Читать книгу: «Die Räuber»
Friedrich Schiller
Die Räuber
Ein Schauspiel.
1781.
Saga
Die RäuberCopyright © 1781, 2019 Friedrich Schiller und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726373110
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat.
Hippokrates.
Vorrede.
Man nehme dieses Schauspiel für nichts anders als eine dramatische Geschichte, die die Vorteile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu ertappen, benutzt, ohne sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder nach dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu geizen. Man wird mir einräumen, dass es eine widersinnige Zumutung ist, binnen drei Stunden drei ausserordentliche Menschen zu erschöpfen, deren Tätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhänget, so wie es in der Natur der Dinge unmöglich kann gegründet sein, dass sich drei ausserordentliche Menschen auch dem durchdringendsten Geisterkenner innerhalb vierundzwanzig Stunden entblössen. Hier war Fülle ineinander gedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzu engen Palissaden des Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.
Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein Inhalt, der es von der Bühne verbannet. Die Ökonomie desselben machte es notwendig, dass mancher Charakter auftreten musste, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört. Jeder Menschenmaler ist in diese Notwendigkeit gesetzt, wenn er anders eine Kopie der wirklichen Welt, und keine idealischen Affektationen, keine Kompendienmenschen will geliefert haben. Es ist einmal so die Mode in der Welt, dass die Guten durch die Bösen schattiert werden und die Tugend im Kontrast mit dem Laster das lebendigste Kolorit erhält. Wer sich den Zweck vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren Feinden zu rächen, ein solcher muss das Laster in seiner nackten Abscheulichkeit enthüllen und in seiner kolossalischen Grösse vor das Auge der Menschheit stellen, — er selbst muss augenblicklich seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, — er muss sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen, unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.
Das Laster wird hier mitsamt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es löst in Franz all die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstraktionen auf, skelettisiert die richtende Empfindung und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so weit gebracht hat (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden), seinen Verstand auf Unkosten seines Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht heilig mehr — dem ist die Menschheit, die Gottheit nichts — beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Missmenschen dieser Art ein treffendes, lebendiges Konterfei hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines Lastersystems auseinanderzugliedern — und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man unterrichte sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr’s gelungen hat. — Ich denke, ich habe die Natur getroffen.
Nächst an diesem stehet ein anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leser in Verlegenheit setzen möchte. Ein Geist, den das äusserste Laster nur reizet um der Grösse willen, die ihm anhänget; um der Kraft willen, die es erheischet; um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger, wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, notwendig entweder ein Brutus oder ein Catilina zu werden. Unglückliche Konjunkturen entscheiden für das Zweite, und erst am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem Ersten. Falsche Begriffe von Tätigkeit und Einfluss, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mussten sich natürlicherweise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen von Grösse und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so war der seltsame Don Quichotte fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben, bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst anmerken dürfen, dass ich dieses Gemälde so wenig nur allein Räubern vorhalte, als die Satire des Spaniers nur allein Ritter geisselt.
Auch ist jetzt der grosse Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu lassen, dass man beinahe für kein Genie mehr passiert, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln lässt. Die edle Einfalt der Schrift muss sich in alltäglichen Affembleen von den sogenannten witzigen Köpfen misshandeln und ins Lächerliche verzerren Taffen; denn was ist so heilig und ernsthaft, das, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann? — Ich kann hoffen, dass ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese mutwilligen Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.
Aber noch mehr. Diese unmoralischen Charaktere, von denen vorhin gesprochen wurde, mussten von gewissen Seiten glänzen, ja oft von seiten des Geistes gewinnen, was sie von seiten des Herzens verlieren. Hierin habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem, auch dem Lasterhaftesten, ist gewissermassen der Stempel des göttlichen Ebenbildes aufgedrückt, und vielleicht hat der grosse Bösewicht keinen so weiten Weg zum grossen Rechtschaffenen, als der kleine; denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto weiter und ungeheurer ihre Verirrung, desto imputabler ihre Verfälschung.
Klopstocks Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung in Abscheu schmilzt. Miltons Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea der alten Dramatiker bleibt bei all ihren Greueln noch ein grosses, staunenswürdiges Weib, und Shakespeares Richard hat so gewiss am Leser einen Bewunderer, als er auch ihn hassen würde, wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es mir darum zu tun ist, ganze Menschen hinzustellen, so muss ich auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem Böseften nie ganz fehlen. Wenn ich vor dem Tiger gewarnt haben will, jo darf ich seine schöne blendende Fleckenhaut nicht übergehen, damit man nicht den Tiger beim Tiger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst und äussert eine zurückstossende Kraft, statt dass er die Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das Gekritzel eines Messers auf Glas.
Aber eben darum will ich selbst missraten haben, dieses mein Schauspiel auf der Bühne zu wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem Leser, schon ein gewisser Gehalt von Geisteskraft dazu: bei jenem, dass er das Laster nicht ziere, bei diesem, dass er sich nicht von einer schönen Seite bestechen lasse, auch den hässlichen Grund zu schätzen. Meinerseits entscheide ein Dritter — aber von meinen Lesern bin ich es nicht ganz versichert. Der Pöbel, worunter ich keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt (unter uns gesagt) weitum und gibt zum Unglück — den Ton an. Zu kurzsichtig, mein Ganzes auszureichen, zu kleingeistisch, mein. Grosses zu begreifen, zu boshaft, mein Gutes wissen zu wollen, wird er, fürcht’ ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich stürze, darin zu finden meinen und seine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man gemeiniglich alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren lässt.
Es ist das ewige Da capo mit Abdera und Demokrit, und unsere guten Hippokrate müssten ganze Plantagen Nieswurz erschöpfen, wenn sie dem Unwesen durch ein heilsames Dekokt abhelfen wollten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu sein, und wenn Sonne und Mond sich wandeln und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht hätt’ ich, den Schwachherzigen zu Frommen, der Natur minder getreu sein sollen; aber wenn jener Käfer, den wir alle kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, dass Feuer verbrannt und Wasser ersäuft habe, soll darum Perle — Feuer — und Wasser konfisziert werden?
Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe, mit Recht einen Platz unter den moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der Verirrte tritt wieder in das Geleise der Gefesse. Die Tugend geht siegend davon. Wer nur so billig gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen zu wollen, von dem kann ich erwarten, dass er — nicht den Dichter bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschässe.
Geschrieben in der Ostermesse 1781.
Der Herausgeber.
Personen.
| Maximilian, | regierender Graf von Moor. |
|---|---|
| Karl, | seine Göhne. |
| Franz, | seine Göhne. |
| Amalia von Edelreich. | |
| Spielgelberg, | Libertiner, nachher Vanditen. |
| Schweizer, | Libertiner, nachher Vanditen. |
| Grimm, | Libertiner, nachher Vanditen. |
| Razmann, | Libertiner, nachher Vanditen. |
| Schufterle, | Libertiner, nachher Vanditen. |
| Roller, | Libertiner, nachher Vanditen. |
| Rosinsky, | Libertiner, nachher Vanditen. |
| Schwarz, | Libertiner, nachher Vanditen. |
| Hermann, | Bastard von einem Edelmann. |
| Daniel, Hausknecht des Grafen von Moor. | |
| Pastor Moser. | |
| Ein Pater. | |
| Räuberbande. | |
| Nebenpersonen. |
Der Ort der Geschichte ist Deutschland. Die Zeit ungefähr zwei Jahre.
–––––––
Erster Akt.
Erste Szene.
Franten.
Saal im Moorschen Schloss.
Franz. Der alte Moor.
Franz. Aber ist Euch auch wohl, Vater? Ihr seht to blass.
D. a. Moor. Ganz wohl, mein Sohn, — was hattest du mir zu sagen?
Franz. Die Post ist angekommen — ein Brief von unserm Korrespondenten in Leipzig —
D. a. Moor (begierig). Nachrichten von meinem Sohne Karl?
Franz. Hm! Hm! — So ist es. Aber ich fürchte — ich weiss nicht — ob ich — Eurer Gesundheit? — Ist Euch wirklich ganz wohl, mein Vater?
