Читать книгу: «Ich bin ein Dieb»

«Daten wollen Sie? Also: 1896 geboren in Wien von österreichischer Mut ter und Schweizer Vater. Großvater väterlicherseits Goldgräber in Kali fornien (sans bla gue), mütterlicherseits Hofrat (schöne Mischung, wie?). Volksschule, 3 Klassen Gymnasium in Wien. Dann 3 Jahre Land erziehungsheim Glarisegg. Dann 3 Jahre Collège de Génève. Dort kurz vor der Matur hinausgeschmissen … Kantonale Matur in Zürich. 1 Semester Chemie. Dann Dadaismus. Vater wollte mich internieren lassen und unter Vormundschaft stellen. Flucht nach Genf … 1 Jahr (1919) in Münsingen interniert. Flucht von dort. 1 Jahr Ascona. Verhaf tung wegen Mo. Rücktransport. 3 Monate Burghölzli (Gegenexpertise, weil Genf mich für schizophren erklärt hatte). 1921–23 Fremdenlegion. Dann Paris Plongeur. Belgien Kohlengruben. Später in Charleroi Krankenwärter. Wieder Mo. Inter nie rung in Belgien. Rücktransport in die Schweiz. 1 Jahr administra tiv Witz wil. Nachher 1 Jahr Handlanger in einer Baum schule. Analyse (1 Jahr) … Als Gärtner nach Basel, dann nach Winterthur. In dieser Zeit den Legionsroman geschrieben (1928/29), 30/31 Jahreskurs Gartenbaumschule Oeschberg. Juli 31 Nach analyse. Jänner 32 bis Juli 32 Paris als ‹freier Schriftsteller› (wie man so schön sagt). Zum Besuch meines Vaters nach Mannheim. Dort wegen falschen Rezepten arretiert. Rücktransport in die Schweiz. Von Juli 32–Mai 36 interniert. Et puis voilà. Ce n’est pas très beau …»
Friedrich Glauser an Josef Halperin, 15. Juni 1937
FRIEDRICH GLAUSER
Ich bin ein Dieb
und andere Kriminalgeschichten

Inhalt
König Zucker
Der alte Zauberer
Knarrende Schuhe
Kriminologie
Verhör
Ich bin ein Dieb
Kuik
Pech
Offener Brief über die «Zehn Gebote für den Kriminalroman»
«Gibt es überhaupt gute und böse Menschen? Sind Menschen nicht einfach Menschen – weder Bestien noch Heilige –, durchschnittliche Menschen, keine Heroen, keine Schlaumeier, keine geschickten, findigen, keine gewiss bösen, sondern einfach Menschen, mögen sie nun Glauser, Brockhoff, Hitler, Riedel heißen oder Emma Künzli und Guala? Haben wir Schreiber nicht die Pflicht – auch wenn wir Spannung machen, auch wenn wir idealisieren –, immer und immerfort (ohne zu predigen, versteht sich) darauf hinzuweisen, dass nur ein winziger, ein kaum sichtbarer Unterschied besteht zwischen dem ‹gewiss bösen Menschen (im Allgemeinen)› und dem ‹geschickten, findigen mit den planmäßigen Überlegungen›? (…) Denn diese Einteilung ist genauso ein fauler romantischer Zauber wie die armen Falltüren und die Requisiten einer Zeit, die naiver war als die unsrige.»
Friedrich Glauser: Offener Brief über die «Zehn Gebote für den Kriminal roman»
König Zucker
Es war von Anfang an die trostlose Affäre par excellence gewesen, wie Polizeikommissar Kreibig sofort am Tatort feststellte. Schiebermilieu – der Tote, der am Boden lag, mit einer Stichwunde in der Brust, an der er verblutet war, hieß Jakob Kussmaul, stammte nach seinem Pass aus Riga, aber vielleicht hieß er gar nicht Kussmaul, vielleicht stammte er aus Bukarest, bei diesen Leuten war man nie sicher … Und der Kommissar Kreibig seufzte. Es war vier Jahre nach dem Weltkrieg, Wien war ausgehungert, und alle Welt schob. Seufzend dachte Kreibig daran, dass er wahrscheinlich Hofrat geworden wäre, wenn die alte Monarchie noch geblieben wäre, aber so … Und da war also dieser Jakob Kussmaul, der vielleicht gar nicht so hieß, lag am Boden, sein rosa Seidenhemd war auf der linken Seite der Brust zerrissen, und ein großer Blutfleck hatte das zarte Gewebe starr und bräunlich gemacht.
Der Tote lag neben einem Tisch, und auf dem Tisch stand ein Schachbrett mit Figuren. Eine begonnene Partie. Neben dem Brett zwei Tassen mit schwarzem Kaffee, halb geleert, daneben (Luxus!) zwei Silberschälchen für den Zucker: auf dem einen eins jener viereckigen Päckchen, in welchen drei Stückchen sogenannten Würfelzuckers verpackt sind, das andere leer.
Auf dem Boden aber lag der Jakob Kussmaul und hielt in der Rechten den schwarzen König des Schachspiels, in der Linken ein viereckiges Päckchen Würfelzucker, das Päckchen, das offenbar auf dem leeren Silberplättchen auf dem Tisch gelegen hatte.
«Wie lang hat er noch gelebt?», fragte Kommissar Kreibig den Gerichtsarzt.
«Oh, so zwei, drei Minuten, glaub ich …»
«War er noch bei Besinnung?»
«Glaub schon, glaub schon. So einer, der hat ein zähes Leben, das können Sie mir glauben, Herr Hofrat.»
«Und Sie glauben, das hat etwas zu bedeuten, das, was er da in der Hand hält?»
«Möglich wär’s schon … Aber was? Ein schwarzer Schachkönig und drei Stückerln Würfelzucker? … Was soll das bedeuten? … Verstehen Sie das, Herr Hofrat?»
«Vielleicht», sagte der Kommissar, dem der ‹Hofrat› des Doktors angenehm die Ohren streichelte. «Vielleicht hat uns der Ermordete damit einen Fingerzeig geben wollen, einen Fingerzeig, verstehen Sie, Herr Doktor, wie wir zum Mörder gelangen. Denn etwas bedeutet der Zucker doch …»
«Und die Schachfigur …», wagte bescheiden der Polizist Hochroitzpointner einzuwerfen. Er trug einen armseligen roten Schnurrbart, und seine Stirne war gefurcht.
«Ja», sagte der Kommissar, «der schwarze König … Ich kenn einen König Haber, ich kenn einen König Lear und wie die Könige alle bei Shakespeare heißen, Heinrich und Richard, und auch den König Ottokar kenn ich – aber einen König Zucker. König Zucker …», wiederholte er und schüttelte den Kopf. Er sah sich im Zimmer um. Ein Hotelzimmer, wie viele andere. Abgewetzter Teppich auf dem Boden, eine grünliche Tapete an den Wänden, verblichen bis auf ein Rechteck über dem Bett, wo sicher einmal ein Kaiserbild gehangen hatte. Das Fenster ging auf einen Lichthof, es war ein trübes Licht im Raum, es regnete draußen, und dann wollte es bald Abend werden.
Der Doktor verabschiedete sich, der Kommissar Kreibig studierte lange die angefangene Partie, schüttelte manchmal den Kopf, der Polizist in Zivil Hochroitzpointner verhielt sich still, endlich flüsterte er:
«Soll ich den Kellner rufen?»
Kreibig nickte. Er starrte auf den Toten. Unsympathisch, durchaus, sah dieser aus. Ein dreifaches Kinn, eine käsige Haut, die Stirn niedrig und Wulstlippen. Von jener berühmten ‹Majestät des Todes› war auch keine Spur vorhanden.
