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Frank Anders

MORITZ UND DAS

GEHEIMNISVOLLE TOPASIA

Ein Abenteuer-Fantasy-Roman

für Leser von zehn Jahren an

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Covergestaltung T. Hemmann mit Hilfe der Bilder

Forrest © Ancello - Fotolia.com und

Junge © honeyflavour - Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Für Dave und Eric

Phantasie ist die Kunst,

Erfundenes real erscheinen zu lassen

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Der Eierschaden

Verfolgung mit Folgen

Der Auftrag

Die Schildigel

Das Kürbisfest

Auge um Auge

Neue Weiten

Burg Drachenzahn

Überraschungen

Die Flucht

Reise nach Ivendaar

Schattenwege

Die geheime Bibliothek

Im Dunklen verborgen

Im Kreis der Steine

Dem Ziel so nah

Gegen die Zeit

Alles oder Nichts

Danksagung

1. Der Eierschaden

Moritz stürmte durch den Flur, streifte sich ein T-Shirt über und blieb vor dem Spiegel stehen. Er musterte sich flüchtig. Dann nickte er zufrieden. Das blaue T-Shirt, das lässig über dem Hosenbund hing, passte zu der kurzen schwarzen Hose, die ihm bis knapp zu den aufgeschürften Knien reichte.

»Ich geh runter, Mum«, rief er seiner Mutter im Wohnzimmer zu.

»Ist gut«, kam es zu ihm zurück. »Ach, und bleib nicht so lange, und zieh was Kurzes an. Wir haben Sommer.«

»Ja, ja, weiß ich doch«, antwortete er leise und schlüpfte in seine Schuhe.

Auf seinem Weg durch das Treppenhaus nach unten, dachte er darüber nach, was er alles anstellen wollte, als ihn etwas von seinen Gedanken ablenkte. Auf dem Fensterbrett lag ein braunes Hühnerei. Verwundert fragte sich Moritz, wer das dort liegen gelassen haben könnte. Im Haus gab es einige, denen er die Vergesslichkeit durchaus zuzutrauen glaubte. Da waren das Ehepaar Schimmelweiß, zwei furchtbar alte Leute, oder die Meiers, beide Mitte dreißig und ziemlich exzentrisch. Auch die Lehmanns kämen sicher in Frage, genauso wie Frau Müller, der man nie etwas recht machen konnte.

Ohne sich weiter mit Vermutungen zu befassen, schnappte Moritz sich das Ei und wollte die Sache aufklären. Zuerst bei dem Ehepaar Schimmelweiß, entschied er. Die allerdings wohnten ganz unten und das Ei lag hier, zwischen der ersten und der zweiten Etage. Blieben somit diejenigen übrig, die ab dem zweiten Stock aufwärts wohnten. Moritz überlegte einen Augenblick, bei wem er am besten anfangen sollte. Die Lehmanns – die waren im Urlaub. Und bei Frau Müller aus dem zweiten Stock wollte er nicht klingeln, nicht gleich jedenfalls. Und so hoffte Moritz, dass vielleicht die Meiers das Ei dort vergessen hatten. Die wohnten direkt unter ihm im dritten. Er ging hoch, und wie er gerade klingeln wollte, entflammte hinter der Tür plötzlich ein lautstarker Streit. Moritz nahm seinen Finger zurück und hielt es für besser, die Meiers jetzt nicht zu stören.

So wandte er sich von der Tür ab und setzte einen Fuß auf die Stufen. Aber er traute sich nicht, bei Frau Müller zu klingeln. Was also mit dem Ei machen? Unentschlossen hielt er es in seiner Hand. ›Ich könnte es einfach‹, dachte er, ›verschwinden lassen oder es in das Fenster zurücklegen oder aber ich‹ … Er griff sich in die braunen Haare, die ihm glatt über dem Kopf lagen und sah mit leuchtend grünen Augen nach oben. Da verspürte Moritz ein Kribbeln, das durch seinen Körper sauste, und er rannte mit dem Ei die Treppen bis ganz hinauf. Und immerhin hatte das Haus fünf Etagen, wenn man den Dachboden dazuzählte. Moritz steckte seinen Kopf zwischen dem Treppengeländer hindurch und blickte erstaunt nach unten. ›Ganz schön hoch‹, flüsterten die Lippen. Dann sollte es endlich losgehen. Im Haus war niemand zu sehen und zu hören. Moritz hielt das Ei übers Geländer und zögerte. War wirklich niemand im Treppenhaus? Erneut blickte er in die Tiefe und glaubte sich absolut sicher. Er war allein, und so öffnete er seine Hand und ließ das Ei fallen. Es waren nur wenige Sekunden, die das Ei nach unten flog, und eigentlich auf den Platten im Hausflur aufschlagen sollte, wenn nicht plötzlich … Zu seiner Überraschung landete es mitten auf dem Kopf einer Frau. PLATSCH.

»Au Backe«, hielt Moritz sich die Hand vor den Mund und drückte sich nach hinten an die Wand. Auf seiner Stirn zeigten sich Schweißperlen. Seine kleine, runde Nase begann zu kitzeln, wie so oft in heiklen Situationen. ›Frau Müller‹, schoss es dem Jungen durch den Kopf. Wo kam die denn auf einmal her? Das hatte noch gefehlt! Fieberhaft begann er nachzudenken: Was soll ich jetzt machen? Einfach an ihr vorbeilaufen, so tun, als ob nichts wäre? Auf gar keinen Fall, war er sich darüber klar, das ging nicht. Sie würde ihn gleich verdächtigen. Das war zu gefährlich. Also dann am besten in der Wohnung verstecken.

Leise, um möglichst keinerlei Knarren auf den alten Treppenstufen zu erzeugen, stahl Moritz sich nach unten, stellte seine Schuhe zurück in den Schrank und ging schnurstracks in sein Zimmer.

»Du bist ja schon wieder da, Moritz. Alles in Ordnung?«, rief seine Mutter aus dem Wohnzimmer.

»Ja, Mum.«

Nichts war in Ordnung, dachte Moritz, setzte sich auf den Teppich und holte die Legosteine unterm Bett hervor. Wahllos begann er die bunten Steine aufeinanderzusetzen und dachte dabei unentwegt an das Auftauchen der Frau unten im Haus. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Sollte er seiner Mutter davon erzählen? Das aber war es nicht allein: Viel mehr dachte er darüber nach, was wohl passieren würde, wenn der Verdacht von Frau Müller auf ihn fiele?

Nach ein paar Minuten hatte der Legosteinturm bereits eine beachtliche Höhe erreicht und Moritz gelang es, den missglückten Eierwurf allmählich zu verdrängen, als es an der Tür klingelte. Erschrocken zuckte er zusammen und ließ einen Stein fallen. Die Luft blieb ihm weg und er blickte erstarrt zur Zimmertür. Es klingelte ein zweites Mal. Dann Schritte in der Wohnung – seine Mutter. »Ich bin ja schon da, nur nicht so ungeduldig. Wo brennt es denn?«, öffnete sie nichtsahnend.

Moritz löste sich aus seiner Starre und atmete tief durch. Dann stand er vorsichtig auf, ging an die Tür und presste sein Ohr dagegen.

»Ja, bitte«, hörte er seine Mutter sagen, und wie sie versuchte, sich ein Lachen zu verkneifen.

Was er als nächstes belauschen konnte, war eindeutig die Stimme von Frau Müller. Sie klang rau wie Sandpapier.

»Was lachen Sie da? Sieht das etwa lustig aus? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«

»Wie könnte ich«, antwortete seine Mutter und fügte hinzu, dass sie ja viel zu schwer für sie sei, um sie auf den Arm nehmen zu wollen.

»Papperlapapp. Reden Sie nicht so einen Unsinn. Wo ist Ihr Sohn?

Vielleicht kann er mir ja erklären, wie das Ei auf meinem Kopf landen konnte.«

Moritz’ Mutter wurde nachdenklich. »Wollen Sie etwa damit sagen, dass er … ach, das glaube ich nicht.«

»Wer soll es denn sonst gewesen sein? Er ist das einzige Kind im Haus oder glauben Sie, dass jemand von den Älteren so etwas macht?«

Die Mutter von Moritz zog die Stirn in Falten. Sie erinnerte sich, wie schnell er wieder in seinem Zimmer verschwunden war.

»Ich werde ihn holen gehen. Warten Sie hier«, sagte sie schließlich und die Unterhaltung brach ab.

In Moritz kamen Ahnungen auf, die nichts Gutes bedeuteten. Er lief rückwärts in die Mitte seines Zimmers und trat dabei den Turm um.

Der zerfiel in viele Einzelteile und Moritz würdigte ihn nur eines kurzen Blickes.

