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Gillian Butler / Freda McManus

Psychologie

Eine Einführung

Aus dem Englischen übersetzt von Berta Lenzer und Valerie Gföhler

Reclam

Titel der englischen Originalausgabe:

Gillian Butler / Freda McManus:

Psychology. A Very Short Introduction.

2003, 2019, 2022 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

© Gillian Butler and Freda McManus 2014

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2022

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961966-8

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014217-2

www.reclam.de

Inhalt

  1 Was ist Psychologie? Wie studiert man sie?

  2 Was gelangt in unser Bewusstsein? Sinnliche Wahrnehmung

  3 Was bleibt im Bewusstsein? Lernen und Gedächtnis

  4 Wie nutzen wir, was im Bewusstsein ist? Denken, Argumentieren und Kommunizieren

  5 Warum tun wir, was wir tun? Motivation und Emotion

  6 Gibt es ein festes Muster? Entwicklungspsychologie

  7 Können wir Menschen in Kategorien einordnen? Individuelle Unterschiede

  8 Was geschieht, wenn etwas schiefgeht? Klinische Psychologie

  9 Wie beeinflussen wir einander? Sozialpsychologie

  10 Wozu dient Psychologie?

  Zu dieser Ausgabe

  Literaturhinweise

  Abbildungsnachweis

  Danksagung

[7]1 Was ist Psychologie? Wie studiert man sie?

1890 definierte William James, der amerikanische Philosoph und Arzt und einer der Begründer der modernen Psychologie, die Psychologie als »die Wissenschaft vom Seelenleben«, und diese Definition ist selbst heute noch ein guter Ausgangspunkt für unser Verständnis. Wir alle haben ein Seelenleben und daher eine ungefähre Vorstellung davon, was dies bedeutet. Es kann sowohl bei Ratten oder Affen als auch bei Menschen erforscht werden. Jedoch ist das nur ein Ausgangspunkt. – Neue Möglichkeiten, das Gehirn zu erforschen und seine Strukturen und Funktionsweisen zu verstehen, liefern uns faszinierende Informationen über die Faktoren, die unser geistiges Leben bestimmen. Die Verbesserung der Technologien bedeutet, dass Hirnaktivitäten nun objektiv beobachtet und gemessen werden können. Dennoch gibt es vieles, was wir über die Beziehungen zwischen subjektiver Erfahrung und dem Gehirn nicht wissen, und Psychologen stellen nach wie vor Hypothesen oder sachkundige Vermutungen darüber an, wie die zwei Arten des Wissens – das subjektive und das objektive – miteinander verknüpft sind.


Abb. 1: William James (1842–1910)

Wie die meisten Psychologen interessierte sich William James besonders für die Psyche des Menschen, von der er annahm, dass sie aus bestimmten Grundelementen besteht: Gedanken und Gefühle, eine physische Welt, die in Zeit und Raum existiert, und eine bestimmte Art und Weise, etwas über diese Dinge zu wissen. Für jeden von uns entspringt dieses Wissen aus unseren Wechselbeziehun[8]gen mit den physischen und sozialen Welten, in denen wir leben, und aus Gedanken und Gefühlen, die mit diesen Erfahrungen verbunden sind. Aus diesem Grund fällt es uns leicht, mit unserer eigenen Erfahrung als Prüfstein Urteile in psychologischen Angelegenheiten zu fällen. Schon wenn wir eine Meinung zu komplexen psychologischen Phänomenen wie der Möglichkeit von Gehirnwäsche etwa äußern, verhalten wir uns wie Amateurpsychologen. Wir tun dies auch dann, wenn wir Meinungen darüber äußern, warum andere Menschen sich so oder so verhalten – zum Beispiel beleidigt reagieren, traurig sind oder plötzlich ihre Arbeitsstelle aufgeben. Probleme ergeben sich jedoch erst, wenn zwei Menschen solche Dinge unterschiedlich interpretieren. Die offizielle Psychologie versucht, Methoden zur Verfügung zu stellen, die die Entscheidung möglich machen, welche der Erklärungen wohl die richtige ist, oder die die Umstände festlegen, unter denen jede einzelne von ihnen zutrifft. Die Arbeit der Psychologen hilft uns, zwischen subjektiven Insider-Informationen und den objektiven Fakten zu unterscheiden. Wir können zwischen unserer vorgefassten Meinung und dem differenzieren, was wissenschaftlich gesehen »wahr« ist.

Die Psychologie, wie sie von William James definiert wurde, hat mit dem Denken und Fühlen zu tun. Bis vor kurzem war es nicht möglich, das lebendige menschliche Gehirn direkt zu untersuchen. Deshalb studierten Psychologen unser Verhalten und nutzten ihre Beobachtungen, um aus diesen Hypothesen darüber abzuleiten, was im Inneren passiert. Inzwischen ist unser Wissen über die Funktionsweisen des Gehirns gewachsen und bildet ein echtes wissenschaftliches Fundament, um einige Aspekte unseres [10]geistigen Lebens zu begreifen. So spannend das auch sein mag, gibt es dennoch nach wie vor vieles zu erforschen, bevor wir behaupten können, Variationen des Erlebens und Beschreibens unserer Hoffnungen, Ängste und Wünsche oder bei unserem Verhalten während so unterschiedlicher Erfahrungen wie dem Gebären eines Kindes oder dem Besuch eines Fußballspiels zu verstehen.

Bei der Psychologie geht es auch um die Art und Weise, in der Organismen – gewöhnlich Menschen – ihre geistig-seelischen Fähigkeiten einsetzen, um in ihrer Umwelt zurechtzukommen. Die Methoden haben sich im Laufe der Zeit geändert, ebenso wie sich auch die soziale und physische Umwelt geändert hat. Die Evolutionstheorie geht davon aus, dass Organismen, die sich nicht an die Veränderungen ihrer Umwelt anpassen, aussterben (daher kommen Wendungen wie »Der Angepasste überlebt« oder »Überleben des Stärkeren«). Wir wurden und werden immer noch durch Anpassungsprozesse geformt. Das heißt, es gibt Gründe für die Art und Weise, wie unsere Gehirne und unser Bewusstsein funktionieren. Zum Beispiel kann der Grund dafür, warum wir sich bewegende Gegenstände besser ausmachen als ruhende Gegenstände, darin liegen, dass diese Fähigkeit unseren Vorfahren half, Raubtieren oder Feinden zu entgehen. Es ist sowohl für Psychologen als auch für andere Wissenschaftler wichtig, sich dieser Gründe bewusst zu sein.

Eine mit dem Studium der Psychologie einhergehende Schwierigkeit besteht darin, dass wissenschaftliche Fakten objektiv und nachprüfbar sein sollten, die Vorgänge im Hirn sich jedoch nicht in der Weise beobachten lassen wie die in einem Motor. Nur durch die Entwicklung zahlreicher spezieller Techniken sind Wissenschaftler in der Lage, diese [11]eingehend zu studieren, von denen einige in diesem Buch beschrieben werden. Im Alltagsleben lassen sie sich nur indirekt wahrnehmen. Aus den Beobachtungen müssen Rückschlüsse gezogen werden. Die Bemühungen der Psychologen gleichen dabei in vielem denen beim Lösen eines Kreuzworträtsels. Man muss direkt Greifbares, Auffälliges einschätzen und interpretieren und die Lücken mit Hilfe dessen füllen, was man schon weiß. Außerdem muss dies Auffällige sich auf sorgfältige Beobachtungen und präzise Messungen stützen, mit wissenschaftlicher Genauigkeit analysiert und in logischer und vernünftiger Beweisführung interpretiert werden, die einer öffentlichen Überprüfung unterzogen werden kann. Nur ein Teil von dem, was wir in der Psychologie verstehen wollen – wie wir wahrnehmen, lernen, erinnern, denken, Probleme lösen, fühlen, uns entwickeln, uns voneinander unterscheiden und miteinander in Beziehung treten –, kann direkt erfasst werden. All diese Aktivitäten sind mehrfach determiniert, d. h., sie werden nicht durch einen, sondern durch mehrere Faktoren bestimmt. Man denke nur an all die Dinge, die eine Reaktion auf eine bestimmte Situation (etwa die, sich in einer fremden Stadt zu verfahren) beeinflussen könnte. Um herauszufinden, welche Faktoren relevant sind, müssen etliche andere verwirrende Faktoren irgendwie ausgeschlossen werden.

Komplexe Interaktionen sind in der Psychologie eher die Regel als die Ausnahme, ihr Verständnis hängt von der Entwicklung spezieller Techniken und Theorien ab. Die Psychologie hat dieselben Ziele wie viele andere Wissenschaften auch. Sie will die Vorgänge, die sie untersucht, beschreiben, verstehen und voraussagen. Sobald diese Ziele erreicht sind, kann die Psychologie uns helfen, das Wie unseres Er[12]lebens besser zu verstehen. Dann wäre sie auch von praktischem Nutzen. Psychologische Forschungsergebnisse haben zum Beispiel in so unterschiedlichen Bereichen Einsatz gefunden wie in der Entwicklung effektiverer Methoden, Kindern das Lesen beizubringen, beim Entwerfen von Schalttafeln für Maschinen, die durch ihren speziellen Aufbau das Risiko von Unfällen senken sollen, und bei der Linderung des Leids von Menschen in seelischer Not.

Geschichtlicher Hintergrund

Obwohl seit Jahrhunderten psychologisch relevante Fragen diskutiert werden, werden sie doch erst seit dem 19. Jahrhundert wissenschaftlich untersucht. Psychologen verließen sich vor dieser Zeit auf Introspektion, d. h. die Beobachtung des eigenen bewussten Erlebens, um Antworten auf psychologisch motivierte Fragen zu finden. Diese frühen Untersuchungen waren darauf ausgerichtet, psychische Strukturen zu erkennen. Doch nach dem Erscheinen von Charles Darwins Die Entstehung der Arten 1859 erweiterte sich das Spektrum der Psychologie und schloss Fragen nach den Funktionen, nicht nur den Strukturen des Bewusstseins ein. Für Psychologen sind auch heute noch die psychischen Funktionen und Strukturen von zentralem Interesse, doch haben sie die unüberschreitbaren Grenzen der Introspektion als Untersuchungsmethode erkannt. Laut Sir Francis Galton macht sie uns »zum hilflosen Zuschauer eines winzigen Bruchteils automatischer Hirnaktivitäten«. Der Versuch, die Bewusstseinsprozesse durch Introspektion verstehen zu wollen, sei, so William James, »als drehe man das Gaslicht [13]schnell hoch, um zu sehen, wie die Dunkelheit aussieht«. Statt auf Reflexionen über das eigene Erleben stützen heutige Psychologen ihre Theorien darauf, die für sie interessanten Phänomene wie zum Beispiel das Verhalten anderer sowie die Tätigkeiten ihrer Gehirne sorgfältig zu beobachten.

