Читать книгу: «Heimatlos»
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© Wörterseh, Lachen
Wörterseh-Bestseller als Taschenbuch
1., erweiterte Auflage 2022
Die Originalausgabe erschien 2017 als Klappenbroschur
Originalausgabe
Juristisches Lektorat: Dr. Georg Gremmelspacher, Rechtsanwalt
Lektorat: Lydia Zeller · Korrektorat: Brigitte Matern
Herstellerische Koordination und Gesamtverantwortung: Andrea Leuthold
Layout und Satz: Rolf Schöner, Buchherstellung
Erweiterte Taschenbuchausgabe
Lektorat: Brigitte Matern · Korrektorat: Andrea Leuthold
Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina
Fotos Umschlag: Susy mit Grauwolf Wolfgang © Monty Sloan/Wolf Park, USA; Ausschnitt Originalausgabe © Vera Hartmann Photography
Fotos Bildteil: Susy Utzinger Stiftung
Bildbearbeitung: Michael C. Thumm
Satz: Beate Simson · Druck und Bindung: CPI Books GmbH
ISBN 978-3-03763-323-6 (Taschenbuch)
ISBN 978-3-03763-071-6 (Originalausgabe, vergriffen)
ISBN 978-3-03763-713-5 (E-Book)
www.woerterseh.ch
In inniger Dankbarkeit für Lars und für alle Menschen, die meine innere Heimat sind.
Und für alle, die anderen eine Heimat schenken, ob Menschen oder Tieren.
»Das gute Beispiel ist nicht eine Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen, es ist die einzige.«
Albert Schweitzer
Inhalt
Über das Buch
Über die Autorinnen
Vorwort zur Neuauflage
Vorwort
10. Mai 2015
30. Juli 1973
14. Oktober 1974
18. Februar 1976
14. Juli 1981
30. Dezember 1983
3. März 1985
7. März 1988
29. Juni 1991
20. Februar 1992
4. März 1992
18. Januar 1993
22. März 1993
7. Juli 1993
2. Oktober 1993
12. Februar 1994
10. Dezember 1994
2. März 1995
17. April 1996
29. September 1996
27. Februar 1997
10. Februar 1998
26. März 1998
3. Mai 1998
20. Juni 1998
22. Juli 1998
29. März 1999
19. Oktober 1999
22. November 1999
27. Februar 2000
2. März 2000
22. August 2000
7. September 2000
1. Februar 2001
15. Februar 2001
9. März 2001
31. Mai 2001
14. Juli 2001
6. Januar 2002
22. Juni 2002
15. August 2002
21. Oktober 2002
2. November 2002
25. März 2003
30. April 2003
2. März 2004
5. Dezember 2005
20. Dezember 2006
18. Juli 2007
30. September 2007
11. Juni 2008
23. Juni 2008
31. Oktober 2008
10. Februar 2009
22. Mai 2009
25. August 2010
5. September 2010
10. Oktober 2010
4. Mai 2011
8. Juli 2011
10. Juli 2011
13. August 2011
22. September 2011
29. Oktober 2011
2. November 2011
6. Dezember 2011
9. Februar 2012
5. August 2012
21. Februar 2013
20. Mai 2013
10. Juni 2013
1. August 2013
4. September 2013
10. Juli 2014
25. Juli 2014
16. August 2014
27. August 2014
29. August 2014
4. September 2014
10. September 2014
7. Oktober 2014
12. Oktober 2014
1. Februar 2015
2. Mai 2015
17. August 2015
7. September 2015
1. Oktober 2015
5. Oktober 2015
28. November 2015
15. Dezember 2015
10. Januar 2016
27. Januar 2016
18. März 2016
16. April 2016
21. Juni 2016
31. Juli 2016
5. August 2016
6. August 2016
Bildteil
Nachtrag, Oktober 2021
Erkenntnis dank Froschschenkeln und Hühnereiern: Jean
Krümel, Thirty, Pferde: Rumänien
Standardsicherung und Know-how-Transfer: Schweiz
Fachwissen säen, Tierschutz ernten: SUST-Akademie international
Kleine Wunder: Ungarn
Den Schmerz aushalten lernen: Lars
Ein fulminanter Start: Ägypten
Flügel für den Tierschutz: Bulgarien
Gut zu wissen
SUST-Akademie
Tierschutz durch kostenlose Information
Auf Deutsch erschienene Broschüren
Poster und Postkarten, die Tieren helfen
Notfall- und Vorsorgeset für Tierhalter
Weitere Informationen
Dank
Über das Buch
Im Buch »Heimatlos« erzählt Susy Utzinger von ihrer Faszination für Tiere, ihrem großen Engagement für den Tierschutz, aber auch von ihrer schwierigen Kindheit. In eindrücklichen Geschichten lässt sie die vergangenen zwanzig Jahre Revue passieren, gibt Einblick in ihre unermüdliche Pionierarbeit im In- und Ausland und erinnert sich an unzählige traurige, anrührende und glücklich verlaufene Geschichten mit ihren Schützlingen. Dabei vergisst sie nicht, auch kritisch hinter die Kulissen des heutigen Tierschutzes zu blicken; einer Thematik, die in den vergangenen Jahren einen grundlegenden Wandel erfuhr. Wenn Susy Utzinger nach ihren wichtigsten Erkenntnissen in Zusammenhang mit dem seriösen Tierschutz gefragt wird, antwortet sie: »Nachhaltiger Tierschutz ist mehr als eine Schale Wasser und genügend Futter; er bedeutet vor allem viel Arbeit, Disziplin und Durchhaltewillen.« Und so bildet die Gründerin der »Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz« unermüdlich Fachkräfte aus, optimiert Tierheime und ist bei unzähligen Projekten – unter anderem in Rumänien und Ungarn – federführend engagiert. Von ihrer Mission ließ sich die Schweizerin nie abbringen. Weder durch berufliche Rückschritte noch durch private Schicksalsschläge. Das positive Resultat: Zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen und freiwilligen Helfern ermöglichte sie bereits Zehntausenden von Tieren ein artgerechtes und besseres Leben.
»Ebenso berührend wie Respekt gebietend wird hier – im Stil eines Tagebuchs – Susy Utzingers Leben und ihr Werk aufgezeichnet. Harte Kindheit, überschattete Jugendjahre, familiäre Konflikte – nichts konnte die Tierschützerin daran hindern, ihren schwierigen Weg zu gehen. ›Aufgeben ist in meiner Genetik nicht verankert‹, sagt sie – und tatsächlich: Mit Beharrlichkeit, Professionalität und in ihrer sentimentalitätsfreien Art verfolgte und verfolgt sie weiterhin ihre Ziele. Heimatlos ist nicht nur das Dokument eines bewundernswerten Tierschutz-Engagements, sondern vor allem auch eine ebenso packende wie berührende Biografie.«
Erich Gysling,
Journalist und Tierschützer
Über die Autorinnen
SUSY UTZINGER, geb. 1969, setzt sich seit Jahrzehnten aktiv für den Tierschutz, vor allem im Haus- und Heimtierbereich, ein. Während fünfzehn Jahren leitete sie gesamtschweizerische Tierrettungsorganisationen und deren Notfallzentralen, fuhr Tierrettungsfahrzeuge und baute zwei Schweizer Tierheime auf. Als freiberuflich tätige Journalistin und Tierfotografin publiziert sie in diversen Medien regelmäßig Arbeiten zu tierschutzrelevanten Themen und hält auch immer wieder Vorträge. 1993 erhielt die engagierte Tierschützerin den Schweizer Tierschutzpreis der Elisabeth-Rentschler-Stiftung, im Lauf der Jahre folgten international weitere Auszeichnungen.
Ebenfalls 1993 absolvierte Susy Utzinger ein Ethologie-Praktikum im Wolf Park in Indiana (USA). Diverse andere Weiterbildungen folgten – so schloss sie unter anderem ein zweijähriges Studium als tierpsychologische Beraterin am I. E. T. in Hirzel ab. Sieben Jahre nach der Gründung der Organisation »TierRettungsDienst – Leben hat Vortritt« im Jahr 1993 rief die Zürcherin zudem die Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz (SUST) ins Leben und setzt sich seither verstärkt für die Qualität von Tierschutzprojekten im In- und Ausland ein.
Foto: © Samuel Mizrachi
FRANZISKA K. MÜLLER ist Autorin und Ghostwriterin. Für Wörterseh hat sie bereits elf Bücher geschrieben, von denen »Wanna Waki«, »Leben!«, »Platzspitzbaby«, »Für immer« und »Mit Köpfchen durch die Wand« auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste standen. Auf die Idee, ein Buch über Susy Utzinger zu schreiben, kam sie, als sie die kleine Promenadenmischung Ellie adoptierte, die einst in einem ungarischen Tierheim lebte, das von Susy Utzinger unterstützt wird. Während der Recherche zum Buch erfuhr die Autorin, dass der seriöse Tierschutz anders funktioniert, als sich die meisten Laien das vorstellen, und nachhaltige Verbesserungen niemals nur mit Liebe und Mitleid erreicht werden können.
Für Menschen, die ihre Lebensgeschichten schriftlich festhalten oder ein erzählendes Sachbuch mit spezifischen Themenschwerpunkten realisieren möchten, hat Franziska K. Müller das Angebot privatbiografie.ch geschaffen. Sie lebt und arbeitet in Zürich und Wien.
Vorwort zur Neuauflage
Die erste Auflage meines Buchs »Heimatlos« ist vergriffen, wie wunderbar! Dass es so fleißig gekauft und gelesen wurde, freut mich unglaublich. Es gibt mir die Gewissheit, dass es einen Sinn hatte, mein Leben und meine Erlebnisse in ein Buch packen zu lassen – nicht für mich, sondern für die vielen Leserinnen und Leser und natürlich für die Tiere, die von dem darin weitergegebenen Tierschutzwissen profitieren.
Auf das Buch habe ich unzählige schöne Reaktionen erhalten: Viele schrieben mir, dass sie seither mehr von Tierschutz verstehen und sich nun kompetenter und noch engagierter dafür einsetzen. Einige besuchen heute auch unsere Weiterbildungskurse und unterstützen die Stiftung finanziell. Das alles ist für mich und unsere Arbeit eine große Ermutigung.
Die Erstauflage endete im August 2016 mit den Worten: »Was die Zukunft bringen wird, wissen wir nicht, und doch sind wir glücklich: in diesem Moment, der für die Ewigkeit ist.« Auch die Arbeit an dem Buch und die gute Zusammenarbeit mit der Autorin Franziska K. Müller hatte mich damals glücklich gemacht, obwohl ich dabei zu etwas gezwungen worden war, was ich nicht so gern tue: stehen bleiben und zurückblicken. Was ich bei dem Lebensrückblick damals gesehen hatte, machte mich jedoch stolz.
In den vergangenen fünf Jahren hat sich vieles gut ineinandergefügt: Unsere Projekte haben sich etabliert, neue kamen hinzu, auch das Bewusstsein für den Tierschutz in der Landwirtschaft beginnt sich langsam, aber sicher zu schärfen. Deshalb haben wir diese Neuauflage um einen Nachtrag erweitert und aus meinem Wunsch heraus auch das Cover neu gestaltet. Mit dem Bild einer neuen alten Liebe aus dem Wolf Park in Battle Ground, USA, wo ich Anfang der Neunzigerjahre mein Ethologie-Praktikum absolvierte; mehr darüber ab Seite 42. Mein Lieblingswolf damals war Sokrates – wir hatten einen sehr besonderen Draht zueinander. Über fünfzehn Jahre später – Sokrates war mittlerweile gestorben – betrat ich den Wolf Park wieder, und einer der Wölfe kam auf mich zu, als würden wir uns schon lange kennen: Es war Sokrates’ Sohn Wolfgang, der Wolf auf diesem Bild. Auch mit ihm verbrachte ich wunderschöne Momente.
