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FRITZ ROSENFELD

Johanna

ROMAN

Herausgegeben und mit einem Nachwort

von Primus-Heinz Kucher


Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Fritz Rosenfeld und sein Johanna-Roman Eine unerwartete wie überfällige Wiederentdeckung

Literatur

I.

Über den Himmel jagen Wolkenfetzen, grelle Blitze zucken durch die Nacht, der Regen peitscht die aufgeweichte Straße, der Sturm heult wilde Gesänge in den Tannenwipfeln, aus dem Walde dröhnt das Fallen gebrochener Bäume, hie und da kreischt ein Tierlaut auf, hallt als endlos gezogener Schrei durch das Dunkel.

Ein Wagen schiebt sich mühsam durch den anschwellenden Kot, der Gaul trottet müde dahin, der Mann auf dem Kutschbock verkriecht sich in seinen Mantel, läßt die Peitsche über den Rücken des Pferdes knallen. Seine Laterne ist längst erloschen. Wenn der Wind ihm einen Regenschwaden ins Gesicht wirft, stößt er einen dumpfen Fluch aus.

Stunde um Stunde rollt dahin, das Wetter rast mit wachsendem Ungestüm. Die Straße gleicht einem Strom, Wasser spritzt auf, wo der Huf des Pferdes den Boden berührt. Der Mann läßt die Peitsche sinken. Wozu das Pferd quälen – es kann kaum mehr weiter.

Schießt eine Blitzfurche über den Himmel, so werden die Gipfel der Berge sichtbar. Unheimlich starr schimmern sie, nackte Felsen, ohnmächtig aufgereckt gegen das Firmament.


Nach und nach wird das Gewitter schwächer. Die Wolkendecke teilt sich wie ein Schwarm, der auseinandereilt, aus den geborstenen dunklen Ballen tropft Regen, trommelt gleichmäßig auf die Blachen, die den Wagen überspannen.

Der Mann wendet sich ins Wageninnere.

»Es hört auf, Johanna. Hab’ keine Angst mehr. Es ist vorüber. Bald wird es Tag. Die Sonne geht auf – dann wird es warm. Und dann sind wir im Dorf. Zieh’ die Decke fest zusammen, Kind – so, und schlaf noch ein bißchen. Wenn du erwachst, ist es hell und warm.«

Das Kind im Wagen bohrt sich unter die schwere Decke, der Mann greift zur Peitsche. Schneller rollt der Wagen. Der Regen singt eine betäubende Melodie. Der einförmige Rhythmus seines Fallens zwingt die Augen zu.

Am Horizont tasten sich zaghaft die ersten Lichtstrahlen herauf.


Das Dorf erwacht. Die Menschen kriechen aus den Häusern, eilen auf die Felder, um zu sehen, was das Gewitter ihnen zerschlug. Mägde kommen aus den Ställen, die Milch dampft in den Eimern, sie füllen große Wannen an, Knechte beladen die Wagen. Geduldige Pferde schleppen die Wagen der Stadt zu, Tag für Tag denselben Weg.

Am Ende der Dorfstraße begegnen die Wagen einander. Der Mann auf dem Bock ruft die andern an:

»Heda – ihr, wo wohnt euer Bürgermeister?«

Die Wagen halten. Einer weist den Weg. Die Peitschen knallen – und die Räder rasseln weiter.


Der Bürgermeister reibt sich den Schlaf aus den Augen. Er ist spät ins Bett gekommen. Der Blitz hat in eine Scheune eingeschlagen – da hieß es löschen helfen. Er ist mißmutig. Das Getreide steht schlecht, und der Himmel schickt Wetter auf Wetter. Ein Glück, daß die Scheune leer war, die in der Nacht niederbrannte.

Es klopft an die Tür. Die Magd tritt ein.

»Bauer – draußen ist einer, der euch sprechen will.«

»Wer ist es denn – in aller Früh – will wieder betteln – wahrscheinlich.«

»Weiß es nicht. Er kommt mit einem Kind.«

»Laß ihn herein. Kaum hat man die Augen aufgeschlagen, geht der Ärger an.«

Der Mann tritt ins Zimmer, macht eine demütige Verbeugung, zerknittert seinen Hut in der Hand, ist verlegen. Das Kind an seiner Seite wagt nicht aufzublicken, klammert sich an seinen Rock.

»Was wollt Ihr?«

»Ihr seid der Bürgermeister?«

»Der bin ich.«

»Dann bin ich am richtigen Ort.«

Der Mann schielt nach dem Tisch, als warte er darauf, zum Sitzen aufgefordert zu werden. Mit einer gnädigen Handbewegung lädt ihn der Bürgermeister ein. Beide setzen sich, das Kind schmiegt sich scheu an den Begleiter.

»Nun sprecht – was führt Euch her?«

»Es geht um die Kleine da. Ich komme von drüben – überm Gebirge. Die Gemeinde schickt mich. Das ist nämlich so, das Mädele da ist die Tochter eines Taglöhners, der aus eurem Dorf stammt. Wie er hieß, weiß ich nicht. Den Taglöhner-Franz haben wir ihn genannt. War ein kratzbürstiger, unfreundlicher Geselle – aber das tut nichts zur Sache. Er war hier gebürtig, auch sein Weib war von hier. Erinnert ihr euch?«

Der Bürgermeister denkt eine Weile nach.

»So ein Kleiner wars – ein armseliger Kerl – und das Weib war sommersproßig –«

»Ja, die waren es. Und die sind nämlich gestorben. Nicht gleichzeitig. Er ist im vorigen Jahr bei einem Bergrutsch umgekommen. Wie das geschehen ist, weiß bis heute niemand. Eines Tages rollte unten beim Bach ein Felsen ab – unter dem Felsen fanden wir den Taglöhner-Franz. Kein Knochen war ganz mehr. Das Weib hat geweint und gejammert – aber dann hat sie sich halt um Arbeit umgesehen. Hat sich recht und schlecht durchgefrettet mit dem Kind, ist aushelfen gegangen, wo man jemanden gebraucht hat, hat Kräuter gesammelt – und ab und zu haben wir ihr was geschenkt – wie das so ist. Hat oft genug Nägel beißen müssen, das arme Weib. Dann ist sie krank worden – war kein Wunder – bei der Schinderei und dem Essen. Einen Monat ist sie gelegen – und vor einer Woche gestorben. Das Kind ist zurückgeblieben. Verwandte sind keine – da hat man mich hergeschickt, Ihr müßt es übernehmen. Es gehört zu Euch. Was die Eltern gehabt haben, liegt draußen im Wagen. Viel ist es nicht. Sind halt recht arme Teufel gewesen.«

Der Bürgermeister war aufgestanden und ging mit großen Schritten durchs Zimmer. Er kannte diese Geschichten. Kinder in die Welt setzen und sie dann der Gemeinde auf den Hals laden.

»Das geht uns gar nichts an. Die Leute haben bei Euch gewohnt und sind bei Euch gestorben und begraben. Ihr müßt für das Kind sorgen.«

»Sie sind bei Euch geboren – und gehören zu Eurer Gemeinde. Auch das Kind ist hier zur Welt gekommen. Wir haben gar keine Pflichten gegen sie.«

Der Widerstand bringt den Bürgermeister in Zorn. Er fährt los wie ein Wilder:

»Macht mit dem Kind, was Ihr wollt. Von mir aus ertränkt es im Bach. Lebenslang hat man die Bettler zu erhalten, und dann soll man noch die Kinder füttern. Wenn man das tut, wird das Gesindel nur frech. Hätten das Kind mitnehmen sollen – wer braucht es denn. Laufen genug Rangen im Dorf herum. Noch ein Balg mehr – nein. Jetzt soll man es aushalten – und wenn es groß ist und arbeiten kann, dann läuft es davon. Dann gehört es nicht mehr zur Gemeinde. Nein, nein, macht mit dem Kind, was Ihr wollt.«

»Aber wir können doch das Kind nicht verhungern lassen.«

»Wenn du so weichherzig bist, nimm es dir, es wird dir keiner streitig machen.«

»Hab’ selbst genug – mehr als ich Brot hab’.«

»Dann soll es Eure Gemeinde erhalten. Die unserige ist arm und hat nichts übrig für fremde Kinder. Heut nacht ist einem die Scheune abgebrannt – dem müssen die Anderen unter die Arme greifen – hat nichts zum beißen –«

»Wir sind auch nicht reich. Wir können es nicht erhalten. Uns ist es ein Fremdes. Streit’ nicht, Bürgermeister, du weißt, es gehört Euch. Du weißt, es ist Eure Pflicht, für das Kleine zu sorgen.«

»Pflicht hin, Pflicht her. Ich will nicht, und das ist wichtiger.«

»So – – du willst nicht. Nun gut. Meinetwegen. Ich laß das Kind da. Geh, Hannerl, wir holen deine Sachen.«

Das Kind hat von dem Auftritt nichts verstanden, es weiß nicht, worum es geht. Gehorsam läuft es auf die Straße, hilft die Kleiderbündel und Taschen ins Zimmer tragen. Der Bürgermeister steht dabei, die geballten Fäuste in den Hosentaschen vergraben, und sieht ohnmächtig zu. So sehr er zürnt, so heiß die Wut in ihm kocht, weiß er doch ganz genau, daß er nichts machen kann, weil er zur Erhaltung des Kindes verpflichtet ist.

