Читать книгу: «Der amerikanische Agent»

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Ein Tatsachenroman über die geheimen Aktionen der CIA, über die Schattenwelt von Politik und Macht und den »amerikanischen Geist« in Europa.

Als der Journalist Fabrizio Gatti von einem angeblichen CIA-Agenten kontaktiert wird, der ihm seine Geschichte anvertrauen will, ist er zunächst skeptisch. Doch als »Simone Pace« ihm bei ihren klandestinen Treffen von den unzähligen verdeckten Aktionen des mächtigsten Geheimdienstes der Welt erzählt, in die er selbst involviert war, beginnt Gatti ihm zu glauben, recherchiert, führt Interviews mit Zeugen.

Dieses Buch erzählt die wahre Geschichte einer geheimen Einheit der CIA, die versteckt Einfluss auf die europäischen Demokratien nimmt. Sie haben getötet, Parteien finanziert, Anschläge unterstützt. Die Liste ihrer Operationen umfasst Verbrechen, die in einem Zeitraum von dreißig Jahren verübt wurden. In Brüssel sind sie an der Ermordung Gerald Bulls beteiligt, in Italien haben sie bei der Revolution der Justiz ihre Hand im Spiel. Sie stehlen die Kommunikationscodes von Putins Russland, Bankgeheimnisse aus der Schweiz. Sie entführen islamistische Imame.

Fabrizio Gatti rekonstruiert die Ereignisse in Form eines Tatsachenromans, der sich wie ein Thriller liest und uns einen Einblick verschafft in die Abgründe eines Geheimdienstes und der die amerikanische Politik in Europa in neuem Licht erscheinen lässt.

Über den Autor

Fabrizio Gatti, geboren 1966, ist Journalist und Autor. 2007 erhielt er den Europäischen Journalistenpreis. Für sein Buch “Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa” wurde er mit dem Premio Terzani ausgezeichnet (2008).

Fabrizio Gatti

DER AMERIKANISCHE AGENT

Tatsachenroman

Aus dem Italienischen von

Friederike Hausmann und Rita Seuß

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

Der Anruf

Prolog

Das verspiegelte Zimmer

Vor dem Moses

Die Phantome Washingtons

Das erste Treffen

Schnee in Mailand

Der Lügendetektor

Ein Koffer für den Abgeordneten

Gerald Bull muss sterben

Die Geheimnisse des Pio Albergo

Bürgerkrieg in Italien

Zwei Minuten und neun Sekunden

Die Zeit der Bomben

Terroristen auf freiem Fuß

Dank von Bill Clinton

Craxis Kassen

Der Spion der Russen

Der Mord in Paris

Unschuldig verurteilt

Das Geld des Papstes

Eine Falle in Tel Aviv

Der gelobte Krieg

Putins Code

Im Leichenregister

Abu Omar muss entführt werden

Geheimmission in Marrakesch

Wasserfolter

Die Regierung ist auf unserer Seite

Geiseln in der Sahara

Latifas Foto

Die Rose von Rialp

Dank

Angst ist etwas Gutes. Angst bringt dich dazu, zu handeln.

Fear is a good thing. Fear is going to lead you to take action.

Steve Bannon, Chefstratege und Berater des US-Präsidenten Donald Trump (2017)

Das Illegale erledigen wir sofort, das Verfassungswidrige dauert etwas länger.

The illegal we do immediately, the unconstitutional takes a little longer.

Henry Kissinger, amerikanischer Außenminister (1973–1977) und Friedensnobelpreisträger (1973)

Wer sich in den handelnden Personen dieses Buches wiedererkennt, besitzt ein Übermaß an Fantasie.

DER ANRUF

Eines Morgens meldet sich in der Telefonzentrale der Redaktion, in der ich arbeite, ein Mann und lässt sich meine Durchwahl geben.

»Bitte entschuldigen Sie, aber ich kann Ihnen meinen Namen nicht gleich nennen«, sagt er, nachdem er sich vergewissert hat, dass ich selbst am Apparat bin. »Ich habe schon mehrmals versucht, Sie zu erreichen, heute habe ich Glück. Ich freue mich, mit Ihnen zu sprechen.«

Er spricht perfekt Italienisch. Nur die Vokale sind etwas gedehnt wie bei Italienern, die schon lange in den Vereinigten Staaten leben.

»Ich bin beruflich viel unterwegs«, antworte ich. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich hätte eine interessante Geschichte zu erzählen«, fährt er fort, »und möchte fragen, ob Sie sie hören möchten.«

»Wenn Sie wollen, jetzt gleich.«

»Nein, nicht am Telefon. Aber vorher möchte ich wissen, wie viel Ihnen eine Geschichte wert ist.«

»Sie meinen, wie viel ich Ihnen dafür zahle?«

»Verstehen Sie mich nicht falsch«, sagt der Unbekannte, »aber es ist eine Geschichte, die niemand kennt, und ich möchte mich absichern. An meine Zukunft denken, verstehen Sie?«

Er ist nicht der Erste, der anruft, um mir etwas zu verkaufen. Ich wimmele ihn sofort ab: »Ich verstehe. Aber wenn Sie mit mir sprechen wollen, dann nur, weil die Geschichte es wert ist, erzählt zu werden, und weil mehr Menschen Dinge erfahren sollten, die für sie wichtig sein könnten. Ich habe noch nie eine Nachricht gekauft.«

»Es geht nicht ums Kaufen.« Der Mann lässt nicht locker.

»Sie schlagen mir aber doch ein Tauschgeschäft vor. Danke, dass Sie mich kontaktiert haben, aber probieren Sie es bei jemand anderem.«

Ein paar Monate später, als ich zur Abendessenszeit in Rom unweit der Kirche San Pietro in Vincoli unterwegs bin, sehe ich, dass jemand auf meinem Handy angerufen hat, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Die Nummer beginnt mit 0048, der Ländervorwahl von Polen. Ich rufe zurück. Eine Männerstimme meldet sich. Der Mann spricht nur Polnisch. Er versteht mich nicht, ich verstehe ihn nicht. Im Hintergrund Kinderlachen. Ich bitte auf Englisch um Entschuldigung und beende unser absurdes Gespräch.

Kurz danach vibriert mein Handy erneut. Es ist dieselbe polnische Nummer. Ich gehe ran. »Buongiorno«, sagt eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung in tadellosem Italienisch. »Oder vielmehr buonasera, denn bei euch ist ja jetzt Abend. Wir haben vor ein paar Monaten miteinander telefoniert. Ich wollte Ihnen sagen, dass ich bereit bin, Ihnen alles zu erzählen, ohne irgendetwas dafür zu verlangen. Ich teile das, was Sie mir über den Wert einer Geschichte gesagt haben. Und was ich erlebt habe, ist wirklich für alle wichtig.«

Es ist der Unbekannte, der in der Redaktion angerufen hatte.

»Aber von wo rufen Sie an? Um diese Uhrzeit ist es auch in Polen Abend«, sage ich verblüfft, und er fängt an zu lachen.

»Mit meinem Computer ist nichts unmöglich. Ich telefoniere über die Nummer einer ahnungslosen polnischen Familie«, erklärt mir der Mann, »aber ich bin nicht in Polen. Wenn Sie Telegram noch nicht auf Ihrem Mobiltelefon haben, installieren Sie es. Kennen Sie es? Es ermöglicht den Austausch verschlüsselter Nachrichten, die von niemandem abgehört werden können. Verzeihen Sie, aber ich habe mir unerlaubt Ihre Handynummer verschafft. Sobald Sie Telegram heruntergeladen haben, schreibe ich Ihnen über diesen Messaging-Dienst. Aber jetzt würde ich lieber Schluss machen, bevor der Pole merkt, dass ich seine Leitung gekapert habe.«

Ich lade mir die Telegram-App aufs Handy. Und er schreibt mir wie versprochen. Er stellt sich mit Vor- und Zunamen vor: Simone Pace. Mehr nicht. Eine Minute nachdem ich die Nachricht gelesen habe, löscht sie sich automatisch. So hat es begonnen. Wir haben uns auch in den Vereinigten Staaten getroffen, in einer billigen Pension nahe dem Flughafen von Las Vegas. Was Simone Pace erzählt, entspricht dem, was wir Europäer gesehen, erlebt und erlitten haben. Sein Name ist garantiert falsch. Aber sein Leben ist eng mit unserem verknüpft. Zusammen ergeben wir ein perfektes Puzzlebild. Deshalb habe ich beschlossen, seine Geschichte aufzuschreiben: weil – und davon bin ich überzeugt – die amerikanische Erziehung existiert und bis heute im Verborgenen überall ihre Wirkung entfaltet.

PROLOG

Brahims Arme schlagen wie Flügel in der Luft. Er versteht nicht, warum es passiert ist. Der Schreck hat ihm den Atem geraubt. Seine Füße suchen einen Halt, die Hände etwas, wonach sie greifen können. Aber der Himmel über Paris ist so flüchtig. Eine Möwe gleitet vorüber und scheint ihn auszulachen mit ihrem Schrei.

Brahim fliegt an einem Frühlingsvormittag. Später wird ihm vielleicht kalt werden. Seine Bewegungen sind absolut lautlos. Die Angst erstickt seine Schreie. Eine Beklemmung in der Brust schnürt ihm die Kehle zu. Niemand hört ihn. Er wäre gern diese Möwe. Er möchte wieder aufsteigen und so ruhig wie sie durch die Luft gleiten. Er möchte das ferne Glitzern der Fenster am Quai Voltaire zu fassen bekommen. Sich am imposanten Louvre jenseits des Flusses festklammern. Oder sich sogar an die Wolken hängen, die den Himmel bis zum Horizont sprenkeln. Aber die Luft hier unten wird immer kühler. Und mit dem Geruch der Luft verschwindet das letzte Bild. Beim Aufprall zieht sich die Haut vor Kälte zusammen. Das Wasser trübt die Sicht. Die Seine schmeckt eklig. Verzweifelt rudert er mit den Armen, aber die Strömung reißt ihn fort. Während oben, über den Bögen des Pont du Carrousel, die Festparade und die blauen Fahnen des Front National vorüberziehen. Sie feiern den 1. Mai, aber zum Gedenken an Jeanne d’Arc. Die Verfluchten.

Brahim Bouarram ist neunundzwanzig Jahre alt. Er ist in Marokko geboren. Zu Hause warten zwei Kinder auf ihn. Aber der Fluss trägt ihren Vater weit weg. Das Wasser, grau wie Gewitterwolken, hat ihn aufgenommen. Es zieht bereits das Leben aus seinem Körper. Und oben, zwischen den Fahnen der Parade auf der Brücke, beschleunigt der Mörder seinen Schritt.

Es ist kalt. Jetzt ist es dunkel und kalt. Wer war das? Warum hat er mich von der Brücke gestoßen? Warum? fragt sich Brahim immer und immer wieder. Er ist so auf diese Fragen fixiert, dass er seine junge Stimme zu hören glaubt. Einen Moment lang vergisst er sogar, dass sein Mund mit Wasser gefüllt ist, das er nicht ausspucken kann. Kaltes, ekliges Wasser. In diesem Moment gewinnt das Gehirn die Oberhand über den Körper. Das Gehirn verschafft immer Erleichterung. Es lässt einen an Dinge glauben, die gar nicht existieren. Brahim denkt, gleich wird er aufwachen und feststellen, dass er den Tod nur geträumt hat. Seine Hände greifen immer noch nach einer Materie, die keine Konsistenz besitzt. Seine Füße suchen nach einem Halt, ohne ihn zu finden. Aber was ist das für ein Geräusch? Es ist jetzt so laut, dass er das Gefühl hat, aus dem Abgrund hallten ihm seine eigenen Fragen entgegen.

Und das Tosen des Flusses verebbt ganz und gar.

»Die Anweisungen hatte ich zwei Wochen zuvor bekommen.« Simone Pace spricht leise und blickt geradeaus zum Altar. »Die Nachricht enthielt alles: die Route, der ich folgen, und das Datum, an dem ich mich in Langley in der CIA-Zentrale vorstellen sollte. Sie wollen nicht, dass man auf direktem Weg hingeht. Zuerst sollte ich nach Paris fahren …« Er hält inne und lächelt. Wie immer, wenn er den Namen dieser Stadt ausspricht, für ihn die schönste, die die Menschheit jemals erbaut hat.

Paris ist die erste Etappe seiner Reise in die Vereinigten Staaten. »Ich soll mich wie ein Tourist verhalten, und das tue ich. Dasselbe Drehbuch in London und in Madrid«, fährt er in seiner ruhigen, tiefen Stimme fort. »Niemand, der mich eventuell beschattet, soll vermuten können, dass ich auf dem Weg nach Langley bin. Es sind meine üblichen Augustferien. Jeder weiß, dass ich das Meer nicht mag. Und dass ich meinen Urlaub jedes Jahr in den schönsten Städten Europas verbringe und Museen und Restaurants besuche. Dass ich fünf Sprachen – Englisch, Französisch, Deutsch, Arabisch und natürlich Italienisch – fast perfekt spreche, macht das Ganze einfach.«

Am 30. August, so erzählt Simone Pace weiter, lande ich, wie verlangt, in Washington. Und wie üblich wundere ich mich nicht, als kaum eine Stunde nach meiner Ankunft in meinem Hotelzimmer das Telefon klingelt. Sie sind am Apparat. Sie heißen mich willkommen. Ich frage mich längst nicht mehr, woher sie sogar das wissen, was ich ihnen gar nicht mitgeteilt habe. Aber es ist nicht allzu schwer, sich die Passagierlisten eines Fluges oder die Hotelbuchungen zu beschaffen. Auch nicht, jemanden zum Flughafen zu schicken, der dich aussteigen sieht: um dich anschließend zu überraschen. Sie geben dir das Gefühl, dass du immer überwacht wirst. Das erhöht die Anspannung. Du hast keine Zeit für Ablenkungen. Damit verringert sich die Möglichkeit eines Fehlers. Denn du kannst es dir nicht leisten, einen zu machen. Wenn du einen Fehler machst, gibt es kein Zurück. Es ist ein Sprung ins Ungewisse, und du weißt, dass nichts deinen Sturz abfedern wird.

Am Nachmittag kommt Eduard, mein Controller, und holt mich ab. Er hat sich mir gegenüber immer freundschaftlich verhalten. Auch wenn in der Art von Beziehung, die uns verbindet, Freundschaft nicht existiert. Sie ist sogar verboten. Der Controller kontrolliert dich nicht nur, er weist dir Operationen zu, er sammelt die Informationen, die du ihm übermittelst, vor allem aber zahlt er dir Spesen und Gehalt. Der Controller ist der Einzige in und außerhalb des Milieus, der wirklich weiß, wer du bist und was du tust. Und nach drei gemeinsam verbrachten Jahren kennen wir einander ziemlich gut. An diesem Nachmittag bietet er an, mir die Stadt zu zeigen. Wir gehen in den wunderbaren Parks an den Straßen zwischen Kapitol und Weißem Haus spazieren. Es bleibt sogar Zeit für einen Besuch des National Air and Space Museum.

Am Abend bringt er mich ins Hotel zurück, und beim Abschied bestätigt er mir, dass ich am nächsten Tag die Ehre haben werde, im Hauptquartier in Langley empfangen zu werden. Weil es sich nicht gehört, mit dem Taxi zur CIA-Zentrale zu fahren, vor allem nicht als verdeckter Agent, der an Geheimoperationen beteiligt ist, sagt er, ich müsse allein hinfinden. Vor dem Eingang zum Park Hyatt, meinem Hotel in Washington, deutet er auf einen schwarzen SUV, einen Ford Escape. Er gibt mir die Schlüssel, aber ich weise ihn darauf hin, dass ich den Weg nicht kenne und das Autofahren in Washington … Er lässt mich den Satz nicht zu Ende sprechen. Er schaut mich mit einer Miene an, die mir zu verstehen gibt, dass er an alles gedacht hat. Ich bräuchte, sagt er, nur die Satellitennavigation einzuschalten und den Anweisungen zu folgen, die mich ans Ziel bringen werden.

Ich bin es gewohnt zu lügen und zu täuschen. Und ich bilde mir ein, dass nur ein Zuviel an Sonne meine Wangen erröten lässt. Aber bei der Vorstellung, nach Jahren des loyalen Dienstes im Hauptquartier empfangen zu werden, überkommt mich ein Schauder, der meinen Kopf heiß werden lässt. Vielleicht habe ich sogar die Augen aufgerissen. Eduard bemerkt es und klopft mir lächelnd auf die Schulter. So verabschieden wir uns.

Am Tag darauf sitze ich am Steuer des schwarzen SUV. Ich tauche in den Verkehr auf der Vierundzwanzigsten Straße ein. In südliche Richtung. Dann nach rechts in die K Street. Bis zum Potomac. Hat man die sechsspurige Brücke passiert, ist man im Bundesstaat Virginia. Die Straße durchschneidet das dichte Grün von Wiesen und Bäumen wie eine scharfe Klinge aus Asphalt. Man atmet spätsommerliche Feuchtigkeit, denn jenseits der Vegetation liegt der Fluss. Nach zwanzig Minuten habe ich das Gefühl, ich hätte mich verfahren. Doch plötzlich taucht zwischen den Bäumen ein Gebäude mit Schranken und Kabinenhäuschen auf, das an die Mautstelle einer europäischen Autobahn erinnert. Ich fahre darauf zu. Ein Mann in Uniform verlässt seinen Posten, um mich zu kontrollieren. Und nun? Ich lasse meinen Blick blitzschnell durch die Fahrerkabine gleiten, ob es nicht irgendwo einen Ausweis gibt, einen Passierschein. Nichts. Vor der Schranke bleibe ich stehen. Durch das Autofenster nuschle ich etwas auf Englisch, das nicht einmal ich verstehe.

Der Posten lächelt mich an. »Hier gleich nach links bitte. Halten Sie vor der Treppe zum Eingang an.« Er verlangt nichts von mir. Weder fragt er nach meinem Namen noch nach meinem Ausweis.

Ich bin im Herz und Hirn der Central Intelligence Agency. Ich wage es nicht einmal, mich umzuschauen.

Den Wagen parke ich vor einem imposanten Treppenaufgang. Fünf, sechs Stufen führen zu einem breiten Eingang mit einer automatischen Glastür. Ein bekanntes Gesicht kommt mir entgegen. Ich kann es kaum glauben. Es ist Patrick. Er passiert die lange Reihe Drehkreuze und kommt auf mich zu. In Filmen sieht der Eingangsbereich aus wie ein großes Atrium. Aber das entspricht nicht der Wirklichkeit. Patrick legt zur Begrüßung nach arabischer Art die rechte Hand auf sein Herz und neigt leicht den Kopf. Später erzählt er mir, in den Jahren, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben, sei er verdeckt im Irak tätig gewesen.

Patrick ist der Controller, der mich angeworben hat. Ich habe nur gute Erinnerungen an ihn. Aber den ungeschriebenen Regeln folgend, konnten wir, nachdem er mich an seinen Nachfolger übergeben hatte, unter keinen Umständen weiter miteinander in Kontakt bleiben.

»Ciao, ich freue mich, dich hier zu sehen«, sagt er in perfektem Italienisch, aber mit einem unverkennbaren Yankee-Akzent. »Du hast Karriere gemacht, ich hatte mich nicht in dir getäuscht«, fügt er zufrieden hinzu.

»Danke, Patrick, ich freue mich auch, dich zu sehen«, antworte ich, und wir drücken uns fest die Hand.

Leise sprechen wir weiter, und er erzählt mir, dass er befördert worden ist. Patrick ist jetzt der neue CIA-Direktor für den Nahen Osten. Wir warten etwa zehn Minuten. Ich betrachte ein dickes Buch auf einer Konsole rechts von uns, zwischen der Fahne der Vereinigten Staaten und der Fahne der Behörde vor der Marmorwand mit den vier Reihen silberner Sterne. Ihre Farbe lässt das metallische Licht, das uns umgibt, noch kälter erscheinen. »Zu Ehren der Mitarbeiter der Central Intelligence Agency, die ihr Leben im Dienst ihres Landes geopfert haben«, steht in den Stein über unseren Köpfen gemeißelt. Jede Buchseite dokumentiert die Jahre, in denen Geheimagenten ums Leben gekommen sind: neben jedem Jahr ein goldener Stern und die Namen. Oder, wenn ihre Identität geheim bleiben muss, nur der Stern. 2003, das Jahr meines Besuchs, verzeichnet bisher nur einen einzigen Namen: Helge P. Boes. Patrick erklärt mir, Boes sei in Afghanistan ums Leben gekommen, wo er als Offizier in der Terrorabwehr, dem Counterterrorism Center CTC, tätig gewesen war. Es gibt Jahre mit vielen kleinen Sternen, aber ich stelle keine Fragen. Vom Buch wandert mein Blick zu dem großen Wappen auf dem glänzend polierten Fußboden mit weißen und schwarzen Rechtecken. Er stellt ein Schachbrett dar und das weltumspannende Spiel, das von hier aus gespielt wird. Dann nähert sich von jenseits der Schranke eine Frau. Sie gibt dem Wachmann ein Zeichen, das Drehkreuz zu entsperren, damit wir eintreten können, und bittet uns, ihr zu folgen.

Die Frau stellt sich als Louise vor und begrüßt mich, als wären wir alte Freunde. Sie erkundigt sich nach dem Verlauf meiner Reise, fragt nach meinen Eindrücken von Washington und gratuliert mir zu meinem Englisch, das, wie sie versichert, exzellent ist. Dann wendet sie sich an Patrick: »Wir sollten gehen, wir werden erwartet«, sagt sie. Sie ist unsere Begleiterin.

