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Almut zuliebe

I

„Mit einer vollen Hosen ist gut stinken!“, sagt man bei uns gern, wenn einer beim Tarockieren so gute Karten hat, dass er praktisch gewinnen muss. Dass er gar nicht so blöd tun kann, dass er nicht gewinnt. Dass mit so einer Karten ein jeder Depp gewinnt.

Weil sie aber auch gern tarockiert und weil das schon ein lässiger Spruch ist, sagt die Wurm Gudrun jetzt auch: „Mit einer vollen Hosen ist gut stinken!“ Und schmeißt die ganzen Zeitungen in ein Eck. Es kann einen aber auch wirklich der Neid fressen, wenn man sich die anderen Zeitungen so anschaut: jede Menge saftige Skandale, die eine oder die andere knusprige Katastrophe und Mord und Totschlag sowieso haufenweise! Und was für Karten hat die Frau Redakteurin Wurm? Ein fader Verkehrsunfall, eine öde Einweihung (Tanklöschfahrzeug mit Foto), ein überflüssiger Hinterglas-Malkurs mit unbrauchbarem Foto, eine letztklassige Ehrenbürgerring-Verleihung, zwei Fotos Marke herziges Kind und der Rest nichtssagende Gemeinderatsbeschlüsse! Praktisch gar nichts! Und aus diesem Nichts soll sie bis morgen Mittag eine Zeitung machen! Wie wenn sie aus einer letscherten Karotte, einem ranzigen Suppenwürfel und einem verschimmelten Toastbrot ein dreigängiges Menü zaubern müsste. Und das hätte sie eher zusammengebracht. Weil im Kochen ist sie eins a – das muss man ihr lassen. Auch wenn sie sonst nicht gerade das ist, was man sich bei uns unter einer Frau vorstellt. Aber nicht, dass wir uns jetzt falsch verstehen! Nicht, dass nichts dran wär an ihr – Busen und Arsch tipptopp und das Gesicht auch – nur: Sie kommt halt überhaupt nicht daher wie eine Frau! In einem Rock oder in einem Kleid ist sie noch nie gesehen worden, schminken tut sie sich auch kein bisserl und – das Ärgste ist das: Sie führt sich auch auf wie ein Mann! Aber nicht wie irgendein Zniachtl – wie einer, der ein wilder Hund ist!

Drum bringt ihr die Renate jetzt nicht nur einen Kaffee, sondern auch gleich ein Aspirin C. Sozusagen automatisch: weil Montag ist. Weil am Sonntag bei der Wurm Gudrun grundsätzlich Tarockieren angesagt ist. Und das dauert natürlich länger. Und getrunken wird natürlich auch was. Das gehört praktisch zum Tarockieren dazu. Die Renate kennt sich da aus, weil sie eine Zeit lang mit dem Heiligenbrunner verheiratet war. Der hat auch tarockiert. Frage nicht, wie der am nächsten Tag immer beisammen war! Wegen dem Saufen allein hätte sich die Renate aber nicht scheiden lassen – saufen tun andere Männer auch, praktisch die meisten, weil ja die meisten bei uns tarockieren. Scheiden lassen hat sie sich wegen dem Grant, den der Heiligenbrunner am nächsten Tag immer gehabt hat. Da ist ihm dann gern die Hand ausgerutscht – und sie hat sich dann immer so Geschichten ausdenken können wie über die Stiegen gestolpert oder in das offene Türl von einem Küchenkastl hineinge­rennt. Gott sei Dank hat der Heiligenbrunner beim Tarockieren wenigstens immer verloren und kein Geld zum Häuselbauen gehabt. Bevor das Haus aber nicht fertig ist, hat der Heiligenbrunner immer gesagt, braucht er auch keine Kinder. Mit Kindern hätte sich die Renate wahrscheinlich nicht so leicht scheiden lassen. Weil sie eher der mütterliche Typ ist. Am liebsten täte sie ihre Kinder sogar mit ins Büro nehmen. Traut sich aber nicht. Wird ja schon ausgelacht, wenn sie nur redet von ihnen. Die Einzige, die nicht lacht, ist die Gudrun. Die ist auch die Einzige, die weiß, wie viele es überhaupt sind: zweiunddreißig. Bei der kann die Renate auch Kinder sagen – und nicht Porzellanpuppen. Aber für die Renate sind es halt einmal ihre Kinder. Und eine jede hat ihren Namen. Die Jüngste heißt Sonja. Nach der Gattin vom vorigen Bundeskanzler. Die hat auch so lange schwarze Haare. Die Nächste wird sie Gudrun taufen. Wenn sie eine kriegt mit blonder Stoppelfrisur. Mit der kann man wirklich gut reden. Nur heute nicht. Weil heute Montag ist. Und die Renate muss sowieso wieder in ihr Büro hinüber. Weil bei den Mühlviertler Nachrichten am Dienstag zu Mittag Redaktionsschluss ist. Da haben dann am Montag nicht nur die Redakteure Großkampftag, wie die Redaktionsleiterin immer sagt, sondern eine arme Sekretärin erst recht. Zugehen tut es da in ihrem Büro wie in einem Vogelhaus: In einer Tour zwitschert das Telefon und das Fax krächzt heiser, und wenn eine E-Mail hereinkommt, macht es einen jämmerlichen Piepser. Und die Renate Heiligenbrunner kann sich derstessen!

Die Wurm Gudrun wäre sogar noch dankbar gewesen, wenn sie sich derstessen könnte. Aber wie denn, wenn man nichts Greifbares in der Hand hat? Es kommt ihr vor wie eine halbe Ewigkeit, bis das blöde Aspirin C endlich ausgeknistert hat. Andere haben vielleicht Kindheitserinnerungen, in denen sie ihr Ohr an eine Muschel halten und dann angeblich das Meer rauschen hören. Sie muss jetzt an dieses geheimnisvolle Knistern denken: wenn sich der Opa ein Bier eingeschenkt hat und wenn dann die schillernden Schaumblasen im leeren Bierflaschl zerplatzt sind. Wenn sie mit dem Opa in seiner Werkstatt war. Da hat sonst keiner hineindürfen. Sogar einen richtigen blauen Schlosseranzug hat sie gekriegt. Nur in klein halt. Kluft hat der Opa immer gesagt. Heute heißt es Overall. Der Opa hat es vom Schlosser zum Ingenieur bei der Landesregierung gebracht. Und sogar eine eigene Schaufel für Schneepflüge erfunden. Aber in der Pension ist er dann wieder Schlosser geworden. Wahrscheinlich wär ihm ein Lehrbub schon lieber gewesen, aber anmerken lassen hat er sich nichts. „Geschickter wie jeder Bub, meine kleine Gucki!“, hat er immer gesagt. Gucki – das kommt natürlich von Gudrun, aber auch, weil sie ganz genau zugeschaut hat, wenn ihr der Opa in der Werkstatt was gezeigt hat. Und weil bei den Deutschen schauen bekanntlich gucken heißt und weil der Opa bei der Deutschen Wehrmacht war, hat er auch gucken gesagt. So wie er auch Kohldampf gesagt hat statt Hunger. Oder Führer statt Diktator. Aber alter Nazi hin, alter Nazi her – für die Gucki bleibt der Opa immer der Opa. Jetzt sage ich auch schon Gucki? Statt Wurm Gudrun. Aber nicht nur ich! Das muss man sich vorstellen: Wie die Wurm Gudrun das erste Mal mit den Nachbarbuben tarockiert hat – so ein gutes halbes Jahr ist das jetzt her, da war sie in ganz St. Anton nur die Zugereiste –, hat sie gleich im allerersten Spiel bei einem Dreier die Wildsau angesagt. Aber nicht nur das! Wie dann nämlich der Fuzzi „Schuss!“ gesagt hat, hat sie nicht den Mund gehalten, sondern „Retour!“ gesagt. Und der Fuzzi natürlich wieder „Schuss!“, weil die Wildsau – das ist ja der Vierer. Das erklär ich jetzt nur für den Fall, dass einer nicht tarockieren kann. Bei uns kommt das praktisch nicht vor, weil bei uns kennt ja sowieso ein jedes Kind den Tarock-Vierer. Mit dem haben ja die Volksschullehrerinnen das meiste Gfrett, wenn sie den Kindern die römischen Zahlen beibringen sollen. Weil auf den Tarockkarten wird ja der römische Vierer so geschrieben: IIII. Und nicht – wie in der Schule – so: IV. Weil die Kinder natürlich einer Tarockkarte mehr glauben als einer Volksschullehrerin, die ja meistens eine alleinerziehende Mutter ist – sprich: keinen Mann hat – oder einen sogenannten Künstler derhalten muss, der kein einziges Bild verkauft – und wenn er noch so oft in der Raika ausstellt und sogar der Bürgermeister einleitende Worte spricht.