Moritz’ Mutter klopfte gar nicht erst, sondern betrat das Zimmer ohne Umschweife, sah ihn auf dem Teppich stehen, wie er sie mit offenem Mund ansah, und sagte in einem ruhigen aber ernsthaften Tonfall: »Komm mal her!«

Zögernd ging Moritz auf sie zu und blickte in ein fragendes Gesicht, dessen vertraute Augen nach Antworten suchten.

»Was hast du in der Zeit gemacht«, begann seine Mutter und strich sich die langen, weichen Haare zurück, »in der du draußen warst?«

Sie machte eine kleine Pause, holte Luft und sagte weiter: »Frau Müller ist hier mit einem … na, am besten, du siehst dir das selber an.«

Obwohl Moritz keine Lust dazu hatte, musste er mit an die Tür.

Dann sah er Frau Müller im Treppenhaus stehen, in ihren viel zu weiten Sachen, die dunkel und ganz bestimmt längst aus der Mode waren. Mit einer Hand stützte sie sich auf einen hölzernen Gehstock und starrte Moritz durch eine Brille mit kleinen runden Gläsern finster an. Ihr Mund war zusammengepresst und ihre Wangenknochen bewegten sich.

»Das hast du doch fertig gebracht!«, sagte sie mit ihrer rauen Sandpapierstimme und machte Moritz mit einem Nicken klar, um was es ihr ging.

Das Eigelb hing auf ihrem Kopf wie eine runde Krone und das Eiweiß hatte sich in ihren Haaren verfangen.

Moritz zuckte nur mit den Schultern.

»Natürlich warst du das, tu nicht so, als wüsstest du von nichts«, blaffte Frau Müller ihn an.

Moritz’ Mutter sah ihn streng an und wandte sich dann an Frau Müller. Sie schlug ihr vor, den Verdacht einer Überprüfung zu unterziehen.

»Machen Sie das, machen Sie das«, fuhr Frau Müller sie an.

Daraufhin gingen Moritz und seine Mutter in die Küche. Dort lehnte er sich entspannt gegen die Wand und ließ die Hände in den Hosentaschen verschwinden. Der Überprüfung konnte er gelassen entgegensehen.

Als seine Mutter die Tür des Kühlschranks öffnete und von dem Licht im Inneren angestrahlt wurde, da strahlte auch Moritz über beide Ohren.

Doch der tiefe Augenaufschlag, den seine Mutter machte, riss ihm das Lächeln regelrecht aus dem Gesicht.

Mit einem Mal wurde er nervös. Was war los? Warum guckte sie so eigenartig?

Sie winkte Moritz zu sich. »Ich denke, du solltest mal einen Blick hier rein werfen, damit du mir glaubst.«

Moritz runzelte die Stirn und wäre lieber an der Wand stehen geblieben, aber er tat was sie sagte, und wie er hineinsah, bekam er große staunende Augen – es fehlte ein Ei. Aber wie konnte das denn möglich sein? Wie konnte das Ei aus dem Kühlschrank verschwinden? Ihm wurde heiß im Kopf und flau im Magen.

»Vielleicht kannst du mir ja erklären«, sagte seine Mutter leise, »wie es kommt, dass hier ein Ei fehlt, ohne Frau Müller da mit reinzuziehen.«

Moritz blickte noch immer in den Kühlschrank. Er hatte seine Mutter sehr wohl verstanden, aber was sollte er ihr sagen? Vielleicht die Wahrheit? Aber er schüttelte nur den Kopf.

»Also was ist nun, ich kann nicht ewig warten«, tönte Frau Müller im Treppenhaus ungeduldig dazwischen.

»Das besprechen wir nachher mein Großer«, sagte Moritz’ Mutter und verließ die Küche.

Und während sie wieder zur Tür lief, schloss Moritz den Kühlschrank. Das ging eindeutig nicht mit rechten Dingen zu.

»Kommst du bitte, Moritz?«

Moritz ließ sich Zeit, viel Zeit. Mit ernster Miene sah seine Mutter ihn an, als er lustlos angeschlendert kam. »Du entschuldigst dich bitte bei Frau Müller«, sagte sie mit verschränkten Armen.

»Aber, Mum, ich –«

»Nix da! Du wirst dich sofort bei ihr entschuldigen.«

»Och Mann!«

»Los jetzt! Keine Widerrede!«

Moritz verdrehte die Augen. So sehr sich auch alles in ihm sträubte, kam er nicht drum herum, sich bei dieser Frau zu entschuldigen. Er streckte ihr seine Hand entgegen und glaubte, dass es gleich vorbei sein würde. Allerdings, der erwartete Handschlag blieb aus. Das Ganze scheiterte einzig und allein an Frau Müller. Die sah ihn mit ihren dunkeln Augen an und rührte sich nicht. Stützte sich mit der einen Hand auf ihren Gehstock und die andere blieb irgendwo in ihren Sachen verborgen. Offenbar hatte sie keine Lust, sich mit einer einfachen Entschuldigung abspeisen zu lassen. Sie rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf. Dabei rutschte das Eigelb hin und her, blieb aber weiterhin auf und in den mausgrauen, langen, nach hinten gebundenen Haaren kleben.

»Seit ich hier einziehen musste«, begann sie sich mit einmal zu beschweren, »ist im Haus schon einiges passiert. Erst landet ein Haufen Tomaten auf dem Autodach des Herrn Schimmelweiß, dann fliegt ein Schneeball durch das Fenster bei den Meiers und jetzt ein Ei auf meinem Kopf. Haben Sie wirklich ernsthaft geglaubt, dass ich mich mit einer kleinen Entschuldigung zufrieden geben würde?«

Moritz’ Mutter zuckte die Schultern. »Was wollen Sie dann?«

Frau Müller sah Moritz mit funkelnden Augen an. »Er kann mir helfen«, sagte sie schließlich.

Moritz blickte zu seiner Mutter auf. Bei was, schien sein Blick zu fragen.

»Und weiter?«, wollte sie von der Frau wissen.

Die dachte einen Moment lang nach, ehe sie sagte: »Ich habe hier in der Nähe einen Garten. Ich bräuchte etwas Hilfe bei der Pflege.

Wenn ihr Sohn«, sie sah jetzt wieder zu Moritz, »mir bei einigen Sachen zur Hand geht, werde ich über die Sache mit dem Ei hinwegsehen. Und auch über die anderen Dinge, die er sich geleistet hat.«

»Hä? Ich … «, wollte Moritz ansetzen, schluckte jedoch den Rest seines Satzes hinunter. Dass er das mit dem Schneeball und den Tomaten ganz bestimmt nicht war, hätte er ihr sagen können. Das aber verdrückte er sich – man verrät ja seine Freunde nicht.

Seine Mutter stand noch immer mit verschränkten Armen da und schien zu überlegen. »Wo ist denn dieser Garten?«, fragte sie Frau Müller und neigte den Kopf leicht zur Seite.

Erneut zögerte Frau Müller, als müsste sie sich erst einmal mit ihren Gedanken einig werden. »In der Nähe des Auenwaldes«, drückte sie schließlich kaum verständlich durch die Zähne. Offenbar war sie nur widerwillig bereit, das Rätsel zu entlüften.

»Bitte wo?«, wollte sie nochmals wissen und erwartete, dass sie das Puzzleteil aufdeckte. »Geht das nicht ein bisschen genauer?«

»Er wird den Weg ganz sicher finden. Dafür werde ich schon sorgen.« Jetzt bekam ihre Stimme einen ungewohnten weichen Klang.

Davon aber ließ sich Moritz’ Mutter nicht beeindrucken. Abschätzig schüttelte sie den Kopf. Das war ihr eindeutig zu wenig.

»Wenn ich nicht genau weiß, wo mein Sohn sich aufhält, werde ich ihn nirgendwo hinschicken!«

»Wie ich bereits sagte, er wird den Weg sicher finden. Und mehr als Unkraut ziehen und einige Heilkräuter anpflanzen wird nicht nötig sein.« Mit einem durchdringenden Blick sah Frau Müller die Mutter von Moritz an, auf das jeder weitere Einwand in ihr verstummen sollte.

Die legte den Kopf zurück, nahm ihn wieder vor und nickte bedächtig. »Na gut, ich bin einverstanden.«

Moritz knirschte mit den Zähnen. Sie hatte sich von dieser Frau rumkriegen lassen. Wieder sah er sich in der Falle sitzen.

»Geht das klar?«, sah sie Moritz an.

Der senkte geschlagen den Blick. »Meinetwegen«, murmelte er.

»Morgen Punkt zehn Uhr soll er anfangen«, bestimmte Frau Müller.

Auch dagegen konnte Moritz sich nicht wehren, es war nun beschlossen. Zum Abschluss zog Frau Müller die verborgene Hand aus ihren Sachen, streckte sie nach ihm aus und berührte seinen Kopf.

