Читать книгу: «Filippas Engel - eBook»
And I can see the future;
There is no death, cause you and I,
we're ANGELS...


Inhalt
Vorwort
1988 – In Amerika
1992 – 1994
1995 – 1997
1998
1999 – 2000
Filippa und ich
Meine Prinzessin
Bildnachweis
Die Herausgeber

Vorwort
von Christoph Kardinal von Schönborn
(anlässlich der spanischen Ausgabe von „Filippas Engel“)
28. Juni 2005
Liebe Filippa!
Wir sind uns nur drei Mal kurz begegnet, als Du noch hier „auf Reisen“ warst (ich meine: in dieser Welt). Einmal in Altötting beim „Jugendforum“ (damals warst Du sechzehn) und dann, mir noch deutlicher in Erinnerung, bei meiner Kardinalsernennung in Rom 1998, als Du schon auf Deinen 18. Geburtstag zugingst. Im gleichen Jahr trafen wir uns ein drittes Mal. Es war in Wiesentheid, nach dem Begräbnis von Onkel Karl. Für mich viel zu kurze Begegnungen unter vielen Menschen, um sie klar in Erinnerung zu behalten.
So wäre es auch nach Deinem „Heimgang“ geblieben. Ich hätte nur gewusst: Da ist eine strahlend schöne, liebe, fröhliche, wunderbare, jung verheiratete entfernte Verwandte tragisch ums Leben gekommen.
So wäre es geblieben, wenn da nicht Dein Tagebuch dazwischen gekommen wäre. Ich habe es fast ohne Pause durchgelesen, konnte nicht aufhören. Und so ist es nicht nur mir gegangen, sondern Zigtausenden, die es inzwischen gelesen haben. Und mir geht es wohl so wie vielen, die es gelesen haben: Du bist mir sehr, sehr lieb geworden. Ich habe Dich fest ins Herz geschlossen. Und da Du ja nicht einfach „verschwunden“ bist, sondern „Deine Heimreise“ angetreten hast, wie Du sagst (114), und jetzt zu Hause bist, „drüben“, bei Gott, bist Du mir – und ich denke vielen, vielen Deiner Leser – einfach ganz, ganz nahe, wie ein vertrauter Freund.
Freunde hattest Du viele, weil Du ein unglaublich starkes Bedürfnis hattest zu lieben und Liebe zu schenken.
Du schreibst einmal, Du seiest „ein Topf, der vor Liebe überquillt, der Liebe loswerden will, Freude schenken will, glücklich macht“ (134). Von Deiner Liebe, Deinem Humor, Deinem ständigen „hoffnungslos verliebt“ (67) ist Dein Tagebuch voll.
Du liebst so viel: Deine Heimat, Landschaften, Stimmungen, Blumen, Essen (was es da alles gibt!) Musik, Bücher („gaaanz viele“ 157), Filme, Sport, vor allem aber Menschen. Was Du Deinem Tagebuch über die Liebe zu Deinem Vater, Deinen Eltern, Deinen Geschwistern anvertraut hast, ist allen Trost nach Deinem unerwarteten „Weggang“. Und da ist auf fast jeder Seite, das „Thema Nummer eins“. Wie soll er sein, „der Mann, der eine, finale, eternale“ (134)? Da ist die ganze Bandbreite an Gefühlen, Empfindungen, Zweifeln und Hoffnungen. Das geht vom „ich bin verknallt“ der Fünfzehnjährigen (74) bis zum „Ich bin nicht hoffnungslos verliebt, sondern hilflos verliebt“ (139) der Achtzehnjährigen. Und schließlich Vittorio, „das Beste, was mir je passieren konnte“ (177).
Mit dieser Begegnung, mit Eurer Verlobung und Heirat, endet Dein Tagebuch. Du brauchtest es nicht mehr, um ihm Deine Träume, Deine Sehnsüchte („könnte täglich heulen vor Sehnsucht“ 97) und Deine „coolen“ Beobachtungen anzuvertrauen. Vittorio sollte jetzt Dein Vertrauter sein: „Ich will den Rest meiner Zeit mit ihm verbringen, unser Leben leben, Kinder, unsere Kinder bekommen, aufwachsen sehen, formen, lieben. Ich will ihm alles geben“ (176f).
Wolltest Du, dass Dein Tagebuch einmal von „wildfremden“ Leuten gelesen würde? Das ist so eine Sache mit den Tagebüchern: Sie helfen uns selber gegen das Vergessen. Wir können wieder darin lesen: was hat mich vor 5,10 oder 30 Jahren bewegt? Wie habe ich mich entwickelt? Aber da ist auch die Sorge, ob nicht neugierige Blicke hineinschauen und da Dinge lesen, die niemanden etwas angehen. Du hattest anfangs diese Sorge: „Bitte lies das nicht. Es ist wirklich sehr wichtig für mich, dass niemand weiß, was in dieses Buch geschrieben wurde ... Danke F.“ (27) Später hast Du das anders gesehen und das „nicht“ durchgestrichen, und das „niemand“ durch „man“ ersetzt. So wurde daraus die erstaunliche Bitte: „Lies
das!“ Und Tausende sind Deiner Bitte gefolgt. Du gehörst nicht (mehr) Dir allein. Dein Leben wurde zum Geschenk für viele. Und auch Dein Glauben. Dein einfacher, gerader Glauben, wie er in dem kleinen Eintrag vom 25.11.95 zum Ausdruck kommt: „Ich liebe Dich (Gott! Nicht B.!) auf ewig. Deine Filippa“ (77).
Junge Menschen denken öfters an den Tod, als wir Älteren annehmen. Du hast oft von der Möglichkeit gesprochen, schon bald zu gehen (124). War es eine Vorahnung? Oder einfach die Bereitschaft, die jeder haben soll, der mit „offenem Auge, Ohr und Herzen durch die Welten gehen“ will (88)? Tatsache ist, dass Du „früher“ gestorben bist „als ich hoffe“ (123).
Liebe Filippa! Danke für Dein Tagebuch! Danke, dass Du uns an Deinem jungen, intensiven Leben so sehr hast teilnehmen lassen. Du hast mir und vielen Menschen viel geschenkt. Am 2. Juni 1998 hast Du, auf Deinen möglichen baldigen Tod blickend geschrieben: „Und bis wir uns wieder sehen, behüte euch Gott, der mir so viel Freude in meinem Leben bereitet hat.“ Ich danke Gott, der auch mir durch Dich so viel Freude bereitet hat.