Kreibig wandte sich von dem Toten ab und trat an den zweiten Tisch des Zimmers, der viereckig war und neben dem Fenster stand. Papiere lagen dort, Rechnungen, Frachtbriefe, Geschäftsbriefe. «Gemäß Ihrer w. Bestellung vom 15. ct. beehren wir uns, Ihnen zu offerieren …» Eine Brieftasche, abgegriffen, zum Platzen gefüllt. Kreibig öffnete sie: türkische Pfund, Schweizer Franken, Dollars, englische Pfund, zwei Checks. Kreibig zählte mechanisch das Geld, seufzte, weil er an sein Salär dachte, das er in Inflationsgeld bekam, versorgte die Banknoten sorgfältig wieder, als er ganz hinten, verrunzelt, ein Stück Papier bemerkte. Er zog es ans Licht. Hinter ihm schlich der Polizist Hochroitzpointner auf leisen Gummisohlen durchs Zimmer.
Das Stück Papier war ein Ausschnitt aus einer französischen Zeitung: auf der einen Seite die Ankündigung eines Astrologen, aber die Annonce war nicht vollständig, in der Mitte war sie abgeschnitten, der ganze zweite Teil fehlte. Auf der andern Seite ein mit Rotstift angezeichneter Artikel:
Le traitement rationel du diabete
par le professeur Durand.
Offenbar die Ankündigung eines Buches über die Behandlung der Zuckerkrankheit. Kreibigs Augen wanderten vom Zeitungsausschnitt zum Tisch. Zuckerkrankheit? … Zucker? … Zwei hatten am Tische Schach gespielt und dazu Kaffee getrunken, aber beide hatten sie den Kaffee ungesüßt getrunken … Der eine, wohl der Mörder, hatte sein Päckchen auf dem kleinen Silberplättchen liegenlassen, der Kussmaul aber hatte das Päckchen, bevor er vom Stuhl gefallen war, noch rasch mit der linken Hand gepackt, während die Rechte … aber das kam später. Die Linke hatte also den Zucker gepackt, der Mörder war aufgestanden, hatte sich ruhig durch die Tür entfernt, dann war der Kussmaul auf den Boden gefallen, war gestorben und sein Körper in einer immerhin merkwürdigen Stellung erstarrt. Denn die beiden Unterarme, vom Ellbogen an, standen senkrecht in die Luft. Die linke Hand hielt ein Päckchen Zucker, die rechte einen schwarzen Schachkönig …
Der Etagenkellner Pospischil, Ottokar, verheiratet, wohnhaft Mariahilferstraße 45, schien für den ermordeten Kussmaul keine übertriebene Hochschätzung aufbringen zu können. Er habe gesoffen, deponierte er, ganze Nächte durch, gespielt habe er auch, mit ‹Freunderln›, und Weiber … aber davon wolle er, Pospischil, gar nicht reden. Dabei sei der Kussmaul krank gewesen, zuckerkrank, habe keine Mehlspeisen essen dürfen, er habe auch einen Spezialisten konsultiert, der habe ihn einmal besucht, ein nobler Herr, Zylinder und weiße Gamaschen und einen schönen weißen Bart, aber an den Namen könne er sich nicht erinnern.
«Ja, Herr Hofrat», sagte der Kellner Pospischil, der arg verhungert aussah, «da lassen S’ am besten die Finger davon, denn der Mann da, der hat Konnexionen g’habt, ich sag Ihnen, ein Oberst von der amerikanischen Delegation ist ihn kommen besuchen, und sie haben zusammen englisch g’redt, und überhaupt, Besuche hat er den ganzen Tag gehabt, Türken und Russen und Argentinische sind zu ihm gekommen – und auch G’sindel – wenn Sie meine Meinung wissen wollen, Herr Hofrat, der Mann war eine düstere Existenz …»
«Ja», sagte der Kommissar Kreibig und strich über sein weißes Haar, das seidig schimmerte, «ja, mein lieber Pospischil, das hab ich mir schon denkt, ich hab’s von Anfang an gesagt, nicht wahr, Hochroitzpointner? Ich hab’s von Anfang an gesagt, eine trostlose Affäre par excellence, hab ich’s nicht g’sagt?»
Und Hochroitzpointner nickte schweigend.
«Sie können gehen, Pospischil … oder nein, warten Sie noch. Der Zucker, Hochroitzpointner, wäre ja erklärt, sehen Sie hier den Zeitungsausschnitt, nicht wahr, ‹Die Behandlung der Zuckerkrankheit› von einem französischen Professor namens Durand. Nun weiß man ja, dass Zuckerkranke, gerade weil Ihnen der Zucker verboten worden ist, immer Hunger nach Zucker haben, und da hat halt der Kussmaul, wie er gesehen hat, dass er sterben wird, noch schnell das Packerl Zucker in die Hand genommen – gewissermaßen um seinen letzten Wunsch zu befriedigen. Nicht wahr? Was meinen Sie, Hochroitzpointner?»
Hochroitzpointner antwortete nichts, er hielt die Hände hängend in Schulterhöhe, was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem bettelnden Hunde verlieh. Kommissar Kreibig hasste diese Allüren.
«Antworten Sie doch, wenn man Sie fragt!», schnauzte er.
Der Geheimpolizist Hochroitzpointner antwortete nicht, er fragte, und zwar fragte er den Kellner Pospischil:
«Mit wem hat der Herr immer Schach gespielt?»
«Am liebsten mit dem Swift, einem Engländer. Der Herr … eh … der Tote hat gesagt, der Swift ist der Einzige, der gut spielt. Die andern sind nur Rotzbuben …»
«Und der Herr Swift war heut Nachmittag auch da?»
«Ja, er ist um halb vier gekommen. Dann hat der Kussmaul … eh … der Verstorbene geläutet und hat zwei Schalen Braun bestellt …»
«Zwei Schalen Braun? Aber wo ist die Milch?»
«Die ist uns ausgegangen, da hab ich zwei kleine Schwarze gebracht … Und da hat der Herr Kussmaul mich ang’schrien, warum ich hab Zucker gebracht, ich weiß doch, dass er keinen Zucker nehmen soll, und der andere Herr, der Herr Swift, der darf auch keinen Zucker nehmen, von wegen der ist auch zuckerkrank …»
«So, so …», sagte der Geheimpolizist Hochroitzpointner nur und verschwand.
«Sie können gehen, Pospischil», meinte der Kommissar, «oder warten Sie noch, haben Sie den Swift fortgehen sehen?»
«Ja, Herr Hofrat, um drei Viertel vier hab ich ihn geholt, von wegen es hat jemand am Telefon nach ihm gefragt.»
«Und da hat der Kussmaul noch gelebt?»
«Das weiß ich nicht, halten zu Gnaden, Herr Hofrat, das weiß ich also wirklich nicht. Ich hab geklopft und hab gesagt: ‹Telefon für den Herrn Swift.› Da hat eine Stimme gesagt: ‹Yes›, die Tür ist aufgerissen worden, und ich bin zurückgefahren, weil, wissen S’, Herr Hofrat, der Kussmaul, der hat es nicht gerne gehabt, wenn ich ins Zimmer gekommen bin, und einmal, da hat er mir …»
«Das interessiert mich nicht, Pospischil.»
«Da hat er mir eine leere Flasche an den Kopf geworfen … Ja, also, der Herr Swift, der ist mit mir zum Telefon gegangen, und dann hat er geredt, englisch, ich hab nix verstanden, und dann ist er fortgegangen. Hat mir gesagt, ich soll dem Kussmaul sagen, er kann die Partie nicht fertigspielen … Aber ich hab mich verspätet, hab zu tun gehabt, andere Gäste haben geläutet, oh mein! Der Herr Hofrat wissen gar nicht, wie schwer es unsereiner hat, den ganzen Tag laufen, und das kleine Trinkgeld, geizig sind die Schieber …»
«Schon gut, Pospischil, und wann sind Sie dann ins Zimmer gekommen?»