D. a. Moor. Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? — Wie kommst du zu dieser Besorgnis? Du hast mich zweimal gefragt.
Franz. Wenn Ihr krank seid — nur die leiseste Ahnung habt, es zu werden, so lasst mich — ich will zu gelegnerer Zeit zu Euch reden. (Halb vor sich.) Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen Körper.
D. a. Moor. Gott! Gott! was werd’ ich hören?
Franz. Lasst mich vorerst auf die Seite gehn und eine Träne des Mitleids vergiessen um meinen verlornen Bruder — ich sollte schweigen auf ewig — denn er ist Euer Sohn; ich sollte seine Schande verhüllen auf ewig — denn er ist mein Bruder. — Aber Euch gehorchen, ist meine erste, traurige Pflicht — darum vergebt mir.
D. a. Moor. O Karl! Karl! wüsstest du, wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! wie eine einzige frohe Nachricht von dir meinem Leben zehn Jahre zusessen würde — mich zum Jüngling machen würde — da mich nun jede, ach! — einen Schritt näher ans Grab rückt!
Franz. Ist es das, alter Mann, so lebt wohl — wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über Eurem Sarge.
D. a. Moor. Bleib’! — Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu tun — lass ihm seinen Willen! (Indem er sich niedersetzt.) Die Sünden seiner Väter werden heimgesucht im dritten und vierten Glied — lass ihn’s vollenden.
Franz (nimmt den Brief aus der Tasche). Ihr kennt unsern Korrespondenten! Seht! den Finger meiner rechten Hand wollt’ ich drum geben, dürft’ ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer, giftiger Lügner — — Fasst Euch! Ihr vergebt mir, wenn ich Euch den Brief nicht selbst lesen lasse. — Noch dürft Ihr nicht alles hören.
D. a. Moor. Alles, alles — mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.
Franz (liest). ,,Leipzig, vom 1sten Mai. — Ver-„bände mich nicht eine unverbrüchliche Zusage, Dir „auch nicht das geringste zu verhehlen, was ich von ,,den Schicksalen Deines Bruders auffangen kann, „liebster Freund, nimmermehr würde meine un-„schuldige Feder an Dir zur Tyrannin geworden sein. „Ich kann aus hundert Briefen von Dir abnehmen, „wie Nachrichten dieser Art Dein brüderliches Herz ,,durchbohren müssen; mir ist’s, als säh’ ich Dich schon „um den Nichtswürdigen, den Abscheulichen“ — — (Der alte Moor verbirgt sein Gesicht.) Seht, Vater! ich lese Euch nur das glimpflichste — „den Abscheulichen in „tausend Tränen ergossen“; — Ach, sie flossen — stürzten stromweis von dieser mitleidigen Wange — ,,mir ist’s, als säh’ ich schon Deinen alten, frommen ,,Vater totenbleich“ — Jesus Maria! Ihr seid’s, eh’ Ihr noch das mindeste wisset?
D. a. Moor. Weiter! Weiter!
Franz. — „totenbleich in seinen Stuhl zurück „taumeln und dem Tage fluchen, an dem ihm zum „erstenmal Vater entgegengestammelt ward. Man „hat mir nicht alles entdecken mögen, und von dem „wenigen, das ich weiss, erfährst Du nur weniges. „Dein Bruder scheint nun das Mass seiner Schande „gefüllt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über ,,dem, was er wirklich erreicht hat, wenn nicht sein „Genie das meinige hierin übersteigt. Gestern um „Mitternacht hatte er den grossen Entschluss, nach „vierzigtausend Dukaten Schulden“ — ein hübsches Taschengeld, Vater — „nachdem er zuvor die Tochter „eines reichen Bankiers alhier entjungfert und ihren „Galan, einen braven Jungen von Stand, im Duell „auf den Tod verwundet, mit sieben andern, die er mit „in sein Luderleben gezogen, dem Arm der Justiz zu „entlaufen.“ — Vater! Um Gotteswillen! Vater, wie wird Euch?
D. a. Moor. Es ist genug. Lass ab, mein Sohn!
Franz. Ich schone Eurer — „Man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt, die Beleidigten schreien laut um „Genugtuung, ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt — „der Name Moor“ — Nein! meine armen Lippen sollen nimmermehr einen Vater ermorden! (Berreisst den Brief.) Glaubt es nicht, Vater! glaubt ihm keine Silbe!
D. a. Moor(weint bitterlich). Mein Name! Mein ehrlicher Name!
Franz (fällt ihm um den Hals). Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahnete mir’s nicht, da er, noch ein Knabe, den Mädels so nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und Bergen sich herumhetzte, den Anblick der Kirche, wie ein Missetäter das Gefängnis, floh und die Pfennige, die er Euch abquälte, dem ersten, dem besten Bettler in den Hut warf, während dass wir daheim mit frommen Gebeten und heiligen Predigtbüchern uns erbauten? — Ahnete mir’s nicht, da er die Abenteuer des Julius Cäsar und Alexander Magnus und anderer stockfinsterer Heiden lieber las, als die Geschichte des bussfertigen Tobias? — Hundertmal hab’ ich’s Euch geweisjagt, denn meine Liebe zu ihm war immer in den Schranken der kindlichen Pflicht — der Junge wird uns alle noch in Elend und Schande stürzen! — O, dass er Moors Namen nicht trüge! dass mein Herz nicht so warm für ihn schlüge! Die gottlose Liebe, die ich nicht vertilgen kann, wird mich noch einmal vor Gottes Richterstuhl anklagen.
D. a. Moor. Oh — meine Aussichten! Meine goldenen Träume!
Franz. Das weiss ich wohl. Das ist es ja, was ich eben sagte. Der feurige Geist, der in dem Buben lodert, sagtet ihr immer, der ihn für jeden Reiz von Grösse und Schönheit so empfindlich macht, — diese Offenheit, die seine Seele auf dem Auge spiegelt, — diese Weichheit des Gefühls, die ihn bei jedem Leiden in weinende Sympathie dahinschmelzt, — dieser männliche Mut, der ihn auf den Wipfel hundertjähriger Eichen treibet und über Gräben und Palisaden und reissende Flüsse jagt, — dieser kindische Ehrgeiz, dieser unüberwindliche Starrsinn und alle diese schönen glänzenden Tugenden, die im Vatersöhnchen keimten, werden ihn dereinst zu einem warmen Freund eines Freundes, zu einem trefflichen Bürger, zu einem Helden, zu einem grossen, grossen Manne machen. — Seht Ihr’s nun, Vater! der feurige Geist hat sich entwickelt, ausgebreitet, herrliche Früchte hat er getragen. Seht diese Offenheit, wie hübsch sie sich zur Frechheit herumgedreht hat! Seht diese Weichheit, wie zärtlich sie für Koketten girret, wie so empfindsam für die Reize einer Phryne! Seht dieses feurige Genie, wie es das Öl seines Lebens in sechs Jährchen so rein weggebrannt hat, dass er bei lebendigem Leibe umgeht, und da kommen die Leute und sind so unverschämt und sagen: c’est l’amour qui a fait ça! Ah! seht doch diesen kühnen, unternehmenden Kopf, wie er Plane schmiedet und ausführt, vor denen die Heldentaten eines Sartouches und Howards verschwinden! — Und wenn erst diese prächtigen Keime zur vollen Reife erwachsen — was lässt sich auch von einem so zarten Alter Voltommenes erwarten? — Vielleicht, Vater, erlebet Ihr noch die Freude, ihn an der Fronte eines Heeres zu erblicken, das in der heiligen Stille der Wälder residieret und dem müden Wanderer seine Reise um die Hälfte seiner Bürde erleichtert — vielleicht könnt Ihr noch, eh’ Ihr zu Grabe geht, eine Wallfahrt nach seinem Monumente tun, das er sich zwischen Himmel und Erden errichtet — vielleicht, o Vater, Vater, Vater — seht Euch nach einem andern Namen um, sonst deuten Krämer und Gassenjungen mit Fingern auf Euch, die Euren Herrn Sohn auf dem Leipziger Marktplatz im Porträt gesehen haben.