Und ich freue mich „ur-toll“ (oder wie sagst Du das jetzt?) auf ein Wiedersehen mit Dir und mit allen, bei denen Du jetzt schon bist, daheim, bei IHM!
Vorwort
Non ci sono, ma lasciate un messaggio – Ich bin leider gerade nicht da, aber bitte hinterlasst mir eine Nachricht.« Das hört man, wenn man Filippas Mobil-Telefon anruft. Es stimmt, sie ist gerade nicht da.
Filippa starb vor zwei Jahren bei einem Autounfall in Cornwall. Unsere Filippa, der strahlende Stern, gerade verheiratet, unendlich glücklich, jetzt tot! Unser Leben ist seitdem ein anderes geworden. Anfangs waren wir wie gelähmt, konnten es nicht glauben. Trauer drückte wie ein Stein auf unsere Herzen. Trauer um unser Kind, Vittorios Frau.
Es half uns, dass sie kurz zuvor geheiratet hatte. Wir, die Eltern, hatten sie ziehen lassen zu dem Mann, den sie liebte. Und Vittorio hatte seine große Liebe geheiratet. Er war Filippas Ehemann, nicht Freund oder Verlobter, sondern ihr vor Gott angetrauter Ehemann und damit unser Schwiegersohn.
Nach dem Begräbnis in Montegemoli, dem Ort, den Filippa so sehr ins Herz geschlossen hatte und der ihr zukünftiges Heim hätte sein sollen, kehrte der Alltag wieder bei uns ein. Es gab unendlich viel zu tun, und so stürzten wir uns in die Arbeit. Natürlich dachten wir alle täglich, fast stündlich an unsere Filippa, aber wir konnten auch schon wieder in Erinnerungen über sie lachen, wenngleich sich da häufig Tränen hineinmischten. Lachen, weil Filippa schon von klein auf der Schalk im Nacken saß, sie immer zu einem Scherz aufgelegt war und das Komische in den verschiedensten Situationen entdecken konnte. Doch das war nur eine Seite von ihr, eine wunderbare Ergänzung zu ihrer anderen Seite, der nachdenklichen und wissensdurstigen. Filippa war ein Mensch, der das Leben und die Menschen liebte. Sie hatte sich viel vorgenommen, wollte Geist und Seele nähren, Länder kennen lernen, fotografieren, Bücher schreiben, aber vor allem ihr Leben an der Seite Vittorios verbringen: Kinder bekommen, glücklich sein.
Nun fehlte sie: seine Frau, mit der er sich ein Leben bis ins hohe Alter vorgestellt hatte, und unsere Tochter, das Mittelstück unserer sieben Kinder, das wichtige Scharnier zwischen den Großen und den Kleinen. Die Lücke war groß, aber wir rückten umso näher zusammen. Jeder trauerte auf seine Weise, wusste aber immer, dass die Familie, die Geschwister, jeder für den anderen da war, falls man ihn brauchte.
Filippa hatte mir kurz vor ihrer Hochzeit gesagt, dass sie den besten Mann auf Erden heiraten würde. Sie befürchtete, dass sie sich, wie sie es bei anderen beobachtet hatte, eventuell sehr bald daran gewöhnen und es als selbstverständlich hinnehmen würde, den Besten zu haben. »Und dann«, sagte sie »ist der Mensch so dumm und will immer mehr. Ich bin da vielleicht nicht anders. Bitte erinnere mich immer daran, dass ich nicht nach den Sternen greifen soll, sondern begreife, wie gut es mir geht, und glücklich bin mit dem, was ich habe.« Mit einem Lächeln im Gesicht fügte sie dann noch leise hinzu: »Vielleicht gilt das auch für dich.«
Wie Recht sie hat. Dies gilt für so viele Menschen und ganz im Besonderen jetzt für uns, für mich. Wir haben eine wunderbare Familie. Gott schenkte uns sieben Kinder, auf die wir stolz sind. Filippa durften wir zwar nur einundzwanzig Jahre auf Erden bei uns haben, aber was für schöne einundzwanzig Jahre! Und wenn wir gewusst hätten, dass sie so jung sterben müsste, hätten wir sie dann lieber gar nicht gehabt? Und wenn Vittorio gewusst hätte, dass sie nur hundert Tage nach der Hochzeit sterben würde, hätte er sie dann lieber nie getroffen? Nein, natürlich nicht. Wir hätten Ja gesagt, Ja zu Filippa und damit Ja zu dem Schmerz, den die Trennung nun verursacht.
Wenn ich heute mit dem Schicksal hadere, wenn ich mich frage, warum Filippa so früh sterben musste, dann sehe ich sie vor mir und höre sie: »Mami, sieh doch, wie gut es dir geht! Greif nicht nach den Sternen, sondern sei glücklich mit dem, was du hast.«
Am Abend von Filippas Tod saßen wir zusammen, erschüttert, sprachlos, ungläubig, versuchten uns gegenseitig zu trösten. Sofia ging in Filippas Zimmer, vielleicht um ihre Nähe zu spüren, und kam nach kurzer Zeit mit einem Notizbuch Filippas zu mir. Es enthielt neben Filippas Adressbuch Infos, die ihr wichtig waren, wie geografische und historische Daten oder englische und amerikanische Maße und Gewichte. Außerdem hatte sie alles, was für ihren Tauchschein wichtig gewesen war, notiert. Ganz zum Schluss folgten zwanzig Gebete und ein Foto der riesigen Bronze-Muttergottes auf dem Friedhof in St. Jean-Cap Ferrat, dem Ort, wo Filippas Großmutter mütterlicherseits begraben ist. Die Gebete waren Gebete des heiligen Franziskus von Assisi oder von Kardinal Newman, aus dem Hohenlied der Liebe, Dank-und Bittgebete.
Kurz vor Weihnachten 2001, fast drei Monate nach Filippas Tod, saßen wir beim Kaffee, als Ingrid, unsere Haushälterin, ins Zimmer kam und sagte: »Ich glaube, ich habe etwas Wichtiges gefunden.« Sie hielt ein kleines gelbes Büchlein mit Schmetterlingen darauf in ihrer Hand. Ingrid war die erste von uns, die die Kraft hatte, in Filippas Zimmer nach dem Rechten zu sehen, und dabei war ihr dieses kleine Büchlein in die Hand gefallen: ein Tagebuch von Filippa.
