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Inhalt

  Eins

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  Fünf

  Sechs

  Sieben

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  Neun

  Zehn

  Elf

  Zwölf

  Dreizehn

Friedrich Haugg

Mitterfirmiansreut

Auch ein Kriminalroman

Bewertung: 18

Schimpfwörter, Drogenkonsum, Sex, Gewalt

Ich weiß jetzt, dass Mitterfirmiansreut eine Gründung des Hochstifts Passau zur Grenzsicherung gegen Böhmen war. Und ich weiß auch, dass damals unter sieben Siedlern das Gebiet aufgeteilt wurde, ganz gleichmäßig. Waldhufendorf heißt so etwas.

Und dass es auch Mitterdorf heißt und dass es ein sehr schönes Skigebiet gibt, rund um den Almberg. Schneesicher im Gegensatz zu den Alpen, wie man berichtet.

Viel mehr weiß ich nicht. Ich bin wohl einmal durchgefahren, als ich im Bayerischen Wald Urlaub gemacht habe.

Warum ich mir ausgerechnet Mitterfirmiansreut für diesen Roman ausgesucht habe, ist neben der Lage auch der Name, der in meinen Ohren poetisch und exotisch klingt.

Man möge mir alles verzeihen, was ich den fiktiven Bewohnern zugemutet habe (einen eigenen Bürgermeister gibt es gottlob nicht, weil es zu Philippsreut gehört).

Die Gegend ist schon einigermaßen korrekt wiedergegeben, aber nicht, weil ich einen Wanderführer machen wollte. Ich will dem Leser lediglich die wunderschöne Landschaft näherbringen. So, dass er gar nicht mehr hinfahren muss. Es sind nämlich schon genug da.

Die Wege und Wanderungen habe ich nach Bedarf umgestaltet. Also bitte nicht versuchen, den Pfaden zu folgen. Ebenso ist das ganze Dorfbild möglichst frei phantasiert. Niemand soll vermuten, sich wiederzuerkennen. Zur Sicherheit: Keine Figur hat ein Vorbild in Gestalt eines Mitterfirmiansreuters. Ich kenne ja auch keinen.

Ohne Wenn und Aber möchte ich aber feststellen, dass es dort wirklich wunderschön ist, die Menschen noch normal und die Gastfreundschaft und die Wälder einfach großartig. Und die Kriminalitätsrate ist im wirklichen Leben Null.

Friedrich Haugg, geboren 1945, Diplom-Mathematiker und Ex - Manager hat 25 Jahre in der Luft- und Raumfahrtindustrie gearbeitet und den Umgang mit Computern von der Pike auf gelernt. Nach der Veröffentlichung von fünf Sach- und Fachbüchern bei Hanser und Franzis und von Softwareprogrammen für das Gehirntraining bei United Soft Media hat er beschlossen, sich zum Schreiben von Romanen zu begeben, um zu unterhalten, aber auch um die Ambivalenz der Menschen im Umgang mit der rasanten Technologieentwicklung zum Thema zu machen.


Von Friedrich Haugg erschienen:

Das schmale Fenster - Ein Thriller über die Pharmaindustrie, ISBN 9783844253658

Fortschritt - Ein Thriller über die Überwachungsindustrie, ISBN 9783844290356

Zehn gute Jahre – Ein Abenteuerroman in 7 Bänden aus einer Zeit, die entscheidend war, für das was wir heute selbstverständlich finden (14 ISBN's für Softcover und eBook, siehe meine Webseite)

www.friedrich-haugg.de

Impressum

Ungekürzte Ausgabe

Mai 2021

Texte: © copyright by Friedrich Haugg

Umschlaggestaltung: © copyright by Friedrich Haugg

auf Basis eines lizenzfreien Bildes von Pixabay

Verlag:

Friedrich Haugg

Jägerstraße 3

82347 Bernried

Friedrich.Haugg@t-online.de

Druck und Vertrieb:

epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Friedrich Haugg

Mitterfirmiansreut

Auch ein Kriminalroman

für Katharina,

und

für Yvonne

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin, und jage

die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, Herbst 1902

Eins

Werner konnte sich am Signalton erfreuen. Treffer. Die Gegenstelle gab es wirklich. Er versenkte sich ins Grübeln darüber, dass er noch nie begriffen hatte, wie das funktionierte. Ein Knistern. Dann hörte er etwas, was so klang:

„I waars.“

Stille.

„Ich würde gerne mit Herrn Loibl sprechen.“

„Ha?“

„Mit Herrn Loibl.“

„I waars. Aba mia gengand itz. Wos mechats?“

„Ist da Herr Loibl?“

„Wannst oiwei desoibe schmatzsd, nochad häng i glei wieda auf.“

„Ich verstehe nicht.“

„A wennsd des oiwai hean dadsd, dadsd das eh ned vasteh, hosd mi. Pfiad di.“

Klack. Stille.

Hier muss eine Bemerkung eingefügt werden. Waidlerdialekt lässt sich nicht Wort für Wort übersetzen. Er wird in der Gegend zur verbalen Kommunikation verwendet, die man hochnäsig 'hinterwäldlerisch' nennt. Dieses abschätzige Wort wird mittlerweile global genutzt. Es stammt aber – nicht ohne Grund – aus der Gegend, die offiziell Bayerischer Wald heißt. Also dort, wo lange Zeit kaum Fremdes anzutreffen war. Weil das Leben dort nicht ganz komfortabel ist. Mittlerweile ist die wilde Natur jedoch erschlossen für den Tourismus. Die Bauern geben auf, weil sie an der modernen Zivilisation Gefallen gefunden haben. Ihre Höfe mit den riesigen Grundstücken sind Opfer von Leuten, die sich, der Luxuswelt überdrüssig, mit Kräutern und dem lieben Vieh selbst verwirklichen wollen.

Weil Sie das Buch ganz sicher gleich voll des Unverstehens weglegen müssten, außer, se sand vo do (ungefähr wie 'sie sind da geboren'), werde ich die Reden der Einheimischen im folgenden hochdeutsch wiedergeben – so weit das möglich und sinnvoll ist.

Also, noch einmal von vorne:

Das Telefon…

„Ich wäre es.“ Das ist die wörtliche Übersetzung. Das heißt so etwas wie 'Hallo?'.

Stille.

„Ich würde gerne mit Herrn Loibl sprechen.“

„Ha?“ Übersetzung: „Wie bitte? Wen wollen sie denn gerne sprechen?“

„Mit Herrn Loibl.“

„Ich wäre es (diesmal: 'Ich bin es'). Aber ich muss jetzt leider gehen. Was wollen sie überhaupt?“

„Ist da Herr Loibl?“

„Wenn sie immer dasselbe sagen, hänge ich gleich wieder auf.“

„Ich verstehe nicht.“

„Auch wenn Sie das immer wieder hören, werden sie es nicht verstehen. Machen Sie's gut.“

Werner war nicht zufrieden. Herr Loibl wäre wichtig gewesen. Aber übers Telefon? Auch SMS oder What's App erschien nicht vielversprechend. Könnte ja sein, dass Mitterfirmiansreut zu den Gemeinden zählt, in denen die Leute glauben, dass Funkwellen alles Leben vernichten. Wie in Graswang, kurz vor Schloss Linderhof. Könnte ja sein.

Also hinfahren. Sehr altmodisch. Kontaktaufnahme durch materielle Anwesenheit in physikalisch unmittelbarer Reichweite zur Zielperson.

„Hallo Oskar. Wo bist Du? Ich müsste Dich sprechen.“

„Tust du doch schon.“

„Nein, richtig.“

„Das ist richtiges Sprechen.“

„Ich meine von Angesicht zu Angesicht.“

„Bist du verliebt?“

„Nein. Ja. Vielleicht. Ich weiß nicht. Was hat das damit zu tun?“

„Weil du dich nach meinem Anblick sehnst.“

„Idiot. Es ist ernst. Wo bist du?“

„Ich fleze gemütlich in einem Liegestuhl am Strand bei einer Bloody Mary und höre dem Rauschen der Wellen zu.“

„Scheiße. Ich dachte, ich könnte dich sprechen.“

„Dann komm halt vorbei.“

„Scherzbold. Wieso bist du eigentlich weg?“

„Ich gehe da oft hin mittags.“

„Hä?“

„Undosa, du Depp.“

„Ach so. Wie schrecklich.“

„Komm einfach und stör' mich nicht in meiner verdienten Beschaulichkeit.“

„Okay. 5 Minuten. Bestell mir einen Kaffee.“

„Macchiato, Lungo, Capuccino, Espresso, caffé latte, café au lait, Mokka, kleiner Schwarzer, Melange, Kapuziner, Brauner, Einspänner, Verlängerter, french press, american press, cold press, dip, full immersion, pour over oder was?“

„Ich glaub', ich spinne. Kaffee. Ein Kännchen Kaffee.“

„Meine Güte. Ich frag' mal, ob die so etwas Altmodisches haben.“

„Probier doch mal die Bloody Mary.“ Oskar bot Werner sein Glas an.

„Das ist altmodisch. Ich habe gehört, jetzt trinkt man Hugo.“ Werner schüttete Sahne in seine Tasse. „Mmm. Der Kaffee ist aber ausgezeichnet.“ Er legte sich zurück und schloss die Augen.

„Die haben ja auch einen preisgekrönten Barista.“

„Sag bloß.“

„Was willst Du eigentlich? Ich habe einen Termin.“

„Man sieht es. Wann und wo?“

„Geht dich einen Scheißdreck an.“

„Woher kommt eigentlich dieser feine Sand? Vom See wohl nicht?“ Werner ließ die feinen Körner durch die Finger rieseln.

„Nein. Natürlich nicht vom See. Die Schlösser- und Seenverwaltung hat's nach etlichen Gutachten vom Bund Naturschutz und jahrelangem Hin und Her dem Betreiber des Undosa genehmigt. Da hat ein Anwalt viel verdient. Leider war ich das nicht. Das Ufer gehört nämlich uns, dem Staat, wenn du das verstehst.“

„Tu ich nicht. Teurer Sand. Nicht aus unserem Land, oder?“

„Nein. Nicht von hier. Komm zur Sache. Oder ich trinke noch eine Bloody Mary, aber auf deine Kosten. Kannst du aber nicht vom Honorar abziehen.“

„Alkohol ist Gift. Zigarette?“

„Hier ist Rauchverbot, Mann. Was treibt dich in die schützenden Arme des geplagten Anwalts für dein persönliches Gerechtigkeitswohlempfinden?“

„Also der Loibl. Du erinnerst dich? Der mir den Bauernhof verkaufen will.“

„Ich mache ja nichts mehr anderes.“

„Der ist nicht zu erreichen.“

„Kein Wunder. Im nordischen Urwald geht man schon mal verloren.“

„Ich glaube, ich muss da mal selber hinfahren. Hast du den Vertrag fertig?“

„Der hat ihn schon.“

„Und kann ihn bestimmt nicht lesen und schon gar nicht verstehen.“

„Der unterschreibt doch nicht ohne Rechtsauskunft. Die sind ja nicht blöd da.“

„Sind die nicht? Nun gut, ich rechne besser nicht damit. Ich will da ja leben und ich will jetzt das Haus.“

„Und 30.000 Quadratmeter Grund dazu. Für 180.000 Euro. Würde hier etwa 25 Millionen kosten. Ist dir schon klar, oder?“

„39.562 Quadratmeter. Das ist Marktwirtschaft. Das verstehst du nicht. Für den ist es ein Haufen Geld. Und für mich ist es der Tausch einer Zweizimmerwohnung mit einem Anwesen, das vier Gebäude hat. Verrückt, oder?“

„Was machst du eigentlich mit dem ganzen Geld? Deine Wohnung hat doch viel mehr gebracht.“

„Ein bisschen Renovierung wird schon nötig sein. Man will ja nicht ganz auf die Zivilisation verzichten.“

„Und was willst du da bloß? Da gibt es niemanden außer Wölfen, Schakalen, Schlangen, Bären und Pumas.“

„Pumas nicht. Kannst jederzeit bei mir wohnen.“

„Igitt. Mittelwaldräude. Das Letzte.“

„Es heißt Mitterfirmiansreut und den Ort gibt es wirklich.“

„Ist ja gut, Alter.“

„Kommst du mit?“

„Nö.“

„Nach St. Tropez würdest du mitkommen.“

„Klar. Ist allerdings auch nicht mehr das, was es mal war. Nur noch exhibitionistische Schicki – Mickis und Schwärme von Proleten, ausgespuckt von den Kreuzfahrtschiffen, die die Promenade verstopfen und die Schicki – Mickis begaffen. Im Senequier findest du keinen Platz mehr, obwohl der Cappuccino 8 Euro kostet.“

„Beinahe wie hier.“

„Keine Kreuzfahrtschiffe.“

„Aber S-Bahn und Bus.“

„Fortbewegungsmittel für Proleten. Früher haben solche ordentlich arbeiten müssen und keine Zeit gehabt für etwas, was sie sowieso nicht verstehen.“

„Genug geplappert. Kommst du jetzt mit.“

„Nö.“

„Allein in der Wildnis. Da fürchte ich mich.“

„Nimm doch Claudia mit.“

„Die fürchtet sich auch.“

„Die wandert also nicht aus mit dir?“

„Tut sie wohl nicht.“

„Flucht vor Claudia?“

„Quatsch. Ich wollte schon immer einen Bauernhof. Das hat sie nie verstanden. Verstanden schon, aber für eine vorübergehende kindische Schwärmerei gehalten. Nur hier kosten Bauernhöfe 10 Millionen. So viel hab' ich nicht.“

„Lage. Lage. Lage.“

„Dort ist die Lage perfekt für ein vernünftiges Leben.“

„Hundert Meter vor dem Eisernen Vorhang. Dahinter noch mehr Urwald, 15.000 Kilometer und hässliche, grausame Gestalten aus Sibirien und der Mongolei. Und die wollen alle zu uns. Hatten wir schon mal. Attila, du erinnerst dich?“

„Tschechien ist EU. Polier' mal deine Kenntnisse auf.“

„Deswegen sind die Menschen auch nicht anders geworden. Sie können uns jetzt nur leichter überfallen.“

„Der Bayerische Wald heißt eigentlich Böhmerwald und ein Teil davon ist in Tschechien und in Österreich. Er bildet ein einmaliges, zusammenhängendes Naturreservat. Jetzt. Und außerdem ist er ein uraltes Mittelgebirge.“

„Brav gelernt. Geht da Handy?“

„Ja. Geht. Weiß ich noch vom letzten kurzen Skiurlaub.“

„Langlaufen.“

„Nein. Richtig. Schön da.“

„Du lügst.“

„Schluss jetzt. Ich kann dich anrufen, wenn ich verloren gehe?“

„Wenn's sein muss.“

„Servus, Kameradenschwein.“

„Faules Kameradenschwein. Ich geh' doch nicht freiwillig in die Einöde. Außerdem habe ich keinen Geländewagen.“

„SUV ist kein Geländewagen?“

„Mein Gott bist du naiv. Meiner hat nur Frontantrieb.“

„Ach so. Stadtgeländewagen. Zur Angeberei.“

„Mathilde wollte so etwas.“

„Klar. Mehr Sicherheit für das edle Kind beim In-die- Schule-bringen und zum Reiten wieder abholen. Und dann Tennis. Nicht zu schaffen ohne SUV. Der Friseurtermin ist ja noch dazwischen.“

„Beleidige Mathilde nicht. Außerdem haben wir kein Kind.“

Links rum um München, die Staus erträglich. Autobahn Deggendorf. Ah, Landshut. Burg Trausnitz. Schöne Stadt. Sieht man aber nicht von der Straße aus. Atommeiler. Isar 1 wird schon zurückgebaut, Isar 2 bald auch. Aussterbende Technik. Hat nicht lange gelebt. Ziemlich umweltfreundlich. Ach so, der Restmüll. Blöd. Claudia habe ich gar nichts gesagt. Die war ja auch nicht da. Am Genfer See oder Gardasee? Keine Ahnung. Ist auch nicht wichtig. Überhaupt, Claudia. Sieht schon gut aus. Mehr so durchgestyltes Schicki – Micki. Nicht meine Welt. Keine Liebe. Nur die heiße Braut zum Angeben. Der Sex ist nicht besonders. Shopping, Body shaping und Partying ist ihr wichtiger.

Dingolfing. Ha. Hier versuchen sie jetzt an Elon Musk heranzukommen. BMW - Werk für E-Autos. Schaffen die nicht. Viel zu schwerfällig so eine alteingesessene Firma. Batterieautos sind sowieso der falsche Weg. Aber alle springen auf, die Deppen. Auch Mainstream muss nicht richtig sein.Elon Musk ist schon zu bewundern. Aber mit so viel Geld hätte ich das auch gekonnt. Oder vielleicht auch nicht. Elon Musk hat immerhin das viele Geld selbst verdient, nicht durch spekulieren. Oder Glück gehabt mit Paypal. Keine Ahnung. Das Andocken an die ISS war schon Klasse. Fast so interessant wie 1969. Jetzt NASA – TV mit dem Amazon – Fire Stick. Was es alles gibt. Er erinnerte sich noch an den winzigen, rundlichen Kathodenstrahlbildschirm seiner Eltern aus dem schwarzweiß nur das kam, was man sehen und hören sollte. Später waren es immerhin zwei Sender und bei uns noch ORF mit den besseren Filmen. Um Mitternacht war Schluss. Noch die bayerische Nationalhymne, dann das Testbild.Das war interessant, weil man mit Knöpfen den Testkreis zu einem Ei oder kreisrund machen konnte. Meine Güte bin ich alt.

Werner wurde müde. Immer die gleiche, hügelige Kulturlandschaft, bei der mehr und mehr die schon lange abgeernteten Weizenfelder überwogen. Er war im fruchtbaren Gebiet des Gäubodens.

Endlich Deggendorf. Über die Donau. Keine Schiffe. Langweilig. Außerdem ist der Inn viel breiter als die Donau, wenn sie sich in Passau vereinigen. Passau. Ja, das ist schön. Muss ich bald mal wieder hin. Jetzt nicht. Navi sagt links ab nach Waldkirchen und dann nach Freyung. Es wird noch hügeliger und waldiger. Bayerischer Wald eben.

Da. Philippsreut. Gut. Dann ist es nicht mehr weit. Berge gibt’s hier nicht wirklich. Aber hohe Hügel.

Angekommen. Sieht aus wie jedes andere Dorf in Bayern. Enttäuschend. Die bewaldeten Hänge gibt es daheim auch. Vielleicht sind sie hier nicht so einfach zu begehen. Sie sind schon einen Tick höher. Man wird sehen.

Den Loibl finden? Im Laden. 'Nah und gut', hieß der. Nah ist er ja, nämlich hier. Aber nichts anderes als ein kleiner EDEKA. Oder lieber hochoffiziell fragen. Da ist nämlich ein ebenfalls durchaus normales Haus, aber mit einer Fahne davor, weißblau versteht sich. Den Fremden erkennt man übrigens daran, dass er blauweiß sagt. Haha, alter Witz. 'Rathaus' stand da.

Werner ging hinein.

„Grüß Gott“, wurde er begrüßt. Von einer hellblonden, sehr hellblonden Dame mittleren Alters mit bunter Bluse, sehr bunter Bluse und einer Perlenkette um den zugegebenermaßen makellosen Hals.

„Grüß Gott“, antwortete Werner anständig. „Ist der Herr Bürgermeister zu sprechen?“

„Ja, gleich. Der hat gerade noch Besuch. Ist aber fast fertig.

Das stimmte. Denn die große Türe hinter der Dame schwang auf und heraus kam ein bestimmt 1,90 großer, stattlicher Mann in Lederjacke und Jeans und braungebrannter Gesichtshaut mit vielen Lachfalten. Sympathischer Bürgermeister, fand Werner.

Im Türrahmen stand der Gegenentwurf. Dick, rote zufriedene Bäckchen, Schnauzbart, breites Grinsen, ordentlicher Trachtenanzug und die oben fehlenden Haare von der Seite her bedeckt.

„Also, Pfiad di, Kommissar. Bis nächste Woche.“ Die Stimme war mädchenhaft hoch und teigig.

„Servus, Konrad“, sagte der schöne Mann und war weg.

„Womit kann ich dienen, der Herr?“

„Ich suche den Herrn Bürgermeister. Eigentlich suche ich den Herrn Loibl.“

„Ah. Sie sind das. Kommen sie nur herein. Kaffee? Emerenz, zwei Kaffee bitte.“

Werner nahm auf Zeichen des Bürgermeisters den Büßerstuhl am opulenten Eichenschreibtisch ein, dessen Ensemble ein Viertel des Raums einnahm. Der Herr Ministerpräsident an der Rückwand schaute wohlwollend auf seinen Statthalter herab.

