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Frank Urbaniok

Darwin schlägt Kant

Über die Schwächen der menschlichen Vernunft und ihre fatalen Folgen

Orell Füssli Verlag, www.ofv.ch

© 2020 Orell Füssli Sicherheitsdruck AG, Zürich

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Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

ISBN 978-3-280-05722-3

eISBN 978-3-280-09091-6


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Inhalt

Einleitung

Teil 1: Begrenzungen und Schwachstellen menschlichen Denkens und Handelns

1Erkenntnistheoretische Grenzen der menschlichen Vernunft

1.1Grünes Blatt und roter Ball, alles Täuschung oder was?

1.2Kant und seine synthetischen Urteile a priori

1.3Trotz aller Bedenken: Denken lohnt sich!

1.4Zusammenfassung erkenntnistheoretischer Grenzen

2Allgemeine psychologische Schwachstellen der menschlichen Vernunft

2.1Schläger und Ball

2.2Rückschaufehler

2.3Halo-Effekt

2.4What you see is all there is (WYSIATI-Regel)

2.5Priming

2.6Ankereffekte

2.7Wiederholungen

2.8Kausalitätsillusion

2.9Physiognomischer Kurzschluss

2.10Überschätzung geringer Häufigkeiten

2.11Der schwarze Schwan und stumme Zeugen

2.12Generalisierung: Der unterschätzte Denkfehler

2.13Vermeidung kognitiver Dissonanz

2.14Hereinspaziert: A little something for everybody

2.15Radikaler Konstruktivismus und Grenzen der Kommunikation

2.16Kommunikation wird überschätzt

3Individuelle Persönlichkeitsprofile

3.1Die Kaltblütig manipulative Persönlichkeit (KmP)

3.2Instabiler Realitätsbezug

3.3Basale Wahrnehmungsmuster

4Vernunft und Evolution

4.1Instinktverhalten: Stereotyp, aber oft effektiv

4.2Investition in Vernunft: Ein evolutionäres Projekt mit Chancen und Risiken

4.3Kooperation versus egoistische Abgrenzung

4.4Individuelle Zuspitzungen der basalen Evolutionsprinzipien der menschlichen Natur

4.5Abgrenzung schafft Identität

4.6Das Verhältnis Mensch – Tier: Ein Beispiel für die Aktivierung und Deaktivierung des Kooperationspotenzials

5Das RSG-Modell

5.1Registrieren

5.2Subjektivieren

5.3Generalisieren

5.4Ordnungen

5.5Die menschliche Natur zeigt sich in allen Bereichen, die mit Menschen zu tun haben

6Naturwissenschaft: Der Königsweg?

6.1Kahnemans Taxiproblem

6.2Methodische Probleme statistischer Modelle am Beispiel des Taxiproblems

6.3Methode oder Versuchspersonen: Wer liegt hier falsch?

6.4Irrtümer der Wissenschaft: Einige Beispiele

6.5Das erkenntnisleitende Interesse

6.6Das Hamsterrad dreht sich immer und überall

6.7Skandal um Rosi

7Pragmatisch-phänomenologische Betrachtungsweise

7.1Beispiel für theoriegeleitete Fehlentwicklungen: Der Fluch der Psychosomatik

7.2Die Problematik impliziter Theorien

7.3Pragmatisch-phänomenologisches Erkenntnismodell und klassische Phänomenologie

7.4Empirismus versus Rationalismus

7.5Die Konzeption des pragmatisch-phänomenologischen Erkenntnismodells

7.6Die Bewertungskriterien der pragmatisch-phänomenologischen Methode

7.7Das Falsifikationsprinzip

7.8Falsifikationsprinzip und die Evidenzkriterien der pragmatisch-phänomenologischen Methode

7.9Relative Determination: Ein oft verkanntes, aber universelles Prinzip

7.10Der Fall der Berliner Mauer: Ein Beispiel für relative Determination

7.11Prognosen über die Zukunft: Ein Ding der Unmöglichkeit?

8Evolution: Wie Lüge und Krieg in die Welt kamen

8.1Das schmutzige Instrumentarium: Lügen, Täuschung, Manipulation, Stehlen und Gewalt

8.2Nachteile des schmutzigen Instrumentariums

8.3Der Mensch: Vom evolutionären Ladenhüter zum Erfolgsmodell

8.4Das rätselhafte Schicksal der Neandertaler

8.5Geschwistermord, die wahre Erbsünde?

8.6Das schmutzige Instrumentarium: Garant für Erfolg

8.7Die Mafia: Das schmutzige Instrumentarium als Strukturprinzip

8.8Das archaische Spannungsfeld der menschlichen Natur: Weit sind wir noch nicht gekommen

9Werte

9.1Humanistische Werte

9.2Nietzsche und die Aufklärung

9.3Nietzsche und die Kritik an klassischen Wertvorstellungen

9.4Der Wille zur Macht

9.5Max Stirner

9.6Die Rehabilitation von Mitleid und Liebe etc

9.7Werte als handlungsleitende Orientierungspunkte

10Geschichtliche Entwicklungen und Gesellschaftsmodelle

10.1Diskontinuität kultureller Entwicklungen

10.2Karl Popper und der Kampf für die offene Gesellschaft

10.3Popper contra Hegel

10.4Frankfurter Schule

10.5Frankfurter Schule und Aufklärung

10.6Negri und Hardt: Das Empire

10.7Aufklärung gescheitert?

10.8Eine makabre Rangliste

10.9Gemeinsamkeiten der drei größten Massenmörder aller Zeiten

10.10Menschlichster aller Menschen, Sonne der Menschheit!

10.11Mao Tse-tung: Ungebrochene Verehrung eines großen Führers

10.12Sind wir dem Mittelalter näher, als wir denken?

11Gedanken, Gefühle, Glaube und Überzeugungen

11.1Vorstellungen und andere Informationskonglomerate

11.2Der Glaube versetzt Berge

11.3Die Wechselwirkung von Glaube und Evidenz

Teil 2: Gesellschaftliche Schwach- und Baustellen

12Ordnungen und Organisationen

12.1Beschleunigung in der Postmoderne

12.2Einkaufsliste

12.3Regeln, Prinzipien, Konzepte, Systeme, Organisationen

12.4Neuer Wind in der Musikschule

12.5Ungebremstes Verwaltungswachstum: Folge der inhärenten Logik und übergeordneter Wachstumstreiber

12.6Die 80-20- und die ⅓-⅔-Regel, oder: Regeln und individuelle Kompetenz

12.7Standards und Papiere: Die Verschleierung fehlender persönlicher Kompetenzen

12.8Gruppenkategorien und Gruppenidentitäten

12.9Gute und schlechte Gründe für Gruppenkategorien

12.10Absolute Prinzipien enden in Absurdität

12.11Im Würgegriff des juristischen Prinzips

12.12Der Fall Metzler

12.13Asylrecht

12.14Flucht- und Migrationsursachen

12.15Algorithmen und künstliche Intelligenz

12.16Pferd oder Gießkanne, das ist hier die Frage

12.17Werner Heisenbergs Pollenallergie

12.18Das Würfelgericht

12.19Die Verfeinerung des Würfelgerichts und andere Systembrecher

13Ökonomie

13.1Die unsichtbare Hand

13.2Animal Spirits

13.3Ökonomische Ungleichheit und die Idealisierung des Unternehmertums

13.4Ehrliche Handwerker und egoistische Trader

13.5Machiavelli: Eine tief verankerte kulturhistorische Tradition

13.6Profitorientierung und Wachstumsprimat

13.7Mafiamethoden in der Ökonomie am Beispiel der Tabakindustrie

13.8Jeffrey Wigand: Ein hart bekämpfter Whistleblower

13.9Mafiamethoden in der Ökonomie: Die Spitze des Eisbergs

13.10Aber die Wahrheit kommt am Ende doch ans Licht – oder doch nicht?

13.11Schulden

14Medien und Information in der Postmoderne

14.1Eine Flut von Informationen

14.2Angriff auf die Pressefreiheit

14.3Die weiche Zensur

14.4Der Umgang mit populistischen Parteien am Beispiel der deutschen AfD

14.5Migrations- und Flüchtlingspolitik: Das gute und das schlechte Narrativ

14.6Im Wahlkampf gilt: Ausländische Regelbrecher verlassen das Land

14.7Abschiebungen von ausländischen Straftätern: Ein schwieriges Geschäft

14.8Abschiebungen: Theorie und Praxis

14.9Ausländerkriminalität: Das etablierte Gegen-Argumentarium

14.10Faktoren, die das Phänomen der Ausländerkriminalität verschleiern

14.11Die Analyse der Polizeilichen Kriminalstatistik von Jochen Renz

14.12Weitere Zahlen zur Ausländerkriminalität

14.13Die Bundeszentrale für Aufklärung und die Erziehung zum mündigen Bürger

14.14Die Angst vor aussagekräftigen Zahlen

14.15Schlussbetrachtung zum Thema »Ausländerkriminalität«

14.16Der Fall Edathy

14.17Der Fall Herman

14.18Öffentliche Entschuldigungsrituale

14.19Einzelfälle als Beurteilungsgrundlage

14.20Seltene Ereignisse können keine häufigen Ursachen haben

14.21Thesenjournalismus und Fake News

15Werbung, Propaganda und Politik

15.1Die Werbeindustrie

15.2Werbung in der Politik

15.3Das Informations- und Diskussionsvakuum westlicher Demokratien

15.4Populismus

15.5Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Populisten und Extremisten

15.6Massenpsychologie nach Gustave Le Bon

15.7Prinzipien der nationalsozialistischen Propaganda

15.8Goebbels in Berlin

15.9Goebbels gegen Bernhard Weiß: Beispiel einer gezielten Hetzjagd

15.10Unterschiede und Schnittmengen innerhalb des politischen Spektrums

15.11Extremismus, Populismus und die demokratische Mitte: Ein Differenzierungsschema

15.12Agitatorische Propagandamethoden versus aufklärerische Ideale

15.13Die Schweizerische Volkspartei (SVP)

15.14Populistische Stilmittel

15.15Ein ungleicher Kampf: Smarte Bogenschützen gegen schwerfällige Ritter

15.16Der Bus des Schreckens

15.17Verdienste der SVP

15.18Der Horror-Clown im Weißen Haus

15.19Profil und Markenkern demokratischer Parteien

15.20Stärken und Schwächen politischer Grundausrichtungen

15.21Die Sozial-Liberale-Ökologische-Kriminalität-und Überregulierung bekämpfende Partei (SLÖKÜBP)

16Zum Schluss: Ein vorsichtig optimistischer Ausblick

Quellenverzeichnis

Personenregister

Einleitung
Die Legende der Sieger

Der Mensch ist eindeutig das dominierende Lebewesen auf unserem Planeten. Wie hat er es auf diesen Spitzenplatz geschafft? Nicht ein besonders kräftiges Gebiss, eine außerordentliche Schnelligkeit, ein tödliches Gift oder überbordende Körperkraft sind sein Erfolgsgeheimnis. Die schärfste Waffe ist sein Verstand. Durch ihn ist er allen anderen Lebewesen haushoch überlegen. Er ist das Beste, was die Evolution in vielen Millionen Jahren hervorgebracht hat. Der Mensch ist ihr ultimatives Erfolgsmodell. So weit die Legende der vermeintlichen Sieger. Sie ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Das fängt schon damit an, den heute lebenden Menschen als »den Menschen« zu bezeichnen. Fakt ist: Es gab einige Menschenarten. Aber nur eine von ihnen überlebte. Alle anderen starben aus. Die Art, die überlebte, gab sich selbst einen schmeichelhaften Namen: Homo sapiens – der weise Mensch. Für die ausgestorbenen Verwandten reichte es, den Ort zu nennen, an dem man ihre Knochen fand. Sie mussten sich mit schmucklosen Namen wie Neandertaler oder Australopithecus begnügen.

Bescheidenheit war noch nie eine Stärke des weisen Menschen. Das sieht man auch daran, dass er sich gerne als Krone der Schöpfung und als ein Wesen begreift, das von Gott auserwählt und mit unendlicher Liebe beschenkt wird. Kein Wunder, dass die Evolutionstheorie des Naturforschers Charles Darwin lange Zeit erbittert bekämpft wurde. Auch heute noch ist sie wütenden Protesten ausgesetzt. Fakt ist auch: Für die Evolution sind 100 000 Jahre ein klein wenig mehr als nichts. Ob der Homo sapiens tatsächlich ein dauerhaftes Erfolgsmodell darstellt, ist eine offene Frage. Solche Fragen beantwortet die Evolution in Zeiträumen von mehreren Millionen Jahren. Und aus dieser Perspektive betrachtet haben wir bei einem Marathonlauf gerade mal den Startbereich verlassen.

Der Homo sapiens hat Stärken und Schwächen. Vieles, was in dieser Welt schiefläuft, hat mit seinen Schwächen zu tun. Man muss sich nur umschauen und findet sie in alltäglichen Kleinigkeiten genauso wie in Gesellschaft, Politik oder Wissenschaft. Es ist gut zu wissen, wie die Evolution den Homo sapiens konstruiert und geprägt hat. Denn das hilft zu verstehen, warum die Demokratie weltweit auf dem Rückzug ist, warum wir Kriege führen, Regeln bis zur Absurdität ausbauen, Populisten mögen, uns gerne selbst belügen und vieles mehr. In diesem Sinne erwartet die Leserinnen und Leser ein großes Themenspektrum. Damit verfolge ich vor allem ein Ziel: Das Buch soll zum kritischen Nachdenken anregen und dazu, sich eine eigene Meinung zu bilden. Denn unabhängige und mündige Bürger, die sich an humanistischen Idealen orientieren, sind der wichtigste Faktor in dem Versuch, die Welt besser zu machen, als sie derzeit ist.

Der große Irrtum

Beginnen wir mit der menschlichen Vernunft. Sie unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten. Sie ist eingebettet in die allgemeine menschliche Psychologie (= menschliche Natur) und hat ein gigantisches Potenzial. Aber, Vorsicht. Die Vernunft hat auch viele Schwachstellen, die den meisten Menschen unbekannt sind. Räumen wir gleich mit einem Irrtum auf, der seit Jahrtausenden gepflegt wird. Ja, die menschliche Vernunft ist ein faszinierendes Instrument dafür, uns selbst und die Welt um uns herum zu erkennen und einzuordnen. Aus dieser Tatsache wird ein unreflektierter Kurzschluss abgeleitet. Weil man mit der Vernunft die Wirklichkeit erkennen kann, sei das genau auch der Zweck unserer Vernunft. In der christlichen Tradition klingt das so: Gott habe den Menschen die Vernunft gegeben, um Gott und Gottes Schöpfung erkennen zu können. Denn nur mit diesem Geschenk sei es möglich, die Existenz und die Größe Gottes zu erkennen, sich für die richtige Religion zu entscheiden und die Welt sowie die eigene Existenz zu verstehen. Aber auch ohne diesen religiösen Bezug hat man immer angenommen, der Mensch besitze seine Vernunft, damit er die Welt und sich selbst richtig erkennen und einordnen könne. Das ist falsch. Vor allem aber ist dieses Missverständnis über den Zweck der Vernunft eine schlechte Voraussetzung, die Vernunft »vernünftig« anzuwenden. Denn es macht die Vernunft noch viel fehleranfälliger, als sie es ohnehin schon ist. Ich will den Gedanken anhand eines Beispiels verdeutlichen. Dabei versetzen wir uns in die Zeit der Urzeitmenschen.

Stellen wir uns vor, unsere Vorfahren hörten in der Nacht ein Rascheln im Busch. Der eine Urmensch geht stets davon aus, das Rascheln stamme von einem Löwen. Er macht sich blitzschnell aus dem Staub. Der andere wartet auf weitere Informationen, um eine bessere Beurteilungsgrundlage zu haben. Der erste ist ein wahrhaft einfältiger Geist. Bei jedem Rascheln sieht er vor seinem geistigen Auge einen hungrigen Löwen und nimmt schnurstracks die Beine in die Hand. Er lebt in einer eigenen Vorstellungsblase, die wenig mit der Realität zu tun hat. Die Welt erfasst er nur rudimentär. Anders sein Kollege. Der ist neugierig und will seinen Verstand nutzen. Mittlerweile hat er das Phänomen des Raschelns gut verstanden. Er weiß, dass es meistens der Wind ist, der geräuschvoll die Blätter bewegt. Er hat beobachtet, dass auch eine Vielzahl kleiner und großer Tiere solche Geräusche verursachen kann. Nur selten steckt tatsächlich ein Löwe dahinter. Mithilfe seines Verstandes und seiner Beobachtungsgabe hat er ein differenziertes Bild der Wirklichkeit entwickelt, das ihm viele faszinierende Details offenbart. Er kennt die Welt sehr viel besser als sein Artgenosse, der die Präsenz von Löwen in grotesker Weise überschätzt. Aber er hat leider einmal zu lange überlegt und gewartet. Da nutzte es ihm auch nichts, dass er in mehr als 99 Prozent der Fälle mit seinen Beurteilungen über die vielfältigen Ursachen des Raschelns goldrichtig lag. Die eine tragische Fehleinschätzung war eine zu viel. Sie ereignete sich unglücklicherweise zu einem Zeitpunkt, in dem er noch keine Kinder gezeugt hatte. Da zeigt sich der evolutionäre Vorteil seines in seinen Wahrnehmungen und Urteilen total verpeilten Kollegen. Der wurde nie gefressen und zeugte zehn Kinder. Die Evolution hatte also gute Gründe – diese personifizierende Darstellung eines Prinzips sei aus Gründen der Anschaulichkeit erlaubt (vgl. Kap. 2.8) –, die Geschwindigkeit und Eindeutigkeit einer Urteilsbildung weit höher zu gewichten als deren Wahrheitsgehalt. Hier wird klar, worin der schlagende Vorteil dumpfer Automatismen und total verzerrter Beurteilungen liegt. Die Folgen dieser evolutionären Ausrichtung der Vernunft sind insbesondere in der modernen Informationsgesellschaft gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Was ist Aufklärung?

Die Aufklärung hat die Menschheit tiefgreifend verändert. Sie prägt bis heute unser Denken und ist Grundlage einer Fülle zivilisatorischer Errungenschaften. Die Aufklärung ist im Kern eine Haltung. Sie ist das Streben, die Welt, ihre Gesetzmäßigkeiten und auch uns selbst möglichst unvoreingenommen zu erforschen, dadurch Erkenntnisse zu gewinnen und so auf vielen Gebieten Fortschritte zu erzielen. Ein in der Menschheitsgeschichte beispielloser Zuwachs wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Fortschritt lassen sich ebenso auf die Aufklärung zurückführen wie Menschenrechte und demokratische Staatsformen.

1784 hat der Philosoph Immanuel Kant seinen berühmten Aufsatz »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« geschrieben. »Aufklärung«, so lautet darin seine Antwort, »ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.« Und weiter: »Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! [Wage es, weise zu sein!; F. U.] Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.«

Für Kant sind »Faulheit und Feigheit« die Ursachen dafür, dass die meisten Menschen »zeitlebens unmündig« bleiben. Denn es sei bequem, nicht selbst zu denken, sondern anderen dieses »verdrießliche Geschäft« zu überlassen. Für die meisten Menschen sei es schwer, sich aus der »beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten«. Weil sie nicht daran gewöhnt seien, ohne Anleitung und Vorgaben eigenständig zu denken, würden sie beim freien Denken »auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung thun […]. Daher giebt es nur Wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wikkeln, und dennoch einen sicheren Gang zu thun.« [1]

Der Aufsatz ist ein flammendes Plädoyer für den freien Geist – oder, um einen heute gebräuchlicheren Begriff zu gebrauchen: den mündigen Bürger. Kant wendet sich gegen Denkverbote. In seinem Aufsatz betont er damit den emanzipatorischen Aspekt der Aufklärung. Man soll sich von Ideologien und gesellschaftlichen Dogmen befreien, die einem offenen Prozess des Erkennens und Verstehens im Wege stehen. Kant beschreibt damit einen wichtigen Faktor, durch den eigenständiges Denken und damit die Mündigkeit eines Menschen behindert werden können: Es handelt sich um einengende gesellschaftliche Bedingungen.

Wie viele andere Autoren seiner Zeit richtete Kant seine Kritik gegen die christliche Religion und ihre kirchlichen und gesellschaftlichen Repräsentanten. Sie gaben in der westlichen Welt über Jahrhunderte vor, wie die Welt, wie der Mensch, wie die Schöpfung beschaffen seien und welche Ordnung sich hieraus auf Erden ableiten müsse. Verständlicherweise sah die Kirche durch die Ideen der Aufklärung ihr Wissensmonopol und damit auch ihre irdische Macht bedroht. Kant nimmt aber auch die Bürger selber in die Pflicht. Denn er unterstellt, dass sie durch ihre Vernunft zwar grundsätzlich die Möglichkeit zur Selbstbefreiung in sich tragen, ihr Potenzial jedoch häufig aufgrund von Bequemlichkeit und mangelndem Mut nicht ausschöpfen.

Bevormundende Autoritäten sind zweifellos ein wichtiges und nach wie vor aktuelles Hemmnis für die Anliegen der Aufklärung. Denken wir an totalitäre Systeme, an Pressezensur, Verfolgung von politisch Andersdenkenden, an politischen oder religiösen Fanatismus. Sie sind aber längst nicht das einzige Hindernis für einen unvoreingenommenen Erkenntnisprozess.

Auch auf der persönlichen Ebene gibt es viele Hindernisse, die sich einem aufgeklärten Verständnis der Welt und einem darauf basierenden vernünftigen Handeln in den Weg stellen. Es sind Hindernisse, die damit zu tun haben, wie die menschliche Vernunft und die menschliche Psychologie konstruiert sind. Das wiederum hat mit der evolutionären Entwicklung des Menschen zu tun. Die von Kant genannten persönlichen Haltungen, Bequemlichkeit und fehlender Mut, sind hier nicht einmal die Spitze eines riesigen Eisbergs, der den meisten Menschen unbekannt ist. Von diesem Eisberg, seinen Konsequenzen, aber auch von möglichen Lösungsansätzen wird in diesem Buch die Rede sein.

Menschliche Psychologie und menschliche Vernunft

Zwar hat Kant recht: Die Vernunft ist die entscheidende Fähigkeit des Menschen, um die Wirklichkeit zu erkennen und ein autonomes Leben zu führen. Das Beispiel des Urzeitmenschen zeigt aber, dass die menschliche Vernunft zweischneidig ist. Sie hat ein immenses Potenzial, ist jedoch auf der anderen Seite aus guten evolutionären Gründen mit vielfältigen Schwachpunkten ausgestattet. Diese beiden Seiten bestimmen die Chancen und die Risiken, die mit ihr verbunden sind. Dabei bewegt sie sich nicht in einem luftleeren Raum. Sie ist eingebunden in die psychologische Grundstruktur und damit Teil der allgemeinen menschlichen Natur. Diese menschliche Natur bewegt sich selbst zwischen zwei entgegengesetzten Polen. An dem einen Pol verfügt sie über ein großes Potenzial für Kooperation und die Gestaltung tragfähiger Beziehungen. Auf der anderen Seite findet sich eine grenzenlose egoistische Dynamik, die in diesem Buch als »egoistische Selbstbehauptung« bzw. »Wille zur Macht« bezeichnet wird. Auch diese beiden Pole der allgemeinen menschlichen Natur sind Ergebnis evolutionärer Prägungen. Sie entspringen also nicht unseren Wünschen und unseren Idealvorstellungen darüber, wie die menschliche Natur sein sollte. Aus der Perspektive der Evolution haben diese beiden Seiten ebenso einen Sinn wie die zwei entgegengesetzten Seiten der menschlichen Vernunft. Der Sinn erschließt sich aus einer evolutionären Entwicklung, die sich über Hunderttausende von Jahren vollzogen hat. Aber sind diese Baupläne, die sich in unvorstellbar langen Zeiträumen entwickelt haben, für den modernen Menschen noch sinnvoll? Stimmen die grundlegenden Konstruktionselemente der allgemeinen menschlichen Psychologie und der menschlichen Vernunft in der heutigen Zeit noch? Stimmt das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken für das Leben in unserer heutigen Welt, die sich fundamental vom Umfeld der Urzeitmenschen unterscheidet? Jedenfalls sind die Risiken beträchtlich. Diese Risiken sind Folge der Prägungen, die uns die Evolution aus einst guten Gründen in unsere psychologische Grundstruktur und unsere Vernunft über Hunderttausende von Jahren eingebrannt hat.

Das, was ich hier einleitend mit wenigen Worten skizziere, ist der Leitgedanke dieses Buches. Die beiden entgegengesetzten Pole der menschlichen Natur im Allgemeinen und der menschlichen Vernunft im Speziellen haben vielfältige Wirkungen. Sie erklären individuelle menschliche Verhaltensweisen ebenso wie gesellschaftliche, wissenschaftliche, geschichtliche oder politische Phänomene.

Dieses Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil steht die Analyse der allgemeinen menschlichen Natur und insbesondere der menschlichen Vernunft im Vordergrund. Im Verlauf dieses ersten Teils werde ich ein übergeordnetes Erklärungsmodell präsentieren, das die vielfältigen, evolutionär geprägten Schwachstellen und Fehlerquellen der menschlichen Vernunft und damit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit abbildet. Es handelt sich um das RSG-Modell (Registrieren-Subjektivieren-Generalisieren), auf das ich auch im zweiten Teil des Buches immer wieder Bezug nehmen werde (Kap. 5). Ebenfalls noch im ersten Teil stelle ich auch eine praktische Vorgehensweise vor, die den Schwachstellen und Fehlerquellen der menschlichen Vernunft Rechnung trägt. Es ist die pragmatisch-phänomenologische Vorgehensweise (vgl. Kap. 7).

Die grundlegenden Konstruktionsbedingungen der menschlichen Natur und vor allem der menschlichen Vernunft finden sich in allen Bereichen, die mit Menschen und menschlichen Aktivitäten zu tun haben. Das ist der Fokus des zweiten Teils dieses Buches. Hier werden die Folgen dieser Bedingungen – und die damit verbundenen Chancen und Risiken – anhand verschiedener Beispiele in Gesellschaft, Geschichte, Politik, Wissenschaft oder Ökonomie dargelegt. In den Blick geraten dabei so unterschiedliche Facetten dieses Themas wie die menschliche Tendenz, Regeln, Gesetze und Normen bis zur Absurdität zu generalisieren. Es lassen sich aus dieser Perspektive aber gleichfalls Fehlleistungen in der Wissenschaft, in der modernen Informationsgesellschaft oder in der Ökonomie zeigen. Am Schluss des zweiten Teils nimmt das aktuelle Thema des Populismus einen breiten Raum ein. Grob gesagt, lassen sich die Empfänglichkeit für Populismus und populistische Propagandamethoden auf die Mechanismen des RSG-Modells zurückführen. Das gilt für die individuelle Empfänglichkeit vieler Menschen für populistische Agitation. Das gilt aber auch für klar benennbare gesellschaftliche Schwachstellen in westlichen Demokratien. Diese Schwachstellen schaffen ein Klima, in dem populistische Agitation gut gedeihen kann.

Grundlage der folgenden Analyse ist, dass wir zunächst einmal genau die konkreten Schwachstellen der menschlichen Vernunft in den Blick nehmen. Diese Schwachstellen begegnen uns auf drei verschiedenen Ebenen.

−Ebene 1: Grundlegende erkenntnistheoretische Grenzen unseres Denkens

Denken und Wahrnehmung bewegen sich in einer vorgegebenen Struktur. Diese Struktur ist mit einem Betriebssystem vergleichbar, ohne das die »Maschine« gar nicht laufen würde. Das Betriebssystem als solches nehmen wir gar nicht wahr. Es ist ein Raster, das wir in alles und jedes automatisch hineinprojizieren. Da wir ohne Betriebssystem gar nichts wahrnehmen und denken können, ist es allgegenwärtig, ohne dass es uns bewusst ist. Mit diesen erkenntnistheoretischen Grenzen hat sich die Philosophie ausgiebig beschäftigt.

−Ebene 2: Allgemeine psychologische Schwachstellen der menschlichen Vernunft

Wenn die erkenntnistheoretischen Grenzen dem Betriebssystem entsprechen, dann sind die allgemeinen psychologischen Schwachstellen mit den vielen unterschiedlichen Programmen verbunden, die den operativen Betrieb unserer Wahrnehmung und unseres Denkens gewährleisten. Sie sind vorab installiert. Hier hat uns die Evolution allerdings zahlreiche »Bugs« eingebaut.

−Ebene 3: Persönlichkeitsprofile mit individuell akzentuierten Schwachstellen der menschlichen Vernunft

Die Schwachstellen der ersten beiden Ebenen betreffen mehr oder weniger alle Menschen. Manche Menschen können damit besser umgehen, andere schlechter. Selbstverständlich bin ich der Überzeugung, dass es sehr nützlich ist, die Schwachstellen genau zu kennen, um den mit ihnen verbundenen Risiken möglichst aus dem Wege zu gehen. Die dritte Ebene geht aber über den Umgang mit den Schwachstellen hinaus. Denn Menschen haben höchst unterschiedliche Charaktereigenschaften. Es gibt zahlreiche Persönlichkeitsprofile, durch die jene Schwachstellen der menschlichen Vernunft auf individueller Ebene drastisch verschärft werden.

Teil 1: Begrenzungen und Schwachstellen menschlichen Denkens und Handelns

1Erkenntnistheoretische Grenzen der menschlichen Vernunft
1.1Grünes Blatt und roter Ball, alles Täuschung oder was?

Will man Grenzen und Schwachstellen der menschlichen Urteilsfähigkeit untersuchen, kommt man nicht an der philosophischen Erkenntnistheorie vorbei. Denn wie erwähnt betrifft sie gewissermaßen das Betriebssystem unseres Denkens. Im Zentrum steht die Frage, was man überhaupt mit dem menschlichen Verstand erkennen kann und wo prinzipielle, also theoretische Grenzen liegen. Hier muss noch einmal Immanuel Kant erwähnt werden. Die Ideen Kants sind keine leichte Kost, aber ich hoffe, die Leserinnen und Leser lassen sich nicht abschrecken. Wem dieser philosophische Einstieg aber zu abstrakt ist, der kann dieses Kapitel auch problemlos überschlagen und gleich mit den »Apps«, also der operativen Programmierung unserer Vernunft, fortfahren.

Bevor wir uns im Zusammenhang mit dem »Betriebssystem« mit synthetischen und analytischen Urteilen und anderen Ideen Kants beschäftigen, möchte ich mit einem praktischen Beispiel beginnen. Es verdeutlicht das prinzipielle Problem, um das es Kant und anderen Philosophen geht: Wenn wir ein grünes Blatt oder einen roten Ball sehen, dann sagen wir: Das Blatt ist grün oder der Ball ist rot. So empfinden wir es auch. Das Grün empfinden wir als eine Eigenschaft des Blattes und das Rot als eine Eigenschaft des Balls. Für uns sind es ein grünes Blatt und ein roter Ball. Aber sind diese Farben, die wir wahrnehmen, wirklich Eigenschaften des Blattes und des Balls?

Philosophisch gesprochen: Hat das »Ding an sich«, also das, was wir als Blatt, und das, was wir als Ball wahrnehmen, wirklich diese Farbeigenschaften? Ist das Blatt auch dann grün, wenn wir nicht hinschauen? Ist der Ball auch dann rot, wenn wir ihn nicht ansehen? Sind die grüne und die rote Farbe also Eigenschaften, die etwas über den tatsächlichen Charakter der beiden Dinge aussagen? Oder entstehen die grüne und die rote Farbe durch die Art, wie wir sehen, und sind eigentlich Eigenschaften, die mehr über uns als über das Blatt und den Ball aussagen? Dass sich die Farben, die wir den Dingen zuordnen, mit anderen Augen ganz anders darstellen, kann man sich leicht am Beispiel der Bienen verdeutlichen. Bienen können im Gegensatz zu uns ultraviolettes Licht sehen. Rot hingegen existiert für sie nicht. Was für uns rot ist, ist für die Biene schwarz. Aber dafür sehen Bienen prachtvolle Farbmuster, die wir nicht erkennen können und bei denen wir nur eine einzige Farbe sehen.

Physikalisch ist es so: Unsere Farbwahrnehmung beruht auf der Wahrnehmung von Licht. Licht ist eine elektromagnetische Strahlung. Es kommt in verschiedenen Wellenlängen vor. Je nachdem, mit welcher Wellenlänge das Licht auf unsere Netzhaut trifft, werden sogenannte Farbrezeptoren aktiviert. Diese Farbrezeptoren lösen bei uns eine Farbwahrnehmung aus. Die Farben entstehen also in unserem Kopf und sind ein subjektiver Eindruck. Hat das Licht eine Wellenlänge zwischen 490 und 570 Nanometer, dann löst das bei uns die Wahrnehmung der Farbe Grün aus. Trifft Licht mit einer Wellenlänge zwischen 640 und 780 Nanometer auf unsere Netzhaut, dann wird damit der Schalter für »Rot« gedrückt und wir »sehen« rot.

Das Blatt ist in unseren Augen deswegen grün, weil es selber gar nicht grün ist. Was meine ich damit? Das Blatt kann die Wellenlängen schlucken (absorbieren), die Rot oder Blau entsprechen. Einzig die Wellenlänge zwischen 490 und 570 Nanometer kann das Blatt nicht verarbeiten. Sie wird abgewiesen und damit reflektiert. Wenn wir also das Blatt ansehen, dann trifft dieses reflektierte Licht auf unsere Netzhaut und wir sehen »grün«. Genauso ist es beim Ball. Er ist in unseren Augen deswegen rot, weil er das Licht im Wellenspektrum von Rot reflektiert. Man könnte sagen, wir ordnen dem »Ding an sich« genau die Farbe als Eigenschaft zu, die am allerwenigsten mit dem eigentlichen Charakter des »Dings an sich« zu tun hat. Denn es ist ja die Farbe, die das »Ding an sich« von sich abweist und zurück in die Umwelt reflektiert.

Man kennt das Prinzip der Farbwahrnehmung aus dem Physikunterricht. Es ist ein gutes Beispiel für eine fundamentale Frage, die weit über Farben und Sinneswahrnehmungen hinausgeht. Was können wir tatsächlich von uns selbst und von der Welt, in der wir leben, erkennen? Können wir unseren Sinnen und unserer Vernunft vertrauen oder spielen uns beide ein Theater vor, das mit der »wirklichen Welt« wenig oder gar nichts zu tun hat? Viele Philosophen haben über die Erkenntnismöglichkeiten und deren Grenzen nachgedacht, die mit unseren Sinneswahrnehmungen und unserer Vernunft verbunden sind. Bis in unsere Gegenwart prägend ist das Werk Immanuel Kants.

Kant rückte die Gesetzmäßigkeiten der Vernunft und ihren Zusammenhang mit den Erkenntnismöglichkeiten der Wirklichkeit ins Zentrum seiner Metaphysik. Die Metaphysik ist der Zweig der Philosophie, der sich mit den Dingen beschäftigt, die »hinter« den Dingen stehen bzw. zu vermuten sind. Die Metaphysik sucht also nach den großen und letzten Wahrheiten. Kant zog es bei dieser Suche nicht hinaus in die Welt. Vielmehr machte er das Instrumentarium, mit dem wir die Welt zu erkennen glauben, selbst zum Forschungsgegenstand. Er kehrte also erst einmal vor der eigenen Haustür und beschäftigte sich mit der menschlichen Vernunft und den menschlichen Wahrnehmungen. »Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten«. [2, S. XVI]

»A priori« ist ein Terminus, der bei Kant häufig vorkommt. Er meint damit ein Wissen, das unabhängig von konkreten Erfahrungen besteht. Also ein Wissen, das es schon »vorher« gibt, bevor wir irgendeine Sinneswahrnehmung oder Erfahrung einleiten. Kant hatte eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit man von einer »Erkenntnis a priori« sprechen kann. Doch dazu später mehr.

