Читать книгу: «Das dritte Opfer»
Fredrik Skagen
»Und die Liebe wurde zum Ursprung und Herrscher der Welt, doch ihre Wege sind gesäumt von Blumen und Blut, Blumen und Blut.« So schrieb Knut Hamsun vor gut hundert Jahren in ›Victoria‹. Aber ist dies so schön, wie die Leute es gern hätten? Und ist es nicht ein göttliches Unglück, dass wir von unseren Liebsten anfangs mit Geschenken und Blumen überhäuft, später mit unserem eigenen Blut besudelt werden? Erst wenn wir im Grab liegen, kehren die zurück, die uns verlassen haben. Womit überschütten sie uns dann, wenn nicht mit Blumen und nochmals Blumen?
Aus dem Tagebuch von Miriam Malme (1975–2000)
Es war eine dunkle
und stürmische Nacht.
William wusste nicht genau, woher dieser Satz stammte, doch war er ihm vor vielen Jahren in den Sinn gekommen, als er sich dreißig bis vierzig Kilometer östlich von Trondheim in freier Natur befand. Sie lagen nebeneinander auf dem Boden und drückten sich eng aneinander – Jon in der Mitte, Oddvar zur Rechten und William zur Linken.
Stürmisch? Hin und wieder strich ein kühler Wind über die nahezu unsichtbare, mit Gras bewachsene Ebene, doch rüttelte er nicht an den Baumkronen. Auch war es nicht Nacht, sondern ein früher Abend im Herbst. Dunkel war es allerdings, dafür konnte sich William verbürgen. Düstere Wolken waren aufgezogen und hatten sich vor den zarten Halbmond geschoben, sodass sie einander nur noch schemenhaft erkannten. Die warmen, gelblichen Lichter der Höfe, die sich talwärts befanden, weckten in ihm die Sehnsucht nach einer Zigarette, einer Tasse Kaffee und – nicht zuletzt! – dem Prasseln eines Kaminfeuers. Oddvar hatte ihn gebeten, sich warm anzuziehen. Er meinte dies auch getan zu haben, fror aber trotzdem. Normalerweise fühlte er sich wohl in der Natur, streifte gern durch die Wälder, doch war es für einen zentralheizungsverwöhnten Stadtmenschen kein Vergnügen, regungslos im Dunkeln auf eiskaltem Boden zu liegen.
Am Anfang hatte er alles sehr spannend gefunden, als die Dämmerung hereingebrochen war und er sich vorgestellt hatte, wie das Wild langsam zum Vorschein kam, um sich willig erlegen zu lassen. Linkerhand meinte er gar das Brechen eines Zweiges gehört zu haben, doch Jon hatte ihm zugeflüstert, dass die Beute, falls sie denn auftauchte, aus der anderen Richtung käme.
Obwohl William sich über seine völlige Unerfahrenheit im Klaren war, bezweifelte er längst, dass es Sinn hatte, noch länger auf der Lauer zu liegen. Sein Gefühl sagte ihm, dass es in dieser Gegend nichts als Ameisen und Regenwürmer im Winterschlaf gab. Jørgen, dem Vierten im Bunde, der 150 Meter entfernt unter einer Tanne stand, fiel die Aufgabe zu, den Schrei einer Eule zu imitieren, sobald sich ein Tier zeigte, er hatte jedoch während der gesamten Dreiviertelstunde nicht einen Laut von sich gegeben. William, Anfänger und unbewaffneter Zuschauer, versuchte die tauben Finger zu bewegen und fragte sich, wie es überhaupt möglich war, etwaige Tiere am finsteren Waldrand auszumachen. Doch die Zigarette musste warten. Denn sobald das sensible Wild auch nur im Geringsten gewarnt werde, wechselten ganze Rudel die Richtung.
Hatte Jon erklärt.
Oddvar trug an allem die Schuld. Er hatte William förmlich angefleht mitzukommen. »Heute Abend muss es passieren. Jon glaubt fest daran. Der hat so was im Gefühl. Ich garantiere dir, das wird ein Riesenerlebnis!« Oddvar hatte ihn in der Stadt abgeholt, und eine gute halbe Stunde später waren sie vor Jørgens Haus vorgefahren. William war sowohl ihm als auch Jon das erste Mal begegnet. Jørgen war aufgekratzt gewesen und hatte in einer Tour gequasselt, während der stillere Jon einen durch und durch besonnenen und abgeklärten Eindruck gemacht hatte. Man konnte kaum glauben, dass er sich in regelmäßiger psychiatrischer Behandlung befand, um seine Angstattacken in den Griff zu bekommen. Bei Anbruch der Dämmerung waren sie in Jørgens Pick-up gestiegen und losgefahren.
Nach weiteren fünf Minuten begann die dünne Reifschicht unter ihnen zu schmelzen. Als die kalte Feuchtigkeit durch ihre Hosenbeine drang, legte William vorsichtig seine Hand auf Jons linken Arm, um ihn zu fragen, wie lange sie noch ausharren sollten. Er fühlte den groben Stoff seiner Feldjacke und ahnte, dass Jon sich zu ihm umdrehte. Dann spürte er einen Warmluftschwall an seinem rechten Ohr, wie von einem Heißluftofen, und vernahm Jons Flüstern: »Frierst du, Bill?«
»Nein, aber ...«
William schätzte seine Fürsorge, legte allerdings keinen Wert darauf, Bill genannt zu werden. Niemand hatte das je getan. Jon hatte mehrere Jahre in den USA verbracht, aber das war schon lange her. Der amerikanische Einschlag wirkte gezwungen und machte hier, in einer mittelnorwegischen Ortschaft, einen fast lächerlichen Eindruck.
»Hast du sie auch gesehen?«
»Wen?«
»Na, die drei Rentierkühe, die gerade an uns vorbeigelaufen sind, knapp fünfzehn Meter entfernt.«
Dass ich nicht lache, dachte William. Oddvar zufolge war Jon zwar der mit Abstand Erfahrenste von ihnen allen, schien jedoch eine lebhafte Fantasie zu besitzen. Geschehnisse der Vergangenheit konnte er sich mit solcher Überzeugungskraft zusammenreimen, dass es kaum möglich schien, sie mit dem Hinweis auf ihre Unwahrscheinlichkeit zu entkräften. Nichtsdestotrotz hielten Oddvar und Jørgen das meiste für wahr, wussten sie doch um seinen fabelhaften Jagdinstinkt.
»Glaubst du mir nicht, Bill?«
In seiner Stimme schwang ein arroganter Unterton mit, der William missfiel. Der Mann war ihm ohnehin nicht geheuer, was vermutlich an den Informationen lag, die Oddvar ihm gegeben hatte: ein ehemaliger Berufssoldat mit psychischen Problemen ...
»Tja, ich weiß nicht.«
»Was meinst du, Oddvar?«, flüsterte Jon.
»Jørgen hätte doch Laut gegeben, wenn irgendwelche Tiere vorbeigetrabt wären.«
Jon schien verärgert. »Jørgen? Der riecht doch nicht mal seinen eigenen Furz.« Dann wies er sie an, ein Stück nach vorne zu robben, aber möglichst so, dass sie keine unnötigen Geräusche machten. Seite an Seite schlängelten sie sich zehn Meter nach vorne, als Jon plötzlich innehielt und seine Taschenlampe anknipste.
»Schaut her!«
William hob langsam den Kopf. Vom plötzlichen Licht geblendet, konnte er nichts erkennen, das auf ein Tier hingewiesen hätte.
»Das ist ja unglaublich!«, raunte Oddvar entgeistert.
Zunächst wusste William nicht, was der Freund meinte. Dann, im nächsten Augenblick, erkannte auch er verwundert, was der Lichtkegel offenbarte: Unmittelbar vor ihnen, nur wenige Zentimeter entfernt, waren einige gelbe, steife Grasbüschel dabei, sich aufzurichten! Es gab nur eine Erklärung. Sie waren gerade niedergetrampelt worden, obwohl William hätte schwören können, nicht einen einzigen Laut vernommen zu haben. Wie Jon im Dunkeln das Passieren der Tiere hatte bemerken können, war ihm unbegreiflich. Und woher wollte der Kerl wissen, dass es sich um Rentierkühe und noch dazu nicht um zwei oder vier, sondern um drei gehandelt hatte?
»Warum hast du nicht geschossen?«, flüsterte Oddvar.
»Weil ich den Bock erwischen will.«
Kaum hatte Jon dies gesagt und die Lampe gelöscht, als sie auch schon ein dumpfes Geräusch wahrnahmen, fast wie von einem Nebelhorn und kaum mehr als hundert Meter entfernt. Mit einem Mal spürte William, wie die Spannung zurückkehrte. Konnte es sich um den Rentierbock handeln, das älteste Tier der Herde, der soeben einen Brunftschrei ausgestoßen hatte? Jon hatte sich geschworen, dass dessen Krone buchstäblich die Krönung der Jagdsaison werden sollte.
»Bleibt liegen und seid still!«
Dann robbte er weiter und verschwand lautlos aus ihrem Blickfeld. Oddvar rollte sich einmal um die eigene Achse, sodass er dicht neben William liegen blieb. Im nächsten Augenblick riss die Wolkendecke auf und gab den Halbmond frei, während Oddvar nach rechts zeigte und William das Fernglas reichte. William hielt es sich vor die Augen. Mit ein wenig Fantasie war es vorstellbar, dass sich die länglichen Schatten unter den Tannen langsam vorwärts bewegten, doch er war sich nicht sicher, den richtigen Ort im Visier zu haben. Möglicherweise bildete er sich die Bewegungen in der konturlosen Szenerie nur ein. Vielleicht handelte es sich um Jørgen, der den Ruf einer Eule imitieren wollte. Dennoch nickte er, wollte seinen Amateurstatus nicht zugeben. Erneut spürte er die Kälte und ärgerte sich, dass er Oddvars Drängen, ihn zu begleiten, nachgegeben hatte. »Ein Jagdausflug mit Jon wird dich davon überzeugen, dass er uns nichts vormacht.« Die Jagd hatte William nie sonderlich interessiert. Eine Angeltour bei schönem Wetter, warum nicht, aber das hier? Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, bei dieser Dunkelheit ein Rentier zu erwischen.
Eine Ewigkeit schien vergangen – kaum länger als zehn Minuten, wie er später begriff –, dann hörten sie den kanonenschussähnlichen Knall eines Jagdgewehrs. Er hatte gerade die Stellung gewechselt, und in der sonderbaren Stille, die folgte, konnte selbst er das Rascheln rascher Schritte hören, als ein ganzes Rudel von Tieren plötzlich aufschreckte und verschwand. Jetzt bestand kein Zweifel mehr – sie mussten von allen Seiten von Wild umgeben sein, während Jon einen ganz bestimmten Bock im Auge hatte, und zwar den ältesten, denn seiner Meinung nach war es an der Zeit, dass jüngere Tiere die Führung der Herde übernahmen. Oddvar stand auf und zog William mit sich fort, bis sie die Überbleibsel einer Skihütte erreichten. Gleichzeitig stieß Jørgen zu ihnen.
»Glaubst du, er hat getroffen?«, fragte William, der froh war, sich endlich wieder bewegen zu können. Das Versteckspiel hatte ein Ende.
»Klar, sonst hätte er doch nicht abgedrückt«, entgegnete Jørgen grinsend.
Im Schein des Mondlichts bahnten sie sich ihren Weg, als sie Jon plötzlich fluchen hörten: »Verdammter Mist!«
Sie liefen zu ihm, während er mit gesenkter Waffe und angeschalteter Taschenlampe das Tier zu suchen schien, auf das er geschossen hatte. Gemeinsam machten sich alle entlang einem Graben auf die Suche. Nach fünf Minuten gaben sie auf.
»Genau hier stand das Mistvieh!«, sagte Jon verbittert. »Mit erhobenem Kopf und einem schier unglaublichen Geweih. Fucking beautiful!«
Jetzt nahm auch William den strengen Geruch wahr, den das brunftige Tier abgesondert hatte. Wider alle Wahrscheinlichkeit schien es dem Projektil entgangen zu sein. Oddvar und Jørgen verstanden die Welt nicht mehr. Der Chef hatte daneben geschossen, und das aus nächster Distanz! Das war so ungewöhnlich, dass es ihnen die Sprache verschlug und sogar die Frotzelei ein Ende hatte. Jon suchte gar nicht erst nach Ausreden, sondern drehte sich eine Zigarette, während er mit tonloser Stimme sagte: »Werde wohl langsam zu alt dafür.«
Zu alt?, dachte William. Vierzig war doch kein Alter für einen Jäger.
Danach waren sie zum Pick-up getrottet und zur Ortschaft am Fjord zurückgefahren. Jørgen bat sie herein. Seine Frau sowie Anna, Jons schlanke, blonde Begleiterin, hatten bereits Kaffee gekocht und das Essen zubereitet. Wärme und Bewirtung waren die reinste Wohltat, während Anna Jon zu trösten versuchte. Doch William hatte das unangenehme Gefühl, den Fehlschuss womöglich verantwortet zu haben. Vielleicht hatte er Geräusche gemacht, die das Rentier in der Zehntelsekunde, die dem Schuss vorausging, aufgeschreckt hatten. Jons verstohlene Blicke schienen dies anzudeuten, doch machte er niemand einen Vorwurf. Nur eines brachte er mit Entschiedenheit, beinahe hasserfüllt hervor: »Morgen bringe ich das Mistvieh zur Strecke!«
Seine beiden Kameraden zweifelten nicht daran. Während Jon und Anna zu ihrem an einem Hang gelegenen Haus fuhren, kehrten Oddvar und William in die Stadt zurück.
»Eigentlich wollte ich ein paar Fotos machen«, sagte William. »Eine kleine Reportage für die Zeitung schreiben, aber viel gibt es ja nicht zu berichten.«
»Das war auch nicht der Grund, warum ich dich gefragt habe, ob du mitkommen willst.«
»Ich weiß, du wolltest mir nur seine unnachahmlichen Fähigkeiten demonstrieren.«
»Und, ist mir das nicht gelungen?«
»Schon, abgesehen davon, dass er nicht getroffen hat.«
»Tja, ziemlich peinliche Angelegenheit. Kann mich gar nicht erinnern, wann ihm das zuletzt passiert ist. Aber die Rentierkühe haben wir schließlich beide nicht erkannt, obwohl sie direkt an uns vorbeigelaufen sind! Nur durch solche Eigenschaften konnte er im Dschungel überleben. Du solltest mal ein längeres Gespräch mit ihm führen. Ein Buch über Jon könnte ein Riesenerfolg werden.«
»Mir wäre es lieber, er hätte getroffen.«
»Reines Pech«, meine Oddvar. »Oder Lampenfieber.«
»Wie meinst du denn das?«
»Ihr solltet euch vielleicht erst mal näher kennen lernen. Dann würdest du zum Beispiel erfahren, dass er das Ausweiden der Tiere nicht mehr mit ansehen kann. Wenn wir eines erlegt haben, erledigen das immer Jørgen und ich. Jon wendet uns dann den Rücken zu oder geht ein Stück weg. Das ist eines seiner Probleme. Unter anderen Bedingungen, vor mehr als fünfzehn Jahren, hat er vermutlich zu viel Blut sehen müssen, das Blut toter und verwundeter Soldaten, das Blut verstümmelter Kin...«
»Und wenn schon«, schnitt ihm William das Wort ab. Er hatte keine Lust, sich den Horror schildern zu lassen, den Jon angeblich erlebt hatte.
»Lange hat er geglaubt, die Schrecken vergessen zu haben. Hatte sie vollkommen verdrängt und versucht, ein normales Leben zu führen. Doch in den letzten drei, vier Jahren sind die Gespenster der Vergangenheit wieder aufgetaucht. Anna sagt, dass er manchmal mitten in der Nacht schreiend aufwacht, sich schweißgebadet auf den Boden wirft und englische Satzfetzen ruft, während er ein imaginäres Gewehr in der Hand hält. Posttraumatische Leiden nennt man das wohl. Nachwirkungen des Krieges.«
»Das hast du mir schon einmal erzählt. Aber ich fürchte, ich bin der Falsche, wenn es darum geht, solche Erlebnisse zu protokollieren.«
Oddvar überhörte das. »Man muss ihn zum Erzählen ermuntern, seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Sein Psychiater meint, eine Veröffentlichung seiner Erinnerungen würde Jon helfen, sie zu verarbeiten.«
William nickte, immer noch skeptisch. »Ich bin Journalist, kein Historiker.«
»Komm morgen wieder mit. Dann ist der Rentierbock fällig, ganz bestimmt.«
»Tut mir Leid. Morgen feiere ich Geburtstag mit meiner Familie.«
Das tat er. William, seit kurzem fester Mitarbeiter beim Trondheimer Anzeiger, wurde 33 Jahre alt und verbrachte den nächsten Abend im Kreis seiner Lieben – seiner Frau Solveig, dem fünfjährigen Sohn Anders sowie seinen Eltern und Schwiegereltern – in einer Etagenwohnung in Trondheim. In einem Monat erwartete Solveig ihr zweites Kind.
Oddvar rief gegen neun an und gratulierte. Nutzte die Gelegenheit, um zu erzählen, dass sich Jon vor gut zwei Stunden, nach nur zwanzig Minuten auf der Pirsch, seine Trophäe gesichert habe. Ein präziser Schuss aus vierzig Metern habe direkt ins Herz getroffen, während er und Jørgen sicher gewesen waren, dass sich keine Tiere in der Nähe befanden. »Wirklich schade, dass du nicht dabei warst, William!«
Es war Dienstag, der 22. Oktober 1985.
Die Wut
hatte sein Gesicht kreideweiß werden lassen. Er war sich darüber im Klaren, doch dies war einer der äußerst seltenen Augenblicke, in denen er die Beherrschung verlor.
Ob Beate etwas von seiner Erregung gespürt hatte? Wohl kaum. Gott sei Dank ahnte sie nicht, wie vielen Schönheiten er schon den Laufpass gegeben hatte. Ihr gegenüber war es leicht, die Fassung zu bewahren, denn Beate brachte ihn dazu, sich zu entspannen und von seiner besten Seite zu zeigen. Mit keiner Frau hatte er es länger ausgehalten als mit ihr, und so sollte es weitergehen, zumindest solange er keine fand, die ihm noch besser gefiel.
Seine Kindheit hatte ihn gelehrt, Niederlagen einzustecken und mit der Zeit in seinen eigenen Vorteil umzumünzen. Das war eine harte Lektion gewesen. Im Sportunterricht beispielsweise, wenn die Angeber, die das Sagen hatten, abwechselnd ihre Mitspieler auswählten, konnte er im Voraus sagen, wer als Letzter übrig bleiben würde – der ausgemachte Versager, den niemand haben wollte. Ständig stand er im Weg; in einzelnen Sportarten gelang es ihm, das Spiel seiner gesamten Mannschaft zu zerstören. Und das Wissen darum war beinahe das Schlimmste.
Es stimmte schon, er war ein Tollpatsch gewesen, obwohl er einen durchaus athletischen Eindruck machte. Hatte jedes Mal den Ball verloren, wenn er zufällig bei ihm gelandet war, und war rot angelaufen, wenn er ihn verspielte und dem Gegner damit eine neue Chance eröffnete. Stoffel hatten sie ihn genannt, weil er allzu oft über seine eigenen Füße stolperte und der Länge nach hinstürzte. Linkischer und unbeholfener als Stoffel konnte man einfach nicht sein. Er war der größte Hanswurst der gesamten Schule. Die Mädchen aus der Parallelklasse wussten dies und zogen ihn auf. Sogar die Lehrer tuschelten über ihn. Er hörte es und sah es ihnen an.
Aber es war doch schließlich nicht seine Schuld, dass er so geboren war!
Die Demütigung trieb ihm Tränen in die Augen. Er drehte sich um und schlich in die Umkleidekabine. Doch in der Hitze des Gefechts bemerkten die anderen nicht einmal das. Er war einfach Luft für sie, ein vollkommen überflüssiges Wesen, dessen Existenz kaum zu rechtfertigen war. Das Allerschlimmste jedoch war die Verachtung der Mädchen.