Den Nachtrag finden Sie ab Seite 205 und erfahren dort, was sich an Gutem und Schönem, aber auch an weniger Gutem und Tragischem ereignet hat. Und warum es wichtig und unabdingbar ist, Momente für die Ewigkeit festzuhalten.
Susy Utzinger, im Januar 2022
Vorwort
Als wir Ellie auf einer Fotografie zum ersten Mal sehen, blickt sie uns aus schwarzen Knopfaugen aufgeweckt entgegen. Nach längeren Gesprächen mit der zuständigen österreichischen Tierschutzorganisation erfahren wir, dass die rund vierjährige Mischlingshündin über eine sogenannte Tötungsstation in die Obhut eines Tierheims gelangte, das in der Nähe von Budapest liegt. Wir machen uns von Wien aus auf den Weg und halten bald ein federleichtes und sehr krankes Bündel in den Armen. Die ersten Interessenten lehnten Ellie aufgrund ihres Zustandes ab, den zweiten war die Reise nach Ungarn zu weit. Unser Glück, denn nun gehört sie zu uns.
In den nächsten Monaten erholt sie sich gesundheitlich nur langsam, und das Vertrauen muss ebenfalls in kleinen Schritten erarbeitet werden. Manche Angewohnheiten bleiben lange Zeit bestehen: Ist man spätnachts mit Ellie unterwegs, kontrolliert sie jeden Geschäftseingang. Mit manchen Autos will sie unbedingt mitfahren, egal, ob sie den Lenker kennt oder nicht. Junge Männer in Sportkleidung, die das Eau de Toilette »Roma« verwenden, schaut sie mit herzerweichendem Blick an. Den Wald kennt sie nicht, zu spielen und zu schnüffeln, das muss sie erst lernen und auch, dass sie sich auf Menschen verlassen kann.
Wenn ich Ellie heute sehe, schwarz gelockt und ein ganzes Kilogramm schwerer, wie sie immer selbstbewusster auf uns zuspringt und ihren Kopf minutenlang in Samuels oder meine Hände legt, wie sie zaghaft wedelnd auf fremde Menschen zugeht und die Welt entdeckt, bin ich beeindruckt: von einem Lebewesen, das trotz schlechten Erfahrungen hoffnungsvoll geblieben ist. Dass es solche Geschichten tausendfach gibt, wusste ich damals noch nicht, doch als sich Monate später das Buchprojekt mit Susy Utzinger zu konkretisieren beginnt, setze ich mich vertieft mit den Themen des Tierschutzes auseinander. Was Tiere aus vielfältigen Gründen erleiden müssen, weiß ich heute und auch, dass der Tierschutz ein komplexes Fachgebiet ist, in dem sich viele Amateure und auch unseriöse Organisationen tummeln. Zudem: Auch als Tierfreund kann man viel falsch machen.
Die Gespräche mit Susy finden in Kollbrunn statt, dem Geschäftssitz der »Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz«. Sekretariat, Schulungszentrum und ein riesiges Warenlager befinden sich im ehemaligen Gewerbekomplex. Von hier aus werden Einsätze in der Schweiz und in aller Welt organisiert: für Straßenhunde in Rumänien, Ungarn und Afrika. Für Kapuzineraffen und Wickelbären in Peru. Für Jagdhunde in Spanien. Für Esel, Pferde und Kamele in Ägypten. Zehntausende von Tieren hat die 48-Jährige in den vergangenen zwanzig Jahren gerettet, wohl Hunderttausende verdanken ihr und ihren Mitstreitern und Gönnern ein besseres Leben. Auch in der Schweiz.
Die Arbeit hinter den Kulissen, das Wühlen in Dreck und Elend, die Auseinandersetzung mit Menschen, die Tiere quälen, missachten und misshandeln, die jahrelange Aufbauarbeit, die bisweilen nur winzige Verbesserungen bewirkt, die vielen Rückschläge, die hingenommen werden müssen, das alles bezeichnet Susy Utzinger als logische Konsequenz eines Engagements, das in den vergangenen Jahren zwar eine positive Akzeptanz erfahren, jedoch auch neue Probleme kreiert habe und in vielen Aspekten wie ein Perpetuum mobile funktioniere. Die Tierschutzpionierin, meist in Sportkleidung, die blonden Haare hochgesteckt, die Schuhe flach und bequem, ist immer auf dem Sprung, und genauso schnell, präzise und zielorientiert ist auch ihre Gedankenwelt. Ihre Ungeduld, die manchmal spürbar ist, weiß sie zu zügeln, sie bleibt freundlich, auch wenn sie Tempo machen möchte. Diverse Auslandeinsätze, Kastrationsaktionen und Tierheimoptimierungen in der Schweiz, der Ausbau des eigenen Tierheims, die Inbetriebnahme des Tierwaisen-Hospitals in Rumänien, Vorträge, Fachtagungen – dies sind nur einige Pendenzen, die im Jahr 2016 auf dem Programm standen. Zudem: ihre Hochzeit, die Begleitung von Lars während seiner Krankheit, das Buchprojekt.
Susy Utzinger sagt, die vielen Erfahrungen, die sie im Verlauf ihres langjährigen Engagements gemacht habe, würden Treibstoff liefern, sie heute aber auch fast jede Herausforderung annehmen lassen. Und anders, als man denken könnte, spielen nicht nur Tiere eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Auf die Frage, was der persönliche Gewinn ihrer Arbeit sei, antwortet sie: »Ich habe Vertrauen in die Menschen gewonnen.« Wäre Ellie dazu imstande, würde sie – vielleicht stellvertretend für andere Tiere und Menschen – den Hut vor Susy ziehen.
Franziska K. Müller, im Sommer 2017
10. Mai 2015
Es ist nach Mitternacht. Bläulich leuchtet der Bildschirm. Betreff: eine Frosch-Aktion im Kanton Zürich; die Rettung einer Kuh im Berner Oberland; Aufnahmen von Hunden, Katzen, Papageien, Meerschweinchen und Reptilien in unserem Tierheim. Auch Fragen und Reklamationen sind in meine Mailbox gelangt: Handelt es sich um Tierquälerei, wenn die Dame aus dem Villenquartier dem Pudel ein Halsband aus echten Diamanten umlegt? Ist es unter der Würde kleiner Hunde, bei einer Tanzeinlage im Fernsehen aufzutreten? Zweimal: nein. Vieles sehe ich pragmatisch. Die Vermenschlichung von Vierbeinern hat eigene Gründe und ist nur schlimm, wenn die Tiere in ihrem Wohlbefinden oder in ihrem arttypischen Verhalten beeinträchtigt werden. Andere Bitten – das Hunde-Elend in China zu beheben, den Papst in Tierschutzfragen auf einen andern Kurs zu bringen und in diesem Sinn auch im Koran Veränderungen vornehmen zu lassen – muss ich, wie ich den Schreibenden mitteile, auf später verschieben, da ich mich zurzeit auf kleinere, aber ebenfalls wichtige Probleme konzentriere. Wenn ich manche der geforderten Aktionen bleiben lasse, weil sie keinen Sinn machen, kann dies heftige Reaktionen hervorrufen. Ich muss damit leben, dass ich nicht von allen Menschen, die sich als Tierschützer bezeichnen, geliebt werde.
Soeben bin ich aus Rumänien zurückgekehrt. Reinigungsarbeiten, Parasitenbehandlungen, politische Gespräche, Umstrukturierungen im laufenden Betrieb und mehrere hundert Kastrationen standen auf dem Programm. Nach jahrelanger Arbeit, in die Dutzende von Menschen aus den verschiedensten Disziplinen eingebunden waren, kann ich in diesem Tierheim heute auswählen: aus Bildern von Hunden, die artgerecht gehalten werden, nicht mehr verhungern und verdursten, keine Qualen erleiden müssen. Ich versehe die Dokumentation des zurückliegenden Einsatzes mit Texten, poste sie auf Facebook und rekapituliere die menschliche Schadensbilanz der vergangenen Woche: Sonnenstich. Muskelzerrung. Dehydrierung. Katzen- und Hundebisse. Ein Weinkrampf. Obwohl wir Fachkräfte und freiwillige Helfer akribisch rekrutieren und auf die Arbeitseinsätze vorbereiten, bleiben seelische und körperliche Blessuren nicht aus. Schrammen, blaue Flecken und Dutzende von Flohbissen bedecken auch meinen Körper. Sie gehören einfach dazu. Anderes nicht: Technische Ungenauigkeit, Verspätung in den Arbeitsabläufen oder fehlende Bewilligungen führen in einem fremden Land schnell zum Verlust von wertvoller Zeit. Manche sagen, meine logistische Planung sei pingelig. Ich antworte: Sie ist genau, denn alles andere geht zulasten jener Lebewesen, die wir schützen wollen: der Tiere.
Ich bin todmüde und kann mich doch kaum von der Tastatur trennen: Seit ich als Sechsjährige schreiben lernte, kritzelte ich unablässig in Hefte, und ab der dritten Klasse führte ich ein Tagebuch. Schon als Kind war es mir ein Bedürfnis, festzuhalten, was in meinem Leben und im Leben der Tiere geschah, für die ich früh Verantwortung übernommen hatte. Damals schrieb ich von Hand in linierte Notizbücher. Eines davon war mit glitzerndem, rotem Papier eingebunden. Zusammen mit dem Puppenwagen, in dem mein Plüschschimpanse Judy lag, und den Fotografien, die meine Eltern von mir gemacht hatten, verschwanden sämtliche Dokumente einer nicht eben glücklichen Kindheit vor vielen Jahren: vermutlich in einem großen Müllsack. Damals, als der Skandal ans Tageslicht befördert wurde. Als ich nicht bereit war, zu schweigen, untätig zu bleiben und zu decken, was in meiner Familie offenbar als verzeihbarer Fehler galt. Doch ich erinnere mich an vieles, erinnere mich auch an meine frühen Niederschriften über Erlebnisse mit Menschen und Tieren, die mit wechselnden Spielplätzen, Häusern, Wohnungen, Schulen verbunden waren. Darum kann ich sie hier nacherzählen und in meine Biografie integrieren.
30. Juli 1973
Ich sitze auf dem Boden, Mutter hat soeben den Telefonhörer aufgehängt. Sie sagt bloß drei Worte: »Opa ist tot.« Opa und Oma. Sie sind meine nächsten Bezugspersonen, ich lebe die meiste Zeit bei ihnen. Sie lieben mich, das haben sie oft genug gesagt. Meine Eltern sind mit sich selbst beschäftigt und mögen dieses Kind, das sich in ihrem Dasein eingenistet hat, nicht sonderlich. Opa. Wenn man auf einen Käfer tritt, ist er tot. So viel weiß ich als Vierjährige über das Sterben. Später zerstöre ich in einem Wutanfall mein Zimmer. Die Eltern stehen im Türrahmen und beobachten mich in einer Mischung aus Unverständnis und Gleichgültigkeit. Sie trösten mich nicht, sie analysieren lediglich mein Verhalten und überlassen mich meinem Schmerz. Auch in den folgenden Jahren unterhalten sie sich oft lautstark über mich. Vereint in Erstaunen darüber, was dieses Kind, das in ihrem Leben ein Fremdkörper bleibt, anstellt, sagt, will, fragt. Zuerst speisen mich die Erwachsenen mit Erklärungen zu Opas Tod ab, die mir nicht einleuchten. Seine Seele im Himmel. Engel, die ihn beschützen. Argwöhnisch blicke ich Vater an. Also erzählt er mir die Wahrheit, worauf ich ruhiger werde und das Unabänderliche zu akzeptieren scheine. Fortan besuche ich mit Oma den Friedhof, einen Ort des Friedens und der Schönheit. Sie pflegt das Grab, wischt im Herbst Blätter und im Winter Schnee von der Grabplatte, pflanzt im Frühjahr Primeln und Veilchen, und im Sommer sitzen wir im Schatten der Bäume und erinnern uns wortlos an einen Mann, den wir beide geliebt haben.