Jetzt bin ich aber ein bisserl vom Thema abgekommen. Wo waren wir schnell noch? Beim Fuzzi. Also: der Fuzzi wieder: „Schuss!“ Die Gucki wieder: „Retour!“ Ohne lang zu überlegen! Dafür wird jetzt schön langsam der Fuzzi studierert. Und zählt seine Tarock nach. Sieben müssten normal genug sein für die Wildsau. Wieder: „Schuss!“ Aber kaum, dass er mit der flachen Hand so auf den Tisch gedroschen hat, dass die Biergläser wackeln – das macht der Fuzzi grundsätzlich, wenn er schießt –, hat die Gucki auch schon wieder „Retour!“ gesagt. Da sind wir aber auch schon beim Steyrerwagen. Das heißt: Mehr geht nicht, als dreimal hin- und herschießen. Ist eh schon genug! Weil die Wildsau kostet bei einem Dreier angesagt 16 Schilling – geschossen 32 – retour 64 – noch einmal geschossen 128 – noch einmal retour 256 – wieder geschossen 512 – und am Steyrerwagen 1024 Schilling. Nicht, dass ich es spannend machen möchte: wer jetzt gewonnen hat, aber kein Schwein hat mir noch sagen können, warum es ausgerechnet Steyrerwagen heißt, wenn bis zum Gehtnichtmehr geschossen wird. Die gescheitesten Leute habe ich da schon befragt – und keiner hat es gewusst. Nicht einmal der Mühleder Lois, der beim Tarockieren ein alter Fuchs ist und weit herumgekommen, weil er ja Briefträger war. Der hat auch nicht mehr sagen können als wie: „Das heißt halt so, weil es schon immer so geheißen hat.“

Jetzt wird man sich vielleicht fragen, warum ich so auf dem Steyrerwagen herumreite, wo doch ein jeder schon wissen möchte, wer gewonnen hat: die Gucki – oder der Fuzzi? Das ist nämlich so: Man denkt ja normalerweise nicht so viel nach, weil man vom vielen Nachdenken höchstens Schädelweh kriegt – also: ich zumindest, aber akkurat über den Steyrerwagen habe ich so viel nachgedacht, dass ich mir denk: Wenn ich mir meinen Schädel schon zerbrochen habe, möchte ich meine Steyrerwagen-Theorie auch einmal loswerden. Stimmen muss sie ja nicht – das behaupte ich auch gar nicht, aber zumindest ist es einmal eine schöne Theorie. Also: Nicht, dass es heute fad zugehen tät beim Tarockieren – bei uns kannst du an einem Abend ungschaut ein paar Tausender verlieren – nur: Gegen früher ist das überhaupt nichts! Früher – da haben sie um ganz andere Beträge gespielt, da ist es nicht selten um Haus und Hof gegangen! Und – unter Umständen – auch um einen Steyrerwagen. Früher hat es nämlich wirklich einmal einen Wagen aus Steyr gegeben. Damit meine ich jetzt aber nicht den Steyr-Puch, weil das war ja kein echter Steyrerwagen, weil es nur ein nachgemachter Fiat war, sondern ich meine das Steyr Baby aus den Zwanzigerjahren. Das wird damals natürlich ein Schweinegeld gekostet haben. Wird sich damals natürlich kein Schwein leisten haben können. Jetzt kommt aber auch schon meine Theorie! Wenn dann beim Tarockieren hin- und hergeschossen worden ist bis zum Gehtnichtmehr, wird man halt gesagt haben: „Bis zum Steyrerwagen!“ Weil es so hoch hergegangen ist, dass man um das Geld sogar ein Auto gekriegt hätte – eben einen Steyrer Wagen.

So – jetzt, wo ich meine Theorie endlich verzapft hab, kann ich eigentlich ruhig verraten, wer gewonnen hat: nämlich die Gucki. Auf das hinauf hat der Fuzzi zuerst „Geh leck mich am Arsch!“ gesagt und „Ich scheiß mich an!“ und noch ein paar solcherne Ausdrücke der ungläubigen Verwunderung. Aber dann hat er noch was gesagt – und jetzt kommt das, warum ich die ganze Geschichte von der Wildsau überhaupt erzählt hab: „Zu einer, die rucki-zucki drei Tausender gewinnt, kann man wirklich nicht Gudrun sagen. So eine ist die Rucki-Zucki-Gucki!“ Und seither heißt die Wurm Gudrun bei uns nur mehr Gucki. Ich mein: Der Bürgermeister sagt natürlich schon Frau Redakteurin Wurm, wenn er möchte, dass sie in den Mühlviertler Nachrichten was Nettes über St. Anton schreibt, und im Kaufgeschäft Wöss sagt die Wössin auch: „Der ist bestimmt ganz frisch, Frau Wurm!“, wenn sie ihr einen letscherten Salat andrehen will, aber die normalen Leute sagen alle Gucki.

Momentan ist die Gucki allerdings froh, dass keiner sie anredet – weder mit Frau Wurm noch mit Gucki. Weil: So lustig das Tarockieren auch war gestern – das heutige Schädelweh ist keine Gaudi mehr. Wie wenn ein ganzer Haufen kleiner Manderl in ihrem Schädel herumwerken tät. Aber nicht mit Krampen und Schaufel – mit einer Hilti mit Schrämmeißel! Und die Gucki kennt ihre Manderl: Das sind fleißige Burschen – so schnell hören die nicht auf! Außer man zahlt ihnen ein Bier. Das ist sogar medizinisch erwiesen, dass man den Teufel am besten mit dem Beelzebub austreibt. Sprich: Das Gescheiteste gegen einen ordentlichen Kater ist ein ordentlicher Schluck Bier. Nur: aufpassen! Weil unter Umständen unerwünschte Nebenwirkung: So ein Rausch vom Vortag ist schneller aufgewärmt, als man schauen kann! Steckt die Gucki praktisch in einem seelischen Zwiespalt: Soll ich – soll ich nicht? In so einer verzwickten Situation ist man natürlich froh, wenn man einen verständnisvollen Kollegen hat, den man um Rat fragen kann. „Was tätest denn du sagen?“, fragt also jetzt die Gucki. „Noch so ein grausliches Aspirin C oder doch lieber einen herrlichen Ratsherrentrunk?“ Das merkt natürlich ein jeder, dass das keine echte Frage ist. Weil ja die Gucki ihrem Kollegen die Antwort praktisch schon in den Mund gelegt hat. Der gibt ihr auch gar keine Antwort, sondern schaut sie nur vorwurfsvoll an. „Du hast ja recht – ich sauf in letzter Zeit ein bisserl zu viel“, muss die Gucki jetzt eingestehen, „aber momentan geht es mir wirklich nur ums Schädelweh. Ehrlich!“ Aber anscheinend glaubt ihr der Kollege Turrini kein Wort. Er verdreht den Kopf und schaut sie schief an. Wie wenn er sagen täte: „Eine blödere Ausrede fällt dir nicht ein?“ „Na, dann halt nicht!“, murmelt die Gucki und schmeißt sich ans Telefon. Sämtliche Ortsberichterstatter der Mühlviertler Nachrichten kann sie jetzt abklappern: Ob nicht doch irgendwo wenigstens ein bisserl was passiert ist, über das sie schreiben könnte. Die reinste Knochenarbeit!