Erst später begriff er, worum es eigentlich ging, welche Kniffe er anwenden musste, um sich zu behaupten, obwohl sich der Erfolg anfangs in Grenzen hielt. Entscheidende Stichwörter waren Selbstdisziplin, Abgeklärtheit, Geduld. Einige Tricks hatte er sogar in der Schule, im Biologieunterricht gelernt. Gewisse Auswahlkriterien spielten in der Natur eine entscheidende Rolle. Natürliche Selektion. Alles war eine Frage der Anpassung, der optimalen Ausnutzung angeborener Vorteile, wie Darwin erklärt hatte.
Denn niemand konnte in Abrede stellen, dass er gut aussah und zudem einen Verstand besaß, der den meisten anderen überlegen war. Mit der Zeit überspielte er die körperlichen Defizite, begann heimlich die blitzschnellen Bewegungen eines Kampfsports zu trainieren. Er schloss sich einer Laienspielgruppe an und belegte einen Kurs in Imitation und Parodie. Doch vor allem nutzte er seine hohe Intelligenz, las Romane, ging ins Kino und vergegenwärtigte sich, wie wichtig es war, seinen angeborenen Charme richtig einzusetzen. Schlagfertigkeit und Einfallsreichtum kamen immer gut an. Selbst aus der eigenen Ungeschicklichkeit beim Ballsport ließ sich Kapital schlagen, wenn man sowohl sich selbst als auch das Spiel nicht so ernst nahm. Bei den Mädchen hatte diese Taktik durchschlagenden Erfolg, und mit der Zeit wurde es das reinste Spiel für ihn, sie ins Bett zu kriegen. Als er sich nach Beendigung der Schule anderen Kreisen anschloss, gab es niemand mehr, der ihn Stoffel nannte.
Sein Ziel war die absolute Perfektion, der er sich immer mehr annäherte. Bei der Arbeit betrachtete er dies ohnehin als Selbstverständlichkeit. Im zwischenmenschlichen Bereich hingegen erforderte es ein besonderes Maß an Konzentration. Wollte man im Leben Erfolg haben, mussten die Basisfertigkeiten nicht nur gepflegt, sondern kontinuierlich weiterentwickelt werden, und erste Voraussetzung für ein Gelingen war die Entwicklung des ästhetischen Gespürs. Der Sinn für das Schöne, Harmonische und Vollkommene musste bewusst gefördert werden, ebenso das Interesse für bildende Kunst, Literatur und Musik. Wollte man beliebt sein – eine unabdingbare Voraussetzung für den Aufstieg an die Spitze –, durfte man sein Äußeres nicht vernachlässigen. Ein attraktives, makelloses Aussehen, einhergehend mit untadeligem Benehmen, war von entscheidender Bedeutung. Ein perfekt sitzender Anzug zu jeder Zeit ein Muss. Es verlangte viel Selbstdisziplin, im Privat- und Berufsleben stets auf natürliche Weise im Mittelpunkt zu stehen. Details wie Krawatte, blank geputzte Schuhe und penible Körperhygiene waren Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck komplettierten und eine Lebensart verrieten, die Bewunderern beiderlei Geschlechts als vorbildlich erscheinen musste. Seine gelassene Unangreifbarkeit trug zweifellos zu seinem Erfolg bei. Die Entfernung feiner Härchen in den Ohren sowie die Pflege der Nagelbetten waren letzte Finessen. Eitelkeit? Pedanterie? Nein. Vollkommenheit.
Dann die kleinen Aufmerksamkeiten, vor allem zu Beginn. Für nichts waren Frauen empfänglicher, als für wohl überlegte, scheinbar spontane Komplimente, das erfuhr er tagtäglich. Er war es gewohnt zu gewinnen, und zwar am laufenden Band. Die Kunst bestand darin, seine Vorteile richtig einzusetzen und sich bietende Gelegenheiten zu nutzen. Was er viele Jahre hindurch getan hatte. The survival of the fittest.
Und jetzt das!
Die unangenehme Erinnerung an die Geschehnisse vor elf Monaten, an seine einzige schmerzliche Niederlage als Erwachsener, die er so chevaleresk hingenommen hatte, obwohl seine Wangen vor Hass und Scham brannten. Er war sich seines Sieges so sicher gewesen, dass er Beate beinahe den Laufpass gegeben hätte. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Die neue Frau zu erobern, hatte sich als ebenso unmöglich erwiesen, wie einst ein As beim Sportunterricht zu sein. Es dauerte nicht lange, bis er begriff, dass auch kein anderer ihr das Wasser reichen konnte, und schließlich gab er es auf. Er hatte sie fast aus seinem Bewusstsein verdrängt. Bis zu diesem Moment.
Das neue Jahrtausend, die verheißungsvolle Zukunft, die gerade erst begonnen hatte, war im Augenblick des Wiedersehens zunichte geworden. Das schönste und unnahbarste Geschöpf auf Erden hatte die Frechheit besessen, in den besitzergreifenden Armen eines fremden Mannes an seinem Haus vorüberzugehen!
Aus seinem Gesicht wich alle Farbe, weil er die Zähne so hart zusammenbiss, dass sein Kiefer schmerzte. Natürlich wollte er ihr eine faire Chance geben, sie um eine Erklärung bitten, sie anrufen, damit sie ihm sagen konnte, dass alles nur ein Missverständnis sei und sie es eigentlich verabscheue, von solch einem Kerl belästigt zu werden. Er würde ihr großherzig verzeihen, sich vielleicht sogar selbst ins Spiel bringen, ihr signalisieren, dass er immer noch bereit war, Beate wegen ihr zu verlassen. Oder sollte er mit beiden gleichzeitig ein Verhältnis haben?
Doch andernfalls, wenn sich wider Erwarten zeigen sollte, dass sie sich – zum ersten Mal – einen Liebhaber genommen hatte, dann gab es nur eins: Rache! Welcher Art diese sein sollte, war ihm noch nicht klar, doch zweifelte er nicht einen Augenblick, dass es einem Mann mit seinen geistigen Fähigkeiten gelingen sollte, einen perfekten Plan zu ersinnen. Alles andere wäre eine schmähliche Niederlage, die er nicht würde ertragen können.
Wenn Beate nur nicht merkte, wie viel Kraft ihn das kostete!
Als Vibeke Ordal entdeckte,
dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben im Lotto gewonnen hatte, stieß sie keinen Triumphschrei aus, sondern schlug relativ beherrscht mit der Faust auf den Tisch. Aber ihr Herzschlag beschleunigte sich vor Freude. So geschehen am Donnerstag, dem 13. Januar 2000, während der Mittagspause. Sie glaubte zwar nicht an Horoskope, erinnerte sich aber, dass sie erst kürzlich in einer Zeitung unter der Rubrik Waage gelesen hatte: Es ist nicht auszuschließen, dass Ihnen in dieser Woche ein materieller Gewinn ins Haus steht. Man konnte aus geringerem Anlass abergläubisch werden.
Sie hatte ihre Kaffeetasse stehen lassen und saß nahezu allein in der Kantine des Autohauses, während sie wie üblich ihren fünf Wochen gültigen Lottoschein mit dem Ergebnis der Ziehung verglich, das in der Zeitung abgedruckt war. In einer der Spalten hatte sie fünf Richtige und eine Zusatzzahl. Ihre Prämie belief sich auf sage und schreibe 153270 Kronen. Sie kontrollierte die Zahlen zwei weitere Male, bevor sie sich sicher fühlte, und wählte, nachdem sie in ihr kleines Büro zurückgekehrt war, die Handynummer ihres einzigen Sohnes, der die Universität besuchte. Er war sofort am Apparat.
»Gorm Ordal.«
»Hier ist Mama. Hast du heute Abend schon was vor?«
»Monica und ich wollten in Kino gehen. Ist was Besonderes?«
»Ich habe eine große Überraschung für dich.«
»Hast du dir etwa einen neuen Kerl geangelt?«
»Nein ... äh ... ich sagte doch ... für dich.«
Einen neuen Kerl? Vibeke musste lächeln. Es fehlte ihr nicht an männlichen Bekanntschaften, doch bevor sie wieder mit einem Mann zusammenzog, wollte sie sichergehen, dass die Beziehung auch hielt, und zwar ein Leben lang. Zurzeit hatte sie ein Auge auf einen der Autoverkäufer geworfen, doch zweifelte sie, dass er der Richtige war. Der charmante Knut Petter wusste, wie man mit Frauen umging, doch gleichzeitig befürchtete sie, dass er auch im Privatleben zu sehr Händler war und eine Freundin kurzerhand abservierte, wenn er ein jüngeres Modell haben konnte.
»Na, sag schon!«
»Nicht vor heute Abend. Nimm Monica mit. Ich mach uns was Schönes zu essen.«
»Klingt gut! Um neun sind wir da.«
Vibeke beschloss, ihren Kollegen erst einmal nichts von ihrem Spielglück zu verraten, obwohl es einer der Mechaniker aus der Karosserieabteilung gewesen war, der sie zum Lottospielen animierte, nachdem er selbst im Herbst einen bescheidenen Gewinn eingestrichen hatte. Sie hatte es drei Monate lang mit derselben Zahlenkombination versucht, die ihr ein Computerprogramm empfohlen hatte. Es war also doch möglich, das Glück auf seine Seite zu ziehen, dachte sie. Nichts kam ihr im Moment mehr gelegen als die Möglichkeit, das Darlehen für ihr Haus weiter tilgen zu können.
Ihr Arbeitstag war um vier Uhr beendet, und es dämmerte bereits, als sie sich zu Fuß auf den Heimweg machte. Den Starlet benutzte sie nur in Ausnahmefällen, wenn das Wetter schlecht war und sie im Zentrum etwas zu erledigen hatte. Die Arbeit am Schreibtisch verschaffte ihr so wenig Bewegung, dass sie ein Bedürfnis nach den beiden täglichen Spaziergängen empfand. Sie ging rasch die Lade allé entlang, so wie immer, passierte das Musikhistorische Museum sowie die schneebedeckten Tennisfelder auf der gegenüberliegenden Seite. Die Temperatur lag um den Gefrierpunkt, und dieses eine Mal hatte die Gemeinde sogar dafür gesorgt, die Bürgersteige streuen zu lassen. Sie ging in den Supermarkt, musterte die Metzgertheke und brauchte nicht lange zu überlegen, ehe sie sich für Entrecote entschied. Heute sollte es weder Pizza noch Pasta geben, denn heute traf sie die Entscheidung. Von Weihnachten war noch eine Flasche Rotwein übrig geblieben, und sie war sicher, dass ihre Gäste gegen eine solche Bewirtung nichts einzuwenden hatten.
Im Grunde wäre es besonders schön, ging ihr durch den Kopf, wenn sie Gorm gleich einen Scheck in die Hand drückte, anstatt ihm nur zu erzählen, dass sie ihn ein wenig am Gewinn beteiligen würde, sobald die Überweisung auf ihr Konto eingegangen war. Nach dem Einkauf wollte sie deshalb noch auf die Bank, die sich im selben Gebäude wie der Supermarkt befand. Sie hatte Glück. Die Bank schloss am Donnerstag erst um halb fünf, also in wenigen Minuten.
Im Schalterraum befanden sich zwei Kunden. Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihr an einer Theke, auf der Broschüren und Formulare auslagen. Sie ging zu der freien Bankangestellten, die sie von früher her kannte, und nickte ihr freundlich zu. Gab ihr die Scheckkarte und bat sie, den Stand des Girokontos zu überprüfen. Der Betrag stimmte, etwas über vierzigtausend, und Vibeke erwartete in nächster Zeit keine Rechnungen. Dreißigtausend schienen ihr eine angemessene Summe zum Verschenken zu sein. Das Geld würde Gorm gut tun. Kannte sie ihn richtig, würde er es nicht in die Haushaltskasse fließen lassen. Studenten hatten ständig so viele Wünsche. Schienen einfach nie genug zu bekommen und stellten an ihren Lebensstandard ganz andere Forderungen als Vibekes Generation es getan hatte. Doch Gorm verdiente es. Im Alltag wäre sie gern großzügiger zu ihm gewesen, doch ihr Sekretärinnenjob hatte sie nicht gerade wohlhabend gemacht.
Die Bankangestellte schob ihr ein Formular entgegen. Sie füllte es aus, unterschrieb und schob es zurück.
»Möchten Sie einen Scheck oder Bargeld?« Vielleicht würde es Gorm besonders freuen, einen dicken Umschlag entgegenzunehmen und die vielen Scheine selbst zählen zu können. Sie sah bereits sein erstauntes Gesicht vor sich.
»Bargeld bitte. Möglichst glatte Scheine. Es soll ein Geschenk sein.«
Die freundliche Frau ließ ihren Blick über die Bestände wandern. »Diese sind ganz neu.«
Sie zeigte ihr einen Fünfhundertkronenschein. Der Silberfaden zur Rechten von Sigrid Undset glitzerte. Wie passend, denn zum einen studierte Gorm nordische Literatur, zum anderen sah Monica der hübschen Schriftstellerin nicht unähnlich. Wenn man noch mal jung wäre ... sich einen lieben Freund besorgen, von vorn anfangen und die öden Jahre mit Harald vergessen könnte. Zwei Dinge hatte er ihr hinterlassen, bevor er aus ihrem Leben verschwunden war – einen Sohn sowie das hypothekenbelastete Haus.
Sie zählte rasch die Scheine, die sie, um sie nicht zu knicken, vorsichtig in ein freies Fach ihrer Handtasche gleiten ließ. Dann steckte sie die Quittung ein, lächelte zum Dank und passierte auf dem Weg zum Ausgang den Mann, der in einer Broschüre blätterte.
In Wirklichkeit hatte dieser Vibeke Ordal unablässig beobachtet. Sein Blick war aufmerksam und scharf genug gewesen, um zu registrieren, was sich nur wenige Meter von ihm abgespielt hatte. Er wartete zehn Sekunden. Dann steckte er die Broschüre in die Tasche und verließ eine halbe Minute vor Schalterschluss Bank.
Der Østmarkveien nahm beim Einkaufszentrum seinen Anfang. Es handelte sich um eine relativ schmale Allee ohne Bürgersteig, deren Bäume das Licht der Straßenlaternen dämpften. Aus irgendeinem Grund drehte sie sich um, nachdem sie die Treibhäuser passierte hatte, und erblickte einen dunkel gekleideten Mann, der in dieselbe Richtung ging wie sie. Er befand sich zwanzig bis dreißig Meter hinter ihr und schien sein Tempo in diesem Moment zu verlangsamen.
Erst jetzt begriff Vibeke, wie leichtfertig sie gehandelt hatte, sich eine so große Summe in bar auszahlen zu lassen. Selbst hier, an einem friedlichen Winternachmittag in Trondheim, konnten es Junkies auf sie abgesehen haben, um sich Geld für neuen Stoff zu besorgen. Du bist naiv, hätte Harald zu ihr gesagt, wenn du dir einbildest, vor so etwas gefeit zu sein. Dass er selbst fast nie Bargeld im Portemonnaie hatte, lag ihrer Meinung nach weniger an der Furcht, überfallen zu werden, als an seinem allgegenwärtigen Geiz, unter dem sie stets gelitten hatte. Allerdings schien es ihr mehr als unwahrscheinlich, dass ein Fremder wusste, wie viel Geld sie in ihrer Handtasche bei sich trug.
Dennoch pochte ihr Herz heftig, während sie instinktiv das Tempo erhöhte und in den Victoria Bachkes vei einbog, eine abgeschiedene Straße mit vereinzelten Villen. Sie ging um eine weitere Ecke und passierte die wohlbekannten Grundstücke und Hecken, die sich zu beiden Seiten der Straße befanden. Dann eilte sie in ihren sicheren, unter einer dichten Schneedecke begrabenen Vorgarten, hastete am Briefkasten sowie dem Auto vorbei, das vor dem Eingang stand. Als sie die Haustür erreichte, hatte sie bereits den Schlüssel in der Hand. Wenn der Mann sie verfolgt hatte, gab es niemanden, der ihn noch hätte aufhalten können. Ein kurzer Blick über die Schulter, ehe sie den Schlüssel herumdrehte. Auch hier ließ die Straßenbeleuchtung zu wünschen übrig, doch hätte sie den Mann zweifellos erkannt, wäre er in der Nähe gewesen.
Dann ging sie rasch ins Haus, knallte die Tür ins Schloss und atmete tief durch. In die Erleichterung mischte sich Verärgerung über sich selbst, weil sie sich eingeredet hatte, der Fremde habe es womöglich auf ihre Handtasche abgesehen. Sie zog die Jacke aus, stellte sich vor den Spiegel im Flur, zog einige Male den Kamm durch ihre blonden Haare und ging in die Küche. Sie stellte die Lebensmittel in den Kühlschrank und warf einen Blick auf die Armbanduhr. Sie hatte noch gut vier Stunden. Genug Zeit, eine Kleinigkeit zu essen, Kaffee zu trinken, die Zeitung zu lesen, aufzuräumen und sich ein wenig zurechtzumachen, bevor sie mit der Zubereitung des Abendessens begann.
Sie machte Licht im Wohnzimmer und legte die Frank Sinatra-CD ein, die sie von Gorm zu Weihnachten bekommen hatte. Es waren dieselben eleganten Nelson Riddle-Arrangements wie auf ihrer alten Schallplatte, die sie stets gehört hatte, bis ihr Plattenspieler vor Jahren den Geist aufgab. Sie summte die Melodie mit und begann unwillkürlich zu tänzeln.
»A summer wind came blowing in, from across the sea ...«
Ihr Sohn hatte wirklich das richtige Gespür gehabt. Er wusste, wie gut es ihr tat, sich hin und wieder aus der Realität zu stehlen und eine Zeit in Erinnerung zu rufen, in der es noch keinen Harald gegeben und die Welt vor ihr gelegen hatte wie ein offenes blaues Meer. Alles schien damals möglich. Konnte Knut Petter die Erwartungen erfüllen, wenn sie auf ihn zuging?
»It lingers there to touch your hair, and walk with me ...«
Unglaublich, wie sehr ein unverhoffter Geldsegen die Stimmung heben und sogar alte Träume wieder beleben konnte! Sie setzte Kaffeewasser auf, schmierte sich eine Brotscheibe und nahm am Küchentisch Platz. Die sechzig unbenutzten Scheine steckte sie in einen großen Umschlag und begann im Dagblad zu blättern. Las darüber, wie klug es sei, sein Geld in Aktienfonds anzulegen, glaubte aber, dass es eine noch bessere Idee war, zunächst die eigenen Schulden abzutragen. Erneut schlug sie die Seite auf, auf der die Lottoergebnisse des vorigen Tages standen, und verglich diese mit ihrem Wettschein. Alles in Ordnung! Als sie einen verstohlenen Blick auf die Straße warf, fiel ihr ein, dass sie aus Furcht vor einem eventuellen Überfall vergessen hatte, in den Briefkasten zu schauen. Sie stand auf und legte den Umschlag auf den Kühlschrank.
Als sie den Briefkasten öffnete, der sich neben dem Gartentor befand, rollte ein Mercedes gemächlich an ihr vorbei. Der Mann hinter dem Steuer winkte, und sie winkte zurück. Henriksen, dachte sie. Er wohnte in derselben Straße und war von Beruf Setzer; ein sympathischer Kerl mit einer netten Frau und hübschen Kindern. Es hatte begonnen zu schneien. Sie blätterte rasch die vielen Werbebroschüren durch, bevor sie alle zusammen in die Mülltonne warf. Nahm sich einmal mehr vor, einen Aufkleber an ihrem Briefkasten anzubringen, der das Einwerfen von Reklame untersagte. Dann kehrte sie ins Haus zurück, schloss die Tür hinter sich, ging in die Küche – und sah sich plötzlich einem Mann gegenüber, der sich ins Haus geschlichen haben musste, während sie den Briefkasten geleert hatte.
In diesem Augenblick begriff Vibeke, dass es derselbe Mann war, der ihr auf dem Heimweg gefolgt war. Vielleicht war er ums Haus geschlichen, hatte sie heimlich durchs Fenster beobachtet.