Zuerst wollten wir das Buch nicht lesen, wir hatten Angst, Filippas Privatsphäre zu verletzen. Doch schon beim ersten Blick auf die Innenseite des Deckels mussten wir lachen. Da stand:
»Das Buch der Egologie –
Wie Frl. F. aus S. bei K. am Rh. in Rhl.-Pf. sich ganz
und gar verfiel und erkannte, wie unwichtig anderes
Innenleben außer dem ihren ist. (Achtung: Schwulst!)«
Danach mussten wir einfach weiterlesen. Es waren Aufzeichnungen, als sie sechzehn Jahre alt war, und es kam uns fast so vor, als würde sie neben uns sitzen und mit uns sprechen. Viele Gedanken, die sie zu Papier gebracht hatte, waren mir bekannt. An langen Abenden hatten wir so manches davon besprochen. Und obwohl ich durchaus gewusst hatte, dass Filippa Tagebuch schrieb, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr daran gedacht. Auch hatte ich nie damit gerechnet, jemals so glücklich über ihre Eintragungen zu sein. Das kleine Büchlein war wie ein Weihnachtsgeschenk unserer Tochter für uns.
In der nächsten Zeit machte sich Sofia, unsere jüngste Tochter, auf die Suche und fand noch weitere Tagebücher, Zeichnungen und Notizen Filippas. Die Notizen waren ebenso wie ihre Zeichnungen häufig zwischen ihren Schulsachen verborgen. Immer wieder brachte Sofia uns neue Schätze. Ganz besonders berührt waren wir, als wir auf dem Innendeckel eines Schulordners die Skizze eines Engels entdeckten. Dieser kleine fröhlich lächelnde Engel flog wie durch Raketen angetrieben weg von der Erde, vorbei an allen Sternen in den Himmel. Bei genauem Hinsehen konnte man darüber zwei griechische Buchstaben entdecken, das Phi und das Psi, zusammen gelesen »Fipsi«. Was hatte sich »Fipschen« wohl dabei gedacht?
Wir lasen immer faszinierter in Filippas Berichten. Meistens schrieb sie auf deutsch, wenn sie jedoch die Sommerferien bei den Verwandten in Amerika verbracht hatte oder wenn wir wegen eines Au-pair-Mädchens fast nur Englisch zu Hause sprachen, auch auf Englisch. Manchmal waren ihre Eintragungen in einer selbst erfundenen Sprache, die meist als Basis unser heimisches Sayner Platt hatte, eventuell angereichert mit einem anderen Dialekt. Vieles in den Büchern war uns bekannt, manches erfuhren wir erst durch das Lesen. Filippa schrieb nicht regelmäßig, sie kommentierte Alltägliches, beobachtete alles sehr genau: sich, ihre Mitmenschen, aber auch die Natur; sie philosophierte und dachte über Gott und die Welt und ihre Beziehung zu beiden nach. Einen wesentlichen Platz nahmen ihre Liebesgeschichten ein. Filippa war wohl ihr ganzes Leben in irgendjemanden verliebt. Zuerst galt ihre Liebe natürlich ihrem Vater. Schon bei ihrer Geburt war er dabei gewesen, von Anfang an stand er auch nachts auf, um sie zu wickeln oder zu füttern, war da, wenn er gebraucht wurde. Er nahm die Kinder mit in den Wald, in Kirchen und Museen, erklärte wenn nötig die Hausaufgaben, und vor allem abends vor dem Schlafengehen tollte er mit ihnen herum. Einige Jahre später wurden die Vettern das Ziel von Filippas Schwärmereien, gefolgt von Freunden der älteren Brüder bis hin zu ihrer wirklich großen Liebe, Vittorio.
Anfangs erzählte Filippa noch allen von ihren Angebeteten, wurde jedoch meistens von den Geschwistern recht unbarmherzig damit aufgezogen. So wundert es nicht, dass sie lieber ihrem Tagebuch als den »gefühllosen« Geschwistern ihre Herzensangelegenheiten anvertraute. Das Tagebuch entwickelte sich zu einem Freund, dem man einfach alles berichten konnte. Dies sollte viele Jahre so bleiben, bis zu ihrer Verlobung mit Vittorio. Danach brauchte sie kein Buch mehr, dem sie ihre Gefühle und Gedanken anvertrauen konnte, dafür hatte sie jetzt ihn.
Beim Lesen merkten wir, dass Filippa ihre Tagebücher wohl in den ersten Jahren mit niemandem teilen wollte. Es war ihr Geheimnis und da hatten weder Eltern noch Geschwister oder sonst jemand das Recht hineinzuschauen. Doch nach einiger Zeit, als sie selbst ihre früheren Tagebücher wiederlas, änderte sich ihre Meinung. Stand da vorher: »Do not read this …«, so hatte sie später das »not« durchgestrichen und hatte ihre Texte mit Kommentaren versehen. Jetzt stand auf der ersten Seite dieses Tagebuchs die Aufforderung: »Do read this …«, und als wir lasen, was Filippa am Sonntag den 18.1.1998 schrieb, war uns klar, die Tagebücher sollten von uns gelesen werden. Da schrieb sie: »Ich möchte mit folgenden Worten konstatieren, dass ich meine Eltern über alles liebe. Falls mir etwas passieren sollte, falls ich unerwartet meine Heimreise antreten sollte, will ich, dass meine Eltern das wissen.«
Zutiefst gerührt erzählten wir Vittorio und meiner Schwiegermutter von den Texten, und sie baten uns, Kopien davon zu machen. Nachdem dies nicht gut möglich war, begannen wir einige Auszüge aus Filippas Tagebüchern abzuschreiben. Um den beiden eine Freude zu machen, wurden die Texte mit Fotos und Bildern von Filippa illustriert und dann an sie, aber auch an unsere großen Kinder und Vittorios Eltern verschickt.