Moritz, der der Hand keinen Blick schenkte, fühlte etwas Hartes, etwas Metallisches, was einen ihrer Finger umschloss. Einen Ring, von dem etwas ausging, was er sich nicht erklären konnte. Eine Kraft, die seinen Körper mit Wärme erfüllte. Plötzlich zuckte Moritz für den Bruchteil einer Sekunde zusammen und hatte dann eine Landschaft vor Augen, wie er sie zuvor noch nie gesehen hatte. Er wusste nicht warum das alles passierte, er ließ sie einfach so gewähren. Auch seine Mutter schaute zu, und nahm es als gut gemeinte Geste. Sie spürte nichts von dem, was Moritz fühlte und sah.

»Du wirst den Weg sicher finden«, wiederholte Frau Müller und nahm die Hand von Moritz’ Kopf. Mit einem kleinen Lächeln wandte sie sich ab und ging die Treppen wieder nach unten.

Moritz blieb noch eine Weile stehen, überlegte, was ihm eben widerfahren war, aber er konnte es nicht begreifen, es war einfach zu verrückt, um real zu sein. Allmählich verschwand die fremde Wärme wieder aus seinem Körper.

Inzwischen hatte seine Mutter die Tür verschlossen und war ins Wohnzimmer zurückgekehrt. Nach dem Moritz sich wieder gefasst hatte, lief auch er ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel.

Im Augenwinkel konnte er sehen, wie seine Mutter die Stirn runzelte und nachdachte.

Schließlich sah sie Moritz an und fragte ihn, was er sich bei der Sache mit dem Ei bloß gedacht hatte.

»Ach, Mum, ich hab wirklich nicht …«, versuchte er sich zu verteidigen. Die restlichen Worte konnte er sich getrost sparen, sie würden sie ja ohnehin nicht zum Einlenken bewegen können. Er stand auf, ging zum Fenster und sah mit heimlichem Blick zu seiner Mutter, wie sie deutlich den Kopf schüttelte. »Nur Flausen im Kopf.«

Moritz wandte seinen Blick von ihr, sah auf die Straße und beobachtete, wie der leichte Wind ein paar Zeitungsblätter über den Asphalt schob, die eigentlich in die Briefkästen der Leute gehörten.

»Du wirst noch mal losgehen müssen, um Eier zu kaufen«, sagte seine Mutter, während sie in einem dicken Katalog zu blättern begann. »Ich hatte sie genau abgezählt, und ja, jetzt fehlt eins.«

Moritz nickte kurz und sah weiter aus dem Fenster. Er dachte an den Kuchen, den sie für sie beide backen wollte, und ohne genügend Eier ging das nun mal nicht. Bevor er los wollte, mochte er noch etwas die Straße beobachten. Besonders, wie das Papier über sie hinweg glitt, fast schon tanzend … Da lenkte ihn etwas anderes ab. Aus dem Hauseingang tauchte Frau Müller wieder auf. Sich auf ihren Stock stützend, bewegte sie sich mühsam an zwei parkenden Autos vorbei, um auf die andere Seite zu kommen. Als sie ungefähr auf der Hälfte der Straße war, kam ein Auto angefahren, blieb hupend stehen, und wartete, bis die Frau vorüber war. Die dankte es dem Fahrer, indem sie drohend ihren Stock gegen ihn erhob und mit beiden Händen herumzufuchteln begann. Zudem stieß sie wilde Flüche aus. Wie der Fahrer auf die Frau reagierte, konnte Moritz nicht erkennen, dafür entdeckte er etwas anderes. War Frau Müller eben noch mit Ei besudelt, war jetzt nichts mehr davon zu sehen.

Und dann dieser Ring an ihrer Hand. Ein Ring, der mit einem seltsamen, grüngelben Kristall bestückt war. Auch wenn er hier oben hinter den Gardinen stand, konnte Moritz ganz deutlich das Funkeln des Kristalls erkennen.

Mit einem Mal hatte es Moritz richtig eilig. Er verlangte das Geld für den Einkauf und schlüpfte wieder in seine Schuhe. Dann ging es im Eiltempo nach unten. Und wie er die Treppenstufen herunterstürzte, fiel seiner Mutter ein, was er außer den Eiern noch mitbringen sollte. Das Geld dazu, rief sie ihm nach, müsste eigentlich reichen.

»Ja, bring ich mit«, hörte sie Moritz rufen, dann einen Sprung und die Haustür schlug hinter ihm zu.

2. Verfolgung mit Folgen

Unschlüssig blickte Moritz zu beiden Seiten der Straße. Wenn Frau Müller ihm nicht entwischen sollte, musste er sich entscheiden. Und das sofort!

Da kam eines von den Zeitungsblättern auf ihn zu und blieb an seinem Schuh hängen. Moritz wollte es erst abschütteln, aber als er nach unten sah, wurde er stutzig. Auf der ihm zugewandten Seite stand in großen Buchstaben das Wort LINKS. Einen Augenblick überlegte er. Gab die Zeitung ihm einen Hinweis, in welche Richtung er laufen sollte? Er fasste einen Entschluss und lief los. Nach links. Und wie er um die nächste Ecke bog, sah er Frau Müller in Richtung des großen Stadions laufen, auf der Seite, wo Bäume und Sträucher den Weg säumten. Eine gute Gelegenheit, dachte er, sie zu beschatten. Vielleicht könnte er etwas über sie herausfinden. Und da außer ihm und Frau Müller kein anderer auf diesem Weg zu sehen war, lief Moritz zu ihr hinüber. Er entdeckte einen Ahornbaum, hinter dem er sich verstecken wollte, trat aber auf dem letzten Meter auf einen knorrigen Ast und machte damit Frau Müller auf sich aufmerksam. Ehe sie sich ganz umdrehen konnte, hatte sich Moritz bereits mit einem Sprung in den Schatten des Baumes gerettet. Er machte sich ganz klein und versuchte so leise wie möglich zu sein.

Als weiter vorn nichts zu hören war, glaubte er, dass sie ihn nicht gesehen hatte und es vermutlich für das Knacken eines heruntergefallenen Astes hielt. Er war sich seiner Vermutung so sicher, dass er hinter dem Baum hervorlugte. Plötzlich blies ihm ein eiskalter Windhauch ins Gesicht. Was war das denn für ein Spuk? Moritz blinzelte heftig, seine Haare wehten, ein Zittern jagte ihm über die Haut. Wieder zog er sich in den Schutz des Baumes zurück. Sie würde ihm entwischen, dachte er und haderte mit sich. Aber er entschied noch etwas zu warten. Sie war es, da gab es keinen Zweifel. Sie hatte den Wind gemacht! Wie konnte es auch anders sein? Nur eine wie sie konnte so etwas machen! Mit einem Mal verstummte der Wind und Moritz traute sich nach einigem Zögern hinter dem Baum hervor. In etwa zwanzig Schritt Entfernung lief sie vornweg, als sei gar nichts geschehen. Still und heimlich heftete er sich an ihre Fersen, achtete aber diesmal darauf, dass nichts im Weg lag, was ihn verraten konnte. Flüchtig sah er sich um und erkannte, dass außer ihnen noch immer keiner zu sehen war. Weder ein Auto, eine Straßenbahn oder Menschen. Sein Herz schlug schneller, doch die Neugier trieb ihn weiter hinter Frau Müller her.

Die schlurfte, sich auf ihren Stock stützend, vor ihm den Weg entlang und schien nicht zu bemerken, wie Moritz Stück für Stück auf sie aufholte. Plötzlich hielt sie inne, richtete ihre gebeugte Haltung auf und wandte sich um. Moritz, der sich jetzt ertappt sah, blieb wie versteinert stehen. Zu spät, um sich noch irgendwo zu verstecken. Erschrocken sah er sie an. Seine blasse Gesichtsfarbe färbte sich in ein knalliges Rot. Der Abstand zwischen ihm und der Frau betrug nur wenige Schritte.

»Was willst du?«, zischte sie und ging auf ihn zu. »Wieso verfolgst du mich?« Ihre Augen waren zu kleinen, schmalen Schlitzen geworden. Sie erhob ihren Stock gegen Moritz. Der begann zu stammeln, nach Ausreden suchend. »Ich … ich … wollte fragen –«

»Was wolltest du mich fragen? Haben wir nicht längst alles geklärt?«

Moritz versuchte sich zusammenzureißen, sich zu beruhigen. Sie konnte ihm nichts antun, redete er sich ein. Sie brauchte ihn ja, für ihren Garten. Und wenn sie ihm etwas antat, dann würden sie sie kriegen, seine Mutter und die Polizei. Ganz bestimmt. Er sah jetzt wieder den Ring mit dem grüngelben Kristall, der, wenn er nicht gefälscht war, sicher sehr wertvoll sein musste. Moritz zeigte auf den Fingerschmuck. »Darf ich den mal sehen?«

»Nichts darfst du! Hast du verstanden?«, tönte Frau Müller lauthals.

