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3:2 Deutschland ist Weltmeister!
3:2 Deutschland ist Weltmeister!

Eine Geschichte von Mut, Freundschaft und Teamgeist

Impressum
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Copress Verlag
erschienenen Printausgabe (ISBN 978-3-7679-1265-6).
Fotos: Bachem, dpa, Hubmann, Hüttenberger, imago-images (www.imago-images.de), Keystone, Kunz, Mehrens, Neuwirth, Schirner, O. Schmidt, A. Schulz, Sven Simon, Wundshammer, Privat und mit freundlicher Genehmigung der Fritz-Walter-Stiftung; www.fritz-walter-stiftung.de
Zu diesem Buch:
Im Sinne der besseren Lesbarkeit wurde abweichend von der Originalausgabe die neue Rechtschreibung angewendet, einige wenige Formulierungen wurden geglättet. Für diese Sonderausgabe neu hinzugefügte Texte wurden namentlich gekennzeichnet. Bei fast allen Fotos handelt es sich um heute kaum oder gar nicht mehr zu beschaffende Originalaufnahmen, deren hoher dokumentarischer Wert die teilweise reduzierte Wiedergabequalität ausgleichen dürfte.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Die Originalausgabe erschien 1954 unter dem Titel
»3:2 – Die Spiele zur Weltmeisterschaft«
© 1954, 2004, 2020 Copress Verlag in der
Stiebner Verlag GmbH, Grünwald
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch darf nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung des Copyright-Inhabers vollständig bzw. teilweise vervielfältigt, in einem Datenerfassungssystem gespeichert oder mit elektronischen bzw. mechanischen Hilfsmitteln, Fotokopierern oder Aufzeichnungsgeräten bzw. anderweitig weiterverbreitet werden.
ISBN 978-3-7679-2095-8
www.copress.de
INHALT
VORWORT VON HORST ECKEL
WIR SETZEN UNS DURCH
VORBEREITUNGEN
VON SCHÖNECK NACH SPIEZ
DAS ERSTE TÜRKEN-SPIEL
STIMMUNGEN
8:3 FÜR UNGARN
DAS ZWEITE TÜRKEN-SPIEL
JUGOSLAWIEN ODER WIR
RIVALE ÖSTERREICH
DER HÖHEPUNKT
EMPFANG OHNEGLEICHEN
RUHM
SCHATTENSEITEN
FRITZ WALTER, DER GROSSE FUSSBALLER UND MENSCH
»WEISSER RABE« – »ROTER JÄGER« – DFB-EHRENSPIELFÜHRER
DIE FRITZ-WALTER-STIFTUNG
»Lieber Fritz, den gleichen Erfolg, den Sie als Kapitän unserer Elf bei der Weltmeisterschaft gehabt haben, wünsche ich Ihrem Buch.«

»Hoffentlich stürmst du beim nächsten Länderspiel so gut, dass der Torwart in Ruhe dein Buch lesen kann!«

»Lieber Friedrich, schreib du nur alles auf! Wenn es schwarz auf weiß steht, brauchen wir nicht mehr so viel erzählen.«

»Du bist als Retter in der Not oft bei uns in der Hintermannschaft aufgetaucht. Hoffentlich tauchen wir Verteidiger gelegentlich auch in deinem Buch auf.«

»Lieber Fritz, dass ich in der Nationalmannschaft spiele und in der Schweiz dabei sein durfte, verdanke ich Herrn Herberger und dir, meinem Lehrmeister. Deinem Buch wünsche ich guten Erfolg«

Wenn allzu viele Erinnerungen auf dich einstürmen, dann hole mich! Ich stoppe alles!

Nichts kann schiefgehen, wenn sich meine Wünsche für dein Buch so erfüllen wie unseren gemeinsamen Wünsche bei der Fußballweltmeisterschaft.

»3:2« geht vollkommen in Ordnung, aber wehe, wenn du mich schlecht machst! In alter Freundschaft

Denkst du noch an unseren Schlachtruf vor den Spielen: »Heut machen wir einen Wirbel!»? Es wäre schön, wenn du mit deinen Erinnerungen auch einen Wirbel machtest.

Bruderherz, hoffentlich geht dein Buch so gut wie meine Tankstelle in den ersten Tagen nach der Weltmeisterschaft

Ich finde es großartig, dass du das unvergessliche Erlebnis unserer Fußball-Laufbahn in einem Buch festhalten willst.

VORWORT VON HORST ECKEL
»Ich habe den Fritz als Spieler und als Mensch verehrt«
Dass ich diese Worte über Fritz Walter sagen und schreiben darf, ist mir eine Ehre. Es liegt sicher nicht nur daran, dass ich mittlerweile der einzige noch Lebende der deutschen und ungarischen Spieler aus dem Endspiel vom 4. Juli 1954 in Bern bin, sondern es beschreibt auch unser eigenes Verhältnis. Als ich 1949 aus dem kleinen Vogelbach, wo ich immer noch mit meiner wunderbaren Frau Hannelore lebe, nach Kaiserslautern kam, um die große Welt des Fußballs zu erleben, da war ich 17. Und der große Fritz war 29. Und er hat mich an die Hand genommen – eigentlich von da an bis zu seinem Lebensende.
Mit 88 Jahren blicke ich auf ein glückliches Leben zurück, mit meiner Frau, unseren Töchtern Susanne und Dagmar. Dagmar hat vor einigen Jahren die Horst-Eckel-Stiftung gegründet, unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes. Ich hatte da anfänglich meine Probleme, aber längst bin ich stolz darauf und dankbar dafür, wie klug meine Tochter in meinem Geiste diese Arbeit leistet, die jungen Menschen dienen soll. Dass ich 213 Spiele (mit 64 Toren) für meinen FCK machen durfte, 1951 und 1953 Deutscher Meister wurde, 32 Länderspiele erleben konnte und 1954 Weltmeister wurde, das ist so sehr ein Teil meines Lebens wie auch die Tatsache, dass ich bei Pfaff den Beruf des Mechanikers lernte, um Anfang der 1970er Jahre noch den Sprung zu wagen, in Trier ein Sportlehrer-Studium zu absolvieren. Es hat mich als Lehrer an die Realschule nach Kusel gebracht. Alles ist gut: die Familie, der Beruf, der Fußball, mein Leben.
Im April 2014 war ich zusammen mit Jenö Buzanszky, dem rechten Verteidiger der ungarischen Mannschaft von 1954 im »Hotel Belvédère« in Spiez am Thuner See. Dort waren wir deutsche Spieler 1954 im Quartier gewesen. 60 Jahre nach dem Spiel, dass vieles so sehr verändert hat, das die Ungarn, die Unschlagbaren dieser Jahre, in eine tiefe Depression trieb und uns Deutschen so viel Aufschwung gab, der weit über den Fußball hinaus wirkte. Mit Buzanszky hatte ich damals schon eine intensive Freundschaft, die bis zu seinem Tod im Jahre 2015 Bestand hatte. Er war damals der letzte der ungarischen Mannschaft, der noch lebte. Und wir wussten, dass auch unsere soziale Herkunft, er war Bergarbeiter im ungarischen Dorög, ich Mechaniker in der Pfalz, so etwas wie eine Klammer in unserer Verbindung war. In Spiez sprachen wir damals auch über unsere beiden Kapitäne: Ferenc Puskas, der ungarische, Fritz Walter, der deutsche. Beide waren sie Weltklassespieler in dieser Zeit, Puskas, der Weltenbürger, der seine großen Jahre bei Real Madrid noch erleben sollte, und Fritz Walter, der nichts mehr liebte als seine Pfalz, seinen FCK, seine Frau Italia.

Freunde fürs Leben: Horst Eckel (rechts) und der ungarische Verteidiger Jenö Buzanszky bei einem Treffen 60 Jahre nach dem Finale von 1954.
»Puskas war wie ein Feldherr auf dem Platz. Er herrschte und führte – und er duldete keinen Widerspruch. Und verlieren konnte er überhaupt nicht. Aber er war genial und ohne ihn waren wir nur die Hälfte wert.« Buzanszky musste lachen bei der Beschreibung seines Mitspielers. Es war als würde er sechs Jahrzehnte alles zurückdrehen und noch einmal daran erinnern wollen, wie es im Juli 1954 in Bern war. Puskas konnte nicht verlieren, aber Ungarn verlor. Mehr als nur ein Spiel. Würde, Unantastbarkeit auf dem grünen Rasen, es war mehr geschehen als ein 3:2.
Fritz Walter war das Gegenteil. Er herrschte nicht auf dem Platz, er überzeugte mit seiner Spielkunst, die die anderen in der Mannschaft ansteckte. Er war sensibel und manchmal musste er aus einem Tief herausgeholt werden, etwa von seinem Bruder Ottmar. Fritz und Puskas, das waren zwei Welten. Was sie miteinander verband, das war allein die Kunst des Spiels.
Als ich nach Kaiserslautern kam, da hatte ich weiche Knie und ein beklemmendes Gefühl vor der ersten Begegnung mit Fritz Walter und all den anderen, die ich aus der Ferne bewundert hatte. Es dauerte einen Tag, ein Training und da wusste ich, dass sie mich nicht danach bewerteten, woher ich kam und wer ich war, sondern allein daran, ob ich Fußball spielen konnte. In Vogelbach war ich ein Torjäger, davon hatten sie beim FCK schon eine Menge. So rutschte ich nach hinten, musste mich anstellen auf dem Weg nach vorne. Außenläufer wurde ich und was war das für ein Glück für mich. Ein Außenläufer aus Vogelbach wurde Fußball-Weltmeister.
Ich habe oft, auch mit meiner Familie, darüber gesprochen, was ich alles Fritz Walter zu verdanken habe. Wie oft wohl hat er bei Richard Schneider, unserem FCK-Trainer, und dann bei Bundestrainer Sepp Herberger ein gutes Wort für mich eingelegt. Wäre ich ohne ihn überhaupt Nationalspieler geworden? Hätten mein Fleiß, meine Begabung ohne Fritz ausgereicht? Über die Antwort ist die Zeit längst hinweggegangen und der Fritz hätte diese Frage ohnehin abgetan mit der Bemerkung »Alles was Du erreicht hast, das hast Du Dir allein zu verdanken.« Und schmunzelnd hätte er hinzugefügt, dass es gut war, wenn ich genau hingesehen habe, wie er, der Fritz, und die anderen, der Ottmar, der Liebrich und der Kohlmeyer und alle die Großen beim FCK es gemacht haben.
1958 habe ich mit Fritz Walter auch noch die Weltmeisterschaft in Schweden gespielt, wo wir Vierter wurden. Und wieder war da ein Siebzehnjähriger, der die Welt des Fußballs verzaubern sollte: Edson Arantes do Nascimento, den die Fußballwelt Pelé nannte und zu ihrem Allergrößten kürte. Auch er wurde ein Freund von Fritz Walter und auch ich habe ihn kennengelernt.
Für die Egidius-Braun-Stiftung durfte ich dem Fritz folgen, um in Justizvollzugsanstalten zu gehen, und mit den Menschen dort zu sprechen. Ich wusste, wie wichtig dem Fritz die Begegnungen dort waren. Und natürlich wurde ich ein Teil der »Fritz-Walter-Stiftung«. Alles, was von ihm ausging, habe ich als junger Fußballer aufgesogen, später konnte ich ein Teil seines Erbes werden. Es war alles vollkommen und ist es immer noch.
Die gut 26 Kilometer von Vogelbach bin ich damals oft genug mit dem Fahrrad gefahren. Das war ein Teil meines Trainings. Es hat sich alles gelohnt. Ich kam zum FCK und zu Fritz Walter. Ich weiß nicht, ob es das heute noch gibt, dass ein Mitspieler zugleich das Idol sein kann. Womöglich hatten wir damals weniger Auswahl. Aber es genügte, dass Fritz Walter da war. Ich habe ihn als Spieler und als Mensch verehrt. Keine Begegnung mit ihm möchte ich missen.
Vogelbach, im Frühsommer 2020