Wir nehmen den Korridor rechts. Fast unmittelbar danach bleiben wir vor einem Aufzug stehen, einem jener schmalen Aufzüge, durch deren Tür immer nur eine Person eintreten kann. Er sieht aus wie ein kleiner Lastenaufzug. Louise legt die flache linke Hand auf ein Quadrat aus Glas, das sich an der Stelle befindet, wo bei allen Aufzügen der Welt die Knöpfe für die einzelnen Etagen sind. Der Druck ihrer Hand aktiviert einen Scanner zur Erkennung der persönlichen Daten. Patrick sagt zu mir, dass auch er zum ersten Mal diesen Aufzug nimmt, der direkt ins Büro des Direktors führt. Diese vertrauliche Mitteilung macht er so feierlich, dass »Direktor« in Großbuchstaben geschrieben scheint. Der Scanner erkennt Louises Handabdruck, und die Tür öffnet sich. Wir betreten die Aufzugskabine, und der Schauder einer Erregung, die dieses Wärmegefühl auslöst, kehrt zurück …

»Entschuldigen Sie, wenn ich Ihre Erzählung unterbreche«, falle ich Simone Pace ins Wort. »Ihr Besuch in Langley war für Sie gewiss bewegend, aber …«

»Ich bitte Sie um Geduld«, unterbricht er mich. »Ich möchte Ihnen alles ganz genau erzählen. Ich bitte Sie nur um etwas Geduld. Nicht alle Agenten, Informanten und operativen Phantome der CIA können sich rühmen, ins Hauptquartier nach Langley und ins Büro des Direktors gerufen worden zu sein. Wenn Sie das alles schreiben, wird es mit Sicherheit jemand nachprüfen. Und er wird feststellen, dass das, was ich sage, der Wahrheit entspricht. Wenn ich meinen Besuch in den Vereinigten Staaten so ausführlich schildere, dann nur, um Sie und das, was Sie veröffentlichen werden, zu schützen.«

»Wie Sie meinen. Fahren Sie fort, ich höre Ihnen zu.«

DAS VERSPIEGELTE ZIMMER

An diesem Punkt muss Simone Pace Simone Pace eliminieren. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Nicht, dass ihm der Mut zum Töten fehlen würde. Das hat er öfter miterlebt. Aus der Nähe, aus allernächster Nähe. Er kennt den Ammoniakgeruch des Schießpulvers. Das Plopp des Schalldämpfers. Den letzten erstickten Klagelaut in der Luft. Das Opfer, das in sich zusammensackt wie ein Haufen leere Kleider. So wie an jenem Abend in Brüssel vor vielen Jahren. Ein leises Plopp ins Genick. Zwei. Beim dritten war Gerald Bulls Körper schon erschlafft. Das vierte und fünfte Plopp waren nur zwei Pinselstriche, dem Schauplatz des Verbrechens hinzugefügt. Dann nur noch das reglose, stumme Licht des Treppenabsatzes. Und die Geschichte nahm einen anderen Verlauf. Jerusalem war gerettet. Die Israelis waren gerettet. Die Palästinenser auch. Wir sind bis heute gerettet. Ein einziger, nicht Zehntausende von Toten. Ein einziger Toter, und Saddam Hussein stand nackt da. Die Superkanone sollte seine Geheimwaffe sein. Von großer Zerstörungskraft, treffsicher, zuverlässig. Sie hätte das Gleichgewicht der Kräfte verändert. Wer erinnert sich noch daran? Fünf schallgedämpfte Schüsse aus einer Pistole Kaliber 7,65 Millimeter. Und der Konstrukteur der tödlichen Waffe, der zynischerweise mit einem Baguette unter dem linken Arm überrascht wurde, den Schlüssel schon in der Tür seiner Wohnung, wanderte vom Schlachtfeld direkt auf den Friedhof. Ende der Geschichte.

Gerald Bull hat ihm immer leidgetan. Er hat ihn stets als ein Opfer betrachtet. Als Gefangenen seines Genies, seines Ehrgeizes, seines Projekts, das er in die falschen Hände legte. In die Hände des Diktators von Bagdad. Der Zug schießt aus dem Tunnel. Die plötzliche Helligkeit rüttelt Simone Pace aus seinen dumpfen Gedanken. Seine Augen sind geblendet. Die ins Licht der Morgensonne getauchte Landschaft löscht das Spiegelbild seines Gesichts im Fenster. Es scheint auf und verschwindet wieder. Ein Schlag so dumpf, als hätte er Stöpsel in den Ohren. Der Zug rast in einen neuen Tunnel. Zweihundertsiebzig Stundenkilometer, verrät der an der Decke aufgehängte Plasmabildschirm. Von Florenz nach Rom in eineinhalb Stunden. Licht. Sonne. Die toskanischen Hügel mit ihrem reinen Grün, die von Feuchtigkeit glitzernden Reflexe. Ein Morgen Ende November. Manchmal ist Töten keine Straftat.

Es muss nicht immer ein Verbrechen sein. Manchmal ist Töten die einzige Möglichkeit, den Frieden zu sichern. Der einzige Ausweg. Davon ist Simone Pace überzeugt. Damals in Paris war es anders. An jenem Vormittag auf dem Pont du Carrousel geschah zweifellos ein Verbrechen. Ein vorsätzlicher Mord. Punkt. Die abscheuerregende Szene, als der Amerikaner den jungen Mann in die Seine warf. Brahim Bouarram ertrank ohne jeden Grund. Am Ende des Tages konnte niemand sagen, die Welt sei sicherer geworden. Die Welt hatte nur ein unschuldiges Opfer mehr. Auf dem Pont du Carrousel sollten sie Ali Belkacem anwerben, einen Algerier mit Kontakten zur berüchtigten GIA, der Groupe Islamique Armé. Simone Pace weiß es genau, weil er an jenem Tag auf der Brücke zwischen dem Quai Voltaire und dem Louvre dabei war. Er war der Köder, um Belkacem an den Haken zu bekommen. Aber die Operation misslang. Und die Franzosen haben die Konsequenzen bis heute zu tragen. Seither haben die Terroristen nicht mehr aufgehört, Frankreich anzugreifen.

›Vielleicht haben wir Israel und Palästina gerettet. Aber die Rechnung bezahlt der Rest der Welt‹, sagt sich Simone Pace, zufrieden und zugleich erschrocken, dass ihn seine Überlegungen zu diesem Fazit geführt haben. Anerkennend betrachtet er sein Gesicht im Spiegel der Scheibe, als der Zug durch einen weiteren Tunnel fährt. Obwohl schon über fünfundfünfzig, hat Simone Pace kaum Falten. Ein längliches Gesicht. Immer noch schwarze Haare, etwas schütter über der Stirn. Schmale Brille, das Gestell fast unsichtbar. In Wirklichkeit ist sein Sehvermögen ausgezeichnet. Die Brille hat ungeschliffene Gläser. Sie dient dazu, die Passanten abzulenken, die Neugierigen, den üblichen Voyeur, der sich gern in fremde Angelegenheiten einmischt. Er will keine Zeugen jetzt, wo er dem Ort des Verbrechens immer näher kommt. Denn falls er noch irgendeinen Zweifel hegte, hat er ihn beiseitegeschoben: Simone Pace muss Simone Pace eliminieren.

Mit schnaubenden Bremsgeräuschen fädeln sich die Waggons des Schnellzugs Frecciarossa 9509 durch das Gewirr der Gleise und zwischen den grauen Pfeiler unter den Viadukten hindurch, die Rom ankündigen. Türme schneeweißer Wolken wachsen in den azurblauen Himmel über den pastellfarbenen Fassaden der Vorstädte. Der Zug verlangsamt sein Tempo und fährt zwischen zwei Schutzdächern und Plattformen in den Bahnhof ein.

Das Hotel Mediterraneo, in dem Simone Pace für ein paar Nächte ein Zimmer reserviert hat, liegt in der Via Cavour 15, gegenüber dem Platz und dem multiethnischen Chaos vor der Stazione Termini. Ein zehnstöckiges Hochhaus, 1936 entworfen und im Art-déco-Stil eingerichtet. Er hat hier schon öfter übernachtet. Für ihn ist dieses Hotel eine Zeitmaschine. Mit dem Duft der Edelhölzer, dem Stil des Jahres 1925, als Paris die Kapitale des Fortschritts war und Rom in die dunkelsten Jahre des Faschismus stürzte, atmet er das Flair vergangener Epochen.

Er bekommt Zimmer Nummer 922 im neunten Stock mit Spiegeln und Holzvertäfelungen. Sein Lieblingszimmer. Nicht zu groß und nicht zu klein. Das vom Fenster hereinflutende helle Licht empfängt ihn. Er öffnet seinen Rucksack. Die alten Eichentüren des Einbauschranks quietschen wie immer. Er legt die vier weißen Hemden ins Regal, die einzigen Jeans zum Wechseln und das bisschen Unterwäsche, das er mitgenommen hat. Aus dem zweiten Rucksackfach holt er seinen Laptop heraus und versteckt ihn unter der Matratze. Mehr aus Paranoia als aus Notwendigkeit. Er betrachtet sich im Spiegel, der die gesamte Wand mit dem Schreibtisch einnimmt. Er gefällt sich. Sein breiter Rücken wird von der verspiegelten Wand mit dem Doppelbett hinter ihm reflektiert. Er dreht sich zur Seite, um seinen Rücken besser zu sehen, aber die Spiegel vor und hinter ihm vollziehen die Bewegung seines gesamten Oberkörpers mit. Und verdecken ihn. Wenn er sich jedoch in die richtige Position bringt, spiegeln sich aufgrund der optischen Täuschung Gesicht, Augen und Hände, sein Körper, die große Stehlampe aus weißem Porzellan zu seiner Linken, das ganze Zimmer, das Bett, die beiden Wandleuchten, die grünen Karos des Bettüberwurfs, sein Lächeln und erneut sein Profil: tausendfach, millionenfach, in immer kleiner werdenden Quadraten. Er spielt damit jedes Mal wie ein Kind, sobald er sich in diesem endlosen Tunnel befindet, den die beiden einander unaufhörlich reflektierenden Spiegel bilden. Ein Schwindel erfasst ihn. Er konzentriert sich auf das Etikett der Flasche Rotwein neben dem Fernseher. Aglianico di Benevento, ein Geschenk des Hotels. Dann schaut er auf die stählerne Uhr an seinem Handgelenk. Es ist zwei Minuten nach elf. Jetzt darf er keine Zeit mehr verlieren. Er muss sofort einen Anruf erledigen. Er muss sich um den Tod von Simone Pace kümmern.

VOR DEM MOSES

Beim zweiten Handyklingeln gehe ich ran.

»Buongiorno, ich bin Saimon Peis«, höre ich eine tiefe Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Wer bitte?«

»Saimon Peis … oder Pace, wie Sie wollen«, sagt er, als er merkt, dass ich die englische Aussprache seines Namens nicht sofort verstanden habe.

»Entschuldigen Sie, aber in Ihrer Nachricht auf Telegram hatte ich Simone Pace gelesen. Ich wusste nicht, dass es so ausgesprochen wird«, rechtfertige ich mich.

»Kein Problem. Wo sind Sie?«

»Ich bin da, wo Sie mich hinbestellt haben, vor dem Bahnhof Termini. Ich warte hier auf Sie.«

»Nein, besser nicht. Es ist nicht ratsam, sich im Bahnhof zu treffen. Wissen Sie, wo San Pietro in Vincoli liegt?«, fragt Simone Pace.

Ich zwinge mich, mir meinen Ärger über diesen Zeitverlust nicht anmerken zu lassen. Schließlich war er es, der mir in seiner letzten Nachricht den Bahnhof als Treffpunkt vorgeschlagen hat. »Natürlich weiß ich, wo San Pietro in Vincoli liegt«, antworte ich höflich.

»Dann treffen wir uns dort in einer halben Stunde. Warten Sie vor der großen Mosesstatue auf mich. Sie befindet sich vorne rechts, neben dem Altar.«

»Ich bin zu Fuß unterwegs, so lange werde ich brauchen.«

Ein schlanker Mann, der sich für sein Alter gut gehalten hat, erscheint mit entschlossenem Schritt auf der Treppe, die von der Via Cavour zur Piazza San Pietro in Vincoli hinaufführt. Er trägt einen schwarzen Rucksack über einer gleichfalls schwarzen, wasserdichten Jacke mit Taschen und Reißverschlüssen und eine blaue Baseballkappe, deren Schirm fast sein ganzes Gesicht verdeckt. Er wirkt ruhig. Aber ich bin mir nicht sicher, dass es Simone Pace ist. Ich habe ihn noch nie gesehen. Er bleibt in der Säulenhalle am Eingang zur Basilika stehen. Bestimmt will er sehen, wie ich an ihm vorbeigehe. Er muss sich vergewissern, dass ich keine Dummheiten mache: dass ich keinen Fotografen vor der Kirche postiert habe und dass ich meinerseits nicht beschattet werde. Er hat sich mein Gesicht eingeprägt. Er hat es genau studiert, und er kennt meine Stimme aus den Interviews, die jeder im Internet finden kann. Diese paranoiden Angewohnheiten wird er mir eines Tages gestehen.

Touristengruppen kommen und gehen. Die Hautfarbe, die Sprache der Besucher bezeugen ihre Herkunft besser als ein Pass. Ich verlasse das Halbdunkel des Eingangsportals und trete vor ihm ein, aber er nimmt mich nicht wahr. Ich gehe auf den Altar zu. Ab und zu drehe ich mich um, weil ich ihn nicht aus den Augen verlieren will. Simone Pace greift zu seinem Handy. Er liest die Nachricht, die ich ihm soeben über Telegram geschickt habe: »Ich stehe vor dem Moses.« Aber das stimmt nicht. Ich warte in sicherer Entfernung. Ich möchte sehen, wer er ist. Kontrollieren, dass er wirklich allein ist. Da ist er.

Es dauert einen Moment, bis sich seine Augen an die Dunkelheit der Basilika gewöhnt haben, wo die Ketten aufbewahrt sind, mit denen der Legende zufolge der heilige Petrus im Gefängnis in Jerusalem und Rom gefesselt war. Giovanni Battista Parodis Deckenfresko mit dem Kettenwunder erstrahlt, von Stuck umrahmt, über dem Hauptschiff. Aber Simone Pace würdigt es keines Blickes. In dem großen Kirchenraum mit nur wenigen Reihen Knie- und Sitzbänken geht er zielstrebig auf Michelangelos monumentale Skulptur zu. Nur zwei Besuchergruppen umringen sie. Er blickt sich argwöhnisch um. Schließlich entdeckt er mich im gegenüberliegenden Schiff, wo ein Priester die Messe liest. Es ist offenkundig, dass ich kein Tourist bin, dafür stehe ich viel zu lange auf einem Fleck. Und ich bin auch nicht wegen der Messe hier, denn ich drehe der Kapelle den Rücken zu. Ich betrachte die mächtige Mosesstatue, aber die Skulptur interessiert mich nicht, sonst würde ich näher herantreten. Als sich die beiden Gruppen entfernen, bleibt Simone Pace allein zurück, während ich auf der anderen Seite des Raums stehe. Ich habe ihn zweifelsfrei identifiziert und bewege mich langsam auf ihn zu.

»Signor Peis?«, frage ich und wähle mit einem Anflug von Zynismus die englische Aussprache seines Namens. Ich strecke den rechten Arm aus, um ihm die Hand zu geben. Er mustert meine grüne Jacke, die mir an den Schultern etwas zu weit ist und mir bis zu den Oberschenkeln reicht. Ich trage Jeans, ein dunkelblaues Hemd und bequeme Halbstiefel aus braunem Leder. In dem kurzen Moment, in dem er seinen Arm zu einem energischen Händedruck ausstreckt, scheint Simone Pace jedes Detail meiner Kleidung zu studieren. Erst dann hebt er den Blick, um mir ins Gesicht zu sehen. »Wir sind in Italien, nennen Sie mich ruhig Pace oder noch besser Simone«, kommt die schnelle Antwort.

»Da bin ich«, sage ich zu ihm. Und drehe mich um, um mir die Skulptur genauer anzusehen. Ich war schon öfter hier. Aber der visuellen Faszination dieser Marmorstatue, modelliert, als wäre sie aus weichem Ton, den Gewandfalten, der Anatomie der Muskeln, der Bewegung des Körpers und der Strenge des Antlitzes kann man sich nicht entziehen.

»Warum sprichst du nicht?«, sagt Simone Pace und wiederholt die Frage, die der Überlieferung zufolge Michelangelo stellte, als er sein Meisterwerk vollendet hatte.

»Unglaublich, wie es ihm gelungen ist, Moses’ Gesicht zu drehen.«

»Das wusste ich nicht. Drehen in welchem Sinn?«, fragt Simone Pace.

»Das Gesicht war auf einer Linie mit dem Bart. Wie Sie sehen, ist der Bart jetzt im Vergleich zum Gesicht nach rechts gewendet.«

»Während vorher …«

»Vorher hat Moses geradeaus geblickt. Fünfundzwanzig Jahre lang nahm er eine statische Position ein. Der Moses war die erste von vierzig Statuen, die das Mausoleum für Papst Julius II. schmücken sollten. Als dann das Projekt aus Kostengründen aufgegeben wurde, wies um 1540 ein Freund Michelangelo darauf hin, dass ein Moses in Bewegung realistischer gewesen wäre. Doch um den Kopf zu drehen, musste auch der Körper eine Drehung vollführen. Natürlich mit Hammer und Skalpell. Wenn Sie sich Moses’ linkes Knie anschauen, werden Sie feststellen, dass es dünner ist als das rechte. Um den linken Fuß nach hinten zu bringen, musste der Künstler Marmor wegnehmen. Es ist eine Skulptur, keine Marionette. So etwas konnte nur der große Michelangelo zustande bringen.«

»Ich habe mich immer gefragt, warum Moses nicht zum Altar blickt«, sagt er.

»Das hat sich Sigmund Freud auch gefragt.« Ich wende mich Simone Pace zu und blicke zum ersten Mal direkt in seine Augen hinter der schmalen Brille. Mir fällt auf, dass die Gläser die Pupillen seiner grünen Augen nicht vergrößern. »Moses zürnt seinem Volk«, fahre ich fort, »weil es in seiner Abwesenheit angefangen hat, das Goldene Kalb anzubeten. Er ist im Begriff aufzustehen und zu gehen, aber er lässt sich Zeit. Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand spielen ungeduldig mit den Bartlocken, sodass ihm die Gesetzestafeln zu entgleiten drohen. Er zögert, ist unschlüssig, was er machen soll. Er liegt im Widerstreit mit sich selbst. Noch hat er sich nicht entschieden, ob er bleiben oder gehen soll. Das ist allerdings nur die offizielle Lesart des Werks. Diejenige, die verhindert hat, dass Michelangelo gehängt wurde. Ich dagegen glaube, dass der Moses die Ansichten Michelangelos über die römische Kirche zum Ausdruck bringt.«

Simone Pace betrachtet schweigend das große Marmorantlitz.

»Sehen Sie sich die Statue von Papst Julius II. hier oben an, der die Skulptur in Auftrag gegeben hat. Er liegt ausgestreckt da und blickt fröhlich zu uns herunter. Finden Sie, das ist eine würdevolle Pose für einen Papst? Fast scheint es, als würde er vor sich hin pfeifen. Er sieht aus wie ein Gigolo nach einer Zecherei. Vielleicht entsprach dies Michelangelos Bild von der Kirche. Denken Sie nur an den Ablasshandel, mit dessen Geldern Julius II. die Bauarbeiten für Sankt Peter finanziert hat.«

»Ich wusste nicht, dass Julius II. etwas mit dem Bau der Peterskirche zu tun hat«, gibt Simone Pace zu.

»Verstehen Sie, warum Moses nicht zum Altar blickt und der Papst über ihm leicht angetrunken aussieht? Michelangelo hatte Mut, denn die Kirche duldete damals keine Kritik. Diese Statue zeigt einen rebellischen Geist. Michelangelos Darstellung ist satirisch. Jedenfalls möchte ich es so sehen. Aber kommen wir zur Sache. Warum hatten Sie um dieses Treffen gebeten?«

»Ich möchte mit Ihnen über die Zehn Gebote sprechen«, verrät Simone Pace.

Ich verschränke die Arme und sehe ihn schief an, ein Blick, der meine Enttäuschung ausdrücken soll. »Ich wüsste nicht, wie ich Ihnen helfen kann. Ich beschäftige mich nicht mit Religion.«

»Bis auf das vierte habe ich alle Gebote übertreten«, fährt Simone Pace fort. Ich seufze. Dann habe ich es also mit einem Mythomanen zu tun, der mir nur meine Zeit stiehlt.

»Nun gut, Sie wollen mir sagen, dass Sie Vater und Mutter geehrt haben, aber am Sonntag nicht zur Messe gegangen sind. Dann brauchen Sie wahrscheinlich einen Priester, keinen Journalisten. Den Feiertag nicht zu heiligen oder unkeusche Handlungen zu begehen ist heute nicht mehr von öffentlichem Interesse. Zum Glück sind wir frei.«

Der ironische Unterton meiner Stimme ist Simone Pace gewiss nicht entgangen. Vielleicht hat er mit dieser Reaktion gerechnet. Die Mauer muss übersprungen, die Grenze niedergerissen, die Waffe geladen werden, wenn er, wie ich am Ende verstehen werde, Simone Pace tatsächlich eliminieren will. Jetzt oder nie. Aber es fällt ihm leichter als gedacht. Meine Ironie stört ihn überhaupt nicht. Die Worte kommen wie von selbst aus seinem Mund: »Ich meine das achte Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten. Ich meine das siebte: Du sollst nicht stehlen. Vor allem aber meine ich das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten«, flüstert er.

Ich drehe mich kurz um und vergewissere mich, dass die Gesetzestafeln noch da sind, zwischen Moses’ rechtem Arm und seiner rechten Hüfte. Dass er sie nicht hat fallen lassen. Der Blick des Propheten scheint sich auf uns zu senken. Eine Gruppe amerikanischer Touristen nähert sich.

»Setzen wir uns in eine der Bänke«, schlägt Simone Pace vor. »Da wird uns niemand hören. Dann erkläre ich Ihnen, warum ich mit Ihnen sprechen wollte.«

DIE PHANTOME WASHINGTONS

Wir setzen uns in eine leere Bank mitten im Hauptschiff. Von den drei großen Seitenfenstern über der linken Säulenreihe flutet das Novemberlicht herein. Das Strahlenbündel fällt im 45-Grad-Winkel vom Himmel direkt auf die Marmorskulpturen der Basilika. Nur von dieser Seite aus. An der rechten Wand gibt es kein einziges Fenster.

»Signor Pace, bevor Sie anfangen zu sprechen, muss ich Ihnen zwei Fragen stellen. Die erste: Warum haben Sie sich ausgerechnet an mich gewandt?«

»Das kann ich Ihnen sofort erklären«, sagt er, ohne zu zögern. »Sie begegnen mir zum ersten Mal, aber ich kenne Sie gut. Ich habe viele Ihrer Enthüllungen als verdeckt ermittelnder Journalist verfolgt. Besonders, als Sie sich als Migrant ausgegeben, die Sahara durchquert und sich in Lampedusa aus dem Meer haben fischen lassen. Ich kenne auch Ihre Bücher. Es waren fast militärische Operationen, die Sie da unternommen haben. Sie sind große Risiken eingegangen, und ich glaube nicht, dass Ihr Arbeitsvertrag das von Ihnen verlangt. Ich erkenne daraus Ihre Entschlossenheit, die Realität von innen zu erleben, Ihre Leidenschaft, und das Adrenalin spielt sicher auch …«

»Ich habe es nie wegen des Adrenalin-Kicks gemacht«, unterbreche ich ihn. »Adrenalin versuche ich zu meiden. Es lässt einen den Bezug zur Realität verlieren und ist gesundheitsschädlich. Wie Nikotin. In manchen Situationen führt Adrenalin zum Tod.«

»Ich bin jedenfalls überzeugt, dass ich Ihnen vertrauen kann, und ich denke, wir haben dieselbe Arbeitsmethode«, erläutert er.

»Dann sind Sie also Journalist?«

»Nein, haben Sie nur Geduld, ich werde Ihnen alles erzählen.« Simone Pace spricht immer noch gedämpft, und er blickt dabei geradeaus zum Altar. Inmitten all der Touristen sehen wir aus wie zwei Gläubige im Gebet. »Und Ihre zweite Frage?«, fragt er jetzt.

»Als Sie vorhin vom fünften Gebot sprachen, meinten Sie damit, dass Sie auch getötet haben?«

Simone Pace schüttelt den Kopf. »Nein, die Antwort ist Nein. Aber ich habe es aus nächster Nähe miterlebt. Ich war beteiligt und bin Zeuge von Operationen geworden, die mit einem Mord endeten. Operationen, gegen die ich nichts tun konnte. Besonders von einer haben Sie bestimmt gehört.«

Ich sehe ihn weiter schweigend an.