»Seit wann interessieren sich denn kleine Jungen für Ringe?«

Moritz nahm seinen Mut zusammen und ging ihr einen Schritt entgegen. Er wollte sich ihn nur zu gern anschauen. Damit aber war die Frau alles andere als einverstanden. Mit ihrem Stock stieß sie Moritz von sich.

»Au«, quiekte der kurz auf und hielt sich die gepiekste Stelle mit der Hand.

»Du bleibst schön da, wo du stehst«, sagte die Frau und hielt sich den Jungen mit Hilfe ihres Stockes weiterhin vom Leib.

Doch Moritz wollte sich nicht einschüchtern lassen. Wenn er sich den Ring nur mal aus der Nähe anschauen könnte, vielleicht würde er ja etwas erkennen. Wieder machte er einen Schritt auf sie zu. Damit schien er endgültig eine Grenze überschritten zu haben.

»DU BLEIBST STEHEN; SAGE ICH DIR!« Ihre Stimme klang jetzt so gewaltig, als stünde sie in einer großen Kapelle. Im selben Moment wie sie das sagte, stieß sie ihren Stock auf die Gehwegplatten und eine flimmernde Wand aus Luft erhob sich aus dem Boden.

Erstaunt wich Moritz einen Schritt zurück.

Frau Müller hinter der Wand aus Luft, schien ebenfalls zu flimmern und zu tanzen. Laut lachte sie auf. Sie lachte so grell, dass sich Moritz die Ohren zuhalten musste. Dabei sah er, wie sie allmählich zu verschwinden begann, als löse sie sich auf. Und wie gar nichts mehr von ihr zu sehen war, verschwand auch die flimmernde Wand wieder im Boden.

Moritz nahm die Hände von den Ohren. »Echt heftig«, sagte er wie zu sich selbst. Er stand da und starrte zu der Stelle, wo noch vor wenigen Sekunden Frau Müller gestanden und sich in Luft aufgelöst hatte.

»Na du«, hörte er plötzlich jemanden neben sich sagen.

Moritz blickte langsam auf und sah einen Mann neben sich.

»Wie, was?« Moritz erkannte nun wieder Menschen auf der Straße.

»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte ihn der Mann besorgt.

»Ja, ich bin in Ordnung«, versicherte Moritz. Er sah sich um. Eben war die Straße noch menschenleer und im nächsten Moment schien das alltägliche Treiben zu ihr zurückgekehrt zu sein. Auch Autos und die Straßenbahn bogen jetzt in die Straße ein, um ihre Fahrt fortzusetzen.

Es war so seltsam, dachte Moritz. Niemand würde ihm jemals glauben wollen, was er an diesem Tag erlebt hatte. Aber es war wirklich passiert. Einfach unglaublich. Mit einem Kopf voller wirrer Gedanken verließ er schließlich die Straße und ging zurück, um den Einkauf zu erledigen. Was war es noch, was er außer den Eiern mitbringen sollte? Moritz versuchte sich zu erinnern, konnte es aber in seinen Gedanken nicht finden. Die klammerten sich an die Frau. Wohin war sie verschwunden? Die Vorstellung, die sie ihm gab, war wirklich beeindruckend. Er war sich sicher, dass sie wieder auftauchen würde. Und dann dieser Ring. Wo hatte sie nur einen solch kostbaren Schmuck her? Eine Erbschaft vielleicht? Sie hatte ja keinen Mann. Möglich, dass sie mal einen besaß und von dem könnte sie ihn geerbt haben, vermutete Moritz. Er dachte an den Kristall, den er bisher noch nie bei einem Ring gesehen hatte. Dabei schaute er ab und zu den Fernsehsender, wo sie solcherlei Sachen und anderen Schmuck verkauften. Einmal wollte Moritz auch anrufen und für seine Mutter – das konnte er vergessen – viel zu teuer.

Inzwischen war er am Supermarkt angekommen und überlegte noch immer.

»Denk an die Spaghetti und den Ketchup, Herbert«, hörte Moritz eine Frau zu einem Mann rufen, während sie in die andere Richtung lief, um leere Flaschen wegzuschaffen.

Sofort arbeitete es in Moritz. Nudeln, Ketchup? Das war es, schien er sich zu erinnern. Bei seinem Sprung die letzten Stufen hinunter, hatte ihn seine Mutter noch darum gebeten.

»Also Eier, Nudeln und Ketchup«, zählte Moritz ein letztes Mal auf.

Auf dem Weg nach Hause überkamen ihm wieder die Gedanken an den Ring.

Sich allerlei Varianten ausdenkend, wie sie dazu gekommen sein könnte, betrat er schließlich das Haus. Verträumt lief er die ersten Stufen nach oben und blieb in der zweiten Etage verdutzt stehen. Die Flügeltür der Wohnung, in der Frau Müller wohnte, stand einen Spalt weit offen. Moritz riskierte einen Blick hinein. Seine Augen weiteten sich, wie er sah, dass die Wohnung völlig leer war. Alles ausgeräumt und sauber gefegt, stellte er fest. Wie war das denn möglich, so schnell, dachte Moritz. Keine Stunde war er weg und sie, diese merkwürdige Frau Müller, war in dieser Zeit auch nicht zu Hause. Vorsichtig betrat er die Wohnung, stellte den Beutel mit dem Einkauf gegen die Innenseite der Tür und wollte sich das hier aus der Nähe anschauen. Sein Eindruck, dass alles ausgeräumt und sauber war, bestätigte sich. Nicht ein winziges Staubkorn schien zurückgelassen worden zu sein. Immer tiefer drang Moritz in die Wohnung ein. Im Hauptzimmer, das zur Straße zeigte, blieb er stehen. An der weißen tapetenlosen Wand zu seiner linken hallten plötzlich Laute wider, die er als Stimmen deutete. Er wandte sich nach ihnen um, konnte aber keinen erkennen. Beinahe zeitgleich erklang eine Melodie in seinen Ohren. Moritz biss sich auf die Unterlippe. Eine einzige Frage hämmerte in seinem Kopf. Was geschieht hier? Auch wenn er sich nicht wohlfühlte, in diesem leblosen, kargen Raum, mit den Geräuschen, die ihn beinahe an Gespenster glauben ließen, blieb er stehen. Mit einem Mal fing der Raum an, sich zu drehen. Schneller immer schneller. Moritz fühlte sich wie in der Mitte eines Karussells, sein Herz raste, seine Augen flimmerten. Nach einigen wilden Runden hieb die Wohnungstür mit einem dumpfen Knall zu und der Raum hörte schlagartig auf sich zu drehen. Moritz zuckte kurz erschrocken zusammen, denn es passierten nicht nur innerhalb der vier Wände merkwürdige Dinge, auch draußen geschah etwas, was höchst eigenartig war. Der Tag hatte sich in tief schwarze Nacht verwandelt. Moritz öffnete eines der Fenster und sah verwundert hinaus. Damit waren die Merkwürdigkeiten noch immer nicht vorbei. Durch den Boden sickerten Dunstschwaden, die ihm schon bald bis zu den Knien reichten. Allerdings bekam er davon nichts mit. Staunend stand er am Fenster, als sich hinter seinem Rücken nun auch noch eine Säule aus dickem, grauem Rauch durch die Decke drückte. Mehr und mehr nahm der Rauch Gestalt an. Ein Frauenkörper formte sich daraus, sich auf einen Stock stützend und nun zu Boden gleitend. Langsam kam die Gestalt auf ihn zu, die in dem Dunst, der wie ein Teppich aus Watte das gesamte Zimmer einschloss, zu schweben schien. Aber noch immer hatte Moritz sie nicht bemerkt. Gebannt sah er weiter aus dem Fenster. Als die aus Rauch erschaffene Gestalt Moritz ganz nah war, verstummten die Stimmen und die Musik in seinen Ohren. Lauernd verharrte sie auf ihrer Position, als warte sie auf einen bestimmten Moment. Ihr Gesicht war alt, vom Leben tief gezeichnet, eines der runden Gläser ihrer Brille war zerschlagen. Mit feurigen Augen betrachtete sie Moritz. Da öffnete sie ihren Mund und begann etwas zu wispern, wobei ihr kalter Atem entwich. Sie breitete ihre Arme aus, sah nach oben und wurde größer und größer, bis sie mit ihrer gewaltigen Erscheinung das ganze Zimmer einnahm. Sie blickte auf Moritz herab, wiegte wie in Trance den Kopf hin und her. Dann auf einmal hielt sie inne, umklammerte ihren Stock und schlug ihn wie auf einen unsichtbaren Untergrund. Ein mächtiges Grollen ertönte daraufhin, was jetzt auch Moritz vernahm. Er wandte sich um und …

»Dann soll es nun soweit sein«, rief die riesenhafte, weibliche Gestalt mit widerhallendem Echo. »Lass mich mit Hilfe dieses Jungen zurückkehren und meine Aufgabe zu Ende bringen.«

Kaum hatte sie diese Worte fertig gesprochen, stieß sie den völlig überraschten Moritz so heftig mit ihrem Stock, dass er nach hinten aus dem Fenster fiel. Und obwohl er aus der zweiten Etage fiel, war es, als würde Moritz in einen schier endlosen, lichtlosen Abgrund stürzen, der ihm jede Besinnung raubte.