WIR SETZEN UNS DURCH
»Schalt’ dein Kofferradio ein, Fritz, ich kann nicht schlafen!«
Hellwach taste ich nach dem Knopf; auch ich habe noch kein Auge zugetan. Dabei ist es vier Uhr früh. Aber was für ein Tag liegt hinter uns! Ein Tag, der uns das Unwahrscheinlichste, das nie Erwartete gebracht hat – die Fußball-Weltmeisterschaft.
Irgendein Sender überträgt noch Tanzmusik.
Helmut Rahn, der seit Wochen im Spiezer Hotel »Belvédère« Zimmer Nr. 303 mit mir teilt, dreht sich mit einem Ruck zu mir hin:
»Mensch, Fritz, ich kann und kann es einfach nicht glauben! Weißt du noch, mit welchem Bammel wir in die Schweiz gefahren sind?«
»Du wirst sehen, morgen stellt sich heraus, dass wir alles bloß geträumt haben!«
»Aber ich bin doch hellwach!« schreit Helmut so laut, dass ich erschrocken hochfahre. Mit beiden Beinen strampelt er seine Decke weg, springt aus dem Bett, schlägt einen Salto und liegt auch schon wieder in den Federn.
»Siehst du, ich träum’ doch nicht, Fritz! Wir haben wirklich die Ungarn weggeputzt!«
Schade – jetzt ist Schluss mit der Tanzmusik. Auf meinem Apparat bring’ ich nichts mehr her. Es ist sechs Uhr morgens.
»Vielleicht können wir doch noch ein bisschen schlafen«, gähne ich, und tatsächlich fallen uns vor Übermüdung die Augen zu. Plötzlich bin ich wieder wach. Ich greife nach der Uhr. Es ist sieben. Auch der stabile Helmut Rahn starrt schon wieder die Decke an. Vergeblich versuchen wir eine Viertelstunde lang, nochmals einzuschlafen. Es ist aussichtslos.
»Sieh mal raus, was für Wetter ist! Am besten machen wir einen Kopfsprung in den Thuner See.«
»Nichts zu wollen, Fritz draußen ist es trostlos!« Und weil der »Boss«, wie Helmut Rahn bei uns heißt, nun schon auf dem Balkon steht, gibt er an diesem letzten Morgen in Spiez noch einmal mit voller Lautstärke seine Essener Marktfrau zum besten:
Prima schnittfeste Tomaten, Leut’!
Die prima Oma-Lutsch-Birnen für zahnlose Großmütter!
1 a Rotkohl, Weißkohl, Wirsing, Spinat!
Wenn keiner kommt, dann leckt mich am …
Leute, ich bin das Leben leid, heut wird die Ware verschenkt!
Aaa sch—on wieder einer da!
Prima schnittfeste Tomaten!
Ich liege im Bett und lache, lache, bis mir die Tränen kommen.
Wie oft hab ich mich während der drei Wochen in der Schweiz über den Boss und seine urwüchsigen, jungenhaften Kraftausbrüche gefreut! Schmerzlich durchfährt mich der Gedanke, dass es nun bald aus ist mit dem kameradschaftlichen Zusammensein. Aus mit den unvergesslichen Tagen, die uns menschlich einander so nahe gebracht haben.
Als wir im Frühstückszimmer Platz nehmen, sind die meisten anderen schon da, nicht nur die Frühaufsteher. Niemand hat richtig schlafen können in dieser Nacht. Der Toni, der Max, der Jupp – sie alle sind von ihren Gedanken bestürmt worden und von ihren Erinnerungen. Ist das nicht ganz natürlich? Haben wir denn überhaupt schon begriffen, was in diesen Tagen und Wochen geschehen ist?
Wir sind Fußball-Weltmeister 1954!
Spreu oder Weizen?
»Wenn ihr nicht besser spielt, braucht ihr erst gar nicht in die Schweiz zu fahren!«
So scharf schießen 1953 unsere Kritiker. Leider nicht ganz zu Unrecht. Bei den Ausscheidungsspielen, die wir zu absolvieren haben, sind die Leistungen der deutschen Nationalmannschaft alles andere als eindrucksvoll. Ehrlich gesagt, denke ich nur ungern an die zermürbenden Vorpostengefechte zurück, die uns den Weg in die Schweiz frei machen.
36 Länder haben sich zur Teilnahme an der V. Weltmeisterschaft der FIFA, des Internationalen Fußballverbandes, gemeldet. Nur sechzehn Mannschaften aber sollen nach dem Plan des Organisationskomitees in der Schweiz um die höchste Fußballtrophäe, den Coupe Rimet, kämpfen. Es muss also vorgesiebt werden. Die 36 Konkurrenten teilt man in dreizehn Qualifikationsgruppen ein, deren jeweiliger Sieger die Fahrkarte in die Schweiz erhält. Nur bei der Gruppe III (England, Schottland, Irland, Wales), die traditionsgemäß für besonders stark gehalten wird, darf auch der Zweite mitfahren. Auf diese Weise sollen die vierzehn Besten ermittelt werden. Zwei Teilnehmer stehen von Anfang an fest: Uruguay als Titelverteidiger und die Schweiz als Gastgeber.
»Ich möchte wetten, dass wir mit dem Saarland in eine Gruppe kommen!« sage ich zu Bundestrainer Herberger. Die Wette hätte ich glatt gewonnen: die Organisatoren der Weltmeisterschaft stecken uns zusammen mit der Saar und Norwegen in die Ausscheidungsgruppe I.
»So ein Dusel!« frohlocken die Optimisten. Ich habe über die »leichte« Gruppe I meine eigene Meinung. Noch in jedem Länderspiel ist die Saarmannschaft über sich selbst hinausgewachsen. Obwohl sie praktisch nur aus Spielern des 1. FC Saarbrücken besteht, wäre es kurzsichtig, ihre Leistungen wie die einer Vereinsmannschaft einzuschätzen. Zumal Helmut Schön, der Trainer des Saarländischen Fußballverbandes, seine Elf seit Monaten intensiv auf die Ausscheidungsspiele zur Weltmeisterschaft vorbereitete. Und Norwegen? Es ist seit eh und je unser Angstgegner, der uns 1936 beim Olympischen Fußballturnier in Berlin mit Pauken und Trompeten ausgebootet hat.
Trotzdem ist Deutschland in Gruppe I eindeutiger Favorit. Die Saar und Norwegen haben als Außenseiter nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.
»Ihr müsst es schaffen! Ihr müsst es schaffen!« Wie uns dieser Imperativ, dieses leichthin gesagte »muss« im Magen liegt!
Am 18. Juli 1953 bringt der Postbote den erwarteten Brief mit dem Absender »Seppl Herberger, Hohensachsen an der Bergstraße«. Jeder, der für ein Länderspiel vorgesehen ist, wird vom Bundestrainer benachrichtigt:
»Liebe Kameraden!
Die neue Spielzeit ruft. Für unsere Nationalmannschaft setzt sie gleich mit vollen Akkorden ein. Am 19. August spielen wir in Oslo gegen Norwegen. Es geht um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft …«
Allen Empfängern legt der »Chef«, wie wir Herberger unter uns nennen, nahe, sich durch die Vereinsspiele und entsprechendes Training in gute Kondition zu bringen. Ihm bleibt nichts anderes übrig als dieser erste Appell an das sportliche Gewissen jedes einzelnen. Bedingt durch die Verhältnisse im deutschen Fußball können wir uns immer nur wenige Tage vor einem Länderspiel treffen. Es ist klar, dass wir deshalb die nötige Form schon mitbringen müssen. Jedem seiner Pappenheimer schreibt der Chef noch ein paar spezielle Worte. Er weist auf individuelle Schwächen hin und gibt zugleich Ratschläge, wie sie am besten zu beheben sind.
Gleichzeitig kommt der offizielle Bescheid von der Geschäftsstelle des DFB, des Deutschen Fußballbundes in Frankfurt. Demnach gehöre ich zur vorgesehenen Mannschaft gegen Norwegen, die sich vor dem Abflug in Malente, der Sportschule des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes, trifft.
Am 19. August 1953 spielen wir im Osloer »Ulleval«-Stadion gegen die Norweger. Sie stehen bereits mitten in ihrer Fußballsaison, haben die Höchstform erreicht und sind überraschend stark. Unser letztes Länderspiel war vor fünf Monaten. Wir sind zudem durch die unmittelbar zurückliegende Sommerpause aus dem Tritt geraten. Obwohl wir in der Besetzung: Turek; Retter, Kohlmeyer; Eckel, Posipal, Schanko; Rahn, Morlock, O. Walter, F. Walter, Schäfer antreten, kommen wir gegen die Skandinavier nicht zum Zug. Kurz vor der Halbzeit wird Schäfer verletzt und durch Pfaff ersetzt. Der 21-jährige norwegische Torwart Asbjörn Hansen hält die schwierigsten Schüsse. Nur ein einziges Mal lässt er den Ball passieren. Dieses Tor, von mir geschossen, bringt uns den 1:1-Ausgleich, und wir müssen froh sein, mit dem Unentschieden wenigstens einen Punkt gerettet zu haben. Ziemlich belämmert ziehen wir ab. Deutschlands Fußballfreunde und wir selbst sind keineswegs mit unserer Leistung zufrieden, zumal die Saar im Juli Norwegen auf demselben Platz 3:2 geschlagen hat. Die Sorgenfalten auf der Stirn unseres Chefs wollen nicht mehr verschwinden.
Als wir nach dem Rückflug wieder in Hamburg landen, regnet es in Strömen, und grau wie das Wetter ist unsere Stimmung. Wir flüchten in den bereitstehenden Omnibus und fahren auf dem schnellsten Weg ins Hotel. Noch am gleichen Abend reisen wir nach einem hastigen Essen sang- und klanglos in unsere Heimatorte ab. Eines steht für Herberger und für uns nach diesem 1:1 fest. Das Spiel gegen die Saar muss wohl besser werden!
Es findet am 11. Oktober 1953 im Stuttgarter Neckar-Stadion statt. Obwohl die Saar bei diesem wichtigen Ausscheidungsspiel in prächtiger Form antritt, geht die deutsche Elf (Turek; Retter, Erhardt; Mai, Posipal, Gottinger; Rahn, Morlock, Schade, Metzner, Schäfer) als klarer Favorit auf den Platz, um praktisch gegen den 1. FC Saarbrücken anzutreten, der nur durch Clemens von Saar 05 verstärkt ist. Wie Ottmar und Kohlmeyer bin ich verletzt und sehe das Spiel von der Tribüne aus. Unsere Mannschaft, bei der Gottinger angeschlagen und durch Eckel ersetzt wird, tut sich schwer, gegen die unerschrocken und schwungvoll angreifenden Saarländer einen 3:0-Sieg zu erringen.
Das Resultat entspricht nicht unbedingt dem Spielverlauf. Dem Stuttgarter Treffen fehlt die große Linie, nur selten kommt unsere Elf zu einer harmonischen Zusammenarbeit. »Kein Grund zum Optimismus!« schreiben die Kritiker nach diesem Spiel. Unsere Chancen für die Schweiz schätzen sie nicht allzu hoch ein, auch wenn wir jetzt mit 3:1 Punkten vor dem Saarland (2:2) und Norwegen (1:3) in der Qualifikationsgruppe I führen. Einmütig erneuern wir das Versprechen, das wir uns in Oslo gegeben haben: Das nächste Spiel muss besser werden!
Die letzten Hürden
Das zweite Treffen mit Norwegen – im weiten Oval des neuen Volkspark-Stadions – ist für Hamburg das erste Länderspiel nach 13-jähriger Pause. Die schöne, alte Hansestadt gibt ihm einen entsprechend großartigen Rahmen.
Turek steht auch heute in unserem, Hansen wieder im Norwegertor. Retter und Kohlmeyer verteidigen, Eckel und Mai sind Außenläufer, der Hamburger Jupp Posipal spielt vor heimischem Publikum Stopper. Rahn, Morlock, O. Walter, F. Walter und Herrmann stürmen. Im Rahmen der Ausscheidungskämpfe für die Schweiz kommt es an diesem 22. November 1953 zum ersten Mal zu einer geschlossenen Mannschaftsleistung unseres Teams, wenn auch das Zusammenspiel erst in der zweiten Halbzeit auf vollen Touren läuft.
Die Norweger sind zähe Gegner. Bis zur Pause können sie ein 1:1 halten. In der letzten halben Stunde kommen 75.000 Zuschauer voll und ganz auf ihre Kosten. Wir Stürmer haben eine guten Tag und erzielen noch vier Treffer. Ich feiere ein Jubiläum und schieße mein 25. Länderspieltor. Nach diesem eindeutigen 5:1 ist Norwegen endgültig aus dem Kampf um den Gruppensieg ausgeschaltet. Wir brauchen beim Rückspiel gegen die Saar nur ein Unentschieden, um in die Schweiz zu kommen.
Die nach einem Spiel übliche Tasse Kaffee schmeckt uns an diesem Tag schon besser, wenn wir auch traurig darüber sind, dass Max Morlock erheblich verletzt worden ist. Kaum haben wir uns umgezogen, ruft uns Herberger vor der Fahrt zum offiziellen Bankett noch einmal zusammen. Neben ihm steht der Vertreter einer Schweizer Firma, der jedem Spieler eine Uhr überreichen soll.
»Alle Mannschaften, die sich für die Schweiz qualifizieren, bekommen von uns solche Uhren«, sagt er.
Vorschusslorbeeren? Uns ist nicht ganz wohl dabei. Noch steht das zweite Spiel gegen die Saar aus, das erst am 28. März 1954 stattfinden wird. Wir nehmen die Uhren trotzdem – zurückgeben können wir sie ja immer noch. Dass wir uns später mit den Geschenken auf Reklamefotos wiedersehen, na ja, das ist eine andere Geschichte.
Der Chef glaubt nicht daran, dass wir die Uhren wieder abliefern müssen. Obwohl wir den letzten für den Gruppensieg erforderlichen Punkt noch nicht in der Tasche haben, denkt er bereits an unser Quartier in der Schweiz. Er setzt sich mit Albert Sing in Verbindung, mit dem ich von 1940 bis 1942 in der deutschen Nationalmannschaft gespielt habe, und der heute Spielertrainer bei Young Boys Bern ist. Zusammen besichtigen sie verschiedene Quartiere, die von der Schweiz als Unterkunft für die zu erwartenden Mannschaften vorgeschlagen sind. Sing empfiehlt Herberger besonders Spiez am Thuner See, und vorsorglich belegen sie dort im »Belvédère« Zimmer für uns. Wieder zu Hause, schwärmt der Bundestrainer: »Ein wunderbares Hotel direkt am See, mit großem Garten und Liegestühlen, mitten in einer herrlichen Berglandschaft! Und Kahn fahren könnt ihr jeden Tag!«
Herberger soll die Zimmer nicht umsonst bestellt haben! Der Weg nach Spiez führt über Saarbrücken.
Wenige Minuten vor dem Rückspiel gegen die Saar herrscht in unserer Kabine der übliche Trubel. Einer wird massiert, der andere lässt sich eine Bandage anlegen. Die Schuhe werden noch einmal nachgesehen und der Chef gibt die letzten Anweisungen:
»Passt vor allem auf, dass ihr in der ersten Viertelstunde kein Tor ’reinkriegt! Vergesst die Deckung nicht!«
»Wär’ doch gar nicht so schlimm, wenn wir verlieren«, sagt einer im Spaß, »dann kommen wir wenigstens noch ein paar Tage nach Paris!«
An der Seine, auf neutralem Boden, würde nämlich ein Wiederholungsspiel stattfinden, wenn wir in Saarbrücken verlieren und dadurch mit dem Saarland punktegleich werden sollten.
»Besser, wir gewinnen heut!« meint ein Vorsichtiger, »nach Paris fahren wir lieber ein andermal. Drei Wochen Spiez sind auch nicht zu verachten, was meint ihr?«
Mein Anteil am 3:1-Sieg von Saarbrücken, der uns an diesem 28. März 1954 endgültig die Fahrkarte nach der Schweiz sichert, bleibt gering. Eine vierzehn Tage alte Verletzung ist gerade erst ausgeheilt. Zehn Minuten nach dem Anpfiff habe ich erneut Pech – Muskelriss! Ich humple noch kurze Zeit herum und überlasse dann Ottmar meinen Platz (in diesen Ausscheidungskämpfen darf im Fall einer Verletzung bis fünf Minuten vor der Pause ein Mann ersetzt werden).
Auf dem Spielfeld stehen also: Turek; Retter, Kohlmeyer; Posipal, Liebrich, Schanko; Rahn, Morlock, O. Walter, Röhrig und Schäfer. In der Halbzeit liegen sie 1:0 im Vorteil, aber sie spielen verkrampft und voller Komplexe. Deutlich spürt man, wie dieses »Ihr müsst gewinnen!« ihre Aktionen beeinflusst. Ehrlich muss man anerkennen, dass die Saarländer lange Zeit einen besseren Eindruck machen als die deutsche Elf. Den 3:1-Sieg verdanken wir letzten Endes unserer größeren Routine. Trotzdem ist nach dem Spiel die Freude groß. Wir sind Sieger in der Ausscheidungs-gruppe I:

Der Weg in die Schweiz ist frei!
»Hals- und Beinbruch!« wünschen uns neidlos Helmut Schön und seine Mannschaft. »Wir halten euch die Daumen!«
Offensichtlich haben sie ihr Versprechen eingelöst. Dass ihre Daumendrückerei jedoch einen so durchschlagenden Erfolg bringen soll, können sie nicht voraussehen.
»Die Spiele gegen euch waren halt doch die schwersten!« sagte ich gutgelaunt, als uns die Saarmannschaft mit ihrem Trainer einen Tag nach dem Endspiel in Spiez aufsuchte, um uns begeistert zur Weltmeisterschaft zu gratulieren.
In sechs Wochen kommen wir wieder
Das 31. Länderspiel zwischen der Schweiz und Deutschland, das am 25. April 1954 zur Einweihung des Baseler St.-Jakob-Stadions ausgetragen wird, steht in keinem Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft. Es gilt aber beiden Teams als Generalprobe für die Kämpfe um den Coupe Rimet. Wenn die Generalprobe klappt, geht die Premiere daneben! sagt man beim Theater. Das gilt – toi-toi-toi – hoffentlich nicht für den Fußball!
Der deutsche Sturm kombiniert in den ersten 45 Minuten dieses Spiels hervorragend. Die ganze Mannschaft – das kann man ruhig behaupten – zeigt eine erfreuliche Leistung. Beim Halbzeitpfiff führen wir bereits 4:0. Der klare Vorsprung verleitet uns leider in der zweiten Spielhälfte zu allzu früher Sorglosigkeit. Erst als die Schweizer auf 4:2 herankommen, reißen wir uns wieder richtig zusammen und schießen ein fünftes Tor. Allerdings müssen wir in den letzten Minuten auch noch eins einstecken. 5:3 steht es also! Dieses Resultat kühlt die anfängliche Begeisterung zwar merklich ab, wir aber wissen zum ersten Mal wieder aus voller Überzeugung, dass doch noch etwas in uns steckt. Mehr jedenfalls, als wir in den Ausscheidungskämpfen gezeigt haben. Und das Bewusstsein der eigenen Kraft ist bekanntlich viel wert.
In diesem Spiel vollzieht sich Erich Retters trauriges Geschick. Unser Standardverteidiger erleidet eine so schwere Meniskusverletzung, dass er für die Weltmeisterschaft ausfällt. Ein harter Schlag für ihn, der bei allen vier Ausscheidungskämpfen dabei war, ein harter Schlag auch für uns.
VORBEREITUNGEN
Die Weltmeisterschaft rückt immer näher. Da sagt Herberger eines Tages zu mir:
»Was halten Sie davon, Fritz, wenn wir alle einmal ohne Training und ohne Probleme irgendwo zusammenkämen? Meinen Sie nicht auch, dass uns das gut tun würde?«
»Sie wollen unseren seelischen Akku aufladen?« frage ich.
»Wenn Sie es so nennen wollen! Leider Gottes sind unsere Nationalspieler ohnehin viel zu selten beieinander.«
Unverdrossen macht er sich auf, einen geeigneten Ort zu suchen. Schließlich fällt seine Wahl auf Obertal bei Baiersbronn im Schwarzwald. Von der Sportschule Schöneck des Badischen Fußball-Verbandes ist es mit dem Omnibus leicht zu erreichen. Der Chef hat eine gute Nase gehabt: in einem erstklassigen Haus werden wir liebevoll aufgenommen. Die Kurgäste kann man jetzt im April noch an einer Hand abzählen. Wir sind also ganz unter uns. Im Speisesaal rücken wir die Tische an die Wand, um Platz zum Tischtennisspielen zu haben. Wir liefern uns erbitterte Kämpfe um Buchpreise, die Herberger gestiftet hat. Sehr beliebt sind auch Turniere auf dem Miniaturgolfplatz. Über Felder mit phantasievoll gestalteten Hindernissen muss ein Ball durch möglichst wenig Schläge zum Ziel getrieben werden. In den ersten Tagen brauchen wir 46, 47, ja 49 Schläge, am letzten Tag stelle ich mit 32 einen neuen Rekord auf.
Bei gemeinsamen Spaziergängen genießen wir die gesunde Schwarzwaldluft in vollen Zügen. Sorglos leben wir in den Tag hinein. Vom Fußball wird wenig geredet. Nur Maxl Morlock sagt vor der Heimfahrt etwas, was er besser nicht so laut gesagt hätte:
»Am Sonntag schlagt ihr« – er meint uns Kaiserslauterer – »in Stuttgart die Kölner, und eine Woche drauf macht ihr zum dritten Mal den Deutschen Meister!«
»Wenn du nur recht hättest, Maxl!«
Das mit dem »dritten Mal« ist uns ja dann auch gründlich daneben gegangen …
Rückblickend kann ich behaupten, dass uns die fünf Tage von Obertal mit einem hübschen Quantum Sorglosigkeit und Unternehmungsgeist für die Schweizer Reise verproviantiert haben. Schade, dass ein paar der Weltmeisterschaftskandidaten aus beruflichen Gründen nicht abkömmlich waren.
Kreuzfidel steigen wir in den Bus, der uns zurück nach Schönbeck bei Karlsruhe bringt.
Herbergers Hochglanzpolitur
Am 26. Mai 1954 treffen wir uns in München-Grünwald. Hierher, in die vorbildlich eingerichtete Sportschule des Bayerischen Landessportverbandes, hat der Bundestrainer 28 Spieler berufen. Aus vierzig Mann, die schon vor Wochen dem Organisationskomitee der FIFA zu melden waren, sind sie ausgewählt. Aber der Kreis muss noch enger gezogen werden, denn nur 22 Mann dürfen endgültig – letzter Termin ist der 6. Juli – für die Schweiz nominiert werden. Erst am Schluss des Lehrganges wird der Chef bekanntgeben, wen er – sicherlich schweren Herzens – zurücklässt.
Von den Vereinen fordert Herberger dringend, die nach Grünwald geladenen Spieler ab 23. Mai, dem Tag des deutschen Endspiels, für den Lehrgang freizugeben. Die in Frage kommenden Klubs sind dem Prestige des deutschen Fußballsports zuliebe einverstanden – teilweise unter erheblichen Opfern, denn sie verzichten ja damit auf ihre bekanntesten und zugkräftigsten Spieler. Ohne sie gewinnbringende Privatspiele abzuschließen, ist natürlich sehr schwer. Das trifft vor allem für den 1. FC Kaiserslautern zu, der gleich fünf Mann wochenlang hergeben muss.
Nun, die Freigabe seiner Kandidaten für den Grünwalder Lehrgang hat Herberger erreicht. Leider muss er in Kauf nehmen, dass einige der 28 Mann vor dem Stichtag verletzt wurden und mehr oder weniger angeschlagen in Grünwald erscheinen. Pechvogel Jupp Posipal zum Beispiel ist ausgerechnet am 23., wenige Minuten vor Spielschluss, erheblich am Knöchel verletzt worden. Auch Baumann vom 1. FC Nürnberg hat noch etwas abbekommen, und Karl Mai aus Fürth klagt über eine Entzündung am Wadenbein. Unser Masseur Deuser hat während der ersten Tage in Grünwald alle Hände voll zu tun.
Als Max Morlock mir zur Begrüßung die Hand schüttelt, kann ich nicht umhin, ihn an seine Prophezeiung zur Deutschen Fußball-Meisterschaft zu erinnern:
»Na, Maxl, was sagst du nun?«
»Da kannst halt nix macha, Fritz!« erklärt er in unerschütterlich bayerischer Ruhe. »Ich hab’ hundertprozentig mit euch gerechnet.«
Hundertprozentig? Was will das beim Fußball schon heißen?
In den Spielen um die Gruppenmeisterschaft der Oberliga Südwest hatte der 1. FCK einen hartnäckigen Gegner: Pirmasens! Mit 4:0 wurden wir im allerletzten Spiel auf eigenem Platz schließlich Meister. Und wieder kamen wir im Kampf um die »Viktoria« gleich in die schwerste Gruppe – ausgerechnet mit unseren Gegnern vom Jahr zuvor, dem 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt. Wir wussten, wie stark beide Mannschaften sind, und gingen entsprechend belastet in die Spiele. In Köln gegen Frankfurt und in Stuttgart gegen Köln haben wir es schließlich geschafft und kamen glücklich ins Finale. Unser Endspielpartner aber war nicht der VfB Stuttgart, wie erwartet, sondern das starke und ehrgeizige Hannover 96.
In der ersten Halbzeit des Hamburger Endspiels gab uns das Führungstor gleich am Anfang guten Auftrieb. Aber schon mit dem Ausgleichstreffer der Hannoveraner, der mit dem Halbzeitpfiff fast zusammenfiel, spürten wir das Unheil nahen. Wir haben in der Pause fast gar nichts geredet.
»Heute geht’s schief!« Keiner hat es ausgesprochen, aber es lag einfach in der Luft.
Mit dem zweiten Tor, ausgerechnet einem Eigentor von Kohlmeyer, war das Spiel praktisch verloren. Eine Depression ergriff uns, die mit dem tatsächlichen Kräfteverhältnis beinahe nichts mehr zu tun hatte. Unfähig, bis zum Letzten zu kämpfen, war es uns fast egal, ob es 4:1 ausging oder 5:1. Für uns schien nichts mehr drin zu sein in diesem Spiel. Aber wir waren – glaub’ ich – anständige Verlierer, haben nicht versucht, durch Härten oder Unsportlichkeiten den Sieg der Hannoveraner zu vereiteln. Mit fliegenden Fahnen sind wir untergegangen, und unser Glückwunsch für den hervorragend spielenden Rivalen kam aus vollem Herzen.
Toni Turek, der mit seinem Klub Fortuna Düsseldorf auf Tournee in Amerika war, ist gerade einen Tag vor dem Endspiel wieder in Hamburg eingetroffen. Er hat unsere Niederlage miterlebt.
»Trotz allem herzlichen Glückwunsch!« sagt er, als er mir in Grünwald gegenübersteht.
»Du willst mich wohl veräppeln?«
»Keineswegs! Was meinst du, wie viele Vereine in Deutschland froh wären, an eurer Stelle zu sein. Einmal im Endspiel zu stehen, auch wenn sie dann verlieren.«
Hat der Toni nicht recht? Trotzdem vergehen noch ein paar Tage, bis ich im Kreis der Kameraden meine Niedergeschlagenheit ganz überwinde.
Hier in Grünwald kommt es unter allen Umständen darauf an, uns für die Weltmeisterschaftskämpfe in beste Form zu bringen. Für Herberger steht fest, dass in der Schweiz zwischen den einzelnen Spielen nicht mehr allzu scharf trainiert werden kann. Zwischen einem Sonntags- und einem Mittwochspiel werden wir genug damit zu tun haben, unsere Kondition zu halten. Die Grundlage für die körperliche Verfassung der einzelnen Spieler soll deshalb dieser Lehrgang schaffen, für den der Chef ein exaktes Programm ausgearbeitet hat.
Normalerweise stehen wir um halb acht Uhr auf, frühstücken gemeinsam und gehen anschließend in den Lehrsaal zum theoretischen Unterricht.
Wir diskutieren über Stärken und Schwächen anderer Mannschaften, in erster Linie aber kehren wir selbstverständlich vor unserer eigenen Tür und beraten, wie die harmonische Zusammenarbeit der deutschen Nationalelf noch verbessert werden kann.
Zweimal sehen wir den Film vom 3:6-Spiel England – Ungarn in London, bei dem die Briten bekanntlich erstmalig in ihrer Fußballgeschichte auf eigenem Boden geschlagen wurden. Während der Vorführung weist uns Herberger auf alle taktischen Finessen hin, besonders aber auf die Tatsache, mit der die Engländer bei diesem Spiel und beim 7:1-Rückspiel in Budapest nie fertig geworden sind: Hidegkuti als ungarischer Mittelstürmer pendelt zurückgezogen weit hinten und lauert nicht stur vorn wie ein englischer Centerfor. Obwohl der Kommentator des Films englisch spricht, kennen wir ihm die Verwunderung darüber deutlich an.
»Schauen Sie, Jupp«, sagt Herberger zu Posipal, »wo der Hidegkuti ’rumläuft! Der englische Stopper bleibt jetzt da hinten, statt ihm wie ein Schatten zu folgen oder wenigstens einen Außenläufer zur Deckung hinzuschicken.«
»Und das, meine Freunde, ist der berühmte Major Puskas!«
Wir wissen, dass wir bei der Weltmeisterschaft einmal mit ihm zusammentreffen werden, denn Ungarn gehört wie wir, die Türkei und Südkorea zur Gruppe II. Die sechzehn Teilnehmer, die sich für die Schweiz qualifiziert haben, sind inzwischen für das Achtelfinale in vier Gruppen eingeteilt worden.
Gruppe I:Brasilien, Frankreich, Jugoslawien, Mexiko
Gruppe II:Ungarn, Türkei, Deutschland, Südkorea
Gruppe III:Uruguay, Österreich, Tschechoslowakei, Schottland
Gruppe IV:England, Italien, Schweiz, Belgien
Von jeder dieser Gruppen kommen zwei Länder eine Runde weiter, und zwei müssen ausscheiden. Natürlich sollen die Besten aufrücken. Um sie zu ermitteln, müsste gerechterweise jeder gegen jeden antreten. Eine solche Regelung würde zu viele Spiele erfordern. Man muss deshalb einen Ausweg finden. Die in der obenstehenden Gruppeneinteilung kursiv gedruckten Länder werden »gesetzt«. Man hält sie mit mehr oder weniger Berechtigung für stärker als die anderen und billigt ihnen gewisse Vorteile zu: Sie brauchen nicht untereinander, sondern nur gegen die Nichtgesetzten, d. h. die für schwächer Gehaltenen ihrer Gruppe, zu spielen.
