Читать книгу: «Weiße Spuren»

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Fred­rik Ska­gen

»Friendship often ends in love,

but love in friendship – never.«

Charles Caleb Colton

Montag, 18. März
Bibliothekarin vermisst

Die Trondheimer Polizeibehörden fahnden nach der Bibliothekarin Anne Lise Vatn (Foto), die seit dem Morgen des 14. März spurlos verschwunden ist. An diesem Tag verließ sie ihre Wohnung am Myklestien in Byåsen, um zu ihrem Arbeitsplatz in die Stadt zu fahren. Anne-Lise Vatn ist bei der Volksbibliothek Trondheim am Peter Egges Plass beschäftigt. Weil auch ihr Auto bislang nicht gefunden wurde, befürchtet ihr Lebensgefährte, ihr könne etwas Ernstes zugestoßen sein.

Anne-Lise Vatn (39) ist 1,70 groß, schlank und spricht Trønderdialekt. Sie hat hüftlanges aschblondes Haar und blaue Augen. Vor ihrem Verschwinden trug sie eine dunkelbraune Wildlederjacke, einen schwarzen Rock, schwarze Handschuhe und braune Stiefeletten. Ferner hatte sie eine Umhängetasche aus dunklem Leder bei sich. Bei ihrem Auto handelt es sich um einen grünen Honda Civic, Baujahr 1992, Kennzeichen: XD-51759.

Ihrem Lebensgefährten zufolge war sie bei guter Gesundheit, neigte jedoch in letzter Zeit zu Depressionen.

Freitag, 19. April

Für Arvid K. Bang, von Freunden des Schützenvereins »Bangen« genannt, war dies ein ganz gewöhnlicher Tag, bis er nach der Arbeit noch auf die Post ging und schließlich an die Reihe kam. Wie immer an einem Freitagnachmittag waren viele Menschen in der Filiale in Elgeseter, und so prüfte er seiner Gewohnheit gemäß zunächst, in welcher Schlange er sich einordnen sollte. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass es in der längsten Schlange am schnellsten voranging, denn in der kürzesten befand sich in der Regel eine Nervensäge, die mit tausend Fragen den Verkehr aufhielt. Heute in Gestalt einer Frau in verschlissenen Kleidern, die aussah wie die reinste Vogelscheuche. Er hatte jedoch den Eindruck, als habe die Frau bereits eine ganze Zeit lang am Schalter gestanden und ihr Anliegen bald erledigt, sodass er es für das Beste hielt, sich hier einzureihen. Hinter ihr wartete ein Student, der nur einen Umschlag in der Hand hielt, gefolgt von einem älteren Herrn, der sicher nur seine Pension abheben wollte. In den beiden anderen Schlangen standen jeweils fünf Personen, und Arvid zögerte nicht lange, ehe er sich der kürzesten anschloss.

Während des Wartens steckte er seine Hand in die Jackentasche und holte zwei rechteckige Formulare heraus: einen pfirsichfarbenen Auszahlungs- sowie einen etwas helleren Einzahlungsschein. Er hatte sie bereits im Voraus ausgefüllt, in seinem unterirdisch gelegenen Archiv am Holtermannsvegen gesessen und sich genau überlegt, wie viel Geld er von seinem Konto abheben durfte. Nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel, obwohl sich der Zinsverlust in Grenzen hielt. Seine Ersparnisse waren ohnehin bescheiden und hatten sich in letzter Zeit erheblich reduziert. Von den maximal sechs Abhebungen innerhalb eines Jahres hatte er bereits drei getätigt, und schließlich war es erst April. Dass es nun zu einer vierten kam, lag nicht zuletzt an einer unvorhersehbar kostspieligen Autoreparatur; außerdem hatte er – wie ihm jetzt klar wurde – bei den letzten beiden Totorunden unverzeihlich hohe Beträge gesetzt. Es wäre sicherlich gut gegangen, wenn er sein System um einige risikolose Tipps erweitert hätte.

Aber wer hätte denn ahnen können, dass er sich ausgerechnet bei den vermeintlich sichersten Tipps verrechnen würde, und das zwei Wochen nacheinander?

Er ärgerte sich immer noch darüber, dass er der Versuchung nicht widerstanden und mehrere tausend Kronen verloren hatte. Dieses Geld hatte er regelrecht verplempert und Idioten in den Rachen geworfen, die aufs Geratewohl tippten, anstatt die Tabellen zu studieren und Spiel für Spiel nüchtern zu analysieren. In dieser Woche musste er sich beherrschen und durfte nicht mehr setzen, als sein Kontostand zuließ. Vielleicht sollte er sogar eine Totopause machen und es stattdessen mit einem Lottoschein versuchen, der für die Ziehungen der nächsten fünf Wochen galt. Waren nicht aller guten Dinge drei?

Die Vogelscheuche wollte wissen, ob sie ihren Pass benötige, wenn sie in Deutschland etwas von ihrem Konto abheben wollte. Und ob ihr der Schalterbeamte nicht Alternativen zu Bargeld vorschlagen könne. Sie habe schreckliche Geschichten gehört, wie leicht einem heutzutage das Geld abhanden komme. Gab es nicht so etwas wie Reiseschecks? Ach wirklich, eine Scheckkarte wäre praktischer? Diese Plastikkarten, die man in Automaten steckte? Sei das nicht alles fürchterlich kompliziert?

Der Mann im Diensthemd, der hinter dem Schalter saß, war von engelsgleicher Geduld, argumentierte und erklärte, holte Broschüren und erläuterte deren Inhalt. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete Arvid, wie es an den beiden anderen Schaltern voranging, doch als er sich gerade entschieden hatte, die Schlange zu wechseln, betraten zwei neue Kunden die Filiale und reihten sich jeweils in die beiden anderen Schlangen ein, die Hände voller Formulare. Warum war ausgerechnet er immer vom Pech verfolgt? Auf einem Postamt in London – damals, als er mit Vibeke eine Pauschalreise gemacht hatte – war er mit einem sehr viel gerechteren System konfrontiert worden. Alle warteten in einer Schlange, und wenn über einem Schalter ein Licht anging, war der nächste Kunde an der Reihe. So konnte es auch nicht vorkommen, dass einem jemand über die Schultern guckte oder in den Rücken stieß. Arvid hatte dieses System einmal einer jungen Schalterbeamtin dieser Filiale vorgeschlagen, doch sie hatte ihn nur verwundert angeschaut und gesagt, nach der alten Methode ginge es im Großen und Ganzen auch gerecht zu. Ja – im Großen und Ganzen.

Selbst dem Studenten hinter der unvorteilhaft gekleideten Dame wurde es jetzt zu viel. Er drehte sich um, verzog das Gesicht und zuckte ratlos mit den Schultern. Der Rentner schaute den jungen Hanswurst mit Unverständnis an, doch Arvid nickte ihm vielsagend zu und erlaubte sich, den Finger an die Schläfe zu führen und zu drehen, wie er es einmal bei der Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland während eines Fernsehauftritts gesehen hatte. Kannte die Geduld des Schalterbeamten denn gar keine Grenzen? Außerdem wurde deutlich, dass die Frau überhaupt nicht vorhatte, in der nächsten Zeit nach Deutschland zu reisen. Sie befriedigte auf dem Postamt nur ihre Redseligkeit. Kontaktbedürfnis nannte man das wohl. In einer vollkommenen Welt, dachte der Pistolenschütze Arvid in einer Sekunde tiefsten Hasses, hätte so ein Wesen kaum eine Existenzberechtigung. Mit dem Gesetzbuch in der Hand hätte er seine Walther ziehen und sie umlegen können. Ein Schuss in den Nacken wäre genug. Paff.

Wie ihm bereits geschwant hatte, wurden auch die beiden Kunden, die lange Zeit nach ihm die Filiale betreten hatten, vor ihm bedient. Als er endlich an der Reihe war, schob er seine beiden Scheine mit wenig Enthusiasmus unter den Gitterstäben hindurch, und obwohl der Beamte so freundlich lächelte wie immer, hatte Arvid keine Lust so zu tun, als sei er damit einverstanden, dass ein Postangestellter einer Frau zehn Minuten lang gestattete, die Filiale als Sozialamt zu benutzen. Er war selbst im öffentlichen Dienst tätig und trat anderen Menschen stets freundlich entgegen, ließ jedoch nie zu, dass dies auf Kosten anderer ging, die seine Dienste ebenfalls in Anspruch nehmen wollten. Der Mann hinter dem Schalter legte die Scheine vor sich hin und begann Zahlen und Buchstaben einzutippen. Dann hob er den Kopf und starrte auf den Monitor, vermutlich um zu kontrollieren, ob der Kontostand für die Auszahlung noch ausreichte, was natürlich der Fall war. Arvid besaß zu jeder Zeit vollkommene Übersicht über seine Finanzen, und allein der Gedanke, sein Konto womöglich zu überziehen, lag ihm fern.

»Irgendwas nicht in Ordnung?«, fragte er interessiert und mit der Verbindlichkeit, die ihm meist zu Eigen war, wenn er endlich an die Reihe kam. Im Grunde war er ein umgänglicher Mensch, der versuchte, mit allen gut auszukommen. Alle, die Arvid K. Bang kannten, bezeichneten ihn als liebenswürdigen, jovialen Kerl, der mit jedermann gern ein Gespräch anknüpfte, zu den meisten Themen durchdachte Ansichten vertrat und großzügig gute Ratschläge verteilte, wenn auch die wenigsten danach fragten. Er suchte stets nach Lösungen, auf die noch keiner gekommen war. Zuweilen fand er auch welche, obgleich sie sich in der Regel als nicht praktikabel erwiesen. Einige waren der Ansicht, er gehöre zu den Typen, die das Rad stets aufs Neue erfinden wollten, und was seine eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten betraf, galt er als unerschütterlicher Optimist. Niemand zweifelte daran, dass er von Heldentaten träumte, denn wenn die Einsatzwagen mit Blaulicht an ihm vorbeijagten, schaute er ihnen sehnsüchtig nach – vom Wunsch besessen, dort zu sein, wo etwas passierte.

Doch genau da, wo er es am wenigsten erwartet hätte, auf einem Postamt in Trondheim, empfing er den ersten Hinweis darauf, dass sich etwas ereignet hatte, das sein Leben bald verändern und ihn ins Rampenlicht rücken sollte.

»Nein, nein, alles in Ordnung«, sagte der Beamte lächelnd und zwinkerte gutmütig mit dem rechten Auge, denn der Kunde war ihm gut bekannt. »Wie schön, etwas auf der hohen Kante zu haben«, fügte er diskret, beinahe verschwörerisch hinzu.

Auf der hohen Kante?, dachte Arvid. Das konnte nur ironisch gemeint sein, denn nach der Abhebung würden sich noch genau 22 500 Kronen auf seinem Sparkonto befinden.

Der Beamte schob den Auszahlungsschein zu ihm zurück. »Sie haben vergessen, zu unterschreiben.«

»Oh, Entschuldigung.«

Arvid musste sich einen Stift leihen. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die Formulare immer erst auf dem Postamt zu unterschreiben, falls sie einmal verloren gehen und in fremde Hände gelangen sollten. Doch heute hatte ihn die Wahl der richtigen Schlange derart in Anspruch genommen, dass er vorher nicht daran gedacht hatte. Er schrieb seinen Namen und schob das Formular zurück. Der Beamte legte es in den Einzugschlitz des Druckers, der es verschluckte und ein brummendes Geräusch von sich gab, bevor er das Formular wieder ausspuckte. Dasselbe geschah mit dem Einzahlungsschein, und wie immer wunderte sich Arvid darüber, woher der Drucker wusste, an welcher Stelle die Zahlen zu drucken waren. Ganz gleich, welche Formate man in den Einzugschlitz legte – Rechnungen, Überweisungsvordrucke oder Sparbücher –, die Zahlen landeten immer in der richtigen Rubrik.

Nachdem die Hälfte der Auszahlungssumme auf sein Girokonto überführt worden war, nahm Arvid den Rest in bar entgegen. Er bedankte sich und zählte die Hundert-Kronen-Scheine nach.

»Könnte ich auch einen Kontoauszug bekommen?«

»Vom Sparkonto?«

»Am liebsten von beiden, danke.«

Danach verabschiedeten sie sich und wünschten sich gegenseitig ein schönes Wochenende. Arvid trat rasch und rücksichtsvoll einen Schritt zur Seite, um Platz für den nächsten Kunden zu machen, bevor er das Geld in sein Portemonnaie steckte. Er kannte nichts Schlimmeres als Leute, die ewig vor dem Schalter stehen blieben und in ihren Sachen kramten, obwohl sie längst nicht mehr bedient wurden. Dann ging er zu einem der Tische, die vor den Fenstern standen, und überprüfte dort gewohnheitsgemäß die Ausdrucke. Auf sein Girokonto waren dreitausend Kronen überwiesen worden, das stimmte. Doch der Saldo seines Sparkontos war nicht richtig. Dem Ausdruck zufolge belief sich sein Kontostand auf 222 500 Kronen.

Er zuckte nicht sogleich zusammen, denn er glaubte zunächst, bei der ersten Ziffer handele es sich um ein Staubkorn oder ein winziges Insekt, das sich von den leblosen Topfpflanzen der Fensterbank auf das Papier verirrt habe. Er wischte mit dem Finger über die Stelle und hielt den Ausdruck näher vor seine Augen. Aber die Ziffer stand immer noch da, genau so deutlich wie die anderen. Für den Bruchteil einer Sekunde durchrieselte ein wohliger Schauer sein Zwerchfell, bevor er sich enttäuscht eingestand, dass es sich um einen Irrtum handeln musste. Irgendwer hatte unbeabsichtigt eine falsche Kontonummer angegeben – seine Kontonummer –, und bei dieser Person konnte es sich ebenso gut um irgendeinen Kunden wie um einen nachlässigen Postangestellten handeln. Er musste den Schalterbeamten sofort informieren, denn schließlich war es nur eine Frage der Zeit, wann der Fehler entdeckt würde. Eigentlich war es unfassbar, dass so etwas überhaupt passierte. Die elektronische Datenerfassung sollte doch ausschließen, dass Beträge auf dem falschen Konto landeten. Aber auf dem Auszug stand es schwarz auf weiß: Saldo zu Ihren Gunsten: 222 500 Kronen. Zu Ihren Gunsten, dachte Arvid. Das hörte sich fast wie »Ihr Geld« an – der Name des Magazins, das er vor wenigen Wochen in der Hoffnung studiert hatte, ein paar Tipps für seine private Geldanlage zu erhalten. Allerdings hatte er rasch begriffen, dass die Tipps für Leute wie ihn nicht in Frage kamen. Um richtig ins Aktiengeschäft einzusteigen, brauchte man größere Geldreserven als er und musste auch eventuelle Verluste verkraften können. Er hätte nichts lieber getan, als sich an der Börse zu versuchen, aber was half schon das Gespür für die Schwingungen eines spannenden Aktienmarkts, solange sein Startkapital nahezu lächerlich gering war. Mit einem ordentlichen Totogewinn würde er die Tür zum Weltmarkt eventuell aufstoßen können.

Draußen vor dem Postamt steckte er die Papiere in die Jackentasche und ging zum Kiosk, der sich gegenüber der Volksschule befand. Dort kaufte er eine Tafel New Energy und eine Zeitung, die am Freitag immer die neuesten Informationen zu den Totospielen des nächsten Tages veröffentlichte – Hinweise, die nicht zu verachten waren. Mit der Zeitung unter dem Arm machte er sich auf den Heimweg.

Er hatte sich gar nicht mehr an den Schalterbeamten gewandt. Denn zum einen hätte er sich wieder ans Ende der Schlange stellen müssen, und zum anderen ... tja, zum anderen? Bestand nicht doch eine klitzekleine Möglichkeit, ging ihm durch den Kopf, dass es mit der Überweisung seine Richtigkeit hatte, dass irgendeine Person oder Institution, auf deren Namen er jetzt nicht kam, ihm einen Betrag überwiesen hatte, der ihm zustand? Vielleicht die Zuwendung einer kinderlosen Verwandten, über die sie ihn vor ihrem Ableben nicht mehr hatte informieren können. Eine Erbschaft, über die er längst hätte in Kenntnis gesetzt werden sollen. Oder war es denkbar – ja, warum denn nicht? –, dass einer seiner Totoscheine doch ins Schwarze getroffen hatte, er ihn aber nicht mehr hatte überprüfen können, weil er ihm zufällig aus seiner Mappe gerutscht und auf den Boden gefallen war? Oder, noch wahrscheinlicher, dass der Norwegischen Lotteriegesellschaft in Hamar ein Auswertungsfehler unterlaufen und ihm durch einen Computerfehler der Gewinn zuerkannt worden war.