»Erinnern Sie sich an den Konstrukteur von Saddam Husseins Superkanone?«

»Gerald Bull? Ja, sicher. Er wurde in Brüssel ermordet. Man sprach von einer verdeckten Operation des Mossad.«

»Die Amerikaner waren auch dabei«, verrät Simone Pace und deutet ein Lächeln an. Er blickt weiter zum Altar. Der Einzige, der uns anzuschauen und uns zuzuhören scheint, ist der große Moses. Der bärtige Prophet beobachtet uns von der Seite, verborgen zwischen der neunten und der zehnten Säule, der vorletzten und letzten rechts vor der Statue.

»Und Sie, waren Sie aufseiten der Amerikaner oder der Israelis?« Ich werfe die Frage in den Ring und bin mir meines Wagnisses bewusst. Aber ich habe Gespräche um den heißen Brei herum stets gehasst. Und ich weiß immer noch nicht, wer dieser jugendlich wirkende Mittfünfziger wirklich ist, der eine geradezu manische Diskretion an den Tag gelegt hat, um sich mit mir zu treffen.

Simone Pace wendet sich ruckartig nach links, mir zu. Er sieht mich ein paar Sekunden an. »Aufseiten der Amerikaner«, sagt er dann und sucht meine Augen.

»CIA?«

»Ja«, sagt er und unterstreicht sein Geständnis mit einem Kopfnicken.

»Dann sind Sie also CIA-Agent?«

»Mehr als das. Operativer Agent.«

»Was macht das für einen Unterschied?«

»Einen großen. Der operative Agent agiert an vorderster Front. Er führt die Operationen vor Ort durch. Und von diesen Operationen möchte ich Ihnen erzählen.«

»Aber Sie sprechen perfekt Italienisch«, sage ich. »Sind Sie italienischer oder amerikanischer Staatsbürger?«

»Man muss nicht unbedingt Amerikaner sein, um mit der CIA zusammenzuarbeiten. Aber ich könnte es genauso gut sein.«

Ich sehe ihn schweigend an. Ich versuche herauszufinden, ob ich es mit einem der vielen Mythomanen zu tun habe, die sich einbilden, sie seien die Reinkarnation Jesu, Napoleons Erben oder Doppelgänger des Lawrence von Arabien. Simone Paces hellgrüne Augen sind reglos hinter seinen Brillengläsern, durch die sie nicht vergrößert werden. »Und warum sollte sich ein CIA-Agent an einen italienischen Reporter wenden statt an einen Starjournalisten der New York Times?«, frage ich unvermittelt.

Simone Paces Hände liegen ruhig auf seinen Oberschenkeln. Er wendet, nur ganz kurz, den Blick zu dem bärtigen Moses und dann wieder zu mir. »Ich kenne keinen Starjournalisten der New York Times«, erwidert er. »Und ich habe Ihnen schon gesagt, warum ich mich an Sie gewandt habe.«

»Dann frage ich Sie, warum Sie sich entschlossen haben, ausgerechnet jetzt zu reden?«

Wahrscheinlich hat Simone Pace mit all diesem Misstrauen gerechnet. Er antwortet aufrichtig, jedenfalls kommt es mir so vor. »Ich habe mich entschieden, meine Wahrheit zu erzählen, weil ich Italien für immer verlasse. Ich würde es bedauern, all das, was ich und Sie erlebt haben, mit fortzunehmen, ohne dass es jemand erfährt.«

»Ich und Sie?«

»Was ich getan habe, habt ihr erlitten. Ihr Bürger, meine ich. Wir haben dieselbe Geschichte erlebt«, fügt Simone Pace hinzu, »wenn auch aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Außerdem bin ich bereits über fünfzig, und in diesem Alter muss man mit seiner Vergangenheit abschließen und an seine Zukunft denken.«

»Und Sie haben keine Angst, dass ich Sie verraten könnte? Ich könnte Ihren Namen veröffentlichen und Ihnen eine Menge Ärger machen.«

Zum ersten Mal zeigt er ein kaltes Lächeln. Er seufzt. »Wenn das Ihre Absicht ist«, sagt er, »dann verabschieden wir uns jetzt sofort, und Sie werden keine Möglichkeit haben, mich jemals wiederzufinden. Die Nummer, die ich in den Telefonaten mit Ihnen benutzt habe, läuft auf den Namen eines Chinesen, den es gar nicht gibt. Und falls Sie mich jemals aufspüren sollten, werde ich sagen, wir haben uns missverstanden oder alles war erfunden. Sie haben mich sicher nicht auf Tonband aufgenommen. Ich bin überzeugt, dass Sie nicht der Typ sind, der mit einem Aufnahmegerät in der Tasche zu einer Verabredung kommt.«

»Wenn ich Sie verraten wollte, würde ich es ganz am Ende tun, wenn Sie mit Ihrer Geschichte fertig sind. Nicht am Anfang.« Ich provoziere ihn. Ich möchte ihn auf die Probe stellen, sehen, wozu er fähig ist.

Simone Pace scheint genau zu wissen, was er antworten muss. Sein Ton, immer noch mit gedämpfter Stimme, klingt noch entschiedener als zuvor: »Das wird nicht passieren. Ich habe Ihnen nicht meinen richtigen Namen genannt, wenn ich überhaupt einen habe. Sie wissen nicht, wo ich wohne. Sie wissen gar nichts von mir. Ich bin für Sie nur ein Phantom. Und Phantome existieren nun mal nicht.« Er richtet den Blick wieder geradeaus auf den Altar, wo in einer beleuchteten Vitrine die Ketten liegen, mit denen der heilige Petrus gefesselt war. Er ist gewieft. Wenn er tatsächlich ein operativer CIA-Agent sein sollte, ist Simulation und Verstellung sein Beruf.

»Wenn Sie nicht überzeugt sind, lassen wir es bleiben«, beginnt Simone Pace erneut und blickt weiter geradeaus. »Hören Sie«, und jetzt sieht er mir entschlossen in die Augen. »Wenn Sie mir zugehört haben, werden Sie mich, glaube ich, nicht verraten. Sie sind an das Berufsgeheimnis gebunden. Sollte mich eines Tages tatsächlich jemand aufspüren, werde ich sagen, dass ich alles erfunden habe. Aber wenn Sie mir glauben, werden Sie erzählen können, was in den vergangenen Jahren in Europa tatsächlich passiert ist. In Italien, in Frankreich, in Belgien.«

»Werden Sie mir auch Beweise für das liefern, was Sie mir erzählen?«

Simone Pace lächelt erneut und schüttelt den Kopf. »Beweise sind etwas, das man konstruiert. Nein, für reale Vorkommnisse gibt es keine Beweise. Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen. Bei den Operationen, an denen die Vereinigten Staaten beteiligt sind, agiert die CIA so, dass es keine Beweise gibt. Und wenn es welche gibt, werden sie getilgt.«

»Aus den CIA-Archiven?«

»Nein, überall. Auch in den italienischen Institutionen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Leute eingeschleust wurden. Sie sind überall. Du klopfst an eine Bürotür und findest sie selbst da, wo du es nicht erwartest. Die CIA ist ihr Nebenberuf. Vielleicht aber auch ihr Hauptberuf. Nach einiger Zeit weißt du nicht mehr, wer dein wahrer Arbeitgeber ist, und du weißt auch nicht mehr, welches deine Fahne, deine Regierung, dein Staat, dein Volk ist.«

»Ihr treibt also ein doppeltes Spiel?«

»Wir sehen uns eher als Phantome.«

»Und in welchem Büro arbeitet Simone Pace noch, außer für die CIA?«, frage ich mit leiser Stimme.

Er wirkt überrascht. Er musste mit dieser Frage rechnen, hat sie aber offenkundig nicht so früh erwartet. »Ich arbeite für den öffentlichen Dienst«, sagt er. Er merkt, dass seine Antwort nicht präzise genug ist. »Beachten Sie, dass ich für und nicht im gesagt habe.« Er wird von lauten Stimmen in seinem Rücken unterbrochen.

Eine Schulklasse kommt herein, etwa sechzig Gymnasiasten. Sie sind so unkonzentriert und lärmend, dass ihre beiden schon etwas älteren Lehrerinnen schreien müssen, um sie zur Ordnung zu rufen. Es sind keine Italiener, aber mir ist unklar, woher sie kommen. Drei Mädchen setzen sich in unsere Bank. Eine der Lehrerinnen ruft sie zurück, und dann bleibt die ganze Gruppe vor dem Moses stehen. Es wird wieder still.

»Von welchen Operationen wollen Sie mir erzählen?«, frage ich, als sich die drei Mädchen weit genug entfernt haben.

»Operationen in Italien, Frankreich, Belgien, der Schweiz, Österreich, Russland, Israel. Geldübergabe an politische Parteien. Diebstahl geheimer Dokumente. Anschläge der Mafia. Einschleusung von Informanten in feindliche Territorien. Rekrutierung weiterer operativer Agenten. Beschaffung der Kommunikationscodes von Moskau. Jagd auf Terroristen in Paris. Entführungen. Mindestens drei Morde. Aber Sie müssen Geduld haben. Ich liefere Ihnen kein Material für einen Artikel, sondern eine lange Geschichte in Fortsetzungen. Ich werde Ihnen nicht alles auf einmal erzählen. Es braucht Zeit. Sie müssen Schritt für Schritt herangeführt werden, sonst glauben Sie mir nicht. Ohne die Kenntnis der Vergangenheit können Sie die Gegenwart nicht verstehen.«

Ich fixiere ihn eine halbe Minute. Das reglose Licht der Basilika scheint sich in den Schatten der Säulenreihen aufzulösen wie Dunst. Meine nächste Frage ist nur ein leises Murmeln. »Kommen auch die Verbrecher vor, die die jüngsten Anschläge in Paris verübt haben?«

»Ihre großen Brüder kommen vor, ihre Lehrer, die vorige Generation. Bei ihnen muss man anfangen, um zu verstehen, wer die Terroristen von heute sind.«

»Und was riskieren wir, wenn die CIA erfährt, dass einer ihrer Leute redet?«

Simone Pace fällt sofort auf, dass ich im Plural gesprochen, dass ich »wir« gesagt habe: für ihn womöglich ein Zeichen, dass ich mich entschieden habe.

»Sie würde versuchen, uns zu stoppen«, ist seine trockene Antwort.

»Aber wenn Sie in die Vereinigten Staaten zurückkehren, landen Sie im Gefängnis. Es gibt schwere Strafen für CIA-Agenten, die Geheimnisse …«

»Lassen Sie es mich erklären«, fällt mir Simone Pace ins Wort. »Ich war Teil eines geheimen Netzwerks, das die CIA für ihre schmutzigen Operationen in Europa benutzt hat. Wir arbeiten mit der Behörde zusammen, aber wir gehören nicht ganz zu ihr. Unsere Identität kennt nur unser Controller, so wird er genannt. Er gehört natürlich schon zur CIA. Die Gesetze der Vereinigten Staaten gelten für ihn, nicht für uns. Uns gibt es gar nicht. Deshalb habe ich Ihnen vorhin gesagt, dass es zwischen uns operativen Agenten und den CIA-Agenten einen gewaltigen Unterschied gibt. Auch der Geheimdienst hat eine Ethik. Bei bestimmten Dingen macht sich die CIA nicht die Hände schmutzig, das würde die Regierung in Washington kompromittieren. Also greift sie auf Leute wie mich zurück. Auf Phantome. Ich habe aufgehört. Aber viele andere, die mit mir zusammen angeworben wurden oder die ich rekrutiert habe, sind weiter im operativen Einsatz.«

»Dann existiert dieses geheime Netzwerk für schmutzige Operationen also immer noch?«

Simone Pace lächelt und nickt. »Es wird immer existieren, und wie! In Italien und in ganz Europa. Die Welt ist wie ein großes Gemälde, auf dem sich die ahnungslosen Bürger, die Regierungen und Staaten bewegen. Es sind Leute wie ich, die neue Figuren darauf malen und die Farben hinzufügen. Farben, die manchmal rot sind wie Blut. Und von diesem Gemälde möchte ich Ihnen erzählen.«

Ein paar Minuten verharren wir erneut in Schweigen und sehen dem Gewusel zu, als sich die Schulklasse wieder in Bewegung setzt. Hintereinander treten die Schüler und Schülerinnen in die kleine Vertiefung unter dem Altar, um die Ketten des heiligen Petrus aus der Nähe zu betrachten, bevor sie mit einem Höllenlärm von Stimmen und Schritten wieder herauskommen.

»Kennen Sie den Film Insider von Michael Mann mit Russell Crowe und Al Pacino?«, frage ich jetzt.

Simone Pace sieht mich an, ohne zu antworten.

»Er erzählt davon, wie die internationalen Tabakkonzerne die Inhaltsstoffe der Zigaretten falsch deklarieren.«

»Ich erinnere mich nur vage«, gesteht er. »Aber was hat dieser Film mit mir zu tun?«

»Sehen Sie ihn sich an, wenn Sie können. Er ist ein Lehrstück darüber, wie sich ein Journalist gegenüber seiner Quelle verhalten sollte. Und umgekehrt. Die Quelle muss alles über sich sagen, sie muss vertrauen und sich anvertrauen. Ein Fehler, ein Laster, eine Perversion der Quelle kann alle ihre Aussagen zunichtemachen. Das, was Sie mir vorschlagen, ist kein Interview, an dessen Ende jeder wieder in sein eigenes Leben zurückkehrt. Ich werde alles über Sie wissen müssen. Auch alles über Ihr Privatleben. Familie, Liebschaften, Geliebte, Laster, Vorstrafen.«

Simone Pace – wer weiß, was er befürchtet hat – lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, seine Antwort kommt prompt. »Ich habe derzeit keine Liebesbeziehung und nicht einmal eine Geliebte. Aber ich werde Sie diesbezüglich auf dem Laufenden halten. Ich bin geschieden. Meine Frau wusste nichts. Wir haben sehr jung geheiratet. Irgendwann konnte sie meine ständige Abwesenheit nicht mehr aushalten. Und weil mir keine Ausreden mehr eingefallen sind, habe ich ihr eines Sonntagabends die Wahrheit gesagt. Ich sagte zu ihr: Ich bin ein Informant der CIA.«

»Und Ihre Frau?«

»Sie sagte, dann sei sie die Jungfrau Maria. Sie ging ins Schlafzimmer und räumte meine Hälfte des Kleiderschranks aus. Sie packte meine Hosen, Hemden und Schuhe in eine große Reisetasche und warf sie hinaus auf den Treppenabsatz. Das letzte Bild, das ich von meiner Familie habe, ist meine Frau auf der Türschwelle: Verschwinde, sagte sie immer wieder, verschwinde von hier, verschwinde, verschwinde. Als ich draußen war, schrie sie mir nach, ich solle zu meinen Huren gehen, mit denen ich ihrer Ansicht nach auch dieses Wochenende verbracht hatte.«

»Und gab es in Ihrem Leben Huren?«

»Keine einzige. Die Hure war ich.«

»Haben Sie Kinder?«

»Eine erwachsene Tochter, die heute nichts mehr von mir wissen will. Ihr habe ich nie etwas gesagt.«

»Sie haben einen hohen Preis bezahlt. Hatten Sie keine Angst, dass Ihre Frau Ihr Geheimnis herumerzählt?«

»Nein, denn sie hat mir ja nicht geglaubt. Vielen passiert es, dass sie ihre Familie opfern müssen. Wenn du all deinen Mut zusammennimmst und zu Hause die Wahrheit sagst, glaubt dir keiner. Deshalb lautet der Spitzname der CIA auch die Mama. Denn wenn du aus dem Haus geworfen wirst, nimmt sie dich in ihre Obhut wie eine Mutter. Und dann liegt dein Leben ganz in ihren Händen. Du wirst ihr Eigentum.«

»Irgendwelche Laster, die Sie in Misskredit bringen könnten? Vorstrafen?«

»Ich nehme keine Drogen, ich besaufe mich nicht, ich trinke keine hochprozentigen Sachen, ich rauche nicht. Wenn mir aber eine Frau gefällt, ziehe ich mich nicht zurück. Keine Vorstrafen. Oder vielmehr: Man hat mich nicht erwischt. Aber verlangen Sie kein polizeiliches Führungszeugnis von mir.«

»Das Problem ist nicht das polizeiliche Führungszeugnis. Sie waren es, der gesagt hat, Beweise kann man fälschen. Es geht darum, wie ich Ihre Aufrichtigkeit überprüfen kann. Aber das werde ich im Laufe unserer Treffen herausfinden. Also, wie machen wir’s?«

Simone Pace ist jetzt wieder ganz in seinem Element. Er erklärt mir, wie wir verfahren. Wir werden uns jeden oder fast jeden Tag treffen. Und zwar hier, in San Pietro in Vincoli. Aufnahmegerät, Filmkamera und Fotoapparat sind nicht gestattet. Nur Kugelschreiber und Notizheft.

»Wenn Sie einverstanden sind, können wir gleich morgen früh anfangen«, sagt er.

»Morgen früh um neun hier auf dieser Bank.«

»Also dann bis morgen. Aber ich gehe zuerst hinaus. Sie warten zehn Minuten und folgen mir nicht«, weist Simone Pace mich an. Er steht auf und geht hinaus in das gleißende Licht des geöffneten Hauptportals.

Die Welt der Phantome darf ihre Geheimnisse niemals dem Unterland der Ahnungslosen preisgeben. Wer es getan hat, bekam Schwierigkeiten. Manche wurden getötet. Hier, vor dem Moses der Basilika San Pietro in Vincoli, weiß Simone Pace ganz genau, dass er eine weitere Schwelle seines Lebens überschritten hat. Wie an jenem Sonntagabend vor vielen Jahren, als er für immer sein Zuhause verlassen hat. Und während er jetzt die Via Cavour hinunter zum römischen Hauptbahnhof zurückgeht, fühlt er sich nicht einmal erleichtert. Er empfindet Gleichgültigkeit, wie immer. Das Motto eines Frontkämpfers lautet fight or flight, kämpfe oder fliehe. Und er, der an der schmalen, unsichtbaren Grenze überlebt hat, die die Welt der Phantome vom Unterland der ahnungslosen Bürger, Regierungen und Staaten trennt, weiß genau, dass ein operativer Agent keine Fluchtmöglichkeit hat. Er kann nur kämpfen. Mit Vorsicht und Geduld, aber er muss kämpfen. Simone Paces Ermordung vollzieht sich sehr langsam.

Die vergoldete Statue von Christus dem Erlöser auf der Spitze des Campanile von Sacro Cuore steigt immer höher in den Himmel, je näher man kommt. Jetzt glänzt sie im Sonnenlicht hinter dem Bahnhofsplatz am Ende der Via Cavour. Dieser Christus ist nicht nur eine der zahllosen religiösen Ikonen, die auf Rom hinabblicken. Er ist auch seit Jahrzehnten ein Orientierungspunkt für Spione, Terroristen, Kriminelle und Geheimagenten, sobald sie aus dem Zug steigen. Das zumindest ist die Funktion, die Simone Pace der Statue zuschreibt, wenn er das Haus des Friedens sucht oder jemandem den Weg dorthin beschreiben muss.

Der doppelte Eingang aus verspiegeltem Glas befindet sich am Anfang einer kleinen Seitenstraße, nur ein paar Häuserblocks von Christus dem Erlöser entfernt. Eine abgelegene Kreuzung mit wenig Verkehr. Simone Pace rückt die blaue Baseballmütze auf seinem Kopf zurecht, schiebt die gefakte Brille auf der Nase zurück, ein Tick von ihm, und überquert die Straße exakt gegenüber der Tür, die sein Spiegelbild immer größer zurückwirft. Das Haus sieht von außen aus wie eines der vielen eleganten Bed & Breakfast der italienischen Hauptstadt, wo Touristen und die Wasserträger der Politik übernachten. Innen ist es sehr viel mehr. Sein Luxus und seine Ruhe sind heute nur mit der VIP-Lounge am Flughafen von Dubai vergleichbar, die jenen Passagieren vorbehalten ist, für die Geld keine Rolle spielt. Auf dem Klingelschild aus Messing funkelt die gravierte Schrift in arabischen und lateinischen Buchstaben: Bait as-Salaam – Casa della pace. Haus des Friedens.

Simone klingelt und senkt den Blick auf seine Schuhe. Er weiß, dass die Videokamera läuft, sobald er den Finger auf den Knopf legt. Das winzige Objektiv befindet sich mit Sicherheit hinter den verspiegelten Eingangstüren, die sich gleich öffnen werden, eine nach der anderen. Aber niemand öffnet, niemand meldet sich. Er klingelt ein zweites Mal. Und erst jetzt nehmen seine Augen etwas wahr, was ihnen bisher entgangen ist. Die Glastür ist mit einer Staubschicht bedeckt und von unten bis oben hoffnungslos schmutzig. Unten links hat jemand seine Notdurft verrichtet, und das eklige Rinnsal auf der Türschwelle aus schwarzem Marmor verläuft bis zum Asphalt des Gehsteigs. Reste von Altpapier und aufgeweichtem Laub füllen den schmalen Spalt zwischen Schiebetür und Boden. Laub. Folglich wurde die Tür schon seit Wochen nicht mehr geöffnet. Das sagt ihm seine lange Erfahrung als Polizist sofort. Bei genauerem Hinsehen weist sogar das Messingschild dunkle Oxidationsflecken auf, es wurde also schon lange nicht mehr gereinigt. Er läutet ein drittes Mal. Und endlich merkt er, dass die Klingel, die ein aufmerksames Ohr auch hier draußen hören müsste, stumm bleibt. Der Strom ist abgeschaltet. Das Haus des Friedens existiert nicht mehr. Er bekommt ein flaues Gefühl im Magen. Er ist nicht enttäuscht, sondern erschrocken.

Simone Pace dreht sich auf dem Absatz um und geht. Die Brille auf der Nase, den Blick immer noch auf seine Schuhe gesenkt. Und jetzt ist da ein neuer Gedanke, der erste Schritt auf einem Weg, der bergauf führt. Er war sicher, sie hier anzutreffen. Nur sie könnte seine wahre Identität enthüllen und das Phantom wieder zum Leben erwecken. Soweit er weiß, ist sie wütend auf ihn. Bestimmt wegen dieser Verhaftung in Mali. Eine Frau, die in einer solchen Gegend der Welt wegen Terrorismus eingesperrt ist, hat, wenn sie bei ihrer Befreiung nicht stirbt, alles überlebt. Wirklich alles. Deshalb könnte sie von maßloser Wut erfüllt sein. Und deshalb könnte sie allein das Schweigen brechen und Simone Pace, wenn er tot und begraben ist, ins Leben zurückbringen. Er muss sie sehen. Er muss mit ihr sprechen. Er muss wissen, was sie vorhat. Seine ganze Angst spiegelt sich in der einzigen Frage, die seine Gedanken beherrscht: Wie finde ich Latifa?

Die Statue von Christus dem Erlöser immer noch im Blick, macht sich Simone auf den Weg zum Immobilienbüro des Viertels. Vor ein paar Tagen hat er im Internet die Anzeige für eine Zweizimmerwohnung im obersten Stock eines Altbaus gesehen. Zimmer, Wohnküche, Bad, Balkon und Fenster mit Blick auf den Sonnenuntergang und über die Dächer Roms. Er muss den Mietvertrag unterschreiben und die Kaution bezahlen. Fehlt nur noch die Anmeldung für Wasser, Gas und Strom, und er kann sein römisches Leben beginnen. Vorbei die Zeit, als er es sich leisten konnte, wochenlang zwischen den Edelholzmöbeln seines Lieblingshotels zu logieren.

