorbeikommende Comancheros sie auslösen würden, konnte sie nicht hoffen. Dieser kleine Stammesverband lebte zu abgelegen.
Irgendwann im Laufe des nächsten Tages raffte sie sich schließlich auf. Streifte von Tipi zu Tipi am Fluss entlang, gebückt, unterwürfig, mit hohlen, hungrigen Augen. So ging sie auf die Suche nach irgendetwas Essbarem. Zu ihrem eigenen Erstaunen stellte sie fest, wie gut sie inzwischen bereits Comanche verstand. Unbewusst bekam sie so den Sinn so manchen Gesprächs mit, das zwischen den alten Männern, die immer irgendwo rauchend und schwatzend vor den Tipis saßen, geführt wurde. Noch etwas hatte sich geändert. Heute bekam sie von einigen im Lager Nahrung zugesteckt oder sogar ein kleines Lächeln. Das passierte immer, wenn sie entschlossen auftrat, nicht unterwürfig. Mehr und mehr Mitglieder der Antilopen begannen sie zu ignorieren, statt sie von ihren Feuerstellen zu vertreiben. Es gab nicht mehr so viel Feindseligkeit wie am Anfang. Nachdem sie diese Reaktion der Menschen erkannte, änderte sie ihr Verhalten. Sie wollte kein Nichts sein – sie wollte als Mensch, ja, sogar als Frau, wahrgenommen werden. Nun war sie hier, weitab jeglicher Zivilisation, weitab von ihren Träumen und Hoffnungen, und musste das Beste daraus machen.
Adele Bergmann war schon immer eine praktische und starke Frau gewesen. Hatte sie es doch – ganz auf sich allein gestellt – sogar über den großen Ozean geschafft. Was hier mit ihr passierte, war schrecklich, doch sie wollte leben – wenn es denn sein musste, auch hier bei diesen Wilden. Jedoch ein wenig, ein klitzekleines wenig, dann auch zu ihren Bedingungen.
Doch noch war ihr Leiden nicht zu Ende. Die Gefahr in Form von Crow-Wing, diesem hochgewachsenen, wohlgeformten Comanchenmädchen, wurde ihr am Abend noch einmal so richtig klar gemacht. Anscheinend hatte sie es wieder geschafft, einige der älteren Frauen um sich zu scharen. Wohin die weiße Frau auch flüchtete, sich mit letzter Kraft verkroch, immer spürten sie sie auf. Wenn sie gerade dachte, ihnen entkommen zu sein, machte sich die Gruppe mit unveränderter Härte wieder über sie her. Steine flogen, Knüppel schlugen auf sie ein. Ein angezündeter Ast versengte ihr die Haut und verbrannte einen Teil ihrer ohnehin schon furchtbar zugerichteten Haare. Die anbrechende Nacht brachte ihr etwas Ruhe. Sie konnte in einem Versteck am Fluss ein wenig schlafen. Der Tag, der dann kam, brachte keine Veränderung. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Am Ende ihrer Kräfte, völlig verzweifelt, hätte sie sich beinahe aufgegeben. Gerade suchte sie wieder einmal nach einem sicheren Unterschlupf für die kommende Nacht. Den ganzen vergangenen Tag über war sie auf der Suche nach Abfällen gewesen – immer auf der Hut, dem Mob um Crow-Wing zu entkommen. Jetzt kroch sie am Ufer zwischen den herunterhängenden Weiden hindurch, um dort Schutz zu suchen. Ihre Kleidung hing schon lange in Fetzen herab. Kaum, dass sie ihre Blöße verdecken konnte, raffte sie die Reste um ihren Körper. Die Nächte waren kalt, und sie fror erbärmlich. Ihre offenen, schwärenden Wunden machten ihr inzwischen nichts mehr aus. Der Hunger war schlimmer.
Als sie sich an diesem Tag dabei ertappte, wie sie sich mit einem der wenigen Hunde, die es im Lager gab, um ein Stück verkohlten Knochen stritt, erwachte sie wie aus einem schlechten Traum. Diese Art Herabwürdigung ihres Menschseins wollte sie so nicht länger hinnehmen. Sie besann sich auf ihre eigene Würde und beschloss, sich gegen diese Handvoll schrecklicher Frauen, die es noch immer auf sie abgesehen hatten, zur Wehr zu setzen, statt vor ihnen zu flüchten. Nicht alle hier begegneten ihr feindselig. Diese Erfahrung hatte sie bereits gemacht. Beschämt über sich selbst, dass sie sich wie ein ängstliches Tier benommen hatte, kroch sie aus ihrem Versteck. Entschlossen stand sie auf, um endlich den Kampf gegen ihre Peinigerinnen aufzunehmen. Die Tränen aus ihrem schmutzigen Gesicht wischend, fuhr sie anschließend mit den Fingern durch die widerborstig abstehenden, völlig verfilzten roten Haare. Dann ging sie hinunter zum Fluss, um sich dort zu waschen. Sie würde es ihnen allen schon zeigen. Mit hoch erhobenem Kopf, trotzig zusammengekniffenen Lippen und herausforderndem Blick aus großen, hellbraunen Augen ging sie durch das Lager. Sie war hungrig, und ihr schwindelte vor Kraftlosigkeit, trotzdem war ihr Schritt nicht mehr unsicher, ja, ihre ganze Erscheinung doch irgendwie stolz. Von einigen Feuerstellen, an denen sie vorbeikam, wurden ihr an diesem Abend wie nebenbei Fleischabfälle zugeworfen – gute Fleischabfälle. Am nächsten Morgen – in der vergangenen Nacht waren ihre Peinigerinnen zu ihrer großen Erleichterung ausgeblieben – trat aus einem der Tipis, an denen sie auf der Suche nach essbarem Abfall vorüberkam, eine Frau. Mit durchdringenden, sehr aufmerksamen Blicken musterte sie sie.
Sun-In-The-Red-Hair kam es so vor, als wäre die Frau erstaunt darüber, sie noch immer am Leben zu sehen. Stolz senkte sie weder den Blick, noch trat sie furchtsam den Rückzug an, wie sie es bisher zu tun pflegte. Die Indianerin nickte ihr mit einem leicht angedeuteten Lächeln zu und bedeutete ihr, zu warten. Dann verschwand sie im Innern des Tipis, um gleich darauf wieder mit einer Kürbisschüssel herauszukommen.
Ungläubig starrte die weiße Gefangene auf das viele Fleisch, das in einer dickflüssigen heißen, über die Maßen wohlriechenden Brühe schwamm. Bevor sie sich darüber hermachte, wischte sie ihre schmutzigen Finger an ihrem zerrissenen Kleid ab. Eine beiläufige Geste, die die Frau vor dem Tipi wohl bemerkte. Ein Gefühl der Beschämung über ihren verwahrlosten Zustand ließ Sun-In-The-Red-Hair tief erröten, während sie die ordentliche, hübsch gearbeitete Kleidung dieser Frau verstohlen musterte. Gleichzeitig stieg ein seltsames Gefühl der Stärke in ihr hoch. In diesem Moment wurde ihr klar, dass ihre Peinigerinnen sie nicht bezwingen konnten.
Die Frau, die ihr hier so freundlich gegenüber trat, mochte vielleicht dreißig Winter gesehen haben; genau konnte man ihr Alter nicht erkennen. Doch ihre Augen blickten gütig, und als sie ihr das Essen reichte, murmelte sie freundlich: „Tuhka“, Essen. Diese Frau hier stand ihr nicht feindselig gegenüber. Nachdem sie das Essen gierig hinuntergeschlungen hatte, ging sie voller Zuversicht weiter.
Im Laufe des Tages erkannte sie, dass es nur noch dieses eine Mädchen war, das sie verfolgte. Welchen Weg sie auch einschlug, wohin sie sich auch wandte – überall tauchte Crow-Wing auf. Ein paarmal gerieten sie aneinander, doch die weiße Frau war zu geschwächt, um ihr ernsthaft Widerstand leisten zu können. Wenigstens hatten ihre Begleiterinnen die Lust auf eine erneute Hetzjagd verloren. Schließlich kroch Sun-In-The-Red-Hair einen Abhang entlang, der bis zum Fluss hinunter reichte und dicht mit Gebüsch zugewachsen war. Irgendwann, so hoffte sie, würde es auch diese Frau müde werden.
Doch darin sollte sie sich täuschen, denn sie wusste gar nichts über Crow-Wing, deren Namen sie inzwischen kannte. Die hatte sich berechtigte Hoffnungen auf eine Ehe mit Icy-Wind gemacht, und nun ging er ihr aus dem Weg. Hatte er etwa vor, diese Weiße doch noch in sein Tipi zu holen? Sollte ihr ausgerechnet diese da den Platz als erste Frau nehmen? Obwohl sie durch Wolf-Hunter von dem Entschluss Icy-Winds wusste, was seinen Anspruch auf sie betraf, traute sie ihm nicht. Sie konnte er nicht täuschen. Eifersüchtig wachte sie über ihren Zukünftigen, nutzte jede Gelegenheit, um in seiner Nähe zu sein, und bemerkte sehr wohl, wie er es vermied, der weißen Gefangenen zu begegnen. Icy-Wind hatte ihr schon vor diesem Kriegszug nach Texas klargemacht, dass er sich für eine dauerhafte Bindung noch zu jung fühlte. Sie konnte warten, solange sie die einzige Frau für ihn blieb. Crow-Wing hatte für ihn viele Verehrer abgewiesen. Das schmeichelte ihm natürlich. Außerdem war zwischen ihm und ihrem Vater bereits eine Vereinbarung geschlossen worden. Er konnte nicht von ihr erwarten, dass sie tatenlos dabei zusah, wie er sich eine andere erste Frau in sein Tipi holte. Mochte er sich auch im Beisein seiner Männer anders entschieden haben – sie fühlte, dass dem nicht so war. Also verfolgte sie hartnäckig ihre angebliche Widersacherin, und es war ihr sogar egal, wenn sie dabei umkam.
An diesem späten Nachmittag bereitete sich Sun-In-The-Red-Hair in der Nähe des Ufers so gut wie möglich einen neuen Unterschlupf. Den einzigen Schutz boten die dicht herunterhängenden Erlen und Weiden. Sie bog sie bis zum Erdboden und beschwerte sie mit Steinen, so dass sie eine Art Laube bildeten. Leise plätschernde Wellen trugen sie in einen leichten Schlaf, aus dem sie immer wieder bei dem kleinsten Geräusch hochschreckte. Was der nächste Tag bringen würde, wusste sie nicht – nicht einmal, ob sie die nächsten Stunden überleben konnte, denn Crow-Wing lauerte sicher irgendwo. Immer nur einen Schritt nach dem anderen, sagte sie sich und erwartete so die Nacht. Sie hatte nichts, um sich zu bedecken, nichts, womit sie sich wärmen konnte.
Verzweifelt, frierend, hungrig, wieder einmal den Tränen nahe, lag sie auf dem bloßen Erdboden. Sehnsüchtig dachte sie an die Pferdeherde dem Fluss gegenüber, wo sie heute einen der weißen Jungen entdeckt hatte, der dort mit seinem neuen Vater in warme Decken gehüllt schlief. Wenigstens hatten es die Kinder besser als sie getroffen.
Vor Kälte konnte sie nicht wieder einschlafen, deshalb erhob sie sich und kroch aus ihrem Versteck. Etwas stimmte nicht. Geräusche von knackenden Ästen drangen zu ihr. Alarmiert horchte sie auf. Da sah sie auf einmal die freundliche Indianerin vom Morgen wieder. Sie kam über den Abhang ihr gegenüber durch wildes Gesträuch herab. Der Vollmond gab genug Licht, um Sun-In-The-Red-Hair sehen zu lassen, dass sie ein großes, gegerbtes Büffelfell über dem Arm trug. Vor ihr stehen bleibend, maßen sie sich mit Blicken. Die eine einfach nur neugierig, jedoch freundlich – die andere war sehr auf der Hut. Ohne etwas zu sagen, reichte die Indianerin ihr das Büffelfell. Sun-In-The-Red-Hair blinzelte; ihr eines Auge war noch von den Schlägen des Vortages zugeschwollen, aber ihr Herz klopfte freudig erregt. Der Mond verschwand hinter einer Wolke, und doch konnte sie das Lächeln der Indianerin in einem Gesicht sehen, das nicht schön war, aber gütig. Bevor sie etwas sagen konnte, verschwand sie wieder auf dem gleichen Weg, den sie gekommen war. Sun-In-The-Red-Hair kroch in ihren Unterschlupf zurück. Dankbar breitete sie den Umhang über sich aus.
Gerade, als sie der Schlaf überkommen wollte, wurde sie jäh aus ihrer warmen Hülle gerissen.
Crow-Wing. Einen zugespitzen Knüppel in der Hand, drosch sie erbarmungslos auf sie ein. Stach, Schimpfworte ausstoßend, mit solcher Wucht und Verbissenheit zu, dass Sun-In-The-Red-Hair sich kaum zur Wehr setzen konnte. Sie versuchte, sich mit dem Büffelfell so gut wie möglich zu schützen, doch im nächsten Moment wurde sie an den Beinen hinunter ins Wasser geschleift. Wie eine Furie schlug Crow-Wing weiter auf sie ein, bis der Knüppel endlich zerbrach. Das Letzte, was Sun-In-The-Red-Hair noch bewusst wahrnahm, waren die blutunterlaufenen Augen dieser fürchterlichen Frau, ihr geifernder, offenstehender Mund und das zerborstene Ende ihrer Waffe.
Crow-Wings wutverzerrtes Gesicht nahm nach diesem letzten Treffer einen befriedigten Ausdruck an. Sie trat einen Schritt zurück, um sich ihr Werk zu betrachten. Dabei kam ihr etwas in den Sinn. Ihre Augen huschten den Abhang hinauf. Niemand war zu sehen. Der Vollmond stand fast über ihr, doch jetzt schob sich eine Wolke davor. Sie beugte sich zu ihrem ohnmächtigen Opfer hinunter, ergriff ihre nackten Füße und zog sie weiter ins Wasser. Sie musste schnell eine Stelle für ihr Vorhaben finden, die niemandem gleich auffallen würde. Einige Schritte weiter am Ufer entlang wuchsen die Weidenbüsche bis an das Wasser. Erlen tauchten ihre Zweige hinein, überall lagen große Steine. Dort hindurch eine freie Stelle bis tiefer in den Fluss hinein zu finden, würde Zeit kosten – Zeit, die sie nicht hatte. Also musste sich Crow-Wing damit begnügen, ihr Opfer hier im flachen Wasser zu lassen. Wenigstens hingen die Weiden tief bis zu ihr herunter und verdeckten sie. Sollten die leicht ans Ufer schwappenden Wellen doch das Übrige tun. Was konnte sie denn dafür, wenn sie sie in den Fluss hinaus trugen und hoffentlich weit weg von hier. Damit hatte sie nichts zu schaffen.
Ohne nach rechts oder links zu blicken, beeilte sich das junge Mädchen mit dem Fellumhang unter dem Arm, den sie ohne groß nachzudenken mitgenommen hatte, den Abhang hinauf zu kommen. Um ihn loszuwerden, wollte sie ihn gerade achtlos ins Gebüsch werfen, da erstarrte sie plötzlich. Jemand kam ihr entgegen. Zuerst hatte sie nur ein Geräusch gehört, jetzt aber bewegten sich die Zweige des Gebüsches seitlich von ihr. Der Mond war wieder hinter der Wolke hervorgekommen und beleuchtete die nähere Umgebung. Konnte sie jemand bei ihrem Tun beobachtet haben? Diese Frau war in ihren Augen nur eine wertlose weiße Gefangene. Doch sie wusste genau, dass sie mit ihrer letzten Tat den Bogen überspannt hatte. Das Geräusch kam näher. Jemand schritt den Abhang hinunter, direkt auf den Fluss und das Versteck der weißen Frau zu. Jetzt erkannte sie die Gestalt eines Mannes und erschrak. Sie hatte jedoch keine Möglichkeit mehr, sich vor ihm zu verstecken. In dem Moment, als sie ihm gegenüberstand, ließ er den Blick über sie hinweg schweifen, sah auf sie hinunter, betrachtete das Büffelfell, holte aus und schmetterte ihr seine Handkante mit voller Wucht ins Gesicht. Der unerwartete Stoß beförderte sie zur Seite, das Büffelfell landete im Gebüsch. Sie fiel der Länge nach hin, raffte sich gleich wieder auf, um so schnell sie nur konnte davonzulaufen. Atemlos erreichte sie die Kante des Hangs und blieb oben stehen. Was sollte sie nur tun? Sie wusste sich das Erscheinen von Icy-Wind hier nicht zu erklären, schon gar nicht, warum er sie bestrafte. Er konnte doch unmöglich gesehen haben – nein. Oder etwa doch?
Alle ihre Vermutungen sah sie jetzt bestätigt. Der Schlag ins Gesicht brannte noch immer wie Feuer. Widerstreitende Gefühle stürmten auf sie ein. Wusste er, dass die weiße Frau ihr Nachtlager hier aufgeschlagen hatte? Die Eifersucht wühlte sie auf, sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Verzweifelt suchte sie nach einer Lösung. Es war zu spät. Wenn er wusste, was sie getan hatte, wie würde er reagieren? Sie jedenfalls nahm sich vor, alles abzustreiten. Völlig kopflos machte sie sich auf den Weg zurück in ihr Tipi.
Icy-Wind hatte unterdessen seinen Weg rasch fortgesetzt. Er wusste über Crow-Wings Hass Bescheid, was die weiße Frau betraf. Dafür war der Schlag gewesen. Es kümmerte ihn nicht, dass sie ihn hier gesehen hatte. Sollte sie doch denken, was sie wollte. Vielmehr fragte er sich, warum sie hier gewesen war. Um diese Zeit hatte ein junges Mädchen im Tipi zu sein. Er bückte sich zu dem weggeworfenen Büffelfell und ließ es nachdenklich durch seine Finger gleiten. Wozu hatte sie es bei sich gehabt? Und warum weggeworfen? Kopfschüttelnd verscheuchte er diese Gedanken. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, während er den Abhang eilig hinunter schritt, immer noch das Büffelfell in den Händen.
Lange hatte er damit zugebracht, die weiße Frau bei ihrer Suche nach einem Unterschlupf zu beobachten. Erst, nachdem im Lager alles ruhig geworden war, machte er sich zu ihr auf den Weg. Nach einem langen, seit dem frühen Morgen andauernden und mit sich selbst geführten Kampf stand sein Entschluss jetzt fest. Egal, was er auch einmal gesagt haben mochte – er wollte sie in seinem Tipi. Die zu erwartenden Sticheleien konnte er aushalten. Irgendwann würde das ja auch wieder aufhören. Was Crow-Wing betraf – diese Angelegenheit konnte mit ein paar Pferden für ihren Vater schon irgendwie geregelt werden, dachte er.
Zu seiner Enttäuschung fand er das Versteck der weißen Frau verlassen vor. Spuren eines Kampfes bedeckten den schlammigen Boden bis hinunter zum Fluss. Sein kundiger Blick erfasste sofort die Situation. Da entdeckte er sie im Wasser, und ihn durchfuhr ein Riesenschreck. Sie herausziehend stellte er erleichtert fest, dass sie lebte. Vorsichtig trug er sie weiter das Ufer hinauf. Hatte etwa Crow-Wing hiermit etwas zu tun? Den östlichen Horizont erhellte bereits ein heller Schimmer. Nachdenklich hockte er sich neben Sun-In-The-Red-Hair, die noch immer bewusstlos war. So ausgemergelt und unansehnlich besaß sie nicht mehr sehr viel Ähnlichkeit mit der Frau, die er mit seiner Macht bedroht hatte. Und doch ließ sie ihn Dinge tun, die ihn verwirrten. Sie war in seinem Kopf, beherrschte sein Denken. Unfähig, ohne einen Blick auf sie auch nur einen einzigen Tag ertragen zu können, entschied er sich heute Morgen gegen seine erste Entscheidung. Mochte da kommen, was wollte. Eine kleine Weile verging, während er nur ihren Atemzügen lauschte und wieder einmal mit sich haderte. Wo war der überhebliche, anmaßende Krieger geblieben, der nur sich selbst liebte und kein anderes Wort als sein eigenes gelten ließ? Der zu stolz war, zuzugeben, was diese weiße Frau ihm bedeutete? Jetzt, hier, in diesem Augenblick der Einkehr würde er viel darum gegeben haben, das Gesagte von damals ungesagt werden zu lassen. Sogar seine Brutalität ihr gegenüber bereute er.
Dann schlich sich seine Eitelkeit wieder von hinten an ihn heran. Was er jetzt vorhatte, würde ihm den Spott des gesamten Lagers eintragen, wenn auch nicht für immer. War diese Taibo das wert? Erneut kamen ihm Zweifel.
Allmählich drangen die Geräusche des heraufdämmernden Morgens in sein Bewusstsein. Er riss sich von ihrem Anblick los und schüttelte sich wie benommen. Ihre Atemzüge kamen jetzt regelmäßig. Sie musste doch frieren, ging ihm auf. Wieder stellte er sich die Frage, warum sie im Wasser gelegen hatte. Die Kampfspuren fielen ihm ein, dann Crow-Wing und deren Erschrecken. Ein Lächeln umspielte seine schmalen Lippen. Natürlich, war er sich jetzt sicher, Crow-Wing mit ihrer ewigen Eifersucht. Doch wie passte das Büffelfell hierher? Es lag nur wenige Schritte von ihm entfernt, dort, wo er es fallen gelassen hatte, und er holte es, um es über ihr auszubreiten. Sacht strich seine offene Hand über ihren Körper, ohne sie zu berühren. Wieder einmal unsicher, fasste er erneut einen Entschluss. Diese Angelegenheit hier konnte noch warten. Jetzt war sie ja versorgt. Mit Crow-Wing würde er ein ernstes Wort reden. Die Verfolgungen mussten endlich aufhören. Entschlossen trat er einige Schritte zurück. Dass er hier gewesen war, musste sein Geheimnis bleiben. Niemand durfte davon erfahren. Crow-Wing würde schweigen, denn was sie getan hatte, brachte ihr keine Ehre, wenn es herauskam. Er wandte sich von Sun-In-The-Red-Hair ab, um die Umgebung zu durchforschen. Auf keinen Fall wollte er hier bei ihr überrascht werden. Er würde seinen Entschluss noch einmal gründlich überdenken und dann entscheiden. Vielleicht morgen, vielleicht gar nicht.
Doch jemand hatte das alles längst beobachtet. Versteckt im Gebüsch lauerte Antelope-Son. Seit er gesehen hatte, wie die Frau, die er seit vielen Wintern liebte und die seine Werbungen so schmählich immer wieder abwies, dieser Weißen den Büffelumhang gebracht hatte, war er hier. Er wollte sich schon zurückziehen, aber da war Crow-Wing erschienen, und die Neugier hatte ihn gepackt. Antelope-Son konnte eins und eins zusammenzählen; Crow-Wings Eifersucht war allgemein bekannt. Das Auftauchen von Icy-Wind und sein Tun hatten ihn jedoch sehr erstaunt. Was soll´s – er würde vorerst schweigen. Vielleicht konnte man ja aus dem Gesehenen irgendwann Vorteile ziehen. Die Zärtlichkeit, mit der Icy-Wind über ihren Körper gestrichen hatte, war ihm nicht entgangen. Sich tiefer ins Gebüsch hineinduckend, beobachtete er, wie Icy-Wind noch einmal mit den Fingerspitzen über die unter dem Büffelfell liegende weiße Frau strich und sich dann langsam zurückzog. Antelope-Son reckte sich etwas vor; er wollte sehen, wohin der junge Krieger nun ging.
In tiefes Nachdenken versunken stolperte Icy-Wind über eine hervorstehende Wurzel. Er blieb stehen und nahm einen Reiter wahr, der von flussaufwärts heraufkam. Es war zu spät, um ungesehen zu verschwinden– viel zu spät, um seine Anwesenheit bei der weißen Frau zu erklären. Aber, so durchfuhr es ihn, musste er das denn überhaupt? Er schalt sich selbst einen Dummkopf. Er, Icy-Wind, war niemandem Rechenschaft schuldig.
Der Reiter kam direkt auf ihn zu. Im Dämmerlicht des heraufziehenden Morgens konnten beide zuerst nur ihre Umrisse wahrnehmen. Dann, als das Pferd heran war, erkannten sie einander. Die Mundwinkel des Reiters zuckten spöttisch. „Oh, das ist aber eine Überraschung“, sprach er Icy-Wind an. Dann aber bekam seine angenehm klingende Stimme einen drohenden Unterton. „Willst du nachsehen, ob deine ehemalige Kriegsbeute gut versorgt ist? Lässt das deine Ehre denn überhaupt zu? Ich bin Crow-Wing begegnet, sie rannte mein Pferd fast um. Ihre Flügel flatterten so wild wie die ihrer Namensgeberin, wenn sie auf ein Stück Aas trifft.“
Die Worte sprangen Icy-Wind wie eine Raubkatze an. Seine dunkle Gesichtshaut färbte sich noch dunkler. Zusehends erhärtete sich seine Miene. Eben noch um Gleichgültigkeit bemüht, wurde sie Augenblicke später hart, ja, der Zorn sprühte förmlich aus seinen eng zusammenstehenden Augen. Dieser Mann hier weiß Bescheid, glaubte er zu wissen. Sich zusammenreißend, sagte er nichts. Es war oft besser zu schweigen. Ein falsches Wort, und die Situation würde sich verschärfen, da kannte er sich gut genug. Stumm, das Pferd des anderen nur mit dem Oberarm streifend – dessen konnte er sich nicht enthalten – ging er an dem Reiter, einem bedeutend älteren Krieger, als er es war, vorbei. Als er ihm den Rücken zukehrte, stellten sich ihm sämtliche Härchen im Nacken auf. Plötzlich fror er. Niemals hätte ihn hier jemand sehen dürfen! Three-Bears würde reden. Das war gar nicht gut. Nun, sagte er sich mit Wut im Bauch, ich kann es nicht mehr ändern. Was hatte diesen Mann nur dazu bewogen, gerade hier entlangzureiten? Sein plötzliches Erscheinen fasste er als persönliche Beleidigung auf. Erst recht, was und wie er es gesagt hatte. Die Situation war für ihn höchst peinlich gewesen. Wenn das die Runde macht, dachte er, bin ich geliefert. Das wird mir noch in ewigen Zeiten nachhängen. All das ging ihm durch den Kopf, während er den Abhang hinauf schritt, vorbei an Antelope-Son, der immer noch unentdeckt ausharrte.
Was auch immer der ältere Krieger, den sie Three-Bears nannten, denken mochte, ob er es weitererzählte oder nicht, er hatte sich Icy-Wind in dieser Nacht zum Feind gemacht. Selbstgerecht, wie der junge Mann nun einmal war, kam er nicht einmal auf den Gedanken, dass es Three-Bears nicht interessierte, was er hier machte, es war ihm schlichtweg egal. Doch für Icy-Wind war diese schicksalhafte Begegnung und insbesondere, was danach folgte, Anlass genug, Three-Bears und dessen gesamte Familie für alle Zeiten zu hassen. Ahnungslos, sich für immer einen Feind erschaffen zu haben, blickte Three-Bears ihm nach. Er sah, wie er hinter dem Abhang verschwand, und wartete noch einen kurzen Moment; dann suchten seine Augen im Dämmerlicht nach der jungen Frau. Seine Schwester hatte ihm genau beschrieben, wo er sie finden würde. Vor zwei Sonnenaufgängen war er von einem ausgedehnten Jagdausflug zurückgekommen und hatte erst da von dem erfolgreichen Kriegszug erfahren. Seine Schwester wusste viel über die weiße Gefangene zu berichten; deshalb war er jetzt hier. Das Pferd, das er ritt, ein hochbeiniger rotbrauner Hengst mit heller Mähne, der von einem Raubzug stammte, setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen durch das dichte Unterholz. Three-Bears suchte die Umgebung ab, bis er die weiße Frau endlich entdeckte. Sun-In-The-Red-Hair lag noch immer nahe am Wasser – eingehüllt in das Büffelfell, von dem er wusste, dass es von seiner Schwester stammte.
Langsam erwachte die weiße Frau aus ihrer Ohnmacht. Wie war sie nur hier hergekommen? Sie erinnerte sich nur daran, dass diese gemeine Frau sie angegriffen und ins Wasser gezogen hatte. Wieso war sie nass und das Büffelfell trocken? Das Auftauchen des Reiters, der jetzt auf sie zukam, beunruhigte sie nicht weniger. Zuerst wollte sie weglaufen, doch dann besann sie sich. Weglaufen hätte keinen Sinn gehabt. Misstrauisch blickte sie ihm entgegen, eine neue grauenhafte Quälerei erwartend. Das verschwindende Licht des Mondes und der neu heraufziehende Tag mit seinem silbernen Streif am Horizont zeigten ihr das ovale, tätowierte Gesicht eines älteren Mannes mit sehr hohen Wangenknochen, einem großen, schmalen Mund, ausdrucksstarken dunklen Augen und einer geraden Nase. Seine Haare, bereits mit einigen Silberfäden darin, fielen ihm lang bis auf die nackten Schenkel. Hinter seinem Rücken schaute ein Köcher mit Pfeilen und einem Bogen hervor. Sonst trug er keinerlei Waffen, so weit sie das von ihrem Platz aus beurteilen konnte. Über den Muskeln seiner Oberarme, die mindestens so dick wie jetzt ihre Schenkel waren, spannten sich breite silberne Ringe. Seine ganze Haltung hatte keinesfalls etwas Bedrohliches. Als er sich jetzt nach hinten beugte, dachte sie zuerst, er griffe nach seinem Bogen. Dann jedoch zerrte er ein Bündel hervor, auf dem er halb gesessen haben musste.
In seinen Augen spielgelte sich kurz das spärlich heraufziehende Licht des neuen Morgens, als er es ihr zuwarf. „Anziehen“, kam es wie ein Befehl auf Comanche aus seinem Mund. Das Pferd unter ihm tänzelte etwas zurück, schnaubte, blieb dann aber wieder ruhig stehen.
Natürlich hatte sie erraten, was er von ihr wollte. Ungeschickt, wie gelähmt und doch unwillkürlich von ihm fasziniert, machte sie die Schnüre los, die das Bündel zusammenhielten. Zum Vorschein kam ein Kleid aus Hirschleder, wie es die jungen Mädchen hier fast alle trugen. Zögernd hielt sie es in ihren hart gewordenen, schwieligen Händen – jetzt zitternd und sich plötzlich der Tatsache bewusst, dass die Fetzen ihres eigenen Kleides feucht und unansehnlich waren und mehr preisgaben als bedeckten. Beschämt presste sie das Büffelfell mit gesenktem Blick an ihren Körper, griff aber nach dem Kleid und zog es sich unter dem Büffelfell über.
Im Hintergrund hörte sie die Geräusche, die vom Fluss heraufkamen. Irgendwie waren sie jetzt anders als all die Tage zuvor. Vögel machten Lärm, Frösche quakten, die Weiden bewegten sich im Wind. Verwundert hob sie den Kopf.
„Komm her!“ Seine Stimme war sanft. Ihre Blicke begegneten sich zum ersten Mal, hakten sich ineinander. Unsicher gehorchte sie. Über dem Horizont stand noch keine Sonne, doch der Himmel dahinter war bereits wie mit geschmolzenem Silber übergossen. Plötzlich drangen die ersten Sonnenstrahlen durch die Weiden am Fluss. Sun-In-The-Red-Hairs wild aufgelösten Haare glühten. Ein offenes, breites Lächeln – ein gutes Lächeln, wie sie fand – erschien auf den Lippen des Mannes, ging wie ein Leuchten in seine schwarzen Augen über. Da wurde ihm plötzlich etwas klar. Unzählige kleine Fältchen zogen sich in seinem Gesicht zusammen, dann bewegte sich sein Adamsapfel auf und ab, als müsse er schwer an etwas schlucken. „Sun-In-The-Red-Hair“, sagte er, und es klang wie eine Offenbarung. „Sun-In-The-Red-Hair“, kam es noch einmal, jetzt staunend – wie etwas, das sich bei ihrem Anblick bestätigte. Ja, seine Schwester hatte nicht übertrieben. Die Sonne war tatsächlich in ihrem roten Haar, so zerzaust und ungepflegt es auch sein mochte. Ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter und löste sich erst in seinen Waden auf. Er beugte sich leicht nach vorn, einen Arm ausgestreckt, und machte mit Mittel- und Zeigefinger eine unmissverständliche Bewegung von ihr zu sich herauf.
Sun-In-The-Red-Hair stutzte. Was wollte er von ihr? Tausend Gedanken stürzten auf sie ein. Ich? Ich?
Dann machte sie den ersten Schritt auf ihn zu. Machte ihn mit klopfendem Herzen, doch sie machte ihn. Noch einmal kam von ihm diese Bewegung, diesmal mit der ganzen Hand.
Sie zögerte erneut, zögerte zwei Herzschläge lang, dann ging sie auf sein Pferd zu. Vergiss alles, was vorher war, dachte sie entschlossen und schob sämtliche Vorbehalte beiseite. Neue Hoffnung keimte in ihr auf. Sie schätzte sein Alter auf etwas über dreißig. Doch seine Mimik, seine ganze Vertrauen einflößende Art, besonders sein Lächeln, gab den Ausschlag. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie dachte, es müsste zerspringen. Während sie noch näher kam, entdeckte sie etwas in seinem Blick, das sie tief berührte und ihr durch Mark und Bein ging. Nein, er war nicht schön. Doch das spielte für sie keine Rolle. Sein Blick war besorgt, forschend, während er ihren ausgemergelten, von Wunden bedeckten Körper betrachtete, den auch das neue Kleid nicht ganz verdecken konnte.
Endlich stand sie neben dem Pferd, das Büffelfell unbeholfen unter dem Arm. Er riss es ihr förmlich fort, verstaute es hinter sich und streckte dann mit ernstem Gesicht den Arm nach ihr aus. Sie reichte ihm entschlossen eine Hand. Mühelos hob der Krieger Three-Bears sie zu sich hoch auf sein Pferd. Plötzlich zitterte Sun-In-The-Red-Hair; sie fröstelte, und doch war ihr gleichzeitig warm. Die ganze Tragweite ihrer Entscheidung jetzt erst so richtig begreifend, schnappte sie nach Luft, stieß ihren Atem geräuschvoll wieder aus – und so gab sie ihr Leben vertrauensvoll in seine Hände.
Three-Bears ließ das Pferd einmal um sich selbst tänzeln. Das Morgenlicht spiegelte sich auf ihrer beider Haare. Wild durcheinanderflatternd, vermischte es sich, weil der plötzlich aufkommende Wind hindurchfuhr. Der Comanche ritt mit ihr den Hang hinauf, dann weiter, am Tipi seiner Schwester vorbei, die gerade herauskam, einen leeren Wassersack in der Hand. Auf ihrem schmalen, herben Gesicht lag ein wissendes Lächeln. Leichten Fußes lief sie hinüber zur Wasserstelle, den Kopf mit vielen Gedanken voll. Sie musste ein Tipi einrichten. Ihr Bruder hatte ja keine Ahnung, was alles dazugehörte. Obwohl er schon einmal verheiratet gewesen war, wussten das Männer ja nie.
Ein neuer Morgen zog herauf.
An diesem Tag wurde Sun-In-The-Red-Hair die Frau von Three-Bears.
Kapitel 4
Vor den Comancheros, die einige Monde später im Lager auftauchten, versteckte sie sich, um nicht als Weiße erkannt zu werden. Niemand dachte auch nur im Entferntesten mehr daran, sie gegen irgendetwas einzutauschen. Sun-In-The-Red-Hair wurde zu einer weißen Comanche. Zu der Schwester von Three-Bears hatte sie von Anfang an ein inniges Verhältnis. Ihr erzählte sie auch von den Ereignissen dieser einen für sie entscheidenden Nacht, in der Crow-Wing sie hatte ertränken wollen. Von Icy-Wind jedoch wusste sie nichts. Auch Three-Bears erachtete es nicht für notwendig, jemandem von seiner Begegnung mit ihm zu erzählen.
Die Monde rundeten sich, nahmen ab und rundeten sich wieder, die Zeit verging.
Sun-In-The-Red-Hair bekam zwei Söhne. Light-Cloud und Red-Bear, weil er so rote Haare hatte wie sie. Der ältere der beiden erwies sich als ein begabter Pferdeflüsterer – niemand verstand es so gut, mit Pferden umzugehen, wie er.
Die kleine Bande Comanchen zog sich tief in ihre angestammten Gebiete des Llano Estacado zurück. Sie mieden jede Zivilisation und erschienen zu keinen Verhandlungen mit den Weißen. Niemals unterschrieb einer von ihnen einen Vertrag. Bestärkt durch die Ereignisse um die Friedensverhandlungen von 1840 in San Antonio, machten sie sich nicht einmal mehr die Mühe, den Weißen Mann auch nur anzuhören. Niemals, auch nicht in tausend großen Sonnen, würden sie vergessen, dass diese Friedensverhandlungen in Gewalt und Tod geendet hatten. 33 Häuptlinge waren damals getötet worden, mit ihnen ihre Frauen und Kinder. Das war der Grund, weshalb es keinen Frieden zwischen Texas und den Comanchen geben konnte. Friedensverträge waren ihnen immer heilig gewesen, sogar der mit ihren einstigen Todfeinden – den Cheyenne, den Arapaho und einigen Apachengruppen. Einmal hatten sie sogar mit den ihnen verhassten Ute einen Waffenstillstand geschlossen. Dass sie dem Weißen Mann und im Besonderen den Texanern kein Vertrauen mehr entgegenbringen konnten, erschütterte sie zutiefst. Diese Erfahrung sollte ihre Zukunft bestimmen.
Die kleine Antilopenbande ging daher genau wie alle anderen Comanchen den Weißen aus dem Weg. Es war ihr Land, und sie waren frei. Sie führten Raubzüge entlang ihrer Grenzgebiete nach Texas hinein durch, verfolgten weiße Eindringlinge, die nach Westen wollten, verbündeten sich mit den Kiowa, den Kiowa-Apachen, den Arapaho – je nach Lage der Dinge und wenn es ihre Strategie erforderte. Die Rangertruppen der Texaner konnten ihrer nicht Herr werden. Wenn der weiße Mann sich eingebildet hatte, sie binnen kürzester Zeit von der Erde vertilgen zu können, so musste er sich eines Besseren belehren lassen. Die Comanchen blieben die Herren des südlichen Plateaus, wie sie es seit Ewigkeiten schon waren. Sie jagten Büffel und züchteten Pferde, trieben Handel mit den Comancheros, die sie als einzige in ihre Jagdgebiete ließen, und lebten weit weg von jeder Zivilisation. Sie waren ein geselliges Volk und kamen oft mit anderen Comanchengruppen zusammen. So hielten sie Kontakt zur Außenwelt und waren bestens über alles informiert.
Sun-In-The-Red-Hairs Söhne Light-Cloud, der 1840 geboren wurde, und vier Winter später Red-Bear, wuchsen inmitten anderer Comanchenkinder auf – nur ihre Haarfarbe und die etwas hellere Haut unterschied sie von ihnen. Sie machten ihrer Gemeinschaft alle Ehre. Im beginnenden Winter 1864, mit nur zwanzig Wintern, starb Red-Bear bei Kämpfen mit den Lipan-Apachen. Sein Vater, inzwischen ein ergrauter Krieger Ende fünfzig, brachte die Leiche seines Sohnes zurück in ihr Lager. Sun-In-The-Red-Hair war verzweifelt. Der Tod ihres jüngsten Sohnes traf sie besonders hart, da sie keine Kinder mehr bekommen konnte. Dann, einen halben Mond später, flatterte an einem bitterkalten Wintertag ein blauäugiger kleiner Schmetterling in Gestalt eines kleinen, vielleicht sieben oder acht Winter zählenden Mädchens zu ihnen ins Lager. Es ritt auf einem großen Kavalleriepferd, rotbraun und mit langem, weißem Behang an den Vorderbeinen. Es war eines dieser kräftigen robusten Pferde, die die Armee auch für den Transport ihrer Geschütze einsetzte. Niemand wusste, woher das Kind kam. Einige ahnten es wohl im Nachhinein, sie redeten jedoch nicht darüber, auch nicht später. Über diesen Tag legte sich hartnäckiges Schweigen.
Sun-In-The-Red-Hair hatte keine Schwierigkeiten, dieses Mädchen – nur spärlich in Fetzen gehüllt, mit blutigen, zum Teil schon verkrusteten Brandwunden bedeckt und von der eisigen Kälte gezeichnet – wegen ihrer Trauer um den verlorenen Sohn für sich zu beanspruchen. Und so blieb Blue-Butterfly, wie sie sie damals nannten, bei den Comanchen, die sich jetzt Quahari nannten, Antilopen. Ihr neuer Vater Three-Bears begann mit dem mitgebrachten Pferd eine Neuzüchtung, die überall große Bewunderung erregte. Das Kind sprach lange Zeit kein Wort – ja, weigerte sich, überhaupt mit jemandem zu reden. Sie war völlig traumatisiert, was so weit ging, dass sie viele Monde über nur apathisch im Dunkeln des Tipis unter einem großen Büffelfell verbrachte.
Als sie sich endlich für das Leben entschied, weigerte sie sich zu sprechen. Immer nur den Kopf schüttelnd, sagte sie endlich etwas, das niemand verstand. Sun-In-The-Red-Hair versuchte es irgendwann in englischer Sprache. Zu ihrem Erstaunen antwortete die Kleine. Was ihre Vergangenheit betraf, konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Sun-In-The-Red-Hair begriff instinktiv, dass das für sie den einzig möglichen Schutz bedeutete, um nicht zu zerbrechen. Was mit ihr geschehen war, sollte für immer im Dunkeln bleiben. Diese Art Schutzzauber hatte ihr wahrscheinlich das Leben gerettet.
Die englische Sprache wurde zu einem Bindeglied zwischen Sun-In-The-Red-Hair und Blue-Butterfly. Bald schon sprach sie fließend Comanche, denn sie lernte schnell. Da erinnerte sie sich an ihre Muttersprache schon längst nicht mehr, ja, sie vergaß sie sogar gänzlich. Ob sie sie wirklich vergessen hatte oder das Vergessen einfach nur dieser Schutzzauber war – wer vermochte das schon zu sagen? Niemand rührte daran, niemand bedrängte sie, nicht einer beschwor ihre Vergangenheit jemals wieder herauf. Sun-In-The-Red-Hair fand, dass es so das Beste für ihr kleines Mädchen war – hatte sie doch selbst ähnliche Erfahrungen machen müssen.
Eines Tages zeigte sie dem Kind ein Buch. Three-Bears hatte es ihr als Geschenk von einem seiner Plünderzüge mitgebracht. Das Mädchen war darüber hocherfreut, besonders die Bilder hatten es ihr angetan. Zur grenzenlosen Verwunderung Sun-In-The-Red-Hairs begann das Mädchen, den Text unter den Bildern zu entziffern. Voller Freude darüber gab ihr die neue Mutter nun Unterricht im Lesen und Schreiben; schließlich war sie einst in den Westen gekommen, um Lehrerin zu werden. Welche Ironie des Schicksals, denn jetzt konnte sie es ja sein.
Um seiner Frau eine Freude zu machen, hatte es sich Three-Bears schon lange angewöhnt, von seinen Beutezügen nach Texas hinein Papier und Schreibzeug mitzubringen. Das kam nicht oft vor, denn die meisten Menschen, die ihre primitiven Grassodenhütten inmitten der Einsamkeit im Comanchenland errichteten, waren ungebildet und Bücher rar. Manchmal war aber sogar ein brauchbares, nicht ganz zerfleddertes Buch dabei. Als sie einmal Schreibmaterial übrig hatte, begann Sun-In-The-Red-Hair, ein Tagebuch zu schreiben. Darin notierte sie alles, was ihr wichtig erschien.
Vier Winter, nachdem das kleine Mädchen bei der Antilopenbande aufgetaucht war, überfielen Ute ihr Lager. Diesmal hielten sie sich weit oben im südlichen Colorado Territorium auf. Bei diesem Überfall wurden zwei ihrer Leute getötet. Sun-In-The-Red-Hair war eine davon. Sie senkten sie in eine Felsspalte, wie es Sitte bei den Comanchen war, sitzend – das Gesicht nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen. Als Beigabe erhielt sie ihr Tagebuch und all ihren Silberschmuck, den Three-Bears ihr im Laufe der gemeinsamen Zeit geschenkt hatte.
Nach dem Zeremoniell griff er sich sein bestes Kriegspony, bemalte es und sich selbst mit schwarzer und weißer Kriegsfarbe, dann verabschiedete sich der von Trauer erfüllte Mann von seinem ältesten Sohn Light-Cloud und dem Mädchen, das zu seiner Tochter geworden war. Noch in derselben Nacht ritt er los, um die, der er all seine Liebe gegeben hatte, blutig zu rächen. Auch ihn brachten die Krieger nur noch tot zurück. Als sie ihn neben seine Frau in die gleiche Felsspalte hinunterließen, stand das damals zwölf Winter zählende Mädchen neben der Schwester ihres Vaters – und in gebührendem Abstand ihr Bruder Light-Cloud. Diese Schwester, ihre Tante, nannten beide schon immer Großmutter.
Als sie von der Begräbnisstätte zurückritten, wurden sie von zwei Männern mit dunkelblonden Haaren flankiert, deren Haut unter der Glutsonne der Plains rotbraun geworden war. Ebenso wie das Mädchen mit den dunkelblauen Augen gehörten die ehemals geraubten Knaben jetzt zum Volk der Comanchen. An ihren etwa dreizehn Fuß messenden Lanzen wehten zum Zeichen der Ehrerbietung für Three-Bears Skalps der von ihnen getöteten Feinde. Es waren auch einige helle darunter. Im Lager hatten die Frauen bereits die Tipis abgebaut und verpackt. Noch vor dem Morgengrauen brachen sie auf, zurück in den Llano Estacado. Da hieß Blue-Butterfly schon nicht mehr so. Jetzt war sie Comes–Through-The-Summer-Rain. Sie ritt neben Großmutter, beide mit vollbeladenen Travois hinter ihren Pferden. Die Mustangs ihres Vaters, dreiundzwanzig waren es gewesen – außer acht, die aus der stattlichen rotbraunen Neuzüchtung mit den weißen Behängen hervorgegangen waren – hatte Light-Cloud verschenkt. Nun kümmerte er sich um die Neuzüchtung.
