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Die Freunde des Schicksals

Das Ende & der Anfang

Fatum Lev


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2014.

Lektorat: Hedda Esselborn

Titelbild: Tina Markruksa

Innenillustrationen: Laylor

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-376-9 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-293-7 - Ebook

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Inhalt

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Ich möchte mich bei Kowu, Benjamin, Ryuchan und Anton bedanken, die mir bei der Entstehung der Geschichte wichtige Tipps gegeben haben.

*

Kapitel 1

„Gibt es Gerechtigkeit im Leben?“ Diese Frage stellte sich Lena in den letzten Tagen häufig. Seit einer Weile marschierte sie mit traurigem Blick durch einen Wald. Das dreizehnjährige Mädchen musste an ihren verstorbenen Freund denken und sie verspürte das Gefühl, gleich weinen zu müssen. Das Zwitschern der Vögel hörte sie nicht wirklich. Den kalten Oktoberwind an ihrem Gesicht ignorierte sie auch. Sie trug keine Jacke, es war ihr egal, ob sie sich eine Erkältung holte. Das rothaarige Mädchen schrie verzweifelt Richtung Himmel: „Ventus ... Warum musste es dich treffen? Warum ist das Leben so grausam? Ich hasse das Leben!“

Seitdem sie wach war, dachte Lena nur an diesen Schicksalsschlag. Es war vor zwei Tagen geschehen. Lena hatte ihr Pferd Ventus, ihren einzigen Freund, auf der Koppel ihres Gnadenhofes im Sterben liegend gefunden. Sofort war sie ins Haus gerannt und mit einem Koffer Verbandszeug zurückgekehrt. Sie hatte sich zu ihm gekniet. Seine Verletzungen waren sehr schlimm gewesen. Diesen Anblick würde sie niemals vergessen können. Das Mädchen hatte versucht, seine Verletzungen zu behandeln und hatte ihm ins Ohr geflüstert, dass alles gut werden würde. Aber in ihrem Inneren war ihr bewusst gewesen, dass es keine Hoffnung gab. Dann hatte sie seinen Kopf auf ihre Beine gelegt und ihn liebevoll gestreichelt. Durch sein Schnauben hatte sie gespürt, dass er über ihre Anwesenheit froh war.

Nach einer Weile war der unvermeidbare Moment gekommen. Ventus hatte Lena noch einmal mit einem herzlichen Blick angeschaut, bevor er für immer die Augen schloss. Danach hatte sie sich auf seinen Körper gelegt. Es war ihr egal gewesen, dass ihre Kleidung beschmutzt wurde. Sie wollte sich von ihm verabschieden. Dann hatte sie angefangen, heftig zu weinen.

Nun setzte sich das Mädchen und lehnte sich mit dem Rücken und dem Kopf gegen einen Baumstamm. Sie atmete langsam. Ihre Gedanken beschäftigten sich nun mit dem Tod ihrer Eltern. Vor vier Jahren war ihre Tante Sarah zu ihr nach Hause gefahren und hatte ihr berichtet, dass ihre Mutter und ihr Vater bei einem Verkehrsunfall gestorben waren. Ein Geisterfahrer war dafür verantwortlich gewesen. Diese schlimme Nachricht hatte sie in einen Zustand von Traurigkeit und Fassungslosigkeit versetzt. In ihr war eine große Leere entstanden. Sie hatte kaum etwas essen und trinken wollen, die meiste Zeit des Tages hatte sie sich in ihrem Zimmer befunden und auf ihrem Bett sehr viel geweint. Sie hatte gehofft, dass alles ein Albtraum wäre. Es dauerte sehr lange, bis sie die Wahrheit akzeptiert hatte.

Wenn sie nur an ihre Tante dachte, verspürte sie einen Zorn auf sie. Seit dem Tod ihrer Eltern musste sie leider bei ihr wohnen. Bei ihr zu leben, war für sie überhaupt nicht schön. Ihre Tante Sarah hatte wegen ihres Berufs als Tierärztin kaum Zeit für sie und konnte ihr wegen ihrer Probleme in der Schule nicht wirklich helfen.

Nun musste sie an Ventus’ Mörder denken. Helen, die Besitzerin des Gnadenhofes, hatte ihr berichtet, dass sie zwei Jugendliche mit Messern in den Händen hatte wegrennen sehen. Das Mädchen würde ihnen niemals vergeben. Sie hasste solche Menschen. Ihr Handeln war in Lenas Augen unverzeihlich. Das Wichtigste in ihrem Leben war ihr genommen worden.

Lena schloss die Augen und erinnerte sich an die Augenblicke auf dem Gnadenhof. Jeden Tag war sie dort gewesen, um die Tiere mit Fressen und Trinken zu versorgen. Auch bei schlechtem Wetter war sie trotzdem mit dem Fahrrad dorthin gefahren. So hatte das Mädchen ihre Sorgen und Probleme für eine Weile vergessen können. Zufällig hatte sie erfahren, dass ein Bauer Ventus zum Metzger bringen wollte. Für seine Rettung hatte sie ihr ganzes Erspartes geopfert. Ihr war klar gewesen, dass dieses Geld für mögliche schwere Zeiten gedacht war. Aber sie hatte es nicht ertragen können, dass viele Pferde so ein trauriges Ende erleiden mussten. Deshalb wollte sie so viele von ihnen retten, wie es ihre finanziellen Möglichkeiten erlaubten.

Bei ihrer ersten Begegnung hatten beide gespürt, dass sie sich sehr mochten. Seine ruhige und sanfte Art hatte sie als sehr angenehm empfunden. Lena war sehr geschockt gewesen über seinen schlechten Gesundheitszustand und hatte ihn unbedingt wieder gesund machen wollen. Deshalb hatte Lena sogar die Schule geschwänzt, die sie wegen ihrer Mitschüler sowieso hasste. Der Ärger mit ihrer Tante und den Lehrern war ihr egal gewesen. Während seiner Pflege waren sie Freunde geworden, manchmal hatte sie sogar in seinem Stall geschlafen. Ihre Gegenwart hatte schließlich dafür gesorgt, dass er schneller wieder auf die Beine kam.

Wenn Lena den Gnadenhof erreicht hatte, hatte sie schnell gespürt, dass ihre schlechte Stimmung wegen der Schule langsam immer weniger wurde. Sie hatte ihr Fahrrad abgestellt und war sofort zu Ventus’ Koppel gerannt. Ihr Freund hatte jedes Mal vor Freude gewiehert, wenn er sie gesehen hatte. Das Mädchen war über den Zaun geklettert und hatte ihn intensiv umarmt. Eines Tages hatte sie ihm zugeflüstert: „Ich bin so froh, dass du für mich da bist. Du hilfst mir, meine schlechte Laune wegen Sarah und der Schule zu vergessen. Durch dich ist meine Trauer um meine Eltern verschwunden und ich kann mich wieder richtig glücklich fühlen. Dafür danke ich dir. Du bist mein bester und einziger Freund. Ich wünsche mir, dass wir für immer zusammenbleiben können.“

Sie hatte ihn auf seine Stirn geküsst. In diesem Augenblick hatte Ventus ihre Haare liebevoll mit seinen Nüstern angeschnaubt. Sie hatte darüber jedes Mal lachen müssen, weil es immer so lustig war. Dann hatte ihr Freund sanft mit seinem Kopf ihr Gesicht berührt. Lena hatte sich darüber sehr gefreut und ihn gefragt: „Bei dem schönen Wetter habe ich Lust, wieder den See zu besuchen. Ist es in Ordnung, wenn ich auf dir reite?“

Gleichzeitig hatte sie bestimmte Handbewegungen gemacht. So hatte sie ihm mitgeteilt, was sie von ihm wollte. Ventus hatte das begriffen und genickt. Er war damit einverstanden. Lena hatte ihn immer gefragt, denn sie hatte das nicht als selbstverständlich gesehen. Das Mädchen betrachtete sich und Tiere auf gleicher Augenhöhe.