D. a. Moor. Und auch du, mein Franz, auch du? O meine Kinder! wie sie nach meinem Herzen zielen!
Franz. Ihr seht, ich kann auch witzig sein, aber mein Witz ist Skorpionstich. — Und dann der trockne Alltagsmensch, der kalte, hölzerne Franz, und wie die Titelchen alle heissen mögen, die Euch der Kontrast zwischen ihm und mir mocht’ eingegeben haben, wenn er Euch auf dem Schosse sass oder in die Backen zwickte — der wird einmal zwischen seinen Grenzsteinen sterben und modern und vergessen werden, wenn der Ruhm dieses Universalkopfs von einem Pole zum andern fliegt. — Ha! mit gefaltnen Händen dankt dir, O Himmel! der kalte, trockne, hölzerne Franz — dass er nicht ist wie dieser!
D. a. Moor. Vergib mir, mein Kind; zürne nicht auf einen Vater, der sich in seinen Planen betrogen findet. Der Gott, der mir durch Karl Tränen zusendet, wird sie durch dich, mein Franz, aus meinen Augen wischen.
Franz. Ja, Vater, aus Euren Augen soll er sie wischen. Euer Franz wird sein Leben dran setzen, das Eurige zu verlängern. Euer Leben ist das Orakel, das ich vor allem zu Rate ziehe über dem, was ich tun will; der Spiegel, durch den ich alles betrachte — keine Pflicht ist mir so heilig, die ich nicht zu brechen bereit bin, wenn’s um Euer kostbares Leben zu tun ist. — Ihr glaubt mir das?
D. a. Moor. Du hast noch grosse Pflichten auf dir, mein Sohn — Gott segne dich für das, was du mir warst und sein wirst!
Franz. Nun sagt mir einmal — wenn Ihr diesen Sohn nicht den Euren nennen müsstet, Ihr wär’t ein glücklicher Mann?
D. a. Moor. Stille! o stille! Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?
Franz. Das sagtet Ihr. Nun, habt Ihr’s gefunden? Ihr beneidet den schlechtesten Eurer Bauern, dass er nicht Vater ist zu diesem — Ihr habt Kummer, so lang’ Ihr diesen Sohn habt. Dieser Kummer wird wachsen mit Karl. Dieser Kummer wird Euer Leben untergraben.
D. a. Moor. Oh! er hat mich zu einem achtzigjährigen Manne gemacht.
Franz. Nun also — wenn Ihr dieses Sohnes Euch entäussertet?
D. a. Moor.(auffahrend). Franz! Franz! was sagst du?
Franz. Ist es nicht diese Liebe zu ihm, die Euch all den Gram macht? Ohne diese Liebe ist er für Euch nicht da. Ohne diese strafbare, diese verdammliche Liebe ist er Euch gestorben — ist er Euch nie geboren. Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen. Liebt Ihr ihn nicht mehr, so ist diese Abart auch Euer Sohn nicht mehr, und wär’ er aus Eurem Fleische geschnitten. Er ist Euer Augapfel gewesen bisher; nun aber, ärgert dich dein Auge, sagt die Schrift, so reiss’ es aus. Es ist besser, einäugig gen Himmel, als mit zwei Augen in die Hölle. Es ist besser, kinderlos gen Himmel, als wenn beide, Vater und Sohn, in die Hölle fahren. So spricht die Gottheit.
D. a. Moor. Du willst, ich soll meinen Sohn verfluchen?
Franz. Nicht doch! nicht doch! — Euren Sohn sollt Ihr nicht verfluchen. Was heisst Ihr Euren Sohn? — dem Ihr das Leben gegeben habt, wenn er sich auch alle ersinnliche Mühe gibt, das Eurige zu verkürzen?
D. a. Moor. Oh, das ist allzu wahr! das ist ein Gericht über mich. Der Herr hat’s ihm geheissen.
Franz. Seht Ihr’s, wie kindlich Euer Busenkind an Euch handelt? Durch Eure väterliche Teilnehmung erwürgt er Euch, mordet Euch durch Eure Liebe, hat Euer Vaterherz selbst bestochen, Euch den Garaus zu machen. Seid Ihr einmal nicht mehr, so ist er Herr Eurer Güter, König seiner Triebe. Der Damm ist weg, und der Strom seiner Lüste kann jesst freier dahinbrausen. Denkt Euch einmal an seine Stelle! Wie oft muss er den Vater unter die Erde wünschen — wie oft den Bruder — die ihm im Lauf seiner Exzesse so unbarmherzig im Weg stehen? Ist das aber Liebe gegen Liebe? Ist das kindliche Dankbarkeit gegen väterliche Milde, wenn er dem geilen Kitzel eines Augenblicks zehn Jahre Eures Lebens aufopfert? Wenn er den Ruhm seiner Väter, der sich schon sieben Jahrhunderte unbefleckt erhalten hat, in einer wollüstigen Minute aufs Spiel setzt? Heisst Ihr das Euren Sohn? Antwortet! Heisst Ihr das einen Sohn?
D. a. Moor. Ein unzärtliches Kind! ach! aber mein Kind doch! mein Kind doch!
Franz. Ein allerliebstes, köstliches Kind, dessen ewiges Studium ist, keinen Vater zu haben. — O, dass Ihr’s begreifen lerntet! dass Euch die Schuppen fielen vom Auge! Aber Eure Nachsicht muss ihn in seinen Liederlichkeiten befestigen, Euer Vorschub ihnen Rechtmässigkeit geben. Ihr werdet freilich den Fluch von seinem Haupte laden; auf Euch, Vater, auf Euch wird der Fluch der Verdammnis fallen.
D. a. Moor. Gerecht! sehr gerecht! — Mein, mein ist alle Schuld!
Franz. Wie viele Tausende, die voll sich gesoffen haben vom Becher der Wollust, sind durch Leiden gebessert worden! Und ist nicht der körperliche Schmerz, der jedes übermass begleitet, ein Fingerzeig des göttlichen Willens? Sollte ihn der Mensch durch seine grausame Zärtlichkeit verkehren? — Soll der Vater das ihm anvertraute Pfand auf ewig zugrund richten? — Bedenkt, Vater, wenn Ihr ihn seinem Elend auf einige Zeit preisgeben werdet, wird er nicht entweder umkehren müssen und sich bessern? Oder er wird auch in der grossen Schule des Elends ein Schurke bleiben, und dann — wehe dem Vater, der die Ratschlüsse einer höheren Weisheit durch Verzärtlung zernichtet! — Nun, Vater?
D. a. Moor. Ich will ihm schreiben, dass ich meine Hand von ihm wende.
Franz. Da tut Ihr recht und klug daran.
D. a. Moor. Dass er nimmer vor meine Augen komme.
Franz. Das wird eine heilsame Wirkung tun.
D. a. Moor(zärtlich). Bis er anders worden!
Franz. Schon recht! schon recht! — Aber, wenn er nun kommt mit der Larve des Heuchlers, Euer Mitleid erweint, Eure Vergebung sich erschmeichelt, und morgen hingeht und Eurer Schwachheit spottet im Arm seiner Huren? — Nein, Vater! er wird freiwillig wiederkehren, wenn ihn sein Gewissen rein gesprochen hat.