Die Comanchen – dieses Volk, das sich eigentlich immer im Kriegszustand mit jemandem befand, mit den Texanern sowieso, jetzt mit den Utes, mit den Apachen im Südwesten, den Pawnees im Nordosten – konnten diesen Angriff auf ihre Leute nicht einfach so hinnehmen, das lag nicht in ihrer Natur. Deshalb ritten die Männer einen Tag später, während ihre Frauen mit den Travois weiterzogen, erneut auf Kriegszug gegen die Utes. Sie überraschten sie in ihrem Dorf und töteten zwei von ihnen. Ihre Frauen und Kinder flohen hoch in die Berge; dort ließen sie sie in Ruhe. Danach ritten sie mit Beute beladen zu ihren Leuten zurück. An Light-Clouds Lanze hing ein Skalp. Three- Bears und Sun-In-The-Red-Hair waren gerächt.
Seitdem waren in stetigem Kampf um ihre Gebiete drei Winter vergangen. Sie zogen noch immer gegen die Texaner in den Krieg. Die Siedler, die tiefer und tiefer in ihre Gebiete vorrückten, passten sich der Kriegsführung der Comanchen an und vergalten Gleiches mit Gleichem. Beide Seiten schenkten sich nichts. Nur kämpften die Indianer darum, mit ihren Familien auf dem Land, das sie liebten, zu überleben. Sie kämpften für die Erde unter ihren Füßen und den Himmel, der sich weit über ihnen spannte. Für die Büffel, die ihre Lebensgrundlage bildeten, und die unendliche Weite, die sie mit ihren kleinen zähen Mustangs durchmaßen. Sie kämpften für ihre Freiheit. Es war ein aussichtsloser Kampf. Im Namen der Zivilisation entschuldigte man alles. Auch den Mord an einem Volk, das mit seiner Weisheit und seinem Wissen dieser Zivilisation so viel hätte geben können.
Noch beherrschten die Comanchen den Großteil ihrer Comancheria. Zurückgedrängt zwar von Siedlern, die als Einwanderer aus der alten Welt gekommen waren, machten sie noch immer ihrem Ruf alle Ehre. Wo sie auftauchten, verbreiteten sie Angst und Schrecken. Der Comanchenmond hatte seine Bedeutung nicht im Mindesten verloren.
Kapitel 5
Inzwischen war es 1871.
Der Indianersommer mit seinen tausend Farben im Spiel des Lichts ging seinem Ende zu. Die Sonne glühte noch einmal vom Himmel, als die Antilopenbande von Kundschaftern einer anderen Quaharibande gesichtet wurde. Deren Späher berichteten von einem Trupp Kavallerie im Blanco Canyon. So weit hinein nach Nordwesttexas hatten sich die Soldaten noch nie gewagt. Es handelte sich um Oberst Mackenzie mit einem Teil seiner 4. Kavallerie, deren Oberbefehlshaber er war und zwei Kompanien Infanterie. Die Comanchen kannten ihn unter dem Namen Mangoheute, No-Finger-Chief, Bad Hand. Sogar den zwanzig Tonkawa-Scouts, die er dabeihatte, war dieses für sie gefährliche Gebiet des Llano Estacado nicht bekannt. Voller Hass blickten die Comanchen auf diese Scouts. Sie sahen in ihnen noch immer die Menschenfresser, als die sie bei ihnen verrufen waren.
Ein Kriegshäuptling der Quahari-Comanchen, den sie Quanah, Smells-Good, nannten, obwohl er eigentlich den Namen Kiwihnai, Eagle, verdient hätte, jung und zu allem entschlossen, schickte daraufhin Herolde zu den kleinen, verstreut lebenden Banden, um die Krieger zu den Waffen zu rufen. Viele folgten seinem Ruf, denn er war zu dieser Zeit bereits berühmt. Die Texaner kannten ihn später unter dem Namen Quanah Parker; seine weiße Mutter war eine Texanerin gewesen.
Ohne zu zögern entschlossen sich auch 18 Krieger der Antilopenbande, seinem Ruf zu folgen. Sie ritten unter der Führung des von ihnen als Kriegshäuptling gewählten Red-Eagle, um sich ihm in diesem Kampf anzuschließen. Oben, auf der Hochgrasprärie des Blanco Canyon führten sie einen erfolgreichen Guerillakrieg gegen Mackenzie und spielten Katz und Maus mit dessen Männern. Als schließlich ein Kälteeinbruch erfolgte, zog sich die Kavallerie zurück.
Aber Mackenzie sollte schon ein Jahr später wiederkommen.
XXX
Der Comanchenmond stand hell leuchtend am Himmel, umgeben von tausend Sternen. Sein Licht spiegelte sich in einem der vier Quellflüsse, die später den Red-River bildeten und sich durch Canyons und Grasebenen schlängelten. Das kleine Flüsschen verschwand hinter bewaldeten Anhöhen und durchquerte eine weitere Ebene, bevor es in einen schmalen Waldstreifen abbog. Als es wieder zum Vorschein kam, war es breiter und schneller geworden.
Etwa achthundert Mustangs grasten in einem riesigen Canyon, durch den sich der Fluss über glatte Felsplatten und terrassenförmige Aufbauten weiter seinen Weg bahnte. Dort an den Ufern standen weit auseinandergezogen in etwa vier Meilen Länge die Tipis der Antilopen in unregelmäßigen Abständen – manche einzeln, einige aber auch in kleinen Familienverbänden.
Ein kleines Stück lang wurde der Fluss von einer steil aufragenden Böschung, die zum Wasser hin sanft abfiel, beherrscht. Dort befand sich die Badestelle der Frauen. Vor einigen Tipis, die dahinter am Fluss entlang standen, brannten Feuer, und die zuckenden Flammen malten Schatten auf die Menschen, die davor saßen oder im Unterholz ihr Lager für die Nacht aufgeschlagen hatten. Weitere Tipis konnte man zwischen den weit auseinandergezogenen Flussbiegungen hinter Bäumen und Weidengebüsch versteckt oder unmittelbar am Wasser stehen sehen.
Noch waren die herbstlichen Temperaturen so angenehm, dass sie die Nächte draußen verbrachten.
Mustangs verschiedener Farben und Zeichnungen, die nicht in der großen Herde untergebracht waren, grasten im gesamten Einzugsbereich des Lagers zwischen Tipis und Menschen. Kriegsponys waren es vor allem, die ihre Eigentümer ungern aus ihrer Reichweite ließen. Es herrschte eine friedliche Stille, nur unterbrochen von lautem Lachen, das gedämpft zu dieser Nachtzeit vom Fluss heraufhallte.
Hinter der Uferböschung badete eine kleine Gruppe junger Frauen und Mädchen, plantschte genüsslich in den Fluten oder lag ausgestreckt am sandigen Ufer. Einige von ihnen wuschen sich gegenseitig die Haare mit Flusssand, tauschten Neuigkeiten aus oder ergingen sich in allgemeinem Tratsch und Klatsch. Ihr lautes, ungehemmtes Lachen klang bis zu den vier jungen Kriegern herauf, die oben auf der Böschung in einem Versteck lagen. Das helle Mondlicht beleuchtete den Strand und ebenso die nackten Gestalten, die dort unten im kalten Wasser lagen. Neun Mädchen zwischen vierzehn und achtzehn badeten im Mondschein. Zwei von ihnen stiegen jetzt ans Ufer, wrangen ihre langen Haare aus, banden Lederriemen oder bunte Bänder hinein und setzten sich dann in Decken gehüllt an den Strand. Die übrigen sieben staksten tiefer ins Wasser hinein, bis es ihnen über die Schenkel schwappte. Die meisten der Mädchen konnten schwimmen, aber es gab auch einige, die nur wie Hunde durch das Wasser paddelten. Die Männer hatten es zwar alle gelernt, legten jedoch keinen besonderen Wert darauf, als beste Schwimmer zu gelten. Sie waren ein Volk von Reitern, nicht von Schwimmern.
„He, Summer-Rain, gib‘s zu – du würdest liebend gern besser schwimmen können. Frag doch Großmutter; die kann es dir bestimmt beibringen!“
Die so Angeredete stieg aus dem Wasser, wandte sich um und schüttelte den Kopf. Ihre langen, nassen Haare klebten ihr an den bloßen Hüften. „Dann wäre ich ja ein Fisch, Weasel, vielleicht aber auch ein Otter!“ Sie lachte und rannte – nackt wie sie war – durch den Sand und ein Stück die Böschung hinauf. Es stimmte – Großmutter konnte perfekt schwimmen, sogar richtig lange tauchen. Darin machte sie sogar manchem Krieger etwas vor. Im hellen Mondlicht fiel auf, dass bis dorthin, wo vorher bei Summer-Rain das Kleid endete, ihre Haut an beiden Oberschenkeln voller verwachsener Brandnarben war. Wenn man genauer hinsah, konnte man auch an ihrem rechten Oberarm diese schlangenförmigen Vertiefungen erkennen.
Die anderen kamen jetzt ebenfalls aus dem Wasser. Weasel, eine achtzehn Winter zählende, etwas untersetzte kleine Comanchenfrau, griff nach einem Tuch aus Baumwolle und begann, sich damit abzutrocknen. Lächelnd warf sie der anderen einen verstohlenen Blick zu, während die mit den Fingern durch ihre nassen Haare fuhr. „Ein Otter also – ein komischer Otter mit blauen Augen!“
Summer-Rain runzelte die Stirn. „Besser ein Otter mit blauen Augen als eine lahme Ente“, kam prompt ihre Antwort.
Daraufhin warf Weasel ihr das Tuch an den Kopf. Geschickt fing es die Freundin auf und rubbelte sich damit trocken. Inzwischen standen auch die anderen um sie herum und trockneten sich ab. Ihr lachendes Geschwätz ging so weiter, Worte flogen hin und her, Scherze machten die Runde. Eines der Mädchen, mit einem sehr hübschen Gesicht, stand – eingewickelt in eine dünne Decke – vor dem seichten Wasser und spielte mit den Zehen im Sand. Ihr Blick flog suchend über den Fluss – dorthin, wo auf der anderen Seite – schräg gegenüber einige Pferde grasten und wohl auch die dazugehörigen Krieger nicht weit weg sein konnten. Den, den sie suchte, nicht findend, drehte sie ihren üppigen Körper wieder herum, warf die nassen Haare kokett nach hinten und stapfte durch den Sand zu ihren Freundinnen. Trotz der umgewickelten Decke, die eng an ihrem Körper anlag, wippten ihre großen Brüste, während sie ging. Der Mond ließ jede Einzelheit ihrer Formen erkennen. Die jungen Krieger oben auf der Uferböschung stupsten sich grinsend an.
Unten warfen sie sich jetzt ihre Kleider wieder über, doch die heimlichen Beobachter hatten anscheinend noch nicht genug. Die, die vorhin mit Summer-Rain angeredet worden war, begann ihr überaus üppiges Haar hin- und herzuschwenken, so dass der Wind es trocknen konnte. Ihre langen Beine steckten bereits in sorgfältig gearbeiteten Leggins. Das Kleid, das sie darüber trug, schmiegte sich eng an ihren noch feuchten Körper. Endlich waren ihre Haare trocken. Zufrieden verschränkte sie die Arme über ihre noch wenig gewölbte Brust. Auch ihre Blicke wanderten ab und zu über den Fluss zu den Männern. Die Entfernung zu ihnen war groß, doch wenn man wusste, wen man suchte, dann konnte man ihn schon erkennen. Von dort hallten soeben laute Rufe herüber. Einige der Männer trieben ihre Pferde ins Wasser und begannen mit wilden Spielen. Summer-Rains Freundinnen, schon besser entwickelt als sie, besonders die Hübsche, machten sich gegenseitig darauf aufmerksam.
„Du kannst dich noch so sehr strecken“, hörten die Krieger oben auf ihrem Aussichtsposten eines der Mädchen sagen, „dich mit deinen kleinen Brüsten schaut sowieso keiner an!“ Es war die mit dem hübschen Gesicht, die sich nach ihren Worten kokett im Kreis drehte. Es machte ihr sichtlich Spaß, das Mädchen zu verhöhnen. Einige der Mädchen drehten sich nach der so Beleidigten um, verkniffen sich jedoch jeden Kommentar. Alle sahen nur sehr interessiert, als gäbe es nichts anderes auf der Welt, hinüber zum anderen Ufer des Flusses.
Auch die Aufmerksamkeit eines siebzehn Winter zählenden Mädchens galt den jungen Kriegern dort, aber eigentlich sah sie nur einen. Zaghaft, verstohlen winkte sie hinüber, obwohl sie wusste, dass er das nicht sehen konnte. Der, den sie meinte, ritt aus dem Wasser heraus und begann, auf seinem Pferd waghalsige Kunststücke zu zeigen. Sie tat gleichgültig, so, als interessierte sie das alles nicht, denn niemand würde auf die Idee kommen, dass das ihr galt. Wie beiläufig faltete sie sorgfältig ihre mitgebrachte Decke Kante auf Kante zusammen. Anschließend setzte sie sich umständlich darauf, Summer-Rain einen Platz anbietend. Mit hochgerecktem Kinn blickte sie sich um, gleichgültig die Lippen gespitzt. Da fiel ihr auf, dass zwei ihrer Gespielinnen ihr Winken nach drüben bemerkt hatten, und drehte sich von ihnen weg. Ihr langes, schmales Gesicht konnte man nicht als besonders anziehend bezeichnen, doch ihre Augen blickten groß und ausdrucksvoll. Immer wieder strich sie sorgfältig über die Decke, als müsse sie Falten glätten, die gar nicht vorhanden waren. Die beiden bereits verheirateten Frauen neben ihr, die ihr Winken bemerkt hatten, schüttelten nur die Köpfe. Ungläubig betrachteten sie das unscheinbare Mädchen, dem niemand hier eine Liebschaft zutraute. Die mit dem schönen Gesicht ging, jetzt nur ein Tuch um die Hüften geschlungen, einige Schritte zurück ans Wasser. Noch einmal suchte sie das andere Ufer nach jemandem ab. Nach einer Weile des Starrens wandte sie sich endlich enttäuscht wieder um und ging mit wiegenden Hüften zu ihren Freundinnen zurück.
Unter denen war unterdessen ein Streit ausgebrochen. Es ging anscheinend um die Chancen, die sie bei den jungen Männern hatten. Die Krieger auf der Uferböschung über ihnen konnten zu ihrem Leidwesen nicht alles verstehen. Dann jedoch klang die laute Stimme von Weasel bis zu ihnen.
„Magic-Flower, he, du brauchst doch nur wie eine Hirschkuh mit deinem Hintern zu wackeln. Wir wissen doch alle, wie sehr ihm das gefällt.“
Das Mädchen lachte, und andere fielen mit ein, da setzte Weasel noch eins drauf: „Deinen Reizen kann er ja doch nicht widerstehen, schnapp ihn dir endlich. Sein Tipi ist reich bestellt, und außerdem ist er unser bester Mann“, schmeichelte sie ihr weiter. Eine andere warf etwas ein, was die jungen Männer wieder nicht verstanden, aber jetzt antwortete die mit Magic-Flower angeredete Schöne – zwar nicht sehr laut, doch es war trotzdem zu hören.
„Ich wünschte, es wäre so einfach, kleine Weasel; du hast recht, ich sollte es wirklich einmal darauf anlegen“, flötete sie mit ihrem herzförmigen Mund. Die Mädchen in ihrer Nähe musternd, wartete sie anscheinend auf eine Bestätigung.
Ein Nicken kam von ringsum – bis auf Summer-Rain und das Mädchen neben ihr auf der Decke. Die pustete entrüstet ihre Backen auf, bevor sie der Schönen mit dem ebenmäßigen Gesicht, den hohen Wangenknochen und gut proportionierten Rundungen an den richtigen Stellen entgegenrief: „Als ob du das nicht schon längst vorhättest!“
Magic-Flower machte ein beleidigtes Gesicht, doch es war alles nur gespielte Entrüstung. Sie kannte ihre Vorzüge – alles an ihr war perfekt. Daran konnte auch diese hässliche, neidische Hirschkuh nichts ändern. Das Mädchen, das es als einzige gewagt hatte, ihr so etwas zu sagen, rückte sich in eine bequemere Position, während sie sich eine Haarsträhne auf den Rücken schnippte. In ihrer Frisur konnte man glitzernde Perlenschnüre erkennen, und plötzlich fragte sich Summer-Rain, wer sie ihr wohl geschenkt haben könnte.
Dream-In-The-Day, so hieß ihre Freundin, blickte der Schönen herausfordernd ins Gesicht und wies mit der Hand auf den schmalen Weg, der nach oben zurück auf den Hauptweg und damit am schnellsten zu einem gewissen Tipi führte. „Tu doch nicht so, Magic-Flower“, rief sie ungerührt. „Du würdest doch alles dafür geben, wenn du nur eine Ermunterung von ihm bekämst, um schnurstracks auf diesem Weg dort zu ihm zu rennen. Gib es zu – ich kenne dich lange genug. In deinem Kopf dreht sich doch schon seit ungezählten Monden alles nur noch darum, wie du ihn am schnellsten für immer in ein Tipi locken kannst!“
Sie hatte in einem ziemlich ernsten Ton sehr langsam – die letzten Worte besonders betonend – gesprochen, und ihre Rede war noch nicht zu Ende. Sie war einfach nur erbost darüber, wie ihre beste Freundin soeben von Magic-Flower beleidigt worden war. Bevor noch jemand etwas erwidern konnte, brach es aus ihr heraus. „Wie ich die Sache sehe, hat er schon längst das Interesse an dir verloren. Du warst weiter nichts als eine Kerbe in seiner Bettstelle, und das wirst du auch bleiben – da kannst noch so sehr mit deinem fetten Hintern wackeln.“
Langsam – die Stille, die plötzlich eintrat, auskostend – fühlte sie nach einem der Perlenschnüre auf ihrem Kopf. Das Nächste, was kam, sagte sie mehr zu sich selbst, dennoch war es deutlich genug zu hören. „Seit wir aus dem letzten Winterlager aufgebrochen sind ,läuft zwischen dir und Storm-Rider nichts mehr. Was immer sich in deinem Kopf festgesetzt hat, es ist alles nur Einbildung. Mit Worten täuschst du andere, nicht mich. Ich mag vielleicht manchmal tagsüber träumen, aber die Wahrheit erkenne ich allemal.“
Die betretenen Blicke der Anderen völlig ignorierend, fuhr sie fort: „Eines ist klar, du warst weiter nichts als eine wärmende Bettdecke für ihn, während draußen der Schnee fiel. Doch so kennen wir ja alle unseren Storm-Rider, so ist er nun einmal.“ In das noch immer herrschende betretene Schweigen hinein meinte sie leichthin, an keine Bestimmte gewandt: „Immer auf sein eigenes Vergnügen bedacht. Was hast du erwartet? Dass er drei seiner kostbaren Pferde für dich gibt? Da kannst du lange warten, du bist ihm kein einziges wert. Für dich hat er wahrscheinlich nur eine besonders große Kerbe in seine Bettstelle gemacht.“ Als hätte sie nie etwas gesagt, betrachtete sie jetzt die Perlenschnüre in ihren Haaren.
Magic-Flower schnappte nach Luft. Das konnte sie so nicht auf sich sitzen lassen. „Was weißt du denn schon über mich und Storm-Rider?“, schnappte sie erbost.
Ihr Gesicht bekam eine dunkle Färbung. Ihre Freundinnen hoch erhobenen Hauptes betrachtend, sprudelte es nur so aus ihr heraus, so dass es jeder, auch die Männer über ihnen, hören konnten: „Er hat viel Zeit mit der Ausbildung seiner neuen Pferde verbringen müssen, das wisst ihr alle! Außerdem ist er mit dreien seiner Freunde auf Kriegszug gewesen, wenn du dich erinnerst. Weil sein Vater mit den Kriegern zu Quanah geritten ist, hatte er außerdem für seine Mutter zu sorgen. Er ist unser bester Mann – das hat Weasel ganz richtig gesagt. Great-Mountain hat ihm für diese Zeit zusätzliche Verantwortung aufgebürdet; da hatte er eben nicht so viel Zeit für mich!“
Einen bösen Blick auf das Mädchen Dream-In-The-Day werfend, das sie ungerührt weiter betrachtete, spitzte sie ihren schönen Mund. Unwillkürlich duckten sich ihre engsten Freundinnen. Wenn Magic-Flower aufgebracht war, musste man es sich dreimal überlegen, ob oder was man sagte. Am besten war man still. Einige von denen, die sich einbildeten, ihre Freundinnen zu sein, wollten dieses Privileg nicht riskieren, indem sie ihre Schadenfreude offen zeigten.
Dream-In-The-Day – das Mädchen, das nicht dazugehörte – war nicht im Geringsten von ihren Worten beeindruckt. „Ich rede nicht von dem, was ein Mann und Krieger wie er tun muss“, sagte sie deshalb, „sondern davon, was er tun will. Mit dir seine Zeit verbringen gehört jedenfalls nicht dazu. Er scheint überhaupt das Interesse an sämtlichen Mädchen – nicht nur an uns hier – verloren zu haben. Ich erinnere mich da an den Besuch der Nokoni zur Zeit der gelben Blumen. Unser Storm-Rider hat sich überhaupt nicht für ihre Mädchen interessiert, so sehr sie ihm auch schöne Augen gemacht haben. Solche Gelegenheiten hätte er sich früher niemals entgehen lassen. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist – seit einiger Zeit benimmt er sich nicht mehr wie der Storm-Rider, den ich kannte. Das ist gut so, denn dieser neue Storm-Rider gefällt mir viel besser. Mit dir hat das jedenfalls wenig zu tun!“
Dream-In-The-Day hatte gar nicht gemerkt, wie die anderen ihr mit weit aufgerissenen Augen zugehört hatten. Es kam selten vor, dass sich jemand erdreistete, Magic-Flower die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Die Schöne selber war ziemlich aufgebracht. „Dream-In-The-Day“, schrie sie deshalb lauter als beabsichtigt, „du weißt doch gar nicht, wovon du sprichst. Wenn ich du wäre, würde ich mich ganz ruhig verhalten, denn von Liebesdingen verstehst du nämlich gar nichts. Bisher hast du ja noch keinen abbekommen.“
Triumphierend deutete sie auf die andere Seite des Flusses hinüber. „Ich sehe dort keinen, der auch nur einen einzigen Blick für dich übrig hat – oder etwa doch? Vielleicht hast du ja eben einen der Männer verscheucht, weil ihm dein Getue mit den Perlenschnüren zu langweilig ist!“
Dann – gewahr werdend, wie sich zwei der verheirateten Frauen vielsagend anstießen – stemmte sie die Hände in die Hüften und baute sich vor Dream In The Day auf. „Du denkst doch wohl nicht, dass die Kunststücke, die die dort drüben veranstalten, dir gelten? Da kannst du hinüberwinken, so viel du willst; kein einziger interessiert sich wirklich für dich.“
Die Mädchen wagten kaum, Dream-In-The-Day anzusehen. Irgendwie tat sie ihnen jetzt leid. Der kleine Wortwechsel hatte sich zu einem ausgewachsenen Streit entwickelt. Was Magic-Flower eben gesagt hatte, war wirklich gemein. Fast alle empfanden das so, doch nicht eine wagte es, ihr offen zu widersprechen. Da schwieg man lieber, als es sich mit ihr zu verderben. Die Mädchen sahen sich nur betreten an. Es war allgemein bekannt, dass sich die beiden oft stritten. Dream-In-The-Day sagte immer frei heraus, was sie dachte – mochte sie sonst auch ziemlich still und bescheiden auftreten.
Auch jetzt ließ sie nicht lange auf eine Antwort warten. „Wir wissen doch alle, dass deine Zunge mir gegenüber ungerecht ist, weil ich hier die Einzige bin, die sich traut, dir die Wahrheit in dein schönes Gesicht zu sagen. Es ist mir völlig egal, was du von mir denkst. Doch, wenn du meine Meinung hören willst“ – sie hielt inne, bereute bereits, was sie sagen wollte, platzte dann aber doch damit heraus: „Ich glaube nicht, dass Storm-Rider auch nur noch einen einzigen Gedanken an dich verschwendet. Ihr hattet mal was – schön und gut; das ist lange her, und es ist weiter nichts daraus geworden. Finde dich endlich damit ab. Er hat sich dummerweise einmal auf dich eingelassen. Schön mit dem Hintern wackeln kannst du ja, und du weißt auch, wie man einem jungen Mann die Sinne verwirrt; das ist aber auch schon alles. Manchen Männern reicht das eben nicht.“
Das hatte gesessen. Dream-In-The-Day, die sich ihrer Worte durchaus bewusst war und sich mit Absicht damit für die vorangegangene Behandlung rächen wollte, verzog herablassend den Mund. Es kam nicht sofort eine Erwiderung; Magic-Flower war sprachlos. Da sagte sie mit Spott in der Stimme: „Mach dir nichts daraus, das ging allen anderen auch schon so mit diesem Mann, du warst nur eine von vielen.“
Magic-Flower war immer noch sprachlos. Sie riss ihre schönen Augen weit auf und starrte die andere an. Es fehlten ihr tatsächlich einmal die Worte. Einige der Mädchen begannen jetzt, lautstark durcheinanderzureden. Sie protestierten gegen das, was Dream-In-The-Day von sich gegeben hatte, wollten die Freundin damit trösten, dass das alles nicht stimmte. Dream-In-The-Day schwieg jetzt. Summer-Rain, die zu allem noch kein Wort gesagt hatte, war bei den letzten Worten des Mädchens blass geworden. Jetzt erhob sich Dream-In-The-Day – und sie ebenfalls. Doch irgendwie konnte sie noch nicht von hier weg. Wie gebannt starrte sie auf Magic-Flower, die von ihren Freundinnen umringt war.
Die gefaltete Decke unter dem Arm, machte sich Dream-In-The-Day allein auf den Weg nach oben. Für sie hatte der Badespaß ein Ende. Sie kam nur wenige Schritte an dem Versteck der vier jungen Männer vorüber, ohne sie zu sehen. So viel Spitzfindigkeit hätten sie Dream-In-The-Day gar nicht zugetraut. Unbewusst war sie der Wahrheit ziemlich nahe gekommen.
Magic-Flower warf unten am Wasser unterdessen entrüstet den Kopf in den Nacken. Sie musste erst einmal zu sich kommen, Zeit gewinnen, die Worte von Dream-In-The-Day widerlegen. Ihr nachblickend rief sie ziemlich laut, so dass sie es noch verstehen musste: „Ich denke, die, die dort geht, weiß überhaupt nichts. Sie ist nur neidisch. Dass er mich will, gefällt ihr nicht, vielleicht will sie ihn ja selber?“ Wütend stampfte sie mit einem nackten Fuß in den Sand, während ihre Freundinnen bei dieser Vorstellung kicherten.
„Er will mich!“, rief sie noch einmal. „Dream-In-The-Day weiß gar nichts; Storm-Rider und ich, wir sind zusammen – auch wenn es manchmal nicht so aussieht. Oder will mir etwa jemand erzählen, dass er sich für eine andere interessiert?“
Nicht, dass sie wüsste, doch es könnte ja immerhin sein – das flüsterte jetzt eines der Mädchen ihrer Nachbarin ins Ohr. Es hatte ihr gefallen, wie Dream-In-The-Day mit Magic-Flower umgegangen war.
Die hatte es gehört, denn sie funkelte das Mädchen wütend an und sah sich gezwungen, ein für alle Mal etwas klarzustellen: „Wir sind immer noch zusammen – oder besser gesagt: schon wieder. Es stimmt, eine Zeitlang sind wir beide in verschiedene Richtungen gegangen. Das hat Dream-In-The- Day anscheinend verwechselt. Er ist zu mir zurückgekommen. Zu mir – das beweise ich euch. Ich gehe zu ihm, noch in dieser Nacht. Es gibt da einen Platz im Wald, der immer unser Treffpunkt war. Bis Sonnenaufgang werde ich ihn dort zu beschäftigen wissen – und was die alten und die zukünftigen Kerben in seiner Bettstelle betrifft: Die gelten alle mir.“
Triumphierend schaute sie die Mädchen der Reihe nach an. Magic-Flower konnte sehr überzeugend sein. Während sie weitersprach, klang sie sehr bestimmt. „Auf jeden Fall schlafe ich heute Nacht nicht in meinem eigenen Tipi. Sucht schon mal das Kochgeschirr hervor, das ihr mir zur Hochzeit schenken wollt.“
Als niemand einen Einwand wagte, blickte sie eine Freundin nach der anderen an, Summer-Rain völlig ignorierend; sie gehörte nicht zu diesem Kreis. „Morgen früh, nach der Nacht mit Storm-Rider, werdet ihr sehen, dass ich mit stolz erhobenem Kopf zu meinem Tipi reite. Wetten, dass ich noch vor dem nächsten Winterlager seine Frau bin?“
Die Mädchen wechselten Blicke, einige nickten. Die, die noch Zweifel hatten, schwiegen. Natürlich trauten sie sich nicht, das laut auszusprechen. Storm-Rider war ein begehrter junger Krieger – und so oft, wie er seine Liebschaften wechselte, war es unwahrscheinlich, dass er sich so schnell, wie Magic-Flower es behauptete, festlegen würde. Die wischte sich die nassen Haare aus der Stirn, während sie noch einmal ihre Worte bedachte. Zwar hatte sie nicht die Wahrheit gesagt, was die ernsthaften Absichten Storm-Riders betrafen, doch ihrer Überzeugung nach auch nicht gelogen. Sie bildete sich ein, unwiderstehlich zu sein.
Nach einem Moment des Schweigens ringsum meinte sie hinter vorgehaltener Hand, als müsse sie ein Geheimnis daraus machen: „Erzählt das ja nicht meiner Mutter; die meint schon lange, mein Vater sollte einmal ein ernstes Wort mit Storm-Rider und seinem Vater reden.“ Sie lachte und da fielen die anderen etwas verspätet mit ein. Summer-Rain nicht. Ihr Kleid begann im Nachtwind zu trocknen, während sie sich, den Blick hinüber auf die andere Seite des Flusses gerichtet, etwas von den Mädchen entfernte. Wie alt mochte sie wirklich sein? Sie wusste es nicht genau, fünfzehn oder sechzehn Winter? Langbeinig, flachbrüstig, dünn– so sah sie sich selbst. Doch von ihr ging eine Faszination aus, der sich kaum jemand entziehen konnte. Mit Magic-Flowers Schönheit konnte sie sich natürlich nicht messen. Und doch war sie schön, nur anders eben. Etwa so wie eine noch geschlossene Blume. Vielleicht in einigen Monden, vielleicht erst in einem weiteren Winter würde sie so aussehen, wie sie jetzt schon versprach zu werden. Besonders ihre Augen. Unter langen, gebogenen, schwarzen Wimpern erstrahlten sie in einem dunklen Blau. Tiefschwarze Haare, die den ausgebreiteten Flügeln einer Krähe ähnelten, fielen in langen Wellen schwer auf ihren Rücken hinunter. Manchmal standen sie nach allen Seiten hin ab. Ihre schmale, gerade Nase war ein wenig zu groß für ihr Gesicht, die vollen Lippen geschwungen. Wenn sie lächelte, konnte man ihre weißen, ebenmäßigen Zähne sehen, von denen nur unten zwei etwas schief standen. Leicht hervorstehende Wangenknochen betonten noch ihr ovales Gesicht. In die gerade, hohe Stirn fielen jetzt leicht gewellte Locken.
„He, Summer-Rain, wohin schaust du denn?“, wandte sich Weasel mit ihrem runden, vollen Gesicht neugierig zu ihr um. Die so Angeredete zeigte mit dem Arm hinüber zum anderen Ufer. „Mein Bruder ist dort drüben.“ Dann verwundert, als würde ihr das eben erst klar: „Ich glaube sogar, mit meinem liebsten Pony – er wird ihm wieder neue Tricks beibringen.“
Sie verstummte, kniff die Lippen fest aufeinander und drehte sich rasch von den Mädchen weg, denn sie hatte an etwas ganz anderes gedacht. In ihren Augen standen Tränen. Der silberne Schein des vollen Mondes ließ sie auf ihren Wangen glitzern. Rasch wischte sie sie weg, doch niemand hatte etwas bemerkt.
Die Krieger oben auf ihrem Lauschposten mussten jetzt endlich genug haben, denn sie zogen sich zurück. Den Klatsch der Mädchen hatten sie bald schon wieder vergessen. Was sie sehen wollten, hatten sie gesehen. Ohne ein Geräusch zu verursachen, verschwanden sie in der Dunkelheit. Sie trennten sich, durchaus ihrer Missetat bewusst, und gingen jeder seiner eigenen Wege. Ihre Interessen für heute Nacht unterschieden sich kaum voneinander, denn bei den Comanchen vergnügte man sich bereits vor der Hochzeit. Niemand fand etwas dabei, wenn sie sich heimlich mit den jungen Mädchen trafen. Erst, so bald es öffentlich wurde, bekam das eine andere Bedeutung. Was Magic-Flower heute Nacht vorhatte, war ja laut genug von ihr angekündigt worden, so dass durchaus Storm-Riders Freiheit in Gefahr sein konnte, wenn er nicht aufpasste. Wenn das eine Falle war, dann war sie geschickt aufgestellt. Die jungen Männer, die das mit angehört hatten, dachten gar nicht daran, ihm das zu sagen. Er war Manns genug, um selber seine Entscheidungen zu treffen.
Drüben, auf der anderen Seite des Flusses, beschäftigte sich Light-Cloud noch immer mit der Stute von Summer-Rain. Obwohl er nicht wissen konnte, ob sie ihn überhaupt sah, schickte er ihr mit den Händen Zeichen hinüber. Sie war erleichtert, von den Mädchen fortzukommen, und es ging ihr gar nicht schnell genug. Auch die anderen wollten jetzt los. Sie verabschiedeten sich voneinander, dann schlenderten sie die Uferböschung hoch, trennten sich unten auf der anderen Seite, um von hier aus zu den Tipis ihrer jeweiligen Familie zu gelangen.
Kurze Zeit später griff sich Summer-Rain eines der Pferde – eine kleine sanftmütige Stute, die zwischen den beiden Tipis ihrer Familie graste – und schwang sich auf deren Rücken. Zwei Tipis waren es, weil es nicht anging, dass der Bruder im selben wie die Schwester wohnte. Darauf achtete man streng. Sogar enger Kontakt wurde weitestgehend vermieden. Das mit Knoten fixierte Halfter, an dem nur links ein langer Zügel hing, über die Nase des Ponys gestreift, so ritt Summer-Rain die Uferböschung bis an das flach auslaufende Ende entlang. Dort folgte sie der Biegung des Flusses, um an einer flachen Stelle hinüber auf die andere Seite zu wechseln. Die aufspritzende Gischt schlug über ihr zusammen, während sie in übermütigem Galopp durch das Wasser pflügte.
Light-Cloud sah ihr amüsiert entgegen. Der älteste Sohn von Sun-In-The-Red-Hair brachte wenig später seinen Mustang an ihre Seite. Dabei achtete er wie immer sorgsam darauf, einen gewissen Abstand zwischen ihnen zu halten.
„He, ich hab dich schon eine Weile von drüben aus gesehen! Schämt ihr Krieger euch denn nicht, so nahe an unserer Badestelle eure Pferde zu trainieren?“, rief sie lachend. Nach außen hin völlig bei der Sache, war sie in Gedanken immer noch bei den Gesprächen der Mädchen. Auch ihr Bruder hatte da eine gewisse Rolle gespielt. Über ihn als einen sehr begehrten, gutaussehenden Junggesellen gab es schließlich immer etwas zu reden. Sie konnte sich deshalb nicht verkneifen, ihm das brühwarm mitzuteilen. „Meine Freundinnen sind ganz schön sauer, dass du schon 31 Winter zählst, ohne dir eine Frau gesucht zu haben. Es wird Zeit, meinen sie. Einige von ihnen sind nicht abgeneigt, das zu übernehmen, ich kann sie dir gerne einmal vermitteln.“
Erst stutzte er, wusste nicht, ob sie das im ernst meinte; dann aber merkte er, dass es nur ein Scherz war, und lachte über das ganze Gesicht. Mit einer Hand fuhr er sich durch die dunkelbraunen, dichten Haare. Im Sonnenlicht bekamen sie oft einen rötlichen Schimmer; das Erbe seiner Mutter Sun-In-The-Red-Hair. „He, kleine Wildkatze“, meinte er, „zerbrecht euch deswegen nicht eure schönen Köpfe! Warum eine heiraten, wenn ich viele haben kann?“
Sie konnte auf diese für ihn typische Antwort nur mit dem Kopf schütteln. „Du bist verrückt, großer Bruder“, sagte sie, „aber ehrlich, es wird endlich Zeit für dich.“
Sie ritt jetzt neben ihm. ‚Kleine Wildkatze‘ sagte er manchmal zu ihr, seit sie dem Blue-Butterfly entwachsen war. Außerdem nannte er sie als Einziger, wenn es um ernste Sachen ging, bei ihrem vollen Namen, Comes-Through-The-Summer-Rain, nicht einfach nur Summer-Rain. Irgendwie hatte sie ja recht, musste er zugeben. Er kümmerte sich nicht im Geringsten um die Mädchenherzen, die er gebrochen hatte. Darin waren er und Storm-Rider sich ähnlich. Natürlich sagte sie das nicht, stattdessen sprach sie etwas an, das alle im Lager schon einen halben Mond lang beschäftigte. „Nimm dir ein Beispiel an Icy-Wind. Der holt sich gerade eine zweite Frau. Eigentlich ja schon eine dritte, wenn man die letzte nicht mitrechnet, die er verstoßen hat. Du könntest dich auch mal langsam entscheiden – wenigstens für eine; Bewerberinnen gäbe es mehr als genug.“
Es stimmte, Light-Cloud konnte fast jede haben. Nur an Magic-Flower hatte er nie auch nur das geringste Interesse gezeigt, kreisten ihre Gedanken wieder um das schöne Mädchen. Sie brachte sie einfach nicht aus ihrem Kopf. Ich muss das endlich lassen, dachte sie voller Wehmut. Aber wie konnte man etwas einfach lassen, das so weh tat, wenn man nur daran rührte? Sie ließ ihr Pony in langsamem Schritt gehen.
Ihr Bruder hielt weiter gebührend Abstand, sein Grinsen bemerkte sie trotzdem. Er wusste genau, wie seine Chancen bei den Mädchen standen. Er dachte gar nicht daran, sich an eine zu binden, nur um eine warme Bettstelle zu haben. Da brauchte es schon mehr. Deshalb fiel seine Antwort auch prompt kurz und bündig aus. „Dräng mich nicht, kleine Wildkatze, die Richtige wird schon noch irgendwann kommen!“ Er warf den Kopf zurück, so dass seine langen, offenen Haare auf seinem Rücken hin und her schwangen. Nachdenklich musterte er dann seine Schwester, die in etwa zwei Armlängen Abstand neben ihm ritt.
„Mach dir um mich keine Sorgen“, nuschelte er vor sich hin. Weiterredend, jetzt lauter, klang seine Stimme traurig. „Die andere Sache hat damit nichts mehr zu tun.“
Summer-Rain nickte verstehend. Ihr Bruder hatte einmal ein Mädchen geliebt, das ihm dann aber vor der Nase von einem anderen, wesentlich älteren Krieger mit vielen Pferden weggeschnappt wurde. Seitdem fing er immer wieder Liebeleien an, keiner irgendwelche ernstlichen Hoffnungen machend.
Icy-Wind, inzwischen fünfzig, hatte ihr Lager vor einem halben Mond mit Pferden verlassen, um sich eine weitere Frau aus einem anderen Comanchenlager zu holen. Seine erste Frau Crow-Wing konnte ihm keine Kinder schenken, deshalb wollte er es wieder einmal mit einer neuen Frau versuchen. Das war nicht das erste Mal. Auch mit seiner zweiten hatte er keine Kinder bekommen können. Die Familie dieser Frau war damit einverstanden gewesen, sie zurückzunehmen. Das hatte ihn außer Ärger und Spott auch noch Pferde gekostet.
Light-Cloud und sie folgten jetzt einer Flussbiegung, ließen den weitläufigen Canyon vor ihnen links liegen und schlugen den Weg in die Weite ein. Der Mond schien so hell, dass sie alles im weiten Umkreis erkennen konnten. Sie ritten auf einen der in der Ferne aufragenden Hügel zu, einen ihrer Lieblingsplätze. Dorthin kamen zur gleichen Zeit auch zwei der älteren Männer. So konnten sie ihre gemeinsamen Ausritte nutzen, um unter Aufsicht neue Tricks mit ihren Mustangs zu üben.
Summer-Rain lernte von ihrem Bruder viel über Pferde. Er war ein vielbeschäftigter Mann, und solche Ausritte kamen nicht oft vor. So war sie schon zufrieden, wenn er einen kleinen Teil seiner Zeit für sie verschwendete. Weit vor Sonnenaufgang kamen sie alle zurück. Light-Cloud brachte mit ihr die Pferde zu dem Teil der Herde, der ihnen gehörte, und blieb dort, um den Pferdejungen bei der Arbeit zu helfen.
Summer-Rain suchte sich ein anderes Pferd, das sie heute in ihrer Nähe haben wollte. Es war noch früh, und die Sonne kam gerade über den Horizont. In einem Sprühregen aus aufspritzenden Wassertropfen galoppierte sie wieder zurück durch den Fluss. Pitschnass ging sie an einer Stelle an Land, an der die Uferböschung niedrig war. Sie beugte sich vor und strich ihrem Mustang leicht über die lebhaft aufgestellten Ohren. Einen Augenblick später preschte sie durch den aufgewühlten Sand am Fluss entlang ihrem Tipi zu. Hier grasten Pferde, Hunde balgten sich um irgendwelche Reste und einige Frauen waren bereits mit ihren leeren Wassersäcken unterwegs zum Fluss.
Die Tipis standen offen. Summer-Rain, noch weit entfernt, sah die Schwester ihres Vaters Three-Bears, die sie alle nur Großmutter nannten, wie sie gerade ein Trockengestell aufbaute. Sie seufzte. Sicher bekam sie wieder viel Arbeit zugeteilt, obwohl sie heute eigentlich etwas anderes tun wollte. Sehnsüchtig blickte sie nach Südosten, wo sich die Ebene in einem Wald verlor. Noch konnte sie umkehren. Viel lieber wollte sie dort auf die Jagd gehen, als Felle zu gerben. Da setzte ihr Herz einen Schlag lang aus. Die gescheckte Stute von Magic-Flower kam aus dem Wald heraus, trabte langsam mit ihr in Richtung Fluss. Summer-Rain konnte sie ganz deutlich sehen. Sie trug noch dasselbe Kleid wie gestern Nacht. Ihre Haare flatterten über ihren üppigen Brüsten. Unüberhörbar feuerte sie ihr Pferd mit lauten Zurufen an. Sie kam mit erhobenem Kopf näher, und Summer-Rain sah ganz genau, wie sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln breitmachte. Dicht vor Summer-Rain zügelte sie ihre Stute. Triumphierend strahlte sie sie an, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das brauchte sie auch nicht. Ihrem Pferd mit einem leisen Schnalzen ein Zeichen gebend, ritt sie im Schritt an ihr vorbei, immer noch mit diesem Lächeln.
In Summer-Rains Brust breitete sich ein Schmerz aus, der bis in ihre Kehle hoch stieg und ihr die Luft abdrückte. Es war ein unbeschreiblich scharfer Schmerz, der ihr das Herz zerriss und es bluten ließ – so bitter und schmerzhaft, dass es nichts auf der Welt gab, das dem gleichkam. Sie saß völlig am Boden zerstört auf dem Rücken ihres Pferdes und presste die Zähne so fest in ihre Unterlippe, dass es weh tat und sie Blut schmeckte. Nur keine Tränen, hämmerte es in ihrem Kopf, nur ja keine Tränen!
Kapitel 6
Icy-Wind kam. Hinter der ersten Biegung des Flusses – dort, wo das Lager begann – tauchte er auf. Niemand kündigte sein Kommen an, es gab keine Wachen. Als er die ersten Tipis passierte, verbreitete sich die Nachricht seiner Rückkehr wie ein Lauffeuer. Obwohl die Tipis weit auseinander das Flussufer säumten, dauerte es nicht lange, bis auch der Letzte Bescheid wusste. Nicht nur, dass die halbwüchsigen Knaben auf ihren Ponys die Nachricht von Tipi zu Tipi brachten, die untereinander ausgetauschten Rufe der Frauen waren noch schneller. Neugierige Blicke begleiteten den Ankömmling auf seinem Weg den Hauptweg entlang. Frauen ließen ihre Arbeit liegen, Kinder ergriffen die Gelegenheit, um rasch unbeaufsichtigt Naschereien zu stibitzen. Hunde ergatterten Fleischstücke von verwaisten Trockengestellen und machten sich damit auf und davon. Alles war in Aufregung, das ganze Lager summte wie ein Bienenschwarm. Der Weg, den Icy-Wind bis zu seinem Zuhause nehmen musste, wurde von Menschen flankiert, die unbedingt einen Blick auf die neue Frau werfen wollten.
So früh am Morgen saßen bereits die älteren Männer vor ihren Tipis – rauchend, schwatzend, die kleinen Kinder beaufsichtigend. Sie hielten es jedoch für unter ihrer Würde, neugierig an den Wegrand zu kommen, sondern reckten nur verstohlen die Köpfe. Männer, die gerade zur Pferdeherde wollten, zügelten ihre Mustangs und ritten Icy-Wind entgegen. 18 von ihren Kriegern befanden sich noch immer bei Quanah. Die ganze Verantwortung für das Lager lag bei Great-Mountain, ihrem Friedenshäuptling, und Old-Antelope, der seit vielen Wintern schon ihr Häuptling war. Als Anführer der jüngeren, zurückgebliebenen Männer, die eine eigene kleine Bande bildeten, sorgte Storm-Rider für Sicherheit.