Jedenfalls bringt Kant mit seinem Zitat Folgendes auf den Punkt: Wir haben es mit den Erscheinungen der Dinge zu tun, nicht aber mit den Dingen an sich. Wir sehen den roten Ball so, wie er auf unserer Netzhaut erscheint. Wir wissen aber nicht, wie er aussieht, wenn wir nicht hinschauen. Die Erscheinungen, so wie sie sich uns darbieten, so wie sie in unserem Bewusstsein stattfinden, sind nach den Regeln unseres eigenen Erkenntnisvermögens aufgebaut. Das heißt, sie spiegeln in hohem Maße die Regeln unserer eigenen Wahrnehmung und Vernunft wider. Manche Autoren greifen diesen Gedanken auf und sagen: Das »Ding an sich« gibt es doch dann gar nicht. Denn das »Ding an sich« wäre die wahre Identität hinter der Erscheinung, so wie sie unabhängig von einem Beobachter existiert. Wir kennen aber nichts anderes als diese Erscheinungen, die in unserem Kopf entstehen. Alles das, was wir wahrnehmen, sei daher eine Art Illusion, die wir selbst produzieren. Das glaube ich nicht. Auch Kant meinte, dass es »ungereimt« sei, anzunehmen, »daß Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint«. [2, S. XXVII] Ein anderes Argument für die Existenz des »Dings an sich« sei »der moralische Vernunftglaube, der, auf das Bewusstsein der Pflicht gestützt, von hier zum Unbedingten, das heißt zu Gott, Freiheit und Unsterblichkeit aufsteigt«. [3, S. 17]

1.2Kant und seine synthetischen Urteile a priori

Wie kann man nun aber wissen, welcher Teil unserer Wirklichkeitswahrnehmung nur eine Folge der Struktur unseres Wahrnehmungs- und Erkenntnisvermögens ist und welcher Teil unabhängig davon tatsächlich existiert? Kant unterscheidet analytische von synthetischen Urteilen. Analytische Urteile sind solche, die sich zwingend aus der Logik einer Aussage ergeben. Patzig definiert das so: »Ein Satz ist analytisch in einer Sprache S, wenn über seine Wahrheit entschieden werden kann allein aufgrund der Bedeutungsregeln von S und der Gesetze der Logik.« [3, S. 23] Ein einfaches Beispiel dafür ist der Satz: Alle Schimmel sind weiß. Aufgrund der Definition von Schimmel (Schimmel = weißes Pferd) folgt logisch, dass der Satz wahr ist. Denn er heißt im Grunde nichts anderes als: Alle weißen Pferde sind weiße Pferde. Demgegenüber sind synthetische Urteile solche, bei denen der Wahrheitsgehalt nicht anhand solcher immanent vorhandenen logischen Regeln entschieden werden kann. Kant spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Erweiterungsurteil.

Er unterscheidet ferner zwischen Urteilen a priori und a posteriori. A priori sind Urteile, für deren Beurteilung nicht auf Erfahrungen zurückgegriffen werden muss. Also Dinge, die man einfach weiß, weil man sie weiß. A posteriori sind Urteile, zu deren Begründung explizit Erfahrungen verwendet werden müssen. Also Dinge, die sich belegen lassen, wenn wir etwas beobachten oder ausprobieren.

Demzufolge gelten folgende Zusammenhänge: Analytische Urteile sind immer a priori, weil die Beurteilungskriterien dieser Urteile bereits immanent vorliegen und nicht erst nachträglich anhand einer Beweisführung – zum Beispiel experimentell – ermittelt werden müssen. Daraus folgt zwingend: Es kann keine analytischen Urteile a posteriori geben (denn für die braucht es ja Beweise). Hingegen ist die Mehrheit aller synthetischen Urteile zwingend a posteriori. Denn sie werden ja meist anhand von Erfahrungen (z. B. durch Experimente) belegt. Bei einem Experiment handelt es sich um nichts anderes als um die Bestätigung oder das Verwerfen einer zuvor aufgestellten Hypothese anhand von konkreten Erfahrungen.

Strittig ist die Frage, ob es auch synthetische Urteile a priori geben kann. Das wären Aussagen, die nicht allein aufgrund von logischen Gesetzen oder Sprachdefinitionen (weißer Schimmel) beurteilt werden können. »Andererseits darf aber auch Erfahrung zu ihrer Begründung oder Ablehnung nicht ausreichen, weil sie schlechthin allgemeingültig und notwendig zu sein beanspruchen.« [3, S. 24] Kant sah die Existenz solcher Urteile, die nicht nur einen Begriff analytisch zergliedern und näher bestimmen, sondern unsere Erkenntnisse wirklich erweitern, als bewiesen an.

Was kompliziert klingt, ist praktisch eine wichtige Frage. Wenn synthetische Urteile a priori nicht möglich wären, dann gäbe es eine einfache Zweiteilung. Über die Wirklichkeit können wir dann nur etwas aus der Erfahrung wissen, also letztlich mit empirischen Methoden (z. B. Experimente). Alles andere (z. B. freies Nachdenken oder Philosophieren) wäre dann nichts anderes als das Reproduzieren von Regeln und Implikationen, die vorher schon von uns selbst angelegt waren. Es wäre also in gewisser Weise ein formales Kreisen um sich selber. Erkenntnis der Wirklichkeit wäre über diesen Weg nicht möglich.

Kant vertrat eine andere Meinung. Nehmen wir uns noch einen Augenblick Zeit, um seine Argumentation besser zu verstehen. Sie kommt – reichlich verdichtetet – in folgendem Satz zum Ausdruck: »[…] auf solche Weise sind synthetische Urteile a priori möglich, wenn wir […] sagen: die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objektive Gültigkeit in einem synthetischen Urteile a priori.« [2, S. 197]

Wie bitte? Kant sagt mit diesem Satz, dass es Bedingungen gibt, die uns überhaupt erst die Möglichkeit verschaffen, eine Erfahrung zu machen. Sie sind aber gleichzeitig auch Bedingungen der Gegenstände, die wir durch Erfahrung erkennen können. Es handelt sich um Bedingungen, die allgemein und notwendig sind, nicht aber aus der Erfahrung stammen. Es geht somit um die Form, in der uns Gegenstände gegeben werden. Gegeben werden uns Gegenstände durch unsere Sinnesorgane. Demnach gibt es eine Wahrnehmung von Gegenständen, bevor das Denken einsetzt und diesem Gegenstand einen Begriff zuordnet. Kant spricht davon, dass unsere Sinne durch Gegenstände affiziert werden können und uns diese Gegenstände dann in der Form gegeben werden, die Kant Anschauung nennt. Anschauung ist die Art, wie uns Gegenstände durch unsere Sinneswahrnehmungen unmittelbar gegeben werden können. Der Begriff »Gegeben-Werden« soll zum Ausdruck bringen, dass es sich um einen spontanen passiven Vorgang handelt. Er läuft also automatisch und unbewusst ab. Es muss nicht aktiv – zum Beispiel durch gedankliche Verarbeitung – etwas getan werden. Kant sagt es so: »[…] vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe.« [2, S. 33]

Nach Kant sind der Raum und die Zeit reine Formen der Anschauung. Damit ist gemeint, dass diese uns über die Sinne gegebenen Kategorien als Eigenschaften auch für die Gegenstände objektive Gültigkeit haben – unabhängig von unserer Wahrnehmung und unserem Bewusstsein.

Aufbauend auf diesem Grundgedanken untersuchte Kant, wie unser Verstand funktioniert, wenn er die sinnliche Wahrnehmung eines Gegenstandes weiterverarbeitet. Elementar für diesen Verarbeitungsprozess sind Urteile, mit denen irgendetwas über den Gegenstand ausgesagt wird. Eine Systematik der Form dieser Urteile legte Kant in einer Tafel dar, in der er aus reinen Urteilsformen eine Liste reiner Verstandesbegriffe (Kategorien) ableitete. Die Tafel gilt nicht als vollständig und muss heute zum Teil in ihren Zuordnungen revidiert werden. Wichtig ist aber der Grundgedanke: Nach Kant gibt es Funktionskategorien unseres Verstandes, die für uns die Vorstellung einer objektiven Außenwelt konstituieren, also qualitativ, quantitativ, relational oder modal bestimmte Kategorien wie Einheit, Negation, Kausalität, Notwendigkeit etc. Die reinen Verstandesbegriffe, die Kant postulierte, leitete er aus der Tatsache ab, dass wir ein eigenes Identitätserleben haben. Demnach nehmen wir uns als ein Wesen war, das sich seiner Existenz selbst bewusst ist. Darum müssen wir uns zwingend von einer unabhängig von uns bestehenden Welt unterscheiden. Denn Identität kann nur in der Abgrenzung von etwas anderem geschaffen werden.

Das Element der »sinnlichen Affizierung« (die automatisch ablaufende Wahrnehmung von Gegenständen, bevor das Denken einsetzt) hat in den Überlegungen von Kant eine Schlüsselstellung. Denn es ist das Tor zum Erkennen objektiv gültiger Kategorien, die unabhängig von unserem Bewusstsein existieren. Genau dieser Punkt ist allerdings auch sehr umstritten. Denn er entwertet alle Erkenntnismöglichkeiten des Bewusstseins abseits der sinnlichen Affizierung.

Dieser Streitpunkt knüpft an die Kontroverse von Rationalisten und Empiristen an, die sich später und bis heute zum Beispiel in der Rezeption des Positivismus fortsetzt. Ich will bereits an dieser Stelle feststellen, dass ich die Möglichkeiten zur Generierung wirklichkeitsnaher Erkenntnisse durch reine, im Bewusstsein erzeugte Ideen ebenfalls stärker gewichte, als Kant dies tat. Dementsprechend stimme ich auch keinesfalls der Meinung strikter Empiristen zu, nach der reine Empirie der einzig wissenschaftlich legitimierte Weg für objektiv gültige Erkenntnisse ist. Hierauf werde ich später noch genauer eingehen (Kap. 7.4 und 12.16).

1.3Trotz aller Bedenken: Denken lohnt sich!

Halten wir hier einfach einmal fest, dass es umstritten ist, ob es synthetische Urteile a priori geben kann oder nicht. Die meisten Autoren gehen aber – in Übereinstimmung mit Kant – davon aus, dass prinzipiell Erkenntnisse über Wirklichkeit nicht nur durch die Auswertung von Erfahrungen möglich sind, sondern – etwas zugespitzt ausgedrückt – auch durch reines Denken.

Ich teile diese Auffassung. So bin ich davon überzeugt, dass durch Gedankenexperimente oder durch die freie Variation im Sinne der Phänomenologie (vgl. Kap. 7.3) nicht nur eine Reproduktion bestehender Regeln oder eine haltlose Spekulation generiert werden können. Gerade Kant selbst ist ein Beispiel dafür, welch bahnbrechende Erkenntnisse durch Gedankenexperimente hervorgebracht werden können. Denn seine Untersuchungen im Zusammenhang mit synthetischen Urteilen a priori sind nichts anderes als das. Auch Einstein nutzte Gedankenexperimente sehr intensiv. Einige seiner Ergebnisse wurden sehr viel später durch Experimente bestätigt, andere widerlegt. Richtig ist aber der Einwand, dass zum Beispiel Gedankenexperimente nicht empirisch überprüfbar sind, sofern sie sich nicht auf theoretisch überprüfbare Schlussfolgerungen beziehen. Das mag ein Nachteil sein. Aber bei näherem Hinsehen erkennt man, dass viele wichtige Fortschritte in der Wissenschaft nicht durch Experimente, sondern zunächst durch Gedankenexperimente erreicht wurden. Manchmal konnten sie erst viele Jahre später – a posteriori – experimentell bestätigt wurden. Ohnehin ist es so, dass die experimentellen Methoden der Empirie häufig überschätzt werden (vgl. Kap. 6).

Auch hier darf noch einmal auf Kant verwiesen werden. Er demonstrierte am Beispiel der Physik – übertragen gilt das für jede Naturwissenschaft –, dass experimentelle Methoden keineswegs mit Empirie gleichzusetzen sind. Patzig schreibt dazu: »Der Physiker, wie jeder Naturwissenschaftler, muß von einer bestimmten Hypothese ausgehen, und seine Experimente müssen Antworten auf gezielt formulierte Fragen liefern.« [3, S. 15]

Bei Kant klingt das so: »Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf.« [2, S. XIII]

Die Vernunft erkennt Kant zufolge in der Natur also nur das, »was sie selbst nach ihrem Entwurfe« in die Natur hineingetragen hat. »Diese Aussage«, so Patzig, »räumt der Spontanität der Vernunft bei der wissenschaftlichen Erkenntnis der Wirklichkeit eine führende, ja ausschließliche Rolle ein.« [3, S. 15]

Neben der Vorstrukturierung durch Hypothesenbildung gibt es einen weiteren Nachteil von naturwissenschaftlichen Experimenten: Immer wird durch ein Experiment die Komplexität der wirklichen Verhältnisse drastisch reduziert. Häufig führt das auf dem Papier und in PowerPoint-Präsentationen zu schön darstellbaren Ergebnissen, die aber leider zu Verzerrungen und falschen Schlussfolgerungen führen. Das ist ein gravierender Einwand gegen experimentelle Methodik. Wir werden uns mit den vielfältigen praktischen Konsequenzen dieser Problematik noch genauer beschäftigen. Genau das ist aber ein großer Vorteil von Gedankenexperimenten. Denn sie sind weit weniger auf die Reduzierung von Komplexität angewiesen.

Die Strukturregeln unseres Erkenntnisvermögens laden zwar zu Verzerrungen ein und sind mit zahlreichen Limitationen verbunden. Aber wenn man die Prinzipien und die Fallstricke kennt, lässt sich dessen Potenzial besser nutzen. Und dieses Potenzial ist trotz aller Einschränkungen groß. Denn die Strukturprinzipien unseres Verstandes eröffnen ein Spektrum von unendlich vielen möglichen Gedanken und Kombinationen von Gedanken. Dass dadurch – zumindest manchmal – nicht nur eine quantitative Aussage gemacht ist, sondern auch qualitativ – ähnlich dem oft zitierten Quantensprung – eine über die ursprünglich engen Grenzen hinausweisende Erkenntnis möglich sein soll, scheint mir eine plausible Annahme zu sein. Warum soll etwas Unendliches von vornherein begrenzt, also qualitativ endlich sein?

1.4Zusammenfassung erkenntnistheoretischer Grenzen

Unsere Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeiten sind durch viele Vorstrukturierungen geprägt, bevor sie überhaupt in Gang gesetzt werden. Ich habe diese Grundeinstellungen vorangehend mit einem Betriebssystem verglichen. Es gibt nur dieses eine Betriebssystem, das den Rahmen vorgibt. So wie ein Computer durch sein Betriebssystem begrenzt wird, gehen mit dem menschlichen Gehirn bestimmte Dinge und andere gehen nicht. Diese Grundeinstellungen sind die harten Grenzen unserer Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit. Psychologische Mechanismen spielen hier noch keine Rolle. Gerade sie sind es aber, die im vorliegenden Buch im Zentrum stehen. Dazu zählt z. B. unser Hang, Beurteilungen, Prinzipien, allgemein verbreitete oder subjektiv höchst naheliegende und vertraute Meinungen zu verabsolutierten und als allgemeingültig anzusehen. Notwendige Differenzierungen und das Sowohl-als-auch bleiben auf der Strecke. Das hat kleine oder große Katastrophen zur Folge. Damit verwandt sind all die bequemen, naheliegenden und sowohl bei einzelnen Menschen als auch bei ganzen Gesellschaften verbreiteten typischen psychologischen Urteilsfehler. Bei ihnen geht es oft darum, der gefühlten Wahrheit den Vorzug gegenüber der Wahrheit zu geben, die durch das Potenzial der eigenen Vernunft eigentlich erkannt werden könnte. Die Konsequenzen für die Praxis sind ähnlich verheerend.

Bei diesen psychologischen Mechanismen lässt sich eine Verbindung zu philosophischen Erkenntnistheorien erkennen. Auch dort und somit schon in der Grundstruktur unseres Erkenntnisprozesses angelegt ist die Tendenz, Erkenntnisse über die Welt mit eigenen Projektionen in diese Welt zu verwechseln. So ist das, was der Mensch als vermeintliche Wahrheit in der Welt erkennt, oft nichts anderes als das, was und wie er selber denkt. Die vermeintliche Wirklichkeit gleicht dann einem Spiegel, in dem einem die eigene Person in neuem Gewand entgegentritt. Der Mensch sieht in dem, was er in der Welt erkennt, nur sich selbst, geht aber davon aus, dass er Eigenschaften der Dinge dieser Welt erkennt. Dass wir darauf hereinfallen, ist aber nicht zwangsläufig. Denn wir haben gute Gründe anzunehmen, dass den Erscheinungen ein »Ding an sich« zugrunde liegt, auch wenn es uns in einem objektiven Sinne stets verborgen bleiben muss.

Zugespitzt formuliert: Dass uns ein Auto von A nach B bringt, dass wir mit absoluter Zuverlässigkeit prognostizieren können, dass ein Apfel, der sich vom Baum löst, nicht zum Himmel steigt, sondern zu Boden fällt, spricht dafür, dass vieles, was die Vernunft erkennt, in der Praxis gut funktioniert und seine Nützlichkeit für den Umgang mit der Welt, in der wir leben, unter Beweis stellt.

Es wird noch davon die Rede sein, dass sowohl die Aufklärung als auch die Vernunft als ihr zentrales Instrument immer wieder stark kritisiert und in ihrem Nutzen infrage gestellt wurden. Nun ist aber unsere Vernunft – zum Beispiel basierend auf unseren Sinneswahrnehmungen – das einzige Instrument, das uns gegeben ist, um Dinge zu erkennen, einzuordnen, zu verstehen und Urteile zu bilden. Etwas anderes haben wir nicht. Sie ist trotz ihrer naturgegebenen Limitationen und Schwachstellen auch gar nicht so schlecht und hat in der Menschheitsgeschichte doch einiges Brauchbares hervorgebracht. Wir haben also guten Grund, uns ihrer mit einigem Zutrauen in ihre Fähigkeiten zu bedienen.

Mit diesem Buch ist die Hoffnung verbunden, dass die Leser für sich aus der Lektüre einen praktischen Nutzen für den Umgang mit eigenen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeiten generieren können. Damit ist mein tiefer Glaube verbunden, dass wir mit all unseren erkenntnistheoretischen Limitationen und den Grenzen unserer Erkenntnismöglichkeiten wirklich sehr viel erreichen und verbessern können. Dafür ist es nützlich, wenn uns die wichtigsten Fallstricke bekannt sind und wir sie umgehen können – vielleicht nicht immer, aber zumindest ab und zu.

2Allgemeine psychologische Schwachstellen der menschlichen Vernunft

Die Psychologie hat eine Fülle von Schwächen unseres Wahrnehmungsapparates und unseres Urteilsvermögens herausgearbeitet, die zu systematischen Verzerrungen und Fehlbeurteilungen führen. Es handelt sich um Fehlerquellen, die aus der Art und Weise resultieren, wie unsere Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeiten psychologisch konstruiert sind. Es sind gewissermaßen Konstruktionsmängel, die durch die Evolution bis heute noch nicht beseitigt wurden. Genau genommen sind es aus Sicht der Evolution aber gar keine Mängel, sondern bewusst in Kauf genommene Schwächen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

All diese archaischen Programme und Mechanismen stecken nach wie vor in uns. Manche von ihnen sind in unserer modernen Zeit nicht mehr so wichtig wie vor 500 000 Jahren oder sogar nachteilig. Vielleicht wird die Evolution noch das ein oder andere verändern, an unsere heutigen Lebensgewohnheiten anpassen und damit optimieren. Da »denkt« die Evolution aber in sehr, sehr langen Zeiträumen. Es kommt hinzu, dass die hier angesprochenen Probleme aus Sicht der Evolution keine Priorität genießen. Denn die Fortpflanzungsfähigkeit wird kaum dadurch beeinträchtigt, dass man von unsinnigen Meinungen über sich und die Welt überzeugt ist. Aus Sicht der Evolution ist oft sogar das Gegenteil der Fall. Das werde ich später noch vertieft darlegen.

Einem breiten Publikum sind psychologische Konstruktionsschwächen unserer Wahrnehmung und unseres Urteilsvermögens durch die Bücher des Psychologen Daniel Kahneman bekannt geworden. [4] Daniel Kahneman wurde 1934 in Tel Aviv geboren und lehrte an den Universitäten von Jerusalem, British Columbia, Berkeley und Princeton. 2002 wurde er zusammen mit Vernon L. Smith mit dem Wirtschafts-Nobelpreis ausgezeichnet. Es spricht einiges dafür, seine Bücher zur Pflichtlektüre in Schulen zu machen. Denn es ist gut zu wissen, womit wir zu rechnen haben, wenn wir unsere Sinneswahrnehmung und unser Urteilsvermögen gebrauchen. Immerhin benutzen wir beides jeden Tag ausgiebig. Es wäre ja auch gut zu wissen, dass die Bremsen des Autos, mit dem wir täglich fahren, bei Nässe sehr schlecht funktionieren und der Tacho die Geschwindigkeit stets zwanzig Prozent unterschätzt. Aber wer liest schon gerne Gebrauchsanweisungen?

Kahneman unterscheidet zwischen einem schnellen und einem langsamen System. Das schnelle System könnte man grob mit unserer spontanen Intuition, das langsame System mit rationalem Denken bezeichnen. Intuition führt zu leichten, subjektiv angenehmen Beurteilungsprozessen (Kahneman spricht von »kognitiver Leichtigkeit«). Das rationale System ist schwerfälliger und wird subjektiv als anstrengender erlebt.

Anders als wir selbst annehmen, basiert die Mehrzahl unserer Urteile auf dem schnellen intuitiven System oder wird durch dieses System zumindest maßgeblich beeinflusst – häufig sogar verzerrt. Der Vorteil des schnellen Systems ist – wie der Name schon sagt – seine Geschwindigkeit. Hier geht es nicht um Details, nicht um Genauigkeit. Im Gegenteil besteht das Prinzip gerade darin, viele Informationen wegzulassen, nicht zu analysieren, dafür aber sehr rasch zu urteilen. Demgegenüber hat das vernunftgeprägte Denken zumindest theoretisch den Vorteil, eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren zu analysieren und so zu genaueren Urteilen zu kommen. Der Preis dafür: Es braucht mehr Zeit und führt oft nicht zu eindeutigen Antworten. Hinzu kommt, dass auch das rationale System alles andere als »objektiv« arbeitet, sondern ebenfalls zu Verzerrungen und Fehlleistungen neigt. Es hat aber wiederum den Vorteil, dass es – zumindest potenziell – eine auf Einsicht basierende, größere Distanz zu subjektiven Verzerrungen entwickeln kann. Erinnern wir uns an das Beispiel der zwei Urzeitmenschen. Schematische, verzerrte und letztlich falsche Beurteilungen können je nach Situation und Ziel ein großer evolutionärer Vorteil sein.

Dass die Meinungen, die sich Menschen bilden, und die Art und Weise, wie sie handeln, primär das Resultat vernünftiger Überlegungen sind, wurde nicht erst durch die Forschungen Kahnemans und vieler seiner Kollegen erschüttert. Schon Arthur Schopenhauer leitete eine Wende gegenüber der in der Philosophie lange Zeit vorherrschenden Meinung ein, der Mensch sei ein vorwiegend durch die Vernunft gesteuertes Wesen. Schopenhauer sah nicht die Vernunft, sondern die Triebe – wir würden heute vielleicht eher von Affekten sprechen – als entscheidende Kraft an, die unsere Gedanken, Sehnsüchte und Handlungen prägt. Später sprach Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, von der archaischen Triebstruktur im Es, die weitgehend unbewusst ist. Das Ich als Vermittler zur Realität – unterstützt durch das Über-Ich (die Gewissensinstanz) – steht hier auf schwachen Füßen und ist nicht Herr im eigenen Haus.

Sowohl Schopenhauer als auch Freud kamen zu ihren Kenntnissen aufgrund genauer Beobachtung von Menschen und deren Verhalten – und das unabhängig von den in jener Zeit vorherrschenden Dogmen und Idealisierungen des Menschen und seiner Natur. Schopenhauer gab seinen Lesern einen praktischen Rat mit auf den Weg: Man solle versuchen, die unvernünftigen Triebe möglichst mit dem Verstand zu kontrollieren. Friedrich Nietzsche kehrte das später um. Er sah in den gängigen Idealen von Enthaltsamkeit, Askese, Liebe und Mitmenschlichkeit verlogenes Pathos, das es über Bord zu werfen gelte. Anstatt auf diese Werte setzte er auf den Willen zur Macht, der auf der egoistischen Selbstbehauptung beruht. Wir werden hierauf noch zu sprechen kommen (Kap. 9.4).

Es ist jedenfalls das große Verdienst der experimentellen Wahrnehmungspsychologie, neben einer allgemeinen Skepsis gegenüber Wahrnehmung und Urteilsvermögen spezifische Konstruktionsschwächen – quasi in ihrer Mechanik – herausgearbeitet zu haben.

Nachfolgend werden einige Beispiele für typische Verzerrungen unserer Wahrnehmung und unserer Beurteilungen dargestellt.

2.1Schläger und Ball

Es handelt sich um ein klassisches, von Kahneman angeführtes Experiment, um die Arbeitsweise des intuitiven Systems zu demonstrieren. Es arbeitet schnell und schaltet sich unwillkürlich im Hintergrund ein. Das Ergebnis wird uns subjektiv auf angenehme Weise dargeboten, es fühlt sich leicht an.

Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Euro. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball?

Viele Menschen, denen man diese Frage stellt, antworten: 10 Cent. Das ist natürlich falsch. Denn wenn der Ball 10 Cent kostet und der Schläger einen Euro mehr, dann kostet der Schläger 1,10 Euro. Beides zusammen würde dann zusammen 1,20 Euro kosten.

Richtig ist: Der Ball kostet 5 Cent. Um das zu erkennen bzw. nachzuvollziehen, braucht es unser analytisches Denken. Sie merken vielleicht, dass man das Ergebnis nicht so bequem bekommt wie die erste Lösung. Analytisches Nachdenken (nach Kahneman System 2) wird subjektiv als mühsamer empfunden. [4, S. 61]

2.2Rückschaufehler

Wir tendieren dazu, Ereignisse als zwangsläufige Folge von Gründen zu interpretieren, die dem Ereignis aber erst im Nachhinein in dieser Weise zugeordnet werden. Das ist vergleichbar mit jemanden, der uns, nachdem die Lottozahlen gezogen wurden, die Gründe dafür erklärt, dass es so und gar nicht anders kommen musste.

Der Rückschaufehler führt zu einem Fehlurteil. Denn die Zwangsläufigkeit, die er suggeriert, ist eine Illusion. Sie zeigt aber, wie gerne wir abschließende Kausalketten mit einem klaren Ergebnis haben. Psychologisch ist das attraktiv. Wir fühlen uns kompetent, Dinge durchschauen und verstehen zu können. Das reduziert Unsicherheit. Wir haben im Gegenteil das Gefühl, in einer berechenbaren Umwelt zu leben, in der man nicht von Ereignissen überrascht wird. Denn wir wissen, was warum geschehen ist.

Das Phänomen lässt sich häufig bei Sportereignissen beobachten. Ein Fußballspiel wurde gewonnen oder verloren. Jemand wurde überraschend Weltmeister oder gerade nicht. Sofort erklären uns Experten, warum es genau so kommen musste, wie es kam. Überlegene sportliche Technik, mentale Stärke, der richtige Trainer, mannschaftliche Geschlossenheit und viele andere Gründe werden in einer differenzierten Analyse angeführt. Nun muss das eine oder andere gar nicht falsch sein. Oft ist aber die suggerierte Zwangsläufigkeit falsch. Denn fast immer handelt es sich im Sport nicht um ein vollständig determiniertes Ereignis. Das heißt, es gibt vor dem Ereignis meist keine 100-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Sieg oder eine Niederlage. Die Siegeswahrscheinlichkeit ist vor dem Ereignis vielleicht 90 Prozent oder 40 Prozent oder nur 0,2 Prozent. Häufig werden Zufälligkeiten oder die Tagesform ausschlaggebend sein oder das Ergebnis entspricht schlicht der statistischen Wahrscheinlichkeit für eine Niederlage oder einen Sieg. Besteht eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dann sind Sieg bzw. Niederlage bei beiden Mannschaften gleich wahrscheinlich. Bei einem Sieg würden uns im Nachhinein aber klare Gründe für diesen Sieg präsentiert, die sich völlig von denen unterscheiden, die im umgekehrten Fall als Gründe für die Niederlage vertreten würden.

Der Rückschaufehler spielt eine große Rolle bei der Prognose zukünftiger Ereignisse und insbesondere bei der Einschätzung von Risiken. Wird z. B. ein Risiko, das 1 Prozent beträgt, zutreffend als gering bezeichnet, dann bedeutet das, dass sich dieses Risiko in 100 Fällen einmal realisiert und 99 Mal nicht. Kommt es aber dann zu diesem Fall, dann wird dieser nicht zu den 99 Fällen, die gut gegangen sind, in Beziehung gesetzt. In der Logik des Rückschaufehlers heißt es, die Einschätzung war falsch. Denn, wenn das Risiko tatsächlich gering war, dann hätte es ja nicht zu diesem Fall kommen dürfen.

Kahneman demonstriert den Rückschaufehler anhand von Prognoseeinschätzungen bei Ärzten, Finanzberatern, Trainern, Topmanagern, Sozialarbeitern, Diplomaten, Politikern. Demnach neigen wir dazu, »Entscheidungsträger für gute Entscheidungen, die einen negativen Ausgang nehmen, zu tadeln und für erfolgreiche Maßnahmen, die erst im Nachhinein naheliegend erscheinen, nicht genug zu loben.« [4, S. 252] Allgemein sei es so, dass Rückschaufehler zu einer erhöhten Scheu vor Risiken – insbesondere bei Entscheidungsträgern – führten. Allerdings »bringen sie unverantwortlichen Hasardeuren auch unverdiente Belohnungen, wie etwa einem General oder einem Unternehmer, die ein aberwitziges Risiko eingingen, das sich auszahlte. Führungspersonen, die Glück haben, werden nicht dafür bestraft, dass sie zu hohe Risiken eingegangen sind.« [4, S. 253]

Der Rückschaufehler begegnet uns in der Politik, in der Wissenschaft, aber auch in unserem täglichen Leben an vielen Stellen. Die Kontrollfrage, die man sich stets selbst stellen kann, lautet: Wären vor dem Ereignis, ohne Kenntnis des Ausgangs des Ereignisses, die gleichen Argumente in der gleichen Weise angeführt worden?

2.3Halo-Effekt

Der Halo-Effekt ist ein Klassiker der Psychologie. Wenn wir glauben, eine Eigenschaft einer Person oder einer Sache erkannt zu haben, dann besteht die starke Tendenz, dieser Person oder Sache weitere ähnliche Eigenschaften zuzuordnen, ohne dass es hierfür eine Grundlage gibt. Für dieses weitverbreitete Phänomen gibt es zahlreiche Beispiele. Wenn eine Person in einem bestimmten Bereich eine gute Leistung bringt, dann werden ihr auch in anderen Bereichen überdurchschnittliche Kompetenzen zugetraut. Wirkt eine Person sympathisch auf uns, dann vermuten wir eine Fülle weiterer positiver Eigenschaften bei ihr. Von einem Politiker, der unser Vertrauen genießt, nehmen wir an, dass er ein ausgeglichenes Familienleben hat und von bestimmten Sexualpraktiken Abstand hält, die wir selber unangemessen finden. Man ist überrascht, wenn man erfährt, dass ein als seriös geltender Finanzminister sadomasochistische Sexualpraktiken auslebt.

Häufig hat der Halo-Effekt auch eine absichtsvoll finalistische Qualität. Das heißt, ein bestimmtes Ergebnis, eine bestimmte Sichtweise auf eine Person oder auf eine Sache ist uns angenehm. Dann werden wir bereitwillig nach Aufhängern suchen, die uns dieses Bild bestätigen. Man kann das bisweilen im Urlaub beobachten. Die meisten Menschen wollen ein positives Urlaubserlebnis. Sie stellen dann in der Ferne plötzlich eine Fülle von Dingen fest, die besser sind als zu Hause (die Menschen sind viel freundlicher, hilfsbereiter, das Essen schmeckt besser, es herrscht allgemein eine größere Zufriedenheit, der Zusammenhalt zwischen den hiesigen Familien ist besser etc.). Es gibt im Übrigen auch das Gegenteil, das einem subjektiv bestätigt, dass zu Hause alles besser ist. Auch hier wird es – wie bei den vorangegangenen Beispielen – häufig so sein, dass insgesamt eigentlich ein gemischtes Bild vorliegt, das aber einseitig interpretiert wird.

Es sei an dieser Stelle schon festgehalten, dass für uns gemischte Bilder, also Sichtweisen, die Ambivalentes zutage fördern, generell unbequem sind. Der Halo-Effekt ist daher Ausdruck eines Bedürfnisses nach eindimensionaler Klarheit, die keine Verwirrung auslöst. Wir wollen klare, einfache, eindeutige, lineare und einheitliche Verhältnisse haben. Wir bevorzugen klare Polaritäten (schwarz/weiß, Freund/Feind, gut/schlecht). Eigentlich wissen wir, dass es häufig komplizierter ist. Unsere Sehnsucht ist aber auf klare Polarität gerichtet. Diese Sehnsucht wird in Politik, Werbung und der Wirtschaft ausgiebig bedient. Man kann sich hier wiederum vorstellen, dass die Tendenz zu klaren, linear harmonisierten Beurteilungen evolutionär Vorteile hatte. Die Wirklichkeit differenziert erfassen? Nein, denn Geschwindigkeit und Klarheit sind wichtiger als der Inhalt. Das ist der Sinn der Generalisierungstendenz des Halo-Effekts. Homogene Beurteilungen bieten eine bessere Grundlage dafür, rasch und eindeutig zu handeln, als differenzierte Sichtweisen, deren Einzelaspekte nicht alle in der gleichen Richtung angeordnet sind. Wie beim paranoiden Urzeitmenschen begünstigt die Evolution falsche Sichtweisen, wenn dafür ein Gewinn in der Handlungskompetenz erreicht werden kann (rasches und eindeutiges Handeln).

2.4What you see is all there is (WYSIATI-Regel)

Wir haben eine außerordentlich hohe Bereitschaft, uns aus wenigen, oft zufälligen und unvollständigen Informationen eine Geschichte zu zimmern, die subjektiv passt. Dabei leisten uns der Halo-Effekt, der Rückschaufehler und viele weitere verzerrungsanfällige Mechanismen gute Dienste. Die subjektiv passende und angenehme Geschichte glauben wir gerne, halten sie für wahr, und das mit einem hohen Maß an innerer Überzeugung. Unser intuitives System ist darauf ausgerichtet, möglichst schnell eine kohärente Geschichte parat zu haben. Die Kohärenz der Geschichte ist das entscheidende Kriterium. Auf wie vielen Informationen diese Kohärenz beruht, von welcher Qualität diese Informationen sind, welche Informationen fehlen, das alles spielt keine Rolle. Häufig verfügen wir zwar nur über sehr wenige Informationen. Das beeinträchtigt aber nicht unsere Überzeugung, die wir mit einer Geschichte verbinden. Hier spielt nur die höchst subjektiv empfundene Kohärenz der Geschichte eine Rolle. Das ist der Kern der WYSIATI-Regel: Was wir nicht sehen, was wir nicht wissen, das gibt es nicht.

Kahneman beschreibt, dass es nicht auf die Menge oder die Qualität von Informationen ankommt. Wie stark wir von etwas überzeugt sind, hänge vor allem »von der Qualität der Geschichte ab, die wir über das erzählen können, was wir sehen, auch wenn wir nur wenig sehen«. Ist die Geschichte stimmig, dann sind wir restlos überzeugt. Zweifel und mögliche Widersprüche werden unterdrückt, und uns fällt gar nicht auf, dass uns viele wichtige Informationen fehlen. [4, S. 115]

Ein anderes Beispiel für die WYSIATI-Regel ist der Framing-Effekt: Die 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, eine bestimmte Operation zu überleben, wirkt beruhigender als die Aussage, dass ein 10-prozentiges Sterberisiko besteht. Dies, obwohl beide Aussagen inhaltlich genau das Gleiche bedeuten.

»In ähnlicher Weise ist Aufschnitt, der als ›90-prozentig fettfrei‹ beschrieben wird, anziehender als ›Aufschnitt mit 10 Prozent Fett‹. Die alternativen Formulierungen sind ganz offenkundig gleichbedeutend, aber eine Person sieht normalerweise nur eine Formulierung und ›nur was man sieht, zählt.‹« [4, S. 115]

Ein anderes Beispiel ist der Basisratenfehler. Er beschreibt, dass wir völlig unabhängig von der zugrunde liegenden statistischen Wahrscheinlichkeit einer Tatsache diese für wahrscheinlich oder unwahrscheinlich halten, je nachdem, ob uns eine um sie herum konstruierte Geschichte subjektiv kohärent erscheint oder nicht. Einer Versuchsgruppe werden zum Beispiel zwei Eigenschaften einer Person präsentiert: sanftmütig und ordentlich. Dann werden die Probanden gefragt, welchen Beruf diese Person wohl habe. Die meisten entscheiden sich in der dargebotenen Auswahl für den Beruf des Bibliothekars und nicht des Landwirts. Denn das Bild eines ordentlichen und sanftmütigen Bibliothekars kreiert eine subjektiv kohärente Geschichte. Statistisch gibt es aber sehr viel mehr männliche Landwirte als Bibliothekare, sodass es ungleich wahrscheinlicher ist, dass eine zufällig ausgewählte Person Landwirt statt Bibliothekar ist. [4, S. 17–18, 115]

2.5Priming

Der Begriff Priming bezeichnet Phänomene, bei denen zufällig – zumeist unbewusst – eine Information aufgenommen wird, die dann später – ebenso zufällig – unsere Urteilsbildung oder unser Verhalten beeinflusst.