Dem Kollegen Turrini geht es zwar auch nicht besser – nur dass das Knochenabnagen für ihn ein Genuss ist. Weil da muss ein Hund schon recht degeneriert sein, dass ihm der Knochen von einer Schweinsstelze nicht taugt. Turrini heißt er deswegen, weil die Gucki eigentlich mehr Theaterwissenschaften studiert hat – und weniger Publizistik. Weil sie zwar froh sein hat müssen, dass sie wenigstens bei den Mühlviertler Nachrichten eine Arbeit gefunden hat, aber noch immer an ihrer Diplomarbeit über den Turrini herumschreibt. Da ist aber jetzt nicht der Hund gemeint, sondern der Theaterdichter. Peter Turrini heißt der. Der schaut aber dem Hund total ähnlich: schwarze Haare, schon ein bisserl grau, eher kleiner, eher ein bisserl fester, vor allem aber, wie er dreinschaut: so ernst. Wie wenn er immer ein bisserl traurig wär. Dabei hätte es der Turrini nicht besser erwischen können als wie bei der Gucki. Turrini hin und Turrini her geht es da. Die redet mit ihm, wie wenn er kein Spitz wäre, sondern ein richtiger Mensch. Da heißt es nicht „Platz!“, sondern: „Möchte der kleine Turrini nicht auf sein Platzi gehen und Heihei machen?“ Und so fort. Und mitnehmen tut sie ihn auch überallhin. Im ganzen Bezirk ist er schon bekannt, der Turrini. Also – der Hund. Der Theaterdichter ja weniger, weil das Theater bei uns nicht so eine Rolle spielt. Ich mein: Theatergespielt wird schon auch bei uns, aber nur zur Gaudi. Schwank nennt man so ein Theaterstück, das eigentlich gar keinen Sinn hat, außer dass die Zuschauer was zum Lachen haben. Bei der Gelegenheit könnte ich eigentlich auch gleich meine Schwank-Theorie zum Besten geben. Weil momentan sowieso nichts passiert, außer dass die Gucki am Telefon hängt und einen Ortsberichterstatter nach dem anderen ausfratschelt. Mit dem Schwank ist es wie mit dem Steyrerwagen: Kein Schwein weiß, warum es so heißt. Dabei liegt es eigentlich auf der Hand. Also: Theaterspielen tun ja bei uns keine richtigen Schauspieler, sondern normale Leute. Und die sind dann natürlich mordsmäßig aufgeregt, wenn sie im Pfarrsaal oder im Wirtshaus auf die Bühne müssen. Bevor sie aber vor lauter Lampenfieber gar nichts herausbringen, trinken sie halt ein bisserl was. Und manchmal halt ein bisserl zu viel. Und dann schwanken sie auf der Bühne herum, dass es nur so eine Freude ist. Also – Sachen könnte ich da erzählen!

Nur: Das geht momentan nicht, weil nämlich die Gucki gerade die Ortsberichterstatterin von St. Anton am Telefon hat. Und die erzählt ihr ausnahmsweise nichts von einem Punschstandl zugunsten der Orgelrenovierung oder von einer neuen Schneefräse für den Gemeindetraktor oder von einer Exkursion der Ortsbauernschaft mit anschließendem geselligen Beisammensein – die erzählt ihr doch glatt von einem Mord.

II

„Ein Weib und eine Henn – nichts Blöderes ich kenn!“, kommt es der Gucki jetzt aus. Obwohl sie sonst schon für die Emanzipation ist. Aber total auch noch! Richtiggehend aufhussen tut sie manchmal sogar die Frauen. Die Geschichte mit dem Skifahren – zum Beispiel! Aber da muss ich ein bisserl weiter ausholen.

Trilling ist ein Dorf, das zu St. Anton gehört. Nicht groß. So zehn, fünfzehn Häuser werden es sein. Trotzdem kennt es ein jeder weit und breit. Weil sich dort was tut. Wenn man geschwollen daherreden möchte, könnte man sagen: Trilling beherbergt gleich mehrere Institutionen von überregionaler Bedeutung. Da haben wir zuerst einmal das Gasthaus Otter: ein Wirtshaus, wie es sich gehört! Dann das Hüttenfest der Freiwilligen Feuerwehr Trilling: Mein lieber Schwan, da spielt es sich ab! Und schließlich die Trillinger Skitage: Einmal im Jahr geht es ins Gebirge – so mit allem Drum und Dran – Skirennen, Siegerehrung und Übernachten auf so einer Skihütte. Das hat sich vor Jahren einmal eingebürgert – und jetzt ist es praktisch ein Pflichttermin für einen jeden Trillinger. Und auch für einen jeden aus den umliegenden Ortschaften. Weil mitfahren tun natürlich nur Männer. Weil eine Frau tät das beim besten Willen nicht aushalten! Dabei meine ich jetzt nicht einmal das Saufen. Das auch, aber nicht nur. Das ist nämlich so: Um fünf in der Früh fährt der Bus weg in Trilling – und spätestens um fünf nach fünf hat nicht nur jeder außer dem Buschauffeur das erste Bier in Arbeit – da wird auch schon der erste ordinäre Witz erzählt. Und das steigert sich natürlich bis zum Heimfahren. Da muss dann oft gar kein Witz mehr dabei sein – Hauptsache, ordinär ist es. „Ab-so-lut nicht frauenkompatibel!“, hat es der Charly einmal genannt. Weil seit der einen Computer hat, redet er nur mehr so komisch daher.

Jetzt kommt es aber! Heuer müssen auf einmal die Frauen auch Skifahren fahren. Noch dazu eine Woche vor den Männern! Und auch ein ganzes Wochenende! Jetzt können die verheirateten Männer das ganze Wochenende auf die Kinder aufpassen. Statt dass sie wie gewohnt im Gasthaus Otter sitzen und schon ein bisserl das Ordinär-Daherreden trainieren. Weil die Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude. Und wer hat ihnen das eingebrockt? Die Gucki! Dort einmal eine blöde Bemerkung und da einmal – und schon hat es geheißen: Gleichberechtigung! Und dann war auch schon der Bus bestellt. Dabei hat sich die Gucki wahrscheinlich nur leidgesehen, dass sie nicht mitfahren darf bei den Männern. Weil ja bei denen nicht nur Ski gefahren wird, sondern auch tarockiert. Eigentlich mehr als Ski gefahren. Ein paar gibt es sogar – die nehmen gar keine Ski mit, sondern gleich nur Tarockkarten.

Wie kommt die Gucki also dazu, dass sie jetzt so einen blöden Spruch über die Frauen herauslässt? Wo sie doch sonst jedem sofort über das Maul fährt, wenn er nur ein bisserl was sagt gegen die Frauen? Normalerweise kann man sich da nämlich ganz schön was anhören, wenn einem eine Bemerkung herausrutscht, die der Gucki frauenfeindlich vorkommt. Weil zimperlich ist sie da wirklich nicht. Hat der Charly nur einmal einen harmlosen Witz erzählen müssen: „Was ist der Unterschied zwischen einem Computer und einer Frau? Ein Computer kann wenigstens fast denken!“ Hat es bei der Gucki auch schon geheißen: „Was ist der Unterschied zwischen einer Klarinette und dem Charly? Bei einer Klarinette geht das Blasen leichter, weil man da wenigstens ein bisserl was im Mund hat!“

Warum sagt die Gucki also jetzt: „Ein Weib und eine Henn – nichts Blöderes ich kenn“? Also: Erstens hört es eh keiner außer dem Turrini, weil sie ja in ihrem Auto sitzt und in halsbrecherischem Tempo durch den Schneematsch schlittert – und zweitens hat das Fräulein Ehrenmüller wirklich was von einem Hendl. So, wie sie immer dahertrippelt und ruckartig den Kopf bewegt und vor sich hingackert, wundert es einen direkt, dass sie keine Eier legt. Das Fräulein Ehrenmüller – auf die Anrede Fräulein legt sie nämlich Wert – ist in St. Anton eine wichtige Persönlichkeit. Nicht nur, dass sie Volksschullehrerin im Ruhestand ist – sie sitzt im Pfarrgemeinderat, ist Obfrau der Katholischen Frauenbewegung sowie der Goldhaubengruppe, singt im Kirchenchor und ist seit Jahrzehnten Ortsberichterstatterin der Mühlviertler Nachrichten.

Jetzt sollte man meinen, dass eine alte Tratschen wie das Fräulein Ehrenmüller die ideale Ortsberichterstatterin ist, weil sie ja alles weiß, was in der Gemeinde so vor sich geht. Ist sie aber nicht. Ihr Interessensgebiet ist nämlich nicht die Wirklichkeit, sondern die Möglichkeit. Also: Vermutungen, Verdächtigungen, Gerüchte. Fakten interessieren das Fräulein Ehrenmüller eher nur am Rand. Aber ganz ohne Fakten kommt keine Zeitung aus. Nicht einmal die Mühlviertler Nachrichten. Drum hat auch die Gucki so eine Wut auf die Ehrenmüllerin: weil sie zwar auf Anhieb ein halbes Dutzend Leute gewusst hat, die als Mörder in Frage kommen, aber sonst halt so gut wie gar nichts. Und trotzdem nicht mehr aufgehört mit dem Reden: wie ein Wasserfall! Normalerweise hätte die Gucki in so einem Fall gesagt: „Das ist aber wirklich interessant, was Sie da erzählen, Fräulein Ehrenmüller! Ich werde der Sache nachgehen. Einen schönen Dank noch!“ Und dann schnell den Telefonhörer aufgelegt und die ganze Geschichte sofort vergessen. Sie war auch schon fast so weit. Aber da hat dann die Ehrenmüllerin ihren Trumpf ausgespielt: „Jetzt halten Sie sich gut an, Fräulein Wurm! Wissen Sie, wer das Opfer ist? Wissen Sie, wer das Mordopfer ist? Also, Fräulein Wurm, das ist ja so grauenhaft, dass ich es am liebsten gar nicht sagen tät!“

