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FRANK STEINHOFER

DAS TERRAIN

ROMAN

Erste Auflage

© 2021 by Secession Verlag Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christian Ruzicska

Korrektorat: Peter Natter

www.secession-berlin.com

Gestaltung und Satz:

Erik Spiekermann und Marco Stölk, Berlin

Herstellung: Daniel Klotz, Berlin

ISBN 978-3-96639-033-0

eISBN 978-3-96639-034-7

Für die fünfte Himmelsrichtung.

Inhalt

BETON

Kapitel 38

Kapitel 37

Kapitel 36

Kapitel 35

Kapitel 34

Kapitel 33

Kapitel 32

Kapitel 31

Kapitel 30

Kapitel 29

AUFBRUCH

Kapitel 28

Kapitel 27

Kapitel 26

Kapitel 25

Kapitel 24

Kapitel 23

Kapitel 22

Kapitel 21

Kapitel 20

Kapitel 19

Kapitel 18

Kapitel 17

Kapitel 16

Kapitel 15

Kapitel 14

Kapitel 13

Kapitel 12

Kapitel 11

LEHM

Kapitel 10

Kapitel 09

Kapitel 08

Kapitel 07

Kapitel 06

Kapitel 05

Kapitel 04

Kapitel 03

Kapitel 02

Kapitel 01

ANMERKUNGEN

DIE NATUR stach ihm ins Auge. Erst ein Baum, dann Bäume, dann zog ihn der Dschungel in seinen Bann. Viktor blickte tief hinein in die bedrohlich wirkende Dunkelheit. Er hörte Schreie, Scharren und Rascheln im Unterholz. Eine Kugel zischte an seinem Kopf vorbei und drang krachend in den Stamm eines Baumriesen. Viktor schrak auf und rannte los. Lianen schlugen ihm ins Gesicht, ein zweiter Schuss fiel, streifte ihn. Er stürzte, seine Hand grub sich in den feuchten Grund des Waldes. »Steh auf!«, feuerte er sich an und erhob sich wieder. Seine Beine – er spürte sie kaum mehr, aber sie trugen ihn. Sie trugen ihn schneller, als er denken konnte in den immer dichter werdenden Dschungel hinein.

Er sprang über aststarke Wurzeln, sah herumgeisternde Schatten, Vögel und direkt vor ihm eine Kreatur, die zischend zurückwich. Er blieb stehen, schaute sich um. Ein rotes Glühen durchbrach den Wall aus Blättern. Die Magmatürme, dachte er, der Countdown für die Sprengung wird gleich beginnen. Er spurtete los, vom Mut getrieben, den der Anblick der angestrahlten Türme in ihm hervorrief. Er sah die Liane nicht, auf die er zulief, knallte mit dem Kopf gegen sie, taumelte und fiel zu Boden.

Stille, das Keuchen der Erde.

Sein Blick bewegte sich entlang der aufragenden Stämme, wanderte von Ast zu Ast, verlor sich in den Kronen der Bäume, erfasste das schimmernde Firmament über ihm. Er schloss die Augen. Ein Nachglühen der Gestirne warf rote und gelbe Punkte auf seine Netzhaut. Als er die Augen wieder aufschlug, sah er blitzendes Metall über sich. Ein Schatten baute sich vor ihm auf. »Das Ende, amigo!« Die Stimme drang zu ihm, erst leise, dann lauter werdend; sie war ihm vertraut. Ein letzter Schuss.

BETON


38

FERNANDA RAÍZ stieß einen Seufzer in die Welt hinaus: Regen prasselte auf die Erde, flutete die Straßen, schlug auf ihrer Veranda auf und schwemmte den Schmutz des Tages fort. Der Smog, der gerade noch Himmelskuppel und Atemwege belegt hatte, löste sich auf, und plötzlich bot sich ihrem Blick hier und da das Blau eines ansonsten von Wolken dicht verhangenen Himmels. Vor ihr blitzten die hohen Türme von Banken und Geschäftshäusern auf, ihr langer Schatten verdunkelte die kleineren Mietshäuser mit ihren Restaurants und Cafés auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Autos stockten am Straßenrand, eine Frau stellte sich unter das Blechdach ihres Verkaufstandes, fing Regenwasser auf und reinigte damit ihre Herdplatte. Die Luft roch frisch, und seltsam: Fernanda vermochte die Züge von Mexico City nicht mehr zu deuten, das im Wolkenbruch unterging. Diese riesige Stadt – atmete sie auf. Jede Nacht schliefen Abermillionen erschöpft ein, um sich tags darauf wieder zu erheben. Das Licht dieses schwülen Tages, das eben noch Palmen und Gesichter hatte erglühen lassen, wich einer unter heftigen Böen aufziehenden Dunkelheit. Fernanda ging über die Außenwendeltreppe zurück in ihr »Observatorium«, wie sie ihr Arbeitszimmer pathetisch nannte. Von hier aus konnte sie das Viertel ringsum, aber auch die Entwicklung der bedrohten Pflanzenarten, die sie hier versammelt hielt, in Ruhe beobachten. Eine Deckenlampe strahlte auf, kaum, dass sie den Raum betreten hatte, und bildete um das Kabinett ihrer Pflanzen einen goldenen Lichtkreis. Sie näherte sich zögerlich einer Pflanze, die ihr ein befreundeter Kunstsammler geschenkt hatte. Sie öffnete leicht ihre Hand. Ihr Zeigefinger schwebte für einen Moment in der Luft, senkte sich dann herab und berührte mit aller Vorsicht den zarten, behaarten Stiel der Pflanze.

Einer Pflanze, die weinte.

Ihre Fingerspitze glitt über den Stängel, über die hauchzarten Blätter und erntete mit einer sanften Bewegung die zähflüssigen Tränen, die auf ihrem Handrücken zu Perlen verschmolzen. Wie faszinierend, dachte sie. Sie fühlte sich vom Anblick des Grüns in ihrem Observatorium erfüllt, hegte aber noch Argwohn gegenüber diesem fleischfressenden Geschenk des Kunstsammlers: Byblis Lamenta, benannt nach einer griechischen Göttin und dem Rinnsal ihrer Tränen. Das Weinen selbst hatte die Pflanze zur Tarnung erhoben, um mit dem Schleim ihrer Drüsen ihre Opfer in den Tod zu locken. Ein feiner Mechanismus, wie Fernanda fand; feiner als etwa derjenige der Venusfliegenfalle, die eher mit weiblicher Verführung verglichen wird als mit männlicher Begierde. Viel zu oft fühlte sie sich von dieser brüsken Männlichkeit bestürmt. Kaum ein Reiz, kaum eine erste Berührung, und schon entzündete sich bei ihren Verehrern die Gier nach Befriedigung und schlug meist in Verachtung um, sofern sie diese nicht rasch genug erfüllte, und mit ihr in jenen hasserfüllten Blick, der ihr zu verstehen gab, dass sie als Frau Anfang fünfzig froh sein sollte, wenn ihr Körper überhaupt, geschweige denn liebevoll, noch angefasst würde. Was für eine Zeitverschwendung, dachte sie und musterte ihr Gesicht im Spiegel der Fenster: Buschige Brauen, ausgeprägte Wangenknochen, eine lange, schlanke Nase, darunter ihr sanfter Mund, der wählerisch mit Worten war, doch weit und großzügig im Lachen; eine feine Nackenlinie, und dichtes, schwarzes Haar mit bläulichem Schimmer, das sie heute zu einem Zopf gebändigt hatte, der ihre großen walnussbraunen Augen betonte, die, wie sie fand, in ihrer Sprache schöne Dinge sahen. Nein, Bewunderung war für sie nie eine Frage schneller Entfaltung gewesen, Erregung keineswegs die Erzählung eines Blitzes. Das hatte ihr Leben anspruchsvoller werden lassen – und wesentlich einsamer. Sie blickte zur Seite. Draußen wurde es dunkler, das Observatorium wirkte nun wärmer auf sie. Sie lockerte den Gürtel ihres Hausmantels und sah hinüber zu Zitlali in der Mitte des Raumes. Landkarten lagen auf dem Boden verstreut. Das Mädchen studierte, vom Bann des Unentdeckten angezogen, ihrem kindlichen Bewusstsein ferne Winkel der Welt. Fernanda war vom Schicksal dieses Kindes berührt. Bei einem Unfall hatte es seine Eltern verloren. Seither hatte Zitlali bei ihr ein Zuhause gefunden. Der Unfall – sie stockte und trat näher an das Mädchen heran, legte ihr behutsam die Hand auf den Rücken, als legte sie ein Pflaster auf eine Wunde. Wie durch ein Geräusch aus dem Schlaf geschreckt, zuckte Zitlali zusammen und schaute empor.

»Was ist das?«

Fernanda beugte sich zu ihr. »Amerika. Ein Teil davon gehörte früher zu Mexiko.«

Das Mädchen nickte und fragte weiter: »Und das?«

»Japan. Dort haben viele Menschen so schöne Augen wie du.«

»Und das?« Zitlali umkreiste mit dem Zeigefinger eine Insel.

»Das habe ich eingezeichnet. Es ist Bermeja.«

»Bermeja?« Das Mädchen stutzte und spielte Harfe auf einer ihrer schwarzen Strähnen.

»Das ist eine Insel der Fantasie. Dort wohnen die Träume. Du träumst doch oft, nicht wahr?«

Das Mädchen nickte bedächtig, Fernanda fuhr fort: »Auf eine Weltkarte ohne das Land der Fantasie sollten wir niemals blicken. Es würde sich nicht lohnen.« Sie streichelte dem Mädchen über den Kopf. »Es muss ja einen Ort geben, zu dem hin unsere Gedanken reisen können. Wo es zwei Sonnen gibt, vielleicht auch drei. Wo du wunderschön Gitarre spielen kannst, am Saum eines Meeres mit glasklarem Wasser! Bist du schon einmal auf dem Rücken riesiger Schildkröten durch Flüsse gepaddelt?«

»Nein, aber kann ich nach der Schule dorthin?«

Fernanda lachte: »Ja, bestimmt.«

»Aber ich bin noch klein«, wisperte Zitlali hinter vorgehaltener Hand. »Kommen dort nicht nur Erwachsene hin? Große Frauen und Männer?«

»Große Männer haben selten Fantasie.«

Plötzlich war ein Räuspern zu vernehmen. Eine hochgewachsene Gestalt erschien im Zwielicht des Türrahmens und schmunzelte. »Das habe ich gehört.«

»Damion, so spät?« Noch hatte Fernanda sich nicht ganz gesammelt, da trat bereits der Kopf ihres Besuchers in den Lichtkegel der Lampe, was seine hohe Stirn und sein braunschimmerndes, schulterlanges Haar aufleuchten ließ. Gleichmütig wie ein Messer ging er auf sie zu. Sein nachtblauer Anzug verbarg nicht die Masse an aufgesparter Kraft.

»Alles ist vorbereitet«, sagte er und wuschelte Zitlali durchs Haar. Seine Stimme klang ruhig. »Bist du bereit?«

»Ich? Ja!«

»Eine persönliche Frage noch …«

Sie straffte den Gürtel des Hausmantels, dessen Stoff an der kleinen Wölbung ihres Bauches aufbauschte, und nickte ihm aufmunternd zu.

»Warum willst du das Museum wirklich bauen?«, fragte er ernst. »Erkläre es mir.«

»Was soll ich sagen?«, begann sie zögerlich. »Schau dich an.« Sie blickte ihm offen in die Augen. »Ein stattlicher Mann, du hast meiner Familie während der Wirtschaftskrise geholfen. Aber du bist von Geburt an privilegiert, vieles kam dir zugeflogen. Wohin du auch gehst, empfängt dich in den Augen der Menschen ein zumindest neutrales Willkommen, nicht wahr? Nur, du kennst diese abwertenden Blicke nicht.« Sie ging durch ihr Observatorium, die Ärmel ihres Hausmantels, eine Mischung aus Kimono und Kittel, wirbelten auf. »Ich bin lange mit dem Stigma herumgelaufen, anders zu sein als die Norm, als Sonderling … als Frau.« Sie griff nach dem Blatt einer Pflanze und befühlte dessen Innenseite. »Mein Handeln war eingeschränkt. Weißt du, wie viel Kraft es kostet, das zu fordern, was normal erscheint? Nicht nur Teilhabe oder Gleichheit, sondern vor allem …«, sie fahndete nach den richtigen Worten, »… die Fantasie von Glück? Ich habe ein Leben lang im Widerstand gelebt, Macht und Demütigung ertragen. Ich möchte mir und uns endlich die Räume der Fantasie zurückerobern. In ihr liegt doch für alle so etwas wie Glück, meinst du nicht?«

Damion kniff die Augen zusammen und blickte auf das Mädchen. »Utopien haben ihren Preis.«

»Wie hoch kann der wohl sein?«, fragte sie forsch. »Bei all den Krisen, all der Zerstörung. Die Welt ist allein mit ihren alten Ideen.«

»Visionen sind wirkungslos«, urteilte er mit einer abschmetternden Handbewegung. »Sie schüren nur neues Verlangen. Sei praktisch, nimm dein Geld, gib es für Sinnvolles aus.«

»Bereitest du mich gerade auf meine Kritiker vor?« Sie war erzürnt, ihre Wangen gerötet.

Damion verzog keine Miene und fügte trocken hinzu: »In Mexiko ist das Recht, ein normaler Mensch zu sein, bereits eine Illusion. Es fehlt, es mangelt, überall, an allem. Wie zynisch, nicht zuerst an den Hunger zu denken!« Seine wasserblauen Augen leuchteten auf. »Wer braucht eine Idee, wenn er nichts zu essen hat?«

»Eine andere, eine bessere Idee!«, drängte sie. »Welcher Mangel entsteht durch den Mangel an Fantasie? Was passiert, wenn Menschen, denen Ungerechtigkeit widerfährt, nie die Vorstellung eines anderen Lebens entwickeln können?«

»Hilf ihnen direkt!«, forderte er.