Eine ideale Lösung? Es gibt keine ideale Lösung, wenn nicht jeder gegen jeden spielt. Die Gruppe II mit Deutschland ist ein Musterbeispiel dafür. Wir können uns ganz gut ausrechnen, wie die Geschichte wahrscheinlich läuft:
Gruppenfavorit Ungarn spielt gegen Deutschland und Südkorea – das ergibt vier Punkte und bringt den Magyaren den Eintritt vom Achtel- ins Viertelfinale. Die Türkei, die an die Stelle des voreilig »gesetzten« Spanien gerückt ist (die Spanier sind nach zweimaliger Verlängerung im Entscheidungsspiel gegen die Türken durch Losentscheid unterlegen), spielt gegen Südkorea und gegen Deutschland. Man kann annehmen, dass sie gegen den Punktelieferanten Korea gewinnt, und hoffen, dass sie gegen Deutschland verliert. Das macht 2:2 Punkte. Da Deutschland in diesem angenommenen Fall dasselbe Punkteverhältnis hat (Sieg gegen die Türkei, Niederlage gegen Ungarn), muss es mit der Türkei ein Entscheidungsspiel austragen. Der Sieger kommt als Zweiter der Gruppe II ins Viertelfinale.
Mit soviel FIFA-Steinen ist also der Weg gepflastert, der uns mit Ferenc Puskas, den wir jetzt in der Sportschule Grünwald noch auf der Filmleinwand sehen, in der Schweiz zusammenführen wird.
Training mit und ohne Ball
Theorie allein macht keinen Fußballspieler. Deshalb geht es nach dem Unterricht gleich raus zum Training, das hart, aber abwechslungsreich ist. Zum ersten Mal treiben wir in ausgedehnter Form Laufarbeit. Wir teilen uns in verschiedene Gruppen, fünf oder sechs Stürmer, ein paar Läufer, die Verteidiger und die Torwächter. So laufen wir uns über drei, vier Runden ein, um die Muskulatur gut durchzuwärmen und Zerrungen und Muskelrisse zu vermeiden. Dann erst legen wir – immer noch gruppenweise – richtig los. Langsam anlaufen! Bei fünfzig Meter durchstarten bis zu hundert Meter! In den Kurven bummeln wir, werden wieder ein wenig schneller und treten noch mal fünfzig Meter durch.
Das machen wir mindestens eine Stunde lang: spurten, langsamer werden, drüben auf der Gegengeraden wieder spurten, zehn Meter auslaufen, wieder spurten! Wenn die Stunde um ist, sind wir ganz schön in Schweiß gebadet und wissen, was wir getan haben. Max Morlock nimmt das Training so ernst, dass er sich in Grünwald acht Pfund Speck herunterarbeitet.
Alfred Pfaff, dem die Puste nie ausgeht, nutzt die kleine Pause zu einem seiner lebensgefährlichen Kalauer:
»Kinder, wisst ihr, warum der Eber so traurig durch den Wald läuft?«
»Nee!«
»Weil seine Frau eine Wildsau ist!«
»Au!«
Lachend geht es wieder auf die Bahn. So trainieren wir jeden Vormittag gründlich, oft auch zusätzlich eine Stunde vor dem Frühstück.
Das Lauftraining auf der Aschenbahn genügt natürlich nicht.
Regelmäßig arbeiten wir mit dem Ball. Die Stürmer spielen gegen die Hintermannschaft, drei Mann gegen einen, vier gegen zwei oder, über den ganzen Platz hinweg, fünf gegen fünf oder sechs gegen sechs. Zwischendurch spielen wir Fußball-Tennis. Dazu wird ein Feld abgegrenzt und durch eine in beliebiger Höhe gespannte Schnur zweigeteilt. Ein gewöhnlicher Fußball wird über die Schnur hin- und hergetreten oder -geköpft, er darf in jedem Feld einmal springen, nie über die Spielfeldgrenze rollen, unter der Schnur durchgehen oder sie berühren. Wenn eine Mannschaft zehn Pluspunkte hat, wird gewechselt, bei 21 Punkten auf einer Seite ist das Match beendet.
Auch Korbball-Mannschaften gehören zu unserem »spielerischen« Training, bei dem man gar nicht merkt, wie viel man läuft – eine vortreffliche Ergänzung zur systematisch betriebenen Laufarbeit.
Auf der schönen Grünwalder Kegelbahn schiebt der Sturm manche Kugel gegen die Hintermannschaft. Oder wir kegeln in Stubenbesetzung gegeneinander. Helmut Rahn, der mit mir auf einem Zimmer wohnt, wirft einen Kranz und holt für uns die Meisterschaft. Siegespreise sind zwei Bücher mit einer Widmung von Herberger. Der Boss verzichtet aus freien Stücken auf sein Buch »08/15«, das ich als alter Landser zweifellos besser verkraften kann als er.
Ein paarmal fahren wir hinein nach München, um ins Kino zu gehen. Es ist wie verhext: Jede Wochenschau endet mit Ausschnitten aus dem 1:5-Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Nichts bleibt uns erspart. Nach dreimaligem Kinobesuch haben wir Kaiserslauterer 3x5 = 15 Tore von Hannover einstecken müssen.
Herberger ist in all den Tagen ein vorbildlicher, idealer Kamerad. Er kennt jeden einzelnen mit seinen Fehlern und seinen guten Seiten. Er weiß genau, mit wem er mal ein bisschen lauter reden muss, und wem er am besten in Ruhe zuspricht. Wenn ihn ein besonderes Anliegen drückt, schnappt er sich den einen oder anderen, auch mal zwei oder drei, und bespricht auf einem Spaziergang, was er auf dem Herzen hat.
Große Aufmerksamkeit müssen wir unserem Speisezettel widmen. Jeder weiß ohnehin schon längst, wie viel er essen darf. Horst Eckel zum Beispiel kann Riesenportionen verschlingen, ohne dass es bei ihm anschlägt. Ich dagegen hab’ seit Jahren Schwierigkeiten mit meinem Gewicht; ich darf keine Suppe essen, keine Kartoffeln, kein Schweinefleisch und keine fetten Soßen. Ein Punkt aber, in dem sich alle zurückhalten müssen, ist das Trinken. Nur nicht viel trinken! Je trockener der Körper, desto leistungsfähiger ist er. Alkohol ist grundsätzlich verpönt.
Erlaubt sind Apfelschorle, Trauben- und Orangensaft mit aufgelöstem Traubenzucker oder auch Milch mit ausgepressten Erdbeeren, natürlich alles schön frisch serviert. Sehen wir, dass an einem Tisch viel getrunken wird, dann heißt es gleich:
»Feuchter Tisch bei euch! Wie sieht’s denn da aus?«
Gegenseitig helfen wir uns, nicht mehr zu trinken, als unbedingt nötig ist. Nur eine Ausnahme machen wir, an dem Abend nämlich, an dem wir zu einem original-bayerischen Essen eingeladen sind. Es gibt Schweinsbraten mit Knödel und Kraut, Gselchtes und Würstl. Dazu wären Limo und Sprudel Todsünden. Also wird jedem ein Glas Bier bewilligt.
Die zünftige Einladung hat uns übrigens Jackl Streitle verschafft, der in Grünwald Herberger hilft, wo er nur kann. Er kümmert sich um die Bälle und sorgt dafür, dass der Lehrsaal frei ist, wenn ein Film vorgeführt werden soll. Außer Masseur Deuser, der uns in den letzten Jahren bei allen Länderspielen betreut hat, steht zum ersten Mal auch ein Arzt zur Verfügung, Dr. Loogen.
Nur ein Schatten fällt auf die Tage von Grünwald. Noch sind wir 28 Mann, aber nur 22 dürfen bekanntlich in die Schweiz. Sechs Kameraden, voll Freude und Erwartung wie wir alle, werden ausscheiden.
Das harte Los, zurückzustehen und damit die Chance ihrer Fußballkarriere aus der Hand geben zu müssen, fällt schließlich auf Baumann und Röhrig, die verletzt sind, auf Harpers, Gottinger, Schäfer aus Siegen und Deinert.
Am Mittwoch vor Pfingsten ist unser Lehrgang beendet, und am Mittwoch nach Pfingsten sollen wir 22, die nun endgültig feststehen, uns in der Sportschule Schöneck bei Karlsruhe-Durlach wieder melden.
Wir können also ein paar Tage nach Hause fahren und ausspannen. Das Training aber dürfen wir auf keinen Fall vergessen.
»Ihr wisst selbst, was ihr zu tun habt! Niemand von euch kann es sich leisten, die zwölf Tage von Grünwald aufs Spiel zu setzen!« Herberger spricht noch einmal aus, was uns längst klar ist. Wir müssen alles dransetzen, um in der Höchstform zu bleiben, in die wir uns gebracht haben. Das gilt für mich noch mehr als für die meisten anderen, denn wenn man einmal die berüchtigte 30-Jahres-Grenze überschritten hat, muss man unermüdlich an sich arbeiten, um mit den Jüngeren Schritt halten zu können.
»Wenn wir über Pfingsten zu Hause bleiben, geht wieder ununterbrochen die Klingel, rappelt pausenlos das Telefon«, sagte ich, nach Kaiserslautern zurückgekehrt, zu meiner Frau. »Du wirst sehen, wir haben keine Viertelstunde Ruhe! Am besten verschwinden wir ein paar Tage!«
Kurz entschlossen packen wir die Koffer, meine Trainingssachen ganz obendrauf, und fahren nach Obertal, wo es meinen Kameraden und mir so gut gefallen hat.
Hoch oben am Berg suche ich mir eine Waldlaufstrecke, die etwa einen Kilometer lang ist. Jeden Morgen nach dem Frühstück packe ich die tausend Meter viermal, hin und zurück und wieder hin und zurück. Zuerst laufe ich mich warm, dann verschärfe ich das Tempo und lege regelmäßig Zwischenstarts ein. Kein Mensch stört mich um diese Zeit beim Training. Während die Beine mechanisch laufen, hämmern in meinem Kopf die Gedanken an die Weltmeisterschaft. Was dürfen wir hoffen? Was werden wir erreichen?
Wie schwer ist es doch, so allein zu laufen! Wenn die Kameraden dabei sind, lässt man sich mitreißen, hat seinen Ehrgeiz, nicht zurückzustehen. Pfingsten ist heute! Im Tal gehen die Leute spazieren oder sitzen auf den Balkons und frühstücken.
»Und du machst dich hier verrückt, läufst und läufst, bis dir das Wasser aus allen Poren rinnt. Lauf doch langsamer! Wozu rennst du denn so blödsinnig? Wozu?«
Ganz einfach, um meine körperliche Form für die Weltmeisterschaft zu halten. So wie ich in Obertal, trainieren die anderen bei sich zu Hause. Wo kämen wir denn hin, wenn wir uns nicht unbedingt aufeinander verlassen könnten? Die Pflicht den Kameraden gegenüber ringt dann auch bald die Stimme der Versuchung nieder.
VON SCHÖNECK NACH SPIEZ
Als ich in Schöneck eintreffe, sind die meisten von den 22 Spielern schon da. Bei der Einkleidung am ersten Tag gibt es ein Mordstheater und Hallo. Den größten Spaß haben wir mit den Hüten. Viele von uns gehen normalerweise ohne Kopfbedeckung, heute wird ausnahmslos jedem ein Deckel verpasst. Ein paar sehen unmöglich aus, andere kleidet er prima. Bei mir geht es grad so. Ich bin selbst überrascht, denn ich habe in meinem Leben bisher nur einmal einen Hut aufgesetzt: als ich aus russischer Kriegsgefangenschaft kam und einen weithin leuchtenden Plattkopf heimbrachte. Damals hab’ ich den Hut fast Tag und Nacht getragen und ihn selbst beim Training nicht abgenommen. Nur vor einem saftigen Torschuss wurde er ehrerbietig gelüftet.
Wir bekommen alle graue Hosen, grüne Sakkos mit dem DFB-Wappen, gleiche Hemden, Krawatten, Schuhe und, wie schon gesagt, gleiche Hüte. Auch einheitliche Trainingsanzüge erhalten wir, selbstverständlich alles nach Maß. Dazu werden noch Laufschuhe und Schultertaschen für unsere Sportutensilien ausgegeben. Fußballschuhe, Schienbein- und Knöchelschützer, Unterziehhosen bringt jeder selbst mit. Trikots und Hosen, von denen an manchen Tagen eine oder zwei Garnituren durchgeschwitzt werden, liefert wiederum die Geschäftsstelle des Deutschen Fußballbundes in Frankfurt.
Endlich ist es soweit!
Am 11. Juni 1954 um 11.38 Uhr fahren wir freudestrahlend von Karlsruhe nach Basel ab. Unsere Expedition leitet Hans Huber aus München, der Zweite Vorsitzende des Deutschen Fußballbundes. Dazu kommen Bundestrainer Herberger, DFB-Geschäftsführer Dr. Xandry, Spielausschussvorsitzender Körfer, der Arzt Dr. Loogen, Masseur Deuser, Schuhspezialist Dassler und folgende 22 Spieler: Hans Bauer, Ulrich Biesinger, Horst Eckel, Herbert Erhardt, Richard Hermann, Bernhard Klodt, Werner Kohlmeyer, Heinz Kubsch, Heinrich Kwiatkowski, Friedrich Laband, Werner Liebrich, Karl Mai, Paul Mebus, Karl-Heinz Metzner, Max Morlock, Alfred Pfaff, Jupp Posipal, Helmut Rahn, Hans Schäfer, Toni Turek, Fritz Walter, Ottmar Walter.