Ein Fehler, der nie entdeckt werden würde?

Oder der es, falls er entdeckt würde, der Lotteriegesellschaft aus moralischen Gründen unmöglich machte, das Geld zurückzufordern?

Erneut durchrieselte ein wohliger Schauer sein Zwerchfell.

Nur wenige hundert Meter vom Postamt entfernt, musste er bereits stehen bleiben, den Kontoauszug aus der Tasche nehmen und einen verstohlenen Blick auf ihn werfen. Während sein Oberarm die Zeitung an den Körper drückte und seine Zähne das Papier der Schokoladentafel aufrissen, die er in der linken Hand hielt, betrachtete er das Papier in seiner rechten. Dort stand immer noch: Saldo zu Ihren Gunsten: 222 500 Kronen. Er warf einen Blick auf die Kontonummer, die elf magischen Ziffern, die irgendjemand fälschlicherweise benutzt hatte. Auf den ersten Blick wirkte die Nummer korrekt, doch er kannte sie nicht auswendig. Vermutlich war es gar nicht sein Konto, der Fehler lag sicher am Schalterbeamten, der, vom Gespräch mit der geschwätzigen Frau ermüdet, auf ein Konto zugegriffen hatte, das einem anderen gehörte. So musste es sein.

Alle schönen Träume eines beiläufig eingestrichenen Gewinns zerplatzten auf der Stelle. Irritiert und enttäuscht zog Arvid sein Portemonnaie hervor. Während er es öffnete und den Zettel fand, auf dem er die Nummer seines Sparkontos notiert hatte, zitterten seine Hände so stark, dass er die Schokolade fallen ließ. Er kümmerte sich nicht darum und verglich die Zahlen, Ziffer für Ziffer. Noch einmal, langsam. Unwillkürlich spitzte er die Lippen. Null – fünf – vier – null – fünf ...

Danach war er so erregt, dass er beinahe auch sein Portemonnaie hätte fallen lassen. Es war seine Kontonummer. Es war sein Geld.

Die Euphorie ließ ihn für einen Augenblick vergessen, dass es sich rechtmäßigerweise kaum um sein Geld handeln konnte. Er faltete den Auszug sorgsam zusammen und steckte ihn ins Portemonnaie, das er wieder in seiner Jacke verschwinden ließ. Dann drehte er sich um und wollte die Schokolade aufheben, musste jedoch zur Seite springen, als ein junger Bursche viel zu schnell über den Bürgersteig radelte. Solche Typen sollte man erschießen.

Seine Schokolade mümmelnd, den Kopf voller sehnsüchtiger, verwirrender und erwartungsfroher Fantasien, spazierte er weiter die Klostergata entlang. Es war ein schöner Nachmittag, der einen baldigen Frühling verhieß. Die letzten Schneereste waren soeben geschmolzen, doch ein zufälliger Beobachter hätte sicher den Eindruck gewonnen, dass ihn alles andere als das Wetter interessierte. Wie immer ging er entschlossenen Schrittes – vermutlich ein Mensch mit klaren Zielen und festen Gewohnheiten. Der 48-jährige Arvid Bang war ein klein gewachsener Mann, der seine Körpergröße mit extra dicken Sohlen zu kompensieren versuchte. Er war ein wenig untersetzt, hielt sich aber gerade. Paul Mortensen, der Vorsitzende des Schützenvereins, behauptete, Bangen strotze vor Gesundheit, und dies war keine schlechte Beschreibung. Denn dem beträchtlichen Verzehr von Hamburgern, Chips und Schokolade zum Trotz war Arvid immer noch gut in Form. Er rauchte nicht, fuhr nur in Ausnahmefällen mit dem Auto zur Arbeit, lief Ski und ging hin und wieder zum Krafttraining. Im Sommer spielte er sogar ab und zu Altherrenfußball. Wenn er nicht gerade mit Vibeke fernsah oder ein Kreuzworträtsel löste, machte er sich auf den Weg zum Schützenverein in Buran und schoss ein paar Serien. Zum Wettkampfschützen hatte er es nie gebracht, machte sich jedoch unentbehrlich bei der Ausrichtung von Wettkämpfen, der Verteilung von Prämien und der Wahrnehmung administrativer Aufgaben. Vibeke und er hatten viel Zeit, jetzt, da ihr einziger Sohn Ola nach Bergen gezogen war, um Wirtschaft zu studieren. Ein Studium, von dem Arvid selbst geträumt, das er jedoch nie realisiert hatte. Was nicht an seinen Fähigkeiten lag – so viel wusste er –, doch bereits als Zehnjähriger war er darauf erpicht gewesen, sein eigenes Geld zu verdienen, und seine Eltern hatten ihm keine Steine in den Weg gelegt, als er gleich nach Beendigung der Mittelschule eine Stelle bei der Stadtverwaltung antrat.

Genau das hätten sie tun sollen, bemerkte er zuweilen bitter, nachdem er – was selten vorkam – zu tief ins Glas geschaut hatte. Ein Mensch mit seinem Potential sollte sich zu einer höheren Ausbildung eigentlich nicht nur aufgefordert, sondern geradezu gezwungen fühlen. »Aber es hat keinen Sinn«, pflegte er abgeklärt hinzuzufügen, »der Vergangenheit nachzutrauern.« Vibeke nickte dann mehr oder minder bereitwillig, hatte ihrem Ehemann jedoch nie die Frage zu stellen gewagt, ob er seine geistigen Fähigkeiten womöglich überschätzte.

Zunächst war es nur ein Sommerjob gewesen, doch er blieb dabei, als die Behörde in das neue, geräumige Haus am Holtermannsvegen umzog, wo sich die Ingenieure der Gemeinde niederließen. Ihm gefiel es dort gut. Im Gegensatz zu den meisten anderen ungelernten Angestellten und Assistenten war er flink und wissbegierig und begriff frühzeitig die Notwendigkeit, selbst aktiv zu werden und die Initiative zu ergreifen. Es dauerte nicht lange, bis er sich herausnahm, konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Archivarbeit zu machen, und obwohl sein Chef nicht von all seinen Ideen begeistert war, wurden doch so viele in die Tat umgesetzt, dass man ihn beachtete. Am Anfang war der Keller ein chaotisches Magazin, das nicht nur das Archiv beherbergte, sondern in dem von Brechstangen und Spaten bis zu Winkelmessgeräten, Karten und Nivellierinstrumenten einfach alles aufbewahrt wurde. Arvid hatte dazu beigetragen, Ordnung zu schaffen – weg mit allem, was nicht ins Archiv gehörte! –, und die Arbeit befriedigte seinen Hang zu systematisierter Routine. Im Laufe seiner bald dreißigjährigen Karriere hatte sich vieles verändert, auch was seinen persönlichen Status betraf. Hatte er als Laufbursche begonnen, der Messgeräte in den Boden steckte, verfügte er nun über eine eigene Zelle, die durch Glas und Leichtbauwände vom Archiv abgetrennt war. Nachdem er mit der Zeit einen Schreibtisch, Telefon, Computer sowie ein Kopiergerät bekommen hatte, begann er die Zelle als Büro zu bezeichnen. Jeder, der eine Mappe einsehen oder ausleihen wollte, musste dies nun schriftlich quittieren und sich einem praktischen System unterordnen, das der frühere Assistent ausgearbeitet hatte. Dank der Gewerkschaft, seiner Emsigkeit und Redebegabung sowie verschiedener Abendkurse hatte sich Arvid in den letzten Jahren den Titel eines Archivars zulegen können, obwohl er keine fachliche Ausbildung besaß. Diesem Status hatte er es zu verdanken, dass er an Abteilungskonferenzen teilnehmen durfte. Phasenweise standen sogar zwei bis drei Assistenten unter seinem Kommando. Wenn ihm jemand zu Leibe rückte, zögerte er nicht, sich als Chefarchivar zu bezeichnen.

Doch die jüngeren Kollegen mochten ihn, denn er war freundlich und umgänglich und alles andere als ein Sklaventreiber. Über ausgedehnte Kaffeepausen und private Telefongespräche sah er großzügig hinweg, vorausgesetzt, die Arbeit wurde gewissenhaft erledigt. Im Gegenzug scherten sich die Assistenten nicht darum, dass ihr Chef einen erheblichen Teil seiner Arbeitszeit dem Schützenverein widmete. Zwar geschah es, dass sie hinter seinem Rücken feixten und die Ansicht vertraten, sein Arbeitsstil nehme parodistische Züge an, doch solange er auf ihrer Seite stand und sich für ihre Interessen einsetzte, sahen sie keinen Grund, sein Gebaren zu kritisieren.

In diesem Moment baute er ein Luftschloss nach dem anderen und fantasierte, inwieweit sich sein Leben verändern würde, wenn ihm wirklich ein zusätzliches – steuerfreies! – Jahresgehalt zufiele. Sobald er nach Hause kam, würde er zunächst die telefonische Kontoauskunft in Anspruch nehmen. Damit konnte er sichergehen, dass die Summe tatsächlich auf sein Konto eingegangen war und der Postangestellte in dieser Hinsicht keinen Fehler gemacht hatte.

Sie wohnten unten auf der Insel, er und Vibeke, in der dritten Etage eines von zwei roten Backsteinblocks am alten Eislaufstadion, und verfügten in der an die Klostergata angrenzenden Baracke über einen Garagenstellplatz. Die Eigentumswohnung befand sich am Ende des Wohnblocks, besaß Wohnzimmer, Küche, Bad sowie zwei Schlafzimmer und gestattete vom Balkon aus einen schönen Ausblick auf den Fluss und den Elsterpark. Wenn man sie beispielsweise mit der Wohnung Paul Mortensens in Heimdal verglich, war sie nicht gerade geräumig, doch Arvid hatte ihm nach dem Kauf versichert, sie zu einem ungewöhnlich niedrigen Preis erworben zu haben. Außerdem, fügte er hinzu, sei sie größer als die übrigen Wohnungen des Hauses, weil dem Architekten bei der Raumaufteilung offenbar ein Fehler unterlaufen wäre. Paul, der Arvids Neigung zur Schönrednerei kannte, hatte gegrinst und augenzwinkernd eingeräumt, jedermann könne sehen, dass sich die Wände seiner Wohnung im dritten Stock nach außen beulten, aber diese Art der Ironie prallte in der Regel an Arvid ab. Er lächelte bloß und betonte, wie praktisch es sei, auf der Insel zu wohnen. Zur Arbeit könne er zu Fuß gehen und ins Zentrum sei es nur ein Katzensprung. Paul musste ihm Recht geben.

Bereits im Treppenhaus erkannte er, dass Vibeke noch nicht zu Hause war, denn im Briefkasten befanden sich lauter Reklamezettel sowie eine Rechnung an ihn und ein an sie beide adressierter Brief von Ola. Im Laufschritt nahm er die Treppen nach oben. Im Grunde hätte er als Erstes die Kartoffeln aufsetzen sowie das fertige Fischgratin aus dem Gefrierfach nehmen und in den Ofen stellen sollen, doch an diesem Freitag hatte das Telefon Vorrang. Aus Gründen, die ihm selbst nicht richtig klar waren, wollte er die Sache regeln, bevor Vibeke auftauchte. Nachdem er sicherheitshalber die alten Totoscheine kontrolliert hatte – allesamt ohne Gewinn –, setzte er sich in den braunen Fernsehsessel, legte die betreffenden Formulare vor sich auf den Tisch, griff zum Telefon und wählte die Nummer. Es war nicht das erste Mal, dass er den Kontostand telefonisch abfragte, daher war er auch nicht überrascht, als er eine sanfte Frauenstimme hörte:

»Willkommen bei der telefonischen Kontoauskunft der Postbank. Geben Sie bitte Ihre elfstellige Kontonummer ein und drücken sie auf die Rautentaste.«

Arvid gehorchte. Sorgsam drückte er die richtigen Tasten. Er hatte gehört, dass man für die telefonische Kontoauskunft ab dem Sommer in Oslo anrufen und stattdessen sein Geburtsdatum angeben musste. Solche Verbesserungen waren es, auf die er großen Wert legte. Sicherheit ging vor.

»Geben Sie bitte Ihre Pin ein«, sagte die Frauenstimme.

Das tat er und erhielt nach einem freundlichen »Danke« die Bestätigung:

»Ihr verfügbares Guthaben beläuft sich auf zweihundert-zweiundzwanzigtausend Kronen. Aktuelle Umsätze sind möglicherweise noch nicht berücksichtigt. Wünschen Sie weitere Auskünfte, wählen sie die Eins. Falls nicht, legen Sie auf.«

Die Hand, die den Hörer hielt, zitterte eine Weile. Der erste Teil der Untersuchung war abgeschlossen. Dann drückte er die 1.

»Die letzten zehn Kontoumsätze. Bitte haben Sie ein wenig Geduld ... 19. April ’96. Abhebung. Scheckkarte. Sechstausend Kronen.«

Genau, der neunzehnte April war heute. Die Stimme nannte immer zuerst den letzten Kontovorgang. Man hatte bereits registriert, dass er vor einer Viertelstunde in der Filiale in Elgeseter gewesen war. Die vorherige Abhebung lag schon drei Wochen zurück. Er hielt die Luft an, während er der nächsten Information lauschte:

»17. April ’96. Bareinzahlung. Zweihunderttausend Kronen.«

Arvid hatte erfahren, was er erfahren wollte. Er legte den Hörer auf und begann wieder zu atmen. In der nachfolgenden Stille hörte er das Geräusch seines pumpenden Herzens. Vor nur zwei Tagen hatte ihn ein unbekannter Gönner um 200 000 Kronen reicher gemacht. Ohne Vorwarnung. Ohne jeden Hinweis.

Er trommelte mit den Fingern auf die Armlehne und versuchte eine Erklärung zu finden. Es fiel ihm schwer, zu akzeptieren, dass es sich um eine Fehlbuchung handelte, die früher oder später richtig gestellt werden würde – entweder vom Absender, der keinen Dank erhielt, oder vom Institut, das den Betrag hinterfragte. Würde die Post einen unschuldigen Dritten entschädigen, nachdem der Fehler entdeckt worden war? Wohl kaum. Konnte er das Geld abheben und an einem anderen Ort verwahren, um hinterher behaupten zu können, er habe in gutem Glauben gehandelt? Nein, das war einfach zu dreist. Doch wenn der Einzahler seinen eigenen Kontostand hatte aufbessern wollen, würde er den Irrtum erst mit dem nächsten Kontoauszug bemerken. Das konnte schon morgen der Fall sein, doch falls der oder die Betreffende das Konto nur selten kontrollierte, konnte sich dies bis zum Januar nächsten Jahres hinziehen, wenn die Jahresabschlüsse versandt wurden. Und sollte es sich um eine steinreiche Person handeln, bestand sogar die winzige Chance, dass sie das Geld niemals vermissen würde ...

Arvid erhob sich und begann auf und ab zu gehen. Vibeke brachte ihn für gewöhnlich auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn er seiner Fantasie allzu freien Lauf ließ. Manchmal ahnte er selbst, dass seine Träumereien zuweilen absurde Formen annahmen. So wie in diesem Fall. Immer schön auf dem Teppich bleiben, sagte er sich. Es ist nicht dein Geld. Ganz und gar nicht. Er kannte keine Menschenseele, die ihm tatsächlich 200 000 Kronen schenken würde. Und dennoch. Wenn irgendjemand eine Einzahlung dieser Größenordnung veranlasste – ob auf das eigene oder ein fremdes Konto –, wurden dann nicht Namen, Adresse und Kontonummer automatisch überprüft? Selbstverständlich. Es kam also im Grunde nur ein technisches Versagen der Postbank in Frage. Ein winziger Computerfehler, die Fehlfunktion eines verborgenen Chips, die extrem selten war und niemals zurückverfolgt werden konnte. Die Postbank würde gezwungen sein, den Betreffenden zu entschädigen und die 200 000 Kronen als Verlust abzubuchen. Ein Mysterium, das dem Softwareunternehmen für immer ein Rätsel bleiben musste. Die Experten würden sich am Kopf kratzen und gegenseitig beschuldigen, während ein gewisser Arvid K. Bang aus Trondheim sich endlich das Auto zulegen konnte, von dem er schon lange geträumt hatte. Oder, was vernünftiger wäre, am Aktienmarkt investieren und Jahr für Jahr höhere Gewinne einstreichen konnte.