Die schönen Erinnerungen machten ihr bewusst, dass sie all das nie wieder erleben würde. Plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals und musste weinen. Sie schrie verzweifelt: „Ich vermisse dich so sehr! Ich brauche dich!“ Viele Tränen liefen über ihre Wangen. Es dauerte lange, bis sie nicht mehr weinte. Dann wischte sie sich das Gesicht mit einem Arm trocken.

Unerwartet nahm sie einen sehr schnellen Luftzug war. Lena schaute sich neugierig um und erschrak. Mit offenem Mund erkannte sie, dass ein blaues Einhorn mit Flügeln vor ihr stand. Sie stand auf. Lena war sich bewusst, um was für ein Tier es sich handelte.

Nachdem ihr Schock nachgelassen hatte, betrachtete sie das Zauberwesen genauer. Es hatte ein silbernes Horn und seine Mähne und sein Schweif waren schwarz. Weiter bemerkte das Mädchen an beiden Flanken jeweils einen dunklen Löwenpfotenabdruck. Sie wollte mit ihrer Hand das blaue Fell berühren, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte.

Lena näherte sich dem Einhorn vorsichtig. Es schien zu erkennen, was das Mädchen vorhatte, daher blieb es stehen und schaute sie freundlich an. Bei dem Zauberwesen angekommen legte Lena ihre Hand ganz langsam auf das schöne Tier und streichelte sein blaues Fell behutsam. Es fühlte sich angenehm weich und warm an. So erkannte Lena, dass sie nicht träumte. Sie war erstaunt, dass es das Einhorn nicht störte.

Plötzlich erinnerte sich Lena an ein bedeutsames Gespräch. Vor ein paar Monaten hatte Helen ihr berichtet: „Ich meine es wirklich ernst. Gestern ist ein blaues Einhorn mit Flügeln hier aufgetaucht. Es hat alle Tiere mit seinem Horn von ihren seelischen und körperlichen Verletzungen geheilt.“

„Einhörner kann es doch nicht geben! Das kaufe ich dir nicht ab“, hatte Lena kommentiert. Das Ganze war noch vor der Rettung von Ventus geschehen.

„Es gibt doch Einhörner. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Helen hat die Wahrheit gesagt“, murmelte sie zu sich selbst. In diesem Moment wünschte sie sich sehr, das Einhorn wäre vor zwei Tagen da gewesen. Vielleicht hätte es ihren Freund retten können.

Das Einhorn sprach mit ruhiger Stimme zu ihr: „Hallo. Ich bin Mystic Blue.“

„Hallo. Ich bin Lena Walker. Hat dein Erscheinen einen Grund? Bist du das Einhorn, das vor einiger Zeit alle Tiere auf dem Gnadenhof geheilt hat?“, stotterte das Mädchen und spürte ihr Herz vor Aufregung schneller klopfen. Während Lena auf die Antwort wartete, merkte sie, dass ihre Trauer nachließ. Das verblüffte sie. Sie bewegte nervös ihre Finger und grübelte über Mystic Blues Erscheinen. In ihrem Körper herrschte nun eine große Spannung. Sie wollte unbedingt erfahren, wieso das Einhorn ausgerechnet sie besuchen wollte.

Das Einhorn äußerte in einem entspannten Ton: „Ja, ich bin das Einhorn, das diesen Gnadenhof besucht hat. Der Grund für meinen Besuch ist, dass ich dir mein Beileid für den Tod deines Freundes aussprechen möchte.“

Das Mädchen freute sich, als es das hörte. Dann seufzte es: „Ich danke dir für dein Beileid. Woher weißt du, dass Ventus gestorben ist?“

Mystic Blue lächelte sie an und erklärte ihr: „Durch Magie weiß ich das. Ich möchte dir helfen, damit deine Trauer weniger wird. Das ist ein weiterer Grund, warum ich zu dir geflogen bin. Ich möchte dich in die Einhornwelt Candelia bringen. Dort wird dafür gesorgt werden, dass du nicht mehr traurig bist. Deshalb wollte ich von dir wissen, ob du damit einverstanden bist?“

Lena musste eine Weile darüber grübeln. Sie fand es toll, dass das Einhorn ihr helfen wollte, ihre Trauer zu überwinden. Dieses schlimme Gefühl wollte sie unbedingt loswerden. Dann meinte sie: „Warum tust du das für mich? Das überrascht mich wirklich. Ich bin doch nichts Besonderes.“

„In meinen Augen bist du was Besonderes. Du behandelst Tiere sehr respektvoll, dir ist ihr Wohl sehr wichtig. Das tun nicht viele Menschen. Deshalb möchte ich dir helfen. Bist du mit meinem Plan einverstanden?“ Mystic Blue schaute das Mädchen erwartungsvoll an.

Plötzliche musste Lena weinen. „Deine Worte bedeuten mir sehr viel. Von anderen Menschen bekam ich nie so ein schönes Lob zu hören. Ja, ich bin einverstanden, dass du mich in die Einhornwelt bringst. Ich hoffe, dass du meine Trauer beseitigen kannst.“

Mystic Blue näherte sich ihr und berührte vorsichtig mit ihrem leuchtenden Horn Lenas Kopf. Sie flüsterte: „Jetzt sollte es dir besser gehen.“ Lena fühlte am ganzen Körper eine angenehme Wärme und ein Glücksgefühl.

Das Mädchen umarmte das Einhorn. „Ich danke dir für das, was du für mich tust.“

Das Einhorn senkte seine Vorderbeine, sodass das Mädchen ohne Probleme aufsteigen konnte. Mystic Blue erklärte ihr: „Der Flug wird nicht lange dauern, deshalb sei nicht überrascht, wenn wir gleich dort sind.“

Mit Respekt und Vorsicht setzte Lena sich auf seinen Rücken. Das Mädchen lächelte und streichelte sanft das weiche blaue Fell. Mystic Blue störte das nicht. Dann schoss das Einhorn mit einer unglaublichen Geschwindigkeit in die Luft.

Es war ein tolles Gefühl für Lena, so zu fliegen. Zuerst dachte sie, dass sie wegen der kalten Luft frieren müsste. Aber dann bemerkte sie eine zauberhafte Wärme, die von Mystic Blues Körper ausging. So war sie vor der kalten Luft gut geschützt.

Tatsächlich dauerte der Flug nur ein paar Minuten und sie erreichten bald ein Gebiet in den Bergen. Dort entdeckte Lena ein großes Tal, über dem sich ein großer durchsichtiger Schutzschild befand, durch den das Einhorn problemlos hindurchfliegen konnte.

Neugierig und erfreut betrachtete Lena Candelia und war sprachlos. Es war wunderschön. Sie sah Wälder, Wiesen, Bäche, Flüsse und Pflanzenarten, die sie vorher noch nie gesehen hatte und die geheimnisvoll wirkten. Die Luft war angenehm warm. Dann beobachtete sie mit großer Freude viele Einhörner, die grasten, Wasser tranken, galoppierten oder sich unterhielten. Der ganze Anblick hatte etwas Magisches, was bei ihr ein Glücksgefühl auslöste. Lena wollte sichergehen, dass sie nicht träumte, und kniff sich ins Gesicht. Als sie erkannte, dass sie wirklich wach war, lächelte sie.

Auch nahm sie einen zauberhaften Geruch wahr, der schwer zu beschreiben war. Er roch so toll, dass sie sich sicher war, ihn niemals vergessen zu können. Sie liebte diesen Ort sofort. Er gab ihr das Gefühl von Geborgenheit. Es überraschte sie sehr, dass ein Ort eine solche Wirkung haben konnte. Dieses Gefühl hatte sie zuletzt gekannt, als ihre Eltern noch gelebt hatten. Sie fand es sehr schade, dass sie nicht gemeinsam mit Ventus das Land der Einhörner besuchen konnte.