»So, da sind die Sachen. Mehr war es nicht. Ihr könnt drüben nachfragen, wenn Ihr mir mißtraut.«

Nochmals flammt der Zorn des Bürgermeisters auf.

»Und ich sag – daß ich es nicht leide – ich will nicht –«

»Das macht untereinander aus. Ich selber kann nichts dafür. Wir haben kein Geld.«

Der Mann wendet sich zum Kind.

»Bleib recht brav, Hannerl, ich besuch’ dich bald – ja – gut sein zum neuen Onkel – recht folgsam sein – ja –«

Er bietet dem Bürgermeister die Hand, die dieser widerwillig nimmt. Das Kind blickt dem Manne unverständig nach. Es begreift dunkel, daß er sich von ihm trennt und fängt darum zu weinen an. Als es auf die Straße läuft, ist der Wagen bereits fort. Es geht in die Stube zurück, sieht zu dem großen, finsteren Mann auf, und als dieser sich abwendet, schleppt es seine Habe in den Winkel, wirft sich darauf und weint wieder.


Der Bürgermeister rief die Bauern zusammen. Sie wetterten und tobten, weil sie einen unnützen Esser ernähren sollten. Aber da sie sich nicht helfen konnten, fügten sie sich darein und suchten so billig wie möglich davonzukommen. Sie schrieben eine Art Versteigerung aus und bemühten sich, das Kind um ein möglichst geringes Kostgeld unterzubringen. Es wurde um ein paar Groschen gefeilscht. Niemand wollte das Kind nehmen, denn soviel, daß man daran verdienen konnte, gab die Gemeinde nicht, und umsonst wollte niemand das Kind erhalten. Wenn nur die Kosten gedeckt waren, dann blieben Zeit und Mühe unbezahlt. Hätte man es kaufen können – sich ein Anrecht auf die werdende Arbeitskraft sichern – das wäre eine gut verzinste Kapitalanlage gewesen. Das Kind billig großzufüttern, um dann ein williges Arbeitstier zu haben. Aber das ging nicht an.

Im hohen Rat der Gemeinde wußte man nicht aus noch ein. Witzbolde sagten, wenn sich niemand findet, muß der Bürgermeister das Kind behalten. Wäre es zu irgendeiner Arbeit zu brauchen gewesen, hätte er das auch gerne getan. Aber es war erst vier Jahre alt.

Endlich erinnerte man sich einer alten Häuslerin, die an der äußersten Grenze des Dorfes, wo der Wald begann, wohnte, und nichts zu beißen hatte. Die war für einen Groschen zu allem zu haben. Sie ließ das Kind hungern, aber das kümmerte niemanden, und wenn es bei ihr zugrunde geht, ist die Gemeinde von der Last befreit. Der Bürgermeister übernahm es selbst, das Kind hinzuführen. Und da nicht anzunehmen war, daß die Alte das Geschäft zurückweisen werde, galt die Sache für erledigt.


Die Hütte der Alten stand am Waldrand, war ehemals von Köhlern bewohnt gewesen, dann verfallen, eine Zeit lang hatten Zigeuner darin gehaust; als das Haus der Alten einmal niedergebrannt war, wies man ihr die Hütte an. Der Tischler vernagelte die eingebrochenen Fenster, zimmerte einige rohe Möbel, und damit war genug getan. Niemand dachte an das alte Weib, man sah es selten auf dem Stück Acker, das man ihm geschenkt hatte, traf es noch seltener im Dorf. Es suchte keinen und wurde von keinem gesucht.

Darum verwunderte sich die Alte sehr, als der Bürgermeister eines Tages daherkam – sie war vor Aufregung außer sich, lief in dem engen Raum umher, wußte nicht, was sie beginnen sollte.

»Aber die Ehre – der Herr Bürgermeister.«

Der Bürgermeister, der Eile hatte, beschwichtigte sie. Sie ließ es sich aber nicht nehmen, de Stühle abzuräumen, warf allerlei Plunder kurzerhand in den Winkel, holte aus einer Truhe eine Flasche Branntwein, um den Bürgermeister zu bewirten. Da ihm daran lag, sich mit der Alten zu vertragen, trank er einen Schluck. Nun wandte sich die Alte zu dem Kinde.

»Ja – was bringt ihr mir da für eine liebliche Prinzessin?«

»Das Kind soll bei Euch bleiben. Hört zu.«

—

Mit wenigen Worten klärte der Bürgermeister die Häuslerin über das Wichtigste auf. Die Alte war sofort einverstanden. Als sie das Geld für den ersten Monat sah, kannte ihre Freude keine Grenzen. Ihre brennenden Augen gierten aus fahlen Höhlen nach den Münzen. Der Bürgermeister beobachtete sie scharf.

»Du haftest selbstverständlich für das Kind.«

»Selbstverständlich – das süße Kleine – wird es gut bei mir haben. – Ich hab ja Kinder gern. Herr Bürgermeister – Sie wissen es gar nicht – so gern. Und dann – bin ich nicht mehr so einsam. Es ist manchmal recht unheimlich – da heraußen.«

Und ihre Blicke strichen neugierig nach dem Bündel, das die Kleine trug.

»Das sind ihre Kleider. Einiges ist noch von der toten Mutter. Das kannst du für dich verwenden.«

»Tausend Dank – Herr Bürgermeister – tausend Dank. Werde meine Sache schon gut machen.«

»Ich schaue mal wieder her. – Wenn dem Kind etwas zustößt, meldest du’s sofort – verstanden?«

»Es wird ihm nichts zustoßen bei mir – ich werde es gut halten.«

Ohne auf das Kind zu blicken, ging der Bürgermeister davon.

Kaum war die Tür hinter ihm zugefallen, da stürzte sich die Alte auf das Bündel, riß es auf, wühlte in den Kleidern, suchte die buntesten Stücke, hielt sie sich selbstgefällig vor den Leib. Das Kind sah zu, wußte nicht, wie ihm war. Eine tiefe Leere gähnte in seinem Innern.


Es ging gegen Mittag. In dem kleinen Ofen flackerte Feuer, die Alte kochte Kartoffeln, das Kind saß stumm in der Ecke.

»Komm her – Kleine – komm her.«

Das Mädchen sah auf. Seine Augen hatten einen feuchten Glanz. Als es die Alte sah, fürchtete es sich.

»Na, so komm doch.«

Erst als das Essen dastand, kam das Kind, vom Hunger getrieben.

»Wie heißt du denn – sag!«

»Hannerl.«

»Und wie noch?«

Das Kind starrte verständnislos.

»Wie hieß deine Mutter?«

»Mutter«, sagte das Kind und blickte die Alte an, wie man etwas so Selbstverständliches fragen konnte.

Da sah die Alte, daß aus dem Kind nichts herauszuholen war.

»Und wie wirst du mich nennen?«

Wieder waren die Augen des Kindes groß, aufgerissen, fragend.

»Willst du mich Mutter nennen? Ich bin jetzt deine Mutter.«

Das Kind schüttelte den Kopf.

»Dann Großmutter.«

»Großmutter?«

»Ja. Großmutter. Weißt du nicht, was das ist?«

»Nein.«

»Du wirst das Wort schon behalten. Jetzt iß nur. Magst ein Stück Brot? Ein recht großes? Und viele Kartoffeln, recht viele?«

Der Hunger ließ das Kind alles vergessen, er schnitt ihm alle Gedanken ab. Stumm aß es seine Kartoffeln, kaute an seinem Brot.

Als es fertig war, fragte die Großmutter: »Nun – wie heiße ich – weißt du’s noch?«

»Großmutter.«

»Und wirst du mich lieb haben?«

Ein langer, irrender Blick ging über das Antlitz der Alten. Dann nickte Johanna.

»Ja.«


Die Alte war keine schlechte Person. Ihre Gier war nichts als das Ausgehungertsein der Armut, sie griff nach dem Geld, nur weil sie es brauchte, ihren Hunger zu stillen. Darum war sie auch zu Johanna nicht hart. Was sie dem Kinde an Essen versagen mußte, das ersetzte sie durch Freundlichkeit und Liebe. Sie sah in dem Mädchen den hilflosen, verlassenen Menschen, der ihr anvertraut war, und sie wußte wie es tat, keinen zu haben, der einen lieb hat. Daß dieses Wesen ihr Brot brachte, das war einmal so, das minderte nicht seine Hilflosigkeit, seine Verlassenheit.