„Darf ich erst einmal was fragen, Herr Bürgermeister?“

„Müller. Herr Müller genügt, Herr äh.“ Er kramte in Papieren auf dem Schreibtisch. „Lorenz. Richtig. Lorenz. Nur zu, fragen sie.“

„Die Häuser hier. Also, die sehen so normal aus. Wie überall in Bayern.“

„Wir sind in Bayern. Ja, ja, ich weiß schon, was sie meinen. Die Touristen fragen dauernd. Man erwartet mehr so Holzhäuser und Natursteinmauern und kleine Fenster und weit überhängende Dächer mit einem Hahn darauf und Hühnern davor. Gibt es. Da müssen sie nur ins Bauernhofmuseum bei Finsterau gehen. Das ist wirklich schön romantisch. Und lehrreich.“

„Ich verstehe. Nun gut. Dann komme ich zur Sache.“

Emerenz störte mit einem scheppernden Tablett. Als wieder Ruhe einkehrte, fuhr Werner fort. „Ich wollte zu Herrn Loibl, weil ich ihn telefonisch nicht erreichen konnte. Er hat den Vertrag noch nicht unterzeichnet und ich will den Hof jetzt haben.“

„Ist schon alles in Ordnung, Herr Lorenz. Hier ist der Vertrag. Sie können das Geld sofort überweisen und dann gehört alles ihnen. Sie machen ein gutes Geschäft. Alles, was da steht und rumliegt gehört ihnen auch.“

„Ja, wo ist er denn, der Herr Loibl?“

„Der ist verreist. Ich glaube nach Florida. Da wollte er schon immer mal hin und mit einer Harley nach Key West fahren. Hat er im Kino gesehen und seitdem träumt er davon.“

„Ja, aber dann kann ich ja nicht...“

„Können sie. Ist alles geregelt. Ich mach' das für ihn.“

„Die Unterschrift?“

„Hat er noch draufgesetzt. Muss ja alles seine Ordnung haben.“

„Ach ja? Hat er den Vertrag denn richtig verstanden?“

„Hat er. Natürlich. Wir haben ihn gemeinsam gelesen. Ich bin nämlich im früheren Leben Jurist gewesen. Ihr Jurist hat gut gearbeitet, wenn ich das so sagen darf. Hier.“ Der Bürgermeister reichte ihm das Papier. „Eine kleine Änderung gibt es noch. Ist aber nicht von Bedeutung für sie.“

„Eine Änderung? Was wurde geändert? Das muss ich aber dann mit meinem Anwalt besprechen.“

„Seid schon sehr umständlich, ihr Großstädter.“

Werner war gar kein Großstädter. Aber er wollte das wichtige Gespräch nicht durch eine kleinliche Bemerkung unterbrechen.

„Es muss doch alles seine Ordnung haben.“

„Aber natürlich. Die Änderung betrifft nur das Recht der Kriminalpolizei, das Grundstück und die Scheunen ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss bei Verdacht zu betreten.“

„Wie bitte?“

„Nur im Falle des Falles.“

„Da war ein Kommissar bei ihnen? Hängt es damit zusammen?“

„Gut beobachtet, Herr Lorenz. Ja, tut es. Wir haben gerade ein kleines Problem mit Schmuggel. Zigarettenschmuggel, um genau zu sein. Sind in der Tschechei eben viel billiger. Und ihr neues Haus liegt so nahe an der Grenze und ist seit einiger Zeit unbewohnt. Eine große Versuchung.“

„Das heißt, wenn ich da wohne, könnte ich unliebsamen Besuch von Schmugglern haben.“

„Wenn es bewohnt ist, suchen die sich ziemlich sicher was anderes als Zwischenlager. Außer, wenn sie mal längere Zeit weg sind.“

„Hoffentlich sind die so zurückhaltend.“

„Die sind nicht gefährlich. Die wollen nur nicht beobachtet werden. Kann man verstehen.“

„Prima, dann kann ich mir direkt günstig meine Zigaretten kaufen.“

„Aber nur zum Eigenbedarf.“ Müller grinste und drohte mit dem Finger.

„Klar. Aber im großen Stil wäre das ja sehr lohnend.“

„Eben. Und?“

„Und was?“

„Haben sie etwas gegen die Änderung?“

„Nein, ich denke nicht. Meine Wohnräume müssen allerdings ausgeschlossen sein. Die sperr' ich natürlich ordentlich ab. Wenn ich dem Staat helfen kann, dass ihm keine Einnahmen entgehen, bin ich doch dabei.“

„Brav. So mögen wir das hier. Willkommen in Mitterdorf. So nennen wir hier Mitterfirmiansreut.“

„Prima. Ich schicke den Vertrag dann unterschrieben, sagen wir morgen, ja wohin?“

„Bringen Sie ihn doch einfach bei mir vorbei.“

„Gut. Klingt einfach.“

„Überweisen können Sie auf das Konto, das im Vertrag steht. Sie zahlen ja gleich alles. Unsere Bankfiliale hatte schon gehofft, mit ihnen ins Geschäft zu kommen. Sei's drum. Übrigens: Es gibt ja einiges zu tun am Hof. Sie werden es sehen. Da kann ich ihnen eine Firma empfehlen, die das wunderbar und günstig macht. Damit sie ihr Leben genießen können und sich nicht um jeden Mist kümmern müssen. Die vielen, verschiedenen Handwerker, sie verstehen.“

„Ich komme darauf zurück.“ Bei Werner klingelten einige Alarmglocken. „Jetzt sollte ich mir mal meine neue Unterkunft anschauen. Es wird ja schon bald Abend.“

„Übernachten können sie da aber nicht.“

„Wieso denn das?“

„Kein Strom, kein Wasser.“

„Der Hof hat keinen Strom und kein fließendes Wasser?“

„Doch, doch. Wurde nur alles abgeschaltet. War ja keiner mehr da, der es bezahlen würde.“

„Ach so.“ Werner war erleichtert. „Gibt es denn ein Hotel hier?“

„Eine Gästepension. Ich habe schon für sie reserviert. Bei der Brunner Zenzi.“

„Wie umsichtig. Danke, Herr Bürgermeister. Woher haben sie gewusst, dass...“

Er winkte großzügig ab. „Gerne geschehen. Wir halten hier zusammen. Wenn sie etwas brauchen, können sie sich immer an mich wenden. Dafür bin ich ja da.“

Ich habe einen persönlichen Bürgermeister, dachte Werner amüsiert. Das hatte ich bisher noch nie.


Bei Zenzi war es gemütlich. Außerdem bot sie ein Abendessen an. In der Stube zählte er 10 Stühle. Also hat sie 5 Doppelzimmer zu vermieten, schloss Werner haarscharf. Bis zum Essen waren es noch vier Stunden. Im Auto gesessen war er lange genug. Zeit, um schon mal den Bayerischen Wald zu genießen. Ein Prospekt lag auf dem Tresen – der Sommerprospekt empfahl hauptsächlich Wanderungen. Was soll man hier sonst auch machen im Sommer.

Der Weg um den Almberg bot sich an mit drei Stunden. Er tippte Google Earth an. WLAN hatte Zenzi nicht, aber es war ein deutliches 4G zu sehen. Ganz schön fortschrittlich hier. Und genug speed für den Blick auf die Erde.

Ah ja, hier. Der Almberg. Nach Nordwesten aus dem Dorf, an dem großen Hotel vorbei. Das konnte man finden. Wanderschuhe und Regenjacke holte er als erfahrener Berggeher aus dem Auto. Das Wetter war wunderschön, nur ein paar Kumuli zierten den Himmel. Am Abend würden sie verschwinden.

In einem großen Bogen führte der Weg um den Almberg und querte dann nicht nur eine Skiabfahrt, die mit einem Sessellift erschlossen war, sondern verlief auch ziemlich nahe an der Grenze. Ich könnte doch hier gleich links hinaufgehen. Abkürzung sozusagen. Google Earth sagt, dass der Höhenunterschied nur etwa 100 Meter ist. Machbar.

Nach ein paar Schritten auf dem offiziellen Wanderweg ein Steig links abgehend. Benutzten wohl Jäger oder Hirsche oder beide. Der führt bestimmt auf den Gipfel. Und Felsschluchten, Steilhänge oder Abstürze sind ja hier wohl kaum zu erwarten.

Als Erstes fiel ihm die unglaubliche Stille auf. Nirgends kreischten Menschen, kein Fahrzeug war zu hören, vor allem keines, das der Welt mitteilte, wieviel PS und Auspuffsound den Besitzer zum richtigen Mann machten. Diesbezüglich sollte er sich sehr täuschen.

Werner blieb stehen und hielt die Luft an. Sein Tinnitus meldete sich ungewöhnlich laut. Aber den würde sein Gehirn ja gleich wieder ausblenden. Tat es auch. Ein Rauschen blieb. Ein schönes Rauschen. Ein wunderbares Rauschen. An- und abschwellend. Ein paar Blätter tanzten herunter und sortierten sich zu den anderen auf dem Waldboden. Ungepflegt dieser Boden. Keine ordentliche Bewirtschaftung. Ganz früher war ein Waldboden leer gewesen. Da hatten alle Leute Zweige, Zapfen und Äste gesammelt zum Einheizen. Das war mittlerweile verboten. Weil der Wald und alles, was darin ist, einem Eigentümer gehört. Die neue Generation der Waldbesitzer sieht das anders als die früheren. Aus der Sicht der Armen ist das schändlich. Aber Arme gibt es ja gar nicht mehr. So richtig Arme wie früher. Hartz IV löst alle diesbezüglichen Probleme und schützt die Waldbesitzer vor dem Raub ihres Eigentums. Jetzt musste der sich selber einen Weg bahnen, wenn er an das gewinnbringende Holz will. Kann er, weil die Traktoren und Maschinen riesig geworden sind. Und Waldarbeiter braucht er auch noch kaum. Macht ja nichts, die werden von Hartz IV versorgt. Außerdem, wer will schon freiwillig diesen mühsamen Beruf ausüben.

Moment. Halt. Warum bin ich hierhergekommen? Weil ich von dem ganzen Irrsinn gesellschaftlicher Probleme genug hatte und die reine Natur genießen wollte.

Das augenblickliche Problem war, dass ein umgestürzter Baum den Steig verdeckte. Werner musste ein wenig klettern und fand den Weg gleich wieder. Problem gelöst.

Der Anstieg war gleichmäßig und nicht unangenehm steil. Er musste mehr schnaufen, als er erwartet hatte. Aber nach dem langen Sitzen und Reden, kein Wunder. Er fühlte sich gut, schwitzte ein bisschen und bewunderte immer mehr diesen Wald. Keine ausgerichteten Fichtenplantagen, wie er sie kannte. Wilder Urwald, der der Natur überlassen war. Aus den umgestürzten Bäumen wuchsen Spezies, die er noch nie gesehen hatte. Ein Eldorado für die Forscher. Allerdings wäre ihm Pflanzen sammeln und kategorisieren zu mühsam und ohne Reiz. Anschauen, Riechen, Hören und Bewundern, was die Natur so alles kann. Mich hat sie ja auch gemacht. Eine Maschine, die riechen, hören, sehen kann. Sonst würde ja niemand die Natur bewundern können. Wahrscheinlich war es der Natur scheißegal. Sie macht einfach ihr Ding. Manche nennen es Schöpfung durch den Lieben Gott. Der hat sich das einfach gemacht. Die Mechanismen erfinden und dann schauen, was so passiert. Wäre ja sonst viel zu aufwändig. Dauernd und überall einzugreifen. Das werde ich mal dem Pfarrer erzählen. Mal sehen, was der dazu meint. Werner grinste, obwohl es keiner sehen konnte.

Da waren doch tatsächlich jede Menge Felsbrocken eingestreut. Das hatte er von unten nicht erwartet. Aber schön. Auf einigen wuchsen sogar Bäume. Sie zwangen zum Umgehen, stellten sich aber nicht grundsätzlich in den Weg, wie das in den Alpen so üblich ist.

Jetzt wurde der Wald auch lichter. So hoch bin ich schon? Über der Baumgrenze? Quatsch. Wir haben hier gerade mal 1100 Meter. Das macht wohl mehr das wilde Wetter hier. Niedergeduckte Pflanzen zwischen einem Meer von Steinbrocken. Wunderschön hier. Er umrundete gut gelaunt die freundlichen Hindernisse und erreichte ein Plateau. Rechts ein paar Häuschen, vermutlich ein Kiosk. Aha, da muss eine Sehenswürdigkeit sein. Ein größerer Felsen, eingerahmt von einem Holzzaun. Es gab auch ein Schild. Er konnte es nicht lesen, weil es schon zu dämmrig war und er seine Brille im Auto gelassen hatte. Egal. Ich wohne ja jetzt hier. Da werde ich es im Laufe der Zeit schon erfahren. Der Zaun war sicher nach einer Gefahrenverordnung errichtet worden. Der Felsen ragte nämlich bestimmt eineinhalb Meter über den Boden.

Da war es. Das Meer mit einer riesigen dunkelgrünen Dünung, ruhig und unbeirrbar. Werner bekam Gänsehaut. Ganz anders als die Alpen. Still, ohne gefährliche Ecken und Kanten und trotzdem irgendwie unheimlich. Am Horizont gegen Westen müsste die Sonne untergehen oder schon untergegangen sein. Komisch. Ein grauer, unscharfer Balken hatte sich vor der Sonne ausgebreitet. Eine plötzliche Bö störte das angenehme Klima und verwischte die vielfältigen Abendgerüche des Waldes.

Sie wurde schnell kräftiger und bald umschwirrten graue Wolkenfetzen Werners Aussichtspunkt. In wenigen Minuten war er vollständig eingehüllt.

Hmm, dachte er. Das kenne ich doch aus den Bergen. Ein blitzschneller Wetterumschwung. Sichtweite nur noch zwanzig Meter, höchstens. Die nächsten Bäume nur noch schemenhaft. Und dunkel wird es zusehends. Keine ideale Situation. Er verließ seinen Aussichtsturm und dachte kurz nach. Wenn ich mich an Google Earth richtig erinnere, war da ostwärts ein baumloser Streifen bis hinunter ins Dorf. Besser jetzt nicht mehr in den fremden Wald gehen.

Vorsichtig, Schritt für Schritt. Der Wind pfiff kalt und brachte jetzt auch noch Sprühregen mit. Zu spät hatte er den Anorak angezogen. Er fror erbärmlich. Außerdem war es ziemlich unheimlich. Die Bäume rauschten unsichtbar, nur unterbrochen vom Todesschrei eines nächtlichen Gejagten. Der Untergrund wurde glitschig. 'Wer jetzt kein Haus hat, findet keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben...“ Das Gedicht, das ihm gerade einfiel, machte alles noch unheimlicher.

Es ging und rutschte bergab nah am Schatten des Waldrands. Eine schnurgerade Doppelspur kreuzte seinen Weg. Von einem Traktor? Nein, so sah es nicht aus. Mehr so gründlich hinein gefurcht, obwohl jetzt Gras darüber gewachsen war. Ah. Das war die Spur eines Schlepplifts. Bald schon erreichte er das metallene Trapez einer Liftstütze. Jetzt kann mir nichts mehr passieren. Die Spur führt auf geradem und vermutlich risikolosem Weg nach unten. Schon war er wieder aus den Wolken heraus und sah die Lichter von Häusern.

Als er bei Zenzi ankam, sah diese ihn ungnädig an. „Das Essen war um hoibe acht und jetzt ist es schon nach acht. Ich mach' ihnen noch was warm.“

„Danke. Entschuldigung. Aber es war einfach zu schön.“

„Gut, dass ned weiter in Annathaler Wald gangen sind. Da hätten sie sich bestimmt verlaufen. Da sind schon einigen ned wiedergekommen.“

„Nicht wiedergekommen? Das gibt es doch nicht. Irgendwann findet man doch wieder hinaus.“

„Manche nicht.“

„Heutzutage? Mit GPS und so?“

„Das kenn' ich nicht. Aber mein Urgroßvater hat viel davon erzählt. Hat mein Großvater erzählt.“

„Ach so.“

Er hatte ordentlich geschlafen, konnte sich nicht an seine Träume erinnern, nur daran, dass er etwas geträumt hatte. Komisches Gehirn. Das Frühstück war köstlich wegen der großen frischen Semmeln, der würzigen Butter, der wohl selbst eingemachten Marmelade, des weichen Eis mit tiefgelbem Dotter und einem trinkbaren Kaffee. Orangensaft war für Zenzi neu, also nicht der Saft an sich, aber zum Frühstück? Nein, solche ausländischen Sitten wolle sie nicht hier einführen. Nach Wurst, Käse oder einem Schinken wollte Werner gar nicht fragen. Das würden die Touristen auf Dauer für ihn erledigen.

„Wann's no länger bleiben wollen, könnens das gerne machen. Jetzt im Herbst habe i no einiges frei.“ Zenzi sprach fast hochdeutsch, daher die fehlende Übersetzung.

Hmmm, dachte Werner. Die weiß es sicher. „Können Sie mir sagen, wo der Hof vom Loibl ist?“

„Am Johann sei Hof? Natürlich. Da vorne gleich rechts ist die Unterlichtbuchetstraße. Da am Ende ist er.“

„Ach. So einfach?“

„Ja. Da biegns rechts ab, fahren um den Tennisplatz rum links, dann kommen sie auf eine Kreuzung von vier Straßerln. Aber da wieder rechts abbiegen, sonst kommens ganz woanders hin. Links is a Hof, aber des ist er nicht. Die Straße geht weit nach rechts rum und macht dann irgendwann eine Haarnadelkurvn. Da fahrns nach links, Haarnadel eben. Und dann no so an hoiben Kilometer ziemlich gradaus. Aber nirgends rechts abbiegen. Hinter dem Wald da ist schon die Tschechoslowakei.“

„Ich folge einfach dem Straßennamen.“

„Der steht da aber ned.“

„In meinem Google Maps schon.“

„Und wo hams des?“

„In meinem Smartphone.“

„Ach so. Damit will ich nix zu tun haben. Wenns meinen.“

Es war wirklich einfach mit dem Navi. Was es nicht mitteilte, war, dass es kontinuierlich bergab ging. Wenn man etwas vergessen hatte und das Auto war kaputt, ganz schön mühsam. Bayerischer Wald eben.

Von Ferne schon zu sehen: Ein großer Viereckhof. Genauso hatte er sich das vorgestellt. Die Bildergalerie in der Immobilienanzeige hatte es treffend gezeigt. Als er näherkam, stellte er die Lügen der Bilder fest. Vor allem die Dächer waren ziemlich marode. Der bröckelnde Putz an den Außenwänden war ihm egal. Im Gegenteil, man sah das wunderbare zyklopische Mauerwerk darunter. Das sollte man freilegen, nicht zuschmieren.

Das Wohnhaus neben dem Kuhstall, im rechten Winkel das Gebäude fürs Gesinde mit dem Kleinviehstall, dann weiter der große Schuppen für die landwirtschaftlichen Geräte und der Heustadl, der das Quadrat abschloss. Genau wie es sich für einen bayerischen Viereckhof gehörte. Er stellte sein Auto mitten auf seinem Platz ab, der sehr trocken war, inklusive der Goldgrube. Lange nicht benutzt. Das sollte auch so bleiben. Eine Odelgrube im Zentrum entsprach dann doch nicht seiner Vorstellung vom neuen ländlichen Leben.

Er ging zuerst zum Schuppen. Zu dem riesigen Schuppen mit einer Galerie im Inneren, die über eine steile Holztreppe erreichbar war. Nach vorne war er offen, wie es sich gehörte. Keine Fernbedienung für das Garagentor nötig.

Wow, dachte er. Jetzt habe ich sogar einen Porsche. Alles was da ist, gehört ja mir, hat mein Bürgermeister gesagt. Es war ein alter Porsche, ein wunderschöner Porsche. Wer von den jungen Leuten wusste schon, dass Porsche auch einmal Traktoren gebaut hatte. Ursprünglich hieß das Konzept ja Volkstraktor. Aber das war zu einer Zeit, in der Deutschland ganz anders war.

Der Traktor war rot, wie es sich gehörte. Und er sah erstaunlich gepflegt aus. So, als ob er gerade noch benutzt worden war. Echte Wertarbeit. Made in Germany. Oder gab's das damals noch gar nicht. Doch. Das war gleich nach dem Krieg. Damit wollten die Engländer Ware aus Deutschland als minderwertig kennzeichnen. Ging ordentlich schief. Haha.

Den herrlichen Duft alten Dieselöls vermischt mit Stroh in der Nase schlenderte er gut gelaunt weiter zum großen Heustadel. Die riesige Schiebetür, die auf Rollen an einer rostigen Schiene unter dem Dach aufgehängt war, stand einen Spalt offen.