Dann landete Mystic Blue auf einer Lichtung eines Waldgebietes, wo beide von einem grauen Pferd erwartet wurden. Es wieherte vor Freude, als es die beiden sah. Lena rutschte vorsichtig von Mystic Blues Rücken herunter und guckte sehr ungläubig. Sie sagte zu dem blauen Einhorn: „Das Pferd sieht genauso aus wie Ventus. Das überrascht mich. Ich frage mich, warum es sich über meine Anwesenheit freut.“

„Lena, das Pferd, das du gerade siehst, ist Ventus! Er hat sein Leben zurückbekommen“, antwortete das Einhorn freudig.

„Wie ist das möglich?“ Lena guckte Mystic Blue geschockt an.

„Mit Magie ist das möglich. Ich lasse euch für eine Weile allein. Ich komme später wieder, damit wir uns über eure Zukunft unterhalten können“, antwortete das Einhorn.

Mystic Blue flog davon und schnell rannte Lena zu ihrem besten Freund. In ihrem ganzen Körper herrschte ein großes Glücksgefühl. Das Mädchen spürte, dass sie den Tränen nahe war, aber sie konnte sich zusammenreißen. Sie bemerkte, dass Ventus deutlich jünger aussah, als sie ihn in Erinnerung hatte. Lena dachte: „Es gibt doch Gerechtigkeit im Leben.“

Noch bevor sie ihn erreichte, wurde er in ein gelbes Licht gehüllt. Dann sah sie, dass er sich in ein Einhorn mit Flügeln verwandelte. Er hatte ein silbernes Horn, seine Mähne und sein Schweif waren schwarz und der Rest seines Körpers weiß. Lena brauchte nicht lange, bis sie begriff, was eben passiert war. Sein neues Aussehen gefiel ihr. Sie fand, dass er als Einhorn eine tolle Ausstrahlung hatte.

Als sie endlich bei ihm war, umarmte sie ihn heftig. Lena hätte ihn am liebsten nie wieder losgelassen. Sein Fell fühlte sich angenehm weich an. Sie hatte das Gefühl, als ob die Trauer um seinen Tod nie da gewesen wäre. In diesem Moment fühlte sie sich sehr glücklich.

*


*

Kapitel 2

Während Lena Ventus immer noch umarmte, erinnerte er sich an die Momente nach seinem Tod. Jedes Mal, wenn er das tat, hatte er das Gefühl, eine schöne Reise zu machen.

Ventus spürte an seinem Gesicht einen angenehmen Luftstrom und öffnete seine Augen. Er schaute sich neugierig um und stellte fest, dass er auf einem Rasen lag. Nun guckte er irritiert. Der Grund war, dass er sich immer noch gut an Lenas verzweifelten und traurigen Blick erinnern konnte, bevor er gestorben war. Das Pferd hatte das Gefühl, dass das eben erst geschehen war.

Er stand auf und betrachtete die Umgebung genauer. Die Wiese war sehr groß. Darauf befanden sich Pflanzenarten, die er vorher noch nie gesehen hatte. Die Gerüche waren ihm neu und dufteten sehr angenehm. Erst in weiter Ferne konnte er Bäume entdecken. So was hatte er vorher noch nie gesehen. Die Landschaft machte einen sehr friedlichen Eindruck, die Luft hatte einen angenehmen Geruch. Er hätte ihn in Worten schwer beschreiben können, weil er sich ständig veränderte.

Ventus spürte schnell, dass dieser Ort etwas Magisches hatte. Auch empfand er das Gefühl von Geborgenheit. Es lag schon sehr lange zurück, dass er dieses schöne Empfinden erlebt hatte. Nun betrachtete Ventus seinen Körper und war erstaunt. Alle Verletzungen waren verschwunden. Er fand, dass sein Fell nun deutlich schöner aussah im Vergleich zu seinem alten Leben.

Plötzlich nahm er wahr, dass ein schönes Wesen vor ihm gelandet war. Mit großem Staunen blickte das Pferd auf ein weißes Einhorn mit Flügeln, dessen Mähne und Schweif grau waren und das ein silbernes Horn hatte. Ventus guckte es neugierig und respektvoll an. Die Schönheit des Einhorns beeindruckte ihn sehr.

Das Zauberwesen sprach mit einer angenehmen Stimme zu ihm: „Hallo, ich bin Salva. Ich hoffe, dass mein Erscheinen dir keine Angst gemacht hat. Falls doch, war das von mir nicht beabsichtigt. Ich bekam die Aufgabe, dir diesen Ort genauer zu zeigen und dir zu erklären, was mit dir noch geschehen wird.“

Das Pferd starrte den Einhornhengst kurz verwirrt an. Dann äußerte es sich nervös: „Ich bin Ventus. Du hast mir keine Angst gemacht, dein Auftauchen hat mich eher verdutzt. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ehrlich gesagt hatte ich mir das Jenseits anders vorgestellt. Bist du ein Einhorn? Wie wird es denn mit mir weitergehen?“

Das Einhorn schaute ihn freundlich an. „Ich bin ein Alicorn, das ist eine besondere Einhornart. Damit sind Einhörner mit Flügeln gemeint. Jetzt muss ich aber erst einmal ein Missverständnis klären: Der Ort, an dem wir uns befinden, ist nicht das Jenseits. Du sollst wissen, dass du wieder lebst!“

Nachdem Ventus den letzten Satz gehört hatte, starrte er Salva eine Weile mit einem verdutzten Gesichtsausdruck an. Viele Gedanken schossen durch seinen Kopf. „Vielleicht sehe ich Lena wieder“, dachte er voller Hoffnung. Stotternd sagte er zu Salva: „Ist das wirklich ernst gemeint? Ich bin doch ein Niemand. So was verdient doch nur jemand, der etwas Besonderes getan hat.“

„Ja, das habe ich wirklich ernst gemeint. Du bist kein Niemand, denn du hast etwas Besonderes getan. Deshalb hast du dein Leben zurückbekommen. Wir sollten erst mal losgehen, weil sich jemand mit dir unterhalten möchte. Ihr sollt klären, wie es mit dir weitergehen soll. Unterwegs erzähle ich dir etwas über diesen Ort und über meine Lebensgeschichte“, erklärte Salva ihm.

Während sie schlenderten, schaute sich Ventus mit großer Neugier genauer um. Das Pferd stellte schnell fest, dass es keine Waldtiere gab. Es konnte keinen Geruch von ihnen wahrnehmen. Darüber war es sehr erstaunt.

Das Wetter fühlte sich sommerlich an. Dabei erinnerte Ventus sich daran, wie er mit Lena zu dieser Jahreszeit zu einem See geritten war. Das hatte er gerne mit seiner einzigen Freundin gemacht.

Er erkannte, dass die ganze Landschaft unberührt war, dass niemand sie verändert hatte. Dann hörte Ventus die Stimme von Salva: „Das Besondere an diesem Ort ist, dass man hier nicht altern kann. Der Grund ist, dass die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes stillsteht. Alles, was du siehst, ist das Reich des Löwen Yellow Destiny. Du wirst dich noch mit ihm unterhalten. Du brauchst vor ihm keine Angst zu haben, wenn du ihm begegnest. Als ich ihn zum ersten Mal getroffen habe, habe ich große Furcht vor ihm gehabt. Im Nachhinein betrachtet war das ganz unbegründet gewesen.“

Ventus guckte sehr nachdenklich wegen dieser Äußerung. Er musste wieder an Lena denken. Sein Gefühl sagte ihm, dass seine Freundin sicher sehr traurig über seinen Tod war. Dann meinte er zu Salva: „Ehrlich gesagt bin ich unsicher, was ich von dem Treffen halten soll. Kannst du mir konkret sagen, worüber ich mit Yellow Destiny reden werde?“

„Du wirst dich mit ihm über dein Schicksal unterhalten. Du sollst selbst entscheiden, wie es aussehen soll. Deshalb werde ich gleich etwas über mich erzählen. So bekommst du eine Vorstellung, was dich erwarten wird.“ Salva schaute ihn freundlich an.