Die Herkunft des Geldes zu erklären, war im Grunde das kleinste Problem; er würde sagen, er habe es auf der Trabrennbahn gewonnen. Als es der Familie Mortensen letztes Jahr gelungen war, beim Pferderennen so richtig abzukassieren, hatte Paul ihm versichert, der Gewinn sei steuerfrei und das Finanzamt somit auch nicht in der Lage, die Höhe des Betrags zu kontrollieren. Pferdewetten genossen ewige Anonymität.

Doch angenommen, die Einzahlung war gar kein Fehler und sollte aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz wirklich ihm zugute kommen. Angenommen, jemand wünschte von ganzem Herzen, dass er das Geld bekam ...

Arvid hielt einen Moment inne und starrte aus dem Fenster, ohne etwas zu erkennen. Eine Frau in schwarzem Trikot joggte die Uferpromenade des Flusses entlang, blieb am Ende der Fußgängerbrücke stehen und begann sich zu dehnen. Normalerweise wäre sein Blick eine Weile bei ihr hängen geblieben, doch jetzt setzte er seine Gedankenspiele fort: In diesem Fall musste der Betreffende sich seine Kontonummer besorgt haben. Ging das so ohne Weiteres? Als er näher darüber nachdachte, fiel ihm ein, dass dies kein Problem war. Als sie Ola zu seinem Geburtstag etwas auf sein Konto überweisen wollten, hatte Vibeke sofort seine Kontonummer erfahren, indem sie bei der Postbank angerufen hatte. Er begann erneut auf und ab zu marschieren, irritiert von seiner eigenen Unruhe, irritiert von den verwirrenden Gedankenspielen, die ihm aufgenötigt worden waren.

Als Vibeke ungewöhnlich spät nach Hause kam, hatte er sich immer noch nicht um die Küche gekümmert.

»Du hast sicher schon gegessen?«

Er erschrak und sah ihre schwarzen Locken im Türrahmen. Vibeke, die ein wenig kleiner war als er, sah immer noch sehr ansprechend aus, zumindest wenn sie sich geschminkt hatte und die richtigen Kleider trug. Arvid registrierte das auch heute, wenn es auch so ziemlich das Einzige war, das er auf die Schnelle wahrnahm. Anfangs war ihm nicht einmal ihr entschuldigendes Lächeln aufgefallen, und er übersah, dass ihre Haut gerötet war, als seien ihr ein paar zusätzliche Vitamine zugeführt worden.

»Warum hast du noch nicht mit dem Essen angefangen?«, fragte sie mit Nachdruck.

Er kam zu sich, beschloss, sie von der merkwürdigen Einzahlung zu informieren, und eilte in die Küche. Vibeke hatte sich den Mantel ausgezogen, stand jetzt neben dem Kühlschrank und betrachtete den Tisch, den sie heute Morgen für sie beide gedeckt hatte, bevor sie aus dem Haus gegangen war. Sie fing eine halbe Stunde später zu arbeiten an als er.

»Du guckst so komisch«, sagte sie, als sie sich zu ihm umdrehte. »Hast du etwa schon erraten ...«

»Was erraten?« Erst jetzt fiel ihm auf, dass auch sie anders aussah, als trage auch sie sich mit dem Gedanken, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen.

»Na, erraten, warum ich so spät komme.«

Er war so verdattert, dass er kein Wort herausbrachte. Was ihn in der letzten halben Stunde am wenigsten beschäftigt hatte, war Vibekes Verspätung gewesen. Nun ja, warum sollte er sie nicht zuerst erzählen lassen? Damit warten, ihr die verheißungsvolle Nachricht zu überbringen, ihnen sei womöglich ein kleines Vermögen zugefallen, ehe sie nicht irgendeine Alltagsgeschichte aus dem Büro losgeworden war? Der Schock war immer noch so frisch, dass er ihn ruhig noch ein wenig für sich behalten konnte.

Warum hatte sie eigentlich so hellrote Flecken auf den Wangen? Woher kam der eigentümliche Glanz in ihren Augen, dieser sonderbare Ausdruck, der sowohl von schlechtem Gewissen als auch kindlicher Freude zeugen konnte, so als habe sie eine spontane Romanze erlebt, die sie plötzlich jünger und lebendiger machte?

»Es tut mir so Leid, dass ich es dir nicht schon früher erzählt habe, Arvid.«

Er hörte ihre Stimme, doch die Worte erreichten ihn nicht, jedenfalls nicht am Anfang.

»Ich habe mit Preben gesprochen.«

»Oh?«

»Wir waren nach Feierabend noch kaffeetrinken.«

Preben Mack, dachte er, ihr Chef in der Anwaltskanzlei Mack & Messel. Es war ein offenes Geheimnis, dass die beiden ein Vertrauensverhältnis hatten.

»Wir waren beide der Meinung, dass ich mit dir reden sollte ... falls du es nicht längst schon weißt.«

Langsam, sehr langsam nur kam ihm etwas zu Bewusstsein – etwas, das er eigentlich wusste, jedoch sorgfältig verdrängt und ignoriert hatte.

»Weißt du es, Arvid?«

»Was meinst du?«

»Dass Preben und ich ein Paar sind, dass wir uns entschieden haben zu ...«

Plötzlich war Arvid bei vollem Bewusstsein. Widerwillig registrierte er, dass er es war, der errötete, dass er es war, der sich für sie schämte. Seinen Zorn konnte er unterdrücken und in einen namenlosen Raum verbannen, den er mit niemandem teilen wollte. Und bevor ihm die tiefere Bedeutung ihrer Worte klar wurde – ihre drastischen Konsequenzen –, hing sie plötzlich an seinem Hals und umarmte ihn, wie sie ihn nie zuvor umarmt hatte, mit denselben Händen, die ihren Chef öfter liebkost hatten als er sich vorzustellen wagte.

»Es tut mir alles so schrecklich Leid, Arvid!«

Er hatte das Gefühl, sich vom Boden zu lösen und fortgerissen zu werden. Jetzt lehnte er sich nicht mehr an die Arbeitsplatte, er war eine Sandburg, die vom Wasser zerfressen wurde. Und während er unterging, war ihr Schluchzen nur mehr ein Tropfen in einem Meer unverständlicher Tatsachen.

»Das Komische ist, dass ich dich immer noch lieb habe. Aber so ist es nun mal«, jammerte sie.

Und so geschah es also, dass, während Vibeke Bang weinte und bereute und dennoch erleichtert war, ihrem Mann die Wahrheit gesagt zu haben, dieser nicht dazu kam, ihr zu erzählen, welch sonderbare Transaktion auf seinem Sparkonto vor sich gegangen war.

Samstag, 20. April

Als er erwachte, war alles wie immer. Vibeke lag neben ihm im Doppelbett und hatte ihm den Rücken zugedreht. Ein ganz normaler Samstag bei der Familie Bang in der Klostergata. Zumindest auf den ersten Blick. Er wollte als Erster aufstehen, einen Blick auf das Thermometer werfen, duschen und dann das Frühstück servieren – vielleicht. So um elf würde sie vorschlagen, in die Stadt zu gehen. Sie würden bei dem Geschäft für Heimbedarf vorbeischauen und sich die neuen Fußbodenmatten ansehen. Danach könnte sie in irgendeiner Boutique einen Frühlingsrock anprobieren und vermutlich nicht kaufen – Vibeke war von der sparsamen Sorte –, während er einen Abstecher zum Kiosk machte, eine Zeitung besorgte und seinen Totoschein abgab. Nachher schlenderten sie meist noch ins Olavsviertel und aßen im Café am Markt jeder ein Sandwich. Wenn sie Glück hatten, saß dort jemand von den alten Freunden, vielleicht sogar vom Schützenverein, Paul und Kristin Mortensen zum Beispiel. Dann fielen die Gespräche nicht schwer.

Doch schon als er seine Hand nach den dunklen Locken ausstreckte, erinnerte er sich. Zog die Hand zurück und schlich sich aus dem Bett. Das Thermometer auf der Schattenseite des Balkons zeigte sechs Grad, und die Sonne schien genauso verheißungsvoll wie am vorigen Tag. Während er duschte, zitterte er ein wenig.

Sie hatten sich nicht gestritten; er hatte ihr vielmehr stumm zugehört und ihrem wirren Redestrom gelauscht, mit dem sie ihrer Frustration Luft machen wollte. Mit einem großen Stein im Bauch hatte er gehört, wie sie sich über ihre Ehe ausließ, über die Leere, die sie empfand, über die frisch erblühte Liebe zum Anwalt Preben Mack, die zum Teil damit zusammenhing, dass Arvid ihr in den letzten Monaten zunehmend entglitten war und sie allzu oft sich selbst überlassen hatte. Nicht bewusst, so glaubte und hoffte sie, aber aus unreflektierter Gleichgültigkeit. Ja, sie nahm bereitwillig einen Teil der Verantwortung auf sich, räumte ein, auch sie sei ein Opfer des täglichen Trotts geworden, habe vergessen, die Initiative zu ergreifen und etwas zu unternehmen, was ihre Beziehung hätte beleben können. Es sei allerdings so, dass sie viel stärker unter dieser Situation leide als er, den es offenbar nicht störe, keine gemeinsamen Erlebnisse mit ihr zu haben. Hatte er sich je Gedanken gemacht, wie einsam sie sich fühlte, nachdem Ola ausgezogen war – allein mit einem Mann, der sich ausschließlich um seine eigenen Belange kümmerte?

Erst als sie ausrief: »Nicht einmal ins Kino gehen wir!«, erwiderte er: »Ist Kino denn so wichtig?«

»Nein, an sich nicht. Aber ich könnte noch so viele andere Dinge anführen.«

»Wir könnten ja morgen ins Kino gehen.«

»Es soll keine Verpflichtung sein, sondern eine Freude.«

Sie hatten natürlich schon früher über dieses Thema gesprochen – tatsächlich unzählige Male –, und immer hatte er eingesehen, wie Recht sie hatte, und sowohl sich selbst als auch ihr versprochen, alles würde besser werden. Reuevoll hatte er Blumen und Konfekt gekauft und geglaubt, damit sei alles wieder in Ordnung. Sie liebten sich doch trotz allem. Waren über zwanzig Jahre verheiratet. Warum konnten sie nicht einfach so weitermachen wie bisher?

Doch dieses Mal hatten ihn ihre Wort weitaus härter getroffen als je zuvor. Etwas Neues und Entscheidendes war plötzlich hinzugekommen: ein anderer Mann. Ein Mann, den er bislang nur als vagen Schatten wahrgenommen hatte, ein unumgängliches Möbelstück an ihrem Arbeitsplatz. Jetzt hatte sich Preben Mack plötzlich zu einem Konkurrenten entwickelt, dem er nicht gewachsen war. Ihr Chef war mehr als eine Bedrohung, er war wie ein Berg, gegen den der Chefarchivar nichts ausrichten konnte. Er stellte alles dar, was Arvid niemals erreicht und worum er sich stets vergeblich bemüht hatte. Wenn er sich gestern Abend nicht zu verteidigen versucht und es unterlassen hatte, über den blonden Angeber mit dem losen Mundwerk und den verheißungsvollen Versprechungen herzuziehen, wenn er Vibeke nicht einfach verdroschen hatte, dann nur deswegen, weil er wusste, dass sie völlig außer sich war und ein fürchterlich schlechtes Gewissen hatte. Er hatte eine ungewohnte Zärtlichkeit für sie empfunden und war drauf und dran gewesen, zu weinen. Aber nur beinahe. Der Stein in seinem Magen hatte ihm so zu schaffen gemacht und tat es immer noch, dass er mehr Mitleid mit sich selbst hatte als mit ihr.

»Ich glaube, es ist zu spät, Arvid.«

Hatte sie gesagt, als er in einem sonderbaren Augenblick der Selbsterniedrigung vor dem Sofa gekniet und seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hatte. Da war er es gewesen, der um Verständnis gefleht hatte. Alles würde wieder gut werden, wenn sie ihm nur die Chance gab, ihr seine Liebe zu beweisen.

»Es ist zu spät, Arvid!«

Nachdem sie ihm ihren unabänderlichen Entschluss mitgeteilt hatte, hätte er sie gern geschlagen, doch er wollte sich nicht ein weiteres Mal erniedrigen. Ein weiteres Mal hatte er sein Minderwertigkeitsgefühl in den heimlichen Raum gesperrt, den nur er kannte. Außerdem wusste er, dass sie Recht hatte, dass er zusehends erstarrt war und sich in viel zu hohem Maß mit den Verhältnissen abgefunden hatte. Im Stillen gestand er sich sogar ein, dass ihm ihre Gefühle immer gleichgültig gewesen waren. Oh, dieses schreckliche Wort. Als ob er selbst keine Gefühle hätte! Niemand fühlte und träumte so intensiv wie er, doch ihr war seine Art nicht gut genug. Sie sagte, sie hätte ihm hundert neue Chancen gegeben und jedes Mal habe er Reue und Besserung gelobt – und anschließend wieder alles vergessen. Dennoch solle er sich nicht schuldig fühlen, denn eigentlich habe er nichts richtig falsch gemacht. Sie glaube ihm sogar, dass er sie – auf seine Weise – immer noch liebe. Aber mit Preben könne er es nicht aufnehmen.

Sie hatten das Fischgratin aufgewärmt und getrennt gegessen, und während er in Olas Zimmer saß und fröstelnd ein wenig Zeitung zu lesen versuchte, brachte sie ihm eine Tasse Kaffee. Aus irgendeinem Grund war beinahe alles so wie immer – für eine Weile.

Nach den Fernsehnachrichten hatten sie ein Glas zusammen getrunken und über ihre Unzulänglichkeit nachgegrübelt. Sie packte nicht sogleich ihre Koffer, wie er erwartet hatte, was sie damit erklärte, dass ihr Chef an einem Wochenendseminar teilnähme und sie kaum in seiner Wohnung übernachten könne, wenn er nicht da wäre. Das brachte Arvid ausnahmsweise auf die Palme, der schrie, er denke gar nicht daran, als Ersatzehemann herzuhalten, nur weil es einem skrupellosen Anwalt gerade in den Kram passte. Daraufhin brach Vibeke in Tränen aus und erklärte ein weiteres Mal, dass sie Arvid weder hasse noch verabscheue und dass es eben möglich sei, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben.

War es das?

Er hatte vorausgesetzt, dass sie das Bett nicht mehr mit ihm teilen, sondern es vorziehen würde, im Wohnzimmer zu liegen. Doch nachdem es spät geworden war, nach ein paar weiteren Gläschen, huschte sie ins Schlafzimmer und kroch neben ihn unter die Decke. Er unterließ es, sie zu berühren, wollte dies auch gar nicht, wünschte sich nur, sie würde ihn streicheln, sich an ihn schmiegen und um Verzeihung bitten. Ihm sagen, dass sie alles Hässliche – nein, Erschreckende –, das sie ihm gesagt hatte, bereue. So war es früher immer gewesen. Stattdessen merkte er, dass sie nach einer Weile tief zu atmen begann, was ihn verwundert hatte. Wie konnte sie nur schlafen, nach dem, was vorgefallen war?

Merkwürdigerweise war er selbst mit der Zuversicht in Schlaf gefallen, dass sie sich am nächsten Tag wieder versöhnen würden. Er wollte sich besondere Mühe geben und ihr das Frühstück machen; das mochte sie.