Icy-Wind, losgeritten mit fünf Pferden – eines, auf dem er ritt, zwei Ersatzpferde für sich selber und zwei waren für den Brautpreis vorgesehenen – ritt ins Lager. Das Erste, wonach die Männer, an denen er vorberritt, Ausschau hielten, war natürlich die wieder mit zurückgebrachte Anzahl der Pferde; die Frau interessierte sie weniger. Zwei Pferde, zählten sie. Also musste er drei statt zwei für die neue Frau bezahlt haben. Oho! Das gab genug Gesprächsstoff für einige Nächte am Lagerfeuer.Icy-Wind trug nur seinen Lendenschurz über den Leggins, kein Hemd. Er sah müde aus, genau wie das Ersatzpferd, das er am Sattel mit einem Rohlederriemen festgebunden hatte. Das Gesicht des Kriegers war staubbedeckt, nur die dunklen Augen leuchteten daraus hervor. Seine langen Haare, bereits mit weißen Strähnen durchzogen, fielen jedoch wohlgeordnet, eingefettet und glänzend über seine Schultern. Wie alle männlichen Comanchen legte auch er großen Wert auf seine Haare als Statussymbol. In seinem mürrischen Gesicht spannte sich die Haut über den Wangenknochen. Sein schmallippiger Mund zog sich nach unten. Die dunkelbraunen, tiefliegenden schmalen Augen zeugten davon, dass er nicht gerade bester Laune war. Ob das daran lag, dass er ein Pferd mehr hatte bezahlen müssen, oder an dem Auflauf seiner Leute, blieb dahingestellt. Vielleicht hatte es unterwegs ja auch einen Zwischenfall gegeben. Viele fragten sich bei seinem Anblick, ob seine Brautschau wohl gut verlaufen war. Die junge Frau neben ihm konnte jedenfalls nicht der Grund sein; darin stimmten die Meinungen derjenigen überein, die einen Blick auf seine Begleiterin erhaschten. Sie war ein durchaus erfreulicher Anblick.
Jetzt musste er die argwöhnischen Mienen seiner Leute bemerkt haben, denn sein Gesichtsausdruck veränderte sich jäh. Ein gekünsteltes Lächeln breitete sich auf seinen harten Gesichtszügen aus. Die sehr junge, zierlich wirkende kleine Frau neben ihm, ihrem Aussehen nach eine Mexikanerin, saß müde auf einem Maultier mit wolligem, zotteligem Fell. Krampfhaft hielt sie ein Stoffbündel vor sich fest. Sie mochte nicht mehr als siebzehn Winter zählen, vielleicht sogar noch weniger. Ihre Haut glänzte dunkel bronzefarben, und das kleine runde Gesicht war zwar schön, die Traurigkeit darin jedoch nicht zu übersehen. Ein grünes breites Stoffband hielt ihre schwarze Lockenpracht aus der geraden Stirn. Die kleine Stupsnase gab ihr noch zusätzlich ein kindliches Aussehen. Hohe, stark hervortretende Wangenknochen und ein großer ausdrucksvoller Mund beherrschten ihr fein gezeichnetes Gesicht. Sie wirkte nicht so, als könnte sie überhaupt einmal lächeln. Ihre sehr gelockten Haare, das fiel besonders ins Auge, waren an den Seiten und hinten ziemlich kurz abgeschnitten, ja, sie sah irgendwie einem gerupften schwarzen Vogel ähnlich. Die junge Frau hielt den Kopf gesenkt, ihre langen dunklen Wimpern wie einen Vorhang über ihren Augen. Darunter blickte sie scheu nach rechts und links, betrachtete die Menschen, zu denen sie jetzt gehören sollte. Fahrig wischte sie sich eine dunkle, geringelte Locke aus der Stirn. Comanchen kannten keine solchen gelockten Haare – nur bei Halbblutindianern mit meist mexikanischem Einfluss kamen sie vor.
Die Erscheinung der jungen Frau gab allen Rätsel auf. Jetzt drehte sie sich in ihrem Sattel kurz nach hinten um, um gleich wieder, eine Hand fest um ihr Bündel gekrampft, nach vorn zu schauen.
Icy-Wind, der neben ihr ritt, wechselte einen Blick mit ihr, der alles andere als freundlich war. Im Gesicht der Frau zuckten die Mundwinkel, was sowohl Herablassung als auch Trotz bedeuten konnte. Auch Icy-Wind drehte sich jetzt nach dem Begleiter um, der ihnen mit einem vollbeladenen zweiten Maultier im Schlepp folgte. Es schien ihm nicht zu gefallen, dass er so weit hinter ihnen ritt. Zwischen ihnen lagen mindestens zehn Pferdelängen. Das war auch der Grund, weshalb er erst gesehen wurde, nachdem Icy-Wind mit seiner Begleiterin einen Hügel überquert hatte und auf die Uferböschung zugeritten kam.
Der, der sich anscheinend in der Gegenwart von Icy-Wind nicht wohlfühlte, war ein junger Mann. Lässig saß er auf einem hochbeinigen, großen texanischen Pferd, wie die Comanchen sie gern mit ihren Mustangs kreuzten. Er trug eng anliegende Leggins, darüber eine prächtig bestickte und mit Fransen besetzte Jacke aus fein gegerbtem Büffelfell. Aus seinem Lendenschurz hing – gar nicht, wie es Comanchenart war – nachlässig halb in einen breiten Gürtel mit silbernen Beschlägen gestopft, ein weißes Hemd aus feinem Leinen. Hinter seinen auffallend breiten Schultern ragte ein großer Bogen hervor. Die dazugehörenden Pfeile befanden sich in einem bemalten Köcher an der Flanke des Pferdes. Daneben sah man eine farbenprächtige Lederhülle, aus der griffbereit der Kolben eines Gewehrs ragte. Die langen Beine des Reiters steckten in bestickten und mit schwarzen Perlen verzierten Mokassins – bei Comanchen auch nicht üblich. Der junge Mann, der etwa neunzehn Winter alt sein mochte, war groß und hager. Makellose blauschwarz glänzende Haare, lang und schwer, wogten ihm lose über den Schultern. Den Kopf etwas nach hinten neigend, reichten sie in leichten Wellen sogar bis auf den Rücken seines Pferdes. In seinem Gesicht fiel besonders die große, schiefe Nase auf, die irgendwann einmal gebrochen gewesen und dann schlecht zusammengewachsen sein musste. Seine vollere Oberlippe schob er jetzt, da ihn alle zu mustern schienen, halb über die sinnlich geschwungene untere; dann zog er sie wieder zurück. Das markante, fast eckige Kinn darunter, das von einer keilförmigen Kerbe geteilt wurde, machte sein Gesicht interessant. Seine Hautfarbe war dunkel, mit einem leichten Kupferton. Nein, er war nicht schön, ganz und gar nicht. Doch er sah äußerst kriegerisch aus mit diesem von Narben gezeichneten Gesicht, den hervorstehenden Wangenknochen und der schiefen Nase. Dazu kamen seine leicht schräg stehenden Augen, die tief in den Höhlen lagen und die ihm noch dazu etwas Geheimnisvolles gaben. Sie begegneten manchen neugierigen Blicken, die ihn verstohlen musterten, jedoch nicht mit Feindseligkeit. Besonders die Frauen schienen ein Interesse an ihm zu haben. Solch einen stattlichen Fremden sahen sie schließlich nicht alle Tage. So ritt er an ihnen vorbei – stolz lächelnd, ganz im Gegensatz zu dem mürrischen Gebaren von Icy-Wind.
Die kleine Gruppe passierte nur langsam auf dem Hauptweg die Uferböschung. Dichtes Gebüsch und Bäume, die auf beiden Seiten oben zusammentrafen, bildeten ein dichtes Blätterdach. In dieser Jahreszeit schliefen die meisten der Antilopenbande noch draußen. Das Nachtlager einiger Langschläfer lag noch offen sichtbar im Unterholz.
Summer-Rain drängte ihr Pony mit den Schenkeln zurück ins Gesträuch, als sie die Reitergruppe kommen sah. Sie bedauerte die kleine, zusammengekauerte Gestalt, die ab jetzt eine von ihnen sein würde. Nach heller, unbändiger Freude sah das nicht gerade aus. Mit Unbehagen dachte sie an Crow-Wing, die erste Frau von Icy-Wind. Sie konnte sich deren Miene gut vorstellen und mit welcher Wut im Bauch sie jetzt wahrscheinlich ein kleines Nebenzelt für die neue Frau herrichtete. Im Gegensatz zu anderen Frauen, die froh gewesen wären, eine Hilfe zu bekommen, war Crow-Wing berüchtigt für ihre Eifersucht. Was passierte mit der Neuen, wenn sich wieder kein Nachwuchs einstellte? Icy-Wind konnte doch wohl nicht jede Frau beliebig austauschen? Mit diesen Gedanken im Kopf duckte sie sich unter einen herabhängenden Ast, um möglichst aus dem Blickfeld des Mannes zu kommen, der zweifellos mit voller Absicht so weit hinter Icy-Wind ritt. Er schien sehr darauf bedacht zu sein, diesen Abstand möglichst nicht zu verkleinern.
Doch sich weiter einen Weg durch das Unterholz bahnend, zog sie gerade deshalb die Aufmerksamkeit des jungen Mannes auf sich. Er drehte sich in seinem Sattel etwas zur Seite, und gerade in diesem Moment blickte Summer-Rain zu ihm, um den dunkelsten Augen zu begegnen, die sie jemals gesehen hatte. Etwas, das sie erschauern ließ, ging von diesem Blick auf sie über. Zugleich brachte ein offenes Lächeln sein dunkles Gesicht zum Leuchten. Das Pferd unter ihm scheute, er wurde kurz von ihr abgelenkt, dann wandte er sich wieder nach ihr um. Abermals trafen sich ihre Blicke. Ein anerkennendes Heben seiner Augenbrauen ließ ihre Wangen erröten. Verlegen senkte sie den Blick, strich ihrem Pferd über den Hals, tätschelte es geistesabwesend, schaute dann aber doch wieder auf. Da wurde der Fremde von jemandem, der ihm laut etwas zurief, abgelenkt. Als er sich im Sattel nach ihm umdrehte, sah sie ihn von der Seite. Eine große, gezackte, schlecht verheilte Narbe verlief von seinem linken Haaransatz über die Wange bis zum Kinn.
Jetzt stand der, der ihn angesprochen hatte, neben seinem Pferd, um einige Worte mit ihm zu wechseln. Gray-Wolf – der Sohn von Wolf-Hunter, ein junger Krieger der Antilopenbande – war es, der lachend zu ihm aufblickte; anscheinend wollte er ihn nur willkommen heißen. Der fremde Reiter beugte sich freundlich zu ihm hinunter. Da sah sie aus seinem breiten Gürtel den Griff eines Colts ragen. Einen Moment lang geriet sie außer Fassung. Schnell schlug sie sich eine Hand vor den Mund, um einen leisen Aufschrei zu unterdrücken. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine dieser tödlichen Waffen aus der Nähe gesehen. Wieder aufblickend, war nur noch das Hinterteil des Maultiers, das die Habe der jungen Frau trug, zu sehen. Eine Weile blieb Summer-Rain mit ihrem Pferd noch stehen, dann fasste sie einen Entschluss. Sie wollte zu ihrem Bruder reiten, um ihm von ihrer Beobachtung zu berichten. Vielleicht wusste er ja schon mehr über den Fremden.
Icy-Wind zog mit seiner neuen, jungen Frau in sein Haupttipi ein und überließ entgegen den Erwartungen von Crow-Wing dieser das kleinere daneben. Die Hochzeitsgeschenke, die die Bewohner des Lagers brachten, wurden nach Comanchenart wieder an andere, bedürftige Familien verteilt. Danach nahm der normale Alltag wieder seinen gewohnten Gang.
Nur die Anwesenheit des Fremden erregte noch immer Aufmerksamkeit. Niemand zeigte das offen. Es gab nur verstohlene Blicke, Getuschel hinter vorgehaltener Hand und Mutmaßungen, die sehr phantasievoll ausfielen. Besonders die jungen Mädchen blickten ihm nach, während er jetzt Gray-Wolf folgte. Dieser – zwanzig Winter alt, seine Haare im Nacken zu Zöpfen geflochten – griff sich eines der in der Nähe grasenden Pferde, saß auf und lenkte es neben das des Fremden. Bald schon waren die beiden in ein ernstes Gespräch vertieft, in dem Gray-Wolf ihn oft aus seinem breiten, flachen Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der großen Hakennase freundlich ansah. Er deutete zur riesigen Pferdeherde, die man in ihrem ganzen Ausmaß von hier aus noch gar nicht richtig bewundern konnte, denn die ersten Hügel des Canyons verbargen sie noch vor ihren Blicken. Das Ufer des Flusses, der von dort hinter einer scharfen Biegung hervorkam, war an einigen Stellen niedergetreten und versandet. Das kam sicher auch von den vielen Überquerungen, wenn die Comanchen ihre Pferde von dort ins Lager herüberholten.
Nachdem die beiden jungen Männer eine flache Stelle gefunden hatten, ritten sie rasch durch das Wasser, das ihren Pferden hier gerade mal bis zum Bauch reichte. Andere übermütige junge Männer folgten ihnen wie in einem Scheinangriff. In der Mitte des Flusses überholten sie sie, umkreisten die beiden und preschten dann mit ihnen zusammen johlend ans andere Ufer. Drüben führte Gray-Wolf den Fremden am Canyon entlang bis zu einem breiten flachen Felsen, vor dem glattgescheuerte, wie Schiefer schimmernde Platten sich terrassenförmig in einem Halbkreis auftürmten.
Ihre Pferde überließen sie sich selbst, während sie auf eine der Terrassen kletterten, um den jungen Männern dabei zuzusehen, wie sie ihnen gegenüber im Canyon Reiterkunststücke übten.
Es dauerte nicht lange, da ritten sie zu ihnen, um das Pferd von Running-Fox – inzwischen kannten sie den Namen des Fremden – gebührend zu bewundern. Mit unverhohlenem Stolz hörte dieser ihren Bemerkungen zu und erzählte dann seinerseits etwas über die Herkunft und die Geschichte seiner rostroten Stute.
So verging der Rest des Tages, bis einige zu ihren Familien zurück ins Lager ritten. Der Fremde wollte sein texanisches Pferd zur Herde bringen, um für sich selbst dort ein kleines Lager einzurichten. Eigentlich sollte er als Gast bei Icy-Wind sein, aber er wollte ihn an seinem ersten Tag mit der neuen Frau nicht stören, gab er als Ausrede zum Besten – was ihm natürlich niemand abnahm. Unschlüssig zögerte er; vielleicht wartete er auf eine Einladung von Gray-Wolf, auf den er einen großen Eindruck gemacht hatte. Zwei der jungen Männer, die bisher einen gewissen Abstand gewahrt hatten, traten jetzt näher zu dem Neuankömmling heran. Sie standen noch neben seinem Pferd, als ein Läufer, den Great-Mountain mit einer Einladung für Running-Fox geschickt hatte, zu ihnen stieß. Der Fremde verabschiedete sich mit einem enttäuschten Blick auf die jungen Männer, folgte ihm dann aber höflich, doch nicht gerade begeistert.
Kaum war er nicht mehr zu sehen, da brach Gray-Wolf das Schweigen, das seit dem Aufbruch des Neuankömmlings geherrscht hatte. Er saß unterhalb der von der Sonne aufgeheizten Felsenplatten in der Nähe des Flusses, ein Bein ausgestreckt. „Dieser Running-Fox ist ein schlauer Fuchs, hält sich von Icy-Wind fern. So kann er um allen Ärger einen großen Bogen schlagen. Zuerst beobachtet er nur – dann weiß er, was los ist. Einen wie ihn könnten wir hier gut gebrauchen. Seit dein Vater mit den anderen Kriegern fort ist, Storm-Rider, fehlt es uns an Versorgern für unsere Familien.“
Er seufzte und rieb sich das ausgestreckte Knie. Eine Verletzung aus Kindertagen plagte ihn manchmal so schlimm, dass er hinken musste. „Was er uns über Icy-Wind berichtet hat, war wieder einmal typisch.“ Während er weitersprach, ging sein Blick in die Runde. „Das ist es, weshalb er bei seinem Einzug hier so ein Gesicht gezogen hat. Jetzt ist mir das klar. Damit musste er aber doch rechnen!“
Ein anderer junger Mann – untersetzter und klein, mit einem Bauchansatz – der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, trat näher. „Da hätte ich dabeisein wollen!“, meinte er und lachte.
Light-Cloud, der mit in der Runde war, schmunzelte in sich hinein. „Tja, Clot“, rief er dem Kleinen zu, „wir alle würden viel dafür gegeben haben – ohne Zweifel. Sicher bildete er sich ein, weil er Icy-Wind ist, bekäme er für zwei Pferde eine hübsche junge Frau!“
Also, darum ging es. Die Männer machten sich über Icy-Wind lustig, weil der für eine Frau mehr bezahlt hatte, als er eigentlich wollte. Light-Cloud blickte nachdenklich drein und sagte: „Aber dass er sich für eine Witwe entscheidet, hätte ich nicht gedacht. Vielleicht war das ja klug von ihm. Ich meine, kann ja sein, dass sie schwanger ist. Wer weiß – dann hätte er ja bereits, was er will, ohne sich anzustrengen.“
Der mit Clot Angeredete brauchte einen Moment, bevor er begriff, was damit gemeint war. „Trotzdem“, äußerte er sich, „sie wird es ihm nicht leichtmachen. Ich kenne die Mexikanerinnen. Trotzig und nur dann zu gebrauchen, wenn sie was für unsereinen übrig haben. Die beißt ihn weg wie eine Stute, wenn sie ihn nicht will. Denkt an meine Worte! Nun gut, wir werden ja sehen. So viel, wie wir von Running-Fox wissen, hat der Bruder ihres verstorbenen Mannes die Verhandlungen geführt. Dieser schlaue Fuchs hat uns bestimmt nicht alles gesagt, was den Grund für ihr Verheiraten angeht. Richtig glücklich sah sie mir nämlich nicht aus. Wert sein muss sie aber schon was, sonst hätte sie ihn nicht drei Pferde gekostet statt zwei.“
Clot – Klümpchen, wie sie ihn alle etwas spöttisch nannten – zog eine Grimasse. „Nun stellt euch mal vor, es gibt wieder kein Baby!“ Er schlug sich vor Lachen auf die Schenkel. „Ich glaube sogar, Icy-Wind kann gar keine Kinder machen. Ich sollte es ihm wohl mal zeigen – was meint ihr?“ Immerhin konnte er selbst zwei gesunde, vielversprechende Jungen vorweisen.
Gray-Wolf schüttelte den Kopf über so viel Unsinn. Auf seinem breiten Gesicht zeigte sich Besorgnis. „Du weißt genau, wie er in seiner Ehre verletzt sein wird, sollte das passieren, Clot. Sie wird es büßen müssen. Da tut sie mir schon jetzt leid. Icy-Wind ist nicht der Einzige, der hier kinderlos geblieben ist, das sollte er einfach mal begreifen.“ Die jungen Männer nickten. Was Gray-Wolf da ansprach, war die Wahrheit. Seine zweite Frau hatte Icy-Wind im vergangenen Herbstmond einfach zu ihrer Familie zurückgeschickt, nachdem die Ehe lange kinderlos geblieben war. Crow-Wing, die ebenfalls keine Kinder bekam, hatte er als seine Hauptfrau behalten. Sie schaffte es immer wieder, sich unentbehrlich zu machen.
Über die Neue wussten die jungen Männer nur, was ihnen Running-Fox berichtet hatte – und das war nicht gerade viel. Einige der Frauen empfanden Icy-Winds kurze, schnelle Einigung mit dem Bruder ihres verstorbenen Mannes als ein schlechtes Omen. Die Verhandlungen um den Brautpreis konnten sich sehr lange hinziehen. Da kam es schon mal vor, dass sich der Mond zweimal rundete, bevor das erledigt war. Comanchen, die über Pferde für Frauen verhandelten, hatten es nie eilig. Das männliche Oberhaupt der Familie entschied darüber. In den meisten Fällen berücksichtigte man die Wünsche der Frauen oder Mädchen, denn sie wurden geliebt. Natürlich lagen die Dinge völlig anders, sollte der Vater der Zukünftigen sein Einverständnis verweigern. In diesem Fall würde es zu keiner Verbindung kommen.
Das Paar stand dann vor einer schwerwiegenden Entscheidung: Entweder, sie gingen getrennte Wege, oder sie verschwanden heimlich aus dem Lager – was bedeutete, ganz auf sich allein gestellt zu sein, ohne jede Unterstützung der Gemeinschaft. Einer ihrer jetzigen Kriegshäuptlinge, Quanah, hatte sich das getraut. Diese Geschichte kannte hier jeder. Aus dem, was sie über Icy-Wind und dessen Ausflug in das befreundete Comanchenlager wussten, konnte es nur eine Erklärung dafür geben, weshalb seine dritte Ehefrau nicht gerade begeistert ausgesehen hatte. Ganz sicher war dieser kleinen, hübschen Mexikanerin keine Wahl geblieben. Wenn sie Witwe war, wie Running-Fox behauptete, dann konnte nur eine Heirat ihr Auskommen sichern. Die jungen Krieger um Gray-Wolf ergingen sich weiter in Vermutungen darüber. Nach einiger Zeit wechselte Gray-Wolf endlich das Thema. „Running-Fox wird uns bald wieder verlassen. Es war nur seine Aufgabe, die Frau hier abzuliefern. Schade, er ist viel herumgekommen – und wenn das zutrifft, was er mir auf dem Weg hierher erzählt hat, dann sollten wir uns in Zukunft besser überlegen, wohin wir reiten.“ Er griff nach einem Grashalm und kaute nachdenklich darauf herum. In seinen Mundwinkeln erschienen zwei kleine Grübchen. Sie wussten alle, was er meinte – ohne Frage.
Clot nagte an seiner Unterlippe. Er räusperte sich, bevor er das Wort ergriff. „Wir sind vor vier Sommern noch über den Concho-Fluss geritten; jetzt steht dort ein Fort. Am Colorado-Fluss, nicht weit weg Richtung Norden, steht noch eines. Gray-Wolf hat recht. Wir sollten uns genau überlegen, wo wir demnächst unser Winterlager aufschlagen werden. Ich sag es euch: so weit wie möglich von dem weißen Mann entfernt!“
Gray-Wolf spuckte den Halm aus. Er schien der gleichen Meinung zu sein, schwieg aber. Light-Clout zog die Stirn in Falten. „Quanah und unsere Krieger werden ihnen zeigen, wer der Herr auf den Llanos ist. ‚Bad Hand‘ Mackenzie wird wieder abziehen müssen!“
Vor sich hin nickend, griff Gray-Wolf wieder nach einem Halm. Diese Worte schienen nach seinem Geschmack zu sein. Auch die Männer um ihn herum nickten. Doch Light-Cloud war noch nicht fertig. Einen nach dem anderen musternd, zögerte er, wohl wissend, dass das, was er jetzt zu sagen hatte, niemandem gefallen würde. „Aber Running-Fox hat auch gesagt, das Lager von McKenzieist jetzt dieses Fort, von dem Clot eben gesprochen hat: Fort Concho. Seit vier Sommern steht es nun schon dort, direkt vor unserer Nase, und wir können nichts dagegen tun. Es ist nicht möglich, die Blauröcke dort zu besiegen! Diese Wahrheit sollte endlich jeder begreifen. Unser Gebiet ist ja schon lange nicht mehr das, was es einmal war. Solange die Soldaten immer weiter gegen Sonnenuntergang reiten, müssen wir uns genau überlegen, was wir tun.“ Auf seiner Stirn erschien eine tiefe Falte. Er stieß den neben ihm sitzenden Krieger an, ohne auf die Mienen der anderen zu achten. Dass sie mit seinen Worten nicht einverstanden waren, musste ihm klar sein. „Sag du doch auch mal was, Storm-Rider“, forderte er seinen Nebenmann auf.
Der so Angesprochene schwieg lange. Endlich blickte er in die Runde, schüttelte den Kopf und fuhr sich mit dem Zeigefinger über den breiten Rücken seiner Nase. Immer noch schweigend musterte er die Freunde erneut, während sie gespannt auf seine Worte warteten. Weil der junge, gutaussehende Krieger sich durchaus der Tatsache bewusst war, dass seine Meinung ihnen etwas galt, überlegte er sich seine Antwort genau. Einerseits wollte er sie nicht vor den Kopf stoßen, andererseits aber mit seiner Meinung auch nicht hinter Light-Cloud zurückstehen. Endlich entschloss er sich, zu reden. „Das, was dieser Running-Fox gesagt hat, ist doch wohl nicht neu. Wir wissen sehr gut, wo sich die Soldaten des Weißen Mannes befinden. Concho, Richardson, Griffin und wie diese Forts noch alle von dem Weißen Mann genannt werden. Was schert uns das? Wir haben genug Möglichkeiten, um ihnen zu entwischen. Wenn wir sie nicht besiegen können, werden wir für sie unsichtbar sein. Dieser Mann, Running irgendwas, von dem wir nichts außer dem Namen wissen, sagt Dinge, die wir nicht ändern können. Warten wir ab, bis unsere Krieger mit meinem Vater Red-Eagle zurück sind. Ich will zunächst hören, was sie zu sagen haben. Darauf gebe ich mehr als auf die Worte eines Mannes, der zufällig hier aufgetaucht ist.“ Seine dunkelbraunen Augen mit den goldenen Sprenkeln – wie bei seiner Mutter Moon-Night – funkelten.
Gray-Wolf sah, wie er trotzig die Unterlippe nach vorn schob. Erstaunt über seine heftige Reaktion auf den fremden Mann, warf er ihm einen forschenden Blick zu. Hatte er etwas gegen ihn?
Storm-Rider redete schon weiter. „Dieser Mann, von dem wir nichts als den Namen wissen, reitet doch bald schon wieder zurück – wohin, das wissen wir nicht. Können wir ihm überhaupt glauben, was er sagt? Dafür kenne ich ihn nicht gut genug – keiner von uns.“
Zustimmendes Nicken bestätigten seine Worte. Storm-Rider wickelte sich mit unfreundlicher Miene eine lange Haarsträhne um den Zeigefinger. „Ich bin erst wieder zufrieden, wenn dieser Mann verschwunden ist“, kam es nicht gerade freundlich von ihm. Wieder ein Blick in die Runde. Bis auf Light-Cloud schienen sie alle jetzt seiner Meinung zu sein. An ihn gewandt stieß er wütend hervor: „Er denkt nicht wie wir, und er sieht auch nicht aus wie einer von uns. Habt ihr das nicht bemerkt?“
Light-Cloud – älter, ruhiger und bedächtiger als sie alle – sah ihn stirnrunzelnd an. „Wie meinst du das – sieht nicht so aus wie wir?“
Storm-Rider schüttelte unwillig den Kopf. Sein Haar, das er entgegen den Sitten der Comanchen zu einem Pferdeschwanz hinten zusammengebunden trug, flog von einer Schulter zur anderen. Tief durchatmend versuchte er, seine Gefühle zu bezwingen. Light-Cloud, der ihn die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen hatte, war sein Benehmen ein Rätsel.
„Habt ihr nicht gesehen, was er für Sachen trägt?“, stieß Storm-Rider aufgebracht hervor. „Als ob er auf Brautschau aus ist. Herausgeputzt wie ein Truthahn zur Balz, so läuft er hier rum!“
Alle außer Light-Cloud lachten schallend. Der sagte kein einziges Wort. Schon immer war er eher ein Beobachter gewesen, der sich erst nach reiflicher Überlegung seine Meinung bildete.
„He, seit wann macht es dir Kopfschmerzen, wenn sich unsere Mädchen nach anderen Männern umsehen – und nicht nur nach dir?“, spottete Gray-Wolf. Light-Cloud wollte ihn bremsen, doch der junge Krieger redete einfach weiter. „Er hat großen Eindruck auf alle gemacht, das muss ich zugeben. Mit seinem schönen Hemd und den bestickten Mokassins. Aber was regst du dich darüber auf? Du musst dir doch keine Sorgen machen. Außerdem habe ich nicht gesehen, dass Magic-Flower ihm schmachtende Blicke zugeworfen hätte. Also, beruhige dich wieder.“ Freundschaftlich schlug er seinem Freund auf die Schultern.
Der Ernst des Gespräches löste sich in Luft auf, da alle lachten – diesmal auch Light-Cloud.
Bei Storm-Rider jedoch herrschte noch immer Aufruhr, was er sehr schlecht zu verbergen versuchte. Aufgebracht erhob er sich. Sein Blick schweifte irgendwo in die Ferne. Unwillig ballte er die Finger zur Faust, öffnete sie wieder, ballte sie erneut zur Faust und wiederholte das Ganze. Dabei zuckten seine Mundwinkel, als ob er innerlich mit sich rang. Dann brach es völlig unerwartet heftig aus ihm heraus: „Magic-Flower, was ihr nur immer mit der habt! Lasst mich mit ihr endlich in Ruhe, sie interessiert mich schon lange nicht mehr!“ Light-Cloud maß ihn mit einem sonderbaren Blick. Leise stellte er fest: „Aber dafür, dass du dich nicht für sie interessierst, stellt sie ziemlich viel an, damit das nicht so bleibt!“
Storm-Riders Mund verhärtete sich. Sinnlos, darauf zu antworten, sollte das wohl heißen. Fordernd streckte er die Hand nach seinem nur zehn Schritt von ihm entfernt stehenden Schimmelhengst aus. Als das Tier heran war, fasste er es am Halfter und verließ wortlos die Freunde.
Light-Cloud und die anderen sahen ihm ziemlich erstaunt nach, wie er in dem für ihn typischen O-beinigen Gang neben seinem Schimmel herging. Hatte er die Flucht ergriffen, weil ihm dieses Thema peinlich war? Diese Frage stellte sich Light-Cloud als Einziger. Clot bemerkte erstaunt: „Was ist denn plötzlich mit dem los?“
Niemand wusste darauf eine Antwort. Sie waren selber von Storm-Riders Benehmen überrascht.
Light-Cloud, der ihm immer noch nachsah, konnte es sich nicht verkneifen, an Gray-Wolf gewandt zu fragen: „Du bist doch sein bester Freund – weißt du, was er hat?“
Storm-Rider war ihm seit einiger Zeit – eigentlich schon seit dem Mond der gelben Blumen – ziemlich verändert vorgekommen. Auch, dass er an kaum einer Feierlichkeit mehr teilnahm, sah ihm gar nicht ähnlich. Oft hatte er ihn, völlig in sich gekehrt, irgendwo im Wald angetroffen, ohne sich auch nur um das in der Nähe befindliche Wild zu kümmern. Storm-Rider war nachdenklich geworden – und auch irgendwie traurig. Er, Light-Cloud, konnte sich das nicht erklären. Nach seiner Frage betrachtete er Gray-Wolf. Der wusste anscheinend auch keine Antwort, sondern zuckte nur mit den Schultern. In seinen Mundwinkeln erschienen wieder diese zwei kleinen Grübchen. „Keine Ahnung“, sagte er dann doch, „aber Magic-Flower und er hatten gestern Nacht einen ziemlich heftigen Streit. Sie ist wie eine gerupfte Henne von seinem Tipi fortgeflattert. Sogar die Hunde haben den Schwanz eingezogen, so laut ist Storm-Rider ihr gegenüber geworden. Leider war ich zu weit weg, um zu hören, um was es da ging. Mehr weiß ich wirklich nicht.“
Oder mehr will er mir nicht sagen, dachte Light-Cloud. Dann erst wurde ihm klar, was er eben gehört hatte, und grinste in sich hinein. Magic-Flower hat also endlich mal jemand eine Abfuhr erteilt – gut so. Doch ausgerechnet Storm-Rider? Das passte irgendwie nicht zusammen. Sehr merkwürdig, gar nicht seine Art, wenn es um ein hübsches Mädchen ging. Nein, stimmt nicht, ging ihm dann auf, wie es zu einem früheren Storm-Rider passte. Überhaupt: Diese beiden galten doch schon seit langem im ganzen Lager als Paar. Ihm fielen die Berichte ein, die ihm einige der Beteiligten von gestern Nacht über der Badestelle der Mädchen erzählt hatten. Clot war auch dabei gewesen. Er wischte seine Gedanken beiseite, und da kam ihm völlig zusammenhanglos auf einmal die neue Frau von Icy-Wind in den Sinn – ihr Gesichtsausdruck, ihr gleichgültiger Blick. Sehr glücklich hatte sie nun wirklich nicht gewirkt.
Clot erhob sich, sein rundliches Gesicht strahlte Gutmütigkeit aus. Er legte Gray-Wolf vertraulich eine Hand auf die Schulter und brachte es unbewusst auf den Punkt: „Running-Fox wird bald wieder verschwunden sein. Dann wird auch bei den Weibern wieder Ruhe einkehren.“
Light-Cloud grübelte immer noch, er hatte kaum hingehört. Storm-Riders schlechte Laune hing ganz offensichtlich mit der Anwesenheit dieses Fremden zusammen. Wo lag der Zusammenhang? Ihm wollte das alles nicht so recht in den Kopf. Clot rüttelte ihn an der Schulter und wiederholte seine Worte. Light-Cloud nickte ihm zu, verstand endlich, was er damit sagen wollte. Er hatte ja recht – dieser Mann würde bald wieder verschwinden, er sollte keinen Gedanken mehr an ihn verschwenden. Auch die anderen schienen dieses Thema nicht mehr weiter vertiefen zu wollen. Storm-Riders ungestümer Aufbruch war bald wieder vergessen. Die Freunde zerstreuten sich in verschiedene Richtungen. Gray-Wolf ging zusammen mit Light-Cloud zu ihren Pferden. Die Sonne neigte sich langsam dem westlichen Horizont zu. Es war immer noch heiß hier mitten im Canyon – Zeit, sich mit den Pferden im Fluss zu vergnügen.
Light-Cloud saß auf. Er ritt eines seiner besten Pferde aus der Züchtung seines Vaters Three-Bears. Gray-Wolf lenkte sein Pony neben ihn. So ritten beide zusammen hinunter zum Fluss, preschten durch eine tiefere Stelle übermütig bis in die Mitte, um dann neben ihren Mustangs an das andere Ufer zu schwimmen. Natürlich ging es dort mit halsbrecherischen Kunststücken weiter. Jeder musste unbedingt dem Anderen zeigen, dass er besser war. Als sie ihre Pferde endlich heimwärts lenkten, entdeckten sie Storm-Rider wieder, der neben seinem Tipi dicht bei seinem Schimmel Summer-Wind hockte. Eigentlich hätte er sie sehen müssen, zumindest ihr Lachen oder ihre Stimmen hören. Aber er stand auf, ohne sich nach ihnen umzusehen und verschwand in seinem Tipi.
Die beiden Männer verabschiedeten sich voneinander, und Light-Cloud erinnerte sich, während er weiterritt, wieder an das seltsame Verhalten Storm-Riders. Er konnte sich das noch nimmer nicht erklären. Worüber er sich auch ärgerte, es ging ihn nichts an. In der Abendluft hing der Geruch von gebratenem Fleisch. Überall an den Kochfeuern duftete es nach Essen. Light-Cloud ritt, im Nachdenken versunken, bis zu seinem Tipi am Fluss, das in gebührendem Abstand neben dem von Großmutter stand. Nicht nur das Benehmen von Storm-Rider ging ihm durch den Kopf. Auch die junge Frau von Icy-Wind beschäftigte seine Gedanken. Ihr Anblick hatte sich tief in seinem Herzen eingebrannt – er wusste es nur noch nicht. Die kleine Mexikanerin würde bald schon sein ganzes Leben bestimmen. Light-Cloud, der bestaussehende ältere Junggeselle des Lagers, war im Begriff, eine große Dummheit zu begehen.
Das laute Wiehern von Summer-Rains Pony schreckte ihn hoch. Seine kleine Schwester kam ihm in den Sinn. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Niemals würde er sie einem solchen Mann wie Icy-Wind geben, ihr Einverständnis hin oder her. Das würde er um keine noch so große Anzahl Pferde zulassen.
Zwei Sonnenaufgänge später saß Summer-Rain auf ihrem Lieblingspony. Es war eine weiß-braun gefleckte Stute mit heller Mähne und hell-blondem Schweif aus der Züchtung von Three-Bears. Das Mädchen trug Jagdkleidung. Aus dem Köcher mit dem ausgehakten Bogen über ihrer Schulter ragten gefiederte Jagdpfeile mit dem eingekerbten Zeichen ihres Bruders heraus.
Langsam setzte sie sich in Richtung Wald in Bewegung – den Anblick von Magic-Flower, die dort herausgekommen war, noch immer im Kopf. Wütend über sich selbst warf sie ihre Haare zurück, die sich wild um ihre Schultern bauschten. Nachlässig schob sie sich eine Strähne hinter das Ohr und trieb ihr Pony zu einer schnelleren Gangart an. Schon wenig später galoppierte sie über eine kleine Prärie, ließ das Wäldchen links liegen und hielt auf einen größeren Wald hinter einer kleinen Hügelkette im Südosten zu. Dort verschwand sie schon bald in der Dämmerung der hohen Bäume.
Sie kam zu einer kleinen Lichtung, saß ab und führte ihr Tier am Zügel weiter. Während sie ging, suchte sie den Boden aufmerksam nach Wildspuren ab. An einem schlammigen Weiher legte sie sich ins Unterholz. Das Pony graste unterdessen unbeeindruckt ein ganzes Stück entfernt. Ab und zu hörte sie sein leises Schnauben, dann herrschte wieder völlige Stille.
Zögernd trat ein Hirsch aus dem Dickicht, sicherte nach allen Seiten, ging zum Weiher und begann das brackige Wasser zu saufen.
Summer-Rain spannte den Bogen, legte in aller Ruhe einen Pfeil ein. Sie war so vertieft, dass sie der Bewegung hinter ihr keine Aufmerksamkeit schenkte. Gerade, als sie schießen wollte, knackte ein Ast. Das Tier hob den Kopf, sicherte – dann verschwand es mit schnellen Sätzen im Dickicht.
Summer-Rain stützte sich auf die Ellbogen und lauschte. Geräuschlos zog sie ein Bein an, stemmte sich auf dem linken Unterarm ein wenig hoch, um wie der Hirsch zuvor nach allen Seiten hin sichernd die Umgebung abzusuchen. Zögernd steckte sie den Pfeil wieder zurück in den Köcher. Gleichzeitig umfasste etwas leicht ihren rechten, ausgestreckten Fuß am Knöchel.
In einer fließenden Bewegung drehte sie sich um, zog die Beine an, schnellte hoch, bereits ihr Jagdmesser in der Hand. Einen Moment lang starrte sie verdutzt in die schwarzen Augen des fremden Kriegers, der direkt hinter ihr lächelnd auf dem Boden hockte.
Seine beiden Handflächen zeigten beschwichtigend nach vorn. Während sie ihr Messer wieder in den Gürtel steckte, musterte sie ihn mit gerunzelter Stirn. „Du hast mein Wild verjagt, das ist dumm.“ Sie sagte es in einem leicht vorwurfsvollen Ton, aber nicht laut.
Er nickte. Seine tief in den Höhlen liegenden schwarzen Augen sahen sie unverwandt an. Auf ihren Armen stellten sich die Härchen auf. Plötzlich lief ihr ein Schauer den Rücken hinunter und hielt sich fünf Herzschläge lang; dann kribbelte es in ihren Waden.
Sein schwarzer Blick war sehr direkt, fast schon aufdringlich. „Ich habe dich gesehen.“
Sein schön geschwungener Mund lächelte sie an. Dann, es ihr erklärend: „Heute Morgen. Wie es aussieht, hätten wir zusammen auf diese Jagd gehen sollen.“
Seine Stimme klang ein klein wenig belustigt, aber es lag auch eine gewisse Spannung darin. Fürchtete er etwa, von ihr zurechtgewiesen zu werden? Sie wusste nichts zu erwidern.
Er erhob sich, nicht vorhandene Blätter von seinem Hemd abstreifend. Heute trug er nicht die Leggins, sondern nur das Lendentuch und seinen breiten, mit Silber beschlagenen Gürtel, über dem das weiße Hemd jedoch wie immer halb hineingestopft war. Das scheint eine Angewohnheit von ihm zu sein, dachte sie belustigt.
Jetzt klopfte er sich die Erde ab, die an seinen Knien klebte. „Comes-Through-The-Summer- Rain“, sagte er, jedes einzelne Wort betonend und sich auf der Zunge zergehen lassend. „Man hat mir gesagt, dass du so heißt.“
Summer-Rain sah ihn an, als hätte sie ihn nicht verstanden. Ihr Mund stand ein wenig offen; sie wollte etwas sagen, aber es kam nichts heraus.
Etwas belustigt blickte er auf sie herunter; er überragte sie über eine Kopflänge und stellte sich ihr überflüssigerweise vor. „Ich bin Running-Fox. Das weißt du ja vielleicht schon, schließlich sorge ich seit Tagen hier für Gesprächsstoff.“
Etwas verlegen blickte sie zur Seite. Nein, sie hatte nicht gewusst, wie er hieß; es hatte sie gar nicht interessiert, weil sie sich die letzten Tage nur wie ein verletztes Tier verkrochen hatte. Aber das war jetzt vorbei.
„Ganz schön eingebildet, Running wie auch immer. Wieso sollte mich das interessieren?“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm über die Schultern zu blicken. „Eingebildet, aber trotz der Größe kein besonders guter Jäger.“ Eine weit ausholende Geste machend, deutete sie auf den Morast vor ihnen. „Wie ich vorhin schon sagte: Du hast mein Wild verjagt.“
Er lachte – es gefiel ihm, wie sie das sagte. Alles an ihr gefiel ihm, und er war unendlich erleichtert.
„Durch den Sommerregen – so, so!“
Sein Lächeln war warm und angenehm, doch sie ging nicht darauf ein. Beiläufig sah sie kurz zu ihrer Stute hinüber, dann ging ihr Blick mit einem strengen Ausdruck zu ihm zurück. „Running-Fox“, sagte sie herablassend, „du bist mit nur EINEM Pferd in unser Lager gekommen – hast du nur EINES?“
Unter anderen Umständen wäre diese Frage an einen Comanchen eine Beleidigung gewesen. Sie maßen ihr Ansehen und ihren Reichtum an der Anzahl ihrer Pferde. Dieser Mann hier jedoch stutzte nur kurz, fasste mit einer Hand nach ihrem Kinn und bog es frech zu sich hoch. Sein Griff war so fest, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte. „Ich habe genug Mustangs, um dich kaufen zu können, Mädchen mit den blauen Augen. Ich werde mit deinem Bruder reden müssen.“ Seine schwarzen Augen funkelten sehr belustigt. Er ließ sie los, und sie wich erschrocken einen Schritt zurück. Kaufen? Sie? Wie diese Frau von Icy-Wind? Das kam überhaupt nicht in Frage. Böse funkelte sie ihn an. Er tat so, als würde er es ernst meinen, denn er betrachtete sie abschätzend. Wie man ein Pferd betrachtet, das einem gefällt, ging es Summer-Rain erschrocken durch den Kopf.
„Na, ein bisschen dünn bist du ja, aber das lässt sich ändern. Ansonsten könntest du mir schon gefallen.“ Ihre entsetzt aufgerissenen Augen ließen ihn amüsiert grinsen.
„Mein Bruder tut nichts, was ich nicht will“, fuhr sie ihn trotzig an.
„Und dich will ich bestimmt nicht!“ Verunsichert schürzte sie die Lippen. War das so? Würde Light-Cloud das tatsächlich nicht tun?
„So, so – du willst mich also nicht, und du glaubst wirklich, da fragt jemand danach?“ Sein amüsierter Gesichtsausdruck strafte seine Worte Lügen.
Sie atmete auf. Erst jetzt begann sie seine groben Scherze als solche zu begreifen. „In meiner Familie ist das so“, sagte sie so bestimmt, wie sie konnte. „Dort, wo du herkommst, mag das ja anders sein.“ Zwar wollte sie sich nicht weiter darüber auslassen, und doch war dieses Hin und Her einfach zu verlockend.
Running-Fox betrachtete sie lächelnd. Im Grunde genommen wusste er es bereits: Seit er sie das erste Mal gesehen hatte, war er ihr verfallen. Ihre arglose Art, auf sein Geplänkel einzugehen, ohne die Gefahr zu sehen, sich darin zu verfangen, sagte ihm, wie unbedarft und ahnungslos sie noch war. Unverdorben, völlig frei von Falsch. Ich muss damit aufhören, sagte er sich. Wenn ich sie weiter mit meinen unbedachten Worten bedränge, wird sie mich dafür hassen.
Seine schwarzen Augen bekamen einen weichen Ausdruck. „Comes-Through-The-Summer-Rain sollte keine Angst haben – ich werde nichts tun, was sie nicht selber will. Ich bin nicht Icy-Wind.“
Sein Tonfall hatte sich verändert. Jetzt war er ernst geworden. Sie in Verlegenheit zu bringen, war das Letzte, was er wollte. Ein harter Zug legte sich um seinen schön geschwungenen Mund. „Icy-Wind ist vielleicht ein angesehener Mann, aber manchmal ist das nicht genug. Kein Mann sollte eine Frau einhandeln dürfen wie ein Bündel Felle – auch dann nicht, wenn sie verzweifelt ist.“
Sein Stimmungswechsel war ihr nicht entgangen. Ihre Augen waren groß geworden, sie betrachtete ihn erstaunt. Dieser hier ist nicht schön, dachte sie – aber ich kann nicht anders, ich muss ihn immer wieder ansehen. Seine Augen sind so schwarz, solche habe ich noch nie gesehen. Selbst die dunklen Nächte könnten sich darin verlieren. Doch, er sieht gar nicht schlecht aus. Wenn ich ehrlich bin, dann hat mir sein Anblick schon beim ersten Mal gefallen. Besonders seine Augen und seine schön geschwungenen Lippen. So etwas ging ihr durch den Kopf, während er auf sie herabblickte. Unwillkürlich hob sie den Blick zu ihm hoch. Mit der großen Narbe quer über seinem Gesicht und der schief zusammengewachsenen Nase musste er bei jedem einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Unzählige winzige Fältchen hatten sich in seine Schläfen eingegraben. Lange, glänzende, bis zur Hüfte wogende wellige Haare gaben ihm ein überaus stattliches Aussehen. Ja, sie musste zugeben: Seine ganze Erscheinung hatte auf sie einen nachhaltigen Eindruck gemacht.