Nach Großvaters Tod lebe ich die meiste Zeit bei den Eltern in Dübendorf. Mutter zieht am Abend ein Cocktailkleid an und legt die Kette aus bunten Glassteinen um den Hals. Sie zündet eine Zigarette an, der hellrote Lippenstift haftet an den Kippen im Aschenbecher, die ich zähle, wenn die Eltern weg sind und mir langweilig ist. Tagsüber beobachte ich von meinem Fenster aus den Bau eines riesigen Einkaufszentrums. Der Aushub ist ein Ereignis, das Hochziehen der Mauern, die mit Armierungseisen verstärkt worden sind, der Betonmischer, der Bagger. Beim Einsetzen der verspiegelten Fensterscheiben freue ich mich. Dann malen die Bauarbeiter Streifen auf den Boden, Ampeln und Verkehrsschilder werden angebracht. Luftballone und Papiergirlanden wirbeln im Wind. Als ich andere Familien Hand in Hand zum Einweihungsfest gehen sehe, entdecke ich ein Hündchen; es ist angebunden, niemand schenkt ihm Beachtung. Es ist fast Winter. Ich laufe auf die Straße, der Welpe friert, er zittert am ganzen Körper. Ich ziehe ihm meinen Pullover über.
In Dübendorf wird meine Schwester geboren. »Ein Wunschkind«, sagt die Mutter. Es ist nicht seltsam. Nicht schweigsam. Nicht sperrig. Es ist anschmiegsam, erhält ein gerüschtes Kleid und wird mit Schokoladenmilch gefüttert.
14. Oktober 1974
Die Eltern entdecken eine neue Einnahmequelle. Sie nehmen Kinder aus schwierigen Verhältnissen auf. Vanessa mögen sie, doch ihre weniger reizende Schwester soll wieder fortgeschickt werden. Ich verbringe viel Zeit mit Hasso, einem Deutschen Schäferhund, den meine Eltern angeschafft haben, und bald bin ich mit ihm draußen unterwegs, wenn die Eltern außer Haus sind. Die Fünfjährige und der ausgewachsene Schäferhund sind ein ungleiches Paar. Ein Nachbar informiert Vater und Mutter. Ab sofort darf ich Hasso nicht mehr ausführen.
Ich vermisse das Zuhause meiner Großeltern. Die hübschen Vorhänge, die jungen Katzen. Die Ruhe und das Gefühl, an nichts schuld zu sein. Andere Mütter erzählen ihren Kindern vor dem Zubettgehen Märchen von Feen und Zauberern. Meine Mutter erzählt mir auf dem Bettrand sitzend, wie meine Ankunft ihre Zukunft zerstört habe. Sie sagt: »Ohne dich wäre ich Fotomodell oder Ärztin geworden. Und was bin ich nun? Die Frau des Hauswarts.« Ich erfahre auch: Meine Ankunft hat verhindert, dass Mutter Geld verdienen und die Eltern sich eine Wohnung mit Heizung leisten konnten. In ihrem ersten Daheim fehlte sogar ein Tisch, sodass sie das Essen auf dem Fußboden sitzend einnehmen mussten. Meine Schuld an ihrer Armut und ihren unerfüllten Träumen wiegt für Mutter offenbar schwer, während Vater hochfliegende Pläne hegt, die jedoch alle unerfüllt bleiben.
18. Februar 1976
Als ich sechsjährig bin, ziehen wir erneut um – nach Greifensee. Die Eltern arbeiten nun beide, ihr Sozialleben findet im einzigen Restaurant der Umgebung statt. Wir leben in einer Göhner-Siedlung: Die riesige Landschaft aus vorfabrizierten Bauelementen im Stil von Plattenbausiedlungen gefällt mir sehr gut, das Optische deprimiert mich keineswegs. Ich sehe Grünflächen, Spielplätze, Sitzgelegenheiten, Kinder, junge und alte Menschen und blicke an manchen Tagen nun bis an den Rand des Horizontes. Ich besuche die Primarschule und bin eine gute Schülerin. Meine Eltern sind stolz, denn obwohl sie alle Studierten hassen, halten sie Bildung paradoxerweise für das höchste Gut der Menschheit. Freizeitaktivitäten hingegen und neue Erziehungsansätze, die es den Kindern erlauben, eine eigene Meinung oder Wünsche zu formulieren, titulieren sie als lächerliches Getue von pädagogischen Dummköpfen, die sie im linksradikalen Milieu orten.
Bestrafungen sind in unserer Familie häufig. Ein trotziger Blick, Widerworte, eine Träne, die zum falschen Zeitpunkt über die Wange kullert, führen zu Sanktionen. Hausarrest ist dabei kein Thema. »Verschwinde«, sagt Mutter, worauf ich sofort die gelben Gummistiefel anziehe. Ich verbringe Stunden und Tage im Freien. Bei Wind und Regen sitze ich in der Betonröhre, die zum Spielplatz gehört. Niemand sucht nach mir, niemand erlaubt die Rückkehr. Den Fragen fremder Erwachsener weiche ich aus, für mich ist diese Situation normal und kein Grund zur Aufregung. Bald weiß ich, wann der günstige Zeitpunkt gekommen ist, um ins Haus zu schleichen. Es liegt dann etwas in der Luft, eine Schwingung, ein Duft, ein Klang. Vielleicht weiß ich auch einfach nach Nachmittagen und Abenden, an denen nur vordergründig nichts geschieht, der Himmel seine Farbe verändert, Vögel zwitschern und verstummen, Ameisenstraßen eine nie enden wollende Unterhaltung bieten, die Katze vor dem Hund flüchtet, der Hund vor seinem Meister und mein Notizheft sich mit neuen Schilderungen füllt, dass ich zurückkann – und auch muss.
Stillschweigend und als wäre nichts gewesen, setze ich mich an den Tisch und warte darauf, dass mir Vater einen Stoß versetzt oder mich an den Haaren zupft. Abneigung zu äußern, fällt meinen Eltern nicht schwer, sie können auf eine breite Palette von Anschuldigungen und hässlichen Wörtern zurückgreifen. Was ich lange Zeit als normal betrachte, empfinde ich erst viel später als eigenartig: Wenn Vater seine Zuneigung oder Versöhnlichkeit kundtun will, rempelt er mich an, stellt mir ein Bein, zwickt mich heftig oder versetzt mir mit der Hand Schläge von unterschiedlicher Härte.
Gleichzeitig entwickeln sich meine Eltern zu Tierfreunden. Im Kinderzimmer pflege und füttere ich Streifenhörnchen, Reptilien und aus dem Nest gefallene Vögel. Mit ihnen lebe ich Fürsorglichkeit und andere positive Gefühle aus, vor allem aber ermöglichen mir die Tiere die Flucht in eine andere Welt. Vater, der gern Polizist geworden wäre, führt mit der neuen Schäferhündin Hilla ein diszipliniertes Arbeitstraining im Freien durch, zu dem er mich bald mitnimmt. Die Zuneigung der Eltern zu den Tieren empfinde ich als echt, wenn auch als dominant. Sie und leider viele Tierfreunde schieben anderen Menschen die ganze Schuld an ihren Enttäuschungen und Misserfolgen in die Schuhe, ohne ihre eigenen, meist mangelhaften Sozialkompetenzen zu hinterfragen. In den Tieren dagegen finden sie widerspruchslose Gefährten, die ihnen gehorchen und ihr Selbstwertgefühl steigern. Deren eigene Bedürfnisse stehen aber oft erst an zweiter oder dritter Stelle.
Für anderes bin ich den Eltern rückblickend dankbar: Von Gefühlsduselei im Umgang mit Hund, Katz und Maus halten sie nichts. Schauen wir uns zusammen einen Tierfilm an, darf ich das Zimmer nicht verlassen, wenn der Löwe die Babygazelle reißt. »Das ist Natur«, lautet das Argument meines Vaters, und Heulen ist auch nicht erlaubt.
Dass unsere Schäferhündin verunfallte, ist der Auslöser für eine Geschäftsidee, von der sich mein Vater persönlichen Erfolg verspricht. Erst nach zwei Stunden und unzähligen verzweifelten Telefonaten fand sich ein Fahrer, der bereit war, das stark blutende und schwer verletzte Tier zu transportieren. Die berechtigte Annahme, dass es immer wieder zu solchen Situationen kommt, wenn Haustiere angefahren oder auf andere Art verletzt werden, lässt meine Eltern die »Veterinärambulanz« gründen, die sie später unter dem Namen »Tierambulanz« weiterführen.* Dieses unausgegorene Projekt gerät zur Obsession meines Vaters: Er will schweizweit flächendeckend die Bergung verunfallter und verletzter Tiere garantieren und daraus ein florierendes Business machen. Da er kein Geschäftsmann ist, von einer strukturierten Betriebsführung nicht nur keine Ahnung hat, sondern eine solche auch für überflüssig hält, wird dieses Ziel unerreichbar bleiben. Der Pikettdienst findet neben dem Telefon im Wohnzimmer statt, und anfänglich muss rund um die Uhr ein Mitglied der Familie auf nur sehr selten eingehende Meldungen warten. Bis die ersten Mobiltelefone auf den Markt kommen, dauert es noch Jahre, und erst viel später erleichtern Umschaltkasten und Pager diese Aufgabe.
Bald bin ich in die Arbeit eingebunden und übernehme den nächtlichen Telefondienst für unseren Kanton bis 23 Uhr und oft auch bis in die frühen Morgenstunden. Erhalte ich einen Anruf, benachrichtige ich die nun im Schichtbetrieb arbeitenden Eltern oder leite selbst das Nötige in die Wege, damit einer der freiwilligen Fahrer an die genannte Adresse ausrückt. Oft übernächtigt, besuche ich am nächsten Morgen den Schulunterricht. Trotzdem liebe ich meine Arbeit: Als kleines Mädchen bin ich zusammen mit meinem Vater an vielen Rettungen beteiligt. Wir begleiten leidende Tiere zum Arzt, und bald darf ich auch bei medizinischen Interventionen dabei sein. Wenn die schwere Entscheidung getroffen werden muss, ein Tier von seinen Qualen zu erlösen, begleite ich es in seinen letzten Minuten.
Die Aufgaben, die ich im Rahmen der Tierambulanz übernehme, aber auch der Umstand, dass man mir viel zumutet und zutraut, prägen mich für immer. Früh sehe und erlebe ich Dinge, die manche Menschen vielleicht als ungeeignet für Kinderaugen bezeichnen würden. Tatsächlich gelange ich so zu einem Verständnis von Empathie, das für mich bis heute Gültigkeit hat. Das eigene Leid, das man beim Anblick schwer verletzter, kranker, hungernder oder misshandelter Tiere empfindet, möchte man sofort ausschalten, indem man es nicht in die Seele dringen lässt, sich zurückzieht, wegschaut, wegläuft. Meine Kindheit lehrte mich – und dafür bin ich den Eltern ebenfalls dankbar –, dass echtes Mitgefühl mit dem Willen verbunden sein muss, die Probleme, die das Leid verursachen, an den Wurzeln zu packen, ungeachtet des eigenen Schmerzes. Zu meinem kindlichen Alltag gehört es, dass Lebewesen krank werden, verunfallen, sterben. Und früh weiß ich, dass nichts für die Ewigkeit ist. In Verbindung mit der wachsenden Angst, von jenen abhängig zu sein, die mich offensichtlich nicht lieben, wächst in diesen Jahren mein Bedürfnis nach Autonomie. Mich heimatlos zu fühlen, eröffnet mir dabei neue Chancen: Ich richte in meinem Herzen früh ein Zuhause ein, das weniger mit einem Land oder einer Familie zu tun hat als mit mir selbst, mit meinen Überzeugungen und Handlungen und später auch mit Menschen, die zu mir passen.