«So um halb fünf, Herr Hofrat, und da ist der Kussmaul … eh, der Ermordete, es weiß ja keiner, ob er wirklich Kussmaul heißt, einmal hat ihn einer ganz anders genannt, da ist er am Boden gelegen, und ich hab der Polizei telephoniert …»
«Und Sie heißen Ottokar mit dem Vornamen, Pospischil?»
«Zu Befehl, Herr Hofrat, Ottokar, ja, wie mein Großvater …»
«König Ottokars Glück und Ende …», murmelte Kommissar Kreibig.
«Wie belieben, Herr Hofrat?»
«Nichts, Pospischil, so heißt ein Stück von dem Wiener Grillparzer, aber den kennen Sie nicht …»
«Nein, Herr Hofrat, einen Gast dieses Namens haben wir nie gehabt in unserem Haus.»
«Und Sie haben ein Messer, Pospischil?»
… Der schwarze König … König Ottokar … aber dann passte der Zucker wieder nicht … aber der Swift war zuckerkrank, der Hochroitzpointner hatte vielleicht doch recht, aber Swift, Swift … der hatte doch keine Königsdramen geschrieben, nur diese Geschichten über die Riesen … Gulliver? Ja, Gulliver … Es ging ein wenig kreuz und quer zu in Kreibigs Kopf.
«Sie haben ein Messer, Pospischil?», fragte er noch einmal, weil der Kellner schwieg.
«Oh, nur ein Federmesserl, Herr Hofrat», und Pospischil zeigte in einem rührend verlegenen Lächeln seine schadhaften Zähne.
«Zeigen!»
«Bitte schön, bitte gleich …»
Aus der glänzenden schwarzen Hose zog Pospischil ein Messer heraus, lang wie der kleine Finger. Kreibig sah es an, klappte es auf: schartig, verrostet; er zuckte mit den Achseln.
«Sie können gehn, Pospischil.»
«Gehorsamster Diener, Herr Hofrat.» Und Pospischil verschwand ebenso lautlos wie vorher der Geheimpolizist Hochroitzpointner.
Kreibig nahm einen Stuhl, stellte ihn neben das runde Tischchen, auf dem die begonnene Schachpartie stand, stützte das Kinn in die Hände und prüfte die Stellung der Figuren.
Herr Swift hatte also Weiß. Er schien ein Liebhaber alter, erprobter Spielweise zu sein. Kreibig war ein guter Schachtheoretiker. Weiß hatte Königsgambit gespielt, Schwarz hatte es angenommen, wieviel Züge hatten die beiden gemacht? Höchstens zehn. Weiß hatte einen Springer geopfert, hatte also probiert, das uralte Kieseritzky-Gambit zu spielen, aber Schwarz kannte die Erwiderung, scheinbar. Wer hatte nur die Widerlegung erfunden, die Widerlegung dieses Angriffs, der einmal als gut galt? Es war ein Kerl, wie hieß er nur? Süßkind? Nein. Schokoladentorte? Dummes Zeug! Ein bekannter Meister, ein Schachmeister aus dem vorigen Jahrhundert. Wen gab es da? Anderssen? Nein. Morphy? Nein. Pilger? Das war ein Theoretiker …
Kreibig gab es auf … Er starrte auf den Toten. In der einen Hand der schwarze König, in der andern drei Stück Würfelzucker … War der Zucker das Wichtige oder der König? War der Hochroitzpointner im Recht, der jetzt hingegangen war, den Engländer Swift zu suchen, um ihn zu arretieren? Den Swift, der ebenfalls ein Diabetiker war? «Kussmaul», dachte der Kommissar Kreibig, der es unter der Monarchie sicher zum Hofrat gebracht hätte und der auch aussah wie ein solcher, kein Wunder, dass ihn alle Leute so titulierten – mein Gott, ja, sogar unter der Republik – «Kussmaul», dachte Kreibig, «dein Tod ist zwar die trostloseste, undankbarste Affäre par excellence, aber du scheinst doch das Bedürfnis gefühlt zu haben, uns ein kleines Bilderrätsel aufzugeben. Dafür sollte man dir dankbar sein. Mein Gott, das Leben ist langweilig genug. Was hat es für einen Wert, deinen Mörder zu suchen, Kussmaul, es wird dich niemand vermissen, nicht einmal deine ‹Freunderln›, wie der Pospischil so schön sagt. Du hast nicht viel Gutes getan in deinem Leben, das sieht man deiner Visage an, Leute betrogen, Frauen verführt, ich will Gift drauf nehmen, dass du ein Erpresser bist, du bist ein Aasgeier, Kussmaul, und doch muss ich deinen Mörder suchen. Was willst du, Pflicht ist Pflicht, und wir sind es halt so gewöhnt. Und dann, wenn ich dein kleines Rätsel mit dem ‹König Zucker› nicht löse, lachst du mich vielleicht noch aus, drüben, wo du jetzt weiter herumvagierst, wie hier auf dieser Welt …»
Die Dämmerung war dicht geworden. Kreibig sprang auf, drehte das Licht an. Der Tote streckte noch immer seine halbgeschlossenen Fäuste gegen die Zimmerdecke …
… Wer hatte nur eine Widerlegung des Kieseritzky-Gambits gefunden? …
Kreibig beugte sich noch einmal über den Toten, öffnete das Hemd, das der Gerichtsarzt geschlossen hatte. Die Wunde war klein, sauber, mit ganz scharfen Rändern, nicht zerfranst …
… Wie von einer Lancette, dachte Kreibig, ging zur Tür, schloss sie von außen ab und ging die Treppen hinunter.
«Wie sieht eigentlich der Herr Swift aus?», fragte er den Portier.
«Der Herr Swift? Der ist klein, alt und zittert sehr viel in den Knien und mit die Händ …»
«So, so», sagte Kreibig nur, zog seine Glacéhandschuhe an, die ziemlich abgeschabt waren.
Im Bureau ließ er sich ein Verzeichnis der Spezialärzte Wiens kommen. Er ging die Namen durch. Plötzlich, fast am Ende der Liste, sprang er auf und begann, mit der Handfläche der rechten Hand eifrig auf seine Stirn zu schlagen. «Natürlich!», sagte er dazu. «Selbstverständlich! Das königliche Spiel! Der König des Spiels! Der Meister! Der Schachmeister! Der Zuckermeister!» Und klatschte weiter gegen seine Stirn. Bis schließlich Hochroitzpointner sachte die Türe öffnete, erschrocken ins Zimmer äugte und leise bemerkte:
«Ich hab geglaubt, der Herr Hofrat hat seinen Buben bei sich und haut ihm Watschen herunter.» Wozu zu bemerken ist, dass Watschen der Wiener Ausdruck für Ohrfeigen ist.
«Und der Swift, lieber Hochroitzpointner?», fragte Kreibig.
«Der Swift ist so eine Art Kurier bei der englischen Gesandtschaft. Der ist fort. Im Auto. Ich hab fragen wollen, ob man die Grenzposten alarmieren soll …»
«Nicht nötig, nicht nötig, aber nehmen S’ eine Zigarette, lieber Hochroitzpointner …»
Das war nobel, denn eine simple Drama kostete damals …
«Ist der Herr Professor zu sprechen?», fragte Kreibig.
«Ich glaube …», antwortete der Diener.
«Es ist eine wichtige Sache, Kommissar Kreibig, melden Sie mich nur.»
Der Herr Professor trug einen schwarzen Gehrock, eine weiße Weste, aber sein langer Bart war eigentlich viel weißer als die Weste. Der Herr Professor war nervös. Er sagte, was man in solchen Situationen scheinbar immer sagt:
«Und was verschafft mir das Vergnügen?»