Sie nahm das Kind mit, wenn sie aufs Feld ging, gab ihm Blumen und Steine zum Spielen, erzählte ihm Geschichten von Tieren und Wunderwesen. Die Einsamkeit gab ihr Nährboden für die Ausbreitung der Phantasie, die Märchen der Alten taten das Ihrige, und Johanna sah die Welt von Elfen und Nixen und Kobolden und Riesen erfüllt.

So gingen die Monate dahin, der Winter kam, sperrte Johanna in die Hütte, engte ihren Gesichtskreis ein, band sie noch enger an die Alte. Nun begannen die Dinge in der Hütte zu leben, Pfosten und Brett und Pfanne und Bank sprachen eine stumme, unfaßbar schöne Sprache, waren Johanna nahe, daß sie sie streichelte, daß sie weinte, wenn die Pfanne auf den Boden fiel, weil sie sich anschlug und das wehtat.

Die Alte gewöhnte sich so an das Kind, gewann es so lieb, daß sie in ihm nicht mehr das Verdienstobjekt, sondern das einzige nahestehende Wesen sah, dessen Leben mit ihrem verbunden war. Und auch Johanna gewann die Alte lieb, vergaß alles, was früher gewesen, und fühlte sich glücklich.

II.

Das Jahr verrann, abwechslungslos trottete das Leben seinen Gang. Johanna wuchs, der Sinn für ihre Umwelt ging ihr auf, sie fragte nach den Namen der Blumen und Tiere, wollte alles erklärt haben, lernte die Wunder des Waldes kennen und freute sich über Vögel und Schmetterlinge.

Aber die Zeit des Spielens, der Sorglosigkeit, war bald vorüber. Die Alte zog das Mädchen nach und nach an Arbeiten heran, es mußte helfen, Unkraut jäten, mußte die Ziege, das einzige Haustier, das die Alte besaß, bewachen, und ihr mühsam über alle Felsblöcke nachklettern, wenn sie sich verstieg, sie mußte Gänge machen, zum Krämer gehen, zum Müller und kam so mit den Menschen in Berührung. Sie wurde übersehen, verachtet, war nur so ein lästiger Esser, der viel Geld kostete. Niemand hielt damit zurück, sie fühlen zu lassen, daß sie von der Gnade anderer lebe. Der Bürgermeister musterte sie mit unfreundlichem Blick, wenn er das Kopfgeld brachte, dann kam er nicht mehr, sandte es durch einen Boten, durch einen Bauern, der zufällig vorüberging. So war das Kind ganz der Alten überlassen.

Die Alte gab Johanna aus ihrem Wissen soviel sie konnte. Sie beantwortete ihre Fragen, mischte immer Spukvorstellungen in ihre Erklärungen, mengte Einbildung und Wirklichkeit, daß sie Johanna oft verwirrte. Aber es war ihr seltsam, wie sie sich gewandelt hatte. Sie gab Johanna an Essen, was ihre Mittel erlaubten; im Anfang war ihr das Kind ein aufgezwungener Gast, ein Mensch, den man aufnahm, weil er Geld ins Haus brachte. Nun fand sie ein gutmütiges, schmiegsames, dankbares Wesen, das niemals ein liebes Wort gehört hatte, solange seine Erinnerung zurückreichte, und das jeden liebte, der seinen Hunger stillte.


Auch die Kinder des Dorfes übersahen Johanna. Johanna wollte nicht mehr ins Dorf. Wenn sie Menschen sah, verbarg sie sich, bis sie vorüber waren. Aber sie beobachtete die Menschen. Sie sah schöne Puppen in den Händen der Kinder und verlangte auch eine Puppe. Die Alte versprach, ihr eine zu nähen, bis sie Zeit dazu hätte. Johanna weinte. Sie wollte keine genähte, keine Puppe aus alten Lappen. Schön sollte sie sein, mit echten Haaren wie die Puppen der anderen Mädchen. Da sagte die Alte, sie sei unbescheiden, dürfe nicht alles verlangen, sei nur ein Bettlerkind. Gleich tat ihr das harte Wort leid. Sie kramte Tuchstücke hervor, machte eine Puppe. Es wurde ein Wechselbalg, ein roher, schlecht gestopfter Körper, mit Stroh gefüllt, der Kopf aus Leinwand, kleine Knöpfe als Augen. Die Kleider waren aus grellen Stoffen, feuerrot und violett, eine alte Schachtel sollte das Puppenbett sein. Mit feuchten Augen sah Johanna die Puppe entstehen. Als sie fertig war, warf sie sie in den Winkel. Sie sah gar nicht einem kleinen Kinde gleich wie die echten Puppen. Die Alte wurde böse, sie hatte sich mehrere Stunden geplagt, und nun wurde ihre Puppe mißachtet. Aber sie verstand den Schmerz des Kindes und bändigte deshalb ihren Zorn. Mit vielen Worten versuchte sie dem Kinde klarzumachen, daß sie keine Puppe kaufen könnte. Das hielt aber den Tränenstrom nicht auf. Was sind alle Erklärungen und Gründe, alle Worte und Tröstungen gegen die brutale Tatsache, daß das Kind nicht bekommen kann, was es will, womit andere Kinder sich freuen; die Tatsache zerreißt das Herz, und den Platz, den die Freude in der Seele hätte einnehmen sollen, füllt der Neid aus.


Ein furchtbares Laster hatte die Alte: sie trank. Früher, da sie kaum das kümmerliche Brot hatte, reichte es nicht zu soviel Branntwein, wie sie wollte. Aber jetzt konnte sie ihren Durst stillen. Sie humpelte mindestens einmal am Tag zum Wirt. Holte eine Flasche Schnaps heim und begann ihr einsames Gelage. Einmal hatte sie Johanna trinken lassen – das Mädchen hatte das brennendscharfe Zeug ausgespuckt, die Tränen waren ihm in die Augen getreten, über den Schmerz in der Mundhöhle hatte es aufgeschrien. Seither gab ihm die Alte nichts mehr. Sie umschlich die Flasche, die auf einem Wandbrett stand, mit lüsternem Blick, wartete, bis Johanna in ihren Verschlag kroch, um zu schlafen. Dann holte sie ein seltsames altes Glas hervor und trank, solange, bis die Flasche leer war. Wilde Lieder summte sie dann vor sich hin und hielt mit sich selbst Gespräche. Oft schreckte Johanna aus dem Schlaf auf, wenn das Glas und die Flasche zusammenstießen, daß ein schriller Klang durch den Raum pfiff.


So geschah es wieder einmal nachts. Johanna fuhr jäh auf. Es brannte noch Licht. Über den Tisch floß Branntwein, tropfte auf den Boden, auf die Glasscherben, die ihn bedeckten. Die Alte tanzte, halbnackt, mit wirren Haaren, drehte sich, schlug um sich, warf einen Sessel um, stieß rohe Worte aus. Das Kind sah in seiner Angst phantastische Schreckbilder. Oder war es die Hexe, die Hänsel und Gretel gefangen gehalten hatte? – – Doch nein, das konnte nicht sein, die war ja verbrannt – die hatte Gretel ja in den Ofen gestoßen – nein – aber dann war es Teufels Großmutter, die in der Hölle arme Sünder quälte – – so, das war es – Teufels Großmutter.

Das Kind sprang aus dem Bett. Die Gesichtszüge der Alten wurden ihm deutlicher. Die Kälte gab ihm die Sinne wieder.

»Aber Großmutter – Großmutter – was hast du denn?«

Die Alte erwachte aus ihrer Berauschung.

»Ins Bett, Hannerl, ins Bett – es ist ja so kalt.«

Ihr Blick fuhr über den Tisch.

»Der schöne, süße Branntwein. Die dumme Großmutter – hat ihn umgestoßen – ganz umgestoßen –«

»Der süße Branntwein –« lallte sie.

»Ja, Hannerl, wenn du nicht wärst, hätte Großmutter keinen Branntwein. Dann müßte Großmutter Wasser trinken – brrr! – statt süßen Branntwein –«

Das Kind starrte hilflos, verständnislos auf die Frau. Es wußte nicht, was Großmutter so verändert hatte. Die Alte wankte zwischen den Sesseln, fiel zu Boden, lallte unverständliche Worte. Johanna ging zu ihr, sie stieß das Kind fort.

»Laß mich, geh ins Bett – schnell – schnell – sonst wirst du krank – und dann stirbst du – und wenn du tot bist – hat Großmutter – keinen Branntwein mehr –«

Gehorsam kroch Johanna ins Bett. Aber sie konnte lange nicht einschlafen, sah auf die Großmutter, hörte noch lange ihr irres Singen, durch das scharf ein Uhu-Schrei von draußen schnitt. Johannas Augen sanken zu. Sie vergaß, was vorging, alles tauchte in Schlaf. Als sie am Morgen erwachte, war die Szene vergessen.


Dem Wirt fiel es auf, daß die Alte nun soviel Branntwein kaufte, er erzählte es dem Bürgermeister. Der war lange nicht bei der Alten gewesen.

