Читать книгу: «Erinnerungen eines "Kofferträgers"»

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Der Autor hat Rechtswissenschaft an den Universitäten Hamburg, Freiburg, Berlin und Kiel studiert, wo er 1965 promoviert wurde mit einer Arbeit über »Die institutionalisierte Vertretung der Verbände in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft«. Nach Studien am Europa Kolleg in Brügge/Belgien und an der Indiana University in Bloomington/USA (das er mit einem Master of Laws abschloss) sowie einer Tätigkeit bei der EWG-Kommission in Brüssel trat Dr. Fischer nach dem Assessorexamen 1966 in Bonn in das Bundesministerium für Wirtschaft ein und siedelte später in das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit über.

Während dieser Zeit war er enger Mitarbeit der Minister Karl Schiller und Helmut Schmidt und assistierte danach Willy Brandt als dem Vorsitzenden der internationalen Nord-Süd Kommission. Auf dieser Grundlage wurde er 1984 zum Exekutivsekretär des Gemeinsamen Entwicklungsausschusses von Weltbank/IWF (Development Committee) in Washington gewählt und war von 1991 bis 1996 dort deutscher Exekutivdirektor bei der Weltbank.

Seine internationale Tätigkeit führte ihn in alle Erdteile und vergrößerte seine Sympathie für Schönheit und Kultur der sog. Dritten Welt.

Fritz Fischer

Erinnerungen eines »Kofferträgers«

Anekdoten aus einem bewegten

Beamtenleben mit Karl Schiller,

Helmut Schmidt und Willy Brandt


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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2021 by edition fischer GmbH

Orber Str. 30, D-60386 Frankfurt/Main

Alle Rechte vorbehalten

Schriftart: Palatino

Herstellung: ef/bf/1B

ISBN 978-3-86455-671-5 EPUB

Es kommt nicht darauf an,

dem Leben mehr Jahre zu geben,

sondern den Jahren mehr Leben.

Alexis Carrel

Inhalt

Einleitung

Wie wird man Persönlicher Referent?

Meine Zeit mit Karl Schiller

Die Arbeit mit Helmut Schmidt

Arbeit mit Willy Brandt

Würdigung des Brandt Berichts und seines Vorsitzenden

Meine Sekretärsfunktion beim Gemeinsamen Entwicklungsausschuss von Weltbank/IWF in Washington 1984–87

Einige Ankedoten aus meinem »normalen« Beamtenleben

Anekdoten aus Asien

Anekdoten aus Fidschi und Mauritius

Anekdoten aus Europa

Einige autobezogene und andere Anekdoten aus Afrika

Erinnerungen an Südamerika

Anekdotische Eindrücke aus der Karibik

Eindrücke aus meinem langjährigen USA-Aufenthalt

Meine letzte, höchst interessante Dienstreise in den Jemen im Frühjahr 1998

Meine Erfahrungen mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds

Anmerkungen zu meiner eigenen Biografie im Entwicklungsbereich

Schlussbemerkungen

Bildnachweis

Einleitung

Bei meinem Eintritt in die Bonner Bundesverwaltung 1966 hatte ich mir nicht vorstellen können, wie abwechslungsreich sich meine Tätigkeit gestalten und wieviel Anekdotisches sich über die Jahre ansammeln würde. So wurde ich im Bekanntenkreis immer wieder ermuntert, dies doch einmal aufzuschreiben und damit vielleicht auch einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen.

Dem komme ich nunmehr nach einigem Zögern gern nach, auch wenn seitdem über 50 Jahre vergangen und meine damaligen Chefs inzwischen alle verstorben sind. Doch alle drei (Schiller, Schmidt und Brandt) haben seit Beginn der ersten Großen Koalition im Dezember 1966 einen wichtigen Zeitabschnitt der (west)deutschen Nachkriegsgeschichte mitgestaltet und damit die SPD nach Jahrzehnten in der Opposition regierungsfähig gemacht. So verdient ihr beeindruckender Beitrag durchaus eine persönliche Erinnerung, zumal diese erste Koalition im Unterschied zur Groko von 2018 damals bei der SPD von freudigem Mitregieren-Wollen getragen war. Daher dürfte diese Rückschau nicht nur bei nachfolgenden Generationen, sondern nach der Wiedervereinigung auch bei dem einen oder anderen ostdeutschen Bundesbürger auf Interesse stoßen.

Dabei habe ich für meine anekdotischen Erinnerungen weder Tagebücher geführt noch während meiner ministeriellen Tätigkeit passende Dokumente beiseitegelegt, wie es Memoirenschreiber oft tun. Insofern bin ich weitgehend auf mein Gedächtnis angewiesen und erstaunt, wieviel dort offenbar noch »archiviert« ist. Dabei war ich nicht dem Zwang mancher Memoirenautoren ausgesetzt, zu ihrer Entlasung möglichst viel Rechtfertigendes unterzubringen, und als Ruheständler sind mir vergleichsweise weniger Beschränkungen auferlegt, um – bei aller gebotenen Diskretion – »frei von der Leber« weg viel Anekdotisches so zu berichten, wie es tatsächlich passiert ist.

Hierbei hat es sich – bei aller Konzentration auf meine drei »Chefs« – für angezeigt erwiesen, in einem weiteren Teil dieser Aufzeichnungen auch einige anekdotische Begebenheiten und Beobachtungen aus meiner »normalen« Beamtentätigkeit wiederzugeben und sodann mit einigen offenen und sehr persönlichen Bewertungen der internationalen und deutschen Szenerie abzurunden, die mir seitdem erinnerungswürdig erschienen sind. Damit offeriere ich dem geneigten Leser auf drei miteinander verknüpften Ebenen eine Mischung aus Schmunzeln und Einsichten sowie einen gewissen »Blick hinter die Kulissen«. Ich hoffe, dass mir das gelungen ist.

Mit meinen Anekdoten und persönlichen Erinnerungen möchte ich zugleich noch einmal meine Hochachtung für die drei Politiker zum Ausdruck bringen, denen ich – über unterschiedliche Zeiträume hinweg – als enger Mitarbeiter dienen durfte. Sie haben sich alle unermüdlich um unser Land und Ansehen in der Welt verdient gemacht, und es war daher sehr befriedigend, ihnen hierbei assistieren zu dürfen, auch wenn bei dieser Tätigkeit das eigene Privatleben sicherlich zu kurz kam.

Wie wird man Persönlicher Referent?

Im Allgemeinen gibt es für diese Tätigkeit zwei Einstiegsmöglichkeiten: Oft bringt ein Minister einen Teil seiner engen Mitarbeiter mit. Sie sind zumeist Parteimitglieder oder frühere Assistenten und werden sodann im Ministerium mit entsprechenden Aufgaben betraut. Das hat zwar einerseits den Vorteil, dass damit das notwendige Vertrauen von Anfang an gegeben ist, auch wenn sich damit die Problematik von zuviel parteipolitischem Einfluss erhöht. Vor allem ist aber auch kritisch anzumerken, dass ein solcher gänzlich neuer Persönlicher Referent das Ministerium zumeist nicht kennt und oft auch nicht die notwendige Verwaltungserfahrung hat. Insofern spricht einiges dafür, dass ein Persönlicher Referent stattdessen von der Personalabteilung des Ministeriums ausgewählt und – zumeist zusammen mit anderen Kandidaten – vorgeschlagen wird. Dann hätte der Minister nach entsprechenden Gesprächen eine Wahl zu treffen. Dabei spielt eine Parteizugehörigkeit im Idealfall keine Rolle, und so gehörte auch ich seinerzeit keiner Partei an.

Im englischen System ist es offenbar so, dass ein Minister nur einen einzigen persönlichen Berater mitbringen darf und er im übigen das gesamte Ministerium ohne weitere Veränderungen übernimmt. Das ist bei uns bekanntlich anders, und daher werden bei einem Regierungswechsel die meisten Staatssekretäre sowie Ministerialdirektoren in den einstweiligen Ruhestand versetzt, in dem sie zumeist auch verbleiben. Daneben werden bei einem Regierungswechsel enge Mitarbeiter des Ministers woanders beschäftigt (wie z. B. Pressesprecher) oder verlassen von sich aus das Ministerium. Allerdings sind die personellen Veränderungen bei uns auch nicht so umfassend wie beispielsweise in der US-Verwaltung. Dort findet auch selbst dann zumeist ein tiefgreifender personeller Wechsel statt, wenn ein Präsident aus derselben Partei kommt wie sein Vorgänger. Dabei herrscht zumeist eine Grundhaltung vor, vieles von dem in Frage zu stellen oder bewusst das Gegenteil von dem zu entscheiden, was der Vorgänger oder seine Regierung im Einzelnen vertreten hatten. So werden auch immer wieder internationale Verträge oder Abkommen in Zweifel gezogen, was die weltweite Zusammenarbeit und Kontinuität nicht einfacher macht.

Insgesamt ist anzumerken, dass für einen Persönlichen Referenten neben einer fachlichen Qualifikation vor allem das persönliche Vertrauen des Ministers die entscheidende Rolle spielt, wobei eine gewisse landsmannschaftliche Verbundenheit nicht schaden kann. Wenn zwischen beiden die notwendige »Chemie« nicht stimmt, ist eine dauerhafte Zusammenarbeit kaum möglich und ein baldiger Wechsel angezeigt. Im umgekehrten Fall führen gute Beziehungen oft dazu, dass man länger in der Position bleibt, als man eigentlich möchte, weil der Minister zumeist personellem Wechsel – als für ihn unbequem – ablehnend gegenübersteht.

Was sind die Aufgaben eines Persönlichen Referenten?

Auch wenn es eine Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien gibt, so ist dort die spezielle Aufgabe eines Persönlichen Referenten nicht beschrieben und ergibt sich in ihrer Vielfalt eigentlich von selbst. Die oft neidvollgehässige Bezeichnung »Kofferträger« umschreibt daher nur eine Kurzform, obwohl diese Funktion beim amerikanischen Präsidenten eine zusätzliche Bedeutung hat. Dort trägt bekanntlich ein hoher Begleitmilitär den Koffer mit dem nuklearen Befehls-Code ständig mit sich.

Abgesehen von diesem Sonderfall des »Atomkoffers« ist ein Persönlicher Referent aber praktisch ein »Mädchen für alles«. Das reicht von der Sichtung von Ministervorlagen bis zur Besucherbetreuung sowie Organisation von Veranstaltungen innerhalb und außerhalb des Ministeriums. Dazu zählt auch und zuvörderst die Vorbereitung von Reisen, was sorgfältige Planung in Anspruch nimmt, bei der oft das Auswärtige Amt mit eingeschaltet ist.

Während der Reisen, besonders im Flugzeug, enthält der Koffer neben Konferenzunterlagen, Redetexten usw. auch ganz triviale Sachen wie Locher (um die letzten Akten noch einzuordnen), Marker zum Hervorheben, Heftklammern sowie leere Blätter für wichtige Notizen des Ministers usw. Es sei noch erwähnt, dass für eine solche Position naturgemäß ausreichende Sprachkenntnissse, vor allem englisch-amerikanische, unerlässlich sind. Die Auswahl von Gastgeschenken stellt ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld dar, wie auch passende Menü-Vorschläge für offizielle Essen des Ministers, bei denen auch religiöse oder vegetarische/vegane und allergische Beschränkungen des Gastes zu beachten sind.

Kurzum, alles, was der Entlastung des Ministers und der Vorbereitung seiner vielfältigen Funktionen innerhalb und außerhalb des Ministeriums dient, obliegt – im Benehmen mit dem Leiter des Ministerbüros – dem Persönlichen Referenten, und er darf dabei nichts Wichtiges übersehen, was beim hektischen Tagesgeschäft besondere Sorgfalt erfordert. Ein solcher Mitarbeiter ist letztlich dem Minister allein verantwortlich und nicht Teil der üblichen Hierarchie eines Ministeriums. Hinzu kommt, dass für viele Tätigeiten die Ministeriumsverwaltung ungeeignet (z. B. bei Beileidsschreiben) oder bei Eilsachen oft zu langsam ist.

Es ist unerlässlich, dass auch die physische Belastbarkeit enorm ist und eine gute Konstitution verlangt; denn als Persönlicher Referent kann man nach Rückkehr von einer langen Auslandsreise mit dem Minister nicht einfach zuhause bleiben, um den Jetlag zu überwinden; sondern muss unmittelbar nach der Rückkehr wieder mit vollem Einsatz Schreibtischarbeit leisten und den inzwischen angehäuften Aktenstapel abarbeiten, von der Vorbereitung neuer Dienstreisen ganz zu schweigen.

Ein derart tätiger Mitarbeiter hat praktisch wenig Privatleben. Daher ist es verständlich, dass ich in meinem Fall nach einem Jahr ernsthaft darum bat, eine andere Funktion auszuüben, was mir nach einigem Insistieren durch eine Beschäftigung bei der EWG in Brüssel auch gelang. Da aber in Bonn der Minister mich offenbar vermisste, wurde ich nach einem halben Jahr nach Bonn zurückbeordert. Darin zeigt sich ein gewisses Dilemma zwischen einerseits einer gewissen Eigensüchtigkeit des Ministers, der ungern einen ihm genehmen Mitarbeiter gehen lässt, und andererseits dem Persönlichen Referenten, der sich gern wieder »freischwimmen« möchte, aber sich durch seine Unentbehrlichkeit letztlich selbst schadet.

Als junger Regierungsrat fühlte ich mich damals durch den Rückruf aus Brüssel geschmeichelt und diente darauf meinem Minister für weitere Jahre in diesem anstrengenden Amt, ohne dass sich das beruflich allzusehr auszahlte, weil der Minister – anders als manche Kollegen (z. B. im Auswärtigen Amt) – bei »belohnenden Beförderungen« engerer Mitarbeiter sehr zurückhaltend war. Man denke hierbei mit Blick auf das AA als Beispiel nur an Kinkel, der letztlich vom Beamten bis zum Außenminister aufstieg.

Neben den konventionellen Aufgaben in einem Ministerbüro ist ein Persönlicher Referent zuweilen auch für skurrile Vorkommnisse »zuständig«, z. B. wenn der Pförtner von einer Besucherin berichtet, welche sich als die wahre englische Königin ausgibt. In diesem Fall kann man ja schlechterdings nicht die Polizei rufen und die Dame »abführen« lassen, sondern muss sich etwas Zeit für ein Gespräch und einen Kaffee nehmen, bis sie von allein das Gebäude wieder verlässt. Wenn zur Weihnachtszeit einige Botschaften ihre mehr oder minder passenden Gastgeschenke abliefern, muss man halt – in Kontakt mit Altersheimen usw. – sehen, wo der Sack Kaffee oder ein Haufen Apfelsinen hingebracht werden können.