3. Der Auftrag

Ein Rascheln weckte Moritz. Er lag auf einer Wiese und blinzelte in einen azurblauen Himmel. Wo war er hier?

Hinter ihm ragte eine Bergkette steil auf. Die Berge waren so hoch, dass sie irgendwann weiß wurden und Wolken ihre Spitzen verdeckten.

Ganz in seiner Nähe befand sich ein Stein, ein Findling.

Unterhalb der Wiese gab es einen Wald, dessen Bäume eine üppig gewachsene Krone besaßen, durch die das Sonnenlicht kaum durchdringen konnte.

Moritz runzelte die Stirn. Alles, an was er sich erinnern konnte, war dieser Sturz aus dem Fenster … Plötzlich wurde das Rascheln neben ihm immer lauter. Irgendetwas um ihn herum ging vor sich, von dem er nicht wusste, was es war. Ehe er sich den Geräuschen zuwenden konnte, spürte er etwas an seinem Ohrläppchen kitzeln und im nächsten Moment machte es auch schon Zwick. »Autsch!«, zuckte Moritz seinen Kopf zur Seite, aber das Zwicken wollte nicht nachlassen. Er fühlte eine Pflanze, zog an ihr, doch so einfach mochte sie nicht klein beigeben. »Lass los, du blödes Mistding«, knurrte er. »Ich habe keine Lust auf Löcher im Ohr, bloß weil du mich mit deinem Essen verwechselst. Such dir gefälligst was anderes!« Er presste die Lippen aufeinander und zerrte die Pflanze schließlich ab, hielt das etwa zehn Zentimeter große Gewächs hoch und sah es an. Vom Stängel bis zum Kopf war es ganz grün und sah ein klein wenig aus wie eine Hagebutte. Oben an der Spitze konnte er eine Öffnung erkennen, die reflexartig auf- und zuschnappte.

Kleine, spitze Zähne lauerten dort ringsherum auf fleischhaltige Opfer. Aber nicht mit mir, dachte Moritz und stand auf.

Nachdem er sich die Pflanze noch etwas angeschaut hatte, holte er aus und schmiss sie in die grüne … Jetzt erst erkannte er, in was er da eigentlich stand – eine Wiese mit jeder Menge kleiner, gefräßiger Pflanzenmonster.

»In was bin ich da bloß reingeraten?«, zupfte sich Moritz nervös am Ohr.

»Wenn du willst, helfe ich dir auf die Sprünge«, hörte er eine Stimme antworten.

»Hä? Wer ist da?« Überrascht blickte sich Moritz um, konnte jedoch nirgends einen erkennen. »Was soll denn das Ganze?«

»Mein Name ist Kriemhild von den Kupferhöhlen oder für dich, Frau Müller.«

»Frau Müller? Wo sind Sie?«

»Immer noch in deiner Welt. Aber nicht mehr lange. Mit deiner Hilfe werde ich zurückkehren können.«

»Was soll das heißen?«

»Was das heißen soll? Dass du etwas für mich tun sollst!«

»Und warum machen Sie das nicht selbst?«

»Oh, gehst du mir auf die Nerven. Das ist ja schlimmer wie Spinnenkraut.«

»Ist mir egal. Ich werde einer ollen Hexe wie Ihnen nicht helfen. Sie können mich jetzt wieder zurückholen und sich einen anderen suchen, der was auch immer für Sie erledigen soll.«

»Geht nicht.«

»Wie, geht nicht? Ich will wieder nach Hause!« Moritz fühlte sich schrecklich, so ganz allein in dieser fremden Welt. Das durfte einfach nicht wahr sein! Er war kurz davor, einen Wutanfall zu bekommen.

»Was glauben Sie eigentlich, wie lange es dauert, bis meine Mutter mich vermisst?«

»Das wird sie gar nicht merken. Es ist die Zeitspanne der Sonnenfinsternis, die es mir möglich macht, dich hierher zu schicken. Bevor sie vorbei ist, bist du wieder zurück. Aber nur, wenn du mir was Schönes mitbringst.«

»Was wollen Sie denn haben? Vielleicht noch ein Ei? Allerdings kann ich hier nichts entdecken, wo man so etwas kaufen kann. Dann könnte ich Ihnen ein paar von diesen wunderschönen Blumen pflücken.« Moritz bückte sich und riss wahllos eine der Pflanzen heraus, ehe sie nach ihm schnappen konnte.

»Brrr«, hörte er es in der Luft rasseln. »Nimm gefälligst deine Finger aus meiner Wiese, oder … «

»Oder was? Ist außerdem gerade passiert. Und dass das Ihre Wiese ist, wundert mich gar nicht. Was ist das überhaupt für eine schräge Gegend hier?«

»Das ist Grünholm, mein Zuhause.«

Moritz sah sich um, ließ die Pflanze wieder fallen und blieb wie gebannt bei dem Wald hängen. »Und der Wald da unten?«

»Das ist der Kürbiswald.«

»Der was?«

Er bekam keine weitere Auskunft, Kriemhild hüllte sich für einen Moment lang in Schweigen. Als sie fortfuhr, sagte sie: »Ich denke, dass du dir inzwischen über deine Lage im Klaren bist, den Auftrag annimmst und erledigst. Immerhin bleibt dir nicht viel Zeit dafür. Also solltest du dich ranhalten.«

»Was soll das eigentlich für ein Auftrag sein?«

»Du sollst mir Anika bringen, die Tochter des Burgherrn zu Bogenwall. Sie wohnt in der Burg Drachenzahn.«

»Wieso das denn?«

»Das brauch dich nicht zu interessieren. Finde sie einfach und erfülle deinen Teil des Auftrags.«

»… Was, wenn sie nicht will? Wenn sie keine Lust hat, mit mir mitzukommen?«

»Dann bist du auf ewig in dieser Welt gefangen. Wirst sie eben dazu bringen müssen, mit dir zu gehen. Streng deinen Kopf an – lass dir was einfallen.«

Moritz überlegte, fand aber keine Möglichkeit, wie er sich aus dem ganzen Schlamassel befreien konnte. Ob er wollte oder nicht, und er wollte ganz bestimmt nicht, musste er versuchen, die Burg Drachenzahn und damit Anika zu finden.

»Gut, und wie komme ich dahin?«

»Du musst durch den Kürbiswald.«

Moritz riss die Augen auf. »Ich muss durch diesen Wald?«

»Ganz genau. Es ist der kürzeste Weg zur Burg. Aber nimm dich vor ihm in Acht. Halte dich eng an den Bäumen, dann kann dir so gut wie nichts passieren.«

»So gut wie nichts?« Das war eindeutig genug. »Das können Sie vergessen – auf keinen Fall gehe ich da durch!« Bockig trat Moritz gegen eine Pflanze und wieder war in der Luft ein Rasseln zu hören.

»Mach nicht so ein Theater! Lauf los, pass auf und denk an die Zeit.

In spätestens drei Tagen musst du zurück sein. Und nur, wenn die Sonne am höchsten Punkt steht, kannst du wieder zurück, natürlich nur sofern du das Mädchen dabei hast.«

Moritz lief ein Schauder über den Rücken. Wie sollte er das anstellen, ein Mädchen in einer völlig fremden Welt zu finden, und das auch noch in einer vorgegebenen Zeit? Da hatte er sich ja ganz schön was eingebrockt.

Enttäuscht vergrub Moritz die Hände in den Hosentaschen. Was sollte er nur tun? Schließlich machte er einen ersten Schritt auf den Wald der Kürbisse zu. Es blieb ihm nichts anderes übrig.

4. Die Schildigel

Je näher er kam, umso höher ragte der Wald in den Himmel. Die knorrigen Baumriesen, die sich nahezu gradlinig in die Höhe streckten, saßen auf Wurzeln, die wie die Tentakel eines Kraken aus der Erde ragten, und sich an anderer Stelle wieder tief in den Boden bohrten.

An den kräftigen ausladenden Ästen hingen Blätter und Kürbisse.

Moritz überlegte – das, was er da vor sich sah, kam ihm irgendwie bekannt vor. Bloß woher?