Diesmal kam er, als der Monat um war, selbst.

Die Alte empfing ihn mit gewohnter Unterwürfigkeit.

»Wie geht’s dir –«

»Könnt wohl besser gehen, Herr Bürgermeister.«

»Und dem Kind?«

Johanna wurde von der Alten vorgeschoben.

»Es wächst viel – und wird gescheit. Es fragt soviel.«

—

Der Bürgermeister sah Johanna an. Sie war gewachsen – war stark geworden. Ihr Leib war fest, hatte derbe Knochen, wenn auch ihr Gesicht nicht schön war. Noch ein Jahr lasse ich sie, dachte der Bürgermeister; wenn sie zwölf ist, kann sie schon etwas leisten – dann nehme ich sie zu mir. –

»Nun – dann ist so alles gut.«

»Vielleicht ein Gläschen gefällig?« fragte die Alte und wollte die Flasche holen.

»Nein – danke – war soeben beim Wirt. Soviel vertrage ich nicht mehr. Das Alter macht sich langsam bemerkbar.«

Er zog den Beutel aus der Tasche, legte Geld auf den Tisch.

Die Alte griff danach, zählte.

Es war weniger als sonst.

Erst wollte sie schweigen. Aber dann, als sie daran dachte, was ihr verloren ginge, meldete sie sich.

»Herr Bürgermeister – entschuldigen schon – aber – es stimmt nicht.«

Der Bürgermeister hatte das erwartet. Er zog die Weste straff über seinen Bauch und erhob sich. Dann kam die Standrede.

»Doch, doch, es stimmt schon. Wir zahlen von nun ab weniger.«

»Ja, warum denn?«

Der Bauer wies auf die Schnapsflasche.

»Deswegen. Du brauchst es ja nicht. Hast viel Geld für Branntwein. Das muß die Gemeinde nicht zahlen.«

In der Alten Häuslerin wallte es auf.

»Dann behalte ich das Kind nicht mehr –«

Der Bürgermeister wußte, daß es der Alten damit nicht ernst war.

»Dazu bist du nicht verpflichtet, das ist richtig. Wir werden einen anderen Kostplatz suchen.«

Nun wollte die Alte begütigen.

»So ernst – ist das nicht gemeint gewesen – Herr Bürgermeister. Aber ich meine doch, daß man mir soviel zahlen sollte wie früher. Das Kind wird größer und braucht mehr. Und alles wird teurer.«

»Solange es für Schnaps reicht – gibt’s nicht mehr. Wenn du statt dessen dem Mädel ein Kleid kaufst, dann vielleicht. Dann komm zu mir – und du bekommst das Übrige.«

Er konnte es wohl wagen, der Alten das Geld auf diese Weise zu vermindern. Bevor sie ihren Schnaps ganz verlor, verzichtete sie doch lieber auf einen Teil.

»Aber wenn das Kind dann nicht so gut gehalten ist – es reicht halt nicht – ich kann dann nichts dafür.«

»Wenn es schlechter gehalten wird als bisher, nehmen wir es fort.«

Die Alte sah, daß sie unterlag.

»Ich werde es versuchen. Und wenn es doch nicht ausgeht, dann komme ich zu Euch und sage es Euch.«

Der Bürgermeister ging. Ein Fluch flog ihm nach. Die Alte nahm die Flasche und trank sie aus. Einige Stunden saß sie, starrte vor sich hin, sprach nichts. Als Johanna hungrig um Brot bat, schlug sie das Kind. Das war das erstemal. Es sollte nicht das letztemal sein.


Von nun an war die Alte ganz verändert. Sie mußte ihren Schnaps haben, und das Geld dazu sparte sie vom Essen ab. Wenn Johanna über Hunger klagte, bekam sie Prügel. Dann hieß es immer:

»Geh zum Bürgermeister – der zahlt nicht für dich – hol dir dort Essen. Der hat mehr als ich.«

Johanna wurde vergrämt, schweigsam, und begann über die Dinge zu grübeln.

Die Kinder der Bauern hatten Spielzeug und gutes Essen, schöne Kleider, bunte Bänder – und sie hatte nichts. Warum die Anderen und sie nicht? Sie war genauso wie die Anderen, hatte Augen, Ohren, Glieder wie die Anderen – und hungerte, lief in Lumpen herum, mußte mit alten Flaschen und Steinen spielen.

Nach und nach trug ihr die Alte schwere Arbeiten auf. Sie mußte auf dem Felde helfen, Wasser schleppen, Holz hacken, mußte Gras für die Ziege heimtragen. Mehr als knappe Befehle sprach die Alte nicht. Nur eine Bemerkung wiederholte sie stets, Tag für Tag:

»Mach schnell – schnell – daß du nicht ganz umsonst ißt – wie komme ich dazu, dich auszufüttern – gehst mich gar nichts an – bist fremd – –«

Johanna wich der Anrede der Großmutter aus, sprach nicht mehr als ja oder nein, wenn sie gefragt wurde.

Es begann eine freudlose, düstere Zeit für Johanna.


Früher hatte die Alte dem Kind oft vom Pfarrer erzählt, vom geistlichen Herrn, der so mild sei und mit dem Himmel so gut stünde, und der überall helfen könnte, wo der Mensch Hilfe versagte. Johanna hatte ihm demütig die Hand geküßt, wenn sie ihm begegnet war, er hatte aber nie ein Wort mit ihr gesprochen. In die Schule ging sie nicht, ob sie etwas lernte oder nicht, lag ja keinem am Herzen. Der Pfarrer wußte, wer sie war, und achtete ihrer nicht.

Als sie den Pfarrer einmal traf, an einem Sommerabend zwischen den Feldern, da blieb sie stehen, nachdem sie ihm die Hand geküßt hatte, damit er sie fragen sollte. Er blickte sie an, las in ihren Augen, daß ein Wunsch in ihr webte, und ermunterte sie zu sprechen.

Da schüttelte sie ihren Kummer aus; nicht daß sie sich über die Alte beklagte, dazu war sie zu einfältig. Sie jammerte nur, daß sie Hunger habe, daß sie nichts zu essen bekäme, mittags wenig, abends oft gar nichts. – Und daß er, der doch gewiß helfen könnte, ihr helfen sollte.

Der Pfarrer setzte eine ernste Miene auf und begann zu lehren.

»Mein Kind – du mußt zufrieden sein. Du bist arm, du weißt nicht, was das heißt. Du hast keine Eltern, du hast niemanden, der dich zu nähren verpflichtet wäre. Wir geben dir Essen – aus Nächstenliebe, weil wir gute Christen sind. Unser Herrgott hat uns geboten, die Armen zu beteilen – weil sie ihm nahestehen. Deshalb zahlen wir für dich. Da darfst du nicht unzufrieden sein. Viele haben nicht einmal was du hast. Viele hungern und haben kein Dach über dem Kopfe. Sei genügsam und danke dem Herrgott, daß er dich unter so gute Menschen gesetzt hat, die für dich sorgen, obwohl du ihnen eigentlich fremd bist. Nicht jeder Mensch trifft es so gut. Und dann, du wirst ja groß werden und selbst verdienen. Bis dahin mußt du Geduld haben. Und wenn dein Leid groß ist – komm in die Kirche, knie nieder vor der Muttergottes, bitte, daß sie dir Mut gibt, dein Leid zu ertragen. Und denke immer derer, denen es noch schlechter geht.«

Johanna hatte zugehört. Niemals noch hatte jemand so zu ihr gesprochen. Obwohl sie nicht mehr verstand, als daß sie mit ihrem Hunger zufrieden sein müsse, dankte sie dem Pfarrer. Der Klang seiner Worte hallte wie Musik in ihren Ohren. Sie beugte sich und küßte nochmals des Pfarrers Hand.

Dann gingen sie voneinander, er dem Dorfe zu, sie zu ihrer Hütte. Der Hunger brannte in ihr – biß, zerrte an den Eingeweiden. Er war von Gott geschickt – aber warum schickt ihr Gott den Hunger, und den Anderen gutes Essen und schöne Puppen?

Die Sonne war untergegangen. Es war dunkel, den ganzen Heimweg war es stockdunkel.

Das erste, was sich tief, unverwischbar einbohrte in Johannas Bewußtsein, war ihre Armut, war die Erkenntnis, auf die Gnade Anderer angewiesen zu sein, sich noch freuen zu müssen, die ihr mit dem Ausdruck der Verachtung eine schimmelige Brotrinde zuwarf. Und ob dieser Gnade müsse sie schweigen, die Tränen hinunterwürgen, schweigen, schweigen, was auch immer in ihr vorging.