»Und wie?« Sie schweifte mit ihrem Blick durch das Grün. Ihre Pflanzen hatten sie gelehrt, was Fürsorge bedeutet. Sie betrachtete eine schwere, violette Blüte; atmete dann tief durch. »Diese Wesen hier haben alle ein Bewusstsein. Sie registrieren, was um sie herum passiert.«

Er strich sich unruhig durchs Haar. »Was willst du mir sagen?«

»Empathie entsteht durch Anerkennung von Bewusstsein.«

»Ja, schon gut, wir müssten neben den Tieren auch die Pflanzen ernster nehmen.«

Sie ging auf seinen ironischen Unterton keineswegs ein: »Genauer gesagt, sollten wir alles Leben ernster nehmen und uns an ein Potenzial erinnern, das allem Sein innewohnt.« Sie sah zu Zitlali hinüber, die nun im Schneidersitz auf dem Boden saß und nicht mehr länger die Karten studierte. »Die Fähigkeit zu staunen.« Sie biss sich auf die Unterlippe, ihre Stimme wurde leiser, erlosch fast. »Leben wir einfach nicht mehr gegen diesen Planeten, sondern mit ihm.«

Erneut betrachtete sie ihr Spiegelbild im Fenster. Das ewige Aufbegehren hatte sie ausgezehrt, sie war müde, ihre Nerven ausgefasert, ihr linkes Augenlid fing an zu zucken. »Wir rotten aus. Und die westliche Hemisphäre nennt es Weltgeschichte. Diese absurde Idee von Fortschritt, die immer schon auf der Ausbeutung des anderen beruhte.« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Wann geben wir sie endlich auf? Die Überlegenheit.« Eine kurze Pause verstrich. »Und entwickeln eine Idee, die sich nicht gegen die Natur und andere Menschen richtet, sondern sie einbezieht. Dafür braucht es einen Ort, einen neuen Ereignishorizont, der sich vor den Augen aller auftut.«

Er lachte spöttisch auf. »Wie soll das klappen? Im Dschungel? Mit einem Museum?« Ein Stakkato an Fragen. Wort um Wort spitzte er provokant zu.

»Nenn es, wie du willst.« Sie zuckte mit den Achseln. »Ich glaube daran.«

Er musterte sie lange und sagte dann völlig emotionslos: »Okay, ich stelle das Team zusammen.« Aus der Innenseite seines Sakkos zog er einen Brief hervor, den er in ihre leicht zitternde Handfläche legte. »Das ist für dich. Ich werde alles in die Wege leiten.«

Sie faltete den Brief auf, fühlte das weiche Papier und begann zu lesen, erst abwartend, dann fassungslos, bis sie endlich den Brief fallen ließ und anschließend selbst zu Boden ging. In den Räumen ihres Observatoriums hatte eine Pflanze geweint. Und jetzt sie.

»Warum weinst du?«, fragte Zitlali leise.

37

DAMION FARABOW stand auf einer Schotterstraße. Eine Zeitung klemmte unter seinem Arm. Er blickte auf die Kirchturmuhr eines Dorfes im Norden Mexikos, das unter der brütenden Mittagssonne zu schmachten schien. Sein alter Ford wurde auf eine Hebebühne gehievt. Rund um die Werkstatt lagen ganze Wracks und einzelne Autoteile verstreut. Ein Garten voller Schrott, dachte er und schnäuzte sich die Nase. Das herumliegende Metall warf das Sonnenlicht zurück, er kniff schützend die Augen zusammen. Seit jeher hatte Schrott ein Gefühl von Heimat in ihm ausgelöst. Als Kind hatte er nicht in der Natur, sondern zwischen Bahngleisen und einem Arm des Chicago River gespielt, der zu der dreckigen Brühe eines Industriekanals verkommen war. Seine Kindheit hatte mehr Gestank gekannt als Duft.

Er blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk: kurz vor zwölf. Es ist noch früh, rief er sich in Erinnerung. Beinahe hätte ihm die Autopanne das Ziel seiner Reise vermasselt. Erst zeichnete er mit seinen Stiefeln Kreise ins Geröll, dann stapfte er die Auffahrt entlang zu einem Imbiss an der Straße. Er ging ins Dorf, drehte eine Runde, die ihn langweilte, schlenderte dann zurück zum Imbiss, bestellte etwas zu essen, setzte sich auf einen der herumstehenden Plastikeimer. Der Verkäufer knetete Maisteig und reichte ihm wenig später einen Pappteller. Ein in die Jahre gekommenes Väterchen mit tief in die Stirn gezogenem Sombrero wiegte sich in seinem Rohrstuhl im Schatten eines löchrigen Sonnenschirms. Damion faltete seinen Taco und träufelte Chilisoße in die Mulde. Er breitete die Zeitung über seinen Knien aus: Er sah das Bild einer Leiche und las die Schlagzeile: Frau auf offener Straße erschossen.

»Was ist mit den Vermissten?«, fragte er kalt. Der Straßenverkäufer zuckte mit den Achseln. Damion wischte sich den Mund mit einer Serviette ab. »Es heißt, einer von ihnen wurde am Straßenrand gefunden!«, hakte er nach. »Eingewickelt in eine blutige Decke!« Auf der Herdplatte qualmte Fett vor sich hin. Ein Köter beschnüffelte die Abfalltonne, der Verkäufer verjagte ihn mit einem grellen Pfiff. »Du stellst viele Fragen«, knurrte er dann. Das Väterchen im Rohrstuhl kommentierte das Geschehen mit einem Lächeln. Er hatte viele Zähne verloren. Die Lücken fuhr er mit der Zunge ab; es schien, als wolle er sich vergewissern, dass sie nicht mehr da waren: Diese Zähne, die genauso sicher verschwanden wie die Menschen hier. Damion sah, wie der Mechaniker seinen Ford von der Hebebühne fuhr. Er aß den letzten Bissen auf, warf den Teller in die Tonne und knüllte Geldscheine hervor.

»Funktioniert wieder, Señor«, erklärte der Mechaniker und wischte sich die Hände an einem ölverschmierten Tuch ab. Die ersten Kilometer auf der Straße vergingen wie im Flug. Die Panamericana rollte unter ihm hinweg und verlor sich in der Ferne. Bullige Trucks zogen an ihm vorbei. Gelegentlich sah er eine Karawane von Menschen, die ihr Heil an der Grenze suchten. Ich habe alle Grenzen in mir verloren, dachte Damion. In der Kindheit hatte er noch ein Gefühl für sie, so etwas wie eine innere Karte. In Chicago wusste er, in welche Ecken er gehen konnte und welche Gegenden er meiden sollte. Als Kind hatte er alle, die er um ihr Wissen beneidete, mit Fragen gelöchert. So hatte er große Teile der Stadt und ihre Geschichten aufgesogen. Chicago, das war Getreide, Kaugummi für Amerikas Kinnbacken, Schlachten am Fließband in den Fleischfabriken, gigantische Wolkenkratzer als Zeichen immerwährenden Wandels. Als Junge hatte er den Jazz in den Bars geliebt, das jüdische Leben in der Southside, vor allem aber hatte er eine gewisse Art Gangstertum verehrt, das keine Haltung oder Verantwortung brauchte, solange es mit Dreistigkeit durchkam. Er hatte sich bald mit den Klugscheißern auf der Straße arrangiert, straffe Autodidakten wie sein Großvater, der zunächst professioneller Saxophonspieler und dann Rechtsanwalt geworden war; er kannte die Geometrie von Downtown und die unvernünftige Leere des Nordens, wo reiche Typen ihre Häuser in weiten Abständen zueinander bauten, um sich nicht in die Quere zu kommen; die alten Industriebaracken, in denen sein Vater sich abgeschuftet hatte, bis er schließlich Geschäftsmann geworden war und Dosenmilch verkaufte, später Autoteile. Beides war ihm misslungen. In Damions Augen blieb sein »Erzeuger« ein schwächlicher Versager. Der Wandel – er hatte ihn einfach geschluckt, für seinen Dad war er zu umfassend und zu rasch gekommen. Als Junge war ihm bewusst geworden, dass man besser daran tat, sich Veränderungen nicht in den Weg zu stellen.

Eines Tages hatte er an der Winthrop Avenue gestanden und zu einem Gebäude hochgeschaut, auf dessen Dachkante eine junge Frau gesessen hatte, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie sah traurig aus. Es war schwer zu ertragen, sie im wehenden Kleid auf dem Vorsprung des Dachs zu sehen, in dieser windigen Stadt. Er hatte zu ihr hinaufgerufen: »Spring endlich! Spring!« Auf eine gewisse Art hatte es ihn erleichtert, als sie dann tatsächlich sprang. Es ist vernünftig, hatte er damals gedacht und seinen Eltern von dem Vorfall beim Abendbrot erzählt. Die Mutter hatte seine Hand ergriffen, war jedoch unfähig gewesen, ihrer Empfindung Worte zu verleihen. Sie hatte damals schon harte Gesichtszüge angenommen, musste aber wenigstens ein paar Jahre ihres Lebens schön gewesen sein. Er hatte dann von seinem Glas Milch getrunken und seinen Dad gefragt: »Warum springst du nicht auch?« An diesem Abend war zuerst er, dann seine Mutter verprügelt worden. Es wäre vieles einfacher gewesen, wäre sein Vater früher gesprungen, dachte er heute.

Jetzt erklang alte Jazz-Musik aus dem Autoradio. Er drehte den Song lauter, pfiff die Melodie mit. Die Luft im Wagen wurde stickiger. Er kurbelte die Scheibe herunter, fuhr an einem Pick-up vorbei, der am Straßenrand parkte, wenig später jedoch losfuhr und ihn bald schon überholte. Erst als der Wagen ihn schnitt, seine Geschwindigkeit drosselte und ihn zum Anhalten zwang, registrierte er die vermummten Männer mit gezogenen Handfeuerwaffen, die sich auf der Ladefläche erhoben und nun in einer flüssigen Bewegung und mit gerichtetem Lauf auf seinen Ford zumarschierten.

»Schaut mal Leute, wir haben einen Hippie gefunden«, schrie einer der Männer und machte sich über Damions langes Haar lustig. »Los, steig, aus, Jesús!«

Aus dem Radio tönte das Solo eines Saxophons zu Ende. Er stieg aus dem Wagen. Alles ging schnell: Die Männer überwältigten ihn, durchsuchten seine Taschen, den Kofferraum, warfen ihn schließlich auf die Ladefläche, fesselten ihn und verbanden ihm die Augen. Ein gutes Zeichen?, überlegte er. Er sollte sich bloß den Weg nicht merken, das war wahrscheinlich alles. Mehrmals stieß er sich den Kopf an der Ladefläche. Irgendwann endete die Fahrt. Die Männer brachten ihn in einen düsteren Raum. Die Sonne fiel durch ein Loch in der Wand. Sie zogen ihn nackt aus und fesselten ihn an einen Stuhl in der Mitte des Raumes. In der Ecke lag eine Matratze. Der Geruch von Urin und Sex ließ das Licht klebrig wirken. Er sah Schatten, die stumm ihre Zigaretten hielten; einige Männer, die ihre Maschinengewehre säuberten, und andere, die sich eine TV-Liveübertragung eines Fußballspiels ansahen. Ein Schädel näherte sich ihm von hinten. Er spürte das Gesicht plötzlich über sich, als es seinen Kopf fast berührte: »Wie geht es dir, Jesús?«, flüsterte es hämisch über ihm. Damion blickte das Gesicht nicht an, zwang sich zur Ruhe und sprach sich Mut zu: Alles würde ein gutes Ende nehmen, solange er diesem Gesicht nicht in die Augen schaute.

»Wir haben in deinem Wagen nichts Wertvolles gefunden. Du hast nicht mal Geld dabei. Was bist du nur für eine arme Sau!« Der Typ beugte sich vor, und da erkannte Damion ihn. Die Zigaretten glühten auf, die Männer stießen konzentriert Rauchschwaden aus. »Aber vielleicht hat deine Familie ein bisschen Kohle? – Was meint ihr?« Die Gruppe johlte.

Damion hörte Schritte, sah schwerfällige Silhouetten, die näherkamen und einen Halbkreis um ihn bildeten. Langes Schweigen. Der Anführer trat dichter an ihn heran. »Weißt du, warum sie mich El Cuchillo nennen? Das Messerchen?«

Damion schluckte, mit fast unmenschlicher Anstrengung versuchte er, den Blick Richtung Boden zu halten. Schau ihn nicht an, befahl er sich, und wiegte seinen Oberkörper hin und her; er verkrampfte bei dem Versuch, die Fesseln zu lösen, die in sein Fleisch schnitten. El Cuchillo schlich um ihn herum und flüsterte ihm ins Ohr. »Ich schneide Leuten die Ohren und Nasen ab.« Noch bevor die Worte in ihn einsickern konnten, spürte er, wie ein winziges Stück Fleisch aus seinem Ohr herausgebissen wurde. Die Männer grölten, als El Cuchillo einen Blutklumpen zu Boden spuckte. Damion widerstand dem Impuls aufzuschreien. Er wünschte sich, ohnmächtig zu werden. Doch die Ohnmacht blieb aus. Der Fernseher zeigte einen Flankenlauf. Ein Spieler köpfelte den Ball ins Netz. Ein paar Typen im Hintergrund jubelten.

»Jesús. Ruf doch deine Maria an«, scherzte El Cuchillo und zückte ein Handy aus der Tasche. »Sie hat bestimmt was für dich zur Seite gelegt.« Er zündete sich eine Zigarette an, blies Rauchkaskaden in die Luft. Ein Glanz von Grausamkeit schwelte in seinen Augen. Das Handy glitt in die Tasche zurück. Er nahm die Zigarette und rieb sie zwischen den Fingern, ging auf Damion zu und drückte das glühende Ende der Zigarette auf seinem Gesicht aus, nahe dem rechten Auge. Es roch sofort nach versengtem Fleisch. Damion verschwamm das Augenlicht. Er wusste nicht, ob ihm Blut oder Tränen die Wangen herunterliefen. El Cuchillo klopfte sich vor Erregung auf die Brust. »Das Ende, amigo!«, hörte er ihn sagen. Dann, in einem äußerst irritierenden Moment, kicherte Damion auf. Zuerst leise, dann lauter. »Willst du aus mir auch einen Cowboy machen?«, röchelte er und spuckte auf den Boden. »Wie der Lieutenant damals? Oder mich auf die Straße schmeißen? Wie den Kerl vor ein paar Wochen? Der hat doch auch auf diesem Stuhl gesessen, nicht wahr?« Er schaute seinen Peiniger angriffslustig an. »Was ist, Ángel, keine Lust mehr?«

Der Mann fuhr beim Ausruf seines Namens zusammen. »Wer zum Teufel bist du?«, fragte er.

Damion dehnte die Pause aus. Dann sagte er: »Ein Freund, Ángel.«

»Was willst du?«

»Dir ein Angebot unterbreiten.«

Ein Söldner trat aus dem Schatten hervor und fluchte. »Der Typ nervt. Machen wir ihn kalt.«

Ángel schleuderte ihn zurück. Seine Augen glichen tiefen Gräben, aus deren Dunkel Blitze aufschossen. »Nein«, keifte er. »Ich will wissen, was er zu sagen hat.«

36

EIN LUFTZUG wehte Fernanda eine Strähne aus der Stirn. Sie blickte zum felsigen Eingang einer unterirdischen Höhle, dann in das missmutige Gesicht ihres Gegenübers, forschte nach einer kurzen Notiz, einem Nicken, nach etwas, das sie darin bestärkt hätte, weitergehen zu können. Sie war aufgeregt. Allein bis hierher hatte sich der Weg als recht beschwerlich erwiesen. Vor drei Tagen hatte ihr Begleiter, Adrian Chan Sánchez, ein die Kultur der Maya ehrender Wissenschaftler der Universität Oriente in Valladolid, eine Korallenschlange vor der Kalksteinhöhle gesichtet. »Jeder Eingang hat einen eigenen Wächter«, hallte sein Orakelspruch in ihr nach. Drei Nächte hatten sie im Dschungel kampiert und Zeremonien zur Besänftigung der Geister abgehalten. Den Mayas galten die Unterwasserhöhlen als heilig, sie verehrten die Cenotes als Tore zur Unterwelt, das wusste Fernanda. Dennoch war sie erstaunt darüber, wie viel Ehrfurcht der Wissenschaftler dem auserkorenen Wächter entgegengebracht hatte.