„Bevor du das tust, habe ich eine wichtige Frage. Vor meinem Tod war ich mit einem Mädchen namens Lena sehr gut befreundet. Werde ich sie wiedersehen? Das möchte ich unbedingt wissen, weil es für mich sehr wichtig ist“, sagte Ventus und guckte das Einhorn fragend an.

„Das musst du Yellow Destiny selbst fragen. Ich vermute, dass du deine Freundin wiedersehen wirst. Bedeutet sie dir viel?“

„Ja, sie bedeutet mir sehr viel. Sie hat mich vor einem Bauern gerettet. Er wollte mich töten lassen. Ich verdanke ihr mein Leben. Nach meiner Rettung ging es mir sehr schlecht und sie pflegte mich liebevoll gesund. Ich bin überzeugt, dass sie über meinen Tod sehr traurig ist, darum möchte ich sie wiedersehen. Sie soll wissen, dass ich am Leben bin“, seufzte Ventus.

Nachdem beide eine Weile geschwiegen hatten, nahm Ventus Salvas Stimme wahr. „Dann erzähle ich dir jetzt etwas von meiner Lebensgeschichte. Früher war ich wie du ein Pferd. Du sollst wissen, dass mein Leben als Pferd sehr traurig und schmerzvoll war. Ich wurde von ein paar Menschen arg schlecht behandelt. Von einem Bauern wurde ich übel gepeitscht. Dieser Kerl wollte mich zum Schlachter bringen. Jedoch wurde ich von einer Frau namens Susan gerettet. Sie brachte mich zu ihrem Gnadenhof und kümmerte sich sehr liebevoll um mich, pflegte mich, soweit es ging, gesund und nach sehr langer Zeit verspürte ich das Gefühl von Geborgenheit. Später tauchte das Alicorn Mystic Blue dort auf. Es heilte mich von meinen körperlichen und seelischen Verletzungen. Dasselbe machte es selbstverständlich auch bei den anderen Tieren. Aus Dank wollte ich es begleiten. Ich erfuhr von ihm, dass seine Artgenossen gefangen worden waren und sterben sollten. Bei der Rettung half ich mit. Mein Ansporn war, dass ich etwas tun wollte, worauf ich stolz sein konnte. Bei der Befreiung wurde ich allerdings getötet, als ich mich schützend vor ein Einhorn stellte.“

Ventus schaute Salva noch interessierter an, nachdem er seinen letzten Satz gehört hatte. Er hatte eine Vermutung, was ihn bei dem Gespräch mit dem Löwen erwarten würde. In seinem Inneren fühlte er ein Kribbeln.

Salva bemerkte seine Reaktion und grinste ihn kurz an. „Nachdem ich gestorben war, fand ich mich hier wieder und war wie du auch der Meinung, ich befände mich im Jenseits. Yellow Destiny tauchte unerwartet aus dem Nichts auf und hat mir erklärt, dass ich wieder lebte. Wir unterhielten uns darüber, wie mein Schicksal aussehen sollte. Da sich der Kampf um das Leben der Einhörner in einer sehr kritischen Situation befand, gab es für mich nur eine Option. Ich wollte stärker ins Geschehen eingreifen. Deshalb war ich damit einverstanden, dass Yellow Destiny mich in ein Alicorn verwandelte. Am Ende wurde der Kampf gegen die Feinde gewonnen. Durch die Verwandlung konnte ich später mein Leben besser genießen. Ich musste natürlich sehr viel trainieren, bis ich meine magischen Fähigkeiten beherrschen konnte. So hast du schon eine Vorstellung, was dich bei der Unterhaltung erwarten wird.“

Ventus erinnerte sich immer noch gut daran, was seine Mutter Schönes und Interessantes über Einhörner erzählt hatte. Das Pferd fand den Gedanken wundervoll, dass es vielleicht auch in ein so schönes Wesen verwandelt werden könnte. Sein Gefühl sagte ihm, dass Lena das sicher toll finden und sich darüber freuen würde. Es war sich bewusst, dass es viel dafür tun musste. Dann flüsterte es Salva zu: „Wann werde ich mich mit Yellow Destiny treffen?“

„Das wird bald passieren. Aber zuerst möchte ich dir etwas über sein Reich erzählen“, gab dieser zur Antwort. „Wie groß dieses ist, kann ich dir nicht sagen. Ich wollte es herausfinden, aber nachdem ein Tag zu Ende war, merkte ich, dass ich sicher sehr viele Tage bräuchte, um dieses Ziel zu erreichen. Es ist denkbar, dass es sogar Jahre sein könnten. Als ich Yellow Destiny dazu befragt habe, hat er so etwas angedeutet. Aus diesem Grund habe ich aufgegeben.

Wenn ich unterwegs war, hat es immer eine Stelle gegeben, an der es etwas zu trinken gab. Hier haben schlechte Gefühle keine Chance zu entstehen. Ich sehe es als Ort des ewigen Glückes.

Das Zuhause des Löwen ist wirklich geheimnisvoll. Ich erinnere mich gut, dass ich während des Fliegens die Kontrolle verloren habe und Richtung Erdboden stürzte. Dabei war ich sicher, dass ich sterben würde. Doch als ich den Boden berührte, wurde er ganz weich und ich landete sehr sanft. Kaum war ich aufgestanden, war der Untergrund wieder fest.

Ich liebe es, hier zu sein und war traurig, als meine Ausbildung zu Ende war und ich diesen Ort verlassen musste. Aus diesem Grund freute ich mich, dass ich hierher zurückkehren durfte, um ihn dir zu zeigen.“

Ventus erkannte die Freude in Salvas Stimme, als er über diesen Ort redete. Aber nun musste er an Lena denken. Er stellte sich vor, dass sie sehr viel geweint hatte und sich in einem schlechten Zustand befinden musste. Dieser Gedanke gefiel ihm nicht.

Das Reich des Löwen beeindruckte ihn sehr. Er fragte sich, ob er mit Lena hier leben könnte.

Beide schlenderten eine Weile, dann entdeckten sie einen See und bewegten sich auf ihn zu. Sie tranken sehr viel. Das Wasser schmeckte Ventus ausgezeichnet. Er hätte noch mehr trinken können. Plötzlich erschien aus dem Nichts ein großer Löwe vor ihnen. Salva raunte Ventus zu: „Ich werde euch für eine Weile allein lassen. Ich rate dir, ehrlich zu Yellow Destiny zu sein. Er mag es gar nicht, wenn jemand die Unwahrheit sagt. Wir sehen uns später.“

Salva flog weg und Ventus ging unsicher auf den Löwen zu. Als er bei ihm ankam, klopfte sein Herz vor Aufregung. Das Pferd schaute ihn respektvoll an und war von seinem Aussehen beeindruckt. Ventus schätzte, dass der Löwe eine Schulterhöhe von zwei Metern hatte. Seine blauen Augen betrachteten ihn freundlich. Seine schwarze Mähne und sein gelbes Fell hatten eine Schönheit, die schwer in Worte zu fassen war. Es machte auf Ventus den Eindruck, als würde beides geheimnisvoll glänzen. Aber er war unsicher.