Auch das kann passieren: Eines Tages besuchte mich ein bekannter Bonner Fotograf. Er zeigte mir ein Foto von einem Empfang vom Vortag, auf dem der Minister zusammen mit einem ihm unbekannten Herrn abgebildet war. Der Fotograf fragte mich, ob das vielleicht der neue sowjetische Botschafter Falin sei, was ich verneinte. Als er dann erfuhr, dass ich der Unbekannte auf dem Foto war, übergab er es mir mit der Bemerkung, dann sei es für ihn nicht interessant. Fürwahr eine ehrliche, wenn auch nicht notwendigerweise schmeichelhafte Antwort.

Zu den unkonventionellen, aber wichtigen Aufgaben eines Persönlichen Referenten gehören auch Nachrufe für verstorbene Persönlichkeiten, die manchmal nicht einfach zu verfassen sind und für die – wie bereits erwähnt – der normale Beamtenapparat eines Ministeriums zumeist nicht geeignet ist. Als Beispiel sei der Tod eines sehr bekannten Industriellen genannt, an dessen Würdigung durch den Wirtschaftsminister kein Weg vorbeiführte. Nun kam aber hinzu, dass der Verstorbene während des Krieges eine führende Rolle in der deutschen Rüstungsindustrie spielte und deshalb in den Nürnberger Prozessen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Bei einem solchen Nachruf sah sich also ein sozialdemokratischer Wirtschaftsminister Beschränkungen ausgesetzt. Ich suchte daher für den Nachruf den Kontakt eines versierten Kollegen und lernte, dass es im Auswärtigen Amt jemanden gab, der solche Kondolenzschreiben hauptberuflich verfasste. Als ich ihn anrief, erwiderte er spontan: »Auch das noch. Ihr Minister hat mir gerade noch gefehlt; denn ich muss bereits Nachrufe schreiben für meinen Minister, den Bundeskanzler sowie den Bundespräsidenten.« Da sah ich mich also allein auf weiter Flur und hatte für den Entwurf weitestgehend die Verantwortung.

Meine Zeit mit Karl Schiller
Der Sprung ins Ministerbüro und die ersten Tage mit Karl Schiller

Zum Jahresbeginn 1966 trat ich in das Bundeswirtschaftsministerium ein und wurde dem Referat »Energiepolitik« zugewiesen, dem damals angesichts der aufkommenden Kohlekrise und der Preiskonkurrenz aus dem Ausland eine hohe Bedeutung zukam. Vor diesem Hintergrund ist ein erster Eindruck über die Besonderheit eines Ministeriums wiederzugeben, als ich an einem der ersten Arbeitstage von einem Kollegen auf das jüngste Bergwerksunglück im Ruhrgebiet angesprochen wurde. Er bemerkte nämlich, dass hierbei glücklicherweise nur zwei Opfer zu beklagen seien. Als ich ihn nach dem Grund fragte, klärte er mich dahingehend auf, dass man ab drei Toten ein Ministerschreiben verfassen müsse.

Eine weitere Anekdote sollte nicht unerwähnt bleiben: Schon nach kurzer Zeit des Einarbeitens führte mich eine erste Dienstreise zur EWG-Kommission nach Brüssel. Im Zuge der danach eingereichten Abrechnung rief mich ein Sachbearbeiter an und fragte nach Einzelheiten. Dabei erinnerte er mich daran, ich hätte nach meinen Angaben das Ministerium um 12:10 Uhr verlassen, um mit dem Bus zum Bahnhof zu fahren. Demgegenüber hätten zwei meiner Kollegen als Abfahrtzeit 11:50 Uhr angegeben. In Anbetracht dessen schlug er vor, auch bei mir diese Zeit anzugeben. Zu seiner Überraschung lehnte ich das ab, weil es nicht den Tatsachen entsprach und ich meineTätigkeit im öffentlichen Dienst nicht mit solchen Unregelmäßigkeiten beginnen wollte. Daraufhin bemerkte der Sachbearbeiter, ich sei wohl neu im Geschäft, und »klärte« mich wie folgt auf: Bei Abfahrt schon um 11:50 Uhr erhielte ich ein volles Auslandstagegeld, bei 12:10 Uhr aber nur das halbe. Angesichts meines Beharrens sei er nun gehalten, im Hinblick auf den Bundesrechnungshof (dem sonst die Zeitunterschiede auffallen würden) auch die Abreiseangaben meiner beiden Kollegen entsprechend anzugleichen, was mir keine neuen Freunde machen würde. Eine entsprechende Änderung meiner Abfahrtzeit habe ich aber erneut klar abgelehnt.

Allgemein fühlte ich mich aber im »Bauch« meines Ministeriums wohl, und ich sah mich auch durch die Referenz meines Doktorvaters bestätigt, der mir in einem Empfehlungsschreiben für das Ministerium attestierte, dass ich »ein Mann der Praxis« sei, und mit einer gewissen Doppeldeutigkeit hinzufügte: »Sonst hätte ich ihm eine Habilitation angetragen.«

Aus meiner Anfangszeit im Ministerium sind mir die Arbeitsbedingungen von manchen Kollegen und mir in Erinnerung geblieben. Wir residierten damals auf der Hardthöhe in ehemaligen Kasernen und waren teilweise direkt unter dem Dach untergebracht. Dort war es im Sommer unerträglich heiß, und bei zu hohen Temperaturen gab es schon mal hitzefrei.

Zum Politischen ist – wie bereits angedeutet –, zu bemerken, dass es Anfang Dezember 1966 in der Bundesregierung zum ersten Mal eine Große Koalition gab. So bekamen wir mit Prof. Karl Schiller einen SPD-Minister. Ich hatte keine Ahnung, dass ich sehr bald davon betroffen sein würde, als ich für das Ministerbüro vorgeschlagen wurde und Karl Schiller dem zustimmte. Angesichts dieser »Aufwertung« verließ ich also ohne Verzögerung meine kleine Dachkammer und zog um in ein sehr geräumiges Ministerbüro mit Klimaanlage und vielen anderen Annehmlichkeiten, von privilegierten Einwirkungsmöglichkeiten auf die gesamte Verwaltung ganz zu schweigen. Dazu kam dann auch Teilnahme an Treffen mit hochrangigen Besuchern in Bonn oder ausländischen Gesprächspartnern bei Dienstreisen.

Diese Berufung »aus heiterem Himmel« bedeutete eine gewaltige Veränderung meines beruflichen Umfeldes. Plötzlich gab es Hubschrauberflüge, Bundeswehrflugzeuge, Luxushotels und Bedienungspersonal sowie ständige Kontakte zum oberen Management des Hauses. Dazu ein ganzes Ministerium zur Verfügung für die neuen Aufgaben, von denen es wahrlich genug gab, zumal sich auf meinem Schreibtisch in der Übergangsphase viele Akten meines Vorgängers angehäuft hatten, der angesichts des Regierungswechsels bereits woanders tätig war. Sein einziger kollegialer Rat: Man bräuchte im Regelfall nur ein grünes Kreuz auf die eingegangenen Schreiben zu machen. Das bedeute Antwort durch den Minister, die sodann automatisch und mit den dazugehörigen, hierarchischen Mitzeichnungen vorgelegt würde. In der Praxis war aber durch entsprechende Entwurfsänderungen von mir der besondere Schreibstil des Ministers zu berücksichtigen. Im Übrigen war es geboten, die Unterschrift des Ministers rar zu halten und daher oft eine andere Erledigung in die Wege zu leiten, als auf dem Dienstweg vorgeschlagen war.

Der Minister selbst betraute mich nach der Einstellung am selben Tag umgehend mit einer privatdienstlichen Sonderaufgabe. Er bemerkte, dass nach seiner Ernennung bei seiner Frau in Hamburg nunmehr Tag und Nacht das Telefon klingele. Daher sollte ich doch bitte umgehend eine neue Geheimnummer beantragen, um diese Belästigungen zu beenden.

Am selben Abend rief mich der Minister erregt an und bemängelte, dass er seine Frau telefonisch nicht mehr erreichen könne. Ich erwiderte, ich hätte umgehend – wie von ihm erbeten – eine Geheimnummer beantragt, die offenbar sogleich eingerichtet worden sei. Dem fügte ich hinzu, dass die Hamburger Postbehörde auf meine ausdrückliche Rückfrage auch nicht bereit sei, mir die neue Telefonnummer zu sagen, da sie ja geheim sei. Ich schloss mit dem Hinweis, dass seine Frau ihn sicher im Laufe des Abends noch anrufen würde, um ihm die neue Nummer mitzuteilen, was dann auch geschah.

Am nächsten Arbeitstag befürchtete ich, dass sich dies auf die künftige Zusammenarbeit mit dem neuen Minister atmosphärisch auswirken wurde. Das war aber zum Glück nicht der Fall, und offenbar hat Karl Schiller meine efficiency goutiert.

Falls aber eine atmosphärische Störung vorgelegen haben sollte, hatte ich eine gewissse »Ablenkung« parat. Ich erwähnte nämlich, dass der Minister eine sehr schöne Handschrift habe. Daher sei es vielleicht eine willkommene Geste, dass er als neuer (und erster) SPD-Minister zu den Weihnachtsfeiertagen einen persönlichen Brief an die Belegschaft schreiben würde. Der Minister war sofort damit einverstanden und bat mich, hierfür einen Entwurf zu fertigen. Den aber hatte ich im Vorfeld bereits erstellt und konnte ihn daher sofort vorlegen. Schiller unterschrieb ihn fast ohne Änderungen, und der Weihnachtsbrief kam bei der Belegschaft gut an.

Schillers Lust am Regieren und an griffigen Formulierungen

Schiller, der bereits als Berliner und Hamburger Wirtschaftssenator ministerielle Verwaltungserfahrung gesammelt hatte, machte das Regieren im Rahmen der Großen Koalition erkennbar Spaß. Das galt auch für die berühmten »Plisch und Plum«-Beziehungen mit dem CSU-Finanzminister Strauß, die durchaus auf gegenseitigen Respekt gegründet waren.

Im Übrigen waren seitens der SPD in der Großen Koalition mit Willy Brandt, Helmut Schmidt, Georg Leber sowie Walter Arendt u. a. zahlreiche gestandene und erfahrene Spitzenpolitiker vertreten, sodass die SPD – wie man heute sagt – »gut aufgestellt war« und innerhalb der Koalitionsregierung sowie in der Bevölkerung hohes Ansehen genoss.

Diese Lust am Regieren war bei Schiller auch nach außen deutlich und erleichterte – zusammen mit seinem unbestrittenen Sachverstand – die Zusammenarbeit mit den gesellschaftlichen Gruppen. So war für Schiller angesichts der damaligen Konjunkturkrise das erfolgreiche Jonglieren mit dem neuen Stabilitäts- und Wachstumsgesetz eine reine Freude.

Allgemein waren die Große Koalition und das erstmalige Mitregieren der Sozialdemokraten etwas Neues mit einem gewissen Sensationscharakter. Daher gaben sich die Spitzen aus dem In- und Ausland die Klinke in die Hand, um den neuen Wirtschaftsminister kennen zu lernen und auszuloten.

Mir ist in besonderer Erinnerung, mit welchem Interesse auch und gerade wichtige Besucher aus den USA ihre Aufwartung machten, um beeindruckt festzustellen, dass der »Neue« auch durchaus des Englischen mächtig war. So zählten zu den ersten ausländischen Besuchern der Chef des weltweiten ESSO-Konzerns sowie der renommierte Journalist Joe Kraft aus den USA.

Aus deutscher Sicht ist festzuhalten, dass an der Spitze wichtiger Wirtschaftsverbände an sich konservativ gesinnte Vertreter standen, diese aber zugleich auch das demokratisch zustandegekommende Mitregieren der SPD akzeptierten und zum Teil – wie sie mir sagten – auch durch ihre Wahlentscheidung gefördert hatten. Auch ist anzumerken, dass mit Namen wie Fritz Berg, Hans-Martin Schleyer, Ludwig Poullain sowie Hermann Josef Abs und Edmund Rehwinkel gestandene Führungspersönlichkeiten vorhanden waren, genau so wie – auf Gewerkschaftsseite – Ludwig Rosenberg, Otto Brenner sowie Heinz Kluncker. Sie alle waren von der Professionalität Schillers beeindruckt, was seine Akzeptanz begünstigte. Hinzu kam seine telegene Ausstrahlung, die durch Schlankheit und gut geschnittene Maßanzüge unterstrichen wurde. Kein Wunder, dass er alsbald auch zum »Krawattenmann« des Jahres gekürt wurde, der überdies gestreifte Schlipse bei ebenfalls gestreiften Hemden salonfähig machte. Auch seine Tanzfreude machte sehr schnell die Medienrunde und wurde auch durch den STERN verbreitet, der ihn auf der Titelseite zum »Mann des Jahres« kürte.

Dasselbe galt für eine große Zahl erfahrener und sachkundiger Wirtschaftsjournalisten, die damals noch nicht – wie heute – im digitalen Zeitalter zu schnellen und oft oberflächlichen Printberichten gezwungen waren. So waren diese Journalisten für Schiller als Testmultiplikatoren und als sachkundige Wirtschaftsfachleute sehr willkommen. Sie hatten im Übrigen auch mehr Zeit für ihre abgewogenen Kommentare als heutzutage im Zeitalter der Tweets und oft künstlichen »breaking news«.

Was die Ministeriumsarbeit anging, so war sie stark von Schillers Arbeitseifer geprägt. Da er während der gesamten Woche zumeist in Bonn war, bedeutete dies viele nächtliche Arbeitstunden im Ministerium in kleinem Kreis und mit wenig Nahrungszufuhr, da in dem Vorort von Bonn für schnelles Catering die Gelegenheit noch nicht gegeben war. Hinzu kam, dass ab normalem Dienstschluss viele Akten nicht mehr zugänglich waren und auch fachkundige Bedienstete nach Feierabend nicht mehr zur Verfügung standen. Doch irgendwie wurde dieses Manko ausgeglichen.

Die allgemeine Akzeptanz von Schillers Wirtschaftspolitik wurde auch dadurch gestärkt, dass er eine besondere Freude an griffigen Formulierungen hatte, welche in der Öffentlichkeit »ankamen« und damit die allgemeine Wirksamkeit seiner Politik erhöhten. Der berühmte »Marsch durch die Talsohle« ist wohl der bekannteste Name, »Konzertierte Aktion« ein anderer, und der Aufruf an die Genossen, »die Tassen im Schrank zu lassen« blieb nicht ohne Eindruck und wurde viel zitiert. Ebenfalls hatte das Wort »Ein guter Abgang ziert den Turner« seine Bedeutung, auch wenn Schiller mir wiederholt versicherte, er sähe zwar sportlich aus, betreibe aber kein Sport. Als neues Wort lernte ich auch den Ausdruck »Petitessen«, um auf diese Weise die Spreu vom Weizen zu trennen.