Die Reaktionen, vor allem von Filippas Großmutter, waren bewegend. Meine Schwiegermutter berichtete von ihrem Gefühl der Erschütterung, Dankbarkeit und des Glücks, um uns dann zu bitten, noch ein paar Kopien für die Geschwister meines Mannes zu machen. Auch Vittorios Eltern waren zutiefst berührt von Filippas Texten. Immer mehr Freunde und Verwandte wollten lesen, was Filippa hinterlassen hatte, und irgendwann kam dann die Aufforderung: »Ihr müsst das veröffentlichen.«
Anfangs zweifelten wir, ob es richtig sei. Sollten Menschen, die keinen Bezug zu unserer Tochter und Vittorios Frau hatten, lesen, was vielleicht nicht für sie gedacht war? Je öfter wir jedoch die Aufzeichnungen lasen, desto mehr vermittelte sich uns der Eindruck, dass wir die Aufgabe hatten, »Filippas Licht« weiterzutragen, dass wir anderen den Zugang zu Filippas Gedankenwelt nicht verwehren sollten.
Wir sind dem Don Bosco Verlag dankbar, dass er sich dazu bereit erklärt hat, Filippas Tagebuch zu veröffentlichen, dass er uns hilft, ein für uns schwieriges Thema zu be- und verarbeiten. Wir danken Cosimo Bargellini, Filippas Professor für Fotografie, dass wir sein Porträt von Filippa für die Umschlaggestaltung verwenden dürfen. Wir danken Filippas geliebter Omama für die vielen großartigen Aufnahmen, die sie im Laufe von zwanzig Jahren von ihrem »Fipschen« gemacht hat, danken allen anderen Fotografen, deren Fotos von Filippa wir hier veröffentlichen dürfen. Ein Dank gilt auch allen in diesem Buch genannten und ungenannten Freunden von Filippa. Nachdem zu private Eintragungen und vieles, das Filippa auf Englisch in ihre Tagebücher geschrieben hatte, von uns in dieses Buch nicht mit aufgenommen wurde, werden sich einige ihrer Freunde hier nicht wiederfinden, auch wenn sie Filippa sehr am Herzen gelegen hatten.
Von ganzem Herzen dankbar sind wir natürlich Filippa für ihre Hinterlassenschaft. In ihren Aufzeichnungen lebt sie für uns weiter, erinnert uns an ihre Liebe zu ihrer Heimat, ihrer Familie, besonders zu ihren Geschwistern, zu Vittorio und uns.
Vor allem aber danken wir Gott, dass wir Filippas Eltern hier auf Erden sein durften. Wir haben sie mit viel Liebe aufgezogen und umsorgt, wie auch ihre anderen Geschwister. Mein Mann und ich haben uns bemüht, sie auf den rechten Weg zu bringen, geduldig und gerecht zu sein. Wir wollten ihr ein Vorbild sein, sie nicht zu sehr verwöhnen. Nicht immer ist uns alles gelungen. Eines hatten wir dabei immer vor Augen, wie alle Eltern auf dieser Welt: Wir wollten, dass unser Kind glücklich werden sollte. Auch wenn wir es uns ganz anders vorgestellt haben, so sind wir uns sicher: Filippa ist jetzt glücklich, so glücklich, wie es sich keiner von uns vorstellen kann.
Ab und zu werden wir trotzdem ihr »telefonino« anrufen, nur um ihre Stimme zu hören, und wenn wir dann vernehmen: »Non ci sono, ma lasciate un messaggio – Ich bin leider gerade nicht da, aber bitte hinterlasst mir eine Nachricht«, dann sind wir gewiss, dass es keines Telefons bedarf, um ihr eine Nachricht zu hinterlassen.
Gabriela Sayn-Wittgenstein
1988 – In Amerika

Filippa hatte eine sehr behütete Kindheit zu Hause in Sayn. Sie war als unser viertes Kind am 23.7.1980 in Koblenz geboren worden. Ihre älteren Geschwister Heinrich, Alexandra und Casimir nahmen sie mit großer Freude auf und waren glücklich, dass die Reihenfolge Bub-Mädel-Bub weiter fortgesetzt wurde. Wir lebten im so genannten Landhaus, einer Villa, die Filippas Urgroßeltern nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut hatten. Das Schloss der Familie war in den letzten Kriegstagen zerstört worden, die Stammburg schon im 17. Jahrhundert. Wir, die Eltern, waren 1975 mit zwei Kindern von München nach Sayn gezogen, in den Ort, dessen Namen wir tragen. Hier wollten wir den kleinen Familienbesitz, der hauptsächlich aus Ruinen bestand, wieder in Ordnung bringen. 1982 begannen wir mit der Restaurierung von Burg Sayn. Im gleichen Jahr wurde uns ein weiteres Kind geschenkt, Louis. Als 1984 die Burg wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, hatten wir uns damit auch entschieden, zum Erhalt unserer Baudenkmäler auf den Fremdenverkehr zu setzen. Ein steiniger Weg, den Filippa anfänglich noch unbewusst, später uns dabei helfend, von Beginn an miterlebte. Anfang 1986 wurde unser sechstes Kind, Sofia, geboren.
Ein Jahr später eröffneten wir im Schlosspark den Garten der Schmetterlinge, eine Einrichtung, die sich zu einem Publikumsmagneten entwickeln sollte. Im Juni 1992 wurde dann Filippas jüngster Bruder Peter geboren. Er war 21 Jahre jünger als sein ältester Bruder und 12 Jahre jünger als Filippa.
Glücklicherweise hatten wir immer gute und geduldige Mitarbeiter. Vor allem zu Hause war das wichtig, bei unserer stets wachsenden Großfamilie. Ingrid und Häns Dietz waren die Stützen in Haus und Garten; Moni begleitete uns im Haushalt, seit Filippa ein Jahr alt war. Wechselnde Au-pair-Mädchen aus Australien, Südafrika und England halfen uns dabei, auch um die Kinder zweisprachig zu erziehen.
Filippa besuchte Kindergarten und Grundschule in unserem Ort, bevor sie nach Vallendar ins Gymnasium der Schönstätter Marienschwestern wechselte. Die Ferien verbrachten wir fast immer bei den Großeltern in Süddeutschland und Österreich, wo auch die meisten Verwandten von uns lebten. Besonders Fuschl, das Zuhause ihrer Großmutter, war Filippa eine zweite Heimat. In der Nähe wohnten viele ihrer Vettern und Cousinen, auf die sie sich während der gesamten Schulzeit freute. Schon als kleines Mädchen verbrachte unsere sehr selbstständige Tochter ab und zu ein oder zwei Nächte bei ihrer Lieblingscousine Leonie (Leo) und deren Geschwistern Franz Anton (F.A.) und Sita. Mit knapp acht Jahren wollte sie dann unbedingt mit Leo sowie deren Eltern und Geschwistern die Sommerferien in Amerika verbringen. Wir waren im Jahr zuvor mit ihr dort gewesen, jetzt wollte sie die Reise auch ohne uns antreten. Unsere kleine Tochter für einen Monat alleine zu lassen, gefiel uns nicht. Doch sie konnte uns überzeugen, dass ihre Tante Isabelle, Leonies Mutter, ein sehr guter Ersatz für mich sei. Außerdem könne sie jederzeit, wenn sie zu viel Heimweh hätte, nach Hause kommen.