Dennoch zitterte er unter der Dusche. Nicht weil das Wasser zu kalt gewesen wäre, sondern weil er wusste, dass sich der Abstand zwischen ihnen in einen Abgrund verwandelt hatte; vielleicht gerade weil sie die Frechheit besessen hatte, sich neben ihn ins Bett zu legen. Herrgott, wie konnte sie sich nur so verhärten? Während er sich abtrocknete, vergoss er ein paar Tränen. Begriff, dass es jetzt ums Ganze ging. Er fasste den Entschluss, das Frühstück zu ignorieren, am Flussufer spazieren zu gehen, erst zurückzukommen, nachdem sie aufgewacht war, und ihr unmissverständlich klar zu machen, dass er kein Waschlappen war, der sich alles gefallen ließ. Das war es wohl, was ihm fehlte: die Fähigkeit, sich unmissverständlich auszudrücken. Jeder andere Ehemann hätte seine Frau ordentlich durchgeprügelt, um danach eine Bar aufzusuchen und seinen Frust mit mindestens fünf Gläsern Whisky hinunterzuspülen. Er hingegen, Arvid K. Bang, hatte sich alles stillschweigend angehört, als ob es völlig in Ordnung wäre, dass sich seine Frau einen Liebhaber besorgt hatte und ihn verlassen wollte. Hatte ihn die Mitteilung nur gelähmt, oder teilte er in Wahrheit ihre Auffassung, dass es sich nicht lohne, um eine in Routine erstarrte Beziehung zu kämpfen? Oder war er schon so abgestumpft, dass er sich an die vielen schönen gemeinsamen Stunden nicht mehr erinnern konnte? War er ihrer Beziehung genauso überdrüssig wie sie? Nein und nochmals nein. Er freute sich noch jeden Abend, wenn sie nach der Arbeit nach Hause kam, auch wenn er schon lange damit aufgehört hatte, sie aus diesem Grund zu umarmen und zu küssen. Vibeke strahlte so viel Wohlbehagen und Sicherheit aus. Ihr konnte er alles erzählen, was sich in seinem Kellerarchiv ereignete. Sie hatte immer ein offenes Ohr für ihn.

Noch gestern Morgen war er mit seinem Dasein zufrieden gewesen. Warum konnte sie es nicht auch sein? Jeder war doch schließlich für sein eigenes Wohlbefinden verantwortlich und konnte dies nicht von anderen einfordern. Er selbst war so fröhlich wie immer zu Arbeit gegangen, hatte sich auf das bevorstehende Wochenende und auf die Möglichkeiten gefreut, die der morgige Tag ihm bieten würde: zunächst das späte Frühstück, der Einkaufsbummel in der Stadt, Gespräche mit bekannten und unbekannten Menschen, der Besuch des Cafés, das Ausleihen eines Videothrillers für den Abend, der Heimweg, der sie bei Sonnenschein über die Brücke führte, die Fußballspiele im Fernsehen, der obligatorische Milchreis am Samstag, später Kaffee und Kuchen, den sie in der Stadt gekauft hatten. War dies etwa keine angenehme Art, seine Zeit zu vertreiben?

Doch, natürlich, aber Vibeke war das nicht genug.

Manchmal opferte auch er seine Zeit, ließ den Schützenverein sausen und begleitete sie auf sterbenslangweilige Ausstellungen ins Kunstindustriemuseum. Und mehrmals hatte er versucht, die wichtigen Bücher zu lesen, die sie ihm vorgeschlagen hatte, obwohl ihm Actionthriller lieber waren. War es nicht immer so gewesen – ohne dass sie gedroht hatte, ihn deswegen zu verlassen? Während ihrer Verlobungszeit hatte er aus seinen Interessen nie einen Hehl gemacht; damals waren sie sogar ins Lerkendalstadion gegangen und hatten Rosenborg Trondheim angefeuert. Nein, der eigentliche Grund für ihren Ausbruchsversuch war natürlich, dass der widerwärtige Preben Mack, der ihn um einen halben Kopf überragte, beschlossen hatte, seinem Charme freien Lauf zu lassen. Er konnte nicht akzeptieren – wenn er auch zur Not ein wenig Verständnis aufbrachte –, dass Menschen hin und wieder Versuchungen erlagen. Dass er nicht heftiger reagiert hatte, lag daran, dass der Schock nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen war. Denn tief in seinem Inneren existierte ein weiterer verborgener Raum, ein geheimer Platz, der in ihm die Sehnsucht auslöste, ganz allein zu sein; auch der Neid auf Ola spielte eine Rolle, der sich abgenabelt hatte und – abgesehen von seinem Studium – völlig frei über seine Zeit verfügte. In dem Brief, den sie gestern von ihm bekommen hatten, betonte er, wie wohl er sich in Bergen fühle und dass es ihm nichts ausmache, dass sein Studiendarlehen den Lebensstandard ziemlich einschränkte. Vibeke und er hatten ihre Etagenwohnung beinahe abbezahlt. Sollte es so weit kommen, dass sie die Hälfte des Wertes einforderte, würde er sich immer noch eine Unterkunft leisten können, die seine bescheidenen Ansprüche befriedigte – eine kleine Wohnung, in der zumindest niemand auf ihm herumhackte und er kein schlechtes Gewissen haben musste wegen all der kleinen Versäumnisse, die sie ihm permanent vorwarf.

Aber würde er diese verlockende Einsamkeit auf lange Sicht aushalten?

Der Morgenspaziergang an der frischen Luft tat ihm gut. Nachdem er eine Weile am Fluss entlanggegangen war, blieb er vor der Nidarøhalle stehen, befand sich auf dem nassen, bleichen Rasen, auf dem gerade die letzten Schneereste geschmolzen waren, und betrachtete die Enten, die schnatternd am Ufer standen. Hier, wenige hundert Meter von ihrem Wohnblock entfernt, bekam man buchstäblich Abstand zu den Dingen. Der Gedanke an ein Zerbrechen seiner Ehe kam ihm ganz und gar unsinnig vor. So etwas geschah heutzutage zwar vielen, aber doch nicht Vibeke und ihm. Und genauso verhielt es sich mit seinem Sparkonto. Beide Dinge waren fast gleichzeitig eingetreten und beide erschienen unwirklich.

Wenn er nach Hause kam, wollte er die Gardine beiseite schieben, ein klärendes Gespräch suchen und Vibeke die faire Chance geben, ihre Entscheidung zu überdenken. Sie würden sich wieder versöhnen, wie so oft zuvor, und dann würde er ihr von der Fehlbuchung erzählen, die ihn für eine Weile in den Glauben versetzt hatte, sie seien um 200 000 Kronen reicher.

Vielleicht konnten sie, als Dank für ihre Ehrlichkeit, sogar mit einer kleinen Belohnung rechnen, wenn er sich am Montag an den Postbeamten wenden und auf den Fehler aufmerksam machen würde.

Nachdem er ein paar Worte mit einem Mann gewechselt hatte, der seinen Dackel spazieren führte, machte er sich auf den Heimweg, grüßte Frau Pedersen im Treppenhaus freundlich und schloss seine Wohnungstür im zweiten Stock auf.

Vibeke war bereits angezogen und stand mit einer Zigarette in der Hand am Balkonfenster.

»Du bist mir vielleicht einer!«

»Was meinst du?«

Die Hand mit der Zigarette deutete auf den Fernsehsessel, auf dem eine kleine blaue Kunststoffmappe lag, die ihm sofort bekannt vorkam. Eigentlich ließ er sie nie offen herumliegen, doch die gestrigen Ereignisse hatten ihn aus dem Gleichgewicht gebracht und seine Gewohnheit vergessen lassen.

»Waren wir uns nicht einig, dass du für maximal zweihundert in der Woche spielst?«

Ihre Stimme war unkenntlich, eiskalt und bitter. Vom flehentlichen Ton des gestrigen Tages war nichts übrig geblieben. Arvid spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss; aus Scham und Wut trat er von einem Bein auf das andere. Sie hatte ihre Nase in seine Totounterlagen gesteckt und festgestellt, dass er in den letzten Wochen mehr Geld verspielt hatte, als er jemals gewonnen hatte.

»Da habe ich jahrelang beharrlich in den Aktienfonds eingezahlt, und du handelst einfach auf eigene Faust und verspielst unsere halben Sommerferien!«

Er blieb stehen und fummelte an der Mappe herum, während er das Gewicht auf den anderen Fuß verlagerte.

»Genau wie bei all deinen anderen tollen Hobbys, für die du das Geld aus dem Fenster geschmissen hast: die idiotischen Versandeinkäufe, die Verluste auf der Trabrennbahn, die Videokamera, die du nie mehr benutzt, die Stereoanlage fürs Auto, die unzähligen sinnlosen Rubbellose, das Handy, das nicht funktioniert, die Ray-Ban-Brille, die du kaputtgemacht hast, die Fußballjahreskarte ...«

Sie vergaß kaum etwas, ließ an seinen finanziellen Transaktionen kein gutes Haar und erinnerte ihn unaufhörlich daran, wer von ihnen mehr Geld zum gemeinsamen Haushalt beisteuerte.

Als Arvid endlich zu einer Erwiderung ansetzte, merkte er, wie zögerlich seine Worte kamen, obwohl ihm mehr als genug auf der Zunge lag: »Sommerferien? Bildest du dir etwa ein, du könntest beides haben? Soll ich etwa mit dir in Urlaub fahren und die Sache mit deinem verdammten Chef nur als Spaß betrachten?«

Das hatte gesessen, er spürte es. Sie nahm einen tiefen Zug. Als sie den Rauch ausstieß, zitterten ihre Lippen.

»Glaubst du etwa, ich lasse mir alles gefallen?«, fügte er hinzu. Er wusste, dass ihm als Ehemann bitteres Unrecht geschehen war, und ballte unwillkürlich die Hand, die nicht um die Mappe fasste. Paff! Er hätte sie auf der Stelle erschießen können.

Aber Vibeke gab sich keinesfalls geschlagen. Nachdem sie ihm erklärt hatte, dass aufgrund von Preben an gemeinsame Sommerferien selbstverständlich nicht zu denken sei, sagte sie ihm, sie habe natürlich an ihren Anteil des Feriengeldes gedacht. Von diesem Moment an gab ein Wort das andere, und so stritten sie eine halbe Stunde lang, ehe sie sich in Olas Zimmer einschloss und er sich an die Spüle klammerte, weil er glaubte, sich übergeben zu müssen.

Dienstag, 23. April

Bei der Arbeit ließ sich Arvid vorläufig nichts anmerken. Er verhielt sich so normal, dass keiner auf den Gedanken gekommen wäre, er habe eine Ehekrise. Durch die Fensterscheibe seines Kabuffs konnte er das ganze Archiv und etwaige Besucher im Auge behalten. Außerdem ließ er die Tür meistens offen, damit er hören konnte, wenn sich Schritte näherten. Kam jemand zu ihm, um sich Akten auszuleihen oder zurückzubringen, schaute er von seinem Computer auf und lächelte beinahe mit derselben Bereitwilligkeit wie zuvor. Und tauchte einmal ein Vorgesetzter auf, schaffte er es in der Regel, die Patience vom Bildschirm zu entfernen und durch eine unfertige Archivliste zu ersetzen. Beinahe jeder im Haus wusste, dass Arvid auf sein eigenes Betreiben hin ein neues Erfassungssystem ausarbeitete, was eine große intellektuelle Anstrengung für ihn bedeutete. Im Großen und Ganzen schien also alles wie immer zu sein, und hin und wieder gelang es ihm sogar sich einzureden, dies sei tatsächlich der Fall. Alles würde sich zum Besten wenden, wenn nur seine Patience zweimal nacheinander aufginge. Dies war sowohl gestern als auch heute geschehen, wenngleich er danach feuchte Hände gehabt hatte.

Arvid hatte die drei letzten Nächte in Olas Zimmer geschlafen und damit zum Ausdruck gebracht, dass er die Situation unerträglich fand, wohingegen Vibeke sich nichts anmerken ließ. Wie konnte sie nur? Er wurde einfach nicht schlau aus ihr und aus sich selbst auch nicht. Dass er sich weitgehend mit ihren Launen abfand, musste mit seiner verzweifelten Hoffnung zusammenhängen, sie würde sich bald besinnen, Vernunft annehmen und einsehen, dass alles eine vollkommen verrückte Idee gewesen war. Sollte sich die liebe, gutmütige Vibeke plötzlich in eine Hexe verwandelt haben, die Mann und Heim im Stich ließ?

Er konnte es einfach nicht glauben.

Doch andererseits – welch verlockende Möglichkeit, Träume und Hoffnungen zu verwirklichen, tat sich ihm auf! Die phänomenale Chance, Dinge zu tun, die plötzlich »erlaubt« waren. Beispielsweise Kontakt zu Merete Stigum aufzunehmen, die in der vierten Etage am Holtermannsvegen wohnte, der schicken Büroangestellten mit den schrägen, blinzelnden Augen. Sie war zwar einige Jahre jünger als er, doch seit vier Jahren geschieden und noch zu haben. Er konnte sich immer noch an ihren bezaubernden, weichen Körper erinnern, der sich beim Tanzen auf der Weihnachtsfeier eng an seinen geschmiegt hatte. Er hatte sogar versucht sie zu küssen und sich vorgestellt, mit ihr nach Hause zu fahren. Doch sie hatte ihn freundlich weggeschoben und an seine Familie erinnert. Und das alles, während Vibeke es nach dem Weihnachtsessen der Kanzlei noch sehr viel länger getrieben haben musste, so spät, wie sie damals nach Hause gekommen war, das wurde ihm jetzt klar. Was war er bloß für ein Narr gewesen – höchste Zeit, sich auf die Hinterbeine zu stellen. Am Morgen hatte er Vibeke gefragt, ob sie ihre Drohung wahr zu machen gedenke, jetzt, da der Mann in der schwarzen Robe vom Seminar zurückgekehrt war. Darauf hatte sie geantwortet, das ginge schließlich nicht von heute auf morgen. Sie brauche ein paar Tage, um ihre Sachen zu sortieren und die Dinge einzupacken, die sie mitnehmen wolle. Doch eines würde sie ihm versprechen: Er könne ganz sicher sein, dass sie nichts mitnahm, was nicht ihr gehörte. Beinahe ihren gesamten gemeinsamen Besitz: Möbel, Kücheneinrichtung, Auto und Ähnliches würde sie ihm überlassen, abgesehen von einigen Bildern, ihren Büchern und selbstverständlich dem halben Miteigentumsanteil an der Wohnung. Ihre Stimme hatte auf Grund ihres schlechten Gewissens gebebt, und darum zweifelte er nicht an ihren Worten, als sie versicherte, dafür zu sorgen, dass er aus der Scheidung besser hervorgehen würde als sie.

Auf dem Heimweg lief er vor der Shell-Tankstelle an der Elgeseter gate zufällig Simon Tokle über den Weg, und sie wurden sich rasch einig, nach dem abendlichen Schießtraining noch in die Stadt zu gehen. Simon sagte, er müsse unbedingt ein wenig abschalten, sonst würde er noch verrückt werden, und Arvid packte die Gelegenheit beim Schopf. Dabei handelte es sich nicht nur um eine gute Tat – Simon machte eine sehr schwierige Zeit durch und verdiente etwas Aufmunterung –, sondern er würde in Simons Gesellschaft auch seine eigenen Probleme vergessen.

Es war äußerst entspannend, sich mit Simon ein paar Drinks zu genehmigen, außerdem waren sie selten unter sich. Normalerweise trafen sie sich nur im Schützenverein, denn Simon war ein vielbeschäftigter Mann mit einem großen Bekanntenkreis und vielfältigen Interessen. Dazu kam, dass er in den letzten Wochen unter fast unmenschlichem Druck gestanden hatte. Alle Mitglieder waren sich stets einig gewesen, was für ein Glück seine Freundin hatte, mit so einem Pfundskerl Haus und Bett zu teilen. Doch vor bald sechs Wochen war das Schreckliche und Unfassbare geschehen. Die Frau, mit der er zusammenlebte, war plötzlich spurlos verschwunden. Die Bibliothekarin Anne-Lise Vatn, eine reizende Frau, über die niemand auch nur ein böses Wort verlor, war vermutlich mit ihrem Auto verunglückt. Man ließ auch die Möglichkeit nicht außer Acht, sie könne anstelle zur Arbeit willentlich über eine Klippe gefahren sein. Wenn eine hübsche und offenkundig erfolgreiche Frau so etwas tat, musste man auch Depressionen in Betracht ziehen.