Andererseits wurde nach meiner Meinung die große semantische Bedeutung von politischen Schlagwörtern allgemein unterschätzt. Als Beispiel seien die sog. »Notstandsgesetze« für den Krisenfall genannt. Sie gaben schon vom unglücklichern Namen her Anlass zu Gegenreaktionen. Beim Begriff »Berufsverbot« dürfte das ähnlich gewesen sein. Im Wirtschaftsministerium wurde seinerzeit der Begriff »Konjunkturzuschlag« gewählt, um etwas Gegenteiliges zu umschreiben. Es ging dabei nicht darum, dass man etwas bekam, sondern dass einem stattdessen etwas genommen wurde, um angesichts einer überbordenden Konjunktur Kaufkraft abzuschöpfen. Doch war dies dem Namen beim besten Willen nicht zu entnehmen. Wie oft in der Verwaltung verselbstständigen sich Begriffe, die irgendein Beamter am Beginn eines Gesetzentwurfes als angemessen betrachtet. Später denkt kaum noch jemand darüber nach und ändert daher auch nicht eine manchmal unglückliche Arbeitsbezeichnung.

Bei aller Wertschätzung sollte eine gewisse und durchaus verständliche »Schwäche« Schillers nicht unerwähnt bleiben, die allerdings durch entsprechendes Taktieren seiner Umgebung zumeist behoben werden konnte. Es geht um den Widerwillen mancher hochbeschäftigten Politiker, sich für wichtige Redner- oder Reisetermine mehrere Monate im Voraus festzulegen oder bei Unwohlsein einen Termin abzusagen. Leider ist eine solche mittelfristige Festlegung unumgänglich, aber von einem Minister nicht immer leicht zu bekommen.

Schiller sagte einmal zu mir: »Ihr Beamten habt es leicht. Im Falle einer Grippe lasst ihr euch krankschreiben und bleibt zuhause. Bei einem Minister ist dies schwierig, wenn nicht unmöglich. Wir müssen das im Allgemeinen durchstehen.« Recht hatte er.

Hierzu einige anekdotische Beispiele, die trotz ungünstiger Ausgangslage am Ende gleichwohl eine Lösung ermöglichten: Gleich zu Beginn seiner Amtszeit lag eine hochrangige Einladung aus New York vor, im Rahmen einer ohnehin geplanten USA- Vorstellungsreise bei seinen US-Kollegen einen Vortrag vor deutschen und amerikanischen Wirtschaftsvertretern zu halten. Der Vorgang mit Zusageentwurf lag lange auf dem Tisch des Ministers, der aber die Akte mehrfach kommentarlos zurückgab. Also Wiedervorlage von mir veranlasst nach einigen Tagen und Hinweis auf den nahenden Termin. Daraufhin eine »Entscheidung« des Ministers: »Herr Fischer, sagen Sie den Termin ab.«

Was tun? Gehorchen oder nicht? Ich entschied mich für »passive Gehorsamsverweigerung« und tat zunächst einmal nichts in der Überzeugung, dass eine Zusage angesichts der Bedeutung der kürzlichen Amtsübernahme und des wichtigen Publikums letztlich unerlässlich sein würde. Tatsächlich begann der Minister, sich nach einigen Tagen auf die New York-Rede vorzubereiten, die er sodann auch hielt. Hätte ich seinen Absage-»Befehl« gehorsamst ausgeführt, wäre es falsch gewesen, hätte in New York zu verständnislosen Enttäuschungen und vielleicht sogar letztlich doch noch zu einer Zusage des Ministers geführt.

Ein anderes Beipiel für gewisse Einflussmöglichkeiten eines Persönlichen Referenten: Der frühere amerikanische Hochkommissar John McCloy war in Bonn und wollte auch Schiller sehen. Dieser sagte mir aber, er habe keine Zeit und sei überdies im Bundestag beschäftigt. Daraufhin wies ich auf die großen Verdienste des Deutschenfreundes bei der Schaffung der Bundesrepublik hin und machte zudem darauf aufmerksam, dass dem Minister im Bundestag ein Dienstzimmer zur Verfügung stünde, wo ein solches Gespräch zwischendurch stattfinden könnte. Ich schlug vor, in der Zwischenzeit mit dem Gast am Rhein vor dem Parlament spazieren zu gehen, bis eine Zusammenkunft möglich sei. So geschah es auch, und ich fühlte mich geehrt, mit McCloy über seine Zeit als Hochkommissar auf dem (gegenüber liegenden) Petersberg plaudern zu können. Hierbei kam mir sprachlich und atmosphärisch auch mein Studienaufenthalt in den USA zugute.

Ein weiteres Beispiel für eine letztlich doch gefundene Ad-hoc-Lösung: Schiller hatte im badischen Kaiserstuhlgebiet einen Vortrag vor der Landjugend gehalten, der dort sehr gut ankam. Daher hatten die Jungwinzer die Absicht, den Minister in Bonn zum Erntedankfest zu besuchen. So standen sie also gegen 10 Uhr morgens nach mehrstündiger Busfahrt unangemeldet vor dem Ministerium. Auch hier konnte ich letztlich das Einverständnis Schillers erreichen, diese Gruppe so lange durch Bonn und Umgebung zu kutschieren, bis ein Besuchstermin beim Minister möglich war. So geschah es dann auch gegen 18 Uhr, wobei die übermüdeten Jungwinzer anschließend ja auch noch mehrere Stunden zurückfahren mussten.

An diesen wie an anderen Beispielen zeigt sich, dass im Konfliktfall ein Minister eine gewissse Eigenverantwortlichkeit seines Persönlichen Referenten durchaus zu schätzen weiß, wenn sie letztlich einem guten Zweck dient.

Schiller und das Essen

Wegen einiger Anekdoten in diesem Bereich verdient dieses Thema eine gewisse Erwähnung anhand von mehreren Beispielen: Zum einen legte Schiller wenig Wert auf ausgedehnte Festessen aus Anlass von Messeeröffnungen usw. Nach einer schnellen Suppe brach er im Allgemeinen auf und erkundigte sich später bei mir etwas sadistisch, ob ich denn satt geworden sei oder vielleicht Hunger hätte.

Ich zog daraus folgende Konseqenz, um in Zukunft meine volle Leistungsfähigkeit nicht zu gefährden: Nachdem ich meinen Minister entsprechend beim Messeveranstalter abgeliefert hatte, sprach ich bei der Fahrerkantine vor, wo es zumeist einfache Kost gab. Dabei wurde ich zuweilen darauf aufmerksam gemacht, dass für Minister Schiller bereits ein Fahrer gemeldet sei. Meine Erwiderung: Ich sei der Ersatzfahrer. So konnte ich nach der Festrede meines Chefs gesättigt neben ihm im Wagen Platz nehmen, ohne dass er davon wusste.

Bei anderer Gelegenheit stand ein Lufthansaflug von Köln Bonn nach München mit Zwischenlandung in Stuttgart an. All das in der Mittagszeit zwischen 11 und 15 Uhr. Dabei war die Anfahrt zum Flughafen Köln Bonn seinerzeit noch zeitaufwändig, weil es keine Autobahn gab und man über die Dörfer fahren musste.

Ich rief also im Vorfeld der Reise beim Lufthansabüro in Köln an, um zu erfahren, ob unsere Buchung in Ordnung sei, was bejaht wurde. Sodann fragte ich, was es zu essen geben würde; und ich wusste, dass es gemäß Flugplan nichts geben würde. Von der Lufthansa erhielt ich nach einigem Zögern die Antwort: »Snacks.« Auf meine Frage, was das sei, wurde mir gesagt, dass dies »Kekse« bedeutete. Daraufhin merkte ich mein Erstaunen darüber an, dass der nicht unerhebliche Mehrpreis für Erster-Klasse-Flüge offenbar nur für die Ledersitzen bezahlt würde, was aber schwer zu vermitteln sei. Jedenfalls fügte ich ergänzend hinzu, dass der Flug in die Mittagszeit fiele und ich für das Wohlergehen meines Chefs verantwortlich sei. Daher bäte ich um Nachsicht, wenn ich einige Schnittchen vorbereiten und während des Fluges mit meinem Chef verspeisen würde.

Kurz darauf rief der Bürochef von Lufthansa Köln an und erwähnte, ich hätte um ein Mittagessen gebeten. Dieses würde also wunschgemäß gereicht werden. Ich habe dem energisch widersprochen, weil ich mit keinem Wort um so eine Extra-Behandlung gebeten hätte. Auch sei es schwer verständlich, dass diese Sonderbehandlung offenbar nur uns beiden, nicht aber den übrigen Erster-Klasse-Passagieren zuteil würde. Man denke nur an die Möglichkeit, dass ein zufällig mitreisender Journalist dies genüsslich aufspießen würde.

Daraufhin erfolgter ein weiterer Anruf von der Lufthansa-Zentrale aus Frankfurt: Man habe beschlossen, auf diesem Flug allen Passagieren der Ersten Klasse ein Mittagessen anzubieten. Ich wies nachdrücklich darauf hin, dass wir einen solchen Wunsch nicht geaüßert hätten und es sich daher um eine rein betriebswirtschaftliche Entscheidung von Lufthansa handele.

Wie dem auch sei: Beim Start in Köln/Bonn wurde deutlich, dass die Lufthansa für diesen Flug extra eine zusätzliche Flugbegleiterin bis zum Zwischenstopp in Stuttgart eingesetzt hatte. Angesichts der zeitlichen Enge für die Bewirtung unterrichtete sie den Minister gleich beim Einsteigen, was zum Lunch alles angeboten würde, und fragte ihn ganz dezidiert, welche der vier verfügbaren Suppen er denn haben möchte.

Ich hatte den Minister über all dies vorher nicht unterrichtet und war daher erstaunt, als er der Flugbegleiterin sagte, er habe keinen Hunger und möchte gar nichts essen. Daraufhin erzählte ich ihm den Hintergrund und veranlasste ihn, das volle Menu zu kosten, was er auch tat. Im Übrigen dürften die anderen Passagiere in der Ersten Klasse freudig erstaunt gewesen sein, dass ihnen überraschenderweise ein Lunch mit Champagner angeboten wurde, was gemäß Flugplan an sich gar nicht vorgesehen war.

Zum Thema »Mittagessen« soll eine andere Anekdote nicht unerwähnt bleiben: Eines Tages erhielt ich einen Anruf aus Stuttgart von der Mercedes-Vorstandsküche. Im Hinblick auf ein geplantes Mittagessen des Ministers mit dem Vorstand wurde ich gefragt, was er essen möchte. Dabei wurde mir signalisiert, dass man sich keinerlei Beschränkungen auferlegen sollte. Meine Antwort war kurz: Der Minister bevorzuge einfaches Essen. Daher sei eine Linsensuppe sehr willkommen. Nach einer kurzen Pause kam sodann die weitere Frage, was denn nach diesem Vorspeisewunsch der Minister als Hauptgericht gern essen möchte. Ich machte deutlich, dass die besagte Linsensuppe als Hauptgericht angesehen würde. Dabei fügte ich hinzu, dass Schiller als Hamburger Hanseat es bevorzugen würde, wenn diese in einer Terrine mit einem Brötchen gereicht würde: Die Essensfrage wurde daraufhin bis zur Vorstandsetage mit mir erörtert, und ich habe dabei die Sache heruntergespielt und lediglich auf einen Essenswunsch reagiert. Letztlich sei es Sache des Gastgebers, eine Entscheidung über das zu servierende Gericht zu treffen.

Tatsächlich gab es dann nur die besagte Linsensuppe, und offenbar wurde die passende Terrine extra dafür angeschafft. Es war mir als junger Regierungsrat ein Vergnügen, die hochrangigen Herren bei diesem einfachen Mahl zu beobachten, das ihnen offenbar gut mundete. Beim Hineingehen in das Speisezimmer unterrichtete ich Schiller über diese Wahl mit dem Bemerken, ich hätte dies bei meinem sonst so begrenzten Entscheidungsspielraum allein so vorgeschlagen. Als dann die Stuttgarter Zeitung – von mir instruiert – in ihrer Überschrift titelte: »Der Minister bevorzugt einfache Kost«, war Schiller (als Sozialdemokrat) damit sehr zufrieden.


Menukarte vom Mercedes-Benz-Vorstandslunch mit Schiller

Die bereits erwähnte lukullische Zurückhaltung Schillers wurde zuweilen auch bei ausländischen Anlässen deutlich. So fanden die vierteljährlichen Treffen der EWG- Finanzminister immer außerhalb der Hauptstädte in pompösem Rahmen statt. In Frankreich war einmal ein festliches Abendessen im Versailler Schloss vorgesehen, an dem aber Schiller nicht mehr teilnahm. Stattdessen hatte er mich gebeten, beim Gastgeber ein paar Sandwiches zu besorgen, was ich auch tat. Auf dem Rückflug in der Bundeswehrmaschine bat er sodann darum, den mit französischen Trikolorfarben versehenen Karton zu öffnen. Dieser enthielt zur allgemeinen Überraschung lediglich eine Apfelsine sowie ein Baguette ohne jeglichen Belag. Das schmiss der Minister sodann missmutig durch das Flugzeug. Der mitreisende Finanzminister Strauß war da weniger zimperlich, hob die Brotstange auf, brach sie für uns beide durch und aß seinen Teil genüsslich.

Da Schiller auf dem Rückflug in Brüssel landen musste, wies Strauß, der bekanntlich einen Pilotenschein besaß, seinen Kollegen darauf hin, dass wetterbedingt wahrscheinlich eine solche Landung nicht möglich sei. Daraufhin bat Schiller den Piloten eindringlich, in Brüssel zu landen. Doch unterstrich dieser, dass Schiller zwar an Land zuständig sei, er als Flugzeugführer aber in der Luft allein entscheide. Das Problem wurde letztlich dadurch entschärft, dass die Maschine nach mehreren Versuchen schließlich doch in Brüssel landete.

Auch in anderen Fällen war Schiller gegenüber den Bundeswehrpiloten verständlicherweise machtlos. So kam es bei Ratssitzungen in Brüssel oder Luxemburg im Winter schon einmal vor, dass die Maschine zwar startbereit war, aber erst noch enteist werden musste, was einige Zeit in Anspruch nahm. Auch gab es Fälle, wo es technisch zwar keine Probleme gab, aber die Startfreigabe sich verzögerte, weil der eingereichte Flugplan überholt war. In anderen Fällen bestand der Minister trotz meiner Hinweise darauf, mit dem Hubschrauber zur Sitzung des Bundesbankzentralrats von Bonn nach Frankfurt zu fliegen, anstatt mit der Bahn entlang dem Rhein oder mit dem Dienstwagen anzureisen. So musste der Polizeihubschrauber – selbst im Sommer – mehrmals wegen Nebels über dem Rhein den Weiterflug abbrechen, nachdem er vorher bei geringer Sichtweite schon wiederholt mal über, mal unter Stromleitungen geflogen war. Dabei musste dann im Benehmen mit der örtlichen Polizei erst einmal ein Landeplatz, zumeist ein Sportplatz, gefunden und gesichert werden. Nach einer solchen Notlandung wurde der Minister sodann mit einem Polizeiwagen nach Frankfurt gefahren, und es machte ihm offenbar wenig aus, dass er dazu den engen Platz mit Verkehrsschildern und anderen Geräten teilen musste, die zunächst einmal neu zu ordnen waren, um für uns Raum zu schaffen. Manchmal stand dafür nur ein VW-Käfer zur Verfügung, in den wir uns dann hineinzwängen mussten.