Weil sie es aber schließlich doch gesagt hat, sitzt die Gucki jetzt im Auto und hat vor lauter schnell-schnell sogar ihre Zigaretten im Büro liegen lassen. Wo sie doch eh so nervös ist. Weil sie sich Hoffnungen auf einen Aufmacher macht. Aufmacher nennt man die Schlagzeile auf der ersten Seite von einer Zeitung. Die soll möglichst reißerisch sein: damit die Leute neugierig werden und die Zeitung aufmachen. Beziehungsweise: damit sie ihr Geldbörsel aufmachen und die Zeitung kaufen. Das kommt aber bei den Mühlviertler Nachrichten sowieso kaum vor. Die Mühlviertler Nachrichten werden nämlich hauptsächlich abonniert. Meistens, weil es sich die Oma halt einbildet. Weil die Oma die Mühlviertler Nachrichten halt schon gewöhnt ist. Selbst wenn die Oma einmal sterben sollte, heißt das noch lang nicht, dass die Mühlviertler Nachrichten dann abbestellt werden. Erstens aus Pietät wegen der Oma. Und zweitens sind die Mühlviertler Nachrichten zum Einheizen viel besser als wie die ganzen glanzerten Werbeprospekte. Und drittens wird man ja selber auch nicht jünger: Und vielleicht schaut man dann selber auch einmal in die Mühlviertler Nachrichten hinein, wenn einem zeitlang ist in der Pension.

Warum hat dann die Gucki den Ehrgeiz, in so einer Zeitung einen Aufmacher zu kriegen? Ganz einfach: Weil das ihre einzige Chance ist, von den Mühlviertler Nachrichten wegzukommen. Wenn sie sich nämlich bei einer anderen – also: bei einer richtigen – Zeitung bewerben will, muss sie zumindest ein paar Aufmacher-Geschichten herzeigen können. Interessante Geschichten halt. Nur kriegt sie die nicht. Normalerweise. Weil normalerweise pickt sich die Hatzl alle interessanten Geschichten heraus. Das ist der Gucki ihre Chefin, die Redaktionsleiterin. Und wenn die einmal nichts zusammenbringt, bleibt der Aufmacher dem Fritz. Der Schwaiger Fritz ist der Gucki ihr Kollege. Der ist schon so lange im Geschäft, dass er aus jedem Lercherlschas einen Aufmacher macht. Der macht im Notfall aus einem harmlosen Verkehrsunfall mit Blechschaden: Ost-Rostschüsseln als rollende Bomben. Drum hat es die Gucki in einem ganzen Jahr bei den Mühlviertler Nachrichten erst zu einem einzigen Aufmacher gebracht. Und mit dem kann sie sich auch nirgends bewerben. Weil er nämlich Schleimige Invasion im Gemüsegarten gelautet hat. Weil da kann man noch so seriös recherchieren und noch so brillant schreiben – aus einer Schneckenplage wird einfach keine Geschichte, die die Leute vom Hocker reißt.

Da ist ein Mord schon ganz was anderes! Allein schon wegen dem Seltenheitswert. Bei uns – da ist es ja nicht so wie in der Stadt, dass Morde praktisch am Fließband produziert werden. Bei uns ist ein Mord sozusagen noch Handarbeit. Da ist ein Mord so selten, dass im Wirtshaus oft stundenlang über einen Mord geredet wird, der schon zwanzig, dreißig Jahre her ist. Eh klar, dass sich die Gucki da Hoffnungen auf einen Aufmacher macht! Was heißt da Hoffnungen? Mit ihrem Mord hat sie den Aufmacher eigentlich schon in der Tasche. Und dass es wirklich ein Mord ist – da ist sie sich sicher. Hundertpro! Wegen dem Harry. Der ist nämlich das Mordopfer. Weil einer, der von einem Tag auf den anderen verschwindet und ein halbes Jahr wie vom Erdboden verschluckt ist, der taucht dann nicht plötzlich wieder auf, um an einer Lungenentzündung zu sterben.

Ganz genau kann sich die Gucki noch erinnern: Harald Baum, Jungbauer, 30 Jahre, Hochzeit schon geplant, auf einmal spurlos verschwunden, kein Motiv, kein Abschiedsbrief, kein Garnix! Drei Wochen später wird das Auto in Budweis gefunden, aber sonst nicht der geringste Hinweis. Gleich zwei Aufmacher hat die Hatzl damals aus der Geschichte herausgeholt! Hat zuerst die Gucki recherchieren lassen und ist dann selber nach St. Anton gefahren. Nur diesmal hat die Frau Redaktionsleiterin den Kürzeren gezogen. Diesmal sitzt die Gucki nämlich schon im Auto. Und dann hat sie gegenüber der Hatzl auch noch einen anderen Vorsprung, einen entscheidenden: Sie wohnt in St. Anton. Und dort wird seit einem halben Jahr über nichts anderes geredet als über das Verschwinden vom Harry.

Wenn es die Gucki also schafft bis St. Anton, dann kann ihr auch die Hatzl die Geschichte nicht mehr wegnehmen. Die Frage ist nur, ob sie es schafft. Gerade jetzt hat es nämlich wieder angefangen zu schneien. Wobei schneien nicht der richtige Ausdruck ist. Eigentlich ist es ein Schneesturm wie im Bilderbuch! Und auf Schnee ist der Gucki ihr Auto zum Vergessen. Das hat sie in diesem Winter schon oft genug feststellen müssen. Was sie da schon zusammengeflucht hat über ihre Kraxen! Und wenn sie nicht so dran hängen tät, weil er ja ein Erbstück vom Opa ist – sie hätte ihren VW Karman Ghia schon längst verklopft. Weil Hinterradler, Motor aber vorne. Ist gleich: kein Gewicht auf den Antriebsrädern. Da nützt auch der Sandsack im Kofferraum nicht viel. Aber anscheinend ist es dem Karman Ghia klar, dass er diesmal wirklich gegen einen Allrad ausgetauscht wird, wenn er sie jetzt im Stich lässt. Wenn auch das Heck in jeder Kurve ausbricht – er kämpft sich tapfer durch den Schnee. Und steht auch schon vor dem Gasthaus Otter, während die Gucki im Gasthaus sitzt und sich erleichtert die erste Zigarette anzündet. Aber nicht, dass jetzt einer glaubt, dass die Gucki so ein Suchthaufen ist, dass sie es ohne Zigaretten nicht aushält. Und deswegen in Trilling stehen bleibt und praktisch wertvolle Zeit vergeudet. Natürlich kauft sie sich auch ein Packerl Gauloises, wenn sie schon beim Otter ist, nur – gekommen ist sie aus einem ganz anderen Grund: wegen der Olga! Weil eine Wirtin erfährt natürlich so allerhand. Und dass die Olga nicht neugierig wäre, kann man auch nicht direkt sagen. Bei der kann sich jeder Journalist und jeder Kriminalist noch ein Scheiberl abschneiden. Wie die die Leute ausquetscht – Zitronenpresse nichts dagegen!

Hat ja die Gucki selber schon mitgemacht. Wie sie das erste Mal zum Otter gekommen ist. Da hat die Olga nicht aufgehört mit dem Ausfratscheln, bevor sie nicht ihre ganze Lebensgeschichte gewusst hat. Dass die Gucki ihr Haus vom Opa geerbt hat. Schon vor ein paar Jahren. Dass sie sich nie um das Haus geschert hat. Weil sie ja in Wien studiert hat. Dass sie aber dann auf einmal recht froh war über das Haus. Weil sie die Stelle bei den Mühlviertler Nachrichten gekriegt hat. Dass das Haus ziemlich baufällig war. Weil es eigentlich ein Wochenendhaus war. Weil aber der Opa nach dem Tod von der Oma nicht mehr hergekommen ist. Weil er lieber in seiner Schlosserwerkstatt in Linz geblieben ist. Und so weiter!