Die Rollen quietschten und der Spalt wurde wie von Geisterhand langsam breiter. Hervor trat ein Wesen, das den überlieferten Vorstellungen einer bäuerlichen Magd komplett widersprach. Als Erstes fielen ihm die braunen Knöchel auf. Die dunkelblauen Nike – Sneakers lenkten den Blick automatisch dahin. Dann begann eine enge, blaue Stretchjeans, die unter einem lässigen, seidigen und schulterfreien olivfarbenen Top endete. Braune, schlanke Arme, am Handgelenk eine weiße, riesige Armbanduhr. Feingliedrige Hände. Sein Blick ging anständigerweise zügig nach oben, nicht ohne zu erkennen, dass sie wohl keinen lästigen BH trug und endete bei schmalen, blauen Augen, die ihn abschätzig ansahen. Das Gesicht eingerahmt von kräftigen, dunkelblonden und schulterlangen Haaren. Nicht hübsch, fand Werner. Sondern schön. Ob sie diese Unterscheidung wohl schätzte? So sahen Waldelfen also heute aus.

„Grüß Gott. Ist ihnen nicht kalt? Es ist schon Ende September“, sagte er mangels spontaner Einfälle.

Sie grinste. „Nein. Da drinnen ist es angenehm warm. Die Sonne macht das, sie wissen? Und der Geruch von Heu ist unwiderstehlich.“

„Dann lassen sie uns hineingehen. Ich möchte nicht verantworten, dass sie sich erkälten.“

„Kommen sie. Ist schön da drinnen.“

Es war 'da drinnen' so, wie es sich für einen Heustadl gehörte. Ein trockener, gestampfter Boden, einige ihm weniger bekannte, recht verstaubte Gerätschaften und Heu in zwei Stockwerken aufgeschichtet. Durchgetrocknet und äußerst wohlriechend. „Hmm. Prima. Bloß keine Kühe mehr da, die sich daran erfreuen könnten.“

„Das ist fürs Erste ganz gut. Nämlich für mich“, sagte sie und deutete nach oben.

„Ach ja?“

„Da oben habe ich mein Refugium. Wenn ich meine Ruhe haben will.“

„Ach ja?“

„Klar. Hier wohnt ja keiner mehr. Irgendein reicher Schnösel soll's gekauft haben. Bis dahin, so what.“

„Und der bringt Kühe mit?“

„Was weiß ich, was der will. Sich selbst verwirklichen oder so. Bestimmt hat der keine Ahnung von irgend etwas.“

„Bestimmt.“

„Ich such' mir etwas anderes, wenn er kommt.“

„Zum Beispiel eine Hütte im Wald bauen.“

„Daran hab ich auch schon gedacht.“

„Klingt romantisch. Haben sie da keine Angst? Allein?“

„Und noch dazu weiblich. Das meinen sie doch. Ich habe höchstens Angst vor ihnen, weil ich sie nicht kenne und weil sie hier sind. Wer ohne böse Absichten verirrt sich schon hierher?“

„Reiche Schnösel.“

Sie drehte ein wenig den Kopf hin und her, wie es Hunde machen, wenn sie etwas genauer erkennen wollen. Die Pause war jedoch nur kurz. „Okay. Dann such' ich mehr ab jetzt schon was Neues. Muss nur noch meine Sachen holen.“

„Gemach, gemach, mein schönes Fräulein. Nur nichts überhasten.“ Werner rieb sich das Kinn. „Es ist so. Hier wird bald eine Menge umhergebaut werden. Mit Lärm und Staub und Menschen und so. Aber die Garage für den Porsche und den Heustadl werde ich nicht verändern. Wenn sie es nicht stört, können sie gerne ihr Refugium behalten.“

„Und wenn es sie stört?“

„Tut es nicht. Ich wünsche mir nur, dass sie bei ihren Partys einen besseren Musikgeschmack haben als elektronisches, geist- und gefühlloses Bumm bumm bumm, das die heutige Jugend als Musik bezeichnet“, sagte Werner.

„Hier gibt es keine Partys. Refugium heißt für mich, alleine sein.“

„Außerordentlich. Übrigens, ich heiße Werner Lorenz.“

„Angenehm. Susi Müller. Für beides kann ich nichts.“

„Wohnen sie hier?“

„Nein. In Philippsreut.“

„Zu Fuß von da hierher?“

„Fahrrad. Das ist das, was sie wahrscheinlich Bike nennen. Ist um die Ecke.“

„Sind alle Frauen hier so… Blöder Beginn einer Frage. Entschuldigung.“

„Nein. Sind sie nicht. Soll ich ihnen mein Refugium zeigen?“

„Nein. Das könnte absolut falsch verstanden werden.“

„Meine Güte. Aber ja. Ich verstehe. Da, wo sie herkommen, hat alles eine vorschriftsmäßige Bedeutung. Erstes date und dann zweites und spätestens beim dritten muss man miteinander vögeln. Was für eine bescheuerte Welt da draußen.“ Sie schüttelte sich.

„Mit dem Letzteren haben sie wohl recht. Aber da, wo ich herkomme, gibt es wenigstens das mit den dates noch nicht. Dann gehe ich jetzt meiner Wege.“

„Wissen sie, was mir an ihnen gefällt?“

„Mein glänzendes Aussehen?“

Sie grinste hinterhältig. „Na, das ist wohl schon ein bisschen her. Nein, ihre mittelalterliche Sprache.“

„Oh. Und ich dachte, ich wäre ein moderner Mensch.“

„Aus der Sicht der Weltgeschichte, vielleicht. Durchaus. Auf Wiedersehen, Herr Lorenz. Hat mich gefreut, sie kennenzulernen, reicher Schnösel.“

„Und mich noch mehr, mein wertes Fräulein.“

„Haha. Sie kennen mich ja gar nicht. Das ist der Fluch der weiblichen Schönheit. Aber damit kann ich leben.“

Ganz gut sogar, mutmaßte Werner und winkte ihr zu. Aber sie war schon weg.

Mit dieser Susi was anfangen. Es kribbelte ihn bei dieser Vorstellung. Claudia. Ach was, Claudia. Die war weit weg. Susi ist ganz anders. Frei und sicher auch freizügig. Und gerne alleine. Ausgesprochen attraktiv und dabei unkonventionell. Hier in seinem neuen Refugium so ein toller, neuer Anfang, das wäre schon was. Den Gedanken an Sex mit ihr hebe ich mir für eine ruhige Stunde auf. Oh, meldet sich da gerade mein Unterbewusstsein, das bessere Ich? Ihr Alter ist schwer zu schätzen. Zwischen 16 (schluck) und 20 vielleicht. Sie hat schon eine gewisse Reife im Denken, also eher 20. Das macht dann – Moment mal - 45 Jahre Altersunterschied. Auweia. Wenn sie 16 ist, wären das sogar fast 50 Jahre. Nein, nein und nochmals nein. Das geht beim besten Willen nicht. Oskar würde schnöde sagen, er könne so eine Junge doch gar nicht zufriedenstellen. Oskar ist so profan. Von wegen. Das könnte ich schon. Aber 50 Jahre sind ein schrecklich großer Unterschied. Das stünde immer vor mir oder besser zwischen uns. Mit 40 wäre sie auf dem Höhepunkt ihrer Möglichkeiten und würde genauso attraktiv aussehen wie jetzt. Und ich wäre dann – oh Gott – 89 Jahre. Nein. Lolita muss auf mich verzichten. Sehr, sehr schade. Aber man darf ja mal träumen.

Jetzt muss ich langsam daran denken, wie ich mit der Renovierung vorwärtskomme, fand Werner beim Abendessen in Zenzis Stube. Er war nicht der einzige Gast. Das eine Paar mittleren Alters schreckte ihn durch die Kostümierung ab. Er hatte Cordkniebundhose, rote Knie-strümpfe und ein rot – weiß kariertes Hemd, darüber eine weiße, dick gestrickte Weste mit Hirschhornknöpfen natürlich. Sie ein Dirndl mit zum Mann passender Farbgebung und ein üppiges Charivari, bestimmt vom Tegernsee. Sie waren glänzend gelaunt und laut. Ihr Dialekt wies sie als Rheinländer aus. Das Klischee war zu hundert Prozent erfüllt. Zwei jüngere Männer waren unauffälliger, sie benutzten keinen Dialekt, sondern eine andere Sprache. Rauh und überladen mit Konsonanten. Werner ahnte ihre Herkunft. Wilde Wesen aus den Weiten Sibiriens. 'Von da' sind die alle nicht.

Zenzi kam mit offiziellem Gesichtsausdruck an seinen Tisch.

„Ich soll ihnen was vom Bürgermeister ausrichten.“ Sie räusperte sich und wischte sich mit ihrem Serviertuch den Mund ab. „Morgen Abend ist der Bürgerempfang des Bürgermeisters. Und sie sollen da hin. Das ist eine große Ehre, Herr Lorenz. Zuagroaste sind da sonst nie eingeladen.“

„Danke, Frau Zenzi“, sagte Werner amüsiert. „Das ist doch eine gute Nachricht. Muss ich da irgend etwas tun? Etwas vorführen? Eine Rede halten?“

„Davon hat er nix gsagt, der Bürgermeister. Seien sie bloß pünktlich um acht. In der Post. Essen brauchen's vorher nix. Da gibt es ein Buffet.“

Es war nicht so, wie Werner es erwartet hatte, nämlich Bierbänke und selig Grinsende oder bereits Streitende unter Trachtenhüten. Nein, es war ein Stehempfang. Von der gleichen idiotischen und ungemütlichen Sorte wie er es aus seinem früheren Leben gewohnt war. Damit die Leute öfter die Lage wechseln und auch mit anderen ins Gespräch kommen. Zum Smalltalk. Er hatte es immer besser gefunden, länger bei derselben Gruppe zu sein, damit sich ein lustiges oder ernstes Gespräch entwickelte und die Zeit egal war.

„So, Herr Lorenz, schon eingelebt?“

„Danke. Es ist noch ein bisschen früh dafür.“ Werner wusste nicht, wer ihn da ansprach.

Es war der Wirt, wie er schnell erkannte. „Hier kann man gut leben. Das werden sie schon noch merken. Jetzt, wo so viele Touristen kommen, da geht’s aufwärts.“

„Ein Bierzapf ist ein gutes Gewerbe.“

„Was meinen sie? Aber es stimmt schon. Bier wollen die Menschen immer. Auch die Preissn.“

Ein anderer trat hinzu. „Sie werden es schon merken. Die hier haben nicht immer die gleiche Meinung. Aber man verträgt sich.“

„Menschen deuten oft nach ihrer Weise die Dinge, weit entfernt vom wahren Sinn“, sagte Werner.

„Das habe ich jetzt nicht richtig verstanden. Aber es ist schon wahr. Was da letztens so alles abgeht im Dorf. Ist nimmer so wie früher.“

„Ja, weil die Großkopferten mit ihrem Geld alles verderben.“ Ein Dritter war hinzugetreten.

„Wo Geld voran geht, sind alle Wege offen“, sagte Werner.

„Leider ist es so“, meinte der Zweite. „Aber die ewige Streiterei, die hat scho zuagnomma. Und die bsoffenen Deppen wissen oft gar ned, was sie alles sagen.“

„Nimmer hat die Wut sich gut verteidigt“, sagte Werner.

„Du kennst dich aus.“

„Lasst doch den Neuen in Ruhe. Der muss doch erst noch kapieren, wie es hier so geht.“

„Aneignen nennt es der Gebildete“, ergänzte Werner

„Du bist ziemlich schlau, oder? Was hältst du eigentlich von der Idee mit dem neuen Kiosk am Kirchenlift, Hubert?“

Werner wurde es langweilig. Außerdem fühlte er sich beobachtet. Die Dame war ungefähr Mitte 40, sportlich und elegant. Sie passte irgendwie nicht hierher. Wie er übrigens auch nicht. Vor allem aber irritierte ihn der spöttische Mundwinkel. Sie hatte ihn wohl schon länger beobachtet. Er holte sich ein frisches Bier, weil sein Glas fast leer war und weil ihn das in die Nähe der Dame brachte. Ohne sie anzusehen, ging er an ihr vorbei. Sehr langsam.

„So, so. Shakespeare.“

„Wie bitte?“ Er drehte sich abrupt um. „Entschuldigen sie, gnädige Frau. Lorenz mein Name. Was meinten Sie?“ Die Behelfsbrücke war geschlagen.

„Alle ihre Beiträge, die ich seit ein paar Minuten von ihnen gehört habe, waren Zitate. Von Shakespeare.“

Jetzt war Werner baff.

„Ich fülle die Zeit ihres erstauntes Schweigen, um mich vorzustellen. Angelika Kellein. Wohnhaft in Philippsreut. Aber arbeitet in Passau. Und sie, Herr Lorenz? Arbeiten sie hier?“

„Ich arbeite eigentlich gar nicht mehr. Ich werde ab jetzt meiner Leidenschaft frönen und malen.“

„Kunst ist schön, aber macht viel Arbeit. Sie Glücklicher.“

„Selber ausgedacht?“

„Nein, nein. Aphorismen erfinden überfordert meine Fähigkeiten. Ist von Karl Valentin.“

„Sie arbeiten? Als frei schaffende Literatin?“

„Weil ich Shakespeare gelesen habe? Nein. Ich vergöttere ihn nur. Ich bin Ärztin und forsche ein bisschen nebenbei.“

„Klingt mehr als interessant.“

„Da haben wir ja schon einige Anknüpfungspunkte. Mit ihren Zitaten haben sie kritische Distanz zum Pöbel bewiesen. Das macht sie attraktiv. Für später einmal. Jetzt will sie nämlich der Bürgermeister in Beschlag nehmen.“

„Haben sie kurz Zeit, Herr Lorenz?“ Konrad Müller war ein wenig rotgesichtiger als in seinem Büro.

„Entschuldigen sie, Frau Kellein. Darf ich?“

„Aber bitte doch. Wenn es bedeutend wird, hat das Weib zu schweigen.“

Werner grinste ihr zu und wandte sich um zum Bürgermeister.

„Haben sie schon Handwerker für ihre Renovierung?“

„Nein, nein. Ich weiß ja noch gar nicht, was ich alles machen will.“

„Ach so. Sie müssen erst die Pläne zeichnen. Das haben sie bestimmt gelernt.“

„Hab ich leider nicht. Ich kann einige Skizzen machen, aber was da alles dazu gehört, davon habe ich keine Ahnung.“

„Wir halten doch hier zusammen. Ich kann ihnen einen guten Tipp geben. Kümmern sie sich doch nicht selbst um jedes Detail. Lassen sie das einen Profi machen und genießen sie ihr neues Leben. Ich kann ihnen sagen, wenn sie das selbst machen, wird es lange dauern, sehr teuer und am Ende ist es Murks.“

Werner hielt inne und dachte über diese Worte nach. Der Bürgermeister schwieg geduldig. Es wusste ja, dass er das richtige Korn gesät hatte.

„Sie haben vermutlich recht. Kennen sie jemanden, der das alles als Verantwortlicher übernehmen könnte? Vor allem so, dass ich mich nicht mit jedem Gewerk selbst auseinandersetzen muss.“ Auf das Wort Gewerk war Werner stolz. Wies es ihn doch als durchaus kompetent aus.

„Ich stelle ihnen Herrn Häberl vor. Den habe ich schon mal erwähnt. Häberl kimm a moi her“, rief er.

„Was gibt’s Bürgermeister.“

„Da, der Herr Lorenz, der braucht di.“

„So. Für was? Ich habe gerade nicht viel frei. Aber redns ruhig, Herr Lorenz.“

Er begrüßte Werner mit Handschlag. Ein trockener, kräftiger Händedruck und kluge Augen. Vorsicht, dachte Werner. Der ist nicht wer, weil er so nett aussieht.

Er schilderte ihm seine Idee. Vor allem, dass er im Gesindehaus im ersten Stock ein großes Studio, etwa wie ein Loft wollte. Mit einem riesigen Fenster. Häberl erkannte die Möglichkeiten.

„Das ist aber schon ein komplizierter Umbau. Sehr interessant. Stilistisch muss man da aufpassen. Aber gut.“

Auf den Busch klopfen. Im Geiste schon mal die Angebotssumme formen. War schon klar.

„Würden sie das als Generalunternehmer für mich machen?“

„General ist gut. Meine Handwerker und die verschiedenen Firmen werden straff geführt. Sie haben sie bestimmt schon aufgesucht?“

Haha. Natürlich nicht. Das wusste Häberl auch. Aber Werner hatte nicht die geringste Lust, sich mit jedem einzeln herumzuärgern.

„Wir machen das so, Herr Häberl. Wie besichtigen das Anwesen vor Ort und besprechen meine Ideen. Dann erarbeiten sie einen ordentlichen Plan und machen mir ein verbindliches Angebot. Festpreis. Ein Konkurrenzangebot hole ich nicht ein. Dafür gäbe es hier ja niemanden. Und es soll schon von ansässigem Personal gemacht werden.“

„Das ist ein Wort. Wir verstehen uns. Machen wir einen Termin?“

Was Häberl nicht wusste und auch nicht wissen sollte, war die Tatsache, dass Werner Geld eigentlich egal war. Er wollte etwas und stellte dann fest, ob er es sich leisten konnte. Wenn das so war, dann machte er es. Ein Traum für einen Anbieter. Wenn der es denn wusste.

Zwei

„Also das würde ich noch einmal überdenken, Lorenz. Ein zweites Schlafzimmer in ihrer Wohnung würde ich empfehlen.“

„Aber ich bekomme doch Gästezimmer.“

„Die sind doch für die Gäste, oder?“ Haberls Zwinkern war irgendwie merkwürdig.

„Ich verstehe jetzt nicht ganz. Wovon reden sie?“

„In ihrem Alter braucht man doch dringend einen ruhigen Schlaf nach all der Anstrengung.“

„Ich weiß wirklich nicht...“

„Schau mal, Lorenz. Das ganze Dorf weiß es doch. Ist doch nicht schlimm. Wir sind hier sehr modern. Klar, der Altersunterschied. Aber das ist doch eure Sache. Da müssen wir ja nicht damit zurechtkommen.“ Diesmal war das Grinsen durchaus ein wenig boshaft.

„Stör ich“, sagte eine Stimme von hinten. „Nein? Gut. Ich bräuchte ein heißes Wasser. Jetzt, wo die Küche schon funktioniert.“

„Klar Susi, hol's dir nur. Du weißt ja, wo alles ist“, sagte Werner.

„Eben“, sagte Häberl.

„Moment mal, Herr Häberl. Sie meinen die Susi und ich? Nein, nein, das haben sie ganz falsch verstanden. Die Susi hat hier einen Platz...“

„...an ihrer Seite. Ist doch in Ordnung. Stört doch keinen. Sie müssen ja nicht gleich heiraten. Ja früher, da wäre das schon noch eine Todsünde gewesen, so ohne Hochzeit. Hat's aber damals auch schon gegeben. Im Verborgenen halt. Geht im Bayerischen Wald ganz gut. Heute hat der Pfarrer nicht mehr viel zu sagen. Der bedient höchstens noch die alten Weiber.“

„Stör ich?“ Diesmal war die Stimme laut und sehr männlich.

„Ah, der Herr Kommissar. Was verschafft uns die Ehre?“ Häberl hatte sich umgedreht und Hauptkommissar Jürgen Klamm mit Handschlag begrüßt.

Der wandte sich Werner zu. „Wir kennen uns schon. Beim Bürgermeister. Sie erinnern sich?“

„Ich dachte, sie hätten mich gar nicht bemerkt. Grüß Gott, Herr Kommissar.“

„Er ist Hauptkommissar“, sagte Häberl.

„Nennen sie mich einfach nur Herr Klamm oder besser Jürgen. Das machen alle, die mir wohlgesonnen sind.“

„Nämlich niemand“, sagte Häberl.

„Geht in Ordnung. Ich bin Werner Lorenz, also nur Werner.“

„Grüß Gott, Werner. Haben wir jetzt genug Höflichkeiten ausgetauscht?“ Jürgens Lachfalten fand Werner äußerst sympathisch. Ob er so auch die Verdächtigen einwickelt?

„Habe ich was verbrochen, Jürgen?“

Häberl antwortete für den Kommissar. „Nein, keine Sorge. Dazu sind sie nicht lange genug da. Der meint sie nicht. Mach nur, Jürgen. Ich muss zu meinen Leuten. Lass dich nicht stören.“

„Ich habe auch nichts dagegen, wenn alle einverstanden sind“, sagte Fritz.

„Was macht der denn hier?“ Das war Susis Stimme, die mit einer dampfenden Kanne dazu getreten war.

„Hat nichts mit Dir zu tun, Fräulein Müller. Macht alle weiter. Ich störe euch nicht“, sagte der Hauptkommissar.

Er ging zielstrebig zum Porsche, schraubte den Tankdeckel ab, führte einen Holzstab ein, den er nicht lange suchen musste, zog ihn heraus, kniff mit ausgestrecktem Arm die Augen zusammen und brachte dann alles wieder in den Ausgangszustand.