Zu ihrem achten Geburtstag bekam Filippchen einen Flug nach New York geschenkt. Außerdem ein kleines rosa Büchlein, mit Gummibären verziert, ihr erstes Tagebuch. Ich bat sie jeden Tag etwas hineinzuschreiben, damit sie sich nach den Ferien an alles Erlebte noch erinnern und uns erzählen könne. Auch dachte ich, dass es eine gute Schreibübung während der Ferien wäre. Das Resultat präsentierte sie mir nach dem Monat Amerika stolz: Es war nicht umwerfend, aber ein Anfang war gemacht. Ich war gespannt, ob Filippa ihr Tagebuch irgendwann weiterschreiben würde.
Gabriela Sayn-Wittgenstein
Mein Steckbrief
Name: Maria Filippa Johanna Fernanda Sayn-Wittgenstein
Augen: grün
Größe: 1.37
Geb.: Koblenz
4. August 1988
Jetzt ist es 7h morgens. Ich bin gerade aufgestanden und habe mein Bett gemacht. Leo und F.A. schlafen noch. Gestern ist F.A.s Kontaktlinse im Aug zerbrochen beim Tennis. Jetzt in zwei Stunden ist Tennis. Ich bin sehr gut im Tennis, nur die back hand kann ich nicht sehr gut, aber das werden wir schon schaffen.
Jetzt fällt mir nichts mehr ein. Ich schau aus dem Fenster, da, jetzt ist mir etwas eingefallen. Ich habe vor ein paar Tagen diese Schmetterlinge gesehen: Monarch, Segelfalter, Indisches Blatt, Kleiner Tiger. Und ich bin in einer Limousine gefahren. Jetzt ist Teresita wach. Vor ein paar Tagen habe ich Mrs. Bowman gesehen. Wir dürfen wieder bei ihr schwimmen und sie backt uns Cookies, nett, gell.
Mittag: Jetzt ist Tennis vorbei, wir wollten zu Mrs. Bowman gehen, aber Alison [Au-pair-Mädchen] wollte nicht. Man muss jemanden zum Nachschauen dabei haben, sonst darf man nicht schwimmen.
Nachmittag: Jetzt sind wir auf der Beach gewesen.
Alison erzählt uns gerade eine Geschichte: »Peter, Clarisa und Snow White with the dwarfs« [Schneewittchen und die Zwerge]. Wir hatten ein gutes Essen gehabt.
5. August 1988
Ich hab gerade mein Bett gemacht. Leo und F.A. schlafen noch, Sita auch. Es ist gerade 7:15. Bei mir liegt ein Foto von Mum and Dad. An Papi muss ich sehr denken. Er fuhr ein Autorennen und ich bin ja in United States of Amerika. Deswegen konnte ich es nicht sehen. Meine Schrift ist befriedigend. Ich kann, wenn ich wirklich will, ja wirklich will – ach, ich hab keine Lust mehr.
Abend: Jetzt gleich gehe ich und Leo zu Mrs. Bowman.
Ich schwimme und schwimme und springe. TOLL, mein erstes Mal, dass ich in dem Jahr 88 bei ihr schwimme.
6. August 1988
Heute ist Tennis frei! Jipi! Mein Bett ist noch nicht gemacht. Jetzt ist es 8h 10 Min. Die Uhr ist von Mami. Ein bisschen Heimweh hab ich schon. Tante Isabelle ist gerade reingekommen und wollte Leo und F.A. aufwecken, aber der F.A. hat gesagt: Samstag, ich möchte ausschlafen.
Mittag: F.A. ist heute so motzig, man könnte es gar nicht glauben. Leonie hatte ihr Bett wunderschön gemacht, aber F.A. fand es scheußlich. Er hat ein Buch, davon hat er eine rote Folie, die ist weg. Geschieht ihm recht. Vielleicht gehen wir zu Mrs. Bowman, aber Leo muss noch zwei Briefe schreiben. Ich hasse Briefe schreiben.
Nachmittag: Wir waren gerade einkaufen, ich habe jetzt ein Paar Jeans und Spielgeld. T. Isabelle spielt Paddeltennis mit F.A. Gleich fahren wir. – 1 Stunde später – Jetzt gehen wir.
7.August 1988
Abend: Ich habe für einen Tag nicht mehr geschrieben, das Datum ist 7.8.88. Tschuldigung, aber ich habe das Buch nicht gefunden. Jetzt Schluss. Der F.A. war heute sooo gemein.
1992 – 1994

Es sind gut drei Jahre vergangen seit Filippas erstem Tagebuch. Ob sie während dieser Zeit Tagebuch führte, ist unsicher. Vermutlich begann sie erst wieder zu schreiben, als ihre große und viel bewunderte Schwester Alexandra, von ihr auch Alex, Ax oder später Alila genannt, nach dem Abitur zum Studieren nach Brüssel gezogen und Casimir (genannt Casi), mit dem sie das Zimmer von klein auf teilte, ins Internat gekommen war. Filippa hatte damit ihre wichtigsten Ansprechpartner verloren und brauchte das Tagebuch als Ersatz. Sicherlich wurde sie auch durch den Tod meiner Mutter und die Geburt ihres jüngsten Bruders Peter zum Nachdenken über Leben und Tod angeregt. Irgendwann fand sie das tägliche gemeinsame Abendgebet mit den Kleinen zu banal und wollte ihre eigenen Gedanken Gott vortragen, aber allein.
1992 wurde Filippa 12 Jahre alt. In diese Zeit fielen auch ihre ersten »großen Lieben«, die sie immer sehr ernst nahm. Es waren meistens viel ältere Vettern, in die sich Filippa abwechselnd verliebte. Je nach deren Aufmerksamkeit, der Häufigkeit der Briefe oder Telefonanrufe stieg oder fiel ihre Laune. So war sie manchmal himmelhochjauchzend, lustig, motiviert in der Schule, aber auch manchmal betrübt oder hatte schlechte Laune, die vor allem die kleinen Geschwister zu spüren bekamen. Wir Eltern nahmen diese Schwärmereien nicht zu ernst, und die Geschwister machten sich darüber lustig, vor allem wenn Filippa bei der Erwähnung des ein oder anderen Namens rot wurde.