«Herr Professor», sagte Kommissar Kreibig, «warum haben Sie den Falotten erstochen?» (Falott ist ein plastischeres Wort für Lump.)
«Falott? Erstochen?», fragte der Professor.
«Haben S’ keine Angst, Herr Professor», sagte Kreibig gemütlich. «Es g’schieht Ihnen nichts. Es sind noch andere Leute da, die froh sind, dass der Kussmaul hin ist. Es ist so mehr ein Privattriumph von mir, denn der Tote hat mir ein Rätsel aufgegeben, und ich hab’s gelöst. Er hat nämlich ganz deutlich den Namen seines Mörders verraten.»
«So? Wie denn?»
«Würfelzucker in der einen Hand, den Schachkönig in der andern.»
«Und?»
«Und Schwarz hat die Erwiderung zum Kieseritzky-Gambit gespielt.»
«Verzeihen S’ schon, Herr Kommissar, aber ich hab wirklich keine Zeit …»
«Sie sind doch der Herr Professor Zuckertort, Spezialarzt für Diabetiker …»
«Ja, und …?»
«Sie haben im vorigen Jahrhundert einen Namensvetter gehabt, der war ein berühmter Schachspieler, der hat auch Zuckertort geheißen. Und Sie werden zugeben, dass der selige Kussmaul (fragt sich zwar noch, ob er selig ist) den Namen nicht besser hätte andeuten können. Der König, der Meister, dessen Name mit Zucker anfängt … Und jetzt sagen Sie mir, warum Sie ihn umgebracht haben. Ich hab keinen Verhaftbefehl, ich bin sicher, Sie sind im Recht gewesen, die Sache wird niedergeschlagen. Aber gönnen Sie mir den Privattriumph?»
«Warum ich das Schwein abgestochen hab? Warum?» Das Gesicht über dem weißen Bart wurde feuerrot. «Weil mir der Falott statt Insulin Brunnenwasser geliefert hat und weil mir zwei schwere Fälle fast an Sepsis zugrunde gegangen wären.»
«Ja so», sagte der Kommissar Kreibig, «Brunnenwasser statt Insulin …», und er empfahl sich.
Denn Insulin ist ja das einzige halbwegs sicher wirkende Mittel bei schweren Fällen von Zuckerkrankheit.
Vor dem Schild des Arztes blieb Kreibig noch einen Augenblick stehen, las es murmelnd für sich. Es stand da:
Prof. Dr. Regis Zuckertort
Spezialist für Stoffwechselkrankheiten
«Auch noch ‹Regis›, Genitiv von Rex, und im Gymnasium hab ich gelernt, dass Rex König heißt. Wirklich des Guten zu viel.»
Kommissar Kreibig zog kopfschüttelnd seine schadhaften Glacéhandschuhe an, trat auf die Straße und spannte seinen Regenschirm auf, weil es ganz sanft regnete. Er verschwand im Straßengetümmel, während ihm aus einem Fenster im ersten Stock ein weißbärtiger Herr nachsah, der vielleicht zum ersten Mal in seiner langen medizinischen Laufbahn es für nötig fand, über ein psychologisches Problem nachzugrübeln.
Der alte Zauberer
Von der Bahnstation bis zur Abzweigung, die nach Waiblikon führte, war die Straße noch asphaltiert, und Polizeikommissär Studer fluchte nicht allzu sehr, obwohl es vom Himmel schüttete und ein durchaus unangenehmer Herbstwind pfiff. Außer dem Wetter störte den Kommissär einzig die Rösti, die seine Frau ihm am Morgen vorgesetzt hatte. Denn auf die Rösti am Morgen hielt er, der Kommissär Studer. Sein Vater, der im Em mental Bauer gewesen war, hatte sie am Morgen gegessen, sein Großvater auch; warum sollte er eine Ausnahme machen? Aber dass man alt wurde, war eben eine Tatsache, die Verdauung funktionierte nicht mehr wie früher, man bekam Sodbrennen von der Rösti. Studer schob dies auf das schlechte Fett, das seine Frau wohl der Sparsamkeit wegen gebraucht hatte. Irgend so ein modernes Geschlarpf war wohl das Fett. Er trappte mit den dicken Sohlen durch die Pfützen, zog den Gummimantel enger an den Bauch. Nicht einmal rauchen konnte man bei diesem Wetter.
Da war die Abzweigung, sie war gerade breit genug, dass ein Güllenwagen durchfahren konnte, rechts ging es steil bergab in ein Bachbett, links stieg ein triefender Wald in die Höhe. Der Kommissär dachte an Dinge, an die man eben so denkt, wenn es schüttet und man friert, an einen Jassabend, an seine Amtsstube, an seinen Sohn, der als Setzer bald ausgelernt hatte. Studer hatte ein dickes rotes Gesicht, das jetzt ein wenig bläulich angelaufen war, und einen vertrauenerweckenden Schnurrbart. Zwischen den vom Rauchen braun gewordenen Schneidezähnen spuckte er kunstgerecht, wie ein Achtjähriger, in weitem geradem Strahl, und der Regen war machtlos gegen diese Kunst und der Wind auch: Das freute Studer. Dass ihm hingegen der Regen die Ärmel herab in die Taschen lief, ärgerte ihn wieder, sodass er nicht recht wusste, welches Gesicht er schneiden sollte. Es war überhaupt schwer, bei diesem Wetter seinen eigenen Willen durchzusetzen, besonders was das Gesichterschneiden betraf, denn der Regen fuhr ihm manchmal mit seinen nassen Fingern in die Augen, und die breite Krempe des Hutes war ein ungenügender Schutz gegen derartig böswillige Attacken.
Die Straße wurde steil, Studer fluchte ein wenig, schüttelte den Kopf, dass die Tropfen von seinem Hutrand tangential abflogen. Es war ja schließlich, dachte er, nicht die Schuld des kantonalen Polizeidirektors, dass er hier in der Nässe herumvagieren musste. Sonst gab man ja dort oben auf anonyme Briefe nicht viel, aber hier schien der Fall doch etwas anders zu liegen, und das Ganze war eine etwas kohlige Geschichte. Wo man da anpacken sollte, war nicht ganz klar, entweder war das Ganze ein Versuch, die Behörde zu blamieren, und da musste man doppelt vorsichtig sein, oder es war etwas ganz Großes dahinter, ein Sensationsprozess vielleicht, und dann kamen die Reporter von den ausländischen Zeitungen, und man bekam ein wenig internationalen Ruhm weg. Das war nicht zu verachten. Mein Gott, man hatte es ja nicht nötig, man war ja sonst schon in den Fachkreisen bekannt, in Wien besonders, in Paris auch, es hatten sich da ein- oder zweimal ziemlich schwierige Internationale (halb Spione, halb Einbrecher) in der Schweiz wie in einer Mausefalle gefangen. Das sollte doch genügen, besonders wenn die Pensionierung in erreichbarer Nähe stand – noch fünf Jahre … fünf Jahre wird man doch noch aushalten? Aber seinen Namen zu lesen, im Journal zum Beispiel, mit schmeichelhaften Beiwörtern, das war nicht zu verachten. Etwa so: »Le distingué inspecteur de la sûreté Studer, dont le talent remarquable est bien connu dans les milieux policiers …», und vielleicht noch seine Photographie dazu. Ja, die Franzosen hatten es los, in der Schweizer Presse war man sparsamer mit lobenden Beiwörtern.