Mühsam versuchte er seine Gedanken zu ordnen. Kannte er das aus einem Traum, den er vergessen hatte, und der sich ihm wieder ins Gedächtnis rief? Da fiel es ihm ein, dass es nichts mit einem Traum zu tun hatte. Es war diese Frau Müller gewesen, als sie ihm zu Hause die Hand auf den Kopf legte.

Und da meldete sie sich bei ihm.

»Moritz?«

»Ja?«

»Sobald du den Wald betrittst, wird es mir nicht mehr möglich sein, mit dir zu sprechen. Von da an bist du auf dich allein gestellt. Den Weg zur Burg hast du in deinem Kopf, falls du das noch nicht gemerkt hast. Und wenn du mit Anika zurückkommst, dann geht ihr zu dem großen Stein auf der Wiese und wir können wieder in Kontakt treten. Und jetzt spute dich, erfülle den Auftrag!«

»Nur nicht hetzen, ich gehe gleich los«, sagte Moritz mit einem gewissen Unmut in der Stimme. »Das gefällt mir ganz und gar nicht«, raunte er, betrat den Wald und … »Igitt, was ist das denn?« Angewidert zog er seinen Fuß aus einem Matschloch und wagte sich vorsichtig weiter in den Wald hinein.

Es roch nach Erde, Schlamm und feuchten Wurzeln.

Nur Dämmerlicht drang in die bizarre Baumlandschaft und ließ den Wald unheimlich erscheinen.

Dicht über dem Boden waberten Nebelschwaden, unter denen eine mattschwarze Brühe blubberte. Sumpf. Moritz runzelte die Stirn und sah sich um. Nirgends konnte er auf dem Waldboden Laub oder Reste von Früchten entdecken. Was war das bloß für ein eigenartiger Ort?

Nachdem sich Moritz von den ersten Eindrücken gelöst hatte, lief er zu dem Baum, der ihm am nächsten stand und versuchte einen Plan zu fassen, wie er den seltsamen Wald am schnellsten hinter sich lassen könnte.

Einfach losrennen, dachte er. Im nächsten Augenblick stieß er sich von dem Baum ab, peilte einen zweiten weiter vorn an und lief auf ihn zu. Eine Wurzel wuchs quer über seinen Weg und er musste sich drunter hindurchzwängen.

Als Moritz den Baum erreichte, hielt er inne, um kurz zu verschnaufen. Wie weit würde es noch sein, bis er … Da bemerkte er, wie sich etwas rührte, blickte zur Seite und … die Wurzel bewegte sich!

Moritz wollte gar nicht wissen, warum sich die Wurzel bewegte und rannte schnell weiter. Von Baum zu Baum hetzte er durch den Wald und der Matsch des Waldbodens haftete an seinen Schuhen, die immer schwerer wurden.

Er lief und lief und der Wald wurde immer unruhiger. Moritz aber achtete nicht darauf, rannte, kletterte was er konnte, als er mit einem Mal ausrutschte und mit beiden Beinen in ein Sumpfloch einsackte. Ein kurzer, greller Schrei hallte daraufhin durch den Wald. Panisch suchte Moritz nach etwas, um sich festzuhalten und fand eine verkrümmte Wurzel, die neben dem Loch aus dem Waldboden ragte. Er griff nach ihr, biss die Zähne zusammen und zog sich Stück für Stück aus dem Sumpfloch heraus. Nun entdeckte er, dass sogar einzelne Bäume anfingen zu schwanken.

Moritz ging an einem noch ruhig stehenden Baum in Deckung.

Ganz in seiner Nähe stemmte sich einer der Wurzelstränge aus dem Boden, gab dabei ein Knarren und Knacken von sich, dass es durch den Wald hallte und sich ein langer Riss im Erdreich auftat. Mit einem letzten Ruck hatte sich der Strang herausgerissen, schnellte wie eine Peitsche durch die Luft und schlug mit einer enormen Wucht auf, die alles ringsherum zum Beben brachte. Erde flog wie bei einer Explosion durch die Luft und spritzte mitten in Moritz’ Gesicht. Angewidert wischte er sich mit dem Arm über die Augen und blickte nach oben. Der Baum über ihm fing nun auch an zu schwanken und schüttelte ein paar Blätter aus der Krone. Grüne, ovale Blätter, die an ihrer Unterseite silbern glänzende Stacheln besaßen. Moritz schätzte sie auf eine Länge von gut zwanzig Zentimetern.

Nachdem die Stachelblätter gelandet waren, steckten sie pfeilgerade im Boden. Und jetzt sah Moritz auch, warum es überall so sauber war. Denn die Blätter verschwanden in der Erde und erzeugten dabei ein Knistern, wie wenn man ein trockenes Blatt in der Hand zusammendrückt.

Moritz juckte die Nase und er entschied weiterzugehen, als sich in das Knacken der Wurzeln ein Grollen mischte. Es drang durch das Unterholz, kam von der Seite, näherte sich, flog vorbei, und ließ Wortfetzen zurück. Moritz blickte in die Luft, als ob er sie dort lesen könnte: gehörst … nicht hin! Verlass … Wald!

»Das will ich ja!«, rief er beinahe verzweifelt in die Luft hinein. »Nur dazu musst du mich gehen lassen.«

Der Wald antwortete mit einem Pfeifen. Moritz schaute nach oben und drückte sich ängstlich noch enger an den Baum. Über ihm war ein Kürbis im Anflug. Mit einem patschenden Geräusch landete er und platzte auf. Kaum eine Sekunde später quoll ein eklig fauliger Gestank aus seinen Ritzen und hüllte ihn damit ein. Moritz wurde übel. Er wollte flüchten, irgendwohin, aber nirgends war er hier sicher.

Inzwischen hatte es massenweise Stachelblätter zu regnen begonnen. Auch die Kürbisse fielen jetzt in immer kürzeren Abständen. Der Wald spielte total verrückt, was für Moritz nur eines bedeuten konnte: Raus hier!

Ohne sich eine genaue Route auszudenken, lief er los. Das T-Shirt, die Hose und die Schuhe, an denen immer mehr der Schlamm klebte, ließen ihn zwar spürbar langsamer vorwärts kommen aber er lief und sehnte sich danach, bald das Ende des Waldes zu erreichen. Dabei achtete er auf Blätter und Kürbisse, die auf dem Boden ein heilloses Durcheinander anrichteten, der sie gar nicht so schnell verschwinden lassen konnte, wie sie auf ihn landeten. Zusehends verwandelte sich der Boden in eine rötlich-grüne Masse.

Während Moritz über eine weitere Wurzel kletterte, hielt er plötzlich inne. In einiger Entfernung erkannte er ein Licht, das dicht neben einem Baum auftauchte. Was war das für ein Licht? Zu wem gehörte es? War er hier nicht allein? Er blieb auf der Wurzel und wollte sich des Lichts vollkommen sicher sein, als dicht neben ihm ein Kürbis auf den Boden klatschte. Moritz verlor den Halt, stürzte von dem Strang und geriet in ein weiteres Sumpfloch, das noch viel größer war als das vorherige. Er suchte wieder nach einer Wurzel, an der er sich festklammern konnte, doch seine Hände fanden nichts als haltlosen Matsch. Diesmal schien er dem Sumpf nicht entkommen zu können.

In Moritz stieg Panik auf. Vor Anstrengung stöhnte er. Da kehrte in den Wald wieder Ruhe ein. Die Wurzeln vergruben sich in der Erde, die Bäume hörten zu Schwanken auf. Hier und da fielen noch Früchte und Blätter zu Boden, aber auch das ließ bald nach.

Moritz in dem Loch sank unaufhörlich tiefer ein. Kläglich begann er nach Hilfe zu rufen doch es kam niemand. Von nun an konnte er an nichts mehr denken, er konnte nur noch eines tun, die Luft anhalten, ehe er vollständig im Sumpf verschwinden würde. Im allerletzten Moment, sein Kopf war schon zur Hälfte eingetaucht, berührten seine Hände etwas, was sie nicht mehr loslassen wollten.

Gedanken schossen ihm wie Blitze durch den Kopf. War das seine Rettung? Hatte man ihn entdeckt und kam ihm zur Hilfe geeilt? Hatte es vielleicht mit dem Licht zu tun, das er gesehen hatte?

Mit einem energischen ›Zieht‹, gelangte Moritz ruckweise aus dem Sumpfloch und blieb schließlich gerettet völlig erschöpft und zitternd liegen.