Unser erster Schritt zur Weltmeisterschaft: Im Ulleval-Stadion von Oslo treten wir am 19. August 1953 gegen Norwegen an. Mit einem dürftigen 1:1 sind wir nach diesem Ausscheidungsspiel unserem Ziel, in der Schweiz dabei zu sein, nicht viel näher gekommen. Die Kritik ist entsprechend.

Kein Länderspiel ohne Morlock-Tor! Beim Stuttgarter 3:0 gegen unseren zweiten Gegner in der Ausscheidungsgruppe I, die Saar, hat Max Torwart Strempel überwunden und setzt zum erfolgreichen Torschuss an. In Hamburg, beim Rückspiel gegen Norwegen (5:1), verwandelt er mit phantastischem Hechtsprung eine Flanke zum Ausgleichstor (unten).


Erst zappelt der Ball, dann der glückliche Torschütze Max Morlock im Netz. Ein prächtig gelungener Schnappschuss aus dem Rückspiel gegen die Saar in Saarbrücken.

Nach meinem Ausscheiden in der ersten Halbzeit verfolgte ich neben Sepp Herberger, Dassler, Kubsch und Herrmann den entscheidenden Kampf von der Reservebank aus.

Jupp Posipal steht im zweiten Spiel gegen die Saar zeitweise im Sturm. Neben Ottmar und Max Morlock beobachtet er gebannt ein Duell zwischen Hans Schäfer und dem saarländischen Torwart. Das Ausscheidungsspiel endet 3:1 – die Fahrkarte in die Schweiz haben wir in der Tasche.

Nur 22 von den in der Sportschule München-Grünwald versammelten Spielern kann Bundestrainer Herberger mit in die Schweiz nehmen. Ich weiß, wie schwer es ihm fällt, einige Kameraden daheim lassen zu müssen.

Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos! Bei der Ankunft in der Schweiz verraten die nachdenklichen Gesichter sehr deutlich, dass wir unseren Aufenthalt nicht für einen sorglosen Erholungsurlaub halten.

Mit Turgay, dem Kapitän und Torwart der türkischen Mannschaft, tausche ich vor unserem ersten Weltmeisterschaftsspiel – gegen die Türkei in Bern – den Wimpel aus.

Tor Nummer 1 schießt der Kölner Hans Schäfer. Es bringt nach dem unerwarteten Führungstreffer der Türken den Ausgleich und damit für unsere Elf die Wende zum Guten.

Ottmar verwandelt eine Flanke von mir in ein prächtiges Kopfballtor. 3:1! Hans Schäfers Eingreifen ist nicht nötig, Turgays Abwehr nicht möglich.

Gleichklang der Bewegung: Ottmar reißt vor Freude die Arme hoch, Turgay hebt sie resigniert. »Da war ich leider machtlos!« scheint er zu sagen.

Wer hat Angst vorm bösen Wolf? Nur ein Mann der türkischen Abwehrmauer blickt bei einem Freistoß der Gefahr ins Auge. Das Spiel endet 4:1.

»Ein alter Mann ist doch kein Schnellzug!« sage ich zum Boss, als ich auf dem Thuner Trainingsplatz mit ihm und Karl Mai Runden drehe. Selbstironie kann ich mir leisten, denn ich bin in der Form meines Lebens.

Kleine Fische für Werner Liebrich! In einem Bassin macht er mit der bloßen Hand Jagd auf Forellen. Erwischt er eine, hält er sie triumphierend hoch und wirft sie sofort wieder ins Wasser zurück. Toni Turek und Horst Eckel (rechts) betrachten die Fußarbeit auf dem schönen Thuner See als Vergnügen und Training zugleich.

Bauer, Mebus, Liebrich und Kwiatkowski bemühen sich, den gefährlichen ungarischen Torjäger Kocsis (verdeckt) zu stoppen. Vergeblich! Sekundenbruchteile später zappelt der Ball im Netz – eine typische Szene aus dem unglücklichen 3:8-Spiel gegen den Weltmeisterschaftsfavoriten Ungarn.

Oben: Beim Spiel gegen Ungarn in Basel können wir das gegnerische Tor nicht oft in Gefahr bringen. Alfred Pfaff hat es dieses Mal geschafft, aber Torwart Grosics ist schneller am Ball. Rechts im Bild: Linksaußen Herrmann.