Seine letzten Worte hallten ihr noch in den Ohren, es waren keine sechs Herzschläge seitdem vergangen. „Warum sagst du das?“ Diese Frage hatte sie ihm jetzt einfach stellen müssen. Da war etwas in seinem dunklen Blick gewesen, das sie tief in ihrem Innersten berührte. Dachte er so? Wenn ja, dann wollte sie mehr über ihn wissen. Nicht jeder hier würde sich so einer Frau gegenüber laut äußern.
Running-Fox hielt sich im letzten Moment zurück. Wenn er ihr darauf antwortete, dann musste er ihr auch mehr über die kleine Mexikanerin erzählen. Wollte er das denn? Verwirrt über seine eigenen Gedanken, fragte er sich, wie viel er ihr von dem anvertrauen konnte, was er wusste. Um Zeit zu gewinnen, machte er eine Aufforderung mit der Hand nach vorn. Schweigend schritten sie durch niedrig wachsendes Gebüsch. Aufmerksam hob er die Zweige über ihren Kopf hoch, so dass sie sich nicht stoßen konnte. Angenehm überrascht von so viel Höflichkeit, ging sie mit ihm weiter auf die Stelle zu, wo sie ihr Pony gelassen hatte.
Kurz davor brach er sein Schweigen. „Ich habe Icy-Wind begleitet, weil mich ihre Mutter darum gebeten hat.“
Summer-Rain musste erst überlegen, was er überhaupt damit meinte. Dann wurde ihr klar: Er redete über die kleine Mexikanerin. Seine letzten Worte fielen ihr wieder ein. Geduldig wartete sie darauf, dass er weitersprechen würde.
„Sie verdient einen guten Mann“, sagte er mit einem Blick auf sie. Sollte er ihr wirklich die ganze Wahrheit sagen? Doch sie war kein Kind mehr und würde es verkraften. „Nach allem, was sie erlebt hat, verdient sie ein bisschen Glück. Nicht mehr und nicht weniger. Übrigens, ihr Name ist Dark-Night. Dark-Night, ja, das trifft es.“
Ihr Pony wurde auf sie aufmerksam. Freudig kam es ihr entgegen, ohne sich an dem fremden Mann zu stören. Summer-Rain fasste nach dem Kopf des Tiers, um es an der Stirn zu kraulen. Weil er nicht weiter redete, sagte sie: „Sie ist hübsch – sehr hübsch sogar. Anders als wir hier. Irgendwie geheimnisvoll. Dunkel und doch wie der helle Schein eines Feuers, der durch die Bäume schimmert, damit wir nach Hause finden. Aber ihre Haare – sie sehen aus, als hätte sie sie sich in Trauer abgeschnitten. Sie ist ja noch so jung. Ist sie eine Frau, die ihren Mann verloren hat?“
Eigentlich fragte man so etwas nicht, schon gar nicht einen Fremden. Bereits, als es heraus war, hätte sie sich auf die Zunge beißen können. Er musste ja denken, sie wäre eines dieser Mädchen mit loser Zunge.
Doch es war nun einmal gesagt. „Ich meine, na ja, aber warum hat sie sie sonst abgeschnitten?“, stammelte sie und machte es damit nicht besser.
Es stimmte, die Mexikanerin sah damit aus wie eine Frau in Trauer. Sie war ja noch so jung!
Auf seiner Stirn bildeten sich zwei tiefe Falten. Kurz schloss er die Augen und seufzte. Er würde ihr doch alles sagen müssen. Als er seine Augen wieder öffnete, sah sie Trauer darin – auch noch, während er sprach. „Ich werde es dir sagen – Mädchen, das durch den Sommerregen kommt. Ihre Mutter ist eine mexikanische Sklavin, Dark-Night dagegen ist frei geboren.“
Summer-Rain nickte. Sie wusste, wovon er da sprach. Wenn kein Mann aus dem Volk sie als Ehefrau anerkannte, dann nahm eine Familie aus dem Volk das Kind als ihr eigenes an. Dadurch aber änderte sich der Status der Mutter nicht, während ihre Tochter als gleichberechtigte freie Comanche aufwuchs. Dark-Nights Mutter war bereits schwanger gewesen, als sie geraubt wurden war. Die Hautfarbe oder Herkunft des Neugeborenen spielte bei den Comanchen keine Rolle. Summer-Rain hatte über seine Worte nachgedacht. „Aber warum hat sie sich die Haare abgeschnitten? Sie kann doch nicht wirklich schon Witwe sein, diese Dark-Night – oder etwa doch?“
Sanft legte er ihrem Pony eine Hand auf den Widerrist. Gedankenverloren senkte er den Blick und starrte auf den Boden. Warum erzähle ich ihr das überhaupt? Geplauder, weiter nichts; sie fragt, ich antworte. Doch war das wirklich so? Oder belog er sich damit nur selbst? Spätestens, als er sie jetzt ansah, wurde ihm das klar. Er führte mit ihr ein ernstes Gespräch, kein belangloses Geplauder. Es war das Interesse, das sie dabei zeigte, das ihn noch mehr als zuvor für sie einnahm. „Dark-Night hat viel erleiden müssen, kleine Summer-Rain. Viel zu viel für ihr junges Leben.“
Vielleicht sollte ich jetzt schweigen, dachte er. Dann blickte er in ihre blauen Augen, die jetzt alles wissen wollten, und konnte es nicht. „Sie hat ihre beiden Babys verloren, deshalb hat sie sich die Haare ausgerissen. Ihr Ehemann ist kurz vor der Geburt bei einem Jagdunfall gestorben“, sagte er schnell, bevor er es bereuen konnte.
Summer-Rain schnappte nach Luft. Langsam ließ sie sie wieder aus. Eine kleine Handvoll Zeit verstrich, in der beide schwiegen. Dann brach Running-Fox die Stille mit einem heftigen Gefühlsausbruch. „Drei Pferde, lächerlich!“ Verächtlich blies er die Backen auf. „Der Bruder ihres Ehemannes ist ein gieriger Kerl, und Dark-Night blieb weiter nichts übrig, als ihr Einverständnis zu erklären. Dort wollte sie nicht bleiben – nicht nach allem, was man ihr angetan hatte.“ Während einer weiteren Pause musterte er scheinbar sehr interessiert den Zustand ihres Pferdes. Offensichtlich wollte er jetzt doch das Thema wechseln.
Summer-Rain ließ nicht locker. Es ging ihr nicht aus dem Kopf, was er soeben gesagt hatte. Sie musste es einfach wissen. „Warum hat sie ihre beiden Babys verloren?“, stieß sie hervor und wartete mit vor Schreck geweiteten Augen auf eine Antwort.
Running-Fox drehte ihr seinen breiten Rücken zu, während er nach den richtigen Worten suchte. Sie starrte auf das Hemd aus Leinen und hätte es am liebsten berührt. Es hing genau wie vor Tagen nachlässig aus seinem Gürtel. Heute jedoch fehlte der Colt, stattdessen steckte ein Messer an derselben Stelle. Er drehte sich zu ihr um. Ihre Blicke begegneten sich. Unendliche Traurigkeit war in seinen Augen zu erkennen. Wenn er darüber sprechen konnte, vielleicht würde es ihm ja helfen, endlich selbst damit fertigzuwerden. Denn er, der bei einem weißen Mann aufgewachsen war, konnte diese Grausamkeit, die aus Unwissenheit herrührte, nicht nachvollziehen. Seine ersten Worte kamen deshalb leise, zögernd. „Sie hat kurz hintereinander zwei gesunde Mädchen geboren. Zwillinge.“ Unbewusst nahm er die Hand von ihrem Pony und legte sie ihr auf die Schulter. „Ihre Leute haben ihr das eine weggenommen, um es einer anderen Comanchengruppe, die gerade in ihrer Nähe lagerte, zu übergeben. Dann ist das, welches sie ihr gelassen haben, einen Mond später gestorben.“
Erschrocken schlug sie sich beide Hände vor den Mund. Hätte er ihr das nicht sagen sollen? Aber es war so und nicht anders gewesen. Nach dem ersten Schrecken blickte sie ihn verständnislos an. Sie verstand die Grausamkeit dieser Tat nicht als solche wie er. Trotzdem mochte sie sich das gar nicht vorzustellen. Für Comanchen war es die natürlichste Sache der Welt, Unglücksboten, wie Zwillinge es nun mal waren, für immer zu trennen. Niemand aus ihrem Volk hätte zu dieser Zeit etwas Abscheuliches darin gesehen. Dieser Mann hier jedoch schon, erkannte sie, ohne dass sie hätte fragen müssen. Was konnte ihn zu solchen Ansichten bewogen haben? Unwillkürlich dachte sie an Sun-In-The-Red-Hair. Sie traute es ihrer verstorbenen Mutter durchaus zu, darin das gleiche Unrecht zu sehen wie er. Es gab genug Abscheulichkeiten, die ihre Mutter nicht geduldet hatte. „Wie lange ist das her?“, flüsterte sie in den Wind, plötzliches Verständnis für die arme Dark-Night empfindend.
Er antwortete, seine Hand noch immer auf ihrer Schulter. „Einen vollen Mond, sie trauert noch immer – und mehr um ihre Kinder als um ihren Ehemann.“ Running-Fox‘ vernarbtes Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen. „Natürlich bedeutete das für Icy-Wind, dass sie fruchtbar ist und genau die richtige Frau für ihn. Deshalb war er auch bereit, der Forderung ihres Schwagers nach drei Pferden für sie nachzukommen. Er hat nicht lange verhandelt.“
Spöttisch stieß er die Luft durch die Nase aus. „Weiter hat ihn nichts interessiert.“
Summer-Rain kämpfte mit den Tränen. Sie empfand Mitleid mit Dark-Night. Welch ein Schmerz – und nun die Frau von Icy-Wind, keine Freundinnen in der Nähe, nur eine bösartige Hauptfrau, die sie schlecht behandeln würde. Sie kniff die Augen zusammen und wollte sich nicht einmal vorstellen, was das hieß. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass Running-Fox sie scharf musterte. Jetzt jedoch nahm er die Hand von ihrer Schulter. Er hat mich die ganze Zeit über nicht aus den Augen gelassen, durchfuhr es sie.
Als hätte er ihre Gedanken erraten, verzog er den Mund zu einem gequälten Lächeln. „Vielleicht kannst du ihr ja eine Freundin sein, denn sie wird es nicht leicht haben, denke ich.“
Sie seufzte – mit Freundinnen war das so eine Sache. Ihre guten Erfahrungen damit hielten sich in Grenzen. Da gab es eigentlich nur Dream-In-The-Day, vielleicht noch Weasel oder ein, zwei andere Mädchen – höchstens. Sie hatte schon immer ihr eigenes Ding gemacht. Seit sie bei Sun-In-The-Red-Hair ein Zuhause gefunden hatte, waren sie und natürlich Großmutter ihre einzigen engsten Bezugspersonen. Natürlich auch noch Light-Cloud, ihr Bruder. „Sie wird mehr als nur eine Freundin brauchen, Running-Fox; sie wird einen Beschützer brauchen. Ich werde mit Großmutter sprechen; sie weiß immer, was zu tun ist.“
Die Besorgnis, die er für die Mexikanerin empfand, stand in seinem Gesicht geschrieben. Er nickte jetzt, ließ sie aber nicht aus den Augen. Mit klopfendem Herzen sah auch sie ihn an, sie konnte gar nicht anders. So ein Mann wie er war ihr noch nie begegnet.
Sie ist kein Kind mehr, dachte Running-Fox und fragte sich, wie alt sie sein mochte. Er schätzte sie auf sechzehn. Sie machte jedoch den Eindruck, als wüsste sie bereits mehr als ihr guttat. Sie hatte nicht die Leichtigkeit, den Übermut oder die Unbeschwertheit wie andere Mädchen in diesem Alter. Vielleicht hat sie einfach nur Schlimmes erfahren, schlussfolgerte er.
Plötzlich veränderte sich ihr Blick, und sie starrte zwischen die Bäume, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Etwas ganz tief in ihr drin regte sich, etwas Dunkles, Geheimes, das ihre Seele nicht preisgeben wollte. Oder einfach nicht konnte, weil es viel zu furchtbar war.
Sie verdrängt etwas, ging ihm da durch den Kopf. Was auch immer es ist, es macht ihr Angst. Dann verschwand dieser dunkle Ausdruck in dem Blau ihrer Augen so schnell, wie er hineingekommen war. Hatte er sich getäuscht? Wohl kaum; nein, da war etwas – etwas, wovor sie sich fürchtete.
Fürchtete er sich nicht auch vor etwas? Vor den Erinnerungen, die weit in die Vergangenheit reichten? Manche Dinge sollten dort bleiben, wo sie einst verschlossen worden sind. Es war gut, dass er nur selten an die Vergangenheit dachte. Auch ihr musste das Leben bereits hart mitgespielt haben, so viel stand fest. Wenn er mehr von ihr wollte, musste er vorsichtig damit umgehen. Ja, er wollte mehr von ihr; das wurde ihm in diesem Moment klar.
Seit ihrer ersten Begegnung hatte er das Gefühl, als würde er sie schon ewig kennen. Dass das nicht sein konnte, war ihm zwar bewusst, und trotzdem – ihn fror. Aus dem Nichts heraus streifte ihn etwas Kaltes, und ein Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Wie ein großer Vogel, der ihn sanft mit den Flügeln streifte. Was ist mit mir los? Verwirrt schüttelte er den Kopf.
Ihre Hände berührten sich unabsichtlich auf der Flanke ihres Ponys. Erschrocken blickte sie auf. Sein Herz klopfte heftig. Unwillkürlich verzogen sich seine Lippen wie die Schwingen des Vogels, dessen Flügel er eben noch zu spüren geglaubt hatte. Alles war wieder gut. Über sein Gesicht breitete sich ein Lächeln, als er sah, wie sie die Hand unter der seinen wegzog.
„Running-Fox – ich glaube, wir sollten zurückreiten“, holte sie ihn sanft aus seinen Träumen und trat einen Schritt zurück. „Mein Wild hast du ja verscheucht, also werde ich heute Abend nichts zu essen haben“, meinte sie etwas spöttisch.
Der Zauber war gebrochen. Tief durchatmend deutete er in die Richtung zum Lager. „Mein Pferd ist bei eurer Herde. Ich muss leider zurück laufen.“ Erneut verzog er den Mund, diesmal kräuselten sich seine Lippen, als hielte er sich noch mit etwas zurück. Es blieb ungesagt. Eigentlich hatte er sie fragen wollen, ob er sie bis dorthin begleiten durfte. Die Gelegenheit ging ungenutzt vorüber.
Sie griff nach ihrem Köcher, befestigte ihn an ihrem Pony und wollte gerade aufsteigen, da bedeutete er ihr mit einer Handbewegung, zu warten. Äste knackten, ein Rascheln wie von durchbrechenden Tieren ganz in der Nähe ließ sie aufhorchen. Schon lag ein Jagdpfeil in ihrer Hand, und der Bogen glitt von ihrer Schulter.
Ohne ein Geräusch zu machen, schlichen beide nebeneinander am Rand des Weihers entlang. Running-Fox zeigte, den ausgestreckten Zeigefinger am Auge vorwärts bewegend: Sehen.
Summer-Rain nickte. Da zog er eine imaginäre Sehne mit der Faust zurück und schüttelte den Kopf. Sie sollte nicht schießen. Er ballte eine Faust, fuhr damit vor der Brust in die Höhe und ruckte mit einem kleinen Stoß nach vorn. Sie lächelte. Das gehört mir, hatte er gerade signalisiert. Na gut, sollte er doch zeigen, was er kann.
Unterdessen waren sämtliche Geräusche verstummt. Beide schlichen leise weiter durch das Unterholz. Nach etwa zehn Schritten kamen sie an eine offene Stelle, die sich halbrund zur Weite hin öffnete. Begrenzt wurde sie nur durch vereinzelte Dornensträucher und wilde Rosen. Zwölf Gabelböcke standen dort völlig ahnungslos im tiefen Gras. Es mochten die verstreuten Reste einer Herde sein, die gerade in der Ebene verschwunden war.
Running-Fox zog bedächtig sein Messer aus der Scheide, während er sich heranpirschte. Noch bemerkte ihn das Wild nicht. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von einem der Tiere.
Summer-Rains Augen verengten sich zu Schlitzen; sie lächelte verschmitzt, während sie einen der Äste vor ihrer Nase in beide Hände nahm und durchbrach. Knacks. Du hast mein Wild verschreckt – ich verschrecke jetzt deins, dachte sie amüsiert. Als sein verständnisloser Blick sie traf, lachte sie lautlos. Die Gabelböcke ergriffen die Flucht. Wie um ihn zu verspotten, legte sie beide Hände flach mit den Innenseiten nach unten vor ihre Brust, fuhr dann mit der rechten Hand schnell hoch, weit über die linke hinweg, dabei ruckweise höher kommend. Schnell laufen. Das tat er bereits ohne ihren stummen Ratschlag.
In weiten Sätzen sprintete er hinter dem letzten Tier her, seinem Namen alle Ehre machend.
Einen Dornenstrauch, der ihm in die Quere kam, überspringend, stürzte er sich auf seine Beute. All das geschah binnen weniger Augenblicke. Summer-Rain sah sein Messer – ein kurzer Kampf, dann blickte er sich triumphierend nach ihr um. Außer Atem traf sie bei ihm ein, da zog er gerade sein Messer aus dem Tier und ließ es, während er ein Dankgebet sprach und um Verzeihung für das Töten bat, in Mutter Erde ausbluten. Kein Wort des Vorwurfes kam über seine Lippen. Er hatte genau verstanden, was sie ihm sagen wollte. Mit geübten Handgriffen brach er den Gabelbock auf. Sie sah ihm zu, ohne einen spöttischen Kommentar darüber abzugeben, dass er sich sein gutes Hemd bei dieser blutigen Arbeit vorsichtshalber hätte ausziehen sollen. Hatte er ihre Gedanken gehört? Denn genau das machte er jetzt, band es sich um die Hüften und lud den Gabelbock auf seine Schultern.
So gingen sie zurück zu ihrer Stute, die noch an der gleichen Stelle stand. Gut abgerichtet, dachte Running-Fox anerkennend. Gemeinsam luden sie ihr die Jagdbeute auf den Rücken, das Mädchen setzte sich dahinter und griff nach dem Zügel aus geflochtenen Pferdehaaren.
Running-Fox grinste. Eine Hand auf der Jagdbeute, meinte er zu ihr: „Den Bock war ich dir wohl schuldig. Dafür musst du mich zum Essen einladen – Mädchen, das durch den Sommerregen kommt.“
„Ich denke gar nicht daran, das zu tun. Ich liefere dein Wild bei Icy-Wind ab, bei dem kannst du dich ja einladen!“ Noch während sie das sagte, bereute sie es bereits.
Sein Gesichtsausdruck zeigte jedoch keinerlei Unmut. Versöhnlich beugte sie sich zu ihm hin. „Na gut, ich bringe deine Jagdbeute in unser Tipi. Mein Bruder Light-Cloud wird sich sicher über deinen Besuch freuen.“
Ein belustigter Zug erschien um seine Mundwinkel. Vertraulich glitt seine Hand von dem erlegten Wild zu ihrem Knie. Er fragte: „Und du nicht?“ Bevor er sich noch eine weitere Vertraulichkeit erlauben konnte, wischte sie seine Hand mit einer schnellen Bewegung fort. „Vielleicht, wenn du weißt, wie man sich benimmt“, sagte sie streng. In seinen schwarzen Augen blitzte es belustigt. „Ich komme nur, wenn du auch dort bist.“
Im ersten Moment wollte sie ihm darauf eine trotzige Antwort geben, dann überlegte sie es sich anders und schwieg einfach nur.
Seine Zähne blitzten, lautlos lachend verzog er den Mund. Ihr Schweigen nahm er als ein Ja. Völlig durcheinander wandte sie sich von ihm ab. Noch nie zuvor hatte ein Mann so zu ihr gesprochen. Nicht mit solchen Worten, bei denen sie nicht wusste, ob sie ernst gemeint waren oder er sie nur verspotten wollte. Das war eine völlig neue Erfahrung, und es gefiel ihr.
Das Lächeln auf seinen schön geschwungenen Lippen verschwand nur langsam, während er ihr gedankenverloren hinterher blickte. Das mit der Einladung hatte er ernst gemeint. Es ging ihm nicht um das Essen. Plötzlich fragte er sich, wie Light-Cloud, dieser immer so ernst dreinblickende Mann, das aufnehmen würde. Denn damit zeigte er ganz offen sein Interesse an ihr. Leicht amüsiert kam ihm sein weißer Vater in den Sinn. Was würde er wohl davon halten? Sicher würde er ihn schief ansehen und fragen: Junge, machst du diesem Mädchen etwa den Hof?
Und, Running-Fox, war das so? Ja, sagte er sich – es war so, denn eigentlich hätte er auch gleich wieder fortreiten können, nachdem er Dark-Night, wie ihrer Mutter versprochen, hier abgeliefert hatte. Dass er blieb und warum, lag auf der Hand. Light-Cloud würde die richtigen Schlüsse ziehen, er war ja nicht dumm. Running-Fox schüttelte seine langen Haare gegen den Wind; er musste einen klaren Kopf behalten. Was nützt das, sagte er sich. Hierbei konnte er seinen Kopf nicht gebrauchen. Wenn es danach geht, sollte ich mein Pferd holen und sofort von hier verschwinden, solange ich noch klar denken kann. Bei diesem Gedanken zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen. Das konnte er nicht mehr. Zu spät, Running-Fox, zu spät zum Wegrennen.
Urplötzlich kam Wind auf. Da war sie wieder, die Ahnung von etwas, das ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Auf seinen Armen bildete sich Gänsehaut. So ein Blödsinn, schalt er sich und fluchte auf Englisch. Dann war es vorbei. Er blickte sich um. Alles schien noch wie vorher zu sein, nichts hatte sich verändert. Und doch. Der Wind hatte sich gelegt. Jetzt flüsterte er ihm etwas zu, doch er konnte es nicht hören. In der Ferne, ganz weit weg von hier, erscholl der Ruf eines Falken. Sein Unterbewusstsein versuchte ganz ohne sein Zutun, sich zu erinnern. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, ließ ihn noch immer nicht los. In tiefe Gedanken versunken starrte er lange Zeit in die Ferne. Dann holte ihn die Gegenwart ein, und er machte sich auf den Weg zurück ins Lager.
XXX
Mittlerweile war es später Nachmittag geworden. Light-Cloud kam von der Arbeit mit seinen Pferden zurück. Er hatte den ganzen Tag auf seine Schwester gewartet, aber sie war nicht gekommen. Jetzt, auf seinem besten Kriegspony den Weg zu seinem Zuhause einschlagend, dachte er nicht weiter darüber nach. Zwischen den Tipis, die verstreut entlang des Flusses standen, und dem anschließenden Wald lag eine weite hügelige Prärie, die an manchen Stellen von großen Steinen unterbrochen wurde. Dort bemerkte er eine Gestalt. Mühsam schleppte sie sich zu einem dieser Steine, um dort zu rasten. Näher herankommend bestand für ihn kein Zweifel mehr: Das da war die Frau von Icy-Wind.
Light-Cloud ritt auf sie zu.
Gegen einen der Steine gelehnt, ein Bündel Brennholz neben sich, saß Dark-Night. Erst als er heran war, bemerkte sie ihn. Erschrocken schaute sie zu ihm hoch. Light-Cloud betrachtete sie abschätzend.
Aus der Nähe kam sie ihm noch zerbrechlicher vor. Ihr Körper hatte zwar frauliche Formen mit üppigen Brüsten und ausladenden Hüften. Das alles wirkte trotzdem noch irgendwie kindlich. Die an einigen Stellen bis zu den Ohren abgesäbelten Haare standen wirr und zerzaust nach allen Seiten hin ab. Mehr konnte er nicht von ihr erkennen, da sie ihr Gesicht im Schoß verbarg. Sonst hätte er gleich die Knochen ihrer hohen Wangen bemerkt, die sich besonders stark in dem kleinen Gesicht abzeichneten und bläulich verfärbt waren. Auch die dunklen Schatten sah er nicht, die sich unter ihren schwarzen kleinen Augen eingegraben hatten. Gerade wollte er sich abwenden, da fiel sein Blick auf ihre Füße. Sie trug völlig zerschlissene Mokassins, die an den Seiten bereits aufplatzten. Er stutzte, sah noch einmal genauer hin.
In diesem Moment hob sie den Kopf. Vielleicht dachte sie, er wäre bereits weg. Tränen rannen aus ihren tief in den Höhlen liegenden, wie schwarze Murmeln glänzenden Augen an ihren hohlen Wangen hinunter. Sie sah, dass er immer noch hier war, und versuchte, sie mit ihren schön geformten kleinen Händen zu verdecken. Ganz offensichtlich war es ihr peinlich, dass er sie so sah. Ihm stockte der Atem. Dieser kurze Blick voller Schuldgefühle ging ihm durch Mark und Bein.
„Reite weiter und halte dich nicht mit dieser hier auf – das geht dich nichts an.“
Ihre Worte kamen gepresst, da sie sich die Hand vor die blassen, zitternden Lippen hielt. Zusätzlich senkte sie noch den Kopf nach unten und starrte auf ihre zerschlissenen Mokassins. Wie ein Häufchen Unglück kauerte sie dort, jetzt beide Hände vor dem Gesicht.
Er dachte gar nicht daran, ihrer Aufforderung nachzukommen. Unmutig über die Zurechtweisung, griff er von seinem Pferd aus nach ihren Händen und zog sie ihr mit Gewalt vom Gesicht. Sie wollte sich wehren, unterließ es dann aber doch, da sie gegen ihn nicht ankommen konnte. Seine Miene blieb starr, während er ihre aufgeplatzten, blutverkrusteten Lippen und das aufgeschürfte Kinn betrachtete. Das machte ihm klar, dass das alles nicht vom Holzsammeln kam. Diese erste Zeit hier mit Icy-Wind lief alles andere als gut. Es ging ihn nichts an. Nein, das alles hatte ihn nicht zu interessieren. Sie hatte ja völlig recht – trotzdem, es ließ ihn nicht kalt. Eine Alarmglocke in seinem Kopf schrillte und warnte ihn. Er, Light-Cloud, mit seinen 31 Wintern, sollte es besser wissen und sich nicht mit dieser hier befassen; es brachte doch nur Ärger. Sich in fremde Angelegenheiten einzumischen, das ging gar nicht. Sie war die Ehefrau eines sehr angesehenen Kriegers und damit tabu. Trotzdem beugte er sich noch weiter von seinem Pferd hinunter, berührte mit seinem hornigen Zeigefinger ihr tränenüberströmtes Gesicht. Da traf ihn erneut dieser dunkle Blick – der Blick eines scheuen, ängstlichen Tiers.
Nachdenklich runzelte er die Stirn. In seinen Augenwinkeln bildeten sich unzählige kleine Fältchen.
Großmutter, dachte er – ja, Großmutter musste helfen. „Warte hier, ich schicke dir jemanden; er wird es nicht erfahren“, sagte er mit ruhiger, beherrschter Stimme, obwohl ihm ganz anders zumute war. Langsam zog er seine Hand zurück. Während er seinen Mustang wendete, sah er noch einmal zu ihr. Sie kauerte noch immer wie ein Häufchen Unglück gegen den Stein gelehnt, das große Holzbündel neben sich.
Großmutter, hallte es in ihm wider – Großmutter wird wissen, was zu tun ist. Eigentlich war sie ja seine Tante, doch er und Summer-Rain nannten sie, seit er denken konnte, immer schon so. Er ritt die wohlbekannte Biegung zum Fluss hinunter und atmete erleichtert auf. Gut, dass ihm Großmutter noch rechtzeitig eingefallen war. Er selbst sollte seine Zeit nicht mit Weiberkram verschwenden oder sich um anderer Männer Frauen kümmern. Besonders ich sollte mich aus allem raushalten, was Icy-Wind und seine Angelegenheiten betrifft, ermahnte er sich. Alles, was mit ihm zusammenhing, brachte nur Ärger – und das schon seit er denken konnte. Glücklich über die Möglichkeit, Großmutter diese Sache übertragen zu können, erreichte er ihr Tipi. Der Blick aus diesen Augen, ihr alles durchbohrender Blick, der würde ihm so schnell nicht aus dem Kopf gehen.
Noch während er vom Pferd sprang, bemerkte er, dass Teile eines Gabelbockes auf dem Gestell neben dem Tipi hingen. Davor hockte seine Schwester und steckte Fleischstückchen auf Spieße. Sie sah von ihrer Arbeit auf. Großmutter kam aus dem Tipi, und mit wenigen, beiläufig klingenden Worten erklärte er ihr die Sache mit Dark-Night.
Die alte Frau zögerte nur kurz. Ihr gingen die verschiedensten Dinge durch den Kopf. Es war riskant, sich in die Angelegenheiten besonders von Icy-Wind einzumischen. Was hatte sich Light-Cloud nur dabei gedacht? Er war doch sonst nicht so zimperlich, wenn es um andere Frauen ging. Warum kümmerte er sich gerade um sie? Großmutter seufzte, weil er sie mit seinem unwiderstehlichen Lächeln ansah. Sie konnte ihm nicht so leicht etwas abschlagen. Wenn sie es klug anstellte, brauchte Icy-Wind ja nichts zu erfahren. Sie würde es so einrichten, das sie ganz zufällig auf die kleine Mexikanerin traf. Rasch griff sie sich das nächstbeste Pferd, eine hellbraune Stute, und galoppierte davon.
Summer-Rain, die gespannt zugehört hatte, wartete, bis er sich in gebührendem Abstand von ihr niederließ. Ohne ihn dabei anzusehen, begann sie ihm von der Begegnung mit Running-Fox zu erzählen. Ihm ihre Jagd beschreibend, musste er sich das Grinsen verbeißen. Es belustigte ihn, wie sie mit dem jungen Mann umgesprungen war. Dass sie ihn jedoch auch noch eingeladen hatte, oder er eigentlich sich selbst, brachte ihn doch zum Grübeln.
Die Fleischstücke waren lange gar, da kam Großmutter zurück. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen, und sie war wütend. In dieser Stimmung ließ sie sich neben Summer-Rain nieder. Voller Zorn berichtete sie von ihrem Gespräch mit Crow-Wing. Sie hatte die Angelegenheit nicht mit der Mexikanerin, wie Light-Cloud gehofft hatte, sondern auf ihre eigene Art und Weise geregelt. Während sie Bericht erstattete, hellte sich allmählich ihre Miene wieder auf. „Nachdem ich sie wegen der kleinen Mexikanerin zur Rede gestellt hatte – denn es war nicht Icy-Wind, der sie so zugerichtet hat – habe ich ihr gedroht, sie im Fluss zu ertränken, wenn sie ihr weiterhin das Leben schwermacht.“
Nach einem Blick auf den etwa zehn Fuß entfernt hockenden Light-Cloud, fuhr sie voller Genugtuung fort: „Ich habe mich schon einmal nicht davor gescheut, sie in den Fluss zu werfen und so lange unterzutauchen, bis sie eine halbe Wasserleiche war. Das würde ich heute noch einmal machen – und das weiß sie!“
Fassungslos starrte Light-Cloud sie an. Das hatte er von Großmutter nicht gedacht. Erstaunt hakte er nach. „Wovon sprichst du?“
Die alte Frau ging zu ihm. Sich hinunterbeugend tätschelte sie grob sein Gesicht. Vergeblich versuchte er, sich ihrer Liebesbezeugung zu entziehen. Ihm war das unangenehm; jeder, der zufällig vorbeikam, würde es sehen. Doch Großmutter kümmerte sich nicht um seine Befindlichkeiten. Endlich ließ sie ihn los.
Dann jedoch klärte sie sie auf. „Damals ging es um eure Mutter. Crow-Wing hatte in der Nacht, als dein Vater sie heimbrachte, versucht, sie im Fluss zu ertränken. Natürlich weiß hier niemand davon, und so soll es auch bleiben. Sun-In-The-Red-Hair hat es mir erst einen ganzen Mond später erzählt, als sie ein bisschen besser unsere Sprache beherrschte. Da bin ich dann los, um mir diese Krähe vorzunehmen.“
Light-Cloud biss sich, ein Schmunzeln unterdrückend, auf die Unterlippe. Wenn das stimmte, dann erklärte das so manches. „Diese Geschichte über Crow-Wing, Großmutter – ich will sie ganz genau wissen. Mit Ausflüchten kommst du mir nicht wieder davon. Da ist dann noch diese andere Sache – wie du so gut Schwimmen gelernt hast und warum. Auch die bist du uns noch schuldig!“ Er wechselte einen Blick mit seiner Schwester, die zustimmend nickte. Auch sie wollte es unbedingt hören. Großmutter wiegte bedenklich den Kopf. „Ich weiß nicht, ob das klug ist, damit jetzt anzufangen, denn das braucht Zeit.“
Light-Cloud wollte schon protestieren, da hob Summer-Rain beschwichtigend die Hand. „Lass gut sein“, sagte sie, dabei ihre Großmutter ansehend. „Das wird sie uns schon irgendwann einmal erzählen. Aber sicher nicht heute, denn, wie du weißt, erwarten wir noch einen Gast.“
Solche Gespräche führte man nicht vor Fremden, natürlich. Summer-Rain stand auf, um sich wieder um das Essen zu kümmern. Inzwischen konnte man ihr ihre Unruhe anmerken. Light-Cloud runzelte leicht die Stirn und begann, über das Zusammentreffen des Fremden mit seiner Schwester nachzudenken. Da sie das Essen mit dem Gast draußen einnehmen wollten, hing Summer-Rain einen schweren Kupferkessel, der voll mit bereits gekochter Fleischbrühe war, über das Feuer. Außerdem brachte sie die bereits garen Fleischspieße, um sie nachher nur noch aufwärmen zu müssen. Leicht amüsiert beobachtete Light-Cloud, wie seine Schwester eifrig hin und her wuselte. Feuerholz holte, Decken herbeibrachte, mit Pferdehaar gefüllte Kissen verteilte – alles tat, um es dem zu erwartenden Gast so bequem wie nur möglich zu machen.
Es begann bereits dunkel zu werden, als Running-Fox endlich erschien, das Einverständnis Light-Clouds einfach voraussetzend. Gastfreundschaft galt als heilig, und es war keine Frage des Anstandes, sondern eine Selbstverständlichkeit. Sein gutes Hemd, an einigen Stellen noch blutig vom Wild, steckte zum ersten Mal ordentlich im Gürtel, was Summer-Rain sofort auffiel. Das Gastgeschenk, das er mitbrachte, bestand aus einem großen Beutel guten Tabaks für Light-Cloud.
Bald schon saßen die Männer nach dem guten Essen – gemütlich in angeregte Gespräche vertieft – draußen um das Feuer, abseits von den Frauen. Die beschäftigten sich währenddessen mit einer Arbeit. Summer-Rain bemühte sich dabei vergeblich, gerade Nähte an einer Leggins hinzubekommen, was ihrer Großmutter natürlich nicht entging. Running-Fox‘ Blicke wanderten immer wieder zu ihr hinüber. Wenn sie sich zufällig begegneten, senkte sie wie ertappt rasch den Kopf über ihre Arbeit. Natürlich konnten die Nähte so nicht gerade werden. Großmutter betrachtete dieses Spiel mit gemischten Gefühlen. Unruhig rutschte sie hin und her. Es war durchaus nicht in ihrem Sinn, ihre Enkelin so bald schon aus ihrer Obhut zu entlassen.
Light-Cloud, der davon entweder nichts mitbekam oder so tat, unterhielt sich mit Running-Fox über die Büffeljagd, die demnächst anstand. Dabei sprach er über Dinge, die nur für Männer interessant zu sein schienen. Irgendwann kam Running-Fox auch auf Dark-Night zu sprechen, Light Cloud-ließ jedoch kein Wort über seine Begegnung mit ihr fallen. Während die Nacht allmählich vorrückte, schlug er vor, sich mit Running-Fox in sein eigenes Tipi zurückzuziehen. Der schien davon gar nicht begeistert zu sein und ging nicht darauf ein. Irgendwann war es nicht mehr zu übersehen, wie der Gast Summer-Rain betrachtete. Light-Cloud wurde unruhig – doch was konnte er tun? Dieses Mädchen, gestern noch seine kleine Schwester, sollte heute das Interesse eines ihr völlig fremden Mannes erregt haben? Konnte es sein, dass sie etwas für ihn empfand? Gehörte die Jagd heute früh etwa schon zu Running-Fox‘ Plan? Kein Zufall, sondern Absicht? Benutzte er die Beute als Eintritt in sein Tipi, um eine andere Beute zu machen? Verwirrt über seine Gedanken fiel ihm auf, dass seine Großmutter von dort, wo sie saß, die beiden beobachtete. Also hatte auch sie es bemerkt. Eines aber musste er dem Fremden zugute halten: Er machte aus seinen Gefühlen keinen Hehl.
Also kein Feigling, kein Heimlichtuer, sondern ein Mann, der zu dem stand, was er tat. Das wiederum gefiel Light-Cloud. Warum also nicht? Nach diesen Überlegungen sah er die Sache von der praktischen Seite. Er, als Oberhaupt ihrer kleinen Familie, würde am Ende das Sagen haben.
Seine kleine Schwester wurde umworben. Light-Cloud grinste still in sich hinein.
Summer-Rain dagegen sah aus, als säße sie in der Nähe eines wilden Bienenschwarms, jederzeit bereit, fortzulaufen. Zwar tat sie so, als wäre er ein Gast wie jeder andere, doch Light-Cloud bemerkte sehr wohl ihre Unsicherheit. Als der Mond auf sie herunterschien und die Flammen des Lagerfeuers Schatten auf ihre Gesichter malte, rückte sie weiter vom Feuer ab zu Großmutter. Dort fühlte sie sich sicherer. Die Frauen hatten sich nicht an der Unterhaltung beteiligt, doch zugehört. Summer-Rains Arbeit an der Leggins hätte sie sich sparen können. Sie würde alles wieder auftrennen und neu machen müssen. Großmutter schüttelte tadelnd den Kopf.
Schließlich verabschiedete sich Running-Fox höflich, bedankte sich für die Gastfreundschaft und nickte Summer-Rain freundlich zu. Die tat gleichgültig, als würde er sie überhaupt nicht interessieren. Er war darüber nicht einmal enttäuscht. Die Blicke, die er mit ihr gewechselt hatte, waren ihm für den Anfang Verheißung genug.
Zufrieden bestieg er sein hochbeiniges texanisches Pferd, das die ganze Zeit über neben Light-Clouds Pferden gegrast hatte. Langsam, das Treffen noch einmal in Gedanken durchgehend, ritt Running-Fox zur Pferdeherde. Dort schlug er sein Nachtlager auf. Zwar hatte Icy-Wind ihn eingeladen, die Nacht bei ihm zu verbringen. Das jedoch hatte er dankend abgelehnt. Hier draußen, unter dem Sternenhimmel, war ihm wohler; hier konnte er ungestört träumen.
Großmutter und Summer-Rain räumten unterdessen die Reste des Mahles zusammen. Die alte Frau verlor kein einziges Wort über ihre Beobachtungen. Light-Cloud ging hinüber in sein eigenes Tipi, ohne etwas zu sagen.
Im Tipi von Großmutter konnte man wenig später nur ihr leises Schnarchen hören, während Summer-Rain noch lange wach lag. Comes-Through-The-Summer-Rain musste über so vieles nachdenken.
Über den fremden Krieger, den sie nicht aus ihrem Kopf bekam. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart wohl – ja, das musste sie zugeben. Es schmeichelte ihr, von ihm umworben zu werden, denn das war es, was Running-Fox da ganz ungeniert machte. So unerfahren, um das nicht zu wissen, war sie schon lange nicht mehr. Wenn die Sonne aufging, dann würde es darüber genug Gesprächsstoff im Lager geben, denn irgendwer hatte immer etwas gesehen.
Lange noch lag sie auf ihrem Lager und blickte durch den Rauchfang hinauf in den Himmel. Der Schweif einer Sternschnuppe blitzte kurz auf. Running-Fox. Nein, so viel sie auch zu schlafen versuchte, immer wieder kreisten ihre Gedanken um ihn. Und das waren keine schlechten Gedanken, ganz im Gegenteil. Sie begann darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, wenn er all das mit ihr machte, was – sie schlug sich eine Hand vor den Mund, damit Großmutter ja nichts davon mitbekam. Dann musste sie an einen Anderen denken. Er hatte ihr das Herz gebrochen, und es tat immer noch weh, wenn sie ihn sah. Vielleicht würde das jetzt endlich aufhören. Tränen liefen ihr über die heißen Wangen. Oh ja, das musste endlich aufhören. Running-Fox, sagte sie in Gedanken und stellte ihn sich wieder vor. Zum ersten Mal seit der Begegnung mit Magic-Flower an diesem unglückseligen Morgen dachte sie kurz vor dem Einschlafen nicht mehr daran.
Kapitel 7
Ein halber Mond war seit diesen Ereignissen vergangen. Running-Fox musste inzwischen viele Einladungen annehmen; er wurde von allen Seiten bestürmt. Häuptling Old-Antelope nahm ihn in Beschlag, genauso wie Great-Mountain. Jeder im Lager bis hin zu den Kindern bezeugte ein lebhaftes Interesse an ihm. Der Friedenshäuptling und gleichzeitige Medizinmann beobachtete seinen Aufenthalt mit besonderem Interesse, denn Great-Mountain blickte schon weiter. Im Stillen hoffte er, Running-Fox würde hier bei ihnen bleiben und ihre kleine Gruppe damit verstärken. Es war ihm durchaus klar – wenn er fortging – dann nahm er ganz sicher auch Summer-Rain mit. Ihm, als aufmerksamem Beobachter, war das Interesse des Fremden an ihr nicht entgangen. Diese Überlegungen teilte er auch mit dem Häuptling. Beide versuchten, es Running-Fox hier so angenehm wie nur möglich zu machen. Aber so sehr sie sich auch darum bemühten, etwas über seine Vergangenheit herauszufinden – Running-Fox schwieg beharrlich.
Die Besuche bei Light-Cloud häuften sich. Natürlich wussten alle längst, dass er nicht wegen ihm oder Großmutters Leckereien kam. Die Gespräche im Lager, vor allem die der Frauen, kreisten jetzt vor allem um Summer-Rain. Würde sie seiner offensichtlichen Werbung nachgeben? Was sagte Light-Cloud zu alledem?
Was ihn betraf, so hatte er nichts mehr gegen eine Heirat. Obwohl – es war nicht wegen ihrer Jugend – er gab sie nur ungern her. Genau wie Großmutter, die immer stiller wurde, je länger Running-Fox blieb.
Summer-Rain selbst war am Beginn seines Werbens nicht wirklich klar gewesen, worauf sie sich da einließ. Sie begriff es erst, als ihr Bruder ein ernstes Wort mit ihr sprach. Und Großmutter? Trotz ihrer Vorbehalte, sagte sie ihrer Enkelin, dass es nicht anging, mit den Gefühlen des jungen Mannes zu spielen. Natürlich war ihr das klar. Um nichts in der Welt wollte sie mit Magic-Flower verglichen werden. Großmutter schickte sich schließlich in das Unvermeidliche. Sie wollte ihre Enkelin glücklich sehen – nur darum ging es ihr.
Von sich selbst hatte Summer-Rain keine hohe Meinung. Bisher war sie davon überzeugt gewesen, nicht schön zu sein. Zu dünn und flachbrüstig, musste sie wahrscheinlich froh sein, wenn sich überhaupt jemand für sie interessierte, dachte sie. Wahrscheinlich hatte Magic-Flower ja recht. Nun plötzlich wurde sie von einem Mann, den ihr die ledigen Frauen und Mädchen ganz offen neideten, umschwärmt. Diese Erfahrung war für sie völlig neu. Andererseits hatte sie schon einige der jungen Männer ausgelacht, die mit ihr anbändeln wollten. Die jedoch waren plump in ihren Annäherungsversuchen gewesen – oder ganz einfach nur aufdringlich. Vielleicht urteilte sie über sie auch nur so, weil es da immer schon einen anderen gegeben hatte; doch das war ja nun vorbei. Running-Fox war anders. Von Tag zu Tag fasste sie mehr Vertrauen zu ihm. Ja, es kam sogar vor, das sie nach ihm Ausschau hielt, kam er einmal nicht vorbei. Dann vermisste sie ihn. Vermisste, wie er sie ansah, wie er mit ihr redete. Ihr gefiel es, wie er ging, wie er die Haare auf seine ganz eigentümliche Art nach hinten warf. Wie er seine Lippen bewegte, sie anlächelte. Das Aufblitzen seiner schwarzen Augen, wenn sie sich begegneten – das vermisste sie am meisten. Ihr gefiel nicht, dass es da einige Mädchen gab, die es nicht aufgaben, ihn für sich zu gewinnen.
Running-Fox jedoch hatte jedem Vater, der ihn einlud, um ihm seine Tochter anzubieten, unmissverständlich eine Abfuhr erteilt. Es wurden sogar schon Wetten abgeschlossen, wie lange Summer-Rain ihn noch hinhalten würde. Denn das sie ihn noch immer auf Abstand hielt, war keinem entgangen. Doch Summer-Rain wäre nicht Summer-Rain, wenn sie so leicht zu haben gewesen wäre.
Er litt. Er litt, wie er noch nie in seinem Leben gelitten hatte. Sie musste doch merken, was er für sie empfand. Es ging ihm alles viel zu langsam. Darin war er ein ungeduldiger Mann. Manchmal hatte er den Eindruck, sie spielte nur mit ihm; dann wiederum nahm er ihre Zurückhaltung für das, was sie war: Unsicherheit, Vorsicht – oder hatte sie ganz einfach nur schlechte Erfahrungen gemacht? Was es auch immer sein mochte, Running-Fox schreckte das nicht ab. Er machte in aller Öffentlichkeit klar, dass er sie wollte, bemühte sich mit all seinen Erfahrungen als Mann um Summer-Rain. Seine gesamte freie Zeit verbrachte er inzwischen mit ihr – und davon gab es viel – denn auch der letzte Vater einer heiratsfähigen Tochter hatte endlich eingesehen, dass es keinen Sinn hatte, ihn weiter einzuladen.