Dabei hat die Gucki der Olga sowieso nur die Hälfte erzählt. Weil es ja niemanden was angeht, warum sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr in Wien wohnt, sondern am Arsch der Welt. In Wirklichkeit ist sie nämlich nicht nur von Wien nach St. Anton übersiedelt, sondern aus allen Wolken gefallen – wie es so schön heißt. Und ziemlich unsanft auf dem Boden der Realität gelandet. Die Gucki hat nämlich jahrelang das schönste Studentenleben geführt und kein bisserl ans Arbeiten und Geldverdienen gedacht. Weil ja immer genug Geld da war. Weil ja der Papa ein Mords­trumm Baufirma gehabt hat. Und dann verunglückt ist. Die Gucki kann sich gar nicht mehr recht an ihn erinnern. Weil sie damals noch ganz klein war. Auf jeden Fall hat er ihnen ein Vermögen hinterlassen, ihr und der Mama. Weil die Baufirma ist verkauft worden – und das Geld sicher angelegt. Immobilien. Das hat alles der Opa gecheckt. Nur ist halt der Opa eines Tages auch gestorben. Damals hat die Gucki schon studiert. In Wien. Die Mama aber in Linz. Allein. Wird ihr halt zeitlang geworden sein. Wird sie halt öfter ins Casino gegangen sein. Wie nämlich die Mama völlig überraschend gestorben ist, hat sich herausgestellt, dass die liebe Mama das ganze Vermögen bis auf den letzten Schilling verklescht hat. Beim Roulette verspielt. Auch das, was eigentlich der Gucki gehört hat. Nur das Wochenendhaus vom Opa ist übrig geblieben.

So was kann man der Olga natürlich nicht erzählen. Außer man will, dass es am nächsten Tag ganz St. Anton weiß. Weil einen ja die Olga nicht nur aus persönlicher Neugier ausfratschelt. Weil sie halt einmal für ihr Leben gern Geschichten erzählt. Und gut können tut sie es auch – das muss man ihr lassen! Weil sie es spannend macht. Weil sie nicht einfach nur erzählt: Das war so, und das war so – und das war es dann. Sie lässt keine noch so winzige Kleinigkeit aus – wie das Wetter oder die Verwandtschaftsverhältnisse oder was einer getrunken hat – und kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Aber zum Schluss kommt man dann drauf, dass diese scheinbaren Nebensächlichkeiten letzten Endes doch eine Rolle spielen. Wie wenn man zuerst nur lauter verwurstelte Wollknäuel sehen tät – und dann auf einmal den fertigen Pullover.

„Angefangen hat alles damit, dass gestern mitten im schönsten Kaffeetrinken auf einmal das Telefon läutet.“ So hat die Olga angefangen. Wenn aber die Olga einmal anfangt mit dem Erzählen, dann hört sie so schnell nimmer auf. Da hockt man dann da und hört zu und hört zu – und merkt überhaupt nicht, dass man ein Bier nach dem anderen trinkt. Drum hat jetzt auch die Gucki ihr zweites Bier schon fast ausgetrunken – und die Olga ist noch immer zu keinem Ende gekommen. Aber nicht nur, weil sie der Gucki auch erzählt hat, was es für eine Mehlspeise zum Kaffee gegeben hat und auch gleich noch das Rezept von der Malakofftorte, sondern weil die Geschichte vom Harry wirklich nicht so einfach ist. Nicht wie bei einem Pullover – zwei glatt, zwei verkehrt –, sondern mehr wie bei einem ganz einem komplizierten Teppich, wo man lang hinschauen muss, bis man überhaupt ein Muster erkennt. Weil das Wiederauftauchen vom Harry – besser gesagt: von seiner Leiche – war ja wirklich noch rätselhafter als wie sein Verschwinden.

Wie nämlich das Telefon geläutet hat – beim Otter sitzen sie wie schon gesagt, beim Kaffee –, war es der Wimmer Karl. Mordsmäßig aufgeregt war er. Und hat gleich den Sepp haben wollen. Und der war dann auch gleich recht aufgeregt und hat seine Malakofftorte stehen lassen und herumtelefoniert wie ein Wilder. Weil der Otter Sepp ist ja nicht nur mit Leib und Seele Wirt, sondern womöglich mit noch mehr Leib und auf jeden Fall mit noch mehr Seele ist er Jäger. Und als Jagdleiter muss er natürlich sofort alle Kameraden zusammentrommeln, wenn der Wimmer Karl gleich ein paar Sauen gesehen hat. Weil so viele Sauen gibt es bei uns auch wieder nicht. Und schwer zum Erwischen sind sie auch! Das soll man gar nicht meinen, wie schnell die wieder weg sind! Aber so eine Wildsau bringt an einem Tag leicht dreißig, vierzig Kilometer zusammen. Gut, dass Sonntag war und Nachmittag: Da waren die meisten Jäger daheim. Trotzdem hat es eine geschlagene Stunde gedauert, bis alle beisammen waren. Die meisten haben sich nämlich noch umziehen müssen. Weil da sind die Jäger schon komisch: Ohne grünes Gewand wird nicht auf die Jagd gegangen. Manche gehen ja ohne grünes Gewand nicht einmal ins Wirtshaus. Und wie dann alle beim Otter waren, hat man noch ausführlich über die Jagdstrategie reden müssen. Und dabei schnell ein, zwei Bier trinken. Und wie es dann endlich losgegangen ist, ist auch schon die Dämmerung hereingebrochen. Weil es halt im Winter schon recht bald finster wird. Bis sie dann aber in Steining waren und den Wald umstellt haben, wo die Wildsauen drin waren, hat man wirklich nicht mehr viel gesehen. Da war es dann auch kein Wunder, dass man den Harry mit einem Kopfschuss gefunden hat.

III

„Wer nix lernt und auch nix kann, der geht zur Post und auch zur Bahn!“ Das sagt aber jetzt nicht die Gucki, sondern der Prandegger Mandi. Und auch nicht im Gasthaus Otter in Trilling, sondern im Gasthaus Weiß in St. Anton. Praktisch ein Schauplatzwechsel. Von einem Wirtshaus ins andere.

Drum trinkt die Gucki jetzt lieber doch einmal einen Kaffee. Hat eh schon zwei Bier intus. Hat aber wirklich geholfen: wie weggeflogen, das Schädelweh! Und den Mandi hat sie auch auf Anhieb gefunden. Ganz im Gegensatz zu den anderen Journalisten! Sie hat nämlich die Autos gesehen. Vor dem Mandi seinem Haus. Lauter Linzer Kennzeichen. Da können sie warten, bis sie schwarz werden! Das ist aber nur so eine Redensart. Das hängt nicht damit zusammen, dass der Mandi Rauchfangkehrermeister ist. Dass er am Vormittag gern im Wirtshaus sitzt, schon. Weil als Rauchfangkehrermeister kann er sich das leisten. Und heute erst recht! Weil ihm dieses Reportergesindel die Tür einrennt. Hat er sich einfach ins Auto gesetzt – und auf und davon! Die Reporter natürlich hinten nach. Die hat er aber abgehängt! Weil ja die Linzer alle miteinander nicht Autofahren können. Und weil er sie auf die ärgsten Schleichwegerl gelockt hat. Und dann gemütlich nach St. Anton zurück und das Auto hinter dem Weiß abgestellt. Dass man die Autonummer nicht sieht: FR – MANDI 1.

Bei der Gelegenheit muss aber wirklich einmal was über diese Autonummern gesagt werden. Wunschkennzeichen heißen sie. Weil man sich wünschen darf, was draufsteht. Es dürfen halt nicht mehr als wie fünf Buchstaben sein – und dann noch eine Zahl. Meistens steht eh nur der Name vom Auto­besitzer oben. Eben FR – MANDI 1. Die, die Franz oder Fritz heißen, haben es bei uns noch schöner: Da heißt es dann FR – ANZ 1 oder FR – ITZ 1. Weil ja Bezirk Freistadt mit FR abgekürzt wird. Oder es steht ein Kosename oben. Wie zum Beispiel FR – HASI 1. Oder es hängt mit der Firma zusammen. Wie beim Tischler von St. Anton. Bei dem heißt es: FR – HOLZ 1. Oder es hat was mit dem Hobby zu tun. FR – JAGA 1 – das ist natürlich der Otter Sepp. Und dann gibt es auch noch ein paar, die sich mit den Buchstaben eine Gaudi machen. Sagen wir einmal: FR – UST 1. Weil UST ist ja die Abkürzung von Umsatzsteuer. Und bei der hat ein jeder einen Frust – außer er zahlt keine. Weil es schwarz geht. Oder im Pfusch. Aber von dem fang ich jetzt gar nicht an! Das tät zu weit führen. Weil: Was bei uns Steuer hinterzogen wird – da könnte man ja ganze Romane schreiben! Und außerdem wird man sich sowieso schon längst fragen, wa­rum ich das mit den Wunschkennzeichen gar so aufbausche. Wa­rum ich nicht endlich erkläre, was der Prandegger Mandi mit der ganzen Geschichte zu tun hat. Nicht vielleicht wegen dem Geld, das die Leute für so ein Wunschkennzeichen hinausschmeißen! Immerhin 2.000 Schilling. Aber das Geld ist mir völlig wurscht! Geld schmeißen die Leute auch für einen anderen Blödsinn hi­naus. Mir geht es um was ganz was anderes: dass nämlich ein jeder die Nummer 1 sein will! Das gibt mir schon ein bisserl zu denken: Wo kommen wir da noch hin, wenn ein jeder nur mehr die Nummer 1 sein will?