Es bleibt sogar noch Zeit für einen langen Spaziergang in der frühlingshaften Sonne dieses ungewöhnlich warmen Novembertags. Wie ein Tourist, bis zum Forum Romanum. Dann das Warten auf den Sonnenuntergang in den Ruinen des antiken Rom. Und ein Abendessen im Restaurant der Schauspieler, im La Matriciana gleich gegenüber der Oper. Es ist berühmt für seine Pasta all’amatriciana, für seine Mezze maniche mit Muscheln und Pecorino und für viele andere Gerichte. In den Tiefen seines narzisstischen Bewusstseins fühlt sich Simone Pace wie ein großer Schauspieler. Nur dass die Filme, deren Hauptdarsteller er ist, immer live gedreht werden: ohne Double und ohne die Möglichkeit, eine Szene zu wiederholen. Wie im Theater.

Um Mitternacht liegt er schon in seinem Doppelbett und denkt nach, eingehüllt in die Duftessenzen von Zimmer Nummer 922. Das Licht gelöscht. Vom offenen Fenster das Rauschen der Stadt. Die Hände im Nacken verschränkt und noch einmal die Gewissheit, die Welt in der Hand zu haben. Er ist lange nicht mehr in Rom gewesen, und Rom fehlt ihm immer. Und so schläft er, noch angekleidet, ein.

Der Tag kündigt sich mit der Kühle der Morgendämmerung an, die vom offenen Fenster hereindringt. Simone Pace steht auf, um es zu schließen. Doch dann verharrt er am Fenster und betrachtet die beiden großen Kuppeln der Basilika Santa Maria Maggiore, wo Gian Lorenzo Bernini, der Bildhauer der Päpste, begraben liegt: zwei Kuppeln nebeneinander wie ein praller junger Busen, eine Hommage an die weibliche Fruchtbarkeit. Er wendet sich etwas nach rechts und nimmt zwischen den im ersten Tageslicht rosa schimmernden Ziegeln, den ausgedehnten, noch dunklen Terrassen und den schirmförmigen Kronen der Pinien das obere Gesims des Kolosseums in den Blick. Gleich dahinter, weit hinten in der Ebene, entdeckt er die Konturen des Colosseo quadrato, des E.U.R.-Palasts, die schönste und eleganteste architektonische Parodie aus der Zeit des italienischen Futurismus. Simone Pace findet das Bauwerk sogar eleganter als das Original. Ein Stück weiter rechts zeichnen sich am heller werdenden Himmel die Umrisse der Zypressen ab, hinter denen sich der Palatin verbirgt, die Residenz der römischen Kaiser. Und noch weiter rechts verschönert die Morgenröte eine chaotische Landschaft aus Dächern, Schornsteinen, Klimaanlagen, Antennen und Fernsehkabeln, die kreuz und quer aufgehängt sind. Über diesem Wirrwarr, höher als alles andere, bläht sich auf der Fahnenstange des Quirinalspalastes, dem Sitz des Präsidenten der Republik, die italienische Fahne im Wind. Gleich dahinter, isoliert und noch größer, scheint sie von der riesigen, unbewegten Halbkugel der Kuppel von Sankt Peter beobachtet zu werden. Erstaunt, als wäre es das erste Mal, bemerkt Simone, dass man von seinem Standort aus sogar den Dreiecksgiebel der Basilika sieht. Und daneben die Fassade mit dem Fenster der Papstwohnung. Von Zimmer Nummer 922 erfasst man mit einem einzigen Blick mehr als zweitausend Jahre Geschichte.

Tief einatmend, genießt er die Schönheit dieser Szenerie. Plötzlich ist ihm kalt. Er erinnert sich, dass er das Fenster schließen wollte, dann setzt er sich im perfekten Schneidersitz aufs Bett. So verharrt er fast eine Stunde. Er nimmt eine heiße Dusche. Dann geht er hoch zur Terrasse des Hotels. Frühstück im Freien mit einem Panoramablick über die Stadt. Fast wie im Frühling. Frisches Obst, Ziegenkäse, Brot, Honig. Und Espresso, sehr schwarz, sehr stark.

Um neun Uhr erstrahlt die Fassade von San Pietro in Vincoli in der Sonne. Das Portal ist bereits geöffnet und gibt das Halbdunkel des weiträumigen Kircheninnern frei. Erst nach vielen Schritten haben sich die Augen an den Dämmer gewöhnt. Wenige Bänke, wie am Tag zuvor. Ich sitze in der letzten gegenüber dem Altar. Ich drehe mich um. Simone Pace lässt seine Augen umherschweifen, eine letzte Kontrolle. Dann nimmt er neben mir Platz. Vor den Ketten des heiligen Petrus, Moses’ gestrengem Blick ausgesetzt.

»Bevor wir anfangen«, sagt er leise, nachdem wir uns begrüßt haben, »möchte ich Ihnen sagen, dass ich meiner Geschichte keine in irgendeiner Weise religiöse Bedeutung geben will. Ich habe diese Kirche nur deshalb als Treffpunkt vorgeschlagen, weil man, während ich Ihnen meine Geschichte erzähle, die Umgebung besser im Auge behalten kann. Ich bin Gott sei Dank Atheist.«

»Ich bin kein Priester und könnte Sie von den Sünden, die Sie mir beichten werden, ohnehin nicht lossprechen«, erwidere ich, während ich Notizheft und Stift aus meiner Jackentasche hole, wie es mir unsere Abmachung gestattet. »Beginnen wir mit den Morden?«

»Nein«, sagt Simone Pace, »beginnen wir mit dem ersten Treffen. Und mit meiner Anwerbung.«

DAS ERSTE TREFFEN

»Nun lade ich Sie ein, mir bei diesem Sprung in die Vergangenheit zu folgen. Kehren wir nach Italien zurück, nach Mailand, auf den Corso Garibaldi. Ich war ein junger Mann, gerade einmal zwanzig Jahre alt. Kennen Sie den Corso Garibaldi?«

»Klar, die Gegend mit den angesagten Restaurants und Bars«, antworte ich.

»Ja. Vor dreißig Jahren war dieses neue Viertel längst nicht so en vogue wie heute. Ich schicke voraus, dass die Namen, die ich Ihnen nennen werde, Tarnnamen sind. Aber dahinter stehen real existierende Personen, von denen viele bis heute im Dienst sind.«

»Im Dienst der CIA?«

»Richtig. In der CIA, aber auch in staatlichen Behörden und privaten Institutionen, für die sie arbeiten. Aber damals war die CIA für uns nur eine Abkürzung, die wir aus Filmen kannten. Wir waren noch nicht angeworben worden. Nicht alle, glaube ich zumindest. Also, wir sind in Mailand, auf dem Corso Garibaldi.«

Auch an diesem Tag bin ich zu früh da, fährt Simone Pace fort. Wenn man als Erster zu einer Verabredung erscheint, ist man immer im Vorteil. Sie hatten mir den Namen des Lokals genannt, in dem wir uns treffen sollten. Das Restaurant war neu eröffnet, und ich kannte es nicht. Weiße Markise mit schwarzem Schriftzug: Ibiza, wie die Insel.

Ich sehe, wie sie hereinkommen, einer nach dem anderen. Als Letzter und ganz pünktlich trifft unser Gastgeber ein. Er ist der Anlass dafür, dass wir alle zusammenkommen, Kollegen und vertraute Freunde. Ich sehe ihn zum ersten Mal und versuche sofort, ihn nach seiner Kleidung einzuschätzen. Eleganter grauer Anzug. Hellblaues Hemd mit weißem Kragen und weißen Manschetten, damals groß in Mode. Goldene Manschettenknöpfe. Kurz geschnittenes Haar und lange Koteletten. Das Auffälligste allerdings sind seine Schuhe: schwarze Lederschuhe Modell Oxford mit Verzierungen an der Vorderkappe, den Ösen und Nähten, garantiert Handarbeit. Sein Alter ist schwer zu schätzen, denn er trägt eine Brille mit dicken Gläsern: ein schwarzes rechteckiges Gestell, zu groß für sein Gesicht. Zwischen den Fingern der rechten Hand hält er eine dicke erloschene Zigarre, die bei der Begrüßung in die linke wechselt. Vom Aussehen her könnte Giacomo, mit diesem Namen stellt er sich vor, ein arroganter staatlicher Spitzenfunktionär, aber auch ein Stahlwerksbesitzer oder ein Zuhälter sein. Seine Kleidung hat etwas von allen dreien. Wie ich später erfahre, ist er der Direktor einer Bank. Einer sehr bekannten Bank.

Als wir im Restaurant Ibiza am Tisch sitzen, ist es Andrea, der ihn offiziell begrüßt: »Giacomo ist Piemontese wie ich. Wir sind in Turin zusammen aufgewachsen, und ich wollte ihn euch vorstellen, weil er ein großes Projekt hat.«

Giacomo wirkt verlegen. Eine einstudierte Verlegenheit. Seine Augen hinter den dicken Brillengläsern jedoch verraten einen raschen Verstand. In dem etwas schweren Körper wirkt sein Verstand wie der Motor eines Rennwagens unter der Haube einer alten Limousine.

»Danke, dass ihr gekommen seid, und danke für das, was ihr für unser Land tut«, sagt Giacomo schlicht. Dann greift er nach der Speisekarte und fängt an zu lesen.

Wir tauschen überraschte Blicke. War das alles? Warum hat er uns hier versammelt wie eine Bande von Verschwörern? Andrea, der Unternehmungslustigste der Gruppe und ihr Kopf, hat seine Sache gut gemacht. Er hat uns alle kontaktiert. Er sagte, Giacomo sei in Organisationen eingeschleust gewesen, die mit Kolumbien Drogenschmuggel betreiben. Ich hatte ihn mir groß, sportlich und muskulös vorgestellt und nicht diesen blassen, gespielt schüchternen Mann erwartet, der in die Speisekarte vertieft am Kopfende des Tisches sitzt.

Jedenfalls hatte Andrea unsere Neugier schnell geweckt. Er versteht es, andere mitzureißen, und kann es sich erlauben, mit dem Flugzeug zu reisen und teure Klamotten zu kaufen. Und er rühmt sich wichtiger Freunde. Ich beobachte ihn, wie er neben Giacomo sitzt. Auch diesmal wirkt er wie eingenäht in sein zweireihiges blaues Sakko über einem weißen Hemd ohne Krawatte. Dazu trägt er Jeans und braune Wildlederschuhe. Seine langen blonden Haare umrahmen sein Gesicht, als wären sie gemeißelt. Als er uns Giacomo vorstellte, hat er seine Stimme moduliert, um ihr mehr Nachdruck zu verleihen. Bei jeder Gelegenheit plustert er sich auf und dominiert alles und uns alle.

Im Gegensatz zu Andrea trage ich Sachen, die ich mir von meinem Polizistengehalt leisten kann: ausgewaschene Jeans, Sportschuhe von Nike, natürlich gefälscht und auf meinem Stadtteilmarkt gekauft, ein langärmeliges blaues Poloshirt von Lacoste. Das Poloshirt ist echt, darauf bin ich stolz. Aber es ist ein Geschenk meiner Frau. Ehrlich gesagt, mache ich neben meinen Freunden gar keine schlechte Figur. Filippo, der Älteste, der neben mir sitzt, trägt eine grüne Cordhose, die schon bessere Zeiten gesehen hat, und den üblichen Schal gegen seine Nackenschmerzen. Ohne das rot-blau karierte Baumwollhemd wäre seine Kleidung völlig aus der Mode. Tommaso mir gegenüber rutscht auf seinem Stuhl hin und her und wirft den Kopf herum. Er kann nicht still sitzen. Immer wieder kneift er die Augen zusammen, als durchzuckte ihn ein höllischer Schmerz. Aber wehe, man macht ihn auf diesen Tick aufmerksam. Tommaso fühlt sich als der Playboy seiner Abteilung und gibt sein ganzes Geld für Klamotten aus. Markenschuhe, Armani-Jeans, rosa Poloshirts von Ralph Lauren. Tommaso liebt Rosa, und immer, wenn er ein Poloshirt in dieser Farbe trägt, mustert ihn Giovanni, macht ihm Komplimente und fragt ihn, ob es solche Poloshirts auch für Männer gibt. Giovanni hat soeben links von Tommaso Platz genommen. Rechts von ihm sitzt Mattia, der Klon von Andrea. Die beiden sind unzertrennlich. Mattia versucht sogar, Andreas Kleidungsstil zu imitieren. Heute trägt er Jeans, ein weißes Hemd und ein zweireihiges Jackett in Blau, nur ein klein wenig dunkler als das seines besten Freundes.

»Sie müssen immer darauf achten, wie sich jemand kleidet. Die Kleidung ist der einzig echte Personalausweis«, sagt Simone Pace und wendet sich mir zu. »Aber ich weiß, dass ich anders bin als sie alle. Und der Unterschied besteht nicht in der Kleidung. Zu jener Zeit beschäftige ich mich mit Überwachung. Ich höre Telefonate ab, überprüfe bestimmte Tatbestände, solche Dinge. Manchmal schicken sie mich sonntags als Ordnungshüter ins San-Siro-Stadion, zu den Spielen zwischen Inter Mailand und AC Mailand. Ich bin nur ein Polizist, habe also feste Dienststunden und infolgedessen viel freie Zeit, in der ich das tue, was ich schon als junger Auszubildender in der Einsamkeit meines Kasernenzimmers getan habe. Ich lerne Sprachen. Als Autodidakt. Ich kaufe mir Sprachkassetten, Schnellkurse, Bücher in der Originalsprache. Zuerst perfektioniere ich mein Englisch und mein Französisch, dann beginne ich mit Arabisch und Deutsch. So baue ich mir eine Zukunft auf und das, was ich in späteren Jahren machen werde.« Simone Paces Blick geht erneut zum Altar, dann fährt er mit seiner Erzählung fort.

Als Giuda das Restaurant betritt, haben wir schon alle bestellt, und die Vorspeisen werden serviert. Seinen Spitznamen hat er sich mehr als verdient: Er betrügt regelmäßig alle Frauen, mit denen er ein Verhältnis hat. Seine Beziehung zu Andrea, der ihn für seine allzu starke Neigung zum schönen Geschlecht kritisiert, ist entsprechend konfliktgeladen. Giuda geht schnurstracks auf Giacomo zu und gibt ihm die Hand, denn Giacomo ist der Einzige am Tisch, den er nicht kennt. Er macht das so schnell, dass Giacomo gar keine Zeit hat, aufzustehen und ihn seinerseits zu begrüßen.

»Was machst du denn für ein Gesicht? Ist der Ehemann nach Hause gekommen und du musstest durchs Fenster türmen?«, spottet Tommaso, als Giuda sich ans andere Ende des Tisches setzt, dem Gastgeber gegenüber. Als er hereinkam und uns alle hier sah, hat er ganz rote Backen bekommen. Vielleicht war er überrascht oder erschrocken. Keiner von uns wusste, dass die anderen auch da sein würden. Giuda ist der Einzige, den dieses Treffen nicht besonders interessiert. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie, hat sich mit seinen fünfundzwanzig Jahren gerade einen weißen Golf gekauft und bewohnt ein sehr schönes Appartement in der Innenstadt von Mailand.

Das Restaurant ist neu eröffnet, das sieht man sofort. Es ist elegant, minimalistisch eingerichtet und wie geleckt. Die dominierenden Farben sind das Weiß der langen Tischdecken und das Hellblau der Vorhänge. Vielleicht liegt es daran, dass es kaum andere Gäste gibt, aber die Anzahl der Kellner scheint mir übertrieben. Allein für unseren Tisch sind es vier, immer sofort zur Stelle, um nachzuschenken, sobald ein Glas leer ist. Diese Aufmerksamkeit bringt einen fast in Verlegenheit. So wie vorhin, als ich nach der Toilette gefragt habe und einer der Kellner fast mit reingegangen wäre.

Ich beobachte Andrea in seinem eleganten Jackett und habe ein ungutes Gefühl. Giacomo und Andrea verständigen sich weniger durch Worte als durch einvernehmliche Blicke. Wenn Giacomo einen von uns ins Visier nimmt, beugt sich Andrea zu ihm hinüber und murmelt ihm etwas zu. Das Mittagessen oder vielmehr der Lunch, wie er es großspurig genannt hat, zieht sich über eineinhalb Stunden hin. Am Ende denkt keiner von uns auch nur im Traum daran, aufzustehen und die Rechnung zu bezahlen, die garantiert so hoch ist wie ein ganzes Monatsgehalt von uns. Wir sind fast alle im öffentlichen Dienst beschäftigt: als Polizeibeamte, Carabinieri, Ex-Carabinieri, Verwaltungsangestellte. Zwei Dinge verbinden uns: Wir alle haben an Gerichtsprozessen mitgearbeitet, und sei es nur als Eskorte der Angeklagten oder als einfache Hilfskräfte. Und bei uns allen ist das Geld knapp. Aus Höflichkeit deutet der eine oder andere an, dass er seinen Anteil bezahlen will. Aber Giacomo gibt uns mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er das schon erledigt hat. Draußen auf dem Bürgersteig vor dem Restaurant reicht er jedem von uns die Hand. Der Rauch seiner Zigarre, die jetzt angezündet zwischen seinen Zähnen steckt, hüllt sein Gesicht mit Spezialeffekten ein. Lichtreflexe umspielen seine kastanienbraunen Augen. Giacomo fixiert mich so penetrant, dass ich gezwungen bin, meinen Blick abzuwenden.

»Danke, danke«, sagt er. Jetzt bin ich an der Reihe. »Du bist Simone, richtig?«

»Ja, ich bin Simone Pace.«

»Hier ist ein kleines Geschenk für dich. Dafür, dass du dir die Mühe gemacht hast zu kommen. Für deine wertvolle Zeit«, fügt Giacomo hinzu und reicht mir einen weißen Umschlag. Ich stecke ihn ein. Dieselbe Szene wiederholt sich bei den anderen. Tommaso will den Umschlag öffnen, aber Giacomo hält ihn zurück. »Nein, nicht jetzt. Ich möchte nicht, dass ihr noch mehr Zeit verliert.«

Der Reihe nach, wie wir gekommen sind, trennen wir uns wieder. Der eine oder andere bleibt unterwegs stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Tommaso starrt ins Schaufenster eines leeren Geschäfts. So ist er nun mal. Ein Kontrollfreak. Er betrachtet nicht die Auslage im Schaufenster, sondern benutzt es nur, um die sich darin spiegelnde gegenüberliegende Straßenseite zu beobachten. Aber warum sollte uns jemand beschatten? Noch verstehe ich es nicht. Aber die Szene beunruhigt mich. Vielleicht weiß Tommaso etwas, das mir entgangen ist.

Erst als ich abends zu Hause bin und etwas Dickes in der Innentasche meiner Jacke spüre, fällt mir der Briefumschlag wieder ein. Ich lege ihn kurz auf die Ablage im Flur, aber dann stecke ich ihn zurück in die Jackentasche. Und vergesse ihn erneut. Jedenfalls öffne ich ihn nicht sofort. Ich erinnere mich erst wieder daran, als Filippo mich anruft, der älteste der Freunde im Restaurant: »Hallo. Hast du gesehen?« Er spricht so leise, dass ich seine Stimme nicht gleich erkenne.

»Wer ist am Apparat? Warum sprichst du so leise? Sprich lauter, ich versteh dich nicht.«

»Filippo. Ich bin Filippo. Hast du gesehen, was drin ist? Hast du ihn aufgemacht?«

»Was, Filippo? Wovon redest du?«

Und er, noch leiser: »Den Um… Das, was er uns gegeben hat.«

»Nein, Filippo«, antworte ich wahrheitsgemäß.

»Ich dachte … Na ja, reden wir morgen.« Er legt grußlos auf.

Langsam gehe ich zum Schlafzimmerschrank, in den ich die Jacke gehängt habe. Ich lasse meine Hand in die Innentasche gleiten, ziehe den Umschlag heraus und öffne ihn. Er enthält einen auf meinen Namen ausgestellten Scheck: eine Summe so hoch wie mein Jahresgehalt. Ich würde am liebsten zu meiner Frau laufen, die beim Kochen ist, um ihr die gute Nachricht mitzuteilen. Aber ich tue es nicht.

»Wer war das? Warum hast du am Telefon so geschrien?«, fragt sie, während ich mich zum Abendessen an den Tisch setze.

»Nichts Wichtiges«, antworte ich. »Filippo wollte mir sagen, dass ich morgen frühzeitig im Büro sein muss, und ich konnte ihn nicht richtig verstehen.«

»Papa, spielst du dann mit mir?«, fragt meine Tochter. Nach Feierabend mit ihr zu spielen ist meine einzige Ablenkung. Und so verschiebe ich die Sache mit dem Scheck auf später. Ich würde nachts im Bett darüber nachdenken.

Tags darauf, im Büro, ist Filippo außer sich vor Wut. »Wer zum Teufel ist das? Was erlaubt er sich eigentlich? Was will er von uns?« Filippo ist kaum zu bremsen. »Verstehst du? Ich will dieses Geld nicht haben. Es riecht nach Ärger.«

»Du hast ja recht«, sage ich und spüre in mir eine Leere, die ich nicht einmal mit den kühnsten Überlegungen füllen kann. »Aber hast du denn überhaupt die Adresse von diesem Giacomo?«

»Andrea hat sie mir gegeben«, sagt Filippo, »und ich habe ihm den Scheck bereits heute Morgen zurückgeschickt. Wenn er uns Geld hätte geben wollen, hätte er es uns doch in bar geben können. Aber ein Scheck auf meinen Namen? Ich hinterlasse keine Beweise.«

»Das hast du richtig gemacht. Gib mir die Adresse, ich schicke den Scheck auch zurück.«

Ich habe es nicht getan. Seit diesem Tag haben wir nicht mehr darüber gesprochen. Filippo ist ein Mensch mit unglaublichen Fähigkeiten, in vieler Hinsicht. Er hat ein Gedächtnis, das ins Guinnessbuch der Rekorde gehört, und vor allem besitzt er eine tiefe Menschlichkeit. Aber ich glaube, dass auch Filippo den Scheck nicht zurückgeschickt hat.

Ein paar Monate später wechselt Andrea den Job. Er gibt seine Tätigkeit bei der Gerichtspolizei* auf und übernimmt eine wichtige Aufgabe in der Sicherheitsabteilung eines großen Unternehmens. Tommaso wird den gleichen Weg gehen. Und Mattia schafft es sogar, sich zum italienischen militärischen Nachrichtendienst versetzen zu lassen, wofür ihn alle seine Kollegen bewundern und beneiden. Vor allem in so jungen Jahren ist ein derartiger Karrieresprung nicht einfach. Wer weiß, wer ihn empfohlen hat. Vielleicht haben Mattia und Andrea zum selben Heiligen gebetet. Zum heiligen Jakobus, San Giacomo, dem edlen Spender der Schecks. Davon bin ich fest überzeugt.