»Die Passage ist offen«, erklärte Adrian, und nickte ihr zu. Ein kleiner Lustschauer rieselte ihr über den Rücken, wohl Ausdruck des menschlichen Instinkts, wie sie glaubte, wenn es eine Schwelle zu überqueren gilt, ohne dass man die Folgen überblicken kann. Sie schulterten ihre Rucksäcke mit den Tauchgeräten und gingen durch den steinernen Korridor auf die kreisrunde Cenote zu. Die Sonne drang dünn durch den Spalt im Felsen ein, ihre Kraft verlor sich, die Farben verdämmerten. Die Enge der Felsenschlucht presste die beiden vorwärts, bis sie eine Senke erreichten. Vor ihnen tat sich ein mit türkisfarbenem Wasser gefülltes Erdloch auf. Es ähnelte einem überdimensionalen marmornen Taufbecken, war von Pflanzen und Wurzeln umwuchert. Wortlos zogen sie ihre Ausrüstung über, glitten ins Wasser; eine letzte Kontrolle, dann sanken beide in die Tiefe. Stufe um Stufe drang Stille in Fernanda ein. Nur wenige Meter vergingen, schon hielt die Cenote sie gefangen. Fernanda hatte das Gefühl, hinter die Zeit zu gelangen. Sie folgte dem verlockenden Ruf der Höhle, tauchte an Steinen, Schatten und versunkenen Bäumen vorbei; folgte den engen, sich stets weiterverzweigenden Röhren im Gestein und tastete sich voller Lust immer tiefer hinein in den Bauch der Höhle, vorbei an weiteren Öffnungen, die sich plötzlich über ihr auftaten und das grandiose Spiel des Lichtes aufblitzen ließen. Nie hatte sie sich der menschlichen Sphäre ferner gefühlt. Schwerelos, schwebend, endlich undefiniert: ein kleines Nichts im Weltenraum.

Plötzlich flimmerte ihre Lampe und erlosch. Etwas Glitschiges streifte ihr Gesicht, ihr Atem beschleunigte sich, ging flacher. Sie geriet in Panik, glaubte, dass es ihr an Luft fehle, sie schlug um sich, biss auf den Bügel in ihrem Mund. Ihre Bewegungen wurden hastiger, sie ermahnte sich, kontrollierter zu atmen – tiefer – und die Luft aus der Lunge zu pressen, sie tauchte in vollkommener Dunkelheit weiter vorwärts und konzentrierte sich auf einen einzigen Gedanken: keine Panik! Langsam, Atemzug für Atemzug, schwamm sie in dem unterirdischen Gang Meter um Meter in der Hoffnung weiter, dass sich wieder eine der typischen Öffnungen im Erdboden zeigen würde, wo sie auftauchen könnte. Der fahle Lichtschein, den Adrians Lampe in ihre Richtung warf, beruhigte sie. Minuten später zeigte sich tatsächlich das fantastische Schauspiel eindringenden Sonnenlichts über ihr im Wasser. Die aufblühende Farbenpracht zwischen tiefblauen und helltürkisen Tönen, das Glitzern im Gestein verhießen mehr als nur Rettung: Die eben noch verspürte Angst wich einem Staunen über das unfassbar Schöne vor ihr. Sie tauchte auf, hievte ihren Körper aus dem Wasser, streifte sich die Taucherbrille ab und spuckte den Atemregler aus. Sie keuchte: die Höhle, das Wasser, das Licht, der intensive erste Atemzug an freier Luft. Sie lächelte. Mit ihrer Geburt hatte sie für eine Enttäuschung gesorgt, die bittere Enttäuschung bei ihrem Vater, nur ein Mädchen zu sein, kein Junge. Ein halbes Leben lang hatte sie versucht, ihren Wert unter Beweis zu stellen. Jetzt streifte sie sich mit der Hand über die Wange und lachte befreit auf.

Vor ihr schlugen Bläschen hoch, gefolgt von Adrians Kopf. Mit einem Ruck saß er neben ihr und nahm seinerseits die Taucherbrille ab. »Alles in Ordnung?«

Sie zuckte mit den Achseln, als wäre nichts passiert.

»Glauben Sie jetzt, dass es hier spukt?«

»Ich glaube, Sie hätten die Schlange etwas höflicher bitten sollen.«

Adrian nickte belustigt und erklärte ihr dann, sich noch einmal in eine Meditation begeben zu wollen, um die Geister in der Höhle zu besänftigen.

Minutenlang saßen sie nebeneinander da, Minuten, in denen Fernanda einfach nur schwieg. Schließlich wandte er ihr seinen Kopf zu: »Bereit?«

»Ja. Aber haben Sie gefunden, wonach wir suchen?«, fragte sie vorsichtig.

»Seit Urzeiten gebiert das Wasser Leben«, murmelte er und löste zwei Behälter vom Tauchgurt, hielt die Proben gegen das Licht der einfallenden Sonne. Die Flüssigkeit wies eine geleeartige Konsistenz auf. »Plastikpartikel sind durch das Gestein eingedrungen«, stellte er trocken fest und deutete mit ernster Miene auf die Felswände. »Der Stein auf der gesamten Halbinsel ist porös. Der Regen sickert durch den Boden und sammelt sich in den Unterwasserhöhlen. Sie sind über Hunderte von Kilometern miteinander verbunden.« Seine Stimme hatte den dozierenden Klang eines Akademikers angenommen. »Über uns befinden sich Müllkippen, die meisten davon sind illegal. Der Abfall hat sich den Weg in die Tiefe gebahnt – und wird das Grundwasser einer gesamten Region verseuchen.«

»Wie schlimm ist es?«, fragte sie.

»Ich kann es nicht sagen, ich muss die Proben untersuchen lassen.« Adrian verstaute die Behälter wieder an seinem Gurt und überprüfte die Gerätschaften. »Ohne das Licht Ihrer Lampe halten Sie sich dicht an meinen Füßen, haben Sie keine Angst.«

Bevor die beiden ihre Taucherbrille über den Kopf stülpten, verweilte ihr Blick noch auf dem Wasser. Die Landschaft wandelte sich vor ihrem inneren Auge. Sie sah verrottenden Müll am heiligen Ort, menschengemachtes Treibgut: Flaschen, zerfasernde Binden und klebriges Plastik. Die Schönheit, die sie verspürt hatte, war dem Eindruck eines nassen Grabes gewichen. Sie brauchten eine gute Stunde, um an den Eingang der Höhle zurückzuschwimmen.

Später dann, auf der Küstenstraße nach Tulum, ihrem Zielort, sprachen sie kein Wort miteinander. Nur einmal geriet Adrian aus der Fassung und schlug mit der Hand aufs Lenkrad. Sie wusste, dass sein ohnmächtiger Ärger der fortschreitenden Zerstörung der Schutzgebiete geschuldet war. Sie blickte aus dem Fenster. Als sie Tulum das erste Mal besucht hatte, hatte es friedlich im Dornröschenschlaf eines Fischerdörfchens gelegen. Unberührte Strände, kristallklares Wasser, ein Idyll der mexikanischen Karibik. Nur ein paar Hütten in Meeresnähe, sonst nichts. Einmal hatte sie in den Ruinen der Maya-Stätte übernachtet, unter freiem Sternenhimmel. Sie bat Adrian, sie dort aussteigen zu lassen, sie wollte die wenigen Kilometer zum Treffpunkt zu Fuß gehen. Sie winkte dem weiterfahrenden Kollegen kurz nach und drehte sich dem Meer zu.

Was ist mit den Orten meiner Erinnerungen geschehen?, dachte sie und schlenderte los. Am Strand stieß sie auf Schamanen, die Touristen mit Kakao reinigten. Sie traf auf Männer in Tangas und auf traurig streunende Hunde. Ein Hotel reihte sich an das nächste. Weiter hinten an einer Felsgruppe sah sie Frauen in Federn gekleidet, die sich in Trance tanzten, umringt von ratternden Dieselmotoren, die dem hiesigen Treiben den notwendigen Strom lieferten. Sie roch Benzin und den Gestank roher Eier, der einem Wall in der Sonne verfaulender brauner Algen entwich. Ein Arbeiter kehrte den Strand, versuchte ihn piekfein und postkartenweiß zu halten; eine absurde Sisyphusarbeit, bei der er die Algen aufhäufte, mit einer Schubkarre wegbrachte, während die Wellen wieder und wieder den dunklen Schlamm an Land spülten. Das Wasser, ehemals türkisfarben, wirkte wie dünner Kaffee.

Sie kletterte über Felsen hinweg und durchquerte schließlich eine Bucht. Sie traf auf ein Kind, das ihr mit seinen zarten Händen einen Regenbogen schenkte, eine Geste der Liebe, die ihr wohl und zugleich weh tat, dann bedrängte sie ein Ausländer, der ihr Drogen verkaufen wollte. Als sie dankend ablehnte, pries er seine Massagekünste an. Fernanda löste ihre Erinnerungen an diesen einst unberührten Ort in den Fluten auf.

Habe ich nicht Gleiches vor? Der Gedanke ließ sie in den Wellen erschaudern. Ihr Außenposten im Dschungel würde auch in die Natur eingreifen, mit unvorhersehbaren Folgen. Sie dachte zurück an den Brief jenes Mannes, den sie so sehr geschätzt hatte. Seine Fähigkeit zuzuhören, hatte schon gereicht, ihr Vertrauen zu einer Zeit zu gewinnen, in der ihr irgendwelche Typen noch die Handlung eines Films erklären wollten. »Schau, mi amor«, hatte sie einmal einen Verflossenen im Kino flüstern hören. »Gleich küssen sie sich. Schau, wie sie ihn ansieht. Alles nur Fassade! Die lieben sich gar nicht. Hast du bemerkt, wie sie den Musiker anschaut?«

Sie senkte den Kopf, ließ sich ins Rauschen des Meeres fallen. Ihre Erziehung war klassisch verlaufen, ihre Entfremdung auch. Sie war in einer Klosterschule ausgebildet worden, deren Werte die Frau dem Mann zur Seite stellten. Als ihr Vater erfahren hatte, dass sie lieber Zeitschriften wie La Correa Feminista las und sich als Heranwachsende in pequenos grupos organisierte, kleinen Frauenzirkeln, die Foucault besprachen, gegen den Machismo ankämpften und über die reproduktive Union aus Mann und Frau diskutierten, war er ausgerastet. Als Zeichen, dass sie verrückt sei und nicht er, hatte der Patriarch seine Tochter in die Psychiatrie einweisen lassen, das Haus des Lachens genannt. Sehr schick für jene Zeit, dachte sie nun, wie im reichen Paris. Die Tage dort waren einander sehr ähnlich verlaufen: Die Flagge ehren, Frühsport treiben, die meisten Patienten hatten erst Elektroschocks erhalten, dann eine Therapie. Es hatte in der Kolonialvilla drei Pavillons gegeben, einen für die Aussätzigen, einen für die Armen und einen für die Reichen. Sie hatte sich dort mit Señor Trenecito angefreundet, dem Mann der Züglein. Er hatte gern behauptet, Eigentümer aller Eisenbahnen der Welt zu sein sowie einer Zugstrecke, die die Erde in Zukunft mit dem Mond verbinden würde. Sie hatte Sympathie mit der grauhaarigen Frau gehegt, die stundenlang mit ihrer Lupe Insekten beobachtete und beleidigt war, wenn jemand in ihren Raum eindrang. Ein halbes Jahr Psychiatrie hatte sie nicht von dem »feministischen Unsinn« heilen können, wie von ihrem Vater erhofft. An dem Tag, als sie wieder ihr Elternhaus betreten hatte, hatte sie in ihr Tagebuch notiert:

Was ist die Realität, wenn nicht eine unaufhörliche Parodie des Lebens, ein Maskenspiel, eine bis ins Unendliche vervielfältigte Darstellung unser selbst in der Familie, im Staat, in der Bildung, den Städten und ihren Gebäuden, in der Wissenschaft, der Sexualität, im Wort, der Wirtschaft und ihrem Fortschritt, ja selbst in all den verdrängten Fragmenten, die uns ausmachen?

Vertrete nichts und niemanden, außer den einen schönen Moment der Verrückten, die ihn gemacht haben.

Ihr Weg in die Kunst schien vorgezeichnet zu sein. Allerdings hatte sie in dieser Welt wenige Verrückte getroffen, die meisten Menschen, denen sie begegnet war, stellten sich als »Scheusale« heraus, als Handlanger der Lüge oder der eigenen Eitelkeit. Sie blickte auf den Strand, er hatte sich geleert. Vor ihr lag eine Hütte, mit einer Balustrade aus Holz und einem Dach aus Palmblättern. Der Wind hatte Sand auf die Stufen geweht. Damions athletische Statur sprang ihr ins Auge, seine breiten, definierten Schultern. Selten war sie einem so gut trainierten Mann in seinen Vierzigern begegnet. Er winkte sie herbei und empfing sie auf der Veranda, die Sonnenbrille auf, in Shorts, sein Hemd war aufgeknöpft.

»Bereit, das Kernteam kennenzulernen?«, rief er ihr zu und strich sich in der gut eingeübten Gestik eines vom Leben verwöhnten Sonnyboys eine tiefhängende Strähne aus dem Gesicht. »Wir haben Fisch zubereitet«, köderte er. Seine Laune stimmte sie milde.