Normalerweise ist der Prandegger Mandi auch gern die Nummer 1. Sonst wäre er nicht Bezirksrauchfangkehrermeister, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr St. Anton und Obmann der Jagdhornbläser. Aber eben nur normalerweise. Im Moment ganz und gar nicht. Da wäre er viel lieber eine ganz eine unscheinbare Nummer. Weil er nämlich im Gasthaus Weiß sitzt, dass er seine Ruhe hat – und nicht, dass er sich vom Schipany anstänkern lasst! Drum hat er ja auch gesagt: „Wer nix lernt und auch nix kann, der geht zur Post und auch zur Bahn!“ Damit ist nämlich der Schipany Bertl gemeint. Weil er Briefträger ist. Weil er wirklich nicht recht viel gelernt hat. Genauer gesagt: Ein paar Mal ist er sitzen geblieben in der Volksschule – und dann Hilfsarbeiter – und dann zur Post. Drum fühlt sich der Bertl auch angesprochen. Drum kriegt er auch einen roten Schädel. Drum sagt er auch: „Mit einem Mörder mag ich sowieso nicht an einem Tisch sitzen!“ Und trinkt aus und geht.

Auf das hat aber die Gucki nur gewartet: dass sie endlich allein ist mit dem Mandi! Aber nicht, weil er der Mörder vom Harry ist. Dann tät es ja auch gar nicht gehen. Weil dann hätten sie den Mandi ja gar nicht mehr ausgelassen. Weil festgenommen haben sie ihn eh. Und verhört. Die halbe Nacht! Bis dann das Gutachten gekommen ist. Vom Gerichtsmediziner. Weil da ist dann schwarz auf weiß drinnengestanden, dass der Mandi gar nicht der Mörder sein kann. Weil man eine Leiche nämlich nicht ermorden kann. Weil: Wie ihn die Kugel vom Mandi mitten in die Stirn getroffen hat, da war der Harry nämlich schon mausetot.

Trotzdem ist der Mandi natürlich fertig mit den Nerven. Und heilfroh, dass dieser lästige Schipany endlich weg ist. Dass sie endlich allein sind. Er und das Mädel. Weil: Wie sie ihn jetzt anschaut – so warmherzig und verständnisvoll – da vergisst er doch glatt, dass sie eigentlich auch eine Reporterin ist. Und lässt sich einfach hineinfallen in diese bernsteinfarbenen Augen – ein Braun, so unergründlich und tief wie das Wasser der Aist! Und schon hat er seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt – und schon kommt, was ganz einfach kommen muss. Aber nicht das, was jetzt vielleicht einer denkt! Der Mandi belästigt die Gucki nicht – der Mandi weint. Richtig herausbrechen tut es aus ihm: wie bei einem Wolkenbruch! Dass er jetzt seit 35 Jahren auf die Jagd geht. Dass er noch nie wen angeschossen hat – nicht einmal einen Treiber! Dass er sein Gewehr gar nicht mehr anschauen kann. Geschweige denn angreifen! Dass er das Jagen aufgibt. Dass er überhaupt alles aufgibt: den Kommandanten, den Obmann und den Bezirk! Dass er in Pension geht. Oder soll er sich lieber gleich erschießen?

Gott sei Dank war dem Mandi sein Katzenjammer aber auch genauso schnell wieder vorbei wie ein Wolkenbruch. Die Gucki hat ihm nur ein bisserl gut zureden müssen – dann hat er sich auch schon ordentlich geschnäuzt, der Wirtin geschrien und die Gucki auf ein Bier eingeladen. Und ihr alles feinsäuberlich erzählt. Wie ihn fast der Schlag getroffen hätte: wie da auf einmal keine Wildsau liegt, sondern ein Mensch. Wie er sich noch gewundert hat, dass der Mann mitten im Winter ein Sommergewand anhat. Wie er auf einmal den Harry erkannt hat. Wie er dann das Loch in der Stirn gesehen hat. Wie ihm schlecht geworden ist. Wie dann der Doktor gekommen ist. Und die Gendarmen. Wie der Pointner Hans schließlich gesagt hat: „Herr Prandegger, ich muss Sie leider vorläufig festnehmen!“ Wie ihm da schlagartig klar geworden ist, dass er ein Mörder ist. Weil der Hans Sie gesagt hat. Obwohl sie normal per Du sind. Weil bei uns sind eigentlich alle per Du. Wie ihm schwarz vor den Augen geworden ist. Und so weiter und so fort. Bis zum gerichtsmedizinischen Gutachten. Fraktur der Wirbelsäule. Was nichts anderes heißt, als dass sich der Harry das Kreuz gebrochen hat. Trotzdem hat sich der Mandi das mit der Fraktur gemerkt. Weil das der Beweis für seine Unschuld war. Zumindest für die Kriminalbeamten. Für die Jäger sicher nicht. Da wird die Geschichte noch ein Nachspiel haben. Von wegen Fahrlässigkeit. Das Mindeste, aber auch schon das Allermindeste, was ihm blüht, ist eine strenge Verwarnung. Wenn sie ihm den Jagdschein nicht gleich zupfen. Bevor aber der Mandi noch so richtig ins Sudern kommen kann, ist die Gucki auch schon weg. Weil sie jetzt auf einmal ganz dringend zum Doktor muss. Ist ihr am Ende schlecht geworden beim Mandi seiner Geschichte? Wunder wär es ja keines: zwei Bier, ein Kaffee, wieder ein Bier, Zigaretten auch eine nach der anderen – und noch dazu filterlose – und das alles auf nüchternen Magen! Und am Vortag um drei in der Früh ins Bett. Aber kein bisserl nüchtern!

Mit ihrem Magen ist aber anscheinend alles in Ordnung. Sonst tät ihr der Doktor Munz jetzt nicht die Lunge abhorchen. Wird ihm eh lieber sein. Weil ja die Gucki unter dem Rollkragenpullover keinen BH anhat und weil ihr Busen wirklich sehenswert ist. Der springt einem ja schon ins Auge, wenn sie was anhat. Weil Beruf hin, Beruf her – auch einem Doktor wird ein schöner Busen besser gefallen als wie ein schiacher. Sonst wär er ja kein Mann. Nur: Anmerken lassen darf er sich halt nichts. Drum tut er gleich auch recht streng und redet der Gucki ins Gewissen. Wegen dem Rauchen. Weil sie eine ordentliche Bronchitis hat. Aber die hat sie eigentlich immer im Winter. Und wegen dem ist sie eigentlich auch gar nicht gekommen. Gekommen ist sie nur, weil der Doktor Munz gestern den Harry untersucht hat. Besser gesagt: dem Harry seine Leiche. Also fragt die Gucki zum Spaß, ob der Harald Baum leicht gar an einer Bronchitis gestorben ist. Ist jetzt der Doktor natürlich in einer Zwickmühle: einerseits ärztliche Schweigepflicht – andererseits ausgesprochen charmante Patientin. Weil die hat es mit dem Rollkragenpullover-Anziehen überhaupt nicht eilig.

Aber ganz umsonst hat so ein Doktor auch nicht studiert. Drum zieht er sich elegant aus der Affäre und sagt zuerst, dass er ihr nichts, aber auch schon absolut gar nichts gesagt hat – und dann sagt er ihr, was sie wissen will. Beziehungsweise: Er sagt ihr, was er weiß. Die Todesursache weiß er nämlich auch nicht. Genauso wenig wie den Zeitpunkt des Todes. Das Einzige, was er mit Sicherheit sagen kann, ist, dass der Harry schon länger tot sein muss. Mindestens zwei, drei Monate. Dass aber die Leiche rein äußerlich trotzdem so gut erhalten ist, wie wenn er erst gestern gestorben wäre. Wie wenn man den Harry konserviert hätte. Jetzt hätte die Gucki nicht fragen dürfen, wie denn der Doktor das so genau sagen kann. Denn kaum hat er ihr erklärt, wie er da dahintergekommen ist, hat sie auch schon ruck-zuck ihren Rollkragenpullover anziehen müssen und rennen. Mit Ach und Krach hat sie es noch geschafft bis zur Haustür. Dann hat sie aber auch schon gespieben, dass es nicht mehr feierlich war. Direkt auf dem Doktor Munz seine Rosensträucher. Das hat er jetzt davon, dass er ihr das auch so anschaulich schildern muss! Dass sich nämlich bei einer Leiche nach einiger Zeit das Hirn zersetzt und dass dem Harry sein Hirn praktisch bei den Ohren herausgeronnen ist.