In einem Experiment erhielt die Hälfte einer Gruppe von Studenten Wörter, die mit älteren Menschen assoziiert werden. Sie sollten die ungeordneten Wörter durch eine Satzaufgabe ordnen. Dann wurden sie in ein anderes Büro geschickt. Der Fußweg zu diesem Büro war das eigentliche Experiment. Denn nun wurde gemessen, wie schnell sie diese Strecke bewältigten. Die Studenten, die Wörter bearbeitet hatten, die mit Alter zu tun haben (z. B.: vergesslich, grau, Florida oder Falte), bewältigten die Strecke erheblich langsamer als eine Gruppe, die andere Wörter erhalten hatte. Kahneman führt zu diesem Experiment aus: »Der ›Florida-Effekt‹ umfasst zwei Priming-Phasen. Zunächst primt die Menge der Wörter Gedanken an hohes Alter, obwohl das Wort ›alt‹ nie erwähnt wird; anschließend primen diese Gedanken ein Verhalten, langsames Gehen, das mit Betagtheit assoziiert ist. All dies geschieht unbewusst.« [4, S. 73]

Das Ganze funktioniert auch umgekehrt. Das heißt, motorische Aktionen beeinflussen die Tendenz unserer Wahrnehmungen: »In einem Experiment sollten die Versuchspersonen durch neue Kopfhörer Botschaften lauschen. Ihnen wurde gesagt, Zweck des Experiments sei es, die Qualität der Audiogeräte zu testen, und sie sollten ihre Köpfe wiederholt bewegen, um mögliche Klangverzerrungen festzustellen. Die Hälfte der Teilnehmer sollte mit dem Kopf nicken, während die anderen den Kopf schütteln sollten. Die Nachrichten, die ihnen vorgespielt wurden, waren Radiokommentare. Diejenigen, die nickten (eine bejahende Geste), stimmten der Nachricht, die Sie [sic] hörten, im Allgemeinen zu, während diejenigen, die den Kopf schüttelten, sie tendenziell ablehnten. Wieder waren sich die Probanden dessen nicht bewusst, vielmehr bestand nur eine gewohnheitsmäßige Beziehung zwischen einer ablehnenden oder zustimmenden Einstellung und ihrem üblichen mimischen Ausdruck.« [4, S. 74]

In verschiedenen Experimenten wurden Teilnehmer auf das Thema »Geld« geprimt. Sie sollten etwa zunächst Wörter zu einem Geldthema ordnen. Das Priming auf Geld funktioniert aber auch sehr viel subtiler, wie zum Beispiel durch scheinbar zufällig im Hintergrund herumliegendes Monopoly-Geld auf einem Tisch oder den Bildschirmschoner eines Computers, der scheinbar zufällig ein Dollarzeichen zeigt. All diese Stimuli reichten aus, um das Verhalten der entsprechend geprimten Personen zu verändern. Sie hielten zum Beispiel bei einem Experiment doppelt so lange durch wie andere Teilnehmer, zeigten sich auf der anderen Seite aber auch signifikant egoistischer. So waren sie weniger bereit, einem anderen Studenten zu helfen, der die Teilnehmer, als Teil des Experiments, um Hilfe bat. [4, S. 75–76]

2.6Ankereffekte

Studenten wurden aufgefordert, die Zahl aufzuschreiben, bei der ein rotierendes Glücksrad stehen blieb. Das Glücksrad war so eingestellt, dass es nur den Wert 10 oder 65 anzeigen konnte. Dann wurden den Studenten zwei Fragen gestellt: 1. Ist der Prozentsatz afrikanischer Staaten bei den Vereinten Nationen größer oder kleiner als die Zahl, die Sie notiert hatten? 2. Wie hoch schätzen Sie den konkreten Prozentsatz?

Die Zahl auf dem Glücksrad hatte offensichtlich nichts mit den beiden Fragen zu tun. Trotzdem hatte sie einen starken Einfluss auf die Antworten. Die Studenten, die die 10 notiert hatten, schätzten den Prozentsatz im Schnitt auf 25 Prozent. Die Studenten, die die Zahl 65 gesehen hatten, schätzten den Prozentsatz auf 45 Prozent.

Das Beispiel zeigt, dass vor allem unser intuitives System sehr offen dafür ist, beliebige Informationen aus der Umwelt entgegenzunehmen und uns dann an anderer Stelle wieder unterzujubeln.

Ankereffekte können Ergebnis eines – unbewussten – Priming-Effektes sein. Sie können aber auch dem bewussten, kognitiven Prozess entspringen. Dann wird der Anker bewusst berücksichtigt. Interessant ist, dass der Einfluss von Ankereffekten auf unsere Beurteilungen und unser Verhalten vollkommen losgelöst von einem rationalen Zusammenhang ist. [4, S. 152–153] Deswegen werden Ankereffekte intensiv im Rahmen von Verkaufs-, Marketing- und Verhandlungsstrategien eingesetzt.

2.7Wiederholungen

Altbekannt und ein Prinzip, das die Werbung, aber auch die Politik ausgiebig gebraucht, sind Wiederholungen. Aussagen, die wir häufig hören, wirken vertraut. Vertrautheit erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir diese Aussage unabhängig von ihrem tatsächlichen Wahrheitsgehalt glauben. Generell weniger glaubwürdig erscheint uns eine Aussage, die wir noch nicht kennen.

Kahneman beschreibt diesen Effekt so: »Wenn man sich nicht an die Quelle einer Aussage erinnern kann und keine Möglichkeit hat, sich auf andere Dinge zu beziehen, die man kennt, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich an die gefühlte Mühelosigkeit des Denkens zu halten.« [4, S. 85]

Vertrautheit ist für unser Denken sehr bequem. Denn wir müssen uns ein Wissen nicht durch geistige Anstrengung erarbeiten, sondern erkennen einen Sachverhalt einfach wieder. Deswegen glauben wir Dinge, die wir schon häufiger gehört haben, leichter.

2.8Kausalitätsillusion

Es gibt sehr viele Befunde, die zeigen, dass die Wahrnehmung von Kausalität, also das Wahrnehmen von Ursache-Wirkungs-Beziehungen, ein sehr frühes Muster ist, das Menschen auf Vorgänge der Außenwelt projizieren. Kahneman schildert das Experiment von Fritz Heider und Mary-Ann Simmel aus dem Jahr 1944:

»Sie stellten einen Film her, der nur eine Minute und vierzig Sekunden lang ist und in dem man ein großes Dreieck, ein kleines Dreieck und einen Kreis sieht, die sich um eine Figur bewegen, die aussieht wie die schematische Ansicht eines Hauses mit einer offenen Tür. Die Betrachter sehen ein aggressives großes Dreieck, das ein kleineres Dreieck drangsaliert, einen verschreckten Kreis, wobei sich der Kreis und das kleine Dreieck verbünden, um den Rüpel zu überwältigen; sie sehen auch viel Gezerre an einer Tür und dann ein explosives Finale. Der Eindruck von Absicht und Emotionalität ist unwiderstehlich; nur Menschen, die an Autismus leiden, erleben dies nicht. Natürlich geschieht dies nur in unserem Kopf. Unser Gehirn ist nicht nur bereit, sondern regelrecht darauf aus, Akteure zu identifizieren, ihnen Persönlichkeitszüge und spezifische Intentionen zuzuschreiben und ihre Handlungen als Ausdruck individueller Neigungen zu interpretieren.

Auch hier sprechen die empirischen Befunde dafür, dass wir mit einer Anlage für intentionale Attributionen geboren werden: Schon Säuglinge unter einem Jahr identifizieren Rüpel und Opfer und erwarten von einem Verfolger, dass er den kürzesten Weg nimmt, um das zu fangen, hinter dem er her ist.« [4, S. 102–103]

Wir sind extrem darauf ausgerichtet, Kausalität und stimmige Geschichten zu konstruieren. Man kann sich leicht vorstellen, warum das sinnvoll ist. In einer Flut möglicher Informationen und Details ist es ein Gebot der Effizienz, nicht jede einzelne Information und jedes einzelne Detail abzuspeichern, sondern nach übergeordneten Mustern zu suchen. In einer kausalen Ordnung, in einer stimmigen Geschichte, in einem erklärenden Muster lassen sich Informationen in ökonomischer Weise verdichten. Neben der Reduzierung von Komplexität vermitteln uns Kausalität und andere identifizierte Muster ein Gefühl von Sinn und Kontrolle. Wir haben Angst, uns in zusammenhanglosen, für uns sinnlosen Informationen und Zufälligkeiten zu verlieren. Deswegen gibt es die starke Tendenz, Informationen und Ereignisse, mit denen wir konfrontiert werden, in ein Muster oder eine runde Geschichte zu zwängen. Wir lieben es, am Schluss etwas Kompaktes, Übersichtliches und Eindeutiges vor uns zu haben, einem Auto gleichend, das in einer Schrottpresse zu einem kompakten Rechteck zusammengedrückt wurde.

Man weiß, dass das Gehirn uns diese Tendenz vorgibt. Ein Drogenspürhund ist auf das Aufspüren von Drogen ausgerichtet. In ähnlicher Weise sucht unsere linke Hirnhälfte immer und überall nach Mustern. Anders als der Drogenspürhund wird sie aber fast immer fündig. Denn sie kann die vermeintlichen Muster selbst konstruieren und die Informationen so auswählen, formen und interpretieren, dass in der subjektiven Perspektive am Schluss alles zusammenpasst. Auch Neurotransmitter wie zum Beispiel Dopamin unterstützen diesen Prozess. So hilft Dopamin, bestimmte Muster zu fokussieren und dieses eine fokussierte Muster gegen konkurrierende Eindrücke (Muster) abzuschotten. Es begünstigt also eher ein Entweder-oder statt eines Sowohl-als-auch.

Unsere gesamte psychologische und biologische Programmierung ist darauf ausgerichtet, der Welt Muster, Regeln und vor allem Kausalität überzustülpen. Manchmal werden sie der Wirklichkeit auch halbwegs gerecht. Oft produzieren sie aber nur heiße Luft und nichts anderes als eine Verzerrung, die zwar mit der Wirklichkeit kaum oder gar nicht übereinstimmt, aber sich gut anfühlt.

2.9Physiognomischer Kurzschluss

Wie wir gesehen haben, ist unser intuitives System darauf ausgelegt, blitzschnell Beurteilungen vorzunehmen. Das gilt auch für unsere Sicht auf andere Menschen. So konnte gezeigt werden, dass ein starkes Kinn mit Dominanz und ein leichtes, selbstbewusstes Lächeln mit Vertrauenswürdigkeit assoziiert werden. Diese biologischen Automatismen sind weit davon entfernt, zu richtigen Urteilen zu führen. Sie prägen uns aber nach wie vor. In Studien konnten Zusammenhänge zwischen den beschriebenen einfachen biologischen Parametern und späterem Wahlerfolg von Politikern nachgewiesen werden.

Dieser Zusammenhang scheint insbesondere bei politisch uninformierten Wählern, die sehr viel fernsehen, deutlich ausgeprägt zu sein. In einer Studie war er bei solchen Personen dreimal so stark entwickelt wie bei Personen, die weniger fernsehen und sich besser informieren. [4, S. 119–120]

2.10Überschätzung geringer Häufigkeiten

Unser intuitives System kann schlecht mit Zahlen, Maßen, Statistik und Wahrscheinlichkeiten umgehen. Dieser Umstand führt zu typischen Beurteilungsfehlern. Kahneman schildert in diesem Zusammenhang ein Beispiel der Statistiker Howard Wainer und Harris L. Zwerling.

Es gibt viele Studien, die sich damit beschäftigten, Merkmale zu identifizieren, die erfolgreiche von weniger erfolgreichen Schulen unterscheiden. »Eines der Ergebnisse dieser Forschungen ist«, so Kahneman, »dass die erfolgreichsten Schulen, im Schnitt, klein sind. In einer Studie an 1662 Schulen in Pennsylvania zum Beispiel waren sechs der fünfzig besten Schulen klein, sodass sie vierfach überrepräsentiert waren. Diese Daten veranlassten die Gates-Stiftung dazu, erhebliche Finanzmittel für die Schaffung kleiner Schulen bereitzustellen, gelegentlich auch durch Aufspaltung großer Schulen in kleinere Einheiten. Mindestens ein halbes Dutzend andere bekannte Institutionen […] schlossen sich dem Projekt an […]. Dies erscheint Ihnen vermutlich intuitiv als sinnvoll. Man kann leicht eine kausale Geschichte konstruieren, die erklärt, wieso kleine Schulen bessere Bildungsergebnisse und daher mehr leistungsstarke Schüler produzieren, nämlich dadurch, dass den Schülern mehr persönliche Aufmerksamkeit und Ermunterung durch die Lehrer zuteilwird, als dies in größeren Schulen möglich wäre. Leider ist diese kausale Analyse müßig, weil die Fakten falsch sind. Wenn die Statistiker, die im Auftrag der Gates-Stiftung tätig waren, nach den Merkmalen der schlechtesten Schulen gefragt hätten, hätten sie festgestellt, dass die schlechtesten Schulen ebenfalls unterdurchschnittlich klein sind. Die Wahrheit ist, dass kleine Schulen im Durchschnitt nicht besser sind; sie sind lediglich variabler.« [4, S. 149–150]

Im Kern geht es um Folgendes: Zufallsbedingte Schwankungen führen in kleineren Stichproben zu erheblich höheren Effekten als in größeren Stichproben. Nehmen wir an, dass im Schnitt einer von 100 Schülern besonders gute mathematische Leistungen erbringt. In der Stadt gibt es eine große Schule mit 500 Schülern, in einem kleinen Dorf auf dem Land eine kleine mit nur 40 Schülern. Ein Elternpaar, beide Mathematikprofessoren, liebt die Natur. Darum zieht es mit seinen vier Kindern aufs Land. Die Kinder sind mathematisch sehr begabt und wurden seit frühester Kindheit stark gefördert. Ihr mathematisches Leistungsvermögen ist außerordentlich. Sie allein katapultieren die Quote für mathematisch besonders starke Schüler in ihrer neuen Schule auf 10 Prozent. Das ist zehnmal mehr als der Durchschnitt im Land. Aber die tolle Quote hat gar nichts mit der Schule zu tun, sondern nur mit der Landliebe der Eltern. In der großen Schule der Stadt wäre der Effekt der vier Kinder lediglich 0,8 Prozent, bliebe also noch unter dem allgemeinen Durchschnitt von 1,0 Prozent.

In einer kleinen Stichprobe führen »zufällige« Faktoren zu extremen Bewertungen. Deswegen gibt es unter den besten Schulen viele kleine – aber eben auch unter den schlechtesten Schulen sind kleine Schulen überrepräsentiert. Statistisch gesehen handelt es sich um ein Artefakt, weil die Stichprobengröße zu klein ist, um eine verlässliche Aussage zu machen.

2.11Der schwarze Schwan und stumme Zeugen

Nassim Nicholas Taleb war ursprünglich Finanzmathematiker. Im Libanon geboren, studierte er in den USA und war an verschiedenen Universitäten als Professor tätig. Im Investmentbanking arbeitete er für verschiedene Firmen an der Wallstreet. 2007 veröffentlichte er ein Buch, in dem er vor den Gefahren der Finanzwirtschaft und den gängigen mathematischen Modellen warnte. Anlagen, die nach seinen Empfehlungen investierten, erwirtschafteten in der Finanzkrise 2008 sehr hohe Gewinne. Taleb versteht sich als ein »skeptischer Empirist« und hat sich mit seinen Büchern und wissenschaftlichen Publikationen weltweit einen Namen gemacht. Stark beachtet und in viele Sprachen übersetzt wurde sein Buch über den »Schwarzen Schwan«. [5]

In diesem Werk setzt sich Taleb damit auseinander, wie anfällig wir dafür sind, insbesondere seltene Ereignisse – die schwarzen Schwäne – vollkommen falsch einzuschätzen. Wir über- oder unterschätzen ihre Häufigkeit, über- oder unterschätzen ihre Wirkungen und produzieren häufig falsche Erklärungen für das Auftreten solcher Ereignisse. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich Taleb intensiv mit unserer Tendenz, überall Kausalitäten zu erkennen und vermeintlich stimmige Geschichten zu konstruieren. Wir haben dieses Phänomen bereits als Kausalitätsillusion kennengelernt (Kap. 2.8). Taleb bringt zahlreiche Beispiele für verzerrte Wahrnehmungen, haltlose Kausalitäten und Geschichten, die uns subjektiv einleuchtend und überzeugend erscheinen. Er bezeichnet dieses Phänomen als »Theoretisierungskrankheit«, von der viele Menschen befallen seien. [5, S. 90ff.]

Zu Recht betont er dabei die Rolle der Medien. Denn deren berufsmäßige Bestimmung ist es, am laufenden Band vermeintliche Kausalitäten und stimmige Geschichten zu produzieren. Viele der so verbreiteten Kausalitäten und Geschichten halten einer Prüfung nicht stand. Witzig und gleichzeitig anschaulich ist folgendes Beispiel, das Taleb schildert:

»An einem Tag im Dezember 2003, als Saddam Hussein gefasst worden war, verbreitete Bloomberg News um 13:01 Uhr die folgende Schlagzeile: ›US-Staatsanleihen steigen; Ergreifung von Hussein wird den Terrorismus vielleicht nicht eindämmen.‹

Wenn der Markt sich bewegt, fühlen die Nachrichtenmedien sich immer verpflichtet, den ›Grund‹ dafür zu nennen. Eine halbe Stunde später war eine neue Schlagzeile nötig. Die US-Staatsanleihen waren im Preis gefallen (sie fluktuieren den ganzen Tag über, das war also nichts Besonderes), und Bloomberg News hatte dafür einen neuen Grund: die Ergreifung von Saddam (demselben Saddam). Um 13:31 Uhr kam das nächste Bulletin heraus: ›US-Staatsanleihen fallen; Ergreifung von Hussein steigert Attraktivität riskanter Anlagen.‹

Die gleiche Ergreifung (die Ursache) wurde also als Erklärung für ein Ereignis und sein genaues Gegenteil benutzt. Das kann natürlich nicht sein; die beiden Fakten können nicht miteinander im Zusammenhang stehen […].

Es passiert ständig: Man führt einen Grund an, damit wir die Nachricht schlucken und die Sache konkreter aussieht. Nach der Wahlniederlage eines Kandidaten wird man uns die ›Ursache‹ für die Verärgerung der Wähler liefern. Dafür ist jede erdenkliche Ursache recht. Die Medien bemühen sich aber sehr, den Prozess durch die Heerscharen ihrer Mitarbeiter, die die Fakten überprüfen, ›gründlich‹ zu machen. Sie wollen sich anscheinend mit unendlicher Genauigkeit irren (statt zu akzeptieren, dass sie in etwa recht haben, wie die Verfasser von Fabeln).« [5, S. 101]

Im Zusammenhang mit verzerrenden und oft haltlosen Kausalitäten behandelt Taleb auch das Thema der stummen Zeugen. Stumme Zeugen sind ein Spezialfall der WYSIATI-Regel, wie sie vorangehend dargestellt wurde (Kap. 2.4). Das, was wir nicht wahrnehmen, gibt es im inneren Verarbeitungsprozess nicht. Es kann daher auch nicht angemessen berücksichtigt werden. Diesem Schicksal sind stumme Zeugen nahezu immer ausgesetzt. So werden geschichtliche Epochen stets durch die Überlebenden und in der Regel durch die Sieger bzw. die Mächtigen erklärt. Die Verfolgten, die Unterdrückten, die auf den Schlachtfeldern Dahingemetzelten oder auf andere Art frühzeitig Verstorbenen können sich nicht mehr äußern. Sie geraten in Vergessenheit und sind typische Vertreter der Gattung der stummen Zeugen. Auch in der Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte können selbstverständlich nur die Arten Berücksichtigung finden, die fossile oder zumindest genetische Spuren hinterlassen haben. Diejenigen, die sang- und klanglos ausgestorben sind, ohne für uns Nachfahren irgendwelche Zeugnisse ihrer Existenz zu hinterlassen, kommen in unseren Vorstellungen und den wissenschaftlichen Modellen nicht vor. Es ist, als hätte es sie nie gegeben.

Mit Recht verehren wir große Komponisten und große Autoren. Ihre Größe und den Wert ihrer Werke messen wir meist an anderen Komponisten und anderen Autoren, die uns bekannt sind. Diese Vergleichsgruppe ist aber sehr willkürlich gewählt. Denn es gibt Millionen von Musikern und Millionen von Schriftstellern, deren Werke nie publiziert wurden oder aus anderweitigen Gründen für immer in Vergessenheit geraten sind. Vielleicht sind sie früh verstorben, vielleicht konnten sie ihre musikalischen oder literarischen Fähigkeiten aufgrund ihrer sozialen Situation nicht entfalten. Vielleicht gerieten ihre Werke aus anderen Gründen für immer in Vergessenheit. Noch viel wahrscheinlicher ist es aber, dass sie gar keinen Musikproduzenten oder keinen Verleger gefunden haben. Renommierten Buchverlagen werden jedes Jahr viele Tausend Manuskripte zugeschickt. Die wenigsten davon werden gelesen und fast alle werden abgelehnt. Sie verschwinden für immer in der Versenkung. Es wäre völlig naiv anzunehmen, dass unter den vielen Millionen verhinderten Musikern und Schriftstellern nicht auch etliche große Persönlichkeiten mit hervorragenden Werken waren. Aber wir kennen sie nicht und werden sie niemals kennenlernen. Ja, wir halten sogar gerne die Illusion aufrecht, dass die großen Meister, die uns bekannt geworden sind, deswegen erfolgreich waren, weil sie sich von den vielen Namenlosen entweder in persönlichen Eigenschaften oder in der Qualität ihrer Werke unterscheiden. Taleb weist mit Recht darauf hin, dass neben dem zweifellos nützlichen Talent, über das ein Künstler verfügt, auch jede Menge Glück und Zufälligkeiten dafür entscheidend sind, dass er und seine Fähigkeiten bekannt werden. So, wie Erfolg im Leben fast immer etwas – zumindest auch – mit Glück und Zufall zu tun hat. [5, S. 131ff.]

2.12Generalisierung: Der unterschätzte Denkfehler

Ähnlich wie Kahneman gelingt es Taleb, uns auf oft witzige und manchmal provokante Weise vielfältige Verzerrungen unserer Wahrnehmung und unseres Denkens vor Augen zu führen. Er ist selbst aber auch ein gutes Beispiel für ein anderes Phänomen, das bei den Verzerrungstendenzen unseres Denkens bislang kaum berücksichtigt wurde. Es handelt sich um die Tendenz zur Generalisierung und Verabsolutierung von Prinzipien (Ordnungen, Regeln, Theorien, Erklärungen u. a.), die wir entdeckt zu haben glauben. Das Phänomen der Generalisierung ist die dritte Stufe im später noch vorgestellten RSG-Modell (Registrieren, Subjektivieren, Generalisieren; vgl. Kap. 5). Aufgrund der vielfältigen kausalen Erklärungen und stimmigen Geschichten, die wir haltlos in bestimmte Ereignisse hineinprojizieren, hegt Taleb ein tiefes Misstrauen gegenüber allen kausalen Annahmen und plausibel wirkenden Erklärungen. Damit überspannt er seinen Ansatz. Der hat zwar in vielen Bereichen seine Berechtigung, wird aber dann zum Problem, wenn er zu stark ausgeweitet und generalisiert wird. So übersieht oder diskreditiert Taleb Kausalitäten auch dort, wo sie ihre Berechtigung haben. Hierzu lassen sich in seinem Buch zahlreiche Beispiele finden. Eines davon betrifft die Ausrottung von Tier-, Pflanzen- und früheren Menschenarten. Taleb verweist auf den Umstand, dass fast alle Arten, die je auf unserem Planeten gelebt haben, irgendwann auch wieder ausgestorben sind. Das ist vielen Menschen nicht bewusst, weil es sich auch bei diesen vielen Arten um stumme Zeugen handelt. Wir übersehen, dass die in der Gegenwart anzutreffende Artenvielfalt nur einen kleinen Bruchteil all jener Arten ausmacht, die im Lauf der Erdgeschichte ausgestorben sind. Das Überleben einer Art ist also fast immer eine höchst temporäre Angelegenheit und das Aussterben der absolute Normalfall. So weit, so gut. Taleb sagt dazu:

»Nahezu 99,5 Prozent der Arten, die die Erde irgendwann einmal bevölkerten, sind heute ausgestorben – eine Zahl, die die Forscher im Laufe der Jahre immer weiter erhöht haben. Das Leben ist viel zerbrechlicher, als wir gedacht haben. Das heißt aber nicht, dass wir uns wegen des Aussterbeprozesses, der um uns herum abläuft, schuldig fühlen müssten. Und auch nicht, dass wir etwas unternehmen sollten, um ihn aufzuhalten. Die Arten sind schon gekommen und wieder verschwunden, bevor wir angefangen haben, die Umwelt zu verschmutzen. Es besteht keine Notwendigkeit, uns für jede bedrohte Art moralisch verantwortlich zu fühlen.« [5, S. 141]

Dieser Einschätzung liegt ein Denkfehler zugrunde. Taleb begeht ihn, weil er durch die Generalisierung seiner Entdeckung der stummen Zeugen und der entsprechenden Skepsis gegenüber Kausalität eine zutreffende Kausalität völlig übersieht. Deswegen ist seine Beurteilung, dass wir uns wegen des Aussterbens vieler Arten nicht zu große Sorgen machen sollten, schlicht falsch. Denn bei dieser Frage ist der entscheidende Punkt in der Tat die Kausalität, also die Frage, wer für das Aussterben einer Art verantwortlich ist. Das allgemeine, abstrakte Argument vom Aussterben der meisten Arten kann nur auf diejenigen relativierend zutreffen, für die der Mensch nicht verantwortlich ist. Die abstrakte und von uns häufig unterschätzte Dimension des Aussterbens relativiert aber selbstverständlich in keiner Weise die Verantwortung, die wir für die von uns verursachte Ausrottung der Arten tragen.

Man kann das durch zwei kleine Beispiele verdeutlichen. Nehmen wir an, wir verweisen darauf, dass das menschliche Leben – zumindest bislang – immer begrenzt ist und alle Menschen irgendwann sterben. Analog zur Argumentation von Taleb könnte man nun sagen, dass es unter diesem Aspekt völlig übertrieben sei, sich wegen der Ermordung einzelner Menschen Sorgen zu machen. Irgendwann müsse doch sowieso jeder Mensch sterben. Einen Mörder speziell zu bestrafen und überhaupt so ein Riesentheater um einen einzelnen Todesfall zu machen, sei vor diesem Hintergrund völlig unangemessen. Auch können die nationalsozialistischen Verbrechen bei der Ermordung jüdischer Menschen in keiner Weise dadurch relativiert werden, dass in der Menschheitsgeschichte unendlich viel mehr Menschen an schrecklichen Krankheiten verstorben sind.

Es gibt zwar gute Gründe, vielen Kausalitäten, Erklärungen und scheinbar stimmigen Geschichten zu misstrauen. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch viele sinnvolle Kausalitäten, fundierte stimmige Geschichten und tragfähige Erklärungen gibt. So ist die Kausalität bei der Beurteilung der Vernichtung von Tier- und Pflanzenarten ein zentraler Punkt. Denn ob diese Tier- und Pflanzenarten durch den Einschlag eines Meteoriten oder durch menschliches Handeln zu Tode kommen, macht im Hinblick auf Schuld und Verantwortung einen entscheidenden Unterschied. Das, was der Mensch verursacht, liegt in seinem konkreten Verantwortungsbereich. Dieser Verantwortung hat er sich zu stellen und ihr gerecht zu werden – abseits abstrakter theoretischer Überlegungen.

Das Gleiche gilt übrigens auch für den Klimawandel. Denn bei diesem Thema argumentieren populistische Kritiker genauso, wie Taleb es tut. Weil es in der Erdgeschichte schon immer gewaltige Schwankungen des Klimas gegeben habe, sei das Geschrei um den Klimawandel ebenso verfehlt wie das Ergreifen bestimmter Maßnahmen. Das Beispiel zeigt uns aber zweierlei. Die Tendenz zur Generalisierung und Verabsolutierung ist ein bislang wenig beachteter Verzerrungsmechanismus unseres Denkens. Zu Unrecht. Denn er kann zu absurden Beurteilungen und Handlungen führen. Das Beispiel gibt uns auch einen ersten Hinweis darauf, dass auch der naturwissenschaftliche Ansatz keineswegs dagegen gefeit ist, den allgemeinen menschlichen Verzerrungsmechanismen und Beurteilungsfehlern zu unterliegen. Dessen sind sich viele Vertreter des empirischen naturwissenschaftlichen Ansatzes nicht bewusst. Beide Themen werden uns noch an verschiedenen Stellen dieses Buches wiederbegegnen.

2.13Vermeidung kognitiver Dissonanz

Die Vermeidung kognitiver Dissonanz ist ein lange bekanntes Phänomen. Unsere Meinungen, unsere Überzeugungen und unsere gefühlten Wahrheiten formen einen subjektiven Wahrnehmungsfilter. Dieser Filter hat großen Einfluss darauf, welche Informationen wir aufnehmen und wie wir mit diesen Informationen umgehen. Es besteht eine starke Tendenz, Informationen, die den eigenen Meinungen, Überzeugungen und gefühlten Wahrheiten widersprechen, entweder gar nicht zur Kenntnis zu nehmen oder sie so umzuformen, dass kein Widerspruch zur subjektiven Wirklichkeit entsteht. Praktisch werden dadurch Informationen, die eine schon bestehende Meinung bestätigen, gerne und bevorzugt registriert. Widersprechende Informationen mag man nicht. Sie werden bewusst übergangen, oder sie werden weggefiltert, bevor sie das Bewusstsein erreichen können. Dieser Selektionsprozess stärkt und zementiert eigene Meinungen, auch wenn sie falsch sind.

Man hört gerne den Rednern zu, die die eigene Meinung bestärken, dasselbe gilt für Filme oder etwa Presseberichte. Ebenso fühlen wir uns in den Umgebungen wohl, in denen Meinungen und Überzeugungen vorherrschen, die den eigenen entsprechen. Andere Meinungen und widersprüchliche Informationen werden von vornherein weniger wahrgenommen, aber auch bewusst umgangen, weil man sie gar nicht hören oder sehen will. Insbesondere bei politischen, weltanschaulichen oder religiösen Themen werden andere Meinungen häufig so verformt und umgedeutet, dass die eigenen Überzeugungen von Anfang an dagegen immunisiert werden. Das geschieht zum Beispiel dadurch, dass man den Vertretern anderer Meinungen einen falschen Glauben, eine völlig absurde politische Überzeugung oder unehrenhafte Motive unterstellt. Damit wird den Argumenten dieser Personen von vornherein jegliche Berechtigung abgesprochen. Eine Auseinandersetzung mit deren Argumenten erübrigt sich damit.

2.14Hereinspaziert: A little something for everybody

Wir konstruieren gerne subjektiv stimmige und runde Geschichten. Dazu biegen wir Informationen so zurecht, dass sie zu einer solchen stimmigen Geschichte werden, einer Geschichte, die uns sympathisch ist oder die perfekt zu unseren Vorannahmen passt. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt, wenn man offene Aussagen präsentiert bekommt, die viel Interpretationsspielraum lassen. Hierzu gibt es zahlreiche psychologische Untersuchungen. Phineas Taylor Barnum war Zirkusdirektor und Politiker. 1842 eröffnete er in New York das »American Museum«, ein zu seiner Zeit sehr bekanntes Kuriositätenkabinett. Barnum war geschäftstüchtig und verstand es, seine Sensationen in der Öffentlichkeit anzupreisen. Er präsentierte alles, was irgendwie interessant erschien (»a little something for everybody«) und publikumswirksam inszeniert werden konnte. Dem Prinzip, wonach für jeden etwas dabei sein sollte, folgten auch die verschiedenen Wahrsager und Horoskope, die Barnum seinen Besuchern anbot. Neben seiner Tätigkeit als Politiker zog er mit Wanderzirkussen durchs Land, nachdem das Museumsgebäude 1865 und 1868 zweimal abgebrannt war.

Das eingangs beschriebene Phänomen wird gemäß dem Motto »a little something for everybody« als Barnum-Effekt oder alternativ auch als Forer-Effekt bezeichnet, weil der amerikanische Psychologe Bertram R. Forer hierzu ein berühmtes Experiment durchführte. Forer hatte seinen Studenten 1948 die vermeintliche Auswertung eines Persönlichkeitstests ausgehändigt, den sie zuvor ausgefüllt hatten. Die Studenten wurden dann gefragt, wie zutreffend sie die Beschreibung ihrer Persönlichkeit in der jeweiligen Auswertung empfanden. Die Studenten fühlten sich durch die Ergebnisse des Tests sehr gut in ihrer Persönlichkeit getroffen. Dementsprechend waren sie auch stark überzeugt davon, dass der Test, den sie ausgefüllt hatten, hervorragend geeignet sei, die Persönlichkeit von Menschen zu erfassen. Was sie nicht wussten: Alle hatten dieselbe Auswertung erhalten. Zudem hatte der Auswertungstext nichts mit den Fragen zu tun, die die Testpersonen zuvor beantwortet hatten. Der Text war eine willkürliche Zusammenstellung von Aussagen aus einem Horoskop, das Forer sich zuvor an einem Kiosk besorgt hatte. [6; 7]

Was stand denn nun im Auswertungstext? Wikipedia hat es so übersetzt: »Sie sind auf die Zuneigung und Bewunderung anderer angewiesen, neigen aber dennoch zu Selbstkritik. Ihre Persönlichkeit weist einige Schwächen auf, die Sie aber im Allgemeinen ausgleichen können. Beträchtliche Fähigkeiten lassen Sie brachliegen, statt sie zu Ihrem Vorteil zu nutzen. Äußerlich diszipliniert und selbstbeherrscht, neigen Sie dazu, sich innerlich ängstlich und unsicher zu fühlen. Mitunter zweifeln Sie stark an der Richtigkeit Ihres Tuns und Ihrer Entscheidungen. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Abwechslung und Veränderung und sind unzufrieden, wenn Sie von Verboten und Beschränkungen eingeengt werden. Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen anderer Leute Aussagen nicht unbewiesen hin. Doch finden Sie es unklug, sich anderen allzu bereitwillig zu öffnen. Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, dann aber auch wieder introvertiert, skeptisch und zurückhaltend. Manche Ihrer Erwartungen sind ziemlich unrealistisch.« [8]

Es gibt weitere ähnliche Experimente, die zu den gleichen Ergebnissen führten. Mehrheitlich waren die Versuchspersonen von den Horoskopen, die mit ihnen gar nichts zu tun hatten, begeistert und staunten, wie gut ihre Persönlichkeit erfasst worden war.

Neulich gab eine Beraterin auf einem esoterischen Fernsehkanal einer Anruferin folgende Weisheit mit auf den Weg: »Du erreichst dein Ziel auf jeden Fall, denn der Weg ist das Ziel.« Auch wenn der Satz ein logisches Paradoxon ist, klingt er ermutigend. Die Anruferin freute sich jedenfalls über die aufbauenden Worte. Wir hören eben gerne das, was wir hören wollen.

2.15Radikaler Konstruktivismus und Grenzen der Kommunikation

Den Radikalen Konstruktivismus könnte man auch gut im Kapitel über die generellen erkenntnistheoretischen Limitationen einordnen. Ich stelle ihn aber unter den psychologischen Mechanismen dar, weil er einen wichtigen Aspekt der Kommunikation aufgreift, über den wir uns häufig nicht ausreichend im Klaren sind. So überschätzen wir systematisch das Ausmaß eines gemeinsamen Verständnisses von Inhalten, die kommuniziert werden. Diese Überschätzung erfolgt aufgrund psychologischer und sozialer Gepflogenheiten, die etwas anderes nahelegen.

Im Radikalen Konstruktivismus wird der Begriff der Wirklichkeit anders gebraucht als im vorliegenden Buch. Für ihn ist Wirklichkeit immer ein subjektives Konzept. Jeder Mensch habe seine eigene Wirklichkeit, die Ergebnis der individuellen Erfahrungen und Prägungen dieses Menschen sei. Jeder Mensch lebe damit in einer eigenen Wirklichkeitsblase. Das Erkennen einer irgendwie außerhalb dieser subjektiven Wirklichkeit liegenden Wahrheit sei demnach unmöglich.