Nun sprach der Löwe in einem freundlichen Ton zu ihm: „Hallo Ventus. Ich bin Yellow Destiny. Du bist herzlich willkommen in meinem Reich. Du kannst dies als eine große Ehre betrachten, denn nur bestimmte Wesen dürfen sich hier aufhalten. Du hast bestimmt viele Fragen an mich, aber zuerst sollten wir uns über deine Zukunft unterhalten.“

„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte das Pferd mit nervöser Stimme.

„Durch Magie weiß ich deinen Namen. Du musst nicht aufgeregt sein. Sei ganz entspannt“, antwortete ihm der Löwe.

An seinem Blick erkannte der Löwe, dass das Pferd etwas auf dem Herzen hatte. Er lächelte es an. „Ich denke, wir sollten zunächst über was anderes als deine Zukunft reden. Du möchtest mir sicher etwas Wichtiges mitteilen. Habe ich recht?“

Nervös meinte Ventus zu ihm: „Ja, das ist richtig. Seit einer Weile frage ich mich, ob ich meine Freundin Lena wiedersehen werde. Ich bin mir sicher, dass sie wegen meines Todes sehr traurig ist. Sie soll erfahren, dass ich wieder lebe. Es ist für mich sehr wichtig, dass sie es weiß. Sie braucht mich und ich brauche sie. Wir haben uns gegenseitig die Lebensfreude zurückgegeben.“

Yellow Destiny schaute ihn kurz nachdenklich an. „Du wirst Lena sicher wiedersehen. Das verspreche ich dir. Ich kann gut nachempfinden, wie du dich wegen deiner Freundin fühlen musst. Du wirst dich noch daran gewöhnen müssen, dass Zeit in meinem Reich gar keine Rolle spielt. Deshalb brauchst du dir wegen Lena keine Sorgen zu machen.“

Der Löwe lächelte ihn an und fragte ihn sehr behutsam: „Können wir uns nun über deine Zukunft unterhalten?“

Ventus erinnerte sich an Salvas Äußerung über die Zeit hier. Ihm war bewusst, dass er bestimmt noch eine Weile brauchen würde, bis er sich daran gewöhnt hätte. Dann gab er zur Antwort: „Ich möchte auch wissen, wieso ich mein Leben zurückbekommen habe. Salva hat mir gesagt, dass ich etwas Besonderes getan habe. Aber ich wüsste nicht, was das sein soll. Auch hatte er gemeint, dass ich kein Niemand bin. Das möchte ich bitte erklärt bekommen, bevor wir uns über meine Zukunft unterhalten können.“

„Du hast mutig eingegriffen, als die zwei Jugendlichen die anderen Tiere quälen wollten. Nicht jeder würde so etwas Selbstloses tun. Auch hast du Lena ihre Lebensfreude zurückgegeben. Das ist auch etwas Besonderes, denn nicht jeder hat so eine Fähigkeit. Davor habe ich großen Respekt. Deshalb bist du kein Niemand! Diese beiden Tatsachen waren die Hauptgründe, warum du dein Leben zurückbekommen hast. Es gab auch andere Gründe, die eine Rolle gespielt haben. Möchtest du sie alle hören?“, erklärte der Löwe ihm.

„Das hätte ich nicht gedacht. Jetzt glaube ich zu begreifen, wieso ich diese zweite Chance bekommen habe. Könnten wir uns später noch mal über die anderen Gründe unterhalten? Ich möchte nun über meine Zukunft reden“, sagte Ventus.

„Ja, das werden wir sicher tun. Ich finde auch, dass wir nun über deine Zukunft diskutieren sollten.“

Yellow Destiny überlegte kurz. „Es gibt für dich zwei Wege, wie dein Schicksal aussehen könnte.

Die erste Option ist, dass du dein altes Leben als Pferd wiederbekommst.

Die zweite Möglichkeit ist, dass ich dich wie Salva in ein Alicorn verwandle. Zur letzten Option sollst du Folgendes wissen: Wenn du sie nehmen würdest, würdest du von mir deine verlorenen Lebensjahre zurückbekommen. Das heißt, dass du wieder jung wärst. Von dir würde erwartet werden, dass du die Natur beschützt und andere wichtige Tätigkeiten durchführst. Wenn du dich für diesen Schritt entscheidest, musst du wie Salva hier eine Ausbildung durchlaufen. Sie dauert so lange, bis du deine magischen Fähigkeiten sehr gut beherrschst. Die Dauer hängt von dir ab, weil ich dich nicht unter Druck setzen werde. Als Alicorn kannst du dich mit fast jedem Lebewesen unterhalten. Du bekommst sehr nützliches Wissen in deinen Kopf übertragen. Das wirst du sicher gebrauchen können.

Nun, welchen Weg möchtest du gehen?“

Ventus musste sehr lange darüber grübeln. Er stellte dem Löwen Fragen: „Wenn ich ein Alicorn wäre, könnte ich mich doch mit einem Menschen unterhalten, oder? Wenn ich diese Ausbildung mache, würde das wahrscheinlich viele Jahre dauern. Wegen Lena gefällt mir das nicht. Kann ich sie in der Zwischenzeit treffen?“

„Falls du ein Alicorn wärst, könntest du dich mit einem Menschen unterhalten, ja. Ich möchte dir die stillstehende Zeit noch einmal deutlicher erklären. Egal, wie lange deine Ausbildung dauern wird, wirst du danach zu dem Tag zurückgebracht werden, an dem du gestorben bist. In deiner Welt wäre praktisch keine Zeit vergangen. Du wärst nie weg gewesen. Deshalb solltest du dein Training ohne Unterbrechung durchziehen. Du willst doch bestimmt viel Zeit in deiner Welt mit Lena verbringen.

Also möchtest du, dass ich dich in ein Alicorn verwandle?“ Yellow Destiny guckte ihn an.

Das Pferd musste wieder eine Weile darüber nachdenken. Dann hatte es eine Entscheidung getroffen: „Ja, ich möchte in ein Alicorn verwandet werden. Ich sehe für mich die Chance, so verhindern zu können, dass Tiere Leid durch Menschen ertragen müssen. In dieser Gestalt könnte ich mich mit Lena unterhalten, denn es gibt so einige Dinge, die ich ihr unbedingt persönlich mitteilen möchte.“

„Bist du sicher, dass du diesen Weg gehen willst? Bedenke, dass es kein Zurück gibt. Deine Aufgaben und Tätigkeiten können sehr gefährlich sein. Du könntest dabei getötet werden. Das wollte ich gesagt haben“, äußerte sich der Löwe in einem sehr ernsten Ton.

Ventus machte sich noch mal Gedanken darüber. Dann meinte er dazu: „Ja, ich bin mir ganz sicher, dass ich ein Alicorn sein möchte. Vor den Konsequenzen habe ich keine Angst. Mein Leben als Pferd hat mir gezeigt, dass ich mich gegen Zweibeiner nicht gut wehren kann, die einem Schmerzen zufügen wollen. Das möchte ich unbedingt ändern.“

„In Ordnung, dann werde ich dich gleich verwandeln. Du brauchst nichts machen. Bleib nur locker stehen“, erklärte der Löwe ihm.

Yellow Destiny hauchte ihn an und ein gelber Nebel kam aus seinem Maul, der sich auf Ventus zubewegte. Das Pferd wurde ganz umhüllt und verschwand darin. Im Inneren nahm es nur ein gelbes Licht wahr. Es spürte eine angenehme Wärme am ganzen Körper und empfand keine Angst. Plötzlich wurde es sehr hell und Ventus musste seine Augen schließen. Dann spürte er, dass sein Körper sich anders anfühlte. Er öffnete seine Augen und bemerkte staunend, dass er Flügel hatte. Sofort rannte er zum See, um dort sein neues Aussehen zu kontrollieren. Sein Spiegelbild betrachtete er mit großem Staunen. Er hatte ein silbernes Horn an seiner Stirn, Mähne und Schweif waren nun schwarz und sein weißes Fell sah sehr schön aus. Er mochte sein neues, schönes Erscheinungsbild sehr.