Bei der Gucki ist es sogar herausgespritzt: wie bei einem Odelfassl*! Eh klar – nichts Festes im Magen! Der Doktor Munz hat gerade seine Diagnose auf Gastritis erweitern wollen – da war die Gucki aber auch schon weg. Nicht einmal Hustentropfen hat er ihr verschreiben können. Geschweige denn, dass er sie ins Kino oder Theater einladen hat können. Weil er nämlich eine Frau gebraucht hätte. Aber nicht nur eine fürs Bett. Auch so. Zum Heiraten halt. Weil er keine Frau gehabt hat. Obwohl: Bei einem Doktor sagt man nicht Frau, sondern Gattin. Weil ein Doktor ja was Besseres ist. Da heißt dann auch die Frau Frau Doktor. Auch wenn sie eine Universität noch nie von innen gesehen hat. Müsste man meinen, dass sich die Frauen nur so darum reißen, Frau Doktor zu werden. Warum hat dann der Munz noch immer keine? Weil: So um die fünfundvierzig wird er jetzt sein – und jünger wird er auch nimmer. Ist er leicht so schiach? Nein, überhaupt nicht! Ein bisserl grau an den Schläfen, aber sonst eine stattliche Erscheinung – wie man so sagt. Warum findet dann so einer keine Frau?

* Odelfass, auch Adelfass: bes. bayr. und österr. für Jauchenfass.

Das ist jetzt gar nicht so leicht zum Erklären. Am besten, ich fang damit an, dass St. Anton 50 Kilometer von Linz weg ist. Eine Stunde mit dem Auto. Praktisch lauter Kurven. Ein Traum für jeden Motorradfahrer! Nur: Leider hat die Frau Magister Moll kein Motorradl gehabt. Und ist daher auch nicht so gern nach St. Anton gefahren. Das war die Verlobte vom Doktor Munz. Mit der Betonung auf war. Ist nämlich auch schon wieder zehn Jahre her. Da hat der Munz gerade die Praxis übernommen. Und sich eigentlich recht schnell eingelebt. Die Frau Magister weniger. Die hat nicht so recht gewusst, was sie in St. Anton anfangen soll. Weil Schwammerlsuchen hat sie nicht wollen – und Tarockieren hat sie nicht können. Und sonst schaut es halt bei uns eher schlecht aus, was die sogenannten Freizeitangebote betrifft. Höchstens noch Zeltfeste. Da gibt es genug. Und Hüttenfeste auch. Aber genau so ein Hüttenfest ist dann dem Doktor Munz zum Verhängnis geworden. In Trilling war es, hoch hergegangen ist es – da hat der Fuzzi auf einmal eine saublöde Idee. Schnappt er sich seinen Fotoapparat – das war eigentlich nur ein blöder Zufall, dass er den mitgehabt hat, weil: Wer nimmt denn schon auf ein Hüttenfest einen Fotoapparat mit? Aber der Fuzzi war ausgerechnet an dem Tag auf Betriebsausflug in der Wachau und hat fleißig Weinkeller fotografiert. Schnappt er also seinen Fotoapparat und kriecht unter den Tisch. Und kriecht weiter und kriecht und kriecht, bis dass er in der Schnapsbar landet. Direkt unter dem Rock von der Frau Magister. Und drückt ab. Gleich ein paar Mal! Dass es unter dem Rock nur so blitzt! Angeblich sind die Fotos sogar was geworden. Dafür ist es mit der Hochzeit vom Doktor Munz nichts geworden. Weil nämlich die Frau Magister keinen Spaß verstanden hat. Und nicht nur das Trillinger Hüttenfest auf der Stelle, sondern auch St. Anton für immer verlassen hat. Seither geht der Fuzzi vorsichtshalber zum Blumenfelder Doktor, wenn ihm was fehlt.

Jetzt könnte man sagen: Das mit den Fotos gehört eigentlich gar nicht hierher. Weil das ja eine ganz eine andere Geschichte ist. Will ich auch gar nicht abstreiten. Aber: Was soll ich denn machen? Ich kann ja auch nichts dafür, dass dem Doktor Munz die Geschichte mit den Fotos gerade jetzt wieder eingefallen ist. Aber nicht, weil die Gucki der Frau Magister Moll so ähnlich schaut: Weil sie so ganz anders ist! Und dass er für das Hobby Rosenzüchten eigentlich noch zu jung ist, denkt er sich auch. Und weil er gar so viel denkt, denkt er überhaupt nicht dran, was sich die Leute denken werden, wenn ihr Doktor mit einem dünnen Manterl und mit Schlapfen im Schneesturm vor dem Haus herumsteht. Man sieht ihn aber eh fast nicht. Praktisch getarnt: weißes Manterl, weißes Hemd, weißes Hoserl, weiße Schlapfen und sogar weiße Socken. Die Haare werden auch schön langsam weiß. Und kalt ist ihm sowieso kein bisserl. Weil ihm vor lauter An-die-Gucki-Denken ganz warm ist.

* entrisch: gruselig, unheimlich

Der Gucki ist dafür saukalt. Richtig reißen tut es sie, wie sie jetzt durch den Schnee stapft. Warum muss sie aber auch blöd in der Gegend herumrennen, anstatt endlich ihren Aufmacher zu schreiben? Wird schon ihre Gründe haben. Erstens muss der Turrini sowieso schon längst Gassi, wobei Gassi natürlich der falsche Ausdruck ist, weil es bei uns ja keine Gassen gibt. Zweitens muss sich die Gucki den Tatort anschauen. Und auch bei Tatort bin ich mir nicht so sicher. Weil: Wer sagt denn, dass der Fundort der Leiche gleichzeitig der Tatort ist? Eigentlich kann er es gar nicht sein. Hundertpro! Weil gestern ist der Harry nicht umgebracht worden – und vorgestern hätte die Gucki die Leiche gefunden. Also: die Gucki wahrscheinlich nicht. Wegen dem vielen Schnee. Der Turrini aber bestimmt. Für was ist er denn sonst ein Hund? Die Gucki und der Turrini sind nämlich vor zwei Tagen am Fundort vorbeigekommen. Weil sie da praktisch jeden Tag vorbeikommen. Beim Gassigehen, das – wie gesagt – kein Gassi-, sondern ein Feldwegigehen ist. Weil der Fundort ja ganz in der Nähe von der Gucki ihrem Haus ist. In Steining. Das ist ein Dorf, das aber kein richtiges Dorf ist, sondern lauter alleinstehende Häuser. Ein paar Bauernhäuser und der Gucki ihr Wochenendhaus, das jetzt kein Wochenendhaus mehr ist. Eher umgekehrt – ein Wochentagshaus. Weil die Gucki am Wochenende öfter nach Wien fährt.

Gestern war sie aber nicht in Wien. Da war sie mit dem Turrini beim Fundort. Und ist sogar stehen geblieben. Und hat sogar noch ein Foto gemacht. Weil es so ein entrisches* Bild war. Ist da auf einmal so eine Art Galgen aufgestellt. Einfach zwei Latten im rechten Winkel zusammengenagelt, und dann noch eine dritte in einem Winkel von 45 Grad. Damit es auch hält. Und an dem Galgen baumelt eine tote Krähe. Mit dem Kopf nach unten. Trotzdem schaut es aus wie eine öffentliche Hinrichtung. Sozusagen abschreckendes Beispiel. Nur: warum? Ich mein: Für was braucht man im Winter eine Vogelscheuche? Gibt ja nichts, was die Krähen fressen könnten. Nur Schnee. Die Siloballen, die für die Gucki normalerweise ein vertrauter Anblick sind, weil sie schon seit dem Sommer dort liegen, sind so verschneit und so verweht, dass sie auf einmal wie ein Lindwurm ausschauen. Den hat die Gucki auch fotografiert. Gleich ein paar Mal. Die Siloballen hat die Gucki sowieso schon öfter fotografiert. Auch schon im Sommer. Weil sie so was Unwirkliches haben. Praktisch Fremdkörper in der Landschaft. Die Form ist es aber nicht, dass sie nicht herpassen. Weil da gibt es Steine auch, die so ausschauen: so ein Zylinder, bei dem die Kanten abgerundet sind. Eher das Material: das Plastik, das da herumgewickelt ist. Weil es ausschaut, wie wenn es so spannen tät, wie wenn es den Siloballen jeden Moment zerreißen tät. Und dann natürlich die Farbe: So ein komisches Grün, dass man es gar nicht beschreiben kann. Am ehesten noch: gespieben. So blassgrün wie einer im Gesicht ist, der kurz vor dem Speiben steht. Irgendwie eine Leichenfarbe. Ich mein: Ich will ja nichts sagen gegen die Siloballen, weil sie ja schon recht was Praktisches sind. Nur: Jetzt gibt es sie schon seit mehr als zehn Jahren – und ich kann mich noch immer nicht an die Silobinkel gewöhnen! Weil bei uns heißt es Silobinkel. Weil natürlich kein Mensch Ballen sagt. Binkel klingt ja auch irgendwie freundlicher. Trotzdem kann ich mich nicht damit anfreunden.