Da kam rechts vom Wege ein Heuschober in Sicht. Ein wenig unterstehen kann man, dachte Studer und fühlte dabei nach seiner Brusttasche. Gut, dass ihm die Frau noch Cognac gerüstet hatte, der würde jetzt gerade lau sein von der Körperwärme, und in der zerfließenden Sintflut ringsum wäre eine Stärkung doch nicht zu verachten. Studer ging in den Heuschober, das Heu war trocken, er nahm ein Büschel, wischte sich die nassen Schuhe ab, trocknete die Hände an einem sauberen Taschentuch und zog den Brief aus der Tasche, der den Polizeidirektor so aufgeregt hatte. Es stand wenig darin:
«Der Bauer Berthold Leuenberger in Waiblikon begräbt seine vierte Frau. Er ist sechzig Jahre alt, die drei letzten Frauen sind innerhalb von drei Jahren gestorben. Es waren immer junge. Er sagt, das Wasser bei ihm auf dem Hof ist schlecht. Viele meinen etwas anderes. Wann wird das Gericht endlich einschreiten? Wenn das Wasser schlecht ist auf seinem Hof, warum ist er nie krank geworden, noch sein Vieh, Knecht und Gesinde? jetzt gehet er wieder um, der Bauer, wie ein brüllender Löwe und suchet, wen er verzehren könne. Aber Gottes Gericht ist über ihm, wenn ihn das Gericht der Menschen vergisst.»
Die Schrift war verstellt, das Papier grob, längliche Rechtecke überspannten es wie ein feines Netz. Nach dem Schluss des Briefes musste ihn ein «Stündeler» geschrieben haben, ein Bibelkundiger. In drei Jahren drei Frauen, das war merkwürdig. Aber die Totenscheine mussten doch in Ordnung sein, Studer hatte mit dem Polizeidirektor im Telephonbuch nachgesehen und den Namen eines Arztes gefunden, der als gewissenhaft bekannt war. Dieser Arzt war früher am Spital gewesen, die Polizei hatte bei Unfällen viel mit ihm zu tun gehabt, der Mann war untadelig. Aber man weiß ja, wie es in einer Landpraxis zugeht, man hat nicht viel Zeit, wenn man weit herum Besuche machen muss … und irren ist ja bekanntlich menschlich.
Studer stapfte weiter, ganz wenig hellte sich das Wetter auf, das heißt, der Regen hörte auf zu fließen, dafür senkte sich ein dicker weißer Nebel über das Land. So dicht war dieser Nebel, dass Studer zuerst die Häuser gar nicht erblickte, aus denen der Weiler Waiblikon bestand. Ein Junge mit halblangen Hosen, die bis zur Mitte der nackten Waden reichten, die Füße in Holzschuhen, stapfte an ihm vorbei. «Wo ist die Wirtschaft?», fragte Studer. Der Junge glotzte zuerst, dann deutete er mit einer schmutzigen Knabenhand geradeaus und wies nach links, hob dann fünf gespreizte Finger. «Bist du stumm?» Der Junge nickte – also das fünfte Haus links, dachte Studer und stapfte weiter.
Das Gastzimmer, das an den kleinen Laden stieß, war klein, nieder und finster. Es musste doch bald Mittag sein. Studer zog den triefenden Mantel aus, zog die Weste straff über seinem Bauch, zog noch den Rock aus, dessen Ärmelenden durchweicht waren, und setzte sich. Dann zog er die Uhr aus der Tasche (eine flache goldene Uhr, die er an seinem zwanzigjährigen Dienstjubiläum geschenkt erhalten hatte); sie zeigte zehn Uhr. Es war früh. Er hatte Zeit. Lange blieb die Stube leer, kein Mensch zeigte sich, es herrschte in ihr jener ein wenig ekelerregende Geruch (auf nüchternen Magen ist er noch schwerer zu ertragen) von abgestandenem Bier und kaltem Pfeifenrauch. Endlich erschien ein gähnendes Mädchen, das unwillig die Absätze ihrer Finken auf dem Boden nachschleifte. Studer bestellte einen Dreier Roten und eine Portion Hamme. Das Fleisch war gut, er bestrich es dick mit Senf, auch der Wein war nicht schlecht. Die Stube war gut geheizt, die nasse Luft von draußen vermochte nicht durch die Doppelfenster zu dringen. Dem Kommissär wurde wohl, seine Augen bekamen einen trockenen und klaren Glanz, und er überlegte, wie er sich am besten an das Mädchen heranmachen könne. Diese Serviertochter musste einmal in der Stadt gedient haben, sie hatte verraufte Dauerwellen und trug ein kunstseidenes, schon ein wenig brüchiges Kleid. Studer hätte es als einen psychologischen Fehler empfunden, eine Dorfmaid zu einer «Consommation», wie sie in Genf sagten, einzuladen, hier konnte man es riskieren. Das Mädchen bügelte in der Nähe des großen steinernen Ofens, der von der Küche her geheizt wurde, gestärkte Schürzen. Studer klopfte auf den Tisch. Er war der biedere alte Handlungsreisende, der sich gern eine kleine Zerstreuung gönnt, obwohl die Zerstreuung hier etwas Überwindung kostete. Als das Mädchen mürrisch näher kam, fragte er verlockend, ob sie nicht auch etwas nehmen wolle, es sei so kalt draußen. Das Mädchen schwärm te für Wermut, es holte die staubige Flasche vom Wandbord, sagte: «Excusez» und «Wenn’s erlaubt ist», und drängte seine Magerkeit ziemlich dicht an den Kommissär. Und das Gespräch entspann sich. Studer ließ sich Zeit (man muss sich immer Zeit lassen); er reise in Düngemitteln, besonders Thomasschlacke sei jetzt sehr preiswert zu kaufen, ein ausgezeichnetes Phosphordüngemittel, aber er wolle zuerst ein wenig Bescheid wissen über die Leute in der Gegend, sein Auto habe er am Bahnhof gelassen, denn der Weg sei doch gar zu schlecht. Und er plätscherte und plätscherte weiter, und das Mädchen langweilte sich und gähnte. Das war das Richtige, wenn sie gähnte, so ehrlich gähnte, dann glaubte sie ihm seine Geschichte. Und vorsichtig begann er von den Bauern der Gegend zu reden und zu fragen, wer wohl den größten Hof habe und welche die besten Abnehmer seien, aber er wolle nur von solchen wissen, die Geld hätten im Haus. Und man habe ihm besonders den Berthold Leuenberger gerühmt, der habe so einen großen Hof, aber große Höfe seien meist verschuldet – ob man etwa bei diesem anklopfen könne? Und was das für ein schönes Kleid sei, das die Jungfer da anhabe, man sehe doch gleich, dass sie nicht von hier stamme; und gute Manieren habe sie, nur wie sie das Glas halte. Das kam alles in einem leise einschläfernden Redestrom, besonders die Komplimente, denn Studer hatte bemerkt, wie ein leises Erschrecken durch den mageren Körper neben ihm ging, als er den Namen Leuenberger nannte. Er säbelte an seinem Schinken herum. Ja, also dieser Leuenberger, ob es sich wohl empfehle, ihn zuerst zu besuchen? Komme er öfters in die Wirtschaft? In die bleichen Augen des Mädchens neben ihm kam ein seltsames Flimmern. Der Leuenberger habe den Leichenschmaus gestern bei ihnen gehabt.
«Leichenschmaus?», fragte der Kommissär, wer denn da gestorben sei.
«Seine Frau.»
Darin sei es wohl nicht günstig, ihn heute zu besuchen. Das Mädchen stieß ein pfeifendes Lachen aus, leerte das Glas, fragte zutraulich, ob es ihr erlaubt sei, noch eins zu trinken; der Kommissär nickte, das kam sicher gut, wenn diese Trucke halb betrunken war.