Running-Fox scheute sich auch nicht davor, mit ihr auf die Jagd zu gehen. Oft ritten sie gemeinsam aus oder verbrachten ihre Zeit mit dem jungen Volk bei gemeinsamen Reiterspielen. Da ging es oft genug hart her. Einmal, als Running-Fox sich an einem zersplitterten Ast den Oberschenkel aufriss, bestand er darauf, dass nur sie ihm die klaffende Wunde ausbrennen und nähen sollte. Während sie ihm die Wundränder zusammendrückte, fühlte er nur ihre kühlen Finger auf seiner Haut und keinen Schmerz. Schnell, aber geschickt führte sie die aus einem Knochen gefertigte Nadel durch sein Fleisch. Lächelnd beobachtete er dabei ihr Gesicht, ohne auch nur einmal zusammenzuzucken. Während sie arbeitete, hatte sie nur auf die Wunde geachtet. Als sie fertig war, blickte sie hoch und in seine nachtschwarzen Augen. Da legte Running-Fox eine Hand auf ihre blutigen Finger, verschränkte sie mit den seinen und drückte sie sanft. Summer-Rains Gesicht überflog eine dunkle Röte, weil sie nicht sicher war, ob jemand sie beobachtete. Dann aber war es ihr egal, und sie erwiderte den Druck. Still sprachen sie so miteinander, ohne auf etwas anderes zu achten. In diesen wenigen Augenblicken entschied sich Summer-Rain für ihn. Ihr Herz war von einem anderen zerbrochen worden; dieser hier würde es wieder zusammenfügen, doch das brauchte Zeit.
Langsam löste sie ihre Finger aus seiner Hand. Ihr war völlig klar, dass sie ihm damit ein Versprechen gegeben hatte. Von da an wurde es leichter. Jetzt wusste sie: Es gab kein Zurück für sie mehr. Alle Zweifel, die sie bisher mit sich herumgetragen hatte – denn ihr zersplittertes Herz schmerzte noch immer – verbannte sie ganz, ganz weit hinten in die äußerste Ecke ihres Seins.
Großmutter entpuppte sich als großzügige Gastgeberin. Immer, wenn Running-Fox nun bei ihnen erschien, tischte sie ihm alles auf, was es sonst nur zu Festlichkeiten gab. Sie erzählte sogar in seiner Gegenwart Geschichten aus ihrer Zeit als junges Mädchen – und die waren sogar für Summer-Rain und Light-Cloud neu. Running-Fox hörte zu, sich dieser Ehre durchaus bewusst. Trotzdem galt seine ganze Aufmerksamkeit nur Summer-Rain.
Immer öfter jedoch glänzte Light-Cloud bei solchen Anlässen durch Abwesenheit. Zuerst dachte sich niemand etwas dabei, allmählich jedoch fiel es Großmutter auf. Irgendetwas stimmte mit ihrem Jungen nicht. Es beschlich sie ein komisches Gefühl. Light-Cloud hatte sich außerdem verändert – kam unregelmäßig, ging, ohne ihr wie sonst zu sagen, was er vorhatte. Auch Summer-Rain fiel das auf. Sie entdeckte ihn oft an Orten, an denen er sonst selten aufgetaucht war. Er ritt zu den sonderbarsten Zeiten aus, ja, vernachlässigte sogar seine Pferde. Das passte überhaupt nicht zu Light-Cloud. Zuerst dachte sie, er nehme Rücksicht auf Running-Fox, damit er mit ihr allein Zeit verbringen konnte. Doch dann sah sie ihn einmal aus dem Wald kommen, ohne dass er seine Jagdwaffen bei sich trug. Seltsam, dachte sie – was hat er wohl dort gewollt? Dann wiederum blieb er Nächtelang fort, kam erst im Morgengrauen zurück, wieder ohne Jagdbeute. Er war auch nicht bei seinen geliebten Mustangs gewesen – das wusste sie genau. Letztendlich waren sie und Großmutter sicher, dass er sich wieder einmal auf eine Frau eingelassen hatte, und beließen es dabei.
Die junge Frau von Icy-Wind fügte sich langsam in die Gemeinschaft ein. Ihr ging es besser als am Anfang, das konnte jeder sehen. Summer-Rain schob es zuerst auf den Einfluss ihrer Großmutter wegen der Zurechtweisung von Crow-Wing. Dark-Night lachte zwar immer noch nicht viel, aber ihr zerbrechlicher Körper schien sich allmählich zu erholen. Alle dachten schon, dass sie endlich schwanger war.
Icy-Wind kam eines Tages von der Suche nach Büffeln mit einer Gruppe Krieger zurück. Sie hatten nicht so viele Tiere gesichtet, als dass das gesamte Lager losziehen musste. Great-Mountain teilte die Jagdgruppe ein. Es gehörte zu seinen Aufgaben, dafür zu sorgen, dass alles reibungslos ablief. Light-Cloud hatte dringende Arbeiten mit seinen Mustangs vorgeschoben und blieb im Lager. Niemand fand etwas dabei, da für ihn immer seine Pferde an erster Stelle standen. Great-Mountain hatte für diese Jagd acht Männer ausgesucht. Icy-Wind bestand darauf, mitzureiten. Als er losritt, war niemand froher darüber als Dark-Night. Dass Light-Cloud nur eine Ausrede erfunden hatte, wurde Summer-Rain zwei Sonnenaufgänge später klar, als sie die entsetzliche Wahrheit erkannte.
Sie hatte den ganzen Vormittag mit Running-Fox und ihrem Bruder bei den Pferden zugebracht. Dabei saß Running-Fox auf einem Stein und beobachtete fasziniert, wie sein zukünftiger Schwager mit den Mustangs umging. Die Sonne stand direkt über ihnen, da holte Old-Antelope Running-Fox durch einen Boten ab. Obwohl der davon nicht gerade erfreut war, ging er mit. Summer-Rain sah sich kurz nach Light-Cloud um, aber da war er mit seinem Mustang verschwunden. Eine ganze Weile wartete sie, doch er kam nicht zurück. Da stimmte etwas nicht. Sie konnte es spüren. Sollte sie zu Großmutter gehen? Aber da wartete bestimmt wieder irgendeine Arbeit auf sie. Dazu hatte sie im Moment keine Lust. Ihre Augen schweiften zu den Hügeln hinüber, hinter denen die jungen Krieger Stockball spielten; ihr wildes Gejohle klang bis zu ihr. Dann fiel ihr das seltsame Verhalten ihres Bruders in der letzten Zeit wieder ein. Was hatte er zu verbergen? Entschlossen, das endlich herauszufinden, holte sie sich Storm-Cloud, ihr Lieblingspony. Irgendeine Ahnung ließ sie den Weg in die Hügel nach Süden einschlagen.
Running-Fox, der sich inzwischen von Old-Antelope hatte verabschieden können, sah sie in diese Richtung verschwinden und ritt ihr nach. Sie sollte nicht denken, dass er ihr nachspionierte; deshalb beeilte er sich, um sie einzuholen. Doch sie war wie vom Erdboden verschluckt. Er trieb sein Pferd an. Schließlich entdeckte er sie, wie sie von Südwesten auf den Canyon zuritt. Nach ihrem Verhalten zu schließen, suchte sie jemanden. Also rief er laut ihren Namen, doch der Wind stand ungünstig; da gab er es auf. Sie verschwand flussaufwärts im Canyon und er beeilte sich, um sie doch noch einzuholen. Er folgte der Spur ihres Ponys, bis sie sich auf hartem Felsuntergrund verlor.
Etwa einen Pfeilschuss entfernt bemerkte er einen überhängenden Felsen, neben dem ihr Pony stand. Dahinter musste sie verschwunden sein. Der Eingang zu einer Höhle? Ohne ihr davorstehendes Pferd wäre ihm dieser Ort gar nicht aufgefallen. Was machte sie da? Wieder meldete sich sein schlechtes Gewissen. Auf keinen Fall wollte er in ihre Geheimnisse eindringen – das würde sie ihm nie verzeihen. Noch war es Zeit, sich zurückzuziehen. Sich umsehend bemerkte er die hohen Felsen auf der anderen Seite des Canyons, wo sich der Fluss hindurchschlängelte. Von dort konnte niemand hinunter oder hinauf, ohne sich den Hals zu brechen. Auch auf dieser Seite, wo ihr Pony stand, ragten etwa 180 Fuß hohe Klippen bis hinunter ins Wasser. Man kam also nur am diesseitigen Ufer entlang bis dorthin.
Er ließ sein Pferd vorsichtig über das Geröll gehen. Erst als ihn nur noch dichtes Gebüsch, das bis hoch in die Felsen wuchs, von ihrem Pony trennte, bemerkte er das andere Pferd. Light-Cloud war also ebenfalls hier. Das ging überhaupt nicht. Bruder und Schwester hatten immer einen gewissen Abstand einzuhalten, da waren die Gesetze des Volkes eindeutig. Nun gut, sagte er sich – ich werde es niemandem verraten. Sicher gab es gewichtige Gründe, warum sie sich hier, weitab von den Augen und Ohren der Anderen trafen. Vielleicht ja auch seinetwegen.
Light-Cloud war ein gestandener Mann; er würde nichts Unrechtes tun – schon gar nicht etwas, das seiner Schwester schadete. Zufrieden mit dieser Entscheidung wendete er sein Pferd und ritt langsam zurück.
Summer-Rain war im Halbkreis über die Hügel geritten, immer auf der Suche nach Light-Clouds Pferd. Sein Huf war größer als das der anderen Mustangs, Running-Fox‘ Stute ausgenommen und daher leicht zu unterscheiden. Sie schmunzelte vor sich hin, weil sie den Abdruck entdeckte, gerade als sie schon wieder umkehren wollte. Danach war es leicht, ihm zu folgen. Auf dem harten Felsuntergrund verlor sie erneut seine Spur. Suchend, ihr Pony am Halfter führend, ging sie weiter. Wohin konnte er geritten sein? Ihr erster Gedanke war, dass es hier vielleicht eine unterirdische Wasserstelle gab. So etwas kam öfter vor. Da entdeckte sie einen überhängenden Felsen. Als sie heran war, ging sie erst einmal um ihn herum. Ohne Zweifel – es musste der Eingang zu einer Höhle sein. Als sie das Pferd ihres Bruders, zwischen hochgewachsenen Büschen versteckt, stehen sah, musste sie grinsen. Sie ging zurück zum Eingang, um ihrem Pony zu bedeuten, hier auf sie zu warten. Doch irgendwie war ihr plötzlich beklommen zumute.
Erinnerungen wurden wach, Erinnerungen an die Spiele, die sie so oft mit ihrem großen, erwachsenen Bruder gespielt hatte, als sie selbst noch ein kleines Mädchen gewesen war. Sie versteckte sich, und er hatte sie suchen müssen. Großmutter war da eine große Hilfe gewesen, sie wusste die besten Verstecke. Am Ende war sie immer von ihr mit Süßigkeiten belohnt worden. Doch das hier war etwas anderes, jetzt waren sie erwachsen. Sie wollte schon umkehren und gar nicht mehr wissen, was er hier machte. Doch dann siegte ihre Neugier. Vielleicht war es auch ein wenig Triumph darüber, ihn trotz der Bemühungen, seine Spur zu verwischen, gefunden zu haben. Also tauchte sie lautlos in die Finsternis ein.
Entferntes Rauschen drang an ihr Ohr. Eine unterirdische Badestelle? Erfreut duckte sie sich unter einem überhängenden Felsen hindurch tiefer in den höhlenartigen Gang. Licht fiel von oben durch einen winzigen Felsspalt gerade auf ein Bündel achtlos hingeworfener Kleidungsstücke. Seitlich von ihr zweigte ein niedriger Durchgang ab. Jetzt konnte sie das Rauschen laut und deutlich von dort hören. Es war angenehm kühl hier drinnen. Weitergehend tastete sie sich im spärlich herunterfallenden Licht an feuchten Steinen entlang abwärts. Von den Felsen über ihr tropfte es auf ihren Rücken. Abrupt blieb sie stehen. Durch das leise Plätschern klang unverkennbar die Stimme von Icy-Winds Ehefrau.
Summer-Rains Herz begann gegen ihre Brust zu hämmern. Das konnte nicht möglich sein! Doch, ohne Zweifel sprach Dark-Night dort mit ihrem Bruder. Jetzt hört sie auch, was sie zu ihm sagte:
„Ich kann es nicht ändern – ich dachte, mir blieb keine andere Wahl. Blind vor Trauer tat ich, was man mir sagte. Niemand hat gefragt, wie es mir ging; es hätte sogar nicht viel gefehlt, und man hätte mich aus dem Lager vertrieben. Da kam es mir vor, als wäre Icy-Wind, der mich haben wollte, meine einzige Rettung. Die Sache war ja ohnehin bereits abgemacht. Es ging nur noch um die Anzahl der Pferde. Verstehst du das denn nicht? Alles erschien mir besser zu sein, als dort zu bleiben – alles.“
Light-Cloud murmelte etwas, was so klang wie: Eine Wahl hat man immer. Den Rest verstand sie nicht. Konnte sie ihren Ohren trauen? Was ging da vor? Sie musste es wissen, musste es mit eigenen Augen sehen, denn tief in ihrem Innersten hatte sie das bereits befürchtet. Schon als sie den Kleiderhaufen gesehen hatte. Ihr Bruder brachte sich immer wieder mit seinen Weibergeschichten in Schwierigkeiten. Das hier wäre nicht das erste Mal. Noch dazu mit der Ehefrau von Icy-Wind! Ihr wurde kalt, und doch brauchte sie Gewissheit. Vorsichtig schob sie sich weiter, jetzt darauf bedacht, ja kein Geräusch zu verursachen.
Das Rauschen von dorther, wo sich die beiden aufhielten, klang mittlerweile für sie beruhigend.
Vielleicht ist das ja alles völlig harmlos, machte sie sich selbst etwas vor. Das Licht, von seitwärts durch einen schmalen Felsspalt einfallend, machte alles, was sie dann sah, irgendwie unwirklich, legte eine Art Zauber darüber. Ließ es zu einer Geschichte werden, wie sie Großmutter in kalten Winternächten am Lagerfeuer erzählte. Wunderschöne Geschichten voller Geheimnisse und Dingen, die ihre Phantasie anregten. Doch das spärliche Licht offenbarte ihr etwas ganz Anderes: keine wunderschöne Geschichte, sondern die schreckliche Wahrheit.
Light-Cloud, ihr großer Bruder, lag nackt halb im Wasser, lang auf einem flachen Felsen ausgestreckt. Über seinen Beinen der ebenfalls nackte Körper einer Frau, Dark-Night. Sie lehnte sich leicht gegen ihn, ihre Finger spielten mit seinen aufgelösten feuchten Haaren. Das hereinfallende Licht ließ sie rötlich schimmern. Summer-Rain hielt den Atem an. Von ihrem Platz aus konnte sie die beiden genau erkennen. Sah, wie Light-Cloud sanft über ihren üppigen Busen strich, dann ihre Hand nahm und sie an seine Wange presste. Das grüne Band, das sie sonst immer in ihren Haaren trug, spannte sich um einen seiner Oberarme – als Zeichen ihrer Verbundenheit.
„Ich werde das nicht zulassen, Dark-Night, meine Geliebte, niemals“, hörte Summer-Rain ihn sagen. Sein Gesicht bekam einen solch schmerzlichen Ausdruck, den sie noch nie bei ihm gesehen hatte. Das war mehr als sie ertragen konnte. Ihre Gedanken rasten. Was mache ich hier? Sie konnte und wollte sich nicht einmischen. Ihr Bruder war jemand, der oft Liebschaften hatte; das wusste sie genau. Belangloser Zeitvertreib, wie er es selber einmal ihr gegenüber genannt hatte. Alles Mögliche, nur nie etwas, das sich für länger lohnte. Bei jedem Treffen mit anderen Lagern gab es diese Affären – Geschichten, die immer den gleichen Verlauf nahmen. Er hatte in seinem Leben mehr Herzen gebrochen als Feinde getötet, und das sollte bei einem Krieger wie ihm etwas heißen.
Aber das hier? Ein Techtelmechtel mit der Ehefrau eines Anderen? Ein leichtfertiges, unbedachtes Spiel? Wenn es doch bloß ein Spiel wäre! Bei diesem Gedanken hätte sie mit dem Fuß aufstampfen können. Wohl kaum nur ein Spiel! Er war nicht unbesonnen, nicht leichtsinnig – nie hatte er sich auf eine verheiratete Frau eingelassen. Bis jetzt. Kam das hier heraus, würde es großen Ärger geben – sehr großen, vor allem für Dark-Night. Ihn konnte das einige Pferde als Wiedergutmachung kosten, die kleine Mexikanerin dagegen im schlimmsten Fall das Leben. Das hier war aber keine beliebige Frau; das hier war die Ehefrau von Icy-Wind. Er würde weder gegen ihn noch gegen seine Frau Milde walten lassen. Schon gar nicht, wenn Summer-Rain an die immer schwärende Feindschaft zwischen ihren beiden Familien dachte. Sie wusste nicht viel darüber, eigentlich gar nichts. Doch dass das so war, hatte sie oft genug selbst erlebt. Immer, wenn diese beiden Männer – Icy-Wind und Light-Cloud – aufeinandertrafen, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Das Klügste, was die beiden tun konnten, war, sich aus dem Weg zu gehen.
Mit diesem Wissen im Kopf zog sie sich leise zurück. Erst jetzt merkte sie, dass ihr die Knie zitterten. Atemlos fand sie nach draußen. Ihr Pony stand noch an derselben Stelle. Hastig hievte sie sich auf seinen Rücken. Ohne weiter auf ihre Umgebung zu achten, ritt sie im Galopp ins Lager zurück. Das Geheimnis, von dem sie jetzt wusste, drückte schwer auf ihr Gewissen. ‚Am besten erzähle ich es Großmutter – die weiß immer Rat‘. Zu diesem Entschluss gekommen, zügelte sie ihr Pony; da ritt ihr eine Horde johlender Krieger entgegen. Mit klopfendem Herzen starrte sie ihnen nach. Icy-Wind und die Büffeljäger waren zurück.
Dark-Night würde nicht in ihrem Tipi sein, um ihren Ehemann gebührend zu empfangen. Nicht auszudenken. Summer-Rain ballte die Fäuste. Sollte sie zurückreiten und ihren Bruder warnen? Nein. Alles, was sie tun konnte, war, zu warten und zu hoffen, dass dieses Geheimnis für immer sein Geheimnis bleiben würde. Sie verwarf den Gedanken an Großmutter wieder. Es kam ihr ungerecht gegenüber Light-Cloud vor, ihn an sie zu verraten. Da fiel ihr Crow-Wing ein. Beim allergeringsten Verdacht würde sie doch wohl alles dafür tun, dass Icy-Wind davon erfuhr. Was sollte sie nur tun? Mit diesen Gedanken beschäftigt erreichte sie ihr Tipi und ließ ihr Pony frei laufen; dann schlüpfte sie hinein. Im Halbdunkel sah sie Großmutter laut und heftig auf Great-Mountain einreden. Er war also ebenfalls zurück. Während sie stand, saß er auf einem weichen Berg voller Felle, die Beine lang ausgestreckt, genüsslich seine Pfeife rauchend. Großmutter schien erregte zu sein – er aber, ganz wie es seine Art war, hörte ihr aufmerksam zu. Vor ihm, auf einem Hocker aus geflochtener Weide, lag etwas in ein Kaninchenfell eingerollt. Aus Großmutters Stimme hörte sie einen grollenden Tonfall heraus, den sie nur zur Genüge kannte; sie duldete keinen Widerspruch. Great-Mountain zog bedächtig an seiner Pfeife, blies den Rauch aus; dann nickte er Großmutter zu.
Kapitel 8
Das Mädchen bemerkten sie erst, als sie die Klappe hinter sich lauter als beabsichtigt zufallen ließ. Die beiden hielten inne. Großmutter schlug sich wie ertappt vor Schreck die Hand vor den Mund. Great-Mountain schnaufte hörbar auf. Er holte tief Luft, schwieg dann jedoch weiter. Wie zwei, die sich bei etwas Unangenehmem ertappt fühlen, dachte Summer-Rain. Natürlich glaubte sie, dass das Geheimnis ihres Bruders entdeckt und zur Sprache gekommen war. Aber so schnell? Great-Mountain konnte doch eben erst mit den Männern zurückgekommen sein. Unschlüssig blieb sie stehen, ihr Gesicht war leichenblass.
Großmutter musterte sie forschend. Auch der Medizinmann runzelte die Stirn. „Setz dich“, forderte er etwas unwirsch. Sie kam der Aufforderung nach und hockte sich ihm gegenüber. Sich neben ihn zu setzen, gehörte sich nicht. Großmutter blieb stehen, die Hände wütend in die Hüften gestemmt. Von guten Manieren hielt sie anscheinend nichts. Summer-Rain zitterte leicht und versuchte krampfhaft, ihre Hände unter Kontrolle zu bringen, doch die beiden schienen es nicht zu bemerken.
„Deine Großmutter ist der Meinung, du seist noch ein kleines Kind. Ich dagegen sehe das nicht so. Du bist alt genug, um einem Mann wie Running-Fox den Kopf zu verdrehen – also auch alt genug, um das zu tun, worum ich dich bitten werde; denn nur du allein bist dafür geeignet. Glaub mir, wenn es nicht so wäre, hätte ich einen großen Bogen um deine Großmutter gemacht. Sie ist, wenn es um dich geht, wie eine Wölfin, die ihr Junges verteidigt.“ Nach diesen Worten machte er erst einmal drei tiefe Züge aus seiner Pfeife.
In Summer-Rains Kopf schwirrten die Gedanken durcheinander. Es ging also gar nicht um Light- Cloud oder Dark-Night! Vor Erleichterung atmete sie auf und hörte nur halb hin, was Great-Mountain zu sagen hatte.
„Du wirst eine ganze Zeit lang nur auf dich allein gestellt sein. Außerdem kann es gefährlich werden.“
Verständnislos, erst jetzt die Worte begreifend, sah sie ihn an. Großmutters Augen funkelten böse, während sie äußerst energisch meinte: „Kommt gar nicht in Frage, das Kind bleibt hier.“ Abwehrend hatte sie beide Hände erhoben. „Ich habe ‚Nein‘ gesagt und dabei bleibt es!“
Great-Mountain ging nicht darauf ein. „Das hast du nicht zu bestimmen – nicht in diesem Fall. Und lass dir eines sagen, diese hier ist kein Kind mehr! Sie wird sehr wohl im Stande sein, allein bis ins Colorado-Territorium zu reiten!“ Seine Stimme war ernst, beinahe drohend geworden.
Summer-Rain horchte auf. Endlich hatte sie ihre Sprache wiedergefunden. „Worum geht es hier eigentlich?“
Nun bekam Great-Mountain ihre volle Aufmerksamkeit. Mit der Pfeife in der Hand wandte er sich an Großmutter. „Du hältst dich zurück – lass mich mit Summer-Rain sprechen.“
Eine bequemere Sitzposition suchend, rückte er seinen großen Bauch zurecht. Damit fertig, deutete er auf das zusammengerollte Kaninchenfell. „Das hier ist ein Geschenk, man kann es nur jetzt noch nicht sehen. Es ist so etwas wie die Häute, die wir mit Ereignissen aus unserm Leben bemalen. Der Weiße Mann hat darin ein Gebiet aufgemalt, das er uns als Dank für ein Ereignis, das schon mehr als vierzig Winter zurückliegt, schenkt. Hier drin ist alles, nicht wie wir es tun aufgemalt, sondern in den seltsamen Zeichen der Weißen, die du von deiner Mutter gelernt hast. Du sollst dorthin reiten.“
Sein Blick glitt zu Großmutter. Die hatte endlich begriffen, dass ihr Protest nichts nützen würde. Also fuhr Great-Mountain mit seiner Rede fort, diesmal nur an Summer-Rain gewandt. „Niemand von uns spricht Americano Taibo Tekwapu. Die, die deine Mutter war, hat es dir beigebracht. Dich können sie nicht mit ihren falschen Zungen betrügen. Auch nicht mit diesen Zeichen, die sie Schrift nennen. Wie unsere Männer Spuren lesen können, so kannst du diese Zeichen lesen. Alles, was du zu tun hast, ist, dich dort umzusehen. Das Land, von dem ich spreche, befindet sich noch etwas weiter im Norden als unsere eigenen Jagdgründe, in denen wir das letzte Mal vor vielen Wintern waren und seitdem nicht mehr. Du weißt, was damals mit uns und den Ute passiert ist.“
Beide Frauen schwiegen, es herrschte vollkommene Stille. Ihn jetzt zu unterbrechen, wäre mehr als unhöflich gewesen. Das hatte Großmutter auch gar nicht vor; die Erinnerungen jedoch, die er heraufbeschworen hatte, ließen sie ihre Hände ineinander verkrampfen. Sie erinnerte sich auch noch an einen anderen Vorfall, viele Winter davor.
Damals hatten Lipan Apachen sie auf dem Weg nach dort überfallen und den jüngsten Sohn von Sun-In-The-Red-Hair, Red-Bear, getötet. Summer- Rain schluckte. Auch sie wusste, was Great-Mountain mit seiner Bemerkung meinte. Ute hatten sie vor drei Wintern dort überfallen und ihre Eltern getötet.
„Davon will ich heute nicht sprechen“, unterbrach Great-Mountain die Stille, ihre Gedanken erratend, und senkte den Kopf, um ihn gleich darauf wieder zu heben. Jetzt war nicht die Zeit, um zu trauern oder diese schmerzhaften Erinnerungen heraufzubeschwören. Noch einmal sog er an seiner Pfeife, dann nickte er zu Großmutter hinüber. Weitersprechend bekam seine Stimme einen weichen Klang. „Also, die Ratsversammlung hat sich mit dem, was ich ihr vor meinem Ritt auf die Büffeljagd zu besprechen aufgetragen habe, beschäftigt. Light-Cloud, der euch hätte davon berichten können, ist dort nicht erschienen.“
Sollte dass ein Vorwurf sein? Summer-Rain biss sich auf die Lippe.
„Nun gut, er hatte sicher etwas Besseres zu tun.“
Nein, Great-Mountain weiß es nicht, dachte sie erleichtert.
„Ich bin zur Büffeljagd geritten – in dem Wissen, dass sie sich darum kümmern würden“, fuhr Great-Mountain fort. „Bis zu meiner Rückkehr sollten sie zu einem Beschluss kommen. Das sind sie auch. Mein Tiergeist hat mich auf die Büffeljagd begleitet. Ich musste wissen, ob die Zeichen günstig stehen. Deshalb habe ich gefastet – was mir nicht leichtgefallen ist, das muss ich zugeben.“
Ein breites Lächeln erhellte sein altes Gesicht, das voller Falten war. „Die Sorgen, die mich quälten, habe ich mitgenommen. Unsere Geister, die Geister unserer Verstorbenen, die Tiergeister, von denen wir abstammen, habe ich gefragt, doch nicht gleich eine Antwort bekommen. Wir haben auch zu wenige Büffel gefunden, viel zu wenige. Wo wir auch hinritten, welche Himmelsrichtung wir auch einschlugen – bis auf eine Handvoll waren alle fort. Dann, der Tag erneuerte sich wieder, lag ich abseits von den anderen in tiefem Gebet. Da erhielt ich endlich ein Zeichen. Der Morgen legte noch seine Schatten über die Ebene, und ich hatte eine Vision. In flimmernder Hitze kam eine gewaltige Menge blauer und in der aufgehenden Sonne wie abgeschabtes Silber blitzender Gestalten auf mich zugeritten. Ich wurde zur Erde niedergeworfen, und sie kamen über mich wie eine Wolke voller Ungeheuer.
Die Zeit war stehengeblieben, denn als ich aus meiner Starre erwachte, war die Sonne keinen einzigen Fingerbreit weiter über den Horizont gezogen. Vergeblich habe ich versucht, diesen Traum zu deuten, aber ich konnte es nicht. Nochmals tauchte ich in diesen Zustand ein, der nicht Wachen ist und auch nicht Schlafen. In dieser zweiten Vision, die der Große Geist mir erneut schickte, habe ich gesehen, wie gewaltige Blitze und Donner auf unsere Erde niedergingen. Die Ungeheuer kamen wieder. Sie kämpften mit mir und ich habe einen Speer genommen, um ihn ihnen entgegenzuschicken. Ein Blitz löste sie in Nichts auf, ein zweiter erhellte die weite Ebene, dann sah ich die Büffel kommen.“
Great-Mountain hatte die letzten Worte sehr schnell gesprochen. Erschöpft hielt er jetzt inne. Die Erinnerung an diese letzte Vision hatte ihn sichtlich mitgenommen. Noch war er nicht am Ende seiner Rede angekommen. Sich über die Stirn wischend, fuhr er mit fester Stimme fort: „Die Büffel kamen wahrhaftig, und wir hatten eine gute Jagd.“ Wie um Beifall heischend blickte er die beiden Frauen an. Sich zurücklehnend schloss er die kleinen Augen.
Großmutter dachte schon, er schliefe, da zuckte er plötzlich zusammen. Die Augen weit aufgerissen, meinte er in einem Ton tiefster Zufriedenheit: „Wir luden gerade unsere Jagdbeute auf die Packpferde, da stießen wir auf Spuren einer weiteren Herde. Es müssen so viele sein, dass das eine Jagd wird, wie wir sie schon lange nicht mehr hatten. Diesmal wird das gesamte Lager daran teilnehmen. Ich sehe das alles als ein Zeichen, dass wir für die Zukunft noch mehr vorsorgen müssen. Unser Volk braucht mehr Sicherheit. Das war mir auch schon vor meinen Visionen klar. Deshalb hatte ich ja die Ratsversammlung einberufen, um ihnen meinen Vorschlag zu unterbreiten. Einen kleinen Anteil oder Anschub, wenn man es denn so ausdrücken möchte, hat daran gewiss auch Running-Fox. Er hat mir ganz offen gesagt, was er von unserer Lage hier hält. Die Büffeljagd hat meine Anwesenheit erfordert, so hatte die Ratsversammlung genügend Zeit, um das Für und Wider meines Vorschlages ohne mich zu beraten. Sie reden ja immer noch.“
Er verzog den Mund zu einem breiten Lächeln, und das ließ seine Augen noch kleiner erscheinen. „Nun ja“, seufzte er, „sie werden sicher noch bis zum Sonnenuntergang reden. In der Hauptsache aber haben sie meinem Vorschlag bereits zugestimmt.“ Jetzt nahmen seine kleinen, runden Augen Summer-Rain ins Visier. „Dafür brauchen wir dich, meine Summer-Rain.“
Noch wusste sie nicht wirklich viel und fragte sich, ob sie für die ihr zugedachte Aufgabe geeignet war. Das, was Great-Mountain hier mit so großem Ernst vorgebracht hatte, machte ihr irgendwie Angst. Der alte Mann verlagerte sein Gewicht und nahm eine andere Position ein. „Ich und einige der Männer werden noch einmal mit Running-Fox reden müssen, doch das Wesentliche ist bereits beschlossen.“ Er blickte zufrieden auf. Jetzt war er fertig.
Die alte Frau ging zur Feuerstelle, um in einem Topf zu rühren. Der Duft von Fleischbrühe stieg auf. Sie schöpfte eine Kürbisschale voll und tat noch zerkochte Fleischstücke hinein, damit er sie besser essen konnte, denn er hatte fast keine Zähne mehr. Dann reichte sie ihm alles zusammen mit einem Hornlöffel. Dankbar griff er danach. Großmutter schürte das Feuer, als wäre nichts gewesen. Erst als Great-Mountain fertig war, schaute er hoch. Seine kleinen dunkelbraunen Augen trafen in die blauen von Summer-Rain. Einen langen Moment sahen sie einander an. „Du wirst es verstehen, wenn du dort bist“, sagte er mit solchem Ernst, dass sie erst jetzt begriff, dass viel von ihr verlangt wurde. Von den Treffen im Ratstipi wusste sie zwar, jedoch nicht, worum es ging. Die Männer kamen oft zusammen – sie hatte sich nie groß darum gekümmert.
Great-Mountain gab die leere Schüssel mit einem dankbaren Blick Großmutter zurück.
„Running-Fox“, wandte er sich wieder an Summer-Rain, „er hat mir und Old-Antelope eine ganze Menge über die Weißen erzählt. Ich persönlich gebe viel auf seine Meinung. Wir haben ihm gut zugehört. Er ist so manches Mal Gast in meinem Tipi gewesen. Leider immer noch viel zu selten. Wahrscheinlich war das deine Schuld, Mädchen.“ Ohne ihre zusammengezogene Stirn zu beachten, sprach er einfach weiter. „Er ist viel herumgekommen und weiß eine Menge Dinge, die neu für uns sind.“
„Ah ja? Was für Dinge?“, entfuhr es ihr.
Great-Mountain knurrte ungehalten etwas vor sich hin. Natürlich galt es als unschicklich, ihn zu unterbrechen. Doch er war ein nachsichtiger, gutmütiger alter Mann. „Comes-Through-The- Summer-Rain weiß sicher nicht, dass Running-Fox Icy-Wind nur begleitet hat, weil er es Dark-Nights Mutter versprochen hatte. Bevor er bei diesen, unseren Verwandten, aufgetaucht ist, war er in einem der Forts des Weißen Mannes.“
Das hatte sie nicht gewusst. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht wieder ungefragt etwas zu sagen.
Der Alte musterte sie nachdenklich. Dann, nach vorn gebeugt, sprudelte es aus ihm heraus. „Was ist, wenn die Soldaten bis hierher kommen? Das, so sagt Running-Fox, kann nächsten Sommer geschehen oder den Sommer darauf oder wenn wir unser Winterlager beziehen und uns in Sicherheit glauben, doch es wird passieren. Niemand außer mir glaubt ihm hier bis jetzt. Niemand will ihm glauben. Es ist ja viel leichter, in alten, ruhmreichen Geschichten zu schwelgen. Welcher Krieger macht das nicht gern, frage ich euch. Aber …“ – ein Seufzer hob seine gewaltige Brust – „aber du kennst mich, Summer-Rain. Du kennst mich, seit du zu uns gehörst. Du weißt, dass ich ein vorsichtiger Mann bin.“
Erschöpft hielt er inne.
Großmutter hatte sich wieder zu Summer-Rain gesetzt. Jetzt nahm sie sie in den Arm. Sie will sie schützen, natürlich, dachte Great-Mountain. In seinem Gesicht zuckte es. Auch ihm fiel es nicht leicht, dieses Mädchen, das kaum älter als sechzehn oder siebzehn Winter sein konnte, mit dieser Aufgabe fortzuschicken. Ein letztes Mal erwog er die Möglichkeit, jemand anderen damit zu betrauen. Nein, das ging nicht – nein, so sehr er sich das auch selber wünschte. Und ihr einen erfahrenen Krieger an die Seite zu stellen, der die falschen Entscheidungen wegen seiner eigenen Befindlichkeiten treffen würde, konnte alles zum Scheitern bringen. Kein Krieger würde auf das Wort eines Mädchens hören. „Ich muss die Dinge von allen Seiten betrachten.“ Ein trauriger Ausdruck glitt über sein faltiges Gesicht, als er sich wieder an Großmutter wandte. „Ich würde meine Enkelin genauso wie du beschützen, meine Liebe; das verstehe ich gut. Aber ich bin ein Beschützer der ganzen Herde. Ich muss weiter denken als du, viel weiter. Meine Aufgabe ist es unter anderem, für die Sicherheit aller zu sorgen. Es geht hier nicht darum, was du für deine Enkelin willst – es geht um uns alle. Dafür brauche ich Summer-Rain.“ Tief aufatmend lehnte er sich gegen die weichen Felle. Nein, er würde sich nicht mehr umstimmen lassen – auch wenn er es einen Moment lang in Betracht gezogen hatte.
Nach einem der Höflichkeit genügenden Schweigen fragte Summer-Rain, die endlich mehr wissen wollte: „Dieses Geschenk – was ist das genau?“
Great-Mountain war sichtlich erleichtert und zeigte ihr das auch. Seine klugen kleinen Augen strahlten. „Die Antwort darauf würde die ganze Nacht bis weit in den Sonnenaufgang hinein dauern“, behauptete er, wobei ein Lächeln seine alten, welken, von unzähligen kleinen Fältchen umgebenen Lippen in die Breite zog. Sie will es wissen, dachte er – ja, sie will es wissen. „Um es kurz zu machen: Dieses Geschenk kommt von denen, die uns einst ihr Leben verdankten. Wenn wir diesen weißen Männern und Frauen damals nicht beigestanden hätten, wären sie von der Erde vertilgt worden. So, wie es der Weiße Mann jetzt mit uns vorhat, wenn ich den Worten Running-Fox Glauben schenken soll. Das ist ja die Schwierigkeit bei der ganzen Sache. Wir wissen nicht, ob wir ihren Nachkommen trauen dürfen oder sie lieber fürchten sollten.“
Erst nach einer Weile des Schweigens, während man nur das Knistern des Feuers hören konnte, sprach Great-Mountain weiter. „Vielleicht haben wir ja damals einen Fehler gemacht. Vielleicht hätten wir sie ja von ihren Feinden, den Cheyenne, töten lassen sollen. Das wäre ein großer Berg Toter geworden. Anschließend hätten wir selbst den Cheyenne gegenübergestanden und unseren eigenen Berg Toter gehabt. Die Cheyenne zu besiegen wäre unser Kampf gewesen, nicht den Weißen beizustehen. Am Ende jedoch standen wir Seite an Seite mit den Menschen, die sich dort niederlassen wollten. Bei den Cheyenne gab es gewaltige Verluste. Daraufhin verließ der ganze Stamm dieses Gebiet und kam nie wieder. Aus Dankbarkeit dafür brachten die Weißen uns diese – sie nannten es Ur-kunden“, er deutete auf die Papiere in dem Kaninchenfell.
Großmutter, die im Gegensatz zu Summer-Rain genau wusste, wovon er sprach, nahm sie an sich. Zögernd hielt sie sie einen Moment lang in ihren zitternden Händen, während die Flammen kaum einen Schritt weiter hell loderten. Einen Augenblick erwog sie die Möglichkeit –dann jedoch reichte sie sie Great-Mountain weiter.
Dem war ihre Absicht nicht entgangen, doch er vertraute auf ihre Klugheit. „Diese Papiere gibt es zwei Mal. Der weiße Mann, der damals das Wort führte, hat sie noch einmal in Verwahrung“, war sein einziger Kommentar.
Großmutter wusste das; sie wagte jedoch nicht, ihn anzusehen, und fühlte sich ertappt. Verlegen senkte sie den Kopf. Hatte sie tatsächlich gedacht, wenn sie dieses Schriftstück vernichtete, musste sie ihre Enkelin nicht hergeben? Nein, natürlich nicht. Es war nur so ein Gedanke gewesen.
Great-Mountain blickte auf ihren gesenkten Kopf herunter. „Die Worte, die hier stehen, sind mit Blut gemalt – von denen, die gemeinsam mit uns gegen ihre und unsere damaligen Todfeinde, die Cheyenne, in den Kampf gezogen sind. Männer, deren Wort etwas galt, haben ihr Zeichen unter dieses Papier gesetzt. Männer, deren Kinder und Kindeskinder heute noch dort leben können, nur weil wir ihnen beigestanden haben, aus welchen Gründen auch immer.“
Großmutter hatte sich wieder gefasst und gesehen, dass Great-Mountain die Pfeife ausgegangen war. Emsig wuselte sie in den Hintergrund des Tipis, um gleich darauf mit einem Beutel Tabak zurückzukommen. Mit einem freundlichen Nicken nahm ihn Great-Mountain entgegen.
Summer-Rain, die die beiden die ganze Zeit über mit einem unguten Gefühl beobachtet hatte, atmete auf. Irgendwie hatte sich jetzt die ganze Situation entspannt. Während Great-Mountain bedächtig seine Pfeife neu stopfte, herrschte wieder Schweigen. Erst nachdem er die ersten Wölkchen in die Luft gepafft hatte, redete er weiter. „In dieser Ur-kunde sind die Grenzen ihres Geschenks aufgemalt – ein Gebiet, das für alle Zeiten für uns freigehalten werden soll. In einer feierlichen Zeremonie, bei der wir alle anwesend waren, schworen sie sogar bei ihrem einzigen Gott, den sie anbeten, niemals zuzulassen, dass sich dort ein weißer Mann ansiedelt. Es soll für ewige Zeiten unser Land sein – so lange die Flüsse fließen und die Berge in den Himmel ragen.“
Summer-Rain blickte ihre Großmutter an. Oh ja, sie hatte noch tausend Fragen, doch Great-Mountain war noch nicht fertig.
„Dorthin werden wir reiten, wenn diese Weißen ihr Wort gehalten haben. Das sollst du, kleine Summer-Rain, für uns herausfinden. Wir wollen dort nicht für ewig bleiben; es wäre jedoch schön, einen sicheren Platz zu wissen, an dem wir ausharren können, bis unsere Gebiete hier wieder alle uns gehören.“
War er jetzt endlich fertig? Summer-Rain rutschte unruhig hin und her. Sie traute sich nicht, ihn nach etwas zu fragen. Das meiste hatte er ja gesagt. Great-Mountain wollte nur noch ihren Weg nach dorthin besprechen. Dass er mit Großmutter vorhin aneinander geraten war, konnte er gut verstehen. Great-Mountain war ein mitfühlender Mann und nicht so unempfindlich für ihre Einwendungen, wie er ihr Glauben machen wollte. Sehr wohl konnte er sich in die Gefühle anderer hineinversetzen, und das wusste sie im Grunde ihres Herzens ja auch.
„Summer-Rain“, begann er deshalb aufs Neue, einen Finger auf den glühenden Pfeifenkopf drückend. „Du bist die Einzige aus unserem Volk, die ich dort hinschicken kann. Wie eine Wölfin musst du sein, die ein neues Zuhause für ihren kommenden Wurf sucht. Auf leisen Pfoten musst du durch die Wälder streifen und den See, den es dort gibt, umrunden. Mische dich unter die Leute. Höre zu, was sie zu sagen haben. Halte Augen, Ohren und Nase offen. Finde heraus, ob das, was in dieser Urkunde verzeichnet ist, noch Gültigkeit besitzt, so wie sie es einmal geschworen haben. Oder ob diese Papiere genauso beschmutz worden sind, wie es die Taibo und der Große Weiße Vater mit den Verträgen unserer Brüder machen. Wir, die stolzen Quahari, haben deshalb nie einen Vertrag mit den Taibo oder dem Weißen Vater abgeschlossen. Mit ihnen wollen wir nichts zu tun haben. Wenn sie unser Land haben wollen, werden wir darum kämpfen und Krieg über sie bringen. Hier – diese Urkunde, die haben Männer unterzeichnet, hinter denen keine Soldaten standen. Die aus einem fernen Land kamen, in dem sie ohne Hoffnungen auf eine Zukunft waren. Verfolgt oder aus anderen Gründen sind sie von dort weggeritten und über den großen See mit gewaltigen Kanus hier auf unserem Teil der Welt gelandet. Wir haben mit ihnen gemeinsam gekämpft – Seite an Seite. Wir haben mit ihnen zusammen am heiligen Feuer gesessen, haben mit ihnen die heilige Pfeife geraucht und mit ihnen unser Essen geteilt, genau wie unseren letzten Tabak. Einige von unseren jungen Mädchen sind sogar dort bei ihnen geblieben, um ihre Ehefrauen zu werden. Einen halben Mond lang waren wir Brüder. Ob sie jetzt noch so denken und das heilige Verspechen auf ewigen Frieden mit uns noch zu halten bereit sind, das sollst du, kleine Summer-Rain, herausfinden. Nun gut, ich bin erschöpft – gib mir einfach nur deine Antwort.“
Summer-Rain wollte gerade etwas zu ihm sagen, da kam Großmutter ihr zuvor. „Du kannst sie nicht allein dorthin gehen lassen.“
Trotz ihrer Zurückhaltung die ganze Zeit über konnte sie nicht länger schweigen. Großmutter war eben Großmutter. Nur noch einen letzten Versuch, sagte sie sich. Einen allerletzten, dann gebe ich Ruhe. Hier ging es schließlich um ihre Enkelin. Sie sollte in die Nähe des Landes geschickt werden, wo ihre Mutter und ihr Vater von den Ute getötet wurden waren? Nun ja, nicht direkt dorthin. Auf jeden Fall aber würde sie durch das Land der Apachen müssen. Sie dachte mit Schrecken daran, dass einst Lipan-Apachen Light-Clouds Bruder getötet hatten. Great-Mountain verstand durchaus ihre Beweggründe. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er sprach diesen Gedanken laut aus, ohne groß darüber nachzudenken. „Wir könnten Running-Fox fragen. Vielleicht ist er ja bereit, sie zu begleiten – wenigstens durch das Apachengebiet.“
Großmutter wischte seine Worte mit einer einzigen Handbewegung fort. „Nein“, ihre Stimme nahm einen scharfen Klang an. „Nein, es ist nicht seine Sache. Er gehört nicht zur Antilopenbande. Summer-Rain sollte jedoch warten, bis die gelben Blumen blühen; dann ist es für sie sicherer.“
Sie will die ganze Sache nur weiter hinauszögern, dachte Great-Mountain unglücklich. All die Ausflüchte werden ihr nicht helfen. Nachsichtig betrachtete er sie, während er das Wort an sie richtete. „Du bist eine sehr hartnäckige alte Frau. Bis dahin werden wir nicht warten können.“
Jetzt mischte sich Summer-Rain ein. „Warum sollte ich warten? Es ist doch bereits beschlossene Sache. Mach dir keine Sorgen, Großmutter. Wer sollte mich auf diesem Weg aufhalten?“ Herausfordernd blickte sie von einem zum anderen.
Great-Mountain verbiss sich klugerweise eine Bemerkung, Großmutter schnaufte nur böse.