Der Turrini anscheinend auch nicht. Der bellt wie ein Wilder und ackert im Schnee herum, als wären die Silobinkel wirklich ein Lindwurm – und er der Heilige Ritter Georg, der die Gucki vor diesem Monster beschützen muss. Muss die Gucki natürlich lachen. Weil sie manchmal wirklich ein bisserl von einem Ritter träumt. Halt von einem, der sie aus ihrem ganzen Schlamassel herausreißt: dass sie für diese depperten Mühlviertler Nachrichten schreiben muss, dass sie sich ununterbrochen von dieser depperten Chefin sekkieren lassen muss, dass sie mit dieser depperten Diplomarbeit über den Turrini nicht fertig wird, dass sie nicht weiß, wie sie diesen depperten Altbausanierungskredit zurückzahlen soll, dass dieser depperte Hund nicht folgt, dass überhaupt alles aussichtslos ist. Da ist es dann wirklich kein Wunder, dass sie hie und da ein bisserl ins Träumen kommt. So – von wegen eine starke Schulter, an die man sich anlehnen kann. Nur war halt weit und breit kein Ritter in Sicht. Weil ins Gasthaus Otter verirrt sich keiner – und auf ein Zeltfest oder Hüttenfest auch nicht. Und in die Meierhansl-Hütte, in der sie jeden Sonntag und jeden Dienstag tarockiert, schon gar nicht. Dort gab es zwar Männer zum Saufüttern – und alle nicht verheiratet – und alle auf der Suche nach einer Frau – nur: Was die suchen, ist keine lustige Journalistin, die Kartenspielen kann, sondern eine tüchtige Bäuerin, die einen Nebenerwerbshof bewirtschaften kann. Und außerdem: Bei der Gucki traut sich sowieso keiner so recht. Weil die Gucki halt doch anders ist. Nicht nur, weil sie eine Studierte ist. Auch weil es einem das Beuschel herausreißt, wenn man einmal bei der Gauloises filterlos anzieht, die die Gucki immer raucht. Da muss einer schon recht einen Rausch haben, dass er zudringlich wird. So wie gestern der Joe. Hat ihr ein bisserl auf den Busen gegriffen. Ist aber dann eh gleich eingeschlafen. Im Sitzen. Die Watschen, die ihm die Gucki vorher noch gegeben hat, hat er wahrscheinlich nicht einmal recht gespürt. Obwohl: Die Gucki kann ordentlich zuhauen! Weil geklescht hat es ärger, wie wenn der Fuzzi „Schuss!“ sagt. Und der drischt dabei so auf den Tisch, dass die Gläser wackeln. Aber das hab ich eh schon erzählt.

Und dann hat die Gucki jetzt auch wirklich was Besseres zu tun, als an Männer zu denken. Weil es ihr schon wieder den Magen hebt. Weil es auf einmal so stinkt. So ein eigenartig süßlicher Geruch. Ein bisserl wie Zuckerwatte. Nur: Wo soll denn da mitten am Arsch der Welt eine Zuckerwatte herkommen? Wahrscheinlich bildet sie sich das nur ein. Außerdem wird es jetzt wirklich höchste Zeit, dass sie in die Redaktion kommt. Also hoppauf! Die Gucki pfeift – der Turrini kommt nicht. Das allein wäre noch nichts Besonderes. Weil der Turrini grundsätzlich nur kommt, wenn es ihm passt. Weil ihn die Gucki halt verzogen hat. Vermodelt heißt das bei uns. Nur: Normalerweise schaut ihr Turrini-Burli wenigstens her, wenn sie pfeift: Ob sich das Folgen auszahlt. Ob das Frauli vielleicht ein Fressi in der Hand hat. Weil das Frauli immer ein Fressi eingesteckt hat. Heute – zum Beispiel – eine getrocknete Rindslunge. In der Außentasche von ihrer Fliegerjacke. Das ist so eine kurzgeschnittene schwarze Lederjacke mit einem Kragen aus weißem Lammfell. Die ist auch vom Opa. Der war nämlich Jagdflieger. Und die Fliegerjacke war neben einem Bauchschuss das Einzige, was ihm vom Krieg geblieben ist. Dementsprechend stolz war er auch auf seine zwei Erinnerungen. Wenn der wüsste, wie seine Jacke jetzt riecht! Weil sie nämlich gotterbärmlich stinkt. Nach Hundefutter. Vielleicht kriegt die Gucki nur deswegen keinen Mann?

Aber lassen wir die Spekulationen! Beim Turrini waren wir. Der nicht nur nicht folgt, sondern auch nicht einmal herschaut. Weil er wie ein Narrischer im Schnee herumbuddelt. Bleibt der Gucki gar nichts anderes über, als dass sie hingeht. Wie sie aber näher kommt, wird ihr klar, dass sie sich das mit der Zuckerwatte nicht nur eingebildet hat. Ich mein: Zuckerwatte ist es natürlich keine, aber stinken tut das Silofutter genauso. Und der Turrini muss sich jetzt auch noch in diesem stinkenden Zeug herumwuzeln! Das macht er grundsätzlich. Je mehr was stinkt, umso lieber ist es ihm! Am liebsten rennt er daher hinter einem Miststreuer her oder hinter einem Odelfassl. Und dann wuzelt er sich auch schon im ärgsten Dreck – und die Gucki kann ihn wieder baden! Nur: Das macht er ja nicht zufleiß – das machen die meisten Hunde. Die Gucki hat sogar beim Otter groß angekündigt, dass sie Odel in Hundeparfüm-Flascherl abfüllen und sauteuer verkaufen wird. Das war aber natürlich nicht ernst gemeint. Weil die Produktbezeichnung Eau de toilette wäre dann doch zu doppeldeutig. Trotzdem erzählt das Fräulein Ehrenmüller bis zum heutigen Tag herum, dass die Gucki angehende Parfumfabrikantin ist. Das tut die Gucki überhaupt gern: so ein bisserl die Leute pflanzen. Für das ist ihr nichts zu blöd! Hat sie doch tatsächlich knapp unter dem Dach an die Mauer von ihrem Haus einen alten Holzkorb montiert. Und mitten in den Korb einen Schneebesen hineingesteckt. Hat auch nicht lang gedauert, bis man sie darauf angeredet hat. Und ein paar hat es wirklich gegeben, die die Geschichte vom biologischen Fernsehprogramm aus Schweden sogar geglaubt haben. Weil so ein Holzkorb wirklich eine gewisse Ähnlichkeit mit den Satellitenschüsseln hat, die heutzutage auch bei uns ein jedes Haus verschandeln. Von den Hirnen, die damit verschandelt werden, will ich jetzt gar nicht reden!

Weil nämlich der Turrini jetzt was gefunden hat. Hat auf einmal mit dem Herumwuzeln aufgehört und mit dem Graben angefangen. Aber nicht in der Erde, weil das tät ja gar nicht gehen, weil gefroren, sondern im Silofutter. Und tatsächlich was gefunden. Nämlich dem Harry sein Geld­taschl. Hat die Gucki natürlich gesagt: „Braves Hundi!“ Und dann: „Such!“ Vielleicht findet er noch was? Und wirklich! Weil so ein Hund hat ja eine extreme Spürnase. Weil aber die Gucki auch eine extreme Spürnase hat, heißt der nächste Aufmacher der Mühlviertler Nachrichten: Indiz für Todeskampf – Die Uhr des Mörders! Und drunter ein Foto von der Uhr, die der Turrini gefunden hat: eine Herren-Armbanduhr mit einem abgerissenen Lederbandl.

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9783701178292
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