Die Alicornmagie löste in seinem Körper eine angenehme Wärme aus. Er verspürte ein großes Glücksgefühl und musste vor Freude weinen. Darüber war er sehr erstaunt, da er so etwas als Pferd nicht kannte.

Dann nahm Ventus die Stimme des Löwen wahr: „Als Alicorn ist es normal, dass du deine guten und schlechten Gefühle durch Weinen zeigen kannst. Wie fühlst du dich? “

„Ich fühle mich sehr glücklich, weil ich endlich Gerechtigkeit erfahre. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich musste viel Leid ertragen. Mein ganzes Leben kannte ich das Gefühl der Freude kaum“, erklärte er dem Löwen.

Als Ventus nicht mehr weinte, merkte der Löwe an: „Übrigens kannst du dich entscheiden, ob du deine Alicorn- oder Pferdegestalt annehmen möchtest. Für euer Wiedersehen ist es sicher gut, dass du das kannst, denn Lena kennt ja deine neue Identität noch nicht. Auch hast du bei deiner Verwandlung von mir sehr nützliches Wissen erhalten.“

„Ist es möglich, dass ich mit Lena gemeinsam in deinem Reich leben darf? Mir gefällt dieser Ort sehr. Ich fühle mich hier geborgen“, fragte Ventus spontan den Löwen.

Yellow Destiny lächelte ihn an und gab zur Antwort: „Das geht leider nicht. Ich kann gut verstehen, warum du diesen Wunsch hast. Es tut mir leid. Aber ich kenne einen Ort in deiner Welt, der fast die gleiche magische Wirkung hat wie mein Zuhause. Es geht um die magische Welt Candelia. Dieser Ort ist das Land der Einhörner.“

Ventus verspürte eine große Traurigkeit. Er fand das sehr schade. In diesem Moment tauchte Salva wieder auf und landete in der Nähe der beiden. Der Löwe meinte zu Ventus: „Ich lasse euch für eine Weile allein. Bestimmt hast du Fragen an Salva oder möchtest nur so mit ihm reden. Wir werden uns später über deine Ausbildung und andere wichtige Dinge unterhalten. Übrigens lebt Salva auch in Candelia. Deshalb kannst du mit ihm darüber diskutieren, ob Lena und du gemeinsam dort leben dürft. Ich halte das für möglich.“

Yellow Destiny schaute Ventus freundlich an und löste sich vor den Augen der zwei Alicorns in Luft auf. Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck schlenderte Ventus zu Salva. Dieser merkte an: „Ich sehe dir an, dass du jetzt glücklicher bist. Vorher hast du unglücklich gewirkt. Ich freue mich für dich. Bestimmt hast du Fragen an mich.“

„Ich habe Yellow Destiny gefragt, ob ich mit Lena zusammen hier leben könnte. Aber leider sei das nicht möglich. Der Löwe meinte, dass der Ort, an dem du lebst, auch diese magische Wirkung habe wie sein Reich. Deshalb wollte ich fragen, ob es möglich ist, dass meine Freundin und ich dort zusammen leben. Es würde mir sehr viel bedeuten.“ Ventus schaute ihn erwartungsvoll an.

„Das ist sicher möglich. Aber du musst erst mal Mystic Blue kennenlernen und mit ihr darüber reden. Sie hat großen Einfluss darauf, ob dein Wunsch wahr werden kann. Du wirst sie treffen, da sie bald hier auftauchen wird. Während deiner Ausbildung werde ich hier bleiben, damit du dich nicht einsam fühlst“, erklärte Salva ihm.

„Wer ist bei dir gewesen, als du hier deine Ausbildung gemacht hast?“, fragte Ventus ihn neugierig.

„Ich bekam häufig Besuch von Susan und dem Alicorn True. Beide haben auch bei der Rettung der Einhörner ihr Leben geopfert. Sie wurden wie ich zu Naturschützern ausgebildet. Ihre Ausbilderin war die Löwin Eternity, die die Freundin von Yellow Destiny ist. Du wirst den beiden ebenfalls begegnen und sie kennenlernen. Meine Ausbildung dauerte einige Jahre. Aber ich vermute, dass es bei dir kürzer sein wird“, antwortete er ihm.

„Was ist Yellow Destiny für ein Wesen?“, fragte Ventus spontan.

„Diese Frage habe ich ihm auch gestellt. Er sagte mir, dass er sich als normalen Löwen betrachtet. Ich habe angemerkt, dass ein normaler Löwe niemals solche magischen Fähigkeiten hat, doch er meinte nur, dass diese zauberhafte Tatsache nicht der Rede wert sei. Das ist wirklich sehr untertrieben. Aber er meint es wirklich ernst, dass er sich als ganz normalen Löwen sieht“, grinste Salva.

Es waren zehn Jahre vergangen, bis Ventus seine magischen Fähigkeiten als Alicorn beherrschte. Diese Zeit würde er nie vergessen, da er viele schöne Momente erlebt hatte. Seine Ausbildung hatte er mit Begeisterung durchlaufen. In der Freizeit unternahmen er und Salva viel. Beide grasten gerade.

Ventus verspürte eine große Freude, weil er bald Lena wiedersehen würde. Zwar waren die beiden Alicorns richtige Freunde geworden, aber seine Freundschaft mit Lena blieb die wichtigste und er dachte oft an sie. Daran hatte sich nie etwas geändert.

Plötzlich erschien Yellow Destiny aus dem Nichts in der Nähe eines Sees und beide gingen zu ihm. Der Löwe sah Ventus freundlich an. „Heute ist es so weit. Deine Ausbildung ist nun erfolgreich beendet. Du wirst bald in deine Welt zurückkehren und Lena wiedersehen.

Ich möchte dir noch etwas Wichtiges mit auf den Weg geben: Wenn du eine schwere Entscheidung fällen musst, dann entscheide am besten mit deinem Herzen. Du sollst wissen, wer von mir ausgebildet wurde, wird das nie bereuen. Jetzt wirst du diese Worte nicht verstehen. Aber es wird die Zeit kommen, da du es begreifen wirst.“

Ventus war von der Stimme des Löwen beeindruckt. Sie klang weise, freundschaftlich und herzlich. Aber er hatte erlebt, dass sie sich auch unangenehm anhören konnte. Er hatte vor dem Löwen großen Respekt. Dann sagte er zu Yellow Destiny: „Ich möchte dir danken, dass du das alles für mich getan hast. Mir ist bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist. Ich werde bei meinen zukünftigen Aufgaben und Tätigkeiten als Alicorn mein Bestes geben.“

„Davon bin ich überzeugt. Zum Abschied komme bitte näher zu mir“, sprach der Löwe freundlich zu ihm.

Ventus tat dies und Yellow Destiny küsste ihn behutsam und liebevoll auf seine Nase. Das Alicorn spürte am ganzen Körper eine angenehme Wärme, die durch den Kuss ausgelöst wurde. Der Löwe flüsterte ihm zu: „Jetzt ist deine Ausbildung offiziell erfolgreich beendet. Ich wünsche dir und Lena ein glückliches Leben zusammen. Ihr beide habt das verdient.“

*

Kapitel 3

Mystic Blue beobachtete mit einem Lächeln das Wiedersehen von Lena und Ventus. Sie freute sich für die beiden. Nach einer Weile landete Salva neben ihr und betrachtete das Geschehen ebenfalls.

„Bald werde ich mich mit ihnen über ihre Zukunft unterhalten“, raunte sie ihm zu.