„Schluss jetzt, Summer-Rain ist alt genug – und sie ist stark, stärker als du denkst.“ Der alte Mann hatte es satt. „Sie kann selbst entscheiden.“ Allmählich war er mit seiner Geduld am Ende. Großmutter sollte endlich einsehen, dass es keinen Sinn hatte, weiter mit ihm darüber zu streiten.
Nicht gerade glücklich betrachtete Großmutter ihre Enkeltochter. Einen Augenblick lang sah sie das kleine Mädchen von damals wieder vor sich – fast nackt, frierend, hungrig, mit unzähligen Brandwunden bedeckt, auf dem Rücken dieses großen Pferdes. Die Zeit, seit sie hier bei uns ist, bei mir, ist so schnell vergangen, dachte sie wehmütig. Nun stand dieses so schnell erwachsengewordene Kind hier und sollte in ein ihr völlig fremdes Gebiet geschickt werden, ganz auf sich allein gestellt? Es war richtig, was Great-Mountain von ihr gesagt hatte. Summer-Rain hatte Mut, war unerschrocken, voller Zuversicht und Selbstvertrauen. Doch was wusste sie schon vom Leben? Von Gefahren, die aus der Falschheit von Menschen herrührte, die überall lauerten Gefahren, von denen sie nicht einmal ahnte, dass es sie gab. Sie war doch noch wie ein junges Fohlen, das beginnt, sich den Platz in der Herde zu suchen, und glaubt, es hätte freie Wahl. Großmutter wusste es besser, denn so war es meistens nicht. Versonnen strich sie sich einige weiße Haarsträhnen hinter die Ohren. Eine Hand nach Summer-Rain ausgestreckt, berührte sie sie leicht an der Schulter.
„So ungern ich dich auch gehen lasse, Tochter meines einzigen Bruders“, versuchte sie ihren Standpunkt noch einmal zu erklären. „Ich weiß, dass du deine eigenen Entscheidungen treffen wirst. Ich will nur nicht, dass du mitten im fürchterlichsten Schneesturm über die hohen Berge reitest. Zuletzt sind wir dort alle gemeinsam in diesem Land vor langer Zeit im Sommermond gewesen, durch das du auch bald ziehen wirst. Jetzt aber bist du auf dich allein gestellt. Du wirst keinen fragen können; niemand wird dir beistehen, wenn dir etwas Schlimmes passiert. Wenn du nicht zurückkommst, werden wir hier nicht wissen, wo deine Knochen vermodern.“
Great-Mountain nickte, obwohl ihm allein diese Vorstellung den Magen zusammenzog. Während er weitersprach, war ihm zumute, als müsse er alle Last seines Entschlusses alleine tragen. „Meine Liebe, sprich nicht von so etwas. Summer-Rain wird nichts geschehen, nichts, hörst du? Und nun ist genug von dem gesprochen worden, was passieren könnte. Ich habe Aufzeichnungen von diesem Land hier in dieser Ur-kunde und auch für den Weg, den du gehen wirst.“ An Großmutter gewandt, konnte er sich nicht enthalten, ihr zuzuzischen: „Und wenn sie nicht zurückkommt, werden wir ihre Knochen finden!“
Großmutter schnaufte laut, ihr Atem ging schnell, doch sie hütete sich, etwas darauf zu erwidern. Sie dachte nur: Er spricht, als hätte er bereits ihr Einverständnis; noch ist ja nichts entschieden. Doch ein Blick auf ihre Enkelin, die voller Aufmerksamkeit zugehört hatte, bestätigte ihre Befürchtung. ‚Sie wird es tun, sie wird nicht auf mich hören.‘ Das machte sie sehr traurig.
„Ich werde dir zeigen, wo es sicher ist“, hörte sie Great-Mountain weiter auf ihre Enkelin einreden. „Dein Weg führt dich zwar durch Gebiete, die manchmal auch von herumstreifenden Jicarilla oder anderen Apachengruppen benutzt werden. Sie treiben Handel mit den weißen Viehzüchtern und den Mexikanern. Das heißt, sie rauben ihr Vieh und verkaufen es ihnen wieder zurück.“
Sein altes, faltiges Gesicht zeigte bei diesen Worten ein breites Grinsen. Während er weitersprach, leuchteten seine kleinen runden Augen. „Es sind alles feige Hunde, aber – das muss ich zugeben – sie sind die besten Viehdiebe, die ich jemals kennengelernt habe. Vor ihnen brauchst du dich nicht zu fürchten. Sie machen zwar nicht so viel Lärm wie die Chiricahua mit ihren Tá-ashi, die man schon von weitem hört. Egal, welche feigen Hunde dort auch sein werden, eine Comanchenkriegerin wie du wird ihnen überlegen sein.“
Großmutter sah jetzt besorgter aus als zuvor, wenn das überhaupt möglich war. Noch einmal versuchte sie einen Einspruch. „Wir sollten auf die Krieger warten, Great-Mountain, bitte. Red-Eagle muss davon wissen; er ist der Kriegshäuptling, und sein Wort hat Gewicht.“
Great-Mountain überlegte kurz, dann nickte er. Dagegen konnte er nichts sagen und hatte sogar schon die ganze Zeit über damit gerechnet. Na, dachte er, dann warten wir also noch auf Red-Eagle und seine Krieger. Er hatte berechtigte Hoffnung, dass sie jeden Tag auftauchen würden.
Summer-Rain strich zärtlich über Großmutters Arm, während sie leise, an sie gewandt, sagte: „Es ist entschieden – ich reite. Warten wir noch auf Red-Eagle, aber das wird nichts ändern.“
Es gab nichts mehr zu sagen. Während sich die beiden Alten erhoben, war Summer-Rain mit ihren Gedanken bereits bei dieser Wanderung. Sie dachte darüber nach, was sie alles mitnehmen musste. Vor allem die Frage, welche Pferde, war von größter Bedeutung. Ihre jugendliche Begeisterung ließ die Gefahren völlig außer Acht.
Auf ihrem Gesicht erkannte Great-Mountain Zuversicht und auch einen gewissen Stolz, dass er nicht umhinkonnte, zu lächeln. ‚Diese Jugend‘, dachte er mit Wehmut an seine eigene zurück, ‚sie hat keine Angst vor der Herausforderung, sie ist gedankenlos und mutwillig. Ein wenig mehr Vorsicht wäre manchmal angebracht. Die wirklich wichtigen Dinge erkennt man erst mit dem Alter, wenn die Erfahrung von uns Opfer verlangt hat. Mit den erlittenen Verlusten kommt die Einsicht über Niederlagen, die vermeidbar gewesen wären. Die Toten ermahnen uns an das Leben. Ich bin alt geworden. Ich kenne sie alle. Nicht nur aus Erzählungen, wie die Jugend, denn das ist nicht das Gleiche. Man denkt nach, wird vorsichtiger – und auf einmal sieht man Zusammenhänge, Wahrheiten, die vorher keine Rolle gespielt haben, weil man zu eitel war, um sie zu erkennen, oder einfach nur zu stolz. Im hohen Alter ist das alles nicht mehr wichtig.‘ Wehmütig strich er durch seine weiß gewordenen Haare, während er sich weiter in Gedanken erging: ‚Die Zeit ist vorbeigerannt, zerflossen, weg. Was bleibt, ist nur noch Erinnerung. Wenn man vieles mit den Augen des Alters und seiner Weisheit damals schon gesehen hätte, ja. Doch es ist zu spät, um es zu ändern. Vielleicht ist es ja ein Fehler, dieses Mädchen dorthin zu schicken oder mit meinem kleinen Völkchen dort hinzugehen. Das werde ich erst später – oder zu spät? – wissen.‘ Das alles ging ihm durch den Kopf und wieder regten sich Zweifel. Und dann dieses Mädchen, dieses junge Mädchen. Hatte er das Recht, über ihr Leben zu bestimmen? Er war sich durchaus darüber im Klaren, was er von ihr verlangte. Im Aufstehen sagte er zu Großmutter: „Gut, warten wir also noch auf Red-Eagle.“
Er war eben im Begriff, das Tipi zu verlassen, als ihm noch etwas einfiel. „Doch dann wird der Cheyenne längst fort sein. Running-Fox hat mir gesagt, dass er mit dem nächsten vollen Mond Abschied von unseren gastlichen Tipis nehmen muss.“
Summer-Rain und Großmutter stutzten. Entgeistert sahen sie sich an. „Cheyenne?“ Ungläubig weiteten sich Summer-Rains blaue Augen.
„Das habt ihr nicht gewusst?“ Great-Mountain war baff. „ Die Farben an seinen Leggins und die schwarzen Perlen. Gleich, als er hergekommen ist, war er bei mir zu Gast. Ich habe ihn gefragt, wer seine Kleidung angefertigt hat. Da hat er es mir erzählt.“
Unwillig schüttelte er den Kopf. Er hatte mit niemandem darüber gesprochen, zumal Running-Fox nach dem, was er von ihm erfahren hatte, ja eigentlich zum Volk gehörte. Beinahe entschuldigend meinte er daher: „Für mich hatte das keine Bedeutung. Er hat sein halbes Leben bei unserem Volk verbracht, daher spricht er so gut unsere Sprache. Eigentlich weiß ich nicht viel mehr über ihn. Er kennt sich mit den Weißen aus. Von hier aus will er zu einem ihrer Forts. Aber“, unterbrach er sich, das Mädchen betrachtend, „er hat mir versichert, dass er wieder zurückkommen will. Sicher wird er vorher noch mit dir sprechen, kleine Summer-Rain.“
Sie tat, als hätte sie seinen forschenden Blick und die Anspielung nicht bemerkt. Großmutter dagegen funkelte ihn mit ihren braunen Augen an.
Jetzt hatte Great-Mountain es plötzlich eilig, aus dem Tipi zu kommen. Um noch mehr Fragen aus dem Weg zu gehen, schob er sich schwerfällig aus dem Eingang. Diese Angelegenheit ging nur Running-Fox etwas an. Insgeheim hoffte er ja immer noch, dass er nach seiner Rückkehr bei ihnen bleiben würde. Einen letzten Blick auf Großmutters Tipi werfend, seufzte er; dann machte er sich auf, um die Verteilung des Büffelfleisches, das die Männer mitgebracht hatten, zu überwachen. Außerdem musste die neue Jagd organisiert werden. Das und nichts anderes erforderte jetzt seine volle Aufmerksamkeit. Großmutter würde natürlich Running-Fox Fragen stellen. Bei diesem Gedanken musste er schmunzeln. In dessen Haut mochte er wahrlich nicht stecken. Mein Junge, murmelte er still vor sich hin, verscherze es dir nicht mit dieser alten Frau, wenn du dir etwas von der jungen erhoffst. Das Fell mit den darin eingewickelten Papieren, die er als Urkunde bezeichnete, hatte er mitgenommen. Erst wenn Summer-Rains Wanderung mit Red-Eagle besprochen worden war, würde er wieder mit ihr darüber reden. Seine Neugier auf das, was dort alles aufgezeichnet war, konnte er kaum zügeln. Das musste nun erst einmal warten. Dann wollte er noch einmal diesen Tag vor sich erscheinen lassen – all das, was damals geschehen war. Summer-Rain würde die Zeichen kennen und damit alles wieder heraufbeschwören. Was er niemals zugegeben hätte: Seine eigenen Erinnerungen daran hatten entgegen seinen Behauptungen große Lücken.
Doch Great-Mountain war zufrieden. Hier in der frischen Luft dieses Tages verschwanden alle seine Zweifel mit dem Wind. Jetzt war er überzeugt, die richtige Entscheidung für seine Herde getroffen zu haben, und schritt munter aus.
Schon immer war er ein vorsichtiger Mann gewesen. Bevor er eine Entscheidung traf, betrachtete er alles von verschiedenen Blickwinkeln aus. Wog ab, bedachte die Folgen, forschte nach ähnlichen Vorkommnissen, suchte nach anderen Möglichkeiten – kurz: Er ließ sich Zeit. Seit dem vergangenen harten Winter dachte er bereits über die Zukunft nach. Nicht, dass er sich sonst keine Gedanken darüber gemacht hätte. Doch die Zeiten veränderten sich schneller als jemals zuvor. Es gab Dinge, die noch vor vielen Wintern undenkbar gewesen wären.
Ihre Grenzen zum Beispiel. Sie hatten sich zu ihren Ungunsten verschoben. Der Weiße Mann mit seiner ihrem Land Zerstörung bringenden Welt rückte mehr und mehr in ihre Gebiete vor. Jetzt war dieser Three Finger sogar schon bis zum Llano Estacado gekommen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn es ihnen nicht gelang, die Soldaten von dort zu vertreiben – und zwar nachdrücklich – dann sah Great-Mountain sich und die Seinen schon den Weg anderer Comanchengruppen in die Reservate des Weißen Mannes gehen. Daran mochte er gar nicht einmal denken.
Der Friedenshäuptling und Medizinmann der kleinen Antilopenbande, seiner Herde, lebte nicht so einfach in den Tag hinein. Sie alle wussten sehr wohl, was weitab von ihrem Lager passierte. Great-Mountain besuchte höchstselbst andere Comanchengruppen und hörte sich an, was sie zu sagen hatten. Nichts, was auf den Plains passierte, entging ihm. Die Nachrichtenübermittlung funktionierte reibungslos. Es gab Herolde, die von Lager zu Lager zogen, wenn sich etwas von Bedeutung ereignete, und sogar allseits bekannte Zeichen, die sie sich mittels Metall oder Spiegel auf weite Entfernungen zukommen ließen. Die Quahari wussten genau, wenn sich irgendwo auf ihrem Land etwas tat.
Nachdem er nicht nur einmal mit Running-Fox gesprochen hatte, fasste Great-Mountain den Entschluss, dass er einen sicheren Zufluchtsort für seine Leute finden musste. Er wollte einfach nur vorsorgen. Für den Fall, dass eintreten sollte, was anderen Stämmen bereits widerfahren war. Das sagte er nicht laut. Man hätte ihn ausgelacht, diese Möglichkeit niemals in Betracht gezogen. Nein, nicht einmal zugehört hätte man ihm. Erst musste er sichere Beweise bringen. Etwas, was seine Leute zwang umzudenken. Ihm ging das Ausbleiben der Büffel im Kopf herum, und er sah darin ein Zeichen, dass sich die Welt um sie gewaltig veränderte. Besonders im Süden wurden die Herden immer spärlicher und blieben sogar viele Monde aus. Manchmal trafen sie auf sie, wo sie vorher nie gewesen waren, öfter jedoch waren sie auf den früheren Routen nicht mal mehr zu finden. Diese Tatsache konnte niemand leugnen. Der Weiße Mann würde weiter vorrücken, und sie würden zusätzliche Gebiete an ihn verlieren.
Und was wäre, wenn die Büffel eines Tages ganz ausblieben? Das fragte er sich wahrscheinlich als Einziger, denn niemand sonst konnte sich das vorstellen. Die Büffel waren schon immer dagewesen.
Great-Mountain jedenfalls machte sich große Sorgen um die Zukunft seiner Leute. Er grübelte und grübelte, doch ihm fiel keine Lösung ein. Dieser Krieg, den einer ihrer Kriegshäuptlinge, Quanah, jetzt führte, sollte ihre Position stärken und ihre Grenzen sichern. Das war die Voraussetzung für eine dauerhafte Lösung des Problems zwischen ihnen und den Texanern. Der Weiße Mann musste ihre Gebiete anerkennen, wie die Comanchen die seinen. Nur auf der Grundlage gegenseitigen Respektes und völliger Gleichberechtigung konnte es dauerhaft Frieden geben. Deshalb kämpften sie, darum ging es ihnen.
In Great-Mountains Überlegungen schlich sich eines Tages die Erinnerung an Ereignisse, die sich bereits vor langer Zeit zugetragen hatten. Damals halfen sie Siedlern bei einem Überfall der Cheyenne. Am Ende waren sie siegreich gewesen. Dafür hatten sie dieses Land zugesprochen bekommen, das Summer-Rain nun erkunden sollte.
Nach vielen Monden des Nachdenkens und Abwägens entschloss sich Great-Mountain endlich, seine Gedanken und Vorschläge dem Ältestenrat vorzutragen – und er war gegen jeden Einwand gewappnet gewesen.
Red-Eagle, zurzeit ihr erwählter Kriegshäuptling, wegen des Einsatzes mit Quanah und dessen Kriegern nicht anwesend, musste natürlich noch gehört werden – da gab er Großmutter recht. Old-Antelope als ihr Häuptling hatte sich zu seinem Erstaunen auf seine Seite geschlagen. Icy-Wind, als ein Mitglied des Ältestenrates, wollte von dieser – wie er meinte – ganzen Hundescheiße und ‚Koyotenpisse‘ nichts wissen. Er war ein Mann, der den Kampf liebte und blind für Überlegungen war, wie sie Great-Mountain hegte. Man hörte ihn an, ließ ihn sogar den halben Tag lang reden. Am Ende war es so wie immer mit Icy-Wind. Zu oft schon gingen Raubzüge, die der hitzköpfige, arrogante Krieger anführte, ins Leere. Meistens verliefen bereits die Vorbereitungen im Sande, denn irgendetwas kam immer dazwischen. Zum Beispiel dauerte es viel zu lange, bis er und seine Anhänger sich endlich über das Wie und Wohin einig waren. Er besaß nicht die Fähigkeiten eines Red-Eagle, die Männer dauerhaft für etwas zu begeistern. Fast jedes Unternehmen, das er begann, scheiterte.
Wenn sich eine kleine Kriegerschar mit ihm als Anführer doch noch in Bewegung setzte, dann kamen sie meistens nicht weit. Streitigkeiten untereinander, belangloses Geplänkel, sein Gehabe, immer Recht zu behalten, bereiteten dem Kriegszug schnell ein Ende. Nur einmal hatte er alles richtig gemacht – trotzdem endete dieser Kriegszug tragisch. Zwar kamen sie mit Beute zurück, es hatte jedoch durch seine Schuld einen der Männer das Leben gekostet. Deshalb wollte lange Zeit niemand mehr mit ihm reiten. Auf Icy-Winds Meinung jedenfalls konnte Great-Mountain und so mancher Anderer gut verzichten.
Zwei Mal von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang hatten sie in der Ratsversammlung geredet und geredet. Great-Mountain war danach mit einigen Männern und Icy-Wind auf die Büffeljagd geritten.
Als er heute zurückkehrte, waren die Ältesten erneut zusammengekommen und er hatte ihnen von seinen Visionen erzählt. Das gab den Ausschlag. Endlich waren alle einer Meinung gewesen und bereit, seinen Vorschlag anzunehmen. Es konnte ja schließlich nicht schaden, Erkundigungen über dieses Gebiet dort oben im Colorado-Territorium, wie die Weißen dieses Land nannten, einzuholen. Alles andere würden sie danach entscheiden. Mehr konnte Great-Mountain nicht tun.
Kapitel 9
Nun, da er endlich ihr Tipi verlassen hatte, atmete Großmutter hörbar auf. „Ich dachte schon, er geht überhaupt nicht mehr“, konnte sie es sich nicht verkneifen zu sagen. Dann sprudelte es förmlich aus ihr heraus: „Running-Fox ist ein Cheyenne – ich verstehe das nicht. Warum hat er uns das nicht gesagt? Nun denn, das werden wir aufklären; ich frage ihn einfach.“
Summer-Rain schaute etwas verlegen drein. Was sollte sie dazu sagen? Irgendwie war sie enttäuscht. Sie und Running-Fox hatten so viel gemeinsam unternommen, so viel miteinander geredet. Warum nicht darüber? „Light-Cloud wusste es sicher auch nicht, Großmutter“, wandte sie ein, „sonst hätte er doch etwas gesagt. Macht das denn einen Unterschied? Running-Fox bleibt doch Running-Fox.“
Großmutter schnaufte geringschätzig. So ein dummer Junge, dachte sie. Im Volk hat jeder einen Platz, egal, woher er kommt. Schämt er sich etwa seiner Herkunft? Das konnte sie sich bei dem stolzen Mann nicht vorstellen. Also, warum diese Heimlichtuerei?
Weil sie ihre Miene sah, hob Summer-Rain eine Hand. „Ich will nicht, dass du ihn deshalb bedrängst“, sagte sie entschlossen. Beinahe hätte Großmutter laut aufgelacht, weil sie ihn in Schutz nahm.
„Gut, dann frag du ihn eben selbst.“ Damit Summer-Rain ihr leicht amüsiertes Gesicht nicht sehen konnte, wandte sie sich ab. „Wir werden ihn ohnehin bald hier haben – länger als einen halben Tag hält er es ja sowieso nicht ohne dich aus. Ich möchte mal wissen, was er macht, wenn er von hier fort ist.“
‚Auch darüber haben wir nicht gesprochen‘, stellte Summer-Rain schmerzlich fest.
Peinlich berührt wuselte sie im Tipi herum, als ob sie sich eine Näharbeit suchen wollte. Freiwillig hätte sie das niemals getan. Was Großmutter da behauptet hatte, stimmte natürlich. Mit einem zu flickenden Hemd von Light-Cloud setzte sie sich an das herunterbrennende Feuer.
Die Flammen wärmten und beruhigten sie etwas. Innerlich aufgewühlt schloss sie die Augen. Sie durfte jetzt nicht über Running-Fox nachdenken. Alles, was mit ihm zusammenhing, musste vorerst aus ihrem Kopf verschwinden. Später würde sie darüber nachdenken, warum er ihr das verschwiegen hatte. Es dauerte nicht lange, da gelang es ihr, sich voll auf die bevorstehende Wanderung zu konzentrieren. Was Great-Mountain alles gesagt hatte, war wieder da.
Großmutter setzte sich still neben sie. Erst als Summer-Rain ihre Augen wieder öffnete – das dauerte lange – legte sie ihr eine Hand auf den Arm. „Mein kleiner Schmetterling, ich weiß doch, dass du ihn gern bei dir siehst. Deine alte Großmutter wollte dich nicht verärgern; hab Geduld mit mir. Lass uns jetzt über andere Dinge sprechen.“
Summer-Rain nickte. Ja, das wollte sie auch. „Erzähl“, drängte sie die alte Frau. „Erzähl mir alles, was du über diese Sache weißt!“ Sie deutete auf die Felle, auf denen bis eben noch Great-Mountain gesessen hatte. „Er hat ja nicht viel gesagt, was diese Vorkommnisse betrifft, wegen denen ich dort hingehen soll. Du kannst mich nicht, ohne etwas darüber zu wissen, reiten lassen. Ich bin auch kein kleines Kind mehr, auf das man Rücksicht nehmen muss. Ich habe ein Recht darauf, alles zu erfahren.“ Trotzig zog sie die Augenbrauen zusammen. „Und wage ja nicht, mich hinzuhalten!“
Mittlerweile war es zu dunkel im Tipi geworden, um das Hemd von Light-Cloud zu flicken. Nur die kleine Flamme des Kochfeuers erhellte den Raum. Summer-Rain behielt es trotzdem noch in ihrem Schoß.
Auf Großmutters Gesicht lag ein ernster Ausdruck. „Comes-Through-The-Summer-Rain. Also gut, hör zu – ich werde diese Geschichte nur einmal erzählen und niemals wieder.“
Die alte Frau streckte ihre geschwollenen Füße aus und massierte sie mit ihren abgearbeiteten Händen. Summer-Rain sprang auf, um Holz auf die Feuerstelle zu legen. Sie wollte das Gesicht ihrer Großmutter sehen.
„Ich muss wohl von ganz alter Zeit anfangen“, meinte diese und begann mit ihrer Geschichte. „Der große Krieg – dort, wo die Sonne aufgeht, mit den Englishmen und ihren Feinden, die jetzt in Kanada leben, war lange vorbei. Danach kamen mehr und mehr Siedler über das große Wasser. Warum? Das weiß nur der Wind, der sie zum Sonnenuntergang getrieben hat und immer noch treibt. Vielleicht ging es ihnen wie uns jetzt; jemand versuchte, sie aus ihren Jagdgründen zu vertreiben. Vielleicht waren sie auch nur gierig auf neues Land. Sie kamen als Fremde, und wir hießen sie willkommen, wie es unsere Art Fremden gegenüber ist. Sie – das waren etwa zehnmal zehn Hände voller Männer, Frauen und Kinder, die eine neue Heimat suchten. Als sie begannen, für sich Tipis zu bauen, fällten sie Bäume, bauten ihr Essen an und blieben. Wir lebten vom Mond der blauen Blumen bis zum Blättermond mit ihnen Seite an Seite in Frieden. Unsere Jagdgründe grenzten damals an die der Cheyenne, die dort noch zahlreich waren. Manchmal wussten wir sogar nicht genau, wo unsere aufhörten und ihre begannen; deshalb kam es oft zu Streitigkeiten. Wo sich die Weißen niederließen, war eindeutig Cheyenne-Land. Zwischen ihnen und uns gab es nie Feindschaft, wir waren gleichberechtigte Nachbarn von Anfang an. Diese Leute sprachen eine seltsame Sprache – eigentlich sprachen sie zwei Sprachen und verstanden sich doch. Das war es, was ihnen unsere Achtung brachte und uns neugierig auf diese Weißen machte. Das Land dort dehnte sich gewaltig weit nach jeder Himmelsrichtung aus. Platz genug für viele Völker mit den unterschiedlichsten Sprachen. Sie gründeten ein Lager, das sie Tuckerville nannten. Bereits nach einigen Monden gab es Ehen zwischen den Siedlern und uns. Unser Blut wurde ihr Blut, und wir saßen oft zusammen. Bei Festen gab jeder, was er hatte. Dann kamen die Ute aus den Bergen herunter und überfielen unser Lager. Sie waren damals noch zahlreich und stark. Von jeher haben wir mit diesen schwarzen Hunden Krieg geführt. Einige der Siedler, die gerade bei uns zu Gast waren, griffen wie wir nach den Waffen. Gemeinsam schlugen wir sie in die Flucht. Wir nahmen Skalps, die Siedler nahmen ebenfalls Skalps.
Ich war damals ein junges Mädchen. Aber ich erinnere mich noch gut an die anschließende Feier. Alle – wir und die Weißen – feierten diesen Sieg zusammen, bis die Sonne über den Bergen aufging.
Wi-tsha, wie wir sagen, wenn wir uns über etwas freuen, nannten die Siedler diesen Tag. Danach waren wir Brüder. Wenn wir wieder zu ihnen kamen, war es immer so, als kämen wir nach Hause. Die Sonne zog ihre Bahnen über dem weiten Himmel, und der Wind trieb die Wolken vor sich her. So verging die Zeit. Immer mehr Siedler kamen in das Lager Tuckerville. Wir waren erstaunt, wie schnell dieses Lager wuchs. Aber unsere Jagdgründe wurden nie von ihnen berührt. – kein Stück Erde eingezäunt, nicht ein Baum entwurzelt, um mehr Land für ihre Früchte zu haben oder dem Bau ihrer Tipis zu dienen. Was damals unsere Ältesten durch den Rauch der Pfeife mit ihnen ausgemacht hatten, war immer noch gültig. Nur so konnte der Frieden erhalten bleiben. Das wussten sie, und das wussten wir auch.
Eines Tages verdunkelten Wolken den Himmel. Es war die Zeit, als die Blätter von den Bäumen fielen und die Wälder in allen Farben des Regenbogens strahlten. Wir wussten, dass inzwischen die Felder der Tuckerviller bis weit in die Jagdgründe unserer Todfeinde, der Cheyenne, reichten. Bis zu dieser Zeit hatte sich keiner von ihnen dort blicken lassen. Wir glaubten, sie wären längst weit weg in den Sonnenaufgang geritten. Bevor die Siedler hierher gekommen waren, hatten wir oft blutige Auseinandersetzungen mit den Kriegern der Cheyenne. Sie raubten unsere Pferde, wir holten sie uns in doppelter Anzahl zurück – und ihre Frauen dazu.“
Großmutter machte eine Pause und versank in Erinnerungen. Sie hatte nicht vor, ausschweifende, lange Geschichten aus ihrer Jugend zu erzählen. „An diesem Tag, als der Himmel sich verdunkelte, kamen die Cheyenne zurück. Sie kamen zusammen mit ihren Brüdern, den Arapaho, und sie kamen wie ein Sturm im Blättermond über die weißen Siedler. Da griffen auch unsere Krieger zu den Waffen und standen ihnen in diesem Kampf bei. Ich gebe ja zu, dass es nicht wegen ihres guten Aussehens oder der gebackenen Leckereien war, dass wir das taten. Doch wir taten es, denn schon immer waren die Cheyenne unsere Todfeinde. Der große Friede mit ihnen, den Arapaho und einigen Apachengruppen war da noch fern. Es war ein gewaltiger Kampf, und auf beiden Seiten gab es große Verluste. Am Ende flohen die gemeinsam besiegten Feinde. Während wir zurück in unser Lager ritten, flatterte so mancher Skalp von ihnen im Wind an unseren Lanzen. Auch die Weißen hatten tapfer gekämpft. Danach kamen die Cheyenne nie wieder in diese Gegend.“
Großmutter griff nach Summer-Rains Hand und drückte sie. „Sie sind auch bis heute nicht wiedergekommen. Ich weiß, dass die Weißen sie ganz aus ihren Jagdgründen im Colorado-Territorium vertrieben haben.“
Summer-Rain runzelte die Stirn. Diese Geschichte würde Running-Fox gar nicht gefallen. Nein, er sollte kein einziges Wort davon erfahren. Auch nicht, dass man sie dorthin schicken wollte.
„Als der Kampf vorbei war“, erzählte Großmutter weiter, „boten die Siedler uns dieses Geschenk an – dieses Land, das in Great-Mountains Ur-kunde beschrieben ist. Niemand von ihnen darf jemals dort siedeln, niemand darf dort etwas anbauen. Es soll unser Land sein, solange die Flüsse fließen, solange der Wind weht, solange das Gras wächst und die Berge in den Himmel ragen. Also haben wir uns zusammengesetzt, die Weißen aus dem Lager Tuckerville und wir alle. Haben geredet und geredet, gegessen, geredet, gegessen, geredet, vier Sonnenaufgänge und drei Sonnenuntergänge lang. Eigentlich hätten wir ja diese Menschen auslachen können, denn dieses Land dort draußen vor den Bergen, das sie uns zum Geschenk machen wollten, das war doch frei, groß und frei. Niemand würde uns daran hindern können, es uns einfach zu nehmen. Wir hatten jedoch kein Interesse daran; unsere Heimat ist hier. Trotzdem lachten wir heimlich über die Dummheit der Weißen, uns ein Gebiet zu überlassen, das ihnen nicht gehörte und das sie nicht einmal kannten. Unsere Vorstellungen von Land und die der Weißen gehen weit auseinander. Weil sie das nicht begriffen, ließen wir ihnen die Freude über ihre Großzügigkeit; schließlich gab es bei diesen Gesprächen immer genügend Tabak.
Am Ende bemalten sie dieses Papier – diese Urkunde, die Great-Mountain in Verwahrung hat – mit ihren Zeichen, und jeder unserer Krieger setzte sein eigenes Zeichen ebenfalls auf das Stück Papier, wie sie diesen Stoff nennen. Auch mein Großvater, mein Vater und mein Bruder – dein Vater – machten ihre Zeichen darauf. Ich war damals verheiratet. Neben unsere Namen schrieb einer der Weißen, wie sie ihn in ihrer Sprache aussprachen, manchmal sogar, was er bedeutete. Mein Ehemann ist in diesem Kampf gefallen, auch die erste Frau deines Vaters. Sie war eine Kriegerin und ebenso tapfer wie die Männer. An diesem Tag, als alle diese Urkunde unterzeichneten, kam ein dunkel gekleideter Mann, um alles zu überwachen.“ Ja, sie konnte ihn noch genau vor sich sehen, als wäre es erst gestern gewesen. „Er war ein hochgewachsener Mann in schwarzen Kleidern mit einem komischen Hut auf dem Kopf. Ein großes Medaillon steckte an seiner Brust. Zu unserer Verwunderung machte er aus dem einen Papier zwei, und wir mussten auch darauf unsere Zeichen setzen. Er ritt wieder fort und nahm eine Urkunde mit. Die andere hatte er zuvor Old-Antelope, der damals unser junger Häuptling war, übergeben. Uns wurde gesagt, er würde diese Urkunde an einem sicheren Platz verwahren, damit sich Tuckerville immer daran erinnern kann.“
Summer-Rain wartete, ob noch etwas von Großmutter kam, aber als sie weiter schwieg, sprach sie das, was ihr eben in den Kopf gekommen war, aus. „Meine Mutter hat mir einmal gesagt, dass nur der Große Weiße Vater in Washington, den die Weißen ihren Präsidenten nennen, Verträge mit uns abschließen darf. Vielleicht hat dieser Mann deb Vertrag ja zu ihm gebracht?“
Großmutter schüttelte unwillig den Kopf. „Du hast nicht richtig zugehört, Kind. Das war kein Vertrag, das war ein Geschenk in Form von Land. Wenn es ein Vertrag gewesen wäre, hätten beide Seiten etwas geben müssen, und einer wäre übervorteilt worden – wie es immer war. Nein, Quahari machen keine Verträge mit dem Weißen Mann.“
Dann sagte sie nachdenklich: „Ich hoffe nicht, dass der Große Weiße Vater, dessen Zunge gespalten ist wie die einer Schlange, jemals irgendeinen Einfluss auf diese Ur-kunde hat. Es war ein Geschenk, Summer-Rain; dieses Geschenk war ein Versprechen. Nur Tuckerville und wir, kein Washington, kein Großer Vater, nur wir und Tuckerville. Ob sie noch immer dort so denken, wissen wir nicht. Deshalb will ja Great-Mountain dich dorthin schicken; du sollst das herausfinden.“
Gut, dachte Summer-Rain, jetzt weiß ich Bescheid. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, was man ihr damit zutraute. Es ging nicht nur um diese gefahrvolle Wanderung, es ging um viel mehr. Sie musste auch Kontakt mit den Menschen dort aufnehmen. Natürlich – deshalb hat Great-Mountain ja mich ausgesucht; niemand hier spricht Taibo Tekwapu, Americano.
Die alte Frau hatte sie nicht aus den Augen gelassen. „Ich will doch nur, dass du vorsichtig bist“, sagte sie jetzt mit besorgter Stimme und barg ihren Kopf auf den Knien. Weinte sie etwa?
Summer-Rain legte ihr einen Arm um die schmächtigen, knorrigen Schultern und versuchte, sie mit aufmunternden Worten zu trösten. Nach einer Weile gelang es ihr auch, und sie kam wieder auf ihr ursprüngliches Thema zu sprechen. „Bei allem, was du mir von den Menschen aus dem Lager, das sich Tuckerville nennt, erzählt hast, glaube ich, dass sie aufrichtig und ehrlich sind – nicht so verlogen und hinterlistig wie die Tejano, sonst gäbe es diese Ur-kunde gar nicht. Seitdem ist viel Zeit vergangen, doch diese Menschen wollten in Frieden mit uns leben; so viel habe ich verstanden. Nicht wie die Tejano, die uns immer schon als ihre Feinde betrachten. Warum sollten sie jetzt anders darüber denken?“
Großmutter nickte – auch sie hatte darüber nachgedacht. Sich eine Träne von der runzligen Wange wischend, kam auch prompt ihre Antwort. „Du hast recht, kleine Summer-Rain. Die Leute aus Tuckerville sind keine Tejano, die nur darauf aus sind, uns von der Erde zu wischen. Die Tejano wollen uns vernichten. Sie haben damals unsere Häuptlinge erschossen, als sie vorgaben, mit uns einen Frieden auszuhandeln. Die Menschen in Tuckerville dagegen waren anders, und ich habe sie in guter Erinnerung. Es fragt sich nur, ob sie oder ihre Nachkommen auch jetzt noch so denken.“
Was sie auch vorbringen würde, egal – es war ohnehin zu spät. Die Ratsversammlung hatte entschieden, und ihrem Urteil sollte man vertrauen. „Genug für heute“, sagte sie deshalb, nach der Näharbeit des Mädchens greifend. „Das Hemd von Light-Cloud sieht aus, als hättest du einen Truthahn gerupft. Leg das weg – wir werden viel Arbeit haben, wenn unsere Männer zu einer weiteren Büffeljagd aufbrechen.“
In dem Moment, als Großmutter Light-Cloud erwähnte, zuckte Summer-Rain zusammen. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Die Sache mit Dark-Night fiel ihr wieder ein. „Ich muss noch einmal fort“, behauptete sie, Großmutters forschendem Blick ausweichend. „Ich muss zu Mocking-Bird und ihrem kleinen Jungen“, log sie sie mit schlechtem Gewissen an.
„Dann kannst du gleich noch unseren Wassersack auffüllen“, meinte Großmutter.
Hastig griff Summer-Rain danach und huschte aus dem noch offen stehenden Tipi.
Mittlerweile stand die Sonne bereits weit im Westen, und die Dämmerung legte sich über das Land. Suchend schaute sich Summer-Rain um. Keine Spur von ihrem Bruder, dessen Tipi nicht weit von ihrem stand. Bei seinen Pferden, von denen einige in der Nähe grasten, war er ebenfalls nicht. Vier von ihnen hoben eben die Köpfe und blickten erwartungsvoll zu ihr hin. Summer-Rain eilte an ihnen vorbei hinunter zum Fluss. Dort bahnte sie sich einen Weg durch das hohe Gras, aus dem ab und zu Pferdeköpfe auftauchten; dann ging sie am Rande der Uferböschung entlang. Icy-Winds Behausung war noch weit weg. Sollte sie tatsächlich dorthin gehen, um nachzusehen, ob Dark-Night inzwischen in ihrem Zuhause war? Mit sich selbst im Zweifel, blieb sie stehen. Langsam ging sie um eine Flussbiegung, da bemerkte sie flüchtig einen Schatten, der ihr schon die ganze Zeit über gefolgt sein musste. Jetzt hatte sie sich anders entschieden und stieg einen leichten Abhang empor. Von hier aus suchte sie die andere Flussseite nach ihrem Bruder ab. Sie konnte die Reiter sehen, die sich seit dem frühen Morgen dort mit ihren Pferden beschäftigten. Die mexikanischen Pferdejungen trieben gerade einige von ihnen zusammen, um sie wieder zur Herde zu bringen. Das waren die Tiere, die besonders für die Büffeljagd ausgebildet worden waren und den Kriegern morgen Früh zur Verfügung stehen mussten. Der große Bruder war nirgends zu sehen. Mit klopfendem Herzen suchte sie trotzdem noch einmal die gegenüberliegende Seite nach ihm ab.
„Ich bin hier, falls du mich suchst.“
Abrupt drehte sie sich um. Sie hatte den Schatten hinter ihr ganz vergessen. Running-Fox stand da, aufrecht, groß und schlank. Die Haare fielen ihm offen bis weit über die Schultern auf den Rücken. Er trug wieder das weiße Hemd aus Leinen, das immer noch schmutzig war, und seinen breiten, silberbeschlagenen Gürtel. Unter sein Lendentuch hatte er Leggins gezogen. Anders als bei den Comanchen üblich, waren sie nicht schlicht gehalten, sondern mit Fransen verziert und mit eingefärbten Stachelschweinborsten bestickt.
„Dich habe ich nicht gesucht“, blaffte sie ihn an. Ihr Ton war trotzig. Atemlos schnappte sie nach Luft.
„Wenn du nach deinem Bruder Ausschau hältst, kann ich dich beruhigen“, meinte Running-Fox. „Der ist drüben im Tipi von Gray-Wolf. Storm-Rider ist auch bei ihnen. Sie besprechen den morgigen Tag, denn sie wollen ganz früh los. Mich haben sie übrigens auch eingeladen, an der Büffeljagd teilzunehmen. Du wirst mich also noch eine Weile ertragen müssen.“
Ein breites Lächeln auf dem Gesicht, kratzte er sich mit einem Finger über die Kerbe in seinem Kinn.
Sie ließ sich nicht von ihm beeindrucken, hatte sie doch noch die Worte von Great-Mountain, dass er fortreiten wollte und das andere, dass er ein Cheyenne war – im Kopf. Wollte er nur wegen der Büffel noch bleiben? An welcher Stelle kam sie denn da?
Ein wenig enttäuscht sagte sie deshalb schmollend: „Das ist wohl so, aber irgendwann musst du sicher wieder weg. Sag nur vorher rechtzeitig Bescheid, damit ich dir dein Hemd noch waschen kann.“
Er blickte an sich hinunter und nickte. „Ich hab dich übrigens heute ausreiten sehen“, sagte er so beiläufig wie möglich.
Schweigen. Erschrocken hielt sie den Atem an.
„Aber ich schleiche keinem Mädchen nach – auch nicht dem, das durch den Sommerregen kommt.“
Erleichtert atmete sie aus. „Was ich tue, geht dich nichts an“, zischte sie etwas ungehalten.
Ihre dunkelblauen Augen funkelten herausfordernd, doch dann lenkte sie ein. „Ich habe Light-Cloud gesucht. Jetzt, wo ich weiß, dass er beschäftigt ist, kann ich wieder zurück zu Großmutter.“
Eigentlich war das ja gar keine Lüge. Zufrieden wandte sie sich ab. Sie wollte sich nicht weiteren peinlichen Fragen ausliefern.
Running-Fox, der ahnte, dass sie ihm etwas verheimlichte, sich aber ärgerte, dass sie sich ihm das nicht zu sagen traute, deutete auf den leeren Wassersack an ihrer Seite. „Warum trägst du dann einen leeren Wassersack mit dir herum?“
Ein kurzes Blinzeln und er wusste, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte. Ihr verwirrt zu ihm hochgerecktes Gesicht stimmte ihn milde. Nein, er wollte ihr nicht wehtun, auch nicht mit Worten. „Komm, lass uns Frieden schließen“, kam es deshalb freundlich von ihm. Natürlich lag ihm daran, sich nicht mit ihr zu streiten.
Seine Worte rührten sie sichtlich, denn ihre Miene hellte sich auf. Verlegen blickte sie zu Boden. Hitze stieg an ihrem Hals herauf. Inständig hoffte sie, dass er es nicht bemerkte. Ihr Gesicht war so dunkelbraun von der Sonne verbrannt, dass es keine Rolle spielte.
In seinen Augen funkelte es belustigt, während er seinen Kopf zu ihr hinunter bog, um sie ansehen zu können. „Ich hoffe, du schickst mich jetzt nicht fort“, flüsterte er.
Ein warmes Gefühl – nicht zu vergleichen mit der Hitze, die langsam wieder abflaute – ließ Summer- Rain zu ihm aufschauen. „Bist du wirklich ein Cheyenne?“, stellte sie ihm zusammenhanglos diese Frage. Ihre blauen Augen blickten ihn an, wollten einfach nur wissen: Wer bist du? Und warum hast du mir das verschwiegen? Es ging nicht um seine Herkunft; für sie ging es um mehr. Denn da gab es so vieles, was sie ihn gern gefragt hätte und es doch nicht wagte. Es gab auch vieles, was sie gar nicht wissen wollte. Wenigstens auf diese Frage sollte er ihr jedoch antworten.
Als er schwieg, reckte sie ihm trotzig ihr Kinn entgegen. Sollte er seine Geheimnisse doch für sich behalten! Ihre Augen begegneten sich, und einen flüchtigen Moment lang berührte etwas ihre beider Herzen – etwas, das sie nicht mit Worten hätten beschreiben können. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, doch nicht so, wie es eigentlich hätte sein sollen; anders eben. Ihr Herz machte einen Sprung, und da war er wieder, dieser Schmerz, der wie mit eiskalten Klauen nach ihr griff – immer, wenn sie an den Anderen denken musste. Warum gerade jetzt? Warum hörte das nie auf? Vergiss ihn, schrie es tief in ihr drinnen – vergiss ihn endlich, es tut doch nur weh. Er hat dir das Herz gebrochen, und dieser hier will es ganz. Sie schloss die Augen und blinzelte die aufsteigenden Tränen zurück. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Als er immer noch nicht antwortete, war sie enttäuscht, dass er ihr so wenig Vertrauen entgegenbrachte.
Running-Fox war verwirrt. Erst jetzt erfasste er die Bedeutung ihrer Frage – sein Versäumnis, ihr davon zu erzählen – und schob ihre Reaktion darauf. Sie muss sich verraten vorkommen, dachte er. Nein, das hatte er nicht gewollt, überhaupt hatte er aus seiner Herkunft kein Geheimnis machen wollen. Er war einfach nur zu naiv gewesen; für ihn war das schon lange nicht mehr wichtig. Er war Running-Fox und ebenso auch Jeremiah Machel. Sollte er das jedes Mal, wenn er irgendwo hinkam, erneut erklären? Ihr hätte er es erklären müssen, das wurde ihm nun klar. Auch die Tatsache, dass Cheyenne lange, lange Zeit Todfeinde ihres Volkes gewesen waren, machte es nicht besser. War es das, weshalb sie dachte, er hätte ihr nichts erzählt? So einfach war das nicht. Die Wahrheit wog viel schwerer. Ihr hätte er viel mehr erklären müssen als jedem Anderen, der ihn gefragt hätte. Ihr hätte er sein Herz ausschütten müssen, und davor war er bisher zurückgeschreckt. Das, was seine Vergangenheit ausmachte, war wie Schlamm in einem Teich. Bei der geringsten Berührung des Wassers kam es wieder hoch. Aber woher wusste sie es? Wer konnte ihr davon erzählt haben, bevor er es selber für nötig hielt? Verdammt, fluchte er wieder einmal in Gedanken auf Englisch, weil es ihm einfiel. Verdammt, ich habe es Great-Mountain gesagt; er hatte mich wegen meiner Kleidung gefragt.
Langsam sog er die Luft ein, um Zeit zu gewinnen. Seine schön geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem gequälten Lächeln. Wie die Flügel eines reglos am Sommerhimmel stehenden Adlers, dachte Summer-Rain, die ihn beobachtete. Eins, zwei, drei, vier – zählte sie in Gedanken die Schläge ihres Herzens. Wie lange wird er wohl brauchen, bis er endlich eine Ausrede findet?
Endlich war er zu einer Antwort bereit. Sechs, sechs Herzschläge lang hatte er gebraucht.
„Ja, wer auch immer dir davon erzählt hat, es stimmt“, begann er.