D. a. Moor. So will ich ihm das auf der Stelle schreiben.
Franz. Halt! noch ein Wort, Vater! Eure Entrüstung, fürchte ich, möchte Euch zu harte Worte in die Feder werfen, die ihm das Herz zerspalten würden — und dann — glaubt Ihr nicht, dass er das schon für Verzeihung nehmen werde, wenn Ihr ihn noch eines eigenhändigen Schreibens wert haltet? Darum wird’s besser sein, Ihr überlasst das Schreiben mir.
D. a. Moor. Tu das, mein Sohn. — Ach, es hätte mir doch das Herz gebrochen! Schreib’ ihm — —
Franz (schnell). Dabei bleibt’s, also?
D. a. Moor. Schreib’ ihm, dass ich tausend blutige Tränen, tausend schlaflose Nächte — aber bring’ meinen Sohn nicht zur Verzweiflung!
Franz. Wollt Ihr Euch nicht zu Bette legen, Vater? Es griff Euch hart an.
D. a. Moor. Schreib’ ihm, dass die väterliche Brust — Ich sage dir, bring’ meinen Sohn nicht zur Verzweiflung! (Geht traurig ab.)
Franz(mit Lachen ihm nachsehend). Tröste dich, Alter! du wirst ihn nimmer an diese Brust drücken; der Weg dazu ist ihm verrammelt, wie der Himmel der Hölle. — Er war aus deinen Armen gerissen, ehe du wusstest, dass du es wollen könntest. — Da müsst’ ich ein erbärmlicher Stümper sein, wenn ich’s nicht einmal so weit gebracht hätte, einen Sohn vom Herzen des Vaters loszulösen, und wenn er mit ehernen Banden daran geklammert wäre. — Ich hab’ einen magischen Kreis von Flüchen um dich gezogen, den er nicht überspringen soll. — Glück zu, Franz! weg ist das Schosskind — der Wald ist heller. Ich muss diese Papiere vollends aufheben, wie leicht könnte jemand meine Handschrift kennen? (Er liest die zerrissenen Briefstücke zusammen.) Und Gram wird auch den Alten bald fortschaffen, — und ihr muss ich diesen Karl aus dem Herzen reissen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen bleiben sollte.
Ich habe grosse Rechte, über die Natur ungehalten zu sein, und bei meiner Ehre, ich will sie geltend machen. — Warum bin ich nicht der Erste aus Mutterleib gekrochen? warum nicht der einzige? Warum musste sie mir diese Bürde von Hässlichkeit aufladen? gerade mir? Nicht anders, als ob sie bei meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte. Warum gerade mir die Lappländersnase? gerade mir dieses Mohrenmaul? diese Hottentottenaugen? Wirklich, ich glaube, sie hat von allen Menschensorten das Scheussliche auf einen Haufen geworfen und mich daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht gegeben, jenem dieses zu verleihen und mir vorzuenthalten? Könnte ihr jemand darum hofieren, eh’ er entstund? oder sie beleidigen, eh’ er selbst wurde? Warum ging sie so parteilich zu Werke?
Nein! Nein! ich tu ihr unrecht. Gab sie uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses grossen Ozeans Welt. — Schwimme, wer schwimmen kann, und wer zu plump ist, geh’ unter! Sie gab mir nichts mit: Wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Grössten und Kleinsten; Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Überwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze.
Wohl gibt es gewisse gemeinschaftliche Pakta, die man geschlossen hat, die Pulse des Weltzirkels zu treiben. Ehrlicher Name! — wahrhaftig, eine reichhaltige Münze, mit der sich meisterlich schachern lässt, wer’s versteht, sie gut auszugeben. Gewissen — o ja, freilich! ein tüchtiger Lumpenmann. Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschrecken! — auch das ein gut geschriebener Wechselbrief, mit dem auch der Bankrottierer zur Not noch hinauslangt.
In der Tat sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiten es desto bequemer haben. Ohne Anstand, recht schnakische Anstalten! Kommen mir vor wie die Hecken, die meine Bauern gar schlau um ihre Felder herumführen, dass ja kein Hase drüber setzt, ja beileibe kein Hase! — Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn und galoppiert weich über der weiland Ernte.
Armer Hase! Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Hase sein müssen auf dieser Welt. — Aber der gnädige Herr braucht Hasen!
Also frisch drüber hinweg! Wer nichts fürchtet, ist nicht weniger mächtig, als der, den alles fürchtet. Es ist jetzt die Mode, Schnallen an den Beinkleidern zu tragen, womit man sie nach Belieben weiter und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach der neuesten Fasson anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen, wie wir zulegen. Was können wir dafür? Geht zum Schneider! Ich habe langes und breites von einer sogenannten Blutliebe schwatzen gehört, das einem ordentlichen Hausmann den Kopf heiss machen könnte. — Das ist dein Bruder! — das ist verdolmetscht: er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist — also sei er dir heilig! — Merkt doch einmal diese verzwickte Konsequenz, diesen possierlichen Schluss von der Nachbarschaft der Leiber auf die Harmonie der Geister, von eben derselben Heimat zu eben derselben Empfindung, von einerlei Kost zu einerlei Neigung. Aber weiter — es ist dein Vater! er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut — also sei er dir heilig! Wiederum eine schlaue Konsequenz! Ich möchte doch fragen, warum hat er mich gemacht? Doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir, der erst ein Ich werden sollte? Hat er mich gekannt, ehe er mich machte? Oder hat er mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte? Wusste er, was ich werden würde? Das wollt’ ich ihm nicht raten, sonst möcht’ ich ihn dafür strafen, dass er mich doch gemacht hat! Kann ich’s ihm Dank wissen, dass ich ein Mann wurde? So wenig, als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir gemacht hätte. Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung gegen mein Selbst gründet? Konnte Achtung gegen mein Selbst vorhanden sein, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Voraussessung sein muss? Wo steckt denn nun das Heilige? Etwa im Aktus selber, durch den ich entstand? — Als wenn dieser etwas mehr wäre als viehischer Prozess zur Stillung viehischer Begierden? Oder steckt es vielleicht im Resultat dieses Aktus, das doch nichts ist als eiserne Notwendigkeit, die man so gern wegwünschte, wenn’s nicht auf Unkosten von Fleisch und Blut geschehen müsste? Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben, dass er mich liebt? Das ist eine Eitelkeit von ihm, die Schosssünde aller Künstler, die sich in ihrem Werk kokettieren, wär’ es auch noch so hässlich. — Sehet also, das ist die ganze Hexerei, die ihr in einen heiligen Nebel verschleiert, unsre Furchtsamkeit zu missbrauchen. Soll auch ich mich dadurch gängeln lassen, wie einen Knaben?
Frisch also! mutig ans Werk! — Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, dass ich nicht Herr bin. Herr muss ich sein, dass ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht. (Ab.)
Zweite Szene.
Schenke anden Grenzen von Sachsen.
Karl von Moor in ein Buch vertieft. Spiegelberg trinkend am Tisch.
Karl v. Moor (legt das Buch weg). Mir ekelt vor diefem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von grossen Menschen.
Spiegelberg(stellt ihm ein Glas hin und trinkt). Den Josephus musst du lesen.
Moor. Der lohe Lichtfunke Prometheus’ ist ausgebrannt, dafür nimmt man jetzt die Flamme von Bärlappenmehl — Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules, und studieren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sei, das er in seinen Hoden geführt hat. Ein französischer Abbé doziert, Alexander sei ein Hasenfuss gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Kollegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals — feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Sannä und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen.
Spiegelberg. Das ist ja recht alexandrinisch geflennt.
Moor. Schöner Preis für euren Schweiss in der Feldschlacht, dass ihr jetzt in Gymnasien lebet und eure Unsterblichkeit in einem Bücherriemen mühsam fortgeschleppt wird. Kostbarer Ersatz eures verprassten Blutes, von einem Nürnberger Krämer um Lebkuchen gewickelt — oder, wenn’s glücklich geht, von einem französischen Tragödienschreiber auf Stelzen geschraubt und mit Drahtfäden gezogen zu werden. Hahaha!