Die Eröffnung der Deutschen Automobilausstellung in Frankfurt am 14. September 1967

Man mag Minister Schiller zugute halten, dass er bei wichtigen Reden oft bis zur letzten Minute am Text arbeitete. Das bedeutete logistisch – im Falle Frankfurts –, dass dann eine Mitarbeiterin mit Schreibmaschine bereitgehalten werden musste. Gegen 23 Uhr war sodann das Werk vollbracht, und der Text sollte nun für die Journalisten usw. vervielfältigt werden. Da es damals noch keine modernen Kopiermaschinen gab, war dies kein leichtes Unterfangen. Doch konnte hierfür ein Weg gefunden werden.

Nach Überfliegen des Textes gab ich zu bedenken, dass eine bestimmte Passage vielleicht etwas zu frivol gestaltet war für ein konservatives Publikum. Die Stelle betraf einen Hinweis auf eine gerade erschienene Shell-Studie über den Motorisierungsgrad im Jahre 2000. Das veranlasste Schiller zu folgendem Zusatz in seiner Rede: »Schon heute kann die gesamte amerikanische Nation auf den Vordersitzen transportiert werden, und wir wissen ja alle, wozu die Rücksitze benutzt werden.«

Auf meinen Einwand erklärte der Minister, es gehöre aus professionellen Gründen zu einer Standardrede, am Anfang durch eine hurmovolle Bemerkung allgemeine Aufmerksamkeit zu bewirken und damit die Erwartung des Publikums zu vergrößern. Aus demselben Grund müsse nach etwa der Hälfte des Vortrags eine aufrüttelnde Bemerkung fallen, um einer gewissen Ermüdung des Publikums entgegenzuwirken. Diesem Ziel sollte die entsprechende Textpassage dienen. Daher plädiere er auch dafür, sie zu belassen.

So weit, so gut. Gegen zwei Uhr nachts dann ein Anruf des Ministers: Er habe sich das noch einmal überlegt und gebe mir recht, die inkriminerte Passage besser zu streichen. Daraufhin mein Einwand, dass der Redetext inzwischen in großer Stückzahl vervielfältigt sei und deshalb nicht mehr geändert werden könne. Schiller schlug sodann vor, den Satz über die Rücksitze in Amerika auf allen Rede-Kopien durch Schwärzen unkenntlich zu machen.

Zusammen mit der Sekretärin haben wir beide uns in den restlichen Nachtstunden umgehend an die Arbeit gemacht. Zur Sicherheit erbat ich vor Beginn der Veranstaltung sodann von Schiller sein Redemanuskript, um auch bei ihm den Satz zu schwärzen und so zu vermeiden, dass der frivole Satz nicht doch versehentlich ausgesprochen wurde.

Als dann der Minister sich der inkriminierten Seite näherte, bemerkte ich, dass er zusehends etwas nervös wurde, weil er sich offenbar an die (geschwärzte) Passage erinnerte. Als es dann soweit war, stach ihm die unkenntlich gemachte Stelle ins Auge, und er überlegte offenbar, ob und was er nun sagen sollte. So verstieg er sich zu dem Hinweis über die amerikanische Sitzplatzkapazität in den überdimensionierten Wagen: »Und da fragt man sich, wozu die Rücksitze nötig sind.«


Schiller auf einer Messe

Damit hatte er praktisch dasselbe gesagt, was wir vorher in mühsamer Nacht-Arbeit geschwärzt hatten. Dies habe ich dem Minister auch in geziemender Form vorgehalten und gebeten, uns künftig vor solchen nächtlichen »Schwarzarbeiten« zu bewahren.

Schiller und Osteuropa

In der Großen Koalition wurden unter Außenminister Willy Brandt erste vorsichtige Schritte im Hinblick auf dessen (spätere) Ostpolitik gemacht. Dabei spielte die Handelspolitik eine besondere Rolle, und so war Karl Schiller meines Wissens der erste (west-)deutsche Minister, der zahlreiche Ostblockländer besuchte. Dies war eine besondere Chance und Herausforderung, und ich überlegte vor allem, wie wir diese Reisen flugtechnisch bewältigen sollten. Dabei schied die Verwendung von Bundeswehrrmaschinen von Anfang an aus, weil es hierzu noch zu früh war, das berüchtigte Balkenkreuz über sowjetischem Gebiet zu zeigen und dafür mit einiger Sicherheit auch die Fluggenehmigung nicht erteilt werden würde. Dies wurde dann später erst unter dem insofern unbelasteten Bundeskanzler Brandt möglich, und mit ihm konnte eine Bundeswehrmaschine auf die Krim fliegen. Hierzu sagte mir Willy Brandt später, dass Generalsekretär Breschnew nach der Landung um ein Foto mit der Bundeswehr-Besatzung gebeten habe. Diese hatte sich aber inzwischen umgezogen und bereits private Kleidung angelegt. Doch wollte Breschnew ein Foto mit ihnen in Uniform, so dass sich die Besatzung wieder umkleiden musste.

Für die Ostreisen Schillers kam aber zu der Zeit, wenn man schon nicht Linienmaschinen benutzen wollte, nur die Anmietung von Privatflugzeugen in Betracht. Daher habe ich mich entsprechend umgehört und wusste, dass in Hamburg mit dem sog. »Hansa Jet« (HFB 320) gerade ein achtsitziges Geschäftsflugzeug entwickelt worden war. Dieses war aber erst vor kurzem zugelassen worden und noch nicht sehr stark im Markt verbreitet. Da dieses Projekt vom Wirtschaftsministerium gefördert wurde, entwickelte ich entsprechende Kontakte mit dem Hersteller, weil ich der Meinung war, wir sollten aus Anlass dieser Ostreisen durchaus mit einer deutschen Eigenproduktion Eindruck machen und auf diese Weise für »Made in Germany« werben.

Hierzu wurde sodann eine ungewöhnliche Dreieckskonstruktion gewählt. So gehörte der erste zugelassene Hansa Jet der Waschmittelfirma Henkel. Diese zeigte sich mit Fürsprache von Gabriele Henkel bereit, die Maschine an uns zu verchartern. Der Flugzeughersteller Blohm und Voss bot angesichts der staatlichen Subvention an, uns jeweils die Hälfte des Charterpreises zu erstatten. Gesagt, getan, und so präsentierten wir auf den Ostreisen unser durchaus sehenswertes, deutsches Erstprodukt. Dazu mussten wir im Falle der Sowjetunion in Schweden einen entsprechenden Lotsen an Bord nehmen, der besonders für den Funkverkehr zuständig war, weil zu dem Zeitpunkt Englisch bei der sowjetischen Flugüberwachung noch nicht allgemein verwendet wurde, was dann m. W. in Kopenhagen zu einem bedauerlichen Unfall einer sowjetischen Linienmaschine mit zahlreichen Toten führte.

Zusammenfassend ist in Würdigung dieser Ostreisen festzuhalten, dass unsere kleine Delegation überall mit großem wohlwolllenden Interesse und besonderer Gastfreundschaft empfangen wurde. So wurde auch deutlich, dass die DDR kaum als vergleichsweise wichtiger Handelspartner empfunden wurde und daher die erste Begegnung mit dem westdeutschen Wirtschaftsminister besonders interessant war.

Von den vielen anekdotischen Eindrücken können nur einige herausgegriffen werden. So hatte ich mit meinen Bonner Ministeriumskollegen vereinbart, dass wir in Moskau am Telefon mit Bonn nur plattdeutsch sprechen würden. Das hat dort bei den Abhörern sicher Irritationen ausgelöst. Mir fiel im Übrigen auf, dass wir in unserem Ehrenbegleiter Semjonow einen überaus gebildeten und deutschsprechenden »Attaché d’honeur« hatten. Auch beeindruckte in den privaten Gesprächen, mit welcher Offenheit eine gewisse sowjetische Beamten-Oberschicht über die Qualität und Vielfalt westlicher Edelprodukte sprach und untereinander Erfahrungen austauschte, wo man im westlichen Ausland am besten französischen Cognac oder Modeschmuck für die Ehefrau kaufte. Offenbar wurden wir als privilegierte Partner angesehen, mit denen man offen reden konnte. Ich selbst konnte einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Sparsamkeit beim Kaviarverzehr am Vorabend dadurch etwas aufzulockern, dass ich auf Anfrage die Zahl unserer Delegationsmitglieder bei einem geplanten Mittagessen am nächsten Tag bewusst vergrößerte, so dass wir alle ausreichend Kaviar zur Verfügung hatten.

Auf der anderen Seite war ich mit einem anderen Vorschlag jedoch nicht erfolgreich: Zu dem Zeitpunkt drängte die Sowjetunion mit einem eigenen Passagierflugzeug, der sog. YAK 40, auf den deutschen Markt. Da beide Delegationen im Anschluss an den Moskaubesuch noch nach Kiew flogen, hatte ich gleich zu Beginn in Moskau vorgeschlagen, dass wir die Maschinen kurzerhand austauschten und die Sowjets mit unserem und wir mit deren Flugzeug in die Ukraine flogen. Das wäre doch ein toller Marketing-Gag in beiderseitigem Interesse gewesen. Doch so flexibel war die sowjetische Bürokratie leider nicht.

Von den offiziellen Gesprächen in Moskau ist mir in Erinnerung, dass der sowjetische Ministerpräident Kossygin unter anderem dezidiert nach der Höhe der westdeutschen Stahl-Produktion fragte. Als er unsere Antwort hörte, nickte er zustimmend mit dem Bemerken, das hätten ihm seine Leute auch so aufgeschrieben. Offenbar glaubte er allgemein deren Angaben nicht und würdigte insoweit die gleichlautende Antwort der Gegenseite.

Im Gespräch zeigte Kossygin sein Unbehagen darüber, dass in Westdeutschland eine Wodkamarke nach dem berühmten Dichter Puschkin benannt wurde, und er suggerierte, dass unsere Regierung das unterbinden sollte, was die Sowjets im umgekehrten Fall sicher getan hätten. Als unsere Antwort wurde auf die Pressefreiheit in unserem Land hingewiesen. Hinsichtlich der EWG wurde vom Gastgeber erwähnt, dass Westdeutschland immerhin das größte Mitgliedsland sei und daher wichtige Entscheidungen entsprechend beeinflussen könne. Die Komplexität der gemeinschaftlichen Wiillensbildung in der EWG war im Übrigen weder den sowjetischen Gastgebern noch den meisten übrigen Ostblockländern geläufig, und auch heute – mehrere Jahrzehnte später – haben immer auch andere wichtige Länder, unter anderem die USA, manchmal Probleme damit, die Kompliziertheit der Europäischen Union zu verstehen.

Gespräche in Kiew

Aus Kiew selbst wäre noch als Anekdote zu erwähnen ein etwas aufgelockertes Gespräch zwischen Schiller und seinem Außenhandelskollegen Patolitschew. Schiller fragte seinen Kollegen scherzhaft, ob es politische Gründe gäbe, Coca Cola nicht zu importieren. Diese Frage irrtierte ganz offenbar seinen Gesprächspartner. Er erwiderte, man habe dieses Getränk genau geprüft und als höchst gesundheitsschädlich eingestuft. So brenne es Löcher in Marmor und verfärbe Fleisch. Daraufhin Schiller: »Herr Kollege, ich habe das Gefühl, Sie möchten Coca Cola vielleicht selbst einmal probieren. Daher schlage ich folgenden Deal vor: Ich schicke Ihnen einen Karton mit Original amerikanischer Coca Cola, und Sie senden mir im Gegenzug eine Kiste kubanischer Zigarren.« So geschah es dann auch.


Schiller mit sowjetischem Außenhandelsminister Patolitschew in Kiew

Zum Abschluss noch ein Hinweis auf die besondere Gastfreundschaft auf dieser Reise: Angesichts frühen Abflugs von Moskau nach Kiew war die Frühstückskantine im Hotel noch nicht geöffnet. Stattdessen erwartete uns auf dem Flugplatz in Moskau ein so opulentes Mahl, dass sich die Tische bogen. Nach der Ankunft in Kiew am späten Vormittag und vor Beginn einer Stadtrundfahrt wurden wir sodann mit einem kleinen »Willkommensimbiss« begrüßt, der gleichfalls sehr reichlich war. Danach folgte kurze Zeit später ein ausgedehntes Mittagessen und am späten Nachmittag vor der Rückreise am Flugplatz ein wiederum sehr ausgiebiges Abschiedsessen, wie immer mit ausreichend »harten« Getränken. Damit nicht genug: Bei der Zwischenlandung in Warschau gegen Mitternacht ließen es sich einige polnische Minister, die erschienen waren, nicht nehmen, am Flugplatz gleichfalls zu einem Abendmahl einzuladen. Insgesamt also fünf »gestandene« Essen an einem Tag!

Hierzu noch eine kleine Anekdote. Nach der Rückkehr hatte ich auf meinem Bürotisch eine Flasche mit ukrainischem Pfefferwodka. Als ein Staatssekretär sie sah, nahm er sofort einen großen Schluck daraus, weil dieses Getränk ihn an seine russische Gefangenschaft erinnerte.

Besuch in Ungarn

Dieser Besuch verdient deshalb besondere Erwähnung, weil er im Nachgang eine tragische Note enthält. Doch ist zunächst mitzuteilen, dass Schiller vom Finanzminister abgeholt wurde, der kurzfristig den erkrankten Außenhandelsminister vertrat. Dieser begann bereits bei der Abholung in vorzüglichem Deutsch Witze über die Besetzung seines Landes durch die Sowjets zu erzählen und benutzte dabei mit »HKL« auch deutsche Ausdrücke, um den »Frontverlauf« zu demonstrieren. Als Ausdruck ihrer Gastfreundschaft hatten die Ungarn das traditionelle Gellert angeboten. Doch zog Schiller es vor, in einem Hotel einer amerikanischen Kette zu übernachten. Ich konnte ihn leider nicht umstimmen.


Schiller in der ungarischen Puszta

Andererseits erstaunte mich die Nonchalance von Schiller, als ihm eines Morgens aus Bonn mitgeteilt wurde, dass der amerikanische Präsident Nixon die jahrzehntelange Golddeckung des US-Dollars aufgehoben hatte, was später zu einer Sonderkonferenz aller zehn wichtigsten Industrieländer in Washington führte. So war die erste Reaktion meines Chefs: »Wir werden erstmal frühstücken und sehen dann weiter.«

In den Fachgesprächen selbst wurde deutlich, dass Ungarn der EWG das Recht absprach, allein im Namen Europas aufzutreten, solange sie nicht auch die osteuropäischen Länder mit einschloss. Bei der Beschwerde über Exportrestriktionen für Tokaier Weine wurde von uns erwidert, dass sich zwischenzeitlich der Geschmack bei uns geändert habe und Dessertweine kaum noch angeboten würden. Insofern sei dies nicht eine Frage eventueller Handelsbeschränkungen, sondern des gewandelten Geschmacks.