„Alles okay, Leute. Ich bin dann mal weg.“

„Servus, Kommissar“, rief Häberl ihm nach. Susi schritt wortlos in ihr Refugium.

„Ein bisschen rätselhaft, das alles, oder Herr Häberl?“

„Alles normal. Der hat nur geschaut, ob der Porsche bewegt wurde.“

„Aber ich hätte es ihm doch sagen können, dass ich ihn nicht benutzt habe.“

„Sie doch nicht.“

„Da gibt es andere, die das machen?“

„Jetzt wohl nicht mehr.“

„Nur so zum Spaß? Jungenstreiche?“

Haberl lachte. „Wenn sie das so nennen wollen. Jungenstreiche, jawoll.“

„Ich muss noch viel verstehen lernen.“

„Braucht's nicht. Was ist jetzt mit dem Schlafzimmer?“

„Ja, nichts. Das benötige ich nicht.“

„Wie sie meinen. Übrigens, das mit dem vielen Glas für ihr Studio wird nicht billig. Ist auch komisch. Niemand hier will so große Fenster. In die jeder reinschauen kann. Bis zum Boden! Haben sie sich das auch richtig überlegt? Hier macht man die Fenster so klein wie möglich. Außerdem nach Norden ist ganz schlecht. Da kommt ja nie eine Sonne rein.“

„Jedes richtige Atelier ist nach Norden ausgerichtet.“

„Ah so?“

„Der Künstler möchte den ganzen Tag so ungefähr das gleiche und gleichmäßige Licht haben zum Malen.“

„Ach so ist das. Ja, wenn das so ist. Dann machen wir es so.“

„Danke.“

Das Lokal hieß 'Alte Post'. Es war das Zentrum des Dorfes und deswegen auch das Logis für den Dorfstammtisch. Erkennbar an einem bayrischen Wimpel auf einer geschnitzten Statuette von irgendeinem wichtigen, grinsenden Mann und einer Inschrift, die besagte, dass dieser Tisch immer belegt sei. Den Wirt erkannte Werner vom Bürgermeisterempfang wieder.

„Wo ist denn die Toilette, Herr Wirt?“ Werner war von seinem Bier aufgestanden und an die Theke getreten.

„Werner. Ich heiße Werner. Genauso wie du, Werner. Nur hinten bin ich anders. Huber nämlich. Da wo bei ihnen der Lorenz ist.“

„Prima. Darf ich Werner sagen?“

„Klar. Da hinten rechts am Stammtisch vorbei.“

Werner ging langsam zurück, weil er sich die Hände mangels eines Handtuchs an der Hose abtrocknen musste. Dann blieb er vorsichtshalber stehen.

„Des is vielleicht a Matz. Hat die sich den alten Deppen gschnappt. Jetzt hat's an eigenen Hof. Nicht schlecht.“

„Und wenn sie den Oiden zuviel vögelt, dann derbreselts ihn und sie hat alles. Nacha kanns dann den Josef nehmen. Der wartet schon die ganze Zeit drauf.“

„Aber i glaub, den Josef mogs gar ned. Vielleicht holt sie sich dann einen aus der Stadt. Dad besser zu ihr passen, dem ausgschamten Luder.“

„Die is überhaupt net so. A bisserl bsonders is sie halt.“

„Deppert im Kopf moanst.“

„Na überhaubts ned. Anders halt. So modern. Des kennsd du ned.“

„I bin moderner als du jemals sein wirst, alter Geldsack. Is alles unser Geld, was du da hast, des vergisst du immer. Dei Bank bscheißt uns doch bloß.“

„Ich bscheiß niemand. Übrigens glaub i, dass der Neue einen Haufen Geld hat. Der hat für sein Umbau nix gebraucht.“

„Hat hoid a Nummernkonto in der Schweiz. Und holt sich den Diridari im Koffer.“

„Nützt ihm auch nichts, wenn er sich totvögelt. Bei der wird des schnell passieren, des kannst mir glauben. Dann fahrt die in die Schweiz“, kam aus der anderen Ecke des Tisches.

Werners Hände waren trocken und er ging möglichst unauffällig zurück zu seinem Tisch.

„Scheiße...“, hört er noch.

Er trank sein Bier aus und bezahlte. Recht haben die irgendwie schon, die Einheimischen. Viel Lebenserfahrung ist da versammelt. Susi wird mir wirklich zu anstrengend sein. Halt. Was für ein Quatsch. Ich hab ja gar nichts mit ihr und das wird auch so bleiben. Bestimmt.

Seine Schulter wurde durch den Rempler beinahe aus der Kapsel gestoßen.

„Holla. Sagen sie mal. Verdammt, haben sie mich nicht gesehen?“ Werners Jähzorn kam blitzartig. Schon seine Mutter hatte ihn damit verspottet.

Der junge Mann drehte sich um und baute sich bedrohlich vor Werner auf. Er war nicht bayrisch gekleidet, sondern mit Totenkopf – Shirt und schwarzer Lederhose.

„Und das soll mich jetzt beeindrucken?“ Werner hasste dumpfe, grundlose Aggression.

„Lass sie in Ruhe, sonst passiert was. Verstanden?“, sagte der Halbstarke.

„Wen soll ich in Ruhe lassen und was würde passieren, junger Mann?“

„Nenn mich nicht so, du Saupreiss. Und red nicht so blöd daher. Sonst passiert gleich was.“

Wie aus dem Nichts war Jürgen, der Hauptkommissar erschienen. „Jetzt beruhige dich mal und verschwinde am besten, Josef. Ich versteh' dich schon, aber du täuschst dich. Der Werner hier ist schwer in Ordnung.“

„Ich geh ja schon. Ich hab' nur gemeint...“

„Verschwinde.“

„Ist ja gut.“

„Trinken wir noch ein Bier, Werner Lorenz?“

„Warum nicht. Wo?“

„Ja da gleich. In der alten Post.“

„Hmm. Da mögen sie mich nicht sehr.“

„Blödsinn. Die mögen sich alle nicht. Das wirst du schon noch begreifen.“

„Zigarette, Werner?“

„Ich dachte, in Lokalen ist Rauchverbot, auch hier.“

„Ja sicher.“

„Und?“

„Ich erteile heute die Ausnahmegenehmigung.“

„Das kannst du doch gar nicht.“

„Auch richtig. Ich gehöre zur exekutiven und nicht zur legislativen Abteilung.“

„Und?“

„Nix und. Rauchst du jetzt eine mit oder muss ich alleine?“

Werner schaute sich verstohlen um und bemerkte, dass aller Augen des Stammtisches auf sie gerichtet waren und dass getuschelt wurde, gefolgt von einem ehrfurchtsvollen Kopfnicken. Dann machten sie wieder weiter mit dem, was man am Stammtisch so macht.

„So. Jetzt bist du in ihrer Achtung enorm gestiegen.“

„Was habe ich gemacht?“

„Nicht du, ich.“

„Bist du der heimliche Chef, hier?“

„Ja und nein. Immer, wenn's unangenehm wird, brauchen die mich. Deswegen.“

„Gibt's hier so viel Unangenehmes?“

„Sagen wir es mal so. Die Nähe zur alten Grenze lässt viele Erinnerungen aufkommen und Phantasien, was man alles machen könnte.“

„Und das ist nicht immer ganz im Rahmen der Gesetze, oder? Und du drückst dann ein Auge zu.“

„Völlig falsches Verständnis, Werner. Man merkt, dass du wenig Ahnung vom wirklichen Leben hast. Ich sorge dafür, dass ich immer weiß, was los ist und versuche dann, das Schlimmste zu verhindern. Aber eines wissen die alle: Ich bin unbestechlich und stehe ohne Ausnahme zu den Gesetzen. Das macht mich für sie immer berechenbar.“

„Ich versuche zu begreifen. Was war das übrigens mit dem aggressiven jungen Halbstarken?“

„Das war der Loibl Josef. Der Sohn von deinem Verkäufer. Der macht auf Krawallbursche. Ist aber völlig harmlos und im Grunde ganz anständig. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder, dem Hansi. Dem schau ich schon genauer auf die Finger.“

„Und der dachte, ich nehme ihm die Susi weg?“

„Ist doch naheliegend. Ein reicher Geldsack und das junge Ding. Gibt's in jedem Film. Und die schauen hier viele Filme an. Was soll man hier sonst machen am Abend?“

„So ein Quatsch. Ich hab doch nichts mit der. Sie ist sehr nett, ja. Aber viel zu jung für mich.“

„Das glaubt dir aber keiner.“

„Aber dann müssten sie doch alle gegen mich sein.“

„Sind sie ja auch. Aber zugleich sehr modern. Touristen und Zugroaste bringen Geld.“

„Schöne Gesellschaft.“

„Normale Menschen halt.“

„Jetzt würde mich noch eines interessieren. Du scheinst immer und überall anwesend zu sein. Wie machst du das und hat das einen Grund?“

„Im Moment bin ich tatsächlich viel hier. Der Grund braucht dich nicht zu interessieren. Und ja. Dich beobachte ich auch genau. Man muss doch wissen, was da Neues hinzugekommen ist.“

„Du verdächtigst mich einer Straftat?“

Wieder fand Werner seine Lachfalten äußerst sympathisch. „Wenn das so wäre, hätte ich dir doch kaum gesagt, dass ich dich beobachte, oder?“

„Vielleicht als Warnung oder ein Trick?“

„Raffiniert? Quatsch. In deiner Vorgeschichte ist nichts, was beunruhigend sein könnte. Bei deinem Rechtsanwalt ist es schon ein wenig anders. Hab' ich recht?“

„Hahaha. Du hast ein Dossier über uns?“

„Die modernen Mittel der Technik sind einfach phantastisch. War kaum ein Aufwand. Tut mir leid. Aber jetzt weißt du ja alles und kannst ganz beruhigt weiter machen auf deinem Hof. Du solltest nur mit mir in Kontakt bleiben, wenn dir irgend etwas auffällt, was dir komisch vorkommt. Etwas, was nicht unter den normalen Scheiß fällt, den die hier im Hinterwald sowieso machen. Du bist in Bayern aufgewachsen, du kennst den Unterschied. Ruf mich jederzeit an oder schick mir ein What's App. Findest du auf meiner Karte, hier.“

„Willst du auch meine Kontaktdaten?“

„Hab ich doch schon lange, Werner.“

„Ich bin aber jetzt schon ein wenig beunruhigt. Was ist mit meinem Hof?“

„Nichts.“

„Lüge.“

„Falscher Begriff, weil eine Beleidigung. 'Unwahrheit' oder 'Schutzbehauptung', das ginge.“

„Lenk' nicht ab. Was ist mit meinem Hof?“

„Besser wäre für dich, wenn du nichts weißt. Sonst wirst du nur paranoid.“

„Sehr beruhigend.“

„Meine Rede sollte dir doch sagen, dass gleich mehr kommt oder hältst du mich für einfältig?“

„Ich höre.“

„Besser für dich, dass du nicht weißt, dass dein Hof einige Zeit als Lager missbraucht wurde.“

„Ah. Das hat der Bürgermeister schon erwähnt. Für geschmuggelte Zigaretten.“

„Genau. Zigaretten.“

„Und er hat auch gesagt, dass die sich jetzt was anderes suchen würden, wenn der Hof bewohnt ist. Und dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche.“

„Wunderbar. Dann weißt du ja wirklich schon alles.“

„Und der schöne Porsche wurde dazu missbraucht?“

„Möglicherweise.“

„Und deswegen hast du nachgesehen, ob er benutzt wurde.“

„Gut beobachtet.“

„Verarsch' mich nicht.“

„Dümmer wärst du mir lieber.“

„Was soll das jetzt heißen?“

„Dass du ein Mensch bist, den ich im Verdacht habe, dass er allen Dingen auf den Grund gehen will. Und genau das solltest du nicht tun, sondern mir überlassen.“

„Ich will nur malen.“

„Prima. Gute Einstellung. Dann tu das auch. Kannst mir ja mal zeigen, was du da so malst. Interessiert mich. Außerdem habe ich eine Bekannte, eine Freundin, die das auch sehr interessiert. Können wir mal vorbeikommen, wenn du so weit bist?“

„Klar. Ich würde mich freuen.“

Eine heile Welt hier, dachte Werner, als er sich auf den Weg zu Zenzis Pension machte. Ein bisschen Zigarettenschmuggel hält die ganze exekutive Staatsmacht auf Trab. Aber sympathisch und klug ist er ja, der Herr Hauptkommissar.

Schon einige Tage hatte er, immer wieder unschlüssig auf seinem Hof herumstehend, das muntere Treiben von Menschen und Baumaschinen beobachtet. Eine zielführende Vorgehensweise konnte er nicht erkennen. Neben dieser passiven Beobachtung des Baufortschritts wechselte sein Tagesablauf zwischen Schlafen bei Zenzi und kurzen Wanderungen in der Waldeinsamkeit, bei denen ihm immer neue Ideen für sein Heim einfiel. Die er aber lieber für sich behielt. Seine Wünsche kämen Herrn Häberl bestimmt sehr gelegen, da er jeden Anlass aufgreifen würde, den Festpreis zu korrigieren. Schließlich hatte Werner das zu seinen Berufszeiten sehr erfolgreich genauso gemacht.

Susi war schon seit mehreren Tagen nicht zu sehen. Vermutlich war ihr der Lärm und die vielen Menschen unangenehm. Was sie in ihrem richtigen Leben machte, wusste er immer noch nicht.

Heute gab es eine Abwechslung. Ein grauer Golf fuhr langsam in den Hof und parkte kurz hinter dem Eingang.

„Kann ich einen Moment hier stehen bleiben, Herr Lorenz?“

Werner kannte ihn vom Stammtisch. Das war doch der Filialleiter von 'Nah und gut', wenn er sich nicht täuschte.

„Aber natürlich, Herr…“

„Huber, Martin. Sagen sie doch einfach Martin. Das macht man hier so.“

„Klar. Werner mein Name.“

„Weiß schon, Werner. Na? Geht's gut voran?“

„Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Bis jetzt ist das Chaos viel größer als vorher.“

Martin lachte. Es war mehr so ein etwas einfältiges Glucksen. „Keine Sorge, Werner. Der Häberl, der ist gut. Der kennt sich aus. Der weiß, wie man das macht. Und seine Leute sind ein eingespieltes Team.“

„Na hoffentlich.“

„Jetzt sind sie doch nicht so pessimistisch. Aber ich versteh' schon. Neu hier und gleich so ein großes Vorhaben und so viele fremde Menschen. Das ist nicht leicht zu verkraften. Wann kommt denn ihre Familie nach?“

Aha. „Ich habe gar keine Familie, Martin. Ich wollte hier wirklich alleine sein.“

„Ach herrjemine. Na, vielleicht wird’s hier noch was mit Familie. Unverhofft kommt oft, oder?“

„Da ich nichts erhoffe, könnten sie recht haben.“

„Ach was. Träume hat doch jeder, oder?“

Die ich dir nicht erklären werden, weil du sie ohnehin nicht verstehen würdest. „Aber sicher, Martin. Was verschafft mir eigentlich die Ehre deines Besuchs?“

„Eigentlich suche ich den Dieter. Den Dieter Brunner.“

„Und wer ist das? Ich kenne noch nicht viele hier.“

„Den solltest du aber schnell kennenlernen. Das ist ein Ingenieur und der Bauleiter für dein Projekt. Der sollte meistens hier anwesend sein. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Du verstehst?“

„Schau dich ruhig um, ob er hier ist.“

„Komm doch einfach mit. Oder hast du wichtigeres zu tun?“

„Nein, wirklich nicht.“

Dieter war ein blonder, diszipliniert aussehender, ernster Mittdreißiger und begrüßte Werner mit einem kräftigen Handschlag und ungerührtem Gesicht. Also nicht einer von der kommunikativen Sorte, schloss Werner. Aber das muss ja nicht schlecht sein. Hauptsache das 'Gewerk' wurde termingerecht fertig.

„Was gibt’s, Martin?“, sagte Brunner.

„Nichts Besonderes. Ich wollte nur wissen, ob ihr mit meiner Lieferung zufrieden seid. Ich will, dass meine Kunden immer zufrieden sind.“

„Klar sind wir zufrieden, wie immer.“

„Es ist so, dass ich einen Engpass habe. Die Wurst kommt erst wieder übermorgen. Seid ihr für morgen auch mit Käsesemmeln einverstanden? Ich mach' auch schön Gurken und Tomaten drauf.“

„Das ist blöd. Käse ist schon in Ordnung, Martin. Aber nächstes Mal bitte wieder Wurst. Oder ist sie ganz aus? Nein? Gut. War's das? Ich muss zum Dachstuhl, da haben sie die Flansche falsch angebracht.“ Brunner wirkte ungehalten und nervös. Große Sympathien hegte er wohl nicht für den Filialleiter.

„Ja ja. Geh' nur. Ich wollte dich nicht aufhalten.“

„Alles gut organisiert, Martin. Hätte ich gar nicht gedacht“, sagte Werner, als Brunner gegangen war.

„Wir können das genauso wie ihr Großstädter. Verpflegung ist doch wichtig, oder? Außerdem bezahlst du sie ja auch.“ Martin grinste.

„Klar ist Verpflegung wichtig. Bremst die Arbeit, wenn sie nicht gut ist.“

„Was hat du eigentlich früher gemacht, Werner? Dass du dir das hier leisten kannst. Ich finde das schön, so stelle ich mir mein Leben auch vor, wenn ich mal alt bin. Einfach nichts tun. Ich habe gehört, du kennst ganz wichtige Leute, so richtige Vorstände von Firmen. Wie sind die denn so?“

„Von wem willst du das gehört haben? Egal. Gerüchte sind schneller als das Licht, weiß schon. Aber es stimmt schon, ich habe einige kennengelernt. Aber glaub' mir, das sind auch ganz gewöhnliche Menschen. Nichts Besonderes. Nur ein wenig machthungriger als die meisten.“

„So hab' ich mir das auch immer gedacht. Aber unsereins wird ja solche Leute nie kennenlernen. Macht nichts.“

„Hast nichts versäumt.“

„Eben. Übrigens, Werner. Wenn du heute Abend in die alte Post kommst, gibt’s eine Überraschung.“

„Ach ja? Gut, Martin, ich wollte sowieso dort zu Abend essen.“

Werner aß sein Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat, das er hier immer wieder nahm und weil er Appetit hatte, bestellte er noch eine Portion Kaiserschmarrn mit Apfelmus, eine seiner Leibspeisen. War dann doch etwas zu viel. Er ließ die Hälfte mit Bedauern stehen, nur vom Apfelmus ließ er nichts übrig, und trank genießerisch sein Bier aus. Eine Halbe würde schon noch gehen.

Martin Huber unterbrach seine wohligen Gedanken. Er hatte sich feierlich vor seinem Tisch aufgebaut und räusperte sich. Ah, die Überraschung. Werner hatte es schon vergessen.

„Also. Also, Werner. Wir haben es einstimmig beschlossen. Du bist ab sofort Mitglied in unserem Stammtisch. Diese Ehre wird nicht schnell jemand zuteil. Komm einfach rüber zu uns und nimm dein Glasl mit.“

Werner war tatsächlich völlig überrascht. Was war denn mit denen los? So etwas gibt es in Bayern eigentlich nicht. Dazu muss man schon seit Jahrzehnten 'von da' sein, aus einer alten ansässigen Bauernfamilie stammen oder über Dorfmacht und Einfluss verfügen. Aber vielleicht ist das hier in Mitterdorf etwas anders.

„Das ist aber eine große Ehre. Und alle sind einverstanden?“

„Klar. Sonst ginge das ja gar nicht.“

Werner dachte kurz nach, ob er das wollte. Eigentlich nicht. Aber das war ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte. Er sah sich um, wer da alles dazugehörte. Da war natürlich Konrad Müller, der Bürgermeister, Toni Häberl, der Bauunternehmer, der Banker, Horatius Klein hieß der und einer, den er nicht kannte und zu guter Letzt der Pfarrer, wie es sich gehört. Früher wäre da auch noch der Lehrer dabei gewesen. Aber Lehrer waren heute keine Honoratoren mehr.

Der freie Stuhl positionierte ihn zwischen dem Pfarrer, der sich als Josef Weinzierl vorstellte, und dem Unbekannten.

Werner wandte sich dem zu. „Wir kennen uns noch gar nicht. Werner Lorenz, mein Name.“

„Ich bin Simon, Simon Schwarzhaupt, der einzige Apotheker hier. Manche nennen mich Simmerl. Simmerl ist eine Verballhornung meines ehrenwerten Namens. Hierzulande bedeutet Simmerl, dass man etwas einfältig ist. Willkommen bei uns, Werner.“

Stille.

Was war jetzt? Ach so.