Spiegelberg(trinkt). Lies den Josephus, ich bitte dich drum.
Moor. Pfui! pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun muss Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.
Spiegelberg. Tee, Bruder, Tee!
Moor. Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen — belecken den Schuhputzer, dass er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. — Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleissig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare — fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können, — wenden kein Aug’ von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisiert ist. — Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankrott von der Börse geht. — — So warm ich ihnen die Hand drückte — „nur noch einen Tag“ — Umsonst! — Ins Loch mit dem Hund! — Bitten! Schwüre! Tränen! (Auf den Boden stampfend.) Hölle und Teufel!
Spiegelberg. Und um so ein paar tausend lausige Dukaten —
Moor. Nein, ich mag nicht daran denken! Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen grossen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus. Sie verpalisadieren sich ins Bauchfell eines Tyrannen, hofieren der Laune seines Magens und lassen sich klemmen von seinen Winden. — Ah! dass der Geist Hermanns noch in der Asche glimmte! — Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen. (Er wirft den Degen auf den Tisch und steht auf.)
Spiegelberg (aufspringend). Bravo, Bravissimo! Du bringst mich eben recht auf das Chapitre. Ich will dir was ins Ohr sagen, Moor, das schon lang’ mit mir umgeht, und du bist der Mann dazu — sauf, Bruder, sauf! — wie wär’s, wenn wir Juden würden und das Königreich wieder aufs Tapet brächten!
Moor (lacht aus vollem Halse). Ah! nun merk’ ich — du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?
Spiegelberg. Dass dich Bärenhäuter! Ich bin freilich wunderbarerweis schon voraus beschnitten. Aber, sag’, ist das nicht ein schlauer und herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgehen in alle vier Enden der Welt und zitieren nach Palästina, was kein Schweinefleisch isst. Da beweis’ ich nun durch triftige Dokumente, Herodes, der Vierfürst, sei mein Grossahnherr gewesen, und so ferner. Das wird ein Viktoria abgeben, Kerl, wenn sie wieder ins Trodene kommen und Jerusalem wieder aufbauen dürfen. Jetzt frisch mit den Türken aus Asien, weil’s Eisen noch warm ist, und Zedern gehauen aus dem Libanon, und Schiffe gebaut, und geschachert mit alten Borden und Schnallen das ganze Volt. Mittlerweile —
Moor (nimmt ihn lächelnd bei der Hand). Kamerad! mit den Narrenstreichen ist’s nun am Ende.
Spiegelberg (stutzig). Pfui, du wirst doch nicht gar den verlorenen Sohn spielen wollen? Ein Kerl wie du, der mit dem Degen mehr auf die Gesichter gekritzelt hat, als drei Substituten in einem Schaltjahr ins Befehlbuch schreiben! Soll ich dir von der grossen Hundsleiche vorerzählen? Ha! ich muss nur bein eigenes Bild wieder vor dich rufen, das wird Feuer in deine Adern blasen, wenn dich sonst nichts mehr begeistert. Weisst du noch, wie die Herren vom Kollegio deiner Dogge das Bein hatten abschiessen lassen, und du zur Redanche liessest ein Fasten ausschreiben in der ganzen Stadt? Man schmollte über das Reskript. Aber du, nicht faul, lässest alles Fleisch aufkaufen in ganz L..., dass in acht Stund kein Knoch mehr zu nagen ist in der ganzen Rundung, und die Fische anfangen im Preise zu steigen. Magistrat und Bürgerschaft düsselten Rache. Wir Bursche frisch heraus zu siebzehnhundert, und du an der Spitze, und Metzger und Schneider und Krämer hinterher, und Wirt und Barbierer und alle Zünfte, und fluchen, Sturm zu laufen wider die Stadt, wenn man den Burschen ein Haar krümmen wollte. Da ging’s aus, wie’s Schiessen zu Hornberg, und mussten abziehen mit langer Nase. Du lässest Doktores kommen, ein ganzes Konzilium, und botst drei Dukaten, wer dem Hund ein Rezept schreiben würde. Wir sorgten, die Herren werden zu viel Ehr’ im Leib haben und nein sagen, und hatten’s schon verabredt, sie zu forcieren. Aber das war unnötig, die Herren schlugen sich um die drei Dukaten, und kam’s im Abstreich herab auf drei Batzen; in einer Stund sind zwölf Rezepte geschrieben, dass das Tier auch bald darauf verreckte.
Moor. Schändliche Kerls!
Spiegelberg. Der Leichenpomp wird veranstaltet in aller Pracht, Carmina gab’s die schwere Meng’ um den Hund, und zogen wir aus des Nachts gegen tausend, eine Laterne in der einen Hand, unsre Raufdegen in der andern, und so fort durch die Stadt mit Glockenspiel und Geklimper, bis der Hund beigesetzt war. Drauf gab’s ein Fressen, das währt bis an den lichten Morgen, da bedanktest du dich bei den Herren für das herzliche Beileid und liessest das Fleisch verkaufen ums halbe Geld. Mort de ma vie! da hatten wir dir Respekt, wie eine Garnison in einer eroberten Festung —
Moor. Und du schämst dich nicht, damit gross zu prahlen? Hast nicht einmal so viel Scham, dich dieser Streiche zu schämen?
Spiegelberg. Geh, geh! Du bist nicht mehr Moor. Weisst du noch, wie tausendmal du, die Flasche in der Hand, den alten Filzen hast aufgezogen und gesagt: er soll nur drauflos schaben und scharren, du wolltest dir dafür die Gurgel absaufen. — Weisst du noch? he? weisst du noch? O du heilloser, erbärmlicher Prahlhans! das war noch männlich gesprochen und edelmännisch, aber —
Moor. Verflucht seist du, dass du mich daran erinnerst! verflucht ich, dass ich es sagte! Aber es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz hörte nicht, was meine Zunge prahlte.
Spiegelberg(schüttelt den Kopf). Nein! nein! nein! das kann nicht sein. Unmöglich, Bruder, das kann dein Ernst nicht sein. Sag’, Brüderchen, ist es nicht die Not, die dich so stimmt? Komm, lass dir ein Stückchen aus meinen Bubenjahren erzählen. Da hatt’ ich neben meinem Haus einen Graben, der, wie wenig, seine acht Schuh breit war, wo wir Buben uns in die Wette bemühten, hinüber zu springen. Aber das war umsonst. Pflumpf! lagst du, und ward ein Gezisch und Gelächter über dir, und wurdest mit Schneeballen geschmissen über und über. Neben meinem Haus lag eines Jägers Hund an einer Kette, eine so bissige Bestie, die dir die Mädels wie der Blitz am Rockzipfel hatte, wenn sie sich’s versahn und zu nah dran vorbeiftrichen. Das war nun mein Seelengaudium, den Hund überall zu necken, wo ich nur konnte, und wollt’ halb krepieren vor Lachen, wenn mich dann das Luder so giftig anstierte und so gern auf mich losgerannt wär’, wenn’s nur gekonnt hätte. — Was geschieht? Ein andermal mach’ ich’s ihm auch wieder so und werf’ ihn mit einem Stein so derb an die Ripp’, dass er vor Wut von der Kette reisst und auf mich dar, und ich, wie alle Donnerwetter, reissaus und davon. — Tausend Schwerenot! da ist dir just der vermaledeite Graben dazwischen. Was zu tun? Der Hund ist mir hart an den Fersen und wütig, also kurz resolviert — ein Anlauf genommen — drüben bin ich. Dem Sprung hatt’ ich Leib und Leben zu danken; die Bestie hätte mich zuschanden gerissen.
Moor. Aber wozu jetzt das?
Spiegelberg. Dazu — dass du sehen sollst, wie die Kräfte wachsen in der Not. Darum lass ich mir’s auch nicht bange sein, wenn’s aufs Äusserste kommt. Der Mut wächst mit der Gefahr; die Kraft erhebt sich im Drang. Das Schicksal muss einen grossen Mann aus mir haben wollen, weil’s mir so quer durch den Weg streicht.