Im Übrigen ist noch anzumerken, dass uns auf der Reise der sehr agile ungarische Botschafter namens Hamburger begleitete, der mir sagte, er habe bereits zwei Flugzeugunfälle überlebt. Da zu dem Zeitpunkt meine Frau ihr erstes Kind erwartete, verriet er mir ein »todsicheres« Mittel, um das Geschlecht des Kindes vorherzusagen: Er schlug vor, für die Mutter an einer Tischecke ein Taschentuch auszulegen und sie zu bitten, es abzuziehen: Würde sie es einfach runterziehen, wäre das Baby ein Mädchen. Würde sie aber das Taschentuch mit spitzen Fingern aufnehmen, würde ein Junge geboren werden. Der Botschafter schlug hierfür eine Wette vor: Eine Flasche Henkell Sekt an ihn, wenn ich verlöre. Dagegen fünf Flaschen Champagner an mich im gegenteiligen Fall. Er fügte hinzu, dass ihm das als Botschafter leichter fallen würde als mir. Jedenfalls schickte er mir als Reaktion auf meine Sektflasche ein Set aus ungarischem Herend-Porzellan.

Das Tragische an diesem Ungarn-Besuch passierte einige Zeit später. Da hatte der Finanzminister dem mehrfachen Drängen seines Schulkollegen nachgegeben und besuchte das von ihm geleitete Stahlwerk an einem Wochenende. Als bei der Werksbesichtigung ein Warnruf ertönte, trat der Minister etwas zurück und fiel dabei unglücklicherweise in einen Bottich mit glühendem Eisen. Sein Schulfreund konnte nur mit großer Mühe davon abgehalten werden, ihm nachzuspringen. Dieser tödliche Unfall war vielleicht ein trauriges Sinnbild für die mangelnde Sicherheit in sozialistischen Betrieben und hat mich tief getroffen, weil wir menschlich von dem Minister sehr angetan waren.

Besuch Schillers in Jugoslawien

Dieser Besuch fand in unmittelbarem Anschluss an die Besetzung der Tchechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes statt. Als unser Flugzeug in Zagreb einschwebte, hatte man die Ölfässer von der Startbahn entfernt, welche eine Landung »feindlicher« Besucher verhindern sollten. Doch war der Flugplatz weiterhin von Artilleriegeschützen umsäumt. Die Gesprächspartner zeigten sich sehr besorgt über die von ihnen befürchtete Invasion auch ihres Landes durch die Sowjets. Dazu erklärten sie, man werde nicht die gleichen Fehler wie in Prag machen und die gesamte Parteispitze an einem Ort versammeln, was deren kollektive Festnahme begünstigt hätte. Stattdessen würde man jeden Tag woanders tagen. Aus dem beschaulichen Bonn in das besorgte Jugoslawien zu kommen, war für uns alle ein nachdenklich stimmendes Erlebnis.

Ich erinnere mich, dass der Minister dem mitfliegenden Spiegel-Redakteur einige vertrauliche Hintergrundinformationen mitteilte und später stinksauer war, dass einige davon trotz entsprechender Zusagen seitens des Journalisten im Spiegel erschienen. Der Journalist entschuldigte sich später beim Minister und erwähnte, dass sich die Heimatredaktion in Hamburg über diese Zusage hinweggesetzt habe. Für mich war das ein besorgniserregendes Gegenbeispiel von »Pressefreiheit«.

Besuch in Rumänien

In Rumänien erhielt ich gleich nach der Ankunft an der Küste im Seebad Mamaia einen unmittelbaren Eindruck von der deutsch-deutschen Wirklichkeit zu jener Zeit. Mich sprach nämlich ein ostdeutsches Ehepaar an und erklärte, man habe sie angesichts unseres Besuchs spätabends aus dem Hotel emittiert, um die Zimmer für uns frei zu machen. Sie hätten vorher in dem Zimmer gewohnt, in dem ich nun untergebracht wurde. Da fühlte man sich ob dieser Diskriminierung doch unwohl und konnte wenig dagegen tun. Für mich war es das erste, aber nicht das letzte Mal, dass ich die betrübliche Zweiklassen-Behandlung zwischen Ost- und Westdeutschland in sozialistischen Bruderländern so hautnah erlebte. So ist mir in Erinnerung, dass in den Prager Restaurants alles »besetzt« war, wenn der (ungebetene) Gast aus der DDR stammte. Hingegen hieß es für uns Westler »Küss die Hand«, was peinlich war.

Im Rahmen der Reise war auch ein Besuch des Donaudeltas geplant. Die letzte und einzige Fähre über die Donau bei Braila, das viele Kilometer von Bukarest entfernt ist, fuhr um 17 Uhr. Um die Fähre rechtzeitig zu erreichen, schlugen die Gastgeber deshalb vor, frühmorgens von Bukarest abzufahren. Das aber lehnte Schiller ab und schlug eine Abreise gegen 10 Uhr vor. Sodann gab der (schlitzohrige) Protokollchef zu verstehen, dass dies in Ordnung sei, obwohl es angesichts der Entfernung und der Straßenverhältnisse in Rumänien ein Unding war. Angesichts der späteren Abfahrt und der damit unmöglich zu erreichenden Fähre ließen sich die »kreativen« Gastgeber jedoch etwas einfallen. Sie setzten einen alten LKW in Marsch, und dessen Motor blieb »zufällig« stehen, als die Vorderräder bereits auf der Fähre waren. Als wir dann später bei der Fähre ankamen, sprang der LKW-Motor plötzlich wieder an, so dass wir mit unserer Mercedes-Kolonne auf die Fähre fahren und somit unser Ziel Tulcea an der Donaumündung erreichen konnten.

Ein weiterer Besuchspunkt waren die sog. Moldauklöster im Norden Rumäniens. Sie sind bewusst so klein gehalten, dass nur die Geistlichen Zutritt zum Inneren der Kirche haben. Das normale Volk muss draußen bleiben und wird durch religiöse Bilder in beeindruckender blauer Lapislazuli-Farbe an den Außenwänden »unterhalten«. Als wir ein solches Kloster verlassen hatten, war der Wagen des Ministers nicht mehr da. Nach einigem Suchen fanden wir ihn im benachbarten Dorf vor einem alten Gebäude, das mit der Aufschrift »Poliklinikum« versehen war und nicht sehr vertrauenerweckend aussah. Was war passiert?

Der Bonner Zahnarzt hatte dem Minister vor seiner Reise gesagt, er würde gern nach der Rückkehr einen Backenzahn behandeln, der ihm Sorge bereitete. Insofern war Schiller entsprechend vorprogrammiert, als er beim Klosterbesuch plötzlich Zahnschmerzen verspürte. Natürlich hatte der rumänische Protokollchef eine »Zahnklinik« in dem Dorf anzubieten. Als ich dazu kam, war der Zahn bereits gezogen und hierbei in mehrere Teile zerbrochen, und die beiden älteren Damen, die den Minister behandelten, kratzten noch die verbliebenen Reste aus, bevor sie dem Patienten ausreichend Schmerzmittel verabreichten. Für die Behandlung saß der Minister in einem uralten Zahnarztstuhl, dessen Bohrer noch mit Fahrradketten und entsprechenden Fußpedalen angetrieben wurde. Alles in allem kein sehr vertrauenerweckendes Ambiente.

Für die Nacht schlief der Minister sodann in dem einzigen Gästezimmer des Frauenklosters in Sucevita. Ich war im Zimmer der Äbtissin untergebracht. Draußen an der Flurwand hing ein altes Feldtelefon, das noch mit einer Handkurbel angetrieben wurde. Mitten in der Nacht klingelte dieses Telefon, und es war eine deutsche Frauenstimme zu vernehmen, und das »mitten in der Fremde«. Bei der Anruferin handelte es sich um eine Banaterdeutsche. Sie flehte ihren Mann an mit den Worten: »Joschka, du musst herkommen und mir helfen.« Was war passiert?

Die Schmerztabletten wirkten nicht mehr, und so hatte der Minister echte Schmerzen. Mit Hilfe des Protokollchefs wurde sodann mitten in der Nacht eine Zahnärztin geholt. Doch wollte sich der Minister partout nicht mehr von einer Frau behandeln lassen. Insofern musste der eilends herbeigerufene Ehemann unbemerkt in die Rolle der Zahnärztin schlüpfen, auch wenn er an sich ein Kinderarzt war.

Noch eine Anekdote: Am nächsten Morgen entdeckte ein Kollege im Frauenkloster eine Badewanne. Auch wenn das Wasser kalt war, entkleideten wir uns, um eine Dusche zu nehmen. Doch mussten wir dann angesichts erschrockener Reaktionen einiger junger Nonnen feststellen, dass dies die einzige Wasserquelle im gesamten Kloster war und einige von ihnen gerade zu diesem Zeitpunkt routinemäßig Wasser für ihre Zimmer holen wollten.

Nach alledem ist anzunehmen, dass die rumänischen Gastgeber sicher froh waren, als der Minister wieder abreiste, nachdem in Bukarest noch ein Professor die Zahnprobleme sachgemäß behandelt hatte.

Ordensverleihung bei Schiller

Nach den zahlreichen Ostreisen, die auch einen interessanten Besuch in Warschau einschlossen, sei im Folgenden eine Anekdote aus dem Ministeriumsbereich in Bonn angemerkt. Es ging dabei um die Verleihung des Bundesverdienstordens am Bande an fünf Leiter von nachgeordneten Behörden. Die technische Durchführung oblag mir. Also habe ich mir die Ordensbänder genauer angeschaut und dabei festgestellt: Die Spitzen des Halsbandes waren so umsäumt, dass sie nicht in die Schnalle passten. Mittels eines Hammers konnte das Halsband jedoch entsprechend schlanker geklopft werden. So konnte ich dann den Herren beruhigt die Halsbänder umlegen. Doch bemerkte ich dann zu meinem Entsetzen, dass alle Preisträger nach einiger Zeit ungewohnte Halsverrenkungen machten und dabei die Schultern oder das Kinn hochzogen.

Was war passiert? Ich hatte die Ordensbänder zwar anstandslos durch die Schnallen gezogen, in der Aufregung aber vergessen, sie auch zu schließen. Somit erklärte sich das langsame, aber unaufhaltsame Rutschen der Orden. Ich habe mich deshalb an die Herren diskret von hinten herangeschlichen und – ohne dass der Minister dies bemerkte – die Schnallen zugedrückt, was von den Beteiligten mit Erleichterung registriert wurde.

Ein vergleichbares Missgeschick ergab sich einige Zeit später in einem ganz anderen Zusammenhang und soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben: Schiller war zu Robert Lembkes »Heiterem Beruferaten« nach München eingeladen, und das Panel sollte mit verbundenen Augen seine Tätigkeit erraten. Als es dann soweit war und Schiller auf die Bühne treten sollte, bemerkte ich von der Kulisse aus, dass seine Hose hinten durchgängig geplatzt war. Ich hielt ihn daraufhin kurz an und machte ihn darauf aufmerksam. Da es für eine Notlösung oder gar einen Hosenwechsel zu spät war, schlug ich vor, er solle ruhig auf die Bühne treten und sich vorwärts auf Lemke zu bewegen. Doch sollte er sich auf keinen Fall umdrehen und am Ende dann auch die Bühne rückwärts wieder verlassen. So geschah es auch, ohne dass jemand das Missgeschick bemerkte. Ich rief aber dem Minister beim Verlassen der Bühne noch einmal zu, er solle auf jeden Fall rückwärts gehen, was er dann auch tat. So hat keiner die »Offenheit« des Ministers bemerkt.

SPD Bundesparteitag in Saarbrücken 1971

Bei der Anreise war es mir und vielen anderen gar nicht in den Sinn gekommen, mich nach dem Wetter vor Ort zu erkundigen. So war die Überraschung riesig groß, dass Saarbrücken vollkommen überschwemmt war und die Hotels selbst bis in höhere Etagen nicht mehr benutzt werden konnten. Toiletten und Wasser waren außer Betrieb und die Hotelküche geschlossen. So zog der Parteivorstand zur Übernachtung kurzfristig nach Kaiserslautern um. Nur Schiller beschloss, trotzdem in Saarbrücken zu bleiben, weil die Hin- und Rückfahrt nach Kaiserlautern einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Für mich war es erstaunlich, dass jemand, der ansonsten auf Hotelkomfort so großen Wert legte, mit einem Mal alles beiseite wischte mit dem Hinweis: »Ich habe während des Krieges in Schützengräben gelegen und werde dies auch überstehen.« Folglich haben wir beide in dem leeren Hotel übernachtet, abends in höher gelegenen Restaurants gegessen, dort auch die Toiletten benutzt und am nächsten Morgen mit Mineralwasser Kaffee gekocht.

Die Krupp-Krise 1967

Bleiben wir noch ein bisschen in der Heimat. An einem Freitag gegen Abend brachte uns ein »Hansa Jet« nach Hamburg zum Ostasiatischen Liebesmahl im Hotel Atlantic. Dort wurde der Minister von einem aufdringlichen Spiegel-Reporter im Fahrstuhl und im Beisein anderer Gäste regelrecht angerempelt mit der Bemerkung: »Herr Minister, wir brauchen für unsere nächste SPIEGEL-Ausgabe von Ihnen noch ein paar zusätzliche Informationen zur Krupp-Krise.« Auf diese Weise erfuhren wir zum ersten Mal, dass sich bei Krupp offenbar etwas zusammenbraute. Also für mich nichts Wichtigeres, als mit den Krupp Leuten zu telefonieren, um Näheres zu erfahren. Abgesehen davon, dass man sich dafür zunächst die Telefonnummern besorgen musste, war das aber auch sonst nicht einfach, denn der Bevollmächtigte Bertold Beitz befand sich in Tallin auf einer Segel-Olympiadekonferenz, und der Krupp Chef selbst war auf seiner Hazienda in Marokko.

Kein Wunder, dass Schiller sauer war, weil kein Verantwortlicher von Krupp angesichts der aufziehenden Krise vor Ort war, mit dem man hätte sprechen können. Insofern sah sich Schiller in eine Rolle gedrängt, angesichts der abwesenden Krupp-Verantwortichen seitens der Bundesregierung tätig zu werden, und dies am Rande eines traditionellen Festessens. Offenbar ging es bei Krupp, wo sich – wohl aufgrund von Rückstanden von Kunden – erhebliche Außenstände angehäuft hatten, um eine ernsthafte Liquiditätskrise, die bis zu 300.000 Arbeitsplätze hätte gefährden können. Hierüber sollten die Banken am kommenden Montag, also an dem Tag, an dem der Spiegel erscheinen sollte, beraten. Als Schiller daraufhin Rudolf Augstein anrief und im nationalen Interesse auf die Brisanz eines Presseartikels zur Unzeit aufmerksam machte, antwortete ihm dieser, dass er bei allem Verständnis angesichts des Mitarbeiter-Statuts keinen Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen des Spiegel-Managements habe.