Die Trunksucht erhielt immer mehr Gewalt über die Alte. Johanna mußte die Arbeit allein verrichten. Kam Johanna heim, erwarteten sie böse Worte wegen ihrer Faulheit. Immer hieß es, sie sei nicht weitergekommen mit der Arbeit, obwohl die Alte gar nicht wußte, wie es auf dem Felde stand. Pflug und Zugtier hatten sie nicht, mit dem Spaten mußte Johanna die Erde umgraben, bis ihre Finger bluteten; sie mußte im Garten gebückt arbeiten, bis ihr Rücken unleidlich schmerzte, kam todmüde nachhause – statt Essen bekam sie Schläge und Flüche.

Wieder hatte der Bürgermeister weniger gezahlt. Die Alte schindete also noch mehr aus Johanna heraus.

Ein Fleck Erde hinter dem Hause, am Steilabhang des Berges, gehörte ihr, den wollte sie in einen Gemüsegarten verwandeln.

»Wir müssen verdienen – Johanna – verdienen –. Ich zahle drauf bei dir. Du mußt mehr arbeiten.«

Als der Garten so weit war, daß man das Gemüse anpflanzen konnte, war Johanna erschöpft. Sie lag zwei Wochen im Bett, hatte Fieber.


Die Tage der Krankheit ließen Johanna Zeit, über sich nachzudenken. Sie stieg hinab in die Tiefen ihrer kindlichen Seele und holte die versteckten Kümmernisse herauf. Sie wußte nun, daß sie die Alte ernährte, daß die Alte ohne sie längst verhungert wäre – und das gab ihr Selbstbewußtsein, Kraft. Aber auch eine Frage sprang ihr auf, ungestüm, wild, Antwort heischend: Wenn ich die Alte ernähre – warum darf sie mir dann befehlen? Wenn ich dies Brot verdiene – warum darf sie mir dann nach ihrer Willkür zumessen?

Stunden um Stunden vergingen, von Fragen gequält, warf sich Johanna auf dem Lager hin und her. Im Fieber schwollen ihre Gedanken an, Ungetüme verkörperten ihr Sinnen, Gespenster wimmerten in allen Winkeln, höhnische Stimmen, die sie verachteten, daß sie arbeite und darbe, geschlagen werde von der, für die sie sich ihren Leib zugrunderichtete – demütig den Wagen zog, auf dem ihr Henker saß. Da sprang ein roter Teufel aus der Erde, Flammen schossen empor rings um ihn, er schwang einen Spieß, donnerte zwischen die Gespenster: »Das muß so sein – schweig. Das muß so sein. Ich will es so!« Und die Gespenster verkrochen sich, mählich, zaghaft, das Feuer des Teufels leckte an ihren Gewändern, sie wimmerten wieder, nun aber vor Schmerz.

Die Sonne fiel durchs Fenster, die schwache, glanzlose Herbstsonne, und mischte ihre Strahlen mit der Glut, die aus dem Ofen leuchtete.


Einförmig zogen die Tage ins Land, arbeitsreich, freudlos. Johanna wurde groß und stark, mit ihren vierzehn Jahren sah sie aus, als ob sie viel älter wäre. In ihren Gesichtszügen lag etwas Müdes, Verbrauchtes. Ihr Geist blieb auf sich angewiesen, sie lernte nichts, verrichtete ihre Arbeit, schlief, bis es wieder Zeit zur Arbeit war. Ihre Seele lag brach. Auch die Natur konnte sie nicht freuen. Die alte Märchenwelt war abgestorben. Neue Schönheiten fand sie nicht.


Auch um die Alte stand es recht schlecht. Ihre Kräfte nahmen ab, der Branntwein fraß an ihren Nerven. Sie sprach wirr, schwatzte die unsinnigsten Litaneien. Johanna begann die Alte zu fürchten.


Da kam eine furchtbare Nacht. Johanna erwachte erschreckt, die Hütte war taghell erleuchtet. Auf dem Tisch brannte ein offenes Feuer – die Alte lief umher – ihre Kleider und Haare waren Flammen – ihre Gesichtszüge waren schmerzverzerrt – die Arme flogen durch die Luft – sie schrie – schrie in namenloser Qual – –

Die Kerze war umgefallen, ausgegossener Branntwein hatte Feuer gefangen.

Johanna raffte ihre Kleider zusammen, wollte der Alten helfen, wußte aber nicht, wie. Die Alte streckte die Arme aus, als ob sie das Mädchen abwehren wollte – aus ihrer Kehle krächzten rauhe Laute – unverständlich – Ausgeburten der Phantasie – Schreie des Schmerzes –

»Fort – fort – du bist der Satan – die Hölle ist hier – die Hölle – bin fromm gewesen mein Leben lang – – gehöre in den Himmel – hast keine Macht über mich, Satan – keine Macht – scher dich fort – sonst – gieß ich dir Wasser über den Schädel – Wasser – Weihwasser – heiliges Wasser –«

Vor Entsetzen floh Johanna. Sie wollte die Alte aus der Hütte locken. Sie rüttelte an der Tür. Die Tür war verschlossen.

»Gib mir den Schlüssel – den Schlüssel – Großmutter.«

Die Alte hörte nicht. Sie war auf den Tisch gesprungen, der Tisch brach ein, das Feuer floß über den Boden, das Bett flammte auf, an den Wänden züngelte Lohe empor, am Kasten leckten rote Zungen. Johanna schrie – wollte retten – sprang zurück – ihre Finger brannten. Es gab nur ein Entrinnen: durch das Fenster. Mit einem Sesselbein durchschlug Johanna die dünnen Bretter, mit denen das Fenster verschlossen war, und kletterte hinaus. Als sie draußen war, fuhr die Lohe bereits durchs Dach.

—

Barfuß, halbnackt, lief Johanna ins Dorf, klopfte an Fenster. Die Bauern erwachten, schimpften, reckten sich träge, wollten in Ruhe gelassen sein. Nur wenige standen auf. Als sie die Hütte erreichten, war sie eine einzige Flamme. Man mußte vor allem trachten, den angrenzenden Wald vor Entzündung durch Funkenflug zu bewahren. Die Hütte war nicht mehr zu retten. Ein Wimmern stieg aus den Flammen empor, verhallte langgedehnt in der Nacht –

Am Morgen räumte man die Trümmer weg, halb verkohlte Balken; unter ihnen lag die Leiche der Alten, halb verbrannt. Von den Habseligkeiten Johannas war nichts übrig geblieben.

Tags darauf begrub man die Alte, nicht auf dem Friedhof. Neben der Mauer wurde sie verscharrt; der Pfarrer blieb aus, nur Johanna war dabei, als der Totengräber das Grab zuwarf.

Nun war Johanna wieder ohne Heim. Die Gemeindevertreter traten zusammen und berieten, wo man sie unterbringen sollte. Nun war die Sorge nicht groß, im Gegenteil, jeder wollte sie haben, sie war eine billige Arbeitskraft, eine Magd, der man keinen Lohn zu zahlen brauchte. Der Bürgermeister nahm sie, er habe früher für sie gesorgt, sagte er, es sei seine Pflicht, weiter über sie zu wachen. Vorher hatte er ihren Körper geprüft, ihre Arme belastet, ihre Kraft erprobt. Da er den größten Hof hatte, konnte er sie gut brauchen. Sie galt nicht mehr als Kostkind – sie galt noch nicht als Magd. Das heißt, sie mußte sich abrackern, ohne bezahlt zu werden, und hatte nicht das Recht, fortzugehen, wenn sie wollte. Sie arbeitete ums Futter. Sie war ein Arbeitstier. Da ihre Seele stumpf war, fügte sie sich darein.

III.

Auf dem Hof des Bürgermeisters war Johanna die niedrigste Magd. Man hatte sie nicht in die Schule geschickt und verhöhnte sie wegen ihrer Dummheit. An ihrer Kraft wurde Raubbau getrieben, auf ihrer Seele herumgetreten.

Vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Finsternis mußte sie rackern. Kaum war eine Arbeit beendet, fand sich eine andere. Erbarmungslos preßte man aus ihrem Leib, was sie nur leisten konnte. War sie endlich fertig mit ihrem Tagewerk, fiel sie ins Bett, todesmatt, unfähig zu denken.

Obwohl sie alle Kraft zusammenraffte, um durchzuhalten, wurde sie wieder krank. Nächte rasten im Fieberschauer vorüber – Wochen hindurch war sie ans Bett gefesselt. Der Bauer wetterte und schrie, daß sie faul sei, daß sie gerade dann, wenn man sie brauche, krank sei.