* 1999 wurde ein neuer Tierambulanz-Verein gegründet, der heute noch tätig ist, aber weder mit meinem Vater noch mit mir etwas zu tun hat.
14. Juli 1981
Zu Weihnachten habe ich einen Hamsterkäfig erhalten, der 99 Franken gekostet hat. Ich bin überglücklich, denn nun kann sich Poldi auf fünf verschiedenen Ebenen vergnügen. In Aussicht gestellte Familienausflüge scheitern jetzt meist mit dem Blick in ein Portemonnaie, das leer ist und auch leer bleiben wird, und unsere Mahlzeiten sind zunehmend einfach und billig. Doch das stört mich nicht, denn meinem Kleintierzoo, den ich im Kinderzimmer unterhalten darf, fehlt es an nichts. Die Affären meines Vaters hingegen und die immer heftiger werdenden Streitigkeiten der Eltern schockieren mich nachhaltig. Was enden müsste, kann nicht enden, denn im nächsten Augenblick versöhnen sich die beiden, vereint in der Abhängigkeit und in gemeinsamen Feindbildern. Jene Menschen, die Karriere machen, zufriedene Beziehungen unterhalten, fähig sind, persönliche Probleme zu analysieren, um mögliche Verbesserungen oder zumindest Entscheidungen herbeizuführen, verabscheuen sie ebenso wie jene, die über ein differenziertes Weltbild verfügen.
Offenbar stehen Mutter und Vater auch bei verschiedenen Gläubigern in der Kreide, was dazu führt, dass wir die Siedlung und jene Menschen, die zu verlässlichen Bezugspersonen geworden sind, nach sechs Jahren verlassen müssen. Diesmal muss der Wegzug geheim gehalten werden. Gegenüber meinen Freundinnen fühle ich mich wie eine Verräterin, aber ich halte dicht, aus Angst vor der angedrohten Strafe des Vaters. Dieser Neuanfang ist eine schmerzhafte Trennung von allem, was ich nicht verlassen will, und der Abschied ist schlimmer als die bisherigen.
Wir beziehen eine winzige Wohnung in Uster. Schulisch bin ich den Mitschülern weit voraus. Bei den seltenen Besuchen, zu denen mich meine Kameradinnen einladen, sehe ich, dass die anderen Mädchen zu Hause auch keine Prinzessinnen sind – aber auf ihre Gefühle und Bedürfnisse wird doch Rücksicht genommen. Meine Eltern sind mit sich selbst und ihrem Wunschkind beschäftigt. Aber die Nichtbeachtung, die Bedeutungslosigkeit meiner Person hat ebenfalls nicht nur negative Folgen. Schon früh weiß ich: Ziele können schneller und besser erreicht werden, wenn man sich den einzelnen Aufgaben ohne Ablenkung durch die eigenen Emotionen widmet. Als Kind nutze ich die bereits vorhandene Kraft, um in der Einsamkeit meiner Familie zu überleben.
30. Dezember 1983
Der Aufenthalt in Uster ist ebenfalls von kurzer Dauer. Zwei Jahre später landen wir in Zürich Affoltern. Die Wohnsituation wird von Umzug zu Umzug prekärer. Diesmal finden wir uns in einem baufälligen Häuschen ohne Bad und Dusche wieder. Die einzige Wärmequelle, ein alter Holzofen, befindet sich im Wohnzimmer. Aus Decken und Pullovern schaffe ich den Tieren wärmende Plätze. Ich selber schlafe in den Kleidern, die ich auch tagsüber trage, schlüpfe in meinen Schlafsack und ziehe mir die Decke über das Gesicht. Zu meinem Vater habe ich als junges Mädchen zeitweise ein gutes Verhältnis. Zusammen stellen wir Fallen auf, um verwilderte Katzen einzufangen und kastrieren zu lassen. Vater erklärt mir, dass weibliche Tiere ein besseres Leben verdienen, als jedes Jahr Nachwuchs produzieren zu müssen, der in den wilden Kolonien für Hungersnöte sorgt. Verbundenheit erfahre ich, wenn wir uns in moralischen Fragen einig sind, es als respektloses Verhalten empfinden, wenn ein schwer verletztes Tier von einer Veterinärmedizinerin in grober Art und Weise getötet wird. Tränen vergießen wir nicht, dafür erstatten wir Anzeige beim entsprechenden Amt. Meinen Vater sehe ich zu diesem Zeitpunkt als Pionier. Vor allem sein unermüdliches, wenn auch erfolgloses Engagement für die Tierambulanz führt dazu, dass er vorübergehend zu meinem Helden wird.
Die Eltern führen ihre Hassliebe fort. Es kommt zu unglaublichen Szenen. Was noch schlimmer ist: Ab dem frühen Teenageralter figuriere ich als Klagemauer meiner Mutter, die mich tagtäglich mit ihrer Bitterkeit und vielen Details zu den frivolen Aktivitäten meines Vaters bedrängt. Aus dieser neuen Rolle gibt es kein Entkommen, auch weil mir als Zuhörerin zum ersten Mal Aufmerksamkeit geschenkt wird. Bewunderung und Zuneigung für meinen Vater gehen mit den Tiraden meiner Mutter verloren. Im Nachhinein sehe ich im plötzlichen mütterlichen Vertrauen eine bewusste Strategie, mich dem Vater zu entfremden.
Nachdem sie mir jahrelang vorgerechnet hat, welche horrenden finanziellen Kosten ich verursache, wie unerwünscht und mühsam meine Existenz sei, findet sich im Teenageralter ein neues Thema, das für persönliche Angriffe sorgt. Ob ich hübsch bin oder nicht, damit befasse ich mich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Meine blühende Jugend provoziert jedoch meine auf Äußerlichkeiten geradezu fixierte Mutter. Ich weiß nicht, wie oft sie mich in den folgenden Jahren hässlich schimpft und in Gegenwart Fremder lachend zu Verschönerungsaktionen mittels Haarfärbemittel und Schminkkasten auffordert. Für mich ist es eine Tatsache, dass ich nie einen Schönheitswettbewerb gewinnen würde, und verhalte mich auch lange Zeit entsprechend. Dass man sein Äußeres optimieren muss, wenn man damit Vorteile erreichen will, lerne ich erst viele Jahre später. Aber im Gegensatz zu meiner Mutter, die mit dem schönen Lippenschwung und attraktiven Körpermaßen Währungen wie Aufmerksamkeit und Bewunderung verbindet, interessiert mich etwas anderes. Heute sage ich nur halb im Scherz: »Meinen langen blonden Haaren verdanken Tausende von Tieren ein besseres Leben.«
3. März 1985
Ich bin ein angepasstes Kind, funktioniere so, wie man es von mir erwartet, komme den Befehlen nach, die man mir erteilt, und auch als Jugendliche zettle ich keine Revolution an. Ich trage »Rüeblihosen«, schmale Lederkrawatten und doppelt um die Hüften geschlungene Gürtel – das sind die einzigen modischen Highlights, an die ich mich erinnere. Ich konsumiere keine Drogen, gehe an keine Demos, bin ein Fan von klassischer Musik. Als ich mir zum Geburtstag eine Kassette von Beethoven wünsche, erhalte ich eine Aufnahme von Mozart. Im ersten Moment reagiere ich enttäuscht. Meine Mutter sagt: »Das ist das Gleiche wie Beethoven.« Bald mag ich auch Mozart und finde mich damit ab, dass ich aus einem bildungsfernen Milieu stamme, dessen Mitglieder aus unerfindlichen Gründen haarsträubende Einschätzungen zu kulturellen und intellektuellen Themen abgeben, sehr selbstbewusst notabene.
Stolz bin ich, dass ich es trotz der suboptimalen Verhältnisse zu Hause ins Gymnasium schaffe. Die Ausgaben für Schulbücher und auswärtige Mahlzeiten bleiben eine große finanzielle Belastung und bestimmen zusammen mit meinem Aussehen die nun weiblich dominierte Diskussion; Vater ist nach einem riesigen Eklat endlich ausgezogen. Der Kontakt zu ihm reißt in den folgenden Monaten ab, die Tierambulanz führt er allein weiter. Zum ersten Mal in meinem Leben verfüge ich über genügend Zeit für den Schulstoff. Die Studienrichtung steht bereits fest: Ich möchte Tierärztin werden. In der Freizeit widme ich mich meiner neuen Liebe, einem Pferd, das die Eltern in einem Anfall von Großzügigkeit kurz vor dem Zerwürfnis angeschafft haben. Ob Vater anwesend ist oder nicht, ändert nichts an Mutters Verfassung. Sie bleibt zänkisch und frustriert über ein Leben, das ihr nicht einfach schenkt, was sie will.
Mein erster Freund ist bereits berufstätig, lebt in einer eigenen Wohnung und würde mich jederzeit aufnehmen, lasse ich meine Mutter nach einer heftigen Auseinandersetzung unüberlegt wissen. Diese Ankündigung missfällt ihr ebenso wie andere Bemühungen, mich aus ihrem Bann zu befreien. Fortan wird mir gedroht, wobei unmissverständlich das Wohl meiner Tiere auf dem Spiel steht. Ich verhalte mich erneut den Wünschen entsprechend, befolge Anweisungen und Verbote genau. Da ich den ganzen Tag außer Haus verbringe, bin ich in jeder Hinsicht erpressbar und kann furchtbare Bestrafungen nicht verhindern, die meine Eltern – sie haben sich bald wieder zusammengerauft und Vater ist zurückgekommen – gemeinsam zu verantworten haben. Einmal gibt mir Mutter unwillig die seltene Erlaubnis, am Abend an der Abschiedsfeier unserer Französischlehrerin teilzunehmen. Als mich Vater wie verabredet um 23 Uhr an der Busstation abholt, erklärt er mir beiläufig, dass sie meinen geliebten Hund – jung und gesund – Stunden zuvor einschläfern ließen. Dies bricht mir das Herz und erstickt den letzten Rest familiärer Zuneigung.
Die langen Jahre, die ich als Studentin noch in diesem Haus verbringen müsste, erscheinen mir zunehmend als Tortur, der ich nicht standhalten kann. An meinem sechzehnten Geburtstag treffe ich die Entscheidung, das Gymnasium im dritten Jahr abzubrechen, eine Lehrstelle zu suchen und danach so schnell wie möglich in eine eigene Wohnung zu ziehen. Als ich diesen Plan in die Realität umsetze und ausziehe, informiert mich Mutter eine Woche später ohne Vorwarnung, mein Pferd, das ich frühmorgens und abends hege und pflege, sei tot. Sie hat es einem Metzger verkauft. Um mir zusätzlich Qual zu bereiten, erzählt sie, wie sehr sich das Tier beim Verladen in den Transporter gefürchtet habe.