Sie ging an ihm vorbei, schnell fuhr ein dicht zusammengerücktes Bündel an Personen auseinander, Tische wurden verschoben, Stühle im Halbkreis arrangiert. Getuschel war hörbar, als Damion aus Fernandas Schatten hervortrat. Er hielt inne und versicherte sich der Blicke, die auf ihm ruhten. »Okay, machen wir es kurz.« Er zeigte auf eine junge Frau im Trägerhemd mit kurzgeschorenem, schwarzem Haar, spitzen Wangen und großen, grünen Augen, die sich lässig an der Tischkante anlehnte. »Sabina: in Tijuana aufgewachsen, in San Diego Kunstgeschichte studiert, in der texanischen Künstlerkolonie Marfa den Laden geschmissen.« Sabina nickte, lächelte leicht. Dann kam Damion auf Carlos zu sprechen, der still eingesunken an einem kleinen Tisch saß. »Indigene Wurzeln, großgeworden in Oaxaca, Studium der Kulturpolitik in London, enzyklopädisches Wissen über präkolumbianische Kunst.« Schließlich deutete er auf einen ehemaligen Elitesoldaten aus Guatemala, bevor er mit der Bemerkung schloss: »Ángel kennt den Dschungel wie seine Westentasche, sorgt für unser aller Sicherheit. Noch Fragen?«

An anderen Tagen wäre Fernanda näher auf die Biografien der Menschen eingegangen, die nun für sie arbeiten sollten. Heute fühlte sie sich entkräftet und hoffte, mit einem Lächeln alles zu sagen, wozu Worte nicht mehr imstande waren. Sie senkte den Kopf. »Wir haben eine lange Reise vor uns, wir sollten uns ausruhen«, gab sie dann beinahe tonlos von sich. Still zog sie an der Gruppe vorbei, ging auf ihr Zimmer und versuchte, ein wenig Schlaf zu finden. Es wollte ihr nicht gelingen. Als sie daraufhin ihren Koffer packte, schwirrten ihr lose Gedanken durch den Kopf. Es mag eine Zeit gegeben haben, dachte sie, in der ein Abstieg unter die Erde noch Geheimnisse hervorgebracht hat, kostbare Mineralien oder neue Mythen. Diese Zeit war unwiderruflich vorbei. Wo einst Schätze verborgen lagen, stinkt heute Müll. Auf der Oberfläche sah es nicht anders aus. Die Menschen hinterließen zu viele Spuren. Sie legte sich wieder aufs Bett, faltete ihre schlanken Hände über der Brust, schloss die Augen.

Vor zwei Jahrzehnten hatte sie eine Konferenz in Mexico City besucht. Dort hatte der Wissenschaftler Paul Crutzen zum ersten Mal die Ära des Anthropozäns ausgerufen. In Wahrheit, das spürte sie jetzt, war das Thanatozän angebrochen, das Erdzeitalter des Todes, des Absterbens. Niemand konnte zu einst vertrauten Orten, zur Vielfalt der Arten, zur Fülle des Lebens zurückkehren. Die Menschheit schrieb nur noch Verluste.

Auf der Veranda schwor unterdessen Damion sein Team auf die kommenden Wochen ein, im Halbschlaf hörte sie seine Worte. »Okay«, trommelte er los. »Ab heute gilt ein straffer Terminplan. Wir haben hier die besten Köpfe für unser Projekt zusammengestellt.« Stille. Die Brandung tönte herüber. Dann: »Mal sehen, ob der alte Kontinent Europa noch irgendwas zu bieten hat.«

35

IM MUSEUM am Rothenbaum in Hamburg zeichnete Viktor Sørless und führte den Kohlestift wie eine Sense. Ratsch – der Stift wirbelte hoch und ein Strich war vollendet. Viktor musterte seine Skizze und sah darauf feixende Gesichter mit langen Nasen und schräg stehenden, weit aufgerissenen Augen; ein Rausch an Linien und Kreisen. In den letzten Tagen hatte er tatsächlich wieder das Bedürfnis verspürt, zu zeichnen, doch allein das Halten des Stiftes, das Herumstochern in fremden Augen, Gesichtern und Körpern, kam ihm, inmitten der hiesigen Abendgesellschaft, übergriffig vor. Es störte wie ein Finger in der Wunde. Dennoch vermochte die aus seiner Hand stammende Schraffur sich wie ein Schleier über die ihn umgebende Wirklichkeit zu legen, was ihn tatsächlich beruhigte. Auch heute, in dieser mondänen Abendgesellschaft, in der er bislang die Abwesenheit von Gesellschaft war. Er war keinem Gespräch gefolgt, hatte nur kurz an dahinjagenden Lippen gehangen, sich aus dem Zentrum der tafelnden Gäste geschlichen, die sich immerzu selbst fotografierten; vielleicht, so dachte er nun bei sich, weil sie einen Mangel an Ewigkeit verspüren, zwischen all diesen Artefakten, die aus den Vitrinen heraus leise über die Zeit triumphierten. Er beobachtete, wie sich die Geladenen des Ephemeren Dinners erhoben – berauscht von der Rede des Kurators im faltenfreien Hemd, bestärkt von der Pracht des Saals, flankiert von überlebensgroßen Holzfiguren, die 1908 auf einer Südsee-Expedition »erworben« worden waren, deren eigentliche »Bedeutung« jedoch, so die angebrachte Texttafel, »nicht geklärt« war.

Wer will es hier auch schon allzu genau wissen?, dachte er. Die Feier sollte schließlich Vergessen schenken. Die Gäste lachten, tanzten. Auf ihren Uhren verging eine sorglose Zeit. Von einigen Gesichtern glaubte er die Zufriedenheit ablesen zu können, die mit einer nicht gerade geringfügigen Spende zur Entfaltung von Kultur einherging, ganz unerheblich welcher Kultur im Übrigen, und ohne die Gefahr, dass irgendeine Weltsicht ins Wanken geraten oder etwa die Verdauung gestört würde. Eine Gruppe von Gästen versammelte sich im Schatten eines zeitgenössischen Künstlers, der gerade eben noch von jenem Kurator im faltenfreien Hemd als Person gepriesen worden war, die »wider alle Müdigkeit hintersinnige Mandalas malt, welche die Referenzhölle der Gegenwart thematisieren«.

Da stand er, Viktor, nun also, sein Notizbuch zur Seite gelegt, mitten in der Referenzhölle der Gegenwart, anteilslos an einen Ecktisch gelehnt, geduckt und mit eingezogenen Schultern, und wollte nur noch eins: verschwinden. Mit seinen fünfunddreißig Jahren hatte Viktor Sørless weder Geld noch Einfluss erlangt, geschweige denn das Gefühl erworben, dazuzugehören, und er fragte sich, warum gerade ihm eine Einladung zuteilgeworden und er obendrein dem leichtsinnigen Impuls gefolgt war, mal wieder unter Leute zu gehen – eine Wendung, die er verachtete.

Ich passe nicht ins Bild, dachte er. Ein Befund, den er weiteren Personen ausstellen mochte, die seine Aufmerksamkeit an diesem Abend erregt hatten, wie etwa ein Mann Mitte vierzig, der hochgewachsen war und aus der Menge ragte mit seinem aristokratisch aufrecht getragenen Kopf und knochigem Gesicht, das Viktor an den Wangen leicht eingefallen zu sein schien. Er trug schulterlanges, braunes Haar, besaß wache, hell funkelnde Augen. Während er auf irgendetwas herumkaute, zeigte sich in seinen Zügen eine gewisse Härte, vielleicht sogar ein ausgeprägter Zynismus, Viktor wollte das noch nicht für sich entscheiden; ein richtiges Lächeln jedenfalls würden diese Lippen nicht zustande bringen, dachte er, drückten sie doch eher eine Art Belustigung aus, eine Art Süffisanz dem Geschehen hier gegenüber, mit dem sich dieser Typ, so kontrolliert wie er dastand, ganz sicher nicht identifizierte. Seine Halssehnen wirkten straff gespannt. Der weiche Fall seiner Locken aber nahm ihm etwas von seiner Bedrohlichkeit, strahlte vielleicht sogar etwas Erotisches aus. Erstaunlich, dachte Viktor. Selten hatte ihn jemand durch seine pure Erscheinung derart eingeschüchtert, dieser Typ wirkte verwegen, unbeugsam, schien alles zu überblicken, aber nichts von sich selbst preiszugeben. Viktor trank einen Schluck Wein. Nahe am Fenster stand sein Freund Benedetto, gemeinsam mit einer Frau, auf die Benedetto schon den ganzen Abend über seine Aufmerksamkeit gerichtet hatte. Die beiden unterhielten sich. Viktor fiel das weich anmutende Gesicht der eher jung wirkenden Frau auf, deren tiefliegende Augen schwarz umzeichnet waren wie bei einem Vampir. Was nicht so recht zu ihrer sonnenverwöhnten Haut passen wollte, wie er fand. Und dann: Dieser Tick in der Schulter, der so wirkte, als wollte sie der Welt immer wieder einen Rempler verpassen. Benedetto trug ein kariertes Hemd, löcherige Jeans. Kurz, eine Garderobe, bei der alle Sorgfalt darauf verwendet wurde, sich von der Feierlichkeit des Abends abzusetzen. Mit einer Hand stützte er sich auf den Fenstersims, mit der anderen rauchte er eine Zigarette. Seine dunklen Locken fielen ihm über die Ohren; und diese Frau lächelte, mit jedem Wort, mit dem er sie scheinbar wie mit einem Lasso näher an sich heranzog.

Benedetto, der Weltenbummler, dachte Viktor amüsiert. Tatsächlich war Benedetto Rissono ein belesener Schreiberling, der Reiseberichte verfasste, Duschvorhänge betextete und sich ein paar Scheine mit halbseidenen Geschichten dazuverdiente, bis er – so sein gern verkündeter Plan – einen »großen Coup« im Journalismus landen würde, etwa mit der Aufdeckung eines »politischen Skandals«, was mit dem Aufstieg in eine neue Gehaltsklasse einhergehen würde. Viktor hatte in seinem Leben weder Freundschaften geschlossen noch gesucht. Für den zwei Jahre jüngeren Benedetto hegte er indes Zuneigung. Es war schlicht die Lebensfreude und Leichtigkeit, mit welcher dieser Florentiner auf Männer ebenso zuging wie auf Frauen, die Viktor faszinierte. Seine Kunst bestand darin, keine Handlung als Kunst aussehen zu lassen. Sprezzatura – schoss es Viktor durch den Kopf. Diese Art von Lässigkeit, die daher rührte, dass das, was man tat oder sagte, anscheinend mühelos und fast ohne Nachdenken zustande kam, ohne sichtbare Anstrengung. Gefolgt von einem Leuchten in den Augen, das jedes Gegenüber als wichtigsten Menschen der Welt auszeichnete. Schon hob Benedetto sein Weinglas, hielt es gegen das Licht und schien das tiefdunkle Rot zu bewundern. Als Viktor diese Geste ihm wohlgesonnen spiegelte, lief sein Freund auf ihn zu, schnappte sich den Notizblock und betrachtete die Zeichnungen.

»Gut getroffen«, pfiff er anerkennend und blickte sich um. Er nahm einen kräftigen Schluck, als würde er das Glas trinken, nicht den Wein. »Diesmal habe ich sogar Kleider an.«

Viktor nickte. »Das ist richtig.«

»Und wer ist diese Gestalt hier, die mit den Tentakeln?«, fragte Benedetto.

Viktor blickte dunkel auf. »Siehst du die tanzende Frau da drüben? Und der Typ an ihrer Seite? Der sieht doch aus, naja, wie … wie ’ne Krake. Die ganze Zeit über betätschelt er sie aufdringlich, schlingt seine Arme um ihren Rücken, zieht ihr Gesicht an seins ran, aber er küsst sie einfach nicht, ich versteh’s nicht, der küsst sie einfach nicht.«

»Schau an, unser Romeo träumt in seinem Notizbuch.« Benedetto ließ sein samtenes, mediterranes Lachen hören. Er zündete sich eine Zigarette an, zog so intensiv an ihr, dass sie sich heiß und schnell verzehrte.

»Und wer ist die …?« Viktors Kopf wies zum Fenster.

»Ich stelle sie dir gern vor.«

»Schon gut. – Und deine Freundin?«

»Wir sind nicht mehr zusammen.«

»Neulich hast du mir von ihr noch vorgeschwärmt?«

Benedetto hob, gemeinsam mit beiden Armen, die Augenbrauen und ließ sie auch gemeinsam wieder fallen.

»Dein Herz ist ein Stundenhotel«, sagte Viktor kühl.

»Entspann dich mal!«

Viktor blickte seinen Freund ernst an. Entspannen – diese Aufforderung war ihm lästig geworden. Er entschuldigte sich, denn er spürte, wie eine Flamme in ihm hochschlug. Er verließ den Saal, ging tiefer hinein in den Bauch des Weltkulturmuseums, durch die Kammern des sich mit Nachtgrau anfüllenden Gebäudes, bis er dessen Herzstück erreicht hatte: den Maskensaal. Der Raum war verschachtelt, von Zirpen- und Trommelgeräuschen beschallt. Er erinnerte sich, wie er als kleines Kind noch staunend diese Welt erkundet hatte. Auch jetzt wirkten die Masken wundersam auf ihn, hier wie Tiere, dort wie Gespenster. Doch je länger er sie anstarrte, desto mehr bedrückten sie ihn. Wer schaut hier eigentlich auf wen?, dachte er und fragte sich, worin der Sinn bestand, das Andersartige zu feiern, indem man es ausstellte. Eine aus Holz geschnitzte Maske leuchtete in der Aneinanderreihung der Objekte auf, ihr übermäßig großer, mit Haaren beklebter Kopf wies drei perfekt runde Löcher auf: zwei Augen und ein Mund. Viktor starrte auf den Mund. In dessen Dunkelheit hinein. Warum habe ich nie mit einem Mann geschlafen?, fragte er sich. So viel zum freien Willen, war sein nächster Gedanke, ein Gedanke, der ihm zeitlebens wichtig gewesen war. Er las die Überschriften auf dem Schild zu den Masken: Besuch der Geister.

Vor kurzem hatte er Benedetto gezeichnet, als dieser nachts in seinem Studio unangekündigt vorbeigeschaut hatte. Er wusste nicht, wie es dazu gekommen war. Plötzlich hatte Benedetto mitten im Raum gestanden und Opernmusik aufgelegt. Seine sonst gekonnte Führung des Kohlestiftes auf Papier – Benedettos Anblick hatte sie aus der Bahn gehoben, als er sein Hemd ausgezogen und über den Stuhl geworfen hatte. Viktor hatte dann auf das weiche Papier nur noch sanften Druck ausgeübt, mehr schraffiert als gezeichnet, am Ende aber waren die Linien harmonisch ausgefallen. Beim Abschied spürten sie gegenseitig ihren Atem. Eine für Viktor angenehme, aber nicht fassbare Nähe hatte in der Luft gelegen. Benedetto hatte sich mit der Hand über seine Hosennaht gestrichen, eine kurze, flüchtige, aber dennoch offensichtlich deutlich vollzogene Geste. Viktor hatte mit Unbehagen reagiert und es verborgen gehalten, anstatt es mit Benedetto zu erkunden.

»Welche Maske passt zu dir?«

Viktor schrak auf. Der hochgewachsene Mann aus der Abendgesellschaft stand im Halbschatten und deutete auf die Vitrine. »Welche Maske?«, fragte der Fremde erneut und trat in den fahlen Lichtkegel der Deckenlampe. Viktor sah das straff gespannte Trapez dieser Schultern. Von Nahem betrachtet war die Nase des Fremden ähnlich krumm wie seine eigene, eine grässliche Wunde zeichnete sich unter dem Auge ab, etwas mit seinem Ohr stimmte nicht. »Verrät die Maske nicht mehr über den Menschen als sein Gesicht?« Das war keine wirkliche Frage, eher eine Mitteilung, mit tiefer Stimme in den Raum geworfen. Der Fremde legte seine kräftige Hand auf Viktors Schulter. »Damion«, stellte er sich vor. Viktors Mundwinkel sprangen hin und her, mit Mühe hielt er Worte zurück, die aggressiv geklungen hätten. »Warum so einsam?«, fragte der Fremde.