1913 veröffentlichte John Watson ein allgemeines behavioristisches Manifest für die Psychologie: Falls die Psychologie als Wissenschaft gelten wolle, müssten die Daten, auf die sie sich stützt, überprüfbar sein. Diese Konzentration auf beobachtbares Verhalten anstelle von inneren (nicht beobachtbaren) geistig-seelischen Vorgängen war verknüpft mit einer Theorie des Lernens und einer Betonung zuverlässiger Beobachtungs- und Versuchsmethoden, die auch heute noch Einfluss auf die Psychologie haben. Der behavioristische Ansatz etwa legt nahe, dass sämtliche Verhaltensweisen auf Konditionierung zurückzuführen sind. Diese Konditionierung lässt sich untersuchen, indem man einen bestimmten Reiz (Stimulus) herausgreift und die Reaktion auf diesen (Response) beobachtet (Reiz-Reaktions-Psychologie). Das, was zwischen Reiz und dazugehöriger Reaktion geschieht, die Intervenierende Variable, wurde von den frühen Verhaltensforschern für unwichtig gehalten, ist inzwischen jedoch eine Hauptquelle für experimentelle Hypothesen. Die Überprüfung von Hypothesen über diese Dinge hat es Psychologen ermöglicht, zunehmend komplexe Theorien über psychische Strukturen, Funktionen und Vorgänge zu entwickeln.

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts beeinflussten besonders die Gestaltpsychologie und die Psychoanalyse die Entwicklung der Psychologie. In Deutschland arbeitende Gestaltpsychologen machten einige interessante Entdeckungen [14]darüber, wie psychische Prozesse organisiert sind. Sie zeigten, dass unsere Erfahrung nicht lediglich auf den physikalischen Eigenschaften äußerer Reize aufbaut, und schlossen daraus, dass »das Ganze größer ist als die Summe seiner Bestandteile«. Wenn zum Beispiel zwei nah beieinanderliegende Lichtquellen abwechselnd aufblinken, dann sehen wir nur ein Licht, das sich zwischen zwei Positionen hin- und herbewegt (auf diesem Prinzip beruht etwa der Film). Die Erkenntnis, dass innere Vorgänge derart zum Wie des Erlebens beitragen, leistete die Vorarbeit für heutige Entwicklungen in den Zweigen der Psychologie, die sich ausschließlich mit diesen inneren Prozessen befassen.

Sigmund Freuds Theorie von dem fortgesetzten Einfluss früher Kindheitserlebnisse und von den abstrakten psychischen Strukturen, die er Ich, Es und Über-Ich nannte, lenkte die Aufmerksamkeit auf unbewusste Prozesse. Diese Vorgänge, zu denen unbewusste und verdrängte Wünsche und Bedürfnisse zählen, lassen sich zum Beispiel aus Träumen, Versprechern und seltsamen Angewohnheiten ableiten und scheinen das Verhalten zu beeinflussen. Man nimmt an, dass unbewusste Konflikte der Hauptgrund für psychische Leiden sind. Psychoanalytiker versuchen, zu deren Linderung beizutragen, indem sie dazu anregen, diese Konflikte in Worte zu fassen, und indem sie auf ihren Theorien aufbauende Interpretationen anbieten. Die Theorien zu psychischen Vorgängen, die nicht beobachtbar sind, führten jedoch nicht zu überprüfbaren Vorhersagen und sind dafür möglicherweise nicht präzise oder spezifisch genug: Die naturwissenschaftlichen und die interpretativen Zweige der Psychologie entwickelten sich in der Folge völlig unabhängig voneinander.

[15]Die Psychologie befindet sich heute in einer aufregenden Phase, nicht zuletzt deshalb, weil diese Unterteilungen an vielen Stellen zusammenbrechen. Wir wissen inzwischen viel darüber, was in unserem Inneren »außerhalb des Bewusstseins« vor sich geht, doch verwenden wir andere Theorien, um diese Erkenntnisse zu erklären. Die Psychologie ist nicht die einzige Disziplin, die sich mit Fragen befassen muss, bei denen es um Dinge geht, die wir nicht direkt beobachten können – man denke nur an Physik und Biochemie. Technologische Fortschritte und Fortschritte in der Theoriebildung haben diesen Vorgang beschleunigt, und solche Entwicklungen haben die Psychologie als Wissenschaft verändert und verändern sie weiterhin. Durch den Einsatz von komplexen Messinstrumenten, elektronischen Geräten und verbesserten statistischen Methoden können Psychologen heute verschiedenste Variablen und riesige Mengen an Daten analysieren. Beobachtungen des Gehirns bei der Arbeit, wie zum Beispiel durch die Verwendung eines fMRI-Scanners, und die Erforschung des Bewusstseins als ein Informationsverarbeitungssystem hat es den Psychologen ermöglicht, mehr über die Dinge herauszufinden, die man zuvor nicht beobachten konnte, und dadurch näher zu bestimmen, was zwischen einem bestimmten Reiz und der Reaktion auf ihn passiert, wenn wir z. B. etwas wahrnehmen, auf etwas unsere Aufmerksamkeit richten, über etwas nachdenken oder etwas entscheiden. Heute sind sie in der Lage, ihre Hypothesen auf Daten, die mit zuverlässigen und stichhaltigen Beobachtungs- und exakten Messmethoden gewonnen wurden, zu stützen. Diese Entwicklungen haben zu einer Revolution in der Psychologie als der »Wissenschaft vom Seelenleben« geführt und es Psychologen [16]ermöglicht, mit Wissenschaftlern in den unterschiedlichsten Disziplinen wie etwa der Chemie oder der Computerwissenschaft zusammenzuarbeiten.

Psychologie als eine kognitive Wissenschaft

Die Kognitionswissenschaft ist das interdisziplinäre Studium des Bewusstseins und seiner Prozesse. Ihre Erkenntnisse haben sich so rasch verbreitet, dass »man inzwischen sagen kann, es habe eine »kognitive Revolution« stattgefunden. George A. Miller entwarf 2003 ein Diagramm, um die verschiedenen Bereiche zu illustrieren – darunter auch die Psychologie –, die zur Geburt der Kognitionswissenschaft beigetragen haben. Abb. 2 zeigt eine Übernahme dieses Diagramms. Die Arbeit der Psychologen ist somit heute eng mit der Arbeit anderer Wissenschaftler verbunden und wirkt beispielsweise bei der wissenschaftlichen Untersuchung des Nervensystems, also: der Neurowissenschaft, mit. Laut dem Nobelpreisträger Eric Kandel beschäftigt sich die kognitive Neurowissenschaft mit Wahrnehmung, Handlung, Gedächtnis, Sprache und selektiver Aufmerksamkeit – alles zentrale Themen der Psychologen. Kognitive Neuropsychologie zielt darauf ab, zu verstehen, wie die Struktur und Funktion des Gehirns mit diesen psychischen Vorgängen in Verbindung stehen.


Abb. 2: Bereiche, die in der Kognitionswissenschaft mitwirken

Doch können einige der Dinge, für die Psychologen sich interessieren, allein mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden nicht verstanden werden. Vielleicht wird das auch nie möglich sein. Die humanistische Schule der Psychologie legt zum Beispiel größeren Wert auf die individuelle Darstellung [17]subjektiver Erfahrungen sowie auf qualitative und quantitative Analysemethoden. Einige der typischerweise von Psychologen verwendeten Methoden sind in Kasten 1.1 aufgelistet. Oft können Methoden fruchtbar miteinander kombiniert werden. Das, was zum Beispiel aus quantitativen Methoden wie Fragebögen entnommen wird, kann durch den Einbezug einer qualitativen Komponente erweitert werden: Ergebnisse eines Fragebogens können uns sagen, [19]dass der Zustand von Patienten, die Behandlung A erhalten haben, sich stärker gebessert hat als von denjenigen, die Behandlung B erhielten. Die qualitative Analyse semi-strukturierter Interviews könnte uns hingegen dabei helfen zu verstehen, wie Behandlung A geholfen hat, und welche Auswirkungen die jeweiligen Behandlungen auf die Patienten hatten, um auf diese Weise eine weitere Verfeinerung der Eingriffsmöglichkeiten zu ermöglichen.

Kasten 1.1 Die wichtigsten Arbeitsmethoden

Laborversuche: Eine auf einer Theorie aufbauende Hypothese wird unter kontrollierten Bedingungen getestet, die sicherstellen sollen, dass sowohl die Auswahl der Versuchspersonen als auch die Messungen der Variablen unvoreingenommen erfolgen. Die Ergebnisse sollten reproduzierbar, jedoch nicht unbedingt auf lebensnahe Situationen übertragbar sein. Diese schließen Beobachtungen des Gehirns bei der Arbeit ein.

Feldversuche: Hypothesen werden außerhalb des Labors in einer natürlichen Umgebung getestet. Diese Versuche sind jedoch weniger leicht kontrollierbar, schwerer zu wiederholen und nicht auf eine andere Umgebung übertragbar.

Korrelierende Methoden: Dabei geht es um die Einschätzung der Stärke der Beziehung zwischen zwei oder mehr Variablen, wie etwa dem Leseniveau und der Dauer der Aufmerksamkeit. Die Methode ähnelt eher einer Datenanalyse als einer Datensammlung.

Beobachtungen des Verhaltens: Das zu untersuchende Verhalten muss vorher klar definiert, die Beobachtungsmethoden müssen zuverlässig und die Beobachtungen wirklich repräsentativ für das Verhalten sein.