7. März 1988
In den Jahren nach der kaufmännischen Lehre verbringe ich zum ersten Mal eine Phase mit nur wenigen Tieren. Ich wünsche mir eine verbindliche Beziehung, sehne mich nach Zugehörigkeit. Eine Familie zu gründen, wäre mein Traum. Doch in meiner Kindheit hat sich offenbar ein Freiheitsbedürfnis herausgebildet, vielleicht auch bereits eine innere Unabhängigkeit, die dazu führt, dass ich den Sinn einer eheähnlichen Gemeinschaft nicht sehen kann, nicht in den Aufgaben, die damit verbunden sind, nicht in den Verpflichtungen. Und bald auch nicht mehr in den damit verbundenen Freuden, die unvermeidbar in einer Katastrophe enden müssen, wie das Beispiel meiner Eltern zeigt. Nicht das Ende, vielmehr der Weg zu diesem mir unausweichlich erscheinenden Ausgang ist traumatisch. Auch das Nomadenleben und die vielen Neuanfänge und Abschiede, so realisiere ich, sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Es ist für mich zwar eine wunderschöne Vorstellung, sesshaft zu werden, mit zueinanderpassenden Kaffeetassen, mit hübschen Möbeln, mit gemeinsamen Freunden, die man am Samstagabend trifft, mit einem Waschtag und rechtzeitig gebuchten Wanderferien in den Bergen. Aber es ist mir unmöglich, ein solches Leben zu führen.
Nach der Lehrzeit versuche ich die Illusion zu erzwingen: Ich besuche die Abendschule, kehre mit gefüllten Einkaufstaschen nach Hause zurück, koche ein feines Essen, sitze mit meinem Freund auf dem Balkon, winke den Nachbarn zu. Wir trinken ein Glas Wein, und schlagartig weiß ich, dass es so nicht weitergehen wird. Bereits befinde ich mich in einer Krise. In Anbetracht meiner Jugend ein rätselhafter Umstand, von dem ich niemandem zu erzählen wage. Auch meine Undankbarkeit in Bezug auf einen festen Job und einen Mann, der mit mir zusammen die Zukunft plant, beschämt mich. Fehlen mir die Tiere? Nein, eigentlich nicht, und doch denke ich während dieser Phase, in der ich Unruhe und Leere verspüre und gleichzeitig weiß, dass ich etwas Sinnvolles tun und eine erfüllende Aufgabe finden möchte, über jene nach, die zu meinem Alltag gehörten, seit ich denken kann: Tiere sind treue Freunde. Sie verzeihen viel. Sie eröffneten mir als Kind den Zugang zu einer Welt mit verbindlichen und gerechten Regeln. Boten Ablenkung, vermittelten Trost. Sie brauchen keine Erklärungen, sie verstehen mich, ohne mein Innenleben erforschen zu wollen.
29. Juni 1991
Mutter kann ich die Tötung meiner Tiere nicht verzeihen, und auch zu Vater habe ich viele Jahre keinen Kontakt. Die beiden sind längst wieder getrennt. Doch Anfang der Neunzigerjahre raufen sie sich erneut zusammen, und bereit, ihrer Hassliebe abermals eine Chance einzuräumen, leben sie bald wieder gemeinsam unter einem Dach. Die Befreiung aus dem belastenden Umfeld habe ich in den vergangenen Jahren zwar als Wohltat empfunden, und doch spüre ich beim Gedanken an ein nun bevorstehendes Zusammentreffen Freude und Hoffnung. Vielleicht wird die Zukunft die schwierige Vergangenheit irgendwann verblassen lassen? Auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, auf der Suche nach Sinn und Erfüllung erkenne ich in der Rückkehr meines Vaters bald auch eine Möglichkeit für mich. Verletzten und heimatlosen Tieren zu helfen, wird zu einer Lebensperspektive.
Die Tierambulanz dümpelt zu diesem Zeitpunkt mehr schlecht als recht vor sich hin, vieles liegt im Argen. Das war schon immer so, doch nun verfüge ich aufgrund meiner kaufmännischen Ausbildung und der Weiterbildung über ein solides Fundament, um den Betrieb mit Vater zu professionalisieren. In den folgenden Jahren führen wir mit bescheidenen Mitteln vieles zum Erfolg, was zuvor nicht gelungen ist. Die Reorganisation erhöht die Effizienz und festigt unseren Ruf bei den Spendern. Vater erledigt von zu Hause aus die Büroarbeit und kümmert sich um den Aufbau eines funktionierenden Netzwerkes. Im Alltag verläuft noch vieles ungeordnet, spontan und improvisiert: Da es an Personal fehlt, arbeite ich fünfzehn Stunden pro Tag an der Front, koordiniere auch alle nächtlichen Rettungseinsätze, die ich in den meisten Fällen gleich selbst durchführe, und stehe morgens um sieben Uhr wieder im Büro, um die laufende Administration zu erledigen. Ich entwickle mich zu einem eigentlichen Workaholic, doch die Fortschritte sind ermutigend, meine Motivation ist groß, und der Einsatz wird mir nie zu viel. Im Gegenteil: In diesen Jahren erlebe ich zum ersten Mal eine berufliche und persönliche Erfüllung, die alles andere vergessen macht. Ich ahne, was Glück bedeuten kann.
20. Februar 1992
Ich kenne jedes Tier, das in unsere Obhut gelangt. Heute habe ich drei Frösche gerettet, zwei Auerhähne sowie eine weiße Friedenstaube, die einem Radiosender in einem durchlöcherten Karton als Geschenk zugeschickt worden ist. Am Nachmittag gelangt ein neugeborenes Hundebaby in unsere Obhut: ein Mädchen! Das winzige Wesen ist etwa drei bis fünf Tage alt und sieht einfach umwerfend aus. Nach zehn Tagen öffnet es die Augen, bald darauf wachsen winzige Zähnchen. Es jammert viel und entwickelt einen großen Bewegungsdrang. Wie viele andere Jungtiere ziehe ich auch Chiara mit der Flasche auf: Sie meldet sich, wenn sie gefüttert werden will, was alle zwei bis drei Stunden der Fall ist. Danach will sie eine Bauchmassage. Ich trage sie oft unter dem T-Shirt, damit sie meine Körperwärme spürt und – weil sie keine Wurfgeschwister hat – nicht allein ist. Zwischendurch liegt sie in ihrem Wäschekorb auf einem Heizkissen und präsentiert mit angezogenen Pfötchen bald ein wohlgenährtes Bäuchlein.
4. März 1992
Die dreiwöchige Chiara hat ein dunkelbraunes, wuscheliges Fell und schwarze, stecknadelgroße Augen, die neugierig und auch ein wenig ungläubig in die Welt blicken. Sie verhält sich in vielem wie ein Hundebaby, aber eben nicht in allem. Während andere darüber rätseln, welche Rassen sich bei diesem süßen Geschöpf wohl mischen, habe ich einen ersten Verdacht. Was ich wie der konsultierte Tierarzt offenbar verdrängt habe, kann ich nun nicht mehr ignorieren. Noch behalte ich für mich, dass es sich bei Chiara wahrscheinlich nicht um einen Hund handelt, beobachte sie nun aber umso aufmerksamer. Tage später bin ich mir sicher: Wir ziehen einen jungen Fuchs auf. Ich bin am Boden zerstört, denn der Gesetzgeber ist in diesem Fall eindeutig: Wildtiere, darunter auch Füchse, dürfen nicht gezähmt und somit auch in einer Notlage in jungem Alter nicht gerettet werden. Fuchswelpen werden häufig mit Hundewelpen verwechselt und deshalb fälschlicherweise geborgen. Ich studiere die entsprechenden Paragrafen genau und ziehe einen Juristen bei. Es kommt noch schlimmer: Wir sind dazu verpflichtet, Chiara zu euthanasieren. Nach reiflicher Überlegung gelange ich zum unorthodoxen Schluss, die Existenz des Findelkindes vorerst geheim zu halten.
Ob die Mutterfüchsin überfahren oder auf andere Weise getötet wurde oder ob sie mit ihren Jungen in einen anderen Bau gezogen ist und Chiara nachholen wollte: Wir werden es nie erfahren. Am liebsten möchte ich sie für immer bei mir aufnehmen. Doch ich weiß, dass dies nicht sein darf. Wildtiere können in Gefangenschaft nicht glücklich werden, egal, wie viel Fürsorge und Liebe sie erfahren. Sobald Chiara von der Flasche entwöhnt ist, müssen wir sie auch von den Menschen entwöhnen, denn Wildtiere müssen scheu bleiben, um in der Natur überleben zu können. Wir finden glücklicherweise einen Profi, der Chiara übernimmt und im geeigneten Umfeld, also weit weg von menschlichen Siedlungen, an das Leben in der freien Natur vorbereiten wird. Dass sie bald ein artgerechtes Dasein führen darf, ist für mich ein Trost, und doch fehlt mir mein Füchslein jeden Tag.
18. Januar 1993
Ich erhalte den aufgebrachten Telefonanruf eines Hauswartes. Er meldet den Fund eines Meerschweinchens, das er lebend aus den Tiefen eines Abfallcontainers geborgen hat. Wie üblich bringen wir das Tier in unsere Obhut, waschen ihm die Parasiten und den Müllgestank aus dem Fell und setzen das verstörte Fellknäuel in einen mit Stroh gepolsterten Käfig. Der Fall entpuppt sich als komplex, denn Tage später meldet sich eine Frau auf dem Sekretariat. Sie behauptet, das Tier – Mimi – gehöre ihr. Die Beschreibung, die sie abgibt, passt: strubblig, weiß, mit braunen Pfötchen. Auf meine Frage, warum Mimi in einem Abfallcontainer gelandet sei, antwortet sie, das Tierchen habe leblos und bereits erkaltet im Käfig gelegen. Sie verdrückt ein paar Tränen und will ihren Liebling sofort abholen.
Mittlerweile verfüge ich über einen siebten Sinn für Lügengeschichten; ich glaube ihr nicht und vertröste sie auf den nächsten Tag. Bei den folgenden Abklärungen erfahre ich, dass bereits einmal ein gesundes Tier dieser Familie in einem verschnürten Kehrichtsack entsorgt worden ist, der putzige Nager sich allerdings mit einem beherzten Biss in die Plastiktüte befreien konnte und zum Erstaunen der Nachbarschaft wenig später quietschlebendig auf dem Gehweg vor dem Haus saß. Tage später führe ich ein Gespräch mit dem Ehemann der offenbar alkoholkranken Frau, schildere ihm weitere Ergebnisse meiner Recherchen, die auch auf eine unhygienische und nicht artgerechte Haltung hinweisen, und stelle ihm eine Anzeige und den Antrag auf ein Tierhalteverbot in Aussicht. Wie so oft, wenn wir missliche Zustände aufdecken und mögliche Sanktionen erwähnen, wird es ungemütlich. Verbale Ausfälligkeiten, juristische Klagen, das Einschalten von Medien und sogar Handgreiflichkeiten gehören zum Job, und man droht mir auch unzählige Male mit Mord und Totschlag. In diesem Fall endet die Unterhaltung mit den Worten: »Ich bin Jurist – dich mache ich fertig!« Tatsächlich erreicht uns bald Post vom Anwalt. Beim weggeworfenen Meerschweinchen handle es sich nicht um Mimi. Sondern? Um ein der Familie unbekanntes Lebewesen. Ich frage mich, warum das Ehepaar denn überhaupt ein Meerschweinchen vermisst, doch das sind müßige Überlegungen. Die eingeschaltete Behörde, in diesem Fall das Statthalteramt Zürich, kommt Wochen später zum Schluss, dem Ehepaar sei nichts vorzuwerfen, sie dürften auch in Zukunft Tiere halten. Die Frau wird allerdings aufgrund unserer Anzeige mit einer Geldstrafe belegt und erhält obendrein die Weisung, tote Tiere künftig in der Kadaversammelstelle zu entsorgen. Mimi wird selbstverständlich nicht abgeholt und kann später an einen neuen, geeigneten Besitzer vermittelt werden.