»Freundchen, Freundchen!« droht der ungarische Mittelläufer Lorant mit erhobenem Zeigefinger dem temperamentvollen Boss. Torwart Grosics sitzt, den Ball im Arm, am Boden und schaut verdutzt zu Rahn auf. Der englische Schiedsrichter Ling mahnt ungeduldig, doch weiterzuspielen.
An der Grenze gibt es keine Schwierigkeiten. Die Schweizer Zöllner sind für die Dauer der Fußball-Weltmeisterschaft mit besonderer Liebenswürdigkeit gerüstet.
»Was wollt denn ihr in der Schweiz?« verulken sie uns gutmütig, »ihr habt doch nicht etwa vor, die Ungarn, Brasilianer oder Urus zu schlagen?«
Offensichtlich trauen sie uns nicht allzu viel zu, aber um Autogramme bitten sie uns doch. Man kann ja nie wissen …
In Basel heißt uns Präsident Dr. Thommen vom Schweizerischen Fußballbund willkommen.
Wir essen eine Kleinigkeit und fahren dann im Omnibus weiter. Ein großes Ulmer Werk hat ihn mit Chauffeur für die Dauer unseres Aufenthaltes in der Schweiz kostenlos zur Verfügung gestellt. Albert Sing, unser Verbindungsmann zum Organisationskomitee der FIFA, sorgt dafür, dass wir auf dem Weg nach Spiez das Berner Stadion besichtigen können. Hier werden wir am nächsten Donnerstag gegen die Türken spielen. Hier findet am 4. Juli auch das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft statt. Keiner denkt im Ernst daran, dass wir da noch etwas mitzureden haben. Aber wir werden von den Tribünen dort oben aus zusehen, wenn die Weltbesten unten auf dem Rasen um den Coupe Rimet kämpfen. Ein großartiges Spiel muss das werden! Wir möchten es um keinen Preis verpassen!
Hotel direkt am See
Es ist schon neun Uhr abends vorbei, als unser Bus vor dem Belvédère in Spiez hält. Zimmerverteilung! Kofferschleppen! Herberger hat für alles gesorgt: der dritte Stock im Hotel ist für uns reserviert. In jedem Zimmer wohnen zwei Mann. Der Chef sucht sie nach Möglichkeit so aus, dass sie sich bis in die letzten Träume hinein fachlich unterhalten können. So hausen zwei Verteidiger zusammen, Kohlmeyer und Laband; die zwei Torwächter Kwiatkowski und Kubsch; der rechte Flügel, Morlock und Klodt; Mai und Posipal von der Hintermannschaft; Außenläufer mit Außenstürmer wie Eckel und Schäfer, oder wie die Gespanne alle heißen. Mein Zimmergefährte ist schon seit einigen Länderspielen Helmut Rahn, unsere Stimmungskanone.
Die Paare sind zum Teil unzertrennlich. Eckel weicht auch dann nicht von Schäfers Seite, als dessen Frau in die Schweiz kommt. Sie nennt ihn aus diesem Grund nur noch den »Schatten«.
Herberger hat ein Zimmer für sich, Dr. Loogen und Deuser beziehen zusammen eines. Unsere Offiziellen – Dr. Bauwens, Huber, Körfer, Deckert – wohnen eine Etage tiefer.
Wir sind im dritten Stock ganz unter uns und halten fröhlichen Einzug. Jedes Zimmer hat einen kleinen Balkon mit herrlichem Ausblick auf den See und die Berge. Ich glaube nicht, dass irgendeine Nationalmannschaft ein landschaftlich schöner gelegenes Quartier hat. Die Ungarn zum Beispiel wohnen in Solothurn, direkt an einer verkehrsreichen Straße. Zu unserem Hotel dringt kein Lärm, es ist wohltuend ruhig. Mit den anderen Gästen haben wir wenig Kontakt. Zu den Mahlzeiten treffen wir uns in einem kleinen, reservierten Raum.
Gleich bei der Ankunft wird mir ein Eilbrief meiner Frau überreicht.
»Ich bin fest davon überzeugt«, schreibt sie, »Ihr werdet der ganzen Welt zeigen, was Ihr könnt. Du wirst die Spiele Deines Lebens spielen, damit ich auch weiß, warum ich Dich so oft und so lange hab’ hergeben müssen.«
Am anderen Morgen beginnt gleich nach dem Frühstück der Ernst des Lebens. Für uns heißt das: Training! Zehn Kilometer von Spiez entfernt steht uns in Thun ein gepflegter, wunderschön gelegener Sportplatz zur Verfügung. Zufällig trainieren hier auch die Uruguayer, die über dem See in Hilterfingen wohnen. Es ergibt sich, dass sie den Platz von neun bis halb elf Uhr benutzen, und wir anschließend bis zwölf. Als wir das erstemal auftauchen, werden wir stürmisch begrüßt. Das Hallo gilt vor allem Helmut Rahn, der mit seinem Verein Rot-Weiß Essen wochenlang in Südamerika war und auch gegen die Nationalelf der Urus gespielt hat. Zweimal konnte Rot-Weiß-Essen in Uruguay gewinnen, gegen die Nationalmannschaft allerdings hat es 1:5 verloren. Der Boss bekam Bombenkritiken und auch zahlreiche Angebote. Jetzt fallen ihm die Urus um den Hals, schlagen ihm temperamentvoll auf die rechte und auf die linke Schulter. Der Helmut in seiner burschikosen Art steht ihnen nicht nach. Auch er: rechte Schulter, linke Schulter. Es ist ein unbeschreibliches Palaver!
Am nächsten Tag treffen wir in Thun die Urus wieder. Ich täusche mich bestimmt nicht: bei aller Liebenswürdigkeit mustern sie uns ziemlich mitleidig. Ganz offensichtlich denken sie: »Ja, was wollen denn die?« In den Zeitungen liest man, dass die Urus, die 1950 bei der IV. Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien den Coupe du Monde zum zweiten Mal gewonnen haben, den Pokal erst gar nicht mit in die Schweiz bringen wollten. So fest sind sie davon überzeugt, dass sie ihn ein drittes Mal erringen – in diesem Fall würde er ihr Eigentum.
Die Schweizer schenken uns neben der großen Konkurrenz nur wenig Beachtung. In Scharen kommen sie und schauen den Südamerikanern beim Training zu; sie können sich an ihrer
Ballartistik nicht sattsehen. In unserer mehr nüchternen und sachlichen Art warten wir, bis sich die Zuschauer verlaufen, und nur noch unsere Anhänger auf dem Platz sind. Das Training umfasst ein reichliches Pensum an Laufarbeit. Wir drehen Runden auf der Bahn, erst gemächlich, machen zwischendurch ein paar Starts wie in Grünwald. Dann spielen wieder fünf Mann gegen fünf oder Sturm gegen Hintermannschaft. Jedenfalls ist alles darauf abgestellt, uns zu lockern und gut in Kondition zu halten.
»Ich werde einfach das Gefühl nicht los, wir müssen eines Tages gegen die Urus spielen!«
Davon bin ich fest überzeugt, und die anderen sind es auch. Die Vorstellung hält sich, weiß der Teufel warum, lange Zeit und wird zur fixen Idee für die ganze Mannschaft.
Es ist selbstverständlich, dass uns diese Vorahnung gleich am Samstag, einen Tag nachdem wir in der Schweiz eingetroffen sind, nach Thun treibt, wo die Urus gegen die Thuner Stadtmannschaft antreten. Die Gastgeber, die uns ihr schönes Stadion zum Training überlassen, sind gerade in die I. Schweizer Liga aufgestiegen.
Auch die Ungarn kommen aus Solothurn, um ihre viel gerühmten Rivalen spielen zu sehen. Unser Jupp Posipal, der aus dem Banat stammt und ungarisch spricht, geht gleich auf Rechtsaußen Zoltan Czibor zu. Vor Jahren hat er mit ihm die Schulbank gedrückt, jetzt begrüßt er ihn herzlich. Jupp kennt auch die anderen Ungarn ganz gut, weil er mit Herberger beim Spiel Österreich gegen Ungarn (0:1) in Wien war.
Die Zuschauer des ungleichen Fußballkampfes Uruguay – Thun kommen voll und ganz auf ihre Kosten. Die Südamerikaner sparen nicht mit Tricks und Raffinessen. Ihre spielerische Eleganz, ihre traumwandlerisch sichere Ballbehandlung sind bestechend. In der ersten Halbzeit wehren sich die Thuner noch recht tapfer, sie haben sogar ein paar Torgelegenheiten. Nach der Pause aber gehen sie im Wirbel der Urus unter. Mit einer zweistelligen Packung verlassen sie den Platz.
Wir bestaunen und bewundern die Südamerikaner, erkennen aber auch, dass ihre Deckung nicht reibungslos funktioniert. Taktisch, als Mannschaft gesehen, sind diese Individualisten durchaus verwundbar. Wenn wir in bester Form gegen sie antreten könnten, mit unserem schnellen, direkten Spiel ohne jeden Schnörkel, trauen wir uns durchaus eine Chance gegen den Weltmeister von 1950 zu. Wir sind zwar beeindruckt, aber doch nicht so, dass wir Komplexe mit heimnehmen. Im Gegenteil – unser Selbstvertrauen wächst um ein gutes Stück.
Nur ein Spieler fasziniert mich von der ersten Minute an, Juan Schiaffino, der berühmte Halbstürmer. Auch Herberger ist der Meinung, dass er hoch über alle hinausragt. Es ist ein Genuss, diesem Mann zuzuschauen. So begeistert bin ich, dass ich meiner Frau schreibe:
»Ich wünschte mir nur, zehn Jahre jünger zu sein und mit ihm in einer Mannschaft spielen zu können!«
Wie dir Urus nutzen die Ungarn und die Brasilianer jede sich bietende Gelegenheit zu ähnlichen Übungsspielen. So wählen die Ungarn beispielsweise Young Boys Bern als Partner.
Herberger hält weniger von dieser Art zu trainieren.
»In solchen Begegnungen tritt doch immer deutlich die Überlegenheit einer Mannschaft zutage. Und das ist für die Weltmeisterschaft, bei der man nur mit gefährlichen Gegnern zu rechnen hat, nicht ganz das Richtige.«
Andere Trainer vertreten demgegenüber den Standpunkt, durch solche Spiele würde sich ein Team noch eher finden und noch besser kennenlernen. Unangefochten steht eine Ansicht neben der anderen. Jeder handelt nach seiner Fasson.
Im Hotel Belvédère leben wir uns prächtig ein. Die Speisekarte ist reichhaltig, und wir haben keinen Grund, uns über irgend etwas zu beklagen. Hinter dem Büfett in unserem Speisesaal regiert eine energische Blondine, von der die hin und her flitzende Bedienung ganz nett am Gängelband gehalten wird. Werner Liebrich, bei uns nur der »Kleine« genannt, tauft sie dann auch bald »Feldwebel«, später heißt sie einfach »Sergeant«. Sie ist aber keineswegs beleidigt, und wir haben bald heraus, dass hinter ihrer rauen Schale ein weicher Kern steckt. Auch die Serviermädchen haben schnell ihren Spitznamen weg, eine rufen wir zärtlich »Schwärzchen«. Doch gleich ob »Sergeant« oder »Schwärzchen«, sie sind rührend um uns besorgt, und wir fühlen uns geborgen und gut aufgehoben.
Helmut Rahn sprüht vor Kraft und Lebensfreude. In aller Herrgottsfrühe steht er auf dem Balkon und imitiert in zwerchfellerschütterndem Tonfall seine geliebte Essener Marktfrau:
»Prima schnittfeste Tomaten heute, Leute!
Kauft die prima Oma-Lutsch-Birnen!«
Oder er wälzt sich mit Werner Liebrich in einem turbulenten Freistilringkampf am Boden, stellt seinem Gegner den Fuß auf den Bauch und verdreht ihm fürchterlich die Glieder. Zum Zeichen der Aufgabe klopft Werner dreimal auf den Boden. Beide Kämpfer sind nassgeschwitzt. Wir stehen im Kreis herum und klatschen hingerissen Beifall. Der Boss aber hat noch nicht genug. Er dreht Werner, der vor Lachen kaum noch Luft kriegt, auf den Bauch und beißt ihn mit aller Kraft in den Hintern. Der »Kleine« schreit wie am Spieß, und wir brüllen vor Vergnügen. Krumm genommen wird grundsätzlich nichts, das versteht sich ganz von selbst. Einer mag den anderen gern, auch wenn man sich mal ein wenig auf die Schippe nimmt.
DAS ERSTE TÜRKEN-SPIEL
Unter täglich gleich gewissenhaftem Training vergehen die Tage bis zum Spiel gegen die Türkei. Die Vorbereitungen lassen keinen Zweifel darüber, dass wir diesen Kampf auf alle Fälle gewinnen müssen. Schon als wir uns in Saarbrücken die nötigen Punkte holten, um in die Schweiz fahren zu können, war Herbergers Programm fix und fertig: Über die Ungarn würden wir es nie schaffen, unter die letzten Acht zu kommen, das stand für ihn fest. Alles dreht sich deshalb einzig und allein darum, gegen die Türken zu gewinnen. Selbst ein Unentschieden würde uns praktisch aus dem Rennen werfen, denn dann müssten wir die Ungarn besiegen, und diese Möglichkeit lässt der Chef, wie schon gesagt, ganz außer Betracht. Auch zwei Unentschieden, gegen die Ungarn und gegen die Türkei, nützen uns nichts. Wir hätten 2:2 Punkte, die beiden Rivalen aber durch Siege über Korea jeweils 3:1 Punkte. Ohne eine Niederlage erlitten zu haben, müssten wir ausscheiden! Es gibt also nur eine Möglichkeit: Wir versuchen, durch ein zweites Türken-Spiel, das natürlich auch gewonnen werden muss, in das Achtelfinale zu kommen.