Fallstudien: Diese sind besonders hilfreich etwa nach einem Hirnschaden eines Patienten als Ideenquelle für spätere Forschung und zum wiederholten Messen desselben Verhaltens unter unterschiedlichen Bedingungen.

Selbsteinschätzungs- und Fragebogenstudien: Diese liefern subjektive Daten, die auf Selbsteinschätzung (oder Introspektion) aufbauen. Ihre Zuverlässigkeit (oder Reliabilität) lässt sich durch einen guten Testaufbau und die Standardisierung der Tests bei großen, repräsentativen Stichproben sicherstellen.

Umfragen: Solche Techniken sind ebenfalls nützlich, um neue Ideen zu sammeln und Stichproben aus demjenigen Teil der Bevölkerung zu erheben, für den sich ein Psychologe jeweils interessiert.

Interviews: Diese stellen die Quelle für qualitative Daten über menschliches Verhalten dar, die dafür verwendet werden können, erste Eindrücke zugrunde liegender Prozesse abzuleiten.

Jede Wissenschaft ist nur so gut wie die Daten, auf die sie sich bezieht. Psychologen müssen daher beim Sammeln von Daten, beim Analysieren, Interpretieren, Verwenden von Statistiken und beim Interpretieren der Ergebnisse ihrer Analysen möglichst objektiv vorgehen. Hier ein Beispiel, um zu zeigen, wie Daten, die zuverlässig und korrekt [20]gesammelt wurden, dennoch fehlerhaft interpretiert werden können. Wenn 90 % all derjenigen, die Kindern sexualisierte Gewalt antun, selbst als Kinder solche Erfahrungen machen mussten, liegt es nahe anzunehmen, dass die meisten Menschen, die als Kinder sexualisierte Gewalt erfahren mussten, selbst zu Kinderschändern werden – und solche Berichte finden sich tatsächlich häufig in den Medien. In Wirklichkeit folgt die Interpretation jedoch nicht logisch zwingend aus den vorhandenen Informationen – die meisten Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren mussten, wiederholen dieses Verhaltensmuster eben nicht. Psychologen müssen als Forscher deswegen lernen, wie sie ihre Daten auf objektive Art und Weise darlegen, so dass keine Missverständnisse entstehen können. Ebenso müssen sie lernen, die von anderen veröffentlichten Fakten und Zahlen zu interpretieren. Dafür ist ein hohes Maß an kritischem, wissenschaftlichem Denken nötig.

Die Hauptzweige der Psychologie

Manchmal wird behauptet, die Psychologie sei keine Wissenschaft, weil sie nicht auf einem einzelnen Leitparadigma oder theoretischen Prinzip aufbaue. Vielmehr sei sie nur aus vielen lose verbundenen Lehrmeinungen zusammengesetzt. Doch das ist angesichts der Materie, mit der sie befasst ist, vielleicht unvermeidlich. Wer die Physiologie, die Biologie oder die Chemie eines Organismus untersucht, konzentriert sich auf einen bestimmten Ausschnitt in genauer Abgrenzung, der dem Psychologen nicht zur Verfügung steht, gerade weil er an psychischen Prozessen interessiert ist, die [22]sich von den anderen Aspekten des Organismus nicht trennen lassen. Man kann das Studium der Psychologie aus vielen Richtungen angehen, etwa eher künstlerisch oder eher wissenschaftlich. Die verschiedenen Zweige des Fachs mögen deshalb zuweilen wie völlig eigenständige Gebiete anmuten. Die Hauptzweige sind in Kasten 1.2 aufgeführt. In der Praxis gibt es aber beträchtliche Überschneidungen zwischen den verschiedenen Zweigen der Psychologie und zwischen der Psychologie und verwandten Gebieten.

Kasten 1.2 Die Hauptzweige der Psychologie

Psychopathologischer Zweig: befasst sich mit psychischen Funktionsstörungen und wie man diese überwinden kann.

Behavioristischer Zweig: betont das Verhalten, das Lernen sowie das Sammeln von Daten, die direkt beobachtet werden können.

Biologischer Zweig (und Vergleichende Psychologie): untersucht die psychischen Prozesse verschiedener Arten und Spezies, deren Vererbungsmuster und bestimmende Faktoren für das Verhalten.

Kognitiver Zweig: konzentriert sich darauf, wie Informationen gesammelt, verarbeitet, verstanden und benutzt werden.

Entwicklungspsychologischer Zweig: untersucht, wie Organismen sich im Laufe ihres Lebens ändern.

Differentielle Psychologie: befasst sich mit dem Studium großer Gruppen von Menschen, um typische Unterschiede, zum Beispiel in Bezug auf die Intelligenz oder den Charakter, zu identifizieren und zu verstehen.

Physiologischer Zweig: befasst sich mit dem Einfluss des körperlichen Zustands auf die Psyche und die Funktionen der Sinne, des Nervensystems und des Gehirns.

Sozialpsychologischer Zweig: untersucht das Sozialverhalten und die Interaktionen bzw. Wechselbeziehungen zwischen Individuen und Gruppen.

Nahe Verwandte der Psychologie

Es gibt einige Gebiete, mit denen die Psychologie häufig verwechselt wird – und es gibt in der Tat gute Gründe für diese Verwechslungen. Zum einen ist Psychologie nicht mit der Psychiatrie gleichzusetzen. Die Psychiatrie ist ein Zweig der Medizin, der darauf spezialisiert ist, Menschen zu helfen, psychische Störungen zu bewältigen. Sie konzentriert sich daher auf das, was passiert, wenn etwas schiefgeht: auf psychische Erkrankungen und psychische Störungen. Auch Psychologen arbeiten im Krankenhaus, doch sie sind keine Mediziner und verbinden mit ihrem Interesse an psychischen Problemen und ihrer Einsicht in das Leid daran ein breites Wissen über gesunde psychische Vorgänge und Entwicklungen. Sie dürfen meist keine Medikamente verschrei[23]ben; sie sind vielmehr darauf spezialisiert, Menschen zu helfen, ihr Denken oder Verhalten zu verstehen, zu kontrollieren oder zu verändern, um dadurch ihr Leid zu lindern.

Zum anderen wird die Psychologie oft mit Psychotherapie verwechselt. Psychotherapie ist ein weiter Begriff, der viele Therapieformen umfasst, sich aber nicht ausschließlich auf nur eine bestimmte Form bezieht. Obwohl der Begriff oft auf psychodynamische und humanistische Therapieansätze angewendet wird, hat er doch auch eine weiter gefasste, allgemeinere Verwendung. In jüngster Zeit hat zum Beispiel die kognitive Verhaltenstherapie immer weitere Verbreitung gefunden.

Drittens gibt es, neben der Neuropsychologie, viele verwandte Bereiche, in denen Psychologen arbeiten oder in denen sie mit anderen zusammenarbeiten können, so etwa in der Psychometrie, Psychophysiologie und Psycholinguistik. Psychologen spielen auch in interdisziplinären Bereichen, die sich noch in der Entwicklung befinden, eine Rolle. Dazu gehören etwa die Erkenntnistheorie, die Informationstechnologie oder das Verständnis psychophysiologischer Aspekte von Phänomenen wie Stress, Erschöpfung oder Schlaflosigkeit. Die Klinische Psychologie ist wohl bekannter, doch ist sie lediglich ein weiterer Zweig.

Ziele und Aufbau dieses Buches

Unser Ziel ist die Erklärung und Veranschaulichung dessen, was die Psychologie heute interessant, wichtig und nützlich macht. Da sich die meisten Psychologen für Menschen interessieren, werden die Beispiele hauptsächlich aus der Hu[24]manpsychologie herangezogen. Das Buch geht von der Annahme aus, dass man nur dann eine Psyche haben kann (d. h. keine Pflanze oder Amöbe ist), wenn man auch über ein inneres Kontrollsystem verfügt, das es dem Organismus ermöglicht, sowohl in der Welt als auch auf sie zu wirken. Haben sich das Gehirn und das Nervensystem erst einmal so weit entwickelt, dass sie als Kontrollzentrum dienen können, gibt es bestimmte Dinge, wozu dieses System in der Lage sein muss. Dazu gehört es, Informationen über die Außenwelt zu sammeln, sie in sich aufzunehmen, für späteren Gebrauch zu speichern und dazu zu benutzen, das eigene Verhalten so zu gestalten, dass das System vereinfachend gesagt mehr von dem erhält, was es will, und weniger von dem, was es nicht will. Unterschiedliche Organismen tun dies auf unterschiedliche Weise (weil sie zum Beispiel unterschiedliche Sinnesorgane haben). Dennoch ähneln sich einige der Vorgänge artenübergreifend, betrachtet man etwa manche Arten von Lernvorgängen und manche Formen, Gefühle auszudrücken. Eine der zentralen Aufgaben von Psychologen ist es, herauszufinden, wie es zu diesen Gemeinsamkeiten kommt. Kapitel 2–5 konzentrieren sich also auf die vier wichtigsten Fragen, die Psychologen stellen können: Was gelangt in unser Bewusstsein? Was bleibt dort? Wie nutzen wir, was im Bewusstsein ist? Warum tun wir das, was wir tun? In diesen Kapiteln soll gezeigt werden, wie Psychologen etwas über die bei der sinnlichen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit (Kapitel 2), Lernen und Gedächtnis (Kapitel 3), Denken, Argumentieren und Kommunizieren (Kapitel 4) und Motivation und Emotion (Kapitel 5) beteiligten Vorgänge herausfinden. Es soll weiterhin versucht werden zu erklären, wie dies bei uns funk[25]tioniert. Diese Kapitel befassen sich mit allgemeinen Aspekten, nämlich mit den Gemeinsamkeiten zwischen Menschen. Sie haben zum Ziel, unsere »Innenausstattung« zu beschreiben und einige der von Psychologen aufgestellten Hypothesen und ein paar der Modelle zu betrachten, die sie konstruiert haben, um ihre Beobachtungen zu erläutern.