Es gibt Menschen, die den Aufwand für solch komplexe Aktionen, die viel Zeit und Geld kosten, als übertrieben kritisieren: Ist doch nur ein Meerschweinchen. Für diese Argumentation habe ich kein Verständnis. Das Sozialverhalten von Meerschweinchen ist so komplex wie das von großen Tieren, und sie verfügen auch über ähnliche Gefühle. Doch die Geschichte von Mimi ist nur die Spitze des Eisberges. Bei den Kleintieren, darunter vielen Nagern, handelt es sich um Lebewesen mit schlechten Karten. Kräftemäßig sind sie ihrem Halter immer unterlegen, und da es ihnen an mimischen wie an akustischen Ausdrucksmöglichkeiten weitgehend fehlt beziehungsweise diese nur mit Sachverstand erkennbar sind, wird ihr Leid oft übersehen. Auch die soziale Kontrolle ist bei den Kleintieren gering: Fehlt irgendwo plötzlich ein Hund, wird das von der Umgebung normalerweise registriert, sichtbare Misshandlungen natürlich erst recht. Bei Mäusen, Ratten, aber auch bei vielen Reptilien und Vögeln fallen schlechte Haltung, Quälereien und plötzliches Verschwinden meist nicht auf, die Dunkelziffer an Missständen – da bin ich mir sicher – ist in diesem Bereich riesig. Ganz besonders gilt das für sogenannte Streicheltiere, die aus einer Laune heraus angeschafft werden, in der Haltung jedoch recht anspruchsvoll sind. Obwohl wir seit einiger Zeit Informationskampagnen durchführen, hoppeln noch immer jedes Jahr zur Osterzeit Tausende von Langohren durch Schweizer Kinderzimmer. Oft sind sie schon wenige Monate später uninteressant, wie die Abgabe der herzigen Häschen zu Hunderten in den Tierheimen zeigt. Auch zoologische Gärten können sich über den Nachschub nicht beklagen: Sie verfüttern die abgeschobenen Ostergeschenke an die Schlangen. Die pädagogischen Absichten der Eltern sind in solchen Fällen offenbar schnell vergessen: Anstelle von Verantwortungsgefühl wird dem Nachwuchs nun etwas anderes vermittelt: Sobald einem ein Lebewesen verleidet ist, kann man es weggeben – oder einfach wegwerfen.
22. März 1993
Die Tierambulanz ist rund um die Uhr besetzt. Wer Pikett hat – im Normalfall bin ich es –, arbeitet tagsüber und schläft nachts selten durch. Verletzte, verunfallte, entlaufene und ausgesetzte Tiere gelangen zu jeder Tages- und Nachtzeit zu uns. Jeden Monat bergen wir Dutzende von ihnen, versorgen und betreuen sie in unserem provisorischen Tierheim und versuchen, sie an neue Halter zu vermitteln. Die physischen und psychischen Leiden mancher Schützlinge rauben mir hin und wieder den Schlaf. Im Dämmerzustand lasse ich jene Fälle Revue passieren, die später auch unsere Öffentlichkeitsarbeit bestimmen und entsprechende Informationskampagnen bewirken werden.
Nun reißt mich ein schrilles Klingeln aus dem Halbschlaf. Ein Rauhaardackel, so teilt mir die Polizei mit, hat drei Tage lang neben seinem toten Herrchen ausgeharrt und bedarf nun dringend der Hilfe. Sein Besitzer, ein 68-Jähriger, der Opfer eines Mordes wurde, lebte in einem Haus im Zürcher Kreis 5 und soll, so wissen die gesprächigen Nachbarn zu berichten, mit zwielichtigen Figuren verkehrt haben. Obwohl alle Hausbewohner den als artig beschriebenen Dackel namens Lümmel kennen, der drei Tage lang laut gebellt, gescharrt und gewinselt habe, ist niemand auf die Idee gekommen, dass etwas nicht stimmen könnte. Oder sind eher mangelnde Zivilcourage, Gleichgültigkeit oder Faulheit schuld daran, dass keiner aktiv wurde?
Nichts hören, nichts sehen, nicht reden: Mit diesem Verhalten sind wir im Alltag immer wieder konfrontiert. Zwinger in Passantennähe, in denen tobende Tiere auf kleinstem Platz hausen, ohne je ins Freie zu gelangen, aber auch Mietwohnungen, in denen Dreck und Müll kniehoch stehen und Dutzende von Tieren dahinvegetieren, können durch das Umfeld ebenso wenig unbemerkt bleiben wie ein auf der Hundewiese spielender Cockerspaniel, der wiederholt schwere Verletzungen aufweist, die eindeutig auf Misshandlungen hinweisen. Erst kürzlich haben wir eine geschwächte Mischlingshündin geborgen, die nur dank dem beherzten Eingreifen eines Kindes gerettet werden konnte, nachdem die Nachbarn Tag für Tag an dem verlassenen und irgendwo draußen angebundenen Tier vorbeigegangen waren.
Im Fall von Lümmel alarmierte schließlich ein genervter, weil in seinem Ruhebedürfnis gestörter Anwohner die Polizei. Drei Tage lang ohne Nahrung und Wasser, ist die Dackeldame am Ende ihrer Kräfte, als sie in unsere Obhut gelangt. Die Schlagzeile der Boulevardzeitung – »Nur der Dackel kennt den Mörder« – ist richtig. Vermutlich musste Lümmel die Gewaltorgie, bei der ihrem Besitzer der Schädel eingeschlagen wurde, miterleben. Da ein traumatisiertes Tier verschiedene Störungen an den Tag legen kann, die sich oft erst zu einem späteren Zeitpunkt manifestieren, konzentrieren wir uns vorerst auf die gesundheitliche Versorgung unseres Schützlings.
Was wir auch bei anderen Hunden und Katzen feststellen, die aus quälenden Umständen befreit werden: Die Tiere erholen sich oft schnell, nicht zuletzt dank der neuen Sicherheit und dem menschlichen Wohlwollen. Andere Vierbeiner hingegen mit engen Bindungen leiden oft stark unter der für sie unverständlichen Trennung von ihrer Bezugsperson, die unter Umständen verunfallt ist, schwer erkrankt oder eben ermordet wurde. Lümmel scheint die Ereignisse allerdings gut überstanden zu haben, dackelt bestens gelaunt durch den Garten und vertilgt mehrmals am Tag eine XL-Portion Futter. Wir lassen es dem Dackel durchgehen, denn wir wissen: Lümmel ist in anderen Umständen. Bis zur Niederkunft genesen und gestärkt, bringt sie Wochen später sechs gesunde Welpen zur Welt, die wir – ebenso wie ihre tapfere Mutter – nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen an geeignete Halter vermitteln können.
7. Juli 1993
An diesem Mittwoch werden wir von der Polizei kontaktiert. Aufgrund eines Todesfalls erhalten wir den Auftrag, aus einer Dreizimmerwohnung im Kreis 4 in Zürich mehrere Katzen zu befreien und danach zu betreuen. Ich erkundige mich telefonisch: Um wie viele Tiere handelt es sich genau? Dreizehn. Die Vorstellung, dreizehn Katzen in unserem Tierheim unterzubringen, das in den Sommermonaten mit abgeschobenen Tieren überfüllt ist, bereitet mir Sorgen. In unserer Toilette schlafen bereits einige Katzen, in der winzigen Küche hat eine Mischlingshündin mit ihren acht Welpen Quartier bezogen.
Einmal mehr sind wir heute mit einem Fall von sogenanntem »animal hoarding« (»Tiersammeln«) konfrontiert. Als »Tierhorter« werden Menschen bezeichnet, die – meist aufgrund einer psychischen Störung – unzählige Tiere auf engem Raum halten, ohne die minimalen Haltungsbedingungen, wie Nahrung, Hygiene und tierärztliche Betreuung, gewährleisten zu können. Die desolaten Zustände werden oft über einen langen Zeitraum hinweg geheim gehalten und erst aufgedeckt, wenn die Halter in Spitalpflege kommen oder sterben. Manchmal handelt es sich bei diesen Menschen um sogenannte Messies, aber nicht immer. Erst kürzlich betraten wir die unmöblierte und klinisch saubere Wohnung eines jungen Mannes. Zwischen fein säuberlich aufgetürmten Konservendosen, die wie moderne Kunstwerke wirkten, tollten zwei Dutzend Streifenhörnchen. Bei Messies bewirkt das Unvermögen, sich von Material zu trennen – alten Zeitungen, leeren Bierflaschen sowie Abfällen aller Art –, dass sie die Zimmer einst geräumiger Wohnungen nur noch durch winzige Korridore erreichen. Bei jenen, die ihre krankheitsbedingte Sammelleidenschaft auf Tiere ausdehnen, steigt die Anzahl der Katzen, Meerschweinchen, Mäuse oder Ratten oft dramatisch, weil sich die Tiere unkontrolliert fortpflanzen. Die Betroffenen sind häufig der Meinung, ihre Schützlinge hätten ein wunderbares Leben, und befürchten, dass man sie ihnen stehlen will. Sie vom Gegenteil zu überzeugen, ist harte Arbeit und ohne psychologische Unterstützung meist nicht zu schaffen.
Es ist bereits nach Mitternacht, als wir den Einsatz in der besagten Wohnung beenden und die dreizehn scheuen Katzen im Tierheim unterbringen. Am nächsten Nachmittag klingelt das Telefon erneut. Ein Polizeibeamter informiert mich, dass sich weitere zehn Katzen in der Wohnung aufhalten, sie uns offenbar eine falsche Zahl genannt hatten. Zusammen mit dem freiwilligen Helfer Joe sitze ich Minuten später im Auto und trete beim Gedanken, dass die verbleibenden Tiere seit Tagen ohne Futter und Wasser sind, auf das Gaspedal. Als wir die Wohnungstür öffnen, blicken wir erneut in neugierige Katzenaugen. Mein Begleiter ist einer Ohnmacht nahe. Eine regelrechte Flohplage hat bereits die erste Suchaktion erschwert, die wir nun in der Küche fortsetzen. Die sommerliche Hitze ist unerträglich und verstärkt die Geruchsemissionen, die bei Joe Brechreiz provozieren. Mit einem Taschentuch vor Nase und Mund robbe ich erneut über den Teppichboden. Er ist mit Müll, dreckigen Kleidungsstücken, einem Gebiss und in Alufolie verpacktem Streichkäse bedeckt. Ich blicke wieder unter jedes Möbelstück, durchsuche jeden Abfallberg. Der ausgeprägte Sammeltrieb der Verstorbenen erschwert die Aktion, macht sie aber auch zu einer traurigen Angelegenheit.
Ganz unvermutet nimmt man bei solchen Einsätzen an einer fremden und oft tragischen Existenz teil, die oft von einer Sekunde auf die andere geendet hat. Ein plärrendes Radio, über der Stuhllehne hängende Kleidung oder ein Rätselheft auf dem Tisch mit der Brille daneben lassen erahnen, dass hier noch vor kurzem ein Leben stattgefunden hat. Es sind kleine Details, die Auskunft geben über Menschen, die physisch erkrankt, schwer verunfallt oder gestorben sind und deshalb nicht mehr für ihre Tiere sorgen können. Als wir bei diesem Einsatz den letzten Stubentiger dingfest gemacht haben, reißen wir die Fenster auf und atmen die kühle Nachtluft ein. Doch zum Schluss gibt es eine schöne Überraschung: Auf der Suche nach den Impfausweisen entdecke ich nebst säuberlich beschrifteten Papieren, die über den Gesundheitsstatus der Katzen informieren, auch eine Verfügung der Verstorbenen, wie ihre 23 Lieblinge nach ihrem Ableben in einem bestimmten Tierheim versorgt werden sollen. Ich versöhne mich endgültig mit der chaotischen alten Dame, die sehr ordentlich erledigt hat, was viele Tierfreunde im hohen Alter leider versäumen. Wir fahren in unser Office zurück und vernehmen beim Ausladen der Katzen ein lautes Meckern. Die Geiß Lisa – die nicht gerade wie ein frisch gebackener Apfelkuchen riecht – kommt zu dieser Uhrzeit spontan ebenfalls bei uns unter.