„Eine Runde Bier, für alle“, rief Werner. „Und… Ja, was trinkt ihr denn so zum Bier?“

Bärwurz, war die Mehrheitsentscheidung.

Natürlich hatten sie auf den Einstand gewartet. Jedenfalls war er billiger als eine Aufnahme bei den Rotariern. Aber Fürsprecher, Leumunde, brauchte es hier auch.

„Jetzt würd' mich mal deine Meinung interessieren“, sagte der Bürgermeister. „Wir haben das vorher diskutiert. McDonalds oder war es der Burger King, ich weiß nicht genau, möchte bei der Talstation eine Bude aufmachen. Die haben nämlich gehört, dass bei uns der Bär abgeht, im Winter.“

„Keine gute Idee“, sagte Werner.

Das fanden alle schon einmal gut. Sie nickten sich zu. Ihre Entscheidung war richtig gewesen. „Und warum meinst du das?“, fragte Häberl. Aller Augen richteten sich auf Werner.

„Anreiz für eine falsche Entwicklung. Ihr wollt doch nicht so ein lächerliches Kitz für junge Halbstarke werden, wie man das immer mehr sieht. Beim Hamburger bleibt es nicht. Am Ende habt ihr hier Leute, die Hugo trinken, mit verblödeten Discjockeys herumhopsen, einen Höllenlärm veranstalten und sich wer weiß was einbilden. Und Geld haben die nicht wirklich. Die tun nur so.“

„Aha. Was schlägst du dann vor?“ Der Pfarrer war von seinem bierseligen Dämmern aufgewacht.

„Wenn ihr gute Leute haben wollt, müsst ihr erst einmal die natürliche Umgebung noch besser nutzen. Wanderwege, Waldlehrpfad, Märchenweg, Baumwipfelpfad, Tiergehege, wo man Wölfe und Luchse sehen kann, so etwas fällt mir sofort ein. Oder eine Kneipe im Wald nach Waidler Art. Bikerwege, Badeplätze, Tennis vielleicht, aber bloß kein Golf. Die Ballschubser betrachten sich als abgeschlossene Elite und wollen mit euch nichts zu tun haben.“

Einige lachten, einige tuschelten und einige machten sehr ernste Gesichter. Vor allem der Bürgermeister wollte wohl etwas sagen.

„Herr Bürgermeister, oder Konrad. Du hast Bedenken?“, fragte Werner.

„Nein. Keine Bedenken. Es ist nur so, dass das viel Geld kostet, so etwas aufzubauen. Und ob es etwas bringt?“

„Ihr müsst euch zuallererst entscheiden, was Mitterfirmiansreut in, sagen wir mal, zehn Jahren sein soll. Das gemütliche Dorf, zu dem ein paar Stammgäste immer wieder kommen, ein quirliges Touristenzentrum, das junge Menschen und Sportler anzieht, ein feiner Ort, in dem sich die 'Geldigen' ein paar Mal im Jahr treffen, ein Gesundheitszentrum für Leute, die möglichst lange leben wollen. Da gibt es viele Möglichkeiten.“

„Das klingt jetzt richtig strategisch“, sagte Toni Häberl und nickte heftig. Aha, er sah schon die Millionen, die ihm die Bauaufträge einbringen würden. „Aber da fehlt es hier an allem. Niemand hier, der so denken kann und niemand, der die Kohle hat, das zu realisieren. Denkst du da an Scheichs oder Russen oder so etwas?“

Werner lachte. „Nein, nein. Das wäre schrecklich. Ihr solltet im Gemeinderat so ein Ziel beschließen. Aber gut überlegen vorher. Und dann in kleinen Schritten… Ihr wisst schon: Jeder, auch noch so lange Weg, beginnt mit dem ersten Schritt. Ich denke, ihr habt mit dem vielen Schnee und den Liften eine ganz gute Wintersaison. Nicht für Extremsportler, mehr so für Anfänger und Gemütliche, ihr wisst schon. Und da kann man mit kleinen Verbesserungen viel Gutes tun. Zum Beispiel Gastronomieangebote haben, die es nicht überall gibt. Dazu müsst ihr etwas verstehen: Die Masse von normalen Menschen, die plötzlich überallhin reisen konnte, hat es anfangs sehr angenehm empfunden, wenn sie in der Ferne ihr gewohntes Ambiente vorgefunden hat. Die hatten nämlich alle Angst in der Fremde. Ich sag's euch. Als ich noch gereist bin, wusste ich oft nicht einmal, wo ich war. Ob in New York, Frankfurt oder Hongkong, überall internationaler Hotelstandard und internationale Küche. Schrecklich. Jetzt wollen die Menschen das gar nicht mehr. Bratwurst mit Pommes auf Phuket gehen ihnen langsam auf den Geist. Ach ja, Phuket. Als ich das erste Mal da war, gab es winzige Kneipen mit Strohdach, das Klo in einer Nische gleich neben den Tischen und der Küche, ein Loch im Boden. Wenn es geregnet hat, hat die nette Thailänderin nach oben gedeutet und 'lain' gesagt und gelacht. Aber das Essen war sagenhaft. Exotisch und köstlich und sauscharf. Ein paar Jahre später waren da anstelle der kleinen Kneipen Bars, Discos mit Bummbumm, Launchmöbel, Russen mit Geldrollen, angeblich heiße Bräute und vermutlich Drogen überall und daneben hat ein Österreicher aufgemacht mit Wiener Schnitzel und Salzburger Nockerl. Grässlich. Gebildete Menschen heute wollen wieder etwas Neues, etwas Anderes kennenlernen und davon habt ihr sehr viel.“

„Und wie sollen wir das machen?“ Der Bürgermeister war neugierig geworden. Vielleicht auch wegen der heißen Bräute.

„Ich hab natürlich keine spontane Strategie. Aber zu eurem Kioskthema sollte sich der Huber als Wirt und der Martin als Lieferant zusammentun und etwas ganz Originelles und Originales aufstellen.“

„Originell und Original, das ist gut. Das merk' ich mir“, sagte Toni Häberl und nickte Werner anerkennend zu.

„Ich denk' der Werner hat recht“, meinte Martin. „Was ist, Häberl? Hocken wir uns mal zusammen. Vielleicht kann der Neue ja dazukommen.“

Das gefiel Werner ganz und gar nicht. Hätte er doch geschwiegen. Task Force Kiosk. So weit kommt's noch. Er bestellte sich noch einmal ein Bier und dann eine ganze Runde Bier und Bärwurz, als er die Blicke bemerkte. Er schluckte den scharfen Schnaps herunter. So wie der in der Kehle kratzte, verstand er, dass die Waidler ihn als Medizin bezeichneten. Weiß der Teufel, woraus die den gemacht haben.

„Du bist ganz schön rumgekommen, oder?“, fragte der Pfarrer.

„Und auch noch in den Vorstandsetagen“, ergänzte Martin.

„Erzähl doch mal“, sagte der Bürgermeister.

„Warst du bei AUDI oder BMW?“, fragte Klein, der Banker. „Die zahlen doch richtig gut, oder?“

Werner trank erneut einen Bärwurz aus und spülte mit Bier nach. „Ich glaub, da brauch ich bald noch eines“, sagte er. „Ja, bei denen war ich auch, Horatius, ich darf doch Horatius sagen. Aber in letzter Zeit war ich mehr so beim Handel und den Versicherungen.“

„Erzähl mal vom Handel“, sagte Martin.

„Bei EDEKA, deinem Laden war ich nicht, aber bei REWE und früher beim Tengelmann.“

„Ah, das ist ja interessant. Was hast du da gemacht?“

„Bei denen ging es darum, wie sie ihre Sachen im Laden verteilen sollten, damit die Leute mehr kaufen als sie eigentlich vorhatten.“

„Das probier ich schon länger. Aber es klappt nicht.“ Martin lachte mit seinem komischen Glucksen.

„Das viel zitierte Beispiel ist, dass man neben den Pampers Sixpacks mit Bier positionieren sollte. Und wisst ihr, warum? Die jungen Väter haben schnell noch am Feierabend von ihren Frauen den Auftrag bekommen, Windeln mitzubringen. Ihr versteht den Zusammenhang? Und dass die Süßigkeiten für die Kinder kurz vor der Kasse, wo die Mütter schon genervt sind, aufreizend bunt in Augenhöhe der Kleinen liegen, das wisst ihr bestimmt schon. Ist schön verlogen, wenn man darüber ein Schild sieht, das für gesunde Ernährung wirbt. Das interessiert die großen Händler nämlich überhaupt nicht. Sie springen nur auf den Biozug auf, weil sie erkannt haben, dass die Menschen für das Gleiche dann viel mehr Geld ausgeben. Die Kinder sollen ja gesund aufwachsen.“

„Aber Bio ist doch Bio, oder?“

„Schon. Aber das Zertifizieren überlassen die Händler dem Hersteller. Kostet sie keinen Cent. Haben wir uns so ausgedacht. Entschuldigung. Bio ist mittlerweile fast so gut wie eine Marke.“

„Ah. So ist das.“

„Was ihr wahrscheinlich nicht wisst, ist, dass bevorzugte Plätze, wie zum Beispiel das Kopfende der Regale bestimmten Herstellern überlassen werden. Das sind die, die ohnehin schon gewaltig Werbung für ihre Produkte machen. Nivea ist so ein Beispiel. In euren Köpfen ist das eine Creme, schon fast ein stehender Begriff. Nivea Creme wie Uhu für Klebstoffe. Die flache, blaue Blechdose kennt jeder. Aber fällt euch nicht auf, dass es jetzt unter dem Namen Nivea haufenweise andere Sachen gibt, auch noch eine Männerpflegeserie? Das hat mit der Nivea Creme nichts mehr zu tun. Genauso wie Nivea mit dem alten Beiersdorf nichts mehr zu tun hat. Beiersdorf gehört einem Unternehmen namens Maxinvest und wer da der Eigner ist, verliert sich im Dunklen. Jedenfalls haben sie die Marke herausgelöst und benutzen sie für alles Mögliche. Die Marke ist wertvoll, nicht das Unternehmen. Oder wusstet ihr, dass der gute alte Max Grundig aus Nürnberg jetzt eine türkische Firma ist?“

„Des derf ned wahr sein.“

„Noch schlimmer, die AEG.“

„Ja, das sind gute Geräte.“

„Da weiß man was man hat, oder?“ Werner lächelte überlegen. „Hört einmal. AEG war pleite. Dann hat Daimler die übernommen und die Marke auch. Das war erst einmal gar nicht so schlecht, weil AEG auch im Verkehrssektor tätig war. Im Zuge einer Straffung des Produktportfolios hat Daimler die AEG wieder verkauft an Elektrolux, was auch ein guter Name war. Die haben es dann an Stiebel Eltron verkauft, die wiederum unter eine Holding geraten sind, namens EHG Elektroholding GmbH. Und jetzt geht’s richtig los. EHG hat die Marke AEG für teures Geld an andere Firmen verkauft, wohlgemerkt, nur die Marke. Jetzt gibt es zum Beispiel auch eine chinesische Elektrofirma, die Produkte unter dem Namen AEG verkauft. Mit der guten, alten Firma AEG hat das nicht im geringsten etwas zu tun. Grausig, was da unter rein finanziellen Gesichtspunkten in der Welt passiert.“

„Ich sag's ja immer“, sagte der Apotheker Schwarzhaupt. „Wir werden nur noch verarscht. Und die Banker sind dabei die schlimmsten Finger auf der Welt. Denen ist alles egal, Hauptsache die Kohle stimmt.“

„Holla. So einfach ist es nicht“, protestierte Horatius. „Ohne unser Geld könntet ihr euch nichts kaufen, keine Häuser, keine Autos, keine Fernseher. Sogar für den Urlaub gebe ich euch noch Geld.“

„Der tut gerade so, als ob die ganze Kohle seine wäre. Dabei hat er alles von uns und verleiht es jetzt für hohe Zinsen“, sagte Häberl. „Dabei ist es unser Geld. Das sollte er nie vergessen. Aber mach weiter, Werner. Wir haben dich unterbrochen.“

„Von den großen Marken sind Händler natürlich abhängig. Da kuschen die. Vor Coca Cola zum Beispiel. Bei den kleinen Herstellern sind sie nicht zimperlich. Die werden mit den Preisen so lange gepresst, bis sie pleite sind und dann sind sie tot oder werden übernommen. So geht das heute.“

„Siehst du, Martin. Deswegen kann dich der Fuchs Josef nicht leiden.“

„Wer ist das?“, fragte Werner.

„Der einzige, verbliebene Bauer hier, nachdem der Loibl verkauft hat.“

„An einen reichen Schnösel. Ich weiß schon.“ Werner war es ein wenig schwindelig, aber seine Laune war großartig.

„Stimmt. Erzähl weiter.“

„Am Schlimmsten sind, ich sage euch, am Allerschlimmsten sind die Versicherungen.“

„Erzähl. Ist keiner von denen da. Da kannst du richtig loslegen.“

„Zum Beispiel, wenn ihr eine Lebensversicherung bei einem der ganz Großen habt, woher meint ihr, kommt der Gewinn für euch?“

„Keine Ahnung. Zinsen?“

„Von wegen. Zinsen bringen ja nichts mehr. Nein. Wisst ihr, was die zum Beispiel gemacht haben? Die haben in den Großstädten die Parkuhren gekauft. Die machen richtig Gewinn. Und davon zahlen sie euch die Lebensversicherung. Nicht ohne vorher noch ihren Teil eingestrichen zu haben. Damit sie noch mehr Parkautomaten kaufen können.“

„Wahnsinn.“

„Und wenn ihr einmal einen Schaden habt, dann wünsch ich euch viel Glück. Da, wo ich war, ich sag's nicht, aber es war in Österreich, da sind nämlich die größten Versicherer weltweit, ja, glaubt ihr nicht? Stimmt aber. Da kommt eure Schadensmeldung herein. Zu einer riesigen Abteilung, die sich harmlos Schadenregulierung nennt. Über hundert Leute bei einem einzigen Versicherungsunternehmen. Die bezahlt ihr alle mit euren Prämien. Deren Aufgabe ist es, die Regulierung abzuwehren. Die schauen besser als ihr, weil sie Juristen sind, ins Kleingedruckte und lehnen ab. Wenn sie in mehreren Fällen nicht ablehnen können, machen sie Vorschläge, wie man das Kleingedruckte in Zukunft ergänzen sollte. So geht das. Deswegen sind das mittlerweile so viele Seiten. Kleingedrucktes im wörtlichen Sinne. Aber manchmal habt ihr Glück. Ist der Schaden nicht zu hoch, schätzen sie ab, was teurer ist: Bezahlen oder Rechtsstreit. Dann bezahlen die einfach kommentarlos, ohne euch zu informieren. Kommt oft vor. Ich weiß das. Ich war bei denen. Und den Schaden rechnen sie gleich wieder auf die Prämie drauf, indem ihr im Rabatt runtergestuft werdet. Da könnt ihr gar nichts dagegen tun. Kein Einspruch hilft, weil die schon bezahlt haben. Nur den Schaden selber zahlen geht noch. So steht es im Kleingedruckten. Jetzt brauch ich noch einen von euren großartigen Schnäpsen.“

Alle waren still geworden und murmelten allenfalls vor sich hin. Er hatte ihre Ehrfurcht erworben.

„Und die zahlen dir immer noch, damit du den Mund hältst, oder?“ Martin grinste.

„Nein, nein. Martin. Das ist alles korrekt. Ich bekomme noch ein bisschen so etwas wie ein Autorenhonorar für ein Softwareprogramm, das ich für die entwickelt habe. Mit Kollegen.“

„Eines für die ganzen Schweinereien, oder?“

„Nnnnein. Nicht ganz. Aber für den besseren Verkaufserfolg und höhere Rendite schon. Tut mir leid.“

„Kommt den Kunden ja zugute.“

„So kann man das auch sehen. Ich glaub, ich muss jetzt mal langsam nach Hause. Halt. Geht ja noch nicht. Zur Zenzi halt. Macht's gut und danke für die Aufmerksamkeit. Gute Nacht, Leute. Ihr seid sehr nett.“

Am nächsten Morgen entschloss sich Werner, zu Fuß zu seinem neuen Heim zu gehen, um damit den etwas schmerzenden Kopf frei zu bekommen. Das Wetter war zwar nicht schön, aber es blieb wohl trocken. Gleichmäßig dunkelgrüne Hügel und mittelgrauer Himmel. So sieht auch der Bayerische Wald langweilig und öde aus.

Bei dem Bauernhof vor der Kurve hielt er kurz, schaute sich um und ging dann entschlossen hinein, getrieben von purer Neugier.

Ähnlich wie sein Hof, aber unordentlich, lebendig. Sogar die Odelgrube war am gleichen Platz. Nur diese war voll mit dampfendem Mist.

Der Mann mit dem schmutzigen Filzhut war in einen blauen Overall gekleidet und trug stilecht eine Mistgabel auf der Schulter.

„Grüß Gott. Ich bin der Neue vom nächsten Hof. Ich wollte sie einfach nur einmal begrüßen.“

„Der vom Loibl? Scho klar. Servus.“

„Ich heiße Werner Lorenz.“

„So so. I bin der Fuchs, Josef, Werner.“

„Sie betreiben noch Landwirtschaft?“

„Ich betreibe Landwirtschaft. Ich weiß jetzt nicht, was betreiben heißt. Aber mir (wir) haben Kia (Kühe) und Hühner für die Eier und Pferdln für die Touristenweiber. Mehr für die Töchter. Wennst des meinst.“

„Ach das sind diese hübschen hellbraunen Pferde da hinten in dem Pferch.“

„Meine Güte. Was redstn du für a Zeug. Norweger sands. Schauen liab aus. Des gfoid (gefällt) den Madln. Aber des sand Hundsviecher. Mit am eigenen Kopf. Da hab' i vui Spaß, wenn's ned weitergehen, sondern stehn bleiben und fressen. Bei dene Madln, die nix verstehen von die Pferdl.“

„Und sie abwerfen.“

„Na, des machen die ned. Dafür sind die viel zu gstingad (faul).“

„Und die glücklichen Kühe sind auf der Alm?“

„Ha? Du bist genauso bläd wie unsere Gäste hier. Naa. Die sind im Stall und werden gfuadert bis sie groß genug sind und dann Gulasch werden.“

„Abscheulich.“

„Ja woher moanst du kimmt des Schnitzel, des wo du beim Huber frisst?“

„Da haben sie auch wieder recht.“

„Und für die Kinder sands besser im Stall. Da könnens die fuadern und aufm Kopf streicheln. Den Kühen ist des eigentlich wurschd. Hauptsache, es gibt was zum Fressen. Draußen warn die zu gfährlich für die Kinder.“

„Viel Arbeit, das alles, oder?“

„Die Arbeit wars ned. Verdienen tun mir nix mehr. Wie hastn du des gmacht, dassd dem Loibl sein ganzen Hof hast abkaufen können?“

„Ich war in der Großindustrie tätig.“

„Tätig in der Großindustrie. Des hilft mir ned weida, des abghobene Geschwätz. Ich wollt wissen, was du gearbeitet hast. Sag scho.“

„Ich habe mit großen Firmen gearbeitet.“

„Des hasd scho gsagt. Aber was hast du gearbeitet.“

„Ich habe Strategien erarbeitet, Pläne gemacht und diese dann umgesetzt.“

„So kimm ma ned weida. Wie schaugt deine Arbeit aus? Oiso was hast gmacht, so von früh bis abends?“

„Ich habe mich vor den Computer gesetzt, geschaut was für emails ich bekommen habe, den Plan für den Tag angeschaut und bin dann in die erste Besprechung gegangen. Dann nach dem Mittagessen gab es meist noch weitere Besprechungen und dann musste ich Protokolle machen.“

„Gschmatzd oiso.“

„Was heißt 'gschmatzd', Herr Fuchs?“

„Ja geschwäzd, geredet hoid.“

„Ja, richtig.“

„Aber des woid i eigentlich ned wissn. Wasd gearbeitet hasd, dad mi interessieren.“

„Das war die Arbeit?“

„Wos?“

„Das ist die Arbeit, wenn man so etwas macht wie ich.“

„Vasteh i ned. Für sowas habn's dir a Geld gebn? Des gibds doch ned.“

„Doch. So war das bei mir.“

Fuchs schüttelte immer wieder den Kopf. „Und davon hast dir sogar dem Loibl sein Hof kaufn können. I sag dir mal oans (eines): Die Welt ist verrückt worden. So kann des nimmer weitergehen. Koa Wunder, dasd so blass und schmächtig ausschaugst. Geh amoi auf dein Hof und mach was gscheids.“

„Mach ich. Ich werde malen.“

„Wos? Die Wände von deine Zimmer, oder? Und was machsd , wennd fertig bist?“

„Nein, nicht die Wände. Bilder.“

„Buidln. Ach so. Und was machst mit dene?“

„Aufhängen und an Leute, die sie mögen, verkaufen.“

„Du schbinnst. Es gibt doch scho gnua. Schaug amoi im Möbelhaus Matzinger. Da hängens umanand und kosten fast gar nix. Scheene Buidln. Vom Meer und vom Woid und von Viechern. Des kannsd bestimmt ned so guad.“

„Und von röhrenden Hirschen.“

„Ja, genau.“

„In meinen Augen ist das Schund.“

„Und du moansd, du kannsd des besser? Glaub i ehrlich ned. Weil die sand so guad, dass das von am Foto kaum mehr unterscheiden kannsd.“

Vielleicht hat er ja recht, der Fuchs, Josef, dachte Werner. Und die ganzen Leute von Kandinsky und Cézanne bis Richter sind Scharlatane. Die nicht malen können, aber perfekt sind im Verarschen der Menschen.