Prägenden Einfluss auf den Radikalen Konstruktivismus hatte Jean Piaget. Piaget ist allgemein durch sein Modell kindlicher Entwicklungsstufen bekannt. Ein wichtiges Element in seinen Arbeiten sind die Begriffe Konstrukt und Schema, die er in einem klassisch konstruktivistischen Sinn gebraucht. So sind Schemata internalisierte Denkmuster, die das Kind durch die Interaktion mit der Umwelt anhand eigener Erfahrungen aufbaut. Das Kind lernt und konstruiert demnach seine eigene subjektive Wirklichkeit durch Assimilation und Akkommodation. Assimilation bedeutet, dass das Kind ein Phänomen wahrnimmt und es dann mit den in seinem Gedächtnis gespeicherten Inhalten vergleicht. Wird bei diesem Abgleich etwas gefunden, das dem Phänomen ähnlich ist, dann wird angenommen, dass es sich um ein identisches Phänomen handelt. Findet sich beim Abgleich nichts Ähnliches, dann wird ein neuer Begriff gebildet. Häufig hat dieser Begriff dann etwas mit einem Detail zu tun, das bereits in der Ausgangssituation vorhanden war, aber zunächst übersehen wurde. Die Bildung eines neuen Begriffs führt zur Veränderung oder Erweiterung der Schemata (Akkommodation).

Ernst von Glasersfeld, dessen Werk durch Piaget beeinflusst ist, sieht in den Mechanismen der Assimilation und der Akkommodation universelle Elemente. Sie sind nicht nur in der Entwicklung des Menschen von Bedeutung, sondern generell für die Wirklichkeitskonstruktion des Menschen gültig.

Gegenüber dem Begriff der Wirklichkeit, der in der Sicht der Radikalen Konstruktivisten subjektiver Natur ist, wird der Begriff der Realität abgegrenzt. Dabei wird Realität aber nicht als eine abseits der Wirklichkeit existierende objektive Wahrheit verstanden. Realität ist vielmehr eine Quelle von Störungen, die bei der Assimilation und Akkommodation zu Widersprüchen führt. Ein solcher Widerspruch kann zum Beispiel sein, dass man bemerkt, dass etwas, das man als identisch angesehen hat, doch von der eigenen Kategorie verschieden ist. Solche Störungen kommen zum Beispiel regelmäßig in Kommunikationen vor. Ohnehin ist Kommunikation keine Möglichkeit, Informationen, das heißt eigene Wirklichkeiten, an eine andere Person zu übermitteln. Denn gemäß dem Radikalen Konstruktivismus ist es unmöglich, eine andere als die eigene Wirklichkeit tatsächlich nachzuvollziehen. Möglich ist lediglich, dass durch die Konfrontation mit den Informationen über eine andere subjektive Wirklichkeit, also durch Kommunikation, ein eigener Prozess angestoßen wird, der in der inneren subjektiven Wirklichkeit dann etwas Ähnliches produziert. Man kann diesen Vorgang mit Übersetzungen vergleichen. Auch sehr gute Übersetzungen können nie das Gleiche wie der Ursprung sein. Sie sind immer etwas anderes und im besten Falle dem Ursprung sehr ähnlich. Denn jede Sprache konstruiert wieder eine subjektive Wirklichkeit, der man sich in einer anderen Sprache bestenfalls annähern kann. [9; 10]

2.16Kommunikation wird überschätzt

Sie wissen bereits, dass ich die radikale Position nicht teile, wonach wir keinerlei Aussage zu der Existenz oder Qualität einer außerhalb unserer subjektiven Wirklichkeit liegenden objektiven Wirklichkeit machen können. Gleichwohl berührt der Konstruktivismus einen sehr wesentlichen Punkt, der einen engen Bezug zum Thema dieses Buches hat. Wir überschätzen die Passgenauigkeit der durch Kommunikation vermittelten Inhalte enorm. Denn es ist in der Tat eine Quadratur des Kreises, durch Kommunikation in der subjektiven Repräsentanz der jeweils Beteiligten annähernd gleiche Inhalte vermitteln zu können. Wir geben uns schnell mit dem oberflächlichen Gefühl zufrieden, dass man sich verstanden hat. Das ist aber oft eine Illusion. So ist es auch kein Zufall, dass nicht selten das Ausmaß an Differenzen und das Gefühl, sich nicht zu verstehen, in dem Maße wächst, in dem Menschen einander besser kennenlernen. Denn bei genauem Hinsehen fallen einem viele feine Abweichungen dort auf, wo man bei grober Betrachtung Gemeinsamkeit und ein gemeinsames Verständnis verbucht hat.

In vielen Bereichen der Gesellschaft müssen Experten durch Personen kontrolliert werden, die selbst keine Experten im jeweiligen Fachgebiet sind. Krankenkassen sollen den Sinn und die Verhältnismäßigkeit ärztlicher Behandlungen beurteilen, Politiker, ob Atomkraftwerke sicher sind, die Finanzaufsicht soll Banken kontrollieren und Medikamenten-Zulassungsbehörden sollen einschätzen, ob Studien zu einem Medikament aussagekräftig sind oder nicht. Es gibt zahllose weitere Beispiele. Angesichts der Spezialisierung und Überspezialisierung unserer Zeit und der damit verbundenen Risiken gewinnt die Kontrolle dieser Prozesse und Risiken immer weiter an Bedeutung.

Ein weiteres Beispiel in diesem Zusammenhang sind Sozialarbeiter und Juristen, die Berichte über den Verlauf von Therapien von Straftätern beurteilen sollen. Juristen und Sozialarbeiter sind für den Straftäter nach seiner Entlassung verantwortlich. Sie müssen sich daher ein Bild davon verschaffen, welches Risiko beim Straftäter vorliegt und ob etwa eine durchgeführte Therapie sachgerecht und erfolgreich verläuft. Für diese Beurteilung sind sie auf Berichte von Therapeuten angewiesen. Damit stehen sie vor dem typischen Kontrollproblem, Experteninformationen beurteilen zu müssen. Können sie die relevanten Informationen aus dem Bericht herauslesen? Können sie erkennen, wenn in der Therapie ein Problem vorliegt, das durch den Therapeuten nicht erkannt oder verschleiert wird?

Unsere Forschungsgruppe hat einmal in einer Studie überprüft, welche Informationen die Kontrolleure aus diesen für sie fachfremden Berichten aufnehmen. Wir legten verschiedenen Juristen und Sozialarbeitern dieselben Therapieberichte zur Prüfung vor. Das Ergebnis war ernüchternd. Selbst bei scheinbar eindeutigen Aussagen kam es zu höchst unterschiedlichen Interpretationen des gelesenen Inhalts. Das betraf nicht nur komplizierte Dinge, sondern auch scheinbar einfache Fragen wie etwa: Enthält der Bericht die Information, wann die Therapie begonnen wurde? Die eine Hälfte der Leser sagte ja, die andere Hälfte nein – wohlgemerkt beim selben Bericht.

Wir stellten fest, dass es für fachfremde – das heißt mit der spezialisierten Expertensprache nicht vertraute – Fachpersonen (es waren ja keine Laien) schlicht unmöglich war, zu erkennen, ob eine Information über den Therapiebeginn vorhanden war oder nicht. Denn es stellte sich die Frage, wie genau der Therapiebeginn zu definieren ist. Ist der Therapiebeginn die erste Therapiestunde? Ist der Therapiebeginn eine vorausgehende Abklärung der Therapiefähigkeit? Ist der Therapiebeginn der Zeitpunkt, an dem eine juristische Verfügung über die Anordnung der Therapie ausgestellt ist? Ist der Therapiebeginn der Zeitpunkt, an dem diese Verfügung rechtskräftig ist? Ist der Therapiebeginn die fünfte Stunde, weil erst danach definitiv entschieden wird, ob die Therapie bei einem bestimmten Therapeuten wirklich Sinn macht?

Selbst diese überaus banale Information generiert eine Fülle von Unklarheiten und Missverständnissen, wenn man mit dem Alltag der Therapiedurchführungen nicht vertraut ist. Und da reden wir noch nicht über komplizierte Inhalte wie die Diagnose, die Änderung einer Diagnose, die Bestimmung des Risikos des Täters oder fachliche Beschreibungen des Therapieverlaufs. Wenn nicht einmal eine so einfache Frage wie die zum Therapiebeginn zuverlässig beantwortet werden konnte, wie soll es da gelingen, die wirklich wichtigen Inhalte an die verantwortlichen Fachpersonen zu vermitteln?

Es gibt Strategien, mit dieser Grundproblematik umzugehen, die im Kern bei jeder Kommunikation besteht. Sie sind aber alles andere als ein Selbstläufer. Generell darf man zufrieden sein, wenn es zu Annäherungen im Sinne von Ähnlichkeiten anstelle von den Sinn verzerrenden Diskrepanzen kommt.

Bei den von uns untersuchten Sozialarbeitern und Juristen handelte es sich um besonders qualifizierte Fachpersonen, die darüber hinaus sehr viel Wissen rund um das Thema »Therapie von Straftätern« hatten. Dennoch kam es zu diesen Problemen. Das zeigt, wie groß der Spielraum zu subjektiv geprägten eigenen Wirklichkeiten ist, wenn man verschiedenen Personen genau dieselbe Information vorlegt.

Generell würde man staunen, wie viele Abweichungen sich ergeben, wenn man wie in dem konkreten Beispiel überprüfen würde, was genau bei den Rezipienten einer Information konkret ankommt. Wenn man also die Personen, die eine Dokumentation anschauen, einem Vortrag zuhören oder an einer Besprechung teilnehmen, nachher standardisiert und konkret nach den Inhalten befragt, würden eklatante Abweichungen und viele eigene Wirklichkeitskonstruktionen zum Vorschein kommen. Dies, obwohl man in der Regel nach einer Besprechung von einem gemeinsamen Verständnis aller Teilnehmenden ausgeht. Das Ausmaß dessen, was in solchen Informationen vermittelt und einem einheitlichen Verständnis zugeführt werden kann, ist aber ausgesprochen begrenzt.

Deswegen ist es überaus berechtigt, auf die Macht der subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen hinzuweisen. Sie erzeugen zwischen unterschiedlichen Personen bestenfalls Ähnlichkeiten, nie aber das wirklich gleiche Verständnis. Ich bin aber optimistischer als die Radikalen Konstruktivisten. Denn in einer Kommunikation kann die Ähnlichkeit so weit kultiviert werden, dass sie in vielen praktischen Fragen ein ausreichend gemeinsames Verständnis hervorbringt. Würde ich daran nicht glauben, würde ich dieses Buch nicht schreiben, und dann hätten vermutlich auch die Radikalen Konstruktivisten keine Bücher geschrieben. Aber man soll keinesfalls die Hindernisse unterschätzen, die einem gemeinsamen Verständnis durch subjektive Wirklichkeitskonstruktionen entgegenstehen. Wenn ein gemeinsames Verständnis eines Inhalts wichtig ist, sollte man kontrollieren bzw. nachfragen und nicht dem oberflächlichen Gefühl trauen, dass alle das Gleiche verstanden haben. Ähnlich wie bei den typischen psychologischen Verzerrungen bin ich aber auch hier davon überzeugt, dass die Kenntnis dieses Phänomens hilft, den tatsächlichen Grad an gemeinsamem Verständnis verbessern zu können.

3Individuelle Persönlichkeitsprofile

Wir haben uns mit den erkenntnistheoretischen Grenzen des Verstandes beschäftigt. Auf einer zweiten Ebene wurden psychologische Mechanismen dargestellt, die Einfluss auf Wahrnehmung, Erkenntnisfähigkeit und Urteilsbildung haben und oft zu Fehlern und Verzerrungen führen. Nun wenden wir uns der dritten Ebene zu. Es handelt sich um Persönlichkeitsprofile, die bei bestimmten Menschen vorkommen können und dann auf individueller Ebene zusätzlich zu Verzerrungen in der Urteilsbildung und problematischen Verhaltensweisen disponieren. Wir beschäftigen uns also mit Eigenschaften, die jene Menschen von anderen Menschen unterscheiden.

Problematische Persönlichkeitsprofile können in Form eines oder einer Kombination mehrerer prägnanter Persönlichkeitsmerkmale vorkommen. Prägnante Persönlichkeitsmerkmale sind Eigenschaften eines Menschen, die als für diese Person charakteristisch gelten. Solche prägnanten Persönlichkeitsmerkmale gibt es bei einem Menschen nicht in beliebiger Zahl. Meist liegen eine bis fünf solcher charakteristischen Eigenschaften vor, die das individuelle Persönlichkeitsprofil einer Person in besonderer Weise bestimmen.

An anderer Stelle habe ich zu prägnanten Persönlichkeitsmerkmalen Folgendes ausgeführt:

»Es handelt sich also um Merkmale, die einerseits deutlich ausgeprägt sind. Andererseits sind es die Merkmale, die in der Persönlichkeit eines Menschen besonders hervorstechen. Um Eigenschaften als charakteristisch und für eine bestimmte Person als besonders aussagekräftig anzusehen, sind also zwei theoretische Vergleiche maßgebend. Es ist der Vergleich mit der durchschnittlichen Normalbevölkerung und der Vergleich mit eigenen Eigenschaften. Man wird also Eigenschaften dann als besonders prägend für eine Person wahrnehmen, wenn diese Eigenschaften (1) gegenüber anderen Eigenschaften der Person und (2) im Vergleich mit anderen Menschen besonders hervortreten.

Prägnante Persönlichkeitsmerkmale sind durch drei weitere wichtige Kriterien gekennzeichnet:

−Prägnante Persönlichkeitsmerkmale zeigen sich im Verhalten!

Es kann sein, dass das Verhalten nicht direkt beobachtbar ist, weil eine Person sich mit dem entsprechenden Verhalten nicht in der Öffentlichkeit oder gegenüber Familienmitgliedern zeigt. Aber es ist das Wesen prägnanter Persönlichkeitsmerkmale, dass sie ins Verhalten ›durchdrücken‹. Würden sie sich nicht im Verhalten in prominenter Art und Weise zeigen, dann wären es keine prägnanten Persönlichkeitsmerkmale.

−Prägnante Persönlichkeitsmerkmale zeigen sich im Verhalten eher früher als später!

Prägnante Persönlichkeitsmerkmale zeigen sich aufgrund ihrer Prägnanz tendenziell früh im Verhalten, häufig bereits – zumindest ansatzweise – in der Kindheit und im Jugendalter.

−Prägnante Persönlichkeitsmerkmale haben eine hohe Konstanz und zeitliche Stabilität!

Menschen erfinden sich nicht jeden Tag aufs Neue. Wir alle leben in Kontinuitäten. Dabei sind gerade die prägnanten Persönlichkeitsmerkmale tendenziell schwer oder gar nicht veränderbar. Sie haben eine jahrzehntelange, häufig gar eine lebenslange Konstanz.

Das zuletzt genannte Phänomen kann jeder in seinem eigenen Umfeld bei Familienmitgliedern, Arbeitskollegen oder anlässlich von zehn-, zwanzig- oder dreißigjährigen Klassentreffen beobachten. Die prägnanten Persönlichkeitsmerkmale haben eine bemerkenswerte Konstanz. Das heißt nicht automatisch, dass sich die Lebenswirklichkeit einer Person nicht verändern kann. Sie kann sich sehr wohl verändern. Genau darauf zielen wir ja mit Therapien ab. Aber meist geht es nicht darum, dass sich die prägnanten Persönlichkeitsmerkmale komplett verändern. Vielmehr ist es bei diesen Veränderungen oft so, dass ein anderer Umgang mit diesen Merkmalen erfolgt, dass alternative Handlungsstrategien entwickelt oder andere Akzente gesetzt werden. Wir kennen aus der Lebenszeitforschung die Beispiele, bei denen Menschen mit ähnlichen Persönlichkeitsprofilen völlig unterschiedliche Biografien leben. Der überkritische, chronisch misstrauische und überall Verschwörungen witternde Charakter kann ein hervorragender investigativer Journalist werden. Er kann aber auch als Mittdreißiger in die Karriere eines Querulanten einbiegen und die Energie aus seinen prägnanten Persönlichkeitsmerkmalen in dieser Form zum Ausdruck bringen. Auch eine Person mit pädosexueller Präferenz ist nach einer Therapie noch pädosexuell. Wenn es ihr aber gelingt, sexuelle Übergriffe zu verhindern, dann hat diese Person ein komplett anderes Leben. Aber ein anderer Mensch ist die Person deswegen nicht geworden.« [11, S. 5–6]

Nachfolgend wird eine Auswahl von vier problematischen Persönlichkeitseigenschaften beispielhaft vorgestellt. Dies geschieht in Form einer jeweils kurzen Zusammenfassung wesentlicher Aspekte der entsprechenden Eigenschaft. Damit soll dem Leser ein Eindruck davon vermittelt werden, was konkret unter problematischen Persönlichkeitseigenschaften verstanden werden kann.

Die Auswahl der Eigenschaften erfolgt in Anlehnung an das Forensische Operationalisierte Therapie-Risiko-Evaluations-System (FOTRES). Es handelt sich um ein diagnostisches System, das ursprünglich entwickelt wurde, um Persönlichkeitsprofile von Straftätern abzubilden. Zu diesem Zweck sind in FOTRES mehr als hundert sogenannte Risikoeigenschaften verzeichnet. Viele dieser Eigenschaften können auch unabhängig von Straftaten vorkommen. Alle disponieren aber zu problematischen Wahrnehmungen, Einstellungen und insbesondere Verhaltensweisen.

Bei Personen mit solchen Eigenschaften ist daher mit Verzerrungen von Sichtweisen zu rechnen, die das übliche Ausmaß psychologischer Verzerrungen deutlich überschreiten. Vor allem disponieren diese Eigenschaften aber – auch unabhängig von Straftaten – im persönlichen oder beruflichen Bereich zu schädlichen und Leid verursachenden Verhaltensweisen. Nach Möglichkeit sollten Personen mit diesen Eigenschaften nicht eine Position innehaben, in der besonders viel Schaden für die Gesellschaft angerichtet werden kann. Das ist aber leider keineswegs gewährleistet.

3.1Die Kaltblütig manipulative Persönlichkeit (KmP)

Die Beispiele beginnen mit der Kaltblütig manipulativen Persönlichkeit (KmP). Das damit eng verwandte Phänomen der »Psychopathie« ist in den letzten Jahren einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Es wurde uns in TV-Serien wie »Dexter« vermeintlich nähergebracht. Außerdem meldeten sich viele Experten zu Wort. Überall, vor allem aber in Führungspositionen, glaubten sie Psychopathen zu entdecken. Wenn das geschieht, dann ist dies ein sicheres Anzeichen dafür, dass das zugrunde liegende Konzept trivialisiert, aufgeblasen und zu Profilierungszwecken missbraucht wird (einen ähnlichen Status hat übrigens traditionell auch die narzisstische Problematik, die selbst von Fachpersonen viel zu häufig diagnostiziert wird – mit all den stigmatisierenden Folgen). Diese Phase wurde spätestens mit der Erfindung der sogenannten »funktionellen Psychopathie« eingeläutet, die in vielen Medien als eine weit verbreitete – um nicht zu sagen notwendige – Pathologie vieler Führungspersonen in Wirtschaft und Politik behauptet wurde. Ein Unsinn, auf den sich Medien nur zu gerne stürzen. [U. a. 12]

Die KmP wird nachfolgend aber auch aus einem anderen Grund dargestellt. Sie repräsentiert in individuell stark übersteigerter Ausprägung einen der beiden evolutionären Pole der menschlichen Natur: die egoistische Selbstbehauptung bzw. den Willen zur Macht. Die KmP ist durch einen Emotionsmangel auf der einen und gesteigerte Egozentrik, Rücksichtslosigkeit und eine starke Manipulationstendenz auf der anderen Seite charakterisiert. Das »Weniger an Emotion« bedingt ein »Mehr an Ich« und ein »Mehr an Möglichkeiten«, weil Hemmungen fehlen.

Beim Emotionsmangel sind Intensität, Nachhaltigkeit und das Spektrum von Emotionen stark vermindert. Das eingeschränkte Spektrum zeigt sich dadurch, dass Emotionen wie Angst, Freude oder Trauer im Vergleich zu Wutempfinden deutlich unterrepräsentiert sind. »Vor allem werden Emotionen nicht tief, das heißt nicht in hoher Intensität und nicht nachhaltig, erlebt. Es handelt sich daher eher um kurzfristige, reaktive Gefühlsregungen. Aufgrund ihrer Kurzfristigkeit und Gebundenheit an konkrete Auslösesituationen erscheinen Emotionen eher flüchtig. Häufig erwecken sie aufgrund der fehlenden Nachhaltigkeit und der geringen Intensität den Eindruck des Oberflächlichen und Beliebigen.« [11, S. 99]

Der Emotionsmangel zeigt sich in vielen Verhaltensweisen. So ist die Bedeutung anderer Menschen gering und sie erinnern im Leben von Personen mit KmP »eher an austauschbare Statisten als an autonome Persönlichkeiten, zu denen eine bedeutungsvolle Beziehung besteht«. Das verminderte Angstempfinden führt zu riskantem, draufgängerischem Verhalten oder sogar zu Straftaten. Klar, dass solche Personen kaum Empathie empfinden.

Man kann sich den Emotionsmangel so vorstellen, dass die Bereiche, die im Gehirn für Emotionen zuständig sind, stark heruntergeregelt sind. Ein solcher Emotionsmangel ist ein Defizit. Es stellt sich aber die Frage, warum die Evolution eine solche Persönlichkeitsdisposition hervorgebracht hat. »Hier kann man sich viel vorstellen. Angstfreiheit hat Vorteile in Kampfsituationen oder wenn es darum geht, neue Territorien erobern und besetzen zu können.« Evolutionär ist es daher für Gemeinschaften von Tieren oder von Menschen in bestimmten Situationen vorteilhaft gewesen, solche »Individuen in ihren Reihen zu haben. Auch in der jüngeren Geschichte« kann man »manch großem Führer oder Eroberer einen gravierenden Emotionsmangel bescheinigen. Sicher ist, dass das Emotionsdefizit Raum für eine veränderte Balance in der Persönlichkeit eines Menschen schafft. Wer nicht durch Emotionen gebremst und gehemmt wird, dem eröffnet sich ein Raum von Möglichkeiten, der anderen Menschen nicht zur Verfügung steht.« Dieser Raum führt zu einer starken Egozentrik, zum rücksichtslosen Durchsetzen eigener Interessen und zu einer ausgeprägten Manipulationstendenz.

Die starke Egozentrik entspricht dem Prinzip: Ich, ich und nochmal ich. Die eigenen Bedürfnisse werden ohne jede kritische Distanz als legitim und als absoluter Maßstab eigenen Handelns erlebt. Bedürfnisse anderer Menschen sind gleichgültig. Die Tendenz, andere Menschen zu manipulieren, dient dazu, sich Vorteile zu verschaffen. Hemmungsloses Lügen, Instrumentalisierung von Beziehungen, intrigantes Verhalten und eine ausgeprägte Orientierung an eigener Nützlichkeit sind typisch. Das innere Koordinatensystem ist strikt an einem Prinzip orientiert: Nützt mir oder nützt mir nicht. Das eröffnet u. a. die Möglichkeit, hemmungslos zu lügen.

Jeder Mensch kann lügen. Normalerweise muss aber eine gewisse Schwelle überwunden werden, nicht die Wahrheit zu sagen. Denn innerlich gibt es ein Koordinatensystem, das zwischen Wahrheit (so wie sie subjektiv wahrgenommen wird) und Lüge unterscheidet. Bei Personen mit KmP existiert dieses an der Realität orientierte Koordinatensystem nicht. Es ist ersetzt durch ein Koordinatensystem, das ausschließlich an Nützlichkeit orientiert ist. In diesem Sinne fühlt sich etwas als »wahr« an, wenn es nützlich ist – mit der gleichen subjektiv erlebten emotionalen Evidenz. »Das macht hemmungslose Lügner erfolgreich. Denn normale Menschen rechnen nicht damit, dass ein Mensch so hemmungslos lügen kann. Der hemmungslose Lügner profitiert von der weit verbreiteten Annahme, dass die Wahrheit doch wohl in der Mitte liegen müsse. Die Mitte ist für den hemmungslosen Lügner aber immer ein großer Gewinn zu seinen eigenen Gunsten.« [11, S. 102]

Man sollte nicht übersehen, dass die beschriebenen Verhaltensweisen in der Geschichte der Menschheit seit jeher kulturell fest verankert sind. Hier eine vorwiegend »biologische Fehlfunktion« oder gar »eine Erkrankung« erkennen zu wollen, greift zu kurz. Nicht nur am Beispiel Machiavellis wird deutlich, dass diese Verhaltensweisen »lange Zeit in der Gesellschaft zum Beispiel im Sinne ›der Zweck heiligt die Mittel‹ als Ideal galten«. [11, S. 99]

Man darf durchaus folgende Frage stellen: Sind weniger Emotionen, mehr Eigeninteresse, mehr Manipulation nicht Verhaltensideale, die neben der Sonntagsrhetorik in vielen Bereichen von Politik und Wirtschaft anzutreffen sind? [Zusammenfassung nach 11, S. 96–103]

3.2Instabiler Realitätsbezug

Die Definition des Instabilen Realitätsbezugs lautet: »Grundlage des Instabilen Realitätsbezugs ist die Entkopplung von subjektiven Wirklichkeitswahrnehmungen, realitätsbezogenen Kognitionen und realitätsbezogenen Emotionen. Das zentrale Merkmal des Instabilen Realitätsbezugs ist somit die fehlende Verbindung eigener Wirklichkeitskonstruktionen zu realitätsbezogenen Parametern. Frei erfundene Geschichten können so beliebig anstelle realer Geschehnisse oder ergänzend zur Realität eingesetzt werden, wenn dies einem inneren Bedürfnis entspricht (wahr ist, was sich gut anfühlt). Aufgrund der Entkopplung entsteht kein störender kognitiver oder emotionaler Widerspruch im eigenen Erleben. Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen sind daher frei kombinierbar.« [11, S. 258–259]

Weiter wird zu dieser Risikoeigenschaft Folgendes ausgeführt: »Jeder Mensch hat eine eigene Sicht der ›Wirklichkeit‹. Normalerweise gibt es aber eine Verbindung zwischen der subjektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit, Gedanken, die sich auf reale Umstände oder Beobachtungen beziehen, und damit verbundenen Gefühlen. Nehmen wir an, jemand sieht einen Hasen auf einer Wiese. Er wird diesen Hasen zwar in einer subjektiven Weise wahrnehmen. Aber meist wird sich diese Wahrnehmung in einem gewissen Spektrum bewegen, wie Hasen von den meisten Menschen wahrgenommen werden können. Zu dieser Wahrnehmung wird es realitätsbezogene Gedanken geben, die mit dem Hasen zu tun haben. Vielleicht erinnert sich die Person an andere Hasen aus der Vergangenheit, sie erkennt Details oder Verhaltensweisen des Hasen, zu denen sie sich Gedanken macht. Die Gedanken beziehen sich in einer gewissen Weise auf die wahrgenommene Realität. Schließlich stellen sich auch noch Emotionen ein, die ebenfalls in einem Realitätsbezug zu den Wahrnehmungen und auch zu den Gedanken stehen. Vielleicht ist die Person berührt oder sie fühlt Sympathie für den Hasen. In jedem Fall werden sich die Wahrnehmungen und die Gedanken ›stimmig anfühlen‹. Das heißt, Wahrnehmungen und Gedanken werden durch ein Gefühl emotionaler Stimmigkeit bzw. Evidenz begleitet.

Zusammenfassend sind damit die Wirklichkeitswahrnehmung, realitätsbezogene Kognitionen und Emotionen miteinander verbunden. Man kann sich das so vorstellen: Drei Bälle sind mit Gummibändern untereinander verbunden. Das lässt einen – subjektiven – Spielraum dafür offen, wie die drei Bälle im Raum angeordnet werden. Der Spielraum ist aber nicht unendlich, weil doch eine gewisse, wenn auch flexible, Verbindung besteht. Beim Instabilen Realitätsbezug fehlt diese basale Verbindung. Es gibt eine vollständige Entkopplung.

Der instabile Bezug zur Realität hat verschiedene Konsequenzen. Er führt zunächst dazu, dass die Grenze zwischen Realität und subjektiver Realitätskonstruktion nicht durch eine stabile, evident erlebte Emotion gesichert ist. Vielmehr erscheinen unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen damit beliebig und austauschbar. Sie fühlen sich alle gleichermaßen stimmig an. Das eröffnet die Möglichkeit, in beliebig vielen Situationen die Realität anzupassen, indem unzutreffende Behauptungen aufgestellt oder Geschichten erfunden werden.

Betroffene mit Instabilem Realitätsbezug können darum Geschichten und Begebenheiten beliebig einsetzen und umformen, ohne dass sie durch einen festen Bezug zur Realität hieran innerlich gehindert wären.« [11, S. 259]

3.3Basale Wahrnehmungsmuster

Basale Wahrnehmungsmuster sind eine eigene Gruppe von Risikoeigenschaften. Es handelt sich um stereotype und tief in die Persönlichkeit integrierte »Grundmuster der Wahrnehmung«, die wie folgt beschrieben werden: »Sie betreffen die Art oder die ›Färbung‹, in der Ereignisse, Begebenheiten, andere Menschen, also die gesamte Welt und ihre Erscheinungen wahrgenommen werden. Es geht also darum, wie eine Person die Außenwelt wahrnimmt und wie sie diese Außenwelt interpretiert.

Da es sich um grundlegende Muster der Wahrnehmung handelt, ist mit dem Wahrnehmungsmuster auch eine vorherrschende Grundbefindlichkeit verbunden. Das heißt, das Basale Wahrnehmungsmuster prägt auch die Art, wie ein Mensch die Außenwelt erlebt, und damit auch, in welcher Grundbefindlichkeit er sich in dieser Welt bewegt. Es liegt auf der Hand, dass die Basalen Wahrnehmungsmuster damit einen großen Einfluss auf das Verhalten einer Person haben. Besonders groß ist der Einfluss dabei auf die Art, wie eine Person sich in sozialen Kontexten verhält und Beziehungen gestaltet.

Mit Außenwelt ist die Welt gemeint, so wie sie durch eine Person wahrgenommen und erlebt wird, also all ihre Erscheinungsformen. Es geht also nicht darum, wie sich eine Person selber erlebt, wie sie innere Prozesse, Gedanken oder Befindlichkeiten wahrnimmt. Gemeint ist das vorrangige Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster, mit dem Informationen aus der Außenwelt gesehen, gedacht, gefühlt und in diesem Sinne wahrgenommen, bewertet und erlebt werden.« [11, S. 330]

FOTRES kennt achtzehn Basale Wahrnehmungsmuster, von denen nachfolgend zwei beispielhaft dargestellt werden (»versagend« und »provozierend«).

3.3.1Basales Wahrnehmungsmuster: Versagend

Das Basale Wahrnehmungsmuster »versagend« wird wie folgt definiert: »Basale Wahrnehmung der Welt als ein Ort, an dem Betroffene nicht das bekommen, was ihnen eigentlich zusteht. Betroffene fühlen sich benachteiligt. Frustration, Neid und Ärger sind oft typische Gefühle.«

Weiter wird zu dieser Eigenschaft Folgendes ausgeführt: »Betroffene nehmen die Welt als einen Ort wahr, der ihnen etwas vorenthält. Ihr Grundgefühl entspricht folgender Überzeugung: ›Ich bekomme nicht das, was mir zusteht, nicht das, was ich eigentlich verdienen würde.‹ Man kann auch vom Syndrom der ›zu kurz Gekommenen‹ sprechen. Überall entdecken sie eigene Benachteiligung und umgekehrt ungerechtfertigte Bevorzugung anderer Personen. Aus dieser subjektiv empfundenen, sich in vielen Situationen fortsetzenden Ungerechtigkeit sehen sie sich oft in einer moralisch legitimen Position, sich mit allen Mitteln für ihr Recht einzusetzen, das man ihnen vorenthält. Nach dem Motto, der gute Zweck heiligt die Mittel, gehen sie dabei selber rücksichts-, hemmungslos und penetrant vor.

Der versagende Aspekt kommt dadurch zum Ausdruck, dass häufig eigene Leistungen oder Verdienste angenommen werden, die nicht die ihnen vermeintlich zustehende Anerkennung erfahren. Die versagende Qualität bezieht sich daher oft auf besondere Leistungen in Schule, Beruf oder in der Familie oder auf besondere Eigenschaften wie eigene Schönheit, Intelligenz, Kreativität, Geradlinigkeit etc., die von der Umwelt nicht gesehen und fälschlicherweise nicht gewürdigt werden. Häufig finden sich hierfür generelle Erklärungen wie z. B. Mobbing, rassistische Vorurteile, Benachteiligung wegen geringer Körpergröße, Geschlechterdiskriminierung, Neid auf die eigenen überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Qualitäten. Frustration, Neid und Ärger sind bei den Betroffenen typische Gefühle.« [11, S. 335]

3.3.2Basales Wahrnehmungsmuster: Provozierend

Das Basale Wahrnehmungsmuster »provozierend« wird wie folgt definiert: »Basale Wahrnehmung der Welt als provozierender Ort, an dem man stets mit Provokationen, Zumutungen, Unverschämtheiten rechnen muss. Eine permanente wut- und/oder ärgergeprägte Reaktionsbereitschaft ist häufig.« [11, S. 354]

Weiter wird zu dieser Eigenschaft Folgendes ausgeführt: »Bei Betroffenen liegt eine ausgeprägte Disposition dafür vor, das Verhalten anderer Menschen subjektiv als Provokation, Unverschämtheit oder Zumutung wahrzunehmen.

In der subjektiven Sicht ist die Welt damit ein Ort, an dem man ständig mit Provokationen, Unverschämtheiten und Zumutungen rechnen muss. Betroffene sehen den Grund dafür nicht in einer eigenen, besonderen Empfindlichkeit, die einer verzerrten Wahrnehmung entspricht. Vielmehr verorten sie die Ursache des Problems ausschließlich in der Umwelt. Dort wimmelt es von Menschen, die selbstverständlich auf der Hand liegende Regeln missachten, einen für dumm verkaufen, über den Tisch ziehen wollen oder die sich anderweitig unverschämt und provozierend verhalten. Dieses grundlegende Wahrnehmungsmuster führt oft dazu, dass Betroffene heftige Gefühle aus dem Spektrum Wut, Ärger und Empörung verspüren. Einige Betroffene engagieren sich in sozialen Medien, als Leserbriefschreiber, Online-Kommentatoren oder auf eigenen Plattformen, um ihrer Wut und Empörung über die allerorts gegenwärtigen Missstände und Skandale Ausdruck zu verleihen.

Weil die Welt und die Menschen so sind, ist es für Betroffene auch nicht verwunderlich, dass sie häufig in Konflikte geraten. Einem idealisierten Selbstbild entspricht es oft, für Schwächere einzutreten, die Rolle des ›Fels in der Brandung‹ zu übernehmen oder über ein besonderes Gerechtigkeitsempfinden zu verfügen.« [11, S. 354–355]

4Vernunft und Evolution

Bereits am Anfang dieses Buches wurden die zentralen evolutionären Prägungen skizziert. Ich habe auf den Irrtum hingewiesen, dass der Zweck der Vernunft darin bestehe, die Wirklichkeit zutreffend zu erkennen. Wir haben in den Beispielen typischer psychologischer Verzerrungen eine Reihe konkreter Schwachstellen und Fehlerquellen der menschlichen Vernunft kennengelernt. Verschiedentlich erfolgte der Hinweis auf den evolutionären Sinn dieser Mechanismen (z. B. Halo-Effekt, Kap. 2.3). Aus einer aufklärerischen vernunftorientierten und humanistischen Perspektive sind diese Mechanismen ein Ärgernis und von hoher praktischer Relevanz. Um dieses Ärgernis noch besser zu verstehen, lohnt es sich, nun noch einmal genauer nach seinen Entstehungsbedingungen und seinem Sinn zu fragen. Denn es steht die Frage im Raum: Warum sind wir so und nicht anders konstruiert?

4.1Instinktverhalten: Stereotyp, aber oft effektiv

Vergegenwärtigen wir uns zunächst den Ausgangspunkt unserer Entwicklung. Ein Großteil der im Tierreich vorgenommenen Bewertungen und darauf gründenden Handlungen hat mit Instinktverhalten zu tun. Instinktverhalten bedeutet: Durch einen Schlüsselreiz wird ein weitgehend automatisiertes Verhalten ausgelöst. Schildkröten, die aus dem Ei schlüpfen, laufen umgehend in Richtung Meer. Katzen jagen einer Maus hinterher, wenn sie eine solche sehen. Einem Hund kann man bestimmte Verhaltensweisen durch Belohnung und Bestrafung antrainieren. Auch das vorwiegend durch Instinkte geprägte Verhalten von Tieren lässt eine gewisse Variabilität zu. So spielen zum Beispiel aktuelle Bedürfnisse, Hunger, Durst, die Nähe zu Artverwandten, bestimmte Stimmungen oder viele andere Aspekte eine Rolle dafür, wie ein konkretes Verhalten aussieht. Auch ist nicht jedes Tier gleich, sondern sein Verhalten unterscheidet sich im Vergleich zu Artgenossen aufgrund individueller Charaktereigenschaften. Jeder, der schon einmal mit Hunden oder Pferden zu tun hatte, weiß um diese Individualität eines spezifischen Charakters. Generell lässt sich aber sagen, dass ein wesentlicher Teil des Verhaltens von Tieren den stereotypen Mustern des Instinktverhaltens folgt.