Erst nachdem er wieder Kräfte verspürte, setzte er sich ganz langsam auf und wischte mit dem Handrücken die Augen frei. Mit verschwommenem Blick sah er sich suchend um. Ein Licht konnte er nicht mehr entdecken, dafür etwa ein dutzend Augenpaare, die ihn neugierig anstarrten. Kleine schwarze Kulleraugen, die zu ebenso kleinen Wesen gehörten, die kaum mehr als einen Schritt Körpergröße maßen. Irgendwie erinnerten sie Moritz an Igel. Und wie sich dann eines nach einem anderen umdrehte, fiel ihm auf, dass ihnen alle Stacheln fehlten. Über dem Rücken trugen sie einen Panzer, wie ihn sonst nur Schildkröten besitzen, wenn auch nicht so rund. Sie standen auf zwei Beinen, hatten eine kurze blattgrüne Hose an und auf dem Kopf trugen einige von ihnen einen kleinen Hut, der aus Kürbisschalen gefertigt war. In den Händen hielten sie einen langen Wurzelstrang. Sie hatten ihn befreit, wurde Moritz klar. Aber anstatt sich bei ihnen zu bedanken, hatte er nur Fragen für sie übrig.

»Wer seid ihr? Und wo ist das Licht, das ich gesehen habe?«

Ein aufgeregtes Raunen ging daraufhin durch die Reihen der Wesen, aber keines wollte Moritz direkt antworten.

Es dauerte eine Weile, bis eines von ihnen beschloss das Reden zu übernehmen. Um den Körper herum trug das männliche und zugleich größte Wesen unter ihnen ein Geflecht aus dünnen Wurzelsträngen und ging jetzt langsam auf Moritz zu.

»Du hast ein Licht gesehen?«, erwiderte das Wesen in einer Art Singsang, der zu Anfang leise dann laut und zum Ende wieder leise wurde.

Auch wenn sich Moritz darüber wunderte, warum es ganz offenbar seine Sprache verstand und selbst sprechen konnte, wunderte er sich noch mehr darüber, wie es sprach und wie sich sein Körper dabei veränderte. Denn während er redete oder eben sang, leuchtete er vom Bauch bis hinauf zum Hals schwach orangefarben. Nur hatte das mit dem Licht, was er glaubte gesehen zu haben, so ganz und gar nichts zu tun.

Moritz wusste, dass ihn seine Verwunderung nicht weiter brachte und so nickte er ungeduldig auf die Antwort wartend.

Wider Erwarten schüttelte das Wesen den Kopf. »Es gibt hier kein Licht. Was du gesehen hast, muss eine Einbildung gewesen sein, die dir in deiner Not erschienen ist.«

Moritz runzelte die Stirn. Das Licht – eine Einbildung? Er zuckte die Schultern und dachte über die Aussage des Großen nach. Vielleicht hatte er ja recht, immerhin schien das ihr Wald zu sein und somit kannten sie sich weit besser aus als er. Vorerst verwarf er die Gedanken an das Licht.

Aber was war mit seiner ersten Frage? Solche Mischwesen aus Igel und Schildkröte hatte er bisher noch nie gesehen. So wiederholte er seine erste Frage: »Wer seid ihr?«

»Bevor wir dir darauf antworten, wüssten wir gern, was ein Mensch wie du hier zu suchen hat?«, entgegnete der Große und sein Körper leuchtete erneut wie eine batterieschwache Taschenlampe.

»Ich muss so schnell wie möglich zur Burg Drachenzahn«, keuchte Moritz noch hörbar geschwächt. Dann erzählte er in knappen Sätzen, dass Kriemhild ihn hierher geschickt hatte.

»Kriemhild?«, ging der Große erstaunt dazwischen. »Etwa die Kriemhild von den Kupferhöhlen?«

Moritz nickte und erneut ging ein Raunen durch die Reihen der kleinen Wesen.

»Wenn dem so ist«, setzte der Große mit einer Spur voller Verachtung in der Stimme an, »hätten wir dich der Macht des Waldes überlassen sollen. Niemand der vernünftig genug ist, lässt sich mit dieser Hexe ein. Wer mit ihr Geschäfte macht, ist nicht besser wie sie selbst und damit unser Feind.«

»Ich habe keine andere Wahl. Ich muss dieses Mädchen, Anika, finden«, bemühte sich Moritz zu erklären. »Ohne sie kann ich nicht in meine Welt zurück.«

»In was für eine Welt denn?«

»Ich würde es Euch gerne erklären wollen, aber ich glaube ihr werdet mich für verrückt halten. Ehrlich gesagt, es ist auch ziemlich verrückt. Jedenfalls bin ich jetzt hier und habe drei Tage Zeit, um sie zu finden.«

»Weißt du denn überhaupt, wo diese Burg steht?«

»Ich glaube schon«, sagte Moritz.

Der Große begann über irgendetwas nachzudenken, lächelte dann, als wäre er gerade von einem Geistesblitz getroffen. Er sagte feierlich: »Heute ist dein und unser Glückstag.«

Fragend sah Moritz ihn an.

»Wir haben dich aus dem Sumpfloch gerettet und nun kannst du uns einen Gefallen tun.«

Verwundert legte Moritz den Kopf schief. »Was für einen Gefallen denn?«

»Sei unser Gast. Du hast uns eine gute Ernte beschert und wir möchten dir mit einem Fest danken. Du kannst dich bei uns stärken und anschließend weiterziehen.«

»Aber ich muss sofort zu dieser Burg«, drängte Moritz.

Eindringlich und mit ernstem Blick sah der Große ihn an. Er hatte nicht erwartet, dass der Junge sich stur zeigen würde.

»Du wirst meine Einladung doch nicht etwa ausschlagen wollen?«

Moritz schürzte die Lippen. Er versuchte abzuwägen. Konnte er es sich leisten, die Einladung anzunehmen? Wie weit die Burg entfernt war, wusste er nicht. Er hatte allerhöchstens drei Tage. Und wie er in der Zeit an Essen kommen würde, wusste er auch nicht. Da kam ihm das Angebot durchaus gelegen. Also nahm Moritz an.

5. Das Kürbisfest

Der kleine Tross setzte sogleich zum Rückweg an. Moritz folgte ihm und beobachtete nervös den Wald.

Am Ende der Gruppe liefen zwei, die auf irgendetwas stolz waren.

Als sie bemerkten, wie Moritz sie ansah, schenkte ihm zumindest der Größere und Dünnere ein breites Grinsen.

»Wir haben dich gefunden«, sagte er schließlich mit einer piepsigen Stimme, die sich ebenfalls hob und senkte.

»Danke«, kam es spärlich aus Moritz heraus.

»Wenn wir nicht gewesen wären«, erklärte das andere Wesen, das demnach kleiner und dicker war, »dann hätte dich der Sumpf mit Haut und Haar verschlungen. Heute muss dein Glückstag sein, wenn Oktavo dich obendrein zu unserem Kürbisfest eingeladen hat.«

Seine Stimme war um einiges ernster und tiefer, kam aber auch in Wellen aus ihm heraus.

Moritz nickte dankend. Dieser Oktavo dachte er, war ganz bestimmt ihr Anführer.

Während sie liefen, erklärte ihm der Kleinere und Dickere, warum der Wald auf einmal so derartig wild wurde.

»Der Kürbiswald mag keine Menschen.« Er machte eine kleine gedankliche Pause, ehe er noch hinzufügte: »Und wir mögen auch keine Menschen.« Bei diesem Satz leuchtete sein Bauch besonders hell auf.

Moritz sah ihn verwirrt an, wollte dennoch nicht nach dem warum fragen.

»Allerdings«, schloss das andere Wesen an, »haben wir bis heute keinen einzigen von ihnen gesehen. Du bist der Erste.«

Moritz blieb stehen und schien nachzudenken. Warum luden sie ihn dann ein, wenn sie die Menschen nicht mochten? Misstrauen machte sich in ihm breit und er wollte ganz besonders vorsichtig sein.

An der Spitze des Trupps blieb Oktavo stehen, wandte sich den beiden Wesen zu und beauftragte sie, Moritz zu einem Wasserlauf zu führen, wo er sich den Schlamm, der an ihm haftete, abwaschen konnte.

Sogleich verließen sie den eingeschlagenen Weg und nahmen Moritz mit zu der Stelle im Wald.

Nur zögernd folgte er den beiden, achtete dabei auf alles, was ihn umgab. Er blies die Wangen auf, was den kleineren der beiden auf ihn aufmerksam werden ließ. Er versuchte Moritz’ Regung zu deuten, konnte sich jedoch keinen Reim darauf machen und so fragte er:

»Was ist los mir dir?«

»Ach, nichts«, winkte Moritz ab und schüttelte den Kopf.

Der Kleinere schüttelte ebenfalls den Kopf und ging weiter voran.

Kurze Zeit später waren sie da. An einem kleinen Bach, der in einem Graben lag und klares Wasser mit sich führte.

Am Rand des Grabens blieben sie stehen und blickten sich um.

»Du kannst dich jetzt sauber machen«, sagte der Kleinere zu Moritz.

»Ich gehe ein Stück und sammle für das Fest Blätter ein. Bin gleich zurück.«

Moritz stieg zu dem Wasser hinab, begann sich Gesicht und Arme zu waschen, während sich der Größere auf einer Wurzel gemütlich hinsetzte und ihm interessiert zusah. Er merkte, wie Moritz immer wieder nach dem anderen schielte.