Andrea ist es, der die Gruppe zusammenhält. Uns verbindet eine besondere Freundschaft. Gewöhnlich haben Polizei und Carabinieri nichts miteinander zu tun. Das gegenseitige Misstrauen durchdringt auch das Privatleben. Bei uns ist es anders. Wir haben jahrelang rote und schwarze Terroristen gejagt, Kommunisten mit dem Revolver und Faschisten mit Sprengstoff. Wir haben dieselben Gefahren überstanden. Und deshalb haben wir gelernt, einander zu vertrauen. Tage- und nächtelang saßen wir Seite an Seite in den Büros der Staatsanwaltschaften halb Italiens. Eingesperrt in abhörsicheren Räumen, haben wir Berichte geschrieben, Telefonate abgehört und Informationen ausgetauscht. Wir waren die erste wirklich behördenübergreifende Einheit.

Jetzt, wo Andrea und Mattia weg sind, fühlen wir uns ein wenig allein. Als Vermächtnis haben sie uns Giacomo hinterlassen. Gelegentlich ruft er in der Dienststelle an. Ich finde heraus, dass er uns in regelmäßigem Wechsel anruft. Ich versuche, mich ihm zu entziehen. Giacomo bittet um Gefälligkeiten. Er will wissen, auf wen ein Wagen zugelassen ist, er möchte eine Telefonnummer. Und da er weiß, dass wir mit den Polizeibehörden ganz Europas in Kontakt stehen, möchte er vor allem Informationen aus dem Ausland.

Ich lege meine rechte Hand auf Simone Paces Arm, um ihn zu unterbrechen. In diesem Moment hören wir hinter uns das Geschnatter einer Gruppe von Rentnern und die um Ruhe bittenden Rufe ihrer Begleiterin. Die unschönen Stimmen stören das marmorne Gemurmel in der Basilika. Dann kehrt wieder die gedämpfte Mischung aus unverständlichen, leise gesprochenen Sätzen, Gebeten, Kommentaren und raschelnden Geräuschen ein. Wie auf einer Wasseroberfläche, nachdem man einen Stein hineingeworfen hat.

»Wenn ich es richtig verstanden habe, waren Sie und die anderen also Polizisten und Carabinieri?«, frage ich.

»Nicht alle. Giacomo nicht«, erwidert Simone Pace.

»Aber Sie waren Polizist.«

»Ja, ich war Polizeibeamter. Ich habe mich mit Beginn des Militärdiensts zur Polizei gemeldet* und bin eine Ewigkeit geblieben. Daher kenne ich die anderen alle. Ich gehörte bald zu einem Kreis unzertrennlicher Freunde: die Verschwörerbande, so nannte man uns in unseren Dienststellen.«

»Andrea, Mattia, Tommaso, Filippo … euer Mittagessen in Mailand kommt mir vor wie das Letzte Abendmahl. Ihr tragt Namen der zwölf Apostel. Ich frage mich, wer von euch Jesus ist.«

»Definitiv Andrea. Irgendwann haben wir angefangen, ihn Gesù Bambino zu nennen, Jesusknabe. Aber heute ist er sehr viel besser dran als der Sohn Gottes«, sagt Simone Pace und lächelt.

»Und wer ist Giuda? Judas, der Verräter?«

»Giuda war der Spitzname unseres Herzensbrechers.«

»Nein, ich meine den tatsächlichen Verräter«, sage ich.

Simone Pace dreht sich ruckartig zu mir und starrt mich durch seine Brille an, wie er es noch nie zuvor getan hat. »Sie denken bestimmt, das bin ich«, sagt er ohne jeden Grund. Seine Stimme ist jetzt noch tiefer und nachdrücklicher. »Lassen Sie sich nicht vom äußeren Schein täuschen. Die Aufeinanderfolge von Geschehnissen, so zufällig sie zu sein scheinen, ist das Ergebnis von Aktionen, an die wir geglaubt haben. Wenn ich mich entschlossen habe, Ihnen zu erzählen, was wir erlebt haben, dann deshalb, weil ich mich weder von meiner noch von unserer Vergangenheit jemals abgewandt habe. Die Verräter sind andere. Das werden Sie selbst sehen. Aber lassen Sie mich fortfahren. Vor uns liegt ein ganzer Tag.«

* Neben den Staatsanwälten und dem Verwaltungspersonal verfügt jede Staatsanwaltschaft über eine Gruppe von Ermittlungsbeamten der verschiedenen Polizeikräfte, hauptsächlich der Staatspolizei, der Carabinieri und der Finanzwache. Sie bilden die Abteilung der Gerichtspolizei. Die Ermittlungsbeamten, die bei dieser Abteilung Dienst tun, sind dem Staatsanwalt direkt unterstellt und nehmen in seinem Auftrag die Ermittlungshandlungen vor, mit denen sie betraut werden. Die polizia giudiziaria übernimmt damit Aufgaben, wie sie in Deutsch-land die Kriminalpolizei innehat. (A.d.Ü.)

* Anfang der 1980er-Jahre wurden aufgrund fehlender Polizisten auch Militärrekruten für polizeilichen Aufgaben eingesetzt. (A.d.Ü.)

SCHNEE IN MAILAND

Ich erinnere mich noch an die Kälte. Am Sonntag, dem 13. Januar. In den Wochen zuvor ist die Temperatur auf mehr als fünfzehn Grad unter null gefallen. Der Frost scheint nicht mehr weichen zu wollen. Sogar in Rom hat es geschneit. Und am 13. Januar 1985 beginnt es auch in Mailand zu schneien. Glücklicherweise gehöre ich zu denen, die in den Abhörräumen des Justizpalastes der Telefonüberwachung zugeteilt sind. So bin ich wenigstens im Warmen.

Die Stimmen im Raum krächzen und vermischen sich. Wir hören mehr als dreißig Telefonnummern von Leuten ab, die der Terrororganisation Comunisti organizzati per la liberazione proletaria nahestehen. Ihre Gespräche werden von einem Magnetband aufgezeichnet, das lautlos zwischen den beiden Spulen von Tonbandgeräten des Modells Uher RT 2000 läuft, das heute jeden Sammler glücklich machen würde.

Die Köpfe der COLP sitzen im Gefängnis. Aber wie noch heute üblich, wurden ein paar weniger bedeutende Mitglieder nicht verhaftet. Um die Ermittlungen weiterzuführen, Spuren zu verfolgen und zu verstehen, wie die Gruppe reagiert und sich reorganisiert.

Meine Schicht hat gerade begonnen. Ich setze die Kopfhörer auf und fange an, die Telefonate zu transkribieren. Bei dieser Tätigkeit vergeht die Zeit wie im Flug, und um Mitternacht werde ich abgelöst. Von den Kollegen, die dann ihren Dienst antreten, kommt Talpa als Letzter herein. Der Maulwurf. Wir nennen ihn so, weil er sich auf Dauer in den Abhörraum hat versetzen lassen. Er hat es so gewollt. Es gefällt ihm. Wir dagegen hassen diese Arbeit. Wir sind junge Leute mit dem Wunsch, das Vaterland zu retten, und erpicht darauf, draußen zu sein, auf der Straße. Oder Überwachungsmaßnahmen durchzuführen und mutmaßliche Terroristen zu observieren, zu kontrollieren und zu beschatten. Stundenlang jemandem zu folgen, ohne dass er es merkt, das ist für uns das höchste der Gefühle. Wir wollen nicht herumsitzen und irgendwelches Geschwätz transkribieren.

Ich begrüße Talpa mit einem Klaps auf die Schulter. Alle Telefone schweigen, vielleicht weil tiefe Nacht ist. Talpa hat Glück, er wird eine ruhige Schicht haben.

»Was ist, gehst du?«, fragt er mich. »Bleib doch, lass uns eine Partie Karten spielen. Komm schon, ich werde dich beim Scopa schlagen.«

Es klingt wie ein Befehl. Übrigens ist er ein Stück älter als ich. Ich lehne ab. »Ich gehe. Es schneit. Ich bin müde, entschuldige.«

Ein andermal wäre ich dageblieben. Heute nicht. Ich kann nicht. Am Nachmittag, bevor ich zum Justizpalast aufgebrochen bin, war ich noch kurz im Büro. Und als ich gehen will, höre ich draußen im Flur, wie ein Kollege meinen Namen ruft.

»Andrea ist am Telefon, er will dich dringend sprechen«, sagt er, als er mich gefunden hat.

»Was hast du zu ihm gesagt?«

»Dass du hier bist«, gibt er zurück.

Andrea, das Jesuskind der Gruppe, versucht mich seit zwei Tagen zu erreichen. Bisher habe ich mich verleugnen und ausrichten lassen, dass ich im Außendienst bin. Aber nun hat er mich erwischt. »Ich komme gleich«, sage ich zu meinem Kollegen.

Wie immer spricht Andrea in einem Ton, der mich stört. Er ist seit ein paar Monaten nicht mehr bei der Gerichtspolizei, denkt aber immer noch, er wäre unser Chef. »Du bist der Einzige, der mich nie besucht, verflucht noch mal«, weist er mich zurecht. Verflucht noch mal ist seine Lieblingsfloskel, die er oft ins Gespräch einstreut.

»Entschuldige, Andrea, aber wir sind ständig draußen. Mir bleibt nicht mal Zeit zu schlafen.«

»Ich habe gehört, dass sie dich zum Dienst im Justizpalast verdonnert haben. Was hast du denn angestellt?«, fragt er lachend.

Es stimmt: Außer Talpa betrachten alle den Dienst im Abhörraum als eine Strafe. Ich antworte nicht.

»Ich muss mit dir reden«, sagt Andrea jetzt.

»Heute nicht. Ich bin spät fertig, um Mitternacht. Vielleicht ein anderes Mal«, versuche ich ihn zu vertrösten.

Aber er ignoriert meine Antwort und fährt fort: »Bist du zu Fuß da?«

»Nein, mit dem Auto.« Und mechanisch, ohne zu wissen, warum, nenne ich ihm das Modell und die Farbe, als wäre Andrea mein Vorgesetzter, dem ich Rechenschaft schuldig bin.

»Ich warte um Mitternacht in der Via Freguglia auf dich, vor dem Justizpalast. Ich muss mit dir sprechen.« Er lässt nicht locker. Und während ich noch nach einer Ausrede suche, hat er bereits aufgelegt.

Die Flure des Justizpalastes, menschenleer und nachts ziemlich unheimlich, verstärken den Widerhall meiner Schritte. Die Luft scheint dumpfer als sonst. Ich schaue durch die Fenster hinaus, bevor ich am Ausgang bin. Die riesige Statue der Justitia im Hof des Gerichtsgebäudes wirkt nicht so grau und streng wie sonst, sie hat sich in eine Dame ganz in Weiß verwandelt. Ich reiße die Augen auf, um das Bild scharfzustellen. Es muss eine Menge Schnee gefallen sein.

Der Haupteingang ist natürlich geschlossen. Ich wende mich nach links ins große Atrium und passiere die wachhabenden Carabinieri, die gewöhnlich am Einfahrtstor Posten stehen. Aber es ist zu kalt, und so haben auch sie sich ins Innere geflüchtet.

Ich grüße mit einer Bewegung des Kinns. Ich öffne die Glastür. Die Stufen sind kaum zu erkennen. Wo ist mein Auto? Ich war sicher, dass ich es vor dem Justizgebäude geparkt hatte. Ich fange an, mit den Händen dicke Schneeschichten von den Autos zu schaufeln. Endlich habe ich meines gefunden. Die Verabredung mit Andrea ist mir fast egal, so abgelenkt bin ich von dieser ungewohnten Szenerie. Es sind dicke, gemächlich fallende Flocken. Aber bevor sie sich auf dem Weiß der Straße niederlassen, überlegen sie es sich noch einmal anders und steigen in lautlosen Kapriolen erneut auf. Ich puste in die Luft, um die Wirkung zu beobachten. In der Stadt habe ich es schon seit Jahren nicht mehr so stark schneien sehen. Es ist ein magischer Tanz. Ich hebe die Nase ins Gegenlicht der Laternen und sehe die Kristalle in den einzelnen Flocken glitzern. Es sind Kristalle von Sternen, Zuckerkörnchen, Quarzrhomben, die sich aneinander anlagern, bis sie Wolken aus schwebenden Blütenblättern bilden. Und wenn sie die Erde erreichen, bleiben sie mit ihren eisigen Reflexen liegen und warten darauf, von anderen Flocken überlagert zu werden.

Es schneit so stark, dass man zusehen kann, wie die Schneeschicht wächst. Ich setze mich mit dem Gedanken ans Steuer, wie ich am nächsten Morgen ins Büro kommen soll. Ich rutsche ein wenig, während ich in die Einbahnstraße Richtung Via San Barnaba einbiege. Und da steht er, mitten auf der Straße: Andrea ist schon da.

Die Gehsteige sind unpassierbar. Ich fahre so langsam, dass ich nicht einmal bremsen muss. Er öffnet die Beifahrertür, und beim Einsteigen bringt er einen Schwall Guerlain Vetiver mit. Er trägt immer so viel davon auf, dass wir, als er noch bei uns gearbeitet hat, schon an der Parfümwolke wussten, ob er da ist oder nicht. Durch die geöffnete Tür dringt auch ein eiskalter Luftzug in den Wagen, der mir von den Beinen bis in den Magen steigt, sodass ich fast einen Krampf bekomme.

Andrea grinst. Ich weiß nicht, was es zu grinsen gibt. Aber er ist immer fröhlich und selbstsicher. Ich biege nach rechts ab. Dann noch einmal nach rechts in die Via della Guastalla bei der Synagoge. Und dann noch mal nach rechts auf den Corso di Porta Vittoria. Auf der rechten Straßenseite, gleich hinter dem Haupteingang des Justizpalastes, halte ich an. Die große beleuchtete Uhr auf dem gegenüberliegenden Gebäude springt auf 00.15, die angezeigte Temperatur beträgt zwei Grad unter null. Sie ist stark gestiegen, verglichen mit der Kälte der vergangenen Nächte.

»Wie ist dein neuer Job?«, frage ich ihn. Er antwortet nicht sofort. Er wartet darauf, dass ich ihn mustere. Er will sicher sein, dass ich auch unter diesen Umständen seine Kleidung bemerke. Sportlich, aber elegant. Blauer Kaschmirmantel. In der Jackentasche unter dem Mantel der unverwechselbare Montblanc-Kugelschreiber. Und die Rolex Daytona, auf die er mächtig stolz ist und die mittlerweile mit seinem Handgelenk verwachsen sein muss.

»Mit einem Kugelschreiber fängt es an«, sagt Andrea, fast als könne er meine Gedanken lesen. Ich verstehe. Er versteht, dass die Botschaft angekommen ist. Und damit wechseln wir das Thema.

»Hör zu, Simone«, beginnt Andrea. »Giacomo hat in Mailand ein Büro aufgemacht, in der Via Turati, und am Donnerstag dem 17. ist die Eröffnung. Er möchte, dass du dabei bist. Und ich auch.«

Ein Büro? Sie haben sich also an mich erinnert. Vielleicht springt ja etwas dabei heraus. Vielleicht werde ich wie Andrea den Job wechseln und ein normales Leben führen können. Nicht wie heute, wo ich sonntags in einem Raum eingesperrt bin und Telefonate transkribiere, während der Rest der Welt sich amüsiert. Mir ist augenblicklich klar, dass ich nicht lange überlegen darf. Andrea wartet auf meine Antwort. Ich spüre, dass ich an einem Scheideweg stehe. Und wenn man sich verlaufen hat, wenn man nicht mehr weiß, wohin man unterwegs ist, ist es egal, welchen Weg man einschlägt. Auch wenn man keine Ahnung hat, wohin er einen führt. Auch wenn Giacomo mir überhaupt nicht gefällt.

»Ja, danke. In Ordnung«, sage ich und lege meine rechte Hand auf seine linke Schulter, wie um einen Pakt zu besiegeln.

»Also dann ciao«, verabschiedet sich Andrea. »Und komm nicht ins Rutschen«, fügt er hinzu und deutet auf die verschneite Straße. Er muss immer das letzte Wort haben. Er steigt aus und verschwindet hinter der Ecke der Via Manara.

Wohin geht er? Zu Fuß, bei dieser Kälte. Ich bin versucht, ihm zu folgen. Aber es ist eine Einbahnstraße, und ich stehe direkt unter dem Einfahrtsverbotsschild. Ich fahre um den Häuserblock herum. Auch ich möchte ihn überraschen. Aber Andrea ist verschwunden. In der Ferne, in der vom stetigen Schneefall diesigen Luft, sieht man nur die Scheinwerfer eines Geländewagens. Das Bild ist verschwommen, und ich erkenne weder das Modell, noch kann ich das Nummernschild lesen.

Am Tag der Begegnung mit Giacomo, am Anfang der Via Turati, zwei Schritte vom amerikanischen Konsulat entfernt, laufe ich Filippo über den Weg. Er ist noch dicker eingemummelt als sonst und trägt wieder den Schal um den Hals, von dem er sich niemals trennt. Er scheint nicht überrascht, mich zu sehen. Ich bin es schon. Ich sehe ihn fragend an. Er hebt den Blick zu den Schneeflocken, die beharrlich vom Himmel fallen. Er zieht eine Grimasse, die ein Lächeln sein will, und schiebt mich in Richtung der Eingangstür des Hauses mit der Nummer, die Andrea mir genannt hat. Die Via Turati ist eine elegante Straße, die von der Piazza della Repubblica mitten ins Mailänder Modeviertel führt: Via Manzoni, Via della Spiga, Via Monte Napoleone, Lichter und Schaufenster, Mode und Milliarden – bis zur Statue des bärtigen Leonardo da Vinci, die die Piazza della Scala beherrscht.

»Schau«, sage ich, »da ist ein Schild: James & Brothers – sechster Stock.«

Filippo, der kein Englisch kann, will wissen, was das bedeutet.

»Gebrüder Giacomo«, sage ich.

Der Lift öffnet sich. Eine Etage mit blauem Teppichboden und dem gedämpften Licht von Wandleuchten. Eine der drei gepanzerten Türen ist halb geöffnet, von innen sind Stimmen zu hören. Eine ist unverwechselbar die von Mattia mit seinem süditalienischen Akzent. Ein starker Tabakgeruch überlagert fast das Parfüm. Natürlich Guerlain Vetiver. Andrea, unser Jesusknabe, ist also schon da.

Die Räume sind völlig kahl. Ein Konferenztisch. Ein paar Stühle. Telefon. Fax. Außer nach Rauch und Parfüm stinkt es nach nassem Hund, vielleicht der feuchte Teppichboden. Ein Geruch so ekelerregend, dass ich möglichst schnell wieder wegwill.

Giacomo hat sich zum Fenster gedreht, die brennende Zigarre zwischen den Fingern. Und vor dem Fenster das Zentrum von Mailand, komplett weiß. Ich begrüße ihn mit einem festen Händedruck. Ich sehe ihm scharf in die Augen.

»Es hört nicht mehr auf«, sagt er und deutet auf den Schnee, der seit vier Tagen fällt. Auf den Straßen liegt er siebzig Zentimeter hoch, außerhalb der Stadt mehr als einen Meter. In den Zeitungen und im Fernsehen sprechen sie bereits von einem Jahrhundertschnee.

Ich bin überrascht. Fast alle, die bei dem ersten Treffen im Restaurant Ibiza dabei waren, sind hier versammelt. Damit ist klar: Sie haben sich weiterhin getroffen, aber mir hat niemand etwas gesagt. Trauen sie mir etwa nicht? Und warum beziehen sie mich jetzt wieder ein? Ich bemühe mich, meine Verblüffung zu verbergen. Das Gefühl der Übelkeit wegen des Hundegeruchs und die Nervosität, die mir vom Magen in den Kopf steigen, werden immer stärker. Aber wie ein versierter Schauspieler fange ich an, einen nach dem anderen zu betrachten, und versuche, jede Emotion zu kaschieren.

Wir setzen uns an den Tisch: Giacomo, Mattia, Tommaso, Filippo, Andrea und ich. Mattia, der Freund von Andrea, der zum militärischen Nachrichtendienst gewechselt ist, ist extra aus Rom gekommen. Andere fehlen, besonders Giovanni und Giuda. Wir behalten unsere Anoraks an. Die Heizung läuft nicht.

Giacomo lässt den Blick umherschweifen, er sucht einen Aschenbecher. Da keiner zur Hand ist, legt er seine Zigarre auf den Tischrand neben sich. Er öffnet einen bordeauxroten Aktenkoffer mit einer ovalen silbernen Plakette und dem Schriftzug »Cartier«. Mit theatralischer Geste nimmt er einen Stapel Papiere heraus. Es sind Mappen. Auf jedem Umschlag steht ein Name von uns. Bevor er sie uns aushändigt, überprüft Giacomo die abgehefteten Blätter und nickt gelegentlich zum Zeichen der Zustimmung. Er sieht sie offenbar auch zum ersten Mal. Währenddessen erzählt Andrea weiter von seinem neuen Job. Und endlich händigt Giacomo uns die Mappen aus. Einige hat er beiseitegelegt und schließt sie wieder in seinen Aktenkoffer. Vielleicht sind sie für die Abwesenden bestimmt.

»Bitte«, sagt Giacomo und fordert unser aller Aufmerksamkeit, »diese Informationen brauche ich so schnell wie möglich. Kontaktiert mich nicht. In der Mappe findet ihr eine Telefonnummer. Es schaltet sich ein Anrufbeantworter ein. Ihr hinterlasst eine Nachricht, und ich auch. Entschuldigt, aber ich muss gleich wieder los.« Und ohne uns Zeit für eine Antwort zu geben, hebt er die Hand zum Gruß und verschwindet.

Sprachboxen sind seit ein paar Monaten in Mode. Das haben auch die Kriminellen gemerkt. Es ist die sicherste Methode, um anonym Nachrichten zu senden und zu empfangen. Wir sind im Begriff aufzustehen und das Büro zu verlassen. Aber Mattia, der junge Geheimdienstler, hält uns zurück. »Wartet«, sagt er. Er breitet pathetisch die Arme aus und sagt mit halb ernster, halb amüsierter Miene: »Um die Sicherheit Italiens müssen wir uns kümmern.«

Wir schauen einander an. Jeder von uns, die wir hier sitzen, sucht in den Augen der anderen eine Erklärung für Mattias Worte. Doch was ich entdecke, ist eine Mischung aus Verwunderung und Angst.

Ich rolle die Mappe mit den Blättern zusammen und schiebe sie unter meinen Anorak. Filippo und ich gehen, ohne uns von den anderen zu verabschieden. Wir kehren zu Fuß in unsere Büros zurück. Wir versinken im Schnee und müssen aufpassen, dass wir nicht ausrutschen. Vor allem aber müssen wir uns vor den dicken Eiszapfen in Acht nehmen, die sich von Hausdächern und Dachgesimsen lösen. Während des langen Fußmarsches sage ich kein Wort. Ich möchte Filippo meine Verärgerung spüren lassen und gleichzeitig seinen Ärger anstacheln.