„Was ist? Wo schaugsdn hin?“

Werner wendete sich wieder dem Bauern zu.

„Noch was, Josef. Die reden alle vom Zigarettenschmuggel. Was hat es damit auf sich?“

„Ah so, des. Ja, ja. Des gibds scho. Die drüben sand viel billiger. I hol mir meine auch da.“

„Und die Polizei?“

„Was für a Polizei? Ah, du moansd den Jürgen. Der ist in Ordnung.“

„Der lässt das zu?“

„Der fängt a paar, wennsas zu toll treiben. Oiso i moan, wennsas gewerbsmässig machen. Da ist nämlich viel Geld drin. I zahl den Lumpen doch koa Geld, bloß weil sie's gewerbsmaßig rüberbringen. I hab scho meine Lieferanten, die woin a bisserl mehr alsd Schachtel drüben kostet. Aber das ist in Ordnung.“

„Sind da die Gewerbsmäßigen nicht sauer?“

„Scho. Aber da kümmert sich der Jürgen dann. Damit nix passiert.“

„Gehts da eigentlich nur um Zigaretten?“

„Ja. Was sonst?“

„Ich weiß nicht.“

„Was soll die Fragerei. Wennsd welche brauchsd, sag i dir, von wem das kaufn kannsd. Du bisd ja jetzt oaner von uns.“

„Danke, Josef. Wir sehen uns.“

„Ja sicher. Grad eben. Was soll das jetzt heißen?“

„Wir sehen uns bald wieder.“

„Wird sich ja nicht vermeiden lassen, oder? Pfiad di.“

Die Zigaretten beim Martin Huber in der Filiale 'Nah und gut' hatten den gleichen Preis wie in ganz Deutschland.

„Sagen sie mal, Frau Huber.“ Werner deutete aus dem Ring, dass die Dame an der Kasse die Ehefrau vom Martin war. „Die Leute kaufen sich doch auch Zigaretten von Schmugglern. Schadet das nicht ihrem Geschäft?“

„So viel wird gar nimmer geraucht, Herr Lorenz. Wir kümmern uns nicht darum. Ist auch besser so.“

„Weil die Schmuggler gefährlich sind?“

„Was? Gefährlich? Davon weiß ich nichts. Geht mich ja auch nichts an. Das macht schon der Jürgen.“

„Es könnte ja sein, dass ihnen gewerbsmäßige Schmuggler Zigaretten anbieten. Die hätten dann eine ordentliche Gewinnspanne.“

„Was reden sie denn da. Die Schachteln schauen doch ganz anders aus. Das tät gar nicht gehen.“

„Ah ja. Die werden also von Migranten, die nichts zu tun haben, auf der Straße verkauft.“

„Was? Keine Ahnung. Also wirklich. Wofür sie sich so interessieren. Darüber denkt hier keiner nach. Gibts bei uns ja nicht.“

„Migranten?“

„Sie meinen Neger, Araber und so?“

„Zum Beispiel.“

„Na. Gibts bei uns nicht. Doch. Einmal haben wir einen Neger gehabt. Der war ganz nett und die Madln haben sich die Augen ausgschaut. Aber angfangen haben die mit dem nichts. Wär auch komisch hier.“

„Versteh' ich.“

„Außerdem ist er schon seit ein paar Monaten wieder weg.“

„Gott sei Dank.“

„Ach. Gestört hat der nicht. War eine ganz nette Abwechslung im Dorf. So ein Farbtupfer. Ein paar haben gemeckert, weil er nichts gearbeitet und nur von unseren Steuern gelebt hat. Aber so ist es nun mal bei uns.“

Drei

„Zigarette, Herr Lorenz?“

„Hier duzen sich doch alle. Darf ich Dieter sagen?“

„Meinetwegen, Herr Lorenz.“ Aha. Der Herr Ingenieur Brunner wollte das nicht. Da hatte Werner vollstes Verständnis. Diese verlogene Vertraulichkeit war ihm auch zuwider. Er erinnerte sich, wie es in Bayern früher einmal üblich war. Sätze, die anfangen wie 'Haben Sie…' oder 'Kommen sie heute Nachmittag…' kommen nicht vor. Erst, wenn man sich sehr gut kennt, am besten seit Generationen und wenn man es sich verdient hat, dann heißt das 'Host du…' und 'Kimmst du heid Nomiddog..'. Oder man kennt sich weniger, dann lautet die Ansprache: 'Hat er...' und 'Kommt er heute Nachmittag…'. Die zweite Person als höfliche Anrede ist absolut tabu. Der Sprecher ordnet sich niemals unter. In Bayern.

„Danke. Ah, das sind ja Marlboro. Aber sie schmecken anders. Ach so, das sind tschechische.“

„Genau. Ich kaufe mir die da. Die slawischen Menschen wollen sie stärker. Deswegen der Unterschied.“

„Haben sie die auch von den Schmugglern?“ Werner grinste.

„Nein. Besser nicht. Ich will mich da nicht in Schwierigkeiten bringen.“

„Aber hier machen das doch alle.“

„Alle glaub' ich nicht.“

„Könnte es sein, dass da noch mehr passiert als nur Zigarettenschmuggel?“

„Sie meinen das mit den Nutten am Grenzübergang?“

„Nein, das eigentlich nicht.“

„Haben sie das früher mal gesehen? Das war echt komisch. Man musste gar nicht wissen, ob die Grenze gleich kommt. Wenn da zwischen den Bäumen lauter leicht bekleidete Mädchen untätig umherstanden, war es nicht mehr weit.“

„So war das?“

„Ja. Und wenn man dann rüber gefahren ist, hat man gleich gemerkt, warum die da stehen. Nur Dreck, zerfallene Häuser und keine Arbeit für die Menschen. Das Paradies der Kommunisten.“

„Das ist aber jetzt anders.“

„Natürlich. Die EU. Das hat denen viel gebracht.“

„Gut so.“

„Find' ich auch. Jetzt stehen sie auch nicht mehr da. Dafür gibt’s drüben gleich Bordelle in schönen Neubauten. Wahrscheinlich gefördert von der EU. Haben sich verbessert, die Mädels.“

„Zurück zum Schmuggel. Was denken sie? Ist da noch mehr? Ich meine, weil sich der Hauptkommissar Klamm so oft sehen lässt.“

„Jeder macht seine Arbeit. So gut wie möglich. Wir sind jetzt hier bald fertig. Ihre Möbel und ihr Zeugs für das Studio haben wir raufbringen lassen.“

Aha.

Das sah ja schon richtig gut aus. Die riesige Holzplatte auf Böcken als Zeichentisch, einige Klappstühle und ein hoher Drehhocker, die zwei großen Holzstaffeleien, der große Wandschrank für seine Bücher und gesammelten Devotionalien, die beiden Rollkästchen für die Malutensilien, die vier Matratzen, die er als Sofa benutzen würde, noch unter Plastikfolie verpackt. Und seine vielen Kisten mit den Farben, den Pinseln, den Farbstiften und den Farbkreiden von Jaxon und Faber - Castell und in der Ecke der Stapel von Leinwänden in allen Größen. In der einen Kiste auch seine unzähligen Blöcke mit Zeichenpapier. Das sah schon recht kreativ aus. Eine gute Beleuchtung fehlte noch. Aber da musste er selbst Hand anlegen. Das verstand kein anderer. Das gute Licht war von großer Wichtigkeit. Neon – Leuchten von allen Seiten, weil Neonlicht dem Tageslicht am nächsten kam. Und eine kuschelige Beleuchtung für kreative Pausen. Dann mussten an die freien Wände auch noch in etwa ein Meter Höhe die Leisten angebracht werden, die Brunner auf dem Boden bereit gelegt hatte. Die Schutzfolien von den riesigen Scheiben im Norden und über dem halben Dach mussten noch entfernt werden. Eine Musikanlage vielleicht noch. Das große Waschbecken war auch schon montiert. Nur eine Kaffeemaschine fehlte noch und vielleicht ein kleiner Kühlschrank? Gut, dass die Heizung schon funktionierte. Er hatte sich eine Fußbodenheizung einbauen lassen. Richtig gemütlich hier, eine sagenhaft kreative Atmosphäre.

Jetzt muss ich nur noch herausfinden, was ich malen will, dachte er. Dazu fiel ihm gerade gar nichts ein. Er fing schon einmal an, die vielen Utensilien auszupacken und so zu drapieren, dass man immer und überall sofort beginnen könnte. Er schlug einen DIN A3 Zeichenblock auf und legte die schöne, grüne Blechschachtel mit den Farbstiften bereit. Einen Radiergummi. Verdammt, wo habe ich denn die.

„Stör ich?“

Werner drehte sich erschrocken um und starrte sie mit offenem Mund an.

„Oh. Hab' ich dich erschreckt? Dann geh' ich mal lieber wieder.“

„Nein, nein. Bleib ruhig und schau dich um. Kommt dir bestimmt alles sehr komisch vor.“

„Weil ich zu jung bin und vom hintersten Wald komme? Stell dir vor, ich habe schon mal ein Studio gesehen.“

„Im Film.“

„Auch. Aber auch in echt. In Passau.“

„Du kommst ja herum. Auch in Künstlerkreisen?“

„Verarsch' mich nicht. Diese Leisten. Wo kommen die denn hin?“

„Die kommen an die Wände, horizontal. Um Bilder hinzustellen und zu schauen, ob sie fertig sind.“

„Versteh' ich nicht. Wenn sie fertig sind, sind sie fertig und dann hängt man sie auf.“

„So einfach ist das nicht.“

„Irgendwann erklärst du mir's. Hast du früher mal einen alten VW Bus gehabt? Cooles Modell.“

„Ist leider weg. Und als ich ihn hatte, war er gar nicht so alt. Oh je. Das heißt ja für dich...“

„Schon gut, alter Mann. Ich hätte den heute noch gerne. Darf ich ein bisschen zeichnen?“

„Aber natürlich. Ich freue mich, wenn du daran auch Interesse hast.“

„Freu' dich nicht zu früh. Ich kann nämlich gut zeichnen. Hat mich schon immer interessiert.“

„Mach nur. Wenn es dich nicht stört, dass ich weiter einräume.“

„Hast du noch andere Modellautos?“

„Hab ich. Aber du sollst jetzt zeichnen.“

„Jawohl, Herr Lehrer.“

Werner ging in seine Küche und machte Kaffee für beide.

„Ah, zwei Tassen. Prima. Hab' mich aber gar nicht angemeldet.“

„Wo kommen sie denn plötzlich her, Herr Häberl?“

„Ich muss doch nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Vertrauen ist gut… Sie wissen schon.“

„Kommen sie mit herauf ins Studio. Ich stelle noch eine Tasse dazu.“

„Wer kommt denn noch?“

„Kommen sie einfach.“

„Ach so, natürlich. Grüß Gott, Fräulein Müller. Schon eingelebt?“

„Sie brauchen dabei nicht so zu grinsen, Herr Häberl. Der Werner hier hat mich eingeladen.“

„Aber natürlich, natürlich. Geht mich ja auch gar nichts an.“

„Wann kommen die Folien weg, Herr Häberl“, fragte Werner.

„Hell ist es schon jetzt, aber sie wollen ja auch, dass man was sieht, oder?“ Wieder grinste Häberl unverschämt.

„Ich hoffe, dass da außer Wald und Tieren nichts weiter ist.“

„Hoff' ich auch für sie. Was malen sie da, Fräulein Susi. Darf ich mal schauen?“

„Ich bin noch nicht fertig.“

Er beugte sich über ihre Schulter und atmete hörbar ein. „Macht nichts. Hoi. Das ist aber schön, was sie da malen.“

„Sie benutzt die Stifte. Also malt sie nicht, sondern sie zeichnet“, sagte Werner.

„Aber es ist doch bunt, oder?“

„Na hoffentlich nicht bunt, sondern farbig.“

„Das ist doch das Gleiche. Auf jeden Fall malt sie sehr schön.“

„Sie zeichnet, Häberl. Sie zeichnet. Beim Zeichnen füllt man das Blatt mit Linien. Beim Malen benutzt man den Pinsel und färbt Flächen.“

„Meine Güte. Ist ja recht. Aber schau mal, Lorenz. Jetzt malt sie mit dem Stift, weil sie ihn ganz schräg hält und Flächen einfärbt.“ Um es zu zeigen, wiederholte er sein Vornüberbeugen. Seine Augen waren auch diesmal gar nicht auf Susis Werk ausgerichtet.

„Streng genommen ist das nicht fachmännisch. Flächen kann man beim Zeichnen mit einer ordentlichen Schraffur erzeugen und nicht mit Schmieren.“

„Jetzt reicht's mir, ihr Oberschlauen. Dann hör' ich halt auf“, sagte Susi, schüttelte Häberl ungehalten ab und stand auf.

„Lass doch mal sehen“, sagte Werner besänftigend.

„Nein.“ Sie drückte das Blatt an sich.

„Jetzt sei nicht so gschamig“, sagte Häberl. „Des ist doch richtig gut.“

„Eben. Sei nicht so gschamig“, feixte Werner.

„Da. Habt ihr's.“

„Das ist aber schön. Die grünen Bäume und das Rehlein. Sehr gut getroffen. Schaut richtig lieb aus.“ Werner bemühte sich ernsthaft zu schauen.

„Das ist sehr, sehr schön“, meinte Häberl. „Da muss sich dein Werner aber ganz schön anstrengen. Sonst stiehlst du ihm die Schau.“

„Als ob es darauf ankäme.“ Werner schüttelte den Kopf.

„Macht's nur weiter. Ich muss wieder los. Die Arbeit. Ihr versteht?“, sagte Häberl. „Servus, Turteltäubchen.“

„Was? Wie bitte?“ Aber Häberl war schon weg.

„Das war jetzt aber sehr peinlich oder, Susi?“

„Mein Bild?“

„Nein. Was der so denkt.“

„Der kann nicht anders.“

„Das wird wohl so sein.“

„Ich will jetzt spazieren gehen. Die Sonne kommt durch.“

„Stimmt. Man sieht ja hier nichts. Ich geh jetzt auch spazieren.“

„Viel Spaß.“

„Können wir nicht zusammen gehen?“

„Du mit mir in den Wald? Was soll Häberl denken?“

„Das ist mir doch völlig gleichgültig. Also?“

„Aber ich sag, wohin.“

„Natürlich. Ich kenn' mich ja gar nicht aus.“

„Jetzt gehen wir aber in den Annathaler Wald, oder?“

„Mhm.“

„Spür' ich da eine unterdrückte Angst? Wegen der Feen und Zwerge und Hexen.“

„Quatsch. Riech' mal. Fichten, Herbstlaub, Moos, Schwammerln und feuchte, kühle Luft.“

„Und dazu die Farben und diese unglaubliche Stille. Das muss das Paradies sein.“

„Hat dir eigentlich mein Bild gefallen?“

„Es war noch nicht fertig, oder?“

„Nein.“

„Sehr gut getroffen, das Reh. Auch schon sehr reif gezeichnet. Kinder zeichnen immer 2D. Dein Reh ist richtig 3D. Perspektive und so, richtig gut. Die Fichten auch gut getroffen. Du weißt offensichtlich, wie bei der Fichte die Zweige abgehen.“

„Ich wollte keine Analyse. Ich wollte wissen, ob es dir gefällt.“

„Gartenlaubenromantik.“

„Was?“ Susi schaute ihn entsetzt an.

„Wenn du eine bukolische Idylle zeichnest, ist das kindlich romantisch. Mädchenhaft, halt. Sagt nichts über das Komplexe des Wirklichen aus.“

„Muss es das denn?“

„Nein. Natürlich nicht. Aber dein Sujet und deine Technik zeugen von einem naiven Weltbild. Vor allem ist es nicht wirklich persönlich, sondern folgt einem bekannten Schema. Gut gelernt, aber nichts von dir.“

„Meine Güte. Ich wollte einfach nur was Schönes zeichnen.“

„Ist ja gut. Das darfst du doch auch. Es verrät nur viel von dir.“

„Aha. Und du malst Hässliches, Grausames?“

„Nöö. Ich male… hmm… wie soll ich es sagen. Ich male die Schönheit in Sachen, so wie man sie normalerweise nicht sieht.“

„Ehrlich gesagt, das verstehe ich nicht wirklich.“

„Macht nichts. Vielleicht haben wir ja noch genügend Zeit.“

„Hoffentlich. Du bist in dem Alter, in dem man über Zeit nachdenkt.“

„Glückliche Jugend.“

„Armer alter Mann.“ Sie schaute ihn kurz prüfend an. „Kommst du mit? Dann biegen wir rechts ab und gehen zu meinem privaten Pool.“

„Hab' aber keine Schwimmsachen dabei. Außerdem ist es Herbst und somit kalt.“

Der Bach machte einen Bogen. Am Ufer war ein kleiner Sandstrand entstanden. Schnitzspuren an einem quer liegenden Baumstamm deuteten darauf hin, dass sie oder andere schon öfters hier waren. Eine tiefe Gumpe hatte sich gebildet. Kristallklares, träge fließendes, kaltgrünes Wasser gab den Blick auf einen ebenfalls sandigen Untergrund frei.

„Wie von einem Designer. Ist der Pool auch beheizt?“

„Banause. Das ist frisches Wasser. Direkt aus der Quelle. Könnte man sicher abfüllen und verkaufen.“

„Ich mein' ja nur. Es lädt richtig zum Baden ein. Wenn es nicht so kalt wäre.“

„Weichei“, sagte sie nur und schon hatte sie ihren Pullover und das Polohemd darunter ausgezogen. Die Schuhe flogen zur Seite und die Jeans glitt nach unten, zusammen mit einem weißen Höschen. Sie war überall braun gebrannt und hatte einen vollendeten Knabenhintern, sah Werner nur kurz. Schon prustete sie und schwamm einige Züge in ihrem persönlichen Schwimmbad.

„Und? Keine Lust?“

Lust? Und wie. Aber das werde ich mir nicht anmerken lassen.

„Jetzt komm schon. Geht nicht mehr oft, dieses Jahr. Außerdem ist keiner da.“

Von wegen keiner da. Niemand würde mich mehr irritieren als du. Hoffentlich weißt du das nicht.

Wenn ich mich jetzt nicht gleich entscheide, ist sie wieder heraus und alles ist vorbei. Also weg mit den Klamotten.

Als er kältegeschockt ins Wasser tauchte und feststellte, dass es ein großartiges Gefühl war, entstieg Susi den Fluten schon wieder und zog sich pitschnaß wieder an. Klar, sie hatten ja auch kein Handtuch dabei. Ihr Polohemd bekam dunkle Flecken. Werner kam auch wieder heraus und fühlte sich königlich.

Susi musterte ihn unverhohlen. „Wie klein er doch im kalten Wasser wird. Erstaunlich.“ Jetzt lachte sie auch noch.

„Also wirklich, Fräulein.“ Werner zog sich genauso schnell wie sie an. „Ich weiß jetzt, warum man Nacktbaden früher verboten hat. Das haben die Männer gefordert und nicht so sehr die katholische Kirche.“

„Interessante Einschätzung. Dabei kommt es auf die Größe gar nicht an. Sagt man doch so.“ Und wieder grinste sie boshaft.

„Ich will jetzt mal ein Bild von dir sehen. Mal mal.“

„Mach' ich schon noch.“

„Nur klug darüber reden reicht nicht.“

„Göre.“

„Alter Mann.“

„Still. Da war was. Da hinten.“ Ein grauer Schatten und ein leises Knistern in den Zweigen ließen Werner aufmerken.