Während der Krankheit ging in Johanna eine Wandlung vor. Sie begann wieder nachzudenken, verglich sich mit den Anderen, fragte sich, ob die Bäuerin etwas Besseres sei als sie selbst, was die anderen Kinder von ihr unterscheidet, was die Andern ihr voraushaben. Und sie fand keine Antwort auf diese Fragen. Niemand stand ihr bei, niemand half ihrer Seele in ihren Kämpfen. Sie begann alle zu hassen. Ihre Demut kehrte sich in verhaltenen Groll. In den Wochen der Krankheit biß sich dies Gefühl tief ein in ihr Herz. Selbst die alte Magd, der einzige Mensch, der es gut mit ihr meinte, haßte sie. Als sie einmal in die Kammer trat, eine Schale Kaffee in den Händen, fuhr Johanna sie hart an:

»Du lachst – du lachst mich aus –«

»Bei Gott – Hanne – ich habe nicht gelacht.«

»Doch, doch – du hast gelacht. Du machst dich lustig über mich. Du kommst überhaupt nur zu mir, weil du mich verspotten willst. Die unten haben dich geschickt – um herauszubekommen, was ich denke und spreche. Sie wollen wissen, was ich denke, damit sie darüber lachen können.«

»Du hast Fieber – Hanne – sei ruhig – es wird vorübergehen.«

»Ich habe kein Fieber mehr – ich sehe klar und deutlich. Ich durchschaue euch alle.«

Kopfschüttelnd verließ die Magd das Zimmer. Johanna schielte nach dem Kaffeetopf. Als sie hungerte, griff sie danach. Der Kaffee war gut und süß.


Als Johanna gesund war, stand sie anders zu ihrer Umgebung.

Alle Scheltworte gingen an ihr vorüber, sie war taub gegen jede Weisung, stumpf gegen jeden Befehl.

Da der Sommer zu Ende ging und der Winter weniger Arbeit brachte, ließ der Bauer die Dinge gehen, wie sie waren. Wenn man in Betracht zog, was Johanna unter dem Zwang, eingespannt, angepeitscht, leistete, war sie immer noch billig; denn sie kostete fast nichts. Die Wintermonate hindurch mußte sie nähen und spinnen, und das tat sie mit mehr Luft, das lag ihrem Wesen näher. Sie saß in der Ecke mit ihrer Arbeit, hörte kaum dem Gerede der Anderen zu, summte eine ungewisse, endlose Melodie vor sich her, bis man sie zurechtwies, daß sie still sein sollte. Es kam ihr nicht zu, sich bemerkbar zu machen, hieß es dann, sie habe zu schweigen.

Der Winter ging vorüber, das Feld wurde schneefrei, es gab wieder Arbeit draußen im Freien. Frühlingsstürme zerfetzten tiefherabhängende Nebel, die Bergspitzen wurden klar, die Sonne lag auf ihnen und spielte in tausendfältigem Glanz. Zum erstenmal bemerkte Johanna, daß Sonne und Licht und Berge herrlich schön seien, zum erstenmal horchte sie freudig den Vögeln, freute sie sich über den ersten Schmetterling, den sie sah. Gefühle waren in ihr Herz eingezogen, die sie sich nicht zu erklären wußte. Ihr Sinn wurde mild, sie war wieder fügsam, alles Störrische war von ihr genommen. Der Bauer war zufrieden mit ihr, sie bekam ein neues Kopftuch geschenkt und durfte mit den Anderen am Sonntag zur Kirche gehen.

—

Johanna wußte gar nicht wie ihr war. Sie verachtete sich selber, weil sie wieder wehrlos war, wieder alles hinnahm. Aber sie konnte sich nicht auflehnen. Nicht aus Schwäche – nein, aus einem inneren Drang heraus, mit der Welt in Frieden auszukommen. Sie fühlte Kräfte in ihr sich regen, ungestüm, brausend, es drängte sie die Arme zu recken, weit, umfassend das All, den Himmel – ihre Brust wollte zerspringen, so schlug das Herz; das Blut rollte schneller in den Adern, es war, als ob gar kein Blut mehr in ihnen flösse, sondern Feuer – rinnende, stürmende Glut. – So wüst war ihr im Kopf, sie war ganz wirr von der Schönheit, die unvermutet auf sie einströmte, von der Unruhe, die sie erfüllte.

Keine Nacht schlief sie mehr. Sie lag im Fenster, sah zu den Sternen auf. Daß der Mond mild war, sah sie zum erstenmal, daß sein Licht wie Seide über ihre Hand floß, daß man in seinem Glanz weiche, sanfte Schatten warf. Sie wollte immer mit aufgelöstem Haar gehen – man verbot es ihr. Aber die Nadeln waren Fesseln, das Haar lastete schwer auf ihrem Kopf, sie war froh, es lösen zu können, wenn der Tag zu Ende ging.

Niemand sagte ihr, was das neue Leben, das in ihr erwachte, bedeuten sollte. Sie ertappte sich nur selbst dabei, daß sie öfter zu den Burschen hinüberschielte. Warum sie das tat, wußte sie nicht. Aber sie freute sich, wenn ihr Blick erwidert wurde. Sie wurde ganz rot vor Freude, wurde verlegen. Wandte sich ab und lachte. Aber ihre Arbeit litt darunter nicht. Und das war ja die Hauptsache.

So stand Johanna mitten im Wunder des Erwachens, nicht wissend, was in ihr wuchs, einer namenlosen, unbegriffenen Freude hingegeben, einem Gefühl, das sie veredelte, Liebe zum Leben in ihr Herz pflanzte und allen Kummer verscheuchte.


Der achtzehnjährige Sohn des Bürgermeisters, ein selbstsüchtiger, spottlustiger Junge, war der einzige Bursch, mit dem sie sprach. Die anderen sahen ihr nach, verschlangen sie mit den Augen, tasteten mit gierigen Blicken ihren Leib entlang und machten sich schließlich in derben Spottreden Luft. Im Grunde wollte Anton ja auch nichts, als seinen Spaß mit ihr haben. Er war bei all seinem Selbstbewußtsein ein Schwächling, der es den anderen nicht gleich tun konnte und deshalb stehts den Kürzeren zog, wenn er mit ihnen beisammen war. Das Mädchen gefiel ihm nicht sonderlich – so suchte er sich dieses Mädchen aus, dem er sich überlegen fühlte, demgegenüber er seine Herrschgelüste spielen lassen konnte, ohne fürchten zu müssen, durch sein Begehren abhängig zu werden.

Es war anfangs das primitive Gefühl der Überlegenheit des Stärkeren gegen die Schwächere, das in ihm wirkte. Aber sein Blut stürmte rasend durch seine Adern, wenn er sie sah, seine Sinne verlangten so heiß, so fiebrig, daß seine Ruhe bald dahin war. – Andere Elemente schlichen sich in sein Handeln. Seine Gefallsucht wandelte sich in Brutalität. Wollte er erst einen Menschen haben, der zu ihm aufsah und ihn bewunderte, so war er jetzt der Mann, dem das schwache Mädchen ausgeliefert war. Mehrmals versuchte er, seinen Arm um ihre Hüften zu schlingen, sie wehrte ab, lachte dabei, er wurde rot, lief davon.

Die Niederlage schmerzte ihn. Es gab also doch Dinge, auf die ihm seine Stellung kein Vorrecht einräumte. Da lehnte er sich auf gegen das Joch, in das ihn sein Begehren spannen wollte. Er fühlte, daß es ihn zu ihr hinzog mit wunderbarer Gewalt, daß es ihn zwang, sich ihr zu nähern, und er widerstrebte. Er rief soziale Vorurteile zu Hilfe, um dem Verlangen entgegenzutreten, sagte sich, daß er sich wegwerfe, er, der Sohn des Bürgermeisters, an das elternlose, blutarme Mädchen. Er kam sich wie eine Gestalt aus einem Kolportageroman vor, wie der Graf, der die Bettlerstochter liebt und mit sich ringt, ob er die leichte Beute erhaschen oder fahren lassen soll. Sein Gehirn arbeitete zwecklos. Johanna ging durch seine Träume, ganz anders, als sie in Wirklichkeit war, veredelt, gehoben, verklärt.

Im Hause legte er sich Zwang auf. Er fürchtete den Vater. Aber außerhalb des Hauses stellte er ihr nach. Er folgte ihr im geheimen auf das Feld, durch das Dorf, in den Wald, wenn sie Holz sammelte. Sie wußte das, sah sich um, freute sich, daß er ihr nachging, denn es war das erstemal, daß einer kam, nicht um sie zu schlagen, nicht um sie zu beschimpfen – nein, kam, ein Nichtbewußtes zu erfüllen, nachdem sie eine unbestimmte, unklare Sehnsucht trug.


Wenn sie einander begegneten, sprachen sie, als ob sie nicht in einem Hause wohnten, nicht täglich aneinander vorübergingen, als ob sie Fremde wären, die einander erst kennen lernen. Im Hause beschränkte sich ihr Verkehr auf das Notwendigste. Sie ahnten beide, daß sie etwas vor den Anderen zu verbergen hätten, daß ein Geheimnis zwischen ihnen emporwuchs, das sie gegen freche Blicke schützen müßten. Sie wußten nicht, was es war, wußten nur, daß etwas keimte; eine Knospe war da, sie warteten, wie sie sich entfalten wollte. Ihre Augen sagten sich, daß sie einander verstanden. Worte sind rauh und nackt, Worte töten, enthüllen. Der stumme Blick trägt die Botschaft – die Botschaft ohne Inhalt, die nur gesandt wird, um dem Empfänger zu melden, daß der Absender an ihn denkt.