„Ventus hat mir erzählt, dass du ihm keine Andeutungen gemacht hast, ob sein Herzenswunsch wahr werden kann. Deshalb befürchtet er, dass es nicht klappen wird. Wirst du mir verraten, in welche Richtung es gehen wird?“, murmelte Salva.

„Ich dachte, du kennst mich gut. Dir sollte doch klar sein, in welche Richtung es gehen wird. Beide sollen mich überzeugen, warum sie Bewohner von Candelia werden wollen. Ich finde, dass wir die beiden nun alleine lassen sollten“, lächelte Mystic Blue.

Dann spannten beide Alicorns ihre Flügel aus, flogen rasant in die Luft und verschwanden schnell aus den Blickwinkeln von Lena und Ventus.

„Ventus ... wie ist das möglich, dass du wieder lebst?“, fragte Lena ihren Freund und umarmte ihn weiterhin. Sie streichelte sanft sein Fell und roch seinen vertrauten Geruch. Das Mädchen hatte das Gefühl, dass alle ihre Herzenswünsche erfüllt worden waren.

„Ich möchte es dir gerne sagen, aber ich darf das nicht. Wenn ich es dir erzählen würde, müsstest du deshalb sterben! Darum bitte ich dich, nicht mehr diese Frage zu stellen“, antwortete er ihr.

Das Mädchen guckte ihn geschockt an, als sie das hörte, und ließ ihn los.

„Das ist heftig! Ich hätte nicht gedacht, dass es gefährlich wäre, wenn du es mir sagen würdest“, sagte Lena verunsichert.

Sie bemerkte den bittenden Blick ihres Freundes. Das Mädchen dachte eine Weile darüber nach. Sie hätte so gerne gewusst, wie das möglich war. Aber sie ahnte langsam, dass eine höhere Macht verantwortlich sein musste. Darum war sie der Meinung, dass sie sich respektvoll verhalten musste. Sie hatte Angst, dass Ventus wegen ihres Verhaltens wieder sein Leben verlieren könnte. Das wollte sie auf gar keinen Fall.

„Jetzt verstehe ich deine Bitte. Darfst du mir überhaupt nichts erzählen?“, meinte das Mädchen zu ihm.

„Also ... das kommt auf die Fragen an. Ich darf dir Folgendes erzählen: Ich habe die anderen Pferde und Ponys vor den beiden Jugendlichen beschützen wollen und dir deine Lebensfreude wiedergegeben. Das sind die Hauptgründe, warum ich wieder lebe. Auch unsere Freundschaft, dein respektvoller Umgang mit der Natur und deine Selbstlosigkeit spielten eine Rolle, warum ich zurückkehren durfte. Mir wurde gesagt, wenn ich zum zweiten Mal sterbe, dann ist das endgültig. Mehr darf ich dir nicht sagen.“ Er schaute sie freundlich an.

„Ehrlich gesagt ist es mir nicht wichtig, die Umstände zu wissen. Die Hauptsache ist, dass wir uns wiedersehen dürfen. Ich kann immer noch nicht fassen, dass das kein Traum ist. Wie ist es möglich, dass du mit mir sprechen und dich in ein fliegendes Einhorn verwandeln kannst?“, flüsterte Lena.

„Ich hatte die Möglichkeit, mein altes Leben zurückzubekommen. Dann wurde ich gefragt, ob ich in der Gestalt eines Alicorns etwas für den Naturschutz tun möchte. So nennt man Einhörner mit Flügeln. Ich war unsicher, ob ich das wirklich wollte. Allerdings wurde mir dann angeboten, meine durch Menschen verlorenen Lebensjahre wieder zurückzubekommen. Ich erkannte, dass ich die Chance hatte zu verhindern, dass Tiere durch Menschen Leid ertragen müssen. Ich hätte die schrecklichen Erinnerungen an meine Ermordung auslöschen lassen können. Aber ich fand es für mich bedeutungsvoll zu wissen, warum ich diese Fähigkeiten habe. Weiter erfuhr ich, dass ich mich als Alicorn mit fast jedem Lebewesen unterhalten kann.

Aus diesen Gründen entschied ich mich dafür, das Angebot anzunehmen“, erklärte Ventus ihr, nachdem er sich gedanklich gesammelt hatte.

Er atmete langsam und seufzte. Es fiel ihm zunächst schwer, passende Worte für das zu finden, was er ihr als Nächstes sagen wollte. „Ich möchte mich dafür bedanken, dass du mich durch deine liebevolle Art gesund gepflegt hast. Deine Anwesenheit half mir, dass es mir schneller besser ging. Das wollte ich dir immer schon sagen. Aber erst jetzt kann ich das tun. Du sollst wissen, bevor du mich gerettet hast, war ich davon überzeugt, dass es nur schlechte Menschen gibt, denen es Spaß macht, Tieren Schmerzen zuzufügen.

Du hast mir meine Lebensfreunde zurückgegeben. Dafür möchte ich auch Danke sagen. Das Leben bei diesem Bauern war die Hölle gewesen. Er schlug mich jeden Tag mehrmals mit einer Peitsche, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte. Genügend zu fressen bekam ich auch nicht. Er ließ mich verwahrlosen. Deshalb ging es mir sehr schlecht“, teilte er ihr in einem nachdenklichen Ton mit.

Aus Lenas Augen kamen sehr viele Tränen. Das Mädchen hatte eine vage Vorstellung, wie schlimm es für Ventus gewesen sein musste. Lena stellte sich vor, wie der Bauer ihn brutal mit der Peitsche schlug und sich darüber freute. Das machte sie wütend.

Es dauerte eine Weile, bis sie nicht mehr weinen musste und sich beruhigt hatte. „Es tut mir so leid. Ich hätte nicht gedacht, dass der Bauer so fies zu dir gewesen ist“, sagte sie mitfühlend zu ihm. „Du brauchst dich aber wirklich nicht dafür zu bedanken, ich habe es gerne getan, weil du mein einziger wahrer Freund bist.“

Ihre Äußerung tat seiner Seele gut. Er lächelte sie kurz an. Beide schwiegen für eine Weile. Nun musste er daran denken, wie ihm die zwei Jugendlichen ihre Messer gewissenlos in den Körper gerammt hatten. Er spürte eine tiefe Verachtung, Hass und Wut auf solche Menschen. Seiner Meinung nach war so ein Verhalten niemals zu verzeihen. Das Alicorn erinnerte sich gut daran, dass sich die beiden jungen Männer an seinem Leid ergötzt und darüber gelacht hatten.

„Das finde ich toll, dass du die verlorenen Lebensjahre zurückbekommen hast. Ich freue mich für dich. Das hast du auf jeden Fall verdient. Aber wie geht es mit uns weiter? Darf ich dich wiedersehen? Wo wirst du nun leben?“, fragte Lena ihn mit ruhiger Stimme.

„Ehrlich gesagt weiß ich das nicht, da sich Mystic Blue dazu nicht geäußert hat. Sie erklärte mir nur, dass wir das zu dritt besprechen würden. Leider hat sie gar keine Andeutungen gemacht. Ich hoffe für uns, dass wir zusammenbleiben dürfen“, antwortete Ventus ihr verunsichert.

Lena bemerkte seine Unsicherheit und das trübte ihr Wiedersehen. Das Mädchen wollte auf andere Gedanken kommen und schaute ihren Freund mit einem Lächeln an. Sie fand sein Aussehen als Alicorn sehr schön. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr der Anblick von Ventus Freude machte und ihre Stimmung verbesserte. Sie näherte sich ihm und streichelte behutsam seine schwarze Mähne. Es fühlte sich angenehm weich an. Seine Körperwärme gab ihr das Gefühl von Geborgenheit.