„Gehört hab' ich auch etwas. Aber gesehen nichts.“

„Es war etwas großes Graues.“

„Eine große Maus?“

„Nein. Richtig groß. Wie ein Hund, mindestens. Ein großer Hund.“

„Wenn es aussah wie ein Hund und sich wie einer bewegt hat, dann wird es wohl einer gewesen sein.“

„Hier im Wald?“

„Auch Hunde haben ihre Interessen.“

„Da werden die Jäger aber keine Freude haben.“

„Wir haben hier nur einen, den Hinteregger Franz. Ein echtes Arschloch. Ich hoffe, der Hund weiß das.“

„Ein Jäger ist ein Heger und Hüter der Tiere.“

„Ein Jäger ist ein Beuteneider. Sonst nichts.“

„Das musst du mir aber erklären.“

„Ist doch nicht schwer zu begreifen. Nur, dass man heute Wilderer nicht mehr erschießt. Hunde aber schon. Und Füchse, Adler, Habichte, Bussarde, Falken, Katzen und sicher auch Luchse und Wölfe. Seit Neuem. Bald kommen auch noch Bären dazu.“

„Wäre doch aber schwer verboten.“

„Meinst du wirklich, im Wald würde das einer bemerken?“

„Stimmt auch wieder. Es gibt Luchse und Wölfe hier wirklich?“

„Ja, natürlich.“

„Dann war es ein Wolf.“

„Glaub ich nicht.“

„Du musst keine Angst haben. Ich bin ja dabei.“

„Als ob ich Angst habe.“ Susi schnaubte verächtlich. „Du würdest mich eh nicht beschützen. Beschützen können.“

„Oho. Ich bin ein Mann.“

„Stimmt. Hab' ich gesehen. Nach genauem Hingucken.“

„Unverschämte Göre.“

Wunderbar. Diese Ruhe und alles hier, was man für einen kreativen Tag brauchte. Malen? Ach was. Das würde heute nicht fertig werden. Eine Farbstiftzeichnung. Das ist gut. Und was? Man soll immer malen, was einen gerade emotional berührt. Sonst wird es nichts. Hatte Ruth Kohler gesagt, seine großartige Lehrerin in der Malschule in Feldafing. Schöne Zeiten.

Susi. Beim Baden. Nackt natürlich. Aktzeichnen mit echten Modellen hatten sie auch in der Malschule. Alle haben das Modell akribisch optisch abgetastet. Haare, die Hautpartien, jede Sommersprosse, jeder Leberfleck, jede auch noch so kleine Einzelheit musste ja erfasst werden. Wenn das Modell in einer Sitzungspause, barfuß und nur mit einem Handtuch umschlungen ganz nah hinter einen trat, um das Werk zu besichtigen, blieb einem schon einmal die Luft weg. Aber es waren zu viele andere da. Männer, die Werner eher unangenehm empfand und Frauen. Die waren meist sehr bunt angezogen mit viel wallenden, bunten Seidentüchern und haben auffallend sachlich gearbeitet und viel darüber geredet. Einmal hatten wir auch ein männliches Modell. Es hatte erst einen großen Penis, der aber mit zunehmendem Stehen immer kleiner wurde. Die Kälte wahrscheinlich.

Nein. Susi als Aktbild geht gar nicht. Was würde sie denken, wenn sie sein Bild sehen würde? Man könnte es auch in einer Schublade verstecken. Verstohlene, verschämte Heimlichtuerei. Hab' ich nicht nötig. Irgendwann würde ich dann auch noch versuchen, einen Geschlechtsakt mit ihr zu zeichnen.

Aktbilder sind in der Kunst ja weit verbreitet. Klar. Angeblich geht es um die göttliche Schönheit des Körpers. Alles Lüge. Es geht um Sex und sonst nichts. Die Renaissance hat Nacktes hoffähig gemacht. Gute Renaissance. Aktbilder können für die verschiedenen Neigungen sehr anregend sein. Inklusive aller menschlichen Perversitäten. Zum Beispiel die Märtyrerbilder. Oh Gott, die Kirche. Die haben nur den Penis mit einem Feigenblatt verdeckt. Sehr durchsichtig, Größenvergleich unerwünscht. Das ist der verlogenste Klub überhaupt. Verspricht dem Menschen ewigen Himmelslohn. Kostet sie nichts und ermöglicht ihnen jede, auch noch so schlimme Perversion und Unterdrückung. So hat sich der Liebe Gott das bestimmt nicht gedacht. Hoffentlich.

Weg mit den Gedanken. Schaffen keine kreative Atmosphäre. Es würde mich durchaus locken, das mit dem Pfarrer zu erörtern. Aber die Argumente kenne ich schon. Wenn man mit Logik kommt, dann sagen sie einem, dass es mehr gibt als menschliche Logik. Gott in seiner unendlichen Weisheit und so. Vielleicht haben sie sogar recht. Aber bestimmt anders als sie denken.

Nun stand Werner schon zehn Minuten vor dem weißen Blatt und wusste immer noch nicht, was zeichnen. Irgendetwas mit dem blaugrünen Wasser. Okay, das ginge. Da könnte man an Susi denken, ohne dass sie es dem Bild ansehen würde. Oder würde sie doch? Egal.

Das Klopfen, nein Hämmern an der Tür riss ihn aus den wieder wohligen Gedanken. Das war nicht Susi. Die klopfte nämlich nicht. Ebenso war das Kreischen von Kindern kein Hinweis auf Susis Ankunft.

„Herrein“, rief Werner ungehalten.

Es war Martin Huber in Begleitung eines ihm unbekannten Mannes. Der war blass mit glänzendem Gesicht, hatte spärliche, pechschwarze Haare und war zu dick. Werners spontane Sympathie hielt sich in Grenzen.

„Was wollt ihr?“ Es klang sehr unhöflich, fand Werner und ergänzte: „Entschuldigung. Ich habe niemanden erwartet. Ich hatte an etwas ganz anderes gedacht.“

„Kein Problem, Werner.“ Martin Huber musste als Händler natürlich immer höflich schleimig sein. „Ich wollte mal nach dir sehen und dir auch den Doktor Hattenkofer vorstellen. Der wohnt zwar in Philippsreut, aber er gehört auch zu uns.“

„Grüß Gott, die Herren, Lorenz, mein Name.“ Er musste eine weichfeuchte Hand drücken, die ihm keinen Widerstand entgegensetzte. Das Urteil, auch wenn es möglicherweise ein Vorurteil war, hatte sich komplettiert.

„Sie haben aber ein schönes Studio“, sagte Hattenkofer. „Malen sie da auch?“

Seh' ich so aus, als ob ich das nur als Zimmerdeko gemacht habe?

„Natürlich malt der Werner“, sagte Martin eifrig. „Und auch noch sehr schön.“

„Kann ich mal was sehen?“

„Ich hab' noch gar nichts gemalt.“ Und zeigen möcht' ich Euch Banausen auch nichts. „Wenn ich mal was fertig habe, selbstverständlich.“

„Da komm' ich gerne“, sagte Hattenkofer.

„Da komm ich mit, Helidor.“

„Helidor ist ja ein interessanter Name. Wo kommt der her?“ Werner heuchelte Interesse.

Ein Quietschen und wütende Kinderschreie unterbrachen die Erwachsenen.

„Was ist das?“, rief Werner. „Es wird sich doch keiner weh getan haben.“

Das für heutige Kinder typische Alarmquietschen verstärkte seine Befürchtungen. Dieser Ton wird offensichtlich seit einiger Zeit Kindern, vor allem kleinen Mädchen, beigebracht zur Gefahrenabwehr drohender pädophiler Gewalttaten. Die sich angeblich in letzter Zeit sehr gehäuft haben. Die kennen die Kirchen nicht, dachte Werner. Nur der Abwehrton ist neu und chinesischen Taschenalarmgeräten für die moderne Frau nachempfunden

„Kommt schnell runter.“ Werner lief ernsthaft besorgt schon voran. Die Kinder befanden sich im Schuppen und erkletterten gerade johlend die Galerie.

„Sind das alle?“ Werner drehte sich heftig atmend um.

„Ich glaub' schon“, sagte Martin. „Der Jupp und der Toni, die sind von mir und der Severin vom Helidor. Sind alle da.“

Das Tor zum Heustadl stand auf und Werner ging vorsichtshalber hinein. Dicke Heuballen und dazwischen eine Decke, eine bunte Leinentasche und bunte Utensilien lagen verstreut auf dem Boden. Man konnte sehen, wie aus den Stufen, die die Heuballen gebildet hatten, ein Rutschbahn entstanden war. Kinderspaß.

„Nix kaputt“, meinte Helidor und rieb sich das Kinn. „Hauptsache, den Kindern ist nichts passiert.“

„Ja, so sind die“, sagte Martin. „Die Jugend muss sich austoben. Besser als immer vor dem Computer sitzen.“

Werner war stinksauer. Austoben nannte der das. In Wirklichkeit war es ein brutales Sakrileg, ein Verbrechen an seinem und Susis Refugium. Blinde, zerstörerische Disziplinlosigkeit. Kein Respekt vor fremdem Eigentum mehr. Und das nennen sie eine richtige Entwicklung. Eine Entschuldigung und Wiedergutmachung müsste jetzt schon folgen.

„Wir gehen dann wieder“, sagte Martin und rief: „Kinderlein, kommt ihr mit? Das Essen wartet.“

„Was gibt es denn?“, tönte es aus den Höhen des Schuppens.

„Blumenkohl, glaub' ich.“

„Igitt. Wirklich nicht. Dann bleiben wir noch.“

„Aber macht nichts kaputt. Das gehört dem Herrn Lorenz.“

„Wer ist denn das?“ „Der ist doch nicht von uns.“ „Der soll wieder abhauen.“ Nette Kinder.

„Na, na“, sagte Helidor und drohte für die Kinder unsichtbar mit dem Finger. „Passt auf, was ihr sagt. Der Herr Lorenz steht hier und hört alles.“

„Der erwischt uns doch sowieso nicht. Der ist doch uralt.“

„Also wir gehen dann. Ihr kommt dann nach, oder?“

Keine Antwort mehr.

„Also, ich muss schon einmal sagen.“ Werner war jetzt richtig sauer. „So geht das nicht. Als Erziehungsberechtigte müsst ihr da schon etwas tun. Ich kann das nicht verantworten. So ein Hof ist gefährlich. Wenn den lieben Kleinen etwas passiert, werde ich dafür verantwortlich gemacht.“

Werner hatte den richtigen Ton getroffen.

„Da hat er schon recht, der Herr Lorenz“, sagte Helidor und wälzte in Gedanken Paragraphen. „Allerdings müsste er dann auch noch das ganze Gelände einzäunen, damit die Kinder nicht versehentlich hereingehen und sich dann verletzen.“

„Ich empfehle als erste Maßnahme, dass sie ihren Kindern untersagen, hierher zu kommen. Wenn das nicht fruchtet, baue ich einen hohen Zaun. Einen Stacheldrahtzaun unter elektrischer Hochspannung.“

„Das war jetzt ein Scherz, Werner. Oder?“, sagte Martin. Er schien ein wenig beunruhigt. Dann rief er: „Kinderlein kommet doch her.“

Ein Weihnachtslied hilft da nicht, dachte Werner und ging zum Schuppen. „Kommt jetzt da raus oder es setzt was. Bei mir macht ihr das nicht. Ihr seid jederzeit willkommen, aber kaputt gemacht wird nichts. Verstanden?“

Das mit dem Willkommen war eine Lüge. Seine, für die Kinder unbekannte Stimme wirkte jedoch. Sie wussten noch nicht, wie weit sie bei dem Fremden gehen konnten. Sie flogen an Werner vorbei und waren nach kurzer Zeit hinter der Kurve verschwunden.

„Also dann, Werner“, sagte Martin. „Dann gehen wir jetzt auch. War nett, dass wir uns mal wieder gesehen haben.“

„Servus, Martin. Auf Wiedersehen, Herr Hattenkofer.“

„Doktor Hattenkofer. Auf Wiedersehen, Herr Lorenz.“

„Ah. Sie sind Arzt?“

„Nein. Anwalt.“

Sie wandten sich ab und gingen los. Am Ausgang drehte sich Martin um und kam noch einmal zurück.

„Was ich noch sagen wollte, Werner. Du fragst die Leute dauernd nach dem Zigarettenschmuggel. Das finden wir hier nicht so gut. Wir sind eine Gemeinschaft. Dein Misstrauen ist nicht gut für die Stimmung. Nichts für ungut, aber du musst dich halt noch an uns gewöhnen. Pfiad di.“

Werner war bedient. Was sollte das denn?

„Die haben dein ganzes Refugium zerstört“, war Werners Begrüßung, als Susi bei ihm im Wohnzimmer auftauchte.

„Gemütlich hast du's hier. Ein Ecktisch wie bei den Bauern früher. Die nannten es Herrgottswinkel. Fehlt nur das Kreuz in der Ecke und die Palmkätzchen, die vertrockneten. Und der Weihwasserkessel natürlich.“ Sie grinste.

„Die haben dein Refugium zerstört.“

„Krieg ich schon wieder hin.“

„Und die wissen jetzt wo du dich aufhältst, die blöden Knaben.“

„Das wissen die doch schon lange.“

„Ah, du kennst die?“

„Wie sollte ich nicht? Die sind ziemlich oft da. Gewesen. Vor deiner Zeit.“

„So, so. Und ihr habt da oben miteinander gespielt, oder?“

„Doktorspiele meinst du?“ Sie lachte herzhaft. „Doch nicht mit denen. Das sind kleine, doofe Kinder. Und auch noch sehr unsympathisch.“

So ist das also. Doktorspiele also mit Älteren. Moment mal. Mit Kindern, die jetzt älter sind. Das ist völlig normal. Er legte die beginnende Eifersucht wieder ab.

„Krieg ich einen Kaffee?“

„Cappuccino, Espresso, Latte macchiato?“

„Einen Kaffee halt. Oder nein. Ein Cappuccino wäre auch nicht schlecht. Meine Mama hat auch so eine Maschine. Schnickschnack, aber macht ganz guten Kaffee.“

„Deine Mama. Wohnt die auch hier?“

„Nein.“

„Aha.“

„Was du alles wissen willst.“

„Hast recht. Zigarette?“

„Nö. Nie probiert.“

„Ist besser so.“

„Wieso rauchst du dann?“

„Was?“

„Weil du es für mich schlecht findest. Wenn du es für schlecht hältst, warum rauchst du dann? Jetzt verstanden?“

„Ach so. Ja gesund ist es nicht...“

„Erspare uns Geschwätz. Du rauchst, weil du süchtig bist.“

„Quatsch. Ich bin nicht süchtig.“

„Dann hör halt auf damit.“

„Ich hör ja auch nicht auf, Bier zu trinken oder Kaiserschmarrn zu essen. Bloß weil ich das mag, bin ich doch nicht süchtig.“

„Ich habe gehört, dass die Tabaksucht nicht darin besteht, dass man sich vom Tabak euphorisch fühlt, sondern dass man sich ohne Tabak schlecht fühlt. Dann raucht man und ist wieder normal.“

„Klingt reichlich tendenziös. Bei mir ist es so, dass er zweierlei bewirkt. Einmal entspann' ich mich – dafür reicht vielleicht schon das Nuckeln an der Zigarette – und zum zweiten fällt es mir leichter, mich auf einen wichtigen Gedanken zu konzentrieren. Das ist eine merkwürdige Wirkung, aber bei mir funktioniert es so. Bei der Arbeit brauche ich die Zigarette.“

„Wie du meinst. Wenn du fertig bist, könnten wir was machen.“

„Dein Refugium aufräumen?“

„So weit kommt's noch. Mach dir keine falschen Hoffnungen. Ich meinte spazieren gehen.“

„Also gut. Ich gehe mit.“

„Schon wieder der Annathaler Wald. Der hat's dir angetan.“

„Die anderen Wege führen alle wohin.“

„Aha. Gehen wir schwimmen?“

„Nö. Ist mir zu kalt und die Sonne scheint auch nicht.“

„Gut.“

„Stopp“, sagte Werner leise und hielt Susi am Arm zurück.

„Was ist?“

„Psssst. Schau mal, da vorne, bei dem Gebüsch unter dem großen Baum.“

Jetzt war Susi erstarrt. „Das, das ist kein Hund“, flüsterte sie.

Ein großes, graues Wesen sah aufmerksam zu ihnen. Die spitzen Ohren aufgerichtet und die Nase erhoben. Majestätisch.

Werner bekam Gänsehaut. Er machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne. Susi folgte nach.

Noch ein Schritt. Das Wesen bewegte sich nicht. Es prüfte offensichtlich, was es von den beiden Gestalten halten sollte. Angst war nicht zu erkennen.

Noch ein Schritt. Und dann noch einer.

Langsam und souverän drehte sich das Wesen um und trottete davon.

„Sehen wir mal nach, was der da gefunden hatte“, meinte Werner. Vorsichtig arbeiteten sie sich zu der Stelle.

„Da liegt noch ein Wolf“, sagte Susi atemlos.

„Du meinst, er wollte nachsehen, was sein Kumpel da macht?“

„Dem Wolf geht es nicht gut. Da ist der Kopf. Die Läufe sind unnatürlich gewinkelt. Verdammt. Da hat der beschissene Hinteregger doch tatsächlich einen Wolf geschossen. Dieses Schwein.“

Sie gingen vollends zu der Stelle, die der lebendige Wolf ihnen gezeigt hatte. Da lag tatsächlich das Fell eines grauen Wolfs. Aber es war nicht das Fell, das sie entsetzte. Denn aus dem Mantel ragte ein Kopf und Arme. Teile eines Menschen.

Susi ließ sich fallen und sah sich das Schreckliche genauer an.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße“, schrie sie. „Das ist der Hansi. Der Loibl Hansi.“ Sie war jetzt sehr blass und hatte dunkle Ringe um die Augen, was sie etliche Jahre älter machte.

„Du weißt, wer das ist?“

Sie sah ihn verständnislos an. „Schau mal. Komm her, jetzt. Siehst du die vielen kleinen Löcher? Der hat doch tatsächlich mit Schrot auf ihn geschossen.“

„Auf den Wolf.“

„Das ist der Hansi Loibl, verdammt noch mal.“

„Aber im Wolfspelz.“ Werner war nicht im Geringsten erregt, sondern analysierte die Situation sachlich. Vor allem trieb ihn um, was sie jetzt tun sollten. Das muss der Schock sein, fand er. Ich habe doch so etwas noch nie erlebt.

„Also, wenn der mit Schrot auf den Wolf geschossen hat, ist das schon verwerflich genug, findest du nicht?“

Wieder schaute sie ihn verständnislos an.

„Wir müssen etwas tun“, sagte Werner ganz ruhig und fand diesen Satz sofort ziemlich blöd.

Auf jeden Fall konnte er Susi nicht alleine hier lassen.

„Wir machen es so. Du gehst ins Dorf und holst Hilfe. Ruf am besten die Polizei an oder den Notruf. 112 glaub' ich. Nein, das ist die Feuerwehr, oder? 110. Ja. 110 ist richtig. Und sag denen, was du hier gesehen hast und vor allem wo. Ja wo denn eigentlich? Moment mal, ich schalte das GPS ein und schicke dir die Daten auf dein Handy. Hast du doch dabei?“

Susi nickte.

„Hast du's? Los jetzt. Verschwinde und lass mich nicht so lange warten. Ist ein wenig ungemütlich hier.“

Werner ging rastlos hin und her und setzte sich schließlich auf einen umgestürzten Baum, abgewandt vom Ort des Geschehens.

Ich habe überhaupt noch nicht begriffen, was mir da passiert ist. Das ist doch nicht echt, oder? Der wunderschöne, paradiesische Annathaler Wald. Die Vögel zwitscherten genauso, wie sie es schon immer machten. Ein Eichkätzchen lief einen Baum hoch. Insekten schwirrten herum und machten ihr Insektending. Wunderbare Ruhe.

Hinter ihm brummten die Insekten etwas ungewöhnlich laut. Also ob sie etwas Begehrenswertes gefunden hatten.

Er drehte sich um. Schmeißfliegen. Natürlich. Die fanden immer verdorbenes Fleisch. Sie erinnerten ihn an seine Mülltonne, wenn er ein Schnitzel, das schon ein bisschen roch, entsorgt hatte. Die fressen da nicht nur, sondern legen in großer Fürsorge für ihren Nachwuchs auch ihre Eier ab. Das war dann ein unappetitliches Gewusel in der Tonne von weißen Larvenwürmern. Und ein wenig später waren dann Hunderte von neugeborenen Schmeißfliegen, die wieder dasselbe machten. Und das soll der Sinn der Lebewesen sein? Schmeißfliegen mit ihrem blauglänzenden Körper und dem ekelhaften Gebrumm waren wahrlich keine Glanzidee der Natur. Allerdings war das Blaugrün einer einzelnen Schmeißfliege schon irgendwie schön. Wenn sie alleine war. Dann sah man ihren unästhetischen Lebenswandel nicht.

Und das Scheußliche machen die jetzt mit dem toten Menschen. Der sogar einen Namen hatte. Hansi Loibl. Also der Sohn von meinem Hof. Der Vater cruiste gerade mit der Harley voller Lust auf den Florida keys. Besser man versucht noch nicht ihn zu erreichen. Würde ihm die schöne Zeit versauen. Kommt noch früh genug. Irrwitzig, das alles. Grauenhaft hier. Werner schüttelte sich und sein Magen meldete sich mit einem unangenehmen Druck.