Doch blieb ihr kaum Zeit, Angst zu empfinden, schon gar nicht, sich Aussehen und Kleidung des Mannes einzuprägen. Nur einen schwachen Tabakgeruch nahm sie wahr, während er sie packte, herumdrehte und von hinten festhielt. Etwas Blankes und erschreckend Scharfes blitzte vor ihren Augen auf. Sie bekam den linken Arm frei und schlug mit ihm verzweifelt über die Schulter. Doch plötzlich spürte sie zwischen Kinn und Ohr einen schmerzhaften Schnitt in der Haut. Es war nicht der Schmerz, sondern der Schnitt an sich, der es ihr unmöglich machte zu schreien. Das Letzte, was sie hörte, war die Stimme Frank Sinatras, die aus den Lautsprechern des Wohnzimmers drang: »I’ve got you under my skin, I’ve got you deep in the heart of me ...«
Die Stimme verklang rasch und wich vollkommener Stille – und Finsternis.
Es schneite noch eine halbe Stunde, bevor eine steife Brise aus südwestlicher Richtung auffrischte. Um fünf vor neun standen ein neugieriger und erwartungsfroher Gorm Ordal sowie seine Freundin Monica Holm vor dem Bungalow am Victoria Bachkes vei. Sie hatten den Bus aus der Stadt genommen, nachdem sie Eyes Wide Shut im Kino gesehen hatten.
Sie klingelten, doch niemand öffnete.
»Du musst das falsch verstanden haben. Vielleicht meinte sie morgen«, sagte Monica.
»Unmöglich. Hier sind verwehte Fußspuren, und das Auto ist auch da.«
Er hatte einen Reserveschlüssel in der Tasche und zögerte nicht, ihn ins Schloss zu stecken und die Tür zu öffnen.
»Mama?«
Als niemand antwortete, hängten sie zunächst ihre Jacken an die Garderobe. Monica ging in das erleuchtete Wohnzimmer, während Gorm sich für die Küche entschied. Er sah sofort, dass die Mutter in einer Lache getrockneten Bluts auf dem Boden lag. Der Anblick kam ihm unwirklich vor, glich er doch zum Verwechseln einer Szene, die sie gerade im Kino gesehen hatten. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder, doch nichts hatte sich verändert. Als Monica eine halbe Minute später im Türrahmen erschien, stand er reglos da, ebenso unbeweglich wie die Tote auf dem Fußboden.
Weil sich Hauptkommissar Storm im Urlaub befand, war Arne Kolbjørnsen vom Morddezernat der Erste, der die schreckliche Nachricht erhielt. Die Zentrale des Trondheimer Polizeidistrikts hatte um 21 Uhr 04 den telefonischen Bescheid entgegengenommen. Der Wachhabende hatte Gorm Ordals Aussage sorgfältig notiert, ehe ein Streifenwagen nach Lade beordert worden war. Dieser war bereits eingetroffen, als Kommissar Kolbjørnsen mit seinem jungen Kollegen Håkon Balke am Tatort erschien. Sie benötigten nur wenige Augenblicke, um festzustellen, dass der Polizeioberrat, ein Arzt, ein Fotograf sowie die Leute von der Spurensicherung hinzugezogen werden mussten. Balke erledigte dies umgehend und wies die Streifenbeamten an, den Garten abzusperren, falls neugierige Passanten auftauchen sollten, was unweigerlich geschehen würde, wenn erst einmal eine Reihe von Dienstfahrzeugen vor dem Haus parkte. Kolbjørnsen versuchte das wie paralysiert wirkende junge Paar nach den Geschehnissen zu befragen, obwohl er es zunächst als seine wichtigste Aufgabe ansah, ihnen zu helfen und sie aus der Trance zu befreien, in der sie sich offenbar befanden.
Mit misstrauischem, finsterem Blick, einen Arm um die nicht minder zitternde Monica gelegt, saß Gorm Ordal auf dem Sofa und versuchte stotternd zu erklären, warum sie hier waren – wie sie vor rund acht Stunden ein kurzes Telefongespräch mit der Mutter geführt, selbst die Haustür aufgeschlossen und sie schließlich ermordet vorgefunden hatten.
»Was für eine Überraschung könnte sie gemeint haben?«
»Das ... das weiß ich nicht.«
Kolbjørnsen nickte. Worin diese bestand, hatte ihnen die Mutter natürlich erst während ihres Besuchs erzählen wollen.
»Aber ihre Stimme hat sich so angehört, als ... als wolle sie mir etwas schenken.«
Der Kommissar hatte ein beklemmendes Gefühl. Ihm war das, was in der Küche geschehen war, nahezu unbegreiflich. Verbrechen von solcher Brutalität waren in Trondheim nicht an der Tagesordnung. Alle Fenster waren geschlossen, keine Scheiben zertrümmert. Es fanden sich keinerlei Spuren eines Kampfes, nur den einen Schnitt am Hals, der ausgereicht hatte, um das Blut sogleich aus der Halsschlagader strömen zu lassen. Eine zielgerichtete, effektive Handlung, die ein menschliches Ungeheuer vermuten ließ, dem normale Gefühle fremd waren. Vielleicht handelte es sich nicht einmal um einen Einbrecher, sondern um eine Person, die Vibeke Ordal gekannt und selbst hereingelassen hatte.
»Vielleicht war Eifersucht im Spiel«, warf Polizeioberrat Martin Kubben ein, der kurz darauf auftauchte. Er sagte dies nicht grundlos. Eifersucht war eine der häufigsten Ursachen, die Menschen die Kontrolle über sich verlieren ließen.
»Soweit ich weiß, hatte meine Mutter keinen Freund.«
»Was ist mit Ihrem Vater?«
»Sie wurden vor acht Jahren geschieden. Er lebt in Oslo.« Gorm war nervös und sprach abgehackt, als sei das Verhör ein mündliches Examen, auf das er sich allzu schlecht vorbereitet hatte.
»Sein Name?«
»Harald Tranøy. Meine Mutter ... und ich ... haben nach der Scheidung ihren Mädchennamen angenommen.«
»Er hat Ihre Mutter nie bedroht?«
»Nicht dass ich wüsste. Warum sollte er?«
In diesem Moment brach der junge Mann zusammen, worauf sie das Paar eine Weile in Ruhe ließen. Die meisten Morde geschahen im Affekt. Durchdachte Vorbereitungen oder das Legen falscher Fährten, um die Polizei in die Irre zu führen, waren selten. Kubben, der Jurist und für eine eventuelle Anklageerhebung verantwortlich war, hatte mit einer klaren Beweislage gerechnet, die Täter und Motiv rasch ans Licht bringen würde. Ein Mord in den eigenen vier Wänden brachte in der Regel eine Familientragödie zum Vorschein. Doch darauf deutete in diesem Fall nichts hin. Abgesehen vom Blut auf dem Küchenboden gab es keine Indizien, weder innerhalb noch außerhalb des Bungalows, keine Tatwaffe und kein erkennbares Motiv, die auf einen bestimmten Täter hinwiesen. Mögliche Fußspuren hatte der verdammte Neuschnee überdeckt. Auch bestand zunächst kein Grund, den Sohn und seine Freundin, deren Unschuld sich bestimmt bald erweisen würde, zu verdächtigen. Das einzig Gewisse war die Stellungnahme des Arztes, dem zufolge der Mord an der sechsundvierzigjährigen Vibeke Ordal vor mindestens zwei bis drei Stunden geschehen sein musste und der Tod durch Blutverlust infolge der Durchtrennung der rechten arteria carotis eingetreten war, ausgeführt mit einem außerordentlich scharfen Gegenstand.
Bevor und nachdem die Leiche zur gerichtsmedizinischen Obduktion ins Kreiskrankenhaus gebracht worden war, hatte die Spurensicherung die Küche buchstäblich auf den Kopf gestellt. Wie Kubben wusste auch Kolbjørnsen, wie wichtig es war, formale Fehler zu vermeiden. Vor allem in den letzten Jahren waren Ermittlungsergebnisse immer wieder von tüchtigen Strafverteidigern torpediert worden, die sich offenbar viel von ihren amerikanischen Kollegen abgeschaut hatten. Selbst die klarste Beweisführung war manchmal für die Katz, weil die Polizei allzu oft ihre eigenen Vorschriften missachtete, zum Beispiel, wenn der Eifer, den Hauptverdächtigen möglichst schnell zu überführen, das Gebot der Neutralität überlagerte, oder wenn es zu Formfehlern bei der Erstellung der Indizienkette kam. Dann konnten sie gezwungen sein, die Anklage fallen zu lassen oder gar die Ermittlungen einzustellen.
Im Laufe des Abends wurden die letzten Handlungen Vibeke Ordals rekonstruiert und folgende Erkenntnisse gewonnen:
Sie hatte ihren Arbeitsplatz zur üblichen Zeit, also um Punkt 16 Uhr verlassen. Ein Kassenzettel in ihrem Portemonnaie belegte, dass sie auf dem Heimweg noch im Einkaufszentrum von Lade gewesen war und die Lebensmittel eingekauft hatte, die sich jetzt in ihrem Kühlschrank befanden. Der Kassenzettel war von 16 Uhr 21. Die Quittung der Bankfiliale zeigte, dass sie fünf Minuten später 30000 Kronen abgehoben hatte. Dieses Geld fand sich weder im Portemonnaie noch in der Handtasche. Auf dem Küchentisch lagen neben einer halb geleerten Kaffeetasse und einem Teller mit Brotkrümeln eine aufgeschlagene Tageszeitung sowie ein ausgefüllter Lottoschein. Falls die abgedruckten Gewinnzahlen richtig waren – was sich kurze Zeit später bestätigte –, hatte sie soeben 153270 Kronen gewonnen.
Erste Schlussfolgerung:
Vieles deutete darauf hin, dass Vibeke Ordal zu einem früheren Zeitpunkt des Tages von ihrem Lottogewinn erfahren hatte. Darum rief sie um halb eins ihren Sohn an und lud ihn samt seiner Freundin zum Abendessen ein, vermutlich um ihm oder ihnen beiden einen Teil der Gewinnsumme zu schenken. (Dem Sohn war nach eigener Aussage nicht bekannt, dass seine Mutter Lotto spielte.) Später war ihr eine bisher unbekannte Person – vermutlich im Wissen, dass sie soeben das Geld von der Bank abgehoben hatte – auf dem Heimweg zum Victoria Bachkes vei gefolgt. Die betreffende Person verschaffte sich auf noch nicht geklärte Weise Zugang zum Haus. Möglicherweise kam es in der Küche zu einem Handgemenge, doch vermutlich wurde die Hausbesitzerin ermordet, ehe sie sich zur Wehr setzen konnte. Danach nahm der Täter oder die Täterin das Geld an sich und verließ das Haus.
Sollten diese Vermutungen sowie die Annahme, dass es sich beim Täter nicht um einen Bekannten des Opfers handelte, den Tatsachen entsprechen, stand die Polizei vor einer weitaus schwierigeren Aufgabe, als Polizeioberrat Kubben anfangs gedacht hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er getan, was er konnte, und das war nicht viel. Kolbjørnsen wusste, dass sein unmittelbarer Vorgesetzter Nils Storm ihm die Verantwortung für den komplizierten praktischen Teil der Ermittlungen übertragen würde, die im schlimmsten Fall ergebnislos blieben.
Außerdem konnte man sich keinesfalls darauf verlassen, dass die Spurensicherung ihnen konkrete Anhaltspunkte liefern konnte. Balke war bereits beauftragt worden, Befragungen in der Nachbarschaft durchzuführen. Wenn sie Glück hatten, befand sich der Mörder immer noch in der Nähe. War es gar denkbar, dass er das Geld nicht an sich genommen hatte und dieses als Tatmotiv keine Rolle spielte?
Gorm Ordal, der sich unter den gegebenen Umständen erstaunlich schnell wieder gefasst hatte, half der Polizei beim Auswählen von Schränken und Schubladen, in denen seine Mutter die Scheine möglicherweise hätte verstecken können, doch es wurde kein Geld gefunden. Eine Flasche Rotwein der beliebten Sorte Cappella stand auf dem Esstisch im Wohnzimmer, und der junge Mann zweifelte nicht, dass sie die drei Steaks sowie das frische Gemüse, das im Kühlschrank lag, hätte begleiten sollen. Außerdem ließen die angeschaltete Stereoanlage sowie die eingelegte Frank Sinatra-CD vermuten – wie er Kolbjørnsen unter Tränen versicherte –, dass sie einen glücklichen Nachmittag verlebt hatte, bevor das Furchtbare geschehen war. Auch hatte sie Kaffee getrunken und in der Küche die Zeitung gelesen. Was bedeutete, dass seine Mutter unmittelbar nach ihrer Heimkehr ermordet worden war. Wie hätte sich der Täter Zugang verschaffen sollen, wenn sie ihn nicht gekannt hatte? Vielleicht hatte er sich als Vertreter oder Ähnliches ausgegeben.
Die wahrscheinliche Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Balke kehrte aus der Nachbarschaft zurück und konnte berichten, dass ein Mann namens Preben Henriksen auf dem Heimweg um ziemlich exakt zehn Minuten vor halb sechs in gemächlichem Tempo am Bungalow vorbeigefahren war und Frau Ordal zugewinkt hatte, während diese – ohne Mantel! – gerade den Briefkasten geleert hatte. Sie hatte zurückgewinkt. Nur eine knappe Minute später, nachdem Henriksen seinen Wagen zwei Häuser weiter in die Garage gestellt, das Tor geschlossen und seinen Briefkasten geleert hatte, war ein Mann an ihm vorübergehastet, wenn nicht gelaufen, und in Richtung Olav Engelbrektssons allé verschwunden. Henriksen hatte den Mann nicht beschreiben können, wusste auch nicht zu sagen, ob er jung oder alt gewesen war, erinnerte sich bloß an dessen dunkle Kleidung. Nein, er hatte nicht gesehen, ob er aus dem Vorgarten von Vibeke Ordal gekommen war, doch mit Sicherheit aus dieser Richtung. Vor allem war ihm der Mann aufgefallen, weil er es so eilig gehabt hatte.
Kolbjørnsen hielt es durchaus für möglich, dass der Täter Vibeke Ordal auf der Bank beobachtet hatte und ihr dann nach Hause gefolgt war. Ebenso wahrscheinlich war es, dass er sich ins Haus geschlichen hatte, während sie den Briefkasten leerte. Vermutlich war sie überwältigt und ermordet worden, nachdem sie in die Küche zurückgekehrt war, in der sich der Eindringling gerade die Beute sicherte. Falls es sich beim Mörder um die Person handelte, die Henriksen beobachtet hatte, konnten sie zumindest den Tatzeitpunkt sehr genau bestimmen.
Zumindest.
Alles andere – das Wichtigste – war nach wie vor ein Rätsel. Der unbekannte Täter, sofern es sich um einen Mann handelte, war vermutlich über alle Berge.
Kolbjørnsens Laune wurde auch nicht besser, als gegen 23 Uhr ein altbekanntes Gesicht vor dem Haus auftauchte. Er begegnete ihm auf der Treppe zur Haustür. Mit Rücksicht auf die Schwere des Falls hatte er seine Mitarbeiter angewiesen, anstelle des Polizeifunks, der von nahezu jedem abgehört werden konnte, ihre Handys zu benutzen. Jemand musste Ivar Damgård, einem von zwei Journalisten, die für den Trondheimer Anzeiger die Kriminalfälle recherchierten, einen Tipp gegeben haben. Der Kommissar betrachtete ihn im Grunde als netten Kerl, der nur seinen Job erledigte, doch heute Abend legte er auf seine Gegenwart absolut keinen Wert.
»Wer hat Sie informiert, Damgård?«
»Das werde ich Ihnen schon sagen, vorausgesetzt, Sie erzählen mir, was geschehen ist.«
Kolbjørnsen warf einen Blick auf die Straße. Gott sei Dank hatten sich vor dem Zaun noch nicht allzu viele Schaulustige versammelt. »Das muss Kubben entscheiden.«
Der Polizeioberrat wurde hinzugezogen. Auch er verlangte den Namen des Informanten, bevor er seinerseits Informationen herausgab.
Ivar Damgård lächelte. Es war ihm anzusehen, dass er bereits eine ganze Menge wusste. »Mein Informant heißt Preben Henriksen und wohnt gleich dort drüben. Er arbeitet als Setzer bei uns. Ein Polizist wollte von ihm wissen, ob er in den letzten Stunden etwas Ungewöhnliches bemerkt hätte, und als Henriksen sagte, er habe einen unbekannten Mann die Straße entlanghasten sehen, klärte ihn der Beamte darüber auf, dass es sich vermutlich um einen brutalen Gewaltverbrecher handelte.«
»Was haben Sie doch für ein Glück mit Ihren gesprächigen Kollegen«, sagte Kubben, der froh gewesen wäre, wenn der junge Balke sein Mundwerk im Zaum gehalten hätte.
»Das können Sie laut sagen. Die Bewohnerin dieses Hauses wurde ausgeraubt und ermordet, nicht wahr?«
»Wenn Sie ihren Namen bis auf weiteres geheim halten, gebe ich Ihnen eine Kurzversion der Geschehnisse. Sie kennen die Spielregeln.«
Der Journalist nickte und zückte seinen Notizblock.
Danach blickte er verstohlen zum Küchenfenster hinüber und äußerte den Wunsch, das Haus betreten zu dürfen, was ihm jedoch verwehrt wurde. Man gestand ihm allenfalls zu, eine Außenaufnahme des Bungalows zu machen. Damgård warf einen Blick auf seine Armbanduhr und war mit dem Erreichten zufrieden. Wenn die Nachricht morgen in der Zeitung stehen sollte, musste er sich sputen. Nur eines wollte er noch wissen: »Der Täter lief also vermutlich in Richtung Olav Engelbrektssons allé davon?«
Kolbjørnsen und Kubben nickten bestätigend.
»Womit nicht auszuschließen ist, dass er nach Østmarkneset wollte«, fügte Damgård listig hinzu.
»Das ist einzig und allein Ihre Schlussfolgerung.«
Kolbjørnsen wusste, worauf der Journalist anspielte, denn auch ihm war diese Möglichkeit schon in den Sinn gekommen. Nur einen knappen Kilometer entfernt befand sich Trøndelags Psychiatrisches Krankenhaus, dessen teils gewalttätige Patienten unter Verschluss gehalten wurden. Konnte sich einer von ihnen unerlaubt Ausgang verschafft haben?
Er seufzte. Keine sechs Stunden nach dem Tod Vibeke Ordals hatten die Spekulationen begonnen – auch in seinem Kopf.
Die beiden kleinen Kinder
im Türrahmen konnten auf den ersten Blick an Hänsel und Gretel erinnern. Hand in Hand standen sie unbeweglich da und drückten sich eng aneinander, als hätten sie auf der Welt nur einander.
Vielleicht empfanden sie wirklich so, dachte William Schrøder, doch ihre weißen Gesichter ließen nicht darauf schließen, dass sie das schöne Kuchenhaus im Wald erblickt hatten – dem kleinen Jungen stand der Mund offen, während seine etwas ältere Schwester den ihren zusammenkniff. Ihre Mienen ließen keinerlei Neugier erkennen, nur Trotz, Furcht und Resignation. Die Situation schien ihnen nicht neu zu sein.