Psychologen sind auch an den Unterschieden zwischen Menschen und den Gründen für diese offensichtliche Vielfalt interessiert. Wenn wir die Menschen besser verstehen wollen, müssen wir lernen, die allgemeinen Einflüsse von den individuellen zu trennen. Wenn es nur allgemeingültige Muster und Regeln gäbe und wir alle über dieselbe Innenausstattung verfügten, wären alle Menschen psychisch gesehen identisch, was sie jedoch natürlich nicht sind. Wie erklären wir also, dass sie so sind, wie sie sind? Wie verstehen wir ihre Unterschiede, ihre Schwierigkeiten und ihre Interaktionen und Wechselbeziehungen? In Kapitel 6 wird die Frage gestellt, ob es ein festes Muster für die menschliche Entwicklung gibt. Kapitel 7 handelt von individuellen Unterschieden und untersucht die Frage, ob wir die Menschen in Kategorien von Typen einordnen können. Kapitel 8 fragt danach, was geschieht, wenn etwas schiefgeht, und befasst sich mit der Klinischen Psychologie, d. h. mit der Psychologie abweichender Verhaltensweisen. Kapitel 9 geht der Frage nach, wie wir einander beeinflussen, und beschreibt die Sozialpsychologie. Kapitel 10 dreht sich um die Frage, wozu Psychologie dient, beschreibt den praktischen Nutzen der Psychologie und spekuliert, welche Art von Fortschritt in der Zukunft zu erwarten ist.

[26]2 Was gelangt in unser Bewusstsein? Sinnliche Wahrnehmung

Betrachten Sie Abb. 3. Dieses Bild eines Necker’schen Würfels besteht ausschließlich aus schwarzen Linien auf dem zweidimensionalen Raum des Papiers, doch was Sie wahrnehmen, ist ein dreidimensionaler Würfel. Wenn man diesen Würfel längere Zeit anschaut, scheint der Würfel zu kippen, so dass die vordere Fläche zur Rückseite eines Würfels wird, der in die entgegengesetzte Richtung zeigt. Dieser Wechsel findet auch gegen unseren Willen statt. Was Sie hier sehen, ist das Gehirn bei der Arbeit, wenn es versucht, sich die uneindeutige Zeichnung zusammenzureimen, jedoch nicht fähig ist, sich für eine der beiden Interpretationen zu entscheiden. Bei der Wahrnehmung geht es also anscheinend nicht nur darum, passiv mit Hilfe der Sinne Informationen aufzunehmen. Es handelt sich bei ihr vielmehr um einen aktiven Konstruktionsprozess, in dem eingehende sensorische Signale mit zusätzlicher Information kombiniert werden.


Abb. 3: Necker’scher Würfel

[27]Noch verwirrender ist die Zeichnung der teuflischen Stimmgabel (Abb. 4), die uns durch bestimmte Standardelemente der Wahrnehmung von räumlicher Tiefe in die Irre führt. Abwechselnd sehen wir die dreidimensionale Darstellung einer dreizinkigen Gabel – oder wir sehen sie nicht. Ähnliche Täuschungen lassen sich auch bei den anderen Sinnen provozieren. Wenn Sie etwa das Wort »Lehm« schnell genug vor sich hin sagen, werden Sie abwechselnd »Lehm Lehm Lehm« oder »Mehl Mehl Mehl« hören. Auch hier verarbeitet das Gehirn die erhaltene Information und stellt ohne unser bewusstes Zutun Hypothesen über die Realität auf; was uns letztlich bewusst wird, ist also ein Produkt von Sinnesreizen und Hirnaktivität, die zu einer Interpretation dieser Sinnesreizung führt. Wenn wir durch dichten Nebel fahren oder im Dunkeln zu lesen versuchen, dann wird das Raten offensichtlich: »Ist das unsere Abzweigung oder eine Auffahrt?«; »Steht dort ›mein‹ oder ›nein‹«? Wahrnehmungsprozesse spielen zwar eine große Rolle bei dem, was in unser Bewusstsein gelangt, doch wir erkennen bereits jetzt, dass im Verborgenen andere, komplexe Prozesse zu dem beitragen, was wir dann tatsächlich wahrnehmen.


Abb. 4: Die Stimmgabel des Teufels

Wir nehmen gemeinhin an, dass die Welt so ist, wie wir sie sehen, und dass andere sie genauso sehen – kurz: dass unsere Sinne eine objektive und allen gemeinsame Realität widerspiegeln. Wir gehen davon aus, dass unsere Sinne die [28]Welt, in der wir leben, so präzise wiedergeben wie ein Spiegel, der das Gesicht widerspiegelt, das in ihn hineinschaut, oder wie ein Fotoapparat, der eine Momentaufnahme bis in alle Ewigkeit festhält. Natürlich könnten wir uns, wenn unsere Sinne uns nicht mit einigermaßen genauen Informationen versorgten, nicht in der Weise auf sie verlassen, wie wir es tun. Trotz allem haben Psychologen herausgefunden, dass diese Annahmen zur Wahrnehmung irreführend sind. Die Aufnahme von Informationen über unsere Welt ist kein passiver, nur wiedergebender Vorgang, sondern ein komplexer, aktiver Prozess, bei dem Sinne und Gehirn zusammenarbeiten und uns helfen, eine bestimmte Wahrnehmung (oder Illusion) der Realität zu konstruieren. Wir sehen nicht nur Muster von Licht, Dunkelheit und Farbe – wir arrangieren diese Muster zu Objekten, die eine bestimmte Bedeutung für uns haben. Wir können sie erkennen oder benennen, sie als etwas völlig Neues identifizieren oder Ähnlichkeiten mit anderen Objekten entdecken. Wir werden im weiteren Verlauf sehen, dass die psychologische Forschung einige faszinierende – und überraschende – Dinge entdeckt hat, die in unserem Bewusstsein vorgehen, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Die Untersuchung dieser versteckten Prozesse ist durch die Entwicklungen in der Kognitionswissenschaft zu einer interdisziplinären Angelegenheit geworden. Vor allem in den computergestützten Neurowissenschaften hilft die Analyse der Funktionsweisen des Gehirns hinsichtlich der informationsverarbeitenden Eigenschaften der Strukturen, die das Nervensystem bilden, dabei, Aufschluss über unsere Wahrnehmungsmechanismen zu geben und das enorme Spektrum an Information zu verstehen, das auf unsere Sinne einwirkt.

[29]Der Schwerpunkt der Forschung im Bereich der sinnlichen Wahrnehmung liegt auf der visuellen Wahrnehmung, denn das Sehen ist unser am höchsten entwickelter Sinn: Ungefähr die Hälfte des Kortex (der Hirnrinde) hat mit dem Sehen zu tun. Außerdem lassen sich visuelle Beispiele gut in einem Buch darstellen, so dass sie in diesem Kapitel den Vorrang erhalten.

Die reale Welt wahrnehmen

Der erste Schritt bei der Wahrnehmung besteht darin, zu entdecken, dass dort draußen irgendetwas ist. Das menschliche Auge kann nur einen winzigen Bruchteil, nämlich weniger als 1 %, aller elektromagnetischen Wellen wahrnehmen – das ist das für uns sichtbare Spektrum. Bienen und Schmetterlinge können ultraviolette Strahlen sehen, und einige Schlangen können die abgestrahlte Wärme ihrer Beute ausreichend präzise »sehen«, um verletzliche Körperstellen zu attackieren, wenn sie zuschlagen. Was wir über die Wirklichkeit wissen, wird also durch die Fähigkeiten unserer Sinnesorgane begrenzt. Unsere Empfindlichkeit innerhalb dieser Begrenzungen ist jedoch bemerkenswert: In einer klaren, dunklen Nacht können wir theoretisch eine Kerzenflamme in 50 km Entfernung sehen. Wenn wir zum Beispiel Licht wahrnehmen, verwandeln unsere Sinnesrezeptoren eine Energieart in eine andere, so dass die Lichtinformation als ein Muster aus elektrischen Nervenimpulsen übertragen wird. Das Rohmaterial der Wahrnehmung besteht bei allen Sinnen aus Nervenimpulsen, die in verschiedene Spezialbereiche des Gehirns weitergeleitet wer[30]den. Damit die Impulse als der Schein einer Kerzenflamme interpretiert werden, müssen sie den visuellen Kortex erreichen. Das Muster und der Level, auf dem bestimmte aktivierte Zellen Energiemengen abfeuern, und das Fehlen von Reizeinwirkungen in gehemmten Zellen müssen vom Hintergrundpegel der Zellenaktivität (dem neuronalen Rauschen) unterschieden und dekodiert werden. Interessanterweise ist die Fähigkeit, ein Signal präzise festzustellen, weitaus differenzierter, als man es nach dem, was wir über die Sinnessysteme wissen, erwarten würde. Sie hängt von vielen anderen Faktoren ab: Einige Faktoren, wie die Aufmerksamkeit, sind offensichtlich, andere weniger, so unsere Erwartungen, Motivationen oder Neigungen, wie zum Beispiel die Tendenz, entweder »ja« oder »nein« zu sagen, wenn man sich unsicher ist. Wenn Sie Radio hören, während Sie auf einen wichtigen Anruf warten, glauben Sie vielleicht fälschlicherweise, das Telefon klingeln zu hören, während Sie, falls Sie völlig vertieft in das Radioprogramm sind und keinen Anruf erwarten, möglicherweise gar nicht hören, dass es klingelt. Diese Unterschiede in der Wahrnehmung von Signalen haben tiefgreifende Auswirkungen auf das praktische Leben, zum Beispiel bei der Entwicklung effektiver Warnsysteme auf Intensivstationen oder der Entwicklung von Kontrolltafeln an komplizierten Maschinen.

Theorien, die zur Erklärung dieser Erkenntnisse aufgestellt wurden, ermöglichen es Psychologen, Vorhersagen zu machen und diese dann zu überprüfen. Die Signaldetektions-Theorie geht davon aus, dass eine angemessene Wahrnehmung nicht nur von den sensorischen Fähigkeiten, sondern auch von einer Kombination aus Sinnes- und Entscheidungsprozessen bestimmt wird. Entscheidungen [31]hängen etwa von dem zu diesem Zeitpunkt erforderlichen Grad an Wachsamkeit (Reaktionsverzerrung) ab. Ein Laborant, der Objektträger nach Krebszellen absucht, reagiert auf jede Anomalie und sortiert den »falschen Alarm« anschließend aus. Ein Autofahrer, der überlegt, wann er den Wagen vor ihm überholen soll, muss sich jedes Mal richtig entscheiden, oder er riskiert einen Zusammenstoß. Der Grad der Empfindlichkeit und Wachsamkeit lässt sich aus der Anzahl der »Treffer« und »Fehltreffer« und der Anwendung relativ einfacher statistischer Modelle berechnen, um voraussagen zu können, wann ein Signal (eine Krebszelle oder ein entgegenkommender Wagen) richtig festgestellt werden wird. Diese Berechnungen finden in vielen Bereichen Anwendung, zum Beispiel bei der Ausbildung von Menschen, die die Geräte für das Gepäck-Screening am Flughafen überwachen.