Abends, zu Hause, vernichte ich alle Spuren dieser Mappe. Ich reiße die Blätter in kleine Fetzen und weiche sie in dem mit heißem Wasser gefüllten Waschbecken ein. Den Papierbrei spüle ich ins Klo. Giacomo will, dass ich vertrauliche Informationen über ein hohes Tier des größten italienischen Chemiekonzerns sammle: Giuseppe Garofano, den späteren Finanzchef der Gruppe Ferruzzi-Monteison. Erst Jahre später, im Zuge der Korruptionsermittlungen von Mani pulite, wird er zugeben, Schmiergelder in Höhe von 150 Milliarden Lire, fast 80 Millionen Euro nach heutigem Wert, gezahlt zu haben: an Abgeordnete und Vertreter verschiedener Flügel der Christdemokraten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Liberalen und Republikaner, jener fünf Parteien, die zwischen 1990 und 1992 an der Macht waren. Aber im Jahr 1985 sagt mir der Name Garofano gar nichts. Laut den Unterlagen, die jetzt durch das Abflussrohr der Toilette in die Kanalisation hinunterrauschen, ist es meine Aufgabe, das herauszufinden. Nein, ich lasse es lieber bleiben. Der Aufwand lohnt sich nicht. Doch für wen arbeitet Giacomo? Und für wen sind diese Informationen bestimmt?

Es ist Tommaso, der eines Tages meine Zweifel bestätigt. Wir sitzen im Auto. Wir reden nie über Giacomo. Aber an diesem Tag nehme ich meinen Mut zusammen und frage ihn: »Hast du ihn angerufen?« Ich brauche nicht einmal den Namen zu nennen oder das Treffen in der Via Turati zu erwähnen.

»Nein, nein«, antwortet Tommaso, »und ich will auch nichts davon wissen. Das ist der Geheimdienst, der steckt dahinter.«

Eine hingeworfene Bemerkung, mehr nicht. Ich antworte nicht darauf.

In den folgenden Monaten lassen weder Andrea noch Giacomo mehr etwas von sich hören. Auch Giuda rutscht die Bemerkung heraus, dass er von den beiden nichts mehr wissen will. Aber was ist passiert? Alle scheinen besser informiert zu sein als ich. Kann es sein, dass ich nichts kapiert habe? Und warum interessiert sich niemand mehr für mich? Vielleicht hat mein Schweigen den Eindruck erweckt, ich hätte Angst. Ich sei nicht vertrauenswürdig. Vielleicht denken sie, ich sei der Aufgabe nicht gewachsen.

Ich bin enttäuscht. Aber ich kann mit niemandem darüber reden. Und in Anspruch genommen von der täglichen Arbeit im Abhörraum des Justizpalastes, komme ich zu dem Schluss, dass es besser ist, all das aufzugeben und zu vergessen. Erst im Lauf der Jahre werde ich lernen, dass nichts zufällig geschieht.

DER LÜGENDETEKTOR

Wenn in meinem Büro das Telefon klingelt, bekomme ich jedes Mal eine kleine Angstinjektion. Es ist der Kommandant. Ich nenne ihn nicht Leiter, Direktor oder Vizepolizeipräsident. Ich nenne ihn nach wie vor Kommandant, als wäre die Polizei immer noch militärisch organisiert.* Ich bin ein altmodischer Mensch.

»Geh bitte zum Eingang«, sagt er mir am Telefon. »Es sind zwei Amerikaner da. Trink mit ihnen einen Kaffee, und in zehn Minuten bringst du sie zu mir.«

In der angstgeschwängerten Atmosphäre jener Jahre, nach den Anschlägen des nationalen und internationalen Terrorismus, sind die Kontakte zu den ausländischen Polizeibehörden immer enger geworden. Da ich Englisch und Französisch kann und Giuda gut Deutsch spricht, wurden wir damit beauftragt, innerhalb unserer Dienststelle die Kontakte zu den ausländischen Behörden zu pflegen. Die amerikanischen Besucher hat man ins Wartezimmer gebracht.

»Guten Tag«, sage ich und gebe ihnen die Hand. Ich murmle meinen Namen so, dass sie ihn nicht verstehen. Um anonym zu bleiben, man muss immer anonym bleiben. Es sind typische Amerikaner. Dunkler Anzug, weißes Hemd. Der große Dünne mit blonden Haaren und sehr hellem Teint gibt mir seine Visitenkarte. Links erkenne ich sofort das geprägte Wappen eines Adlers. Darunter Name und Funktion: Er ist Konsul an der amerikanischen Botschaft in Rom.

Von diesem Tag an werden ihre Besuche häufiger. Manchmal kommt der Konsul allein. Immer bin ich es, der ihn empfängt und ins Büro geleitet. Zwischen uns entsteht eine gewisse Vertrautheit. Wir sprechen Englisch, und er freut sich darüber. Er erkundigt sich nach dem Leben, das ich führe: ob ich verheiratet bin, ob ich Kinder habe. Eines Tages vertraut er mir an, dass er heute Geburtstag hat, und klagt, er vermisse seine Familie. Ich lade ihn spontan zu mir nach Hause ein. Eigentlich nur aus Höflichkeit. Schließlich ist kaum zu erwarten, dass der Konsul der Vereinigten Staaten meine Einladung annimmt. Aber er fragt verwundert: »Würden Sie das für mich tun?«

Als ich meiner Frau sage, dass der amerikanische Konsul zu uns zum Abendessen kommt, gerät sie in Panik. Sie befürchtet, keinen guten Eindruck zu machen. Sie weiß nicht, was sie kochen soll. Aber an jenem Abend wird jeder Gang, den wir verkosten, zu einem Kompliment an die Köchin. An meine Frau. Er ist ein vollendeter Diplomat. Am Ende des Abends nennen wir uns beim Vornamen. Patrick, so heißt der Konsul, erzählt von seiner Familie, seiner Frau und seinen drei Töchtern. Er zeigt uns Fotos von ihnen, und wir müssen versprechen, dass wir, wenn sie zu ihm nach Italien kommen, ihre Gäste sind.

Ich hatte meine Frau gebeten, ein Geschenk für ihn zu besorgen. Und so überreiche ich Patrick nach dem Essen eine Krawatte mit Paisleymuster von Ermenegildo Zegna. Er betrachtet sie bewundernd. Dann steht er auf und umarmt zuerst meine Frau, dann mich. Er küsst uns auf die Wangen, eine ausgesprochen mediterrane Geste, die ich den Amerikanern gar nicht zugetraut hätte. Vielleicht studieren sie, bevor sie ins Ausland gehen, die lokalen Gepflogenheiten. Es ist jedenfalls eine Geste, die eine Beziehung besiegelt.

Während meine Frau den Tisch abräumt, will Patrick wissen, was ich über die blutigen Terroranschläge überall in der Welt denke. Ich fühle mich von dieser Frage geehrt: Jemand – und er ist schließlich nicht irgendwer – möchte meine Meinung hören. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich voll und ganz aufseiten der Amerikaner stehe. Und dass wir, auch wenn wir wollten, nicht mehr tun können. Die Mittel und die zur Verfügung stehenden Gelder reichen nicht aus. Wenn etwas bewirkt wurde, dann nur aufgrund des täglichen Kampfes von Leuten, die das, was sie tun, als Mission begreifen.

Patrick nickt. Er scheint mir sehr genau zuzuhören. Ich habe das Gefühl, einer Prüfung unterzogen zu werden. Ja, einer Prüfung. An einem bestimmten Punkt schenkt er mir sein Vertrauen und enthüllt mir, dass seine Tätigkeit als Konsul nur Tarnung ist: In Wirklichkeit ist er Chef der CIA in Rom. Das Wort CIA benutzt er jedoch kein einziges Mal. Er spricht ganz allgemein von Agency. Ich zeige keine Regung. Ich sage nur: »Ja, ja, hab verstanden.«

Eines Tages treffen wir uns vor dem Castello Sforzesco in Mailand. Aber nur für einen kurzen Moment. Ich habe es eilig, sage ich, ich muss zum Flughafen Linate. Es ist der 12. Januar 1987. Ein Montag.

»Man hat einen Libanesen festgenommen, Baschir Khodr«, erzähle ich ihm. »Er hatte elf Kilo Plastiksprengstoff bei sich, versteckt in den Rahmen zweier Bilder und in vier großen Ostereiern aus Schokolade. Außerdem wurden sechsunddreißig Sprengzünder bei ihm gefunden, die in den Batterien eines Transistorradios versteckt waren.«

Patrick hört zu und meint lächelnd: »Klar, Ostereier im Januar …« Und mit seinem amerikanischen Akzent sagt er, man habe ihn soeben informiert.

Inzwischen sehen wir uns mindestens einmal alle zwei Wochen. Auch wenn wir nur einen Kaffee zusammen trinken. Er hat mich gebeten, zu Hause einen Anrufbeantworter zu installieren. Vor jedem Treffen hinterlässt er mir eine Nachricht, die immer mit demselben Satz beginnt: »Ciao Diana, come stai?« Und mit Ort, Tag und Zeitpunkt des Treffens endet. Eines Abends fragt mich Diana, meine Frau, warum Patrick sich an sie wendet. Aus Höflichkeit, antworte ich. Vielleicht möchte er ihr Hallo sagen und bringt die Dinge durcheinander, weil er nicht so gut Italienisch kann. Diana sieht mich an, als glaubte sie mir kein Wort.

Ich halte Patrick weiter über die Ergebnisse unserer Ermittlungen auf dem Laufenden. Seit einiger Zeit kommt er nicht mehr in die Dienststelle. Ich lege ihm meine Ansichten zu den Ereignissen der Woche dar, obwohl wir gar keine Kollegen sind. Aber ich gebe ihm zu verstehen, dass ich es gern werden würde. Ihm alle diese Informationen zu übermitteln ist der beste Weg, es ihn wissen zu lassen. Und seine Antwort ist jedes Mal, man habe ihn schon unterrichtet.

An diesem Montag im Januar, dem Tag, an dem der Libanese mit dem Sprengstoff am Flughafen Linate festgenommen wird, begrüße ich Patrick mit einiger Befangenheit. Nicht weit entfernt wartet meine Mannschaft in einem weißen Alfa Romeo auf mich, einer Alfetta, die unser Dienstwagen ist. Ich schicke mich an zu gehen. Patrick gibt mir die Hand und zieht gleichzeitig mit der Linken etwas aus seiner hinteren Hosentasche. Mit einer blitzschnellen Bewegung und einem festen Blick in meine Augen lässt er seine Finger in meine Hemdtasche unter der offenen Winterjacke gleiten. Ein Beobachter der Szene hätte es nicht einmal bemerkt, so schnell verlief die Übergabe. Mir dagegen kam sie vor wie eine Ewigkeit. Ich sage nichts. Ich drücke ihm die Hand noch fester und hoffe, keine Regung gezeigt zu haben. Ich möchte einen guten Eindruck machen.

Erst abends, zu Hause, sehe ich nach, was in der Brusttasche meines Hemds ist. Ich ziehe ein Stück Papier heraus. Es ist viermal gefaltet. Es hat merkwürdige Farben und fühlt sich für Papier ungewöhnlich an. Ich falte es auseinander und sehe das Porträt des Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio. Es ist ein 100.000-Lire-Schein. Patrick und ich sind Kollegen geworden.

»Hunderttausend Lire, nach heutigem Wert mehr als 50 Euro, sind für einen Beamten wie mich kein Pappenstiel«, sagt Simone Pace. Ich schaue ihn an und nicke.

Meine Freundschaft mit Patrick entwickelt sich weiter. Er vertraut mir. Wir treffen uns in Mailand oder in Florenz, denn er kommt ja aus Rom. Und ich weiß mich nützlich zu machen. Ich informiere ihn immer detaillierter über die wichtigsten laufenden Ermittlungen. Manchmal bittet er mich um Dokumente. Manchmal gebe ich sie ihm, ohne dass er darum bittet. Es sind Unterlagen, die ihm helfen zu verstehen, wie Italien funktioniert und welches die neuen terroristischen Bedrohungen sind. In jenen Jahren hat noch niemand einen Scanner zu Hause. Ich muss alles fotokopieren. Heimlich, ohne dass die Kollegen etwas merken. Auch Patrick trifft Vorkehrungen. Der CIA-Chef in Italien späht ein verbündetes Land aus, eine mit den Vereinigten Staaten befreundete Regierung. Es wäre nicht gut, wenn er sich dabei erwischen ließe. Es hätte schwerwiegende Konsequenzen für ihn. Und so erscheint er zu unseren Treffen mit einem Diplomatenkoffer. Er ist Konsul, er kann es sich erlauben. Ich nicht. Wenn sie mich schnappen, ist es mein Problem. Das sagt Patrick mir klar und deutlich.

Eines Nachmittags in Florenz gibt er mir einen Zettel. Die Bewegung geschieht so schnell und unvermittelt wie in Mailand, als er mir den ersten 100.000-Lire-Schein zugesteckt hat. Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Der Zettel ist viermal gefaltet, wie immer. Ich entfalte ihn abends zu Hause. Er enthält eine handschriftliche Nachricht: »Golden Door, Innsbruck. Wir werden Dianas Geburtstag feiern, wenn auch einen Monat zu spät und einen Tag zu früh. Das Fest beginnt um 20.30 Uhr.«

Ich sitze in der Küche. Diana spielt im Kinderzimmer mit unserer Tochter. Ich höre die beiden singen. Diana hat eine wunderschöne Stimme, und die Kleine wiederholt die Strophen und bringt dabei manchmal die Wörter durcheinander. Ich trinke einen Schluck Tee aus der Tasse, die meine Frau mir auf den Tisch gestellt hat, und betrachte wie hypnotisiert die aus einem Notizblock herausgerissene Seite. Ich bin so versunken, dass ich Diana mit dem Kind auf dem Arm erst bemerke, als ich mich umdrehe. Sie versucht zu lesen, was auf dem Zettel steht. Instinktiv stelle ich die Tasse darauf, eine ungeschickte Geste. Ich verschütte etwas Tee, der auf den Zettel schwappt. Diana tut, als ob nichts wäre. Zwischen uns gibt es eine stillschweigende Vereinbarung: Ich spreche nicht über meine Arbeit, und sie stellt mir keine Fragen.

Aber trotz unseres Paktes merke ich, dass meine Geste sie geärgert hat. Eine Frau ist und bleibt eben eine Frau. Diana seufzt, um ihren Unmut zu bekunden. Wer weiß, was sie glaubt, das ich ihr verheimliche. Und ohne mir Zeit für eine Bemerkung zu lassen, drückt sie mir die Kleine in die Arme, dreht sich um und geht ins Wohnzimmer. Wie üblich murmelt sie etwas Unverständliches vor sich hin. Na gut, denke ich, dann hole ich sie eben und lasse sie die Nachricht lesen. Ich möchte nicht, dass es zwischen uns zu Misstrauen oder Unstimmigkeiten kommt. Als ich mich umdrehe, bemerke ich, dass der Zettel nahezu verschwunden ist. Er ist nur noch ein Faserbrei. Ich hebe ein noch intaktes Fetzchen mit Daumen und Zeigefinger hoch und führe es an die Lippen. Als es mit Spucke in Berührung kommt, löst es sich auf.

Ich habe nicht recherchiert. Ich war in keinem Reisebüro. Einen Monat minus einen Tag nach dem Geburtstag meiner Frau, dem Datum des Treffens in Innsbruck, breche ich um sechs Uhr morgens von zu Hause auf. Ich bin deshalb so früh dran, weil es nicht einfach ist, am Bahnhof einen Parkplatz zu finden. Ich lasse den Wagen auf der Piazza Duca d’Aosta, Ecke Via Napo Torriani stehen. Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Es ist ein Samstag, doch es herrscht nicht viel Verkehr. Am Hauptbahnhof kaufe ich eine Fahrkarte nach Innsbruck. Ich zahle bar. Abfahrt 9.05 Uhr. Ankunft 14.32 Uhr. Fünfeinhalb Stunden Fahrt.

Der Zug der Österreichischen Bundesbahnen ÖBB ist bequem und sauber. Die Wagen sind fast leer. Ich suche mir ein freies Abteil in der Nähe des Ausstiegs. Eine Angewohnheit. So wie ich mich in Lokalen immer mit dem Rücken zur Wand setze, möglichst nahe am Ausgang. Das gibt mir größere Sicherheit. Man hat niemanden im Rücken, und notfalls kann man schnell verschwinden.

Als wir uns Bozen nähern, liegen mindestens zwanzig Zentimeter Schnee auf Straßen und Bäumen. Weil ich so früh aufgestanden bin oder vielleicht auch weil es im Abteil so wohlig warm ist, schlafe ich ein. Ich lasse mich vom Schaukeln des Waggons auf den Schienen wiegen. Es gelingt mir, fast komplett abzuschalten. Ich brauche nicht nachzudenken, nicht jetzt. Ich werde meine Ressourcen, meinen Verstand später einsetzen. Adrenalin schießt durch meinen Körper und verleiht mir ein Gefühl des Wohlbefindens. In diesem Moment bin ich überzeugt, dass jemand, der mir gegenübersäße, ein breites Lächeln sehen würde, von einem Ohr bis zum anderen.

Mich wecken das Kreischen der Bremsen und ein durchdringender Pfiff, der den Grenzübergang Brenner zwischen Italien und Österreich ankündigt. Die Waggontüren werden aufgerissen, ein eiskalter Wind fegt durch den Gang und dringt durch alle Ritzen bis ins Abteil. Ich habe nicht einmal Zeit, einen Blick aus dem Fenster zu werfen, als schon zwei Offiziere der Guardia di Finanza auftauchen, gefolgt von einem österreichischen Zollbeamten. Die drei tragen fast identische grüne Uniformen, und ich kann sie nur an den Emblemen auf ihren Mützen unterscheiden.

Die italienischen Finanzpolizisten öffnen die Schiebetür des Abteils.

»Den Ausweis bitte«, sagt der Erste.

Ich gebe ihm meinen italienischen Pass. Er ist sehr viel anonymer als ein Personalausweis, in dem Adresse und Beruf vermerkt sind.

Ein leichtes Jucken meiner Beine erinnert mich an die Papiere, die ich in meine Socken gesteckt habe. Es sind Fotokopien der Karteikarten zu den Terrorverdächtigen, für die wir uns in Italien interessieren. Ich möchte sie den Amerikanern übergeben. Dieses leichte Jucken warnt mich aber auch, dass ich keine Rechtfertigung habe, falls die Zollbeamten sehen wollen, ob ich etwas in meinen Socken habe. Es ist wirklich eine Dummheit, diese Dokumente über die Grenze zu bringen. Doch der Wunsch, bei Patrick gut dazustehen, und der schiere Nervenkitzel, der mich all die Jahre begleiten wird, haben über meinen gesunden Menschenverstand gesiegt. Und über die elementarsten Sicherheitsregeln.

Ich blicke hinaus auf die verschneite Landschaft. Die langen Güterzüge, die auf ihre Abfertigung warten. Die verschneiten Tannen auf den steilen Bergen oberhalb des Passes. Ich muss zeigen, dass ich nichts zu verbergen habe. Aber das könnte sie erst recht stutzig machen. Nur ein Dummkopf verhält sich so, wenn er etwas zu befürchten hat. Ich bin komplett unvorbereitet. Ich merke, wie sie mich mustern. Und dann fragt mich der Österreicher in seinem harten Akzent auf Italienisch: »Nessun bagaglio?« Kein Gepäck?

Von da, wo sie stehen, können sie es nicht sehen. Es befindet sich in der Ablage oberhalb der Tür, direkt über ihren Köpfen. Ich antworte nicht. Ich stehe auf, und mit dem Blick von jemandem, der zwar körperlich anwesend, in Gedanken aber ganz woanders ist, hole ich meine schwarze Reisetasche herunter und stelle sie auf den Sitz. Ich mache Anstalten, sie zu öffnen. Die beiden italienischen Finanzpolizisten sind schon weitergegangen. Der Österreicher, für dieses Entgegenkommen weniger empfänglich, mustert mich noch ein paar Sekunden. Dann gibt er mir meinen Pass zurück, überzeugt, dass er seine Pflicht getan hat, und seinem Instinkt vertrauend.

»Va bene, buon viaggio«, sagt er und schließt sich seinen Kollegen an.

In Innsbruck frage ich sofort nach dem Tourismusbüro. Man schickt mich in die Salurner Straße gleich gegenüber dem Bahnhof. Nach wenigen Schritten bin ich in der Tirol Tourism Information. Der Raum ist menschenleer, und ich gehe direkt zum Schalter. In tadellosem Deutsch frage ich, wie ich zum Goldenen Tor komme. Die Frau sieht mich verdutzt an.

»Goldenes Tor«, wiederhole ich und artikuliere die Worte überdeutlich.

Sie hat himmelblaue Augen. Blonde, zu einem perfekten Pferdeschwanz zusammengebundene Haare. Ihr magerer, wohlgeformter Körper steckt in einem grünen Tiroler Dirndl mit spitzenbesetzter Bluse und einer großen, an der Taille gebundenen Schleife. Sie nimmt einen Stadtplan aus einem Schubfach, breitet ihn auf der Theke aus und malt mit einer schnellen Bewegung aus dem Handgelenk einen roten Kringel um den Bahnhof.

»Sie befinden sich hier«, sagt sie. »Gehen Sie geradeaus Richtung Maria-Theresien-Straße. Hausnummer 46 an der Kreuzung Salurner Straße ist das Hotel Goldene Krone. Fünf Minuten zu Fuß. Immer geradeaus.«

»Ja, Verzeihung. Goldene Krone«, sage ich und denke, entweder habe ich einen Fehler gemacht oder Patrick hat schlecht aus dem Deutschen übersetzt. Ich lasse mir einen Stadtplan geben, bedanke mich und mache mich auf den Weg. Ich bin froh, dass ich kein Taxi nehmen muss. Einen Verdächtigen während einer Beschattung dazu zu bringen, in ein Taxi zu steigen, ist eine Methode, die auch von der Terrorabwehr benutzt wird. Zu jener Zeit haben wir in Mailand und Rom zwei Taxis zur Verfügung. Der Taxifahrer ist allerdings einer unserer Leute. Die Zielperson an Bord zu haben ist die beste Lösung. Man braucht ihr nicht zu folgen, vor allem nicht auf der Busspur, wo Zivilfahrzeuge allzu sehr auffallen. Und die Person selbst verrät dir ihr Ziel.

Nicht, dass ich in Innsbruck befürchtet hätte, man würde mich beschatten. Aber die Gewohnheit wird zur Routine. Dann zur Paranoia. Sie ist stärker als die Vernunft. Und deshalb ist es immer besser, zu Fuß zu gehen.

Den Schriftzug »Goldene Krone« auf der grünen Fassade des Hotels sieht man schon von Weitem. Das historische Haus mit den weiß umrahmten Fenstern ist ein Eckgebäude zwischen zwei Straßen. Die Weihnachtsferien und der Jahreswechsel sind vorbei, und ich bekomme problemlos ein Zimmer. Von den sechsunddreißig Zimmern liegt meines im ersten Stock. Ich habe keine Koffer auszupacken. Ich werfe mich angekleidet aufs Bett und warte. Ja, ich brauche nur zu warten.

In dem kahlen Raum frage ich mich, warum sie einen so riskanten Ort wie ein Hotel gewählt haben. Aber ich gebe mir sofort selbst die Antwort: Die Betreiber wissen nichts von uns. Wir sind ganz normale Hotelgäste, die einander nicht kennen. Sogar ich weiß ja nichts von ihnen. Und genau das ist der Punkt: Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie sie mich kontaktieren werden.