Mama Danielsen saß im Bademantel auf dem Sofa und rauchte eine Zigarette. Die Polizeibeamtin legte ihr einen Kopfverband an, weil das Blut immer noch aus der Schläfenwunde sickerte. Papa Danielsen stand mit dem Rücken zum Fenster und war offenbar betrunken. Dumpf starrte er den Fernseher an, dessen Ton abgestellt war. Nur der Videorekorder surrte und spielte das für die aktuelle Totorunde entscheidende Fußballmatch ab, das William bereits gesehen hatte. Das Spiel war momentan unterbrochen worden. Ein Spieler lag verletzt auf dem Rasen, während der Schiedsrichter die Sanitäter mit der Bahre heranwinkte. William flüsterte: »Sollten wir nicht auch einen Krankenwagen rufen?«
Der Polizist namens Rikard schüttelte den Kopf. »Das muss Maria entscheiden. Die Frage ist, ob wir die Frau in Sicherheit bringen sollten.«
»Zusammen mit den Kindern?«
»Die schlägt er nie. Nur seine Frau.«
William atmete tief durch und war sich keinesfalls sicher, dass die Kinder nichts zu befürchten hatten. Auch wenn dem Mann die Reue ins Gesicht geschrieben stand und er sich alle Mühe gab, einen halbwegs nüchternen Eindruck zu machen, lag etwas in den dunklen Augen, das William erschreckte. Solche Schläger, dachte er, sollten von ihren Familien vollkommen ferngehalten werden.
Diese Episode aus Risvollan, die vierte des Samstagabends, würde in wenigen Zeilen des Polizeijournals, das jeden Montag im Trondheimer Anzeiger erschien, Erwähnung finden. Die Redaktion dieser Rubrik teilte er sich mit Ivar Damgård. Normalerweise handelte es sich um eine fast wortgetreue Abschrift des Polizeiberichts. Um einen genaueren Einblick zu gewinnen, was sich hinter der Bezeichnung Familiäre Gewalt verbarg, hatte er darum gebeten, die Streifenbeamten einmal auf ihrem Einsatz begleiten zu dürfen. Solveig hatte die Vermutung geäußert, dass hinter dieser Bezeichnung viele Familientragödien zum Vorschein kamen, die für die Gesellschaft womöglich ein größeres Problem darstellten als Drogenkriminalität, ärztlicher Honorarbetrug oder Bankraub. Ihrer Meinung nach lag die Wurzel allen Übels in den Familien selbst. Als Sonderschullehrerin wusste sie, wovon sie sprach. Die Schulen konnten nicht viel ausrichten, solange die Basis versagte. Trugen die Zeitungen dazu bei, die Bedeutung dessen herunterzuspielen, was sich hinter Hausmauern und heruntergezogenen Jalousien abspielte? Wollte die Presse wirklich das Privatleben der Menschen schützen? Oder neigte sie zur Ignorierung häuslicher Gewalt, weil sich die Fälle zu sehr ähnelten und sowohl Journalisten als auch Leserschaft bereits unempfindlich für die Katastrophen waren, die sich hinter den Überschriften verbargen? Nur Morde, Vergewaltigungen und Spionagefälle bekamen fette Schlagzeilen.
Hin und wieder verspürte William Schrøder das Bedürfnis, sich intensiver mit dieser Materie zu befassen, obwohl er nicht richtig wusste, wie er es anfangen sollte. Vielleicht sollte er einmal mit einem Soziologen sprechen. Wie brachte man Vätern – oder seinetwegen auch Müttern – richtiges Verhalten in der Familie bei? Indem man sie moralisch unterstützte? Ihnen einen aufmunternden Brief der Wertekommission zukommen ließ? Durch Kurse für Eltern in spe? Er wusste es nicht.
Obwohl Ivar und er zurzeit täglich auf der Pressetribüne saßen und eine Gerichtsverhandlung weitaus größerer Tragweite verfolgten – dem Angeklagten wurde vorgeworfen, seine Mitbewohnerin vergiftet zu haben –, ahnte er, dass sich die beiden Kindergesichter in sein Gedächtnis einprägen und dass er ihren Anblick so schnell nicht vergessen würde. Vielleicht lag dies auch daran, dass ihm sein eigenes Glück bewusst wurde. Während ihrer gut zwanzigjährigen Ehe waren Solveig und er niemals physisch und nur selten verbal aneinander geraten. Ihre Kinder waren stets von gewalttätigen Szenen verschont geblieben. Mögliche Ursachen für ihr harmonisches Familienleben gab es viele: solide Ausbildung, gute Erziehung, humanistisches Weltbild, friedfertige Veranlagung, ökonomische Sicherheit, aufrichtige gegenseitige Liebe, anerzogene Hemmung gegenüber Gewalt oder ganz einfach eine gute Portion Glück. Denn Gewalt in der Familie fand sich in allen gesellschaftlichen Schichten.
Doch nur selten führte diese zu strafrechtlicher Verfolgung. Immer wieder unterließen es die Opfer, solche Vorfälle anzuzeigen, weil die Täter ein ums andere Mal weinend auf die Knie fielen, Besserung gelobten und um Vergebung baten. Warum also sollte die Polizei einen alltäglichen Vorgang vor ein unwilliges Gericht zerren, das ohnehin mehr als genug zu tun hatte. War es überhaupt sinnvoll, einen Mann zu bestrafen, der seiner Frau unter Alkoholeinfluss regelmäßig Gesichtsverletzungen zufügte, solange sie sich damit abfand und ihm verzieh?
Auch in diesem Fall nutzte es nichts, der Frau nahe zu legen, ihren Mann zu verklagen. Als sie der Polizeibeamtin Maria mit matter Stimme erklärte, sie benötige keinen Arzt und könne sich den »Zwischenfall« – der so lautstark gewesen war, dass ein Nachbar die Polizei verständigt hatte – selbst zuschreiben, entspannte sich ihr Mann sichtlich und stellte den Videorekorder ab.
»Wie hat das angefangen?«, wollte Rikard wissen.
Papa Danielsen zuckte die Schultern.
»Das lag am Totoschein«, sagte die Frau leise.
»Wie das?«
»Ich habe den Schein nicht rechtzeitig abgeliefert.«
Sie blickte verstohlen zum Fenster, während der Mann bedächtig nickte. Als die Polizei erschien und die Scherben einer grünen Vase auf dem Fußboden bemerkte, hatte er seine Frau als »verdammte Schlampe« bezeichnet, sich dann jedoch mehr und mehr beruhigt.
»Ihnen ist also ein Riesengewinn durch die Lappen gegangen?«
Sie antwortete nicht. Papa Danielsen stand der Mund offen. »Äh ... nein.« Er starrte auf den Boden. »Aber das konnte ich ja nicht wissen.«
»Ihre Frau hat sie also vor einer unnötigen Geldausgabe bewahrt.«
»Wir hätten gewinnen können«, sagte er tonlos.
»Sie sollten Ihrer Frau danken.«
»Tja ... vielleicht.«
Zu Williams Erstaunen wankte der Mann zu der Frau, die er soeben misshandelt hatte, setzte sich vorsichtig neben sie und legte seinen Arm schützend um ihre Schultern. Und damit nicht genug: Anstatt ihn wegzuschieben, lehnte sie ihren bandagierten Kopf an seinen und murmelte: »Ist schon gut.«
Der Rest des Alkohols wurde konfisziert, ohne dass der Mann protestierte, während Maria die Geschwister ins Kinderzimmer begleitete. Dort blieb sie eine Viertelstunde und las ihnen eine Gutenachtgeschichte vor, während ein aufrichtig empörter Rikard Papa Danielsen die Leviten las und ihm seine Verantwortung als Erziehungsberechtigter ins Gedächtnis rief. Am Ende der Gardinenpredigt ließen die beiden auf dem Sofa ihren Tränen freien Lauf, während sie sich aneinander klammerten und der Mann Besserung gelobte.
»Wenn sich so etwas noch ein einziges Mal wiederholt«, schloss Rikard, »dann kommen wir und buchten Sie ein, Danielsen!«
»Ja, ja«, schluchzte der Paterfamilias.
»Sie erledigen gewissenhaft Ihre Arbeit, habe ich gehört. Warum gehen Sie nicht genauso verantwortungsbewusst mit Ihrer Frau um?«
Nach langem Schweigen kam eine Antwort – von ihr: »Das tut er doch. Normalerweise. Nur manchmal verliert er eben die Beherrschung, nur ab und zu. Und natürlich hätte ich den Totoschein rechtzeitig abgeben sollen!«
Das darf doch nicht wahr sein, dachte William. Als er langsam auf den Flur hinausging, hörte er Marias Stimme, der nun jede polizeiliche Autorität fehlte. Sie klang freundlich und warm, als wäre ein Engel herabgeschwebt und hätte sich der Kinder erbarmt:
»Peter Hase ließ sich vorsichtig von der Schubkarre gleiten und lief im Schutz der Johannisbeersträucher so schnell er konnte den Gartenweg entlang. Doch als er um die Ecke bog, entdeckte ihn Gregersen.«
Er kannte diesen Text. Es handelte sich um eine der Erzählungen von Beatrix Potter, die er seinen eigenen Kindern oft vorgelesen hatte, bevor sie für solche Geschichten zu alt geworden und zu einer Literatur übergegangen waren, in denen Menschen anstelle von Tieren sprachen. Durch den Türspalt warf er einen Blick auf die Polizistin, die mit dem Rücken zu ihm saß. Die Geschwister, die eng aneinander gekuschelt im unteren Bett lagen, schienen sich jetzt in einer anderen Wirklichkeit, weit entfernt von Lärm und Gewalt, zu befinden.
Als William wenige Minuten später neben den beiden Beamten die Treppen des Wohnblocks hinunterging, erlaubte er sich ein hymnisches Lob über ihre Arbeit.
»Das Jugendamt sollte euch zu Ehrenmitgliedern machen.«
»Wir sind das Jugendamt«, stellte Maria fest. Ernst fügte sie hinzu: »Manchmal würde ich solche Kinder am liebsten in Wolldecken einwickeln, mitnehmen und nach Strich und Faden verwöhnen.«
Sie hatten gerade im Auto Platz genommen, als ihnen eine Messerstecherei in einem Nachtclub in der Fjordgata gemeldet wurde. Während sie sich auf dem Weg befanden, schaute William auf die Armbanduhr und bat darum, in Nardo abgesetzt zu werden.
»Schon genug?«, fragte Rikard lächelnd.
William wollte das nicht zugeben und schob vor, es sei bereits spät geworden. Am Ende des Thors veg stieg er aus dem Wagen, winkte ihnen noch einmal zu und dachte, dass ihm die letzten Stunden wirklich gereicht hatten. Er selbst hatte nichts tun können und hasste die Rolle als unbeteiligter Zuschauer. Während er durch die frische Nachtluft spazierte, sah er immer noch die Gesichter der Kinder vor sich. Wenn sie als Erwachsene später Konflikte erlebten, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch sie versuchten, diese mit Gewalt zu lösen.
Auf dem Keramikschild neben ihrer Wohnungstür des Etagenhauses stand: Hier wohnen Solveig, William, Anders und Heidi Schrøder.
Eigentlich war das Schild überholt, doch hatte er keine Lust, es gegen ein anderes auszutauschen. Anders war erwachsen und wohnte nicht mehr bei ihnen. Der Zwanzigjährige hatte gerade ein Medizinstudium in Bergen begonnen. Und Heidi sollte im Frühjahr konfirmiert werden, die kleine Heidi, die sie bei der Geburt fast verloren hätten und die nur dank der neuen Brutkastenbehandlung im Kreiskrankenhaus überlebt hatte. Heidi hatte jubiliert, als ihr Bruder ausgezogen war, weil sie seitdem viel mehr Platz hatte. Wie hatten sie es in all den Jahren nur zu viert in der Wohnung ausgehalten? Sie hatten die Wohnung kurz vor der Hochzeit gekauft, und Nardo war ein ruhiges und günstig gelegenes Viertel. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal einen Streifenwagen in ihrer Gegend gesehen hatte. Außerdem hatten sie ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn. Dennoch verriet die Statistik, dass es selbst in dieser etablierten, bürgerlichen Gegend hinter verschlossenen Türen manchmal zu Gewalttaten kam. Die Dunkelziffer war ungewiss, doch gab es auch hier Drogenmissbrauch, Alkoholismus und psychisch bedingte Konflikte, denen selbst das aufmerksamste Sozialwesen nicht Herr werden konnte.
Doch im Großen und Ganzen empfand er Trondheim als eine Stadt, in der es sich gut leben und arbeiten ließ. Sie verfügte über eine international renommierte Fußballmannschaft, deren Spiele er mit großem Interesse verfolgte, und die Kriminalitätsrate bewegte sich in einem Bereich, der weder Ivar und ihn noch die Polizei vor unlösbare Probleme stellte. Außerdem musste man der Wirklichkeit ins Gesicht sehen und durfte sich von deren Schattenseite nicht lähmen lassen. Als würde es irgendjemand helfen, wenn die Auslandskorrespondenten ihrer Zeitung kein Auge mehr zubekamen, weil sie unentwegt über das Böse in der Welt nachgrübelten!
Als er leise die Tür aufschloss, kam ihm ein Lied von Margrethe Munthe in den Sinn. Er legte seine Kappe auf die Garderobenablage, zog Jacke und Schuhe aus und schlich ins Wohnzimmer.
Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn Solveig saß im Fernsehsessel. Das tat sie gern, wenn er Spätdienst hatte, sofern sie sich nicht in ein Buch vertiefte. Da ihre braunen Augen sich völlig auf den Bildschirm konzentrierten, nahm sie keine Notiz von ihm. Er blieb stehen und betrachtete sie einen Augenblick. Solveig war nie im klassischen Sinne schön, doch immer unglaublich süß gewesen. Vielleicht lag es an ihrem unbefangenen, munteren Wesen, dass sie so leicht mit anderen Leuten in Kontakt kam. Auch kam ihr dies im Umgang mit ihren schwierigen Schülern, denen sie zu helfen versuchte, zugute. In diesem Moment fiel das Licht der Leselampe schräg auf ihr dunkles Haar und ließ es wie sonnenbeschienene Lava erglühen.
Sie war vierundvierzig, drei Jahre jünger als er, sah jedoch nicht älter aus als dreißig. Zumindest in Williams Augen.
»Spannend?«
Sie zuckte zusammen, lächelte und streckte die Hand nach der Fernbedienung aus. »Typisch amerikanischer Streifen.«
»Warum liest du nicht lieber?«
»Musst du gerade fragen, als Fernsehjunkie des Hauses.«
»Meinetwegen brauchst du nicht auszuschalten. Es ist erst halb eins, und morgen ist Sonntag.«
»Lass uns lieber noch ein Glas zusammen trinken. Wie wär’s mit einem Drambuie?«
»Gerne. Ich hol die Gläser.«
Sie setzten sich nebeneinander aufs Sofa. Solveig zündete sich eine Zigarette an. William, der ständig versuchte mit dem Rauchen aufzuhören, ließ sich vom Duft verführen und bediente sich ebenfalls. Als sie miteinander anstießen, sagte er nachdenklich: »Das Ehepaar, dem wir vor zwanzig Minuten einen Besuch abgestattet haben, saß genauso da wie wir. Der Mann hatte einen über den Durst getrunken.«
»Mit schlimmen Folgen?«
»Alles relativ. Beim nächsten Einsatz wäre es um eine Messerstecherei gegangen. Aber ich wollte nicht schon wieder an das erinnert werden, was letzte Woche in Lade passiert ist. Stattdessen habe ich mich nach Ruhe und Harmonie gesehnt.«
»Dacht ich mir’s doch.«
»Ich weiß, worauf du anspielst. Aber was zum Teufel können Ivar und ich denn schon ausrichten?«
»Das müsst ihr schon selber wissen. Jedenfalls finde ich, dass eure kommentarlosen Berichte die Realität banalisieren und verschleiern. Den Sinn eines solchen Journalismus verstehe ich einfach nicht.«
»Bei den Lesern kommt das sehr gut an. Die Leute werden auf dem Laufenden gehalten, was in ihrer Gegend passiert, ohne dass wir reißerische Artikel draus machen müssen. Glaub mir, die Leute haben Fantasie genug, um sich den Rest auszumalen.«
»Trotzdem solltet ihr mal über eine andere Form nachdenken. So wie die Rubrik im Moment aussieht, hat sie überhaupt keinen Sinn ... sag mal, hast du eben gesagt, es wäre halb eins?«
»Fünf nach halb.« William verstand mit einem Mal, warum sie nachfragte. Er hatte schon die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass sie etwas beunruhigte, obwohl sie ganz von dem zweitklassigen Film gefesselt zu sein schien.
»Heidi hat fest versprochen, spätestens um zwölf zu Hause zu sein. Darum hatte ich auch begonnen, den Film zu gucken. Ich schaffe es einfach nicht, mich auf ein Buch zu konzentrieren, wenn sie unterwegs ist.«
»Ist sie nicht auf einem Fest mit einer Reihe anderer Konfirmanden?«
»Doch, einige wollten sich bei Jensens treffen, aber ohne den Pfarrer.« Sie stand auf und ging zum Fenster.
»Jetzt machst du dir wirklich unnötig Sorgen.«
»Ich kann doch nichts dafür!« Sie presste das Gesicht gegen die Scheibe und versuchte auf die Straße zu schauen.
»Früher hast du dir eben Sorgen um Anders gemacht. Und im Großen und Ganzen ist doch immer alles gut gegangen, auch wenn er manchmal zu spät kam. Keine Schlägereien, kein Haschisch ...«
»Ja, stimmt schon. Aber Heidi ist doch erst vierzehn ... und ein Mädchen.«
»Jetzt entspann dich und setz dich wieder hin, Solveig. Wenn wir ihr nicht vertrauen, dann kann sie uns auch nicht trauen.«
»Ihr vertrauen? Sie hatte versprochen, vor über einer halben Stunde zu Hause zu sein!«
William spürte, wie er sich wieder einmal von ihrer Besorgnis anstecken ließ. Er hasste dieses beklemmende Gefühl in der Magengrube, die Unsicherheit, die sich in ihm ausbreitete. Gleichzeitig fühlte er sich verpflichtet, sie zu beruhigen, so zu tun, als gäbe es nicht den geringsten Anlass zur Nervosität.
»Dabei hatten wir’s doch gerade so gemütlich. Aber okay, wenn sie bis eins nicht da sein sollte, verständigen wir die Polizei.« Er zwang sich zu einem lauten Lachen.
»Lass uns einfach bei Jensens anrufen. Ich mach das schon.«
»Na gut, wenn es dich beruhigt. Aber verlass dich drauf, dass du die Erste bist. Heidi wird dir sicher ungeheuer dankbar sein!«
Solveig ließ sich unwillig wieder auf das Sofa plumpsen. Nahm einen Schluck und sagte: »Ich verstehe nicht, wie du so gelassen sein kannst. Gerade du, der genau weiß, was in dieser Gegend für schreckliche Dinge geschehen.«
»Das meiste ist völlig harmlos.« Er strich ihr über den Kopf. Ihr Haar fühlte sich ganz und gar nicht nach getrockneter Lava an. Es war weich, und er wünschte sich, dass seine Tochter in ihrem Zimmer schliefe und Solveig in seinen Armen läge und dass sie diejenige wäre, nach der er sich gesehnt hatte, seit er nach Hause gekommen war. Doch was Sex betraf, gab es keinen schlimmeren Feind als nagende Angst.
»Das meiste, ja. Aber sie ist noch so jung. Und so unerfahren.«
»Unbekümmert ...«
»Genau. Es geschehen nun mal so furchtbare Dinge, William!«
»Darüber bin ich mir im Klaren. Aber es gibt doch auch ganz normale Verspätungen. Man trifft irgendwelche Bekannte und vergisst die Zeit. Vor allem, wenn man jung ist.« Er zog sie an sich und senkte die Stimme. »Bist du Musterkind etwa nie zu spät nach Hause gekommen?«
Sie nickte verhalten, und als er spürte, wie sie sich ein wenig beruhigte, versuchte er den alten Gesprächsfaden wieder aufzunehmen, indem er sie daran erinnerte, dass schließlich sie es gewesen war, die ihn überredet hatte, die Streifenpolizisten zu begleiten. Doch obwohl seine Taktik Erfolg hatte, irritierte es ihn, dass die Angst um ihre Tochter jetzt auf ihn übergegangen war. Außerdem ärgerte er sich, dass er etwas getrunken hatte und seine Tochter nicht mehr mit dem Auto abholen konnte.