„Ich schlage vor, dass du dich auf meinen Rücken setzt und wir fliegen gemeinsam über das Tal von Candelia. Was hältst du davon?“, meinte ihr Freund.

„Das ist ein schöner Vorschlag! So machen wir das“, freute sie sich. Das Alicorn senkte kurz seine Vorderbeine. Als sie sich auf seinem Rücken befand, streichelte sie wieder sein Fell und seine Mähne. Sie konnte nicht widerstehen. Ventus empfand ihr Streicheln als angenehm und schnaubte. Danach spannte er seine Flügel aus.

„Du sollst wissen, dass ich dieses unglaubliche Tempo von Mystic Blue leider nicht habe. Sei deshalb nicht enttäuscht, wenn wir gleich losfliegen“, bemerkte er.

„Wie kommst du darauf, dass du mich enttäuschen könntest? Es ist mir total egal, ob du das kannst oder nicht. Für mich zählt nur unsere Freundschaft. Du bist das Wichtigste in meinem Leben, weil ich durch dich wieder lachen konnte. Das wird immer so bleiben“, meinte sie erstaunt.

Lena bemerkte, dass sich ihr Freund über ihre Äußerung sehr freute und sie anlächelte. Deshalb umarmte sie ihn herzlich. Danach schoss er in die Luft. Das Fliegen mit ihrem Freund machte ihr mehr Spaß als mit Mystic Blue. Wieder bemerkte sie seine Körperwärme. Sie sorgte dafür, dass sich Lena geborgen fühlte. Dadurch spürte sie kaum die Kühle an ihren Körper.

Der Anblick der Einhornwelt aus der Luft war wundervoll. Sie empfand wieder dieses tolle Glücksgefühl und das sorgte dafür, dass sie alle schlimmen Erinnerungen schnell vergessen konnte. Nachdem sie eine Weile geflogen waren, entdeckte sie einen riesigen Pavillon und fragte Ventus: „Was ist das für ein Platz?“

„Das ist einer der bedeutsamsten Orte von Candelia. Unter dem Pavillon befindet sich der Kristall des Lebens. Er ist sehr wichtig, denn wenn er beschädigt wird, sind die Folgen sehr schlimm. Die Einhörner würden langsam ihre Zauberkräfte verlieren und sich in normale Pferde zurückverwandeln. Für die Erde würde es bedeuten, dass die Jahreszeiten verrückt spielen würden. Tiere müssten deshalb verhungern und würden aussterben. Naturkatastrophen würden zunehmen. Leider darf ich nicht mit dir dort landen. Vor ein paar Monaten wurde ihm sehr schlimmer Schaden zugefügt und es gab keine Hoffnung, ihn reparieren zu können. Aber dann geschah ein Wunder und er konnte wieder in Ordnung gebracht werden“, antwortete ihr Freund.

Seine Erklärung machte Lena sehr nachdenklich. Das Mädchen starrte kurz noch mal zum Pavillon. Sie hätte nicht gedacht, dass die Natur so empfindlich war.

„Das finde ich schade. Aber ich verstehe, warum wir nicht landen dürfen. Wie sah denn das Wunder aus?“, fragte sie ihn.

„Das wurde mir leider nicht mitgeteilt, da dieses Wissen nicht ungefährlich ist. Ich respektiere das, obwohl ich gerne erfahren hätte, was für ein Wunder das war.“

Sie war von der Landschaft sehr beeindruckt. Ihre langen roten Haare wehten. Lena spürte kaum den Wind im Gesicht. Auch nahm sie erneut den zauberhaften Duft wahr. Das Mädchen erkannte jetzt, was für ein Glück sie hatte, dass sie das traumhafte Land der Einhörner besuchen durfte. Sie lächelte.

„Die Stelle, über die wir gerade fliegen, ist ein denkwürdiger Platz“, hörte sie Ventus’ Stimme plötzlich.

Lena guckte nach unten und bemerkte einen Felsen. Er hatte eine dreieckige Form und befand sich auf einer sehr großen Lichtung.

„Hier versammeln sich die Einhörner, wenn König Sapientia ihnen etwas Wichtiges zu sagen hat. Auch wird an diesem Platz ein neuer König gekrönt“, äußerte sich Ventus weiter.

Das Mädchen schaute sich diesen Ort respektvoll an. Lena spürte die Magie dieses Platzes und ahnte, dass er etwas Besonderes war. Das fand sie aufregend und machte sie neugierig. „Dürfen wir da landen und uns dort umsehen?“, fragte sie ihn.

„Leider dürfen wir das nicht. Es ist uns nur erlaubt dort zu sein, wenn der König etwas Wichtiges mitzuteilen hat oder ein besonderes Ereignis passiert ist. Mir wurde gesagt, wenn ein Verbot missachtet wird, kann das hart bestraft werden. Die Strafen können sehr schmerzvoll sein. Deshalb will ich kein Risiko eingehen“, antwortete Ventus traurig.

Das Mädchen hatte dafür Verständnis. Sie erkannte, dass die Gesetze in Candelia sehr streng waren. Aber das änderte nichts daran, dass sie hier mit ihrem Freund leben wollte. Es gab ihrer Meinung nach keinen schöneren Ort. Das war ein Herzenswunsch von ihr. Sie hoffte sehr, dass er sich erfüllen würde, obgleich sie Zweifel hatte. Sie vermutete, dass sie die Bedingungen wahrscheinlich nicht erfüllen könnte. Das wollte sie Ventus jedoch noch nicht mitteilen.

Nach einer Weile entdeckte sie einen See, in dessen Nähe ein paar Einhörner grasten und sich unterhielten. Den Anblick dieser weißen Zauberwesen fand sie wundervoll. Lena hatte kurz den Eindruck, dass sie träumen würde. Plötzlich galoppierte ein junges Einhorn mit einem Mädchen auf seinem Rücken sitzend zu seinen Artgenossen. Lena war sehr überrascht, dass sie nicht das einzige Kind war, das sich im Land der Einhörner aufhielt. Als die beiden angekommen waren, verbeugten sich die anderen Einhörner kurz. Eine große Aufregung herrschte in Lena. Sie tippte ihre Finger nervös auf die Mähne von Ventus und atmete unruhig.

„Vielleicht wird mein Herzenswunsch doch wahr werden. Ich hoffe, dass das Mädchen uns helfen kann“, murmelte Lena zu sich selbst.

Ihr Freund bemerkte ihre Unruhe und ahnte, was die Ursache für ihr Verhalten war.

„Warum bist du unruhig? Ist das Mädchen der Grund?“, flüsterte er ihr zu.

„Ja, sie ist der Grund. Kennst du das Mädchen und ihr Einhorn? Warum verbeugen sich die anderen Einhörner?“, fragte Lena ihn kribbelig.

„Das habe ich mir gedacht. Ja, beide sind mir bekannt. Ich habe sie gestern ein wenig kennengelernt. Das Mädchen heißt Anita Kellermann und der Name ihres Einhornfreundes lautet Starfire. Beide finde ich sehr sympathisch. Leider weiß ich nicht, warum die anderen Einhörner sich verbeugen. Ich schlage vor, dass wir landen und uns mit ihnen unterhalten, um es herauszufinden“, antwortete Ventus ihr.

Das Mädchen legte eine Hand auf ihren Mund und grübelte. Sie war sich unsicher, ob das eine gute Idee war. Andererseits wollte sie unbedingt erfahren, wieso sich die Einhörner so verhielten. Lena wollte Anita fragen, ob sie eine Bewohnerin von Candelia war. So könnte sie Gewissheit erlangen, ob ihr Wunsch wahr werden könnte.

„Ich bin mit deinem Vorschlag einverstanden. In Ordnung, wir können landen“, meinte sie zu Ventus.

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Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
Объем:
135 стр. 9 иллюстраций
ISBN:
9783960742937
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