»Das ist Flavo, mein Bruder«, zeigte er mit dem Kinn in seine Richtung. »Er ist etwas ruhig, aber sonst ganz in Ordnung. Er passt auf mich auf, dass mir nichts passiert. Ich heiße übrigens Floggi.«

»Und … was seid ihr für welche? Ich meine, gibt es einen Namen für eure Art?«, fragte Moritz verhalten.

»Wir sind Schildigel«, antwortete ihm Floggi mit seiner piepsigen Stimme. »Früher waren wir ganz normale Igel. Allerdings hat die Zeit uns verändert, seit wir in dem Wald leben müssen. Wir haben die sichtbaren Stacheln abgelegt und sie gegen einen biegsamen Panzer getauscht, um uns unter der Erde besser bewegen zu können.«

»Und wie alt seid ihr?«, wollte Moritz wissen.

Floggi blickte wieder zu Flavo, der eifrig ein Blatt nach dem anderen auflas, die der Wald bei der Masse nicht mehr verschlucken konnte.

»Flavo ist bald seinen achtundsiebzigsten Sommer alt. Ich dagegen habe erst meinen dreiundfünfzigsten Sommer vor mir.«

Moritz überlegte. Das hieße ja, dass Flavo achtundsiebzig und Floggi dreiundfünfzig Jahre alt sein mussten, wenn er seine eigene Zeitrechnung zum Vergleich nahm. Aber diese zwei wirkten beileibe nicht so, wie zum Beispiel Menschen in diesem Alter. Also musste es für dieses hohe Alter eine andere Erklärung geben.

Floggi bemerkte die Unsicherheit im Blick des Jungen.

»Was ist?«, fragte Floggi und lächelte.

»Wie alt könnt ihr Schildigel denn werden?«, fragte Moritz.

»Die meisten von uns können bis zu Zweihundertachtzig Sommer alt werden«, antwortete Floggi und blickte Moritz an, als sei das nicht wirklich besonders. »Dabei machen wir aller siebzig Sommer eine Entwicklungsstufe durch«, setzte er wieder an. »Kindheit, Jugend, dann das Erwachsenenalter und das Greisenalter. Bei Flavo ist gerade die Jugend angebrochen, was du sicher an seiner Stimmungsschwankung hören konntest.«

Moritz nickte. Dann fragte er Floggi, was ihn schon die ganze Zeit auf den Nägeln brannte.

»Warum redet ihr eigentlich so komisch? Ich meine dieses Heben und Senken eurer Stimme und dann dieser eigenartige Klang, als wenn ihr dabei singen würdet.«

Floggi zuckte nur die Schultern.

»So ist das eben bei uns Schildigeln«, gesellte sich Flavo wieder zu ihnen. »Unsere Stimmbänder sind nun mal nicht für die menschliche Stimme gemacht, daher ist es uns nie ganz gelungen, so wie sie zu sprechen. Es ist gut, wenn wir uns auch darin von ihnen unterscheiden. Außerdem denke ich, es reicht jetzt. Mehr brauchst du nicht von uns erfahren.«

Dann sah Flavo Floggi mit ernster Miene an. In den Armen hielt er eine Menge eingerollte Blätter. Die Stachel hatte er entfernt und in den Taschen seiner Hose verstaut.

»Warum hast du ihm das alles erzählt? Das nützt ihm sowieso nichts!«

Floggi zog eine beleidigte Schnute und blickte zu Boden.

»Und was unsere Stacheln angeht«, wandte sich Flavo wieder an Moritz, »so besitzen wir immer noch welche und sind bereit, sie einzusetzen, wenn es nötig ist.« Flavo schaute über die Schulter zu seinem Panzer und auf ein Mal schossen dort unzählige, silbern glänzende Stachel heraus.

Vor Staunen blieb Moritz der Mund offen.

Floggi wollte dem in nichts nachstehen und seine Stacheln nun auch präsentieren. So sehr er es auch versuchte, ein angestrengtes Gesicht machte, kein einziger Stachel wollte sich zeigen. Enttäuscht ließ der Schildigel den Kopf hängen. Da trat Flavo näher an ihn heran und wisperte ihm aufmunternd zu: »Versuch es weiter, kleiner Bruder. Los, du schaffst das!« Floggi sah ihn an und begann wieder zu pressen, bis es schließlich Klack machte. In der Mitte seines Panzers kam erst ein, dann ein zweiter Stachel zum Vorschein. Auch wenn sie nicht mehr wurden und nur langsam hervortraten, war Floggi mächtig stolz auf die zwei. Sein Lächeln kehrte zurück und in seinen schwarzen Kulleraugen war ein Leuchten, das in Moritz ebenfalls ein Lächeln entzündete.

»Das war prima, Floggi«, schlug Flavo ihn freundschaftlich auf die Schulter. »Und jetzt, fahr sie ein.«

Floggi holte Luft und erneut war ein Klacken zu hören. Gleich beim ersten Versuch hatte es geklappt, die Stacheln waren verschwunden.

Dann zog auch Flavo seine ein und drängte zur Eile. Man würde sicher bereits auf sie warten.

Moritz wollte sich noch etwas den Schlamm von der Hose und dem T-Shirt wischen, aber alles war noch zu feucht und schmierte nur breit. Er ließ davon ab, spülte seine Hände noch einmal im Wasser und ging anschließend zu Flavo und Floggi rauf. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Die Gänge unter dem Kürbiswald glichen einem Labyrinth aus unzähligen, miteinander verbundenen Röhren, in denen es furchtbar nach faulen Kürbissen stank.

Nachdem sich der Wald ausgetobt hatte, herrschte überall in den Gängen munteres Treiben. Schildigel wuselten herum, zumeist in Zweiergruppen, und waren damit beschäftigt, die Ernte einzuholen. Den durch die Decke tropfenden Saft der Früchte fingen sie in Behältern auf oder zogen die Blätter an ihren Stacheln durch das Erdreich. Dabei stellten sie sich nicht immer besonders geschickt an, passierte es hin und wieder, dass sie sich in ihrem Eifer mit dem Saft der Früchte übergossen oder sich die Stacheln in die Zehen rammten. In so manchem Gang konnte man sie fluchen hören.

Moritz betrat das Röhrensystem, das durch Wurzelstränge stabil gehalten wurde, und in regelmäßigen Abständen waren Stöcke in den Boden gesteckt und hielten obendrauf eine wabernde Masse, die die Gänge letztlich mit ausreichend orangefarbenem Licht versorgte.

Moritz konnte beinahe aufrecht stehen und blickte sich um. Zwei Schatten eilten voraus und zogen sich länger und länger. Schließlich kamen die Wesen hinterher und hatten Handwagen bei sich, in denen sie entweder den Kürbissaft oder die Blätter und Stacheln transportierten. Sie waren so in ihre Arbeit und Gespräche vertieft, dass sie den Gast überhaupt nicht beachteten.

»Du siehst aus, als hättest du in Kürbissaft gebadet«, sagte das eine scherzhaft zu dem anderen. Auf dem kahlen Kopf trug es einen Blätterhut, den über Kreuz eingesteckte Holzstücke zusammenhielten.

»Was du nicht sagst«, entgegnete das andere säuerlich. »Bloß weil du mir unbedingt helfen wolltest. Da kam gleich der ganze Kürbis hinterher. Das hab ich nun von deiner Hilfe. Das stinkt noch mindestens eine Woche lang!« Das zweite Wesen hatte auch einen Hut, der aber hing ihm klitschnass ins Gesicht. Seine Miene verriet mehr, als es Worte hätten tun können.

Der trockene Schildigel konnte nun nicht mehr bei sich halten und prustete lauthals los. Sein ansteckendes Lachen zeigte schon bald seine Wirkung. Obwohl noch immer sauer auf die ungewollte Kürbisdusche, hielt es der andere nicht länger aus. Von Lachkrämpfen geschüttelt liefen die beiden an Moritz, Flavo und Floggi vorbei ohne wirklich von ihnen Notiz zu nehmen.

»Das sind Gusto und Renag, zwei beste Freunde, die haben immer viel Spaß«, sagte Floggi und musste sich anstrengen, nicht in das Gelächter mit einzufallen.

Da ging neben ihnen eine aus Baumrinde gebaute Schwenktür auf und Oktavo trat, begleitet von zwei Wachen, auf Moritz zu. Er machte eine einladende Geste. »Die Vorbereitungen für das Fest sind fast abgeschlossen«, sagte er und seine Wachen sahen sich an und nickten zustimmend.

Nur Flavo und Floggi hatten noch etwas zu erledigen.

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22 декабря 2023
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200 стр. 1 иллюстрация
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9783957442178
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