Arvid saß dem Freund in der schummrigen Ecke einer Pianobar gegenüber und spürte schon nach dem ersten Whisky, wie er sich beruhigte und Abstand zu seinem Kummer gewann. Sie waren nicht gerade alte Schulfreunde, doch Arvid hatte sich von Beginn an zu Simon hingezogen gefühlt und geglaubt, dieser empfinde dasselbe. Am Anfang war es vor allem Bewunderung gewesen, denn Simon war anders als die meisten. Er hatte tadellose Umgangsformen, war ein guter Gesprächspartner und trat – seinen sozialen Status in Betracht gezogen – angenehm unprätentiös auf. In Arvids Augen waren Leute aus der freien Wirtschaft meist arrogante Schnösel, die ihre Geringschätzung der kleinen Leute nur schlecht verbargen, doch der Geschäftsführer Simon Tokle schien für solch kleinmütige Verhaltensweisen nichts übrig zu haben. Für ihn schien jedes einzelne Mitglied des Schützenvereins ein wertvoller Mensch zu sein, unabhängig von seinem sozialen Hintergrund. Arvid glaubte, dies hinge damit zusammen, dass Simon selbst aus einfachen Verhältnissen kam, ein bodenständiger Mann von der Küste, der sich quasi aus dem Nichts emporgearbeitet hatte und heute im großen Stil Fisch aufkaufte. Es kam ihm so vor, als verströmte Simon immer noch den Geruch nach Salzwasser und frisch ausgenommenem Kabeljau. Kleidung und Auto zeugten zwar von Geld und Geschmack, doch seine gelassene Einstellung zum eigenen Besitz sowie die Art seines Auftretens flößten Respekt ein. Wenn er den Klub hin und wieder finanziell unterstützte, hängte er dies nicht an die große Glocke; viele Mitglieder wussten nicht einmal, um was für Beträge es sich dabei handelte. Vor allem strahlte Simon eine natürliche Wärme aus, für die Arvid viel übrig hatte. Wärme und Aufrichtigkeit waren immer noch spürbar, obwohl die Ungewissheit über das Schicksal des Partners deutliche Spuren hinterlassen hatte. Immer wieder schweifte sein Blick in die Ferne, während seine Finger auf der Tischplatte trommelten, wie sie es früher nie getan hatten.

»Du hast die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben?«, wagte sich Arvid vor.

»Nein, natürlich nicht. Obwohl ich weiß, dass es sinnlos ist.«

»Das muss sehr hart sein.«

»O ja.«

»Sie ... sie hat keinen Brief hinterlassen?«

»Nichts.«

Arvid spürte, dass Simon nicht an ihr Verschwinden erinnert werden wollte. Zu gerne wäre er es gewesen, der das Rätsel auflöste. Gab es etwas, das ihm wirklich lag – von der Verwaltung des Archivs abgesehen –, dann war es sicher die Lösung rätselhafter Fälle, das Finden von Erklärungen, auf die niemand außer ihm gekommen wäre. Er hielt beispielsweise immer noch an seiner ursprünglichen Theorie fest, der Mörder Olof Palmes müsse die Frau sein, nach deren Pfeife die gesamte Justiz tanzte – seine Ehefrau. Sie hatte sowohl ein Motiv als auch die Gelegenheit gehabt, und was die Tatwaffe betraf, war niemand von der Polizei auf die vermessene Idee gekommen, der Frau des Ministerpräsidenten auf den Zahn fühlen zu wollen. Eines Tages würde allen klar sein, dass der vollkommen unbekannte Arvid K. Bang aus Trondheim schon längst auf die einzig richtige Lösung gekommen war.

Im Zuge dieses Gedankens konnte er sich folgende Bemerkung nicht verkneifen:

»Ich habe gelesen, dass Menschen mit Depressionen oft einen Abschiedsbrief hinterlassen.«

»Anne-Lise hat ein Tagebuch geführt, aber ich traue mich nicht, danach zu suchen.«

»Sonst bleibt nur ein Verbrechen.«

Simon zuckte nicht gerade zusammen, wurde jedoch eindringlicher und flehentlicher: »Sei so gut, Arvid ... Ich habe mir das Hirn zermartert, ob es einen einzigen Menschen gibt, der Anne-Lise gehasst haben könnte. Umsonst. Fällt dir jemand ein? Nein! Wenn sie etwas zum Opfer fiel, dann ihren eigenen Gedanken. Hätte ich sie nur lesen können ... rechtzeitig.«

»Entschuldige«, sagte Arvid rasch. Es war ihm so unangenehm, dass er errötete und in den Schuhen die Zehen krümmte. Fieberhaft suchte er nach einem anderen Gesprächsthema – und fand eines: Ihr gemeinsames Hobby.

Glücklicherweise ließ sich Simon mitreißen, ob dies nun an den Drinks lag oder an seiner Erleichterung, dass sein Freund das Thema gewechselt hatte. Nachdem sie eingehend darüber diskutiert hatten, in welcher Form sich der Schützenverein bei den Feierlichkeiten zum Stadtjubiläum im nächsten Jahr präsentieren sollte, fragte Simon:

»Und wie geht’s dir so? Alles in Ordnung?«

»Ja, ja«, beeilte sich Arvid zu antworten. Nach drei Drinks verspürte er ein intensives Verlangen, sich dem Mann mit den braunen Augen und dem dunklen, unbändigen Stirnhaar anzuvertrauen. Doch gleichzeitig merkte er, wie sein latentes Unterlegenheitsgefühl – der verfestigte Respekt vor einem Mann, der offensichtlich erfolgreich war und dennoch eine Tragödie erlebte – ihn davon abhielt. Simon mit seinen Eheproblemen zur Last zu fallen, hieße nicht nur, eine selbst verschuldete Niederlage einzuräumen; verglichen mit den Sorgen des Freundes waren seine eigenen eine Lappalie.

»Also alles in bester Ordnung?«

»Für Außenstehende sieht das Projekt, an dem ich arbeite, vielleicht nicht besonders spannend aus«, erwiderte Arvid und beugte leicht den Kopf, »aber ich kann dir versichern, dass ich meine ganze Kraft dafür einsetzen muss.«

»Hört sich ziemlich anstrengend an.«

»Und ob. Ich muss mich für den geringsten Fehler verantworten, auch wenn er von meinen Assistenten begangen wurde.« Arvid ließ selten eine Gelegenheit aus, um seine persönliche Verantwortung in der Behörde hervorzuheben. Auf diese Weise konnte er auch durchblicken lassen, dass er nicht auf der untersten Sprosse der Hierarchieleiter stand, sondern einer Reihe von Angestellten übergeordnet war.

»Und deine Archivarbeit hat einzig und allein mit Datenerfassung zu tun?« Simon wirkte wirklich interessiert.

»Ja, natürlich. Bei der Stadtverwaltung ist es immer schwierig, mit neuen Ideen durchzudringen. Doch in diesem Fall waren die hohen Herren Feuer und Flamme.«

»Gut zu hören. Die Sache ist nämlich die, dass ich gerade mit dem Gedanken spiele, die Datenerfassung umzustellen. Vielleicht könntest du meinen Damen dabei ein wenig unter die Arme greifen.«

»Sehr gern.«

»Ein kleiner Beraterjob, meine ich.«

Arvids Gesicht leuchtete auf. Irgendjemand musste Simon auf die Pionierarbeit hingewiesen haben, die er am Holtermannsvegen leistete. Technisch gesehen sollte es kein Problem sein, sein neues Datenerfassungssystem auf einen anderen Bereich zu übertragen. Meinte Simon das wirklich ernst? Das würde ihm endlich die ersehnte Gelegenheit verschaffen, zu zeigen, wozu er taugte. Was sogar zur Folge haben könnte, dass er von der Stadtverwaltung in die freie Wirtschaft überwechseln und endlich das Gehalt verdienen würde, das ihm eigentlich zustand.

»Vielleicht ein interessanter Job«, sagte er und bereute sofort seine Worte, weil Simon sicher kein Anhänger abgedroschener Geschäftsphrasen war.

»Aber du hast sicher schon mehr als genug um die Ohren.«

»Im Moment schon. Jeden Mittwochnachmittag muss ich sogar Überstunden schieben.«

Simon nickte mitfühlend. »Wie sieht es zum Beispiel mit dem Herbst aus?«

Arvid zögerte ein wenig, als müsse er sich erst seinen Terminkalender vergegenwärtigen, bevor er antwortete. »Nun ... da könnte sich vielleicht etwas machen lassen.«

»Denk noch mal darüber nach.«

Während Arvid innerlich jubelte – in Simon Tokles Welt waren rasche Entscheidungsprozesse unabdingbar –, nahm er einen Schluck Whisky und versuchte seinen infantilen Enthusiasmus zu verbergen. Der Freund strich sich die Haare zurück und zündete eine Zigarette an, bevor er hinzufügte:

»Wenn man immer denselben Job macht, erstarrt man leicht in Routine.«

»Das ist wohl wahr.«

»Vielleicht sollte auch ich mich auf einem anderen Markt versuchen.«

»Du?«

»Fisch ist eine unsichere Branche. Spannend, aber verdammt unsicher. Was mich reizen würde, wäre die Börse! Man wird schließlich nie zu alt, um etwas Neues auszuprobieren.« Plötzlich strahlte er einen jungenhaften Eifer aus.

Arvid sagte, er sei ganz seiner Meinung.

»Ein Aktienfonds wäre eine vorsichtige Variante«, fuhr Simon fort. »Vielleicht gar nicht so dumm.«

»Tja ...«

»Hast du es schon mal versucht?«

»Nein, aber ...« Er wollte gerade sagen, dass Vibeke es getan hatte, ließ es jedoch bleiben. Was für einen Sinn hätte es auch, zu erwähnen, dass ihre Investitionen vermutlich viel vernünftiger gewesen waren als seine eigenen. Der Gedanke an Vibeke schickte ihm eine Schar juckender Ameisen zwischen die Schulterblätter.

Sie orderten eine neue Runde Whisky. Arvid war sicher, dass Simon am Ende die gesamte Rechnung begleichen würde, das lag im Grunde auf der Hand.

»Ich habe einen Kumpel in Oslo, der sich vergangenes Jahr an der Börse versucht hat«, fuhr der Freund fort. »Er kaufte Aktien für hundert Riesen und hatte Weihnachten den fünffachen Gewinn gemacht.«

»Eine halbe Million?«

»Ja, es hört sich abenteuerlich an. Natürlich hat er viel Glück gehabt, aber mit den richtigen Kontakten ...«

»Das wäre was«, seufzte Arvid, »doch leider habe ich weder Startkapital noch die richtigen Kontakte.«

»Aber vielleicht das richtige Gespür ...«

»Vielleicht.«

»Das Gespür ist das Wichtigste überhaupt.«

»Ohne Zweifel.«

»Ich habe das Gefühl, du liegst immer richtig.«

Arvid nickte. Er spürte die Wärme in den Wangen, nicht nur aufgrund des Whiskys. Dass Simon ihm solche Fähigkeiten ohne weiteres zutraute, stimulierte sein Selbstbewusstsein. »Mal etwas anderes«, hörte er sich plötzlich sagen. »Was würdest du tun, wenn eine fremde Person, vielleicht aufgrund eines Computerfehlers, Geld auf dein Konto einzahlen würde?«

Simon hatte sich gerade eine neue Zigarette angezündet und das Streichholz im Aschenbecher verschwinden lassen; überrascht blickte er auf und antwortete:

»Keine Ahnung.«

»Würdest du das Geld behalten?«

Der Freund zuckte mit den Schultern, als sei dies eine zu hypothetische Frage. »Ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemand unfreiwillig reicher gemacht hätte. Aber sollte dies einmal geschehen, würde ich zunächst ein paar Tage abwarten. Meistens findet sich ja doch eine logische Erklärung.«

»Es könnte ja ein Computerfehler vorliegen.«

»Stimmt. Ist dir das passiert?«

Arvid zögerte. »Wie man’s nimmt. Neulich habe ich ein paar tausend Kronen bekommen, von denen ich absolut nicht weiß, wo sie herkommen.«

»Wie schön für dich. Vielleicht hat dein Vater ja beim Stierkampf auf das richtige Tier gesetzt.«

Arvid musste lachen. Vor ein paar Jahren waren seine Eltern nach Spanien ausgewandert und hatten sich ein kleines Haus an der Südküste gekauft. Dass das Geld womöglich von ihnen stammte, hatte er überhaupt nicht in Betracht gezogen, vermutlich, weil dies allzu unwahrscheinlich war. Seine Eltern waren nicht gerade vermögend; vielmehr waren es ihr Rheumatismus und das gemeinsame Bedürfnis nach Wärme, die sie ins Exil getrieben hatten.

Danach begannen er und Simon darüber zu diskutieren, ob es eine richtige Entscheidung gewesen war, Paul Mortensen zum neuen Vorsitzenden des Schützenvereins zu wählen, nur weil niemand anderer für dieses Amt zur Verfügung gestanden hatte. Simon hätte sicher anders reagiert, wenn ich ihm von der wirklichen Höhe des Betrags erzählt hätte, dachte Arvid. Es war sicher das Beste, die Wahrheit bis auf weiteres für sich zu behalten. Obwohl er sich gerade in ausgelassener Stimmung befand, warnte ihn eine innere Stimme davor, zu redselig zu werden. In ein paar Monaten, wenn niemand das Geld für sich beansprucht haben sollte, konnte er einen neuen Vorstoß wagen und Simon fragen, ob seine Börsenpläne immer noch aktuell seien. In der Zwischenzeit hatte ihn der Freund vielleicht wirklich mit einem Computerjob beauftragt, und dann stünden sie sich – sowohl in einer als auch in anderer Hinsicht – näher.

Die verheißungsvollen Aussichten rückten die Probleme mit Vibeke vollends in den Hintergrund. Er genoss den spendierten Whisky und träumte von einer leuchtenden Zukunft. Als sie sich vor dem Taxistand am Marktplatz voneinander verabschiedeten – Arvid hatte sich entschlossen, zu Fuß zu gehen, obwohl Simon angeboten hatte, ihn nach Hause zu fahren –, war er in so aufgeräumter Stimmung, dass ihm seine Eheprobleme vollkommen unbedeutend erschienen. Nachdem das Taxi verschwunden war, beschäftigte er sich bloß fünf Sekunden mit Simons Verzweiflung. Er fragte sich, was für ein Gefühl es sein musste, in das große, leere Haus in Byåsen zu kommen, während Anne-Lise Vatn vermutlich niemals zurückkehrte, weil sie irgendwo in einem Autowrack lag. Und als er gegen Mitternacht seine Wohnungstür im zweiten Stock aufschloss, war er so guter Laune, dass es ihm kaum etwas ausmachte, dass Vibeke noch auf war, um ihm zu sagen, es sei bald so weit.

»Morgen Nachmittag. Preben kommt mit einem Lieferwagen und hilft mir beim Umzug.«

»In Ordnung.«

»Während du Überstunden machst, dann brauchst du dich nicht aufzuregen.«

»Wie rücksichtsvoll«, sagte Arvid.

Er meinte es ehrlich.

Zumindest in diesem Moment.

Mittwoch, 24. April

In einem Vierfamilienhaus in Nardo stand Janne Hatling am Küchenfenster im ersten Stock und sah, wie ihr Mann sich umdrehte und ihr zum Abschied zuwinkte. Sie war so überrascht, dass er bereits unter dem Dach des Carports verschwunden war, als sie sich endlich dazu durchgerungen hatte, die Hand zu heben und zurückzuwinken. Und ihre Laune wurde noch besser, denn sie nahm den unerwarteten Gruß als eine Bestätigung, dass sie seine ersten Signale des Tages richtig aufgefasst hatte.

Sie folgte dem schwarzen Mitsubishi Lancer mit den Augen, als er unter dem Carport auftauchte und auf die Straße rollte. Dann war er verschwunden, und sie lächelte.

»Heute wird es schwierig sein, mich zu erreichen. Ich habe eine Konferenz nach der anderen. Der neue Einsatzplan, weißt du.«

Hatte Björn gesagt, bevor er gegangen war.

Beim Frühstück war er viel entspannter gewesen als normalerweise, beinahe fröhlich. Als rechnete er bereits damit, dass im Lauf des Tages ein höchst angenehmes Ereignis eintreten würde, beispielsweise eine wohlverdiente Gehaltserhöhung oder eine persönliche Auszeichnung, womit auch immer er diese verdient hätte. Janne hatte ihn nicht direkt gefragt, meinte jedoch in seinen Augen ein bestätigendes Leuchten erkannt zu haben. Und als er sich ein paar Kaffeetropfen von seinem kupferroten Schnurrbart abwischte – den sie immer ein wenig komisch gefunden hatte –, entdeckte sie ein verschmitztes Lächeln, das beinahe dem frechen Grinsen aus jungen Jahren gleichkam. Er hatte sie sogar kurz umarmt, bevor er gegangen war.