„Denke nicht, dass ich das vor dir verschweigen wollte – so ist das nicht. Meine Vergangenheit ist wie die Schnüre einer Perlenkette, die sich in deinen Haaren verheddert haben. Schmerzhaft, sie wieder auseinanderzubringen, zu ordnen.“ Dann sagte er ein englisches Wort. „Kompliziert.“
„Kom-pli-ziert?“
Er nickte. „Englisch, dieses Wort ist englisch. Ich habe bei einem weißen Mann gelebt – nein, das stimmt so nicht. Ich lebe immer noch bei – nein, mit einem weißen Mann.“ Verwirrt hielt er inne.
Summer-Rain blickte ihn zweifelnd an. „Gut, wenn du entschieden hattest, mir nichts zu erzählen, dann ist das eben so.“
Das Gespräch nahm keine gute Wendung. Erst jetzt verstand er das. Wie sollte er ihr begreiflich machen, dass es nicht so war, wie sie dachte? Dass er ihr zwar alles erzählen wollte es aber noch nicht konnte? Auf seiner Brust lag ein schwerer Stein, während er nach Worten suchte. „Mein ganzes Leben – ich werde es vor dir ausbreiten wie ein Bild auf einer Büffeldecke. Ich werde dir jedes Zeichen genau erklären – alles. Du sollst meine Geschichte hören, die Geschichte meiner Mutter, meiner Schwester, meines Vaters, die Geschichte meines Volkes.“ Nachdem er das endlich herausgebracht hatte, musste er schwer schlucken. Der Rest kam wie ein einziger Schwall von seinen Lippen. „Du sollst sie hören, wenn ich zu dir zurückkomme.“ Summer-Rain schnappte nach Luft – so verzweifelt hatte sie ihn noch nie gesehen. Es tat ihr leid, ihn so in die Enge getrieben zu haben. Geduldig wartete sie, bis er sich wieder gefasst hatte, ohne diesmal ihre Herzschläge zu zählen.
„Verzeih“, sagte er. „Verzeih, doch es ist schwer, von etwas zu sprechen, das man ganz tief in sich verschlossen hat.“
Beide blickten stumm vor sich hin. Summer-Rain wagte nicht, die Spannung, die zwischen ihnen entstanden war, zu durchbrechen. Er machte den Anfang, wieder in die Normalität zurückzufinden – denn es drängte ihn danach, ihr etwas zu sagen, etwas, das ihm schon seit langem auf dem Herzen lag. „Comes-Through-The-Summer-Rain, ich werde zurückkommen.“
Sie wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und wartete auf mehr. „Das habe ich vor – dann aber komme ich nur wegen dir. Dark-Night ist ja jetzt versorgt.“
Sein Lächeln wurde breiter. Den linken Mundwinkel leicht nach oben gezogen, betrachtete er ihr Gesicht.
Summer-Rain war durcheinander und überlegte schon, ihm etwas über das traurige Leben der Mexikanerin zu erzählen. Natürlich wusste er nichts über sie und Icy-Wind. Männer interessierte so etwas ja nicht. Oder etwa doch? Dass sie nicht glücklich war, wusste hier inzwischen jeder. Vor ihrem Innern erschien urplötzlich das Bild von Light-Cloud und ihr, wie sie dort auf seinen Beinen lag. Es schnürte ihr das Herz zusammen. Und wenn er weiß, was ich weiß? Sofort verwarf sie diesen Gedanken wieder.
Running-Fox betrachtete sie noch immer. Warum sagte sie nichts? War er nicht deutlich genug gewesen? Seine nachtschwarzen Augen durchbohrten sie förmlich. Dachte sie vielleicht, er wüsste nichts über Dark-Nights Leben hier?
„Was das Leben von Dark-Night betrifft, so weiß ich Bescheid. Die Männer aus deinem Volk herrschen über ihre Frauen, das kannst du nicht abstreiten. Icy-Wind beweist das jeden Tag.“
Ungläubig starrte sie ihn an. Meinte er das jetzt im Ernst? Welches Recht hatte er denn, so über ihr Volk zu urteilen? Ihr fehlten die Worte. So durfte niemand von ihren Leuten reden. Außerdem stimmte es überhaupt nicht. Herablassend verzog sie den Mund. „Ich weiß nicht, woher du deine Erkenntnisse hast“, rief sie entrüstet aus, einen Schritt zurückweichend. „Mag sein, dass das auf Icy-Wind zutrifft, doch du kannst von ihm nicht auf den Rest unserer Männer schließen.“
Jetzt blickte er auf sie hinunter, streckte den Arm nach ihr aus und zog sie wieder zu sich heran. Niemand stand in der Nähe, sie waren allein. Nur unten vom Fluss her klangen die Laute kichernder Mädchen herauf. „Ich würde dich niemals so behandeln, Summer-Rain. Für mich kämst du immer an erster Stelle.“ Vorsichtig strich er mit seinen schlanken, feingliedrigen Fingern über ihre Haare, als wollte er es ihr damit beweisen. Sie stand wie erstarrt und wusste nicht, ob sie ihn abweisen sollte oder doch lieber nicht. Dann fiel ihr die Situation mit der Wunde ein. Hatte sie sich denn nicht schon längst für ihn entschieden? Aber das hier war etwas anderes. Es war etwas viel Persönlicheres.
„Comes-Through-The-Summer-Rain“, flüsterte er an ihrer Seite. „Du bist die, die ich will. Ich habe dich schon gewollt, als ich dich das erste Mal gesehen habe. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich dich bereits ewig kennen.“
Der Druck seiner Finger verstärkte sich. Er zog sie noch näher zu sich heran, und Summer-Rain ließ es geschehen.
Ihr klopfte das Herz bis zum Hals, als sie zu ihm aufblickte. Zögernd legte sie ihre Hände auf seine Schultern, fuhr damit an seinen Armen entlang, fühlte die Stränge und Sehnen seiner Muskeln unter ihren Fingern, registrierte eine tiefe, harte Narbe durch das Leinen hindurch. So nahe war sie ihm noch nie gekommen, doch es fühlte sich richtig an.
Mit der Nasenspitze reichte sie ihm gerade bis unter das Kinn, als sie den Kopf reckte. Er legte ihr einen Finger darunter und zwang sie damit, ihn weiter anzusehen. Sein Atem streifte ihr Gesicht, während er wieder zu reden begann. „Ich habe dich gesehen, Mädchen, Comes-Through-The-Summer-Rain. In einem Traum – lange, lange bevor ich hierher gekommen war. Damals dachte ich: Wie schade, dass dieser Traum nie Wirklichkeit werden wird – und jetzt bist du hier, hier bei mir.“
Seine Stimme klang ruhig, und doch spürte sie seine Angespanntheit. Liebevoll betrachtete sie seine schlecht zusammengewachsene Nase, die lange, gezackte Narbe, die vom linken Haaransatz bis zum Kinn verlief. Eines Tages werde ich alles über dich wissen, dachte sie und lächelte still in sich hinein. Dann wird es keine Geheimnisse mehr zwischen uns geben – nie mehr.
„Ich will nicht, dass wir uns aus den Augen verlieren wie die Wolken, die sich in Luft auflösen. Aber ich muss wieder weg, meine Summer-Rain. Alles, was ich mir erhoffe, ist, dass du auf mich wartest. Wird Comes-Through-The- Summer-Rain das tun? Wirst du auf mich warten?“
Erwartungsvoll sah er sie mit einem so intensiven Blick an, dass es schmerzte. In seinen tiefschwarzen Augen fingen sich die Strahlen der untergehenden Sonne und brachten sie zum Leuchten.
Ihr war ziemlich beklommen zumute. Doch seine Frage musste beantwortet werden, das war sie ihm schuldig. Einen Herzschlag lang hatte sie noch Zweifel, dann schob sie ihn energisch von sich weg und beantwortete sie ihm. „Ja, Running-Fox, ich werde warten. Doch du wirst Schwierigkeiten haben, mich wiederzufinden. Cheyenne sind nicht so gute Spurenleser wie Comanchen.“
Sie lachte, und er zog sie heftig an sich, fest entschlossen, sie noch eine Weile so zu halten – mochte sie sich auch dagegen wehren. „Wenn es weiter nichts ist, Summer-Rain, dann werde ich dir das Gegenteil beweisen. Ich finde dich!“
Er hielt sie weiterhin fest und drückte eine Hand gegen ihren Hintern. Ihre kleinen Brüste hoben und senkten sich. Durch das Leinenhemd hindurch spürte sie seinen Körper, ließ es zu, dass seine Hände an ihrem Rücken hinauf und wieder hinunter wanderten. Es wurde schnell dunkel, und die Sonnenstrahlen kamen nur noch wie gefiltert durch die Bäume.
Running-Fox schob sie etwas von sich fort, nur ein klitzekleines Stück, um sie in diesem Licht zu betrachten. Er prägte sich jede Einzelheit ein – alles, alles. Dann konnte er nicht anders, als sie auf ihre Lippen zu küssen. Es war Summer-Rains erster Kuss, und sie ließ es geschehen. Als er weitere Zugeständnisse einfordern wollte, schob sie ihn energisch weg. Es entstand ein Moment der gegenseitigen Unsicherheit. Running-Fox hatte nicht vor, mehr zu wollen, als sie bereit war zuzulassen, und Summer-Rain schwankte zwischen Neugier und Abwehr.
Völlig zusammenhanglos fragte sie: „Warum bist du eigentlich damals so weit hinter Icy-Wind geritten? Es sah so aus, als würdest du ihn mit Absicht meiden.“
Verwirrt blickte Running-Fox sie an. In sich hinein grinsend, beruhigte er seinen Puls. Wenn das ein Ablenkungsmanöver war, um ihn hinzuhalten, dann war ihr das gelungen. Dieses Mädchen war alle seine Bemühungen wert. „Willst du das jetzt wirklich wissen, Summer-Rain? Ich würde viel lieber in deine Augen sehen, solange ich es noch kann.“
Sie schüttelte ihm mutwillig ihre Haare ins Gesicht. „Ja, ich will das jetzt wissen, und mit dem in-die-Augen-sehen gibst du dich ja anscheinend nicht mehr zufrieden, denn ich spüre sehr wohl, wo deine Finger gerade sind.“
Seine Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen, als er leise lachte; er zog jedoch seine Finger nicht weg. „Ich will es dir sagen, wenn du es denn unbedingt wissen musst. Aber mach dich auf einiges gefasst. Zu den Eigenschaften, ‚angeberisch‘ und ‚eingebildet‘, die ich an Icy-Wind erkannt habe, kommt noch eine weitere hinzu: Er ist jemand, der nicht davor zurückschreckt, von anderen etwas zu fordern, was ihm nicht zusteht.“
Oh, dachte sie, er hat ihn in dieser kurzen Zeit seiner Anwesenheit bereits durchschaut. Energisch löste sie seine Finger von dort, wo sie nicht hingehörten. Ein breites Lächeln lag auf seinem Gesicht, während er sie als Antwort darauf mit sich hinunter ins Gras zog. Summer-Rain ließ es geschehen, achtete aber darauf, dass er seine Hände bei sich behielt. Running-Fox hatte verstanden und respektierte ihre Entscheidung. Zwar hätte er ihr Alleinsein hier liebend gerne anders genutzt, doch wenn sie es so wollte, dann musste er sich fügen. Sich zusammenreißend und seine Gedanken auf ihre Frage lenkend, begann er mit seinem Bericht. „Wir sind auf dem Rückweg Comanchen begegnet. ‚Honigesser‘, nennen sie sich. Sie hatten reiche Beute bei einem Überfall auf einen Wagentreck gemacht. Icy-Wind umschmeichelte sie regelrecht, ihm einen Teil davon abzugeben. Mir wurde das bereits richtig peinlich, denn sie lachten hinter seinem Rücken über ihn. Schließlich behauptete er, ein Anrecht darauf zu haben, da er ihnen auf dem Hinweg einen Tipp wegen dieses Trecks gegeben hätte. Das stimmte zwar, wie sie bestätigten, doch sie ließen sich nicht darauf ein. Es war ihre Beute, ihr Überfall, ihr Kampf gewesen. Sie berieten sich eine geraume Zeit miteinander, dann fassten sie einen Beschluss. Es gab einen Überlebenden, einen Gefangenen.“ Running-Fox schwieg.
Geduldig wartete sie, dass er weitersprechen würde. Jetzt war er ernst geworden; es war nichts mehr von dem übermütigen Mann von eben übrig. Das Kichern der Mädchen unten am Fluss verstummte. Sie brachen anscheinend nach Hause auf. Running-Fox lachte verhalten, aber es klang wie erzwungen, fast höhnisch. Schließlich riss er einen Grashalm neben sich aus. Während seine Finger damit spielten, erzählte er die Geschichte weiter. „Sie übergaben ihm diesen Gefangenen als seinen Anteil an der Beute. Er steckte in einem großen Zuckersack. Man konnte nur seine Konturen sehen, weiter nichts. Icy-Wind nahm den Gefangenen mit stoischer Miene entgegen. Ich weiß nicht, was er sich dabei dachte, aber es ist naheliegend, dass er Dark-Night mit seinem nächsten Tun beeindrucken wollte.“
Ihre Frage erwartend, blickte er sie von der Seite an.
„Ich verstehe nicht“, kam es dann auch prompt. „Warum haben sie ihm diesen Mann überlassen?“
Running-Fox verzog angewidert den Mund. „Wahrscheinlich war er so sehr von sich selbst überzeugt, dass er dachte, sie wollten ihm Ehre erweisen.“
„Du denkst das nicht?“
„Nein, ganz und gar nicht. Er mag ein großer Krieger sein, aber die anderen dort wechselten untereinander Blicke, die ihn hätten misstrauisch werden lassen müssen. So etwa wie: Geben wir ihm diesen Mann, wir wollen mit ihm nichts zu tun haben.“
Er zögerte, weiterzusprechen – da protestierte sie. „Komm, jetzt will ich das Ende dieser Geschichte hören. Du kannst nicht in der Mitte aufhören!“
Also machte er mit seinem Bericht weiter. „Die Comancheros hätten bestimmt ein gutes Lösegeld für ihn gezahlt, es war ein großer Mann. Als Icy-Wind ihn aus dem Zuckersack zog, stellte er fest, dass er schwarz war.“
Summer-Rain stutzte. Zuerst wusste sie nicht, wovon er sprach. Dann wurde es ihr klar. Sie hatte noch nie einen dieser schwarzen Weißen gesehen, deren Haare wie Büffelwolle aussahen.
Running-Fox sprach schon weiter, als gelte es, das so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. „Natürlich waren die Honigesser da bereits lange fort. Sie wussten genau, dass ihr Streich nicht gut ankommen würde. Icy-Wind tat, als machte ihm das gar nichts aus. Er dachte nicht daran, diesen Mann zu verkaufen. Stattdessen band er ihn auf ein Wagenrad und entzündete ein kleines Feuer unter seinem Kopf. Als Dark-Night und ich wegritten, lebte der schwarze Mann noch. Seine Schreie konnten wir über eine weite Strecke hören. Icy-Wind blieb bei ihm. Lange – ich schätze, bis zum Schluss.“
Den Grashalm ausspuckend fuhr er fort: „Die Männer der Honigesser selbst wollten mit diesem Mann nichts zu tun haben. Wahrscheinlich hätten sie ihm nichts getan. Sie wollten Icy-Wind wegen seiner unberechtigten Forderung nur beschämen. Seinen Anteil an der Beute hatte er ja nun bekommen. Icy-Wind hat sich nichts anmerken lassen. Als er uns wieder einholte, lächelte er. Ich bezweifle sogar, dass er überhaupt gemerkt hat, was ihm die Krieger damit sagen wollten. Ich habe mich für ihn geschämt.“
Jetzt wusste sie, warum er damals diesen Abstand zu Icy-Wind gehalten hatte.
„Und noch etwas: Er hat mich die ganze Zeit über, die wir unterwegs waren, wie seinen persönlichen Sklaven behandeln wollen. Ich bin kein junger Hund, den er mit Füßen treten kann; ich bin Running-Fox!“
„Vergiss ihn, ich mag ihn auch nicht“, kam es voller Abscheu von ihr. Das stimmte nur zu gut. Er war ihr immer mit äußerster Unfreundlichkeit begegnet. „Ich sollte jetzt gehen, Großmutter wartet sicher auf mich.“
Wahrscheinlich eine Ausrede, glaubte Running-Fox und hielt sie zurück. „Ich habe ein Geschenk für dich.“
Aufstehend zog er sie mit sich hoch. Umständlich schob er den Ärmel seines Hemds zurück.
Darunter kamen, über seinen Unterarm verteilt, verschiedene silberne Armreifen zum Vorschein. Einen davon nahm er ab. „Hier – ich denke, er steht dir besser als mir. Bitte trage ihn für mich.“
Sie betrachtete das Schmuckstück aus sehr dünnem, fein gearbeitetem Silber. Es bestand aus je drei Runden zweier miteinander verschlungener Schlangen, die sich in die Köpfe bissen. Running-Fox bog den Armreif kurzerhand auseinander, machte ihn schmaler, so dass die Schlangen sich nicht mehr bissen, sondern ihre Köpfe übereinander lagen. So streifte er ihn ihr über das Handgelenk. Verlegen drehte er es hin und her, während er sie fragte, ob der Schmuck ihr gefalle. Zögernd schob sie die Ringe weiter nach vorn, als wollte sie sie ihm wieder zurückgeben. Tu es nicht, hämmerte es in ihrem Kopf, – tu es nicht, du bereust es, wenn du das hier nicht annimmst! Außerdem wäre es eine Beleidigung. Noch immer zögerte sie. Er verdiente die Wahrheit. Welche Wahrheit? Ihr schwirrte der Kopf, und eine tiefe Röte bedeckte ihr Gesicht. Diesmal war diese Röte stärker als ihre Bräune. Er bemerkte es, schob es aber auf ihre Verlegenheit. Sein Blick verlor sich in ihren blauen Augen; in seinen brannte ein Feuer.
Die Knie wurden ihr weich. Sei doch ehrlich, ermahnte sie sich, wie schon so oft in den letzten Tagen. Ihr Herz begann wie wild zu hämmern. Willst du immer noch einem Traum nachhängen – einem Traum, der nie wahr werden wird? Stell dich endlich der Wahrheit, lass nicht zu, dass ein Wunschtraum dein Leben zerstört. Du hast dich ja schon entschieden; schau Running-Fox an, er ist wirklich, er ist hier bei dir. Lass endlich los. Am Ende dieser Gedanken brauchte sie nicht länger für ihre Entscheidung als einen Herzschlag. Und wenn ich es bereue? Der nächste Herzschlag. Dann ist es eben so, noch einer. Wenn sie jetzt sein Geschenk annahm, dann war das wie ein endgültiges Versprechen, mehr noch als alles zuvor. Sie schluckte.
Sie in ihren Gedanken unterbrechend, fragte er noch einmal: „Gefällt es dir? Wirst du mein Geschenk tragen? Wirst du an mich denken, wenn es im Feuerschein an deinem Arm glitzert? Wenn die Sonnenstrahlen sich darauf spiegeln? Oder der Mond?“ Das Feuer in seinen Augen brannte noch immer.
Ihr Herzschlag normalisierte sich. Ja, dachte sie – ja, dann soll es so sein. Vielleicht hört dann dieser Schmerz auf, von dem sie wollte, dass er endlich aufhörte. Ein Schmerz, der sie zerriss, der ihr die Luft abschnürte und den Atem nahm, wann immer sich ihre Wege kreuzten. Ich will, dass es mir gleichgültig ist, wen er anlächelt, hämmerte es in ihrem Kopf. Soll er doch mit Magic-Flower oder jeder, die er will, glücklich sein – soll er doch! Ich habe Running-Fox.
Entschlossen streifte sie die Silberringe über ihr Handgelenk bis hinauf zum Ellbogen. Eine geschlängelte Brandnarbe, die vom Oberarm bis dorthin reichte, berührte fast einen der Schlangenköpfe. „Ich werde dein Geschenk tragen, mich an seinem Glitzern erfreuen, wenn die Sonne darauf scheint oder der Mond. Wenn ich am Feuer sitze, wird mich sein Glanz an dich erinnern, bis wir uns wiedersehen“, fand sie ihre Sprache wieder.
„Das wird bald sein“, versprach er bestimmt. „Wenn der Schnee schmilzt und das Büffelgras wächst. Ich werde es nicht riskieren, dass ein anderer kommt und dich mir wegschnappt. Euer Lager – egal, wo es auch sein wird – ich werde es finden.“ Erleichtert stieß er die Luft aus und strich mit dem Handrücken über ihre gerötete Wange.
„Aber jetzt muss ich wirklich gehen, Running-Fox“, drängelte sie. Verlegen schob sie ihn von sich weg.
Er wollte sie nicht gehen lassen. Entschlossen legte sie die Hand an seine gezackte Narbe und fuhr mit dem Zeigefinger daran entlang. Wie erstarrt ließ er diese Zärtlichkeit über sich ergehen, fühlte sie bis in die letzte Faser seines Körpers. Es war ihr Anblick, dieser eine Moment, den er niemals mehr vergessen sollte. Mit ihrem Finger auf seiner Narbe hatte sich sein ganzes Leben verändert. Jetzt gehörte sie ihm. Er würde wiederkommen und sie holen.
Summer-Rain lächelte. Sanft strich sie über seine schiefe, nicht richtig zusammengewachsene Nase. Da hielt es ihn nicht länger. Seine Lippen bewegten sich wie der Flügelschlag eines Adlers. Er beugte sich über sie und zog sie voller Leidenschaft ans sich. Diesmal wehrte sie sich nicht. Weiter jedoch ging er nicht. Lange standen sie so beisammen, aneinandergedrängt und still. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, doch es tat nicht weh. Jetzt, da sie ihre Entscheidung getroffen hatte, musste alles leichter werden. Es musste, sagte sie sich voller Zuversicht.
Plötzlich aber war da ein Schatten, ein nicht greifbarer Schatten, der sich auf sie legte – auf sie und Running-Fox, den Cheyenne.
Er hielt sie fest; voller Wehmut dachte er an die bevorstehende Trennung, und auch Summer-Rain fühlte Traurigkeit bei diesem Gedanken. Es war gut so, in seinen Armen. Sie hätte es nicht als Liebe bezeichnen können, was sie fühlte, wenn jemand gefragt hätte – aber es fühlte sich richtig an. So richtig, dass sie einfach nur glücklich war. Endlich löste er die Arme von ihr, beugte sich über sie und berührte ihre Stirn mit seinen Lippen. „Morgen vor Sonnenaufgang reite ich auf Büffeljagd.“ Behutsam fasste er ihre beiden Hände in seiner einen zusammen. „Da wird es kaum eine Gelegenheit geben, dass wir uns sehen. Danach muss ich fort. Ich habe es meinem weißen Vater, der mir wichtig ist, versprochen. Gib ein wenig Acht auf Dark-Night.“
Mit gesenktem Blick auf ihre Füße nickte sie. „Das werde ich tun, Running-Fox. Jetzt lass mich gehen, bitte.“
Zögernd gab er ihre Hände frei. Ihn anblickend trat sie zurück und griff nach dem leeren Wassersack. Er wollte sie noch ein letztes Mal an sich ziehen, sie festhalten, den Abschied hinauszögern – da ertönten plötzlich ganz in der Nähe vom Hauptweg her laute Trommelschläge.
„Der Tanz für die Büffel, er beginnt bereits.“
Lächelnd wischte sie sich eine Träne, die ganz verstohlen über ihre Wange kullerte, weg und wand sich aus seiner Zärtlichkeit. Schon war sie den Abhang hinunter, den leeren Wassersack unter dem Arm. Noch einmal drehte sie sich nach ihm um. Seine hochgewachsene Silhouette hob sich von der Umgebung dunkel ab. Die Bäume, die in seinem Rücken standen, warfen lange Schatten in die beginnende Nacht. Er blieb stehen und blickte ihr nach.
Der Mond war gerade aufgegangen und beleuchtete ihre Gestalt. Seufzend starrte er auf ihr Hinterteil, das sich in ihrem Lederkleid spannte. Einige ihrer Freundinnen kamen ihr entgegen und umringten sie lachend.
Er stand noch lange dort. Ihm würde nichts weiter übrig bleiben, als sein Nachtlager aufzusuchen. Diese letzte Nacht hätte er gern mit ihr verbracht. Sollte er sich zu den Feiernden gesellen? Ihm war nicht danach zumute. Running-Fox, der Cheyenne, hatte nicht vor, an den Tänzen teilzunehmen, die die ganze Nacht andauern würden. Er konnte ja zusehen, ihr dabei zusehen. Er wusste jetzt schon, dass er sie nicht aus den Augen lassen würde. Comes-Through-The-Summer-Rain. Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine schön geschwungenen Lippen.
Hergekommen war er voller Wut auf diesen Mann, der herzlos und steinhart zu sein schien. Der ihn mit seiner Arroganz beschämt hatte. Eigentlich wollte er nur sein Versprechen halten und Dark-Night sicher abliefern. Wie sie dann hier zurechtkommen würde, fiel nicht mehr in seinen Aufgabenbereich. Jetzt hatte sich mit einem Mal sein ganzes Leben verändert. Bevor er wieder von hier fortreiten würde, musste er unbedingt noch mit ihrem Bruder reden. Es war ihm nicht entgangen, wie gut sich die beiden verstanden. Light-Cloud war das Oberhaupt ihrer Familie. Würde er ihm Schwierigkeiten bereiten, wenn er um sie anhielt? Er hoffte, nicht.
Nachdenklich stellte er sich in den Schatten der Bäume, um den Tänzern zuzusehen. Summer-Rain erschien erst sehr viel später am Rande, bescheiden und zurückhaltend, so wie es ihre Art war. Sie hat keine Ahnung, dachte er verblüfft, welche Wirkung sie auf die Männer hat. Natürlich entgingen ihm die Blicke nicht, die ihr manch einer zuwarf. Nur Blicke, mehr nicht. Es war ihre unnahbare Art, die die Männer abschreckte; das sah er sofort. Befriedigt über diesen Abstand, den sie sich unbewusst verschaffte, wurde ihm das Offensichtliche klar. Niemand hier holte sich gern in aller Öffentlichkeit eine Abfuhr – und schon gar nicht diese arroganten, von sich eingenommenen Comanchen. Ihre Freundinnen sah er ebenfalls. Einige der jungen Männer begutachteten ganz ungeniert das Angebot. Summer-Rain machte endlich ebenfalls ihre ersten Tanzschritte, ließ sich in den Kreis mit hineinziehen, in all die Freude und das Lachen ringsum. Ihm begann das Herz laut zu klopfen. Sie weiß es wirklich nicht, erkannte er, ohne auch nur einmal seine Augen von ihr zu lassen. Sie ist etwas Besonderes – wer das nicht erkannte, musste blind sein.
Das flackernde Feuer in der Mitte des Platzes malte einen rotgoldenen Schein auf ihr Haar. Anmutig warf sie es nach hinten auf den Rücken, sich weiter bewegend, mal im Schatten, mal im Licht. Da löste sich ein junger Krieger aus dem inneren Kreis der Tänzer, ging außen herum auf sie zu. Running-Fox konnte sein Gesicht sehen. Genau wie er selbst ließ auch dieser sie nicht aus den Augen. Doch bevor er sie erreichen konnte, stellte sich ein hübsches junges Mädchen ihm in den Weg. Kokett wiegte sie ihren Körper vor ihm hin und her. Mit einer Handbewegung forderte sie ihn auf, an ihrer Seite weiterzutanzen. Er wollte an ihr vorbei, aber sie ließ es nicht zu. Dann, als es ihm endlich gelang, war der Platz, an dem Summer-Rain eben noch getanzt hatte, leer. Der Andere blickte sich suchend nach ihr um, konnte sie aber nirgends mehr entdecken. Sichtlich enttäuscht verließ er die Tanzenden.
Running-Fox sah ihn im Dunkeln verschwinden, doch auch er selbst hatte Summer-Rain aus den Augen verloren. Ein einziger unaufmerksamer Moment hatte genügt, sie ihnen beiden entwischen zu lassen.
Der Name des jungen Kriegers fiel ihm ein. Storm-Rider. Du kommst zu spät, mein Lieber – viel zu spät.
Running-Fox wartete noch, aber als Summer-Rain nicht wieder auftauchte, verließ auch er den Platz.
Als er am Tipi von Light-Cloud vorbeikam, sah er sie davor sitzen, zusammen mit ihrer Großmutter. Befriedigt zog er sich zurück. Gut so, dachte er. Was der Andere auch vorgehabt haben mochte, er war nicht zum Ziel gekommen. Comes-Through-The-Summer-Rain gehörte ihm.
Kapitel 10
Nach der Büffeljagd, an der er auf Einladung der Krieger teilgenommen hatte, blieben ihm und Summer-Rain nur noch wenig gemeinsame Zeit. Running-Fox hatte seinen Aufbruch zwar noch etwas verschoben, jedoch nicht für lange. Ihn drängte es fort. Das gesamte Lager war tagelang damit beschäftigt gewesen, die erlegten Büffel so schnell wie möglich zu verarbeiten. Da wurde jeder Einzelne gebraucht – sogar die Kinder bekamen zu tun. Während dieser Zeit fiel Running-Fox auf, dass Storm-Rider nicht mehr da war. Als hätte der Erdboden ihn verschluckt, blieb er verschwunden. Natürlich konnte er niemanden fragen, also nahm er an, dass er sich mit zwei Männern auf der Suche nach weiteren Büffeln befand, denn Gray-Wolf und Raven-Feather fehlten ebenfalls.
Summer-Rain wurde von ihren Freundinnen offen um den stattlichen fremden Krieger beneidet. Das war eine ungewohnte Situation für sie. Anfangs war ihr das sichtlich peinlich. Dann genoss sie es, auch einmal im Mittelpunkt zu stehen. Nur Großmutter schüttelte den Kopf über das Treiben der Mädchen. Sie behauptete allen Ernstes, dass das in ihrer Jugend anders gewesen wäre – was natürlich nicht stimmte.
Nachdem der Großteil der Jagdbeute verwertet worden war, gab es nicht mehr ganz so viel zu tun. Die Tage wurden wieder mit den allgemein üblichen Arbeiten ausgefüllt. Light-Cloud, den die Sache mit seiner Schwester und Running-Fox kalt erwischte, da er wohl andersweitig abgelenkt gewesen, hatte eine lange und peinliche Unterredung mit ihr. Dass diese Angelegenheit, wie er es nannte, schon so weit fortgeschritten war, musste ihm entgangen sein. Er machte keinerlei Schwierigkeiten, als Running-Fox ganz offiziell bei ihm vorsprach. Lange wurde in seinem Tipi verhandelt. Dabei rauchten sie zusammen und aßen Mengen von wunderbar zubereitetem Fleisch, das Großmutter mit anderen Leckereien herbeizauberte. Am Ende wurden fünf Pferde als Brautpreis festgelegt.
Seinen Abschied hätte Running-Fox gerne noch weiter hinausgezögert; alles ging ihm viel zu schnell. Ehe er richtig zur Besinnung kommen konnte, befand er sich bereits auf dem Weg aus dem Lager. Eines jedoch hatte ihm weder Großmutter noch Summer-Rain mitgeteilt. Sie befanden es einfach nicht für notwendig. Noch ging es ihn nichts an, was die kleine Antilopenbande mit seinem Mädchen, seiner Summer-Rain vorhatte. Denn zu diesem Zeitpunkt war sie nur ihren Leuten Rechenschaft schuldig. Und so ahnte er nichts von ihren Plänen, sie in das Colorado-Territorium zu schicken. Wäre er fortgeritten, wenn er das gewusst hätte? Wohl kaum.
Eine seiner Satteltaschen war von Großmutter mit Nahrungsmitteln bis zum Rand vollgestopft worden. Damit würde er bis zu seiner Rückkehr auskommen, hatte er scherzhaft gemeint. Am Abend zuvor war er ein letztes Mal mit Summer-Rain allein gewesen. Natürlich musste er sich auch von Great-Mountain verabschieden, der es sehr bedauerte, ihn ziehen zu lassen. Der Cheyenne war ihm in mancherlei Hinsicht wertvoll geworden. Schon allein seine Kenntnisse über die Weißen hatten ihn oftmals verblüfft.
Nun, da er das Lager hinter sich gelassen hatte, ließ sich Running-Fox all die Ereignisse der letzten Zeit noch einmal durch den Kopf gehen. Seiner rostroten Stute die Richtung angebend, saß er ganz entspannt im Sattel. Ohne Ersatzpferd musste er sein Tier ohnehin schonen. Seine Gedanken schweiften zu seinem weißen Ziehvater, und er fragte sich, was der wohl zu Summer-Rain sagen würde. Sein weißer Vater – oh ja, er war von einem Mann namens Erik Machel adoptiert worden. Ihm verdankte er sein Leben. Ohne ihn wäre er im Alter von zwölf Wintern gestorben. Seitdem kümmerte sich dieser Mann um ihn wie um seinen eigenen Sohn. Wenn Running-Fox an seinen leiblichen Vater dachte, dann sah er immer zuallererst einen hochgewachsenen Cheyenne-Krieger vor seinem inneren Auge, der mit ihm jagen ging, der ihn in allem unterwies, was ein Junge wissen sollte; und doch hatte er ihn maßlos enttäuscht.
Bis zu dem Zeitpunkt der schlimmen Ereignisse, die ihn beinahe das Leben gekostet hatten, war er bei seinen Leuten am Smoky Hill gewesen. Ein normaler, heranwachsender Cheyenne-Knabe eben – mit allem, was dazugehört. Dann kam der Tag, an dem sein Vater ihn, die Mutter und die kleine, sieben Winter zählende Schwester sich selbst überließ. Es war eine Entscheidung, die sein Vater einzig und allein für sich traf und die ihr aller Leben verändern sollte. Schon damals hatte er die Entscheidung des Vaters nicht verstanden. Bis heute machte es ihn wütend, wenn er daran dachte. Noch immer war er der Überzeugung, dass der Vater sie alle hätte mitnehmen können. Seine Beweggründe, es nicht zu tun, beruhten schlicht und einfach auf der Tatsache, dass eine Familie ihn in seinen Entscheidungen eingeengt hätte. Ein Klotz am Bein sozusagen, hätte sein weißer Vater es genannt. Kinder und eine Frau hatten in den Plänen dieses Vaters keinen Platz. Statt Verantwortung für sie zu übernehmen, entschied er sich dafür, sie wegzuschicken. Vielleicht tat er ihm ja Unrecht. Jetzt, nach so viel vergangener Zeit, konnte er ihn ein bisschen besser verstehen. Doch er trug ihm das immer noch nach.
Damals, in den kriegerischen Zeiten von 1864, sollten sich alle Cheyenne in Fort Lyon melden, dort ihre Waffen abgeben, um sich dann von da aus zu einem Ort zu begeben, den der Weiße Mann für sie bestimmt hatte. So gedachten sie, den Krieg mit den Cheyenne ein für alle Mal beenden zu können. Die, die nicht bereit waren, sich an diese Anordnung zu halten, sollten sterben – schlicht und einfach totgemacht werden, ausnahmslos. Eine unmissverständliche, klare Ansage. Die Jagd auf das Volk der Cheyenne – auf menschliches Wild, auf Frauen und Kinder, Alte, Verletzte, Kranke – war damit ganz offiziell eröffnet. Es war nichts weiter als ein Freibrief für alle Weißen, jeden Cheyennen, den sie ansichtig wurden, umzubringen. Niemand würde Fragen stellen, niemand würde sie dafür verurteilen können. Ein Cheyenne war weniger wert als ein Stück Vieh, dessen Haut man wenigstens noch zu Geld machen konnte.
Sein Vater, Mitglied der Kriegervereinigung Hotamitanio, der Hundesoldaten, einer Elitekampftruppe sozusagen, schlug sich auf die Seite derer, die nicht bereit waren, sich dem Weißen Mann zu unterwerfen – die nicht nach Fort Lyon ziehen und sich ergeben wollten. Aber er schickte seine Familie zu Häuptling Black-Kettle, der sich mit seinen Leuten auf den langen Marsch nach dorthin aufmachte. Er selbst blieb bei Tall-Bull und Roman-Nose am Smoky Hill. Vielleicht nahm er ja an, seine Familie so in Sicherheit gebracht zu haben. Doch mit dieser Entscheidung lieferte er sie geradewegs der Willkür der Weißen aus. Womöglich hatte er sogar keine andere Wahl. Als Mitglied der Hotamitanio war er seinem Kriegerbund verpflichtet. Er, Motseske-Hetane, musste sich entscheiden – und sein Weg war der Krieg. Was Running-Fox auch immer über ihn denken mochte, sein Vater konnte damals nicht wissen, dass er seine eigene Familie damit in die Vernichtung schickte. Denn seine Mutter und die kleine Schwester waren im Gemetzel am Sand Creek gestorben.
Erik Machel, der nur zufällig dort hineingeraten war, hatte ihn unter Einsatz seines eigenen Lebens herausgebracht und auch danach noch Verantwortung für ihn übernommen. Weil er wieder zurück in den Krieg musste, ließ er ihn, den zwölfjährigen Jungen, in der Obhut einiger Comanchen zurück, die damals im Texas Panhandle lebten. Dort in der Nähe befand sich die ehemalige Handelsstation seiner Eltern, die jedoch schon lange verlassen war. Ausgerechnet bei den ehemaligen Todfeinden der Cheyenne fand der traumatisierte Junge einen sicheren Zufluchtsort. Nach dem Ende des Bruderkrieges mit dem Süden kam Erik Machel zurück, um ihn zu sich zu nehmen. Von seinen Verwandten, den Cheyenne, fanden sie keine einzige Spur, so oft Erik auch nachforschte.
Die Cheyenne, die damals nicht mit Black-Kettle gezogen waren, hatten sich mit den Oglala-Sioux und einer großen Gruppe der Northern Arapahos verbündet. Auch auf Grund der Ereignisse vom Sand Creek, des Wortbruchs der Weißen auf Frieden, der unerbittlichen Jagd auf ihr Volk tobte inzwischen entlang des South Platte ein blutiger Indianerkrieg. Unter denen, die dort Wagenkolonnen und Poststationen überfielen, sämtliche Nachrichten- und Versorgungsverbindungen bis nach Denver hin kappten, befand sich wahrscheinlich auch sein Vater.
War er zum Sand Creek gekommen, um nach seiner Familie zu suchen? Diese Frage hatte ihn damals oft gequält. Heute interessierte ihn das schon lange nicht mehr. Mit diesem Thema war er fertig – und auch mit seinem leiblichen Vater. Erik, der ihn vor einigen Jahren ganz offiziell adoptiert hatte, war jetzt sein Vater. Running-Fox sprach neben seiner Geburtssprache Cheyenne auch fließend Comanche und natürlich Englisch. Er konnte sogar lesen, schreiben und rechnen, was ihm gegenüber den meisten Menschen damals einen Vorteil verschaffte. Erik Machel hatte ihm zwei Jahre lang über längere Zeiträume hinweg einen Privatlehrer finanziert. Dieses so erworbene Grundwissen genügte, um ihm die Welt der Weißen begreiflich zu machen. Diese Welt war erschreckend groß und mächtig. Dass er Jeremiah Machel hieß, gefiel ihm zuerst gar nicht. Doch mit der Zeit gewöhnte er sich daran, und heute war er sogar stolz auf diesen Namen.
Wenn er beim Volk der Comanchen war – Machel brachte ihn auch nach dem Bürgerkrieg noch oft zu ihnen, um ihn seinen indianischen Wurzeln nicht zu entreißen – nannte er sich Running-Fox. Mit vierzehn Jahren hatte er dort seine Kriegerprüfung abgelegt. Drei Jahre später, als er 17 war, nahm ihn Erik mit nach Wyoming, wo sie sich gemeinsam eine Ranch aufbauten. Anfangs mussten sie sich dort gegen die Crow und die Shoshonen zur Wehr setzen, auf deren Land sie siedelten. Natürlich war das Unrecht. Doch sie dachten nicht weiter darüber nach, zudem dieses Land so unermesslich groß vor ihnen ausgebreitet lag – Platz genug für sie alle. Shoshonen und Crow vertrugen sich nicht, diese Tatsache machten sie sich zunutze. Running-Fox fand nichts dabei, gegen sie zu kämpfen. Er wusste noch aus den Erzählungen seiner Leute, dass die Crow schon immer zu den Todfeinden der Cheyenne gehörten – in seinen Augen also kein Grund, besondere Rücksicht auf sie zu nehmen. Doch allmählich begannen sich in Jeremiah, wie sein Vater ihn nannte, Zweifel zu regen. Es war Unrecht, was sie taten – dasselbe Unrecht, das die Siedler in das Land der Comanchen trieb. Nach einem ereignisreichen Herbst, in dem es Verletzte auf beiden Seiten gab, vielen schlaflosen Nächten und durchwachten Tagen, an denen sie die Gewehre niemals aus der Hand legen konnten – auch nicht während sie aßen oder schliefen – rauchten sie die Friedenspfeife mit den Crow.
Danach hatten sie ein für allemal Ruhe vor ihnen, denn sie zogen sich nach Norden in die Berge zurück; doch die Shoshonen lebten immer noch dort. Es kam vor, dass sie sich das eine oder andere Rind holten. Das nahm man in Kauf. Inzwischen besaßen sie so viele Rinder, dass sie die genaue Zahl gar nicht mehr kannten. Es ging ihnen gut. Das weite Land lag groß und grenzenlos vor ihnen. Mit den dort noch lebenden Indianern kamen sie aus. Was konnten sie mehr verlangen? Jetzt wollte sich Running-Fox mit seinem weißen Vater treffen, obwohl er am liebsten auf der Stelle wieder umgekehrt wäre. Die Sehnsucht nach Summer-Rain nagte bereits an ihm, während er die erste Flussbiegung hinter sich hatte. Doch sein Ziel hieß jetzt unwiederbringlich Fort Lyon. Dort wollte er sich, wie vor einem halben Jahr ausgemacht, mit seinem weißen Vater treffen. Wenn seine Zeitrechnung stimmte, dann wartete der bereits seit über einem Mond dort auf ihn. In den letzten Tagen seines Daseins im Lager der Comanchen hatte er immer wieder hin und her überlegt, ob er dieses Treffen nicht einfach aus seinem Kopf streichen und bleiben sollte. Doch er war nicht der Mann, der ein einmal gegebenes Wort ohne zwingende Gründe brechen würde. Er wusste, dass er mit Erik zurück nach Wyoming musste, um dort nach dem Rechten zu sehen. Die Ranch gehörte ihnen zu gleichen Teilen, darauf hatte Erik von Anfang an bestanden. Wenn er weiter mit ihm zusammenarbeiten und -leben wollte, dann musste auch er sich darum kümmern.
Jetzt erschien ihm sein Zuhause in Wyoming umso wichtiger, da er sich mit dem Gedanken trug, Summer-Rain nach dort mitzunehmen. Es wird ihr nicht passen, ihre Leute zu verlassen, befürchtete er. Hatte sie denn eine andere Wahl? Wenn er das nächste Mal – im späten Frühling oder Anfang Sommer, wie er hoffte – wieder bei ihr sein würde, dann mit fünf Pferden. Als seine Frau musste sie dorthin gehen, wohin er ging. Wyoming mit der Ranch wird ihr gefallen, davon war er überzeugt.
Die Herbststürme ließen ihn nur langsam vorwärtskommen. Immer wieder peitschte der Wind über die Plains, und die ersten Stürme erreichten ihn, bevor er das Panhandle-Gebiet hinter sich lassen konnte. Trotz seiner Eile machte er zuvor noch einen Umweg dorthin, wo er einen Großteil seiner Jugend verbracht hatte. Unbehelligt von herumstreifenden Kriegerbanden der Comanchen, denen er nur einmal begegnete, kam er dort an. Die Überreste der verlassenen Handelsstation von Eriks Eltern, die bei einer Pockenepidemie ums Leben gekommen waren, standen noch.
Als Anfang der 1850er-Jahre die Goldfunde in Kalifornien Tausende von Menschen hauptsächlich über den Santa Fe Trail in den Westen lockten, brachten sie todbringende Krankheiten mit auf die Plains. Running-Fox kannte unzählige Geschichten, die von den damaligen Zeiten handelten. Seine Pflegeeltern, denen Erik ihn anvertraut hatte, erzählten sie ihm in kalten, einsamen Nächten, während sich der Schnee draußen vor den Tipis staute. Ganze Stämme wurden von den Krankheiten der Weißen dahingerafft. Die Fremden brachten unfassbares Leid in die Plains.
Damit noch nicht genug. Unter denen, die an diesen Krankheiten starben, befanden sich fast alle Friedenshäuptlinge. Ironischerweise waren sie es ja hauptsächlich, die sich um ein friedliches Auskommen bemüht hatten, zumal die Vorkommnisse zehn Winter zuvor bei Friedensverhandlungen in San Antonio noch nicht vergessen waren. Ihr Fehlen und ihr Einfluss riss eine riesige Lücke in das Gemeinschaftsgefüge der Comanchen. Nicht nur das. Jetzt fehlten die Vermittler zwischen der Welt der Indianer und der der Weißen. Das sollte sich in den kommenden Jahren bitter rächen. Die Weißen waren damals durch das Gebiet der Indianer gestürmt wie hungrige Wölfe auf der Jagd. Ohne Rücksicht, ohne Erbarmen – sogar mit dem Wissen, die todbringenden Krankheiten in die Tipis zu bringen. Es war ihnen ganz einfach nur egal.