Moor (ärgerlich). Ich wüsste nicht, wozu wir den Mut noch haben sollten, und noch nicht gehabt hätten.
Spiegelberg. So? — Und du willst also deine Gaben in dir verwittern lassen? dein Pfund vergraben? Meinst du, deine Stänkereien in Leipzig machen die Grenzen des menschlichen Wisses aus? Da lass uns erst in die grosse Welt kommen. Paris und London! — wo man Ohrfeigen einhandelt, wenn man einen mit dem Namen eines ehrlichen Mannes grüsst. Da ist es auch ein Seelenjubilo, wenn man das Handwerk ins Grosse praktiziert. — Du wirst gaffen! du wirst Augen machen! Wart, und wie man Handschriften nachmacht, Würfel verdreht, Schlösser aufbricht und den Koffern das Eingeweid’ ausschüttet — das sollst du noch von Spiegelberg lernen! Die Kanaille soll man an den nächsten besten Galgen knüpfen, die bei geraden Fingern verhungern will.
Moor (zerstreut). Wie? Du hast es wohl gar noch weiter gebracht?
Spiegelberg. Ich glaube gar, du setzest ein Misstrauen in mich. Wart, lass mich erst warm werden! du sollst Wunder sehen; dein Gehirnchen soll sich im Schädel umdrehen, wenn mein kreissender Witz in die Wochen kommt. — (Steht auf, hitzig.) Wie es sich aufhellt in mir! Grosse Gedanken dämmern auf in meiner Seele. Reisenplane gären in meinem schöpfrischen Schädel. Verfluchte Schlafsucht (sich vorn Kopf schlagend), die bisher meine Kräfte in Ketten schlug, meine Aussichten sperrte und spannte! Ich erwache, fühle, wer ich bin — wer ich werden muss!
Moor. Du bist ein Narr. Der Wein bramarbasiert aus deinem Gehirne.
Spiegelberg (hitziger). Spiegelberg, wird es heissen, kannst du hexen, Spiegelberg? Es ist schade, dass du kein General worden bist, Spiegelberg, wird der König sagen, du hättest die Östreicher durch ein Knopfloch gejagt. Ja, hör’ ich die Dokters jammern, es ist unverantwortlich, dass der Mann nicht die Medizin studiert hat, er hätte ein neues Kropfpulver erfunden. Ach! und dass er das Kamerale nicht zum Fach genommen hat, werden die Sullys in ihren Kabinetten seufzen, er hätte aus Steinen Louisdore hervorgezaubert. Und Spiegelberg wird es heissen in Osten und Westen, und in den Kot mit euch, ihr Memmen, ihr Kröten, indes Spiegelberg mit ausgespreiteten Flügeln zum Tempel des Nachruhms emporfliegt.
Moor. Glück auf den Weg! Steig du auf Schandsäulen zum Gipfel des Ruhms. Im Schatten meiner väterlichen Haine, in den Armen meiner Amalia lockt mich ein edler Vergnügen. Schon die vorige Woche hab’ ich meinem Vater um Vergebung geschrieben, hab’ ihm nicht den kleinsten Umstand verschwiegen, und wo Aufrichtigkeit ist, ist auch Mitleid und Hilfe. Lass uns Abschied nehmen, Moritz. Wir sehen uns heut, und nie mehr. Die Post ist angelangt. Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb dieser Stadtmauern.
Schweizer Grimm. Roller. Schufterle.
Razmann treten auf.
Roller. Wisst ihr auch, dass man uns auskundschaftet?
Grimm. Dass wir keinen Augenblick sicher sind, aufgehoben zu werden?
Moor. Mich wundert’s nicht. Es gehe, wie es will! Saht ihr den Schwarz nicht? sagt’ er euch von keinem Brief, den er an mich hätte?
Roller. Schon lang sucht er dich, ich vermute so etwas.
Moor. Wo ist er? wo, wo? (Will eilig fort.)
Roller. Bleib! wir haben ihn hierher beschieden. Du zitterst? —
Moor. Ich zittre nicht. Warum sollt’ ich auch zittern? Kameraden! dieser Brief — Freut euch mit mir! Ich bin der Glücklichste unter der Sonne, warum sollt’ ich zittern?
Schwarz tritt auf.
Moor(fliegt ihm entgegen). Bruder! Bruder! den Brief! den Brief!
Schwarz (gibt ihm den Brief, den er hastig aufbricht). Was ist dir? wirst du nicht wie die Wand?
Moor. Meines Bruders Hand!
Schwarz. Was treibt denn der Spiegelberg?
Grimm. Der Kerl ist unsinnig. Er macht Gestus wie beim Sankt-Veits-Tanz.
Schufterle. Sein Verstand geht im Ring herum. Ich glaub’, er macht Verse.
Razmann. Spiegelberg! He, Spiegelberg! — Die Bestie hört nicht.
Grimm (schüttelt ihn). Kerl! träumst du, oder —?
Spiegelberg(der sich die ganze Zeit über mit den Pantomimen eines Projektmachers im Stubeneck abgearbeitet hat, springt wild auf) La bourse ou la vie! (und packt Schweizern an der Gurgel, der ihn gelassen an die Wand wirft. — Moor lässt den Brief fallen und rennt hinaus. Alle fahren auf.)
Roller (ihm nach). Moor! wonaus, Moor? was beginnst du?
Grimm. Was hat er? was hat er? Er ist bleich wie die Leiche.
Schweizer. Das müssen schöne Neuigkeiten sein! Lass doch sehen!
Roller(nimmt den Brief von der Erde und lieft).
„Unglücklicher Bruder!“ der Anfang klingt lustig. „Nur kürzlich muss ich dir melden, dass Deine Hoffnung „vereitelt ist. — Du sollst hingehen, lässt Dir der Vater „sagen, wohin Dich Deine Schandtaten führen. Auch, „sagt er, werdest Du Dir keine Hoffnung machen, je- „mals Gnade zu seinen Füssen zu erwimmern, wenn „Du nicht gewärtig sein wollest, im untersten Gewölb „seiner Türme mit Wasser und Brot so lang traktiert „zu werden, bis Deine Haare wachsen wie Adlers- „federn, und Deine Nägel wie Vogelsklauen werden. ,,Das sind seine eigenen Worte. Er befiehlt mir, den „Brief zu schliessen. Leb wohl auf ewig! Ich bedaure ,,Dich — Franz von Moor.“
Schweizer. Ein zuderfüsses Brüderchen! In der Tat! — Franz heisst die Kanaille?
Spiegelberg(sachte Herbeischleichend). Von Wasser und Brot ist die Rede? Ein schönes Leben! Da hab’ ich anders für euch gesorgt! Sagt’ ich’s nicht, ich müsst’ am Ende für euch alle denken?
Schweizer. Was sagt der Schafskopf? der Esel will für uns alle denken?
Spiegelberg. Hasen, Krüppel, lahme Hunde seid ihr alle, wenn ihr das Herz nicht habt, etwas Grosses zu wagen!
Roller. Nun, das wären wir freilich, du hast recht — aber wird es uns auch aus dieser vermaledeiten Lage reissen, was du wagen wirst? wird es? —
Spiegelberg(mit einem stolzen Gelächter). Armer Tropf! aus dieser Lage reissen? hahaha! — aus dieser Lage reissen? — und auf mehr raffiniert dein Fingerhut voll Gehirn nicht? und damit trabt deine Mähre. zum Stalle? Spiegelberg müsste ein Hundsfott sein, wenn er mit dem nur anfangen wolte. Zu Helden, sag’ ich dir, zu Freiherrn, zu Fürsten, zu Göttern wird’s euch machen!
Razmann. Das ist viel auf einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl eine halsbrechende Arbeit sein, den Kopf wird’s wenigstens kosten.