In den Ferien verreiste sie nun häufiger ohne Eltern zu Verwandten ins Ausland, meistens zusammen mit ihrem Bruder Casimir. So war sie öfter auf dem Obertauern bei ihrer späteren Firmpatin zum Skifahren, in Spanien auf einer Finca in der Nähe von Toledo, sowie in Amerika. Dort besuchte sie neben ihrer Cousine Leonie (Leo) auch meine Schwägerin Teresa, die mit ihrer Familie zwei Stunden außerhalb von New York auf der »Top of the Hill«-Farm lebte. Juan, den zweitältesten Sohn, liebte unsere Fipsi wie einen Bruder.
Filippa schrieb ihre Tagebücher in dieser Zeit fast nur noch in Englisch, das sie mittlerweile recht gut beherrschte. Auszüge daraus wurden für dieses Buch ins Deutsche übertragen.
Gabriela Sayn-Wittgenstein
Vorbemerkung
Bitte lies das nicht!
Es ist wirklich sehr wichtig für mich, dass niemand man weiß, was in dieses Buch geschrieben wurde …
Danke, F.
[Das Wort »nicht« wurde von Filippa später durchgestrichen; das Wort »niemand« ersetzte Filippa später durch »man«.]
DU schaust hier rein? DU?!? Hast du keine Gewissensbisse? Okay, die Neugier! Ich sage dir nur, ich wusste, dass DU reinschauen wirst. Es steht nix drinnen, was escht ey interessant wäre. Also du willst trotzdem noch reinschauen?!? Du glaubst mir nicht? Nochmal für die »Versteh-Tiefflieger«!: Also warum on earth SCHREIBE ICH DAS HIER VORNE DRAUF; WENN ICH NICHT WÜSSTE, DASS DU EH REINSCHAUST – Okay, aber das nächste Mal, falls du (wieder) reinschauen willst, tu es nicht und wage nicht, mir noch ehrlich in die Augen zu schaun!!! Danke.
P.S. Falls du doch reinschaust, bist du schon Mr. Nosy! Egal ob du ’ne Mrs. oder ein Mr. bist. Meine Schrift kannst du eh nicht lesen! (Hoffe ich doch)
Letzte Verwarnung! SCHLAG DAS BUCH ZU!
Stehst du so tief???
Ist dein Gedächtnis so mies, dass du es nötig hast, hier den Tagesablauf der letzten Tage nachzulesen?
– Nein? Dann trifft P.S. auf dich zu.
– Ja? Dann schaffe dir selbst so ein Buch an!
8. Januar 1992
Leider starb Amama vor einigen Monaten. Krebs! Sie hatte Depressionen. Ich war traurig.
Mami sagte mir, dass sie mir ein Geheimnis sagen wollte, und fragte ob ich dieses jenes behalten konnte und es niemanden weitersagen würde.
Ich sagte Ja!
Mami sagte: »Wir bekommen ein Kind!« Ich war so froh!
[Nachtrag 27. Juni 92:] Es ist Peter!
Na ja, morgen bin ich wieder in der Schule.
12. November 1992
Es ist der 12.11.1992. Well! Heute habe ich meine erste Pizza gebacken und sie ist geil. Aber essen tun wir sie erst morgen, weil heute Chaos total war! Also nicht wegen Chaos, aber ich habe um 5:00 angefangen und es ist ein Hefeteig!!!! (Man berechne die Geh-Zeit, ca. 1 1/2 Std.)
Also auf der Finca war es echt cool ey!?! Da war auch Christina!! Diese blöde Nuss soll mir endlich das Foto schicken, aber ich werde vergessen!
Gerade läuft das Ende von »Kashmir« (Led Zeppelin) und jetzt »When the levee brakes« (Tipp von M.)
Die Landschaft war echt super affengeil … auch dass ich jetzt dich [das Tagebuch] habe! Dir, mein Schatz, kann ich alles sagen (Applause!) – Kitsch und Co, Baubüro. Ach ja, Alex ist in Bruxelles, Belgien. Wow, nicht?!? Sie wohnt im Haus mit Stephanie, irgend so na Vivienne und Sandra. Kennen tu ich persönlich keine, obwohl ich’s gerne mal würde. Hmh. Mein Stift schmeckt vom Trouble [einer der beiden Hunde] vorgekaut escht wow. Bis moschä!
Freitag, 13. November 1992
Casi bekam einen blauen Brief! Geil ey! Meine Pizza wurde mit Begeisterung gegessen und bald kommt se – Alex!
Morgen gehen wir ins Kino, essen bei Mc Donalds und mein Gäddo Blaster wird zum (hin-) richten gebracht. Besser wär’s zum Tauschen! Dann ist Partytime im Stock. Es ist 11:20 in der Nacht, morgen Schule, Sch…, vor 3 Min. Haare gewaschen …
12. Dezember 1992
Jetzt hätte ich viel zu schreiben! Fangen wir mal an!
Es ist der – (?) Ah ja, der – Es ist der – Mein Gott, ich hab’s vergessen! Es ist der – Ich Trottel vergesse ja, dass ich die Uhr anhabe mit eingebautem Datum. Es ist der 12.12.92 – noch.
Heute war bis auf den Abend ein toller Tag. Ich war mit Mitch [Michelle Leversedge, Au-Pair-Mädchen aus Australien] im Kino und bei Mc Donalds. Ich habe Schule geschwänzt … Das war so: Gestern bin ich (zum Glück!!) mit dem Kopf leicht gegen die Schulbank »gestupst« und habe laut F#!ck gesagt. Die S. (Lehrerin – dazu in Englisch!!!) glotzt mich doof an, ich sage Sorry und tu so, als ob ich SCHWEÄR verletzt wär. Die, die neben mir saß, schaut mich an und fragt (rhürend!), ob ich mir weh getan hätte. Ich so – äh ne – also – AU! Doch … Dann lag ich im Sanitätsraum – mit (zufällig?!) Tinsche, die eine meiner zwei besten Freundinnen ist. Kurz davor lag auch die andere meiner zwei besten Freundinnen dort! So’n Glück, aber kotzisch war mir schon!