Folglich erschien der Spiegel am Montag mit der Krupp-Geschichte, und am Abend trafen sich die Bankenvertreter verabredungsgemäß unter Abs im Bundeswirtschaftsministerium. Beitz wurde zunächst im Wartezimmer »geparkt«, was ihm das Gefühl gab, wie ein Angeklagter behandelt zu werden. Das gab mir als »Betreuer« Gelegenheit, ausführlich mit ihm über seine beeindruckende Lebensgeschichte zu plaudern, die im Übrigen, was seine überraschende Berufung ins Krupp-Management angeht, seinerzeit in Hamburg begann, wie er mir erzählte.

Im Rückblick lässt sich vielleicht mit Erleichterung feststellen, dass der Spiegel-Artikel zum Glück nicht die befürchtete Bedeutung erlangte und im Übrigen die Reaktion der Banken offenbar von Panik geprägt war. Das mag auch erklären, dass zur Lösung der Krise sofort nach dem Staat gerufen wurde, anstatt zuvörderst um eine bankeninterne Bewältigung bemüht zu sein, die im Rückblick durchaus möglich gewesen wäre, zumal es sich nicht – wie Jahrzehnte später während der Eurokrise um Griechenland – um Milliarden-Beträge handelte. Jedenfalls war das traditionelle Festessen in seiner Heimatstadt Hamburg für Schiller leider völlig von der sich anbahnenden Krupp-Krise überschattet, die ihn bei seiner Ankunft völlig überraschte.

Schillers Dissertation

Gleichfalls in Hamburg, dem Sitz der ZEIT, ist anekdotisch über eine kleine Geschichte zu berichten. So hatte sich ein renommierter Kulturredakteur in einem Artikel kritisch mit der agrarpolitischen Dissertation Schillers Mitte der 30er Jahre beschäftigt, welche er am Kieler Institut für Weltwirtschaft verfasst hatte. Vor diesem Hintergrund fand der Redakteur es bezeichnend, dass diese Schrift auch nicht (mehr) in der Hamburger Universitätsbibliothek vorhanden sei.

Dies hat mich veranlasst, ohne von Schiller damit beauftragt gewesen zu sein, eigene Recherchen anzustellen, und so fand ich heraus, dass die Behauptung in dem Artikel nicht stimmte und die Dissertation sehr wohl im Katalog der Hamburger Universitätsbibliothek aufgeführt und verfügbar war. Nur hatte der Journalist schlampig recherchiert und bei einem falschen Veröffentlichungsdatum nachgeschaut. Ich fand es damals erstaunlich, dass ein solcher »Rufmord« in einer so renommierten Zeitschrift möglich war.

Die EWG

Zu meiner Zeit war die deutsche Vertretung bei den EWG-Gremien zunächst noch durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet: Zum einen war dies – seit Ludwig Erhards Zeiten – die unangefochtene Domäne des Wirtschaftsministeriums. Schließlich handelte es sich, wie der offizielle Name sagte, um eine Wirtschaftsgemeinschaft. Insofern kamen immer dann, wenn wir die Präsidentschaft hatten, besondere Aufgaben auf den Wirtschaftsminister zu, während die anderen Länder zumeist durch ihre Finanzminister vertreten waren. So musste Schiller beispielsweise eine Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg halten, die vorher unter den Gremien in Brüssel abgestimmt war und die er praktisch nicht mehr ändern konnte. Kein Wunder, dass dies für einen Politiker unbefriedigend war. Ähnliches galt für repräsentative Veranstaltungen im Ausland. Ich erinnere mich an eine bevorstehende Tagung in der Türkei, mit der schon damals ein Assoziierungabkommen bestand. Hier hatte Schiller andere wichtige Termine zuhause wahrzunehmen und bat mich deshalb, unter seinen Kabinettskollegen um einen Ersatz bemüht zu sein. So konnte ich den Bundesratsminister Carlo Schmid dazu bewegen, mit einer Bundeswehrmaschine nach Ankara zu fliegen und anstelle von Schiller diese Repräsentationspflichten zu übernehmen. Dabei war mein Hinweis auf die Prädominanz des Französischen besonders hilfreich. Im Übrigen bat Schiller während der arbeitsreichen deutschen Präsidentschaft seinen Kollegen vom Auswärtigen Amt, ihn ausnahmsweise zu vertreten, was dann letztlich zu einer ständigen Übertragung der Zuständigkeit führte, die insbesondere auch die Besetzung der enorm wichtigen Ständigen Vertretung in Brüssel durch das Auswärtige Amt mit einschloss.

Die zweite deutsche Besonderheit, wie sie vor allem die Wirtschafts- und Finanzministertreffen der EWG betraf, führte dazu, dass wir im Unterschied zu den meisten anderen Ländern oft durch zwei Minister vertreten waren, nämlich »Plisch und Plum«: Schiller und Strauß.

Allgemein ist vielleicht ein Wort darüber angezeigt, ob sich deutsche Minister bei den EWG-Treffen wohlfühlten oder nicht. Es wird heutzutage in der Bevölkerung und in den Medien so viel über die Unzufriedenheit mit der EU und ihr Demokratiedefizit gesprochen, aber wenig über das berufliche Ambiente in der Gemeinschaft für die anreisenden Minister, an der aber mit einem Beamtenapparat aus verschiedenen (heutzutage) 27 Mitgliedern nichts zu ändern ist. Da gibt man z. B. als Persönlicher Referent einem Unbekannten in der Verwaltung ein Papier zum Ablichten und hat dann wenig Einfluss darauf, wie schnell und von wem das erledigt wird. Das kann durchaus ein Bediensteter aus Italien, Holland oder jetzt auch Bulgarien oder Spanien sein.

Hierzu ein Beispiel: Ein britischer Finanzminister übergab ein kurzes Papier an das Sekretariat zur allgemeinen Verteilung an alle Kollegen. Als er nach einiger Zeit nach dem Sachstand fragte, wurde letztendlich das Dokument verteilt. Doch der Minister erkannte seinen Text nicht wieder, weil er eine ganz andere Wortfassung enthielt. Was war passiert? Inzwischen war das Papier auf Französisch übersetzt und sodann auf Englisch rückübersetzt worden. Auf ähnliche Weise erfuhr Schiller als Ratsvorsitzender, dass seine Rede vor dem Europäischen Parlament nach einigem Nachfragen unsererseits endlich an die deutschen Journalisten verteilt wurde, aber das nach deren Redaktionsschluss und zudem auf französisch und nicht in der deutschen Originalfassung. Kurzum, Schiller »was not amused«. Das galt auch für die vielen Fälle, wo bei den Sitzungen kurz vor Beginn noch neue Dokumente verteilt wurden, die zumeist auf deutsch noch nicht verfügbar waren, so dass man sich mit englischen oder französischen Versionen zufriedengeben musste. Zudem erinnerte ich mich an eine geplante Ratssitzung, bei der wir nach der Landung in Brüssel erfuhren, dass die Ständigen Vertreter sie kurzfristig abgesagt hatten.

Nächtelange Debatten, zum Teil bis in die frühen Morgenstunden, und dabei oft geschwätzige Interventionen – nicht selten für den Hausgebrauch – tragen zu einem allgemeinen Unbehagen bei, das nun mal systemimmanent ist und durch die inzwischen stark angewachsene Zahl der EU-Mitglieder die Sache nicht einfacher machen dürfte. Im Übrigen wurde mein Vertrauen in ein von Lobbyisten freies Ambiente bei Ratssitzungen geschmälert, als ich feststellte, dass ein Vertreter des Deutschen Bauernverbandes bei den Treffen der Agrarminister quasi wie selbstverständlich im Vorraum anwesend war. Ich weiß nicht, ob das auch bei den anderen Ländern ähnlich war oder heute noch so ist.

Andererseits war es interessant zu beobachten, wie die witzige Bemerkung eines Ministers ihre Runde durch die Dolmetscher-Kabinen machte, bis sie dann schlussendlich bei allen Teilnehmern ankam. Inwieweit die Pointe dabei unterging, war nicht immer nachzuvollziehen.

Als enger Mitarbeiter eines Ministers, der per Flugzeug zu den Ratssitzungen anreiste, stellte sich des Öfteren das Problem, dass das Ende solcher Tagungen zumeist nicht vorhersehbar war. Gleichwohl musste der Pilot Flugpläne mit Abflugzeiten angeben, die dann immer wieder angepasst werden mussten. Das galt auch für die übrigen Länder und dürfte sich durch die Erweiterung der Mitgliederzahl auf damals 28 Staaten weiter kompliziert haben. Da solche Ratssitzungen alle paar Monate auch in Luxemburg stattfanden, kann man sich vorstellen, wie manchmal auch die dortige Flugsicherung besonders gefordert war.

Bei den Ratssitzungen kommen Mentalitätsunterschiede in den verschiedenen Kulturen und Sprachen zum Tragen, die oft vor lauter Traditionen den Kern der Aussagen verdecken oder gar verfälschen. Hierzu ein Beispiel: Ziemlich zu Beginn meiner Tätigkeit bei Schiller versuchten wir bei einem internen Mittagessen in Brüssel, eine erste Bilanz über die bisherige Vormittagssitzung zu ziehen. Dabei bemerkte Schiller, er sei froh, dass der britische Kollege den deutschen Vorschlägen zugestimmt habe.

Auf die Gefahr hin, meine weitere Karriere zu gefährden, wagte ich die Frage, wie denn unser Minister zu dieser Einschätzung komme. Seine Antwort: »Der britische Kollege hat unseren Vorschlag als ›interesting‹ bezeichet.« Daraufhin bemerkte ich, dass dies die englische Art sei, einen Vorschlag abzulehnen, dies aber aus Höflichkeit nicht so formuliert würde. Schiller wies dann des Weiteren darauf hin, dass dann doch der französische Kollege zustimmend reagiert habe. Schließlich habe er gesagt: »Bis auf einige technische Einzelfragen sind wir grundsätzlich einverstanden.« Auch hier wies ich darauf hin, dass dies die französische Art des Neinsagens sei. Letztlich ist noch anzumerken, dass bei nunmehr 27 Mitgliedern immer irgendwo Wahlen stattfinden, auf die dann Rücksicht genommen werden muss und die eine Einigung zusätzlich erschweren und dabei auch »faule« Kompromisse begünstigen.

Im Anschluss an das separate Arbeitsessen mit Mitarbeitern in Brüssel noch eine kleine Anekdote: Ich habe zunächst die Endrechnung bezahlt, sodann den Betrag durch die Zahl der Teilnehmer geteilt und ihn von allen entsprechend eingezogen. Hierbei bemerkte Schiller mit ernsthaft erscheinendem, aber letztlich auch scherzhaftem Stirnunzeln: »Herr Dr. Fischer, wollen Sie im Ernst einem Minister in die Tasche greifen? Gibt es dafür keinen Repräsentationsfonds?« Darauf meine Antwort: »Ja, es gibt einen Repräsentationsfonds unter der Voraussetzung, dass Sie ministeriumsfremde Gaste bewirtet haben. In unserem Fall handelte es sich aber um eine sog. ›Repräsentation nach innen‹ mit ausschließlich Mitarbeitern des Ministeriums. Sie alle erhalten – wie Sie auch – ein Auslandstagegeld, aus dem die Kosten zu bezahlen sind.« Ich merkte abschließend an, ich würde im Interesse des Ministers auch künftig darauf achten, dass alles seine Ordnung habe und er als Minister nicht »angreifbar« würde. Darauf Schiller, der einen Hundertmarkschein herauszog: »Ich nehme nicht an, dass Sie das wechseln können.« Doch ich hatte das genaue Wechselgeld in der Hand.

Auch wenn die Brüsseler Essensumlage bei den übrigen Teilnehmern problemlos akzeptiert wurde, fühlte sich doch ein veritabler Ministerialdirektor genötigt, mich »kleinen« Regierungsrat anzurufen und dem von ihm eingeforderten Betrag mit dem Hinweis zu widersprechen, er habe keine Suppe und kein Getränk gehabt und sollte daher auch weniger zahlen. Darauf habe ich erwidert, dass ich – zur Vermeidung einer längeren Diskussion – den Unterschiedsbetrag aus meiner eigenen Tasche zahlen würde, aber ihn bei einer ähnlichen Essensrunde in der Zukunft erkennbar von einer Kostenbeteiligung ausnehmen würde. Die Entgegnung des Anrufers war, so habe er es nicht gemeint. Dem widersprach ich mit dem Hinweis, dass er das aber genau beabsichtigt habe. Sonst hätte er ja nicht angerufen.

Das allgemeine Unbehagen bei EU-Sitzungen wird letztlich oft noch dadurch gestört, dass ein Minister nach dem Ende der oft nächtelangen Debatten möglichst schnell nach Hause fliegen möchte. Doch ist dann oft die Sache nicht so einfach, denn – wie erwähnt – muss vom Piloten erst ein Flugplan eingereicht und dieser von der Flugsicherung akzeptiert werden. Herrschen überdies Eis und Schnee, ist eine zeitaufwändige Enteisung der Tragflächen notwendig, und dafür muss erst einmal das entsprechende Gerät verfügbar sein.

Mit den obigen Anmerkungen soll keineswegs meine EU-Begeisterung für dieses größte Friedenswerk nach dem Zweiten Weltkrieg geschmälert, aber doch auf gewisse Eigenarten hingewiesen werden, die nun einmal da sind und zu berücksichtigen sind, zumal sie die Einflussmöglichkeiten eines Persönlichen Referenten begrenzen, weil er bei den Sitzungen von Leuten umgeben ist, die er zumeist nicht kennt und oft mangels Namen auch nicht kontaktieren kann, um beipielsweise den Sachstand bei angeforderten Dokumenten oder Kopien zu erfahren.

Internationale Währungskonferenz in Bonn 20.–22. November 1968

Von der Öffentlichkeit damals wenig beachtet, verdient diese bedeutende Konferenz der wichtigsten Industrieländer auch angesichts der vielen logistischen Besonderheiten eine angemessene Würdigung. Wegen der währungspolitischen Turbulenzen mit eventuellen französischen Abwertungserwartungen sowie DM-Aufwertungsforderungen und der hohen Devisenzuflüsse bei der Bundesbank, die kurz vor der Konferenz an einem einzigen Tag 800 Mio. US-$ betrugen, lud Schiller als Vorsitzender der sog. »Zehnergruppe« am 19. November 1968 kurzfristig zu einer Sonderkonferenz nach Bonn ins Bundeswirtschaftsministerium ein, die bereits am nächsten Tag begann. Es erhellt, dass damit besonders auf den Persönlichen Referenten vielfältige organisatorische Aufgaben zukamen, die zudem durch den dazwischen liegenden Feiertag (Buß- und Bettag) noch potenziert wurden, weil u. a. die Lebensmittelgeschäfte geschlossen und auch notwendige Logistikhelfer wie Köche und Kellner schwer erreichbar waren.