Wenn wir uns im Wald einem Reh nähern, dann wird es in aller Regel davonlaufen. Das Verhalten entspricht einem Instinkt und wird stereotyp ausgelöst. Es müsste ein großer Aufwand betrieben werden, um dieses Instinktverhalten bei bestimmten Individuen – zum Beispiel durch gezieltes Verhaltenstraining – zu überlernen.

Die Ausgangslage ist: Mensch in Sicht, in Hör- oder Riechweite, das heißt: weglaufen. Das Reh prüft nicht, mit welcher Motivation sich der Mensch nähert oder ob er vielleicht sogar etwas Nützliches bewirken kann. Eine differenzierte Erfassung der Situation des sich nähernden Menschen entfällt. Vielleicht verpasst das Reh mit diesem stereotypen Verhalten manchmal auch eine Chance. Vielleicht war es ein Mensch, der Rehe mag, der wiedergekommen wäre und Futter gebracht hätte.

Dieses konstruierte Beispiel zeigt ein wichtiges Grundprinzip instinktorientierten, stereotypen Verhaltens. Ein Verhalten wird schnell – ohne zu überlegen – und mit einer klaren Richtung (weglaufen) ausgelöst. Das ist der Vorteil. Die Nachteile liegen in der Generalisierung und dem Automatismus. Könnten Situationen differenzierter bewertet werden, dann könnte dies Grundlage für eine Differenzierung im Handeln sein. Manchmal wäre vielleicht genau das gegenteilige Verhalten nützlich, weil mit der Begegnung eine Chance verbunden ist. Oft könnte aber auch einfach nur Energie gespart werden, weil die Situation eigentlich völlig ungefährlich ist.

Es ist klar, warum sich die Evolution hier nicht auf Experimente einlässt, sondern stereotype und automatisierte Beurteilungen und Handlungen bevorzugt. Der Preis für eine Fehlbeurteilung wäre zu hoch. Zudem können stereotype und automatisierte Handlungen gewisse Effizienzvorteile haben. Es wird keine Energie in aufwendige Analysen investiert, für die das Gehirn hart arbeiten müsste: ein entscheidender Punkt, wenn zum Beispiel Wasser oder Nahrung begrenzt sind. Die Begrenztheit von Ressourcen ist ohnehin ein wichtiger Grund für Generalisierung und Automatisierung. Dort, wo Nahrung knapp ist, ist es sinnvoll, sofort loszulaufen und jede Beute zu nehmen, die man kriegen kann – oder ohne Verzögerung wegzulaufen, wenn man selbst eine Beute sein könnte. So ist es auch bei unserem Urzeitmenschen, der in paranoider Stereotypie hinter jedem Rascheln einen Löwen vermutet. Er liegt sehr oft falsch. Aber er hat aus evolutionärer Sicht deutliche Überlebensvorteile.

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass Entscheidungs- und Verhaltensstereotypien aus evolutionärer Sicht ein unglaubliches Erfolgsmodell sind. Das gilt in besonderer Weise, wenn sie in Zusammenhang mit körperlichen Anpassungen stehen, die sich durch die Evolution entwickelt haben. Häufig sind sie von großer Effizienz und stellen eine perfekte Adaption an die vorherrschenden Lebensbedingungen dar. Die in der trockenen Namibwüste lebenden Schwimmfußgeckos laufen Sanddünen hinauf, damit dort an ihrem Körper Tautropfen des Küstennebels anhaften, die sie dann zur Wasseraufnahme z. B. von den Augen ablecken. Unzählige beeindruckende Beispiele perfekter Anpassung könnten hier aufgezählt werden.

Der Nachteil stereotyper Muster zeigt sich aber nicht zuletzt im Aussterben vieler Tierarten, die sich nicht schnell genug an veränderte Lebensbedingungen anpassen konnten. Zugegeben fehlt einem angesichts komplett zerstörter Lebensräume bisweilen die Fantasie, wie eine Anpassung heute überhaupt noch aussehen könnte. Aber diese Seite der Evolution macht klar, dass manchmal eine Differenzierung der Entscheidung und des Verhaltens sehr vorteilhaft sein könnte. Schafe sind für Wölfe eine attraktive Beute. Ihr Instinkt leitet die Wölfe, wenn sie ein Schaf aus einer Schafherde reißen. Genau dieses Verhalten bedroht aber das Überleben des Wolfes selber, wenn er wegen dieses – für ihn völlig natürlichen – Verhaltens gejagt wird.

Die Evolution hat dem Umstand durchaus Rechnung getragen, dass rasche Variation und Differenzierung der Entscheidungs- und Verhaltensmuster Vorteile haben kann. So nimmt der stereotype Teil von Instinkthandlungen bei höher entwickelten Tierarten (z. B. Affen) tendenziell gegenüber einem Zuwachs an Variationsmöglichkeiten und Individualität ab. Der menschliche Verstand stellt in dieser Entwicklung zweifellos einen Quantensprung dar. Falsch ist aber die Annahme, dass der Mensch das einzige Lebewesen sei, das denken könne und ein Bewusstsein seiner selbst habe. Diese lange Zeit vorherrschende Einschätzung ist Ausdruck einer Selbstüberschätzung des Homo sapiens, die in den letzten Jahren immer weiter entkräftet wurde. Denn viele Tiere sind zu erstaunlichen Intelligenzleistungen in der Lage. Das Spektrum reicht von Primaten bis hin zu Rabenvögeln und Papageien. Sie lösen eigenständig Probleme, können planen, können soziale Beziehungen einschätzen und erinnern, haben ein Bewusstsein, verwenden Werkzeuge, die sie teilweise sogar über Generationen weiterentwickeln (z. B. neukaledonische Krähe), und haben viele andere Fähigkeiten, die man lange nur dem Menschen zuordnete. Intelligenz ist also keineswegs eine Erfindung der Evolution, die erst mit der Menschheitsentwicklung begann. Die Evolution hat bei sehr vielen Lebensformen ein Mischungsverhältnis zwischen stereotypen Instinkthandlungen und eigenständigem, flexiblem Denken entwickelt. Beim Menschen hat die Evolution zwar den Verstand stark ausgebaut. Aber auch bei ihm bleibt es eine Mischung aus beiden Elementen.

4.2Investition in Vernunft: Ein evolutionäres Projekt mit Chancen und Risiken

Dass die Evolution in einen leistungsfähigeren Verstand und in ein ausgeprägtes Bewusstsein investiert hat, war ein gewagtes Unterfangen mit Risiken. Denn einerseits steigt der Energiebedarf und andererseits erhöhen sich die Fehlermöglichkeiten. Durch die Möglichkeit zur Variation und zur Abweichung von stereotypen Beurteilungen und Handlungsmustern wurden zwar neue Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen. Gleichzeitig entstanden aber auch viele neue Möglichkeiten für fatale Fehlbeurteilungen und falsche Handlungen. Das haben wir bei unseren beiden Urmenschen gesehen. Es kommt hinzu, dass ein ausgeprägtes Bewusstsein und ein differenzierteres Gefühlsspektrum Quelle vieler weiterer evolutionärer Nachteile sein können. Was, wenn der Mensch mit seinem Bewusstsein die Gefahr des Todes stärker empfindet und deswegen zu übertriebener Passivität neigt? Was, wenn der ausgestaltete Verstand zu mehr offenen Fragen, Verunsicherung, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit führt?

Jedenfalls gilt, dass die Investitionen in Vernunft und eine stärkere Variabilität von Urteilen und Handlungen nicht nur mit Chancen – z. B. für Anpassungsfähigkeit, Kooperation, Entwicklung von Werkzeugen etc. – verbunden sind. Sie gehen auch mit Risiken evolutionärer Nachteile einher. Die sind deswegen kritisch, weil der Mensch besonders darauf angewiesen ist, seinen durch das Gehirn gesteigerten Energiebedarf dauerhaft decken zu können. Nun, wir wissen, dass die Geschichte vorderhand gut ausgegangen ist. Bislang ist der Mensch evolutionär sehr erfolgreich. Er hat sich eine Position erarbeitet, durch die er keine natürlichen Feinde in Gestalt anderer Reproduktions- oder Nahrungskonkurrenten mehr hat. Oder sagen wir es anders. Er hat die Mittel, all diese natürlichen Konkurrenten zu vernichten. Es ist übrigens bei dieser Ausgangslage auch klar, dass der einzige existenzgefährdende Konkurrent des Menschen ein anderer Mensch ist. Wir werden auf diesen Punkt später zurückkommen.

An dieser Stelle geht es vor allem darum zu zeigen, dass die Evolution am Anfang der beschriebenen Entwicklung gut beraten war, ihr seit Jahrmillionen verwendetes Erfolgsprinzip nicht gänzlich über Bord zu werfen. Im Gegenteil wurde viel von dem bewährten Prinzip in die neue Konstruktion eingebaut. Wahrnehmungen und Beurteilungen sind kein Selbstzweck. Sie sind die Grundlage für darauf aufbauende Handlungen. Das ist ihre Funktion und deswegen lautet das zentrale Prinzip: besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig.

Absoluten Vorrang hat die Verhinderung fataler Konsequenzen (Tod) und damit Sensitivität vor Spezifität. Sensitivität bedeutet in diesem Zusammenhang, dass möglichst alle lebensbedrohlichen Situationen erkannt werden, auch wenn das bedeutet, dass viele Situationen fälschlicherweise als lebensbedrohlich eingeschätzt werden (Verlust von Spezifität). Deswegen sind die Geschwindigkeit der Beurteilung und ihre Eindeutigkeit als Grundlage für eine Handlung entscheidend. Die Weiterentwicklung des Verstandes steht im Dienst dieser klassischen evolutionären Ausrichtung. Keine Rede also davon, dass die Vernunft dazu da ist, die Phänomene der Welt möglichst genau und richtig zu erkennen, sie durchschauen und erklären zu können. Vielmehr gilt das erwähnte zentrale Prinzip, dass sich in der Evolution seit Jahrmillionen bewährt hat: besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig. Um schnell und/oder eindeutig zu entscheiden und zu handeln, sind die Reduktion von Komplexität, Generalisierung und Automatisierung sehr nützliche Mechanismen. Wir haben genau diese Elemente in Form psychologischer Urteilsfehler kennengelernt.

So wird uns der Mechanismus der Automatisierung zum Beispiel beim Priming deutlich vor Augen geführt. Beim Priming speist unser intuitives System zuvor unbewusst aufgenommene Informationen – ungefragt – in unsere bewussten Beurteilungsprozesse ein oder lässt sie direkt ohne Umwege ins Verhalten einfließen.

Aus Sicht der Evolution kann man sich einen Reim darauf machen, warum diese Automatisierung einmal sinnvoll gewesen sein könnte. Beim Priming wird eine Information aus der Außenwelt (z. B. in den vorangehend dargestellten Experimenten irgendeine Zahl, das Thema »Geld«, das Thema »Altwerden«) in einen zeitlich darauffolgenden Entscheidungsprozess eingebunden. Ähnlich wie beim Halo-Effekt findet auch hier ein Prozess der Angleichung statt. Unser Wahrnehmungssystem geht davon aus, dass zeitlich eng aufeinanderfolgende Dinge etwas miteinander zu tun haben, statt völlig unabhängig voneinander zu sein. In der Tat dürfte es bei einem eher homogenen Lebensraum, zum Beispiel beim Leben in der Savanne oder in einem Wald, eher so sein, dass Dinge, die in naher zeitlicher Abfolge stattfinden, etwas miteinander zu tun haben bzw. in die gleiche Richtung weisen. Dass nicht alle Details im Bewusstsein registriert und aufgenommen werden, ist eine Frage der Ökonomie. Die meisten Wahrnehmungen werden ständig weggefiltert, um die Möglichkeiten unserer Informationsverarbeitung nicht zu überfordern.

Nun dürfte es aus Sicht der Evolution eine Frage gewesen sein, ob die unterhalb der Bewusstseinsschwelle registrierten Informationen komplett verloren gehen oder auf einem subtilen Weg nicht doch – stereotyp, automatisiert und auf gut Glück – wieder in Beurteilungsprozesse und Verhaltensweisen einfließen sollen. Man kann sich gute Gründe dafür vorstellen, warum die Evolution das so eingerichtet hat – und zwar vor allem dann, wenn die Information in enger zeitlicher Nähe zu einer Beurteilung oder einem Verhalten steht. Auch hier wird es durch diesen Mechanismus oft zu verzerrten oder falschen Beurteilungen und unsinnigen Verhaltensweisen kommen. Aber darauf kommt es gar nicht an. Denn es geht nur darum, in einigen wenigen Fällen fatale Konsequenzen zu verhindern, weil eine entscheidende Information verpasst wurde.

Die Mechanismen der Reduktion von Komplexität und der Generalisierung lassen sich in nahezu allen psychologischen Urteilsfehlern nachweisen. So führt zum Beispiel der Halo-Effekt gleichermaßen zur Generalisierung (einer Beurteilung) und zur Reduzierung von Komplexität (Vermeidung von Heterogenität). Der Rückschaufehler entspricht der Reduzierung von Komplexität.

Alle diese Mechanismen haben auf subjektiver Ebene eine Fülle positiver Wirkungen. Sie vermitteln das Gefühl, die Welt zu verstehen und dadurch Kontrolle über die Umwelt zu haben. Es findet damit eine Immunisierung gegenüber den Gefahren statt, die mit der Weiterentwicklung des Verstandes und des Bewusstsein verbunden sind. Der stark weiterentwickelte Verstand soll nicht zu Verunsicherung, Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit führen. Im Gegenteil ist etwas Selbstüberschätzung sogar vorteilhaft. Deswegen macht es aus Sicht der Evolution Sinn, die starke Ausweitung des Verstandes mit einer Vielzahl von Stoßdämpfern zu versehen, um die damit verbundenen Risiken zu reduzieren. Der Preis sind Mechanismen, die zu verzerrten und falschen Beurteilungen und entsprechenden Handlungen führen – all das aber mit einem subjektiv guten Gefühl. Denken wir daran, von welchem der beiden Urmenschen wir abstammen. Nicht von dem Neugierigen, der die Welt differenziert erforschen und erkennen wollte.

Aus einer aufklärerischen Perspektive sind die Mechanismen, die er uns vererbt hat, problematisch. Man kann auch fragen, ob sie im 21. Jahrhundert noch die Berechtigung haben, die sie vielleicht vor 50 000 Jahren hatten. In jedem Fall ist es aber sinnvoll, sich mit diesen Mechanismen und ihren Auswirkungen auseinanderzusetzen. Denn ohnehin sind sie nicht zu eliminieren. Aber sowohl individuell als auch gesellschaftlich kann es gelingen, negative Folgen zu begrenzen. Aus einer aufklärerischen Haltung heraus ist zu sagen: Das muss gelingen. Aber selbstverständlich ist das keineswegs. Gerade in den westlich orientierten Demokratien, die sich eigentlich den Grundgedanken der Aufklärung verbunden fühlen, zeigen sich in Politik, Medien, Ökonomie und Wissenschaft genau gegenteilige Tendenzen. Die evolutionär mit einer anderen Zielsetzung geschaffenen Fehlerquellen werden genutzt, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, um Produkte zu verkaufen oder um Politik zu machen (vgl. Kap. 15).

4.3Kooperation versus egoistische Abgrenzung

Man kann die evolutionäre Ausgangssituation auch noch unter einem anderen Blickwinkel betrachten. Ein großes Potenzial der Vernunft für die menschliche Entwicklung erschließt sich durch Kooperation. Wie schon die Affen ist auch der Mensch stark auf das soziale Miteinander in einer Gruppe orientiert. Die Vernunft erlaubt es dem Menschen, soziale Funktionsräume zu erschaffen, die das Leistungsvermögen und die Fortentwicklungsmöglichkeiten des Einzelnen bei Weitem übertreffen. Diese Möglichkeiten wurden durch die Entwicklung der menschlichen Vernunft in nie zuvor erreichte Dimensionen gesteigert. Aber genau hierin liegt aus evolutionärer Sicht auch eine Ambivalenz.

Sie beginnt mit der Weiterentwicklung des Bewusstseins. Sich seiner selbst bewusst zu sein und sich als Individuum zu verstehen, ist ein Erleben, das durch Abgrenzung von der Umwelt und anderen Lebewesen konstituiert wird. Ein darauf aufbauender Selbstbehauptungstrieb muss sich in der subjektiven Wahrnehmung zunächst auf sich selbst fokussieren. Es kommt hinzu, dass andere Menschen nicht nur potenzielle Kooperationspartner sind. Gerade weil der Mensch keine anderen natürlichen Feinde hat, ist ein anderer Mensch die einzig relevante Gefahrenquelle durch ein anderes Lebewesen. Ein anderer Mensch positioniert sich somit theoretisch im Spannungsfeld zwischen potenziellem Verbündeten und existenzgefährdendem Feind.

Diese Grundproblematik hat die Natur auch schon vor der Existenz des Menschen bei vielen Spezies gelöst. Wir kennen das Prinzip des Rudels, der Herde, des Schwarms, der Paarbeziehung oder der Gruppe (zum Beispiel bei Affen). Das Prinzip ist immer das gleiche. Es gibt eine soziale Ordnung innerhalb der Gruppe. Das heißt, es gibt Regeln, nach denen sich das Verhalten des Einzelnen ausrichtet. Diese Regeln gewährleisten die Funktionsfähigkeit der gesamten Gruppe. Wie erwähnt lässt sich die menschliche Entwicklung so charakterisieren, dass sie sich weg von stereotypen Instinkthandlungen hin zu mehr Variabilität und mehr Entscheidungsspielraum des Einzelnen bewegt hat. Die meisten von uns kennen das Gefühl, anderen Menschen durch partnerschaftliche, freundschaftliche, familiäre Bande oder auch nur durch Sympathie verbunden zu sein. Das sind Ausdrucksformen unseres Potenzials, uns in Gemeinschaft mit anderen Menschen wohl zu fühlen und Teil eines sozialen Gebildes zu werden, das auf Kooperation ausgerichtet ist. Diese Fähigkeit zu kooperativem Empfinden steht allerdings in einem Spannungsverhältnis zum egozentrisch auf die eigene Selbstbehauptung ausgerichteten Selbstbewusstsein. Das lässt sich an zahlreichen Beispielen demonstrieren. Selbst tiefe Liebesbeziehungen oder starke familiäre Bande verhindern nicht, dass es immer wieder Phasen individuellen Unbehagens oder wüster Konfrontationen gibt. Die Spitze des Eisbergs dieses Phänomens ist der Umstand, dass es sich bei vielen Tötungsdelikten um Beziehungsdelikte handelt.

Nietzsche nennt diese menschliche Bestrebung den Willen zur Macht, der auf dem biologischen Prinzip der Selbstbehauptung aufgebaut ist (vgl. Kap. 9.4). »Selbstbehauptung« klingt nach einer einsamen Sache, bei der sich der Einzelne gegen alle Widrigkeiten und konkurrierende Mitmenschen durchs Leben schlägt. Aber der Wille zur Macht bzw. die Ausübung von Macht kommt oft gerade nicht alleine, sondern durch die Führung oder die Beeinflussung einer Gruppe zum Ausdruck. Sie hat dann die Form einer sozialen Interaktion, denn die Beziehungen zu anderen Menschen müssen keineswegs zwangsläufig Ausdruck unseres Kooperationspotenzials sein. Das Kooperationspotenzial ist immer dadurch gekennzeichnet, eigene Bedürfnisse und Ansprüche zumindest teilweise gegenüber legitimen Bedürfnissen und Ansprüchen anderer Menschen/Lebewesen zu relativieren. Häufig gibt es dafür emotionale Korrelate, indem wir ein positives Gefühl der Bindung zu anderen Menschen oder einer Gruppe empfinden (z. B. Liebe, Freundschaft, Sympathie). Auch die Vernunft kann ein tragfähiger Boden für Kooperation sein. Dies, indem ein Individuum erkennt, dass Kooperation für alle Beteiligten nützlich ist und das eigene Verhalten deshalb kooperativ ausrichtet. Aus dem Gesagten wird deutlich, dass die Instrumentalisierung von Beziehungen, Manipulation oder ein vor allem auf Kontrolle anderer Personen oder Gruppen ausgerichtetes Handeln, keine Verhaltensweisen sind, die unserem Kooperationspotenzial entsprechen. Es handelt sich vielmehr um Formen von Machtausübung im Kontakt mit anderen Menschen. Deren Quelle ist nicht das menschliche Kooperationspotenzial, sondern der entgegengesetzte Pol: die egoistische Selbstbehauptung.

Das Kooperationspotenzial der menschlichen Natur basiert vor allem auf der Bindungsfähigkeit gegenüber anderen Menschen. Die bereits erwähnten emotionalen Korrelate der Bindung sind zum Beispiel als Liebe, Freundschaft, Verbundenheit, Zuneigung oder Sympathie spürbar. Genau genommen ist Bindungsfähigkeit eine universelle menschliche Disposition und keineswegs nur auf andere Menschen begrenzt. Sie kann mit den gleichen emotionalen Korrelaten gegenüber anderen Lebewesen (Tieren oder Pflanzen) oder auch unbelebten Dingen zum Ausdruck kommen. Dass das Ziel der Bindungsfähigkeit variabel ist, zeigt sich an der Beziehung, die manche Menschen zum Beispiel zu ihrem Auto oder zu virtuellen Figuren entwickeln können. Die beginnende Verbreitung von menschlich wirkenden Puppen als Ersatz für menschliche Partner zeigt, dass Bindungsfähigkeit eine menschliche Grunddisposition ist, die sich sehr flexibel auf verschiedene Objekte ausrichten kann. Die Bindungsfähigkeit ist im Übrigen wieder ein Element, das sich in der Natur bereits bei vielen Lebewesen zeigte. Wer je einen anhänglichen Hund hatte, hat einen eigenen Eindruck von der Bindungsfähigkeit von Tieren. Allerdings sind die Flexibilität und das Differenzierungsspektrum menschlicher Bindungsfähigkeit Grundlage einer sozialen Interaktionsfähigkeit, die weit über die Möglichkeiten hinausgeht, die durch die Evolution vor der Entwicklung des Menschen geschaffen wurden.

Ein zweites emotionales Korrelat unseres Kooperationspotenzials ist die Fähigkeit, Gefühle und Perspektiven anderer Lebewesen zu erkennen und nachzufühlen. Diese Fähigkeit wird gemeinhin als Empathie bezeichnet. Wenngleich dieser Begriff einige Unschärfen enthält, trifft das allgemeine Verständnis doch ganz gut den Kern, um den es geht. Es ist uns möglich, eine – auch emotional angereicherte – Vorstellung davon zu entwickeln, wie sich ein anderes Lebewesen fühlt und/oder wie die Welt aus dessen Perspektive aussieht. Es gibt Menschen, denen das besser gelingt als anderen. Aber auch bei den Menschen, die grundsätzlich fähig sind, Empathie zu empfinden, ist es von der jeweiligen Situation abhängig, ob diese Fähigkeit aktiviert wird oder nicht. Wie bei der Bindungsfähigkeit haben Menschen eine hohe Flexibilität dahingehend, in welchen Situationen Empathie aktiviert wird und in welchen nicht (siehe auch Verhältnis Mensch – Tier, Kap. 4.6). Generell ist die Wahrscheinlichkeit, Empathie zu empfinden, dann erhöht, wenn gleichzeitig eine Bindung zur anderen Person/zum anderen Lebewesen besteht.

Es ist das Wesensmerkmal einer Bindung, dass sich die Grenzen der eigenen Identität – zumindest ein wenig oder kurzzeitig – lockern. Wenn man sich einer anderen Person nah fühlt, dann nimmt man sich selbst – auch – als Teil einer Gemeinsamkeit wahr, die in einem Gefühl der Verbundenheit spürbar wird. Man kann dieses Phänomen sehr gut beobachten, wenn Menschen sich einer Gruppe gegenüber verbunden fühlen und dann in dieser Gruppe aufgehen. Das kann sehr schnell passieren. Manchmal reicht es, Zuhörer einer emotionalen Massenveranstaltung zu sein, um sich als Teil einer gefühlten Gruppenidentität wahrzunehmen (vgl. Kap. 15.6). Manchmal reicht es, nach einigen Gläsern Bier mit Bekannten durch die Straßen zu ziehen.

Das Prinzip der egoistischen Selbstbehauptung ist das dem Kooperationspotenzial entgegengesetzte Prinzip. Egoistische Selbstbehauptung ist vor allem durch die starke Fokussierung auf die eigenen Interessen gekennzeichnet. Evolutionär sind Überleben und Fortpflanzung die entscheidenden Interessen. Es liegt im Wesen der puren egoistischen Selbstbehauptung, dass andere Menschen in diesem Modus als potenzielle Konkurrenten, als Feinde oder als nützliche Ressource wahrgenommen werden, die eigene Macht zu festigen oder zu erweitern. Darum sind Beziehungen zu anderen Menschen in diesem Modus eher auf Kontrolle und Beherrschen ausgerichtet.

Nietzsche hat dem biologischen Prinzip der unbedingten Selbstbehauptung zu Recht eine Qualität des immerwährenden Fortschreitens, des Immer-weiter und Immer-besser zugeordnet. Egoistische Selbstbehauptung als Wille zur Macht ist eine Kraft, die keine Ruhe kennt. Sie ist – auch im positiven Sinne – durch ein Element der Unersättlichkeit gekennzeichnet. Die Dynamik des grenzenlosen Fortschreitens kann positiv wirken, wenn sie in einer zivilisierten Ausdrucksform wertvolle Leistungen ermöglicht. Zu denken ist z. B. an die Triebkraft, die Entdeckungen, Erfindungen, Kunstwerke oder ein geniales Handwerksstück hervorzubringen vermag. Aber mit dem Prinzip der egoistischen Selbstbehauptung ist auch großes Potenzial für Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung verbunden. Denn rücksichtsloser Egoismus und Unersättlichkeit sind Kernmerkmale dieses Prinzips. Im Fiktionalen verkörpern die Gegenspieler von James Bond Personen mit einem ungebremsten Willen zur Macht. Stets verfolgen sie das Ziel, zum Herrscher der Welt zu werden. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Zu Ende gedacht, liegt das in der Logik des – nicht durch die Realität begrenzten – Prinzips egoistischer Selbstbehauptung. Aber es braucht keine Kunstfigur, um diese Prinzip zu veranschaulichen. Geschichte und Gegenwart sind voll von Personen, deren rücksichtsloser Egoismus und deren Unersättlichkeit zu unermesslichem Leid geführt haben.

Man kann also zusammenfassend sagen, dass unsere Wahrnehmungsund Erkenntnisfähigkeiten zwischen zwei zentralen evolutionären Prinzipien der menschlichen Natur positioniert sind. Diese sind das emotional durch Bindungsfähigkeit und die Fähigkeit zum Nachfühlen vermittelte Kooperationspotenzial auf der einen und das – potenziell grenzenlos fortschreitende – Prinzip egoistischer Selbstbehauptung auf der anderen Seite.

4.4Individuelle Zuspitzungen der basalen Evolutionsprinzipien der menschlichen Natur

Generell sind in jedem Menschen beide Prinzipien angelegt. Aber individuell gibt es große Unterschiede. So verkörpert das oben beschriebene Persönlichkeitsprofil der Kaltblütig manipulativen Persönlichkeit (KmP) eine individuell extreme Ausprägung beider Prinzipien: eine sehr geringe Ausprägung des Kooperationspotenzials auf der einen und eine extrem starke Ausprägung der egoistischen Selbstbehauptung auf der anderen Seite. Es ist klar, dass die individuelle Akzentuierung der egoistischen Selbstbehauptung häufig mit negativen Folgen für andere Menschen verbunden ist.

Es gibt auch das genaue Gegenteil. Das sind Menschen, die in übertriebener Weise an das Gute aller anderen Menschen glauben. Dadurch verkennen sie Risiken und neigen auf unkritische Weise zu einer naiven Gutmütigkeit. Besonders deutlich wird eine individuelle Übersteigerung des Kooperationspotenzials der menschlichen Natur auf Kosten der egoistischen Selbstbehauptung bei Personen mit einer Dependenzproblematik. Sie haben die Tendenz, ganz und gar in der sozialen Beziehung aufzugehen und die eigene Identität übertrieben stark zu relativieren. Darum besteht bei ihnen die Gefahr, dass sie anderen Menschen zu viel Macht über die eigene Person geben.

Dazu habe ich an anderer Stelle ausgeführt: »Von anderen Menschen abhängig zu sein und sich ihnen unterzuordnen, kann ein angemessenes Verhalten sein. So ist Abhängigkeit in der kindlichen Entwicklung normal. Neben einer bestimmten Lebensphase kommen Abhängigkeiten und Unterordnung auch kontextbezogen vor. Im Militär, als Patient im Krankenhaus oder als Mitglied eines Arbeitsteams können mehr oder weniger stark ausgeprägte Aspekte von Abhängigkeit und Unterordnung ein adäquates Verhalten sein. Demgegenüber gibt es aber Situationen, in denen die Unterordnung eigener Interessen und Bedürfnisse unter diejenigen einer anderen Person […] ein auffälliges Verhalten sein kann. Die Unangemessenheit eines unterordnenden und abhängigen Verhaltens stellt somit ein wichtiges Kriterium der Dependenzproblematik dar.«

Für die Diagnose einer dependenten Persönlichkeitsstörung gibt es folgende Kriterien:

1.»Bei den meisten Lebensentscheidungen wird an die Hilfe anderer appelliert oder die Entscheidung wird anderen überlassen.

2.Unterordnung eigener Bedürfnisse unter die anderer Personen, zu denen eine Abhängigkeit besteht, und unverhältnismäßige Nachgiebigkeit gegenüber den Wünschen anderer.

3.Mangelnde Bereitschaft zur Äußerung angemessener Ansprüche gegenüber Personen, zu denen eine Abhängigkeit besteht.

4.Unbehagliches Gefühl beim Alleinsein aus übertriebener Angst, nicht für sich allein sorgen zu können.

5.Häufige Angst, von einer Person verlassen zu werden, zu der eine enge Beziehung besteht, und auf sich selbst angewiesen zu sein.

6.Eingeschränkte Fähigkeit, Alltagsentscheidungen zu treffen ohne ein hohes Maß an Ratschlägen und Bestätigungen von anderen.

7.Zusätzlich können sich die Betreffenden selbst hilflos, inkompetent und nicht leistungsfähig fühlen (Weltgesundheitsorganisation 1999).« [13] zitiert nach [11, S. 236–237]

Die Zuspitzungen der beiden zentralen evolutionären Prinzipien der menschlichen Natur in Form individuell problematischer Persönlichkeitsprofile verdeutlichen, welches die positiven Aspekte des jeweils entgegengesetzten Pols sind. Durch eine individuell überdurchschnittliche Ausprägung der egoistischen Selbstbehauptung werden die Umwelt und vor allem andere Menschen geschädigt. Durch eine individuell überdurchschnittliche Ausprägung des Kooperationspotenzials erfährt vor allem die betroffene Person selbst Nachteile.

4.5Abgrenzung schafft Identität

Es wurde darauf hingewiesen, dass die Aktivierung des menschlichen Kooperationspotenzials häufig mit emotionalen Korrelaten einhergeht und dass dieser Prozess sehr rasch ausgelöst werden kann. Viele kennen das aus eigener Erfahrung. Wer schon einmal in einer Gruppe von Fußballfans marschiert ist, im Karneval oder bei Konzerten in emotional gelockerter Stimmung wildfremde Menschen umarmt hat, der bekommt ein Gefühl dafür, wie schnell sich dieser Schalter bei uns umlegen lässt. Ein anderes Beispiel sind politische Massenveranstaltungen – sei es bei den Nationalsozialisten oder aktuell in der Türkei, wenn dem »Messias« gehuldigt wird. Menschen haben in diesen Situationen die Tendenz, in der Masse aufzugehen und die Grenzen der eigenen Individualität zu lockern. Das kann in vielen unterschiedlichen Situationen geschehen und ist von einem Moment auf den anderen sogar mit wildfremden Menschen möglich. Dies und dass das Aufgehen in einer Gruppe von einem starken positiven Gefühl getragen wird, sind deutliche Indizien dafür, dass wir es hier mit einem Programm zu tun haben, das die Evolution in der menschlichen Natur angelegt und tief verankert hat.

Wenn Menschen eine Gruppenidentität annehmen und dabei ihre individuelle Identität relativieren, geschieht das durch eine starke Aktivierung des Kooperationspotenzials. Diese Aktivierung bleibt aber auf die jeweilige Gruppe beschränkt. So leben zum Beispiel politische oder religiöse Gruppen, Hooligans und andere Gangs davon, Gruppenidentitäten dadurch zu festigen, dass sie sich scharf von anderen Gruppen abgrenzen. Abgrenzung ist ein Element, das eng mit dem Identitätserleben am Pol egoistischer Selbstbehauptung verbunden ist: Hier bin ich und behaupte mich gegen den Rest der Welt!

Abgrenzung ist generell ein Mechanismus, um Identitäten zu schaffen oder Identitäten zu schärfen. Es ist nicht der einzige Mechanismus, aus dem sich Identitätserleben speist, aber es ist ein sehr mächtiger, archaischer, allgegenwärtiger und oft auch gefährlicher Mechanismus. Um die zentrale Bedeutung dieses Mechanismus zu verdeutlichen, könnten wir eine Ursprungsgeschichte erzählen, in der die Schaffung von Identität durch Abgrenzung zum zentralen Prinzip erklärt wird:

Nur durch Abgrenzung wird Identität geschaffen. Bereits der Beginn des Universums verdeutlicht dieses Prinzip. Denn am Anfang war das Nichts. Im Nichts gibt es keine Materie, kein Lebewesen, keinen Planeten, kein Atom, keine Zeit, keinen Raum … nichts, ganz und gar nichts. Vergegenwärtigt man sich diesen Zustand, dann ist die erste Materie, die das Nichts zerstört, nichts anderes als eine Abgrenzung vom Nichts. Die erste Materie ist eine Nicht-Nichts-Insel in einem Meer des Nichts. Die gesamte Weiterentwicklung kann man nun als eine Fortsetzung des Abgrenzungsprinzips verstehen. So ist das erste Atom eine Abgrenzung von diffuser Materie: eine Insel atomarer Materie in einer diffusen Materiesuppe. Der erste Planet ist eine Abgrenzung von atomaren Gaswolken (eine erste Planeteninsel im unendlichen Gasnebel). Das erste Sonnensystem ist eine Abgrenzung von einzelgängerischen Planeten (eine erste Sonnensysteminsel im Chaos umherfliegender Planeten) usw.

Machen wir einen großen Sprung hin zur Entstehung des Lebens. Wieder begegnet uns Abgrenzung als zentrales Prinzip. Der Beginn des Lebens besteht darin, dass sich DNA-Bruchstücke von einer molekularen Ursuppe abgrenzen. Nach diesem Startschuss geht ein nicht enden wollender Kampf los: jeder gegen jeden. Bakterien, Viren, Fische, Schlangen, Ameisen, Löwen, Tiger, Affen … Nein, es geht nicht um Kooperation, nicht um friedliche Koexistenz. Die Devise ist vielmehr: Abgrenzung, fressen und gefressen werden.

Auch in unserer eigenen Entwicklung ist dieses Prinzip feststellbar. Der Säugling erlebt sich noch zunächst als von seiner Umgebung unabgegrenzt. Seine Identitätsentwicklung besteht darin, dass er die Fähigkeit entwickelt, zwischen Ich und Nicht-Ich zu unterscheiden.

Generell wissen wir aus der Wahrnehmungstheorie, dass Identität erst durch Verschiedenheit und durch Abgrenzung erkennbar wird. Eine weiße Schrift ist in einer weißen Umgebung nicht wahrnehmbar. Umso klarer sehen wir die weiße Schrift aber vor einem schwarzen Hintergrund. Abgrenzung begegnet uns überall und schafft permanent und flexibel auf unterschiedlichsten Ebenen Identität. Das persönliche Identitätserleben besteht darin, sich selbst als gegenüber allen anderen Menschen anders und abgegrenzt zu erleben (ich versus alle anderen Menschen).

Dekliniert man dieses Prinzip weiter, dann entsteht eine Familienidentität dadurch, dass sich Familienmitglieder als gegenüber Nicht-Familienmitgliedern abgegrenzt erleben (Familie versus Nicht-Familienmitglieder). Manchmal erleben sich die Bewohner eines Stadtviertels (Quartiers) als eine Gemeinschaft. Hier grenzen sich die Bewohner des eigenen Viertels gegenüber den Bewohnern anderer Viertel ab (Quartierbewohner versus Nicht-Quartierbewohner). Ein gängiges Phänomen ist es, dass sich vor allem Nachbarstädte gegeneinander abgrenzen. Diese Abgrenzung besteht häufig in einer zugespitzten Rivalität und wird auf verschiedenen Ebenen geradezu zelebriert (eigene Stadt versus fremde Stadt).