Na ja, so lieg ich halt hier und es ist Punkt 12 Uhr! Geisterstunde! So’n Quatsch.
Na ja, heute Abend, nachdem Heintschi zu ’ner Fete gefahren war, glotz ich die Bambi-Verleihung: Lauter »nette« Leut’ – TATAAH, TATAAH, TATAAH – oder so, wie im Karneval.
13. Dezember 1992
Die Mme. Leberwurst [Au-Pair Mitch] nervt vielleicht. Räum das auf und das und das … Die einzigen zwei Wortgruppen, über die sie zu reden vermag, heißen: Aufräumen, Baby und immer brav und artig sein und gut aufräumen, natürlich auch fressen …
Der heutige Tag:
Heinrich da
Kirche
Tafelspitz (Mittag)
Jagd (Enten, Karnickel, Fasane, Tauben etc.)
Crevettes avec courgettes dans une sauce mayonnaise – c’est 50/50 bon! La crevette est bon! La courgette est pas bon! Mais les crevettes schmecken wie Kaugummi.
Et saumon et de Forelle avec limon, une paté de Forelle, jus de pomme et, et, et!
Ha ha! Gute Nacht!
14. Dezember 1992
Bauchweh
Kopfweh
Schule
Kopfweh
Schule
Püree, Würschtl, Sour-Krout, Mustard
Quarkspeise
Spaghetti Napoli
Kopfweh
Mathe bis 21:30h gemacht
Bei Mitch donnert das Baby Phone gerade: zchzchzchzch
Heute Franze-Arbeit geschrieben, durchgekommen!!
1-Feeling. 2 Bücher auszufüllen, 1 Poesie Album, 1 Schulfreunde-Buch.
Na ja, so far so good. See ya! Buenas noches, alte Sau!
15. Dezember 1992
Soderle!
Freitag Mathe Arbeit!
Morgen (?!) English. Kein bisschen gelernt.
Pardon, Deutsch, da brauch ich nicht lernen. Inhaltsangabe.
Heute haben wir im Altenheim das Weihnachtsstück vorgespielt! Boa ey!
Danach hat Dirk Möllmeier angerufen und Mami geht dran:
M: Hallo, hier Dirk Möllmeier, kann ich ma’ dn’ Casimir?
Mami: Ja, Moment! Casi, da ist so’n Dietmar Müller am Telefon
Casi: Wer?
Mami: Dietmar Müller! …
Escht ey! Die hat Bohnen auf den Ohren!
Von der Alex muss morgen ein Brief ankommen.
Zwei Seiten nur! Die krischt de Kloppe!
10 Seiten schuldet sie mir dann.
Wenn ich Glück habe, werde ich zur Alex nach Bruxelles fahren, nächstes Wochenende bzw. dieses!!!
Brauch nur noch jemanden, der fährt. Gut, gelle!?!
Ich muss mir das Ausrufezeichen hinter jedem Satz abgewöhnen! Genau das meine ich. Ich habe mich beherrscht. Wow(!). Ich kanns. Na ja.
16. Dezember 1992
Ohne es vorher zu wissen, mussten wir heute auf der Burg das Weihnachtslied singen. Chaos total. Und dann die beknackten Anspielungen von Klirr [= Claire, neues Au- pair aus England]: »Filippa ist bloß sauer, weil sie heute spielen muss.« Dann knutscht se noch mit Sofia rum. Mmmhh! Ärmel-Kanal! Well!
Und die Liebe! Das Horoskop sagt zwar was, aber harmonieren, davon nichts. Ich kenn ja seinen Geburtstag, also auch das Sternzeichen!
Heute war Redaktionssitzung, auch ich hatte keinen der 4 Artikel fertig! Die werden alle noch härter in die Zange genommen!!!
»Hab heut keine Zeit! Morgen auch nicht! ….« Jedes mal so! Ach diese Ausrufezeichen. Ich kanns ja?!? Oder?
Na ja, we won’t be too disappointed, or? Because: Sage nie du kannst es niescht, alles kannst du, wills die Pfliescht!
Na ja. Irgendwie bin ich, bis auf Alex, von allen Verwandten und allen, die ich kenne, vergessen worden. Die Ax hat mir n’ Brief geschrieben!
DAS AUSRUFEZEICHEN!!!!!!!!!!!
Aber der Rest … entweder keine Zeit oder 10.000 Sachen zu besprechen … es variiert.
Na ja, also dann bis morgen! Hoffentlich träumst du (ich) was Nettes! Bussiii!
Bitte denke an die vier Artikel und an Alex (S.W.!) und an …! **
Bussi
18. Dezember 1992
Also: Ich schreibe für gestern!
1. Da war die Weihnachtsfeier auf der Burg!
2. Davor war Ballett – auch Weihnachtsfeier!
Danach ist ATTILA [= einer der Hunde] angefahren worden. Bis jetzt geht’s ihm noch – den Umständen entsprechend – gut!
Oben, von der Burg, hab ich die Alex angerufen, weil sie mich für dieses Wochenende eingeladen hatte.
Februar 1993
Also ich war am Wochenende in Bruxelles!
TOOOTAL GOT EY!
War im »Jeu d ’Hiver«. Bis halb 5 in der Früh!
Bei 3 1/2 Whisky cool und 4 Glimmis! TOOTAL NÜCHTERN! (ECHT!!!)
Habe so’n paar nette Leute kennen gelernt!
But I miss you!
Also die Ax ist da!
Also II (!!) ich bekomme eine …
… eine Brille.
Na ja! Einen Rahmen für meine Glas- äh crownjeweled eyes!!!(?!)!
Bussi – Bonne Nuit!
Date: something like the 18th of April 1993
Tja, dann mal so zum Besuch war M. da … schon wieder lange her. Papi hat ihn mit Casi beim Rauchen erwischt!! (What a good influence) Anyway …
Casi hat mit Freundin 5 Stunden (oder so ähnlich) telefoniert und …
Habe M. gestern abend geschrieben!
Als er hier zu Besuch war, habe ich so was wie 5 Stunden mit M. geredet, so über meine Familie (Mami, Papi, Ax, Casi) und ich, äh, er hat mier, nein mir, lauter Sachen gesagt, die er in unserer Lage tun würde. Ich glaube, es lohnt sich anzufangen so zu denken wie er … Er hat gesagt (here I agree!!) »Wenn man einem Kind alles erlaubt, ist der Charakter von vorneherein verdorben! Dann ist ein Kind zu verwöhnt …« (stimmt). Dann hat er so’n paar Sachen über mich gefragt … (muss ich gar nicht reinschreiben!). Am Ende sagt er nur: »Fipsi – ICH LIEBE DICH!« (Spinner!!)