»Unter Geistern ist man nicht einsam«, schnellte es aus Viktor heraus, ohne dass er das Gefühl hatte, Herr der Lage zu sein. »Aber ja, wir sollten zurück zu den andern.«

Sie liefen nebeneinander an den Ausstellungsobjekten vorbei, durchschritten diverse Kammern, sahen hier irgendwelche Vogelfedern, dort zu Schmuck oder Werkzeug bearbeitete Metalle. Eine Schautafel dokumentierte die Vermessung von Körpern indigener Gemeinschaften. Stirnbreite, Länge der Augen, Orbitalhöhe, Abstand der Brustwarzen, Umfang des Halses, des Leibes auf Nabelhöhe, der Oberarme, der Unterarme, der Waden, die Entfernung vom Tragun zur Nasenwurzel, die Entfernung vom Tragun zur Mitte der Oberlippe, die Entfernung vom Tragun zur Mitte der Unterlippe. Der Lärm der Abendgesellschaft tönte lauter an sie heran, wenige Schritte später waren sie wieder unter den gut gekleideten Gästen. Damion musterte die Bilder an den Wänden. »Und du? Sag bloß, du malst auch hintersinnige Mandalas?«

»Ich – «, Viktor fand keine geeignete Antwort, fragte schließlich stattdessen: »Du bist nicht von hier?«

»Scharf beobachtet.«

»Woher?«

»Chicago.«

»Der Chicago River. Ein seltsamer Fluss.«

»Warum seltsam, Kleiner?«

»Ach, nicht wichtig.« Viktor argumentierte nicht mehr so gern, er bestellte lieber Alkohol.

»Nein, erzähl schon, komm!«

»Also, na ja, anscheinend ergießt sich der Fluss in den Michigan-See. Aber in Wirklichkeit ergießt sich der Michigan-See in den Chicago River. Weil der derart verdreckt war, hat man vor über hundert Jahren kurzerhand einen Seitenarm in einen Industriekanal verwandelt, die Brühe umgeleitet und das Flussbett so tief ausgebaggert, dass der See nun in den Fluss zurückfließen muss. Eine Vergewaltigung der Natur.«

»Sachte, sachte!« Damion sprach leise und legte ihm erneut eine Hand auf die Schulter. »Der Fluss ist heute ein Juwel der Stadt. Ein wirkliches Juwel. Die Leute, sie schwimmen in ihm, er macht sie glücklich.«

»Strenggenommen … « Viktor hielt inne, das Interesse an der Unterhaltung versickerte in ihm. Einige Augenblicke standen die beiden voneinander abgewandt nebeneinander da. Damion griff sich einen Cocktail vom Tablett, das ein Kellner an ihm vorbeitrug. Er warf das Rührstäbchen weg und prostete der Frau mit den dunkel umschatteten Augen zu.

»Strenggenommen hast du sie eben schon angestarrt. Sie kommt aus Venezuela«, sagte Damion, eine nimmermüde Wachsamkeit im Blick. »Vater: Weinbauer aus Chile«, ergänzte er. »Sie heißt Irene.« Sein ausgestreckter Arm ermutigte die junge Frau, doch näherzutreten. »Darf ich vorstellen?« Der Klang in Damions Stimme verwandelte sich, wurde samtweich und verbindlich. »Wie war noch gleich dein Name?«, fragte er. Vier Augen blickten Viktor erwartungsvoll an.

»Viktor Sørless.«

»Irene ist Aktivistin. Sie setzt sich für Kinder ein, die in Gefängnissen aufgewachsen sind.«

»Freut mich.« Viktor streckte ihr seine Hand entgegen. Er lächelte. Sie lächelte zurück, die nervöse Unruhe in ihrer Schulter ließ seine Hand in der Luft allein schweben.

»Vicky hier, der ist auch talentiert. Was machst du noch mal genau?« Damion hob gespannt den Kopf.

Viktor stutzte. »Architekt.« Er ging also auf das Spiel ein.

»Ich bleibe ein paar Tage in der Stadt«, sagte Irene. Sie wirkte zutraulich. »Was kann ich mir anschauen?«

Viktor schüttelte den Kopf. »In der Stadt? Nichts. Nichts wirklich Interessantes.«

Sie blickte ihn irritiert an. Hastig klopfte er sich auf die Brust und tastete sein Sakko ab.

»Vielleicht habe ich hier etwas für dich. Warte … das Haus in den Dünen.« Seine Stimme überschlug sich. »Es befindet sich gerade im Bau, an der dänischen Küste, ein hübscher Ausflug dahin. Moment … hier … das sind meine Skizzen dazu.«

»Das Haus in den Dünen?«, äffte Damion ihn ironisch nach.

»Eine Galerie im Wind«, fuhr Viktor fort. »Das Gebäude wurde für einen Berührungssynästhetiker entworfen. So jemand spürt auf eigener Haut, wenn andere sich berühren. Der Wind in den Dünen beruhigt ihn.« Nach einer Pause fügte er, schon etwas vorsichtiger, hinzu, Wind sei die Berührung der Einsamen, dann verhaspelte er sich, flüchtete sich in technische Details, sprach über das Solardach und den Lehmputz des Hauses. Seine Stimme wirkte heiser, er streifte Irene nur mit halbem Blick.

»Schön«, sagte sie dünn und blickte Damion an. Kurz vor ihrem Abgang versicherte sie, die Begegnung sei ihr eine große Freude gewesen. Viktor schaute ihr nach und entschied, in einen Winkel zu verschwinden, in den das Licht dieses Abends nicht vordrang.

»Halt.« Damion griff nach seinem Arm. »Unser Team sucht einen Architekten.« Viktor starrte ihn irritiert an. »Du verkaufst dich miserabel, aber dein Ansatz könnte jemandem gefallen. Karte?«

»Nein, nicht dabei.«

»Hier.« Damion griff nach seinem Notizblock und zückte einen Füller aus der Innentasche seines Jacketts. »Schreib auf!«

Nur widerwillig kam Viktor der Aufforderung nach, setzte unter seinen Namen seine Telefonnummer.

»Adresse?«, fragte Damion unnachgiebig. Viktor fühlte sich ertappt. Sein Büro befand sich in desolatem Zustand. Er schrieb die Adresse auf und erklärte leise: »Das ist unser altes Studio, bald ist die Adresse nicht mehr gültig. Wir expandieren.« Damion nickte desinteressiert und verschwand in der Menge.

Viktor, plötzlich alleingelassen, blickte in all die fremden Gesichter um ihn herum, die ihm nun noch fremder erschienen als die Masken in den Kammern. Er vernahm das Klirren der Gläser, den heiteren Lärm. Er trank Wein. Stand immer noch allein da. Trank wieder Wein. Irgendwann sah er den Künstler, und mit dem Künstler die Nachhut an Neugierigen; er sah Benedetto, der gelöst mit einem jungen Mann tanzte. An der Tafel hockte ein Glatzköpfiger, entsprungen aus einem Gemälde von Marc Chagall, gezeichnet von linkischer Traurigkeit. Der Typ saugte am Halm eines Cocktails, wirkte einsam, allein, verloren, sein Blick heftete sich blöde an die Beinlinie einer jungen Frau. Der Krakenmann hielt in seinen Armen noch immer das gleiche Opfer. Viktor griff wieder zu seinem Kohlestift, zeichnete das Pärchen und retuschierte das Ergebnis; er verlieh den Tanzenden einen geheimnisvollen Ausdruck. Mit einem Ruck preschte er auf das Paar zu, streckte den Arm aus, wollte dem Mann die Skizze überreichen, die, seines Erachtens, eine zärtlichere, liebevollere Version zeigte, als die beiden sie in Wirklichkeit abgaben. »Was bist du denn für ein Freak?«, fauchte der Mann erbost und schubste ihn von sich. Viktor fiel zu Boden. Die Menge wich zurück. Er stand ungelenk auf, fiel noch einmal, befühlte die Innenseite seines Schenkels, seine Leiste schmerzte, sein Kopf drehte sich. Er entschuldigte sich lallend bei den Umstehenden und humpelte auf die Treppe der Eingangshalle zu, blickte noch einmal zurück und ging dann kopfschüttelnd und irgendetwas vor sich her brummend weiter hinaus auf die Straße. Er war auch an diesem Abend der Unmöglichkeit begegnet, sich selbst zu entkommen. Man kann da einfach nichts machen, dachte er noch, bevor die kalte Nacht seinen Atem sichtbar werden ließ.

34

STUDIO VIKTOR SØRLESS. Der Briefkasten sprang auf und Reklame quoll heraus. Viktor versuchte, die Sendungen aus der Luft zu fischen, musste aber hilflos zusehen, wie die Briefe, einer nach dem anderen, zu Boden flatterten. Es ist nicht mein Tag, dachte er sich, las die Post auf und verstaute sie gleich wieder im Briefkasten. Sein Blick blieb auf dem Firmenschild haften. Er musterte den skandinavischen Vokal in seinem Nachnamen, den Kreis mit dem aufstrebenden Strich. Das Ø symbolisiert in der Mathematik eine leere Menge, nach den vergangenen Tagen konnte er sich jedoch nicht mehr des Eindrucks erwehren, die Chiffre sei zum Zeichen seiner Gewöhnlichkeit geworden. Ein Durchschnittszeichen, mehr nicht. Er verließ den Hausflur zum Hinterhof hin, blinzelte draußen in die Mittagssonne, das Blau des Himmels war verheißungsvoll. Unter dem Druck leichter Böen neigten sich ein paar hohe schlanke Bäume einander zu, in den ersten Zweigen hing die Andeutung von Grün, wie ein Flüstern. Ein weiterer Frühling kündigte sich an. In ihm tat sich nichts auf.

Auf dem Sportplatz linkerhand spielten hochgeschossene Jugendliche mit nacktem Oberkörper Basketball. Gekonnt dribbelten sie den Ball über den Platz, schwangen sich in die Luft, versenkten ihn immer wieder im Korb. Ihre Rücken waren schweißüberzogen, trotz der noch frischen Jahreszeit. Viktor, der in den letzten Wochen eigentlich nur noch über dem Schreibtisch gebrütet hatte, gefiel die Leichtigkeit ihrer Bewegungen, die Anmut, mit der sie sich der Schwerkraft widersetzten.

Durch den Eingang zum Hintergebäude betrat er sein Büro. Augenblicklich erhob sich sein Partner Anton vom Schreibtisch. »Hey, wie war dein Wochenende?«, fragte er munter, erschrak aber sogleich über Viktors entstelltes Gesicht. »Du hast ein blaues Auge, was ist passiert?«

Viktor winkte ab. »Nicht der Rede wert.« Der Schmerz in seiner Leiste meldete sich zurück. Er humpelte an Anton vorbei hinein in einen vollgestopften Raum, den er als Labor hergerichtet hatte. Hier widmete er sich der Erforschung eines Werkstoffs, von dem er sich die Zukunft des Bauens erhoffte: Lehm.

Er legte seine Tasche neben die Messgeräte auf den Tisch und schlug mit dem Knöchel seines Mittelfingers auf einen luftgetrockneten Ziegel aus Nyanza. Er mochte den Klang wie auch die Farbe dieses Steins. Anton hatte ihn von seiner letzten Reise aus Ruanda mitgebracht. Auf den Regalböden lagen, sauber sortiert, unterschiedliche Lehmsteine. Er hatte sie alle geprüft, regelrecht auf Biegen und Brechen, und auf ihre Tauglichkeit für einen möglichen Einsatz unter klimatisch unterschiedlichen Bedingungen abgeklopft; er hatte sich mit Bodenkunde befasst, mit Gesteinsverwitterung; er träumte von einer Renaissance des Lehms, dem Baustoff der Natur, der in anderen Sprachen schlicht Erde hieß. »Mit Erde bauen«, sagte er sich immer. »Was für eine schöne Aufgabe.« Anstatt mit Zement, der in seiner Herstellung gewaltige Mengen Sand und Energie verschlang und als verarbeiteter Beton die Welt erstarren ließ.

Wenn es nach ihm ginge, würde Beton nicht als Fundament des modernen Lebens herhalten, um Zeit und Elemente zu zähmen. Aber seine Beständigkeit versprach, wonach sich die Menschen offenbar sehnten: gebaute Kontrolle. Doch Beton hinterließ Wunden. Durch ihn wurde die blaue und grüne Umwelt von Sekunde zu Sekunde grauer. Auf seinen Reisen durch Japan hatte er ein Land gesehen, das sich allmählich zumauerte. Dabei hatte er doch gedacht, Vertrauen in die Unbeständigkeit des Seins, beschrieben durch das Wort Mujō, wäre tief in der japanischen Kultur verwurzelt. »Es fühlt sich so an, als wären wir im Gefängnis, obwohl wir nichts Schlimmes getan haben«, hatte eine Austernfischerin in Yamada zu ihm gesagt und mit einem Kopfschütteln auf die häuserhohen Betonwälle vor ihrer Küste gedeutet. Sie sollen die Fluten aufhalten. Aber sie trennen die Menschen von ihrer Umgebung. »Ich kann das Meer nicht mehr sehen«, hatte die Frau noch hinzugefügt.

Lehm hingegen, Lehm bedeutete Leben. Er lag allen zu Füßen, unter der Erde, als Humus; im Grunde als Bindemittel einer humanen Bauweise. Lehm war in Wasser löslich und in natürliche Kreisläufe rückführbar. Warum wollte es die Welt nicht verstehen?

Anton betrat Viktors Büro. Es riss ihn aus seinen Gedanken. Viktor sah auf und sah die Brillengläser, die im Sonnenlicht funkelten. Anton wirkte wie ein neuzeitlicher Mönch auf ihn: das Haar kurz rasiert, ein schlichtes Hemd, blaue scharfe Augen hinter einer Brille, die unglaublich dünn wirkte, ja, fast unsichtbar. Viktor bemühte sich zu lächeln.

»Nur eine Morddrohung, diesmal«, sagte Anton und reichte ihm eine ausgedruckte E-Mail. Viktors Kehle schnürte sich zusammen, als er die Nachricht entgegennahm und durchlas.

»Leave our nature and scrap this awful building or I will kill you. Nobody wants it. Looks like a damn control tower, or a fucking bunker from WW2, what a fucking joke, yu fucking scum. Have yu no respect for our nature?«

Er zerknüllte das Papier und warf es in die Ecke. »Noch mehr Fanpost?«

Die beiden blickten sich wortlos an.