Janne blätterte oberflächlich in der Zeitung, bevor sie sich, so unbeschwert wie lange nicht mehr, an den Computer setzte. Während die Frühlingssonne in die Wohnung strömte und goldene Tupfen über die Wohnzimmermöbel verteilte, tauchte sie in eine andere Welt ein, in die von Alice Morgan. Wie sie erwartet hatte, traf Sir Patrick Craig seine Geliebte im Gartenpavillon hinter Gresham Manor, während Mrs Craig beim Landpfarrer zum Tee eingeladen war. Der Graf war nicht gerade ein feuriger Verführer, doch die junge Liza Smith, Tochter eines armen Bergmanns, hatte Bedarf nach Ablenkung – und brauchte Geld.

Als es auf zwölf Uhr zuging, hatte Janne sechs neue Seiten aus Pennies from Heaven übersetzt, einem Unterhaltungsroman, der in wenigen Monaten an den Kiosken erhältlich sein würde, vermutlich zur außerordentlichen Freude der großen, getreuen Leserschaft von Alice Morgan. Janne war von dem Genre nicht gerade begeistert, doch wenn ihr fester Auftraggeber, der seriösere Bücher verlegte, ihr nichts anzubieten hatte, dann übersetzte sie gerne auch einmal einen Trivialroman für ein weniger renommiertes Verlagshaus. Dies wurde zwar schlechter bezahlt, aber dafür war die Sprache einfacher, und man verlangte nicht mehr von ihr als eine einigermaßen präzise Übertragung des Manuskripts ins Norwegische. Sie hatte sogar die Erfahrung gemacht, dass es nicht nötig war, solche Romane zu lesen, bevor sie sich an die Arbeit machte; so gesehen erhielt sie sich ein wenig Spannung. Würde die Handlung so verlaufen, wie sie vermutete?

In der Regel tat sie das.

Janne hängte einen Teebeutel in den alten Becher mit der Aufschrift »Mama« und schmierte sich Toastscheiben mit schottischer Orangenmarmelade. Während sie aß, lauschte sie konzentriert den Vormittagsnachrichten auf P2 und etwas weniger konzentriert dem Musikprogramm, das folgte. Schließlich zündete sie sich die zweite Zigarette des Tages an und fragte sich, ob Björn womöglich eine Überraschung auf Lager habe, wenn er nach Hause kam. Nachdem Tove nach den Osterferien wieder nach Oslo gefahren war, um ihr Studium fortzusetzen, hatte Janne ihn gefragt, ob sie nicht gemeinsam etwas unternehmen wollten – etwas Außergewöhnliches –, nur sie beide. Björn war einverstanden. Sie waren ins Kino gegangen, hatten nachher ein Bier getrunken und miteinander geschlafen. Das war alles, vorläufig. Nicht gerade sehr außergewöhnlich, eher ein wenig gezwungen, und nun war das meiste wieder wie früher. Und wenn sie einfach anrief und zwei Konzertkarte für die Olavshalle am morgigen Abend bestellte? Wenn Björn so etwas täte, ohne ihr vorher Bescheid zu geben, würde sie jubilieren. Doch sie war sich nicht sicher, wie er reagieren würde. Björn wollte immer rechtzeitig im Voraus informiert werden. Das hing wohl mit seiner Arbeit zusammen, bei der das Gegenteil – das Unerwartete – die Regel war. Als Ermittler bei der Kriminalpolizei musste er sich ständig auf alles gefasst machen. »Darum brauche ich ein geregeltes Privatleben«, hatte Janne ihn zu Freunden sagen hören. In den letzten Monaten hatte sie das Gefühl gehabt, geregelt bedeute für sie, nicht mehr vorhanden zu sein.

Das Beste würde es sein, wenn sie ihn anriefe und fragte, ob er Lust hätte, morgen Abend auszugehen.

Dann erinnerte sie sich an seine Worte, er sei heute nur schwer zu erreichen. Und sie erinnerte sich an den ungewohnt fröhlichen Gesichtsausdruck über der Kaffeetasse, seinen beinahe geheimnisvollen Blick. Falls er etwas vorbereitet hatte, würde ein Vorschlag ihrerseits seinen Plan vielleicht zunichte machen. Andernfalls konnten sie immer noch im Laufe des Nachmittags über das Konzert sprechen. Sie überprüfte den Inhalt des Kühlschranks, schrieb einen Einkaufszettel und stellte den Anrufbeantworter an. Dann fuhr sie mit einem Kamm durch ihre aschblonden Locken, zog Mantel und Schal mit dem schottischen Karomuster an, schnappte sich die Einkaufstasche und eilte die Treppen hinunter. Sie setzte sich auf das alte schwarze Fahrrad und strampelte dem Kreisverkehr an der nächsten Kreuzung entgegen. Dort stieg sie ab und schob das Rad vorschriftsmäßig über die beiden Zebrastreifen, ehe sie wieder aufstieg, um das letzte Stück zum Einkaufscenter zu radeln. Dort traf sie niemand, den sie kannte, wechselte jedoch ein paar Worte mit dem Verkäufer hinter der Fischtheke. Er hatte pechschwarze Haare, kaffeebraune Augen und ein Lächeln, das Spannung und Abenteuer verhieß. Sie spürte zwar keine erotische Anziehung, doch sein Gesicht erinnerte sie an die exotischen Männer mit Ohrringen, die sie fasziniert hatten, wenn sie als Kind in der Prachtausgabe von Tausendundeine Nacht blätterte.

»Tiefsee-Saibling ist eine Delikatesse«, sagte er.

Daraufhin erklärte er ihr, wie sie den Fisch am besten zubereiten könne, was sich so verlockend anhörte, dass sie sich überreden ließ, zwei Filets zu kaufen. Sie erstand auch einen Hefezopf, süße Rosinenbrötchen und Baumkuchen. Wenn sie sich in Bezug auf Björn nicht täuschte, hatte er sich heute etwas besonders Gutes verdient.

Zu Hause angekommen, fiel ihr sogleich auf, dass die Lampe des Anrufbeantworters nicht blinkte. Sie fragte sich, was Björn eigentlich im Schilde führte, bevor sie sich wieder Gresham Manor widmete und ein paar Seiten über Mrs Craigs wohlbegründete Eifersucht schrieb. Sie war davon überzeugt, dass Sir Patricks zweifelhaftes Doppelleben gegen Ende des Romans von Charlie Beard – dem jungen, arbeitslosen Mann, der Liza Smiths wahre Liebe war – enttarnt würde und dass Charlie und Liza zueinander finden konnten. Bislang war Pennies from Heaven ziemlich vorhersehbar verlaufen, was nicht überraschte.

Dann klingelte das Telefon. Es war Tove, die mit drei Kommilitoninnen gerade in eine neue Wohnung gezogen war.

»Wir waren heute in Larkollen.«

»Beim Hundezüchter?«

»Ja.«

»Sprich nicht weiter!«

»Eine Welpe kostet nur sechstausend.«

»Darum geht es nicht, Tove. Aber Björn ...«

»Er wird sich auf der Stelle in ihn verlieben.«

Janne seufzte. Sie sah Tove deutlich vor sich – jung, bemüht, hilfsbereit. Ihre rotblonden Haare standen wie eine windgepeitschte Wolke um ihren Kopf. Es war derselbe Wind, der sich bei ihnen um die Osterzeit bemerkbar gemacht hatte. Die unbändige, ernste Tochter, die sofort durchschaut hatte, dass zwischen ihren Eltern etwas nicht stimmte und die der wahnwitzigen, kindlichen Idee verfallen war, die Ankunft eines kleinen Cairn-Terriers in Nardo könne eheliche Wunder bewirken, bloß weil Janne geäußert hatte, dass ihnen ein Tier vielleicht gut täte.

»Du weißt doch, wie sehr es Björn hasst, wenn über seinen Kopf hinweg entschieden wird.«

»Dann muss er sich endlich daran gewöhnen!« Tove nahm wie üblich kein Blatt vor den Mund. »Papa wird sofort erkennen, wie Unrecht er hatte. Wenn’s drauf ankommt, liebt er Hunde, genau wie du.«

»Schon, aber ...«

»Bearbeite ihn ein wenig. Mach ihm was Leckeres zu essen.«

»Eigentlich habe ich schon ...«

»Sei ein bisschen nett zu ihm, Mama!«

Janne musste lächeln. Als sie in Toves Alter war, wäre es undenkbar für sie gewesen, ihren Eltern einen Rat zu geben, was deren Zusammenleben betraf. »Ich werde heute Abend versuchen, mit ihm zu reden.«

»Versuchen? Tu es doch einfach. Du bist doch ganz verrückt auf solch einen Hund.«

»Versprochen.«

»Und du rufst mich dann an?«

»Versprochen.«

»Der Hundezüchter sagte, wir müssten uns schnell entscheiden«, fügte Tove rasch hinzu. »Die Welpen sind fast zwei Monate alt, und die Interessenten stehen schon Schlange!«

Nachdem Janne aufgelegt hatte, zündete sie sich eine Zigarette an. Sie wusste, dass die Tochter Recht hatte; sie wünschte sich wirklich einen Terrier, ein Tier, mit dem sie spazieren gehen konnte und das ihr Gesellschaft leisten würde, wenn Björn nicht zu Hause war. Er war den ganzen Tag von Kollegen umgeben und wusste einfach nicht, was es hieß, für sich allein zu arbeiten und nur eine Radiostimme zu hören, wenn sie sich am Vormittag etwas zu essen machte. Tove war ihr einziges Kind – weitere konnten sie nicht bekommen –, und Tove war ausgezogen. Jannes Vorschlag, einen ausländischen Jungen zu adoptieren, hatte bei Björn nie Gehör gefunden, und nun war es zu spät. Vielleicht lag dies an der Art und Weise, wie sie den Vorschlag gemacht hatte, vielleicht hätte er sich mit der Idee anfreunden können, wenn sie etwas behutsamer vorgegangen wäre. Sie rechnete zwar nicht gerade mit einem Wutausbruch von ihm, wenn ihm zu Ohren kam, dass Tove und sie hinter seinem Rücken über den Kauf eines Welpen sprachen, aber begeistert würde er gewiss nicht sein.

Andererseits, am heutigen Tag ... Hatte sie nicht das sichere Gefühl, heute sei alles möglich? Sie tröstete sich mit dieser Hoffnung und stellte den Computer an. Dort, auf dem grauen Monitor, besuchte Mrs Craig erneut den Pfarrer, der ihr – ohne seine geistliche Überzeugungskraft einzubüßen – berichten konnte, dass ihr Mann an dem Tag, an dem er eigentlich in London sein sollte, hinter einigen Rhododendrenbüschen des Dorfes mit der verschrobenen, vulgären Liza Smith beobachtet worden sei. Janne seufzte und begann das Abendessen vorzubereiten. Sie rieb die Saiblinge mit Salz, Pfeffer und Knoblauch ein, während sie dem Radio lauschte, legte sechs junge Kartoffeln in einen Kochtopf und stellte die Herdplatten an, goss Olivenöl in die Bratpfanne und vermischte es mit einem Stich Butter. Dann deckte sie den Küchentisch, wobei sie feststellte, dass sich die Radionachrichten im Lauf des Tages nicht geändert hatten. Die UNO übte scharfe Kritik am israelischen Krieg im Südlibanon. Sollte sie die letzte Flasche Weißwein aus dem Keller holen? Die Waffen einer Frau einsetzen, so wie Tove ihr geraten hatte? Nein, wenn ihr etwas widerstrebte, dann war es, sich auf diese Weise an ihn heranzumachen. Ach, wenn man noch einmal jung wäre, Toves nie versiegenden Elan und Optimismus besäße!

Sie warf einen Blick auf die Digitaluhr über dem Herd. 16:15. Eines musste man Björn lassen. Er gab immer Bescheid, wenn er sich verspätete oder Überstunden machen musste. Normalerweise kam er um Viertel nach vier zu Hause an. Sie goss das Wasser ab, legte die Kartoffeln in eine Terrine und zog die Pfanne von der heißen Herdplatte. Trat ans Fenster und spähte über die Straße. Dann eilte sie die Treppen hinunter, schloss das Kellerabteil auf, griff nach der Weinflasche und kicherte. Um die Versuchung in Grenzen zu halten, hatten sie sich darauf geeinigt, ihren »Weinkeller« in möglichst weiter Entfernung von der Wohnung zu haben, doch offenbar war die Entfernung noch nicht groß genug. In der Küche kämpfte sie eine Weile mit dem Korken, bevor sie ihn herausgezogen hatte, zwei Weingläser holte und auf den Tisch stellte. Voilà!

Als sie das nächste Mal auf die Uhr blickte, war es Viertel vor fünf. Sie hob den Deckel von der Pfanne. Der Duft war betörend, doch die Bratkruste löste sich bereits vom Fleisch. Die Konferenz – oder die Konferenzen – dauerte natürlich länger als angenommen. Es war nicht so einfach, solch eine Sitzung zu verlassen, um zu Hause anzurufen, wenn man sich gerade in schweißtreibenden Verhandlungen über wichtige Einsatzpläne befand. Janne deckte anstelle des Küchentischs den Wohnzimmertisch und fand zwei gelbe Kerzen, die noch aus der Osterzeit stammten. Danach zündete sie sich eine Zigarette an und stellte sich ans Fenster.

Als die Zeiger fünf Uhr passiert hatten, ging sie zum Telefon und wählte die Nummer des Polizeipräsidiums. Sie wollte nicht stören, wollte auch gar nicht darum bitten, mit Björn zu sprechen, sondern nur wissen, ob er das Haus bereits verlassen hatte.

»Andersen, Zentrale.«

Sie kannte den Mann nicht. »Hier ist Janne Hatling.«

»Ja, bitte?«

»Können Sie mir sagen, ob Björn Hatling schon aus dem Haus ist?«

»Einen Augenblick.«

Im Hintergrund hörte sie aus dem Küchenradio Days of Wine and Roses. Sie stellte fest, dass sie die Zigarette in der Hand hielt und keinen Aschenbecher hatte.

»Hören Sie ...«, sagte Andersen.

»Ja?«

»Björn Hatling ist heute nicht zur Arbeit erschienen.«

Für einen Augenblick kam ihr das aufregende Gefühl der Vorfreude abhanden.

»Das muss ein Irrtum sein. Er ...«

»Nein, nein, ich habe die Personalliste vor mir. Er hat sich heute frei genommen. Abbau von Überstunden.«

Janne sah, wie sich die Asche von der Zigarette löste und auf den Teppich fiel. Doch nachdem sie aufgelegt hatte, wurde ihr klar, dass Andersen natürlich Bescheid wusste. Björn hatte sie an der Nase herumgeführt. Vorsätzlich, wie es nach kriminalistischer Terminologie hieß. Weil er etwas im Schilde führte. Etwas, das Zeit benötigte. Zu Hause würde er die Katze aus dem Sack lassen. Ihr wurde inwendig warm. Erneut dachte sie an das verschmitzte Blitzen in seinen blauen Augen, das stumme Einverständnis, das sich womöglich auf ihren Vorschlag bezog, einmal etwas ganz Besonderes zu unternehmen. Lieber Björn, ich liebe dich. Wirst du wieder der Alte? Die neu auflebende Spannung ließ ihr Herz schneller schlagen. Was konnte das nur sein, das einen ganzen Tag Vorbereitung benötigte? Streifte er durch die ganze Stadt, um ein neues Auto zu kaufen? Nein, der Mitsubishi Lancer war erst vier Jahre alt. Es musste sich um etwas ganz anderes handeln, etwas, das sie sich im Moment gar nicht vorstellen konnte. Ein Frühjahrskostüm? Ein neuer Laserdrucker für ihren Computer? Sie presste den Korken zurück in die Weinflasche und stellte sie in den Kühlschrank. Gestern Abend, als Björn vom Fußballplatz kam – er trainierte eine Jungenmannschaft –, hatte sie zu ihm gesagt: »Stell dir vor, wir würden im Mai zum Shopping nach London fahren.«

»Ja, das wäre was.«

Doch seine Stimme hatte nicht verraten, was er eigentlich von dem Vorschlag hielt.