So mussten in Vorbereitung der Konferenz innerhalb weniger Stunden ein ganzer Ministeriumsflügel und andere Büroräume des Hauses für die Benutzung der zahlreichen ausländischen Gäste »umfunktioniert« werden, die Telefone mussten entsprechend sprachlich gekennzeichnet sein und überdies die von der »Besetzung« betroffene Belegschaft am nächsten Werktag entsprechend unterrichtet und sodann anderweitig untergebracht werden. Die Telefonzentrale musste nicht nur besetzt und verstärkt werden, sondern auch über die zu erwartenden Ferngespräche (u. a. nach Japan) unterrichtet werden, und überall mussten für die zahlreichen Delegationen Hinweisschilder in verschiedenen Sprachen angebracht werden. Es mussten die Fahrer der Dienstwagen des Ministeriums herbeigerufen und für die Autos der Botschaften Parkplätze eingerichtet werden. Für die Personenkontrolle und die Sicherheit mussten Ausweise gedruckt und dafür auch die entsprechenden Namen beschafft werden, all dies innerhalb weniger Stunden und im Hinblick auf einen Feiertag. Überdies mussten trotz Feiertag Dolmetscher sowie Anlagen und Kopfhörer bereitgestellt werden.

Ferner musste auch die Essensversorgung für alle Teilnehmer organisiert werden. Zudem mussten für die mitgereisten Delegationsmitglieder der Brötchen-Nachschub und die Bereitstellung von Kartoffelsalat und Würstchen sowie von Getränken gewährleistet sein. Trotz des Feiertages musste kurzfristig ein ausreichendes Catering organisiert werden, und in einem Fall musste sogar ein Koch von seiner eigenen Hochzeit weggelotst werden. Kurzum, als Persönlicher Referent des Gastgebers hatte man an viele Sachen auf einmal zu denken, deren Erledigung anzuordnen und zu überwachen.

Zudem mussten für die Journalisten Arbeitsmöglichkeiten geschaffen und extra Fernsehgeräte aufgestellt werden. So habe ich in den Kellerräumen auch Tischtennisplatten aufstellen lassen, um Begleitpersonen anderweitig zu beschäftigen.

Wie es gelang, diese große, internationale Ad-hoc-Konferenz einigermaßen reibungslos durchzuführen und in Rekordzeit zu organisieren, ist mir immer noch ein Rätsel.

Dabei schwebte über allem zu Beginn eine große Unsicherheit: Während alle anderen Finanzminister aus fern und nah pünktlich einschwebten (sogar aus Japan), blieb der amerikanische Kollege zunächst verschollen und war nicht aufzutreiben. So konnte zwar festgestellt werden, dass er rechtzeitig von Washington abgeflogen und auch auf dem Militärteil des Frankfurter Flughafens gelandet war. Auch war klar, dass er dort in einen Wagen mit einem Soldaten als Fahrer eingestiegen war. Alles andere blieb unklar. Doch offenbar hatte sich der Fahrer, der überdies offensichtlich kein Deutsch sprach, mehrere Male verfahren, so dass die Fahrt von Frankfurt nach Bonn auf einer gut beschilderten Autobahn fast eine ganze Nacht in Anspruch nahm und die glückliche, wenn auch verspätete Ankunft dieses wichtigen Partners mit Erleichterung begrüßt wurde.

Im Übrigen teilten sich die beiden Minister Plisch und Plum die Gastgeberrolle, und Finanzminister Strauß stand dabei – auch aus sprachlichen Gründen – etwas im Schatten seines Kollegen und Hausherrn Schiller. Er hatte am Tagungsort auf dem Bonner Hardtberg auch kein eigenes Ministerbüro und war insofern auch Gast des Wirtschaftsministers.


»Plisch« (Schiller) und »Plum« (Strauß) auf der internationalen Währungs-Konferenz in Bonn 1968

Zum Atmosphärischen der Konferenz ist zu bemerken, dass damals die im Raum stehende Abwertung der französischen Währung – wie im Übrigen auch jede andere Abwertung – noch als großer Prestigeverlust empfunden wurde. Das erklärt auch, dass der französische Minister mehrfach Anlass gesehen hat, die französische Botschaftsresidenz außerhalb Bonns aufzusuchen, um von dort (abhörsicheren?) Kontakt mit Paris zu halten. Als Ergebnis der Konferenz ist festzuhalten, dass es zwar nicht zu den erwarteten Währungsverschiebungen (sog. »realignment«) kam, doch stellten die verschiedenden Notenbanken kurz danach zusätzliche Kreditfazilitäten bereit und trugen damit wesentlich, wenn auch nur vorübergehend, zu einer internationalen Beruhigung bei. Im Übrigen wurde die reibungslose Durchführung dieser Ad-hoc-Konferenz mit Mammutcharakter in einem Ambiente, das nicht – wie zumeist üblich – durch ein englisches oder französisches Umfeld geprägt war, allgemein gewürdigt und die erstmals erkennbar wichtige Rolle der Bundesrepublik im internationalen Währungsbereich allen Beteiligten und der Presse deutlich.

Der Beginn des Airbus 1969

Zur Unterzeichnung dieses deutsch-französischen Vertrages war auf dem Pariser Flughafen Le Bourget das Modell einer Pilotenkanzel des ersten geplanten A 300 Airbus aufgestellt. Als Schiller den Vertrag über 1,65 Mrd. DM unterschrieb, sagte er zu mir, dass dies die teuerste Unterschrift seines Lebens sei und wohl auch bleiben würde. Er fügte hinzu, dies sei ein Preis für die deutsch-französische Freundschaft. Dabei war er nicht ohne Zweifel darüber, ob dieser Betrag zu gegebener Zeit auch zurückgezahlt werden würde, was aber dann angesichts der guten Geschäftsentwicklung von Airbus geschah. Jedenfalls wurde hier aus dem Nichts heraus der Grundstein gelegt für ein gigantisches und mehrere Länder einschließendes Projekt, das sich letztlich zu einer echten Konkurrenz zu Boeing entwickelte.

Zusammen mit ESA und anderen europäischen Organisationen hat Europa im High-Tech-Bereich beeindruckende Erfolge zu verzeichnen, dabei – vor allem im überseeischen Telefonverkehr über Satelliten – das ursprüngliche amerikanische Monopol durchbrochen und wurde damit auch zugunsten des Verbrauchers zu einem starken Konkurrenten. Dass wir heute – im Gegensatz zu den horrenden amerikanischen Preisen zu Beginn – fast zum Ortstarif mit den USA telefonieren können, verdanken wir zu einem erheblichen Teil auch unseren europäischen Satelliten. Auch der Telefonverkehr mit Afrika und zwischen dessen Ländern wurde revolutioniert und erheblich billiger. Er lief nicht mehr über Paris oder London, sondern über Satelliten. Angesichts des Entwicklungsstandes in Afrika kann die enorm verbesserte und nicht mehr so teure Kommunikation mit dem Rest der Welt sowie untereinander nicht genug gewürdigt werden.

Schiller und die USA

Für den Wirtschaftsminister gab es neben den wichtigen bilateralen Beziehungen zu den USA mit den dort beheimateten Bretton Woods-Institutionen (Internationaler Währungsfonds und Weltbank) und ihren Jahresversammlungen ein zweites wichtiges Tätigkeitsfeld, das zu häufigen Besuchen in den USA führte. Zudem gaben Tochter und Enkelkind des Ministers den USA-Besuchen zuweilen ein persönliches Gepräge, was im Übrigen auch bei Bundeskanzler Kiesinger und seiner Enkeltochter »Fröschle« der Fall war.

Vorweg eine »bilaterale« Anmerkung zu den Gesprächen in den USA. Mir fiel immer wieder auf, wie wenig den dortigen Politikern über die Traditionen oder Tabus anderer wichtiger Industrieländer wie der Bundesrepublik bekannt ist, ganz im Unterschied zu dem Congressional staff in Washington oder dem britischen Außenministerium. So wird zumeist nicht ausreichend ins Kalkül gezogen, was in anderen Ländern anders»tickt« und was nicht. Als Beispiel ein Dinnerabend beim amerikanischen Finanzminister unmittelbar nach der Ankunft aus Deutschland. An dem Tag war der der sog. Yom Kippur-Krieg ausgebrochen. Daher brachte der Gastgeber dieses Thema auf und bemerkte, man habe sich bereits erste Gedanken gemacht, wie man auf eine eventuelle Energieknappheit reagieren solle. Vielleicht sei es am besten, im Rahmen der OECD Gas und Öl zwischen den Industrieländern zu rationalisieren. Darauf erwiderte Schiller empathisch, das käme für Deutschland in keinem Fall in Betracht und würde die Kriegserinnerung mit staatlicher Zuteilung von Lebensmitteln und Rohstoffen zurückbringen, was panikartige Folgen haben würde. Dann lieber das Mehrfache an Benzinpreisen bezahlen, als zur Nachfragebegrenzung durch Verteilungsschlüssel überzugehen.

Auf ähnliche Weise wird bei allen möglichen Forderungen nach deutschen Wirtschaftsankurbelungen – auch seitens des IWF – zu wenig ins Kalkül gezogen, wie tief in Deutschland im Unterschied zu allen anderen Industrieländern über Generationen hinweg die Angst von einer Inflation verankert ist. Auch der IWF war an unserer statistischen Spitzenposition nicht unbeteiligt. So wurde der »Wohlstand« eines Landes vorwiegend an seinem Bruttosozialprodukt gemessen, das bei uns infolge des »Wirtschaftswunders« beständig anstieg. Was dabei nicht oder kaum berücksichtigt wurde: Unser Land war als Folge des Bombenkrieges hinsichtlich Wirtschaft und Wohnhäusern stark zerstört, der Rest der Industrie wurde aufgrund von Reparationsforderungen einiger Siegermächte demontiert, und im Unterschied zu anderen Industrieländern (z. B. Schweiz und Belgien) war auch der Aktienbesitz verloren gegangen, und schließlich mussten über 12 Millionen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten integriert werden. Kurzum: Wir galten statistisch (wieder) als »reich«, ohne es damals auch in unserem Bewusstsein zu sein. Inzwischen sind Statistik und Eigeneinschätzung mehr im Gleichgewicht, was auch die mehrfachen Aufrufe erklärt, wir sollten nun weltweit mehr Verantwortung übernehmen.

Auch die amerikanischen Vorwürfe, wir würden in Europa aus handelspolitischen Gründen die Genmanipulation von Lebensmitteln behindern, berücksichtigen nicht hinreichend unsere Erfahrungen mit Rinderwahn, Schweine- und Vogelpest und anderen Epidemien, welche die Amerikaner selbst nicht hautnah erlebt haben, über die aber in Europa immer wieder eindrucksvolle Berichte über unsere Bildschirme flimmerten. Auf der anderen Seite ist auch anzumerken, welche Steine unsere USA-Verbündeten damals der Anerkennung zweimotoriger Airbusse in den Weg gelegt haben, solange Boeing nicht auch solche Maschinen produzierte.


Schiller mit seinem amerikanischen Kollegen in Camp David

Bei der Bewertung der amerikanischen Kontakte seien einige anekdotische Ereignisse angemerkt. So hatte Präsident Nixon seinen Kabinettskollegen erstmalig erlaubt, auch die Tagungs- und Erholungsanlagen von Camp David zu benutzen. Wir waren dabei die ersten ausländischen Besucher und konnten uns im Gästebuch gleich unter dem Präsidenten eintragen. Die Bewirtung lag zumeist in den Händen von in Smokings gekleideten Sicherheitsbeamten. Diese zogen sich angesichts amerikanischer Usancen gegen 22:00 Uhr zurück. Danach machten wir als Gäste allein einen Spaziergang durch das Gelände und entdeckten dabei auch einen Swimming-Pool. Ich wurde beauftragt, Badehosen zu beschaffen, was mir auch gelang. So zogen wir die Army-Shorts an und genossen das angenehm temperierte Wasser. Zurück in den Bungalows fühlte sich unser Bedienungspersonal bemüßigt, sich wieder anzukleiden, um uns zu bedienen. Vielleicht haben sie sich auch über unser Steh- oder besser: Sitzvermögen gewundert, zumal wir überdies ja gerade einen langen Überseeflug hinter uns hatten und trotzdem nachts noch unternehmungslustig waren.

Bei anderer Gelegenheit waren die Gouverneure der Weltbank/IWF-Jahresversammlung bei Präsident Nixon zu einem Empfang im Weißen Haus eingeladen. Dazu parkten die zumeist schwarzen Cadillacs in der Auffahrt. Nur ein Wagen, ein Mercedes 600, stach aus dieser Gruppe hervor. Er gehörte zu Karl Klasen, dem deutschen Bundesbank-Präsidenten. Diesem war als früherem Aufsichtsratsmitglied von Daimler-Benz das Privileg eingeräumt worden, in den USA immer einen entsprechenden Wagen zur Verfügung zu haben. In diesem Fall kam die Luxuslimousine aus New York mit einem vollmundigen amerikanischen Fahrer. Dieser ließ es sich nicht nehmen, seinen Cadillac-Kollegen in allen Details die deutsche Wertarbeit vorzuführen. Dazu gehörten auch der Klang der Türen und die Qualität der Karrosserie. Zur Illustration drückte er mit dem Daumen die dünneren Türen einiger Cadillacs ein. Deren Fahrer zeigten sich naturgemäß beeindruckt.

Als nun der Empfang zu Ende war, wurde der Mercedes von Karl Klasen als einer der ersten aufgerufen. Doch wollte er partout nicht anspringen, weil die Batterie angesichts der zahlreichen Demonstrationen leer war. Zudem bildeten sich Wasser- und Öllachen unter dem Fahrzeug. Kurzum, eine komplette Blamage für Mercedes und Grund zur Schadenfreude bei den Cadillac-Kollegen. Der amerikanische Notenbankgouverneur Arthur Burns bot daraufhin seinem deutschen Freund an, seinen Dienstwagen zu benutzen, weil er selbst zu Fuß in sein nahe gelegenes Büro gehen konnte.


Schiller als Vorsitzender der Jahresversammlung von IWF/Weltbank in Washington Oktober 1971

Hinsichtlich der Jahresversammlung von Weltbank/ IWF ist noch anzumerken, dass Schiller im Jahre 1971 in Washington deren Tagungspräsident war und bei einem Empfang mehrere Tausend Hände schütteln musste, was danach dann unter seinem Einfluss aus quasi-medizischen Gründen abgeschafft wurde.

Geändert wurde auch – auf Betreiben meiner Frau – die amerikanische Unsitte, bei den Ausweisen der Ehefrauen den Vornamen des Mannes zu benutzen. Sie legte zu diesem Zweck ihren Reisepass vor und bestand erfolgreich darauf, dass ihr dort eingetragener eigener Vorname hinfort verwendet wurde, was dann offenbar allgemein eingeführt wurde.