2. Oktober 1993
Nach zweijährigem Dauereinsatz mit Hunderten von geretteten und versorgten Tieren, vielen erfreulichen, aber auch traurigen Erlebnissen und Erfahrungen bin ich müde, erschöpft und offenbar auch gereizt: Als ich einmal die Beherrschung verliere und einen Besitzer anschreie, der sein extrem vernachlässigtes Tier bei uns abgibt, die Leine allerdings mitnehmen will und sich erkundigt, ob er nach den Sommerferien ein neues Tier aussuchen kann, fragt mich eine freiwillige Mitarbeiterin schüchtern, wann ich das letzte Mal in den Ferien gewesen sei. Ich erinnere mich an keinen Urlaub. Jetzt benötige ich eine Pause, und zwar dringend. Das Team ist unterdessen bestens eingespielt, in meiner Abwesenheit wird alles perfekt ablaufen.
Geplant ist ein unbezahlter Bildungsurlaub, mit dem ich mir einen lang gehegten Herzenswunsch erfülle. Seit langem interessiert mich die Ethologie, ein Teilgebiet der Biologie, das sich mit der Erforschung, Beobachtung und Analyse des Verhaltens von Tieren und Menschen befasst. Der Ethologe Erich Klinghammer gilt auf diesem Gebiet als internationaler Pionier. Bereits im Jahr 1972 gründete er im amerikanischen Indiana die Non-Profit-Einrichtung Wolf Park, die sich der wissenschaftlichen Forschung und der Ausbildung verschrieben hat. Im Wolf Park wird unter anderem das Verhalten von mit Menschen sozialisierten Wolfsrudeln beobachtet sowie ihr Jagdverhalten gegenüber Bisons. Die Lebensweisen und das Wesen von Wölfen und Hunden sind eng miteinander verbunden. Als ihre Vorfahren können die Raubtiere auch umfassende Einsichten in Bezug auf die bellenden Vierbeiner vermitteln und somit die Beziehungen entschlüsseln, die wir Menschen mit ihnen führen. Ich möchte mehr über ein Thema erfahren, das so viel mit meinen Lieblingstieren – allen hundeartigen Lebewesen – zu tun hat, und so bewerbe ich mich nach entsprechenden Weiterbildungen in der Schweiz für ein zweimonatiges Ethologie-Praktikum bei Professor Klinghammer.
Wochen später sitze ich im Flugzeug Richtung Indiana. Die folgenden Monate sind für mich eine Bestätigung von bereits angeeignetem Wissen, vor allem aber eröffnet sich mir eine neue Welt, in der ich praktische Erfahrungen sammeln kann. Es ist Herbst, der Indian Summer verwandelt die Bäume in farbenprächtige Kunstwerke, das Grün der endlos scheinenden Wiesen ist noch nicht verblasst, und über mir spannt sich ein strahlend blauer Himmel. Die Mitglieder des Hauptrudels sind mir bereits aus den Seminaren von Erich Klinghammer in der Schweiz bekannt: Obwohl Wölfe optisch an große Hunde erinnern, ist der Unterschied zwischen unseren Hausgenossen und den Wildtieren nicht zu unterschätzen. Ich muss mich zuerst an ihre laute und ausdrucksstarke Kommunikationsweise gewöhnen. Ständiges Winseln und Knurren gehört dazu, aber auch Körpersprache und Mimik sind viel variantenreicher als die von Hunden. Es trägt zur Arterhaltung von Wölfen bei, dass sie ernsthafte Auseinandersetzungen durch ihre ausgeprägten Möglichkeiten der Kommunikation zu verhindern wissen. Dabei könnten sie sich mit ihren riesigen Zähnen gegenseitig schwer verletzen, was aber selten geschieht.
Ich sitze vor dem Gehege und beschreibe mithilfe des Wolf-Park-Ethogramms die Verhaltensweisen des Hauptrudels. Wer zieht wann, aus welchen Gründen und wie stark den Schwanz ein? Wie verhält sich dabei der Rest des Körpers? Was sagt die Mimik aus? Die Kommunikation der Wölfe zeigt mir einmal mehr: Wer die Verhaltensweise eines Tieres entschlüsseln will, muss dazu nicht nur die Situation analysieren, in der es sich befindet, sondern auch die gesamte Körpersprache deuten. Um diese genau zu erfassen, ist ein geschultes Auge notwendig. Auch hier gilt: Übung macht den Meister. Ich habe tolle Lehrer, und bald darf ich – gemeinsam mit dem Wolf-Park-Team – das riesige Gehege betreten.
Hier gelten strikte Regeln. Die Tiere akzeptieren uns zwar in ihrem Umfeld, denn sie wurden von Menschen aufgezogen und sind dementsprechend sozialisiert, aber sie reagieren auf menschliche Verhaltensweisen natürlich wie Wölfe. Beutespiele etwa sind nicht erlaubt. Das spielerische Kämpfen um einen Ball mag mit Hunden witzig sein, Wölfe hingegen kennen kein Pardon – sie wollen gewinnen und lassen von einer Beute nicht mehr ab. Wer einen Fehler macht und bei einem Zusammentreffen einen für Wölfe begehrenswerten Gegenstand auf sich trägt, muss sich schnell etwas einfallen lassen. Ein Tauschgeschäft kann gut funktionieren, und so wechselt ein wertloses Taschentuch anstelle der Fotokamera friedlich seinen Besitzer. Rennen ist im gesamten Wolf Park verboten, und auch das Tragen von Parfüm steht für die, die das Gehege betreten dürfen, auf der schwarzen Liste. Natürlich werde ich als Neuling neugierig begrüßt und vom Alpharüden inspiziert. Es ist ein besonderes Gefühl, in die leuchtend gelben Augen eines Wolfes zu blicken und dann – wenn er es erlaubt hat – in sein dichtes Fell zu fassen. Hosen und Shirts müssen Beine und Arme bedecken, und mehr als einmal bin ich dankbar für diese Vorschrift: Immer wieder kommt es vor, dass mich ein Wolf am Arm festhält. Die Wolfszähne flößen mir keine Angst ein, wohl aber Respekt: Ich merke, wie unvorstellbar kräftig ein Wolfsgebiss ist, es hinterlässt jeweils große blaue Flecken auf meiner Haut. Ich möchte niemandem empfehlen, unbeschwert auf ein Wildtier zuzugehen, doch in meinem Fall geht unter den Augen der wachsamen Experten alles gut.
In den folgenden Wochen begleite ich die Wolf-Park-Pioniere bei der täglichen Arbeit, erhalte vertiefte Einblicke in notwendige und automatisierte Verhaltensmuster, die dem Überleben der Tiere dienen. Ich recherchiere in mehreren Bundesstaaten, spreche mit den Wildhütern verschiedener Nationalparks und gelange in Bezug auf das Zusammenleben mit Wölfen zu Einsichten, die das Bundesamt für Veterinärwesen in Hinblick auf die zu erwartende Wiedereinwanderung des Wolfes ebenfalls für interessant halten wird. Die Erkenntnisse in Indiana sind wertvoll, auch weil sie mit direkten Erlebnissen und Erfahrungen zusammenhängen, die über ein theoretisch angeeignetes Wissen hinausgehen und mein Verständnis von den Beziehungen zwischen Tieren und Menschen erhellen. Ich bin in meinem Element und genieße die stundenlange Beobachtung der Wildtiere in einer ruhigen Naturlandschaft ebenso wie die vielen Zusammenkünfte mit den verschiedenen Rudeln, von denen ich bald jedes Tier kenne.
Die Wölfe in Indiana akzeptieren uns als Besucher in ihrem Revier und als Sozialpartner. Dennoch bleiben es Raubtiere, die sich auch so benehmen. Dazu gehört, dass sie sich nicht unterwerfen, bloß weil sie von Menschenhand aufgezogen worden sind. Auch das ständige Testen des Gegenübers erfordert Wissen: Wer nicht fit und stark ist, muss mit entsprechenden Sanktionen rechnen. Aus diesem Grund lautet eine weitere Regel im Wolf Park: Ausschließlich gesunde Menschen dürfen das Gehege betreten. Gegen dieses Gesetz verstoße ich unbewusst und muss dafür bezahlen: Nach einer grippeartigen Erkältung inklusive Magenverstimmung bin ich schnell wieder auf den Beinen und begebe mich zusammen mit meinen Arbeitskollegen auf das Gelände. Sofort formieren sich einige Wölfe um mich, was ich als ungewöhnlich erlebe. Der Anführer, Chinook, ein grauer Rüde, der meine Anwesenheit bisher immer respektiert hat, steigt plötzlich an mir hoch und legt mir eine Pfote auf die Schulter. Was man als freundschaftliche Geste interpretieren könnte, ist keineswegs so gemeint. Mit diesem Verhalten prüft er meine Stärke, er testet aus, was er sich mir gegenüber erlauben kann. Glücklicherweise schätzen meine Teammitglieder die Situation sofort richtig ein und lenken die Wölfe so lange ab, bis ich mich aus dem Gehege zurückgezogen habe. Ich lasse mir die Überraschung und den Schrecken nicht anmerken und bespreche den Vorfall wenig später mit einem Leiter. Dieser fragt: »Bist du gesundheitlich wieder komplett hergestellt?« Tatsächlich ist mein Magen erneut unruhig, und mir ist heiß. Ich glaubte, physisch fit zu sein, doch die Wölfe haben meine Schwäche instinktiv bemerkt und es dem Alphatier überlassen, abzuklären, wie es um mich bestellt ist.
Die Wildtiere machen aus ihren Absichten kein Hehl, sie messen ihre Kräfte niemals ohne Grund. Schwäche hat zwar Sanktionen zur Folge, doch diese dienen – ähnlich wie wenn kranke oder verletzte Tiere aus dem Rudel ausgeschlossen werden – der Stärke und Sicherheit der Gruppe. Das Rudelverhalten der Wölfe wie ihre Kooperationsbereitschaft innerhalb der Gruppe lassen mich in der ländlichen Abgeschiedenheit von Indiana auch über die Menschen nachdenken. Als Tierschützerin mache ich ausgesprochen gute Erfahrungen mit loyalen Menschen, die in vielen Fällen uneigennützig agieren, doch ich lerne auch andere kennen, die ihre eigentlichen Ambitionen zu verschleiern wissen. Manche agieren subtil, andere nicht ohne Bösartigkeit, und meist den eigenen Interessen in die Hände spielend, werden die Gegner zu Fall gebracht. Dabei geht es um Machtansprüche und Imponiergehabe, und oft steht auch bei sogenannt guten Taten der Egoismus im Vordergrund.
Im Reservat wird auch mein intensives Interesse an der generellen Verhaltensforschung geweckt, die eng mit der Tierpsychologie in Verbindung steht. Beides verfolge ich nach meiner Rückkehr in einer mehrjährigen Weiterbildung. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Fünfzehn Jahre später werde ich in den Wolf Park zurückkehren. Wichtige Jahre liegen hinter mir, in denen viel geschehen ist. Mein Lieblingswolf Sokrates, mit dem ich mich eng verbunden fühlte, ist unterdessen verstorben. Doch als ich den Park betrete, ereignet sich etwas Wunderbares: Einer der Wölfe sucht sofort meine Nähe und verhält sich so zutraulich und freundlich, als würden wir uns schon ewig kennen. Wenig später erfahre ich: Es handelt sich um den Sohn von Sokrates, der die Beziehung zu mir so weiterführt, wie es sein Vater getan hat.