Johanna kam vom Krämer heim. Anton hatte in einer Nebengasse gewartet, trat näher, als ob der Zufall ihn des Weges führte. Er bot alle seine Galanterie auf, nahm ihr den Korb ab, begleitete sie. Sie nahmen einen Seitenweg, der durch die Felder führte. Es war ein geheimes Einverständnis zwischen ihnen, den Umweg zu wählen, der sie länger beisammen ließ.

»Morgen ist Tanz, weißt du schon?«, fragte er. »Kommst du auch?«

Da wußte sie keine Antwort. Sie hätte wohl gehen mögen. Tanzen konnte sie zwar nicht, aber dabei sein konnte sie ja; zusehen, wie sich die Anderen freuen, ist auch eine Freude. Aber es lud sie ja niemand ein.

»Willst du kommen?« fragte Anton weiter, als er ihr Schweigen verstand.

—

»Ich möchte wohl«, entgegnete sie zögernd, mit dem Kopf nickend.

»Nun dann komm’ doch. Gehörst ja auch zum Dorf –«

»Es leidet mich aber keiner dort – sie jagen mich sicherlich fort, wenn ich komme.«

»Das laß mich machen. Bin ja auch noch da. Wen ich beschütze, den jagt keiner fort. Darauf kannst du trauen.«

Sein Selbstgefühl blähte sich. Er wollte zeigen, was er bedeutete, daß er Schutz gewähren könnte, daß er eine Rolle spiele im Dorf. Daß er nicht nur wußte, was seine Kraft ihm ermöglicht, sondern auch, wozu sie ihn verpflichtet.

Schweigend gingen sie nebeneinander. Es war Mittag, die Felder lagen still, atmeten die Hitze ein, glänzten im Sonnenglast. Ein einsamer Vogel trällerte durch die Luft. Ein Bauer kam an ihnen vorbei, lachte, als er den Burschen mit Johanna sah.

»Also kommst du?«

»Wenn du glaubst - daß sie mich nicht fortjagen –«

»Sie werden dich nicht fortjagen. Ich gebe dir mein Wort.«

Als der Hof in Sichtnähe kam, trennten sie sich. Er schlug sich in den Wald, sie ging dem Haus zu. Er gab ihr den Korb zurück, fragte nochmals:

»Also du kommst – bestimmt?«

Sie sah ihm in die Augen.

»Ja.«

»Suche mich – komm’ grade auf mich zu. Ich werde bei dir sein.«

Sie gaben sich die Hände, wie Freunde, die Abschied nehmen.


Der Tag verging ihr wie eine Stunde. Sie überlegte, was sie sich anziehen sollte. Ihre Kleider waren zerrissen. Sie flickte sie zusammen – aber das war häßlich. Hätte sie eine bunte schöne Schürze gehabt, die hätte die Flecke bedeckt. Die Kuhmagd hatte zwei – die konnte ihr eine leihen. Ihre weißen Strümpfe wusch sie aus. An nichts anderes dachte sie als an den Tanz. Der Bauer rief sie – sie kam nicht. Man wollte sie holen – man fand sie, Nadel und Zwirn in der Hand, zwischen ihren Kleidern. Der Knecht brach in Lachen aus, daß das Haus dröhnte, lief die Stiegen hinunter, erzählte es allen:

»Hört – die Hanne putzt sich – hat einen Liebsten – geht morgen zum Tanz.«

Das tolle Gelächter, das bis in ihre Kammer emporschlug, kränkte Johanna. Sie sollten sie doch in Ruhe lassen.

Nachts lag sie stundenlang wach. Erwartung zitterte in ihren Nerven. Sie wollte einmal wie die Anderen sein – dasselbe tun, dieselben Freuden teilen – da galt es gering, daß ihre Kleider so armselig geflickt, ihre Schuhe so abgenutzt waren.

Oder doch – er mußte sich ja schämen. Es war so schön von ihm, daß er sich ihrer annahm. Er war lieb zu ihr, das war noch keiner gewesen. Er könnte die Schönste und Reichste im Dorf haben – und lädt sie ein – nun soll sie ihn beschämen in ihrem elenden, schlissigen Zeug? Nein – da muß jede Schüchternheit ausgerissen, jede Angst niedergetreten werden. Sie mußte die Schürze verlangen. Soll die Kuhmagd lachen, spotten – das tut sie ohnedies. Verweigern wird sie die Bitte nicht – sie weiß, daß sich Johanna auf tausendfache Weise rächen kann. –

Der Mond ging träge über den Himmel, sein Licht wurde fahl in der Dämmerung. Ringsum im Dorf krähten die Hähne. Der Tag brach an.


Lange zauderte Johanna, bevor sie die Kuhmagd ansprach.

»Leih mir deine Schürze – es wird ihr gewiß nichts geschehen. Ich werde sehr acht geben darauf.«

Ein langer, unverständiger Blick folgte, der Johanna durchbohrte.

»Wozu brauchst du eine seidene Schürze? Du willst doch nicht etwa –«

»Ich gehe heute abend zum Tanz.«

Die Kuhmagd krümmte sich vor Lachen, Johanna verging vor Scham.

»Das ist doch nichts zu lachen. Ich kann genau so gut tanzen gehen wie du.«

»Gewiß – gewiß kannst du das. Niemand darf dich hindern. Im Gegenteil, ich helfe dir, leih dir meine Schürze. Putz dich nur – damit du ihm gefällst.«

»Das geht dich gar nichts an.«

»Nein – ich meine nur so – – Komm mit mir, ich geb’ dir gleich die Schürze.«


Beim Mittagessen fragte der Bauer, wer alles zum Tanz ginge. Der Sohn und die Knechte und Mägde – alle gingen. Johanna schwieg. Da wandten sich alle Augen nach ihr. Sie senkte den Kopf, fühlte den Hohn über sich hängen, wie eine dunkle Wolke war es, die jeden Augenblick bersten konnte. Es war nicht zu vermeiden. Man ließ sich die günstige Gelegenheit nicht entgehen.

»Und du – Johanna«, fragte der Bauer, »ich habe gehört – du gehst auch.«

Johanna wurde blutrot. Ihre Augen waren auf den Teller gerichtet, der vor ihr stand. Aber der Bauer ließ nicht nach.

»Hast recht – bist ja ein hübsches Mädel – und sauber – ziehst dich nett an – nicht wahr – und alle laufen dir nach – paß nur auf.«

Das war das Zeichen zum Gelächter. Der Damm war eingerissen, erbarmungslos wälzte sich die Sturzflut von Sticheleien über das wehrlose Mädchen. Johanna ließ die Schmutzwelle über sich hinweggleiten, sie wußte, sie mußte abfließen, wie sie hereingebrochen. Aber ihr Herz krampfte sich zusammen, jedes Wort stach wie eine feine Nadel, tief, schmerzend, mit höllischer Freude am Wehtun.»Wer hat dich denn geladen?«, fragte der Knecht.

»Wer ist denn dein Liebster? Für wen machst du dich so schön?«, fragte die Magd.

Johanna sah verstohlen, ohne daß es die Anderen merkten, zu Anton. Der stellte sich unschuldig, unbeteiligt. So sah es mit seinem Schutz aus. Alle Menschlichkeit war falsches Prahlen, alles Mitleid Heuchelei, jede Freundlichkeit Deckmantel, unter dem sich die scheußliche Fratze der Selbstsucht verbarg. Feig war er wie die Anderen, mild nur, um sie zu ködern, in sein Garn zu locken, sie berauben zu können. Blitzschnell fuhr es durch Johannas Kopf. Aber er war doch gut gewesen – der einzige – der gut gewesen zu ihr. Vielleicht ist es nur Furcht vor dem Bauer, die ihn abhält, sich frei zu ihr zu bekennen.

»Wer ist es«, klang es wieder an ihr Ohr, »schau, sag’s doch! Abends weiß es ja das ganze Dorf.«

Die Magd glaubte ein Recht zu haben, sie auszuforschen. Sie präsentierte ihre Gefälligkeit wie einen Wechsel, der einzulösen ist. Da wurde Johanna zornig. Ihr ekelte vor diesen Menschen, diesen herzlosen Schleimquallen, die ihre Fühler in fremde Seelen strecken, wenn sie meinen, dort Stoff zu ihrer Unterhaltung zu finden. Johanna warf den Löffel beiseite, lief in ihre Kammer. Dort brach sie in Weinen aus.

Es war ihr, als bewegte sich die Tür. Sie hoffte, Anton werde nach ihr sehen, sie trösten, Abbitte leisten, sein Verhalten erklären. Als sie die Tür öffnete, fand sie den Gang leer. Der Wind mußte an der Tür gerüttelt haben. Oder es hatte sich eine Schwalbe hereinverirrt und gegen die Wand geschlagen mit lahmen Flügeln.