Und bohrte weiter. Also, der Leuenberger habe den Leichenschmaus hier gehabt, wie alt er denn sei, ob er wohl wieder heiraten wolle? Das Mädchen zierte sich. Oh, es werde sich schon eine finden, die nicht alles glaube, eine Couragierte. Es stellte sich heraus, dass der Leuenberger schon zu Lebzeiten seiner Frau oft in der Gaststube seine Abende verbracht hatte und dass eine Frau noch glücklich bei ihm werden könne. Was ist das für ein Mensch, dachte der Kommissär, dieser Bauer, hat nicht genug an vier Frauen, die er unter den Boden gebracht hat, nein, er schafft auf Vorrat, während die letzte noch am Leben ist, sorgt er schon für die folgende. Fast wäre ihm die Frage herausgefahren, ob sie denn nicht Angst hätte, über den Frauen des Leuenberger walte doch kein guter Stern, aber er schluckte die Bemerkung noch rechtzeitig hinunter, untersuchte aufmerksam das Deckblatt seines Stumpens (er hasste es, diese Rauchware am falschen Ende anzuzünden) und schwieg. Denn jetzt war Schweigen am Platz. Der Redestrom rann von selbst, wie aus einem angestochenen Fass, der Wermut hatte seine Wirkung getan. Nur nicht unterbrechen. Er erinnerte sich dunkel, dass ihm ein alter Untersuchungsrichter zu Beginn seiner Laufbahn diesen Rat gegeben hatte: sich unbemerkbar machen, wenn der andere einmal loslegt. Aber den Rat brauchte er nicht mehr, er wusste, bei Zeugenverhören, bei fälligen Geständnissen war Schweigen ein so starkes Druckmittel, dass die mittelalterlichen Foltermethoden dagegen zu einem einfachen Kinderschreck zusammenschrumpften.
Und er erfuhr genug, der Kommissär, er erfuhr genug, um sich ein ziemlich gelungenes Bild von diesem Leuenberger zu machen. Das Mädchen schilderte ihn ganz gut, als einen großen, mageren Mann mit noch dunkelbraunen Haaren trotz seinem Alter. Glattrasiert. Mit seiner ersten Frau hatte er dreißig Jahre zusammengelebt. Das Ehepaar hatte keine Kinder gehabt. Dann war die Frau an einer Lungenentzündung gestorben, vor zehn Jahren. Sie war fromm gewesen, den Bauer aber hatte man nie in der Kirche gesehen, auch nicht in der «Stunde». Nach dem Tode der Frau war er allein geblieben und hatte den Hof bewirtschaftet mit einer Magd und drei Knechten. Übrigens habe er einen schlechten Ruf, so als stehe er mit dem Teufel im Bunde. Das Mädchen lachte und ließ Goldplomben sehen; sie glaube nicht daran, aber Tatsache sei, der Leuenberger habe viel Zulauf, von weit herum kämen die Leute, um ihn zu befragen, wenn Krankheit im Stall sei, auch wenn der Doktor bei Menschen nicht mehr zu helfen wisse. Er stünde sonst gut mit dem Doktor, der Leuenberger, sagte das Mädchen, bei den Krankheiten seiner Frauen habe er immer den Arzt beigezogen, den Doktor Pfister, der sei jedes Mal ein-, zweimal hier heraufgekommen, der Leuenberger habe ihn gerufen, aber der Arzt habe nichts Rechtes finden können. Darmkatarrh, bei allen dreien, einmal habe er sogar an Typhus geglaubt, bei der zweiten Frau, aber er habe es dann doch nicht kontrollieren können, denn da sei die Frau schon gestorben gewesen. Ja, der Leuenberger sei arg verhasst, besonders bei den Frommen, und von diesen gehe die Sage aus, er stünde mit dem Teufel im Bunde; als ob es so etwas gebe, einen Teufel. Das Mädchen stieß wieder ihr pfeifendes Lachen aus, sie sei aufgeklärt, sagte sie; bevor sie in dieses Kaff gekommen sei, habe sie eine gute Stelle gehabt in der Stadt, und jetzt müsse sie hier hinter dem Mond leben, bei denen «Ruechen». Aber der Leuenberger, das sei so der Beste hier herum, immer manierlich, immer «Fräulein Rosa» sagt er, und einmal habe er sogar gefragt, ob sie nicht seine Frau sein wolle, wenn er wieder Witwer sei. Warum nicht? Sie glaube doch nicht alles, was die andern da erzählten, und Angst habe sie keine. Als Frau vom Leuenberger hätte sie dann keine Sorgen mehr, es ginge ihr gut, und der Leuenberger habe ihr versprochen, sie dürfe nach Bern fahren, wann sie wolle, er habe schon lange daran gedacht, sich ein Auto anzuschaffen. Und wenn sie dann so ihre ehemaligen Freundinnen besuchen könne und triumphieren über sie, da nehme sie es noch gern mit dem Teufel auf. Aber jetzt müsse sie in der Küche helfen, es wundere sie überhaupt, dass die Wirtin noch nicht gekommen sei, sie zu holen, sie müsse das Mittagessen kochen, ob der Herr auch hier essen wolle? ja, sagte Studer, gegen halb eins werde er zum Essen kommen; er wolle jetzt zuerst ein wenig bei den Leuten anklopfen, wegen den Düngemitteln.
Der Mantel war trocken, draußen bemühte sich eine schwindsüchtige Sonne, den milchigen Nebel zu trinken, es gelang ihr schlecht, es war zu viel da; sie gab es auf, von der Anstrengung war sie ein wenig rot geworden. Polizeikommissär Studer schritt durch die wenigen Häuser, die rechts und links von der Dorfstraße lagen; er trat hier ein, trat dort ein, zeigte eine biedere Miene und pries Thomasmehl an. Manchmal, wenn die Frau allein daheim war und der Mann fort, im Wald beim Holzen, wurde er in die Küche gebeten; es war nicht schwer, die Frau auf das gewünschte Thema zu bringen. Aber aus allen Gesprächen, die Studer an diesem Morgen führte, konnte er nur zwei ganz unwägbare Gefühle herausdestillieren: die Furcht, die alle Frauen vor dem Leuenberger hatten, und die Überzeugung, dass der Leuenberger drei Frauen umgebracht hatte. Der anonyme Brief war somit erklärt, aber einen Menschen auf Gerüchte hin zu verhaften, das ging nicht. Studer wurde unsicher. Weibergetratsch, dachte er und sah seinen schönen Sensationsprozess zerfließen wie den Nebel vor ihm, der gerade jetzt zwei glänzendrote, zierliche Bäumchen freigab. Sie glühten in der Sonne wie flüssiges Erz, und durch eine sonderbare Gedankenverbindung musste Studer an die Hölle denken, so wie er sie sich als kleiner Bube vorgestellt hatte.
Sie hatten ihm genug vom Teufel vorgeschwatzt, die Weiber, den ganzen Morgen lang. Schon als Bub sei der Leuenberger ein gar Merkwürdiger gewesen und habe mehr gesehen als andere Leute. Eine uralte Großmutter hatte sich erinnert, dass der Berthel, damals erst elfjährig, am Tag der zehntausend Ritter gegen Abend atemlos heimgekommen war, auf der Schwelle sei er zusammengebrochen, und in der Nacht habe er dann gefiebert. im Fieber habe er immer von einem schwarzen Mann erzählt, der sei auf einem schwarzen Roß über den Galgenhubel geritten. Und der Ritter, der Mann auf dem Roß, der habe keinen Kopf gehabt, aber er habe dem Jungen immer mit der Hand gewinkt. Seit diesem Tage sei der Leuenberger verändert gewesen. Er habe immer viel gelesen, die dicken Bücher, die sein Vater gehabt habe, sein Vater sei auch ein gar Kluger gewesen, der habe das Vieh besprechen können, und der Großvater Leuenberger auch. Sie seien vor Generationen hier eingewandert, die Leuenberger, niemand habe gewusst, woher sie gekommen seien.