Um ein Uhr hielt er es nicht mehr länger aus, sprang auf und sagte forsch: »Jetzt ruf ich an und verderbe ihnen den Abend! Hast du die Nummer?«
Die hatte Solveig, doch genau in dem Moment, als er vor dem schmalen Schreibtisch stand, die Nummer eintippte und sich davor fürchtete, wie die Antwort ausfallen würde – falls überhaupt jemand ans Telefon ging –, hörten sie das altbekannte, wohltuende Geräusch der Haustür, die ins Schloss fiel. Er schaffte es gerade noch, den Hörer aufzulegen, bevor Heidi, den Schlüssel in der Hand, mit roten Wangen ins Zimmer stürzte und rief, sie hätten solch einen Spaß gehabt.
Zur geplanten Standpauke kam es nicht. Williams Magenschmerzen waren wie weggeblasen, und als Heidi die Verspätung damit erklärte, der Sohn von Herrn Jensen habe sie nicht wie verabredet mit dem Auto abgeholt und es sei schwierig gewesen, ein Taxi zu bekommen, kehrte in der Wohnung der Familie Schrøder wieder Ruhe und Frieden ein.
Ein weiteres Mal konnten sie feststellen, dass die großen Unglücke immer nur anderen zustießen.
Am Sonntagmorgen
hatte er Schwierigkeiten, einen unangenehmen Traum loszuwerden, der ihn in der Nacht gequält hatte. Er brauchte frische Luft, fuhr mit dem Auto bis an den Stadtrand und machte sich mit seinen Langlaufskiern auf den Weg. Solveig besuchte lieber eine Vernissage, während Heidi sich aus beidem nichts machte.
Das Wetter ließ allerdings zu wünschen übrig. Die Temperatur lag um den Gefrierpunkt, es schneite stetig, und auch der Untergrund hätte besser sein können. Darum schnallte er schon bei Grønlia seine Skier ab, ging in die Hütte, reinigte seine beschlagenen Brillengläser und entdeckte, als er wieder freie Sicht hatte, ein loderndes Kaminfeuer – sowie einen guten Freund.
»Mistwetter«, stellte Oddvar fest, der mit einer etwa gleichaltrigen Frau an einem der Tische saß und Kaffee trank.
Oddvar Skaug war der einzige seiner alten Freunde, mit dem William immer noch Umgang pflegte. Er vertrat durchdachte Meinungen und hielt mit ihnen nicht hinterm Berg, vor allem wenn es um Frauen und Fußball ging. Sie gingen fast immer zusammen ins Lerkendalstadion, doch im Gegensatz zu William war Oddvar unverheiratet und kinderlos. Er besaß eine kleine Computerfirma namens Omega, die sich auf Firmenberatung spezialisiert hatte. Obwohl er für verschiedenste Unternehmen arbeitete, war er offenbar nicht clever genug, so viel zu verdienen wie manche seiner Konkurrenten, worüber er sich nur selten beklagte. Im Gegensatz zu den meisten von Williams Bekannten schien Geld für ihn keine dominierende Rolle zu spielen.
»Darf ich dir Gøril vorstellen?«
Ihr Nachname schien ihm im Moment entfallen zu sein, aber was machte das schon. Oddvars Damenbekanntschaften waren ebenso flüchtig wie Eintagsfliegen.
»William arbeitet für den Trondheimer Anzeiger, als Experte für Kriminalfälle.«
»Wie aufregend.«
Er setzte sich wieder die Brille auf und war sich nicht sicher, ob die Antwort ironisch gemeint war oder nicht. Doch der nordländisch gefärbte Klang ihrer Stimme sowie ihre neugierigen Augen unter den Locken schienen auf Letzteres hinzudeuten.
»Er kennt den Bodensatz der Gesellschaft und weiß genau, was in einem kranken Verbrecherhirn vor sich geht.«
»Jetzt hör schon auf, Oddvar. Ich bin ein ganz normaler Journalist.«
»Was du nicht sagst. Über den Mord, der vorletzte Woche in Lade passiert ist, bist du aber sicher gut informiert.«
»Auch die Polizei scheint bis jetzt ziemlich im Dunkeln zu tappen. Es sei denn, sie hält ihr Wissen zurück.«
»Sprecht ihr von der Frau, die ausgeraubt und erstochen wurde?«
»Die rechte Halsschlagader war durchtrennt«, präzisierte William.
»Mit einem Messer?«
»Möglicherweise. Aber im Grunde genommen habe ich keine Ahnung, was für eine Waffe benutzt wurde. Außerdem ist ein Kollege von mir für die Sache zuständig.« Normalerweise diskutierte er mit Außenstehenden nicht über aktuelle Fälle, schon gar nicht, wenn sie nichts Erhellendes beizutragen hatten. Was selten der Fall war.
»Die arme Frau«, fuhr sie fort. »Dabei hatte sie gerade im Lotto gewonnen.«
Als ob das einen Unterschied machte, dachte William. Er unterließ den Hinweis, dass der Lottogewinn die Tragödie vermutlich erst verursacht hatte. Musste sich eingestehen, dass er sich als Artikelschreiber wohl dieselben Gedanken gemacht hätte wie Ivar: Warum hatte die Frau die Dummheit begangen, so viel Bargeld abzuheben? Von Vorfreude zu tiefster Trauer hatte Ivar in Anspielung auf die psychische Verfassung des Sohnes getitelt. Kein Zweifel, dass die Art der journalistischen Aufbereitung die Meinung der Leser beeinflusste.
»So ist das Leben«, sagte Oddvar lapidar, »besser gesagt, der Tod.«
Genau, dachte William. Das war in diesem Fall der alles entscheidende Punkt. Die Familie Danielsen von gestern Abend hatte zwar kein Geld gewonnen. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn Frau Danielsen den Totoschein rechtzeitig abgegeben hätte. Doch dafür hatte der Familienstreit nicht mit einer tödlichen Katastrophe geendet.
»Bei uns vergeht keine Kaffeepause, in der wir nicht über die arme Frau sprechen«, sagte Gøril. »Es geschah ja schließlich ganz in der Nähe.«
»Sie wohnen in Lade?«
»Nein, aber ich arbeite in der Psychiatrischen Klinik. Nicht auszudenken, wenn es einer unserer Patienten getan haben sollte. Die meisten von ihnen sind nicht gezwungen, sich die ganze Zeit auf dem Krankenhausgelände aufzuhalten. Selbst aus dem am strengsten bewachten Gebäude, dort, wo sich die gewalttätigen Patienten aufhalten, könnte ohne weiteres mal jemand entwischen. Die Kontrollmaßnahmen sind nicht lückenlos.«
»Also ich kann mir das nicht vorstellen«, wandte Oddvar ein. »Dass eine Person mit massiven psychischen Problemen oder einer geistigen Störung in der Lage sein soll, jemanden auszurauben, zu ermorden und sich unbemerkt wieder in die Klinik zu schleichen. Und wie sollte sie überhaupt an ein scharfes Messer herankommen?«
»Das Gros der Patienten ist vollkommen harmlos. Trotzdem kann man natürlich nichts ausschließen. Die Fälle sind so verschieden und reichen von vorübergehenden Depressionen bis zu unheilbarer Schizophrenie. Manche sind in ihrem Verhalten absolut unberechenbar, und so viel Verstand gehört doch wohl nicht dazu, um zu begreifen, was es mit einer größeren Geldsumme auf sich hat. Die Tat selbst kann im Affekt geschehen sein. Und mit dem nötigen Glück ...«
Sie hielt plötzlich inne, als ärgere sie sich über die Andeutung, ihr Arbeitsplatz sei ein Hort potenzieller Mörder, die jederzeit ausbrechen und bestialische Verbrechen begehen könnten. In der langen, ehrenhaften Geschichte des Psychiatrischen Krankenhauses von Trøndelag war so etwas sicher noch nie vorgekommen, dachte William. Doch unwillkürlich begann ihn das Thema zu interessieren. Sogar Ivar hatte die Möglichkeit in Betracht gezogen. Natürlich nicht in der Zeitung. Dort hatte er ausschließlich mitgeteilt, der Nachbar der Toten habe zum vermuteten Tatzeitpunkt einen Mann in Richtung Olav Engelbrektssons allé hasten sehen. Weitere Spekulationen waren Sache der Leser. Der Mann konnte den Weg nach rechts eingeschlagen haben, in Richtung Ringvebukta und Fagerheim. Hatte er sich hingegen nach links gewandt, wäre er entweder zur Ringve-Schule und später zur Lade-Kirche gelangt oder er hätte sich auf Lademoen und die Stadtmitte zu bewegt. Aber es gab noch eine dritte Möglichkeit: Er hätte vor der Schule in den Østmarkveien abbiegen können, der seinerseits von der Olav Engelbrektssons allé gekreuzt wurde. Die Entfernung vom Victoria Bachkes vei bis zum Krankenhaus betrug nur wenige hundert Meter.
»Was tun Sie in der Klinik?«, fragte er
»Ich bin Krankenschwester auf der Abteilung II.«
»Ist die Polizei schon bei Ihnen gewesen?«
»Nicht bei uns. Aber die Abteilung VII wurde offenbar befragt, ob an dem betreffenden Nachmittag irgendwelche Patienten außer Haus gewesen seien. Ohne Ergebnis, soviel ich weiß.«
»Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass ein gefährlicher Patient sich unerlaubt Ausgang verschafft haben könnte?«
»Äh ... nein ... ich denke nicht.« Gøril zögerte. »Sie wollen meine Aussage doch nicht etwa in der Zeitung wiedergeben?«
»Klar, du kommst morgen bestimmt auf die Titelseite«, sagte Oddvar grinsend.
»Nein, keine Sorge«, entgegnete William. »Aber danke für Ihre Einschätzung.«
Dann stand er auf, verabschiedete sich von den beiden, gab seine leere Kaffeetasse ab und verließ die Hütte. Da der Schneeregen inzwischen in Regen übergegangen war, beschloss er, die kürzeste Loipe nach Storsvingen zu nehmen. Bei solchem Wetter, mit nassem Rücken, zog er sich leicht eine Erkältung zu.
Während eines sanften Anstiegs kam ihm plötzlich der Gedanke, der Mörder könne so berechnend gewesen sein, dass er absichtlich in Richtung Psychiatrische Klinik gelaufen war, um die Polizei in die Irre zu führen. Was ihm somit auch gelungen wäre.
In Wirklichkeit war der Mann vielleicht nach links abgebogen, als er den Østmarkveien erreichte, hatte die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen und war zum Parkplatz des Einkaufscenters zurückgekehrt. War dort in sein Auto gesprungen und hatte sich aus dem Staub gemacht. Vielleicht handelte es sich um jemand, der nicht vorbestraft war, einen gerissenen, intelligenten Kerl, der, von Geldnöten getrieben, zufällig sein Opfer erblickt und die günstige Gelegenheit genutzt hatte. Es war keinesfalls sicher, dass er den Mord von Anfang an geplant hatte, doch konnte die Angst, wiedererkannt zu werden, alle Hemmungen verdrängt haben.
Vielleicht.
Während der letzten, flachen Abfahrt ging William in die Knie und spürte zufrieden, wie er beschleunigte. Langlauf hatte ihm immer viel Spaß gemacht.
Was war mit der Mordwaffe, dem Messer – falls es sich um ein Messer handelte?
Das konnte der Täter aus der Halterung an der Wand genommen haben, die sich neben dem Kühlschrank befand. (Ivar hatte sich durch das Küchenfenster einen raschen Einblick verschafft.) Konnte das Blut unter der Spüle abgewaschen, das Messer abgetrocknet und wieder an seinen Platz gehängt haben. Vibeke Ordal war eine passionierte Köchin gewesen, deren Messerset (erneut Ivar zufolge) ebenso umfangreich wie scharf geschliffen war.
Dachte William, bevor er kopfüber in den Schnee stürzte. Er hatte die Tour mit einem eleganten Telemarkschwung beenden wollen, bevor er den Schneewall entlang dem Storsvingen erreichte. Begriff, dass er einen Moment lang unkonzentriert gewesen war, weil ihn der Mord in Lade weitaus stärker beschäftigte, als er Oddvar und seiner Freundin gegenüber hatte zugeben wollen.
Unwillkürlich musste er wieder an seinen nächtlichen Traum denken. Bevor er sich ins Bett gelegt hatte, fürchtete er, im Traum ängstlichen Kindergesichtern zu begegnen, doch das geschah nicht. Stattdessen träumte er von einer Menge Blut, das zunächst aus der verwundeten Schläfe einer Frau lief und anschließend eine riesige braunrote Lache auf einem Küchenfußboden bildete, auf den er nie seinen Fuß gesetzt hatte.
Er verspürte ein unangenehmes Zittern, während er die Skier auf dem Autodach befestigte.
Bis vor kurzem
hatten beide ein eigenes Büro im Pressehaus in Heimdal gehabt. Doch aus praktischen Gründen – es verging selten eine längere Zeit, ohne dass einer von ihnen das Bedürfnis hatte, mit dem anderen zu reden – bekamen sie die Erlaubnis, die Trennwand einzureißen. Obwohl beide dadurch ein paar Regalmeter einbüßten, machte ihr neues Büro einen ziemlich geräumigen und luftigen Eindruck. Außerdem hatten sie es nun nicht mehr nötig, ständig aufzustehen, hinüberzulaufen und sich immerfort im Türrahmen des anderen aufzuhalten. Kurz gesagt, so ihre Argumentation, führe die Neuregelung zu großer Zeitersparnis, woraufhin der Chefredakteur seine Genehmigung erteilt hatte.
Nun konnten beide ihre Kommunikation an dem Ort aufrechterhalten, der ihnen am besten gefiel, in ihren vertauten Bürostühlen, mit Blick auf die aktuellen Unterlagen. Natürlich sprachen sie nicht bei jeder Gelegenheit miteinander, wie manche hätten befürchten können. Vor allem taten sie es, wenn sie sich in aktuellen Fällen auf dem Laufenden halten wollten, was allerdings ziemlich häufig vorkam. Im Großen und Ganzen teilten sie sich die Aufgaben brüderlich, bildeten jedoch gleichzeitig ein Team, das, wenn es darauf ankam, fest zusammenhielt.
Ein einzigartiges symbiotisches Phänomen, wie böse Zungen behaupteten. Im Pressehaus waren sie früher mit einer Mischung aus Neid und Arroganz als Starsky und Hutch bezeichnet worden. Es gab sogar Nachrichtenredakteure, die es als minderwertig betrachteten, sich mit alltäglicher Kriminalität beschäftigen zu müssen, und es kam nur selten vor, dass Berufsanfänger sich um einen Platz in der kleinen Krimiredaktion bemühten. Wie auch immer, am Tag, an dem die Trennwand fiel, wurden die beiden Laurel und Hardy getauft, eine Bezeichnung, die zum Glück für ihre Erfinder weder William noch Ivar etwas ausmachte. »Wie kindisch ihr seid«, war Ivars lapidarer Kommentar. Falls die beiden noch andere Ziele verfolgten als das ehrenwerte, möglichst gute Arbeit zu leisten, so sprachen sie jedenfalls nicht davon. Das Wichtigste für sie war ihre enge Kooperation, ihre gemeinsame Wellenlinie sowie ihr Gespür dafür, welche Themen in welcher Form publiziert werden sollten.
Von Natur aus hatten die beiden wenig Gemeinsamkeiten. Ivar zum Beispiel hatte eine sehr forsche Art – normalerweise ein Vorteil für einen Journalisten –, während William introvertiert veranlagt war. Ivar platzte auf Pressekonferenzen der Polizei manchmal mit der ersten Frage heraus, noch ehe das Startsignal für die Journalisten gegeben worden war. William pflegte zu warten, bis er an der Reihe war. Auch fragte er sehr präzise, während Ivar meist mehrere Antworten gleichzeitig einforderte. Ivar liebte es zu diskutieren, während William sich in der Rolle des Zuhörers am besten gefiel.
Sie waren ungefähr gleich alt, sahen jedoch grundverschieden aus. Ivar Damgård war mit seinen strohblonden Haaren, den leuchtenden Augen und seinem getrimmten Vollbart eine markante Erscheinung. Manche meinten, er sehe aus wie ein richtiger Macho, obwohl ihm niemand übertriebene Eitelkeit vorwerfen konnte. Er hasste jede Art der Körperbetätigung. William Schrøder war sehr viel besser in Form, aber einen halben Kopf kleiner und kam mit seinen spärlichen, aschblonden Haaren wohl kaum als Model für ein Frisurenmagazin infrage. Im Gegensatz zu seinem Kollegen, dessen wohlgenährter Bauch seit Jahren nicht zu verhehlen war, hatte er eine durch und durch schlanke, beinahe magere Figur. Er trug eine Brille, war stets sorgfältig gekleidet und machte einen ausgeprägt intellektuellen Eindruck, während Ivar sich sportlicher kleidete, immer noch ohne Brille auskam und derjenige von ihnen war, der öfter ins Kino ging und ein Buch nach dem anderen verschlang. Fußball im Fernsehen hingegen konnte er nicht ausstehen, während William nur selten ein Spiel ausließ.
Obwohl ihr persönlicher Background sich ähnelte, beide verheiratet waren und zwei Kinder hatten, trafen sie sich nur selten außerhalb der Arbeit. Dass sie nicht auch noch die Freizeit miteinander verbrachten, erklärte vermutlich am besten, warum sie in der Redaktion so gut miteinander auskamen. Da sie sich ein Büro teilten, mussten sie auch tolerieren, dass einer telefonierte, während der andere am Computer arbeitete, womit beide jedoch glänzend zurechtkamen. Außerdem waren sie ja nicht immer gemeinsam in einem Raum. Ging bei ihnen die Meldung über einen Überfall oder Einbruch ein, machte sich meist einer von ihnen auf den Weg zum Tatort, während der andere oft einen Großteil des Tages im Gerichtsgebäude zubrachte, um später anschaulich und objektiv über interessante Prozesse berichten zu können, von denen es nicht wenige gab. Manchmal ereignete sich so vieles gleichzeitig, dass weitere Kollegen hinzugezogen werden mussten. Doch im Großen und Ganzen bewältigten sie die anfallende Arbeit allein.
Gab einer von ihnen den Ton an? Wenn es um definitive Entscheidungen ging, behielt William in der Regel die Oberhand, weil er als Kriminalreporter über die größere Erfahrung verfügte.
Als er am Montagmorgen, dem 24. Januar, sein Büro betrat, befand sich Ivar bereits im wenige Kilometer entfernten Gerichtsgebäude in der Munkegata, in dem der Strafverteidiger in dieser Woche versuchte, die Schöffen davon zu überzeugen, dass es im Fall des Mannes, der seine Freundin vergiftet hatte, eine Reihe mildernder Umstände gab. Obwohl das Urteil bereits festzustehen schien, war der Prozess so spektakulär, dass viele Journalisten aus Oslo angereist waren, um täglich von ihm zu berichten.
William stellte die Kaffeetasse vorsichtig auf einen freien Fleck zwischen die Papierhaufen. Dann setzte er sich auf den Stuhl, rollte näher an den Schreibtisch heran und schaute auf seine Notizen. Es gab keine dringliche Arbeit, nur einige Telefonanrufe mussten erledigt werden. Er hatte Ivar unter anderem versprochen, sich beim Polizeipräsidium nach dem aktuellen Stand im Lade-Mordfall zu erkundigen. Bevor er den Hörer zur Hand nahm, warf er einen Blick in die Tagesausgabe der Zeitung und las im Polizeijournal noch einmal nach, was sich am Samstagabend zugetragen hatte:
23 Uhr 34. Gewaltsamer Ehestreit in Risvollan. Ein Mann fügte seiner einunddreißigjährigen Ehefrau im Streit eine blutende Wunde an der Schläfe zu. Ärztliche Behandlung war nicht nötig. Ob die Frau ihren Mann anzeigen wird, ist ungewiss.
Aus Sicht der Polizei klang das so einfach, dachte William. Nichts über die Hintergründe. Kein Wort davon, dass die Frau nicht zum ersten Mal misshandelt worden war. Keine Erwähnung des Alkoholgestanks in der Wohnung oder der verschreckten Kinder im Türrahmen. Keine Beschreibung ihrer Hilflosigkeit oder der Vergebung seitens Frau Danielsens, die William immer noch unbegreiflich war. Niemand wusste besser als die Mitarbeiter das Sozialamts, dass solch ein Milieu Gift für die Kinder war, doch gab es keinerlei Bestrebungen, Mutter und Kindern eine andere Bleibe anzubieten.