Alle Sinne reagieren besser auf Veränderungen in der Umgebung als auf einen statischen Zustand. Rezeptoren schalten, wenn sich nichts ändert, vollkommen ab bzw. sie habitualisieren, d. h., wir bemerken das Geräusch des Kühlschranks nur dann, wenn er sich einschaltet, aber später fällt es uns nicht mehr auf. Man könnte annehmen, dass in unserem ziemlich hektischen Leben ein Nachlassen der Sinnesreizung zu begrüßen wäre, doch Reizentzug oder sensorische Deprivation kann bei manchen Menschen Angst auslösende und bizarre Erlebnisse wie Halluzinationen hervorrufen. Der Grad der Bedrängnis hängt davon ab, was die Menschen jeweils erwarten. Dasselbe trifft zu, wenn die Sinne für geraume Zeit überfrachtet werden wie etwa bei Popkonzerten und Fußballspielen. Diese Erfahrungen können sowohl ermüdend als auch anregend sein.

[32]Das Verfahren der Sinneswahrnehmung

Einer der grundlegendsten Vorgänge sinnlicher Wahrnehmung besteht darin, Objekte von ihrer Umgebung zu unterscheiden. Werfen Sie einen Blick auf den Rubin’schen Becher (Abb. 5). Sie werden entweder einen Pokal oder zwei Silhouetten sehen, aber nicht beide Bilder gleichzeitig. Wenn Sie auf den Pokal blicken, verschwinden die Silhouetten, doch wenn Sie die Silhouetten als Figuren sehen, dann wird der Pokal zum Hintergrund.


Abb. 5: Rubin’scher Becher

Ein weiteres Verfahren versetzt uns in die Lage, wichtige Dinge vor weniger wichtigen Dingen wahrzunehmen: In Abb. 6 sehen wir H vor S, obwohl beide gleich gut sichtbar sind. Das Gehirn entscheidet also ebenso wie unsere Augen darüber, was wir sehen, und die beteiligten Verfahren scheinen dazu ausgebildet zu sein, die Eindrücke unserer Sinne zu entwirren. Psychologen vertreten die Hypothese, dass dieses Verfahren mehrere zentrale Schritte umfasst. Sinneseindrücke (Sensationen) werden an das Gehirn weitergeleitet, welches dann bereits bestehendes Wissen benutzt, [33]um ein Modell dessen, was wahrgenommen wurde, zu konstruieren: »Das könnte Jane sein.« Das Modell sagt uns, was wir zu erwarten haben, und befähigt uns dadurch, Vorhersagen zu treffen (z. B. darüber, wie Jane aussieht, geht und wie ihre Stimme klingt). Zutreffende Vorhersagen bestätigen unsere Erwartungen, während unzutreffende Vorhersagen neue Informationen zur Verfügung stellen, die das innere Modell aktualisieren. Dieser Vorgang läuft weiter, kontinuierlich unsere Wahrnehmungen verfeinernd und aktualisierend (»Oh, es ist Jane, aber sie sieht jetzt älter aus«), während Sinneseindrücke und Erwartungen zusammenwirken, um uns Schlussfolgerungen über die Welt zu liefern. Diese Abläufe geschehen die ganze Zeit, doch werden wir uns ihrer am leichtesten dann bewusst, wenn wir mit Wahrnehmungsschwierigkeiten konfrontiert sind, wie etwa im Falle der Wahrnehmung einer uneindeutigen Gestalt oder einer Illusion, oder auch dann, wenn bedeutungsvolle Signale wie im Falle von Jane unklar oder unbeständig sind. Normalerweise geschieht dies alles, ohne dass wir mehr darüber wissen als die daraus resultierende »Illusion«, in direktem Kontakt mit der externen Realität zu stehen.


Abb. 6: Erst sehen wir H, dann S.

Eine ebenso interessante wie umstrittene Theorie über die Funktionsweise des Gehirns besagt, dass es eine Form der Bayes’schen Inferenz verwendet. Das Bayes’sche Theo[34]rem wurde erstmals 1763 der Öffentlichkeit präsentiert, blieb dann aber für mehr als ein Jahrhundert unbeachtet. Es ermöglicht uns, den Wert eines neuen Stücks Information im Kontext der aktuellen Erwartungen oder Überzeugungen genau zu messen, und liefert eine rechnerische Grundlage für die Annahme, dass sinnliche Wahrnehmung ein Produkt jener Schlussfolgerungen ist, die wir ziehen, wenn wir sensorische Information mit vorhergehendem Wissen kombinieren (in diesem Falle also vorheriges Wissen über Jane ergänzt um Wissen über subtile Zeichen des Alterns).

Dieses Modell geht davon aus, dass das, was wir wahrnehmen, davon abhängt, was wir bereits wissen. Drei Quellen des Wissens könnten hier gemeinsam oder jeweils getrennt beteiligt sein: Lernen (von Kindheit an lernen wir schnell); Wissen, das durch Millionen von Jahren der Evolution biologisch in das Gehirn »eingeschrieben« wurde und daher möglicherweise angeboren ist; sowie eine angeborene Veranlagung dazu, über bestimmte Dinge etwas zu lernen. Wenige Tage alte Babys bevorzugen es, Gesichter anstelle anderer, ähnlich komplexer Reize anzuschauen. Ein bestimmter Teil des Gehirns (die Fusiform Face Area) scheint dazu vorprogrammiert zu sein, Wahrnehmungen von Gesichtern zu verarbeiten. Gesetzt den Fall, dass wir erwarten, ein Gesicht zu sehen, es aber noch nicht in unserem Blickfeld aufgetaucht ist, kann in diesem Teil des Gehirns neuronale Aktivität nachgewiesen werden. Dasselbe geschieht auch dann, wenn wir uns nur vorstellen, ein Gesicht zu sehen. Es könnten dann alle drei Vorgänge beteiligt sein. Sehen Sie sich nun das Bild der zwei Dominosteine in Abb. 7 an. Sie werden fünf konvexe Stellen sowie eine konkave im obersten Stein sehen, während im untersten Stein [35]nur zwei konvexe Stellen zu beobachten sind. Drehen Sie aber die Seite kopfüber, und die konvexen Stellen werden sich mit den konkaven vertauschen. Die wichtigste Hypothese in Bezug auf diesen Fall fußt auf einer evolutionären Beobachtung als Grundlage: Über Millionen von Jahren entwickelten wir die Veranlagung, zu lernen, dass die Quelle des Lichts (die Sonne) von oben kommt. Deshalb werden konvexe Gegenstände oben hell und unten dunkel sein und wird für konkave Gegenstände genau das Gegenteil gelten. Dieses Wissen, oder diese Regel, bestimmt das, was wir wahrnehmen. Drehen Sie die Seite seitwärts und keine der beiden Interpretationen wird vorherrschen.


Abb. 7: Die Domino-Illusion

Dass wir das, was wir wahrnehmen, sinnvoll ordnen, erfolgt so natürlich und mühelos, dass man kaum glauben [36]mag, welch enorme Leistung es darstellt. Computer können zwar programmiert werden, Schach zu spielen, doch sie so zu programmieren, dass sie selbst nur rudimentäre Wahrnehmungsfertigkeiten besitzen, wie beispielsweise das gesprochene Wort in geschriebene Form zu übertragen, ist weitaus schwieriger. Untersuchungen mit Hilfe von bildgebenden Verfahren im zentralen Nervensystem zeigen, dass manche Zellen mehr auf Bilder von Linien mit einer bestimmten Ausrichtung oder Länge reagieren, während andere Zellen eher einfache Formen oder Oberflächen aufdecken. Werden wir mit solch spezialisierten Detektoren geboren oder entwickeln sie sich erst im Laufe des Lebens? Personen, die blind geboren wurden, jedoch als Erwachsene ihr Augenlicht erlangten (zum Beispiel nach der operativen Entfernung von angeborenen Linsentrübungen), haben große Probleme mit der visuellen Wahrnehmung und machen weiterhin Fehler beim Sehen. Die Vorgänge, die für andere automatisch geworden sind, gehen für diese Personen nach wie vor mit einem gewissen Rätselraten einher, und es bleibt mit Anstrengung verbunden, visuelle Information mit der Information anderer Sinne zu kombinieren.

Um den Prozess des Wahrnehmens zu verstehen, ist es einfacher, den Fokus jeweils auf einen einzelnen Sinn zu richten, doch das Gehirn operiert die meiste Zeit mit gleichzeitig eingehenden Eingangsreizen unterschiedlichster sinnlicher Modalitäten (Sehen und Hören; Sehen, Berührung, Geruch und Geschmack usw.). Die verschiedenen Quellen der Information müssen eingeordnet werden, wenn sie uns eine zusammenhängende, kohärente Repräsentation der Welt, die sich mit der Wirklichkeit deckt, liefern sollen. Diese Quellen schließen Körperempfindungen [37]ebenso wie Informationen der Sinnesorgane mit ein. Dies zeigt uns, dass körperliche Empfindungen und emotionale Zustände ebenfalls eine wichtige Rolle im Wahrnehmungsvorgang spielen. Tatsächlich können wir unmittelbar feststellen, ob wir das Geräusch, das wir hören, oder die Person, die wir kommen sehen, mögen oder nicht mögen, da das Gehirn laufend affektive Vorhersagen tätigt. Selbst bevor wir Jane erkennen, empfinden wir möglicherweise eine Art Wärme – oder Furcht –, während sie näher kommt. In der Tat können wir jegliche Quelle vorhergehenden Wissens dazu verwenden, Vorhersagen über das, was wir wahrnehmen, zu generieren. Dazu gehört auch semantisches Wissen, wie zum Beispiel über sichtbare Zeichen des Alterns. Die Gehirnaktivität, die der Wahrnehmung zugrunde liegt – und möglicherweise Bayes’sche Inferenz gebraucht –, erlaubt es uns daher, Informationen von den unterschiedlichen Sinnesorganen, innerlichen Körperzuständen und von unserem Wissen über die Welt in den Wahrnehmungsprozess einzufügen.