»Rechtsextreme Politiker haben sich eingeschaltet«, sagte Anton nach einer Pause. »Sie wollen das Bauvorhaben stoppen. Unser Wohnhaus sei eine Schande für die Natur – ihre Natur. Die Dänen, behaupten sie, hätten Millionen ausgegeben, um deutsche Bunker von der Westküste zu beseitigen, und jetzt komme ein ›Halbnazi‹ daher, und knalle ihnen einen neuen Schandfleck aus Beton vor die Nase.«

»Naturstein«, korrigierte Viktor. »Er stammt aus der Region. Ist das patriotisch genug?«

Anton zuckte mit den Achseln. »In ihren Augen verschandeln wir die Gegend. Der kleine Mann, fauchen sie, dürfe seine Häuser nicht ändern, geschweige denn umbauen, weil er sonst Ärger mit den Behörden kriegt. Aber wir – «, betonte Anton, »wir haben eine Baugenehmigung in den Dünen. Das sei, sagen sie, Verrat, wie die Windräder in West-Jütland.«

Viktor winkte ab. »Wir bauen nicht in, sondern an den Dünen. Außerdem hält der Bauherr zu uns. Er hat …«

»… heute abgesagt«, unterbrach ihn Anton und schob sich die Brille zurecht. Der vollkommen ruhig ausgesprochene Satz stampfte Viktor innerlich zu Boden.

»Wie bitte?« Er blickte Anton hilflos an.

»Zu viel Trubel! In mehr als 30 Ländern wurde über das Dune House berichtet. Gib das Stichwort einfach mal in eine Suchmaschine ein. Die ersten Leute fahnden schon nach dem Bauplatz. Er hat einfach Angst. Er will dort nicht mehr wohnen – und hat das Projekt abgeblasen.«

»Was heißt das?«

»Das heißt, dass wir, nach der Abfindung, …«, Anton lächelte zum ersten Mal, »pleite sind.«

»Wir haben noch den Wettbewerb.« Viktor biss sich auf die Unterlippe, wollte verkünden, dass alles gut werde, die Worte blieben ihm aber im Hals stecken. Er schielte zur Silbermedaille der Architekturschule aus seiner Zeit in London. Sie strahlte keine Zuversicht mehr aus, sondern prangte mit dem verlorenen Glanz einer nicht eingelösten Zukunft verlogen an der Wand. Sein Partner trat einen Schritt näher auf ihn zu und strich mit dem Finger über den Lehmstein. »Du weißt, Gregor und ich bekommen ein Kind. Wir haben grünes Licht für die Adoption.«

Viktor hob beide Brauen. »Du wirst ein guter Vater sein«, sagte er ruhig, und fügte hinzu: »Oder eine Mutter, wie immer du möchtest.«

Anton blieb ernst. Ihm stand nicht der Sinn danach, die Atmosphäre mit Gelächter zu reinigen. »Ich mag deine Entwürfe«, sagte er stattdessen. »Den Atriumturm oder die Mensa auf den FäröerInseln, in der sich die Studenten verlieben sollen, um so das Problem der Abwanderung zu lösen. Etwas naiv …«

»… aber?«

»Wir müssen etwas Normales bauen«, wetterte er. »Mit Beton, wie alle anderen, nicht mit Lehm. Wir haben noch die Anfrage der Tanzschule. Sie wollen einen LED-Sternenhimmel haben, der sich individuell steuern lässt, ebenso wie die Spots und Lichtvouten.«

»Die Fata Andromeda«, entfuhr es Viktor. »Ich reiße lieber Decken ein, damit Menschen unter echten Sternen tanzen.«

»So«, sagte Anton leise, und die Worte kamen wie ein Seufzer über seine Lippen: »Das ist dein Problem: Arroganz. Je weniger Kunden wir haben, desto aufsässiger wirst du. Sanieren wir einfach ein Haus von reichen Leuten, das wäre …«

»Zeitverschwendung«, fiel Viktor ihm ins Wort. »Wenn wir damit anfangen, dekorieren wir Villen, und zwar ein Leben lang.«

»Irrtum. Wir haben kein Leben mehr«, blaffte Anton, nahm die Brille ab, und putzte die Gläser mit dem Zipfel seines Hemdes. Viktor wandte seinem Partner den Rücken zu und begab sich an seinen Schreibtisch. Durch die offenstehende Tür seines Büros sah er die Praktikantin aus Barcelona kommen. Jeden Morgen warf sie ihre Tasche auf den Boden, blickte sich dann forsch um, dann einem ihrer beiden Chefs in die Augen, dann kochte sie missmutig Kaffee: In diesem Ablauf der immer gleichen Gesten verbarg sich eine einzige Aufforderung – gebt mir endlich Arbeit!

Die Stille im Studioraum bedrückte Viktor, er schlich sich an den Zeichentisch und blätterte die letzten Entwürfe zum Dune House durch, das die Presse weltweit elektrisiert hatte, das aber nun, wie es aussah, niemals gebaut werden sollte. Er sah das Architekturmodell vor sich stehen und hielt inne; dort lag ein weiteres Modell im Maßstab 1 : 100, und ein noch genaueres im Verhältnis 1 : 50. Nur ein einziger Maßstab war ihm nicht geglückt: 1 : 1. Ein ganz normales Haus, kein Palast aus Pappe.

Er streckte den Rücken und wurde auf ein Objekt auf seinem Schreibtisch aufmerksam. Er nahm es in beide Hände, besah es sich genauer: Eine nicht gerade kleine Statue, ihre Beine waren zum Lotussitz verschränkt, sie thronte auf einem Sockel voller kryptischer Inschriften.

»Was hat es damit auf sich?«, rief er ins Studio.

»Interessant, dass dir das Ding jetzt erst auffällt. Du musst ganz schön verpennt sein.« Anton schlurfte langsam auf Viktor zu, stand schließlich vor ihm, in der gebeugten Haltung eines schlaksigen Hünen, und reckte betont langsam den Zeigefinger empor. »Darf ich vorstellen? – Das … ist Xochipilli. Bei den Azteken die Göttin des Tanzes, der Blumen und der Künste.«

Viktor lächelte. »Und sie kommt?«

»Kam per Post. Mach sie auf.«

»Auf?« Er fingerte an der Statue herum. Sie wog schwer in seinen Händen. Er hob sie hoch, wendete und prüfte sie von allen Seiten – und wusste nicht wie.

»Hier.« Anton drückte auf einen Knopf am rechten Ohr der Statue. Ihr Schädel poppte auf. Viktor fischte ein Bündel Dokumente heraus, die er auf den Schreibtisch legte, sein Augenmerk fiel auf einen bedruckten Briefumschlag: Xinatli, die Vision.

»Öffne ihn und lies selbst! Dürfte dich interessieren«, sagte Anton.

Viktor räusperte sich, las dann laut vor: »Können wir noch berührt werden, wenn uns die Kunst nicht mehr berühren kann?« Er blickte auf, die Frage war groß, er fand sie sympathisch. Sein Studiopartner hatte bereits die Arme vor seiner Brust verschränkt und fixierte einen unsichtbaren Fleck an der Wand. Viktor las weiter. »Nie war die Kunst so frei. Vor allem in der westlichen Hemisphäre. Weder formale Kriterien noch Deutungen weisen sie in ihre Schranken. Sie kann zieren oder verstören. Sie pocht auf Autonomie, obgleich sie allein vom Markt entschieden wird, vom Magnetismus der Aufmerksamkeit. In einer Zeit schreiender Ungerechtigkeit, in einer Ära der Armut, Migration und Naturzerstörung erscheint dies überflüssiger denn je. Wir brauchen ein weitaus globaleres Verständnis von Kunst. Wir brauchen: einen Klimawandel im Geiste.« Viktor griff nach einem Stift, machte Randnotizen auf dem Briefbogen – und las weiter. »Zu selten riskieren Museen, aufs Ganze zu gehen und unser aller Zusammenleben durch neue Ideen voranzubringen. Es ist an der Zeit, dass sich Kunst am Leben inspiriert, nicht an seiner Entfremdung. Es ist ebenso an der Zeit, unserer kalt rechnenden Ökonomie eine erotisierende Ökologie gegenüberzustellen. Kunst kann eine nie dagewesene Beziehung mit der Natur eingehen, sobald sie ihrer Fülle, ja, ihrer poetischen Kraft nachgeht und den Zyklus von Wachsen, Vergehen und Werden verinnerlicht. Was würden wir über unseren Wirkungsrahmen als Mensch lernen können, wenn wir uns nicht mehr über die Natur erheben, sondern sie in unsere schöpferischen Möglichkeiten aufnehmen und in ihnen weitertragen? Xinatli soll ein neuer Außenposten sein, wo wir erforschen können, was für unser Leben das Miterleben bedeutet. Menschen jeglicher Herkunft sollen sich gegenseitig erfahren dürfen. Am Ende wird Xinatli nicht nur ein Ort sein, sondern eine lebendige Philosophie des Zusammenlebens im 21. Jahrhundert garantieren. Unterzeichnet. Fernanda Raíz.«

Viktor stockte. »Fantastisch! Aber wer ist diese Fernanda Raíz?«

»Tja.«

»Sag schon. Wer ist diese Frau?«

»Eine mexikanische Kunstsammlerin. Tochter von einem hohen Tier irgendeiner Bergbaufirma. Reiche Erbin – und ein Phantom. Sie scheut Auftritte in der Öffentlichkeit.«

»Wie kommt sie auf uns?« Viktor blätterte durch die übrigen Dokumente, hob kurz bedeutungsvoll die Hand, ließ sie wieder sinken, blätterte weiter, sah plötzlich den Namen Damion auf der Projektliste stehen und spürte ein flaues Gefühl im Magen.

»Wir sollen ein Gebäude im Dschungel entwerfen«, sagte Anton.

»Was?«

»Ein Museum. Im mexikanischen Dschungel«, wiederholte er ungeduldig. »Das hier ist die Ausschreibung für das Hauptgebäude der Sammlung und für ein sogenanntes Respirationszentrum, eine Art Hotel, vermute ich.«

»Wo befindet sich die Baufläche?«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst!«

»Wo befindet sich die Baufläche?«

»Ich habe sie auf keiner Karte finden können, wohl an der Grenze zwischen Chiapas und Tabasco.«

»Sagt mir nicht viel. Ich war einmal in Yukatan und an den Stränden der Riviera Maya, mit Rebekka … Tja … Wer sind die Auftraggeber?«

»Eine Stiftung. Finanziert von Fernandas Holding.«

Viktor griff nach der Ausschreibung, las sie Zeile um Zeile mit lauter Stimme vor, die mit jeder weiteren Information kraftvoller, ja regelrecht lebendig klang. Schließlich blickte er zu Anton empor: »Unsere Chance, nicht wahr?«

Anton hielt die Arme noch immer vor seiner Brust verschränkt. »Was genau? Ein Museum im Dschungel? Ein Ort, der auf keiner Karte verzeichnet ist? Die Ausschreibung einer Bergbautycoon-Erbin, die sich irgendwann vor lauter Langweile dazu entschlossen hat, Kunst zu sammeln und nun auch noch einen auf grüne Weltverbesserin macht?«

»Wann läuft die Einreichung ab?«

»In zwei Wochen.«

»In zwei Wochen?«

»Dann müssten wir unsere Ergebnisse präsentieren«, erklärte Anton. »Vier oder sechs Leute. Fernanda Raíz kommt persönlich vorbei.«

»Gut«, sagte Viktor.

Anton stöhnte auf. »Schau dich mal um! Was siehst du?« Er ließ seine Hand mit der Brille durch den Raum wandern, ehe er nachsetzte: »Eine Streichholzschachtel. Unser Büro ist ein Witz! Ein schlechter Witz ohne Pointe! Wir sollen hier, genau hier, ein Gremium internationaler Investoren empfangen? Du bist einfach bekloppt!«

Viktor atmete durch. Es stimmte, sie probten noch immer Professionalität, er und sein Partner: Zwei Schreibtische und ein Zeichentisch, das Labor mit den Lehmsteinen, die Küche mit der Herdplatte, die nicht mehr heizte und neben dieser ein Kühlschrank, der nicht mehr kühlte, dazu ein Berg leerer Flaschen, die davon zeugten, dass er den Kaffee gerne auch mal mit einem Schuss Whisky verdünnte.

»Das hier ist eine Nummer zu groß für uns«, sagte Anton.

»Museen sind die Kathedralen unserer Zeit.«

»Und?«

»Dafür sind wir Architekten geworden.«

»Du bist ein Architekt ohne Bauwerke!« Anton machte wütend kehrt, drehte sich nach kaum zwei Schritten erneut zu Viktor um und brüllte ihn mit ausgestrecktem Zeigefinger an: »Du verblüffst nur, du erschaffst nichts, rein gar nichts!« Seine Nasenflügel bebten. »Das Leben spielt sich nicht auf Zeichenpapier ab. Was du bis heute allerdings nicht begriffen hast. Aber genau deswegen hat dich auch Rebekka verlassen!« Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte und verließ mit hochrotem Kopf den Raum. Viktor griff nach einem Stift, hielt ihn lange aufrecht vor sich. Die Erinnerung an Rebekka tat noch immer weh. Er atmete auf und versuchte gedanklich abzutauchen. Vor seinem inneren Auge fokussierte er tropische Landschaften. »Ein Museum im Dschungel«, murmelte er.

Der Strich auf dem Papier kam zunächst zitternd, seine Hand aber wurde jetzt ruhiger und ein Umriss erkennbar. Ein Umriss, der nichts erkennen ließ. Brillant, dachte Viktor, brillantes Mittelmaß. Er sah das Gebäude nicht vor sich, er sah es verschwinden. Er sah den Grundriss als Grube, als gähnende Leere in sich selbst, und spürte, wie ihm das Wunder der großen Idee entglitt. Eine Idee, wie so viele in seinem Leben, die als Luftschlösser zerplatzten. Er sollte endlich Villen sanieren, wie es Anton vorgeschlagen hatte, gerade eben erst, er sollte endlich seine naiven Ansichten zur Ausnüchterung in die für Realismus zuständige Region seiner Hirnzellen stecken und besser spät als nie akzeptieren, dass das Leben leichter wird, wenn man seine Ideale über Bord wirft und sich einfach einreiht. Man kommt weiter, wenn man sich einreiht, und wenn man das nicht tut, bleibt man eben auf der Strecke. Existenzen enden nicht mit einem Knall. Sie zerfallen leise.

33

BENEDETTO RISSONO fühlte sich beflügelt. Auf Zehenspitzen tänzelte er in seinen Lackschuhen die Stufen der Züricher Oper hinab, über den Teppich, hinaus in den Abend. Seine Lungen füllten sich mit kühler Frühlingsluft. Er blickte auf den Zürichberg, der von Nebelschwaden umhüllt dalag. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf dem Wasser des Sees, der ruhig vor ihm schimmerte.