So alt wie diese Überlegung ist Herbergers Entschluss, nicht die stärkste Mannschaft gegen Ungarn einzusetzen, um einige Spieler für das zweite Treffen mit den Türken zu schonen. In vielen deutschen Zeitungen und auch in der breiten Öffentlichkeit hat man ihn dieses Planes wegen vernichtend kritisiert.
Der 17. Juni, der Tag unseres ersten Spiels im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft, kommt heran! Wir haben ihn brennend herbeigesehnt. Endlich werden wir zeigen können, dass trotz aller Unkereien etwas in uns steckt.
Vor dem Mittagessen ruft Herberger zur heute besonders wichtigen Spielersitzung, bei der auch die endgültige Mannschaftsaufstellung bekanntgegeben wird. Der Stamm ist zwar schon lange bestimmt, nur in der Rechtsaußenfrage – Rahn oder Klodt? – und in der Torhüterbesetzung – Turek oder Kubsch? – wird noch hin und her überlegt? Die Elf spielt schließlich mit Turek; Laband, Kohlmeyer, Eckel, Posipal, Mai; Klodt, Morlock, O. Walter, F. Walter, Schäfer.
»Die Türkei braucht, weil sie ›gesetzt‹ ist und weil sie gegen Korea bombensicher gewinnt, nur ein Unentschieden! Vergesst das nicht!« Herberger hämmert es uns immer wieder ein.
»Sie wird betont auf Deckung spielen, uns anrennen lassen und dann versuchen, mit einem blitzschnellen Vorstoß ein Tor zu schießen. Ihr dürft euch in der ersten Viertelstunde auf keinen Fall überrumpeln lassen!« Aufmerksam hören wir zu. Der Chef studiert jede Nationalmannschaft gründlich, bevor er uns gegen sie aufs Feld schickt, und seine Ratschläge sind nur zu oft Stütze und Halt.
»Versucht, möglichst bald ein Tor zu machen, damit die Türken aus ihrer zu erwartenden Defensive herausgehen. Das könnt ihr dann ausnutzen, um euren Vorsprung auszubauen.«
Auch die Aufgaben der Verteidigung werden noch einmal durchgehechelt, die Zusammenarbeit von Außenläufern und Halbstürmern. Wenn sich die Außenläufer vorn in den Angriff einschalten, soll dafür der Halbstürmer zurückbleiben und Deckungsaufgaben übernehmen.
Bei Einwürfen auf keinen Fall herumstehen und warten, bis der Ball kommt! Einer läuft hin zu dem, der einwirft, als ob er das Leder annehmen möchte. Damit zieht er den Gegner auf sich; der Ball aber wird in Wirklichkeit einem anderen Kameraden zugeworfen, der inzwischen in entsprechende Position gelaufen ist. Ständig soll Bewegung sein, der Gegner muss irritiert werden! Keinen Augenblick darf er wissen, woran er ist.
Ein Problem für sich sind die gegnerischen Freistöße. Immer wieder, vor allem bei unserem Grünwalder Lehrgang, haben wir geübt, wie sie am sichersten abzuwehren sind. Einer legt den Ball in Strafraumnähe zum Freistoß bereit, die anderen mussten blitzschnell eine Mauer bilden. Toni Turek, oder wer gerade im Tor war, hatte fix den Standpunkt des Flügelmannes der Abwehrmauer zu bestimmen. Kam der Freistoß von rechts, war nach Möglichkeit unser rechter Läufer Flügelmann, kam er von links, war es der linke Läufer. Er hatte sich so zu stellen, dass dem Gegner kein freies Schussfeld blieb, dass er entweder die Mauer oder den Torwart anschießen musste. Bei eigenen Freistößen gilt als abgemacht, dass sie kurz vor dem gegnerischen Strafraum von mir getreten werden. Mit Effet hebe ich sie über die Mauer. Im Mittelfeld übernehmen Leute mit kräftigem Schuss, wie Ottmar oder Max Morlock, die Ausführung.
Bei eigenen Eckbällen halten wir uns an folgende Regel: Von rechts schießt sie der Rechtsaußen, die von links übernehme ich. Sie sind meine Spezialität; in einem einzigen Training habe ich sie oft dreißig- bis vierzig Mal geübt. Ich schieße Ecken von links mit dem rechten Fuß und gebe ihnen – Gefühlssache! – den nötigen Effet. Um den Gegner zu irritieren, haben wir eine oft erfolgreiche List ausgeheckt: Bei der ersten Ecke läuft ein Spieler dem Ball entgegen, als rechne er damit, dass er kurz hereinkommt. Dadurch zieht er einen oder auch zwei Deckungsspieler auf sich. Die Ecke kommt aber lang. Zwei, drei Spieler von uns, die sich von vornherein darauf eingestellt haben und am langen Eck lauern, sind dadurch weniger bewacht. Sie haben oft eine Chance, das Leder ins Tor zu schießen oder zu köpfen. Beim zweiten Eckball läuft wieder einer unserer Stürmer dem Ball entgegen. Die gegnerische Abwehr, die sich nicht an der Nase herumführen lassen will, reagiert auf die vermutliche Finte nicht, weil sie, gewarnt durch das erstemal, mit einer langen Ecke rechnet. Aber die Ecke kommt wirklich kurz.
Eine Kriegslist, die man beliebig variieren kann, und die komplizierter klingt als sie ist.
Dann die Elfmeter! Am Anfang hab’ ich mich heftig gesträubt, sie auszuführen. Herberger aber hat angeordnet:
»Bei mir schießen Sie die Elfmeter! Auch wenn es in Ihrer Vereinsmannschaft ein anderer macht! Sie können ruhig einen Strafstoß verschießen. Die Verantwortung dafür übernehme ich. Hauptsache, dass Sie schießen!«
Es kann natürlich vorkommen, dass der Elfmeterschütze aus irgendwelchen Gründen gerade nicht einsatzfähig ist. Vor dem Spiel wird deshalb schon ein Schütze Nummer Zwei bestimmt. Beim Türken-Spiel hieß er Jupp Posipal.
Auch die eventuelle Verletzung des Torwarts ist einzukalkulieren. Beim Training sind Kohlmeyer, Liebrich, Rahn und Ottmar im Tor ausprobiert worden. Wenn Turek verletzt wird, soll Ottmar für ihn ins Tor gehen. Aber nur für den Fall, dass wir im Vorteil sind und auf einen Stürmer verzichten können. Umgekehrt, wenn es darum geht, unter allen Umständen einen gegnerischen Vorsprung aufzuholen, soll Kohlmeyer die Torhüterrolle übernehmen.
Ich glaube nicht, dass Herberger in dieser gründlichen Spielersitzung etwas vergessen hat. Voll guter Vorsätze für das Spiel gehen wir in den Speisesaal zum Mittagessen.
»Poulet« steht auf der Karte, unser vor Länderspielen schon zur lieben Gewohnheit gewordenes Hähnchen; ein leichtes, aber kräftiges Essen.
Nach Tisch ist wie jeden Tag Bettruhe. Wer nicht schlafen kann, liest oder hört wie ich Kofferradio. Geruht werden muss auf jeden Fall. Deuser geht von einem Zimmer zum anderen und macht bei den elf, die zum Spiel aufgestellt sind, eine leichte Auflockerungsmassage.
Langsam wandert der Uhrzeiger! Endlich können wir dann aber doch unsere Siebensachen zusammenpacken und in den Omnibus klettern, der uns nach Bern bringt.
»Singen oder laufen!« heißt es beim Einsteigen, und ich kann versichern, dass noch niemand gelaufen ist.
Von Spiez nach Bern sind es nur etwa dreißig Kilometer. Als wir vor dem Stadion eintreffen und den Bus verlassen, nehmen uns begeisterte deutsche Schlachtenbummler in Empfang. Fähnchenschwenkend wünschen sie uns alles Gute.
Zum ersten Mal im Verlauf der Weltmeisterschaft gehen wir in unsere Kabine. Jeder sucht einen Platz und beginnt sich umzuziehen. Wir spielen in schwarzen Hosen und weißen Trikots!
Das ist heute nicht so selbstverständlich, wie es klingt, denn die Türken haben ebenfalls weiße Trikots (mit rotem Brustring). Damit der Schiedsrichter nicht irritiert werden kann und Verwechslungen zwischen den Spielern selbst ausgeschlossen sind, muss eine Mannschaft andere Trikots tragen. Es wird gelost, wer in seinem gewohnten Dress auf den Rasen darf. Eine Viertelstunde vor Spielbeginn kommt Dr. Bauwens freudestrahlend in die Kabine und verkündet.
»Das richtige Los hab’ ich schon mal erwischt! 1:0 für uns! Alles andere liegt jetzt bei euch!« Wir dürfen unsere gewohnten Trikots tragen, die Türken nehmen rote mit weißem Bruststreifen.
Herberger prüft den Rasen, Dassler sorgt dafür, dass die richtigen Stollen auf die Schuhe geschraubt werden, Arzt, Masseur – sie alle sind auf ihrem Posten. Auch ein paar von den elf Mann, die nicht spielen, müssen in der Kabine bleiben. Es könnte in letzter Minute noch etwas passieren. Erst wenn alle Spieler draußen sind, dürfen die Ersatzleute zu den anderen auf die Zuschauerbänke. Alle, die heute nicht eingesetzt werden, geben uns vor dem Spiel die Hand und wünschen »Hals- und Beinbruch«!
Jeder von uns elf sucht noch einmal das ganz stille Örtchen auf. Aufgeregtere laufen auch zwei- oder dreimal.
Herberger erinnert schnell an seine wichtigsten Anweisungen. Als draußen auf dem Gang der Pfiff des Schiedsrichters zum Fertigmachen ertönt, drückt er mir, dem Spielführer, kräftig die Hand.
»Alles klar?« frage ich die Kameraden.
»Alles klar! Jeder seinen Mann!«
Wir verlassen unsere Kabine. Mit den Türken betreten wir den Platz, umbraust vom Jubel der deutschen Landsleute, die von den rund 30.000 Zuschauern glatt die Hälfte ausmachen. Die Mannschaften stellen sich in einer Reihe auf, in der Mitte Schiedsrichter da Costa, Portugal, flankiert von beiden Linienrichtern.
Zum ersten Mal während der Weltmeisterschaft hören wir die deutsche Nationalhymne. Für uns ein feierlicher Augenblick.
Nachdem sich die Spielführer – Turgay und ich – dem Schiedsrichter vorgestellt haben und von ihm mit den Linienrichtern bekannt gemacht worden sind, tausche ich mit dem türkischen Mannschaftskapitän die Wimpel aus.
»Alles Gute!« wünsche ich ihm dabei und »Hals- und Beinbruch!«
Ob er mich versteht? Den Sinn meiner Worte bestimmt; er entgegnet mit festem Händedruck auf französisch:
»Bonne chance!« – »Viel Glück!«
Endlich, endlich ist es soweit!
Der Schiedsrichter pfeift nach der Platzwahl – ich gewinne sie – unser erstes Spiel um die Weltmeisterschaft an.
Schreckschuss ohne Wirkung
Die Türken haben Anstoß. Kohli fängt ihren Angriff ab. Dann greifen wir an und sind sofort gut in Form. Aber schon nach drei Minuten tritt das ein, was wir unter allen Umständen vermeiden wollten. Der gefährliche türkische Halbrechte Suat wird bei einem überraschenden Vorstoß nicht am Schuss gehindert. Unsere Hintermannschaft ist nicht gleich im Bilde. Der an und für sich harmlose Ball geht unter Toni Turek, der sich zu spät danach wirft, ins Tor.
Wir erstarren zu Salzsäulen. Die Türken springen vor Freude in die Luft, sie stürzen aufeinander zu und fliegen sich um den Hals. Wir haben nur einen Gedanken: ihnen genügt ein Unentschieden! Und jetzt liegen sie schon 1:0 im Vorteil!
Der Schock wirkt zum Glück nur kurze Sekunden. Wir schauen einander an, und Max Morlock schreit:
»Macht nix! Jetzt erst recht!«
Ottmar und ich stehen in seiner Nähe. Mit Händen und Füßen redend geben wir den anderen zu verstehen: Lasst jetzt bloß die Köpfe nicht hängen! Im Nu haben wir uns wieder in der Gewalt; mit verstärktem Elan stürmen wir los.