Im Grunde konnte er Solveigs Einstellung gut nachvollziehen. Aber kam Journalisten wie ihm eine Überwachungsfunktion zu? An wen sollten sie sich wenden, wenn die Frau selbst es unterließ, ihren Mann anzuzeigen? An Verwandte des Opfers, an einkommensstarke Freunde des Paares? An motivierte und mitfühlende Leser? An Institutionen wie Sozialamt, Familienberatung oder Kinderschutzbund? (Als wären die unhaltbaren Verhältnisse in vielen Familien nicht allgemein bekannt!) Wann war der Punkt gekommen, an dem man Eltern ihre Kinder wegnehmen musste? Geeignete Pflegeeltern gab es nicht gerade in Hülle und Fülle. Manchmal waren sie die richtige Lösung, doch kam es auch vor, dass die barmherzigen Samariter nicht genügend an dem Wohl der Kinder interessiert waren und sie damit zum Spielball eines bürokratischen Systems machten, dem Verordnungen und Paragrafen wichtiger waren humanitäre Aspekte. Doch andere zu kritisieren war schließlich kein Kunststück. Waren er und Solveig denn bereit, ihr Heim für unglückliche kleine Seelen zu öffnen, mit allen Komplikationen, die das mit sich führte? In der Egogesellschaft war es üblich, dass jeder genug mit seinen eigenen Problemen zu tun hatte. Wenn man von der Arbeit nach Hause kam, verdiente man Ruhe und Frieden und wollte sich nicht mit weiteren Problemen herumschlagen. Und war die Vernachlässigung einzelner Kinder nicht ein Luxusproblem, verglichen mit dem Elend, das in großen Teilen der Welt herrschte?
Ein weiteres Mal musste William sich eingestehen, keine Patentlösung parat zu haben. Er griff zum Telefonhörer und wählte die Durchwahl von Arne Kolbjørnsen. Während er es klingeln ließ, nippte er an seiner Kaffeetasse und streckte die Beine unter den Schreibtisch. Etwas mit seinem linken Knie war nicht in Ordnung. Hatte er sich doch etwas zugezogen, als er gestern im Schnee gestürzt war?
»Kolbjørnsen!«, bellte es am anderen Ende.
William verstand sofort, dass der Mann mehr als genug zu tun hatte. Eigentlich war es ein Wunder, dass er überhaupt abgehoben hatte. Er sah ihn vor sich, den hartnäckig arbeitenden rothaarigen Polizeibeamten, der die Karriereleiter Stufe für Stufe emporgestiegen war; der seinen Bart abrasiert hatte, nachdem er zum Kommissar befördert worden war; der, wie er selbst, im Stillen seine Arbeit verrichtete, nicht viel Aufhebens um die eigene Person machte, jedoch stets tat, was von ihm erwartet wurde. Im Moment war er mit einem rätselhaften Fall konfrontiert, der sich nicht ohne weiteres lösen ließ, und sein Chef, Nils Storm, erwog sicherlich, die Experten von KRIPOS, dem Zentralorgan der norwegischen Kriminalpolizei, einzuschalten.
»Hier ist William Schrøder. Ich hoffe, ich störe Sie nicht.«
»Aber nein, ich habe mich schon nach Ihrer Stimme gesehnt.« Trotz seiner Vertrauen erweckenden Sachlichkeit schlug Kolbjørnsen zuweilen einen ironischen Ton an, der den meisten Polizisten fremd war. »Sie wollen sicher etwas zum Mord an Vibeke Ordal erfahren, nicht wahr?«
»Richtig geraten. Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?«
»Leider nein.«
»Irgendwelche Spuren muss der Täter doch hinterlassen haben.«
»Aber nicht in Form von Fingerabdrücken auf den Türklinken. Und falls er seinem Opfer im Garten aufgelauert haben sollte, hat der Neuschnee seine Fußspuren unkenntlich gemacht. Alles, was wir gefunden haben, sind ein paar nasse Zigarettenstummel, die an der Hauswand, in der Nähe des Küchenfensters, lagen, aber die können natürlich schon vorher da gewesen sein.«
»Selbst gedrehte Zigaretten?«
»Vermutlich.«
»Sind Sie nicht der Meinung, dass die Zeitung ihre Leser zur Mithilfe aufrufen sollte?«
»Wenn ich das wäre, hätten Sie es erfahren.«
»Was ist mit Østmarka?«
»Sie meinen das Krankenhaus? In der betreffenden Abteilung ist niemand vermisst worden. Außerdem hält es das Personal für sehr unwahrscheinlich, dass einer der Patienten in der Lage sein sollte, eine solche Tat zu verüben und nachher zu vertuschen. Die in Frage kommenden Personen hätten sich in diesem Fall noch länger im Haus des Opfers aufgehalten oder wären durch die Nachbarschaft gestreift. Ein geistig verwirrter Mensch hätte niemals die vielen Vorsichtsmaßnahmen treffen können, die erforderlich waren, um erfolgreich zu sein.«
»Vielleicht hat irgendein abgebrannter Krankenpfleger die Gelegenheit beim Schopf gepackt, weil er wusste, dass man die Patienten, nicht aber die Angestellten verdächtigen würde.«
»Sie sollten Privatdetektiv werden.«
William lächelte. Sie kannten einander ziemlich gut und wussten genau, ab welchem Punkt die Polizei der Presse keine weiteren Informationen liefern konnte. »Ivar Damgård hat ein Gespräch mit der Bankangestellten geführt, die Vibeke Ordal bedient hatte. Leider konnte sie keine Beschreibung des Mannes geben, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Schalterhalle befand.«
»Das ist richtig«, sagte Kolbjørnsen. »Er hatte ihr den Rücken zugekehrt.«
»Und er verließ die Bank unmittelbar nach Frau Ordal.«
»Sieht so aus. Noch mehr Details, die wir Einfallspinsel außer Acht gelassen haben?«
»Ja, die Banknoten. Falls es sich wirklich um neue Scheine gehandelt hat, müssten die Nummern bekannt sein.«
»Vielen Dank für den Hinweis, aber das haben wir schon überprüft. Ausgehend vom nächsten Geldpaket, das bereitlag, wissen wir genau, um welche Nummern es sich handelt.«
»Die Sie vielleicht veröffentlichen sollten.«
»Haben wir schon, aber nur gegenüber den richtigen Instanzen. Postämter, Banken, Tankstellen. Und sicher kennen Sie auch den Grund dafür, Sherlock.«
Das tat William. Eine Veröffentlichung der Nummern konnte den Täter davon abhalten, die Scheine in Umlauf zu bringen. »Für heute habe ich keine weiteren Fragen mehr, vielen Dank.«
»Lassen Sie bald wieder von sich hören, damit wir im Präsidium über den Stand Ihrer Ermittlungen unterrichtet sind.«
»Versprochen. Auf Wiederhören.«
Er schluckte die spitze Bemerkung und brachte lächelnd ein paar Notizen zu Papier, trank seinen Kaffee und fragte sich, ob er im Moment noch irgendetwas Sinnvolles bezüglich des Mordes am Victoria Bachkes vei unternehmen konnte.
Einige Stunden später ging er zum Mittagessen in die Kantine. Als er Henriksen, den Setzer, erblickte, der einen schwarzen Anzug trug und ein Stück Käsekuchen aß, ging er mit seinem Lunchpaket zu ihm hinüber.
»Siehst ja aus wie aus dem Ei gepellt, Preben. Hast du heute noch was vor?«
»Das solltest du eigentlich wissen. Nachher ist die Beerdigung.«
»Oh, entschuldige. Kanntest du Vibeke Ordal gut?«
»Zumindest besser als die meisten anderen Nachbarn. Meine Frau war mit ihr befreundet. Außerdem hatten wir früher Kontakt zu Harald Tranøy, solange er noch mit ihr zusammenwohnte.«
»Wurden sie nicht vor sieben, acht Jahren geschieden?«
»So in etwa. Eigentlich war mir der Kerl ziemlich unsympathisch, weil er sich ständig irgendwelche Gartengeräte von uns ausgeliehen hat. Dafür war er uns allerdings auch behilflich, wenn wir mal einen juristischen Rat brauchten.«
»Ein Anwalt, jetzt wohnhaft in Oslo?«
»Richtig. Mit seiner neuen Freundin. Ich hoffe, er behandelt sie besser als Vibeke.«
»Hat sie unter ihm gelitten?«
»Vor allem psychisch, glaube ich. Außerdem ist er ein verdammter Geizkragen.«
»Aber er hatte wohl keinen Grund ... sie zu ermorden?«
Henriksen, der sich gerade ein großes Stück Kuchen in den Mund schob, erstarrte und schaute ihn erschrocken an. »Nie im Leben. Und schon gar nicht aufgrund des Geldes, denn er ist zwar Anwalt, aber Gorm ist Alleinerbe.«
»Den Sohn kennst du auch?«
»Ja, natürlich. Ein netter Junge.« Der Setzer kaute weiter. »Er spielte eine Weile in der Jugendmannschaft von Trygg, während ich dort Trainer war. Im Moment hat er wohl hauptsächlich das Studium und seine Freundin im Kopf. Zurzeit wohnen sie im Studentenwohnheim in Moholt, aber vielleicht werden sie in das Haus seiner Mutter ziehen. Falls Gorm dazu in der Lage ist.«
William nickte, dachte an all das Blut, das er im Traum gesehen hatte, und daran, wir schrecklich es für den Sohn gewesen sein musste, die Leiche seiner Mutter zu finden. »Der Unbekannte, der an dir vorbeigelaufen ist, kannst du dich noch an Einzelheiten erinnern?«
»Nur an die, von denen ich Ivar schon erzählt habe. Hätte ich gewusst, was gerade geschehen war, hätte ich natürlich besser aufgepasst ... mir den Kerl geschnappt und ihn mit bloßen Händen erwürgt!«
»Sie stand am Briefkasten, als du an ihr vorbeifuhrst?«
»Ja, wir haben uns zugewinkt.«
»Aber da hast du nichts von einem Mann gesehen, der sich dem Haus näherte?«
Henriksen schluckte und ließ den Rest des Kuchens stehen, als sei ihm plötzlich bewusst geworden, dass er seiner Nachbarin an diesem Nachmittag zum letzten Mal zugewinkt hatte. »Ich bedaure fast, dass ich Ivar den Tipp gegeben habe. Auch die Polizei stellt mir ständig dieselben Fragen. Wie zum Teufel hätte ich denn ahnen können, was im nächsten Moment passieren würde?«
»Natürlich konntest du das nicht.«
»Wenn dich die Sache so brennend interessiert, dann komm doch mit zur Beerdigung. Ich fahre in einer halben Stunde los.«
William nickte erneut. Er konnte sich dezent im Hintergrund halten und in die Lage der Hinterbliebenen hineinversetzen. Er wusste, dass die Neugier seine eigentliche Triebfeder war, sowie die klammheimliche Hoffnung, der Mörder könne sich unter den Trauergästen befinden, wie dies manchmal in Romanen und Filmen vorkam.
»Was mich wundert«, bemerkte Henriksen nach einer Weile, »ist, dass die Polizei eine so rasche Beerdigung zulässt. Ich meine, Vibeke Ordal wurde doch erst vor elf Tagen ermordet. Ich dachte, die Experten würden für die Untersuchung der Leiche mehrere Wochen benötigen.«
»Sie wurde einen Tag nach ihrer Ermordung obduziert. Nach meinen Kenntnissen gab es keinen Grund, die Beerdigung aufzuschieben. Schließlich wurde sie nicht vergiftet, wie in dem Fall, der gerade verhandelt wird.«
»Ich kann nur hoffen, dass sie den Kerl möglichst bald schnappen. Meine Frau sagt, sie findet keine Ruhe, bevor sie nicht eine große Mauer ums Krankenhaus gebaut haben.«
Das Begräbnis begann um halb zwei. Die Trauerfeier fand in der Lademoen Kapelle in Voldsminde statt. William folgte Henriksen in seinem eigenen Wagen und blieb, nachdem er Henriksens Frau begrüßt hatte und diese mit ihrem Mann hineingegangen war, noch eine Weile hinter dem Steuer sitzen, um die Leute zu beobachten, die der Reihe nach auf den Parkplatz einbogen und aus ihren Autos stiegen. Die Temperatur lag um den Gefrierpunkt, und obwohl die feuchten, weißen Schneeflocken, die vom Himmel fielen, für eine verspätete Weihnachtsstimmung sorgten, konnten sie auch als Versuch eines gnädigen Gottes betrachtet werden, die Schwere des Abschieds ein wenig zu mildern. Bei zwei Autos handelte es sich um neue Toyotas mit dem Logo der Firma, für die Vibeke Ordal gearbeitet hatte. Er erkannte einen der Mitarbeiter, der ihm vor ein paar Jahren einen gebrauchten Corolla verkauft hatte.
Unter den Gästen bemerkte er auch einige Gesichter aus dem Sportmilieu, allen voran einen groß gewachsenen Mann seines Alters mit kupferroten Haaren und einem traurigen, dunklen Anzug. Hatte Kolbjørnsen Gleiches im Sinn wie er selbst, oder war es üblich, dass die Polizei den Ermordeten die letzte Ehre erwies?
Um fünf vor halb zwei, als der Strom der Besucher nachließ, verließ William widerwillig seinen Wagen und betrat die hell erleuchtete Kapelle. Ein Mann in dunklem Anzug, der sich am Eingang postiert hatte, reichte ihm ein zusammengefaltetes Blatt mit den Liedtexten, und die Töne der einsetzenden Orgel bedrückten ihn so stark, wie er befürchtet hatte. Der Anblick des Sargs sowie der süßliche Duft der Blumen verstärkten sein Gefühl, an einer Trauer teilzuhaben, zu der er eigentlich keinen Anlass hatte. Hier war er ein ebenso unbeteiligter Zuschauer wie in der ärmlichen Wohnung in Risvollan. Joakim, sein Vater, hatte es ihm damals gesagt, nachdem er ihm erzählt hatte, er würde beim Trondheimer Anzeiger anfangen: »Du wirst vieles zu sehen bekommen, mein Junge, darunter auch Dinge, auf die du lieber verzichten würdest. Aber das gehört wohl zum Alltag eines Journalisten.« Der Vater hatte Recht behalten, doch im Gegensatz zu ihm war Solveig der Meinung, er müsse sich auch persönlich für die wichtigen Fälle interessieren, über die er schrieb. Aber das war ihm nicht möglich, denn je mehr er vom Privatleben anderer Menschen erfuhr, desto stärker musste er darauf achten, einen gewissen Abstand zu wahren. Ließ er das Leid fremder Personen zu nahe an sich herankommen, dann war der Griff zur Flasche oder anderen Drogen vorprogrammiert. Geistliche zum Beispiel, die oftmals mehrere Begräbnisse am Tag durchzuführen hatten, konnten unmöglich so tief mit den Trauernden mitfühlen, wie ihre salbungsvollen Stimmen vorgaben. Kein Wunder, dass man vielen von ihnen die Routine anmerkte. Als Berufsanfänger, der von zahlreichen Beerdigungen berichten musste, hatte er versucht, sich in die Situation eines Pfarrers hineinzuversetzen, und es dauerte nicht lange, bis er seine eigenen Formulierungen auswendig kannte:
Die Kirche war feierlich mit Blumen und Kerzen geschmückt. Auf dem Sarg lag ein Bouquet der engsten Familienangehörigen, das aus dunkelroten Rosen bestand ...
Er nahm in der hintersten Reihe Platz, ein Stück von Kolbjørnsen entfernt, dessen hellwacher Blick die Anwesenheit des Trondheimer Anzeigers mit unmerklichem Lächeln quittierte. Falls sich der Täter wider alle Wahrscheinlichkeit unter der Schar barhäuptiger Köpfe befand, war es William unmöglich, ihn zu identifizieren. Schämen sollte er sich, denn er hatte hier nichts zu suchen.
Ein Trio spielte »So nimm denn meine Hände«, und nach der Beerdigung wurde »Schön ist die Erde« angestimmt.
Er bemerkte, dass er die Deckenbalken zählte, während der Pfarrer sprach. Erschrocken zuckte er zusammen, wie ein kleiner Junge, den man auf frischer Tat ertappt hatte. Dann versuchte er, sich das Gesicht der Toten im Sarg vorzustellen, den tiefen Schnitt in ihrem weißen Hals, von dem man das Blut sorgfältig entfernt hatte, doch es gelang ihm nicht. Vielleicht weil er sie niemals lebend gesehen hatte, vielleicht weil er sich im Dienst befand und die äußeren Umstände ohnehin nicht beeinflussen konnte.
Danach erhoben sich alle und blieben eine Weile unbeweglich stehen, bevor ein junger Mann, Gorm Ordal, gebeugten Kopfes und seine Freundin im Arm haltend, langsam durch den Mittelgang schritt. Ein Stück dahinter folgte ihm ein Mann mittleren Alters mit grau melierten Haaren und geröteten Augen. Die Ähnlichkeit mit Gorm war so auffällig, dass William sofort begriff, dass es sich um den Vater handelte. Harald Tranøy war aus Oslo gekommen, um am Begräbnis seiner ehemaligen Frau teilzunehmen. Anständige Menschen taten so etwas offenbar.
Er empfand Erleichterung, als er wieder den Schneematsch unter seinen Füßen spürte. Während er die Tür seines Autos öffnete, legte sich eine Hand auf seine Schulter.
»Hallo.« Es war der Toyota-Verkäufer namens Knut Petter. Man sah ihm an, dass er geweint hatte.
»Eine furchtbare Geschichte«, sagte William.
»Völlig unbegreiflich.«
»War sie beliebt bei ihren Kollegen?«
»Sehr beliebt. Fast die gesamte Belegschaft ist hier.«
Der Mann hatte sich eine Zigarette angezündet, und William bekam Lust, es ihm gleichzutun. Stattdessen ergriff er die Gelegenheit zu einer weiteren Frage: »Niemand von Ihnen wusste, dass sie an diesem Tag im Lotto gewonnen hatte?«
»Nein, ich denke nicht. Vibeke wollte es anscheinend lieber für sich behalten. Aber die Polizei hat uns natürlich auch schon gelöchert.« Er machte eine mürrische Kopfbewegung in Richtung Kolbjørnsen, der sich wenige Meter entfernt mit Harald Tranøy unterhielt. »Als hätte irgendjemand von uns Vibeke auch nur ein Haar krümmen können. Kommen Sie noch mit zum gemeinsamen Essen?«
»Nein, ich kannte sie nicht persönlich.«
»Verstehe. Sie sind hier, um über das Begräbnis zu berichten.«
»Nein, nein.«
»Vielleicht war der Mörder sogar unter uns. So was soll ja vorkommen. Wenn er auch nicht an den Tatort zurückkehrt, sucht er vielleicht immer noch die Nähe zu seinem Opfer.«
William schüttelte den Kopf, begriff jedoch, dass er nicht der Einzige war, der eine lebhafte Fantasie besaß. Hingegen würde er nie so handeln wie seine Kollegen von der Boulevardpresse – von denen er allerdings niemand in der Kapelle erblickt hatte –, sich an die engsten Angehörigen wenden, sie fotografieren und nach ihren Gefühlen befragen. Den schamlosen Reportagen, die daraus entstanden, fehlte jede Spur echter Mitmenschlichkeit; sie befriedigten einzig und allein den unbändigen Drang der Leserschaft, Einblick in das Privatleben anderer Leute zu bekommen. Sowohl Dagbladet als auch VG hatten bereits Kurzinterviews mit Gorm Ordal veröffentlicht, die weder besonders sensibel noch erhellend waren. Auch in Norwegen war man auf dem Weg, individuelle Tragödien öffentlich auszuschlachten, was er nicht ausstehen konnte. Dort, wenn auch nicht auf allen Gebieten, verlief für ihn die Grenze, die moralisch verantwortlichen Journalismus von unverantwortlichem trennte. Unter anderem, weil es seine Pflicht war, Menschen, die zur Redseligkeit neigten, vor sich selbst zu schützen.