Spiegelberg. Es will nichts als. Mut, denn was den Witz betrifft, den nehm’ ich ganz über mich. Mut sag’ ich, Schweizer! Mut, Roller, Grimm, Razmann, Schufterle! Mut! —
Schweizer. Mut? Wenn’s nur das ist. — Mut hab’ ich genug, um barfuss mitten durch die Hölle zu gehn.
Schufterle. Mut genug, mich unterm lichten Galgen mit dem leibhaftigen Teufel um einen armen Sünder zu balgen.
Spiegelberg. So gefällt mir’s! Wenn ihr Mut habt, tret’ einer auf und sag’: er habe noch etwas zu verlieren, und nicht alles zu gewinnen! —
Schwarz. Wahrhaftig, da gäb’s manches zu verlieren, wenn ich das verlieren wollte, was ich noch zu gewinnen habe!
Razmann. Ja, zum Teufel! und manches zu gewinnen, wenn ich das gewinnen wollte, was ich nicht verlieren kann.
Schufterle. Wenn ich das verlieren müsste, was ich auf Borgs auf dem Leibe trage, so hätt’ ich allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren.
Spiegelberg. Also denn! (Er stellt sich mitten unter sie mit beschwörendem Ton.) Wenn noch ein Tropfen deutschen Heldenbluts in euren Adern rinnt — kommt! Wir wolen uns in den böhmischen Wäldern niederlassen, dort eine Räuberbande zusammenziehen und — Was gafft ihr mich an? — ist euer bisschen Mut schon verdampft?
Roller. Du bist wohl nicht der erste Gauner, der über den hohen Galgen weggesehen hat, — und doch — was hätten wir sonst noch für eine Wahl übrig?
Spiegelberg. Wahl? Was? Nichts habt ihr zu wählen! Wolt ihr im Schuldturm stecken und zusammenschnurren, bis man zum jüngsten Tag posaunt? wollt ihr euch mit der Schaufel und Haue um einen Bissen trocken Brot abquälen? wollt ihr an der Leute Fenster mit einem Bänkelsängerlied ein mageres Almosen erpressen? oder wollt ihr zum Kalbsfell schwören — und da ist erst noch die Frage, ob man euern Gesichtern traut — und dort unter der milzsüchtigen Laune eines gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum voraus abverdienen? oder bei klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spazierengehn? oder im Galliotenparadies das ganze Eisenmagazin Vulkans hinterher schleifen? Seht, das habt ihr zu wählen, da ist es beisammen, was ihr wählen könnt!
Roller. So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht. Ich hab’ auch meine Plane schon zusammen gemacht, aber sie treffen endlich auf eins. Wie wär’s, dacht’ ich, wenn ihr euch hinsetztet und ein Taschenbuch, oder einen Almanach, oder so was Ähnlichs zusammensudeltet und um den lieben Groschen rezensiertet, wie’s wirklich Mode ist?
Schufterle. Zum Henker! ihr ratet nah zu meinen Projekten. Ich dachte bei mir selbst, wie, wenn du ein Pietist würdest und wöchentlich deine Erbauungsstunden hieltest?
Grimm. Getroffen! und wenn das nicht geht, ein Atheist! Wir könnten die vier Evangelisten aufs Maul schlagen, liessen unser Buch durch den Schinder verbrennen, und so ging’s reissend ab.
Razmann. Oder zögen wir wider die Franzosen zu Felde — ich kenne einen Doktor, der sich ein Haus aus purem Quecksilber gebauet hat, wie das Epigramm auf der Haustüre lautet.
Schweizer(steht auf und gibt Spiegelberg die Hand). Moritz, du bist ein grosser Mann! — oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden.
Schwarz. Vortreffliche Plane! honette Gewerbe! Wie doch die grossen Geister sympathisieren! Jetzt fehlte nur noch, dass wir Weiber und Kupplerinnen würden, oder gar unsere Jungfernschaft zu Markte trieben.
Spiegelberg. Possen! Possen! Und was hindert’s, dass ihr nicht das meiste in einer Person sein könnt? Mein Plan wird euch immer am höchsten poussieren, und da habt ihr noch Ruhm und Unsterblichkeit! Seht, arme Schlucker! auch so weit muss man hinausdenken! auch auf den Nachruhm, das süsse Gefühl von Unvergesslichkeit —
Roller. Und obenan in der Liste der ehrlichen Leute! Du bist ein Meisterredner, Spiegelberg, wenn’s drauf ankommt, aus einem ehrlichen Manne einen Halunken zu machen. — Aber sag’s doch einer, wo der Moor bleibt?
Spiegelberg. Ehrlich, sagst du? Meinst du, du seist nachher weniger ehrlich, als du jetzt bist? Was heisst du ehrlich? Reichen Filzen ein Dritteil ihrer Sorgen vom Hals schaffen, die ihnen nur den goldnen Schlaf verscheuchen, das stockende Geld in Umlauf bringen, das Gleichgewicht der Güter wieder herstellen, mit einem Wort das goldne Alter wieder zurückrufen, dem lieben Gott von manchem lästigen Kostgänger helfen, ihm Krieg, Pestilenz, teure Zeit und Dokters ersparen — siehst du, das heiss’ ich ehrlich sein, das heiss’ ich ein würdiges Werkzeug in der Hand der Vorssehung abgeben, — und so bei jedem Braten, den man isst, den schmeichelhaften Gedanken zu haben: den haben dir deine Finten, dein Löwenmut, deine Nachtwachen erworben — von gross und klein respektiert zu werden —
Roller. Und endlich gar bei lebendigem Leibe gen Himmer fahren und trotz Sturm und Wind, trotz dem gefrässigen Magen der alten Urahne Zeit unter Sonn’ und Mond und allen Fixsternen schweben, wo selbst die unvernünftigen Vögel des Himmels, von edler Begierde herbeigelockt, ihr himmlisches Konzert musizieren, und die Engel mit Schwänzen ihr hochheiliges Synedrium halten? nicht wahr? — und wenn Monarchen und Potentaten von Motten und Würmern verzehrt werden, die Ehre haben zu dürfen, von Jupiters königlichem Vogel Visiten anzunehmen? — Moritz, Moritz, Moritz! nimm dich in acht! nimm dich in acht vor dem dreibeinigten Tiere!
Spiegelberg. Und das schreckt dich, Hasenherz? Ist doch ichon manches Universalgenie, das die Welt hätte reformieren können, auf dem Schindanger verfault, und spricht man nicht von so einem Jahrhunderte, Jahrtausende lang, da mancher König und Kurfürst in der Geschichte überhüpft würde, wenn sein Geschichtschreiber die Lücke in der Sutzessionsleiter nicht scheute, und sein Buch dadurch nicht um ein paar Oktavseiten gewönne, die ihm der Verleger in barem Gelde bezahlt — Und wenn dich der Wanderer so hin und her fliegen sieht im Winde — der muss auch kein Wasser im Hirn gehabt haben, brummt er in den Bart und seufzt über die elenden Zeiten.
Schweizer(klopft thn auf die Achsel). Meisterlich, Spiegelberg! meisterlich! Was, zum Teufel, steht ihr da und zaubert?
Schwarz. Und lass es auch Prostitution heissen — was folgt weiter? Kann man nicht auf den Fall immer ein Pülverchen mit sich führen, das einen so im stillen übern Acheron fördert, wo kein Hahn darnach kräht! Nein, Bruder Moritz! dein Vorschlag ist gut. So lautet auch mein Katechismus.
Schufterle. Blitz! Und der meine nicht minder. Spiegelberg, du hast mich geworben.
Razmann. Du hast, wie ein anderer Orpheus, die heulende Bestie, mein Gewissen, in den Schlaf gesungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin!