Die Taktik der Türken ist für uns eine große Überraschung. Sie verlegen sich durchaus nicht so ausschließlich auf die Verteidigung, wie wir es erwartet haben. Immer wieder brechen sie durch, spielen wirklich gescheit ihren Mittelstürmer an, und der setzt geschickt die Flügelstürmer ein. Ihr Kombinationsspiel klappt vorzüglich. Diese Türkenmannschaft, die ja – und das war die erste Sensation – das »gesetzte« Spanien ausgeschaltet hat, ist weit stärker als in Berlin, wo sie (auf den Tag genau vor drei Jahren) gegen eine schwach spielende deutsche Mannschaft 2:1 gewonnen hat. Sie ist auch weit stärker als beim Rückspiel in Istanbul, wo wir uns am 21. November 1951 sehr, sehr schwer taten, einen 2:0-Sieg zu erringen.
Da kommt von der Läuferreihe, von Eckel, ein Pass zu mir. Bevor ich den Ball am Fuße habe, weiß ich schon, was er will. Steil lege ich ihn Max Morlock vor, der sofort in Stellung läuft. Er reagiert genau so prompt, erkennt blitzschnell, dass sich Hans Schäfer von seinem Posten als linker Flügelstürmer löst und in die Mitte startet. Haargenau spielt Max in den freien Raum. Schäfer bekommt den Ball direkt auf den Fuß, nimmt ihn mit und stürmt – stürmt zwischen zwei Verteidigern in der Mitte durch und schießt an dem herauslaufenden Torwart Turgay vorbei in der 13. Minute den Ausgleich.
Nun liegen wir uns in den Armen.
»So, jetzt kann’s losgehen!«
»Aufpassen!«
»Nur nicht nachgeben!«
Aufgemuntert forcieren wir das Tempo und unser ganzes Spiel. Keine Spur mehr von Nervosität bei uns im Sturm, immer häufiger gehen wir zum Angriff über. Aber die türkische Hintermannschaft gibt sich keine Blöße. Die beiden Verteidiger sind eisenhart, und Turgay hat einen guten Tag. Mit aller Kraft setzen sich unsere Gegner zur Wehr, dabei sind harte Zweikämpfe unvermeidlich. Sie sehen von außen her jedoch meist viel schlimmer aus, als sie wirklich sind. Man geht auch gleich aufeinander zu, entschuldigt sich, klopft sich gegenseitig auf die Schulter und beteuert, dass es nicht so gemeint war. Wir können es den Türken nicht einmal verdenken, dass sie hart spielen und außerdem die Bälle immer wieder weit nach vorn schlagen, nur um Luft zu bekommen. Ihnen genügt ein Unentschieden! Sie versuchen durch verzögernde Tricks das 1:1 zu halten. Kurz vor der Halbzeit gehen wir, nein, wären wir beinahe durch Ottmar in Führung gegangen: Er schießt ein Tor, leider aus einwandfreier Abseitsstellung. Auch eine Ecke gibt es noch für uns, aber sie bringt nichts ein. Kurz darauf pfeift Schiedsrichter da Costa zur Pause.
In der Kabine holen wir zwei, drei Minuten lang zuerst einmal ruhig Luft, schnaufen so tief, wie wir nur können. Masseur Deuser sieht nach, was wir an Prellungen abbekommen haben. Mit einer Tinktur reibt er dem einen die Oberschenkel, dem anderen den Rücken oder die Brust ein. Er schuftet in der kurzen Pause mit aller Kraft, um uns wieder fit zu machen. Schuhfachmann Dassler kontrolliert, ob jemand seine Stollen verloren oder beschädigt hat. Wir spülen uns inzwischen den Mund aus, trinken einen Schluck Tee oder kauen auf einem Zitronenscheibchen.
Erst jetzt nimmt uns Herberger ins Gebet. Vor allem die Hintermannschaft ermahnt er zur Vorsicht, damit nichts mehr passiert. Posipal ist doch noch nicht ganz auf dem Posten, wie es scheint. Seine Unsicherheit überträgt sich ganz automatisch auf die anderen. Selbst Toni Turek, sonst die Ruhe in Person, zeigt eine gewisse Nervosität. Vom Sturm verlangt der Chef, dass er möglichst bald ein Tor schießt, damit die Türken noch mehr aus ihrer defensiven Haltung heraus müssen, als sie das freiwillig ohnehin schon tun.
Die Pause ist schnell vorbei. In Gruppen von drei, vier Mann gehen wir wieder auf den Platz. Einer spricht dem anderen nochmal Mut zu. Auch der vieltausendstimmige Beifall unserer Landsleute ist ein kraftspendender Motor.
Schiedsrichter da Costa pfeift die zweite Halbzeit an. Wie besprochen stürmen wir gleich mit Vehemenz los. Nach einer Steilvorlage, die Ottmar von der Mittellinie aus gibt, lässt Berni Klodt in einem unwiderstehlichen Sprint alle türkischen Deckungsleute hinter sich und schießt in der 51. Minute an dem herausflitzenden Turgay vorbei das so wichtige und auch entscheidende zweite Tor. Damit sind die Türken eindeutig auf die Verliererbahn gedrängt.
Bald darauf prallen Toni Turek und Jupp Posipal zusammen, ein unglücklicher Zwischenfall, wie er vorkommen kann. Der Düsseldorfer hat den härteren Schädel, und der Hamburger muss für ein paar Minuten ausscheiden. Masseur Deuser nimmt ihn unter seine Fittiche, er bringt ihn vom Spielfeld weg hinter das Tor und beginnt seine erfolgreichen »Wiederbelebungsversuche«. Für den ausgefallenen Posipal geht Max Morlock einstweilen in die Verteidigung, die heute, wie schon gesagt, sehr leicht ins Schwimmen gerät. Posipal kehrt bald aufs Spielfeld und Max auf seinen halbrechten Posten zurück.
Etwa zehn Minuten sind seit unserem Führungstor vergangen. Da wird Hans Schäfer von zwei Türken angegriffen. Bedrängt gibt er den Ball dennoch zentimetergenau an Morlock ab, der etwa auf der Höhe der Torlinie zur Mitte flankt. Turgay verfehlt und Ottmar hält den Kopf hin: 3:1 für uns!
Eine Viertelstunde später hätte ich beinahe den vierten Treffer erzielt. Klodt schiebt mir im Strafraum den Ball zu. Turgay scheint schon geschlagen, ich brauche dem Leder nur noch ein Tüpferl zu geben, dann fliegt es in den Kasten. Aber wie von einer Feder geschnellt, taucht plötzlich Turgay auf, wirft sich halb nach rückwärts und verhindert ein todsicheres Tor in allerletzter Sekunde. Ich könnte mir die Haare raufen. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen, den Ball schärfer zu treten. Dann hätte ihn auch Turgay, der Teufelskerl, nicht mehr erwischt.
Hans Schäfer läuft auf mich zu, um mich zu trösten:
»Mach dir nichts draus, Fritz! Das kommt in den besten Familien vor. Ist mir auch schon passiert.«
Zehn Minuten später liefere ich dafür Maßarbeit, eine haargenaue Vierzig-Meter-Vorlage zu Ottmar. Der täuscht den rechten Verteidiger der Türken und gibt einen Pass nach innen zu Morlock. Torhüter Turgay ist in der Klemme. Was soll er tun? Herauslaufen? Im Tor bleiben? Zum einen ist es zu spät, das andere ist zu gefährlich. Wie man es macht, so ist es bekanntlich falsch. Turgay ist immer noch unschlüssig. Morlock aber schaltet schnell und schießt. Der Ball prallt vom linken Torpfosten ab ins Netz. 4:1. An unserem Sieg gibt es nichts mehr zu rütteln.
Das Stimmungsbarometer steigt
Nach dem Schlusspfiff lassen die deutschen Zuschauer, die uns während des ganzen Spiels anfeuernde Begleitmusik schenkten, ihrer Freude freien Lauf. Jetzt stürmen sie aufs Spielfeld und drücken uns enthusiastisch ihre Anerkennung aus.
Auch in der Kabine gibt es zunächst ein allgemeines Händeschütteln. Herberger drückt mir als Spielführer die Hand, und ich gehe zu den zehn Kameraden und danke ihnen für ihr faires und anständiges Spiel. Dann kommen noch die verantwortlichen Leiter des DFB, Dr. Bauwens, Huber, Körfer und quittieren unsere Leistung mit einem kräftigen Händedruck.
»Uff, das hätten wir hinter uns!«
»Jetzt kann es in aller Ruhe weitergehen!«
»Selbst wenn am nächsten Sonntag gegen die Ungarn alles schiefläuft, können wir durch ein zweites Spiel gegen die Türkei immer noch eine Runde weiter kommen.«
»Wenn wir Weltmeister werden«, gelobt Berni Klodt ziemlich voreilig, »spring ich mit den Kleidern kopfüber in den Thuner See.« Ein tolles Angebot von einem, der nicht schwimmen kann!
»Dann lass dich von Kwiat retten!« empfiehlt ein Spaßvogel, der genau weiß, dass Kwiatkowski auch Nichtschwimmer ist.
Von allen Seiten schwirrt der Optimismus. Eine gute und zufriedene Stimmung macht sich breit.
Ich zerre noch an meinen Schuhen herum, da sind die anderen schon unter der Brause. Aber warum soll ich mich beeilen? Jetzt hängt ja nichts mehr von Sekunden ab. Trotzdem schaue ich, dass ich allmählich auch fertig werde. Das köstliche Gefühl nach einem Spiel, noch dazu nach einem gewonnenen Spiel, unter der warmen Brause zu stehen, möchte ich gründlich genießen. Um sofort jede Müdigkeit aus dem Körper zu vertreiben, nehmen wir heiße und kalte Wechselbäder. Während wir wie übermütige Kinder herumhantieren, packt Deuser seine Utensilien zusammen. Die Ersatzleute helfen mit, Trikots, Hosen und Stutzen zu zählen.
Als wir es absolut nicht mehr hinausschieben können, trocknen wir uns ab und schlüpfen in unsere Trainingsanzüge.
Vor der Kabine warten Scharen von deutschen Schlachtenbummlern, um uns die Hände zu schütteln und Glück zu wünschen. Von allen Seiten strecken sie uns Fotos und Ansichtskarten entgegen, die wir unterschreiben sollen. Wir denken an die Begeisterung, mit der sie unser Spiel unterstützt haben und erfüllen ihre Bitten so weit wie möglich.
Im Omnibus machen wir es uns dann gemütlich. Die Stimmung ist gut. Singend kommen wir gegen neun Uhr wieder im Belvédère an. Nachdem wir unsere Sachen auf die Zimmer gebracht haben, treffen wir uns gleich anschließend im Speisesaal. Bevor das Abendessen aufgetragen wird, dankt Herberger kurz noch einmal für den Einsatz der Mannschaft.
»Über alles, was noch falsch war, reden wir morgen. Das erste Spiel habt ihr jedenfalls gewonnen. Und nun lasst es euch schmecken!«
Mit gesundem Appetit langen wir zu. Das zur Feier des Tages genehmigte Glas Bier wird mit lautem Hallo begrüßt. Außer Sprudel und Traubensaft müssen wir nämlich sonst mit einer Tasse Kaffee oder einem Glas Tee zufrieden sein.
Möglichst bald wollen wir heute in den Betten liegen. Vorher gehe ich noch zu Deuser in die Unterwassermassage. Zwei, drei Kameraden schließen sich an.
Die Unterwassermassage hat uns schon in Grünwald zur Verfügung gestanden. Sie ist keine absolut neue Erfindung. Das Kaiserslauterer Pfaffbad z. B. hat die »U-Massage« schon längere Zeit. Deuser verwendet sie bei Fortune Düsseldorf ständig, und auch andere Vereine gebrauchen sie regelmäßig. Die Nationalelf hat sie bisher noch nicht benutzen können, weil dafür eine Badewanne mit einem fest angebauten Gerät erforderlich ist. Für die Dauer der Weltmeisterschaftskämpfe aber hat eine Firma, soviel ich weiß, kostenlos, einen leicht transportablen Apparat zur Verfügung gestellt, der in die Schweiz vorausgeschickt wurde. Man kann ihn – und das ist der Vorteil – an jede beliebige Badewanne anschließen.
Prellungen, Zerrungen und Blutergüsse sind durch Unterwassermassage viel schneller und intensiver zu vertreiben als mit Handmassage. Aber auch ohne angeschlagen zu sein, nehmen wir die Spezialbehandlung gern in Anspruch, um die kleinste Verkrampfung der Muskeln zu lösen und verbrauchte Stoffe erst gar nicht im Körper zu lassen. Nach keinem Spiel in der Schweiz gehen ich ins Bett, ohne mich vorher Deusers Händen anzuvertrauen, selbst wenn wir erst um ein Uhr oder zwei Uhr ins Hotel zurückkehren.
Als ich endlich ins Zimmer komme, liegt der Boss schon in den Federn. Er war beim ersten Türken-Spiel nicht aufgestellt. Eine bittere Pille für ihn, der in prächtiger Form ist und seinen Einsatz kaum erwarten kann. Dafür rechnet er fest damit, in einem der nächsten Spiele mit von der Partie zu sein. Aber wenn er auch heute nur Zuschauer war, freut er sich ehrlich über unseren Sieg. Mit einem schönen und zufriedenen Gefühl schlafen wir an diesem Abend ein.
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