Running-Fox, alias Jeremiah Machel, erinnerte sich an all das, während er die Ruinen der ehemaligen Handelsstation von Eriks Eltern umrundete. Auch an das, was ihm sein weißer Vater von seiner eigenen Jugend erzählt hatte. Erik, gerade sechzehn Jahre alt, überlebte wie durch ein Wunder die Pocken. Er wurde nicht einmal von ihnen gezeichnet. Nachdem er seine Eltern begraben hatte, ritt er einfach – mit Vorräten versehen und mit drei Ersatzpferden im Schlepp – nach Westen. Als er auf eine kleine Horde Comanchen traf, die sich gerade auf einer Wanderung in der gleichen Richtung wie er bewegte, schloss er sich ihnen wie selbstverständlich an. Nach einem Jahr in ihrer Gesellschaft trieb es ihn wieder weiter. Er verdingte sich als Wagenführer oder ritt mit irgendwelchen Indianern, auf die er gerade traf, zu ihren Lagern, um eine Weile bei ihnen zu leben. Der heranwachsende Junge war überall zu Hause und hatte doch keines. Einmal zog er mit einem der großen Viehbarone, die in Kansas ihre Rinder verkauften, zurück in den Südwesten von Texas. Dieser Mann war einer der wenigen, die mit großem Aufgebot in Neu-Mexiko lebten, dort Viehzucht betrieben und sich bis tief in die Comancheria vorwagten, ohne von den Comanchen groß behelligt zu werden. Eriks frühere Beziehungen zu diesen Indianern kamen ihm nun zugute. Er hielt Verbindungen zu den Apachen wie zu den Comanchen, handelte, als der Krieg ausbrach, mit der Armee der Vereinigten Staaten um Vieh und Pferde, die nicht immer legal erworben waren. Lebte davon, aalglatt mit allen Beteiligten zu verhandeln. Mit Hilfe des Mannes, der ihn in die Kreise der einflussreichen Viehbarone eingeführt hatte, legte er den Grundstein zu einem Vermögen, mit dem er später zum größten Teil seine eigene Ranch in Wyoming finanzieren konnte. Ihm, Erik Machel, dem armen Waisenjungen aus Texas mit seinen Sprach- und Ortskenntnissen, oblag es, von der Grenze Neu-Mexiko-Texas Rinderherden der Viehbarone völlig unbehelligt durch Comanchengebiete zu treiben. Das raue Leben unter den Cowboys und den Mexikanern, das Stampfen der Pferde in der Remuda, wenn er hinter der staubigen Herde ritt oder ganz einfach ihnen die verborgenen Wasserstellen in einem durchaus fruchtbaren Gebiet, das die Weißen als Wüste bezeichneten, zeigte, lag ihm eher als ein Leben in der Stadt.
Als der Bürgerkrieg bereits ein Jahr andauerte, meldete er sich zur Unionsarmee, was keiner seiner ehemaligen Arbeitgeber verstand. Doch seine Beweggründe waren ganz einfach: Mit der arroganten, menschenverachtenden, hochmütigen Art der Südstaatler, die er bei seiner Arbeit kennengelernt hatte, konnte er nichts anfangen. Ja, er hasste sie oft genug dafür, wenn er mitbekam, wie sie ihre Leute, vor allem die Sklaven, behandelten. Ihr Standesdünkel war ihm ein Gräuel. Für ihn war das eine eigene, zusammengeschweißte Kaste, die davon überzeugt war, ohne die übrige Menschheit auskommen zu können. Dass er die Sklaverei verabscheute, daran ließ er oft genug keinen Zweifel.
In der Unionsarmee brachte er es bald bis zum Leutnant. Er schloss sich dem zweiten Iowa-Kavallerieregiment an und diente unter Oberst Grierson. Im Mai 1863 war er beim Ritt durch Louisiana nach Baton Rouge dabei. Er beteiligte sich an Banks Belagerung von Port Hudson, war inzwischen ein enger Freund von Grierson geworden, der dort als Kommandeur der Reiterei des XI. Korps fungierte. Er wurde verwundet, kehrte aber 1864 zu den Truppen von Grierson zurück, um sich in der Kavallerie, die sein Freund befehligte, an der Schlacht von Tupelo in West-Tennessee zu beteiligen. Diesmal waren seine Verwundungen so schwer, dass er sich für einige Wochen auskurieren musste. Deshalb folgte er der Einladung eines befreundeten Armeearztes, der in derselben Truppe wie er gedient hatte, ins Colorado-Territorium. Wegen seines verletzten Beins war Dr. Kamp, wie sein Freund hieß, zurück zu seinem damaligen Zuhause, nahe Denver, gereist. Auf dem Weg dorthin geriet Erik mitten hinein in den Krieg gegen die Cheyenne.
Weil er anders als die meisten Weißen über die Indianer dachte, hatte er sich viele Feinde gemacht. Nach den Ereignissen vom November dieses Jahres ging Erik sogar so weit, sich öffentlich darüber zu äußern. Er prangerte ohne Scheu vor Konsequenzen die Fehleinschätzungen eines Major Scott Anthony und diesem schwachsinnigen Blödmann, wie er ihn nannte, Chivington, an. Ja, er verurteilte ihre Handlungsweise hart – ohne Rücksicht auf seine eigene Existenz. Dass er als Lügner und Nestbeschmutzer bezeichnet wurde, sogar Todesdrohungen erhielt, nahm er in Kauf, denn er hatte alles mit eigenen Augen gesehen, am eigenen Leib erfahren.
Wenn er von einer besoffenen Miliz sprach, die die Frauen und Kinder der Cheyenne hingemetzelt hatte, dann wusste er, wovon er redete. Er war ihnen begegnet, war durch Zufall in das Massaker am Sand Creek geraten. Das war am bitterkalten Morgen des 29. November 1864 gewesen. Als eben dieser neuernannte Kommandeur Scott Anthony mit dem Dritten Colorado Kavallerieregiment, vier Zwölfpfünder-Gebirgshaubitzen und mit Verstärkung, die aus. 600 Mann von Colonel Chivingtons Regimentern bestand, über das Lager der friedlichen Cheyenne am Sand Creek herfiel. Im Nachhinein erfuhr Erik aus einer sicheren Quelle, dass Anthony zuvor diese Indianer persönlich von Fort Lyon zum Sand Creek geschickt hatte mit der Versicherung, sie stünden dort unter dem Schutz der Armee.
Running-Fox saß, während ihm das alles wieder durch den Kopf ging, auf einem umgestürzten Stück Palisade vor dem zerfallenen Blockhaus von Eriks Eltern. Er wusste von ihm viel über diesen Tag im November. Er selbst hatte natürlich keine Ahnung, warum das alles passiert war, bis Erik ihm die Zusammenhänge erklärte. Jetzt, auf diesem alten, verlassenen, zerfallenen Gelände, wo vor über zwanzig Jahren Menschen unterschiedlicher Herkunft friedlich miteinander umgegangen waren, erinnerte er sich auch dank Erik wieder.
Sand Creek – alle, die mit Black-Kettle dorthin gezogen waren, hatten ihre Waffen abgeben müssen. Danach befanden sich im Lager nur noch drei Gewehre, eine Pistole und sechzig Bogen mit nur wenigen Pfeilen. Das hatte eine spätere Zählung der Armee ergeben. Scott Anthony, der genau wusste, was er tat, hatte Tage zuvor in weiser Voraussicht die Krieger aufgefordert, nach Norden zu ziehen, um dort Büffel zu jagen. Es war also niemand da, der seinen Überfall ernstlich gefährden konnte. Nichts stand seinem und Chivingstons Vorhaben im Wege. Sie konnten in aller Ruhe Skalps sammeln und in Blut waten, wie sie sich kurz zuvor in Denver noch auszudrücken pflegten.
Erik Machel befand sich im Morgengrauen des 29. November 1864 auf dem Weg zu seinem Freund, dem Doktor. Er hatte eine Abkürzung nehmen wollen und sich dabei heillos verirrt. Kanonendonner und Schüsse ließen ihn sein Pferd wenden. Als er über einen Hügel ritt, stieß er auf Teile eines Trupps Soldaten. Dann sah er hilflos zusammen mit zwei Leutnants, einem Captain und Teilen ihres Dritten Colorado-Regiments, die sich geweigert hatten, an diesem Morden teilzunehmen, dabei zu, was sich dort, direkt vor ihren Augen, abspielte. Die Soldaten, die unter diesem Kommando standen, sagten später aus, dass sie dankbar dafür gewesen wären, keinem Schießbefehl gehorchen zu müssen. Das dort war Mord, davon waren ihre Offiziere überzeugt, und würde die Uniform der Armee entehrt haben.
Das Bild, das sich Erik damals bot, konnte er sein ganzes Leben lang nicht vergessen. Auch nicht die Erinnerungen an die Schreie der Menschen, an die Toten, die zu Hauf danach dort lagen. Running-Fox konnte es auch nicht. Nach Zählung der toten Indianer – Chivington protzte mit vierhundert – fand man achtundzwanzig tote Männer, fast alle waren alte, sowie einhundertundfünf Frauen- und Kinderleichen. Heraus aus diesem Blutbad kutschierte Erik einen Planwagen, in dem der schwer verletzte Junge, der damals noch Büffelkalb hieß, lag. Er brachte ihn in Sicherheit, ließ ihn zu Running-Fox heranwachsen und später zu Jeremiah Machel werden. Das verwundete Kind brachte er zu seinem Kriegskameraden Dr. Kamp.
Diese ganzen Ereignisse waren jetzt sieben Jahre her. Nun befand sich dieser Junge auf dem Weg nach Fort Lyon, um den Mann zu treffen, der seit diesem verhängnisvollen 29. November die Vaterstelle gegenüber ihm vertrat. Danach musste Erik Machel schmerzlich erfahren, was es hieß, sich gegen die öffentliche Meinung zu stellen. Weil er damit nicht hinter dem Berg hielt, wurde er bedroht, gemieden, man spuckte sogar vor ihm aus. Ja, die Leute gingen auf die andere Straßenseite, wenn er in Denver auftauchte. Running-Fox wusste, dass das auch heute noch vorkam, wenn ihn jemand von damals erkannte. Inzwischen war es Abend geworden, ihn fröstelte. Seine rostrote Stute stand nahe bei ihm und zupfte an dem spärlichen, harten, gelben Gras. Während er weiterritt, begegnete ihm kein einziger Mensch. Alles schien verlassen und öde zu sein. Hier war so viel Platz, dachte er – so viel Land für alle. Warum konnten es die Menschen nicht miteinander teilen?
Die nächsten Tage verbrachte er damit, auf dem schnellsten Weg vorwärtszukommen. Er machte nur spätabends Rast und ernährte sich von den Vorräten, die ihm Großmutter mitgegeben hatte. Der Winter machte sich früh bemerkbar. Die Antilopenbande, so vermutete er, wird bereits auf dem Weg in ihr Winterlager sein, Summer-Rain mit ihnen. Seine Gedanken weilten oft bei seinem Mädchen. Dann malte er sich aus, wie sie jetzt aussehen könnte, was sie gerade tat. Stellte sich voller Sehnsucht vor, wie sie am Feuer saß und sich wärmte, während draußen der Schnee die Ebene bedeckte, fragte sich, ob es ihr genauso wie ihm ging. Er dachte auch an die Ranch, an das gute Leben, das er ihr bieten konnte. Es musste ihr einfach gefallen. In dieser Stimmung sah er, wie er ihr all das zeigte, das weite Land, die Berge, all das. So vergingen die Tage, bis Fort Lyon in Sicht kam.
Die Steinmauern ragten unterhalb der Klippen aus dem Flussbett des Arkansas-River hervor. Er zügelte seine rostrote Stute, sein Lieblingspferd, und betrachtete eine Weile diese trostlosen Bauten.
Dann ritt er weiter, überquerte eine zugefrorene Furt, um unbehelligt durch das breite, unbewachte Tor bis hinein zu gelangen.
Ein breites Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit, weil er wieder daran dachte, was wohl sein Vater dazu sagen würde, wenn er von seinen Plänen erfuhr. Summer-Rain würde ihm gefallen, etwas anderes kam für ihn gar nicht in Frage. Sein Lächeln wurde breiter. Meine Summer-Rain, mein Mädchen. Wie der Flügelschlag eines Adlers bewegten sich seine schön geschwungenen Lippen, während er sich vorstellte, sie bei sich zu haben.
Kapitel 11
Die achtzehn Krieger der Antilopenbande kehrten stolz und ruhmreich zurück. Sie hatten einen erfolgreichen Guerillakrieg gegen den derzeitig besten Indianerexperten des Westens, Oberst Ronald Mackenzie, geführt. Durch einen Kälteeinbruch waren die Kämpfe abgebrochen worden. Mackenzie zog sich zurück, ohne einen Sieg verzeichnen zu können. Ja, er wusste nicht einmal, wie viele Comanchen er vielleicht getötet hatte.
Quanah, ein Kriegshäuptling der Quahari, ritt mit seinen Kriegern zurück in ihre jeweiligen Winterquartiere. Auch die Krieger der Antilopenbande trafen bei ihren Leuten ein. Die hatten ihr Lager bereits seit einem halben Mond an einem kleinen Nebenarm des North Canadian-River aufgeschlagen. Dort wurden sie freudig empfangen – vor allem, weil es keine Verluste zu beklagen gab. Die Verwun-dungungen einiger Männer konnten heilen. Red-Eagle, der von ihnen erwählte Kriegshäuptling für diesen Einsatz, kam an der Spitze seiner Männer in das Lager geritten. Wie eine wilde Horde preschten sie zusammen mit ihren etwas mehr als 60 Ersatzpferden durch das eiskalte Wasser des Flüsschens. Als sie die ersten Tipis ihres Winterlagers passierten, das sich lang auseinandergezogen am Flussufer befand, kamen ihnen bereits die ersten Männer und Frauen entgegen. Da sie nicht wussten, wo die Tipis ihrer Familien standen, ritten sie erst einmal bis zum Canyon im Südwesten, vor dem auch die große Pferdeherde untergebracht war. Es schneite seit Tagen. Da der Boden hier nie sehr tief gefror, legten ihre dampfenden Nüstern das Gras schnell wieder frei.
Die heimkehrenden Krieger brachten ihre Pferde selbst zur Herde; ihre besten Mustangs hatten sich die Ruhe mehr als verdient. Manch einer von ihnen nahm sein liebstes Kriegspony mit vor sein Tipi, um immer ein Auge darauf zu haben. Einer der älteren Krieger, die jetzt angekommen waren, hatte seinen Mustang im vergangenen Winter sogar in seinem Tipi untergebracht und die Frauen in ein anderes geschickt.
Inzwischen kochte in den Töpfen über den Herdfeuern bereits das Essen für sie alle. In den eigens errichteten Schwitzhütten bemühten sich Frauen, Steine heißzumachen. Die Krieger – so zurückgekommen, wie sie losgeritten waren, nämlich nur mit Leggins und Lendentuch bekleidet – froren ganz offensichtlich. Einige hatten sich Decken umgehängt. Ein heißes Schwitzbad – anschließend ins kalte Flusswasser – das war genau das, was sie jetzt brauchten. Red-Eagle hatte schon von Weitem seine Frau Moon-Night entdeckt. Vor Freude und Stolz auf ihren Mann glühte ihr Gesicht.
Moon-Night – aus dem kleinen, damals vierjährigen Mädchen, das er einst aus den Händen von Icy-Wind gerettet hatte, war seine Ehefrau geworden. Ihr Mann kam nicht sofort zu ihr. Erst verschwand er im Tipi von Great-Mountain, um vor der Ratsversammlung, die sich dort eingefunden hatte, Bericht zu erstatten. Es dauerte ihr viel zu lange, bis er wieder herauskommen würde. Andere Krieger verschwanden ebenfalls dort. Red-Eagle hielt seine Rede verhältnismäßig kurz. Dann kam er schnell über den ausgetretenen Pfad, der am Fluss entlang führte, zu ihrem Tipi. Endlich erreichte er sein Zuhause. Der Eingang wurde bereits für ihn offengehalten. Er trat ein und sah sich zufrieden um. Moon-Night schloss mit fliegenden Fingern hastig den Eingang wieder fest zusammen. Niemand sollte es wagen, sie jetzt zu stören.
Erst am nächsten Morgen traf ihr Sohn Storm-Rider ein. Er streifte schon, seit sie hier ihr Winterlager aufgeschlagen hatten, jeden Tag in der Gegend herum. Moon-Night wusste nicht, was ihn so beunruhigte, und machte sich langsam Sorgen. Rastlos und mürrisch, kaum ansprechbar, was so gar nicht seine Art war, gab er sogar seinen Freunden Rätsel auf. So kannten sie ihn überhaupt nicht. Es ging sogar so weit, dass er sich weigerte, an ihren gemeinsamen Reiterspielen teilzunehmen. Vor drei Sonnenaufgängen verschwand er sogar ohne ein Wort in den angrenzenden Bergen. Jetzt kam er mit verschlossener Miene, abgemagert, übermüdet und dreckverschmiert zurück, lud einen erlegten Hirsch vom Rücken seines Schimmelhengstes Summer-Wind und warf achtlos das Fell einer prächtigen Bergkatze daneben in den tauenden Schnee. Noch vor einem Mond wäre ihm dabei vor Stolz zumindest eine beiläufige Bemerkung rausgerutscht. Jetzt ließ er seine Beute nur achtlos vor ihrem Tipi liegen.
Die Klappe halb öffnend, schaute er vorsichtig hinein. Jemand musste ihn bereits von der Rückkehr seines Vaters unterrichtet haben, denn als er seine Mutter erblickte, fragte er nach ihm. Moon-Night, glücklich, ihn wieder gesund zurück zu wissen, verwies ihn an das Tipi von Great-Mountain. Er jedoch setzte sich erst einmal erschöpft an das Feuer und ließ sich von ihr mit Essen versorgen, während sie ihn verstohlen musterte. Hungrig schlang er hinunter, was sie ihm gab, ohne recht zu wissen, was er da eigentlich aß. Scheu betrachtete sie ihn von der Seite. Sie machte sich große Sorgen um ihn. Seine Haare, auf die er immer so großen Wert gelegt hatte, hingen ihm strähnig ins Gesicht. Noch nicht einmal Zeit zum Waschen hatte er sich genommen. Langsam ließ sie sich neben ihm auf einem der unzähligen weichen Felle, die den Boden wie ein dichter Teppich bedeckten, nieder. Sogar die Wände waren damit ausgekleidet. Moon-Night hatte auf die Rückseite einiger Felle Jagdszenen und Kriegsgeschehen gemalt. Dazwischen gab es Wildtrophäen, Ketten aus Reißzähnen und Bärenklauen – alles, was ein erfolgreicher Krieger im Verlaufe seines Lebens erbeuten konnte und für wert erachtete, es aufzubewahren. Skalps gab es hier nicht einen, die duldete Moon-Night nicht. Red-Eagle hatte sich zähneknirschend gefügt und beließ sie als Schmuck an seiner Lanze. Die bewahrte er wie alle Krieger an einem geheimen Ort außerhalb des Tipis auf.
Moon-Night, inzwischen sechsunddreißig Winter alt, sah immer noch gut aus. In ihrem ovalen Gesicht waren kaum Falten. Mit hellbraunen Augen, in deren Iris goldene Sprenkel funkelten, strahlte sie ihren Sohn an. „Sie sind alle unversehrt zurück, stell dir vor“, plapperte sie munter drauflos, ohne die unbewegliche Miene ihres Sohnes zu beachten. „Und sie haben diesen Three Fingers ausgetrickst. Ich bin so stolz auf deinen Vater! Am besten gehst du gleich rüber zu Great-Mountain, der sein Tipi zur Beratung zur Verfügung gestellt hat, und hörst dir an, was die Männer zu sagen haben. Sie sitzen dort schon seit Sonnenaufgang beisammen.“
Storm-Rider blickte kaum auf und nuschelte nur etwas in sein Essen hinein, was sie als: Nachher, ich muss mich erst um Summer-Wind kümmern, verstand. „Gut, kümmere dich um deinen Mustang. Ich verstehe, dass das für dich wichtig ist. Dann aber solltest du dich auch einmal mit den Belangen der anderen befassen. Dein Vater hat dir viel zu erzählen. Es wäre gut, wenn du ihm zuhören würdest. Du bist in letzter Zeit zu viel mit dir selbst beschäftigt.“
Ihre Kritik war durchaus berechtigt – er wusste das auch. Doch es stand ihr nicht zu, darüber zu urteilen. Heftig wollte er etwas erwidern, schwieg aber dann doch. Moon-Night konnte nichts für seinen Kummer, der ihn aufzufressen drohte. An seiner verzweifelten Lage war er selbst schuld. Sich zusammenreißend schaute er sie mit seinen dunkelbraunen Augen an, in denen ähnliche goldene Sprenkel wie in den ihren glitzerten. „Draußen liegt ein Hirsch. Dann ist da noch das Fell einer Bergkatze. Das ergibt für dich einen warmen Umhang, wenn es richtig kalt wird. Zuerst bringe ich Summer-Wind zu unseren anderen Pferden, dann gehe ich zu meinem Vater – in dieser Reihenfolge und nicht anders.“ Entschlossen erhob er sich, stellte das Essgeschirr auf den Boden; dann trat er an den Ausgang des Tipis.
Moon-Night nickte nur und schluckte ihre Verärgerung wegen seines Tonfalls hinunter. Wenigstens sprach er mit ihr, er hatte sogar etwas gegessen. Mehr konnte sie im Moment nicht erwarten. Was ihn auch immer bedrückte, sie würde es nicht erfahren. „Gut“, meinte sie deshalb nur und hielt ihm die Klappe des Tipis auf. Er schlüpfte hinaus, ohne sie dabei anzusehen. Moon-Night kam ihm nach, um sich um die Dinge, die er ihr aufgetragen hatte, zu kümmern. Er ritt auf seinem Schimmel in Richtung Pferdeherde davon, und sie blickte ihm nach. Er hatte sich verändert, aber sie wusste nicht, was passiert war.
Summer-Rain stand im Beratungstipi hinter den Männern, die sich um das Feuer drängten. Der Medizinmann und gleichzeitige Friedenshäuptling Great-Mountain, einige der alten Männer, Red-Eagle, Icy-Wind und noch zwei Vertreter der jüngeren Generation saßen. Ihr stand das nicht zu.
Drei Comancheros – mexikanische Händler, die seit zwei Sonnenaufgängen hier waren – lümmelten sich im Hintergrund des Tipis auf weichen Büffelfellen. Ihre Kleidung starrte vom Schmutz, aber das störte hier niemanden. Sie waren gekommen, um Gewehre gegen Felle einzutauschen. Das Geschäft schien gut gelaufen zu sein. Die Männer waren mittelgroß und untersetzt. Ihr Benehmen hatte etwas Anmaßendes an sich. In dieser Beziehung ähnelten sie ihren Handelspartnern. Wären sie nicht so aufgetreten, wer weiß, vielleicht hätten die Comanchen sie dann nie akzeptiert. So waren sie die Einzigen, die sich in ihre weit abgelegenen Lager wagten, um Handel mit Waren und Menschen zu treiben. Sie bildeten seit Generationen die einzige direkte Verbindung zwischen den Comanchen und der zivilisierten Außenwelt. In den dunklen Augen sowie den Mienen der drei hier anwesenden besonders skrupellosen Vertreter dieser Art stand so etwas wie Herablassung – als glaubten sie, über den Indianern zu stehen. Sie wussten genau, wie weit sie ihren Hochmut treiben konnten, und nutzten ihre Position auch weidlich aus. Die drei flüsterten leise miteinander. Ab und zu klang ein unterdrücktes, verächtliches Lachen aus ihren Kautabak kauenden Mündern, über denen zottelige dunkle, ungepflegte Bärte hingen. Besonders einem von ihnen sah man die Grausamkeit seines Wesens an. Allesamt waren das hartgesottene Männer, die keinen Spaß verstanden. Das war auch nicht weiter verwunderlich, denn wenn sie mit den Comanchen zusammentrafen, setzten sie jedes Mal ihr Leben aufs Spiel. Jetzt, da das Geschäft abgeschlossen war, wollten sie weiter nichts, als so bald wie möglich wieder aus diesem Lager verschwinden. Die Gastfreundschaft jedoch verlangte es, dass sie noch bis zum Ende dieser Beratung bleiben mussten. Eine Missachtung dieser ihnen zugedachten Ehre würde ihnen nicht gut bekommen. Bevor sie mit ihrem Leben spielten, brachten sie lieber die Geduld auf, das Ende der Versammlung abzuwarten. Notgedrungen fügten sie sich in das Unvermeidliche. Sie hatten es sich im Hintergrund des geräumigen Tipis bequem gemacht und blickten nur selten hoch, konnten aber ihren Unmut über die Verlängerung ihres Hierseins kaum verbergen. Dazu kam noch, dass ihre eigenen Waffen, mit denen sie gut bestückt hergekommen waren, außerhalb ihrer Reichweite lagen. Sogar die Messer, die sie sonst in ihren Gürteln trugen, hatte man ihnen abgenommen. Irgendwie kamen sie sich nackt vor. Die Situation entspannte sich etwas, als ihnen eine junge Comanche einen Topf mit Büffelrippchen reichte, um dann jedoch schnell wieder zu verschwinden. Geräuschvoll, ohne sich zu genieren, machten sich die drei mit ihren ungewaschenen Händen darüber her, als gelte es zu beweisen, wie gut es ihnen schmeckte.
Unterdessen gingen die Gespräche in dem Tipi weiter. Ungeachtet der Tatsache, dass schon alles längst beschlossene Sache war, ließen sich die älteren Männer dazu hinreißen, noch einmal weitschweifige Ausführungen zu machen. Es gefiel ihnen sichtlich, so viele Zuhörer zu haben. Noch vor einem großen Mond, in ihrem Sommerlager, war ja alles bereits gründlich erörtert worden.
Inzwischen hatte Great-Mountain auch hier in zwei ausführlichen Beratungen die Angelegenheit noch einmal zur Sprache gebracht. Sie hatten nur noch auf die Zustimmung von Red-Eagle und einigen seiner älteren Krieger, die dem Rat angehörten, gewartet. Auch das war inzwischen erledigt.
Trotzdem lauschten sämtliche Anwesende respektvoll den ausschweifenden, klugen, nicht enden wollenden Reden. Geduld war eine der seltenen Tugenden der meisten Comanchen. Mit der Poesie ihrer Sprache wanderten ihre Worte oft seltsame Wege. Ohne Zweifel wäre es schwer gewesen, einen Begriff der Weißen, den sie in viele Worte kleideten, richtig zu übersetzen. Hier, im Kreise der lauschenden Männer, konnten sie ihrer Phantasie vollen Lauf lassen. Mancher von ihnen kam dabei weit vom eigentlichen Thema ab. Doch darauf kam es gar nicht an. Die Poesie, mit der sie ihre Reden schmückten, war schon beachtlich.
Schöne Worte hin oder her – Summer-Rain stand nun schon seit dem Sonnenaufgang hier. Langsam wurde sie ungeduldig. Ihre Sachen waren gepackt, Großmutter legte sicher gerade noch letzte Hand an. Endlich rauchten die Männer, ließen die Pfeife kreisen, gaben einander Tabak und auch der allerletzte Redner setzte sich wieder auf seinen Platz.
Icy-Wind drehte sich zu ihr um, reichte ihr einige Blätter Papier, die sie als Teil der Urkunden erkannte, und deutete besonders auf eines. „Sieh dir die Landaufzeichnungen genau an, Mädchen. Du bekommst das nämlich nicht in deine Hände, es bleibt bei Great-Mountain in Verwahrung“, spuckte er ihr die Worte wie Kerne hin. Er war der Einzige gewesen, der immer wieder hartnäckig Einwände dagegen vorgebracht hatte, sie diese Wanderung allein machen zu lassen. Seine Abneigung gegen Summer-Rain war offensichtlich und allen bekannt. Alles, was die Familie von Sun-In-The-Red-Hair betraf, musste mit seiner Ablehnung rechnen. Letztendlich jedoch beugte er sich den Argumenten der anderen und gab nach.
„Ich weiß das“, gab sie zurück und nahm ungerührt die Landkarte, die von einem weißen Mann angefertigt worden war, mit steifen Fingern entgegen. Während sie sie zu betrachten vorgab, hätte sie laut lachen mögen. Great-Mountain, dieser schlaue alte Mann, war sie bereits mit ihr im Vertrauen durchgegangen – genau wie die Schrift und die Zeichen der Unterschriften auf etlichen Bögen. Beide hatten dabei lange miteinander geredet. Waren sich über den Weg, den sie nehmen sollte, einig geworden – und vielen anderen Verhaltensregeln, die laut Great-Mountain für sie wichtig sein könnten. Jetzt wäre es mit dem flüchtigen Durchblättern dieser Unterlagen viel zu spät gewesen. Die wenige Zeit, die ihr Icy-Wind dafür ließ, war beschämend.
Innerlich beglückwünschte sie sich zu einem so weitblickenden Mann wie Great-Mountain. Ohne ihn stünde sie jetzt nicht so vorbereitet hier. Sollte Icy-Wind doch denken, was er wollte. Sie überflog noch einmal die Bögen, auf denen die Zeichen der Krieger auf der linken Seite aufgemalt waren. Auf der rechten hatte jemand die Comanchen-Namen ins Englische geschrieben, so wie man sie aussprach und versucht, sie zu übersetzen. Es war für sie seltsam zu sehen, wie ein Fingerabdruck oder ein gemaltes Symbol zu einem Namen wurde. Langsam fuhr sie mit dem Finger an den Namen entlang, als Icy-Wind ihr zuzischte: „Die Weißen sind dumm wie Bullenscheiße.“
Fragend blickte sie auf. Wie meinte er das? Sollte sie ihm etwa die Übersetzungen vorlesen? Sie dachte gar nicht daran. Viele dieser Zeichen kamen auch heute noch auf Pfeilen vor – es waren die Zeichen von Kriegern.
„Warum muss der weiße Mann diese Zeichen in seine Worte kleiden? Das ist respektlos! Viele dieser Männer sind tot!“
Natürlich stimmte das. Doch zur damaligen Zeit lebten sie noch, und das hier war so beschlossen wurden. Warum sich heute darüber aufregen?
„Der, der ihre Namen in der Sprache der Weißen hier hingeschrieben hat, tat das sicherlich mit Einverständnis“, wagte sie zu sagen. Gesenkten Blickes wartete sie auf eine Zurechtweisung.
„Gib her“, herrschte er sie an und riss ihr die betreffenden Bögen aus der Hand. „Sieh dir lieber die Zeichnung noch einmal an, auf der unser Gebiet abgebildet ist; das reicht.“ Ungehalten faltete er die anderen Blätter zusammen.
Die Zeit hatte die Papiere stark vergilbt. Trotzdem waren sie noch gut erhalten. Great-Mountain hatte gesagt, dass das alles hier noch einmal vorhanden war und im Besitz des weißen Mannes, dessen Name ganz unten auf dem letzten der Papiere stand. Sie hatte ihn als James Parcifal Marcen entziffert. Jetzt stapfte Great-Mountain zu ihr hin, warf mit gerunzelter Stirn einen missbilligenden Blick auf Icy-Wind, in dessen Händen die Papiere bis auf die Zeichnung waren, und meinte, wohl wissend, dass es nicht so war: „Icy-Wind hat dir ja jetzt alles gezeigt.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er dem Krieger die Papiere aus der Hand. „Gut“, fuhr er, an Summer-Rain gewandt, fort, die ihm die Zeichnung reichte. „Dann konntest du dir sicher alles gut einprägen.“
Er sagte es tatsächlich in vollem Ernst – als ob er nicht wüsste, dass es ganz anders war. Seine Miene zeigte nicht die geringste Regung, während er alles wieder an sich nahm. Dann zögerte er, als wollte er noch etwas sagen, das ihm unangenehm war. Summer-Rain, der das nicht entging, beschlich ein ungutes Gefühl.
„Die drei Comancheros werden dich begleiten. Icy-Wind hat das angeregt, er konnte sie dazu überreden.“ Wie beiläufig deutete er auf die Männer, die noch immer schmatzend und rülpsend im Hintergrund des Tipis saßen. Einer von ihnen nickte in ihre Richtung. Während er grinste, kamen seine verfaulten, schlechten Zähne zum Vorschein. Sich mit der Hand über die fettigen Lippen wischend, betrachtete er Summer-Rain lüstern. Icy-Wind war aufgestanden und zu ihnen getreten, um sich noch einmal ihrer Abmachung zu versichern. „Machen wir, machen wir“, rief einer von ihnen Summer-Rain zu. Ohne sich weiter stören zu lassen, fiel er wieder über die Rippchen her. Ein anderer stupste ihn mit dem Ellbogen an. Sein zotteliger Schnauzbart hing voller Essensreste. „Wir müssen ja ohnehin über den alten Santa Fe Trail und können das Mädchen auch noch bis zum Pass bringen.“
„Jawohl, ihr werdet dafür sorgen, dass sie den Raton-Pass findet, um von dort aus in das Colorado-Territorium zu gelangen – und zwar, ohne ihr auch nur auf vier Schritte nahezukommen!“ Das war Great-Mountains Stimme. Seine kleinen Augen waren unter den Wülsten seiner unsichtbaren Brauen fast verschwunden. Missmutig zog er die Mundwinkel herab. Um seine Forderung noch zu unterstreichen, rief er laut: „Genug Felle habt ihr ja dafür bereits erhalten, also bringt sie heil bis dorthin!“
Summer-Rain war entsetzt. Sofort wollte sie das Tipi verlassen. Doch mit einem Blick auf Great-Mountain beherrschte sie sich. Nie im Leben wäre ihm so etwas eingefallen.
„Das ist alles, was es hier noch zu sagen gibt; mach dich für deine Wanderung fertig, Mädchen.“
Bei diesen Worten von Icy-Wind fuhr sie zu ihm herum. In ihren Augen stand deutlich geschrieben, was sie von ihm dachte. Great-Mountain betrachtete ihn wie ein Wiesel die Maus. Ihn brachte so etwas nicht aus der Fassung, da gab es ganz andere Dinge, die ihn hätten aufregen können. In aller Ruhe stopfte er seine Pfeife und nickte Summer- Rain mit einem Lächeln zu.
Red-Eagle, der auch von der Abmachung mit den Comancheros wusste, fand nichts dabei. Er verließ sich auf den Ruf, den sein Volk bei diesen Männern hatte. Sollten sie ihr etwas antun, dann würden sie sich nie wieder hierher wagen können. Jetzt kam er freundlich lächelnd auf Summer-Rain zu. „Ich weiß, dass du deine Sachen bereits gepackt hast, Mädchen“, meinte er leichthin, als würde sie nicht diese gefahrvolle Wanderung antreten, sondern nur einen kleinen Ausflug machen. „Moon-Night und deine Großmutter warten draußen auf dich. Das Wetter ist noch gut. Diese Männer dort werden dich bis an den Pass begleiten; so ist es abgemacht. Du hast die Zeichnung gesehen?“
Sie nickte. Red-Eagle musterte sie kritisch von Kopf bis Fuß. Sie ist noch so jung, ging es ihm auf. Diese Aufgabe wird sie an ihre Grenzen bringen. Doch andererseits, sagte er sich, geht sie unbedarft an die Sache heran. Es war schlau von Great-Mountain, darauf zu bestehen, dass kein Krieger sie begleitet. Der würde sich nur immer in den Vordergrund spielen und das ganze Unternehmen zum Scheitern bringen. Er kannte keinen seiner Männer, der es sich gefallen lassen würde, von einem Mädchen angeleitet zu werden. Vielleicht lag sogar in ihrer Jugend der Hauptvorteil. Sie sprach Taibo Tekwapu und konnte sich behaupten. Außerdem würde sie den Menschen dort ohne Vorurteile oder Feindseligkeit entgegentreten können, was er bei seinen Männern bezweifelte.
„Ich wünsche dir Glück, Summer-Rain“, sagte er, die grimmige Miene Icy-Winds nicht beachtend. „Allein erregst du weniger Aufsehen, als wenn einer der Krieger bei dir wäre. Auch würde niemand von ihnen bereit sein, nur die Rolle eines Begleiters zu übernehmen; das weiß ich. So ist es besser. Mit einem Krieger im Schlepp könntest du dich nicht deiner eigentlichen Aufgabe widmen – ihr hättet stetig Streit. Auch kein Mann könnte deine Aufgabe übernehmen, so viel ist gewiss. Es geht nicht darum, sich als Krieger zu behaupten; es geht darum, die Gesinnung der weißen Siedler zu erkennen, du sollst ihr Vertrauen gewinnen und die Wahrheit herausfinden. Gibt es noch dieses Geschenk? Sind sie bereit, uns in Frieden zu empfangen und in Frieden dort leben zu lassen? Nur darum geht es. Dies und dass du ihre Sprache sprichst, hat uns dazu gebracht, uns für dich zu entscheiden. Es war Great-Mountain, der es uns ausgeredet hat, dir eine Begleitung mitzugeben. Ich finde, dass er recht hat. Ein Krieger würde alles nur verderben. Sei also schlau wie ein Fuchs und schnell wie ein Wiesel. Sei wie das Hermelin, das die Farbe seines Kleides wechseln kann. Tu das alles für dein Volk. Ich weiß, dass wir uns auf dich verlassen können.“
Während er mit ihr sprach, schaute sie ihn an; das verlangte der Anstand. Als er zum Ende gekommen war, sich mit einem knappen Nicken verabschiedete und gerade das Tipi verließ, drehte sich Summer-Rain mit gerunzelter Stirn nach den Männern um, die im Hintergrund des Tipis noch immer mit ihrem Essen beschäftigt waren. Die Comancheros ekelten sie an. Sie würde diesen Pass auch alleine finden. Darüber brauchte sich niemand hier Sorgen zu machen. Die Felle hätten sie sich sparen können. Schon allein der Gedanke, mit diesen dreckigen, ungewaschenen, stinkenden Männern reiten zu müssen, machte sie wütend. Sie riss sich zusammen. Ihr Entschluss stand fest, sie würde sich so bald wie möglich von ihnen absetzen.
Da hörte sie die unverwechselbare tiefe Stimme von Icy-Wind direkt in ihrem Rücken.
„Morgen werde ich selbst losreiten. Es wäre gut, wenn diese da noch vor mir von hier verschwindet. Ich lege nicht den geringsten Wert darauf, dass sich unsere Wege kreuzen.“
Sie zuckte kurz zusammen, beherrschte sich aber sofort. Jeglichen Blickkontakt vermeidend, nickte sie nur mit dem Kopf. Nein, sie wollte auch nicht, dass sich ihre Wege kreuzten. Sie hatte zwar von seinen Plänen gehört, irgendwann nach Fort Sill, in das Reservat aufzubrechen, doch nicht gedacht, dass das so schnell sein würde. Die entsetzliche Nachricht, dass einige vom Volk im letzten vollen Mond dorthin gebracht wurden, stammte von den drei Comancheros. Nun wollte Icy-Wind mit eigenen Augen sehen, wie ihre Verwandten dort lebten.
„Diese Sorge kann ich dir nehmen, Icy-Wind. Summer-Rain nimmt eine ganz andere Richtung als du.“ Antelope-Son, der seine Worte gehört haben musste, lachte dröhnend. So alt er auch inzwischen geworden war, seinen Humor hatte er noch immer nicht verloren. „Sie wird deinen Weg nicht kreuzen“, fuhr er fort, sich in die Runde drehend, damit auch ja niemand das, was er zu sagen hatte, verpasste. „Deine Füße und deinen verschrumpelten Arsch musst du dir also schon selbst wärmen.“
Jeder, der das hörte, schmunzelte in sich hinein. Manch einer verbiss es sich, hochzuschauen. Doch Antelope-Son setzte noch eins drauf. „Oder willst du etwa Dark-Night auf deine Wanderung mitnehmen?“
Icy-Wind zog seine Stirn erbost zusammen, während er sich ganz langsam zu dem alten Mann umdrehte. „Warum sollte ich mich mit ihr belasten? Hier, unter deinem Schutz, Antelope-Son, ist sie besser aufgehoben.“
„Ah, das sollte mir nicht schwer fallen, Mann von drei Frauen. Äh, entschuldige, von zwei Frauen – die schwerer zu bändigen sind als zweijährige Mustangs. Stell die eine ruhig unter meinen Schutz. Vielleicht bist du ja dann endlich, wenn du zurückkommst, Vater eines strammen Jungen!“ Antelope-Son blickte sich Beifall heischend um. Sein Spott hatte genau ins Schwarze getroffen. Auf einmal herrschte betretenes Schweigen. Damit war er eindeutig zu weit gegangen. Man konnte vieles über Icy-Wind denken, doch es laut aussprechen? Noch dazu hier, wo alle versammelt waren?
Einer der jungen Krieger feixte. Es wurde schon lange über gewisse Vorgänge gemunkelt, die nicht sehr schmeichelhaft für Icy-Wind waren.
Dark-Night entpuppte sich als widerborstige, ungehorsame Frau, die sich ihm in vielen Dingen widersetzte. Das war allgemein bekannt. Allmählich wurde sie für ihn zu einer Last. Trotz seiner lauten, herrischen Art konnte er seine Schwierigkeiten mit ihr schlecht verheimlichen. Auch mit Crow-Wing kam sie nicht gut aus. Zwar konnte er sie hart bestrafen, ja, hatte sogar das Recht, sie bei schweren Verfehlungen zu töten; das blieb ihm als letzter Ausweg vorbehalten. Sollte er mit seiner dritten Frau wieder kein Glück haben, wäre das für ihn eine Katastrophe. So unbeherrscht Icy-Wind sein konnte, so weitblickend war er manchmal auch. Finge er jetzt hier, an diesem Ort, einen Streit mit diesem alten Mann an – wer weiß, wie das für ihn enden würde. Ohne auf die Worte von Antelope-Son einzugehen, verließ er hocherhobenen Hauptes das Tipi. Einige Männer blickten einander bedeutungsvoll an. Nur die Anwesenheit des Mädchens hielt sie davon ab, weitere Bemerkungen in dieser Richtung zu machen. Die meisten jedoch fanden es klug von Icy-Wind, das Tipi so zu verlassen. Nicht jeder hätte es über sich gebracht, diese Beleidigung hinzunehmen. Antelope-Son grinste noch immer. Dann gefror der Spott in seinem vernarbten, alten, runzligen Gesicht. Die Blicke, die ihm begegneten, waren alles andere als freundlich. Niemand lachte. Doch über das, was er von sich gegeben hatte, würde man noch in vielen kalten Nächten am Feuer reden und Mutmaßungen anstellen – alles auf Dark-Nights Kosten.
Summer-Rain wusste es besser. Voller Schrecken dachte sie an ihren Bruder, der noch immer nicht von ihr lassen konnte. Mehrmals hatte sie ihn dabei beobachtet, wie er auf heimlichen Wegen das Lager verließ. Zuerst tat er so, als wollte er zur Pferdeherde, doch dann änderte er seine Richtung und tauchte im Dickicht des Flusses unter, war verschwunden, wohin auch immer. Manchmal sah sie ihn von den gegenüberliegenden Hügeln herkommen. Er war so geschickt, dass er immer einige seiner Mustangs bei sich behielt, so dass niemandem etwas auffiel. Bis auf Summer-Rain. Sie wusste inzwischen, worauf sie achten musste. Sicher traf er sich irgendwo mit Dark-Night. Wenn man die beiden bei ihren heimlichen Treffen erwischte – nicht auszudenken. Anscheinend aber machte ihnen diese Gefahr nichts aus. Unmöglich zu sagen, wie lange das noch gutgehen würde. Diese Gedanken gingen Summer-Rain durch den Kopf, während sie sich unsicher umblickte. War sie endlich entlassen? Konnte sie gehen? Oder würde sich noch ein Mann einbilden, ihr gute Ratschläge mit auf den Weg geben zu müssen?
Ohne sich weiter um die pfeiferauchenden Männer zu kümmern, die immer noch schwatzend auf ihren Plätzen saßen, ging sie auf den Ausgang zu. Doch bevor sie ihn erreichen konnte, wurde die Klappe zur Seite geschlagen und Storm-Rider schlüpfte herein. Unwillkürlich erstarrten beide. Summer-Rain ging sein Anblick durch Mark und Bein. Mit ihm hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Für einen kurzen Moment war sie völlig verunsichert. Storm-Rider musste es ähnlich ergehen. Einen Herzschlag lang sahen sie sich an. Es schnürte ihnen beiden die Kehlen zu.
Dann war es vorbei. Storm-Rider ging wortlos links um das Feuer herum, ohne auch nur jemanden zu beachten. Als er wieder zu sich kam, stand er vor einem der jungen Männer, ohne eigentlich zu wissen, warum. Summer-Rain schlug die vor ihrer Nase zugefallene Klappe wieder zur Seite und stolperte hinaus. Der kalte Wind brachte Schnee mit sich, wehte ihr die Haare ins Gesicht. Sie griff nach dem Silberreif, der an ihrem Handgelenk hing, als müsse sie sich daran festhalten. Dann atmete sie tief durch. Bevor sie sich weitere Gedanken machen konnte, sah sie Großmutter mit Moon-Night auf sich zukommen. Die beiden Frauen trugen Decken und Felle unter den Armen, hinter ihr erschien ihr Bruder mit ihrem Lieblingspony Storm-Cloud im Schlepp. Nachdem er ihr das Pony übergeben hatte, tätschelte er ihr unbeholfen den Arm, nickte, dann verschwand er wieder. Wehmütig blickte Summer-Rain ihm nach. Die braun-weiß gefleckte Stute stand geduldig still, bis alles auf ihrem Rücken verstaut war. Großmutter stopfte den einzigen eigentlich überflüssigen Gegenstand, den ihre Enkelin mitnehmen wollte, in eine der Satteltaschen. Es war ein kleines Kissen aus Pferdehaaren, das das Mädchen Storm-Cloud im vergangenen Frühling aus dem Winterfell gekämmt hatte. Inzwischen zäumte Summer-Rain die Stute auf. Dafür zog sie ihr einen geflochtenen Lederriemen über die Zunge, um ihn dann unter dem Kinn zu verknoten. Sie benutzte nur einen einzigen langen Zügel, den sie an der linken Seite des Ponys befestigte und ihn ihr einfach über den Widerrist warf. Einem Ersatzpferd, ebenfalls eine Stute, wurden weitere Packen aufgebunden.
Moon-Night reichte ihr ein kleines Päckchen mit Proviant. Großmutter ließ es sich nicht nehmen, ihr auch noch eines hinter den Sattel zu schieben. Sie verwandten die größte Umsicht auf ihre Ausrüstungsgegenstände. Unterdessen zog sich Summer-Rain einen warmen Umhang aus weichem, gegerbtem Büffelfell, der ihr bis zu den Knien reichte, über ihre Kleidung. Dann noch einen Umhang mit einer daran angenähten Kapuze aus Wolfspelz, die ihr Gesicht umrahmte. Nachdem sie die letzten Sachen eben noch in den Satteltaschen des Packpferdes verstaut hatte, war nichts mehr zu tun.
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