Aufmerksamkeit: das Beste aus einem begrenzten Umfang herausholen

Zur Wahrnehmung gehört es nicht nur, sich Unterscheidungsfertigkeiten anzueignen, sondern auch die ganze Zeit Hypothesen aufzustellen, Vorhersagen zu entwickeln und Korrekturen vorzunehmen. Es geht um die Auswahl und Entscheidungen darüber, auf was man sich von den vielen Dingen, die unsere Aufmerksamkeit fordern, konzentriert. Unser Gehirn ist von begrenzter Kapazität, und um den [38]bestmöglichen Nutzen aus dieser Vorgabe zu ziehen, hilft es, unsere Aufmerksamkeit jeweils angemessen zu verteilen. Wenn Sie eine Audioaufnahme von einer lauten Party machen, würden Sie wahrscheinlich nur ein Stimmengewirr hören. Doch wenn Sie sich auf der Party mit jemandem unterhalten und dieser Person Aufmerksamkeit schenken, wird Ihr Gespräch sich für Sie von den Hintergrundgeräuschen abheben, und Sie werden vielleicht gar nicht merken, ob die anderen Personen hinter Ihnen Deutsch oder Englisch gesprochen haben. Wenn aber jemand, ohne seine Stimme zu erheben, Ihren Namen erwähnt, werden Sie dies höchstwahrscheinlich bemerken. Normalerweise konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit. Wir gehen von Niedrig-Level-Informationen wie der Stimme des Sprechers oder der Richtung aus und filtern aus der Stimme das weg, was uns zu dem Zeitpunkt nicht interessiert.

[39]Dass wir die Nennung unseres Namens bemerken, ist eine rätselhafte Ausnahme dieser Regel, und es wurden mehrere Erklärungen für die Funktionsweise des Filtersystems vorgebracht: Wir müssen etwas über das wissen, was wir ignorieren, oder wir würden nicht wissen, dass wir es ignorieren wollen. Etwas wahrzunehmen, ohne sich dessen bewusst zu sein, wird unterschwellige Perzeption (Kasten 2.1) genannt. Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass die Vorgänge im Zusammenhang mit unserer Aufmerksamkeit so schnell und effizient ablaufen können, dass sie uns davor schützen, etwas bewusst wahrzunehmen, was uns unangenehm wäre, wie zum Beispiel obszöne oder sehr verwirrende Wörter.

Kasten 2.1 Unterschwellige Perzeption: ein Mittel zum Selbstschutz?

Zwei Lichtkreise erscheinen auf einem Bildschirm. In einem von beiden steht ganz blass ein Wort, so dass es nicht bewusst wahrgenommen werden kann. Wenn in dem Licht ein affektives Wort verborgen ist, beurteilen Versuchspersonen die Helligkeit der Kreise als dunkler, als wenn es sich um ein angenehmes oder neutrales Wort handelt. Diese Reaktion wird Wahrnehmungsabwehr genannt, weil es uns vor potentiell unangenehmen Reizen schützen kann.

Unsere Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, ist eine der Methoden, mit denen wir auswählen, was unser Gehirn erreichen soll – doch wir können mehr als einer Sache auf einmal Aufmerksamkeit schenken, ja, eine geteilte Aufmerksamkeit ist die Norm. Am leichtesten können wir unsere Aufmerksamkeit aufteilen, wenn Informationen über verschiedene Kanäle zu uns gelangen – so kann ich die Kinder im Auge behalten, während ich auf eine E-Mail antworte und Radio höre. Zur gleichen Zeit kann ich mir sogar Sorgen wegen eines bestimmten Briefs von der Bank machen. Doch dieser Vielseitigkeit sind Grenzen gesetzt. Fluglotsen wurden früher dazu ausgebildet, viele Dinge gleichzeitig zu erledigen: den Radarschirm zu beobachten, mit den Piloten zu sprechen, verschiedene Flugrouten zu verfolgen und Zettel mit Nachrichten zu lesen, die ihnen zugeschoben wurden. Solange das Verkehrsaufkommen überschaubar war, konnten sie ihre Aufmerksamkeit auf diese Weise aufteilen. Mit der Weiterentwicklung der Si[40]cherheitssysteme ergaben Simulationstests jedoch, dass die Reaktionen der Lotsen bei übergroßem Informationsfluss oder bei Müdigkeit unsystematisch oder sogar absonderlich wurden: Sie standen auf und wiesen Piloten, die sich Tausende von Metern in der Luft befanden, mit der Hand den Weg, oder sie brüllten laut, um die Informationen zu übermitteln.

Es wird nicht überraschen, dass konzentrierte Aufmerksamkeit ein sensibler Vorgang ist. Viele Faktoren können ihn stören: etwa die Ähnlichkeit von Reizen, die Schwierigkeit der Aufgabe, ein Mangel an Fertigkeiten oder Übung, Kummer oder Sorgen, geistige Abwesenheit, Drogen, Langeweile oder sensorische Gewöhnung (Habituation). Ein Grund, warum es sicherer ist, Menschen per Eisenbahn durch einen langen Tunnel wie dem unter dem Ärmelkanal hindurch zu transportieren, ist, dass Autofahren in einem so eintönigen Tunnel zu riskant wäre. Ohne ausreichende sensorische Abwechslung gewöhnen sich die Wahrnehmungssysteme an die Umwelt, und die Aufmerksamkeit beginnt abzuschweifen. Wir passen uns an oder gewöhnen uns an Reize, die unverändert bleiben, und wenden uns etwas Neuem zu. Wenn ich ruhig im Badewasser liege, werde ich erst dann bemerken, dass die Temperatur langsam abgesunken ist, wenn ich mich bewege.

Was wir bei der Verbindung von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit tatsächlich wahrnehmen, wird nicht nur durch äußere Faktoren, sondern auch durch innere Faktoren wie Gefühle und das körperliche Befinden beeinflusst. Wer Angst davor hat, als Person abgelehnt zu werden, bemerkt eher Zeichen von Unfreundlichkeit (wie zum Beispiel eine abweisende Mimik) als solche der Freundlichkeit. [41]Auf hungrige Menschen wirken Bilder von Lebensmitteln bunter als Bilder von anderen Dingen. Diese Ergebnisse bestätigen, dass ein so großer Teil der Wahrnehmungen außerhalb des Bewusstseins vorgeht, dass wir nicht sicher sein können, inwieweit das, was wir wahrnehmen, mit der Wirklichkeit oder mit dem, was andere wahrnehmen, übereinstimmt. Psychologen sehen zwei Arten der Verarbeitung von Sinneseindrücken.

 Bottom-up- oder Aufwärtsverarbeitung beginnt, wenn wir etwas in der realen Welt sehen, das eine Reihe von Gehirnaktivitäten auslöst. Diese auf Reizen basierende Verarbeitung spiegelt unsere Reaktionsfähigkeit hinsichtlich der Außenwelt wider und überwiegt gewöhnlich, wenn etwa gute Sicht herrscht.

 Top-down- oder Abwärtsverarbeitung spiegelt den Beitrag von zentralen Vorgängen wider, die von einer Zuordnung zu Begriffen ausgelöst werden. Selbst dann, wenn wir auf Licht oder Schallwellen reagieren, bringt jeder von uns Erfahrungen von früher (und Aufmerksamkeit) mit ein, und sollten die Sichtbedingungen schlecht oder unsere Erwartungen stark sein, werden wir uns mehr auf interne und weniger auf externe Informationen verlassen.

Blicken Sie auf das Dreieck in Abb. 8 und lesen Sie, was dort steht. Haben Sie den Fehler bemerkt? Die meisten Menschen bemerken ihn nicht beim ersten Mal, denn ihre Erwartungen gegenüber der bekannten Wendung (Abwärtsverarbeitung) stören die exakte (Aufwärts-)Wahrnehmung. Menschen mit einer Aufgabe zu beschäftigen, die ihre Auf[42]merksamkeit fordert (zum Beispiel die Anzahl der Pässe zu zählen, die Basketballspieler während eines Spiels machen), hat einen ähnlichen Effekt. Während sie zählen, verabsäumen die meisten Beobachtenden, alles andere um sie herum zu bemerken: selbst dann, wenn eine Person in einem Gorillakostüm in direktem Blickfeld hinter den Spielern vorbeigeht. In beiden Fällen nutzt das Bayes’sche Gehirn vorheriges Wissen, um Vorhersagen zu treffen, die dann beeinflussen, was wahrgenommen wird, d. h. wir sehen das, was wir erwarten zu sehen, und wir ignorieren das, was wir nicht zu sehen erwarten.