Zu Schillers Zeiten wurde zu Beginn der siebziger Jahre auch ein erster Versuch gestartet, Berlin als Tagungsort für eine Jahresversammlung von IWF und Weltbank vorzusehen. Das wäre zu der Zeit und während des kalten Krieges natürlich eine große Sache gewesen, zumal damals der Ostblock noch nicht Mitglied war. Doch konnte dies aus rein technischen Gründen abgewiesen werden, weil eine spezielle Tagungskommission aus Washington nach vorherigen Vor-Ort-Recherchen befand, dass Berlin damals nicht genug Hotel-Suiten für die vielen Gouverneure hatte und es auch ansonsten an großen Tagungsräumen fehlte. Diese Situation hat sich dann später so geändert, dass 1988 die Jahresversammlung (und damit ein Jahr vor dem Fall der Mauer) in Berlin stattfand, dabei allerdings durch brutales Auftreten von Chaoten empfindlich gestört wurde, die unter anderem nachts ganze Wagenkolonnen in Brand setzten und den Sicherheitkräften durch Verschwinden in der U-Bahn und erneutem Auftreten an anderer Stelle immer wieder ein Schnippchen schlugen.

Auch zu dieser Tagung einige Anekdoten: Routinemäßig wurde diese – wie bereis erwähnt – von einem umfangreichen Konferenzteam von IWF und Weltbank vorbereitet. Angesichts ihrer doktrinären Haltung bestanden sie anfangs darauf, dass vom Papier bis zu den Heftzwecken alles den amerikanischen Standards entsprechen müsse. Erst unser Hinweis, dass wir eines der wichtigsten Industrieländer seien und unsere DIN-Standards in vielen anderen Teilen der Welt übernommen worden seien, erleichterte ein gewisses Einlenken.

Andererseits hatten die deutschen Gastgeber vor Konferenzbeginn nach Abschluss der Vorbereitungen das Tagungsteam aus Washington zu einem Abendessen eingeladen und hierfür in Spandau ein Restaurant ausgesucht, in dem Studenten in Lendenschürzen an die Wikingerzeit erinnern sollten. Folglich gab es auch keine Bestecke, und alle wurden ermutigt, Knochen usw. auf den mit Stroh ausgelegten Boden zu werfen. Zudem wurden Getränke und vor allem Schnäpse in Büffelhörnern serviert. Kein Wunder, dass die Gäste aus Amerika nicht nur überrascht, sondern pikiert waren und sich bei allem sichtbar zurückhielten. Erst als der dänische Vizevorsitzende des Teams beherzt zugriff, lockerte sich die Stimmung.

Im Übrigen wurde während der eigentlichen Tagung sehr goutiert, dass bei dem traditionellen Empfang des deutschen Gastgebers die einzelnen Bundesländer ihre Nahrungsmittel-Erzeugnisse und Getränke vorstellten. Dabei war naturgemäß nicht nur der bayrische Stand umlagert, sondern auch Fischspezialitäten und Schnäpse aus den Küstenländern fanden großen Anklang, von deutschen Spitzenweinen ganz zu schweigen.

Dabei ergab sich im unmittelbaren Vorfeld dieses Empfangs ein großes Problem, welches die deutschen Veranstalter, vor allem in der Berliner Verwaltung, nicht vorhergesehen hatten. Ursprünglich nämlich sollte dieser Empfang in einem Berliner Technologie-Museum zwischen Eisenbahnwaggons und Lokomotiven stattfinden, was einen gewissen Schick bedeutet hätte. Doch fuhr bei einem Arbeitsessen in diesem Museum eine Rangierlock an den Fenstern vorbei, und die Berliner Kollegen erkannten sofort, dass diese aus der DDR stammte. Folglich wurde zu Recht angenommen, dass diese auch die Hoheit über die Geleise usw. um das Museum herum hätte und es höchst unsicher war, ob die DDR damit einverstanden wäre, dass aus Sicherheitsgründen für die Zeit des Empfanges West-Berlin und die Bundesrepublik verantwortlich sein würden. Um solchen Unsicherheiten zu begegnen, wurde daher kurzfristig beschlossen, den Empfang zu verlegen und hierfür auf die »schwangere Auster« im Tiergarten auszuweichen.

Letztlich ist aber hinsichtlich der gesamten Tagung im Jahr 1988 festzuhalten, dass die DDR, soweit erkennbar, keinerlei ernsthafte Störversuche machte oder ihre Propagandamaschinerie gegen dieses »kapitalistische« Treffen aktivierte. Im Gegenteil, manche Gäste wurden ohne Probleme in Nobelhotels in Ostberlin untergebracht und hatten dort alle Annehmlichkeiten wie in West-Berlin. Auch westdeutsche Polizeifahrzeuge konnten unbürokratisch durch die DDR fahren, solange sie ihre Funkgeräte ausbauten. Dasselbe galt für die zahlreichen Edelkarossen, welche Mercedes und BMW für die Tagung bereitgestellt hatten.

Dies wiederum erleichterte es den Chaoten, sie anhand der Autokennzeichen zu identifizieren und in vielen Fällen nachts »abzufackeln«. Auf ähnliche Weise waren die Besucher des renommierten Konzerts der Deutschen Bank nach dem Verlassen an ihren entsprechend ausgeschilderten Plastiktaschen zu erkennen und damit Pöbeleien und sonstigen Anfeindungen ausgesetzt. Wer das vermeiden wollte, hatte vorsorglich eine Tasche von Edeka dabei, welche er über die der Deutschen Bank stülpte. Ich selbst erinnere mich an eine mittägliche Kaffee-Pause draußen vor der Kongresshalle, als eine harmlos erscheinende Gruppe von Radfahrern vorbeifuhr und uns plötzlich mit faulen Eiern bewarf. Im Rückblick erscheint es erstaunlich, dass die Polizei und die Sicherheitsorgane aus der »Kreativität« und der Brutalität der Chaoten auf dieser Jahresversammlung in Berlin offenbar keine Lehren gezogen haben und daher bei den ähnlich gelagerten Überfällen der Chaoten in Hamburg beim G20-Treffen im Jahre 2016 »ahnungslos« überrascht erschienen.

Im Hinblick auf die bereits erwähnten Jahresversammlungen von Weltbank/IWF sollte noch erwähnt werden, dass die Ministerdelegation zu Schillers Zeiten nach den anstrengenden Tagen in Washington manchmal anschließend ein paar Tage ausspannte, bevor sie in die Bonner Mühle zurückkehrte. Als Schiller das einmal ansprach, erwiderte ich, bereits entsprechende Kontakte mit der Weltraumbehörde NASA aufgenommen zu haben. Man würde uns also gern einladen, am Wochenende mit einer Sondermaschine nach Cape Canaveral zu fliegen, um dort die Raketenanlagen zu besichtigen. Als Ehrenbegleiter des Außenministeriums wurde uns John Kornblum mitgegeben, der später Botschafter in Deutschland wurde und damals mit einer Hamburgerin verheiratet war. Vor Ort wurde deutlich, wie stark zu dem Zeitpunkt noch der deutsche und von Wernher von Braun begründete Einfluss war. So erklärt sich vielleicht auch, warum man sich hinsichtlich der Ketten-Technik für die riesigen Transportraupenschlepper der Weltraumraketen zur Startrampe bei den riesigen Schaufellbaggern im deutschen Braunkohlebergbau wissend gemacht hatte.

Als Fußnote ist noch anzumerken, dass Schiller im Anschluss an diesen Besuch in Cape Canaveral einen Vortrag in Harvard hielt und sich über die nicht so beeindruckende Zahl der Zuhörer etwas enttäuscht zeigte, wie er es in Deutschland gewohnt war. Ich wies darauf hin, dass gerade Harvard von prominenten Rednern überlaufen sei, doch bei seinem Vortrag immerhin einige Nobelpreisträger erschienen waren.


Schiller im Kennedy Space Center in Cape Canaveral

Mit Schiller in Mexiko

Nach Abschluss einer weiteren Jahresversammlung von Weltbank und IWF beschloss Schiller, einen Besuch in Mexiko einzulegen und hierbei eine Einladung des früheren Präsidenten Miguel Alemán in die Nähe von Acapulco zu verwirklichen. Dabei wurde ein Zwischenstopp in Merida eingelegt, um die berühmten Tempel von Uxmal zu besichtigen. Als wir dabei eine steile Treppe hinaufstiegen, bemerkte ich oben eine große Spinne und fragte den Reiseführer, ob dies vielleicht eine »schwarze Witwe« sei, die bekanntlich sehr giftig ist. Mit großem Schrecken wurde dies bejaht und wir um größeren Abstand gebeten. Dies als Beispiel dafür, dass man aus einem modernen Flugzeug steigen und kurz darauf mit einer solchen kitzligen Situation konfrontiert werden kann.

Auf ähnliche Weise hatte ich eine kleine Anekdoten-Episode in Cuzco/Peru auf der stark bevölkerten Plaza de los Armas. Dort wurde mir ein Brillen-Etui gestohlen. Kurz danach fand ich es am anderen Ende des Platzes wieder und kaufte es zurück. Somit war es ein Beispiel von »Recyling« für einen guten Zweck.

In Mexico City war Schiller von dem neu ernannten Finanzminister zum Abendessen eingeladen, und die Botschaft hatte hierfür ein kurzes Papier mit dessen Lebenslauf gefertigt. Darin stand unter »Beziehungen zur Bundesrepublik«: unbekannt. Als Schiller das seinem Kollegen zeigte, brach dieser in lautes Lachen aus und sagte in fließendem Deutsch, die Botschaft hätte eigentlich wissen müssen, dass er zwölf Jahre lang die deutsche Schule besucht und mit dem Abitur abgeschlossen habe. Da er erst seit kurzem im Amt war und noch keine Visitenkarten hatte, schrieb er mir seine Telefonnummer kurzerhand auf eine Serviette.

Am nächsten Tag besuchten wir auf Wunsch meines Ministers das Universitätsgelände. Der begleitende Botschaftsvertreter hatte nicht die geringste Ahnung, warum der Minister diesen Wunsch geäußert hatte. Darum kurvten wir ziellos längere Zeit auf dem Gelände herum, bis ich schließlich ohne vorherige Absprache mit meinem Chef als Ziel angab, dass der Minister natürlich die berühmten Wandfresken sehen wollte, die in jedem Lexikon aufgeführt seien. So geschah es denn auch.

Der Aufenthalt in Puerto Marquez in der Nähe von Acapulco war natürlich mit all dem Komfort ein besonderes Erlebnis und führte zu Gesprächen mit dem früheren mexikanischen Präsidenten Alemán sowie nach meiner Erinnerung auch mit Teddy Stauffer, der vor einigen Jahrzehnten mit seiner Band den Ruhm von Acapulco mitbegründete.

Zum Schluss noch eine Anekdote, welche eine Besonderheit von Schiller zeigt. Er profitierte von der Bereitschaft des Presse- und Informationsamtes in Bonn, für die einzelnen Minister bei Auslandsreisen tägliche fachspezifische Presseschauen zusammenzustellen und per Fax zu übermitteln. Im Falle Acapulco gab es dafür nur eine Empfangsstelle im entfernten Flughafen bei einer mexikanischen Fluggesellschaft. Dort konnte ein Mitarbeiter dafür gewonnen werden, zweimal täglich mit dem Motorrad diese Pressemeldungen zu überbringen, was der Minister goutierte. Doch wollte er eines Tages in Ergänzung einer kritischen Überschrift in einer deutschen Tageszeitung mehr über den Artikel wissen, der aber in der verkürzten Presseschau nicht im Einzelnen wiedergegeben war. Also bat er mich, umgehend mit Bonn zu sprechen.

Ich antwortete, dass die Vermittlung eines solchen Ferngesprächs auch als sog. Staatsgespräch mit besonderer Priorität bis zu acht Stunden dauern und deshalb nachts in Bonn ankommen könnte, wo dann kaum einer erreichbar sein würde. Widerwillig gab sich Schiller damit zufrieden.

Als Fußnote noch der Hinweis, dass auf dem Rückflug von Mexiko nach Paris auch Grace Kelly, die Fürstin von Monaco, mit an Bord war und sich dabei in die Economy Class zurückgezogen hatte, wo mehr Platz zum Liegen war.

Eine besondere Afrikareise

Für das Jahresende1971 hatte die Schiller-Familie eine Reise ins innere Afrika geplant, um dort auch Verwandte zu besuchen, die mit Entwicklungshilfe betraut waren. Bei der Gelegenheit war auch die Unterzeichnung eines Kapitalhilfeabkommens vorgesehen.

Nach seiner Ankunft in Afrika erhielt ich an einem Sonntagnachmittag einen bitterbösen Anruf von Schiller über die »Sauerei« des neuesten SPIEGEL, mit der diese Reise zu Verwandten in Afrika kritisch beleuchtet wurde. Wir hatten in Bonn keinerlei Kenntnis von dem Spiegel-Artikel, zumal dieses Wochenmagazin damals erst immer am Montag verfügbar war. Um meine Ahnungslosigkeit zu übertünchen, erinnerte ich mich an die damalige Fernsprechrealität, wonach solche Gespräche noch nicht über Satelliten, sondern über Paris oder London geleitet wurden und oft von Störungen begleitet waren. So sprach ich am Telefon plötzlich bewusst so laut, dass der Minister mich bat, nicht so zu schreien. Mit den Worten »Jetzt ist die Verbindung unterbrochen« legte ich dann den Hörer auf. Dies gestattete mir sodann, zwischenzeitlich den Spiegelartikel zu besorgen und weitere Einzelheiten zu erfahren. Danach hatte dieses Magazin durch eine Art von Stafette über mehrere Piloten sichergestellt, dass diese Ausgabe dem Minister noch vor dem üblichen Erscheinen am Montag schon am Sonntag zugestellt wurde, und das mitten in Afrika und überdies zur Weihnachtszeit. Mir erschien das schon damals als eine etwas hinterhältige Besonderheit dieses Nachrichtenmagazins, Prominente an entlegenen Orten aufzuspüren und sie mit einem kritischen Artikel in schlechte Stimmung zu versetzen.

Später am Abend rief der Minister noch einmal aus Afrika an und bemerkte – ersichtlich etwas beruhigter –, dass ich ihm das wohl nicht zugetraut hätte, über diese Entfernung an einem Sonntagabend noch ein Telefongespräch aus Afrika zu ermöglichen. Dazu sei er schließlich im Krieg bei der Fernmeldetruppe gewesen. Zum Nachweis seines dienstbezogenen Aufenthalts erschien im nächsten Spiegel von Schiller ein ausführlicher Leserbrief, mit einem detaillierten offiziellen Mammutprogramm und hochrangigen Kontakten, einschließlich Audienz beim Staatspräsidenten.

In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich daran, dass dieser unserem Minister bei seinem Bonn-Besuch im Vorjahr eine Ehrenmedaille überreicht hatte, die sich aber in dessen Wohnung in Bonn befand. So bat ich den sodann auf die Reise geschickten Referatsleiter des Ministeriums, doch bitte einen Tag früher nach Paris zu fliegen und zu versuchen, eine solche Medaille auf dem Flohmarkt zu erstehen. Dazu gab ich ihm eine Kopie der Verleihungsurkunde mit.

Tatsächlich war ein Medaillenerwerb auf dem Flohmarkt möglich, und so konnte der Kollege unserem Minister in Afrika eine solche Medaille überreichen, was von ihm mit freudiger Überraschung registriert wurde.

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