Er atmete tief ein. Herrlich, die Oper, dachte er sich. Eigentlich sollte er von Haus aus mit ihr fremdeln. Sein Vater hatte beim AC Florenz Fußball gespielt und sich später als Amateurboxer die Wut aus dem Körper geschlagen. Er war in seiner Gegend berühmt gewesen für seine Pugno di Pietra, legendäre Fäuste aus Stein, die jede Deckung durchbrachen und später bei der Erziehung seines Sohnes eine Art Ansporn für notwendige Leistungen bilden sollten. Der sportliche Italiener glaubte unwiderruflich, ein jeder halte sein Glück in den eigenen Händen. Man musste sie nur geschickt nutzen, um jeglichen Gegner auszuschalten. Und der junge Benedetto musste erst in die Fußstapfen seines Vaters treten, bevor er den Lauf seines Lebens schließlich den väterlichen Händen entreißen konnte.

Sicher, der Alte hätte sich über den Abend lustig gemacht, über diese »verweiblichten Gecken und pudrigen Gören«, die »verzärtelte« Inszenierung; er hätte lauthals losgelacht über das »schwule« Kostüm des Belcantos, der heute nicht nur traumhaft leicht an der Rampe seine Partien gesungen, sondern der Figur zudem einen extrem starken Charakter verliehen hatte. Seine Koloraturen waren perlend klar aus seiner Kehle geflossen. Benedetto schwelgte noch im Rausch der Schönheit dieser Arien, die im starken Kontrast zu den Songs standen, die während seiner Jugend zuhause in den Stadien gesungen worden waren, auf den Bolzplätzen und in den heruntergekommenen Umkleidekabinen. Früher war er mit der Jugendmannschaft des AC Florenz durch die Provinzen gezogen, hatte große Siege eingefahren. Die jungen Spieler, auf äußersten Zusammenhalt getrimmt, hatten im Rausch ihres Erfolgs gejubelt und die Macht ihrer kraftvollen Körper gespürt und waren unter den Duschen doch verspielt gewesen wie kleine Kinder. Der Taumel des Sieges, das dampfende Wasser, der Alkohol und die von gegrölten Liedern begleiteten Rangeleien hatten nicht selten die Grenze zwischen kumpelhafter Berührung und erotischer Lust eingerissen. Gerne wurde nach einem solch fantastischen Sieg einem Spieler das Shampoo aus der Hand geschnappt, ihm über dem Kopf entleert, der dann von vielen Händen kräftig eingeseift wurde, während zwei, drei andere Jungs ihr sich windendes Opfer umklammert hielten und der Übermut im Spiel für eine allgemeine Enthemmung sorgte, bei der unter lautem Gelächter il culo più bello, der schönste Hintern, gefüllt wurde: Sei es mit dem Schlauch für Kaltwasser, leeren Shampoodosen oder auch mal mit einem der prächtigsten Glieder dieser jungen Männer. Niemand aber hätte es je gewagt, ihn, Benedetto, den Träger der Kapitänsbinde, anzurühren, das Metronom des Mittelfelds, das so lange Tempo aus dem Spiel zu nehmen gewusst hatte, bis es seiner Zeitrechnung folgte. Der violette Stolz des Vereins. Seine Bestimmung hätte darin gelegen, den Traum seines Vaters zu erfüllen und Profi zu werden und damit auch die unerträgliche Armut hinter sich zu lassen, die sich wie eine Erbkrankheit durch die Familie zog. Sie war von den Großvätern auf die Väter und Söhne übergegangen wie die schwarzen Locken und hohen Schläfen oder auch die Hochzeitsanzüge, von denen er heute Abend jenes Exemplar trug, in dem sein Vater seiner Mutter das Jawort gegeben hatte. Benedetto schüttelte das Weiß seines Hemdes aus den zu kurzen Ärmeln, die Hose spannte an seinen muskulösen Beinen.

Der erste Pulk an Gästen strömte nun an ihm vorbei: sein Zeichen. Er ging zurück ins Foyer, wartete vor der Garderobe und behielt die Treppe scharf im Auge. Im Kopf hatte er sich Anekdoten zurechtgelegt. Das Aufstiegsmärchen über Enrico Caruso vielleicht, das zog immer, etwas recht Menschliches, dachte er, das friedlich den Abend besiegeln konnte.

Seine Begleitung stieg langsam die Stufen hinunter. Die Dame war hochgewachsen und hatte eine breite, fast flache Brust, weißes Haar und eine nahezu wölbungsfreie Stirn. Sie sah elegant aus in ihrem perfekt sitzenden blauen Kleid, mit dem dezenten Lippenstift und den zartbeigen Schuhen aus Saffianleder. Ein sicher sehr kostbares Perlencollier rundete den Eindruck ab, trotz ihrer knochigen Schultern. Er reichte ihr den Arm, sie hakte sich wortlos ein. Gemeinsam schritten sie zur Garderobe.

»Wie schön die Oper war«, sagte er und half ihr in den Nerz.

»Wissen Sie«, sprach sie betont vornehm, »wer die Oper nicht mag, ist nicht kultiviert.«

Er nickte gewissenhaft, sehr ernst. »Prima la musica«, antwortete er und hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Die Scheinwerfer der Limousine blendeten auf, als der wartende Fahrer sie auf der Straße erblickte. Benedetto öffnete die Tür, half der Dame in den Wagen und stieg auf der anderen Seite ein. Sie fuhren los. Er musterte ihr Profil, wie es sich in der Scheibe spiegelte. Häuser zogen an ihnen vorbei: groß, modern, gläsern. Sie passierten ein Gebäude am Ufer, das in die Jahre gekommen war. Er blickte sich um. »War das nicht mein Hotel?«, fragte er.

Die Dame klappte ihre Handtasche auf und zog Lippenstift nach. Dann blickte sie zu ihm: »Der Abend war schön. Warum sollte er jetzt enden?«

Weil ich müde bin, hätte er antworten wollen. Stattdessen griff er nach ihrer Hand, hielt sie in der seinen. Er hatte das Gefühl, es beruhige ihn mehr als sie. Mit der freien Hand fischte er eine kleine blaue Pille aus seiner Sakkotasche. Er wartete auf einen günstigen Moment und schmiss sich die Pille ein. Er wusste, es würde etwa eine Stunde dauern, bis sie wirkte.

Die Straße führte inzwischen durch einen dichter werdenden Wald. Sie fuhren bergan, auf die Chefetage der Stadt zu. Er verfolgte das Mondlicht nach jeder Kurve im Rückspiegel, bis die Limousine langsamer wurde und in eine Auffahrt einscherte. Ein Tor öffnete sich, die Reifen knirschten auf dem Kies. Eine Flutlichtfalle strahlte auf und beleuchtete eine Art Schloss mit kunstvoll gezimmerten Balken. Sie stiegen in umgekehrter Reihenfolge aus, wie sie eingestiegen waren, der Fahrer blieb gelassen im Wagen sitzen. Es war nicht der Marmor auf dem Boden, der auf Benedetto Eindruck machte, nicht die kunstvollen Bilder an der Wand oder die grünen Vertäfelungen an der Decke, sondern die Vorhalle, die sie betraten. Benedetto hatte das Gefühl, als befände er sich in einem Grandhotel. Was stellt man mit so viel Platz an?, fragte er sich. Als Kind hatte er am Stadtrand von Florenz gemeinsam mit seinen Eltern, der Großmutter, seinen Geschwistern und weiteren Mitgliedern der Familie gelebt. Jahrelang, beinahe zwei Jahrzehnte, wie in einem Kaninchenstall. Er hatte mit seinem Onkel und zwei seiner Brüder in einem Raum geschlafen. Im Winter hatte ihnen nur ein alter Kachelofen Wärme gespendet, im Sommer hatten die Kastenventilatoren an allen Fenstern das Haus in ein brummendes Wespennest verwandelt.

»Wollen Sie mit nach oben kommen?«, holte die Dame ihn zurück in ihre Gegenwart. Sie stand an der weit geschwungenen Treppe, hatte bereits ihre beringte Hand auf das Geländer gelegt. Er nickte. Die Stufen knarzten an einigen Stellen, ein Einbrecher hätte sich ertappt gefühlt. Aber er war ja kein ungebetener Gast. Sie gelangten in einen großen Salon mit schweren, weißen Vorhängen und hellen Möbeln. Eine Flügeltür führte zum angrenzenden Schlafzimmer. Die Dame zog ihren Nerz aus und legte ihn auf einem Diwan ab. Das Perlencollier verwahrte sie in einer Samtschatulle.

»Wollen Sie etwas Musik machen?«, fragte sie.

Benedetto warf einen beflissenen Blick auf die Plattensammlung, die ein cremeweißes Regal füllte. Enrico Carusos Stimme erklang bald im Raum. Sie beglückte ihn. Er legte den Kopf zur Seite und lauschte der Musik. »Caruso wurde im Armenviertel von Neapel geboren«, kam es ihm über die Lippen. »Als der große Komponist Giacomo Puccini ihn zum ersten Mal hörte, fragte er erstaunt: ›Wer hat Sie zu mir geschickt? Gott?‹« Benedetto lächelte. »Schön, nicht wahr?« Als er sich der Dame zuwandte, hatte diese sich bereits aufs Bett gesetzt und war entkleidet. Sie legte sich auf den Bauch, streckte Beine und Arme wie ein Seestern auseinander.

»Stellen Sie sich vor, ich wäre tot«, sagte sie. »Machen Sie einfach alles, was sie tun müssen.«

Benedetto nickte. Er war in einer psychisch prekären Situation. Wie immer zählte am Ende sein Körper, nicht sein Geist. Er zog sein Sakko aus, nahm sich Zeit, legte es sorgsam auf der Lehne eines Sessels ab. Er knöpfte langsam sein Hemd auf und bewegte sich in Richtung des Durchgangs, hin zu der offenstehenden Flügeltür. Was nun folgte, glich in gewisser Weise dem Gang ins Stadion vor einem Spiel. Alles schmolz zu einem Moment zusammen. Dieser Körper war nicht nur eine durch viele Trainingseinheiten geformte Materie, nein, er war eine Ansammlung straffer Muskeln und Sehnen, die zu funktionieren hatten; ein kampfbereiter Körper, gänzlich von Konzentration durchdrungen. Er hatte ihre Silhouette fest im Blick. Ging auf das Bett zu. Nahm einen ihrer Fußballen in die Hand. Die Absätze ihrer Schuhe hatten sie rot anschwellen lassen. Plötzlich schwang die Flügeltür zu. Benedetto erschrak und drehte sich um. Im Raum stand ein zitternder, alter Mann in Unterwäsche, eine Videokamera in der Hand, seine Augen waren wie ängstliche Träume, er wirkte wie ein Kind, das unabsichtlich etwas kaputt gemacht hatte und nun um Verzeihung bettelte. Benedetto folgte dem Blick des Mannes, der auf einen blütenweißen Umschlag am Kopfende des Bettes zielte. So funktionierte also die Ablassbitte, sprachlos und in eindeutige Gesten gehüllt.

»Schneiden Sie mein Gesicht raus«, sagte Benedetto nach einigem Zögern. Wenig später sollte ein nur sanft nachgebender Körper unter ihm laut werden.

32

DER WUNSCH nach einem aufregenden Leben hatte sich in Viktor verflüchtigt, wenig nur schien ihm noch ein mögliches Versäumnis zu sein. Zu oft hatte er seine Nächte im Qualm von Berliner Eckkneipen verbracht, auf Feiern im Osten der Stadt, vom Wunsch durchdrungen, seine Einsamkeit mit Menschen zu füllen. Zu später Stunde war seine Leidenschaft meist zu einer unerträglichen Lieblosigkeit zerfallen, die nichts anderes wahrscheinlicher machte als in der Dumpfheit eines abgestorbenen Gefühls aufzuwachen und sich unnötig allein zu fühlen, gerade weil jemand neben ihm lag. Seit seiner letzten Beziehung hatte er mit niemanden mehr geschlafen, sich zu keinem Rendezvous getroffen, geschweige denn versucht, noch den Nimbus eines erfüllten Lebens auszustrahlen. In vielerlei Hinsicht war er wohl ein soziales Alien, das als Fossil einer anderen Epoche bestaunt werden konnte. Er las keine Nachrichten, masturbierte nicht mehr über Erotikfilmen, nutzte kaum noch technologische Krücken – für ihn nichts als Einflüsse, die seine Vorstellungskraft lähmten. Selbst zu den wenigen Treffen mit Kunden fertigte er lieber Collagen statt computergenerierter Visualisierungen an. »Eine Collage hat ein offenes Ende«, hatte er seinem Partner Anton gegenüber diese Entscheidung begründet. »Jeder kann sie mit eigenen Eindrücken, Fotos oder Skizzen vervollständigen.«

Auch heute widerstand er allen Verlockungen, die Berlin wie einen Paradeflor vor ihm auszurollen schien. Er stand früh auf, machte sich Spiegeleier in Benedettos kleinem Apartment am Körnerpark, der als grüne Insel vor dem Fenster lag. Sein Freund hatte ihm diese Wohnung in Neukölln zur Verfügung gestellt, solange er selbst für eine Reportage außer Landes war. Benedettos Zimmer waren, wie Zimmer eben waren: Es gab eine Kommode, einen Schreibtisch und ein Bett am Fenster. Dennoch fühlte er sich warm umschlossen von der nicht sonderlich kostspieligen, dafür aber aufwendig zusammengetragenen Einrichtung. An der Wand hingen Partiturblätter, medizinische Karten mit mundmotorischen Übungen, auf dem Boden lagen Sitzkissen und Platten herum. Viktor fiel die schwere Hantelstange im Flur auf, die Pflanzen überall, die Küche mit ihren handbemalten Fliesen und nicht zuletzt ein aus filigran wirkendem Holz gearbeiteter Jali, mit den typisch rundgebogenen Zweigen eines blätterlosen Baumes, der im Schlafzimmer als Paravent und Lichtvorhang zwischen Kleiderschrank und Bett stand. Die Trennung zwischen Ankleide und Schlafstätte in ein und demselben Raum faszinierte Viktor. Jalis werden in der indischen Architektur nicht nur als Ornament, sondern auch zur Trennung der Geschlechter und somit der Identitäten eingesetzt. Ist es möglich, fragte sich Viktor, dass wir uns morgens als ein anderer ankleiden, als wir abends, nach der Passage eines Tages, schlafen gehen? »Mit wem tut Benedetto dies hier wohl?«, sann er flüsternd. Das Licht strömte vom Fenster und gebrochen durch den Jali auf das Bett. Viktor fühlte sich seltsam berührt. Er entkleidete sich, schmiegte sich nackt in das Laken ein und strich sich minutenlang über die Brust. Später nahm er die U-Bahn zur Friedrichstraße. Ging ohne Umweg zur Grimm-Bibliothek. Auch heute ließ er die Großstadt Großstadt sein, im Inneren der riesigen Bibliothek herrschte Konzentration. Er hörte das gedämpfte Murmeln der Besucher, das Knarren von Bücherkarren und das gelegentliche Rascheln von Seiten. Er ging die Treppen der Bibliothek hinauf und blickte hinab in den Lesesaal. Dieser war in der Mitte des Gebäudes angeordnet, türmte sich wie ein Bücherregal in Reihen nach oben, viel höher als die übliche Traufhöhe der Stadt. Die Architektur der Bibliothek überhöhte sozusagen die Funktion des Lesens und machte es zu einem sakralen Akt, zu einer Weihe. Der Innenraum war groß wie ein Schiff, in ihm vibrierte förmlich die Stille. Auf beiden Seiten bildeten die einzelnen Geschosse jeweils versetzte Terrassen aus, auf diese Weise entstand eine Galerie der Blicke: Nicht nur das eigene Buch, sondern auch der andere konnte zur Lektüre werden. Wer hier las, las in Gemeinschaft.