Kurz darauf befand er sich wieder auf dem Weg nach Heimdal, verfluchte einen Raser, der mit mindestens 110 km/h an ihm vorbeipreschte, hatte sich jedoch längst wieder beruhigt, als er mit einer Kaffeetasse in der Hand sein Büro betrat. In der Zwischenzeit war die Post für Laurel und Hardy eingetroffen. Einen der Briefe, die an Ivar persönlich adressiert waren, legte er auf dessen Schreibtisch. Danach putzte er seine Brillengläser, vertiefte sich eine Weile in kleinere Delikte und überlegte, ob es richtig gewesen war, das Sozialamt einzuschalten. Schließlich fiel ihm ein, dass eine Kollegin kurz vor Weihnachten einen langen Artikel geschrieben und festgestellt hatte, dass weitaus größere Mittel für den Kampf gegen familiäre Gewalt bereitgestellt werden müssten. Er zweifelte daran, dass der Artikel sein Ziel erreichen würde.
Dann eilte ein geschäftiger Ivar ins Zimmer und ließ sich sogleich auf seinen Schreibtischstuhl fallen. »Ein Typ, der seine Freundin vergiftet, damit sie ihn nicht verlässt, ist ein ausgemachter Psychopath«, war seine brummende Kurzversion des heutigen Gerichtstages.
»Trotz so genannter verminderter Zurechnungsfähigkeit?«
»Ja, es scheint paradox, aber der Kerl ist hochintelligent.«
»Ich war auf der Beerdigung von Vibeke Ordal«, versuchte es William mit einem Themenwechsel.
»Wie nett von dir. Gibt’s was Neues?«
»Nein, eigentlich nicht. Da liegt übrigens ein Brief für dich.«
»Hm.« Ivar streckte die Hand aus, ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen. »Bestimmt wieder irgendein ungebetener Kommentar.«
Bei großen Fällen fehlte es nie an Kritik und Protesten von verschiedensten Seiten. Obwohl beide stets versuchten, den Gang der Verhandlung möglichst objektiv darzustellen, beschwerten sich die Angehörigen oft über die Art und Weise, in der die Aussagen von Angeklagten und Zeugen wiedergegeben wurden. Erneut versuchte William sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, wurde jedoch von Ivars Lieblingsformulierung aus seinen Gedanken gerissen: »Ich glaub’, ich spinne!«
Er hob den Blick. Ivar hatte den Umschlag geöffnet und starrte mit offenem Mund auf das rote Blatt Papier, das er auseinander gefaltet hatte.
»Was ist das?«
»Sieh selbst.«
William nahm das Blatt. In der Mitte der DIN-A4-Seite standen nur vier Wörter, geschrieben mit großen Buchstaben:
Sie war die erste
Verwirrt drehte er das Blatt, doch die Rückseite war leer. Ivar untersuchte den Umschlag.
»Poststempel ist von Samstag, Trondheim. Natürlich kein Absender.«
Das konnte alles und nichts bedeuten, wusste William. In der Regel bedeutete es nichts. Doch in diesem Fall hatte er das unheimliche Gefühl, dass der Brief – der knappe schwarze Text auf blutrotem Grund – sehr viel mehr war als das Werk eines Verrückten. Beziehungsweise genau das. Die melodramatische Nachricht eines kranken Menschen, der nicht nur bedenkenlos und willkürlich mordete, sondern implizit damit drohte, die Tat zu wiederholen. Adressiert an Ivar Damgård, vermutlich, weil dieser den ersten Artikel über den Mord verfasst hatte.
Dann sah William, dass Ivar bereits zum Telefonhörer gegriffen hatte.
»Guten Tag, Herr Kolbjørnsen! Hier Damgård. Jetzt halten Sie sich fest, ich habe gerade einen anonymen Brief bekommen ...«
William betrachtete den Kollegen und versuchte aus dessen Mienenspiel auf den Gesprächsverlauf zu schließen. Durch einen Knopfdruck hätte er einen kleinen Lautsprecher aktivieren können, widerstand jedoch der Versuchung.
»Fingerabdrücke? Keine Angst, ich werde den Umschlag nur noch mit Samthandschuhen anfassen. Sieht so aus, als fühlte sich der Kerl von uns vernachlässigt ... Sie glauben, da erlaubt sich jemand einen Spaß ... wir sollten das nicht veröffentlichen? Bitte?« Ivar schwieg eine Weile und machte sich dann ein paar Notizen. »Das mit der Plastiktüte geht in Ordnung. Sie schicken einen Kurier? Alles klar ...«
Noch während er telefonierte, hatte Ivar eine Schreibtischschublade aufgezogen und eine Pinzette herausgeholt.
»Wir müssen auf jeden Fall ein paar Kopien machen, bevor wir das Schreiben aus der Hand geben«, knurrte er.
»Kolbjørnsen nimmt den Brief ernst?«
»Anfangs schien es gar nicht so. Doch die Ermittlungen treten anscheinend so auf der Stelle, dass er und Storm sich an jeden Strohhalm klammern. Was ist, wenn der Absender seine Drohung in die Tat umsetzt?« Mithilfe der Pinzette trug er den Umschlag und das Blatt Papier zum Kopierer. »Außerdem ...«
»Ja?«
»Außerdem hat mir Kolbjørnsen gesagt, dass ein identischer Brief auf seinem Schreibtisch lag, als er von der Beerdigung kam.«
Während Ivar sich auf das Kopieren konzentrierte, stand William auf, streckte den Arm aus und angelte sich den Block, warf einen Blick darauf und stellte fest, dass sie wieder einmal dieselben Überlegungen anstellten. Falls sie beide richtig vermuteten, standen sie – und nicht zuletzt die Polizei – dem schlimmsten Verbrechertypus von allen gegenüber, einer personifizierten Bedrohung, die zum Albtraum für die Allgemeinheit werden konnte. Ivar hatte ein einziges Wort notiert.
Serienmörder?
Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke. Das einzige Geräusch war das Summen des Kopierers.
Wenn sie allein
zu Hause war, blieb sie manchmal am Fenster stehen und blickte hinaus, in Richtung Fjord. Lange und unverwandt, als ob die Lichter, die sich zwischen ihr und dem Wasser befanden, ihre Fragen hätten beantworten oder besser gesagt: sie von ihrer nagenden Unsicherheit hätten befreien können.
Sie wusste, sie würde diese nie loswerden, solange er sich nicht aus seiner Schale befreite und ihr in die Augen blickte, wenn sie sich dem Thema näherten. Aber das tat er nie. Jedes Mal, wenn er darüber zu sprechen begann, was in seinem Kopf vor sich ging, und wenn sie hoffte, dass nun, nun die Wahrheit ans Licht kommen würde, wich sein Blick zurück. Wurde fern und diffus, worauf er sich entweder einigelte oder von etwas anderem zu sprechen begann. Den Fernseher anstellte und in den Keller ging. Wenn er wieder heraufkam, den Arm voller Birkenholz, das nach sommerlichem Wald duftete, pfiff er meist irgendein altes Stück – Jimi Hendrix? – vor sich hin und war so zärtlich gestimmt, dass er beim geringsten Hüftschwung von ihr dahinschmolz und sie zu liebkosen begann. Seine Augen wurden dann sanft und warm, und sie ließ es zu, dass seine Hände ihren gesamten Körper ertasteten. Vergaß die bohrende Angst und gab sich ganz dem Genuss hin. Niemand, glaubte sie, war imstande, ihr solch eine Lust zu bereiten wie er. Sie wurde schon feucht, wenn er sie nur ansah. Dabei waren sie beide nicht mehr die Jüngsten!
Dennoch wunderte es sie, dass er immer wieder von sich aus auf ein Leben zu sprechen kam, das er offenbar verabscheute und das mehr als dreißig Jahre zurücklag. Warum drang er nie zum Wesentlichen vor, zum Kerngehäuse des verbotenen Apfels?
Warum ließ er sie abends, wenn es dunkel war, manchmal allein? Früher hatte sie ihn oft nach dem Grund gefragt, doch seine Antworten waren stets vage gewesen.
»Wo willst du hin?«
»Ich muss raus.«
»Wohin?«
»Weiß nicht. Muss den Kopf freibekommen.«
Er konnte fünfzehn Minuten oder stundenlang fortbleiben, zu Fuß gehen, die Skier oder das Auto benutzen. Einmal hatte sie darauf bestanden mitzukommen, und widerstrebend hatte er eingewilligt. Sie waren bergauf gegangen, dem Wald entgegen. Mit sicherem Schritt hatte er sie durch das nahezu undurchdringliche Terrain geführt, während er kaum ein Wort sprach und sich vermutlich über eine Vergangenheit den Kopf zerbrach, die sie so gern mit ihm geteilt hätte. Doch inzwischen behelligte sie ihn nicht mehr mit ihren Fragen; ihr Arzt hatte ihr dringend davon abgeraten und gesagt, es sei vollkommen sinnlos, noch mehr Druck auf ihn auszuüben. Solange er das Thema von sich aus nicht anschnitt, konnten ihre fordernden Fragen seinen totalen Zusammenbruch auslösen.
Jetzt war sie allein. Stand zehn Minuten am Fenster, bevor sie sich losriss. Ging langsam ins Schlafzimmer, zog einen Hocker an den geöffneten Kleiderschrank, stieg auf ihn und angelte sich eine Pappschachtel vom obersten Regal. Setzte sich aufs Bett und entfernte den Deckel. Er hatte ihr nie verboten hineinzuschauen. Kurz vor ihrer Hochzeit hatte er ihr sogar den Inhalt gezeigt, jeden einzelnen Gegenstand hervorgeholt, ihr anvertraut, was er alles mitgemacht hatte, jedenfalls das meiste. Er fand, sie sollte das wissen, bevor sie ihm ihr Jawort gab.
Sein innerstes Geheimnis, das er nicht mit ihr zu teilen vermochte, musste sich in dieser Schachtel befinden. Doch falls es so war, falls die kleinen Gegenstände ihn an das Allerschlimmste erinnerten, warum behielt er sie dann? Warum grub er nicht ein Loch und ließ die Reliquien für immer darin verschwinden? Sie nahm die Dinge heraus und hielt sie eine Weile in der Hand, bevor sie sie auf die geblümte Bettdecke legte: die Dokumente, das Kästchen mit den Medaillen, die Zeitungsausschnitte, die metallenen Identifikationszeichen und zuletzt – das Armeemesser mit dem grünen Griff. Sie zog es langsam aus der Scheide, worauf die scharfe Klinge im Licht aufblitzte, das durch den Erker fiel.
Das Messer.
So hatten sie ihn genannt. Falls er die ganze Geschichte und seine psychischen Leiden nicht erfunden hatte, um die Demütigung verkraften zu können, beim Militär aussortiert worden zu sein.
Dennoch begannen ihre Finger zu zittern. Dann hörte sie das Geräusch seines Wagens und legte alles rasch an seinen Platz zurück. Als er den Flur betrat, hatte sie die Schachtel wieder auf das oberste Regal geschoben und ging ihm lächelnd entgegen.
Die Polizei
musste öffentlich einräumen, auf der Stelle zu treten. Das fürchterliche Verbrechen, das ganz Lade aufgeschreckt hatte, schien unaufgeklärt zu bleiben. Beinahe vier Wochen waren vergangen, seit der Student Gorm Ordal seine Mutter tot aufgefunden hatte, und obwohl die Polizei jeden Stein umdrehte und die wenigen gesicherten Erkenntnisse von allen Seiten betrachtete, sogar mehrmals mit denselben Personen sprach, gab es einfach nichts Neues, das die Nachforschungen in die richtige Richtung hätte lenken können. Alle Wege mündeten in eine Sackgasse.
Die einzige konkrete »Spur« waren die kurzen, deformierten Zigarettenstummel, die vielleicht nicht einmal vom Täter stammten. Hauptkommissar Storm zufolge war es unmöglich, so etwas wie Fingerabdrücke auf ihnen zu erkennen. Da half es auch nicht, dass die Spurensicherung feststellte, beim Tabak handele es sich um Petterøes Blau Nummer drei. Die Lösung des Falls schien in immer weitere Ferne zu rücken.
Die Leute fanden es regelrecht peinlich, dass weder die Experten von KRIPOS noch die Mitarbeiter der Trondheimer Polizeibehörde etwas in der Hand hatten. Natürlich gab es eine große Dunkelziffer, Todesfälle, bei denen niemand Verdacht schöpfte, es könne ihnen ein Verbrechen zugrunde liegen, doch meistens fand die Polizei früher oder später den Schuldigen. Und selbst in den relativ wenigen unaufgeklärten Fällen gab es in der Regel ein paar Indizien: einzelne Haare, Fußabdrücke, zurückgelassene Waffen, ein auffälliges Fahrzeug, winzige Blutspuren oder anderes mikroskopisches Material, das Verdächtige mit dem Tatort verknüpfte. Doch in diesem Fall hatte niemand beobachtet, wie eine Person, die es sehr eilig gehabt hatte, in einen Wagen gestiegen und davongebraust war.
Alles deutete auf einen Raubmord hin, für den es nur zwei mögliche Zeugen gab – mögliche, weil keinesfalls sicher war, dass es sich bei der »männlichen Person«, die die Bankangestellte sowie der Setzer gesehen hatten, um den Mörder handelte. Vielleicht hatten sie nicht einmal dieselbe Person beobachtet, und die Polizei konnte weiterhin nicht ausschließen, dass der Täter eine Frau war. Entweder war der Mörder mit allen Wassern gewaschen oder er hatte einfach eine Riesenportion Glück gehabt.
Glück, dachte William Schrøder, hatte auch Vibeke Ordal gehabt, wenn auch nur am Anfang. Er und Ivar verwendeten viel Zeit darauf, über den Fall zu diskutieren, nicht zuletzt, weil sie in diesen stärker involviert schienen als üblich. Zum einen war der Tipp von einem ihrer Kollegen gekommen, zum anderen war einer der beiden identischen Briefe an Ivar adressiert gewesen, vermutlich weil der Absender seine Veröffentlichung in der Zeitung anstrebte.
Nach starkem Druck seitens der Polizei sowie mehreren internen Konferenzen hatte sich Chefredakteur Gunnar Flikke schweren Herzens dazu entschieden, von einer Veröffentlichung der kurzen Nachricht Abstand zu nehmen – fürs Erste. Polizeioberrat Martin Kubben hatte mit allem Nachdruck gefordert, die Zeitung solle es bei ihrer Internetumfrage: Was meinen Sie? Welche Strafe verdient der Angeklagte im Giftmordprozess? bewenden lassen. (Die peinliche Umfrage wurde nach einer Stunde gestoppt, war zu diesem Zeitpunkt jedoch schon von anderen Massenmedien aufgegriffen worden.) Was war mit dem Mord am Victoria Bachkes vei? Sollte man die Bevölkerung nicht warnen? Kubben verneinte und wusste den Kriminaldirektor hinter sich, während auch der Polizeipräsident seine ganze Autorität geltend machte, um für eine Geheimhaltung des Briefes zu sorgen. Gerade weil die Mitteilung möglicherweise gar nicht auf das Konto des Täters, sondern irgendeines Trittbrettfahrers ging, weigerte er sich, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Leute würden sich grundlos gegenseitig verdächtigen, sich nicht mehr aus dem Haus trauen, ihre Türen verriegeln und in unnötige Hysterie verfallen.
Doch wenn der Mörder es ernst meinte?
Das war und blieb ein Dilemma. Sollte er ein weiteres Mal zuschlagen, würden Polizei und Zeitung einräumen müssen, von der Drohung gewusst zu haben. Doch Kubben und Storm hatten sich geschworen, ihm nicht die Freude zu gönnen, zur öffentlichen Person zu werden.
Für William war die Frage nach dem Motiv der entscheidende Punkt. Hatte der Täter von Anfang an töten wollen oder sich dazu gezwungen gefühlt, nachdem er das Geld gestohlen hatte? Handelte es sich um einen gewöhnlichen Raubmörder, einen alten Bekannten der Polizei, würde er kaum ein zweites Mal töten. Wann hatte er von Vibeke Ordals Lottogewinn erfahren, falls er überhaupt davon gewusst hatte? Angenommen, es handelte sich um einen Arbeitskollegen, der vom Gewinn erfahren hatte – wie hatte er wissen können, dass sie nach der Arbeit eine beträchtliche Summe von ihrem Konto abheben würde? Hatte er vor ihrem Büro gestanden und ihr Telefongespräch mit dem Sohn belauscht? Nein, da war es schon wahrscheinlicher, dass sich der Täter in der Bank befunden und beschlossen hatte, dem erstbesten Kunden zu folgen, der einen größeren Betrag abheben würde. Natürlich konnte es sich auch um einen Verrückten handeln, der durch die Gegend gestreift war und sich spontan für sein Opfer entschieden hatte.
William änderte seufzend seine Sitzposition. Der morgendliche Becher Kaffee war längst kalt geworden.
Falls es sich doch um einen zynischen Wiederholungstäter handelte, räsonierte er weiter – wie sollte man diesen aufspüren, da man nichts anderes über ihn wusste, als dass er offenbar, so wie die Hälfte der gesamten norwegischen Bevölkerung, über einen Computer verfügte? Da die Zeitung eingewilligt hatte, die Drohung zu verschweigen, hatte Kolbjørnsen im Gegenzug versprochen, sie über den Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten, hatte bis jetzt aber kaum etwas mitzuteilen gehabt. Sowohl der Umschlag als auch das rote Papier konnten aus jedem beliebigen Schreibwarengeschäft stammen. Kein einziger Fingerabdruck war gefunden worden. Der Text war möglicherweise mit Hilfe eines Druckers der Marke Cannon ausgedruckt worden. Dies schien den Eindruck zu bestätigen, es handele sich um eine intelligente Person, die behutsam vorging, Handschuhe trug und Schuhsohlen besaß, die anonyme Abdrücke hinterließen. Eine Person, die nichts dem Zufall überließ. Eine Person, die in einer psychiatrischen Klinik nichts zu suchen hatte. Dennoch wollte William dorthin und hatte mit großer Mühe einen Gesprächstermin mit einem der Chefärzte vereinbaren können. Nach einem Blick auf die Uhr stand er auf und zog seine Jacke an.
»Glaubst du, der Absender ist wütend?«, fragte er Ivar.
»Warum sollte er das sein?«
»Weil wir den Brief nicht veröffentlicht haben.«
Ivar zuckte die Schultern. »Das wird sich zeigen. Vielleicht erhalte ich ja bald eine Mahnung von ihm.«
Oder eine weitere Frau wird ermordet, dachte William. »Kommst du mit ins Krankenhaus?«
»Nein danke. Das bringt mich nur durcheinander, weil ich den Unterschied zwischen den autorisierten Seelenklempnern und den Patienten nicht erkenne. Außerdem glaube ich nicht, dass Herr X dort zu Hause ist.«
Das tat William auch nicht. Dennoch fand er es interessant, einen Einblick in das Leben hinter den Mauern zu bekommen. Auch die Leser hatten ein Recht darauf, solange sich Gerüchte hielten, der Mann sei direkt aufs Krankenhaus zugelaufen. Obwohl die Existenz eines gewissen Briefs vertuscht wurde, konnte die Polizei einen Journalisten nicht daran hindern, einen Fachmann zur psychischen Struktur eines Serienmörders zu befragen.
»Wenn du in zwei Stunden nicht zurück bist, gebe ich eine Vermisstenanzeige auf«, sagte Ivar grinsend, als William das Büro verließ.