Grimm. Si omnes consentiunt ego non dissentio Wohlgemerkt, ohne Komma. Es ist ein Aufstreich in meinem Kopf: Pietisten — Quacksalber — Rezensenten und Gauner. Wer am meisten bietet, der hat mich. Nimm diese Hand, Moritz!
Roller. Und auch du, Schweizer? (Gibt Spiegelberg die rechte Hand). Also verpfänd’ ich meine Seele dem Teufel.
Spiegelberg. Und deinen Namen den Sternen! Was liegt daran, wohin auch die Seele fährt? Wenn Scharen vorausgesprengter Kuriere unsere Niederfahrt melden, dass sich die Satane festtäglich herausputzen, sich den tausendjährigen Russ aus den Wimpern stäuben, und Myriaden gehörnter Köpfe aus der rauchenden Mündung ihrer Schwefel-Kamine hervorwachsen, unsern Einzug zu sehen? Kameraden! (aufgesprungen) frisch auf, Kameraden! was in der Welt wiegt diesen Kausch des Entzückens auf? Kommt, Kameraden!
Roller. Sachte nur! sachte! Wohin? Das Tier muss auch seinen Kopf haben, Kinder!
Spiegelberg(giftig). Was predigt der Zauberer? Stand nicht der Kopf schon, eh’ noch ein Glied sich regte? Folgt, Kameraden!
Roller. Gemach, sag’ ich. Auch die Freiheit muss ihren Herrn haben. Ohne Oberhaupt ging Rom und Sparta zugrunde.
Spiegelberg (geschmeidig). Ja — haltet — Roller sagt recht. Und das muss ein erleuchteter Kopf sein. Versteht ihr? Ein feiner, politischer Kopf muss das sein. Ja, wenn ich mir’s denke, was ihr vor einer Stunde waret, was ihr jetzt seid, — durch einen glücklichen Gedanken seid — Ja, freilich, freilich müsst ihr einen Chef haben — Und wer diesen Gedanken entsponnen, sagt, muss das nicht ein erleuchteter politischer Kopf sein?
Roller. Wenn sich’s hoffen liesse — träumen liesse. — Aber ich fürchte, er wird es nicht tun.
Spiegelberg. Warum nicht? Sag’s keck heraus, Freund! — So schwer es ist, das kämpfende Schiff gegen die Winde zu lenken, so schwer sie auch drückt, die Last der Kronen — sag’s unverzagt, Roller! — vielleicht wird er’s doch tun.
Roller. Und leck ist das Ganze, wenn er’s nicht tut. Ohne den Moor sind wir Leib ohne Seele.
Spiegelberg(unwillig von ihm weg). Stockfisch!
Moor(tritt herein in wilder Bewegung und läuft heftig im Zimmer auf und nieder, mit sich selber). Menschen — Menschen! falsche, heuchlerische Krokodilbrut! Ihre Augen sind Wasser! ihre Herzen sind Erz! Küsse auf den Lippen! Schwerter im Busen! Löwen und Leoparden füttern ihre Jungen, Raben tischen ihren Kleinen auf dem Nas, und er, er — Bosheit hab’ ich dulden gelernt, kann dazu lächeln, wenn mein erboster Feind mir mein eigen Herzblut zutrinkt — aber wenn Blutliebe zur Verräterin, wenn Vaterliebe zur Megäre wird: o so fange Feuer, männliche Gelassenheit! verwilde zum Tiger, sanftmütiges Lamm! und jede Faser recke sich auf zu Grimm und Verderben!
Roller. Höre, Moor! Was denkst du davon? Ein Räuberleben ist doch auch besser, als bei Wasser und Brot im untersten Gewölbe der Türme?
Moor. Warum ist dieser Geist nicht in einen Tiger gefahren, der sein wütendes Gebiss in Menschenfleisch haut? Ist das Vatertreue? Ist das Liebe für Liebe? Ich möchte ein Bär sein und die Bären des Nordlandes wider dies mörderische Geschlecht anhetzen — Reue und keine Gnade! — Oh ich möchte den Ozean vergiften, dass sie den Tod aus allen Quellen saufen! Vertrauen, unüberwindliche Zuversicht, und kein Erbarmen!
Roller. So höre doch, Moor, was ich dir sage!
Moor. Es ist unglaublich, es ist ein Traum, eine Täuschung. — So eine rührende Bitte, so eine lebendige Schilderung des Elends und der zerfliessenden Reue — die wilde Bestie wär’ in Mitleid zerschmolzen! Steine hätten Tränen vergossen, und doch — man würde es für ein boshaftes Pasquill aufs Menschengeschlecht halten, wenn ich’s aussagen wollte — und doch, doch — oh dass ich durch die ganze Natur das Horn des Aufruhrs blasen könnte, Luft, Erde und Meer wider das Hyänengezücht ins Treffen zu führen!
Grimm. Höre doch, höre! vor Rasen hörst du ja nicht.
Moor. Weg, weg von mir! Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das Weib nicht geboren? — Aus meinen Augen, du mit dem Menschengesicht! — Ich hab’ ihn so unaussprechlich geliebt! so liebte kein Sohn; ich hätte tausend Leben für ihn — (Schäumend auf die Erde stampfend.) Ha! — wer mir jetzt ein Schwert in die Hand gäb’, dieser Otterbrut eine brennende Wunde zu versetzen! wer mir sagte, wo ich das Herz ihres Lebens erzielen, zermalmen, zernichten — Er sei mein Freund, mein Engel, mein Gott — ich will ihn anbeten!
Roller. Eben diese Freunde wollen ja wir sein, lass dich doch weisen!
Schwarz. Komm mit uns in die böhmischen Wälder! Wir wollen eine Räuberbande sammeln, und du — (Moor stiert ihn an.)
Schweizer. Du sollst unser Hauptmann sein! Du musst unser Hauptmann sein!
Spiegelberg(wirst sich wild in einen Sessel). Sklaven und Memmen!
Moor. Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! (indem er Schwarz hart ergreift.) das hast du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt! wer blies dir das Wort ein? Ja, bei dem tausendarmigen Tod! das wollen wir! das müssen wir! Der Gedanke verdient Vergötterung — Räuber und Mörder! — So wahr meine Seele lebt, ich bin euer Hauptmann!
Alle(mit lärmendem Geschrei) . Es lebe der Hauptmann!
Spiegelberg(aufspringend, vor sich). Bis ich ihm hinhelfe!
Moor. Siehe, da fällt’s wie der Star von meinen Augen, was für ein Tor ich war, dass ich ins Käficht zurück wollte! — Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit, — Mörder, Räuber! — mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füsse gerollt — Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellierte, weg denn von mir, Sympathie und menschliche Schonung! — Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war! — Kommt, kommt! — Oh ich will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen — es bleibt dabei, ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister unter euch, der am wildesten sengt, am grässlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll königlich belohnet werden — Tretet her um mich ein jeder, und schwöret mir Treu und Gehorsam zu bis in den Tod! — Schwört mir das bei dieser männlichen Rechte!
Alle(geben ihm die Hand). Wir schwören dir Treu’ und Gehorsam bis in den Tod!
Moor. Nun, und bei dieser männlichen Rechte schwör’ ich euch hier, treu und standhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den soll dieser Arm gleich zur Leiche machen, der jemals zagt oder zweifelt, oder zurücktritt. Ein Gleiches widerfahre mir von jedem unter euch, wenn ich meinen Schwur verletze! Seid ihr’s zufrieden? (Spiegelberg läuft wütend auf und nieder.)
Alle(mit aufgeworfenen Hüten). Wir sind’s zufrieden.
Moor. Nun denn, so lasst uns gehn! Fürchtet euch nicht vor Tod und Gefahr, denn über uns waltet ein unbeugsames Fatum! Jeden ereilet endlich sein Tag, es sei auf dem weichen Kissen von Flaum, oder im rauhen Gewühl des Gefechts, oder auf offenem Galgen und Rad! Eins davon ist unser Schicksal! (Sie gehen ab.)
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