Kein Sektionsprotokoll, keine richtiggehende Anzeige. Studer nannte sich einen Idioten. Er hätte doch wenigstens, bevor er hier heraufkam, sich an den Arzt wenden können, der die Frauen behandelt hatte, und diesen fragen, ob ihm nichts aufgefallen sei. Es war dem Kommissär ungemütlich zumute, er fröstelte (ob er sich wohl diesen Morgen bei dem Sauwetter erkältet hatte?), fühlte sich hin und her gerissen: Sollte er einfach ins Wirtshaus zurückgehen, dort zu Mittag essen und dann sangund klanglos wieder nach Bern zurückkehren? Aber es hielt ihn etwas zurück. Man blamiert sich nicht gern, wenn man einmal so lange Dienst getan hat. Und sollte er vor diesem Leuenberger einfach ausreißen? Ganz dunkel, und ohne dass er es hätte formulieren können, kam ihm die Überzeugung, dass das Frösteln einfach ein Zeichen der Angst sei. Was Erkältung! Er hatte schon oft, in noch ärgerem Wetter, stundenlang auf der Straße irgendeinem aufpassen müssen. Furcht vor dem Leuenberger! Er stampfte wütend vorwärts, aber so blindlings, dass die Sohle in eine Wasserlache klatschte und das Wasser an seinen Hosen in die Höhe spritzte. Den Leuenberger wollte er doch noch sehen. Was Teufelsvisionen, das war Mittelalter, und jetzt gehörte es ins Gebiet der Irrenärzte und der psychiatrischen Gutachten. Den Leuenberger wollte er noch kennenlernen!
Da war sein Hof. Studer stellte fest, dass er geträumt haben müsse, denn die roten Bäumchen waren jetzt gerade neben ihm, also war er kaum zehn Schritte vorwärts gekommen. Er nahm einen Anlauf, die nassen Hosen scheuerten an seinem Knie. Rechts von ihm breitete sich ein riesiger Obstgarten aus, alte Bäume, stellte Studer fest, aber vor noch nicht langer Zeit frisch gepfropft. Und dieser Obstgarten ließ eine dunkle Erinnerung in ihm auftauchen. Obstbäume – Schädlinge – Schädlingsbekämpfung.
Was brauchte man zur Schädlingsbekämpfung? Arseniate? … Vor der Tür des Hauses blieb Studer einen Augenblick stehen. Ein Giftprozess, bei dem er Zeuge gewesen war, ging ihm durch den Kopf. Was waren doch die Symptome von Arsenvergiftung? Durchfall? Ja, was hatte nur der Experte gesagt? Es sei manchmal schwer, eine Arsenikvergiftung festzustellen, die Ähnlichkeit mit anderen Darmkrankheiten sei groß. Nur die chemische Analyse der inneren Organe könne Sicherheit geben. War da der Angriffspunkt? Aber warum hatte dieser Leuenberger (wenn er ein Giftmörder war, und das war doch nicht bewiesen), warum hatte er dann seine Frauen ermordet? Es waren doch alles arme Meitschi gewesen, hatten sie ihm erzählt. Er hatte doch nichts davon. Warum? Er stieß die Tür auf, der Polizeikommissär Studer, legte sein Gesicht in biedere Falten und trat in die Küche. Sie war leer. Im Zimmer nebenan hustete jemand, Studer trappte laut auf die Fliesen, nebenan stand jemand auf, die Verbindungstür wurde aufgerissen, in ihr stand ein großer alter Mann und blickte auf den Eindringling.
«Was wollt Ihr?», fragte der alte Mann. Studer war in seiner Rolle, er redete ölig von Thomasschlacke und Düngemitteln, und ob er den Bauern vor sich habe. Und während er redete, hatte er Mühe, dem andern in die Augen zu sehen. Es war schwierig, sehr schwierig, die Lider nicht niederklappen zu lassen, dem Blick des andern standzuhalten. Eine alte Redensart ging dem Kommissär durch den Kopf: «Der kann auch mehr als Brot essen.» Und während Studer weiter plauderte, kroch ihm eine feuchte Angst den Rücken hinauf, nistete sich im Nacken ein, füllte den Kopf aus, brachte ihn fast zum Platzen, die Augen tränten, er musste den Blick niederschlagen, und dann schwieg Studer.
Der andere wartete, wartete eine geraume Weile. Dann kam von der Tür eine merkwürdig durchdringende Stimme; einen Ton hatte diese Stimme, der Erschütterungen im Körper auslöste, nicht unangenehme, so wie ein leichter elektrischer Strom. «Tretet näher», sagte die Stimme, «Ihr seid willkommen. Habt kein freundliches Wetter gehabt, um auf den Berg zu kommen.» Pause. «Und zu mir zu kommen, um Eure Düngemittel anzupreisen. Es wird wohl nicht so sehr pressieren. Ihr bleibet zum Essen bei mir, hab gern einen Gast von Zeit zu Zeit, man hört etwas von der Welt, und gerad jetzt seid Ihr willkommen, jetzt, wo ich im Leid bin.»
Polizeikommissär Studers Verstand hatte plötzlich jegliches exakte Arbeiten vergessen. Ich mach mich lächerlich, dachte er, während er seinen rundlichen Körper an dem sehnigen des andern vorbeidrückte. Ein helles warmes Zimmer, die Sonne spritzte viel flüssiges Gelb durch die kleinen Scheiben der Fenster. Es ging wirr zu im Kopf des Kommissärs, so einen habe ich noch nicht getroffen, so einen habe ich noch nicht getroffen, dachte er ununterbrochen, und fühlte sich als blutiger Anfänger, ohne Überlegenheit, winzig klein, wie ein Büblein in der Schule vor dem Lehrer. Der macht mit mir, was er will, dachte er noch. Studer, Studer, sagte er zu sich selbst, wärst du ins Wirtshaus gegangen, hättest dort gegessen und wärst dann heimgefahren. Studer, was ist mit dir los. Du hast doch schon andere Leute gebodigt, wirst du Angst haben vor so einem Bauer? Du wirst alt, Studer, lass dich pensionieren.
Der Leuenberger war gemütlich, er schien sich glänzend zu unterhalten bei diesem stummen Spiel. Natürlich, dachte Studer, der ist nicht auf meinen vorgeschützten Beruf hereingefallen. Der hat mich gleich erkannt als den, der ich bin. Und so sicher ist er … eine unerschütterliche Sicherheit. Der alte Leuenberger benahm sich untadlig, machte nicht zu viel Worte, nötigte den Gast auf die Bank am Fenster, setzte sich ihm gegenüber, schwieg. Schwieg lange.
Studer nahm einen Anlauf. «Ihr seid also im Leid?», fragte er, so harmlos als möglich, und auf einen kurzen Augenblick hob er die Augen. Unerträglich, was dieser alte Bauer für einen Blick hatte. Es sah aus, als seien seine Augen aus einem matten Stein, nur dort, wo die Pupillen saßen, drangen zwei spitze Strahlen hervor, anders konnte man das wohl nicht nennen, die trieben einem das Wasser in die Augen. Und Studer klappte wieder mit den Lidern.
«Ja», sagte Leuenberger, «meine Frau ist gestern begraben worden. Sie ist zu Verwandten gefahren, hat wohl etwas Unrechtes gegessen, sterbend haben sie mir die Leute ins Haus gebracht. Der Doktor hat sie kurz vorher gesehen, kurz vor ihrem Tode. Ein Darmfieber. Ja.» Und Leuenberger schwieg wieder. Er hatte die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, langfingrige Hände, stellte Studer fest, mit gekrümmten Nägeln daran, gelblichen Nägeln, gewölbt.
In der Küche lief jemand herum. «Rösi», rief Leuenberger, ganz sanft, es klang wie das Maunzen eines Katers; ein junges Mädchen erschien. «Lauf in die Wirtschaft und sag dort, sie sollen nicht auf den Herrn warten, der Herr isst hier.» Schweigend ging das Mädchen. Auch sie hatte den Blick nicht gehoben.