Da erklärte sie sich selbst Antons Schweigen. Der mußte so sein. Sie war dumm, daß sie anders erwartet hatte. Sein Vater durfte nichts wissen. Aber wie sollte das beim Tanz werden? Dann wußten es ja alle? Das ganze Dorf?

Johanna holte ihre Kleider hervor, band die Schürze und betrachtete sich selbstgefällig. Den ganzen Nachmittag über sah sie niemand mehr.


Gegen Abend machte sie sich fertig. Es wäre ihr recht gewesen, ungesehen aus dem Hause zu kommen. Sie horchte, ob jemand auf der Treppe war, sah beim Fenster nach, ob jemand im Hof stand. Sie eilte die Stiege hinunter – und lief dem Bauern in die Arme.

»Aha – also doch. Bist du aber frech – das hätt’ ich nie gedacht! Mordsmädel – die Buben werden schauen! Das erinnert einen so an seine besten Zeiten – wie man noch jung war. – Da hat man nicht gezaudert, ist drauflosgegangen durch Dick und Dünn –«

Er maß sie lachend, sie wollte fort. Ehe sie sich versah, hatte er sie an der Hand gefaßt, drehte sie hin und her, um sie von allen Seiten zu betrachten.

»Wollen mal sehen – ob noch was übrig geblieben ist von dem da –«

Er riß sie jäh an seine Brust, beugte ihren Kopf aufwärts, küßte sie auf den Mund.

Verwirrt taumelte sie zurück. Der Bauer lachte.

Durch die Tür, die in die Küche führte, kam die Küchenmagd.

»Ah – da schauts her – der Bauer –«

»Sei ruhig – geht dich gar nichts an. Kümmert sich ja niemand drum, was du treibst.«

»Ich sag ja gar nichts – gar nichts – –«

Johanna war starr dagestanden. Nun erwachte sie. Ohne sich umzusehen, stürzte sie fort, ging durch den Wald, um nicht gesehen zu werden, bis sie sich beruhigt hatte. Denn ihre Augen waren geschwollen, so hatte sie nachmittags geweint.


Der Tanzplatz war gedrängt voll, das ganze Dorf versammelt. Zwischen den Bäumen hingen Lampen, von bunten Wimpeln umflattert, streuten spärliches Licht über den Platz. Die Musik schmetterte lustig drauflos, die Älteren saßen abseits, tranken tüchtig, spielten Karten, die Jüngeren tanzten. Scherzreden flogen hin und her, man bewunderte und verspottete einander, stritt und vertrug sich. Gerieten zwei heftig aneinander, trennte man sie. Und der Grund des Zwistes war bald vergessen.

Johanna irrte durch viele Menschen. Nirgends fand sie Anton. Unter den Tanzenden war er nicht, auch beim Bier saß er nicht.

Begrüßungen stürzten auf sie nieder.

»Bist auch da – Johanna! Da schau her! Endlich hervorgekommen aus dem faden Nest?«

»Wo hast du denn die schönen Kleider her?«

»Hat sie ein Prinz gebracht?«

»Der in der Nacht durchs Fenster stieg!«

»Oder ein Märchenvogel?«

»Oder hast sie wo mitgehen lassen, nicht?«

»Ausgeborgt. Auf Nimmerwiedersehen.«

Johanna hielt sich die Ohren zu. Stimmen und Musik verschwammen zu einem einzigen ungeheuren Lärm, zu einem Brausen, das anstieg und verebbte, das die Ohren zerriß und das Bewußtsein betäubte. Und aus dem Trubel kreischten Töne auf, die ihr galten:

»Willst du mit mir tanzen – Lumpenprinzessin?«

Mit grotesken Bewegungen, vornehme Gesten kopierend, tänzelte ein Bursch vor ihr her. Sie wich ihm aus.

»Wie stolz – wie hochmütig – du Betteldirn!«

Sie suchte Anton. Ihre Blicke jagten über die Gesichter, blieben haften, da und dort, aber es war ein Irrtum. Glitten weiter, Menschenreihen entlang, zickzack durch den Wirbel. Endlich fand sie ihn. Abseits saß er, mit Kameraden auf einer Bank.

Zögernd trat sie vor ihn hin. Vor den Anderen zu sprechen, hieß ihr Geheimnis preisgeben. Aber sie wollte sehen, ob er wirklich feig war, ob er sich ihrer wirklich schämte. Aufgedrängt hatte sie sich ihm nicht. Er hatte um sie geworben – nun durfte er sie nicht verleugnen.

»Da bin ich – Anton.«

Anton sah auf. Es war ihm unangenehm, inmitten seiner Freunde von ihr angesprochen zu werden. Das brachte ihm Spott von allen Seiten. Blitzschnell überlegte er. Es gab nur einen Ausweg. Sich fremd stellen.

»Was willst du?«

Wie vor den Kopf geschlagen, wankte sie einen Schritt zurück.

»Du hast mich ja eingeladen –« sagte sie kleinlaut, als sie die Fassung wiedergewonnen hatte.

»Ich?«, fragte er langgedehnt.

»Du.«

Da lachte er, um seine Verlegenheit zu verbergen. Aber es war zu spät. Die Anderen hatten verstanden.

»Du irrst – fällt mir gar nicht ein – ich tanze ja nicht.«

—

»Du hast mich geladen«, wiederholte sie. Sie war dem Weinen nahe. Dennoch gab sie nicht nach. Sie wußte, was auf dem Spiele stand. Behielt er recht, war sie dem Gespött des ganzen Dorfes ausgesetzt, als eine, die dem reichen Bauernsohn nachläuft, sich ihm an den Hals wirft. Aber er blieb hart.

»Was gehst du mich an? Du hast nicht ausgeschlafen. Träumst wohl noch?«

Er stieß sie fort. Doch die Burschen mengten sich ein.

»Hab’ gehört, du hast was mit der Hanne«, sagte der eine.

»Guter Geschmack, daß muß man dir lassen«, höhnte ein anderer.

»Gratuliere«, sagte ein dritter und hielt ihm die Hand hin.

Anton wurde rot, schlug die Hand weg.

»Laßt mich in Ruhe. Ihr seid alle toll. Weil eine Verrückte mich angeht, glaubt ihr wirklich, ich hätte – ach was, ihr seid alle Esel!«

Wütend sprang er auf, lief davon.

Johanna blickte ihm nach. Sie wußte nicht mehr, was da war. Er müßte sich doch jeden Augenblick umdrehen und zu ihr kommen! Wenn seine Worte wahr gewesen!

Sie erwachte erst, als die Burschen ihren Spaß mit ihr begannen.

»Vielleicht Ersatz gefällig – schöne Dame?«

Einer nahm gelehrten Ton an, machte, als ob er sich durch den Bart strich:

»Ja – das pflegt vorzukommen – daß der Liebste eine verläßt – leider – kommt vor – oft sogar –«

»Nicht zornig sein – wenn man so schön ist – gibts hundert für einen.«

»Tänzchen angenehm, Frau Bürgermeisterin?«

Johanna fühlte ein Brausen im Hirn. Der Platz taumelte vor ihren Augen, drehte sich rasend schnell um sie. Sie sah nur Fratzen, Grimassen, lüsterne, höhnische, teuflisch verzerrte Gesichter, die lachten. Sie allein stand. Alles andere fiel, sank, tief, tiefer, in endlose Abgründe. Und sie sank mit –

Geistesabwesend brach sie sich Bahn, stieß alle beiseite, die ihr im Weg waren, rannte durch die Gassen ins Freie, warf sich auf die Erde, in ihren Ohren klangen noch Worte nach, beschimpfende, verletzende Worte – –

Lange lag sie regungslos, das Gesicht ins Erdreich gewühlt. Dann erhob sie sich, schlug die Schürze vors Gesicht, damit sie niemand erkenne, lief ins Haus, rannte den Bauern um, der ihr begegnete, kam nicht mehr zum Vorschein.

Die Nacht über lag sie im Fenster, ließ den Nachtwind durch die Haare fahren, sah zu den Sternen auf. Ihr Inneres war so verwirrt, daß sie keinen klaren Gedanken erfassen konnte. Zahllose Eindrücke, Gefühle, Schmerzen rasten durch ihre Seele, daß nichts deutlich wurde, alles unterging in einem unbestimmten, öden, drückenden Gefühl des Verlassenseins, der Enttäuschung.

Am nächsten Morgen ging sie, als ob nichts vorgefallen wäre, an die Arbeit.


Gegen Mittag kam sie in die Kammer der Magd, ihr die Schürze zurückzugeben.

»Nun, wie war es? Viel getanzt?«

Johanna gab ihr keine Antwort.

Die Magd betrachtete die Schürze.

»Sie ist ganz unversehrt,« sagte Johanna.

»Die Schürze ist unversehrt, ja«, erwiderte die Magd.

Johanna wollte gehen.

»Jetzt heißt es aber achtgeben«, sagte die Magd schnippisch.

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