Als Kind hatte Viktor mit seiner Mutter Bibliotheken besucht. Eine Bibliothek war auch der erste Ort, an dem er seine Unabhängigkeit erlangt hatte. Mit sieben Jahren durfte er bereits allein losziehen – und er hatte es geliebt, durch die Regale zu schlendern, die Buchrücken mit den Augen abzutasten, mit den Händen nach ihnen zu greifen. Diese Reisen waren verträumte, reibungsfreie Pausen in seiner Kindheit. Er war stets reicher nach Hause zurückgekehrt, als er es verlassen hatte, und nun, heute, verbrachte er wieder jeden Tag in der Bibliothek und recherchierte zu Mexiko, las, was er finden konnte, von den Aufzeichnungen der Bodenbeschaffenheit in diversen Regionen bis hin zu den Bauweisen untergegangener Kulturen. Seine Notizen füllten bereits zwei dicke Blöcke.

Zwischendurch widmete er sich den Informationen zu Xinatli. Ein Kunstprojekt hielt ihn in Atem, das in dem Museum ausgestellt werden sollte. Es bestand aus zwei Teppichen. Die Geschichte dazu war vertrackt. Die mexikanisch-französische Künstlerin Jeanne Garcia hatte sich mit nichts ahnenden Polizisten angefreundet und ihnen ihre Zuneigung vorgespielt, sie durch Intimität infiltriert, um aus der Asservatenkammer Beweise verschiedener Polizeireviere des Bundesstaats Taumalipas zu entwenden. Dabei handelte es sich um Kleiderfetzen und Habseligkeiten von Vermissten, deren Fälle, wie sie recherchiert hatte, nie aufgeklärt worden waren. Die Stoffe waren blutgetränkt, weil die Vermissten gefoltert, verstümmelt und wie Müll auf die Straße geschmissen worden waren. Aus den Stoffen verwebte Garcia den Roten Teppich, der vor dem Museum ausgerollt werden sollte. Ein furchtbarer Laufsteg in die Welt der Kunst, dachte Viktor. Die Installation war eine Hommage an die mexikanische Künstlerin Rosa María Robles und zugleich eine weiterführende Arbeit, mit der Jeanne ihr offen Tribut zollen wollte. Robles hatte bereits 2007 im Bundesstaat Sinaloa eine Stoffinstallation ausgestellt, die mit diversen Verbrechen aus dem Drogenkrieg in Bezug gestanden hatte. Die Generalstaatsanwaltschaft von Sinaloa hatte die Künstlerin damals unter Druck gesetzt und sie gezwungen, Teile aus der Ausstellung zu entfernen. Jeanne Garcia wollte mit ihrer thematischen Reprise in verschärfter Form beweisen, dass die Straffreiheit der Täter und somit die Verstrickung des Staates vollkommen ungesühnt geblieben waren. Zudem wollte sie als dokumentarischen Appendix ihre Protokolle der Verwebung offenlegen, in denen sie die kriminelle Verbindung zwischen Polizei, Mördern und Gouverneuren aufdeckte und das Muster dieser Verbindungen abstrahierte, aus ihnen eine narrative Struktur verdichtete, was zur Grundlage eines Webmusters für einen weiteren Teppich dienen sollte, dem sogenannten Weißen Teppich, der, aus blütenreinem Papier gearbeitet, sich mit Schmutz färben würde, sobald man über ihn hinweglief. Nach Stunden konzentrierter Lektüre rauchte Viktor der Schädel, er hatte genug für heute.

Draußen hatte die Dämmerung Einzug gehalten. Die Bücher aus der Bibliothek wogen schwer in seiner Tasche – zuhause konnte er sich den Entwürfen für das Museum widmen. Anton hatte wiederholt versucht, ihn anzurufen. Er hatte sein Handy auf lautlos geschaltet und gab nun einem zufahrenden Taxi ein Handzeichen. Aber Taxis – sie hören ja nicht mehr auf Handzeichen, dachte er sich, stülpte die Kapuze seines Pullovers über den Kopf und gab sich der Stadt hin. Er ruderte mit den Armen, Schritt um Schritt, sein Puls stimulierte sich. Die entspannte Abendluft eines Sonnentages füllte seine Brust. Er ging vorbei an einem schraubenförmigen Haus, einem verfallenen Altbau mit großen Bogenfenstern, einem verwilderten Park, ehe er nahe des Kanals in eine Seitenstraße einbog. Hier fand er eine Baustelle vor. Das Schild am Zaun rief die Zukunft des Lebens und Arbeitens aus, eine Gründergemeinschaft am Ufer. Der abgebildete Neubau sah aus wie eine Klinik, daran änderte das hingetupfte Grün nichts: Es handelte sich um einen pastellfarbenen Block mit transparenten Wohnkästen, die sich mit Glasbalkons brüsteten, mit einer Garage samt Mobilitätsangebot, modernster Haustechnik und einer Küche aus Holz-Imitat, die aalglatt und antiseptisch ausgeleuchtet wirkte. Wenn man moderne Architektur als einen Versuch verstand, die Angst vor Schmutz und Krankheiten auszurotten und dunkle Räume wie Ecken zu meiden, dann ergab dieser Ort Sinn. Ein Grundbedürfnis ließ der Bau allerdings außer Acht: Menschen brauchen Schönheit, um sich zu entfalten. Dieser Klotz machte Viktor wütend. Das Ding war schlicht einfallslos. Akzeptabel für alle, inspirierend für niemanden, eine Krypta der Gleichmacherei. Und genau darin lag wohl auch das unschlagbare Argument: Das Los der Bewohner war die Schwebe. Flexibel bleiben, auf dem Sprung sein, zu einer anderen Arbeit übergehen, in eine andere Stadt oder auch gleich die Beziehung wechseln. Wer zu lange bleibt, verfehlt das Werden, erinnerte er sich an einen Spruch, den er irgendwo gelesen hatte. Dabei wohnte dem gotischen Ursprung von Wohnen, wunian, doch ein Zufriedensein inne, ein Zum-Frieden-Gebracht-Sein. Welchen Frieden?, fragte er sich. Welchen Frieden wird wohl dieser Bau stiften? Er funktionierte als soziale Durchlaufmaschine, wie gemacht für ein Leben ohne Reibung. Es war eine Architektur, die aus Menschen nicht das Beste herausholen, sie nicht emanzipieren oder gar eine mutige Lebensform ergreifen lassen wollte. Sie ließ sie schlicht in einem seelenlosen Wohnblock erkalten. Wenn die Zukunft des Zusammenlebens so aussah, war er nicht an ihr interessiert.

Er setzte sich in ein Straßencafé am Kanal, bestellte beim Kellner eine Flasche Wein und kramte sein Notizbuch und einen Füllfederhalter hervor. Sein Vater hatte ihm diesen in einer Box mit ein paar anderen Gegenständen hinterlassen. Eine einzige Box – alles, was von ihm übriggeblieben war, nachdem er sich aus dem Staub gemachte hatte. Viktor vermisste ein Phantom, einen Menschen, der nur mehr anhand welker Geschichten aus seiner Kindheit existierte, in Form von Bildern, einer Handvoll Fotos, aber ohne die Note eines Körpers – einen Menschen also, für den man Netze der Erinnerung auswarf und nur einen läppischen Beifang bekam. Sein Vater war nicht präsent gewesen, als Viktor zum ersten Mal zur Schule gegangen war; er war nicht da gewesen, als er seine erste Freundin zum Abendessen ausgeführt hatte; und er hatte gefehlt, als Viktor seinen Abschluss in Architektur gemacht hatte. Pünktlich zu Viktors neuntem Geburtstag hatte er sich entschlossen abzuhauen. Von da an hatte Viktor mit seiner deutschen Mutter, die im Laufe der Jahre immer stärker verbitterte, allein gelebt. Es war schwer für sie gewesen, allein zurechtzukommen. Viktor hatte früh das Gefühl gehabt, ihr zur Seite stehen zu müssen, so gut es damals eben ging.

»Du bist eine Kämpferin«, hatte er einmal leise und falsch erwachsen zu ihr gesagt, als sie von der Arbeit in einer Telefonzentrale nach Hause gekommen war und feststellte, dass sie niemanden mehr im Leben hatte, der sie anrief. »Ich bin eine Mutter«, hatte sie geantwortet und das Abendessen zubereitet.

Viktor schlug das Notizbuch auf und brachte den Füller in Position. In fremden Augen wollte er mehr Rätsel denn Erklärungen finden. Doch der Anblick der Menschen hier verstörte ihn. Er sah Sitznachbarn ohne Nähe. Sie schauten auf Screens, sie schauten nicht auf. Er wollte offen in die Welt blicken, aber sie schirmten sich ab. Die Gegenwart eines anderen schien ihre Neugierde nicht mehr zu entfesseln. Ihre Körper nahmen eine Betonhaltung ein, wurden unbeweglich. Er lauschte den Gesprächen, die geführt wurden. Sie waren geprägt von Polemisierung und bestanden weitestgehend aus bloßen Meinungen. Die wichtigsten Fragen waren Wellness-Fragen. Er hatte diese Gespräche noch nie gemocht und reagierte allergisch auf bestimmte Verhaltensformen. Wenn jemand etwas Gutes für den anderen übrighatte, dann nur das vergiftet Gute. Niemand war freigebig genug, Größe und Anmut anstandslos anzuerkennen, solange eigene Leistungen nicht wahrgenommen wurden. Für Liebe gab es Likes, für Orgasmen eigene Workshops, für Ideen kein Geld. Sie schauten auf Screens und schauten nicht auf. Zwischen all diese Menschen schien sich ein dunkler Vorhang zu legen, eine Decke aus unfühlbarem Stoff, den anderen ausschließend.

Er klappte das Notizbuch zu, hinterließ Geld auf dem Tisch, ohne den Wein angerührt zu haben und verließ das Café. Ein Spaziergang am Kanal brachte ihn auf andere Gedanken. Er setzte sich auf eine Bank und klappte sein Notizbuch wieder auf. Sein Handy vibrierte, meldete eine neue Nachricht. Ich sollte Anton endlich zurückrufen, dachte er noch, doch nicht sein Partner hatte ihm geschrieben. Es war dann auch nicht die mit einer unbekannten Nummer einhergehende Hoffnung auf irgendeinen neuen Kunden, die seinen Atem hätte schneller gehen lassen, sondern die Vorschau eines angehängten Videos. Zuerst dachte er, ein x-beliebiges Pärchen hätte ihm eine falsch adressierte Amateuraufnahme zugeschickt. Aber der nackte Frauenkörper, der sich auf einem Bett räkelte, mit angewinkelten Beinen und nach oben gestrecktem Hintern war kein ihm fremder Körper. Die Kamera fuhr die Beine der Frau entlang, über Bauch und Brust, langsamer werdend, bis sie am Hals einrastete. Eine Hand griff zwei helle Strähnen aus dem Haar der Frau und ließ sie durch ihre Finger gleiten. Wie hatte er diese Locken geliebt, diese Korkenzieherlocken, an den vielen Tagen und Nächten, als sie ein Gesicht einrahmten, das mal gelächelt, mal geweint hatte, oder schlicht sehr ernst geblieben war, ein Gesicht allemal, das mit ihm im Alltag versunken war, in Gewöhnlichkeit, und in einer Großmannssucht, die das Weite ausfüllen wollte. Gemeinsam hatten sie Realitäten ausgehebelt und die Kissen weich geschlagen. Nun sah er Rebekka lustvoll in diese Laken gebettet.

»Schläfst du schon?«, fragte eine Stimme, für einen kurzen Moment meinte Viktor, Benedetto wiedererkannt zu haben. Die Kamera bewegte sich im Handschweif, folgte den Konturen des Frauenkörpers, bis ein Zeigefinger über die Mulde zwischen Rücken und Po strich, sich weiter vortastete, um ihr zärtlich in den Schritt zu greifen. Sie stöhnte auf. Er mochte nicht länger hinsehen, aber er konnte nicht anders. Ein Finger tauchte tiefer in ihren Schoß ab, ihr Becken begann zu kreisen. Er spürte, wie sich ihre Lust mehrte. »Du hast mich aufgeweckt«, sagte sie verschlafen. »Weck mich noch mehr auf.« – Ein Satz wie ein Ruck, der gewaltsam Viktors Herz auseinanderriss. Er griff nach seinem Füller, drehte ihn um, drückte die Spitze aufs Papier, fuhr mit den Fingern den Schaft hinunter, wieder hinauf, wieder hinunter, blind für sein eigenes Tun, den Blick auf das Video geheftet. Eine Flut von Bildern strömte auf ihn ein. Er sah zwei Körper, die sich in Figuren legten, hörte Schreie, den Taumel zwischen Schmerz und Lust, einen fleischfarbenen Hai, der in ihrem Innern Beute riss. Er sah Hände, die an der Hüfte zupackten, um es diesem Schmetterlingswesen mit den schönen, so wunderschönen Korkerzieherlocken, hart zu besorgen.

In Viktors Körper hämmerte ein Rhythmus. Es tat weh, überall. Sein Blut schäumte, sein Notizbuch glitt ihm aus der Hand. Er konnte nicht beschreiben, was in ihm vorging, Hitze, Kälte. Wut. Vielleicht sogar Erregung. Er fühlte sich verloren in seinem eigenen Körper, der ihm deplatziert vorkam, und er hörte nichts als diese Laute, Geräusche, die aus dem Innern zweier Menschen schallten: klagend und schön. Sie drangen nun zu ihm wie die Geißelung aus einer fernen Zeit, einer Zeit, in der Rebekkas Körper ihm noch ein Tempel war, von dem ein göttlicher Bann ausging und der für ihn nie zu einer Art Selbstverständlichkeit hätte werden dürfen. Vor gut einem Jahr dann war ihre gemeinsame Zeit abgelaufen, ihre gemeinsamen Geräusche waren verstummt. Wenn es ihr dabei gut geht, soll es so sein, dachte er jetzt bitter und weinte. Das Video war zu Ende, sein Leben ging weiter.

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273 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783966390347
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Bookwire
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