Familienmitglieder, Quartierbewohner und unzählige Bewohner aller möglichen Städte werden aber dann rasch unter einer anderen Perspektive zu einer homogenen Identität, wenn Inländer gegenüber Ausländern abgegrenzt werden. Hier entsteht eine Identität und Verbundenheit mit den Bewohnern des eigenen Landes gegenüber den Bewohnern aller anderen Länder (Inländer versus Ausländer). Die Konkurrenz, die vielleicht gerade noch bei einem Fußballspiel zwischen zwei Ländern sehr ausgeprägt war, kann in einer neuen Identität – theoretisch – aufgelöst werden, wenn ein Spiel zwischen verschiedenen Kontinenten angesetzt würde. Würden nun die Konkurrenten von eben zum Beispiel in einer Europaauswahl gegen eine Auswahl des amerikanischen Kontinents antreten, würden wir den noch kurz zuvor als feindlich erlebten Konkurrenten ob seiner großen Qualitäten freudig in unserer eigenen kontinentalen Mannschaft begrüßen. Wir könnten uns mit der neu geschaffenen Mannschaft in ähnlicher Weise identifizieren, wie wir es zuvor mit der Ländermannschaft getan haben. Wenn wir dieses Prinzip noch eine Stufe weitertreiben, dann könnte man theoretisch das Szenario eines Kampfes der Menschheit gegen Außerirdische konstruieren. In diesem Fall würden wir uns stark mit der gesamten irdischen Menschheit identifizieren, die zum Kampf gegen die Außerirdischen antritt. Alle Abgrenzungen und Unterschiede, die zuvor in allen möglichen Facetten dazu geführt haben, viele andere Menschen als fremd, anders und sicher nicht zu unserer Gemeinschaft gehörig anzusehen, wären mit einem Schlag verschwunden oder zumindest zeitweise erheblich relativiert.

Wir erkennen an diesen Beispielen, wie flexibel wir sind, die jeweiligen Abgrenzungen und Zugehörigkeiten anzupassen. Zentral bleibt aber immer ein Prinzip: Abgrenzung und das Erleben von Unterschiedlichkeit schaffen Identität. Wer zu einer eigenen Identität bzw. einer eigenen Gruppe gehört und wer nicht, hängt davon ab, unter welchen Kategorien wir die jeweiligen Personen subsumieren. Die Flexibilität besteht darin, dass wir problemlos sehr enge oder aber sehr weit gefasste Kategorien mit einem eigenen Identitätserleben und dem entsprechenden Gefühl von Verbundenheit koppeln können. Diese Fähigkeit ist Teil unseres Kooperationspotenzials, das uns die Evolution als ein Standardprogramm mitgegeben hat.

Ein häufig praktizierter Mechanismus, um sich positiv zu identifizieren, ist es übrigens, die anderen, von denen man sich abgrenzt, zu disqualifizieren. Es ist z. B. weit verbreitet, über andere (Mitglieder einer anderen Abteilung, einer anderen Berufsgruppe, einer anderen Firma, Angehörige einer anderen Rasse, Bewohner einer anderen Stadt, Vertreter einer anderen Überzeugung etc.) schlecht zu reden. Jeder kennt Alltagssituationen, in denen das zu beobachten ist. Gemeinsam über andere Personen schlecht zu reden, ist gut für das eigene Selbstwertgefühl. Weil die anderen Idioten sind, steht man selbst besser da – denn man ist ja anders. Gemeinsam über andere schlecht zu reden, erzeugt ein wohltuendes Gemeinschaftsgefühl. Es ist zudem eine gute Strategie, Konflikte in der eigenen Gruppe, in der eigenen Familie zu verdecken. Sie vermittelt bequeme Erfolgserlebnisse, ohne dass man eine eigene Leistung dafür erbringen muss. Andere Menschen zu diskreditieren, erzeugt in diesem Sinne Sicherheit: Wir sind auf der richtigen, der stärkeren Seite etc.

4.6Das Verhältnis Mensch – Tier: Ein Beispiel für die Aktivierung und Deaktivierung des Kooperationspotenzials

Wir haben gesehen, dass unsere Vernunft durch eine Reihe psychologischer Mechanismen verdünnt und zurechtgebogen wird, um aus evolutionärer Sicht nicht mehr zu schaden, als sie nutzt. Ihrem Prinzip »Besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig« kann man noch hinzufügen, dass die Aufrechterhaltung einer stimmigen Identität ebenfalls ein wichtiges Ziel darstellt. Da soll uns weder die Vernunft in die Quere kommen, noch sollen uns alltägliche Handlungen zu sehr erschwert werden. So ist auch die Aktivierung oder die Deaktivierung des Kooperationspotenzials in vertraute und bequeme Erklärungen eingebettet. Sie unterliegen den vielfältigen, vorangehend dargestellten psychologischen Mechanismen. Man kann einige dieser Mechanismen gut am Beispiel des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier demonstrieren.

Die meisten Menschen empfinden sich als tierlieb. Zwar steigt seit einigen Jahren die Zahl derjenigen, die aufgrund dieser Haltung auf Fleischkonsum verzichten. Die Mehrheit isst aber Fleisch, ohne das als einen scharfen Widerspruch zur eigenen Einstellung wahrzunehmen. In einer sehenswerten Fernsehdokumentation des Schweizer Fernsehens wurden einige Personen porträtiert, bei denen dieser Widerspruch besonders deutlich zum Vorschein kommt. [14]

Zu diesen Personen gehörte ein passionierter Jäger, der das Töten von Tieren offensiv als wichtigen Teil seiner Identität vertrat. Gleichzeitig hatte er eine sehr innige Beziehung zu seinem Jagdhund. Dem hatte er einen Namen gegeben und vergötterte ihn fast ein wenig. Ein anderes Beispiel ist, dass sich die meisten Menschen über Länder empören, in denen Hunde und Katzen gegessen werden. Aber worin genau soll der Unterschied zu der Gewohnheit bestehen, Kälber und Lämmer zu verspeisen?

Die Beispiele zeigen, wie flexibel wir darin sind, zu Lebewesen einen persönlichen Bezug zu entwickeln und gleichzeitig einer Vielzahl eben dergleichen Lebewesen jede Daseinsberechtigung abzusprechen. Ein gutes Stück Fleisch auf dem Teller, leckere Hähnchenschenkel im Supermarkt. So nehmen wir im Alltag das Fleisch von Tieren wahr, so kategorisieren wir die Wirklichkeit. Es ist theoretisch nicht schwierig, sich durch den Verstand bewusstzumachen, dass es sich um Leichenteile von Tieren handelt. Vielleicht haben wir auch schon manchmal darüber nachgedacht und den Widerspruch zu unserer ansonsten empfundenen Tierliebe erkannt. Solche Momente sind aber eher selten und haben keine zwingende Konsequenz. Die alltägliche Kategorisierung entspricht einer drastischen Selektion von Information. Sie funktioniert problemlos weiter, obwohl wir vielleicht schon einige Male über den Widerspruch nachgedacht haben. Die Kategorisierung ist bequem. Denn sie ermöglicht ein problemloses Handeln (problemloses Essen), weil sie im Alltag keinen Raum für Ambivalenz lässt.

Manch einer reagiert aggressiv, wenn er auf diesen Widerspruch hingewiesen wird. Man wehrt sich dagegen, sich von anderen ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Es geht mir bei diesem Beispiel nicht darum, eine richtige oder eine falsche Haltung zu vermitteln. Es geht mir um den Umgang mit dem logischen Widerspruch. Das Beispiel verdeutlicht, wie flexibel wir darin sind, durch entsprechende Kategorisierung (implizite Theorien, Ideologien, Betrachtungsweisen, Überzeugungen) homogene Bilder zu produzieren und damit logische Widersprüche wegzudefinieren.

Die innige Beziehung zum eigenen Haustier, das einen Namen trägt, zeigt, dass wir ein genauso homogenes Bild als Grundlage unseres Verhaltens in umgekehrter Richtung produzieren können. Wir kennen den Mechanismus bereits. Es handelt sich um die variable Grenze zwischen »eigene Gruppe/eigene Familie« und »fremde Gruppe/fremde Familie«. Der Hund, der einen Namen trägt, erhält dadurch ein Gesicht und eine Identität. Das ist eine gute Basis, das ganze Spektrum des evolutionär angelegten Kooperationspotenzials abzurufen, das auf eigene Familienmitglieder angewendet wird. Dass damit ein Heer namenloser anderer, gleichartiger Lebewesen ausgeschlossen wird, ist subjektiv kein Widerspruch. Im Gegenteil ist das sogar das Kennzeichen dieses Prinzips. Es gibt einige Individuen im eigenen Kreis und viele außerhalb dieses Kreises.

So dürfte es auch am Beginn der Menschheitsgeschichte gewesen sein. Die mit der Bindung einhergehenden Gefühle (Sympathie, Freundschaft, Verbundenheit, Liebe etc.) sind evolutionär der Leim, der die sozialen Beziehungen zur eigenen Gruppe tragfähig und damit zumindest potenziell dauerhaft werden lässt. In diese Werkzeugkiste hat die Evolution gegriffen, um dem Menschen eine besonders gute Grundlage für die Gruppenkooperation zu geben. Eine wichtige Komponente dieses Leims ist eine in aller Regel stark ausgeprägte Tötungshemmung, die mit der Bindung und ihren typischen emotionalen Korrelaten einhergeht.

Das Gegengewicht gegen diesen starken Leim ist die Flexibilität in seiner Anwendung. Ob der Leim wirksam wird oder nicht, hängt von der Kategorie ab, in der das Lebewesen subjektiv erfasst wird. Wir haben diesen Mechanismus bereits anhand identitätsbildender Konflikte zwischen Fans des eigenen Fußballvereins und Fans eines anderen Fußballvereins oder den Einwohnern der eigenen und den Einwohnern einer Nachbarstadt kennengelernt. In andere Dimensionen gesteigert wirkt derselbe Mechanismus bei Kriegen und bei fundamentalistischen Ideologien. Die »Anderen« sind hier oft eine Kategorie, deren Individuen nicht mehr als Menschen betrachtet werden. Es ist der namenlose Feind, es sind die Ungläubigen, die den Tod verdienen, Angehörige einer Rasse, die keine Lebensberechtigung haben, etc.

Konnten KZ-Aufseher treusorgende Familienväter sein? Ja, selbstverständlich. Denn das, was uns von außen als logischer Widerspruch erscheint, muss subjektiv keiner sein. Die Arbeit im KZ oder bei Erschießungskommandos im Feindesland wurde vielleicht sogar gerade aufgrund ihrer abstoßenden Qualität subjektiv als besonderer Dienst für das eigene Land kategorisiert. Sicher fehlen in der vorherrschenden Kategorisierung der Opfer aber die Aspekte, die das Kooperationsprogramm auslösen können (Bindung). Durch die Kategorisierung findet eine Entmenschlichung statt. Dadurch wird die mit dem Kooperationsprogramm einhergehende Tötungshemmung hinfällig. Das alles hat dann aber in der eigenen Wahrnehmung selbstverständlich nichts mit der eigenen Familie oder gar den eigenen Kindern zu tun. So wie das Stück Fleisch auf dem Teller nicht als ein verhaltensrelevanter Widerspruch zur eigenen Tierliebe empfunden wird oder der eigene Jagdhund vergöttert werden kann, ohne dass ein subjektiver Widerspruch zum Abschlachten vieler anderer Tiere in einem anderen Kontext entsteht.

Wir gehen Ambivalenzen nach Möglichkeit aus dem Weg und sind bestrebt, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Besonders große Hemmungen, bequeme und vertraute Sichtweisen infrage zu stellen, bestehen, wenn sie eng mit dem eigenen Selbstbild verknüpft sind. Da leisten die dargestellten Mechanismen im Alltag gute Dienste. Sie ermöglichen eine Kontinuität in der Lebensführung, eine Stabilität des eigenen Selbstbildes und schaffen dadurch eine klare Handlungsgrundlage. Logische Widersprüche, die wir mit der Vernunft erkennen können, führen nicht auf direktem Weg zu Einstellungs- oder gar Verhaltensänderungen. Im Gegenteil. Denn das Credo lautet: besser falsch, dafür schnell und/oder eindeutig. Das heißt auch: Die gefühlte, bequeme Wahrheit schlägt oft die unbequeme, kognitive Wahrheit.

5Das RSG-Modell

Wir haben verschiedene Mechanismen betrachtet, die dem Menschen im Wege stehen können, wenn es darum geht, die Wirklichkeit differenziert zu erfassen und darauf aufbauend vernünftig und human zu handeln. Basale erkenntnistheoretische Limitationen betreffen in gewisser Weise das Betriebssystem unserer Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit. Diese grundlegenden erkenntnistheoretischen Begrenzungen können in einer übergeordneten Perspektive als existenzielle metaphysische Aspekte eines im Universum existierenden Lebewesens aufgefasst werden. Auch auf dieser grundlegenden Ebene spielt bereits die Projektion von Strukturen und Mechanismen unseres Erkenntnisapparates in die Außenwelt eine Rolle. Damit ist die Gefahr verbunden, Ordnungsprinzipien, die wir in die für uns wahrnehmbaren Erscheinungen hineinprojizieren, als objektive Eigenschaften der Dinge zu interpretieren. Diese Dinge sind für uns aber nur durch ihre »Erscheinungen« wahrnehmbar, also durch die Art, in der sie uns »erscheinen«. Subjektiv determinierte Wahrnehmungs- und Erkenntnisstrukturen in die Außenwelt hineinzuprojizieren, ohne sie als fehleranfällige Projektion zu erkennen, ist auch auf den beiden nachfolgenden Ebenen ein zentrales Phänomen.

So findet sich auf der nächsten Ebene eine Vielzahl psychologischer Mechanismen, die als gravierende Schwachstellen unserer Erkenntnisfähigkeit anzusehen sind. Jedenfalls muss man es so sehen, wenn man das Ziel verfolgt, die Wirklichkeit differenziert zu erfassen und darauf aufbauend in humanistischer Tradition vernünftig zu handeln. Ist es nicht irritierend, dass unsere Vernunft so viele psychologische Konstruktionsmängel hat? Sind wir ein Montagsauto der Evolution, das man umtauschen sollte, wenn man es nur könnte? Nun haben wir aber bereits gesehen, dass es einen einfachen Grund für die scheinbaren Konstruktionsmängel gibt: Aus Sicht der Evolution geschah die Weiterentwicklung der Vernunft gar nicht mit dem Ziel, die Wirklichkeit differenziert abzubilden. Das Ziel der Evolution war beim Menschen wie auch bei allen anderen Organismen, Überlebens- und Reproduktionsvorteile für die gesamte Art zu schaffen. Vorangehend wurden viele Mechanismen im Detail dargestellt, die man unter dem Motto »Besser falsch, dafür schnell und/oder eindeutig« zusammenfassen kann. Dabei steht manchmal die Geschwindigkeit, manchmal die Eindeutigkeit und manchmal beides als Zielgröße im Vordergrund.

Auf der dritten Ebene ist schließlich auf Persönlichkeitsprofile zu verweisen, die über das übliche Maß hinaus in besonderer Weise zu problematischen Wahrnehmungs-, Erkenntnis-, aber auch Handlungsmustern disponieren. Denn Menschen sind nicht gleich, sondern unterscheiden sich in ihren Charaktermerkmalen. In einer erheblichen Spannbreite finden sich akzentuierte Persönlichkeiten, die in bestimmten Eigenschaften weit von der Mitte der menschlichen Population entfernt sind. Bei solchen Personen treten neben problematischen Verhaltensweisen meist auch die allgemeinen psychologischen Fehlerquellen in verschärfter Form auf.

Die hier angesprochenen Mechanismen bewegen sich zudem zwischen zwei Polen mit gegensätzlichem Charakter. Sie bestimmen die fundamentale Ausrichtung der menschlichen Natur. An dem einen Pol ist die egoistische Selbstbehauptung im Sinne des Willens zur Macht lokalisiert. An dem anderen Pol befinden sich die mit der Vernunft des Menschen neu geschaffenen und exorbitant gesteigerten Möglichkeiten zur Kooperation, die als das basale Kooperationspotenzial anzusprechen sind.

In Abhängigkeit von den erwähnten individuellen Persönlichkeitsprofilen finden sich bei einzelnen Menschen starke Betonungen des einen oder anderen Pols. Ansonsten schließen sich beide Prinzipien in der Praxis keineswegs aus. Im Gegenteil finden sich bei den meisten Menschen Meinungen und Handlungsweisen, die dem einen, und solche, die dem anderen Pol zuzuordnen sind, manchmal aber auch eine Mischung aus beiden Anteilen darstellen können. Welches der beiden basalen Potenziale jeweils im Vordergrund steht, ist stark von speziellen Eigenschaften einer Person, unterschiedlichen Situationen (zum Beispiel im Privaten oder im Beruf) oder als solchen wahrgenommenen Aufgaben und Problemen abhängig. Meist sind Betonungen des einen oder anderen Pols mit einer starken Emotionalität der jeweils nachdenkenden oder handelnden Person verbunden.

Die vielfältigen psychologischen Mechanismen lassen sich übergeordnet im nachfolgend beschriebenen RSG-Modell zusammenfassen. Es besteht aus drei Elementen:

1.Registrieren

2.Subjektivieren

3.Generalisieren

5.1Registrieren

Unser Wahrnehmungsapparat registriert permanent Informationen. Die meisten dieser Wahrnehmungen erfolgen unbewusst. Ich gehe hier von einem weit gefassten Wahrnehmungsbegriff aus. Er ist nicht auf die sinnliche Wahrnehmung beschränkt. Beim Wahrnehmungsbegriff in diesem Schema geht es weniger um die Quelle der Wahrnehmung, sondern um den Zeitpunkt, in dem eine Information bewusst als solche registriert wird, egal woher sie stammt. Das heißt, es geht um ein bewusstes Wahrnehmen als mögliche Vorstufe weiterer gedanklicher bzw. gedanklich-emotionaler Prozesse, die von dieser initialen Wahrnehmung ausgehen.

Wahrnehmungen betreffen in diesem Sinne Phänomene der Außenwelt, des eigenen Körpers oder der eigenen inneren gedanklichen und emotionalen Prozesse. Solche Wahrnehmungen können sich demnach auf konkrete Dinge (einen Hasen, ein Gewitter, einen Stuhl) oder aber abstrakte Phänomene (eine Erklärung, eine Frage, ein Problem) beziehen. Bei den konkreten Wahrnehmungen stehen zunächst meist die der Sinnesorgane (sehen, hören, riechen, schmecken, tasten) im Vordergrund. Sie werden aber rasch mit assoziativen Regionen des Gehirns abgeglichen. Die Wahrnehmung abstrakter Phänomene spielt sich in der Regel von Anfang an im »Innenbereich« ab, indem diese z. B. als Gedanke, als Ahnung, als Gefühl im Bewusstsein eine erste Gestalt annehmen.

Mit dem Begriff des »Registrierens« ist im RSG-Modell somit der hier beschriebene Vorgang einer initialen bewussten Wahrnehmung als möglicher Vorstufe weiterer psychischer Verarbeitungsprozesse gemeint.

5.2Subjektivieren

Subjektivieren bezeichnet den Vorgang, der nach der Registrierung einsetzen kann, um die registrierten Informationen zu verarbeiten. Die Grenze zwischen Registrieren und Subjektivieren ist in der Praxis selbstverständlich nicht so starr, wie sie im theoretischen RSG-Modell erscheint. Denn einerseits können während des Verarbeitungsprozesses permanent weiter Informationen aufgenommen oder verworfen werden. Wir haben auch gesehen, dass dies zum Teil unbewusst erfolgt und dann trotzdem einen maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis des Verarbeitungsprozesses hat. Andererseits ist auch der Prozess der Registrierung, der einer sinnlichen (Außen-) Wahrnehmung oder einer innerlichen Wahrnehmung entspricht, aufs Engste durch Vorstrukturierungen geprägt. Diese Vorstrukturierungen reichen von kausalen Ordnungen über die sprachliche Grammatik oder erkenntnisleitende Interessen (vgl. Kap. 6.5) bis hin zu emotionalen Gestimmtheiten und selektiven Informationsfiltern, die zum Beispiel den Basalen Wahrnehmungsmustern (vgl. Kap. 3.3) entsprechen. Es gibt zudem Rückkopplungseffekte. Sie werden zum Beispiel durch das assoziative Gedächtnis vermittelt und prägen die Wahrnehmung schon im Moment des Registrierens sehr stark.

Gleichwohl ist es so, dass die Verarbeitungsmechanismen, die in der Phase der Subjektivierung ablaufen, viel ausgeprägter und vor allem in wesentlichen Teilen bewusstseinsnäher sind als in der Phase des Registrierens. Auch wenn es sich nur um eine Modellvorstellung handelt, macht es daher Sinn, das initiale Registrieren einer Information von der sich möglicherweise daran anschließenden Phase der Verarbeitung zu unterscheiden.

Der Begriff der Subjektivierung wurde deswegen gewählt, weil es sich immer um einen Prozess handelt, in dem Informationen geformt werden, um sie sich schließlich als kurzzeitigen oder nachhaltigen Bewusstseinsinhalt anzueignen. Die Aneignung geschieht durch einen Gedanken, ein Gefühl oder eine Erkenntnis im engeren Sinne. Dieser Bewusstseinsinhalt ist nicht selten eine Grundlage für eine darauf aufbauende und sie begründende Entscheidung – für oder gegen eine Handlung. Der Prozess der Formung und Aneignung kann auf all die einem Individuum zur Verfügung stehenden kognitiv-emotionalen und erkenntnisbildenden Mechanismen zurückgreifen. Sie sind zwangsläufig von den generellen und zusätzlich den individuell spezifischen Dispositionen durchsetzt. Daher wird der gesamte Formungs- und Aneignungsprozess stark an subjektiven Maßstäben und Gewohnheiten ausgerichtet. Wir sahen, dass es viele dieser subjektiv prägenden Mechanismen gibt, die zu verzerrten Bewertungen und in der Folge zu problematischen Handlungen führen können.

Es greift aber zu kurz, die Phase der Subjektivierung nur als etwas Problematisches zu verstehen. Es handelt sich ja um den individuellen Gebrauch der Vernunft mit all ihren Schwachstellen, aber auch all ihren großen Potenzialen. In der gesamten Menschheitsgeschichte und auch in der Gegenwart gab und gibt es viele Menschen, die durch das damit verbundene Potenzial bahnbrechende Erkenntnisse und großartige Leistungen hervorgebracht haben. Man kann hier an Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik denken, die geniale Kunstwerke geschaffen, große Erkenntnisse gewonnen oder den Lauf der Geschichte positiv geprägt haben. Großartige Dinge müssen aber nicht immer Dinge sein, von denen die Welt Kenntnis erhält. Großartige Dinge ereignen sich auch im Kleinen, in der Familie, der Kindererziehung, dem ehrenamtlichen Engagement, oder in alltäglichen Verhaltensweisen, die auf vernünftigen Erkenntnissen basieren und die Welt ein wenig besser machen. Dass es sich dabei stets auch um einen Vorgang der Subjektivierung von Informationen handelt, muss dem Ergebnis nicht von vornherein abträglich sein.

5.2.1Die große Backstube

Aber wir richten bei der Betrachtung in diesem Buch das Augenmerk primär auf die Risiken und Schwachstellen der entsprechenden Prozesse. Das geschieht mit dem aufklärerischen Ziel, damit die ein oder andere nützliche Erkenntnis vermitteln zu können. In diesem Sinne lässt sich die Subjektivierung wie folgt charakterisieren: Es handelt sich um einen Verarbeitungsprozess von Informationen, die auf der ersten Stufe registriert wurden. Sie werden dann zu einer Gestalt (z. B. Gedanke, Eindruck, Theorie, Erklärung, Lösung) geformt und somit subjektiv angeeignet.

Flüchtlingen, die in einem anderen Land integriert werden sollen, gelingt es im günstigen Fall, sich an der neuen Kultur auszurichten. Mit ähnlicher Zielsetzung durchlaufen auch die registrierten Informationen von Anfang an einen Prozess der Angleichung, der Ausrichtung an subjektiven Maßstäben und Gewohnheiten und der Umformung. Die Subjektivierung ist wie ein Backofen, in dem ständig kleine und große Kuchen, Kekse oder manchmal auch nur Krümel gebacken werden. Dafür wird so lange geschnitten, gemischt und gerührt, bis etwas herauskommt, das schmeckt oder zumindest vertraut ist.

So gilt zum Beispiel:

−In der Phase der Subjektivierung werden gerne kausale Zusammenhänge gesucht, gefunden und nicht selten erfunden.

−Das Produkt soll vertraut sein. Es wird bevorzugt, wenn es sich leicht und bequem in bereits vorhandene Vorstellungen und/oder Stimmungen integrieren lässt.

−Die Ergebnisse des Verarbeitungsprozesses werden mit der eigenen Emotionalität (fühlt sich gut, fühlt sich richtig, fühlt sich passend, fühlt sich vertraut an) und Basalen Wahrnehmungsmustern abgestimmt (wer die Welt prinzipiell als einen feindlichen Ort wahrnimmt, wird häufig feindliche Umstände oder Motive erkennen).

−Es besteht eine starke Tendenz, Komplexität zu reduzieren, indem viele Informationen nicht zur Kenntnis genommen, weggelassen oder selektiv ausgesucht werden.

−Subjektiv Widersprüchliches, Unbequemes, Erkenntnisse, die das eigene Leben auf den ersten Blick erschweren, die Glaubensvorstellungen, Überzeugungen oder gar die eigene Identität infrage stellen, finden nur schwer Eingang in die Verarbeitungsprozesse der Subjektivierung.

−Es besteht eine starke Tendenz zur Polarisierung, zum Beispiel: schwarz/ weiß, entweder/oder, Freund/Feind, alles oder nichts, immer oder nie, eine Erklärung für alles oder zumindest für vieles, Superlative (das Schönste, das Größte, das Spannendste, das Witzigste, mega-mega-mega-giga …)

−Es besteht eine Tendenz, sich auf das zu fokussieren, was man kennt, was man subjektiv glaubt, erklären zu können, aber nicht unbedingt auf das, was von der Sache her eigentlich wichtig wäre.

−Kleine und große Geschichten werden abgerundet und harmonisiert. Kanten und Unverträglichkeiten werden abgeschliffen. Denn wir lieben eindeutige Geschichten und Botschaften.

5.2.2Das Hirn kann alles erklären – auch ohne jedes Wissen

Dass wir die ausgeprägte Tendenz haben, Geschichten zu konstruieren, die sich an einer subjektiven Stimmigkeit und nicht an der Abbildung der äußeren Realität ausrichten, kommt beispielhaft in einem berühmten Experiment zum Ausdruck.

Ende der 60er-Jahre wurde bei Patienten mit einer bestimmten Form von Epilepsie durch operative Eingriffe die Verbindung zwischen den beiden Hemisphären des Gehirns unterbrochen. Aufgrund dieser Operation war es bei den (ansonsten psychisch gesunden) Patienten möglich, die linke oder die rechte Hirnhälfte durch bestimmte Versuchsanordnungen gezielt anzusprechen, weil sie nicht mehr in einem ständigen Austausch miteinander standen.

In der Folge wurden verschiedene Untersuchungen an diesen sogenannten Split-Brain-Patienten durchgeführt. [15; 16; 17]

»Erstaunt nahm man zur Kenntnis, dass jede Hemisphäre über ein gewisses Eigenleben verfügte. Rechte und linke Hirnhälfte unterschieden sich in ihren Wahrnehmungen, Konzepten und Handlungsimpulsen […]. Beide Hemisphären haben unterschiedliche Stärken. So konnten beispielsweise Gegenstände, die in der rechten Gesichtsfeldhälfte gezeigt wurden, benannt werden und durch die rechte Hand aus einer Reihe anderer Gegenstände herausgefunden werden. Worte konnten gelesen oder notiert und mit der rechten Hand der zugehörige Gegenstand identifiziert werden. Rechte Hand und rechte Gesichtsfeldhälfte entsprechen dabei einer Verarbeitung in der linken Hirnhälfte, da die Verbindungswege auf ihrem Weg vom Gehirn zur Peripherie die Seite wechseln.

Gegenstände, die der rechten Hirnhälfte präsentiert wurden, konnten weder mündlich noch schriftlich wiedergegeben werden. Allerdings war es möglich, mit der Hand die entsprechenden Gegenstände herauszufinden, ohne daß sie sprachlich bezeichnet werden konnten. Worte konnten nicht gelesen werden.

Daraus ergaben sich folgende Schlußfolgerungen:

1.›Bezüglich Sprache und Bewußtsein ist die isolierte linke Hemisphäre weder aus der subjektiven Sicht des Patienten noch nach dem objektiv beobachtbaren Verhalten von den Leistungen des Gesamthirns zu unterscheiden. Die linke Hemisphäre kontrolliert beim Rechtshänder das Sprechen und das Schreiben.

2.Die isolierte rechte Hemisphäre kann sich weder schriftlich noch mündlich sprachlich äußern. Ihre integrativen sensomotorischen Prozesse werden dem Patienten nicht bewußt. Sie können nur vermittels der linken Hirnhälfte zum Bewußtsein gelangen. Sie erscheinen passiv der linken Hirnhälfte untergeordnet.

3.Weiterhin haben die Versuche gezeigt, daß nur die linke Hemisphäre rechnerische Operationen ausführen kann, die über das Addieren und Subtrahieren von einstelligen Zahlen hinausgehen. Sie ist zuständig für das Erfassen von Einzelheiten und für analytische Denkaufgaben, die offensichtlich an die sprachliche Kommunikation gebunden sind.‹ [18, S. 167–168]

Dennoch ist die rechte Hemisphäre durchaus zu eigener Erfassung und Wahrnehmung in der Lage. Ein Experiment mit den oben erwähnten sogenannten Split-Brain-Patienten verdeutlicht dies: Wurde der rechten Hemisphäre das Bild eines nackten jungen Mädchens dargeboten, so erklärten die Patienten, daß sie ein weißes Licht gesehen hatten, aber nichts erkannten. Das war eine typische Reaktion für Bilder, die der rechten Hemisphäre angeboten wurden, da sie nicht logisch zusammengesetzt werden konnten. Aber es ließ sich etwas anderes beobachten. Die Patienten lächelten, erröteten, kicherten oder veränderten den Tonfall ihrer Stimme. Befragte man die Patienten, so sagten sie zum Beispiel, daß sie über den Diaprojektor oder das Licht lachten. Die ›sprechende‹, linke Hemisphäre hatte keine Vorstellung, worum es sich handelte. Dennoch hatte die rechte Hirnhemisphäre, die sich nicht sprachlich artikulieren kann, eine deutliche Vorstellung von dem Bild entwickelt.« [15; 19, S. 235–236]

5.2.3Funktionen der Subjektivierung

Der Prozess der Subjektivierung hat wichtige Funktionen. Er reduziert die Komplexität einer unübersehbaren Vielzahl von Informationen und verdichtet sie in Geschichten, Erklärungen und überschaubaren Überzeugungen. Die Subjektivierung vermittelt vor allem aber das Gefühl, die Welt und sich selbst verstehen und dadurch kontrollieren zu können. Das heißt, der Gebrauch der Vernunft führt häufig zum Erleben von Kompetenz. Evolutionär wäre es ein Problem, wenn der Gebrauch der ausgeprägten menschlichen Vernunft zum Gegenteil führen würde. In der Tat gibt es ja die Meinung, dass der exzessive Gebrauch der Vernunft eher zum Unglücklichsein und zu Zweifeln disponiert, nicht zuletzt, weil viele Fragen unbeantwortet bleiben. Man kann viele der aufgezeigten Mechanismen so verstehen, dass sie das Individuum vor dieser Nebenwirkung der Vernunft schützen. Damit kommen wir wieder auf das schon zitierte evolutionäre Credo zurück:

Besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig. Es ist egal, wenn der Mensch einem Irrtum unterliegt, solange er nur selbst daran glaubt, Richtiges erkannt zu haben, und sich dadurch gut fühlt. Das stärkt das eigene Kompetenzerleben, den Selbstwert und ist ein Element der eigenen Identitätsbildung.

Es gibt Menschen, bei denen die Kompetenzüberzeugung in der Weise vorliegt, dass sie subjektiv davon überzeugt sind, in vielen Bereichen über mehr oder genaueres Wissen zu verfügen als andere Menschen. Nun ist diese Überzeugung offensichtlich einer subjektiven Verzerrung geschuldet. Denn es ist immer so, dass man nur in einigen wenigen Themen überdurchschnittliches Wissen haben kann, verglichen mit unendlich vielen Bereichen, in denen man nur grobe Kenntnisse hat oder überhaupt nichts weiß.

5.3Generalisieren

Die Generalisierung wurde bislang unzureichend berücksichtigt, obwohl auch sie weitreichende Konsequenzen hat. Sie findet nicht immer statt. Viele alltägliche Eindrücke, Gedanken, Erkenntnisse und Bewertungen sind flüchtiger Natur, sodass sie deswegen im Hintergrund bleiben und sich nicht für eine Generalisierung eignen. Aber mit den vorangehend zusammengefassten Mechanismen ist eine generelle Tendenz verbunden, Erkenntnisse zu generalisieren. So steckt die Generalisierungstendenz bereits in vielen Mechanismen der Subjektivierung. Sie wird schon durch die Tendenz zur Polarisierung (schwarz/weiß, entweder/oder etc.) nahegelegt. Denn etwas, das schwarz oder weiß ist, ist zu hundert Prozent schwarz oder zu hundert Prozent weiß. Auch der Halo-Effekt ist nichts anderes als die unkritische Generalisierung der Bewertung einer einzelnen Information auf viele weitere Aspekte, die mit der ursprünglichen Information gar nichts zu tun haben. Zahlreiche andere Mechanismen (z. B. Selektion von Informationen, Vermeidung widersprüchlicher Informationen, Ausrichtung der Informationen an einem eigenen, inneren Skript, das nicht infrage gestellt wird) sind ebenfalls sehr gut geeignet, Ideen oder Theorien auszuweiten, aufzupumpen und letztlich zu generalisieren.

Es kommt hinzu, dass die Generalisierung dem Pol der menschlichen Natur entspricht, der als egoistische Selbstbehauptung bzw. Wille zur Macht bezeichnet wurde. Die egoistische Selbstbehauptung als Wille zur Macht hat, wie bereits erwähnt, etwas Fortschreitendes und Grenzenloses. Sie ist mit einer Überbewertung der eigenen Perspektive und des eigenen unbedingten Wertes verbunden. Sie lebt vom Prinzip, die Umwelt und insbesondere andere Menschen zu kontrollieren, zu unterwerfen und zu beherrschen. Die mit der Generalisierung verbundene Ausweitung und Allgemeingültigkeit eigener Sichtweisen kommt all diesen Aspekten entgegen.

Die Generalisierungstendenz begegnet uns deshalb überall im Alltag. Aus einem punktuell richtigen Gedanken wird eine umfassende Theorie, aus einer Regel eine ausufernde Bürokratie, aus einer bequemen Sichtweise eine Ideologie oder Religion.

5.4Ordnungen

Begriffe, Erklärungen und Urteile sind in der Lage, uns Gefühle von Kompetenz und Sicherheit zu vermitteln. Es ist eine wesentliche Funktion der Subjektivierung, diese Wirkung zu erzielen. Um die positiven Gefühle aufrechtzuerhalten, stellen wir unsere Erkenntnisse nicht gerne infrage. Wir verstehen die Umwelt, wir durchschauen sie und können sie dadurch kontrollieren. So wirkt sie weniger bedrohlich.

Diese Effekte sind bereits mit Begriffen, Erklärungen und Urteilen verbunden. Sie gelten aber in ganz besonderer Weise für Ordnungen, die wir entwickeln oder die wir als gegeben zu erkennen glauben. Ordnungen gibt es in vielerlei Formen. Beispiele für Ordnungen sind Regeln, Konzepte, Theorien oder menschliche Organisationsformen. Sie ordnen die Wirklichkeit und schaffen so ein eigenes Abbild von dieser. Es ist eine Wirklichkeit, die sich uns in Form der genannten Ordnungssysteme präsentiert. Weil diese Abbilder der Wirklichkeit vollumfänglich durch Menschen gestaltet und kontrolliert werden können, sind sie für uns attraktiv. Denn Ordnungen sind besonders gut geeignet, Gefühle der eigenen Kompetenz, der Sicherheit und der Kontrolle zu vermitteln.

Allein deswegen sind Ordnungen in besonderer Weise anfällig für die vorangehend beschriebene Generalisierungstendenz. Sie wird durch die evolutionären Prägungen begünstigt, die mit Ordnungen seit Millionen von Jahren verbunden sind.