12. Februar 1994
Zurück in der Schweiz, bestimmt und erfüllt die Tierambulanz mein Leben weiterhin. Ich arbeite sieben Tage die Woche, den anstrengenden Tagen folgen intensive Nächte, in denen ich – ausgestattet mit den ersten Mobiltelefonen – die Notfallzentrale betreue und gleichzeitig als Notfallfahrerin im ganzen Kanton Zürich unterwegs bin. An manche Geschichten erinnere ich mich gern, an andere weniger. An diesem eisig kalten Februarmorgen erhalten wir von der Polizei den Auftrag, zwei schwarze Schäferhunde sowie diverse Zebrafinken und Zwerghamster aus einer Wohnung in Zürich zu bergen. Ein »Antrag auf Verfügen eines Tierhalteverbotes«, den ein ausgebildeter Tierpfleger verfasst und der an das kantonale Veterinäramt übermittelt wird, fasst zusammen, welche Situation wir antreffen und in welchem Zustand sich die Vierbeiner befinden: »Die Hunde zeigen gegenüber den Menschen und den Artgenossen schwerwiegende Verhaltensstörungen. Neues löst Angstreaktionen aus, die für das junge Alter charakteristische Neugierde sowie der Spieltrieb fehlen gänzlich.« Diese Beobachtungen legen den Schluss nahe, dass die Hunde in der Prägungsphase und während der wichtigen Sozialisierungszeit isoliert gehalten wurden und keinen oder nur minimalen Kontakt zur Außenwelt hatten. Nebst den psychischen Problemen sind sie deutlich unterernährt und stark verwurmt. Wir behandeln den Milbenbefall der Ohren, die entzündeten Augen, entwurmen und impfen die Jungtiere und behandeln viele kahle Stellen am ganzen Körper. Vitaminpräparate und Spezialfutter gehören ebenfalls zum Aufbauprogramm. Der Halter befindet sich in einer geschlossenen psychiatrischen Institution. Von dort aus bombardiert er uns tagtäglich mit Telefonaten. Herr Bolliger* behauptet, in seiner Wohnung seien durch Außerirdische elektrische Leitungen verlegt worden mit dem Zweck, die Hunde und ihn zu kontrollieren. Stunden später erzählt er von einem Besuch im Tierheim, der nie stattgefunden hat: Er sei sicher, dass seine Hunde bei uns im Rahmen von medizinischen Versuchen gequält würden. Diese Telefonate entwickeln sich zur Nervenprobe. Mit anderen Problemen kämpfen die Tierpfleger: Es ist schwierig, die Hunde zu berühren, Schatten, Summtöne oder eine ins Schloss fallende Tür führen zu panikartigen Reaktionen. Wir beschließen ein Spezialtraining, das auf verhaltenstherapeutischen Grundsätzen beruht. Diverse Spezialisten und viel Einfühlungsvermögen sind nötig, bis sich Siri und Rex erholen. Nach einigen Wochen wagen sie sich in den Garten, lassen sich streicheln und sind weniger schreckhaft. Nach zwei Monaten, in denen sie Dutzende von Trainingsstunden durchlaufen und die Menschen als verlässliche Partner kennen lernen, werden die Geschwister lebhafter und zutraulich und scheinen sich von den physischen und psychischen Strapazen der Vergangenheit so weit erholt zu haben, dass die gemeinsame Weitervermittlung an einen besseren Platz mittelfristig ins Auge gefasst werden kann.
Rund zwei Monate nach der Aufnahme der verwirrten Junghunde wird allerdings ihr Besitzer aus der psychiatrischen Klinik entlassen. Wir hoffen insgeheim darauf, dass er die anfallenden Pflegekosten für Siri und Rex nicht aufbringen kann oder das Interesse an seinen Hunden verloren hat und wir unsere Pläne im Sinn der Tiere umsetzen können. Dafür ist aber seine Verzichtserklärung notwendig, denn unserem Antrag auf ein Tierhalteverbot wurde nicht stattgegeben. Das Veterinäramt beruft sich auf die Einschätzung eines Psychiaters, der argumentiert, Hunde könnten die Genesung seines Mandanten positiv beeinflussen. Der Anruf einer verzweifelten Tierpflegerin weckt mich zwei Tage später. Herr Bolliger begehre Einlass im Tierheim, wolle die Hunde sofort mitnehmen und habe soeben den gesamten Rechnungsbetrag aus der Geldbörse gezogen. Ich bin sofort alarmiert, vor allem weil es an der rechtlichen Grundlage fehlt, um dem Eigentümer die Tiere vorzuenthalten. So müssen die beiden in Zustände zurückkehren, die wir für lebensbedrohlich halten. Noch Wochen später fragen wir uns, was aus den beiden jungen Schäferhunden geworden ist. Leben sie noch? Geht es ihnen gut? Wir haben unsere Zweifel.
* Name geändert.
10. Dezember 1994
Natürlich ist diese Geschichte noch nicht beendet. Acht Monate später werden wir von einer Liegenschaftsverwaltung kontaktiert. Ein Mieter sei in eine Klinik eingewiesen worden, und in dessen winziger Einzimmerwohnung würden sich mehrere tobende Schäferhunde aufhalten. Wir führen mittlerweile mit der Tierambulanz Hunderte von Einsätzen pro Jahr durch. Nur so kann ich mir im Nachhinein erklären, warum ich die genannte Adresse nicht sofort mit Siri und Rex in Verbindung bringe. Von der Hauswartin erfahre ich den Namen des Mieters, und im selben Moment erkenne ich auch die beiden laut bellenden und knurrenden Hunde wieder. Aus den vernachlässigten Jungtieren von einst sind gestörte erwachsene Hunde geworden. Ich bin mir sicher, dass ich nichts zu befürchten habe, solange ich die Wohnung nicht betrete, knie mich im Treppenhaus nieder und spreche die beiden durch die geöffnete Haustür an. Bei dieser Gelegenheit erspähe ich auch den Grund für den ganzen Radau: Die Geschwister beschützen ihren Nachwuchs. Vier schwarze Welpen blicken zwischen den Beinen der in Panik geratenen Mutter hervor, während der wesentlich mutigere Vater den unerwünschten Besuch bellend in die Flucht zu schlagen versucht. Ich betrete das Zimmer, befinde mich nun im Territorium der Hunde und ignoriere sie deshalb vorerst. Ob sie mich erkennen, weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht.
Ich ziehe die Rollläden hoch, fotografiere das chaotische Zuhause, um in Besitz einer Dokumentation zu gelangen, die ich bei Bedarf verwenden kann. Da stockt mir der Atem: Auf einem kleinen Tisch liegt eine blutverschmierte Schere. Ich möchte die Hunde sofort auf Verletzungen untersuchen, muss ihnen aber Zeit lassen, damit sie sich an meine Anwesenheit gewöhnen. Nach rund einer Stunde tapsen die dreimonatigen Welpen vertrauensvoll auf mich zu: Einem fehlt ein Ohr, und an seiner rechten Schulter klafft eine Wunde. Es sieht so aus, als seien die Hundebabys auch unterschiedlich schwer, was darauf hindeutet, dass einige von ihnen Hunger leiden mussten.
Von der Hauswartin erfahre ich, es seien ursprünglich sechs Jungtiere gewesen – jetzt sind es nur noch vier. Die gesamte Hundefamilie in unseren Transporter zu verfrachten, dauert lange. Während seine Geschwister Schutz bei der Mutter suchen, zeigt sich der einohrige Welpe, ein frecher und lebhafter Kerl, wenig beeindruckt von der neuen Situation, die seinen Vater weiterhin in größte Aufregung versetzt.
Ähnlich wie vor acht Monaten kümmern sich die Tierpfleger in den folgenden Wochen um den physischen und psychischen Zustand der nun sechsköpfigen Hundefamilie. Abermals ist ein ausgefeiltes Training notwendig, um die Tiere an die Außenwelt zu gewöhnen und sie gesundheitlich auf Vordermann zu bringen. Gleichzeitig hat die Durchsetzung des Tierhalteverbotes nun oberste Priorität. Bereits am ersten Tag biete ich den Bezirkstierarzt für eine genaue Untersuchung auf, der seinen Bericht wenig später dem kantonalen Veterinäramt zukommen lässt. Ich selbst verfasse ebenfalls einen Rapport über die Bergung der Tiere, den Zustand ihrer Behausung und lege das Bildmaterial bei. Zehn Tage später erhalten wir die Kopie eines Schreibens an Herrn Bolliger, gegen den das Amt – gestützt auf unsere Unterlagen – ein allgemeines Tierhalteverbot von unbestimmter Dauer verfügt hat. Uns allen fällt ein Stein vom Herzen, denn jetzt können wir uns um die Zukunft der geplagten Hunde kümmern, die noch viel zu lernen haben, bevor sie an geeignete Besitzer weitervermittelt werden können.
Sorgen bereitet uns das einohrige Hündchen. Wir geben ihm den Namen Balou. Während die anderen Geschwister ebenso wie Siri und Rex bald ein besseres Zuhause erhalten, will niemand das ramponierte Tier. Seine Verstümmelung, die kahle Stelle an der verletzten Schulter, aber auch bleibende Gelenkprobleme machen aus ihm einen schwer vermittelbaren Kandidaten. Wir wissen: Äußerlich ist Balou vielleicht versehrt, aber sein Herz ist groß, und sein lebhafter und aufgeweckter Charakter begeistert die gesamte Belegschaft.
2. März 1995
Nach einigen Monaten, in denen wir uns nicht gesehen haben, hinkt der groß gewordene junge Hund winselnd auf mich zu, als ich ihn besuche. Es bricht mir das Herz, Balou so zu sehen, gleichzeitig freue ich mich, dass er mich erkennt. Aus tierschützerischer Sicht ist ein lebenslanger Heimaufenthalt problematisch. Es wird alles darangesetzt, dass den Tieren dieses Schicksal erspart bleibt, doch in diesem Fall scheint es nicht zu gelingen. Zwischen Balou und mir ist es Liebe auf den zweiten Blick. Oft werde ich in den kommenden Jahren gefragt, wie ich meine eigenen Tiere aussuche, da ich mit Tausenden in Kontakt komme und somit quasi die Qual der Wahl hätte. Doch es verhält sich anders: Die Tiere suchen mich aus. In den folgenden Tagen hadere ich mit vielen Fragen, die sich in Zusammenhang mit der unglücklichen Schäferhundefamilie und insbesondere mit Balou stellen, den niemand will: Kann das der Sinn unserer Arbeit sein? Ich sehe ihn als Opfer eines kranken Menschen, der in meinen Augen vor allem ein psychopathisch veranlagter Tierquäler ist. Wenn ein Lebewesen keine Schuld an dieser Situation trifft, dann ist es dieser tapfere Hund.
Nach Feierabend fahre ich in unser Tierheim, lasse mich von der Tierärztin über Balous gesundheitliche Probleme und die schwierige Behandlung seiner Schmerzen in Kenntnis setzen, packe die nötigen Medikamente in meine Tasche und kehre mit dem Jungtier im Schlepptau nach Hause zurück. »Damit du es weißt«, informiere ich den drollig dreinblickenden Patienten, »du bleibst nur so lange, bis du ganz gesund bist.« Er blickt mich mit großen Augen an und wedelt heftig mit seinem überlangen Schwanz. Er glaubt mir nicht, und zu Recht. Balou bleibt und bereichert fortan mein Leben. Mit seiner Fröhlichkeit und Frechheit. Mit seiner unnachahmlichen Sanftmut und Dankbarkeit.
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