Ich beschließe, nicht rauszugehen, um etwas zu essen, sondern mich mit dem zu begnügen, was ich in der Hotelbar finde. Gesalzene Nüsse. Ein Sandwich. Eine Dose österreichisches Bier. Ich mache den Fernseher nicht an, weil ich jeden Augenblick damit rechne, dass es an der Tür klopft. Ich öffne das Fenster, und der Verkehrslärm flutet ins Zimmer. Erst jetzt fällt mir die perfekte Schalldämmung auf. Vom Fenster aus sieht man einen großen Bogen jenseits der Kreuzung, der auf dem Stadtplan als »Triumphpforte« verzeichnet ist. Ich bleibe stehen, bis ich keine Lust mehr habe, abwechselnd die Triumphpforte und das Telefon anzustarren. Nichts. Niemand meldet sich.

Um achtzehn Uhr beschließe ich, das Hotel zu verlassen. Ich gehe langsam. Bleibe stehen. Kehre um. Ich versuche, auf irgendeine Weise die Aufmerksamkeit dessen zu erregen, der mir vielleicht folgt. Fehlte nur noch, dass ich den Arm hebe und sage: »Huhu, hier bin ich.« Habe ich mich geirrt? Ist das gar nicht der richtige Ort?

Vom Hotel aus biege ich in die Maximilianstraße ein, und gleich nach Hausnummer 25 flüchte ich vor der eisigen Kälte in die Café-Konditorei Valier. Ich bestelle eine heiße Schokolade und frage nach dem »Goldenen Tor«.

Der Kellner schaut mich an und korrigiert mich: »Goldenes Dachl.«

Er hat recht. Ich hätte das Goldene Dachl, nicht das Goldene Tor suchen müssen. »Ja«, nickt er und lächelt mich freundlich an. Er erklärt mir, es sei das Wahrzeichen von Innsbruck. Der Habsburger Kaiser Maximilian I. ließ es 1420 auf Wunsch von Herzog Friedrich IV. an der Fassade der Residenz der Tiroler Landesfürsten anbringen. »Der Erker mit dem Dach wurde zwischen 1494 und 1496 gebaut«, sagt er, »anlässlich der Hochzeit Kaiser Maximilians mit Bianca Maria Sforza, der Tochter des Herzogs von Mailand. Das Dach wurde mit feuervergoldeten Kupferschindeln gedeckt. Insgesamt zweitausendsechshundertsiebenundfünfzig«, fügt er hinzu und betont die Ziffern dieser langen Zahl, als würde er jede einzelne Schindel zählen. Er serviert mir die heiße Schokolade.

»1494 lag die Entdeckung Amerikas gerade einmal zwei Jahre zurück«, fährt er fort. Und wegen eines amerikanischen Spions bin ich heute hier, füge ich still für mich hinzu. Der Kellner schaut mich an, ohne meine Gedanken lesen zu können. Mein Fehler ist der Tatsache geschuldet, dass das Goldene Dachl auf Englisch auch Golden Door, Goldenes Tor, genannt wird. Und ich habe es wortwörtlich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

»Herzog-Friedrich-Straße 15«, fügt der Kellner hinzu und schaut auf die Uhr an seinem linken Handgelenk. »Morgen, der Herr, heute ist es schon zu spät. Das Museum schließt um siebzehn Uhr.«

Ich fluche still in mich hinein. Wie, es schließt um siebzehn Uhr? Habe ich mich mit den Tagen verzählt? Haben sie sich mit dem Geburtsdatum meiner Frau vertan? Habe ich etwas falsch verstanden? Ich versuche, Ruhe zu bewahren. Ja, ich fange an zu lachen wie ein Trottel. Ich denke: Aber hätten sie denn nicht eine Stadt mit weniger Gold aussuchen können? Ich beschließe, zu Hause anzurufen. Ich kehre ins Hotel zurück und rufe von der Lobby aus an. Es ist keine richtige Lobby, nur ein kleiner Aufenthaltsbereich. Die Rezeption befindet sich rechts, gleich nach dem Eingang. Hinter der Theke die Postfächer der Zimmer mit den Schlüsseln und daneben, rechts von den Fächern, die Tür zum Büro mit einem Fenster, das auf Wadenhöhe zum Bürgersteig geht. Gegenüber der Rezeption die steile schmale Treppe mit einem abgewetzten roten Veloursläufer, auf der kaum zwei Personen nebeneinander Platz haben. Links von der Treppe liegt der Korridor, der als Frühstücksraum genutzt wird. Das ist alles. An der Wand am Ende des Korridors ist das große Telefon.

»Ciao. Alles in Ordnung? Hat jemand für mich angerufen?« Meine Frau antwortet mit einem Ja und einem Nein. Und legt auf. Als ich sie gebeten habe, diskret zu sein, meinte ich nicht, dass sie im Telegrammstil sprechen soll. Aber so ist sie eben.

Ich verlasse das Hotel und gehe los. Ich habe kein Ziel, und während ich überlege, was ich machen soll, verliere ich die Orientierung. Ich hebe den Blick. Schaue mich um. Ich bin ganz in der Nähe der Maria-Theresien-Straße 36, fast vor dem Café im Hof. Im Hotel lag ein Flyer mit diesem Namen. Man muss bei Hausnummer 38 den Bogengang eines historischen Gebäudes passieren und betritt einen ruhigen Innenhof. Die cremefarbenen Markisen mit dem Namen des Lokals überwölben die beleuchteten Bögen des Eingangs an der linken Fassade. Es ist zwanzig Uhr. Ich habe seit dem gestrigen Abendessen nichts Richtiges mehr zu mir genommen, und der Duft von Gebäck und frischem Brot weckt meinen Hunger.

Ich trete ein und gehe auf die Kasse am Ende des Ladentischs zu. Stelle mich in die Schlange. Vor mir sind zwei sehr junge Mädchen. Sie reden und lachen. Und vor ihnen ein Mann. Er hat mir den Rücken zugekehrt, ich kann sein Gesicht nicht sehen. Aber er kommt mir irgendwie bekannt vor. Die kurzen, im Nacken rechteckig geschnittenen Haare. Die leicht gerötete Haut, als hätte er sich frisch rasiert. Er trägt einen braunen Anzug, und unter dem Jackenkragen spitzt der Kragen eines babyblauen Hemds hervor. Eine furchtbare Kombination. Ich höre deutlich, wie er mit unverkennbar amerikanischem Akzent auf Deutsch einen Kaffee bestellt. Als er zur Kasse weitergeht, dreht er den Kopf zu den beiden Mädchen hinter sich. Und zu mir. Diese Krawatte würde ich unter tausend anderen wiedererkennen. Für einen Moment kreuzen sich unsere Blicke. Ich kenne ihn nicht. Wer ist dieser Mann? Und warum trägt er die Krawatte, die ich Patrick geschenkt habe?

Auch ich bestelle einen Kaffee und suche mir rechts von ihm, auf die Theke gestützt, einen Platz. Er dreht sich nicht um, er schaut mich nicht an. Er trinkt seinen Kaffee und geht. Ich bleibe noch ein paar Augenblicke und denke nach. Versuche, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. War das Zufall? Eine banale Koinzidenz? Nein, nichts geschieht zufällig. Ich kann nicht ausgerechnet jetzt meiner Lebensphilosophie abschwören.

Ich verlasse gleichfalls das Café und wende mich nach rechts, um ins Hotel zurückzukehren. Es ist so kalt, dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Ich sehe ihn erst, als ich nur noch wenige Schritte von ihm entfernt bin. Er kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu.

»Ciao, ich bin Enrique. Der Besitzer der Krawatte lässt dich grüßen.«

Ich reiche ihm meine Hand, die schon anfängt zu erfrieren.

»Wir sind zu früh, aber umso besser, nicht wahr?«, sagt Enrique. »Verzeih mein Italienisch. Ich bin Venezolaner.« In Wirklichkeit spricht er ausgezeichnet Italienisch. Wir gehen am Hotel vorbei und biegen in die Maximilianstraße ein. An seinem geröteten Gesicht merke ich, dass auch er anfängt zu frieren. Und fast als würde er meine Gedanken lesen, schlägt er vor, uns wiederzusehen.

»Frühstücken wir doch morgen zusammen«, sagt er.

»Ja, gern. Wo treffen wir uns?«

Er hebt den Kopf und deutet auf die Triumphpforte. »Hier, am Goldenen Tor. Um zehn.«

Ich möchte ihm am liebsten einen Kopfstoß auf die Nase geben. Sie haben den Namen durcheinandergebracht und meinten die Triumphpforte. Aber ich schlucke meinen Ärger hinunter und sage nichts.

»Also dann bis morgen«, verabschiede ich mich. Zwei Schritte, und schon ist er meinen Blicken entschwunden, vom eisigen Nebel verschluckt.

Ich kehre ins Café im Hof zurück. Ich muss etwas essen. Die Wärme des Lokals umfängt mich. Es sieht nicht aus wie ein Café, eher wie eine Wohnung. Alte Gemälde an den Wänden. Ein sechsarmiger Leuchter erhellt den durch einen Bogen geteilten Raum. Ich steuere auf das Tischchen mit zwei Stühlen linker Hand zu, in der Nähe des großen Fensters. Es geht auf den Hof hinaus, wo im Sommer wahrscheinlich Tische und Stühle stehen. Ich entspanne mich und schaue mich um, und mein Blick fällt auf eine junge Frau, die mir den Rücken zudreht. Sie sitzt an dem Tisch direkt am Eingang. Auch sie kommt mir irgendwie bekannt vor. Wo habe ich sie schon einmal gesehen? Während ich noch überlege, dreht sie sich um. Sie fixiert mich für einen kurzen Moment.

»Haben Sie das Goldene Tor gefunden?«, fragt sie mit einem reizenden Lächeln.

Ja natürlich, es ist die Frau vom Tourismusbüro. Sie trägt die blonden Haare offen. Schwarze Satinhose und weiße Bluse. Ich stehe auf und gehe zu ihr.

»Du bist vom Tourismusbüro?«, frage ich, weil mir nichts anderes einfällt, um ein Gespräch zu beginnen.

Auch sie steht auf. »Ja«, sagt sie. Und breitet die Arme aus, mit den Handflächen nach oben, als wollte sie sagen: Klar, erkennst du mich nicht?

»Bist du … bist du Österreicherin?«, frage ich. Ihre Schönheit bringt mich etwas in Verlegenheit.

»Österreicherin? Sehe ich aus wie eine Österreicherin? Ich bin Italienerin aus Vipiteno, Sterzing. Ich heiße Lena. Sieht aus, als wärest du auch allein hier. Willst du dich zu mir setzen?«

Ich nehme die Einladung gern an, froh, nicht Deutsch sprechen zu müssen.

Die Kellnerin ist gekommen, ihren Bestellblock in der Hand.

»Bitte sehr«, sagt sie.

Ich antworte nicht, weil ich nicht weiß, was ich bestellen soll.

»Lass mich machen«, mischt sich Lena ein, »darf ich?«

»Ja natürlich«, sage ich, amüsiert über diese neue Situation.

Wenig später kommt ein Teller Knödel mit Salat und als Nachtisch der obligatorische Apfelstrudel. Lena und ich sind jetzt die einzigen Gäste.

»Möchtest du einen Schnaps. Einen Grappa, wie es bei euch heißt?«

»Okay«, antworte ich etwas verlegen, »aber du bist eingeladen.«

»Nein, nicht hier«, sagt sie. »Du hast doch ein Zimmer hier ganz in der Nähe, oder? Gehen wir zu dir. Ich habe eine Flasche im Auto.«

Ohne meine Antwort abzuwarten, steht sie auf und begibt sich zur Kasse.

»Bitte, lass. Gestatte mir, dass ich zahle. Du warst so nett, mir Gesellschaft zu leisten«, sage ich.

»Danke«, antwortet Lena und fixiert mich lange. Wir verlassen gemeinsam das Lokal.

Ihr Mini Cooper steht gegenüber dem Lokal. Sie holt eine Tasche aus dem Kofferraum und rennt auf ihren hohen Absätzen zu mir zurück. In der Hotellobby ist niemand mehr, umso besser. Wir gehen hinauf in mein Zimmer im ersten Stock. Ich überlasse ihr den Stuhl neben dem Schreibtisch und setze mich aufs Bett. Sie schaut sich um und entdeckt zwei Gläser auf dem Serviertablett der Minibar. Sie öffnet die Flasche und fängt an, Grappa einzuschenken. Dabei erzählt sie, dass sie fast zweiundzwanzig Jahre alt ist. Vater Italiener, Mutter Österreicherin. Sie hat die Hotelfachschule abgeschlossen und in ihrem Drang nach Unabhängigkeit diese Arbeit im Tourismusbüro von Innsbruck gefunden. Sie erzählt, dass sie mit zwei anderen Mädchen zusammenwohnt. Aber sie scheint keine Lust zu haben, gleich wieder nach Hause zu gehen. Sie fragt mich aus. Wie ich heiße. Was ich in Innsbruck mache. Ob ich verheiratet bin. Was für einen Beruf ich habe. Es fällt mir nicht schwer zu antworten.

»Ich heiße Gianni. Ich bin Junggeselle, arbeite für eine Schreibmaschinenfirma und bin zur Fortbildung in Innsbruck.«

Das ist mehr oder weniger die Geschichte, die ich immer erzähle, wenn jemand wissen will, wer ich bin und was ich mache. Natürlich abgewandelt, je nach Situation. Man muss auf diese Fragen immer antworten, sonst erregt man unnötig Verdacht und Misstrauen bei seinem Gegenüber. Es sind ritualisierte Fragen, das weiß ich aus Erfahrung, und der Fragesteller, wenn er nicht wirklich motiviert ist, hört der Antwort nicht einmal zu. Wenige Minuten später hat er ohnehin alles wieder vergessen.

Lena möchte nur Freundschaft schließen. Sie redet immer weiter über sich. Und schenkt Grappa nach. Sie ist bestimmt mehr daran gewöhnt als ich, sie verträgt den Alkohol ausgezeichnet. Bald geht mein Blick ins Leere, mein Mund ist halb geöffnet, als wollte ich alles schlucken, was sie sagt. Aber ich achte gar nicht mehr auf ihre Worte. Sie ist so schön. Sie hat eine wunderbare Stimme, fast als würde sie singen. Und ich lasse mich einlullen von diesem Wiegenlied. Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber inzwischen liege ich bereits ausgestreckt auf dem Bett.

Sie bemerkt es nicht sofort.

Ich schaue auf die Uhr. »Es ist eins.«

»Willst du, dass ich gehe? Bist du müde?«, fragt sie enttäuscht.

»Ja, danke für die nette Gesellschaft.«

Lena steht auf. Sie dreht sich mit ihrem federleichten Körper schwungvoll auf einem Fuß um und steuert auf die Tür zu. Ich höre, wie sie sich am Lichtschalter zu schaffen macht, und im nächsten Moment ist es dunkel. Ich sehe nichts mehr. Ich kapiere nichts. Ich höre nur ein Rascheln. Es sind ihre Schritte auf dem Boden. Sekunden später umhüllt ihr warmer Atem meinen Körper. Sie setzt sich auf mich. Ich klammere mich an sie. Sie ist nackt. Im raschelnden Dunkel hat sie ihren Pullover, die weiße Bluse, die Satinhose und alles ausgezogen, was sie sonst noch anhatte.

Blitzschnell streift Lena mir die Hose herunter. Jetzt bewegt sie sich langsam. Ich spüre, wie ihr magerer Körper sich meiner Wärme öffnet. Ihre Haut ist so dünn, dass ich, während sie sich schlängelnd und gleitend bewegt, das Gefühl habe, es wäre meine eigene. Ich drücke mit den Daumen auf ihren grazilen Oberkörper und ertaste ihre Rippenbögen. Ich fange ihren Atem in meinen Händen ein und umfasse ihre Brüste. Plötzlich gleiten die Scheinwerfer eines Autos über die zugezogenen Vorhänge hinweg. Für einen kurzen Moment taucht ihr Gesicht aus der völligen Dunkelheit auf. Ihr Kopf ist nach hinten gebeugt. Ihre Pupillen wirken starr unter dem Weiß der Lider. Die offenen Haare kleben ihr an den glühend heißen Wangen und umhüllen ihre Schultern wie der blonde Mantel einer Prinzessin. Sie keucht und bewegt sich, bis der Rhythmus ihres Atems sehr lange stockt. Ich spüre, wie mir das Blut in die Venen schießt, während Lena, nun wieder im Dunkeln, meine Arme noch fester umklammert. Ihre Fingernägel, ihre Finger übertragen das Pochen ihres Herzens tief in meinen Körper. Es gibt tatsächlich Engel. Als sich ihr Griff lockert, versuche ich, mir diesen Moment unauslöschlich einzuprägen.

»Wenn Sie mit den Schilderungen Ihres Liebesabenteuers noch lange fortfahren«, unterbreche ich ihn, »wird Moses uns seine Marmortafeln um die Ohren hauen, dass es uns unauslöschlich in Erinnerung bleiben wird.«

»Es gibt Momente, Fotografien des Lebens, die uns auf ewig begleiten«, gibt Simone Pace ernst zurück, aber ich muss lachen.

»Fahren Sie ruhig fort.«

Der nächste Tag ist ein Sonntag. Das dumpfe Läuten von Kirchenglocken weckt mich. Ich liege allein im Bett und habe den Verdacht, dass ich alles nur geträumt habe. Ein wunderschöner Traum. Ich gehe ins Bad. Was habe ich da im Gesicht? O Gott, ist es Blut? Bin ich verletzt? Ich stelle mein Bild im Spiegel scharf. Reibe mir die Augen, um vollständig wach zu werden. Betaste meinen Kopf, mein Gesicht. Erfreut sehe ich, dass es Lippenstift ist. Dann war es also kein Traum. Alles ist wahr. Zufrieden betrachte ich mich im Spiegel.

Ich erledige alles in Ruhe. Doch als Erstes möchte ich die Papiere, die ich aushändigen wollte, ins Klo spülen. Die Blätter mit den Daten der Terrorverdächtigen sind nutzlos geworden. Nach meiner Ankunft im Hotel habe ich sie zwischen den Seiten der Bibel versteckt, die ich in der Nachttischschublade gefunden habe. Patrick wird nicht nach Innsbruck kommen, so viel ist klar. Ich bin ein unnötiges Risiko eingegangen, das muss ich mir immer vor Augen halten.

Gut, aber ich rauche nicht. Wie soll ich die Blätter verbrennen? Ich kann sie nur in winzig kleine Schnipsel reißen. Ich lasse das Waschbecken mit heißem Wasser volllaufen und weiche sie ein, bis sie zu einem Papierbrei geworden sind. Den schütte ich ins Klo und spüle ihn hinunter. Diese alte Methode funktioniert immer.

Es ist ein herrlicher Tag. Die Sonne hat den Nebel besiegt. Und obwohl es eisig ist, öffne ich das Fenster und lasse die würzige Gebirgsluft in meine Lungen strömen. Der kalte Sauerstoff explodiert förmlich in meinem Körper, dringt mir bis ins Gehirn und reinigt das Blut. Meine Sinne sind erneut hellwach.

Ich bemerke Enrique sofort auf dem Bürgersteig. Jetzt trägt er eine beige Breitcordhose und eine feine cremefarbene Strickweste, darüber einen eleganten, leichten weißen Anorak, den er trotz der Temperatur vorne ein wenig offen gelassen hat. Ich kenne diese Daunenjacke. Es ist das Modell Moncler aus einer limitierten Auflage, die von 1986 bis 1987 produziert wurde.

»Guten Tag, gut geschlafen?«, fragt Enrique. Und dann flüstert er mir ins linke Ohr: »Ist es spät geworden heute Nacht?« Er zwinkert mir zu und gibt mir einen Klaps auf die Schulter.

»Ja, danke. Alles bestens«, antworte ich.

Ich denke kurz über seine Frage nach: »Ist es spät geworden?« Will er auf irgendetwas anspielen? Haben sie mir nachspioniert? Ehrlich gesagt, hoffe ich es nicht. Die Amerikaner sind sehr puritanisch, jedenfalls nach außen hin. Familienwerte, Moral. Und außerdem weiß ich nichts über diesen Enrique. Ich tue so, als hätte ich seine Anspielung nicht gehört.

»Kennst du ein Café, wo wir frühstücken können?«, frage ich ihn. Aber er schlägt unvermittelt einen anderen Ton an. Er schaut auf die Uhr.

»Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir sofort in dein Zimmer gehen? Wir sind spät dran, er wird gleich da sein«, sagt er.

Dann also auch heute kein Frühstück. Außerdem: Spät dran wofür? Wer wird gleich da sein? Die Hotellobby ist voller Menschen im Aufbruch, die mit ihren Koffern Schlange stehen, um zu zahlen. Keiner achtet auf uns, als wir die Treppe hochsteigen. Kaum sind wir in meinem Zimmer, stürzt Enrique zum Fenster, zieht den Vorhang zu und schaltet den Fernseher ein. Die BBC überträgt eine Sondersendung anlässlich der Vereidigung von George Herbert Walker Bush in Washington. Geboren am 12. Juni 1924 in Massachusetts, war er Vorsitzender der Republikanischen Partei, Direktor der CIA und Vizepräsident von Ronald Reagan. Er gehört der Episkopalkirche an und ist nun der einundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Enrique dreht sich zu mir um und hebt den Daumen. »Es wurde Zeit. Für uns brechen jetzt bessere Zeiten an«, sagt er leise. Ich quittiere seine Zufriedenheit mit einem Lächeln. Ich frage nicht, warum, aber er meint wahrscheinlich, dass Bush als ehemaliger CIA-Direktor dem Auslandsgeheimdienst seine Wertschätzung zeigen wird.

Jemand trommelt mit den Fingerknöcheln an die Tür. Enrique öffnet. Es ist ein etwa dreißigjähriger Mann. Groß. Kräftig. Brillenträger. Braune Cordhose und unter der Winterjacke ein Flanellhemd mit roten und gelben Karos. Draußen ist es kalt, aber er hat Schweiß auf der Stirn.

»Sehr erfreut, Logan«, stellt er sich vor. »Man hat mir gesagt, dass du Englisch sprichst. Das ist gut.«

Ich drücke ihm die Hand, die noch verschwitzter ist als seine Stirn. Enrique ist im Bad verschwunden und kommt mit sämtlichen Handtüchern im Arm wieder heraus. Er hat sie befeuchtet und legt sie unten an die Tür und unters Fenster, um jeden Spalt abzudichten, der uns mit der Außenwelt verbindet.

Logan kramt unterdessen in einem riesigen Rucksack, den er aufs Bett gestellt hat. Ich stehe mitten im Zimmer und verfolge die Szene, ohne zu verstehen, was vor sich geht. Endlich beruhigen sich die beiden.

»Er ist von der NSA, der National Security Agency«, erklärt Enrique mit Blick auf Logan. »Er ist aus Washington gekommen, um dir beizubringen, wie du mit uns kommunizieren kannst. Aber vorher muss er etwas anderes machen. Simone, weißt du, was ein Polygraf ist?«

Ich bin so überrumpelt, dass ich gar nicht verstehe, was Enrique sagt. Und ich verneine instinktiv. Die beiden sehen mich verwundert an. Stehe ich jetzt als Dummkopf da?

»La macchina della verìta«, sagt Logan auf Italienisch, aber mit einer falschen Betonung.