Ordnungen und speziell Regeln begegnen uns in der Evolution an allen Ecken und Enden. Schon immer sind sie fester Bestandteil evolutionärer Programmierung. Denken wir an molekulare Mechanismen, an das Wachstum oder die Organisation und Kommunikation von Zellen, dann gibt es einen fließenden Übergang von biologisch-physikalischen Regeln in die Struktur lebender Organismen. Diese Perspektive macht deutlich, dass Regeln (und Ordnungen allgemein) – so wie wir diese zu erkennen in der Lage sind – elementar bereits am Anfang der Evolution und letztlich am Anfang des Universums standen. Regeln und andere Ordnungen sind auch für das Verhalten von Tieren prägend. Fischschwärme, Vogelfamilien, Wolfsrudel, Affengruppen, Bienen- und Termitenstaaten – überall in der Natur begegnen uns ausdifferenzierte Regeln und Ordnungen. Wenn wir diese Regeln und Ordnungen im Verhalten von Tieren sehen, dann bedeutet das, dass deren Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Entscheidungsfunktionen auf diese Regeln und Ordnungen ausgerichtet sind. Das heißt, im Wahrnehmen und Denken der jeweiligen Tiere werden Regeln und Ordnungen priorisiert. Neil Shubin hat in seinem spannenden Buch »Der Fisch in uns« gezeigt, wieviel Fischbiologie als Reste unseres evolutionären Werdegangs noch in uns steckt. [20]

Wenn da noch so viel evolutionärer Fisch in uns steckt, dann wäre es ja haltlos anzunehmen, dass die elementaren Prinzipien von Regeln und Ordnungen, die an allen Ecken und Enden in der Evolution anzutreffen sind, spurlos an uns vorbeigegangen sind. Dem ist selbstverständlich nicht so. Zwar ist mit der Ausweitung der Vernunft beim Menschen die Möglichkeit, Regeln und Ordnungen zu erkennen, zu erfinden und weiterzuentwickeln, noch einmal deutlich gesteigert worden. Die elementaren Prinzipien wurden dadurch aber nicht außer Kraft gesetzt.

Viele Lebewesen verwenden Regeln als Leitlinie für ihr Verhalten, zum Beispiel im Dienst der Orientierung. Der Stand der Sonne, Anordnungen von Bäumen, Wasserstellen und unzählige weitere Merkmale, die in der Natur anzutreffen sind, können dazu verwendet werden, die Umgebung zu strukturieren, sie damit zu ordnen, um sich so orientieren zu können. Regeln, die das Verhalten prägen, gibt es u. a. als soziale Ordnungen, indem zum Beispiel Reviere abgegrenzt werden, oder in Form von Rangordnungen. Funktions- und Rangordnungen finden sich bei allen Lebewesen, die in Paaren oder Gruppen leben.

Wenn man die Ordnungen in der Natur betrachtet, dann erkennt man leicht, dass es nicht um Flexibilität, um irgendwelche Rechte des Einzelnen oder um größtmögliche Partizipation an der Gemeinschaft geht. Im Gegenteil sind soziale Regeln meist außerordentlich rigide und strikt funktional auf das Überleben der Gruppe oder der Nachkommenschaft ausgerichtet. Oft werden sie durch Rangkämpfe festgelegt. Ein neu inthronisiertes Löwenmännchen beißt häufig die Jungen seines Vorgängers tot – quasi als erste Amtshandlung. Aus evolutionärer Sicht ist das ein sinnvolles Vorgehen, weil damit die Reproduktion der eigenen genetischen Substanz sichergestellt wird. Aus humanistischer Perspektive ist das Verhalten aber nicht sympathisch. Es findet sich hier ein Motiv, das uns schon mehrfach begegnet ist. Eine Regel ist dann eine gute Regel, wenn sie eindeutig ist und damit eine klare Handlungsgrundlage schafft. Sei es, dass man sich im Gelände gut orientieren kann, sei es, dass ein Individuum einen festgelegten Platz in einer sozialen Ordnung einnimmt oder dass die eigene Reproduktionsmöglichkeit verbessert wird. Die in der Natur erkennbaren Ordnungen und Regeln zeichnen sich nicht durch die differenzierte Erfassung der Umwelt, soziale Implikationen oder Flexibilität aus. Typische Kennzeichen sind Rigidität, Automatismen und die möglichst ausnahmelose Anwendung. Das aber sind Elemente, die einen fließenden Übergang zu ungehemmter Generalisierung schaffen. Immer oder nie, entweder/oder und alles oder nichts kennzeichnen den Charakter solcher Ordnungen und Regeln.

Differenzierungen und auf den Einzelfall bezogene Beurteilungen sind unter dem Gesichtspunkt evolutionärer Zielsetzungen (Überleben und Reproduktion) nicht gefragt. Dieser Geist prägt auch unser Verhältnis zu Regeln und begünstigt Fehlentwicklungen.

Fatal sind Rigidität und Automatisierung, weil alle menschlichen Ordnungsversuche in besonderer Weise die Tendenz haben, ausgeweitet und generalisiert zu werden. Eine spezielle Ausdrucksform der menschlichen Ordnungsdynamik kann man bei Sammlern beobachten. Viele Menschen sammeln irgendetwas. Bei einigen ist das Sammeln auf eine bestimmte Lebensphase beschränkt. Nicht wenige pflegen ihre Sammelleidenschaft aber ein Leben lang. Die menschliche Sammelleidenschaft kann sich an jedes Thema und jeden Gegenstand heften. Das geht weit über Briefmarken oder Bierdeckel hinaus. Manche Menschen sammeln Unmengen von Fotos und kategorisieren sie. In vielen alltäglichen Beschäftigungen ist die gleiche Sammeldynamik am Werk, die einen Briefmarkensammler antreibt, auch wenn das subjektiv nicht so eingeordnet wird. Da die Tendenz zum Sammeln so weit verbreitet ist, liegt es nahe, sie als ein Element der evolutionären Grundausstattung der menschlichen Natur zu betrachten. Da fällt einem zunächst das ein, was bereits generell zu den wohltuenden Funktionen aller menschlichen Ordnungen gesagt wurde. Denn auch das Sammeln führt subjektiv dazu, sich eine eigene Welt zu erschaffen. Es ist eine geordnete und klar strukturierte Welt. Einige Phänomene der Welt in eine eigene Ordnung zu bringen, bedeutet, sie berechenbarer zu machen und ihnen einen subjektiven Sinn zu verleihen. Sie können damit im Rahmen der eigenen Ordnung kontrolliert werden, wodurch ein Gefühl der Sicherheit entsteht.

Etwas verstehen, ordnen und kontrollieren zu können, sind die potentesten Fähigkeiten, um uns in einem existenziell unsicheren und vergänglichen Leben Gefühle der Sicherheit und Stabilität zu vermitteln. Wir erinnern uns. Das war ein wichtiger Stoßdämpfer der Evolution gegen die Gefahren, die von einer gewachsenen Vernunft ausgehen können. Die gesteigerte Vernunft könnte Unsicherheit, Zweifel und Handlungsunfähigkeit hervorrufen. Dagegen sind starke subjektive Überzeugungen und vor allem das Gefühl, verstehen, ordnen und kontrollieren zu können, wichtige Gegengifte. Aber wir wissen auch, dass die Evolution nicht zimperlich ist. Sie zieht alle Register, um dieses Gefühl zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. Um Wahrheit, Differenzierung und Verhältnismäßigkeit geht es nicht. So ist auch die Sammelleidenschaft in der Gefahr, bis in einen Bereich des Absurden gesteigert und ausgeweitet zu werden. In der Regel sind Sammelleidenschaften aber harmlos, weil sie anderen Menschen nicht schaden. Das ist bei den meisten Ordnungen in Form von Regeln, Theorien, Konzepten und menschlichen Organisationsformen anders. Denn von ihren absurden Ausweitungen und Generalisierungen sind Umwelt oder andere Menschen oft elementar betroffen (vgl. Kap. 12).

5.5Die menschliche Natur zeigt sich in allen Bereichen, die mit Menschen zu tun haben

Wir haben uns mit Mechanismen der menschlichen Wahrnehmung, der Erkenntnisfähigkeit und Urteilsbildung sowie mit damit zusammenhängenden Verhaltensdispositionen beschäftigt. Zudem haben wir die menschliche Natur zwischen zwei Polen verortet: der egoistischen Selbstbehauptung bzw. dem Willen zur Macht auf der einen und dem vor allem durch Vernunft erheblich angereicherten Kooperationspotenzial auf der anderen Seite. Dabei gibt es eine große individuelle Spannbreite, in welchem Mischungsverhältnis diese beiden Triebkräfte bei einem bestimmten Menschen vorliegen.

Beurteilungen und Handlungsweisen sind stark durch unsere Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeiten geprägt. Wir haben verschiedene Konstruktionsschwächen identifiziert, sofern man die klassischen aufklärerischen Ziele zugrunde legt. Unsere Vernunft stellt – zusammen mit intuitiven und emotionalen Verarbeitungsprozessen – zwar ein großes Potenzial bereit, die Wirklichkeit und die eigene Person differenziert zu erkennen und nach humanistischen Prinzipien zu handeln. Die Konstruktionsschwächen repräsentieren für diese Zielsetzung aber erhebliche Hindernisse und Fehlerquellen. Aus Sicht der Evolution handelt es sich aber nicht einmal um Konstruktionsschwächen. Denn die Evolution verfolgt keine aufklärerischen Ziele. In der Evolution geht es vorrangig um die Erhaltung und Steigerung der Reproduktionsmöglichkeiten einer Art, weshalb für den Erkenntnisapparat der Grundsatz gilt: besser falsch, dafür aber schnell und/oder eindeutig.

Die hier noch einmal kurz zusammengefassten Überlegungen sind nicht nur auf Erkenntnisfähigkeiten und Handlungstendenzen einzelner Menschen anwendbar. Vielmehr finden sich diese Mechanismen in allen Bereichen, die in irgendeiner Weise mit menschlichem Handeln zu tun haben. Das heißt, die gleichen Mechanismen und die damit verbundenen Gefahren lassen sich in Konzepten, in Projekten, in Organisationen, ja in ganzen Gesellschaften, in der Wissenschaft oder in der Geschichte finden.

So haben zum Beispiel Organisationen einen eigenen Charakter, der Ähnlichkeiten zu Eigenschaften aufweist, die auch bei einzelnen Individuen vorkommen können. Vor vielen Jahren habe ich sogenannte Prägnanztypen von Teams beschrieben. Damit sollten Charaktere von Teams dargestellt werden, die sich durch ein bestimmtes akzentuiertes Profil von anderen unterschieden. Demnach ist für ein manisches Team Überaktivität typisch. Es arbeitet diffus und unüberschaubar. Ihm fehlen Zielorientierung und Realitätsbezug. Die Kommunikationskultur ist ausufernd, diffus und ineffektiv. Es zeigt eine Vielzahl von Aktivitäten, denen aber der gemeinsame rote Faden fehlt. Wesentliches und Unwesentliches haben die gleiche Bedeutung und nehmen den gleichen Raum ein. Die Atmosphäre ist unruhig, irritierend und nervös.

Hingegen bewegen sich zwanghafte Teams in einer streng geregelten Struktur von Abläufen, Zeiten und Verantwortlichkeiten. Sie haben Schwierigkeiten, sich auf neue Probleme oder Aufgabenstellungen flexibel einzustellen. Veränderung scheint diesem Team bedrohlich. Auf Patienten oder Kunden wirkt es erzieherisch ein und fördert oberflächliche Anpassung. Werden Regeln infrage gestellt, dann entwickelt das Team Angst. Kritik wird als Angriff empfunden und wütend abgewehrt. Zwanghafte Teams haben das Selbstbild einer »korrekt« arbeitenden Gemeinschaft. Konflikte bleiben unausgesprochen, unterschwellig sind Anspannung und Aggressionen spürbar. [Zusammengefasst in Anlehnung an 19, S. 58]

Spezielle Charakteristiken lassen sich nicht nur Teams, sondern auch größeren Organisationen zuschreiben. Sie bewegen sich im gesamten Spektrum der Eigenschaften, die auch bei einzelnen Individuen anzutreffen sind. In ähnlicher Weise treffen auch die erkenntnistheoretischen und psychologischen Fehlerquellen bei Wahrnehmungen und Urteilen sowie darauf basierenden Handlungen nicht nur auf einzelne Menschen zu, sondern in gleicher Weise für ganze Organisationen. Auch Organisationen sind als System auf Selbsterhaltung und meist auch auf Wachstum ausgerichtet. Die Triebkraft egoistischer Selbsterhaltung ist in vielen Organisationen eine wesentliche oder gar dominierende Grundmotivation des Handelns. Dies jenseits aller Bekundungen, wonach der Kunde König sei, man dem Bürger mit seiner Verwaltungstätigkeit diene oder sich allein dem Wähler verpflichtet fühle. Das mag in manchen Organisationen zwar auch eine Rolle spielen. Es ist aber selten die primäre Handlungsmotivation. In ihren Handlungsstrategien sind Organisationen ebenso wie Einzelpersonen anfällig für alle Mechanismen des RSG-Modells.

Niklas Luhmann würde aus seiner systemorientierten Perspektive davon sprechen, dass eine Organisation ein Teilsystem unter vielen anderen gesellschaftlichen Systemen mit autopoietischen – und somit sich selbsterhaltenden – Regelkreisläufen ist. Dem Menschen als handelndem Subjekt kommt in dieser Sichtweise keine Bedeutung zu. Das System konstituiert sich als eigenständiger Organismus durch Kommunikation. Dabei finden innerhalb des Systems Prozesse der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung statt, indem Handlungen interpretiert (zugerechnet) werden. Zentral ist das uns schon bekannte Phänomen der Abgrenzung (vgl. Kap. 4.5). Das System entsteht und besteht fort, indem es permanent zwischen System und Umwelt (System und Nicht-System) unterscheidet. [21]

So kann man es sehen. Gemäß der in diesem Buch vertretenen Perspektive würde ich aber die Ähnlichkeit all dieser Mechanismen mit den zentralen Mechanismen der menschlichen Natur betonen. Soziale Systeme funktionieren nicht aufgrund abstrakter Prinzipien, in deren Vollzug zufällig – auch – Menschen Träger von Kommunikation und Handlungen sind. Soziale Systeme wie zum Beispiel Organisationen funktionieren aufgrund bestimmter Prinzipien, weil sie von Menschen geschaffen und aufrechterhalten werden. Sie sind daher in allen Fasern von der menschlichen Natur durchdrungen. Daher ist ihr Verhalten an ähnlichen Prinzipien orientiert wie das einzelner Menschen. Konkret finden wir in Organisationen die Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Handlungsdispositionen, die der menschlichen Natur entsprechen: Abgrenzung zur Schaffung von Identität als flexibel anwendbarer Mechanismus, Reduzierung von Komplexität und die Produktion von Begriffen, Erklärungen und Urteilen gemäß dem RSG-Modell. Auch sind Kooperationspotenzial und egoistische Selbstbehauptung in Organisationen von ebenso zentraler Bedeutung wie für einzelne Individuen.

Das Gesagte gilt aber nicht nur für Organisationen. Vielmehr bilden sich in allen Bereichen, die mit Menschen zu tun haben, die Mechanismen der menschlichen Natur ab. Überall, wo der Mensch drinsteckt, gibt es ihn nur als Gesamtpaket mit all seinen evolutionären Programmen. Der Blick auf diesen naheliegenden Zusammenhang ist durch viele Theoretiker in der Philosophie, der Geschichte, den Gesellschaftswissenschaften, der Ökonomie, aber auch in Politik, Kunst und anderen Wissenschaften verstellt worden. Ein blinder Fleck, der an vielen Stellen weiterwirkt und gepflegt wird.

Es ist erstaunlich, wie viele Wissenschaftler in ihren geschlossenen Theorien den Einfluss der menschlichen Natur oder individueller Persönlichkeiten ignorieren. Oft ist das nichts anderes als der Versuch, eine liebgewonnene, vertraute Theorie in ihrer Reinheit zu bewahren. Sie soll nicht durch so etwas Profanes wie die menschliche Natur mit all ihren Unzulänglichkeiten, Zufälligkeiten und Stereotypen verunreinigt werden.

Ein typisches Beispiel ist die marxistische Idee, der zufolge das Sein das Bewusstsein prägt – und das selbstverständlich umfassend und ausschließlich. Deswegen gäbe es in der klassenlosen Gesellschaft auch keine Ausbeutung mehr, weil mit der Abschaffung des Privateigentums der Grund für die Ausbeutung weggefallen sei. Nur verhielten sich die Menschen leider nicht so, wie es die Theorie vorsah. Die Geschichte ist voll von klassenlosen Gesellschaften oder solchen, die sich auf dem Weg dorthin wähnten, in denen Unterdrückung, Massenmorde, Ausbeutung und alles das, was der Mensch an Schlechtem zu vollbringen weiß, in exzessiver Form zu beobachten sind. Unverkennbar: Es ist der Mensch, der am Ende auch in diesem Theater mit neuer Kulisse das gleiche, altbekannte Schauspiel darbietet.

So ist es auch in der Ökonomie eine erst in jüngerer Zeit berücksichtigte Tatsache, dass der Mensch sich oft nicht in der Weise rational verhält, wie er es gemäß der ökonomischen Theorie eigentlich müsste. Nur selten führen solche Erkenntnisse allerdings dazu, dass die Theorie infrage gestellt wird. Oft zitiert wird das Modell für den Gebrauchtwagenmarkt von George A. Akerlof. Akerlof, der später den Nobelpreis für Ökonomie erhielt, entwickelte das Modell der Informationsasymmetrie in freien Märkten. Informationsasymmetrie führe dazu, dass Märkte nach einiger Zeit zusammenbrechen. Am Beispiel des Gebrauchtwagenmarktes führte Akerlof aus, dass der Käufer schlechte Chancen hat, ein qualitativ höherwertiges Auto von einem schlechten Auto zu unterscheiden. Deswegen wird der Käufer aufgrund des Risikos, ein schlechtes Auto zu erwischen, grundsätzlich geringere Preise zahlen. Davon profitieren die Anbieter von schlechten Autos. Die von qualitativ guten Autos können dagegen keinen fairen Preis erzielen. Folglich verlassen sie den Markt und es reichern sich schlechte Autos an. Der Markt bricht nach einiger Zeit zusammen. [22]

In der Praxis dürfte der Gebrauchtwagenmarkt also gar nicht existieren. Es gibt ihn aber trotzdem. Das hat vor allem damit zu tun, dass Gebrauchtwagenhändler Garantieerklärungen abgeben. Man sieht an diesem Beispiel aber gut, dass eine schlüssige und reine Theorie das eine und die Praxis etwas anderes ist. Später beschäftigte sich Akerlof im Übrigen mit dem Phänomen, dass (Kauf-)Entscheidungen nicht nur aufgrund der Relation von Einkommen und Preis, sondern stark auch aufgrund sozialer Normen auf der Grundlage der eigenen sozialen Identität getroffen werden. Wen kann das überraschen?

6Naturwissenschaft: Der Königsweg?

Manche glauben, Experimente, Statistik und andere naturwissenschaftliche Methoden wären ein sauberer Weg, den Fehlerquellen der menschlichen Vernunft ein Schnippchen zu schlagen. Enorme wissenschaftliche und technische Fortschritte scheinen diese Vermutung zu belegen. Man muss doch nur vergleichen, wie wir heute im Vergleich zu Menschen des Mittelalters leben. In der Tat stehen all unsere Errungenschaften für das Potenzial wissenschaftlicher Methoden. Aber die Erfolge täuschen über die Defizite hinweg. Denn es gilt auch für die Wissenschaft, was wir schon festgestellt haben: Alles, was mit Menschen zu tun hat, ist in gleicher Weise von den menschlichen Konstruktionsschwächen betroffen. Und Wissenschaft zu betreiben, ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Anders als viele glauben, ist auch die wissenschaftliche Methodik durch die gleichen Fehlerquellen und Verzerrungen gekennzeichnet, die untrennbar mit der menschlichen Vernunft und ihrer Anwendung verbunden sind. Diese Aussage ist der Kern einer umfassenden Wissenschaftskritik. Eine genaue Erörterung dieses Themas würde den Rahmen des vorliegenden Buches sprengen. Hierzu ist ein eigenes Buch in Vorbereitung.

Um die Grundthese an dieser Stelle aber nicht als reine Behauptung stehen zu lassen, möchte ich sie zumindest kurz anhand einiger Beispiele verdeutlichen.

6.1Kahnemans Taxiproblem

Beginnen wir mit Statistik. Statistiken sind in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit weit verbreitet. Prozentzahlen und mathematische Korrelationen vermitteln den Eindruck scheinbarer Objektivität. Aber auch hier liegen Licht und Schatten nahe beieinander. Der in diesem Buch ausführlich zitierte Daniel Kahneman hat sich intensiv mit Verzerrungen unserer Wahrnehmung und Erkenntnisfähigkeit beschäftigt. Als Naturwissenschaftler belegt er die menschlichen Denkfehler oft dadurch, dass er sie mit scheinbar objektiven Zahlen vergleicht. Auf welch schwankendem Grund die scheinbar objektiven Tatsachen stehen, kann man anhand eines von Kahneman selbst dargestellten Beispiels demonstrieren. Es handelt sich um das Taxiproblem. Kahneman verwendet es, um zu demonstrieren, dass wir bei unseren Einschätzungen oft statistische Zusammenhänge bzw. Wahrscheinlichkeiten ignorieren, es sei denn, der Zusammenhang wird uns in einer eingängigen Geschichte präsentiert. Dieser Befund ist zweifellos richtig. Man kann das Beispiel aber auch dazu verwenden, um auf die mit dem statistischen Ansatz verbundenen Probleme hinzuweisen. Sie stehen stellvertretend für die häufig unterschätzten Schwierigkeiten, die auch mit der naturwissenschaftlichen Methodik verbunden sind.

Zunächst das Taxibeispiel, so wie Kahneman es in seinem Buch schildert: »Ein Taxi war an einem nächtlichen Unfall mit Fahrerflucht beteiligt. Zwei Taxiunternehmen, Green und Blue, arbeiten in der Stadt.

Sie erhalten die folgenden Daten:

−85 Prozent der Taxis in der Stadt gehören der Firma Green, 15 Prozent der Firma Blue.

−Ein Zeuge hat das Taxi als eines der Firma Blue identifiziert. Das Gericht überprüfte die Zuverlässigkeit des Zeugen unter den Umständen, die in der Nacht des Unfalls herrschten, und gelangte zu dem Schluss, dass der Zeuge jede der beiden Farben in 80 Prozent der Fälle richtig und in 20 Prozent der Fälle nicht richtig erkannte.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass das an dem Unfall beteiligte Taxi der Firma Blue und nicht der Firma Green gehörte?«

Kahneman weist darauf hin, dass es zwei Informationen gibt: »Eine Basisrate und die nicht gänzlich zuverlässige Aussage eines Zeugen. Ohne einen Zeugen liegt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das am Unfall beteiligte Taxi der Firma Blue gehört, bei 15 Prozent – was die Basisrate für dieses Ergebnis ist. Wenn die beiden Taxi-Unternehmen gleich groß wären, hätte die Basisrate keinen Informationsgehalt, und Sie würden lediglich die Zuverlässigkeit des Zeugen betrachten, sodass Sie zu dem Schluss kämen, dass die Wahrscheinlichkeit 80 Prozent beträgt.«

Die Aufgabe ist mit der Bayesschen Formel zu lösen. Sie kombiniert die Wahrscheinlichkeiten (15 Prozent und 80 Prozent). Das Resultat ist 41 Prozent. Die häufigste Antwort ist aber 80 Prozent, weil die Basisrate ignoriert und nur der Zeuge beachtet wird.

Kahneman fährt fort: »Betrachten wir nun eine Variante der gleichen Geschichte, in der nur die Präsentation der Basisrate verändert wurde.

Sie erhalten die folgenden Daten:

−Die beiden Firmen betreiben die gleiche Anzahl von Taxis, aber Green-Taxis sind an 85 Prozent der Unfälle beteiligt.

−Die Information über den Zeugen ist die gleiche wie in der vorangehenden Version.

Die beiden Versionen des Problems sind mathematisch gesehen identisch, aber psychologisch betrachtet recht unterschiedlich. Personen, die die erste Version lesen, wissen nichts mit der Basisrate anzufangen und ignorieren sie oftmals. Dagegen geben die Probanden, denen die zweite Version dargeboten wird, der Basisrate ein erhebliches Gewicht, und ihr durchschnittliches Urteil ist nicht allzu weit von der Bayesschen Lösung entfernt. Wieso?

In der ersten Version ist die Basisrate von Blue-Taxis eine statistische Tatsache über Taxis in der Stadt. Ein auf kausale Zusammenhänge erpichter Intellekt findet hier nichts zum Beißen: Wie kann die Anzahl der Green- und Blue-Taxis in der Stadt die Ursache dafür sein, dass dieser Taxifahrer Unfallflucht begeht?

In der zweiten Version dagegen verursachen die Fahrer der Green-Taxis mehr als fünfmal so viele Unfälle wie die Blue-Taxis. Daher die prompte Schlussfolgerung: Die Green-Fahrer müssen ein Verein von rücksichtslosen Irren sein! Sie haben jetzt ein Stereotyp über die Rücksichtslosigkeit von Green gebildet, das Sie auf unbekannte einzelne Fahrer im Unternehmen anwenden. Das Stereotyp lässt sich mühelos in eine kausale Geschichte einfügen, weil Rücksichtslosigkeit eine kausal relevante Information über einzelne Taxifahrer ist. Diese Version enthält zwei kausale Geschichten, die miteinander kombiniert bzw. in Einklang gebracht werden müssen. Die erste ist die Fahrerflucht, die natürlich die Vorstellung wachruft, dass ein rücksichtsloser Green-Fahrer verantwortlich war. Die zweite ist die Zeugenaussage, die entschieden darauf hindeutet, dass es ein Blue-Taxi war. Die Schlüsse aus den beiden Geschichten über die Farbe des Taxis sind widersprüchlich und heben sich annähernd gegenseitig auf. […]

Das Taxi-Beispiel veranschaulicht zwei Typen von Basisraten. ›Statistische Basisraten‹ sind Tatsachen über eine Population, zu der ein Einzelfall gehört, aber sie sind nicht relevant für den Einzelfall. ›Kausale Basisraten‹ verändern Ihre Sichtweise darüber, was einen Einzelfall hervorgebracht hat. Die beiden Typen von Informationen über Basisraten werden unterschiedlich behandelt:

−Statistische Basisraten werden im Allgemeinen untergewichtet und manchmal völlig außer Acht gelassen, wenn spezifische Informationen über den vorliegenden Fall verfügbar sind.

−Kausale Basisraten werden als Information über den Einzelfall behandelt und lassen sich leicht mit anderen fachspezifischen Informationen verknüpfen.« [4, S. 208–210]

6.2Methodische Probleme statistischer Modelle am Beispiel des Taxiproblems

Man kann sagen, ein Hauptproblem bestehe bei der einzelfallbezogenen menschlichen Analyse in der überbordenden Tendenz, zu generalisieren und Kausalitäten zu konstruieren, die subjektiv vertraut erscheinen, letztlich aber auf verzerrten Wahrnehmungen und Beurteilungen beruhen. Wir haben eine Menge möglicher Fehlerquellen für die damit verbundenen Prozesse zur Kenntnis genommen. Umgekehrt könnte man sagen, dass das Problem statistischer Zugänge genau im Gegenteil, im Fehlen von Kausalität, zu suchen ist. So sind statistische Zugänge häufig dann stark, wenn es um überschaubare Verhältnisse geht und wenn sie für eine grobe Orientierung zum Beispiel zum Screening eingesetzt werden. Hingegen sind sie oft nicht in der Lage, komplexe Phänomene mit der nötigen Differenziertheit abzubilden. Denn die Informationen, aus denen sich Statistiken entwickeln lassen, müssen (1) praktisch verfügbar (d. h. schon vorher bekannt) sein und sich (2) in Form von Zahlen abbilden lassen. Das führt zwingend zu einer enormen Reduktion von Information und einer hochgradigen Selektion potenzieller Einflussvariablen. Man kann das anhand des Taxibeispiels verdeutlichen.

Auf den ersten Blick scheint die auf dem Bayes-Theorem beruhende Berechnung einen entscheidenden Vorteil zu haben. Sie wirkt objektiv, weil sie anscheinend nicht durch kausale Annahmen mit ihren vielfachen Fehlerquellen beeinflusst ist. Die Berechnung geht allein von objektiven Zahlen wie der Verteilung der Taxis zwischen den Unternehmen Green und Blue aus.

Bei näherem Hinsehen versteckt sich aber auch in diesem scheinbar neutralen Zugang bereits eine kausale Annahme. Sie lautet: Das Unternehmen, das mehr Taxis besitzt, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, den Unfall verursacht zu haben, als das Taxiunternehmen, dem weniger Taxis gehören. Gemäß dieser kausalen Hypothese wird die prozentuale Verteilung der Taxis auf die beiden Unternehmen als Basisrate angesehen, mit der gerechnet wird. Es könnte aber sein, dass diese Verteilung die falsche Basisrate ist, weil die ihr zugrunde liegende kausale Hypothese falsch ist. Denn die Besitzverhältnisse sagen ja noch nichts über die Fahrtzeiten, die Auslastung oder die regionale Verteilung der Taxis aus. Das könnte aber entscheidend sein. Denn wir interessieren uns ja für die Basiswahrscheinlichkeit, mit der ein Taxi eines der beiden Unternehmen an einem bestimmten Ort anzutreffen ist.

Nehmen wir an, die Taxis haben räumliche Schwerpunkte. Da die Firma Blue weniger Taxis als die Konkurrenzfirma hat, konzentriert sie sich auf einige wenige Stadtteile. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie in diesen Stadtteilen herumfährt, ist deswegen deutlich höher als 15 Prozent. Dass blaue Taxis in anderen Stadtteilen auftauchen, ist dafür viel unwahrscheinlicher als 15 Prozent. Schließlich können die Taxis ja nicht gleichzeitig an zwei Orten sein. Es könnte sein, dass der Stadtteil, in dem der Unfall geschah, gerade ein solcher Schwerpunkt der Firma Blue ist. Nehmen wir an, die Präsenz der kleinen Firma ist hier sogar so groß, dass sie 80 Prozent der entsprechenden Aufträge bekommt. Die Basisrate für ihre Taxis wäre also in diesem Stadtteil nicht 15 Prozent, sondern praktisch 80 Prozent. Die theoretisch plausible Basisrate von 15 Prozent für das gesamte Stadtgebiet zugrunde zu legen, ist falsch und führt zu einer schweren Verzerrung des entsprechenden Ergebnisses. Die Zeugenaussage würde in diesem Fall durch die theoretische Basisrate in völlig unzulässiger Weise entwertet.

In der Praxis ist also die entscheidende Frage: Wusste der Statistiker, dass die Stadtgebiete ganz unterschiedlich befahren werden und es verschiedene Basisraten für einzelne Stadtteile gibt? Vielleicht haben sich die beiden Unternehmen abgesprochen und die Stadtteile untereinander aufgeteilt. Sie haben keinerlei Interesse, dass ihre Absprache publik wird. Dem Statistiker, der bemüht ist, die richtige Basisrate in Erfahrung zu bringen, könnten sich also Hindernisse in den Weg stellen, die er gar nicht kennen kann. Er wird also eine Basisrate nehmen, die ihm einerseits plausibel erscheint und die ihm andererseits überhaupt zugänglich ist.

Weil es für den Unfall keinen direkten Zeugen gab, muss es sich um eine Leerfahrt gehandelt haben. War es eine Suchfahrt, um einen Fahrgast zu finden? Es ist keineswegs sicher, dass die Firmen proportional zu ihrer Größe und nicht proportional zu ihrem Geschäftserfolg Suchfahrten durchführen. So könnte es sein, dass das erfolgreichere Unternehmen überproportional viele Suchfahrten unternimmt, um Gäste zu bekommen. Dann fährt eine der beiden Firmen sehr viel mehr in der Stadt herum, während die anderen Taxis an fixen Standorten warten. Es könnte aber genau umgekehrt sein. Die Firma, die viel mehr Aufträge bekommt, erreicht dies über mehr Mitarbeiter, größere Bekanntheit, bessere Standplätze oder irgendeinen anderen Faktor. Jedenfalls führt der Erfolg dazu, dass diese Firma für eine bezahlte Taxifahrt sehr viel weniger Suchfahrten unternehmen muss als die andere. In diesem Fall wäre nicht die erfolgreichere, sondern gerade die weniger erfolgreiche Firma überproportional häufiger auf Suchfahrten anzutreffen. Für die Basisrate wären jedenfalls die effektiven Fahrzeiten entscheidend. Vielleicht gibt es hierzu aber gar keine Zahlen.

Konstruieren wir einen weiteren Aspekt. Der entscheidende Punkt ist die Fahrerflucht. Aber warum ist der Fahrer geflüchtet? War er nicht versichert oder hat er einen cholerischen Chef? Oder war er unerlaubterweise privat unterwegs und ist nach Hause gefahren? In der Logik dieses Gedankens könnten Fahrer, die in der Nähe des Unfallortes wohnen, einen stärkeren Grund – und damit eine höhere Wahrscheinlichkeit – haben, Fahrerflucht zu begehen. Dann wäre die entscheidende Basisrate diejenige, die etwas über die Verteilung der Wohnorte von Fahrern der Firma Blue und Green im Umkreis des Unfalls aussagt.

Vielleicht sind Fahrer, die schon zwei Unfälle auf dem Konto haben, bei einem dritten Unfall stark gefährdet, ihre Arbeit zu verlieren. Sie haben Grund für eine Fahrerflucht. Trifft das zu, dann wären die Prozentzahlen für Fahrer mit zwei Unfällen im Unternehmen Blue und Green interessant.

Ich will es nicht ins Absurde steigern. Wir sehen aber, dass selbst in einem sehr einfachen und überschaubaren Beispiel der Teufel im Detail liegt. Der scheinbar so objektive statistische Ansatz führt uns – eh wir uns versehen – in ähnliche Probleme wie das freie Denken, das so anfällig für Fehler und Verzerrungen ist.

Gerade bei komplexen Phänomenen sind die Auswahl einer geeigneten Basisrate und das Erkennen der wichtigen Informationen oft ein großes Problem. Denn gemessen werden die Informationen, die zugänglich sind und die sich in Zahlen abbilden lassen. Das kann aber ein völlig falscher Ansatz sein. Sicher aber ist der Statistiker im Vorteil, der das Phänomen, das er untersucht, sehr gut durchdrungen hat. Nur so kann er überhaupt erkennen, wo mögliche praktische Probleme und Grenzen der Erfassung liegen. Nicht selten fehlt dieses Wissen aber. Dann greift der Wissenschaftler zu den Zahlen, die ihm zugänglich sind. Dieses Vorgehen kennen wir. Es entspricht der WYSIATI-Regel. Man erkennt das, was man sieht, und nicht das, was tatsächlich vorhanden ist. Das führt zu falschen Zahlen und falschen Schlussfolgerungen.

Empirische Methoden kämpfen mit den gleichen Problemen, die generell mit der menschlichen Vernunft und der menschlichen Natur verbunden sind. Oder wie Kant es bereits sagte: Die Empirie erkennt das, was sie zuvor als Struktur und Fragestellung in das Phänomen hineingelegt hat.

6.3Methode oder Versuchspersonen: Wer liegt hier falsch?

Ich habe Nassim Taleb als Vertreter eines mathematisch-empirischen Ansatzes vorgestellt, der die Grenzen und die inhärenten Verzerrungen dieses Ansatzes unterschätzt (Kap. 2.11).

Ich will das an einem weiteren Beispiel demonstrieren. Taleb schildert ein berühmtes psychologisches Experiment. Man bittet Versuchspersonen, etwas zu schätzen. Sie sollen einen Zahlenbereich so wählen, dass die zu schätzende Zahl sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent im gewählten Zahlenbereich befindet. Den Zahlenbereich können sie frei wählen. Theoretisch müsste man erwarten, dass jeweils 98 Prozent der getesteten Personen einen Zahlenbereich angeben, in dem der gesuchte Wert enthalten ist. Bei einer vorgegebenen Fehlertoleranz von 2 Prozent sollten theoretisch also nur 2 von 100 Personen den tatsächlichen Wert verfehlen. Solche Experimente zeigen aber regelmäßig, dass der Prozentsatz von Personen, die danebenliegen, sehr viel höher ist. Das heißt, die Versuchspersonen gehen davon aus, dass sie einen Wertebereich angeben, der mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit die tatsächliche Zahl trifft. In Wahrheit ist diese Wahrscheinlichkeit aber sehr viel geringer.