Falls Du mein Buch gerade lesen solltest, dann muss ich Dir hier ein paar Worte widmen:
»DU BIST DER LIEBSTE SPINNER, DEN ICH KENNE«
(Das soll keine Liebeserklärung sein, sondern eine Tatsache.)
Höre gerade U2, »Joshua Tree« … (auf dieser halben Seite läuft »Bullet the blue sky«, auf der davor lief »With or without you«) »Into the arms of America«.
Jetzt läuft »Running to stand still«.
Morgen schreibe ich weiter …
P.S. Habe mein Zimmer umgeräumt.
Ich muss was beichten!
I’M IN LOVE.
19. April 1993
Also:
Bin auf ein Fest eingeladen
Das auf der vorhergehenden Seite gilt immer noch! (For ever …)
Ich habe beschlossen:
1.Ich verstecke das Tagebuch lieber ein bisschen besser!
2.Ich habe meinen Traummann gefunden! Nicht wahr?!
I am soo in love! With …!
Ich will ihn unbedingt wieder sehen!! An irgendeinem Wochenende, ja! Wir haben telefoniert! Er war ziemlich unhöflich! Ich fragte ihn, wie seine Reise gewesen sei? Und er sagte: »Ach, da hättest du bestimmt einen Schreck bekommen, und da hättest du bestimmt zu weinen angefangen …« Bin ich wirklich so eine Heulsuse?! Hoffentlich nicht! Dann sagte er: »Hör mal, Fipsi, ich habe da ein Problem!« – »Was denn?« – »Gerade kommt Fussball (!)…« Also, bin ich wirklich so doof, dass er glaubt, er könne mich so behandeln?!? – Was soll’s, ich liebe ihn trotzdem. Ich frage mich, wie er sich nach dem Anruf gefühlt hat! (gut, schlecht, schuldig …?) O Mann, ich vermisse mein M.-Schätzchen! Hoffentlich sehe ich ihn bald!
Ich geh am 29.–30. Mai auf ein Konzert:
ROCK AM RING 93, mit vielen wie Ugly Kid Joe, Faith no more, INXS und Robert Plant!!!
Ich gehe dort mit Casi und Freunden (?) hin!
SUPER EY VOLLE KANNE!! Freue mich schon!
Nite, 10th Nov. 93
And again Hi!
Morgen ist St. Martin. Das ist der Tag, an dem jeder mit einer Laterne durch die Straßen geht. Cool!! Ich werde Josi anrufen und fragen, ob sie mit mir zu diesem kalten Vergnügen gehen will. Heute habe ich einen Brief von meinem Lehrer Dr. W. bekommen. Darin steht, dass ich meine Hausaufgaben dreimal nicht gemacht habe, und das bedeutet eine Sechs. Da muss ich mir was einfallen lassen. Shit! Aber England rückt ja näher und näher. Am Samstag werden wir in Brüssel übernachten. Ich werde im Haus von Alex schlafen!!! Dann, am Sonntag, gehen wir in die Kirche, und danach fahren wir los nach England. Ich bin sooo glücklich!!!
Heute hat mir Ingrid wieder mein Bac-Deo gekauft. Es erinnert mich an Amerika, aber vor allem an die Zeit auf der Finca. Ich habe eine sehr gute Nase. Das heißt, ich rieche gut – Nein! Oder doch! – natürlich rieche ich gut, aber eigentlich meine ich damit, dass meine Nase Gerüche sehr gut erkennen kann! Zum Beispiel waren heute Heinrichs Freunde da und ich konnte sie riechen. Nicht schlecht, oder?
Ich habe einen Cousin, der ist 16, glaube ich. Vor zwei Jahren war er in mich verliebt, und manchmal glaube ich, er ist es immer noch. In den vergangenen zwei Jahren bin ich wirklich unfreundlich zu ihm gewesen, echt gemein. Ich weiß genau, normalerweise mache ich so was nicht. Aber ich werde einfach nervös, wenn ich bedrängt werde.
Okay, ist ja nicht so schlimm, wenn Männer so sind. Aber dann müssen sie gut aussehen und/oder intelligent und nett sein. Dann macht’s mir nicht so viel aus! Ich mag es nur nicht, wenn mich die Leute wie irgendso’n Mädchen behandeln – na ja, natürlich bin ich ein Mädchen – aber ich mag es nicht, wenn sie so tun, als wären sie mein Vater!
Genug Bullshit für heute.
Hatte heute in der Schule keine gulpys [= Zigaretten] dabei, morgen nehm ich welche mit (ganz sicher).
Bis dann. Gute Nacht
Flips
11. November 1993
Natürlich hatte ich keine dabei! Aber morgen ganz sicher. BESTIMMT! Ich habe sie schon in meine Schultasche gesteckt. Morgen, hat Mami gesagt, fährt sie mit mir nach Koblenz. Dann kaufen wir die neuen Jeans. Hoffentlich bekomme ich die Levi’s! Die passen mir am besten. Heinrich ist gerade angekommen. Er kommt ein bisschen zu spät!! Was ich eine Seite vorher geschrieben habe, das über die Männer und dass ich manchmal einfach nicht weiß, was ich machen soll: Jetzt kann ich ganz sicher damit umgehen. Ich habe früher schon mal überreagiert – Aber jetzt, wartet nur ab!!
Mami hat heute ein paar Sachen ausgemistet – Shit, meine Cassette hat sich gerade verheddert. Sting, nicht so schlimm … Also, Mami hat mir was von ihrem Modeschmuck gegeben. Einiges ist ganz schön, manches nicht so, aber »einem gschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul«. Ich weiß nicht, was ich noch schreiben soll. Was soll ich jetzt noch schreiben? Aber ich will doch wach bleiben, falls Heinrich ein paar Freunde mitgebracht hat, die noch heraufkommen wollen. Also, bis die wieder weg sind (ich weiß noch nicht einmal, ob Heinrich überhaupt Freunde mitgebracht hat), muss ich noch wach bleiben.
Bis dann, glaube nicht, dass sie raufkommen werden.
Gute Nacht
Flips
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