Die Minutenziffern der Uhr über dem Herd wechselten langsam. Sie dachte an das Essen, das bald ungenießbar sein würde; die leckeren Tiefsee-Saiblinge unter dem Deckel, die mehr und mehr an graue Holzscheite erinnerten. Als die Uhr fünf Minuten vor sechs anzeigte, wurde ihr plötzlich klar, dass Björn, falls er wirklich eine Überraschung vorbereitete, mit Sicherheit angerufen, sie beruhigt und ihr versichert hätte, dass die Konferenz länger dauere als veranschlagt. Der Plan basierte doch darauf, dass sie seine eigentlichen Beweggründe nicht kannte. Oder rechnete er damit, dass ihr die Verzögerung nichts ausmachte, dass sie in Erinnerung an seine morgendlichen Signale – die Munterkeit, das Lächeln – die Ruhe bewahren würde, weil sie gewiss wäre, dass er vorhabe, mit etwas Besonderem aufzuwarten, wenn er endlich nach Hause kam?

Sie zündete sich eine weitere Zigarette an. Auch Sir Patrick Craig konnte mit etwas Besonderem aufwarten: einer jungen Frau, von der Mrs Craig besser nichts erfuhr. Ach komm, Janne!

Wie dem auch sei, es ließ sich nicht leugnen, dass ihre Erwartung mit Besorgnis gepaart war. Eine oberflächliche Besorgnis, sagte sie sich, doch sie konnte den ekelhaften Klumpen, der sich hoch oben in ihrer Brust bildete und das Atmen erschwerte, nicht loswerden. Sie beruhigte sich ein wenig mit dem Gedanken, dass Björns Vorhaben ihn womöglich an einen Ort geführt hatte, an dem es kein Telefon gab. Doch er hatte immer sein Handy dabei, wo er auch war. An einem Tag, der vermutlich ein Freudentag werden sollte, hatte er ihr sicher keinen Kummer machen wollen. Irgendetwas war faul.

Dann dachte sie plötzlich an Anne-Lise, die Freundin aus dem Lesekreis, die vor einigen Wochen spurlos verschwunden war, und für mehrere unerträgliche Sekunden sah sie Björn vor sich, als leblose, übel zugerichtete Gestalt in einem Autowrack. Kalter Schweiß brach ihr aus, und sie fragte sich, ob sie das Kreiskrankenhaus anrufen sollte. Danach zwang sie sich zu einem selbstironischen Lächeln. Es war nicht das erste Mal, dass sie auf solche Gedanken kam. Wenn Björn nicht zur gewohnten Zeit nach Hause kam – früher, bei Tove, war es genauso gewesen –, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Genau wie jetzt war sie dann ruhelos durch die Wohnung getigert, während die Angst von ihr Besitz ergriff. Hatte sich den wildesten Spekulationen hingegeben und nach den makabersten Erklärungen gesucht. Nachher, wenn die kleine Familie beisammen war und sich gezeigt hatte, dass wieder einmal ihre Fantasie mit ihr durchgegangen war, sah sie ein, wie dumm sie sich verhalten hatte, und nahm sich vor, nie mehr der schrecklichen Intuition zu vertrauen, die sie erneut getäuscht hatte. Obwohl sie dies alles nur zu gut wusste, nahm der Klumpen in ihrer Brust solche Dimensionen an, dass sie das Gefühl hatte, er könne sie in Stücke reißen. Und es kam der Augenblick, in dem die ursprüngliche Vorfreude in blanke Wut umschlug, die sich gegen Björn richtete.

Warum, zum Teufel, rufst du nicht an?

Nach den Fernsehnachrichten entschloss sie sich, doch im Krankenhaus nachzufragen. Doch als sie den Hörer in der Hand hielt, wählte sie stattdessen die Durchwahl zu seinem Büro. Sie ließ es sieben Mal klingeln, bevor sie auflegte und erneut die Zentrale anrief.

»Andersen, Zentrale.«

»Hier ist noch mal Janne Hatling.«

»Ja?«

»Sind Sie ganz sicher, dass Björn nicht im Haus ist? Er sprach von einer wichtigen Konferenz über die neuen Einsatzpläne.«

»Die war, glaube ich, gestern – aber warten Sie kurz. Ich schaue mal nach.«

Gestern? Sie spürte, dass ihr die Situation zunehmend peinlicher wurde, dass ihr die Röte ins Gesicht schoss. Nur gut, dass dieser Andersen sie nicht sehen konnte. In der Kongens gate würde sie bald zum Gespött werden, wenn bekannt wurde, dass sie hinter ihrem Mann hertelefonierte, weil er sich um ein paar Stunden verspätete. Gleichzeitig tat sie alles dafür, die Riesenüberraschung, die er für sie plante, zunichte zu machen.

Doch wenn die Konferenz wirklich gestern stattgefunden hatte? Wenn es etwas ganz anderes war, das Björn zu verbergen versuchte?

Dann dachte sie abermals an sein Lächeln und die Hand, die ihr fröhlich zugewinkt hatte. Kam sich wie eine Idiotin vor, als sie Andersens Stimme hörte:

»Sind Sie noch dran?«

»Ja.«

»Die Konferenz war tatsächlich gestern.«

»Das heißt?«

»Das heißt«, wiederholte der Beamte am anderen Ende, »dass ich Ihnen nicht mehr sagen kann.«

»Entschuldigung.«

Sie legte auf und griff sich mit der Hand, die den Hörer gehalten hatte, an den Hals. Jetzt drückte der Klumpen direkt gegen die Kehle.

Warum in aller Welt meldete er sich nicht und entschuldigte sich für die Verspätung?

In den nächsten Sekunden betete sie zu Gott und flehte, Björn solle anrufen. Dann begann sie in der Wohnung auf und ab zu gehen und sich den Kopf zu zerbrechen, welche Personen etwas von seinem Aufenthaltsort wissen konnten. Auf keinen Fall jemand aus der Familie. Björns Eltern waren tot und sein einziger Bruder wohnte in Lillehammer. Enge Freunde? Natürlich hatten sie Freunde, aber nicht gerade viele, die ihnen wirklich nahe standen. Nach einer weiteren Zigarette griff sie erneut zum Telefon und tat etwas, das sie nie zuvor getan hatte: Sie rief im Krankenhaus an, sagte ihren Namen, wurde mit der Notaufnahme verbunden und fragte, ob eine verletzte Person namens Björn Hatling eingeliefert worden sei, ein siebenundvierzigjähriger Mann mit rotem Haar und ebensolchem Schnurrbart. Eine freundliche Stimme versprach sich zu erkundigen. Während sie wartete, musste sie dem abstoßenden Summen kühler Stimmen und klirrender Geräusche lauschen, als sei sie irrtümlich mit dem Operationssaal verbunden worden, in dem sich Chirurgen in grünspanfarbenen Kitteln über einen Patienten beugten und versuchten, dessen Leben zu retten. Es verging eine Ewigkeit. Dann hörte sie ein Klicken und die Verbindung war unterbrochen. Wütend wählte sie Nummer noch einmal und bekam dieselbe Frau an den Apparat. Sie entschuldigte die Unterbrechung und teilte ihr mit, dass in den letzten zwölf Stunden niemand mit dem Namen Hatling eingeliefert worden sei.

Diese Mitteilung ließ Janne aufatmen. Das Schlimmste war nicht eingetreten. Björn war immer noch am Leben, irgendwo in oder bei Trondheim. Jetzt musste sie sich einfach zusammennehmen, sich beruhigen und alle Gedanken an ein spurloses Verschwinden, von dem sicher keine Rede sein konnte, beiseite schieben. Es gab immer vernünftige Erklärungen. Immer. Hatte sie etwas vergessen? Hatte Björn eine Nachricht auf einem Zettel hinterlassen, der hinter den Kühlschrank gerutscht war? Oder glaubte er, etwas gesagt zu haben, war aber in Wirklichkeit nicht dazu gekommen? Hatte er jemand gebeten, ihr etwas auszurichten, und der hatte es vergessen? Ein Elterntreffen seiner Fußballjungs?

Im Grunde gab es unzählige Möglichkeiten.

Viel später öffnete sie ein Fenster und hörte entferntes Sirenengeheul, aber das beunruhigte sie nicht besonders. Eine Dreiviertelstunde später griff sie erneut zum Telefonhörer. Die vielen hastig gerauchten Zigaretten hatten sie benommen gemacht. Wen rief man an, wenn das Krankenhaus einem nicht weiterhelfen konnte? Die Polizei natürlich. Wäre die Situation nicht so beklemmend gewesen, hätte sie laut gelacht. Spricht da die Polizei? Könnten Sie einen vermissten Polizisten für mich suchen?

Diesmal war nicht Andersen am Apparat, sondern Bjarne Frengen. Sie kannte ihn von früher, er war einer der dienstältesten Mitarbeiter. Es tat gut, mit einem Mann zu sprechen, der offenbar verstand, wie sehr sie sich ängstigte. Schon seine sonore Stimme gab ihr ein sicheres Gefühl.

»Und Andersen hat gesagt, dass dein Mann sich heute frei genommen hat? Der Kerl ist kaum in der Lage, das Telefonbuch zu lesen, eine Personalliste schon gar nicht. Warte mal bitte kurz.«

Sie lauschte dem Gemurmel im Hintergrund, während sie aus dem Fenster spähte. Es war schon ziemlich dunkel geworden.

»Hallo, Janne? Du musst mich entschuldigen, aber im Moment herrscht hier so ein Trubel, dass es schwer festzustellen ist, wo Björn sich gerade befindet. Kannst du noch ein bisschen warten?«

»Ja, natürlich.«

Sie wartete.

»Ich glaube, du musst mir noch ein paar Minuten Zeit geben«, sagte Frengen nach einer Weile freundlich. »Im Moment sind fast alle im Einsatz. Gut möglich, dass auch Björn dabei ist. Ich rufe dich an, sobald ich was rausgefunden habe.«

»Ich danke dir vielmals.«

Danach ging Janne zum Kühlschrank, nahm die Weißweinflasche heraus und schenkte sich ein Glas ein. Sie trank von dem kühlen Wein und spürte, dass ihr Herz sich weitgehend beruhigt hatte. Diesem Andersen sollte man morgen eine scharfe Rüge erteilen, so wie er sie heute in Angst versetzt hatte. Ein Einsatz! Das erklärte alles. Niemand war öfter im Einsatz als Björn, wenn es hart auf hart ging. Er gehörte zu den erfahrensten Beamten.

Doch als sie den gedeckten Esstisch betrachtete, spürte sie, wie der unsichtbare Klumpen erneut gegen ihre Kehle drückte. Mit steifen, ruckartigen Bewegungen ging sie zum x-ten Mal in die Küche, warf einen Blick auf die Straße und danach auf die Digitaluhr. 22.20. Die Beamten waren vor einer knappen Stunde ausgerückt. Was hatte Björn in den Stunden zuvor getan, nach vier Uhr? Unabhängig davon, wie hektisch die Vorbereitungen für den Einsatz gewesen sein mochten, hätte er sie normalerweise angerufen und informiert. Und warum rief Frengen nicht zurück?

Als sie hörte, wie eine Autotür zugeschlagen wurde, hastete sie erneut ans Fenster und schaute hinunter. Im schwachen Schein der gelben Straßenlampe sah sie, wie eine Gestalt aus dem Carport heraustrat. Sie war bereits auf dem Weg die Treppe hinunter, als es an der Tür klingelte. Das konnte nicht Björn sein, denn der benutzte den Schlüssel.

Sie kannte den Mann, der vor der Tür stand. Er trug einen dunklen Parka, einen Mantel, der vor Urzeiten in Mode gewesen war. Hauptkommissar Christian Rønnes, Björns unmittelbarer Vorgesetzter, ging auf die Sechzig zu und gehörte fraglos zu den ältesten Mitarbeitern des Polizeipräsidiums. Ein Mann, der Gelassenheit ausstrahlte und selten übereilt handelte. Und dennoch ein Mann, demgegenüber sie aus unerfindlichen Gründen stets eine gewisse Abneigung empfunden hatte. Rønnes war hier, an einem normalen Mittwochabend? Etwas an seinem Auftreten ließ sie erstarren. Der gesenkte Kopf, die Art, wie er sie anblickte, das graue Gesicht. So, schoss es ihr durch den Kopf, hätte der Pfarrer aus Pennies from Heaven ausgesehen, wenn er gezwungen gewesen wäre, Mrs Craig mitzuteilen, dass Sir Patrick etwas Ernsthaftes zugestoßen sei. Natürlich hätte der Pfarrer es mit einem einstudierten, mitfühlenden Lächeln versucht, doch Rønnes war schließlich kein Pfarrer. Die Erkenntnis, dass etwas Außerordentliches geschehen war, etwas Schreckliches, das ihre gesamte Existenz aus dem Gleichgewicht bringen würde, ließ die Szene unwirklich erscheinen. Sie spürte, wie er sie am Ellbogen nahm und die Treppe hinaufführte. Erst als sie auf dem Flur standen, brachte sie ein paar Worte hervor:

»Sag es einfach!«

»Janne ...« Seine Stimme brach nicht in klassischer Weise, sie versagte einfach.

Herrgott, war es nötig, auf so irritierende Art die Finger zu verschränken? Warum legte er ihr nicht einfach den Arm um die Schultern, um sie zu trösten?

Während der Boden unter Jannes Füßen zu schwanken begann, fiel ihr ungläubiger Blick auf ein Foto an der Wand, das sich über Rønnes’ rechter Schulter befand. Tove und Björn auf der Hütte. Es war mindestens zehn Jahre alt. Sie auf seinen Knien, in der Hollywoodschaukel auf der Terrasse. Beide lächelten in die Sonne und in die Kamera. Sie roch den Duft der frischgemähten Wiese.

Dann, wie aus weiter Entfernung, als spräche er durch ein umgedrehtes Megafon, hörte sie endlich seine Stimme:

»Als Björns unmittelbarer Vorgesetzter kommt mir die schwere Pflicht zu, dir mitzuteilen, dass er ... tot ist.«

Solche Nachrichten zu überbringen, musste schrecklich traurig sein, dachte sie, ganz gleich, ob man Pfarrer oder Polizist war. Der Druck auf ihren Kehlkopf war verschwunden. Indessen spürte sie, wie sie plötzlich zu schweben begann und wie Christian Rønnes sie stützte, bevor sie in Ohnmacht fiel.

Er musste sie ins Wohnzimmer getragen haben. Als sie zu sich kam, lag sie zu ihrer Verwunderung auf dem Sofa und hatte ein Kissen unter dem Kopf. Rønnes reichte ihr ein Glas Wasser.

»Danke.«

»Es tut mir wirklich sehr Leid.«

Janne starrte in Rønnes’ müde, feuchte Augen. Seine Äußerungen waren viel zu literarisch gewesen, so drückte man sich in der Realität nicht aus. Das Schlimmste war also nicht eingetreten. Dies war nur ein unwahrscheinlicher Traum, ein Produkt ihres manischen Pessimismus’. Doch gleichzeitig fragte auf einer Bewusstseinsebene, die außer ihr lag, ein starrer, fremder Teil von ihr:

»Was geht hier eigentlich vor?«

Er musste sich mehrmals räuspern, bevor er die Sprache wiederfand, während er offenkundig große Schwierigkeiten hatte, ihr ins Gesicht zu sehen.

»Wir kennen die Einzelheiten noch nicht. Er wurde vor einer Stunde gefunden.«

Die Sirenen, die sie gehört hatte. Der Einsatz. Wieder die Stimme, die nicht ihre war: »Wo?«

»Bei der Sportanlage, in der Nähe der Nidelvhalle. Ich komme gerade von dort.«

Das musste wohl ein Irrtum sein. Heute Abend war doch kein Fußballtraining. »Ein Unglück?«, fragte die Stimme.

Da nahm Rønnes ihr das Wasserglas ab, stellte es auf den Couchtisch und streckte ihr die Hände entgegen. Eine langsame, hilflose Geste, die unterstrich, wie sehr er sich gewünscht hätte, dass der Kollege noch quicklebendig wäre, doch war dies eine Illusion. Die Verzweiflung hatte sich in Form kleiner Mulden – die sich von den hypnotischen Gesten eines Magiers nicht fortwischen ließen – in sein vertrauenerweckendes Gesicht gegraben.

»Irgendein Wahnsinniger hat ihn erschossen.«

Donnerstag, 25. April
Polizist tot am Fluss aufgefunden

Am gestrigen Tag wurde ein 47-jähriger männlicher Polizeibeamter aus Trondheim am Ufer des Nidelv, unweit der Tempeban-Sportanlage, tot aufgefunden. Die Polizei, die bislang nur wenige Informationen bekannt gab, teilte gegen Mitternacht mit, der Beamte sei von hinten erschossen worden. Von dem Täter oder den Tätern fehle bislang jede Spur. Auch die Tatwaffe sei nicht gefunden worden.