Abb. 8: Paris Stadt der Liebe

Aus der Beeinträchtigung der Wahrnehmung lernen: der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Die Wahrnehmung ist so komplex, dass sie auf vielerlei Art misslingen kann. In Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte beschreibt Oliver Sacks, was geschieht, wenn [43]komplexe, interpretative Wahrnehmungsfähigkeiten ernsthaft beeinträchtigt sind. Sein Patient war ein begabter Musiker, dessen musikalische oder andere geistige Eigenschaften nicht nachgelassen hatten. Er war sich bewusst, dass er Fehler machte, vor allem dann, wenn er versuchte, Menschen zu erkennen. Er merkte jedoch nicht, dass er auch auf anderen Gebieten Fehler machte. Er konnte sich normal unterhalten, aber erkannte seine Studenten nicht mehr und verwechselte unbelebte Gegenstände (wie seinen Schuh) mit belebten (seinem Fuß). Am Ende eines Gesprächs mit Dr. Sacks schaute er sich nach seinem Hut um, griff aber stattdessen nach dem Kopf seiner Frau und versuchte, sich diesen aufzusetzen. Er konnte weder Gefühlsbekundungen deuten noch das Geschlecht von Menschen im Fernsehen erkennen; er konnte Familienmitglieder anhand ihrer Stimme, aber nicht anhand von Fotografien identifizieren. Sacks berichtet, dass er »visuell in einer Welt lebloser Abstraktionen verloren war«. Er sah die Welt wie ein Computer mit Hilfe von Schlüsselmerkmalen und schematischen Beziehungen; als er gebeten wurde, einen Handschuh zu identifizieren, beschrieb er ihn als »eine Art von Behälter« und als »eine durchgehende, in sich gefaltete Oberfläche mit fünf beutelähnlichen Fortsätzen …«. Diese schwere Wahrnehmungsbeeinträchtigung wirkte sich besonders auf seine Fähigkeit aus, visuell zu erkennen: als könne er sehen, ohne das Gesehene zu verstehen oder zu interpretieren. Da ihm der interpretative Aspekt der Wahrnehmung fehlte, geriet er in eine Sackgasse, wenn er sich auf visuelle Information allein verlassen musste. Doch konnte er sein gewohntes Leben weiterführen, indem er etwa vor sich hin summte – also indem er in der auditiven Welt der Musik lebte, in der er [44]besondere Fertigkeiten entwickelt hatte. Obwohl er Hypothesen aufstellen konnte (etwa über den Kopf seiner Frau oder den Handschuh) – wie auch wir es tun, wenn wir den Necker’schen Würfel (Abb. 3) betrachten –, konnte er über diese Dinge kein Urteil fällen. Aus solch einem sorgfältigen Studium der selektiven Beeinträchtigung hochrangiger Wahrnehmungsfunktionen ergeben sich Hinweise, die uns helfen, vieles zu verstehen, wie etwa die Rolle, die diese Funktionen nicht nur bei der Wahrnehmung spielen, sondern auch für unser Leben in der realen Welt, oder welche Funktionen im Gehirn separat kodiert werden und wo die Strukturierung dieser Funktionen lokalisiert ist.

Die Wahrnehmung ist also das Endprodukt komplexer Vorgänge, von denen viele außerhalb des Bewusstseins stattfinden. Psychologen wissen mittlerweile so viel über die Wahrnehmung, dass sie etwa ausreichend genau eine visuelle Umgebung simulieren können, in der angehende Chirurgen »eine virtuelle Realität« dafür benutzen können, komplizierte Operationen zu üben. Virtuelle Realität schafft die Illusion eines dreidimensionalen Raums, so dass es möglich wird, an einem Computer hinter etwas oder durch »feste« Gegenstände hindurchzugreifen. Die Schnelligkeit der Lern- und Anpassungsfähigkeit unserer Wahrnehmungssysteme hat jedoch auch ihre Nachteile. Chirurgen, die für so lange Zeit auf diese Art und Weise gearbeitet haben, dass sich allgemein ihre Interpretation normaler Wahrnehmungssignale für sichere Bewegungen im dreidimensionalen Raum umgestellt hat, sind anschließend im Straßenverkehr besonders unfallgefährdet.

Diese Einführung in den Bereich der Wahrnehmung ist nur ein Beginn, ein erster Versuch, zu verstehen, was ins [45]Bewusstsein gelangt. Dieser Bereich umfasst viele weitere faszinierende Themen, angefangen bei Ideen zur Weiterentwicklung der Wahrnehmung bis hin zu Diskussionen über die Frage, in welchem Ausmaß Wahrnehmungsprozesse automatisch ablaufen oder bewusst kontrolliert werden können. Ziel war es, zu zeigen, dass die Realität, wie wir sie kennen, zum Teil eine individuelle, menschliche Konstruktion ist. Jeder von uns baut daran mit. Psychologen helfen uns, viele der Bedingungen zu verstehen, die bestimmen, wie wir das tun. Nachdem wir uns mit dem befasst haben, was in unser Bewusstsein gelangt, können wir uns nun der Frage zuwenden, wie viel dort verbleibt und zur Grundlage dessen wird, was wir lernen und erinnern.

[46]3 Was bleibt im Bewusstsein? Lernen und Gedächtnis

Wenn Sie etwas lernen, dann verändert sich etwas. Nun können Sie etwas, das Sie zuvor nicht konnten, wie zum Beispiel Klavier spielen. Oder Sie wissen etwas, das Sie zuvor nicht wussten, wie etwa die Bedeutung des Begriffs »empirisch«. Wenn etwas im Bewusstsein bleibt, nehmen wir an, dass es irgendwo gespeichert wird. Diesen Speicherraum nennen wir »Gedächtnis«. Das System ist nicht perfekt, denn manchmal »zerbrechen wir uns den Kopf« oder »zermartern uns das Hirn«, doch die verbreitetste Annahme hinsichtlich dessen, was im Gedächtnis bleibt, ist wohl die, dass es irgendwo gespeichert wird. Manchmal können wir das Gewünschte nicht finden. Aber es ist wahrscheinlich irgendwo abgelegt, wenn wir nur wüssten, wo. Die Entdeckungen von Psychologen auf dem Gebiet des Lernens und des Gedächtnisses zeigen, dass die beiden Vorgänge – Lernen und Erinnerung – miteinander verflochten sind, die Analogie des Speicherns jedoch nicht treffend ist.

William James bemerkte 1890 über das Gedächtnis:

Warum sollte dieses gottgegebene Vermögen in so viel besserem Maße die Ereignisse von gestern behalten als die des Vorjahres, und am besten von allen die der letzten Stunde? Und warum sollten ihm im hohen Alter die Erlebnisse der Kindheit am verlässlichsten zur Verfügung stehen? Warum stärkt das wiederholte Erleben unsere Erinnerung? Warum sollten Drogen, Fieber, Scheintod-[47]Erfahrungen und Aufregungen Dinge wieder zum Leben erwecken, die lange vergessen waren? […] Diese Merkwürdigkeiten erscheinen fantastisch und könnten, was immer wir auch a priori sehen, das genaue Gegenteil dessen sein, was sie eigentlich sind. Dieses Vermögen existiert also offensichtlich nicht absolut, sondern funktioniert unter bestimmten Bedingungen. Die Suche nach den Bedingungen wird zur interessantesten Aufgabe des Psychologen. (James, 1890)

Die Frage, was im Gedächtnis bleibt, stellt noch immer eine Herausforderung dar. Zuerst ist es wichtig, zu erkennen, dass Lernen und Gedächtnis zwei Seiten derselben Münze sind: Wir wissen, dass Menschen (und Tiere) etwas erlernt haben, wenn sie uns zeigen oder erzählen, an was sie sich erinnern. In ihrem Gehirn hat eine Veränderung stattgefunden. Kognitionswissenschaftler, darunter auch Psychologen, haben vieles über die Vorgänge entdeckt, die an der Entstehung und Erhaltung dieser Veränderung beteiligt sind. Kasten 3.1 zeigt ein Beispiel mit wichtigen Konsequenzen sowohl für das Lernen als auch für das Gedächtnis. Während die Forschung manche Fragen beantworten kann, wirft sie gleichzeitig auch neue auf.

Kasten 3.1 Navigation und das Gehirn

Die Gehirne von Taxifahrern in London verändern sich, während diese zu Experten der Navigation werden. Das Volumen grauer Masse wächst in dem mittleren Hinterteil des Hippocampus, während es im vorderen Hippocampus abnimmt. Je mehr Jahre an Erfahrung jemand hat, desto größer sind diese Veränderungen. Derartige Veränderungen im Gehirn sind nicht bei Londoner Busfahrern zu finden, die in vielen Aspekten, wie der Fahrerfahrung oder der Stressbelastung, vergleichbar sind. Sie folgen eher vorgegebenen Routen, als dass sie die Navigationsexpertise von Taxifahrern entwickeln. Doch nichts kommt ohne einen Preis: Die Abnahme der grauen Masse wird mit Komplikationen, neue visuospatiale Erinnerungen zu gewinnen, in Verbindung gebracht.

Maguire/Woollett/Spiers 2006;

Woollett/Maguire 2011

Diese Art der Forschung wurde durch die Entwicklung von In-vivo-bildgebenden Verfahren ermöglicht, die den Aufbau und die Funktionsweisen eines lebendigen menschlichen Gehirns sichtbar machen können. Während der in Kasten 3.1 beschriebenen Untersuchung haben MRI-Scanner volumetrische Unterschiede im Hippocampus gemessen, der eine zentrale Rolle bei der Formung neuer Erinnerungen spielt. Diese und nachfolgende Ergebnisse können [48]uns etwas über die Plastizität des Gehirns und die Funktion bestimmter Teile sagen, so etwa, wie diese arbeiten, über strukturelle Leitverbindungen zwischen den verschiedenen Teilen des Gehirns oder darüber, welche Funktionen getrennt organisiert sind und wie die unterschiedlichen Funktionen zusammenspielen. Solche Studien können außerdem Auswirkungen auf die Rehabilitation von Patienten haben, deren Gedächtnis zum Beispiel beeinträchtigt ist.

[49]Lernen: Dauerhafte Verknüpfungen herstellen

Es liegt uns nahe, zu glauben, die Lernfähigkeit hänge davon ab, wie klug man ist, wie gut man aufpasst und ob man auch dann am Ball bleibt, wenn es schwieriger wird. Doch wie sich herausstellt, gibt es verschiedene Arten des Lernens, und bei vielen spielen eine bewusste Anstrengung oder Unterweisung keine Rolle. Wir lernen ständig, unser gesamtes Leben lang, selbst wenn wir uns nicht bemühen, es zu tun. Einige unserer Lernformen ähneln denen von Tieren, obwohl wir in dieser Hinsicht wohl größere Kapazitäten haben. Lernen wird auf vielerlei Arten ausgelöst. Umgebungen variieren so grundsätzlich voneinander, dass eine Anpassung an diese unverzichtbar ist. Menschen und andere Tiere passen sich so gut an, weil sie für das Lernen prädisponiert sind und weil sie besonders stark auf folgende Gegebenheiten reagieren: Kontingenzen (was mit was zusammenpasst) und Diskrepanzen (was von der Norm abweicht).