Taleb führt für diese Art von Experimenten beispielhaft folgende Anekdote an. Bei einem Vortrag bat er seine Zuhörer, zu schätzen, wie viele Bücher Umberto Eco in seiner Bibliothek hatte. Bei solchen Experimenten liegen immer – und so war es auch hier – sehr viele Personen daneben, obwohl sie selbst sicher sind, dass ihr Zahlenbereich die gesuchte Zahl enthält. In diesem Fall war es sogar so, dass keine Person einen Bereich nannte, der die tatsächliche Zahl von 30 000 Büchern einschloss. Manche langen viel zu tief und andere viel zu hoch. Manche gaben einen Wertebereich von 2000 bis 4000 an. Andere nannten einen Zahlenbereich von 300 000 bis 600 000 Büchern. [5, S. 176–177]

Es gibt zwei Schlussfolgerungen, die aus solchen Experimenten gezogen werden. Menschen überschätzen ihr Wissen. Anders ausgedrückt: Sie unterschätzen die Unsicherheit bzw. ihr Nichtwissen. Sie sind sich also zu 98 Prozent sicher, obwohl das Wissen im Schnitt nur zu einer zum Beispiel 50-prozentigen Trefferquote führt oder noch viel schlechter ausfällt. Die zweite Schlussfolgerung geht in die Richtung, dass Menschen schlecht darin sind, Vorhersagen zu treffen. Denn die Ausgangssituation des Experiments ist mit einer Situation vergleichbar, in der man aufgrund unvollständiger Informationen eine Prognose für die Zukunft treffen soll. Ob man etwas Vergangenes (zum Beispiel die Anzahl der Bücher in der Bibliothek von Umberto Eco) aufgrund eines nicht detaillierten Wissens schätzen oder ein zukünftiges Ereignis aufgrund ebenfalls unvollständigen Wissens einschätzen soll, ist eine ähnliche Ausgangslage. So ist es fast immer bei der Einschätzung komplexer zukünftiger Ereignisse. Man kennt nur einen Teil der maßgebenden Faktoren bzw. kann nicht genau sagen, welche Faktoren mit welcher Bedeutung für eine zukünftige Entwicklung zu werten sind.

Man kann aber nun einen fundamentalen Einwand gegen diese Experimente vorbringen. Die Versuche sind so aufgebaut, dass man das Ergebnis leicht und statistisch sauber auswerten kann. Die Teilnehmer erhalten eine präzise Zahl über die Wahrscheinlichkeit, wie zuverlässig sie ihre eigene Einschätzung bewerten sollen (98 Prozent). Das, was sie schätzen sollen, sind wiederum Zahlen. Es lässt sich also sehr einfach auswerten, ob eine Versuchsperson einen Treffer hatte oder nicht.

Wir haben bei den allgemeinen psychologischen Verzerrungen unseres Denkens gesehen, dass wir schlecht darin sind, intuitiv mit Zahlen und vor allem mit Statistiken umzugehen (vgl. Kap. 2.10). Das ist auch nicht überraschend. Denn Mathematik und der Umgang mit Zahlen sind in unserer evolutionären und über viele Hunderttausend Jahre dauernden Entwicklung ein recht modernes und erst sehr spät hinzugekommenes Phänomen. Die Urzeitmenschen beschäftigten sich nicht mit der Schätzung der Anzahl von Büchern, mit Wertebereichen, Statistik oder prozentualen Sicherheiten oder Unsicherheiten von Aussagen. Auch wenn wir heute viel mit Computern und Rechenmaschinen umgehen, funktioniert der menschliche Verstand nicht wie ein mathematisches Programm. Man könnte also sagen, dass die Versuchsanordnung unfair ist. Denn sie schafft künstliche Bedingungen. Die sind zwar optimal dafür geeignet, den Versuch später mit statistischen Methoden auszuwerten. Sie sind aber weit von einer praktischen Realität entfernt. Außer in einer Quiz-Show, in der diese Frage gestellt würde, wird es je kaum eine praktische Bedeutung haben zu wissen, wie viele Bücher Umberto Eco in seiner Bibliothek hatte. Deswegen sind solche Experimente schlecht geeignet, um die Qualität menschlicher Vorhersagefähigkeiten abzubilden. Die meisten Teilnehmer gingen wohl davon aus, dass Umberto Eco sehr viele Bücher in seiner Bibliothek hatte. Vermutlich dürften sie ihre Einschätzung darauf gestützt haben, dass er überhaupt eine Bibliothek besaß und dass sie ihn als Schriftsteller und Gelehrten kannten. Unter diesem Blickwinkel wollten sie zum Ausdruck bringen, dass es sich um überdurchschnittlich viele Bücher handeln müsse. Und damit hatten sie absolut recht. Für die einen bedeuteten überdurchschnittlich viele Bücher 2000 bis 4000, für andere 300 000 bis 600 000. Wenn man nun die hohen Fehlerquoten interpretiert, dann muss das gar nicht für schlechte Vorhersagefähigkeiten oder die Überschätzung des eigenen Wissens sprechen. Es könnte sich schlicht darum handeln, dass die eigentlich zutreffende globale Einschätzung (überdurchschnittlich viele Bücher) nicht gut in eine abstrakte mathematische Sprache übersetzt werden kann. Denn dass Menschen das intuitiv nicht gut können, ist alles andere als eine Überraschung.

Wiederum erkennt man hier ein Problem der empirisch-naturwissenschaftlichen und scheinbar objektiven Methode. Nicht selten sind die Ergebnisse der Versuchsanordnungen nichts anderes als das, was durch diese Versuchsanordnungen von Anfang an angelegt war.

6.4Irrtümer der Wissenschaft: Einige Beispiele

Nicht wenige Wissenschaftler sind blind gegenüber den Verzerrungsmechanismen, von denen die Naturwissenschaft genauso betroffen ist wie das »freihändige« Denken.

Einige weitere Schlaglichter:

John Ioannidis ist Professor an der Stanford Universität und ein Experte für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Wissenschaft. Er schätzt, dass achtzig Prozent aller wissenschaftlichen Ergebnisse methodisch falsch sind. Ein wahrlich ernüchternder Wert. [23]

Vieles, was man in früheren Zeiten als wissenschaftlich unumstößliches Wissen angesehen hat, stellte sich später als falsch, grotesk oder gar verstörend heraus:

Im 18. Jahrhundert wurden mit Siegellack oder einem heißen Eisen Körperteile verbrannt, Patienten über Feuersbrünsten oder dem tobenden Meer hochgezogen oder mit Flaschenzügen aufgezogen und dann stundenlang hängen gelassen. [24]

Man spritzte kaltes Wasser in die Scheide, setzte Patienten Lehmkappen oder Eismützen auf oder kettete sie, bis zum Kinn im Wasser stehend, in einem Brunnen an. [25]

In der Psychochirurgie griff man zum Skalpell. Burckhardt behandelte Ende des 19. Jahrhunderts Halluzinationen dadurch, dass er chirurgisch äußere Gehirnschichten entfernte. [26] Bis in die 1950er-Jahre hinein durchtrennte man bei Eingriffen die weiße Substanz des Stirnhirns, um Gefühlsprozesse zu dämpfen. [27]

Zur »Behandlung« der Masturbation wurden Klitorisentfernungen vorgeschlagen. Das dunkle Kapitel der Zwangssterilisation im Nationalsozialismus sei hier nur am Rande erwähnt. [28] [Beispiele aus: 19, S. 30]

Vieles, was man vor fünfzig oder hundert Jahren glaubte, wirkt heute merkwürdig oder sogar verstörend. Machen wir uns aber nichts vor. Mit einer Vielzahl unserer heutigen Erkenntnisse wird es in fünfzig oder gar hundert Jahren nicht anders aussehen. Das ist kein Vorwurf an die damaligen Autoren und auch keine Generalkritik an der Wissenschaft schlechthin. Denn hier gilt das Gleiche, was auch für den Gebrauch unserer Vernunft im Allgemeinen zutrifft. Das Potenzial, Wichtiges und Richtiges differenziert zu erkennen und dadurch Fortschritte zu erzielen, letztlich die Welt besser zu machen, ist allgemein durch den Gebrauch der Vernunft und im Speziellen durch Wissenschaft durchaus vorhanden. Es gibt fantastische wissenschaftliche Arbeiten mit faszinierenden Ergebnissen. Aber sie sind in der Minderheit. Denn auch in der Wissenschaft ist gleichermaßen das Potenzial für Verzerrungen, Falsches, Unnützes und Absurdes vorhanden. Das wird häufig nicht erkannt.

6.5Das erkenntnisleitende Interesse

»Erkenntnisleitendes Interesse« ist ein Begriff der Frankfurter Schule. Er steht im Zentrum einer von Jürgen Habermas formulierten umfassenden Gesellschafts- und Wissenschaftskritik. [29; 30] Die Bezugssysteme, auf die sich Wissenschaften stützen, sind durch Wertungen und Interessen geprägt. Sobald man die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf diese Bezugssysteme bezieht, »zerfällt der objektivistische Schein [der Wissenschaften; F. U.] und gibt den Blick auf ein erkenntnisleitendes Interesse frei«. [29, S. 155]

In einem allgemeineren Sinn beschreibt das erkenntnisleitende Interesse den Einfluss, den eigene Interessen darauf ausüben, was wir für wahr halten. Sichtweisen, die uns nutzen, haben eine sehr viel größere Chance, vehement als Wahrheit vertreten zu werden, als solche ohne einen persönlichen Nutzen.

Diese Verzerrungen erfolgen manchmal bewusst. Häufiger sind sie aber das Ergebnis psychischer Mechanismen. Sie stellen dann einen Spezialfall der Ausrichtung unserer Urteile an einem bequemen und/oder vertrauten und/oder emotional stimmigen psychischen Erleben dar. Nicht, dass man es nicht wissen könnte, dass sich die Urteilsbildung an eigenen Interessen ausrichtet und durch sie beeinflusst wird. Aber es sind all die dienstbaren Verzerrungsmechanismen des RSG-Modells am Werk, diesen Zusammenhang in die weite Ferne einer bestenfalls nur punktuell aufflackernden Ahnung zu schieben, ihn ansonsten aber umzudeuten und zu verschleiern. Dabei ist die Wissenschaft mit ihren hohen moralischen Ansprüchen vor dem Einfluss offensichtlicher oder verdeckter Interessen alles andere als gefeit.

Zwei Beispiele:

Man kann auf den jahrzehntelangen Kampf von Lobbyisten der Tabakindustrie verweisen. In von den Tabakkonzernen finanzierten Studien wurde lange Zeit bestritten, dass Rauchen gesundheitsschädlich sei. Als diese Position nicht mehr aufrechtzuerhalten war, entstanden jahrelang von gleicher Seite in Auftrag gegebene »hochwertige wissenschaftliche Studien« mit der Aussage, dass zumindest Passivrauchen keine Gefahr darstelle. Es wurde gelogen, es wurden Anwälte eingespannt und Medien manipuliert, um unliebsame Wahrheiten zu unterdrücken. Der Umgang mit Kritikern grenzte an mafiöse Methoden (vgl. Kap. 8.7).

Die Steuerung von Forschungsvorhaben und -ergebnissen findet über die Auswahl von Studien statt, die realisiert werden, über die Vergabe von Forschungsgeldern, über Fortbildungen oder schöne Hochglanzprospekte. Dafür gibt es viele Belege. Henry Thomas Stelfox untersuchte Wirksamkeitsnachweise von Calciumantagonisten – Medikamente, die u. a. bei der Behandlung von Bluthochdruck und Angina pectoris eingesetzt werden. »96% der Autoren, die in ihren Studien zu positiven Ergebnissen […] kamen, waren […] finanziell unterstützt worden.« Bei Autoren, die sich kritisch zur Verwendung äußerten, waren es nur 37 Prozent. [31, zitiert nach 19, S. 31]

Was zeigen uns diese Beispiele? Unvollständige, selektierte Informationen, die Objektivität vorgaukeln, aber zu völlig verzerrten Resultaten führen können. Also die WYSIATI-Regel in Reinkultur. Runde, stimmige Geschichten, die bequem oder nützlich sind, die Vermeidung kognitiver Dissonanzen, ein Denken in bequemen, ausgetretenen Pfaden, das fehlende Bewusstsein von Schwächen und Grenzen naturwissenschaftlicher und speziell statistischer Methoden, die Tendenz zur Generalisierung und vieles mehr. Alles typische Elemente des RSG-Modells.

Die Wissenschaft ein Ort objektiver Glückseligkeit? Alles andere als das. Sie ist durch die gleichen Fehlerquellen und Verzerrungsmechanismen geprägt, die untrennbar mit der menschlichen Vernunft verbunden sind. Auch die naturwissenschaftliche Methode ist hier keine Ausnahme. Ihre besondere Gefahr liegt genau darin, dass sie von vielen als eine solche Ausnahme und als Königsweg zu objektiver Erkenntnis propagiert wird. Genau deshalb bietet sie eine gute Grundlage für verhängnisvolle und hartnäckige Fehlbeurteilungen.

6.6Das Hamsterrad dreht sich immer und überall

Thomas S. Kuhn, der von Hause aus Physiker war, schrieb 1962 ein Buch über wissenschaftliche Revolutionen, das als eines der wichtigsten Werke der Wissenschaftstheorie gilt. [32] Er unterscheidet Phasen der Normalwissenschaft von wissenschaftlichen Revolutionen. Bei wissenschaftlichen Revolutionen kommt es zu einer Änderung zentraler Paradigmen.

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die wissenschaftliche Revolution von heute der Normalbetrieb von morgen ist. Dieser Normalbetrieb von morgen schwebt stets in der Gefahr, durch die wissenschaftliche Revolution von übermorgen in der Zukunft nur noch mit Kopfschütteln zur Kenntnis genommen zu werden. Die Phase der Normalwissenschaft ist diejenige, in der Aristoteles und all seine Schüler merkwürdige Lehren über physikalische Sachverhalte verbreiteten, ohne sich der Merkwürdigkeit bewusst zu sein. Es ist die Phase, in der Christoph Kolumbus fest davon überzeugt war, in Indien gelandet zu sein, und vehement die Möglichkeit bestritt, dass er selbst einen neuen Kontinent entdeckt haben könnte.

Die Wissenschaft bewegt sich im Normalbetrieb in einer Art Hamsterrad. Sie kann nicht unterscheiden, was sie mit ihrer aktuellen Weltsicht, den jeweils gut etablierten Werten und Theorien bzw. den vorherrschenden Paradigmen zutreffend identifiziert und erklärt und was sie mit ihren Paradigmen nicht einmal im Ansatz sehen kann und deswegen ignoriert, verdeckt oder verzerrt. Innerhalb des Hamsterrades geht alles logisch auf. Alles wirkt stimmig und rund. Die Kunst wäre es, aus einer hypothetischen Perspektive in der Zukunft einen Blick auf die Gegenwart werfen zu können oder irgendeinen anderen Weg zu finden, der uns in die Lage versetzt, aus einer theoretischen Außenperspektive auf das eigene Hamsterrad zu schauen. Die wenigsten Wissenschaftler wollen das. Denn sie bevorzugen es, sich auf ausgetretenen, vorgegebenen und deswegen sicheren Bahnen zu bewegen. Die wenigsten können das, weil es ein schwieriges Unterfangen ist, sich von den aktuell vorherrschenden Paradigmen so weit zu lösen, dass zumindest teilweise ein davon unabhängiger Blick ermöglicht wird.

Das betrifft aber nicht nur die Wissenschaft. Die Wissenschaft ist nur ein spezieller Anwendungsfall dieser Tendenz, die der menschlichen Natur zutiefst naheliegt. Wir mögen stimmige Geschichten. Wir vermeiden kognitive Dissonanz – mit all den beschriebenen Mechanismen und Konsequenzen des RSG-Modells. Daher kann es nicht erstaunen, wie langlebig die Irrtümer des Normalbetriebs der Wissenschaft sind. Denn sie befinden sich in einem sich immer wieder selbst bestätigenden Zyklus von selektiver Beobachtung und selektiver Erkenntnis auf dem Boden vermeintlich gesicherten Wissens und etablierter Normen und Werte. Solange die Menschen glaubten, die Erde sei eine Scheibe, machten sie jeden Tag eine Fülle persönlicher Beobachtungen, die diese Erkenntnis bestätigten. Man muss doch nur geradeaus schauen. Dann sieht man, dass man bis zum Horizont eine gerade Fläche vor sich hat. Das Meer, das Land, die Berge, alles basiert auf geraden Flächen. Nirgendwo sieht man etwas Rundes. So selbstverständlich es uns heute vorkommt, dass die Erde keine Scheibe ist, so selbstverständlich war genau das Gegenteil für die Menschen, die in den Zeiten lebten, bevor dieses Paradigma verändert wurde.

Übrigens nehmen die Anhänger der Theorie, dass die Erde doch eine Scheibe sei, aktuell stark zu. Dabei berufen sie sich mehrheitlich auf die Bibel, in der stehe, dass die Erde eine Scheibe sei, weshalb es gar nicht anders sein könne. So einfach ist das. Einige Anhänger dieser Theorie versorgen die Gemeinschaft mit empirischen Befunden aus eigenen Forschungen. Sie fahren mit dem Schiff auf dem Meer und mit dem Auto auf dem Land herum und berichten, nirgendwo am Horizont eine Krümmung gesehen zu haben. [33; 34] Es ist eine der fatalen Schattenseiten des Internets, dass diese und viele andere Absurditäten und Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch sind und zunehmend Anhänger gewinnen.

Die Tendenz zu verzerrenden Einengungen auf nicht kritisch hinterfragte Paradigmen gilt selbstverständlich nicht nur für die Wissenschaft, sondern für alle Erkenntnisse und Sichtweisen. Teilweise handelt es sich um kollektiv vertretene Positionen, die für eine bestimmte Zeitepoche typisch sind. Im antiken Griechenland und im antiken Rom war Sklavenhaltung ein etabliertes Element der Gesellschaftsordnung. Das war so normal, dass kaum jemand Sklavenhaltung als merkwürdig empfunden hätte. Vielleicht wird es irgendwann in Zukunft einmal so sein, dass man auf uns kopfschüttelnd und mit Unverständnis blickt, weil wir unsere Ernährung zu einem großen Teil durch das massenhafte Quälen und Töten von Tieren sicherstellen.

6.7Skandal um Rosi

Gesellschaftliche Sichtweisen bzw. Paradigmen ändern sich fortlaufend. Manchmal handelt es sich um sehr grundsätzliche Dinge, manchmal geht es um Kleinigkeiten, die uns nicht bewusst auffallen.

Giorgio Vasari war ein 1511 in Arezzo geborener Architekt und Hofmaler. Er wusste die neuen Möglichkeiten des modernen Buchdrucks zu nutzen. Vasari verfasste Biografien über Leonardo da Vinci, Michelangelo und andere Künstler. Er hob vermeintliche Eigenheiten hervor und schuf damit den Typus des genialen, aber exaltierten oder sich an der Grenze zum Wahnsinn bewegenden Künstlers. Galten Künstler bislang eher als Handwerker, wurde nun ein Nimbus geschaffen, der einen regelrechten Starkult begründete. Das Beispiel zeigt, wie durch bestimmte Darstellungsweisen gesellschaftliche Wahrnehmungen und damit gesellschaftliche Realitäten geprägt und verändert werden können.

Wenn wir heute Kriminalfilme aus den 1950- oder 1960-Jahren sehen, dann ist es darin selbstverständlich, dass der Kommissar den Beschuldigten in einem Verhör mit seiner Zigarette oder Zigarre vollqualmt. Heute fällt uns das auf. Damals war es normal und ein Aspekt, der von den meisten Zuschauern gar nicht bemerkt wurde.

Sieht man sich heute einen James-Bond-Film aus den 1960er-Jahren an, dann scheinen manche Bemerkungen aus heutiger Perspektive in sexistisch anmutender Weise anzüglich. Die meisten Frauen in dieser Zeit nahmen die Rolle eines Dummchens ein, das den Meisterspion umgehend und vehement anhimmelte und ihm sofort zur Verfügung stand. Das alles ist heute ein wenig subtiler dargestellt.

Im Kanton Aargau in der Schweiz bediente im Herbst des Jahres 1968 eine gewisse Rosemarie in der »Rose«, der Dorfkneipe des Ortes Baldingen. Rosemarie gelangte damals zu nationaler Berühmtheit. Was war der Grund? Sie bediente in einem Minirock, der nach heutigen Maßstäben nicht einmal besonders knapp ausfiel. Die Schweizerische Boulevardzeitung »Blick« titelte süffisant: »Beiz dank dem Mini-Streit bumsvoll!« (Beiz: schweizerisch für Kneipe), und in der Tat drängelte sich die Kundschaft, um sich von der legendären Rosemarie in der »Rose« bedienen zu lassen. Die Gemeindeverwaltung sah Ordnung und Sitte in akuter Gefahr und drohte damit, die »Rose« zu schließen. Denn man habe beobachtet, dass die Röcke immer kürzer geworden seien, und erachtete die Kleidung von Rosemarie als »unschicklich und unsittlich«. Sie grenze »an den verbotenen Tatbestand des Animierens«. Eine Szene, die sich nicht heute in Saudi-Arabien oder bei uns im Mittelalter ereignete, sondern mitten in Europa vor gerade einmal gut fünfzig Jahren. [35]

Nehmen wir ein letztes Beispiel aus dem Filmbereich. Heutzutage sind sehr schnelle Schnitte in Spielfilmen und in der Werbung weit verbreitet. Das prägt die Sehgewohnheiten der Zuschauer. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren längere Filmszenen üblich und zum Teil auch längere Dialoge. Nicht wenige Zuschauer empfinden lange Filmszenen oder längere Dialoge heute als langweilig. Das Gefühl der Langeweile kommt dadurch zustande, dass sie an die schnellen Einstellungswechsel, die hohe Kadenz von Filmschnitten und an kurze, auf rasche Pointen ausgerichtete Dialoge gewöhnt sind. Das führt dazu, dass es schwieriger ist, längere Szenen oder längere Dialoge auszuhalten. Den Betroffenen wird aber zumeist nicht auffallen, dass sie einem Wahrnehmungsparadigma unterliegen. Sie werden häufiger aufgrund dieses Wahrnehmungsparadigmas, das sie internalisiert haben, die heutige Machart von Filmen interessanter und die frühere als langweiliger wahrnehmen. Die Vorteile und Möglichkeiten, die mit längeren Filmszenen und längeren Dialogen verbunden sind, und die Nachteile, die mit kurzen, sehr schnell wechselnden Szenen und kurzen Dialogen einhergehen, entgehen den meisten so trainierten Zuschauern.

Paradigmen sind demnach längst nicht auf die Wissenschaft beschränkt. Sie kommen in Form von Wahrnehmungsgewohnheiten, Theorien, Überzeugungen, kulturellen Gewohnheiten und Normen, anerkanntem expliziten und impliziten Wissen vor. Der Prägung durch diese Paradigmen kann niemand vollständig entgehen. Es lohnt sich aber, sich der Existenz und der prägenden Bedeutung der aktuellen Paradigmen bewusst zu sein. Es kann sich um Paradigmen handeln, die die gesamte Menschheit betreffen, bestimmte Gesellschaften, bestimmte Gruppen oder auch nur einzelne Personen. Es gibt Paradigmen, die eine überzeugende und nachhaltige Substanz haben. So ist zum Beispiel die Erkenntnis, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt, ein solches nachhaltiges Paradigma. Aus heutiger Sicht hat es gute Aussichten, dauerhaft Bestand zu haben. Es ist im Einzelfall aber aus der Gegenwart heraus oft schwierig zu beurteilen, welche der geltenden oder auch nur individuell akzentuierten Paradigmen eine ähnlich dauerhafte Substanz besitzen oder sich in späteren Zeiten als falsch herausstellen werden.

7Pragmatisch-phänomenologische Betrachtungsweise

Wir haben uns ausgiebig mit Schwachstellen von Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen beschäftigt. Das RSG-Modell beschreibt den Subjektivierungsprozess, der jede Menge Mechanismen beinhaltet, die geeignet sind, Realität zu verzerren und in eine subjektiv stimmige Wirklichkeit zu transformieren. Besonders heikel sind alle Formen der Ordnung, wie sie zum Beispiel als Regeln, Konzepte, Theorien oder Organisationsformen vorkommen. Denn sie haben eine starke Generalisierungstendenz, durch die sie aufgrund einer sich selbst verstärkenden Eigendynamik zum Selbstzweck werden. Das alles spielt sich im archaischen Spannungsfeld der beiden evolutionären Pole der menschlichen Natur (egoistische Selbstbehauptung bzw. Wille zur Macht versus evolutionäres Kooperationspotenzial) ab. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es Vorgehensweisen gibt, die den möglichen Risiken Rechnung tragen.

Ich favorisiere in diesem Zusammenhang eine Haltung, die ich als pragmatisch-phänomenologische Betrachtungsweise bezeichne. Da der Begriff »phänomenologisch« Spielraum für zahlreiche Interpretationen lässt, will ich versuchen, den Kern dieses Vorgehens nachfolgend zu beschreiben.

Von zentraler Bedeutung ist es, die Augen aufzumachen, hinzuschauen, genau zu beobachten, Informationen zu registrieren, und all dies, ohne die Wahrnehmung schon von vornherein durch das enge Raster einer implizit vorhandenen Urteils- bzw. Vorurteilsstruktur zu zwängen.

Eine große Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Fokussierung auf die Praxis. Bei jeder Theorie ist zu prüfen, welche Konsequenzen und Wirkungen sie in der Praxis hat. Diese Perspektive ist ein wichtiges Korrektiv, um Fehlentwicklung in theoretischen Ordnungsprinzipien erkennen zu können. Wenn eine Regel, ein Konzept, eine Theorie oder eine Organisationsform in der Praxis schädliche Wirkungen hat, dann spricht das gegen das theoretische Ordnungsprinzip. Es ist dann falsch, unvollständig oder zumindest missverständlich. In jedem Fall kann das Ordnungsprinzip dann nicht unverändert aufrechterhalten oder sogar unkritisch erweitert werden. Der neugierige und gleichzeitig nüchterne Blick auf die Praxis, auf den Alltag, auf das Konkrete und Banale ist ein wichtiges Element des pragmatisch-phänomenologischen Ansatzes.

Dieses Element soll beispielhaft anhand der Theorie der Psychosomatik verdeutlicht werden.

7.1Beispiel für theoriegeleitete Fehlentwicklungen: Der Fluch der Psychosomatik

Die Theorie der Psychosomatik ist ein Beispiel dafür, wie ein ursprünglich sehr plausibler Grundgedanke zu einer sich immer weiter selbstverstärkenden Fehlentwicklung führte. Einerseits saugten sich viele Autoren wilde, eigenlogische Konzepte aus den Fingern, andererseits führte die Theorie im Alltag zu vielen schädlichen Wirkungen.

Eigentlich geht es um einen sinnvollen Gedanken. Dazu habe ich an anderer Stelle ausgeführt: »Körperliche und psychische Vorgänge sind eng miteinander verknüpft. Das gilt auch für körperliche Symptome oder Erkrankungen. Wir alle wissen, wie psychische Zustände intensive körperliche Veränderungen hervorrufen können. Empfinden Sie Angst, reagiert der Körper auf vielen Ebenen. Ebenso verändert er sich eindrucksvoll, wenn Sie ausgeprägte Freude spüren.« [19, S. 186]

In vielen Studien konnte gezeigt werden, wie stark psychische Faktoren und innere Glaubenssätze körperliche Reaktionen beeinflussen und auch zur Heilung von Krankheiten beitragen können. [U. a. 36] Es ist das Verdienst der Psychosomatik, auf diese Zusammenhänge hingewiesen zu haben. Lange Zeit ging man aber nicht der Frage nach, welchen konkreten und individuellen Nutzen man aus diesem Ansatz für Patienten erzielen kann.

»Die frühen Theoretiker, ihres Zeichens Anhänger klassischer Therapieschulen, begannen nach alter Manier, defizitorientierte Kataloge zu erstellen. Mochten die hinter den Krankheiten entdeckten Persönlichkeitsdefizite auch komplex erklärt werden, so handelte es sich doch um nichts anderes als um hypothetische eindimensionale Kausalerklärungen: Wenn Bluthochdruck, dann aggressionsgehemmt, wenn Duodenalgeschwür, dann ›pseudo-unabhängig‹. [37; 38]

So glaubte beispielsweise Mirsky bei Ulkus-duodeni-Patienten an eine erhöhte Sekretion von Pepsinogen von Geburt an. Darum verlaufe die orale Phase unbefriedigend und es entstehe die auch von anderen Autoren beschriebene ›orale Fixierung‹. Werden in der analen Phase gegen die oralen Abhängigkeitsbedürfnisse anale Reaktionsbildungen produziert, so sei die typische ›Ulkus-duodeni-Dynamik‹ entstanden. Wird dieser unbewußte Konflikt im späteren Leben aktiviert, dann entstehe das Geschwür. [39]

Später fand man heraus, daß 50% der Ulkus-duodeni-Patienten normale Pepsinogenwerte zeigten. Das gab zur Vermutung Anlaß, daß bei diesem Teil der Patienten eine andere Psychologie zugrunde liegen oder aber bei ihnen die Psychologie schlicht eine weniger bedeutsame Rolle spielen könnte.

Das klassische Psychosomatikkonzept geht davon aus, daß ein körperliches Symptom in irgendeiner Form eine innerpsychische Abwehr bedeutet, also eine unteroptimale innerpsychische Konfliktlösung. Die körperliche Erkrankung wird damit in die Nähe eines Verdrängungsprozesses gerückt. Etwas, das im Bewußtsein nicht erlebt wird, sucht sich eine Ausdrucksmöglichkeit in körperlichen Symptomen. Gegenüber diesem klassischen Kausalschluß geht eine alternative Betrachtungsweise von einem anderen Entstehungszusammenhang aus. Körperliche Symptome werden durch negative Kognitionen und Konzeptionalisierungen in einen Teufelskreis sich verstärkender, negativer Wechselwirkungen geschickt. [40]

In diesem Ansatz wird der Zusammenhang zwischen Gefühlen, Kognitionen und körperlichen Symptomen nicht in einem derart einfachen Kurzschluß eines kausalen Beziehungsgefüges gedacht. Vielmehr beinhalten die Entwicklungen unspezifische Aktivierungen bestimmter Hirnregionen und vielfältige physiologische Regulationsprozesse. In einer zirkulären Eigendynamik führen sie zu Somatisierungserscheinungen.

Nun mag man sich in der Theorie über verschiedene Ansätze streiten. Wir wollen aber einen Blick auf den praktischen Behandlungsalltag werfen. Die Psychosomatikidee verwandelte sich in der Praxis endgültig zum Fluch. Differenzierte Psychosomatikkonzepte drangen erst gar nicht in den Alltag. Hier wurde die vereinfachende Verdrängungsidee – körperliches Symptom = verdrängte unbewußte Konflikte –, über die sich so viele tiefenpsychologische Experten ausgelassen hatten, als eine nie weiter hinterfragte oder zu konkreten Handlungskonzepten führende Idee dankbar aufgenommen. Ausgehend von einem ursprünglich konstruktiven und potentiell hilfreichen Ansatz über eine fragwürdige theoretische Ausrichtung erwachte die Psychosomatik so im Alltag nur zu oft in der Gestalt eines zähnefletschenden, destruktiven Ungeheuers zum Leben.

Denn in der Praxis warteten schon viele (Möchtegern-)Therapeuten darauf, ein Instrument in die Hand zu bekommen, um alte besserwisserische Haltungen auf neue Bereiche ausdehnen zu können.

›Das ist doch psychosomatisch! Das hat eindeutig psychosomatische Ursachen!‹

Kennen Sie solche Sätze? Waren sie jemals der Startschuß, dem Patienten verständnisvoller entgegenzutreten, sich mit ihm auf einen aussichtsreichen Weg der Weiterentwicklung zu begeben?

Das habe ich selten gesehen. Im Gegenteil offenbarten viele Haltungen und Einstellungen, die mit dem Psychosomatikkonzept verbunden sind, im Alltag ausgesprochen destruktive Wirkungen. Es sind aber genau diese hinter den Worten stehenden Haltungen und Einstellungen, die Einfluß auf den Patienten und seine Behandlung ausüben. Sie zeigen sich in Gestik, Stimme und Mienen von Mitarbeitern, in ihrem Verhalten gegenüber Patienten. Sie werden handfest sichtbar, in den Planungsentscheidungen zum Umgang mit dem Problem des Patienten und in der weiteren Managementstrategie.

Nehmen wir die Haltung der Nützlichkeitspsychologie ein und stellen die entscheidende Frage: Was nutzt die neue Theorie in der Praxis, welche Konsequenzen zeigen sich im Alltag? Schauen wir nun mit Röntgenblicken hinter die wohlklingenden Worte der Psychosomatik, dann müssen wir ein erschreckendes Bild betrachten.

Psychosomatik ruft im Alltag oft eine merkwürdige Vorwurfshaltung gegenüber dem Patienten hervor: ›Das ist doch psychosomatisch …‹. Sie führt schnell zu ärgerlichen oder gar feindseligen Haltungen der Mitarbeiter. Sie läßt bei den Profis ein Gefühl des tiefen Wissens über den Patienten entstehen. Man glaubt etwas zu wissen, was dieser nicht zu erkennen vermag. Das Symptom ist entschlüsselt und hat einen tiefen Blick auf die Abgründe des Patienten freigegeben. So baut sich eine gesteigerte Asymmetrie zwischen Mitarbeitern und Patient auf, die mit unterschwelliger Geringschätzung und Respektlosigkeit einhergeht. Die Erkrankung wird weniger ernst genommen, und Symptome erhalten weniger Aufmerksamkeit. Es läßt sich eine Reihe destruktiver Haltungen finden, die mit der Psychosomatikidee verbunden werden.

Hierzu einige Übersetzungen: ›Das ist psychosomatisch …‹, kann im praktischen Umgang bedeuten:

1. Das Lehrer-Schüler-Muster:

›Ich weiß die Ursache für deine Symptome, die du nicht erkennen willst (kannst) …‹

Dieses Muster wird in verschiedenen Varianten gespielt:

›Ich weiß mehr über dich als du.‹

›Wir haben den Schlüssel (das ach so tiefe Verständnis) deiner Probleme in der Hand.‹

›Du mußt bei mir Therapie machen, mußt deine Persönlichkeitsdefizite anerkennen, nur dann kann dir geholfen werden.‹

›Wir können dir nicht helfen, aber wir wissen, warum es dir so schlecht geht.‹

2. Das Bestrafungs- und Schuldthema:

›Wenn du nicht an deinen Problemen arbeitest, bist du selber schuld, daß du krank bist.‹

›Wenn du nicht tust, was wir sagen, bist du selber schuld, daß du leidest.‹

›Wer psychisch so gestört ist, kein Wunder, daß der psychosomatisch krank ist.‹

›Wenn du nicht einsehen willst, daß wir recht haben, so bist du selber schuld, daß es dir so geht.‹

›Der kann doch nicht von uns Therapeuten erwarten, daß die Symptome verschwinden, er muß selber etwas tun.‹

Verschwinden die Symptome nicht, werden vielleicht gar stärker, dann hat der Patient nicht genug getan, nicht das Richtige getan, zu wenig an sich gearbeitet (frei nach dem Motto: Erfolge = Therapeutenkunst – Mißerfolge = Schuld des Patienten).

3. Entdeckung des sekundären Krankheitsgewinns:

›Der profitiert doch auf einem verschlungenen Weg von seinen Symptomen. Gut, daß wir das aufgedeckt haben. Der will doch krank sein.‹

4. Verminderte Aufmerksamkeit gegenüber der Krankheit:

Der Wunsch des Patienten nach körperlichen Untersuchungen wird feindselig, mißbilligend, ablehnend entgegengenommen. Schließlich ist es doch psychosomatisch. ›Will er das nicht endlich einsehen, statt uns mit seinen Klagen zu belästigen?‹

Das Weiterbestehen der Symptome wird ärgerlich zur Kenntnis genommen, so als habe der Psychosomatiker – als nicht echter Kranker – kein Recht auf Anteilnahme.

Zweierlei läßt sich am Beispiel der Psychosomatik beispielhaft und stellvertretend für andere Bereiche demonstrieren: Die Bedeutung grundlegender Glaubenssätze, Haltungen und Einstellungen, die sich in der praktischen Umsetzung hinter theoretischen ›Wortansammlungen‹ verbergen, entscheiden über die praktische Wirksamkeit. Wie ein Messer, mit dem man sich ein schmackhaftes Brot schmieren oder einen Menschen verletzen kann, ist die praktische Handhabung eines Instruments entscheidend dafür, ob es hilfreiche oder destruktive Wirkung hat. Zum zweiten zeigt die wissenschaftliche Diskussion, wie wenig diese entscheidende Seite die ›theoretischen‹ Theoretiker interessiert. Diese Theoretiker begnügen sich damit, daß ihre Gedanken auf dem Papier einen geordneten Eindruck hinterlassen. Jeder, dem die Psychiatrie am Herzen liegt, muß sich aber um den praktischen Alltag kümmern, in dem unsere Patienten leben. Hier haben sich Ideen zu beweisen, nicht auf blütenweißem Papier, das alles widerspruchsfrei zu schlucken bereit ist.« [19, S. 185–189]

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