Die Leiche wurde bei Anbruch der Dämmerung, gegen 21.30, von einem Mann entdeckt, der seinen Hund spazieren führte. Der Tote lag am Ufer auf dem Bauch, ungefähr 50 Meter von der Nidelvhalle entfernt. Der Mann sagte aus, der Hund sei plötzlich unruhig geworden und davongelaufen. Die Leiche habe direkt am Wasser gelegen und zwei Schussverletzungen am Genick aufgewiesen.

Auf dieser Höhe des Flusses befinden sich nur einige Mietshäuser, deren Bewohner weder etwas Verdächtiges gehört noch gesehen haben. Das Privatauto des Polizisten, ein schwarzer Mitsubishi Lancer, Baujahr ’92, wurde bei der Abzweigung zur Sportanlage verschlossen vorgefunden. Auch im Auto fand man bislang keine Spuren, die zur Aufklärung des brutalen Mordes führen könnten.

Die Polizei sucht nach Zeugen und bittet Personen, die im Lauf des gestrigen Tages an besagtem Ort waren, mit ihr in Verbindung zu treten. Nach unserem Kenntnisstand hatte der Beamte, er trug Zivilkleidung, einen Urlaubstag genommen und befand sich nicht im Einsatz. Er wohnte in Nardo und hinterlässt eine Frau und eine erwachsene Tochter. Die Leiche wurde zur Obduktion ins Kreiskrankenhaus gebracht.

Freitag, 26. April

Als Preben Mack bekannt gab, er und Vibeke Bang seien ein Paar geworden, war dies für die übrigen Mitarbeiter von Mack & Messel keine große Überraschung. Während des morgendlichen Beisammenseins, beim Kaffeetrinken, kurz bevor die Kanzlei öffnete, nahm Preben seine Armani-Brille ab und ließ angesichts dieser Tatsache ein paar selbstironische Bemerkungen fallen.

»Wie ihr möglicherweise bemerkt haben werdet«, sagte er mit seinem gewohnten Hang zum Understatement, »sind Vibeke und ich uns in den letzten Monaten nähergekommen. Nach vielem Hin und Her haben wir in der vorigen Woche beschlossen, dass sie zu mir zieht, was gestern in die Tat umgesetzt wurde. Irgendwelche Einwände seitens der Staatsanwaltschaft?«

Jonas Messel und die beiden anderen Anwälte applaudierten spontan, während Vibekes drei Kolleginnen aus dem Sekretariat die errötende Auserwählte nacheinander umarmten. Niemand schien auch nur das Geringste dagegen zu haben, dass Preben endlich eine neue Partnerin gefunden hatte. Die Szene hätte aus einer amerikanischen Fernsehserie stammen können, abgesehen davon, dass die acht Mitarbeiter nicht mit Champagner anstießen, bevor sie den ersten Klienten des Tages empfingen.

Dachte Vibeke.

Prebens Wohnung befand sich in der obersten Etage desselben Gebäudes in der Dronningens gate, in der auch die Kanzlei ihren Sitz hatte, doch das Paar nahm sein Mittagessen im Britannia Hotel an der Ecke ein.

»Wie, glaubst du, kommt er damit zurecht?«, fragte er, nachdem die Sandwiches verzehrt waren.

»Arvid?«

»Ja.«

»Der verkraftet das schon«, sagte sie leichthin. »Warum sollte er mich vermissen, da er ohnehin kaum Notiz von mir genommen hat, wenn ich da war?«

»Er hat dich nicht angefleht, wieder zu ihm nach Hause zu kommen?«

»Nein, er wirkte ziemlich entspannt, als ich gestern mit ihm geredet habe. Jedenfalls tat er so.«

»Ihr hattet schon wieder Kontakt miteinander?«

»Ja, er hat angerufen.«

»Warum?«

Vibeke schaute ihn erstaunt an. »Sag jetzt bloß nicht, dass du eifersüchtig bist.«

»Nicht im Geringsten.« Preben lächelte.

»Er fragte sich, wie wir die Scheidung regeln sollten. Er weiß, dass ich nicht versuchen werde, ihn reinzulegen, war jedoch erleichtert, als ich ihm sagte, dass kein Anlass besteht, Mack & Messel einzuschalten. Wir haben uns darauf verständigt, uns nächste Woche Dienstag bei Anwalt Dahleng zu treffen.«

»Gut.« Preben gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Es würde mein Gewissen ungeheuer erleichtern, wenn du ihm geben würdest, was ihm zusteht – und mehr als das. Ich ... ich meine wir können uns das doch wirklich leisten.«

Sie nickte. In diesem Moment hätte sie es vorgezogen, von etwas anderem zu sprechen – von ihnen selbst, ihrer Zukunft, dem Sommerurlaub, der neuen Schlafzimmereinrichtung, die sie anschaffen wollten. Offenbar ging es Preben genauso, doch bemühte er sich unablässig, taktvoll aufzutreten und Verständnis für ihre Gefühle zu zeigen. Daher erkundigte er sich auch:

»Was ist mit deinem Sohn?«

»Ich wollte ihn heute anrufen.«

»Grüß ihn von mir. Sag, dass ich mich darauf freue, ihn kennen zu ... Sag mal, was ist denn?«

Vibeke zündete sich eine Zigarette an und antwortete, ohne ihn anzusehen: »Ich wünschte, ich könnte Ola die Neuigkeit ersparen.«

»Das verstehe ich gut. Natürlich wird er traurig sein.«

»Und wütend. Er wird niemals verstehen, warum ich Arvid verlassen habe. Wäre es doch nur umgekehrt!«

Da lehnte sich Preben über den Tisch und legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. Vibeke rang sich zu einem Lächeln durch.

Du begreifst nicht, wie schwierig das ist, dachte sie. Seit sie einen Entschluss gefasst und danach gehandelt hatte, war das schlechte Gewissen zu einer Konstante ihrer ambivalenten Gefühle geworden. In einem Moment erschien ihr Preben als Retter, als der unglaublich sympathische Kerl, der die Hand ausgestreckt und sie in dem Moment, in dem sie am empfänglichsten gewesen war, aus ihrem nichtssagenden Dasein gerissen hatte. Im nächsten Moment dachte sie daran, Arvid nur ausgenutzt zu haben, um sich ein spannenderes Leben zu verschaffen. Arvid hatte ihrer Ehe niemals zu schaden versucht. Natürlich war er gleichgültig und passiv geworden, und es geschah auch, dass er aus nichtigen Anlässen schwindelte und sich in unnützen Gedankenspielen verlor, doch er hatte ihr niemals weh getan. Zumindest nicht bewusst. Im Nachhinein konnte sie ihren Freundinnen nicht weismachen, mit einem Tyrannen verheiratet gewesen zu sein; das wäre eine krasse Lüge. Sie war der Ehe überdrüssig geworden. Sie hatte sich etwas Neues und anderes gewünscht – doch hatte sie selbst versucht, ihrer Ehe neuen Schwung zu geben? Hatte sie nicht stets darauf gewartet, dass Arvid sich veränderte? Heute Morgen hatte sie so etwas Ähnliches wie das vollkommene Glück empfunden. Auf bescheidene und äußerste charmante Art war ihr neuer Held plötzlich aufgestanden und hatte bekannt gegeben, dass die Sekretärin Vibeke Bang von nun an zu ihm gehöre. Die anderen hatten sie vor Glück weinen sehen. Sie hatte dieselbe Erleichterung wie am Mittwochabend empfunden, als Preben ihr half, ihre letzten Habseligkeiten aus dem Wohnblock in der Klostergata zu holen. Arvid hatte sich großmütig gezeigt und extra viele Überstunden gemacht, nicht nur, um nicht vor Ort sein zu müssen, sondern auch, damit sie ungestört waren.

Herrgott, was musste er empfunden haben, als er mit dem Wissen in die leere Wohnung kam, dass sie nie mehr zurückkehren würde?

Preben versuchte ihren Blick einzufangen. »Was ist denn, Vibeke?«

»Ach, nichts.«

»Komm, sag schon, mein Schatz!«

»Für einen Moment ... tat er mir so schrecklich Leid.« Sie schluchzte beinahe.

»Dein Sohn wird es wie ein Mann nehmen.«

»Ich meine Arvid.«

Preben nickte. Er dachte ein wenig nach und meinte dann ernst: »Ich beneide ihn wirklich nicht. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie hart das sein muss.«

Seine Worte taten ihr gut. Preben verstand sie wirklich. Dennoch ging Vibeke durch den Kopf, wie leicht er davonkam. In früheren Zeiten wäre der neue Bewerber gezwungen gewesen, dem betrogenen Ehemann mitzuteilen, dass er seine Frau erobert habe. Woraufhin dieser vermutlich den Degen gezogen und den Konkurrenten zum Duell herausgefordert hätte. Doch Arvid hatte nicht den leisesten Versuch unternommen, um sie zu kämpfen. Stattdessen hatte er sich zurückgezogen, sich unkenntlich gemacht, war noch kleiner geworden – geschrumpft. Zunächst war sie enttäuscht gewesen, dass er sich kampflos geschlagen gab, später hatte sie seine Feigheit als Beweis dafür genommen, dass sie ihm nichts mehr bedeutete und dass sie richtig gehandelt hatte.

Doch wer hatte eigentlich wen erobert? Sie hätte Preben abweisen und sich zu Arvid bekennen können. Hätte Preben um sie gekämpft? Sie war sich keinesfalls sicher. Nicht weil Preben feige gewesen wäre, sondern weil seine Integrität es ihm untersagt hätte, einer verheirateten Frau den Hof zu machen. Im Grunde war sie es gewesen, die signalisiert hatte, dass sie nicht länger mit Arvid zusammenleben könne. Sie hatte alles in Gang gesetzt. Sie war die »Schuldige«. Und sie war überzeugt davon, dass Ola dies genauso sehen würde. Keinesfalls durfte sie Preben aber mit diesen unerfreulichen Gedanken zur Last fallen! Er wollte, dass sie glücklich war. Er verdiente es, sie glücklich zu sehen.

Vibeke gab ihm einen Kuss auf die Wange, legte ihre Hand auf seine und drückte sie; Preben lächelte zurück.

Arvid hatte bereits dafür gesorgt, dass Ola Bescheid wusste, und wie erwartet hatte der Zwanzigjährige seine Partei ergriffen. Ja, mehr als das: Ola hatte am Telefon einen Wutausbruch bekommen und seine Mutter dermaßen beschimpft, dass Arvid sie beinahe hätte verteidigen müssen.

»Hinter deinem Rücken? Das ist ja ekelhaft!«

»Ich habe wohl nichts anderes verdient.«

»Sei nicht so kleinlaut, Papa. Du hast getan, was du konntest.«

»Darüber lässt sich streiten, Ola. Ich muss der Tatsache ins Auge sehen, dass ...«

»Man sollte diesen arroganten Anwaltsschnösel windelweich prügeln!«

»Tja ...«

»Ihm einen Denkzettel verpassen!«

»Dafür ist es zu spät.«

»Ihn an den Eiern aufhängen.«

»Ola, beruhige dich! Vibeke hat es selbst so gewollt.«

»Das ist es ja. Der Kerl hat Mama den Kopf verdreht.«

»Ich sage doch, es ist zu spät.«

Arvid hatte mehrere Minuten gebraucht, um Ola so weit zu beruhigen, dass dieser versprach, nichts Unüberlegtes zu tun und sich mit dem Unabänderlichen abzufinden. Doch es hatte seinem Selbstmitleid geschmeichelt, dass der Sohn sich auf seine Seite geschlagen und am Ende des Gesprächs – für Olas Verhältnisse sogar sehr eindringlich – gefragt hatte, ob er etwas für ihn tun könne.

»Soll ich nach Hause kommen?«

»Das ist nett von dir, mein Junge, aber konzentriere dich lieber auf dein Studium und bereite dich aufs Examen vor.«

Arvid hatte dies ernst gemeint und war von seinen eigenen Worten so gerührt, dass er in Tränen ausbrach, nachdem er aufgelegt hatte.

Auf dem Heimweg gelang es ihm dennoch, sein schweres Schicksal zu vergessen, zumindest für eine Weile. Er kaufte Nahrungsmittel, Bier, eine Zeitung und ein paar Süßigkeiten, und da er auf dem Postamt nichts zu erledigen hatte, nahm er die Abkürzung über die Mauritz Hansens gate. Mit einer prallen gelben Einkaufstüte in der linken Hand schlenderte er bei kühlem Wetter durch die Straßen – der Frühling ließ in diesem Jahr auf sich warten – und dachte an seine Totoscheine, die er ausfüllen und morgen abgeben wollte. Er kaufe Hoffnung auf Kredit, hatte Vibeke das genannt. Aber warte nur. Früher oder später würde er mit seinem System ins Schwarze treffen, und dann ...

Der Anblick des roten Backsteinblocks brachte ihn in die Realität zurück.

Es war traurig, in die leere Wohnung zurückzukommen und sich zu sagen, dass dies nun so bleibe würde. Besonders an diesem Freitagnachmittag. Erst eine Woche war vergangen, seit sich alles ereignet hatte: dass der Postbeamte ihm einen falschen Kontoauszug ausgehändigt hatte, dass Vibeke viel später als gewöhnlich nach Hause gekommen war und ihm mitgeteilt hatte, sie wolle sich scheiden lassen. Natürlich war das ein Schlag ins Gesicht gewesen. Ein rücksichtsloser Angriff auf einen unschuldigen Gegner. Er legte die Nahrungsmittel in den Kühlschrank und begann sich ein paar Eier zu braten. Während er das Radio anstellte, fragte er sich, ob die Nachbarn im Treppenhaus bereits bemerkt hatten, dass Vibeke nicht mehr da war. Natürlich hatten sie das. Frau Pedersen in der Wohnung unter ihnen auf jeden Fall. Wenn es um Neuigkeiten ging, war sie der reinste Staubsauger. Im Zweifelsfall tratschte sie sogar über Ereignisse, die noch gar nicht stattgefunden hatten. Arvid gegenüber, der mit ihr auf gutem Fuß stand, würde Frau Pedersen ihr tiefes Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Vielleicht wusste bereits der ganze Wohnblock, dass die schreckliche Vibeke Bang ihren Mann verlassen hatte. Doch verspürte er bei diesem Gedanken keine Genugtuung, eher Scham. Von jetzt an gehörten die Zimmer ihm allein. Wenn er etwas Lebendiges sehen wollte, musste er den Fernseher anschalten oder sich im Spiegel betrachten.

Während er in der Küche aß, warf er einen flüchtigen Blick in die Zeitung. Er wollte mit dem Ausfüllen der Totoscheine erst beginnen, nachdem er im Wohnzimmer ein Gläschen zur Brust genommen hatte. Er las die Überschrift und den Artikel über den Polizisten, den man bei der Sportanlage tot aufgefunden hatte. Der Artikel wiederholte im Großen und Ganzen das, was gestern bereits zu lesen gewesen war, nannte jedoch erstmals den Namen des Toten. Auch ein Foto von ihm war abgebildet. Polizeibeamter Björn Hatling stand darunter. Ein schmales, gut geschnittenes Gesicht mit stattlichem Polizistenschnurrbart. Ein Jahr jünger als er selbst. Kaltblütig erschossen von einem bislang unbekannten Täter. Seiner Gewohnheit gemäß spekulierte er ein wenig über die möglichen Hintergründe eines so schrecklichen Verbrechens und fragte sich, ob er womöglich in der Lage wäre, den Fall zu lösen – das unbedeutende Detail zu entdecken, das die Experten von der Kripo übersehen hatten. Unter anderen Umständen hätte er sich vermutlich eine wohlbegründete Meinung zurechtgelegt und Vibeke daraufhin einen lautstarken Vortrag über seine Sicht der Dinge gehalten. Ein ganzes Arsenal möglicher Erklärungen vor ihr ausgebreitet. Doch der Artikel hatte nur wenige interessante Details zu bieten, und Vibeke war nicht anwesend. Außerdem machten sich andere Dinge in seinem Hinterkopf bemerkbar. Im Gegensatz zu der unglückseligen Freundin von Simon Tokle hatte Vibeke ihm einen Zettel hinterlassen:

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