Wir lernen durch Zufälle. Das ermöglicht es uns, etwas zu bewirken: Wir drehen den Wasserhahn, und (normalerweise) fließt das Wasser. Indem wir lernen, wie man den Hahn auf- und zudreht, lernen wir, den Wasserfluss zu kontrollieren. Säuglinge erkunden ihre Umwelt wiederholt durch nicht zielgerichtetes Verhalten: Sie wedeln mit den Armen, stoßen gegen etwas, das ein Geräusch macht, und tun es wieder und wieder, bis sie die Entstehung des Geräusches, das sie verursachen, kontrollieren. Diese offensichtliche Faszination, die solche Zufälle oder Kontingenzen ausüben, ist eine wichtige Grundlage für andere Arten des Lernens wie zum Beispiel das Erlernen von Fertigkei[50]ten. Wenn Sie eine Fertigkeit erst einmal beherrschen, können Sie sie automatisch ausführen und dabei Ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten: Wenn Sie Wörter mühelos lesen können, können Sie über ihre Bedeutung nachdenken. Wenn Sie eine Melodie automatisch spielen können, können Sie darüber nachdenken, wie Sie sie gestalten wollen.

Wenn man weiß, was zu erwarten ist, dann werden Unterschiede oder Diskrepanzen zu dem, was Sie eigentlich erwartet haben, faszinierend – vorausgesetzt, sie sind nicht zu radikal. Kleine Veränderungen in der Welt eines Kindes (etwas Neues zu essen, in einer neuen Umgebung zu schlafen) laden zum Erkunden ein und helfen dem Kind beim Lernen, doch falls etwas zu plötzlich verändert wird, wird das Kind ängstlich. In gleicher Weise werden verschiedene Arten, ein Lied zu singen (das Spiel zu spielen) interessant, wenn man einmal die Grundstruktur verstanden hat. Die Fähigkeit, zu lernen, indem man Unterschiede findet, ist grundlegend und geht nie verloren. Alte Menschen lernen etwas Neues leichter, wenn sie schon über relevantes Wissen in dieser Richtung verfügen und daher Diskrepanzen bemerken und sich auf diese einstellen. Sie lernen jedoch schlechter, wenn es sich um etwas vollkommen Neues handelt. Wir reagieren unser Leben lang andauernd auf Kontingenzen und Diskrepanzen, und beide Prozesse sind beteiligt an den zwei Formen assoziativen Lernens, die im Folgenden beschrieben werden.

[51]Assoziationslernen

Die vielleicht grundlegendste der vielen Arten des Lernens ist das Assoziationslernen oder die Konditionierung, von denen es zwei Formen gibt, nämlich klassische und instrumentelle (oder operante) Konditionierung. Die klassische Konditionierung wurde zuerst von Pawlow untersucht und definiert, der in den zwanziger Jahren mit Hunden arbeitete. Nachdem er einen Weg gefunden hatte, den Speichelfluss der Hunde als Reaktion auf ihr Futter zu messen, bemerkte er, dass die Hunde bereits schon dann Speichel absonderten, bevor ihnen das Futter gegeben wurde. Dieser Reflex, diese unkonditionierte Reaktion, wurde durch Dinge ausgelöst, die mit dem Futter assoziiert wurden: durch den Anblick der Schüssel, durch die Person, die das Futter brachte, oder durch den Klang der Glocke, der mit dem Futter verbunden war (sie erklang immer dann, wenn das Futter gebracht wurde). Pawlow dachte, dass so gut wie jeder Reiz zu einem konditionierten Reiz für die Speichelproduktion werden könne – das Ticken eines Metronoms, ein auf einer großen Karte gemaltes Dreieck oder sogar ein elektrischer Schock. Er schloss daraus, dass Lernen dann stattfindet, wenn ein zuvor neutraler Reiz (eine Glocke) mit einem unkonditionierten Reiz (also etwas, auf das wir naturbedingt reagieren) verbunden wird. Die klassische Konditionierung ist bis in das kleinste Detail untersucht worden. Daher wissen wir, dass konditionierte Reflexe schwächer oder auf ähnliche Konstellationen ausgeweitet werden, dass Gefühle konditioniert (ein Kind hat Angst vor Wellen) und konterkonditioniert werden können (etwa dadurch, dass das Kind beim Waten im Wasser die Hand der Eltern [52]hält) und dass beim Lernen »in einem Lerndurchgang« in dramatischer Weise neue Assoziationen hergestellt werden können (wenn Ihnen zum Beispiel von einem neuartigen Lebensmittel schlecht wird und Sie es später nie wieder essen wollen).

Instrumentelles Konditionieren, das zuerst von B. F. Skinner erforscht wurde, erklärt die wirkmächtige Rolle, die die Bekräftigung beim Lernen spielt. Der Grundgedanke dabei ist, dass ein Verhalten, dem etwas Angenehmes (eine Belohnung) folgt, wiederholt wird – dies gilt sowohl für den Menschen als auch für eine Ratte. Wenn das Herunterdrücken eines Hebels mit Trockenfutter belohnt wird, lernt die Ratte, den Hebel zu betätigen. Je hungriger sie ist, desto schneller wird sie lernen. Die Stärke ihrer Reaktion lässt sich präzise anhand der Menge voraussagen, in der das Trockenfutter abgegeben wird. Am meisten wird die Ratte sich dann »anstrengen«, wenn das Trockenfutter in unregelmäßigen Abständen ankommt (auf diese Weise machen Spielautomaten – oder unberechenbare Liebhaber – uns abhängig). Sie wird sich weniger stark anstrengen, wenn das Futter regelmäßig und unabhängig davon, was die Ratte tut, erscheint. Daher verlieren Menschen, die ein festes Gehalt für langweilige, ständig sich wiederholende Arbeit bekommen, schneller die Motivation im Vergleich zu denen, die entsprechend der von ihnen hergestellten Stückzahl bezahlt werden. Mit Hilfe der Prinzipien der Bekräftigung haben sich außerordentliche Lernleistungen erreichen lassen; so wurde Tauben durch allmähliche Formung ihres Verhaltens beigebracht, mit ihren Schnäbeln Tischtennis zu »spielen«.

Instrumentelles Konditionieren findet in der Praxis vielfache Anwendung. Wenn Sie möchten, dass eine bestimm[53]te Reaktion anhält, nachdem sie erlernt worden ist – wenn Sie zum Beispiel Ihr Kind dazu bringen wollen, aufzuräumen –, dann sollten Sie nicht regelmäßig, sondern in unregelmäßigen Abständen belohnen. Wenn Sie gelegentlich eine Verhaltensweise belohnen, von der Sie eigentlich wollen, dass sie abnimmt, dann bekräftigen Sie dies Verhalten irrtümlicherweise noch (zum Beispiel Zornesausbrüche, Wutanfälle). Wenn eine Belohnung zu spät erfolgt, ist sie weitaus weniger effektiv (wenn Sie zum Beispiel einem Angestellten nicht sofort für seinen Bericht danken, sondern erst eine Woche später). Bekräftigung ist der Treibstoff für die Lernmaschine, die unabhängig davon funktio[54]niert, ob die Bekräftigung nun positiv ist, indem sie etwas Angenehmes vermittelt, oder negativ, indem sie etwas Unangenehmes beseitigt (zum Beispiel lernen Sie dann, wenn Sie eine Aufführung verpassen, vorauszuplanen).


Abb. 9: Operantes Konditionieren aus anderer Perspektive: »Mensch, den haben wir aber gut konditioniert. Jedes Mal, wenn ich den Hebel runterdrücke, schmeißt er Trockenfutter herein.«

Skinner beurteilte Bestrafung sehr kritisch. Bestrafung wird leicht mit negativer Verstärkung verwechselt, ist aber etwas völlig anderes. Seiner Meinung nach ist die Bestrafung als Hilfsmittel zum Lernen ineffektiv, weil sie zwar schmerzhaft, aber nicht informativ ist. Denn durch Bestrafung wird ein bestimmtes Verhalten unterdrückt, ohne dass ein anderes vorgeschlagen wird. Bestrafung stellt ein komplexes Thema dar. Sie kann wirksam sein, indem sie zum Beispiel Selbstverletzungen, wie etwa den Kopf gegen die Wand zu schlagen, vermindert, und sie kann in sanfter, aber effektiver Form auferlegt werden (ein Spritzer Wasser ins Gesicht oder eine »Auszeit« von der angespannten Situation nehmen). Doch ihre Wirkung ist oft nur von kurzer Dauer oder nur auf bestimmte Fälle beschränkt (vor den Eltern nicht, jedoch weiterhin mit Freunden zu rauchen). Strafe lässt sich oft nicht sofort auferlegen, sie übermittelt wenig Information und kann ungewollt als Belohnung missverstanden werden: Die Rüge eines Lehrers kann beispielsweise bekräftigende Aufmerksamkeit für den ungezogenen Schüler bei seinen Klassenkameraden provozieren.

Die Prinzipien des instrumentellen Lernens wurden an vielen Orten wie zum Beispiel Schulen, Krankenhäusern und Justizvollzugsanstalten genutzt, um wirksame Techniken der Verhaltensmodifikation zu entwickeln. Sie wurden nutzbringend angewendet in der Reinlichkeitserziehung, doch ebenso in Versuchen, eigentlich unangemessene poli[55]tische Kontrolle zu erlangen. Ein Grund, warum diese Art des Machtmissbrauchs vielleicht nicht mehr ein solches Risiko darstellt, wie man früher fürchtete, liegt psychologisch gesehen in der Folge von Ereignissen, die den Handlungen eines Individuums vorausgehen. In dieser Folge ist Raum sowohl für Elemente des Determinismus als auch für Elemente des freien Willens. Assoziatives Lernen ist nicht die einzige Möglichkeit, Neues aufzunehmen. Wenn Sie merken, dass in einer Werbung ein neues Auto mit sexueller Potenz assoziiert wird, können Sie entscheiden, ob Sie diese Interpretation akzeptieren wollen oder nicht. Wenn jemand aus eigennützigen Motiven nett zu Ihnen ist, stellen Sie vielleicht fest, dass der Kontakt Ihnen wenig bringt. Aus diesem Grunde scheitert die Kontingenz. Natürlich können wir auch andere Lernformen und andere kognitive Fähigkeiten anwenden.

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