Eine Zigarette. Verdammt, keine dabei. Ich wollte ja auch mit Susi glücklich umherstreifen. Beim Wandern rauchte Werner nie. Das hob er sich auf für die schönen Minuten nach einer körperlichen Anstrengung bei seligen Gedanken an das schöne Erlebnis.

Scheiße. Jetzt habe ich so viel auf mich genommen, um endlich in Ruhe und Gelassenheit mein Leben zu genießen. Nicht einmal schnöden Müßiggang konnte man ihm vorwerfen, weil er ja Sinnvolles tun wollte. Weil er sich darauf konzentrieren wollte, mit aller Energie etwas Sinnvolles zu tun und nicht wegen des Geldes an Dingen zu arbeiten, die ihm nicht das Geringste bedeuteten, ihm die Energie und vor allem die Zeit raubten. Und jetzt das. Ungerecht. Das hatte er wirklich nicht verdient. Die Folgen nicht abzusehen. Zumindest waren ein paar wertvolle Tage in seinem Leben erst einmal verloren.

Es raschelte im Laub. Ein niedliches, graues Pelztier kam aus dem Laub und schnupperte an Hansi Loibl, trappelte auf seinem Brustkorb entlang und verharrte vor den blutenden Stellen unterhalb seines Halses. Werner stand auf und verscheuchte das respektlose Tier. Obwohl? Respektlos stimmte ja gar nicht. Reine Menschendenke. Perverse Menschendenke. Diese Tiere würden den Kadaver zernagen und die Pilze würden schließlich dafür sorgen, dass von dem giftigen Gegenstand im Wald nichts mehr übrig blieb als fruchtbares Rohmaterial. Der Wolf hätte das sogar schneller gemacht, wenn er ihn denn gelassen hätte. Die Respektlosigkeit vor einem menschlichen Kadaver entsprang nur dem lächerlichen Glauben, dass der Körper am Jüngsten Tag wieder komplett aufersteht. Da hätten die Friedhofsmanager aber auch daran denken können, wenn sie ein Grab nach zwanzig Jahren wieder freimachten für den Nächsten. Auch nicht sehr logisch, das Ganze. Das machte die Natur aber viel besser. Wenn man ihr ein bisschen Zeit gäbe, wäre der Körper von Hansi bald verschwunden und der Wald wieder in schönster Ordnung. Ich werde denen sagen, sie sollen ihn einfach in Ruhe liegen lassen.

Aber das ging ja nicht. Die Leiche muss ordentlich bestattet werden. Unter kirchlicher Obhut. Wegen der Auferstehung. Hoffentlich war Hansi katholisch. Außerdem müsste erst herausgefunden werden, was wirklich passiert ist, damit man einen möglichen Schuldigen bestrafen konnte. Schließlich muss alles seine Ordnung haben. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder den anderen einfach ermorden konnte ohne Folgen für ihn. Ganz früher war das schon so. Aber innerhalb einer Zweckgemeinschaft, wie es die Menschen nun einmal waren, ginge das schief. Es blieben zu wenige übrig.

Werners Magen meldete sich erneut. Grauenhaft. Ich möchte jetzt nicht Teil der Familie Loibl sein und ihrer Freunde. Hatte Hansi eine Freundin oder gar eine Verlobte. Was, wenn Hansi die geschwängert hat und das Kind jetzt ohne Vater aufwachsen muss? Und die Leute deuteten auf den Jäger Hinteregger und würden tuscheln, dass der den Vater des Kleinen auf dem Gewissen hat.

Der Jäger kann einem auch Leid tun. Nicht allzusehr in Werners Augen. Schließlich wollte er ja mit voller Absicht einen Wolf totschießen. Dass das verboten war, ist die eine Sache, aber viel schlimmer ist, dass der Mensch ein so wunderbares und hochentwickeltes Geschöpf wie es ein Wolf ist, einfach aus Habgier ermordet. Werner kannte jetzt keinen Wolf persönlich, aber die vielen Dokus haben ihm das Tier sehr nahe gebracht. Er fand den Wolf schön, elegant und bewundernswert. Auch einen Hirsch erschießen war eigentlich fürchterlich. Aber den essen wir wenigstens. Fleisch ist schließlich genetisch bedingt eine wichtige Nahrungsquelle. Die Vegetarier sind Romantiker. Nett gemeint, aber nicht lebensnah. Wieso nimmt sich der Hinteregger nicht einfach ein paar Steaks vom Hansi. Wo er ihn schon mal erlegt hatte. Ist auch Fleisch. Aber davor ekelt sich der Mensch ja. Schon der Gedanke erzeugt Übelkeit. Bei uns im Westen ist es auch der Gedanke an Katzen- oder Hundefleisch. Woanders wird es geschätzt. Völlig bescheuert die Menschen, beziehungsweise die anerzogenen Vorlieben. In Indien ekeln sich die Menschen vor Rindfleisch.

Nicht ins Makabre abgleiten. Wann kommt endlich jemand? Mich so lange mit einer Leiche alleine lassen, ist ausgesprochen unhöflich und lieblos. Was ist das eigentlich für ein schwarzes Stück Metall oder Kunststoff, das da unter dem Laub liegt?

Werner wischte die Blätter weg und ergriff erstaunt den verborgenen Gegenstand. Ohne Zweifel, das ist eine Armbrust. Was macht eine Armbrust hier? Noch dazu, so ein Hightech – Gerät wie er es bei Frankonia im Schaufenster gesehen hatte.

Aber Hansi wurde doch gar nicht mit einer Armbrust erschossen, sondern mit Schrot. Ein Rätsel. Oder auch ganz einfach. Hansi war in ein Wolfsfell gehüllt und hatte eine Armbrust bei sich. Eine Tarnung? Für das Jagen nach Wild? Dann hätte er sich doch kaum als Wolf verkleidet. Ah. Er wollte einen Wolf jagen. Das ergab Sinn. Aber warum hat ihn Hinteregger dabei erwischt und erschossen? Beuteneid? Könnte sein oder einfach nur eine Verwechslung, weil Hansi ein Wolfskostüm trug. Aber das alles sollen die Kriminaler herausfinden. Die würden sich doch sicher mit dem Fall befassen. Ein Jagdunfall wird doch immer untersucht. In Hintereggers Haut stecken möchte in wahrlich nicht. Entweder ist er ein Mörder oder er hat sich strafbar gemacht, weil er einen Wolf erschießen wollte. Oder es war gar nicht Hinteregger. Flinten hatten in so einem Dorf sicher viele. Sogar Bauern durften Waffen haben, wenn sie ein Jagdrevier besaßen. Ohne Jagdschein. Mehr so wegen der Tradition. Fuchs. Der Fuchs Josef kommt somit auch infrage. Was sollte der für ein Motiv haben? Hansi hat seine Tochter geschwängert, wenn er überhaupt eine hat, und will sie nicht heiraten. Hierzulande wäre das ein starkes Motiv. Gar nicht so einfach, der Fall.

Werner setzte sich wieder auf seinen Baumstamm und begann sich zu wundern, wie sachlich er doch denken konnte. Er müsste doch viel mehr fühlen. Schrecken, Angst, Horror, Mitleid, Schmerz oder so. Es wurde ihm ein bisschen schwindlig. Ich bin ein komischer Mensch. Ohne das geringste Mitgefühl. Und dazu noch in einer ausgesprochen misslichen Lage. Verdammt, wo bleiben die. Man hat mich wohl vergessen. Aber einfach nach Hause gehen und so tun, als ob nichts wäre, geht auch nicht. Schließlich hat Susi den Hansi ja auch gesehen. Man könnte mit Susi vereinbaren, Stillschweigen zu bewahren. Keine gute Idee. Die unschuldige Susi in etwas Ungesetzliches hineinziehen. Es ging ja schließlich um keine Bagatelle. Außerdem, fiel ihm siedend heiß ein, sind da jetzt auch meine Fingerabdrücke oder irgendwelche DNA. Käme nicht gut, wenn man leugnete, hier gewesen zu sein.

Er stützte den Kopf auf die Hände und stierte auf den Waldboden vor sich. Erstaunlich, was die Ameisen so zustande brachten, wenn man sieht, wie planlos sie umherirren.

Das hohle Knattern eines Dieselmotors kam näher. Ein grüner Lada schaukelte auf ihn zu. Diese russischen Autos waren bei den Jägern beliebt. Sie schätzten sie, weil die Technik extrem einfach war und daher nicht viel kaputt gehen konnte. Sehr sinnvoll, der Lada.

Zwei von den Vieren, die ausstiegen, hatten die roten Johanniter-Anoraks an. Die andern waren zivil gekleidet und weiblich. Die Erste kannte Werner nicht, aber die Zweite. Er starrte sie mit offenem Mund an. Das war doch die aus dem Bürgermeisterempfang, die ihn so spöttisch wegen der Shakespeare – Zitate ansprach. Angelika Kellner, nein Kellein hieß sie.

„Was machen sie denn da?“, stammelte Werner.

„Ich verzeihe ihnen ihre ungehobelte Begrüßung“, sagte sie mit ihrem hinreißend spöttischen Mundwinkel. „Shakespeare hat wohl nichts bereit gehabt? Aber Scherz beiseite.“ Ihr Mund kehrte bedauerlicherweise in eine neutrale Lage zurück. „Ich finde ihre Lage nicht erstrebenswert, im Augenblick.“

„Grüß Gott. Ich verstehe gar nichts mehr. Das ist alles sehr unwirklich. Sehr, sehr unwirklich.“

„Ich kann ein wenig zur Versachlichung beitragen. Mathilde ist verhindert. Ach so. Mathilde Freund ist die zuständige Pathologin. Und ich springe manchmal ein. Zum Beispiel, wenn es zu viele Morde gibt. Was nicht oft vorkommt. Da kann ich sie jedenfalls beruhigen.“

„Ach so ist das.“

Sie schaute ihn aufmerksam an. „Brauchen sie ärztliche Hilfe? Sie sehen ein wenig desolat aus.“

„Nein, nein, es geht mir ausgesprochen gut. Die Waldluft, die Vögel zwitschern. Schön hier.“

„Na, dann ist ja alles in bester Ordnung. Darf ich vorstellen? Die Dame an meiner Seite ist Oberkommissarin Beate Hübner. Wir haben sie gerufen, weil… na das können sie sich ja denken. Die anderen sind ein Notarzt und ein Sanitäter. Aber wie es aussieht, brauchen wir die hier gar nicht.“

„Nein.“

„Sie sind?“, fragte Beate Hübner und begrüßte Werner mit einem Handschlag, der etwas beruhigend Sachliches hatte.

„Werner Lorenz, seit einigen Monaten aus Mitterfirmiansreut.“

„Mhm. Und sie haben die Leiche gefunden? Alleine?“

Fangfrage. „Nein, Fräulein Müller war dabei und hat sie wohl herbeigeholt.“

Angelika sagte lächelnd: „Fräulein Müller. Natürlich. Die hat uns ja geholt. Waren sie mit ihr im Wald?“

„Ja. Wir wollten spazieren gehen.“

„Und haben das auch gemacht?“, fragte Beate.

„Ja, natürlich. Was sonst?“

„Spazieren gehen ist ja etwas ganz Normales“, sagte Angelika.

„Und warum waren sie gerade hier?“, fragte Beate weiter.

„Wir waren nicht gerade hier. Wir sind durch reinen Zufall auf die Leiche gestoßen. Nein, nicht ganz. Ein Wolf hat uns an die Stelle geführt.“

„Der Wolf hat euch geführt. So, so“, sagte Angelika und grinste schon wieder. „Das passt.“

Darunter konnte sich Werner nicht das Geringste vorstellen.

„Lassen wir das erst einmal“, sagte Beate. „Kannten sie den Toten?“

„Nein. Aber Fräulein Müller hat gesagt, es wäre Hansi Loibl.“

„Sie kannte ihn natürlich. Sie ist von hier. Ist ihnen etwas aufgefallen. War jemand in der Nähe zum Beispiel?“

„Ja. Ein Wolf.“

„Ach so. Klar. Das sagten sie ja schon. Sonst noch etwas Sachdienliches.“

„Da lag eine Armbrust.“

„Wie bitte?“

„Eine professionelle Armbrust.“ Werner hob sie auf, um sie herzuzeigen.“

„Sind sie bescheuert? Lassen sie die bloß liegen. Scheiße. Jetzt sind ihre Abdrücke drauf. Haben sie die vorher schon angefasst?“

„Ja“, sagte Werner kleinlaut.

„Na prima. Damit gehören sie auch zum Kreis. Gut, dass Herr Loibl junior nicht von einem Pfeil gestorben ist.“

„Ja. Gott sei Dank.“

Beate schaute ihn mit einem schiefen Lächeln an.

„Angelika. Schaust du nach und sagst mir dann etwas?“

„Klar. Schieb mal die Sanis und diesen Werner auf die Seite.“

Werner ging mit gesenktem Kopf im Kreis herum. Beate beobachtete ihn mit ungutem Polizeiblick.

Schritte im raschelnden Laub beendeten den unangenehmen Zustand.

„Hallo, Leute. Ich habe euch was mitgebracht.“ Susi trug ein Papptablett mit vier Kaffeebechern vor sich her. „Oh. So viele? Die Sanis kriegen nichts. Dann geht’s auf.“

„Schon gut, Susi“, rief der eine, der mit dem anderen etwas abseits stand, rauchte und der Dinge harrte, weil ärztliche Hilfe gerade nicht benötigt wurde.

„Und für dich habe ich Zigaretten mitgebracht.“

„Für mich auch?“, kam Angelika's Stimme vom Ort der Leiche.

„Da musst du Werner fragen. Es sind seine.“

„Soll ich ihnen eine bringen?“, rief Werner.

„Ich komme gleich zu ihnen.“

Es dauerte nicht lange, bis sich Angelika aufrichtete, die Hände am Laub abputzte und sich Werner zuwandte. „Steck mir eine zwischen die Lippen und gib mir Feuer.“

„Ach so. Ja, klar.“

„Und?“, fragte Beate.

„Tot.“

„Okay. Und wie?“

„Ziemlich sicher das Schrot. Schrot tötet zuverlässiger als eine Kugel. Da reicht schon der Schock. Vor allem 12er half choke geschossen. “

„Das hast du erkannt?“

„Ich kann dir sogar die Entfernung ausrechnen. Auf jeden Fall nicht sehr nah. Zu wenig davon im Körper.“

„Gut. Dann können wir ihn wegschaffen. Die Armbrust bitte dahin legen, wo sie sie gefunden haben, Herr Lorenz, sie Künstler. Die KTU kommt noch und untersucht die ganze Gegend. He, Sani. Könnt ihr so lange da bleiben. Dann hauen wir wieder ab.“

„Geht klar, Frau Oberkommissarin.“

„Pathologie, Angelika?“

„Ich denke schon. Das möchte ich gerne genauer ansehen.“

„Okay. Dich stört etwas, oder?“

„Weiß ich noch nicht. Lass mich erst machen. Ist vielleicht auch gar nichts.“

„Okay. Fahren wir. Kommen Sie mit, Lorenz?“

„Wenn ich nicht verhaftet bin, gerne.“

„Witzbold. Alles einsteigen, bitte.“

Beate fuhr. Angelika setzte sich neben sie, nachdem sie ihn und Susi auf den Rücksitz eingeladen hatte. Immer wieder schaute sie in den Rückspiegel und beobachtete die beiden. Unverdächtig, wie zwei ängstliche Häschen saßen sie nebeneinander. Angelika schien beruhigt zu sein.

Zwei Tage geschah nichts. Einfach nichts. Nein, so kann man das auch nicht sagen. Nichts, was mit dem unangenehmen Fund zu tun hatte. Das Wetter hatte sich dramatisch verändert. Es war kalt geworden, nahe dem Gefrierpunkt und es schneite. Die Aussicht aus dem Studio war ein Märchen. Der sonst unansehnliche struppige Grasboden war zu einer glatten, fein geschwungenen, reinweißen Fläche übersät mit glitzernden Diamantsplittern geworden und die Fichten verwandelten sich zusehends in Schneeskulpturen. Das war es, was er vom Winterwald erwartet hatte. Er konnte sich nicht satt sehen.

„Schön warm ist es hier. Was machst du?“ Susi war lautlos ins Studio gekommen und ließ sich lässig auf das Matratzensofa fallen. Sie zog ihre Stiefel aus und brachte sie ordentlich vor die Studiotür. An der Schneespur konnte man verfolgen, auf welchem Weg sie hereingekommen war.

„Willst du einen Kaffee?“, fragte Werner, ohne sich groß umzusehen.

„Gleich. Da draußen ist noch jemand. Darf sie auch herein?“

„Wieso wartet es oder sie draußen?“

„Wir waren nicht sicher, ob es genehm ist.“

„Aha. Von wegen nur ich beherrsche die mittelalterliche Sprache. Es ist genehm, wertes Fräulein. Lass mich raten. Die Oberkommissarin oder gar die Ersatzpathologin? Wäre mir überaus genehm. Vor allem Letztere.“

„Du stehst auf alte Frauen? Hätte ich nicht gedacht.“

„Das ist sehr relativ, Susi. Die Dame wäre immer noch etwa 15 Jahre jünger als ich. Schätze ich mal.“

„Oh Gott. Ich vergaß, alter Mann.“

„Jetzt hol sie schon rein. Sie erfriert doch.“

„Tut sie nicht. Ich hab' sie in deinem Wohnzimmer geparkt.“

„Fühl dich ganz wie zu Hause, Susi. Also, was ist jetzt?“

Herein kam ein Instagram – Wesen. Was sie anhatte, konnte Werner gar nicht aufnehmen, weil er so fasziniert war vom Gesicht. Glatter, zu glatter, weißrosafarbener Teint, dunkelschwarz eingefärbte, getrimmte Augenbrauen, dunkelschwarz umrandete Augen, damit sie im dümmlichen Babygesicht auch wirklich groß aussahen, verschwindendes Näschen und dafür eine knallrote Kirsche als Mund. So hatte man auszusehen heute. Wie eine Babypuppe als Sexspielzeug. Und da wollen die Frauen Quoten haben. Kein Wunder, denn mit Intelligenz und Arbeitswillen könnte dieses Exemplar das nicht machen. Die ganze Energie und geistige Mühe wurde schon für die morgendliche Arbeit der Gesichtsmalerei verbraucht.

„Grüß Gott, mein Fräulein“, sagte Werner. „Sie sind Susi's Freundin?“

„Ja.“

„Aha. Und? Haben sie einen Namen?“

„Hat Susi doch bestimmt schon erzählt.“

„Nein. Hat sie nicht.“

„Sie heißt Chantal. Jetzt hab' ich es erzählt“, sagte Susi ungerührt.

„Ah. Schöner Name. So poetisch. Und passend auch noch.“

„Wie poetisch?“ Chantal versuchte aggressiv zu schauen. Das war aber noch nicht perfekt einstudiert.

„Das ist keine Beleidigung, Fräulein Chantal. Im Gegenteil.“

„Wieso sagt der Typ Fräulein Chantal?“, fragte die Puppe zu Susi gewandt. „Ich dachte, man sagt nicht mehr Fräulein.“

„Er ist sehr alt“, meinte Susi.

„Ach so. Darf ich mich mal umsehen, Werner? Toll, wie du dich hier eingerichtet hast. Voll Retro, oder?“

„Also Retro würde ich das jetzt nicht nennen. Es ist einfach nur praktisch.“

„Für was?“

„Zum Malen und Zeichnen.“

Bist du Architekt?“

„Nein.“

„Ja was denn dann? Ach so. Künstler. Hab' ich schon mal gesehen. Aber da musst du dann so eine schiefe Kappe aufhaben, oder?“

„Das war wohl in einem alten Film.“

„Ja. War ein bisschen langweilig.“

„Was schauen sie denn gerne an?“

„Am liebsten Binge – Watching.“

„Den Film kenn' ich nicht.“

„Meine Güte. Das ist doch kein Film. Das ist, wenn man eine Serie am Stück anschaut. Komakucken.“

„Ah ja. Besser als eine Folge und dann in der nächsten Woche wieder eine.“

„So haben es meine Eltern noch gemacht. Ist total blöd.“

„Seh' ich auch so. Welche Serien sehen sie denn gerne?“

„Immer die Neuesten von Netflix. Das sind die besten. Viel Liebe machen und richtige Männer mit irren Knarren. Es muss ausgewogen sein. Im Bett und wenn sie kämpfen.“

„Und nicht viel reden.“

„Reden hör ich gar nicht zu. Eine geile Mucke ist wichtig. Haben sie denn gar keine Glotze hier?“

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Дата выхода на Литрес:
19 сентября 2025
Объем:
390 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783754140208
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Правообладатель:
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