«Also», sagte Leuenberger und blickte auf die alte Tischplatte, «Ihr wollt mir Kunstdünger verkaufen … oder?» Wenn er die Augen gesenkt hielt, war sicher nichts Besonderes an diesem Bauer, er war ein alter Bauer wie andere auch, mit einem runden, samtenen Käppchen auf dem Kopf, das mit bunten Seidenblumen bestickt war. Welche von seinen Frauen hat ihm jetzt das Käppchen gestickt?, dachte der Kommissär, und zugleich sollte er antworten, und wieder war dies unangenehme Gefühl im Nacken da, ja, am ehesten erinnerte es noch, dies Gefühl, an den Eindruck, den man in einer Schlägerei hat: Man hat sich nach vorn zu wehren, und plötzlich bekommt man die Warnung, so als ob man Augen hinten im Kopf hätte, hinter dir steht einer mit aufgezogenem Gummiknüttel … und jetzt schlägt er. Furchtsam sah sich der Kommissär um. Hinter ihm war ein unschuldiges, niederes Fenster, niemand blickte durch die Scheiben, vor ihm saß ein alter Mann mit gefalteten Händen. Von nirgendsher drohte Gefahr. Und doch war es unheimlich in diesem sauberen Bauernzimmer – und ganz schnell schickte der Kommissär einen Blick ringsum. Ein alter Schrank, in einer Ecke der breite Ofensitz, ein Bord an der Wand, alte Bücher darauf. Studers Blick blieb an den Büchern haften. Leuenberger sah auf, folgte der Richtung, nickte, sagte, als müsse er eine Frage beantworten: «Alte Bücher, ja, vom Urgroßätti, Bücher, die man nicht mehr findet, mit handschriftlichen Bemerkungen. Ich zeig sie nur nicht gern.» Und wieder das Schweigen. Draußen, in der Küche, das scheue Klappern von Holzböden, das Mädchen musste zurück sein. Pfannen rasselten. Wasser lief Ein Hahn krähte vor dem Fenster. Und nicht einmal ein Sektionsprotokoll, dachte der Kommissär, wie kann man an diesen Menschen herankommen, das Spiel beginnen. Es kam ihm ein dummer Vergleich in den Sinn, aber er wurde ihn nicht los: wie beim Jassen, musste er denken, der Gegner hat die Hände voll Trümpfe, er trumpft, trumpft, er hofft, den Match zu machen, nur eine falsche Karte hat er, und beim vorletzten Stich hat man noch zwei As in der Hand, welches soll man verwerfen? Verwirft man das falsche, ist man der Lackierte. Auch hier. Der andere hatte alle Trümpfe, aber eine falsche Karte hatte er, das Gefühl hatte Studer deutlich, und er musste verwerfen, verwerfen. Wenn er nicht die richtige Karte behielt, dann war alles verspielt, sein ganzes Leben war nichts wert, hier war ein Kampf, auf seinem Boden eigentlich, er war doch auch ein Bauernsohn! Gott, die Internationalen! So klug waren sie nicht, und die großen Kanonen kamen ja nie in die Schweiz. Aber dieser Bauer, dieser Leuenberger, der reizte ihn, dem musste er es zeigen. Und dabei hatte das Spiel doch kaum begonnen, und wo war der Einsatz? Diesmal war es nicht ein halber Liter Fendant, es ging um mehr. Ganz geistesabwesend zog Studer sein Taschentuch aus der Tasche und wischte sich die Stirn. Er schwitzte.
Dieses Schweigen in dem kleinen Zimmer! Es war nicht zum Aushalten. Und dann wurde es auch noch dunkel draußen, der Nebel hatte sich wohl wieder eingefunden, nein, es regnete, ganz leise plätscherte es gegen die Scheiben. Ihm gegenüber der sanfte alte Mann mit dem Samtkäppi und den gestickten Blumen. Und da spielte der Bauer den ersten Trumpf aus:
«Ihr habt Euch gar viel um mich interessiert, Herr», sagte er, mit einer so stillen, unbeteiligten Stimme, und ganz ruhig blieb er dabei, einen Moment nur blitzten die Strahlen aus den versteinten Augen. «Was meint Ihr?», fragte Studer unbedacht und hätte das Wort so gerne wieder eingefangen, er hätte schweigen sollen, Schweigen war das Beste, was hatte der alte Untersuchungsrichter gesagt? Und er seufzte, denn er dachte: Untersuchungsrichter haben gut reden, die sitzen in ihrem Büro, wir haben die Vorarbeiten getan, sie thronen hoch oben, sie haben Autorität. Ich möcht einen Untersuchungsrichter an meiner Stelle sehen.
Aber der andere schien das Spiel auch zu kennen, denn auf die Frage des Kommissärs schwieg auch er und blickte nur still und ruhig auf seine gefalteten Hände. Dann sagte der Leuenberger mit seiner tönenden Stimme: «Ja, drei Frauen hab ich verloren in den letzten Jahren, es muss ein Fluch sein auf meinem Hof», und schielte lauernd zu seinem Gast, wie das Wort «Fluch» wirken werde. Aber nun hatte auch der Kommissär etwas gelernt, das Taschentuch behielt er zwar in Händen, aber er verschränkte die Finger darüber und nickte scheinheilig.
Das Mädchen brachte das Essen, es war Speck, Sauerkraut, Erdäpfel. Die Männer aßen schweigend. In der Küche trampten die Knechte, der Kommissär hörte, wie sie absaßen, hörte das Klappern der Löffel in den Tellern, spitzte die Ohren, ob er nicht ein Wort erhaschen könne durch die angelehnte Tür. Die Knechte aßen schweigend, Stühlerücken, sie klapperten hinaus, das Mädchen kam ins Zimmer, räumte den Tisch ab, stellte eine Flasche «Brönnts» auf den Tisch, zwei Gläser, verließ wieder das Zimmer. Das waren keine Schnapsgläser, das waren Weingläser. Der Leuenberger füllte die Gläser, trank das seine mit einem Ruck leer, der Kommissär folgte dem Beispiel, er hätte am liebsten einen langen Fluch hinausgeschmettert, aber mittendrin wäre ihm der Atem ausgegangen. Das war ja Salpetersäure! Der Leuenberger verzog keinen Muskel im starren Gesicht. «Ein gutes Schnäpslein», sagte er, und es schien dem Kommissär, als grinse er auf den Stockzähnen. Und dann spielte er den zweiten Trumpf aus: «Was hat sich die Polizei in Bern um meine Angelegenheiten zu kümmern, dass sie einen Kommissär zu mir heraufschickt? Hab ich etwas verbrochen?» War es der Schnaps, der zu wirken begann, war es der offenkundige Hohn, plötzlich war Studer ganz klar «im Grind», wie er sagte. Die Ängstlichkeit war plötzlich fort, er fühlte plötzlich ganz deutlich, der da gegenüber ist reif, jetzt ihm nur Zeit lassen, jetzt mit ihm saufen den ganzen Nachmittag lang. Noch einmal verwirrten sich seine Gedanken, ganz kurz, er dachte an seine Gesundheit: Bei deinem Herzen, dachte er, kann es dich einen Schlag kosten. In Gottes Namen, dachte er weiter, die Kinder sind fast erwachsen, die Alte hat die Pension, war wieder klar, zog das Schnupftuch, tat verlegen, schneuzte sich, bevor er antwortete, und ließ seine Antwort ganz kläglich klingen: «Oh, gegen Euch hat man apartig nichts, aber es sind natürlich immer böse Mäuler um den Weg, und wir haben da einen Brief empfangen, der …» Er zögerte scheinbar, dann zog er den Brief aus der Tasche und legte ihn vor den Bauer hin.
Бесплатный фрагмент закончился.