Das Außenthermometer zeigte fünf Grad plus, es herrschte Tauwetter. Typisch, dachte William lakonisch, als er sich ins Auto setzte. Es war der 9. Februar. Wenn er an das merkwürdige Winterwetter der letzten Jahre dachte, fragte er sich oft bekümmert, ob die Klimaforscher nicht Recht hatten, doch in diesem Moment dachte er ausschließlich daran, dass sich an irgendeinem Ort, vielleicht ganz in der Nähe, ein Mörder befand, dem die Polizei nicht auf die Spur kam. Gestern Nachmittag war er in einer Buchhandlung gewesen und hatte sich – beinahe verstohlen – ein Exemplar der New Encyclopedia of Serial Killers gekauft, doch bis jetzt hatte er nur ein wenig darin blättern können. Sollte der berechnende Verrückte einen weiteren Mord begehen, würde vielleicht ein gewisses Muster deutlich, nach dem der Täter vorging – ein abnormes Muster, versteht sich.
Ihn schauderte, als er auf die E6 abbog. Im nächsten Augenblick fragte er sich, warum er sich aufgrund des anonymen Briefs fortwährend düstere Theorien ausmalte. Weil er wollte, dass es so war? Weil er bereits ahnte, dass weitere Morde geschehen würden? Weil er begonnen hatte, von Blut zu träumen?
Vor zehn Tagen hatte er sich an seine Kollegin Halldis Nergård gewandt und ihr von seinem Besuch bei der Familie Danielsen in Risvollan berichtet. Er hatte ihr ebenfalls erzählt, dass Solveig die Berichterstattung über alltägliche Gewalt für absolut unzureichend hielt. Sie hatte aufmerksam zugehört, worauf er in der letzten Ausgabe ihrer Wochenzeitung zwei kenntnisreiche und gut geschriebene Artikel von ihr zu diesem Thema entdeckte. Vielleicht waren sie nur eine Reaktion auf den fortdauernden Giftmordprozess, dessen Tat sich ebenso gut auf Hass wie auf Eifersucht zurückführen ließ, doch William war dies einerlei. Hauptsache, den Menschen wurde in puncto familiärer Gewalt die Augen geöffnet, damit sie begriffen, dass dieses Thema jeden betreffen konnte und jeden etwas anging. Er hatte Halldis zu ihren Artikeln gratuliert. Sie selbst glaubte, ein wenig zur Aufklärung beigetragen zu haben, zweifelte aber an einer vorbeugenden Wirkung. Die Frage war, ob sich die psychische Struktur des Menschen überhaupt beeinflussen und verändern ließ, ob die individuelle seelische Veranlagung nicht vielmehr genetisch festlag und es sinnlos war, die eigenen Triebe und Bedürfnisse zu verleugnen. Ebenso sinnlos vermutlich wie der Versuch, einem Drogenabhängigen im Zuge der Therapie den Aggressionstrieb zu nehmen. Zwangsmaßnahmen waren der letzte Ausweg und kamen in der Regel erst zur Anwendung, wenn die Katastrophe bereits geschehen war. Anders ausgedrückt: War es moralisch vertretbar, auf den vagen Verdacht hin, der Nachbar misshandele seine Kinder, die Behörden zu informieren?
Es ärgerte William, dass er sich immer wieder mit einer Frage beschäftigte, die er nicht lösen konnte, und so versuchte er sich bewusst auf etwas anderes zu konzentrieren. Er war nicht gerade ein Musikliebhaber, summte jedoch eine Melodie, die sich wie Night and Day anhören sollte, als er der ausgeschilderten Umleitung um die Stadtmitte folgte und sich Lade näherte. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet ihm, dass er zu früh aufgebrochen und vermutlich auch viel zu schnell gefahren war. Erst in zwanzig Minuten war er mit dem Chefarzt verabredet.
Deshalb machte er noch Station beim Einkaufszentrum in Lade, das sich am Ende der Sportanlage befand, und bog auf den Parkplatz ein. Stellte den Motor ab und überlegte, ob er eine Schachtel Zigaretten kaufen sollte. Er beobachtete den Eingangsbereich. Ivar war bereits in der Bank gewesen, die sich im selben Gebäude wie das Einkaufszentrum befand, und hatte sich mit der weiblichen Angestellten unterhalten, also hatte es keinen Sinn, wenn er dasselbe tat. Ivar beherrschte sein Metier und wusste als erfahrener Kriminalreporter genau, nach welchen Details er sich erkundigen musste. Neben dem Haupteingang gab es ein kleines Vordach, unter dem die Einkaufswagen standen. Der Täter hätte sich genauso gut hier aufhalten und die Leute im Auge behalten können, die das Gebäude verließen. Er stieg aus dem Auto und schlenderte auf die Einkaufswagen zu. Ein ausgezeichneter Beobachtungsort, vor allem im Dunkeln.
Ehe er sich’s versah, war William hineingegangen und hatte sich eine Schachtel Barclays gekauft. Danach benutzte er den Anzünder im Auto und fuhr weiter. Folgte langsam dem Østmarkveien und stellte sich vor, wie der Täter sein Opfer verfolgt hatte. Was ging im Kopf eines solchen Kerls vor, wenn überhaupt etwas in ihm vorging? Rechts zweigte der Victoria Bachkes vei ab, doch er fuhr weiter geradeaus, war zuvor schon da gewesen und wollte sich in seiner Rolle als Privatdetektiv auch nicht lächerlich machen. Kreuzte langsam die Olav Engelbrektssons allé und bog in die Parkanlage ein, die im Sommer sehr hübsch, zu dieser Jahreszeit jedoch deprimierend war. Stellte das Auto auf dem großen Parkplatz zwischen den hohen Bäumen und den frei stehenden Gebäuden ab. Spazierte zum lachsfarbenen Backsteinhaus hinüber, in dem sich die Station B3 befand. Eigentlich war er mehr an der »gefährlichen« Abteilung interessiert, die weiter in den Park hineinreichte und auf der Rückseite einen umzäunten Hof, jedoch keinerlei Arztbüros aufwies. Er hatte gerade seine Zigarette gelöscht, als eine weiß gekleidete Frau in der Tür erschien.
Er wunderte sich, wie sauber und ordentlich das Gebäude von innen wirkte. Warme Farben und Topfpflanzen, niedrige Tische und bequeme Stühle. William stellte sich vor und sagte, er sei mit Jomar Bengtsen verabredet. Er glaubte, er würde sicher eine Weile warten müssen, doch sie lächelte ihn sofort mit einem Folgen-Sie-mir-Blick an und führte ihn an einer Sitzgruppe vorbei, wo einige Männer saßen und Kaffee tranken. Er ging davon aus, dass es sich um Patienten handelte, doch weder Aussehen noch Kleidung ließen auf ihren Geisteszustand schließen; auch sah er keine dumpfen Blicke, die verrieten, dass sie sich in einer anderen Welt befanden.
Dr. Bengtsen hingegen, ein stattlicher Mann in den Fünfzigern mit ungebändigten, abstehenden Haaren, machte auf den voreingenommenen William einen dubiosen Eindruck. Mit den tief liegenden Augen und seiner bunten Jacke hätte er durchaus zu den Patienten gehören können. Vielleicht verhielt es sich wirklich so, wie viele – Ivar inklusive – behaupteten: dass Leute sich gern zu Psychologen oder Psychiatern ausbilden ließen, um den eigenen psychischen Problemen auf den Grund zu kommen.
Die Stimme passte allerdings zu einem professionellen Mediziner. Der Händedruck war warm und fest, und sobald er seinen Gast in einem bequemen Stuhl seines gelb gestrichenen Büros im Dachgeschoss hatte Platz nehmen lassen, setzte er sich ihm gegenüber und verkündete, er habe nur dreißig Minuten Zeit.
»Ich möchte nicht unhöflich sein, Herr Schrøder, aber ich habe schrecklich viel zu tun.«
»Das verstehe ich gut.«
»Ein generelles Interview, sagten Sie, oder geht es um die irrige Annahme, wir hätten einen Mörder in unserem Haus?«
»Weder noch ...« William legte seinen Notizblock auf den niedrigen Tisch und zückte seinen Kugelschreiber.
»Die Polizei war schon hier, zusammen mit einer Bankangestellten und einem Setzer von Ihrer Zeitung. Sie bekamen die Erlaubnis, sich auf Station VII umzusehen und mit allen männlichen Patienten zu sprechen. Vermutlich glaubten sie, dort den Tatverdächtigen wiederzuerkennen.«
»Das war nicht der Fall?«
»Gott bewahre, nein. Und jetzt hoffe ich sehr, dass uns der lange Arm des Gesetzes in Frieden lässt.«
»Sie halten es also für völlig ausgeschlossen, dass einer Ihrer Patienten einen Mord begehen könnte?«
Der Psychiater rollte so wild mit den Augen, dass William am liebsten seinen Blick abgewandt und die nackten Baumkronen vor dem Fenster betrachtet hätte, doch er konnte sich beherrschen.
»Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, Herr Schrøder. Bei psychisch Kranken ist nichts auszuschließen. Aber ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich, die Umstände in Betracht gezogen.«
»Es gibt auch Patienten, die zu Gewalt neigen, verstehe ich Sie da richtig?«
»Aber ja. Falls gewisse Voraussetzungen gegeben sind und sich eine Gelegenheit bietet. Aber das ist bei uns nicht der Fall!«
»Ich verstehe.«
»Tun Sie das?«
»Natürlich. Im Grunde bin ich auch mehr an Ihrer Meinung hinsichtlich der Handlungsmuster eines Mörders interessiert, seines ... wie soll ich mich ausdrücken ... seines Modus operandi.«
Hatte er sich eingebildet, mit dem Arzt auf gleicher Augenhöhe diskutieren zu können, indem er sich eines lateinischen Ausdrucks bediente, unterlag er einem peinlichen Irrtum. Das Einzige, was beiden gemeinsam war, waren ihre Brillen. Der Arzt breitete abrupt die Arme aus, während seine Augen hinter den Gläsern fast aus ihren Höhlen kullerten: »Du lieber Himmel, woher soll ich denn das wissen? Es wimmelt doch nur so von Handlungsmustern, und keines gleicht dem anderen.«
»Nun, einige gemeinsame Merkmale, zum Beispiel bei Serienmördern, wird es doch sicherlich geben.«
»Aha, Sie wollen also andeuten, dass der Mann, den die Polizei sucht, weitere Morde begehen könnte?«
William ruderte zurück. »Nein, nein, das war eine generelle Frage.«
»Die von einem Mann mit so geringer Erfahrung, wie ich sie habe, nicht zu beantworten ist. Zwar habe ich schon Menschen kennen gelernt, die getötet haben, aber nicht von der Sorte, an die Sie denken.«
Es folgte ein längerer Vortrag, und William schrieb eifrig mit. Er fühlte sich wie ein Student in einem Hörsaal, wie ein Laie, der versuchte, eine Theorie zu verstehen, ohne die nötigen Vorkenntnisse zu besitzen. Doch einiges begriff er.
Bei einzelnen psychisch gestörten Menschen, dozierte Bengtsen, seien die üblichen Barrieren und Tabus nicht vorhanden. Ethische Normen im Umgang mit anderen Menschen könnten dann außer Kraft gesetzt sein, und das Empfinden von Gut und Böse variiere je nach der augenblicklichen Situation, sofern der Betreffende überhaupt ein bewusstes Verhältnis zu seiner Umwelt habe. Der Journalist sollte wissen, dass solch asoziales Verhalten auch bei so genannten gesunden Menschen vorkomme. Ein Psychopath sei nicht unbedingt geisteskrank in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, aber dennoch zu den perversesten Handlungen imstande. Im Gegensatz zu psychisch Kranken seien sich dissoziale Menschen über ihr Verhalten im Klaren, nur nicht imstande, sich über ihre ererbten, egoistischen Instinkte hinwegzusetzen.
Bengtsen erging sich in langen Exkursen. Und versuchte William das Dilemma seines Berufsstands zu verdeutlichen. In den USA sei es beispielsweise verboten, bei psychisch Kranken das Todesurteil zu vollstrecken, unabhängig davon, wie ungeheuerlich ihre Verbrechen seien. Einer, der wegen Mordes auf seine Hinrichtung warte, heiße Claude Maturana. Warte in Anführungszeichen, denn er sei geistig so verwirrt, dass er kaum das Urteil zur Kenntnis genommen habe. Sei es moralisch vertretbar, den Mann zu behandeln, nur damit er eines Tages auf dem elektrischen Stuhl lande?
»Ich schenke genetischen Erklärungsansätzen einfach keinen Glauben«, sagte Bengtsen abschließend, »wenn es um Mörder geht. Sie kennen doch sicher den Sozialpsychologen Stanley Milgram.«
»Ein wenig.«
»Seiner Meinung nach kann jeder, absolut jeder unter gewissen Bedingungen zum Mörder werden. Denken Sie nur an Hitler-Deutschland. Ich halte Milgrams Theorien für stichhaltiger als die von Adrian Raine, einem anderen Amerikaner, der behauptet, mörderische Hirne hätten eine besondere Struktur. Solche Gehirne zeigen angeblich eine geringere Aktivität in dem Teil, der negative Impulse verarbeitet. Daher könnten die betreffenden Personen ihre Aggressionen nur unzureichend kontrollieren. Nun ja, ich will diese Möglichkeit nicht völlig ausschließen, aber ...«
»Ist eine Heilung gewisser Patienten unmöglich?«
»Manchmal ja, auch wenn es sich nicht um eine Geisteskrankheit handelt. Wachsen Kinder unter furchtbaren Umständen auf, werden aus ihnen mitunter die schlimmsten Verbrecher. Kindliche Traumata können zu asozialem Verhalten führen. Doch auch gesunde, erwachsene Menschen können sich zu Mördern entwickeln, wenn sie zum Beispiel verinnerlicht haben, dass Konflikte am besten durch Gewalt zu lösen sind.« Er warf einen Blick aus dem Fenster, während sich seine Stirn in Falten legte. »Vor Jahren habe ich einen interessanten Fall erlebt: Ein zuvor gesunder Mann bekam unheilbare psychische Probleme, weil er gemordet hatte. Doch Sie werden verstehen, Herr Schrøder, dass ich Ihnen unmöglich eine allgemeine Charakteristik geben kann, schon gar nicht in Bezug auf einen Mörder, der mir völlig unbekannt ist.«
Vielleicht hatte er das schon getan, dachte William hinterher. Selbst ein kompetenter und ein wenig exzentrischer Arzt wie Jomar Bengtsen konnte nicht mit letzter Sicherheit ausschließen, dass einer seiner Patienten ein Mörder war.
Das Gespräch, besser gesagt der Monolog des Mediziners, wurde durch das zweimalige Piepsen seines Handys unterbrochen und nach exakt dreißig Minuten beendet. An den Maßstäben eines Interviews gemessen, war es allzu sprunghaft und kurz gewesen, was oft der Fall war, wenn der Interviewer nicht genau wusste, was er wollte. Für William gab es wenig festzuhalten und noch weniger, was für tausende von Lesern von Interesse gewesen wäre. Dennoch hatte Bengtsen ein paar Dinge erwähnt, denen William mehr Beachtung hätte schenken sollen. Etwa über den Sozialpsychologen Milgram und die asozialen Impulse scheinbar normaler Menschen. Oder waren diese Worte an anderer Stelle gefallen?
Als er nach Heimdal zurückkehrte, saß Ivar vergnügt in der Kantine. William schilderte ihm in Kürze seine ambivalenten Eindrücke und gab eine Beschreibung des Interviewpartners.
»Ist ja auch kein Wunder, dass Leute von ihrem Arbeitsumfeld beeinflusst werden«, entgegnete Ivar.
»Vielleicht habe ich ein bisschen übertrieben.«
»Wie auch immer, während du zur Vorlesung bei Dr. Valium warst, habe ich einen Anruf vom Präsidium bekommen. Kolbjørnsen hat mitgeteilt, dass eine der Banknoten aufgetaucht ist.«
»Wo?«
»In einem Lokal in Lademoen namens Pizza-Burger-Top. Es liegt am Mellomveien. Eine Polizeibeamtin, Maria soundso, war dort und hat aus Mitleid ein paar Hamburger für eine arme Familie gekauft. Kannst du dir das vorstellen?«
»Maria Senje. Als ich sie letztes Mal gesehen habe, las sie gerade aus Peter Hase vor.«
»Zum Bezahlen hatte sie nur einen Tausender und bekam einen nagelneuen Fünfhunderter zurück. Man kann ja nie wissen, dachte sie und verglich die Nummer mit der auf der Bankliste. Volltreffer! Der litauische Inhaber konnte ihr sogar mitteilen, dass er den Schein von einer Frau aus der Nachbarschaft habe, die wenige Minuten zuvor bei ihm eingekauft hatte. Am Morgen haben Kolbjørnsen und Balke ihr einen Besuch abgestattet ...«
»Kennst du ihren Namen?«
»Ja, Kolbjørnsen war offenbar der Meinung, wir hätten eine Gegenleistung verdient. Die Fast-Food-Liebhaberin heißt Britta Olsen und hat einen Frisiersalon in der Østersundsgata. Sie glaubte sich daran erinnern zu können, den Schein gestern Vormittag bekommen zu haben, und zwar von einem männlichen Kunden, den sie nie zuvor gesehen hatte. Angeblich war er nicht sehr gesprächig, aber dem Dialekt nach kam er aus Nordland. Außerdem hat sie eine ziemlich genaue Personenbeschreibung gegeben: um die fünfzig, dünnes, dunkles Haar, kräftig gebaut, circa eins achtzig groß ...«
»Na großartig. Diese Beschreibung passt auf mindestens tausend Leute in Trondheim.«
»Sie haben Frau Olsen aufs Präsidium geladen, damit sie sich die Fotos der Verbrecherdatei anguckt. Wenn sie den Mann nicht wiedererkennt, fertigen sie vielleicht ein Phantombild an.«
»Ist ja nicht gesagt, dass es sich um den Täter handelt. Der Schein kann schließlich durch mehrere Hände gegangen sein, bevor er in dem Fast-Food-Laden landete.«
»So weit wird vermutlich sogar die Polizei denken«, kommentierte Ivar.
»Dass er in Lademoen, unweit von Østmarka, auftauchte, könnte aber darauf hindeuten, dass sich der Täter in der Nähe aufhält.«
»Exakt. Hab schon eine kurze Notiz verfasst. Kolbjørnsen sagte, Storm sei plötzlich auch der Meinung, man solle einen knappen Hinweis in die Zeitung setzen. Hat sich wohl an die alte Regel erinnert, dass die Leser die besten Detektive sind. Außerdem kam gerade die Nachricht über den Ticker, es gebe drei Morddrohungen gegen Prominente.«
William las die Nachricht, als sie wieder in ihrem gemeinsamen Büro waren. Die Drohungen richteten sich in allen drei Fällen gegen Gewerkschafter, darunter auch gegen den Vorsitzenden Yngve Hågensen: Wir machen dich fertig. Du sollst krepieren, hågensen. Das klang schon sehr viel konkreter als Sie war die erste.
»Unterzeichnet mit 88 ... Neonazis!«
»Wie kommst du denn da drauf?«, fragte Ivar, indem er sich seinen Bart kratzte.
»H ist der achte Buchstabe des Alphabets. HH bedeutet Heil Hitler.«
»Oder Heinrich Himmler. Nazis sind Rassisten, nichts anderes. Ich frage mich, was für ein Gefühl das für den Gewerkschaftsboss ist.«
»Wird doch kaum seine erste Morddrohung gewesen sein.«
»Nein, aber vergiss nicht, dass sie letztes Jahr in Schweden Ernst gemacht haben, als sie Björn Söderberg umbrachten.«
»Verdammte Schweine«, brach es aus William heraus.
Vibeke Ordal war nicht mal Gewerkschaftsmitglied gewesen, ging ihm durch den Kopf. Es war sehr unwahrscheinlich, dass die Briefe von ein und derselben Person stammten. Doch gleichzeitig verrieten sie einiges über den Geist der Zeit, über die Rücksichtslosigkeit, die sich in den letzten Jahren in einzelnen Bevölkerungsschichten breit gemacht hatte. Das neue Jahrtausend fing nicht einfach da an, wo das letzte aufgehört hatte, sondern begann mit größerer Intensität denn je. Die Gewaltspirale hatte eine weitere Umdrehung gemacht.
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