»Ach so, natürlich, der Lügendetektor«, wiederhole ich auf Englisch.

»Weißt du, wie er funktioniert?«, fragt Enrique.

»Ja. Das heißt, nein.«

»Ich muss dich fragen, ob du dich diesem Test unterziehen willst«, mischt sich Logan ein.

Was kann ich antworten? Habe ich eine Wahl? Ist das die Prozedur, die man durchlaufen muss, um bei der CIA arbeiten zu dürfen?

»Klar, ich bin einverstanden«, sage ich, als hätten sie mich aufgefordert zu gehen und nie mehr zurückzukommen.

Ich weiß wenig über Lügendetektoren. Mir fällt ein, was der Mossad-Mann in Rom bei einer Sitzung gesagt hat: »Ihr müsst euch bewusst sein, dass alles, was ihr tut, beobachtet wird, sobald ihr euch an den Ort begebt, wo der Test stattfindet. Im Wartesaal und in den Toiletten könnten versteckte Videokameras installiert sein. Und der Raum mit dem Lügendetektor hat ziemlich sicher eine Videokamera oder einen Einwegspiegel. Der Test beginnt, lange bevor ihr an den Apparat angeschlossen werdet, und er endet erst, wenn ihr wieder gegangen seid.«

Ist das tatsächlich so? Die Sache macht mich etwas nervös. Aber mir bleibt keine Zeit zu überlegen. Logan verkabelt mich bereits überall. Auch auf der Stirn. Der Instrukteur von der Nationalen Sicherheitsbehörde gibt sich jetzt nicht mehr freundlich und zugewandt. Er hat etwas Bedrohliches. Als wollte er mir Angst einjagen. Im Gespräch mit Enrique wiederholt er mehrmals, dass sich die Maschine niemals irrt. Vielleicht sagt er das, um mich unter Druck zu setzen. Je größer die Angst, bei einer Lüge ertappt zu werden, desto stärkere körperliche Reaktionen zeigt man normalerweise, wenn man gezwungen ist zu lügen.

»Wenn du willst, kannst du dir die Hände waschen, bevor wir anfangen. Dann wird die Maschine deine Schweißabsonderungen präzise messen«, sagt Logan zu mir. Sofort kommt mir der Gedanke, dass im Bad womöglich eine Videokamera installiert ist, die dokumentiert, dass ich mich für das Händewaschen entschieden habe: der Beweis, dass ich, noch ehe der Test begonnen hat, Angst vor meinen Reaktionen habe.

»Nein, muss nicht sein«, sage ich, »wir können anfangen.«

Enrique ist jetzt hinter mir. Ich sehe ihn nicht. Und um keine emotionale Regung zu zeigen, konzentriere ich mich auf meinen Atem. Ich muss einen Rhythmus von zehn, höchstens fünfzehn Atemzügen pro Minute beibehalten.

»Wie heißt du?«, fragt Enrique.

»Simone.«

»Hast du schon einmal Nudeln gegessen?«

»Ja.«

»Hast du jemandem von dieser Reise erzählt?«

»Nein.«

»Hast du jemals gestohlen?«

»Ja, als Kind.«

»Nein, nein, Simone. Du darfst nur mit Ja oder Nein antworten«, ermahnt mich Logan.

»Hast du jemals mit Drogen gedealt?«

»Nein.«

»Hast du Kinder?«

»Ja.«

»Hast du jemals deine Frau betrogen?«

»Nein.«

»Hast du gestern Abend Alkohol getrunken?«

»Nein«, antworte ich trocken. Ich möchte kein schlechtes Bild von mir abgeben. Deshalb habe ich die beiden letzten Fragen mit Nein beantwortet. Mich jetzt zu korrigieren wäre schlimmer.

»Bist du ein Spion?«, fragt Enrique weiter.

»Nein.«

So geht es zehn Minuten. Nicht länger. Aber mir kommt es vor wie eine Ewigkeit. Ich bin so angespannt, wie ich auf dem Bett sitze, dass mir der Rücken wehtut. Vielleicht lassen sie mich ganz bewusst in dieser unbequemen Position verharren. Und dann ist der Test zu Ende.

Logan befreit mich von den Sensoren. Er nimmt etwas zur Hand, das aussieht wie ein PC, und während er das Ergebnis des Tests liest, brummelt er vor sich hin.

»Enrique, komm mit ins Bad. Ich muss mit dir sprechen«, wendet er sich an seinen Kollegen.

Gut. Und was passiert jetzt? Gehört dieses Theater zum Test? Ich bleibe in meiner unbequemen Position auf dem Bett sitzen und erwarte das Urteil. Enrique kommt als Erster aus dem Bad.

»Du bist NDI«, verkündet er.

»NDI?«, frage ich besorgt.

»No Deception Indicated«, erläutert Enrique. Es gibt keine Hinweise auf Täuschung.

Ich entspanne mich.

»Bis auf eine Antwort, die nicht klar ist«, sagt Logan hinter ihm.

»Welche?«, frage ich.

»Kannst du es dir nicht denken?«, stellt Enrique die Gegenfrage. Und ich fange an, etwas vor mich hin zu brabbeln.

»Macht nichts«, beendet Logan das Gespräch und lässt mich, wohl absichtlich, im Ungewissen.

»Jetzt erkläre ich dir, mit welchem System du sicher mit uns kommunizieren kannst. Wir fangen heute an und machen morgen Vormittag weiter«, fügt er hinzu.

Morgen? Ist es wirklich so kompliziert, frage ich mich. Ich möchte nicht gleich sagen, dass ich noch heute Abend zurückfahren muss, wie ich es meiner Frau versprochen habe. Und auch nicht, dass ich übermorgen zur Arbeit muss. Aber einen Tag länger in Innsbruck zu bleiben wäre tatsächlich ein Problem. Es klopft an der Tür. Ich erstarre.

»Wer ist da?«, frage ich. Meine Kehle ist wie zugeschnürt.

»Enrique.«

Er kommt mit drei belegten Brötchen in einer Papiertüte herein. Ich habe gar nicht gemerkt, dass er das Zimmer verlassen hat.

»Da ist Käse drauf, ist das okay?«, fragt er.

Nach zwei Stunden habe ich kapiert, wie die Methode funktioniert. Wir machen mehrere Kommunikationsversuche, um sicher zu sein, dass ich es auch wirklich verstanden habe. Aber ich brauche keinen Tag länger zu bleiben. Enrique und Logan gratulieren mir zu meiner schnellen Auffassungsgabe. Dann lädt sich Logan den riesigen Rucksack mit den Geräten auf die Schulter und geht. Enrique fragt, wann mein Zug nach Mailand fährt. Ich schaue auf die Uhr, und obwohl ich noch fast drei Stunden Zeit habe, sage ich, dass ich sofort aufbrechen werde, wenn er gegangen ist. Mehr nicht. Und so verabschiedet sich auch Enrique und verlässt das Zimmer.

Um die Wahrheit zu sagen, habe ich vor der Abfahrt meines Zuges noch etwas zu tun. Ich gehe ins Tourismusbüro. Eine Gruppe von Jugendlichen, beladen mit jeder Menge Gepäck, verhindert, dass ich mit einem Blick sehe, ob Lena da ist. Obwohl ich weiß, dass sie mich halblaut beschimpfen werden, gehe ich an der Schlange vorbei nach vorn. Das missbilligende Gemurmel über mein Verhalten weckt die Aufmerksamkeit eines Angestellten hinter dem Schalter. Und noch bevor ich ihn sehe, steht er auf, richtet den Zeigefinger auf mich und weist mich an, mich wieder in die Schlange zu stellen.

Mit gesenktem Blick trete ich den Rückzug an. Ich habe keinen Grund, länger zu bleiben. Lena ist heute nicht im Dienst. Aber ich möchte nicht gehen, ohne sie wiederzusehen. Und obwohl die Wahrscheinlichkeit nicht besonders groß ist, beschließe ich, die Straßen im Umkreis des Hotels abzulaufen. Und stehe unversehens vor dem historischen Bogengang in der Maria-Theresien-Straße Nummer 38. Ich passiere ihn, durchquere den Hof und öffne langsam die gläserne Eingangstür zum Café im Hof. Der Duft von Zimt und frischem Brot steigt mir in die Nase. Bevor ich etwas bestelle, werfe ich einen Blick auf die Kuchen in der Vitrine. Ich schwanke zwischen dem köstlichen Apfelstrudel und einem Stück Sachertorte.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragt das Mädchen an der Kasse.

»Ja, danke. Ich möchte …« Ich deute auf den Apfelstrudel. Ein Lachen von jenseits der Wand, die den Gästeraum abtrennt, lenkt mich ab. Ein unverwechselbares Lachen. Ich entferne mich von der Theke, während ich weiter auf den Apfelstrudel deute. Eine unwillkürliche, schwungvolle Bewegung. Und als ich Lena am selben Tisch, an dem ich am Abend zuvor mit ihr saß, jetzt mit Enrique sitzen sehe, halte ich instinktiv inne. Die beiden sehen mich nicht.

Ich mache kehrt. Ich werfe dem Mädchen an der Kasse einen entschuldigenden Blick zu und gehe. Mir ist bewusst, dass ich weglaufe. Als hätte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht sofort zum Bahnhof gegangen bin, wie ich es Enrique gesagt hatte. Erst als der Zug die Grenze nach Italien überquert hat, scheint mein Gehirn wieder zu funktionieren. Vielleicht weil es spürt, dass ich auf italienischem Boden nicht mit neuen gefährlichen Situationen konfrontiert bin. Der Wunsch, Lena wiederzusehen, hätte mich fast dazu verleitet, die beiden zu begrüßen, ihre Reaktion zu beobachten und Enrique klarzumachen, dass ich alles durchschaut habe und kein Dummkopf bin. Aber das wäre ein schwerer Fehler gewesen. Ich sage mir, dass ich das Richtige getan habe. Im Besitz einer Information zu sein, die andere geheim halten, gibt dir eine Waffe in die Hand, die dir immense Vorteile verschaffen kann. Ich lächle in die Dunkelheit vor dem Fenster, als ich merke, dass ich anfange zu denken wie sie.

Zu Hause steht das Essen schon bereit.

* Erst mit der Reform 1981 wurde die italienische Polizei entmilitarisiert und erhielt ihren zivilen Status zurück, den sie im Faschismus verloren hatte. (A.d.Ü.)

EIN KOFFER FÜR DEN ABGEORDNETEN

Ich sperre die Tür auf. Kontrolliere das Protokoll der Alarmanlage auf dem Gerät an der Wand und vergewissere mich, dass niemand in die Wohnung eingedrungen ist. Dann schalte ich den Videorekorder ein.

Handgriffe, die ich inzwischen ganz mechanisch ausführe. Ich habe einen lautlosen Alarm installiert. Ohne Sirene. Mir genügt es zu wissen, ob jemand durch die Wohnungstür oder die Fenster eingedrungen ist oder es versucht hat. Die Sensoren sind hinter den Bilderrahmen und im Blumentopf am Eingang versteckt. Werden sie aktiviert, filmen vier Minikameras den Eindringling, sodass ich Gegenmaßnahmen ergreifen kann.

Ich strecke mich auf dem Sofa aus, während Musik das Wohnzimmer erfüllt. Diana und die Kleine sind in den Ferien. Die moderne Technik ist mir eine große Hilfe. Ich habe den Videorekorder mit dem Musikkanal MTV synchronisiert, der in Italien von einem Privatsender übertragen wird. Und ich habe den Zeitraum eingestellt, der mich interessiert. Ich nehme nur von Uhrzeit x bis Uhrzeit y auf.

Was für eine grandiose Methode. Auf diese Weise kommunizieren wir schon seit ein paar Monaten. Die Zuschauer können jemandem einen Song widmen, Freunde grüßen oder eine Liebeserklärung machen, und MTV übermittelt die Nachricht als Text unter dem Videoclip. Wenn ich nach Hause komme, spule ich das Band zurück und schaue mir die Aufnahme an. Wenn es eine neue Nachricht für mich gibt, habe ich sie in wenigen Minuten gefunden.

Ich lese die Sätze, die über den Bildschirm laufen. Ein Song folgt auf den anderen. Ich muss auf Nachrichten achten, die mit einem Tiernamen und einem Datum beginnen und enden. Jedem Tier entspricht eine ganz bestimmte Stadt. Falke ist Florenz, Rabe ist Rom. Die Adresse ist stets dieselbe und war von Anfang an festgelegt. Das tatsächliche Datum des Treffens jedoch verschiebt sich gegenüber dem im Fernsehen angezeigten um eine Woche. Die Uhrzeit bleibt gleich. Eine einfache und sichere Methode. Keine Telefonate. Keine Gefahr, abgehört zu werden.

Auch für dringende Treffen gibt es ein Verfahren. Wenn wir uns kurzfristig treffen müssen, befestigen sie ein schwarzes Klebeband am Laternenpfahl an der Ecke meiner Straße. Um sie wissen zu lassen, dass ich es entdeckt habe, muss ich es herunterreißen und auf den Abfalleimer am selben Laternenpfahl kleben. Von dem Moment an habe ich zwölf Stunden Zeit, um in dem privaten Anzeigenblatt Secondamano, Aus zweiter Hand, eine Verkaufsanzeige für eine kaputte Waschmaschine aufzugeben, in der ich Ort, Tag und Uhrzeit der Abholung nenne. Meinen Controller treffe ich dann drei Tage und drei Stunden später als zu dem in der Anzeige genannten Datum.

Und bei einem solchen über MTV festgesetzten Treffen erhalte ich meinen ersten richtigen Auftrag. Am Tag der Operation stehe ich im Morgengrauen auf. Ich gehe unter die Dusche, wenn das Bad schon voller Dampf ist. Das heiße Wasser rinnt über meinen Körper. Ich schließe die Augen und bleibe zehn Minuten. Das mache ich immer, wenn ich mich entspannen und nachdenken will. Ich kleide mich gepflegt. Weißes Hemd. Blauer Nadelstreifenanzug. Klassische Krawatte mit weißen und blauen Streifen. Ich schnüre die schwarzen, in der Schweiz handgefertigten Schuhe der Marke Bally, Modell Flabber, zu. Inzwischen kann ich mir schöne Dinge gönnen. Mit dem Föhn erwärme ich ein paar Sekunden die ghanaische Sheabutter, die meine gebräunte Gesichtshaut glatt und glänzend macht. Der Duft von Morris, meinem Lieblingsparfüm, legt sich auf jede Faser meines Anzugs. Ich rufe in der Taxizentrale an.

»Zehn Minuten, Pisa 49«, sagt die Vermittlerin.

Ich öffne das Etui mit dem Geschenk, das ich mir mit dem ersten Geld von der Agency selbst gemacht habe: eine Rolex Cellini Date. Ich lege sie voller Stolz an. Ich überprüfe, ob die beiden Steckdosen mit der Zeitschaltuhr richtig eingestellt sind, um abwechselnd den Fernseher und die Stehlampe ein- und auszuschalten. Auf diese Weise sieht es aus, als wäre jemand zu Hause. Ich ziehe die Rollläden hoch. Mache die Vorhänge zu. Dann verlasse ich das Haus.

Ich werfe einen letzten Blick auf die gepanzerte Tür, die ich soeben abgeschlossen habe. Als könnte sie mir bei meiner Rückkehr wichtige Details verraten. Die Aufzugstür ist offen. Letzte Nacht bin ich um halb vier nach Hause gekommen, und ich weiß genau, dass ich wie immer den Lift wieder ins Erdgeschoss hinuntergeschickt habe. Ich drehe das Handgelenk und sehe, dass es 6.25 Uhr ist. Es muss also jemand in meine Etage hochgefahren sein, nachdem ich nach Hause gekommen bin. Und das war bestimmt nicht meine neunzigjährige Nachbarin. Ein elektrisierender Schauder läuft mir über den Rücken. Meine Beinmuskeln spannen sich an. Gefahr. Das ist das Signal, das mein Verstand in meinen ganzen Körper schickt.

Ich schlucke. Renne die Treppe hoch in die oberste Etage. Ich erwarte, dort jemanden zu finden, der sich auf dem Treppenabsatz versteckt hält. Von dort gelangt man auf die große Terrasse. Nichts. Der Durchgang zum Dach ist abgesperrt. Ich kehre in mein Stockwerk zurück, wo ich den Lift durch die geöffnete Tür blockiert habe. Ich ziehe meine Jacke aus und stelle fest, dass ich Schweißflecken unter den Achseln habe. Gewiss, wir haben August, und es ist schon früh am Morgen recht heiß. Ich ärgere mich über mich selbst. Ich gebe meiner Paranoia die Schuld, die mich inzwischen Tag und Nacht verfolgt.

Das Taxi ist schon da. Bevor ich einsteige, schaue ich mich in alle Richtungen um.

»Buongiorno, zum Flughafen Linate bitte«, sage ich zu dem Fahrer. Er dreht sich um und begrüßt mich mit einem Lächeln. Er ist nicht älter als dreißig. Wenn man sieht, wie viel Platz er auf dem Sitz einnimmt, kann er nicht besonders groß sein. Bürstenhaarschnitt. Graue Kapuzenjacke. Eine Kapuzenjacke im sommerlichen Mailand?

»Gern, Signore«, antwortet er.

Ich spanne sämtliche Muskeln an. Drücke das linke Bein zwischen die beiden Vordersitze, bereit, dem Taxifahrer mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, falls er der Köder einer Falle ist. Meine rechte Hand umklammert den Griff der Autotür. Ich würde nicht zögern, die Tür zu öffnen und zu fliehen. Auf dem Autobahnring ist kein Verkehr. Alle sind im Urlaub. Aber ich bin in der Stadt und arbeite. Je näher wir dem Flughafen kommen, desto mehr entspanne ich mich. Keine Straßensperre. Keine Kontrolle durch meine Kollegen, die vielleicht kein bloßer Zufall wäre. Nicht einmal der Taxifahrer hat mich eines zweiten Blickes gewürdigt. Auch nicht durch den Rückspiegel. In der Ablage zwischen den beiden Sitzen hinter dem Schaltknüppel liegt eine Packung Levothyroxin-Kapseln. Ich kenne die Tabletten, weil ich sie meiner neunzigjährigen Nachbarin besorge, die an Schilddrüsenunterfunktion leidet. Wer diese Krankheit hat, friert ständig. Auch im August. Deswegen trägt der Taxifahrer eine Kapuzenjacke. Nicht, um eine Pistole darunter zu verstecken. Ich muss über meinen Argwohn schmunzeln.

Ich entspanne mich vollständig und mache es mir auf dem Sitz bequem. An die Kopfstütze gelehnt, sehe ich mein Gesicht im Rückspiegel. Ich betrachte mich, als wäre ich eine fremde Person. ›Hör auf, dich wie ein Idiot zu verhalten‹, sage ich zu meinem Spiegelbild. ›Ein Idiot wäre ich, wenn ich mich nicht so verhalten würde‹, gebe ich mir zur Antwort.

Solche Selbstgespräche werden mir allmählich zur Gewohnheit. Sie helfen mir, nachzudenken und zu verstehen. Man könnte mich für schizophren halten, aber es ist eine mentale Übung. Geboren aus der Notwendigkeit, mit jemandem zu sprechen, ohne dass ich Gefahr laufe, verraten zu werden. Mit jemandem, der mir Ratschläge für das erteilen kann, was ich jeweils gerade mache. Und dieser Jemand bin ich.

»Lassen Sie mich beim Abflug raus«, sage ich zu dem Taxifahrer.

Die Klimaanlage im Innern des Flughafens ist eine Wohltat. Ich warte ein paar Minuten. Gehe wieder hinaus, um zu überprüfen, ob das Taxi weggefahren ist. Levothyroxin hin oder her, Vorsicht ist immer besser. Ich kehre ins Flughafengebäude zurück und begebe mich zum Zeitungsstand, nur um sicher zu sein, dass niemand mich beschattet. Dann gehe ich zur Rolltreppe und fahre einen Stock tiefer in die große Ankunftshalle. Ich muss auf einen Koffer warten, der von Las Vegas über Rom nach Mailand unterwegs ist. Ich werfe einen Blick auf die Anzeigetafel. Das Flugzeug ist vor wenigen Minuten gelandet.

Ich begebe mich zu dem der Polizei vorbehaltenen Eingang. Aus dem Augenwinkel sehe ich zwei Polizisten in Uniform vor dem Gepäckscanner. Ich wende mich ihnen nicht zu, sondern hebe nur beiläufig die rechte Hand zum Gruß. In der Linken habe ich die elektronische Karte, die die Betreibergesellschaft des Flughafens meiner Dienststelle vor sechs Monaten im Rahmen der Ermittlungen zu einem Terrornetzwerk zur Verfügung gestellt hat. Diese Karte habe ich noch nie benutzt und weiß nicht einmal, ob sie überhaupt noch aktiviert ist. Ich stecke sie in den Schlitz und hoffe, sie richtig herum hineingeschoben zu haben, sodass das Magnetband gelesen werden kann. Nichts. Nervös drehe ich die Karte mehrmals um, ohne Erfolg. Ich bemerke, dass einer der Polizisten mich beobachtet. Jetzt kommt er auf mich zu. Es sind nur fünf oder sechs Meter. Ich könnte mich umdrehen und gehen. Aber von hinten steigt mir zuerst ein starker Knoblauchgeruch in die Nase, dann spüre ich seinen warmen Atem.

»Dottore, hier funktioniert nichts. Geben Sie sie mir«, sagt er. Er arbeitet vermutlich seit Jahren in Mailand, doch seinen sizilianischen Akzent hat er nicht abgelegt. Er nimmt mir die Karte aus der Hand und reibt sie an der Hose seiner Uniform. Dann schaut er mir in die Augen, steckt den Ausweis in den Schlitz, und die Tür öffnet sich.

Er sieht mich an, als hätte er ein Zauberkunststück vorgeführt.

»Danke, danke«, sage ich zu ihm und deute eine Verbeugung an. Ich muss mir ein Schmunzeln verkneifen, weil er mich für einen seiner Vorgesetzten hält. Auch diesmal haben mein eleganter Anzug, die Schuhe und die Rolex Wirkung gezeigt. Kleider machen eben Leute. Ich agiere wie ein Schauspieler auf der Bühne. Vielleicht ist genau dies das Leben.

Die Halle mit den Gepäckbändern ist fast menschenleer. Eine Reisetasche. Zwei Koffer. Ein roter, in Zellophan eingewickelter Trolley. Sie drehen auf dem Gepäckband ihre Runden, aber niemand nimmt sie herunter. Ich warte eine weitere Runde ab, blicke mich nach allen Seiten um und greife dann nach dem Trolley, um den am Griff angebrachten Anhänger zu entziffern. Das ist er. Ich ziehe das Namensschild heraus. Auf der Rückseite stehen mein Name und eine fiktive Adresse. Ich stecke das Namensschild wieder in den Anhänger und begebe mich zum Ausgang.

Den Koffer hinter mir herziehend, passiere ich den Zoll. Im kalten Neonlicht ist ein Beamter der Finanzpolizei mit einem Drogenspürhund an der Leine damit beschäftigt, einen Chinesen zu kontrollieren. Ein anderer Zollfahnder hinter dem Tisch, auf dem das Gepäck zur Kontrolle geöffnet wird, nimmt mich in den Blick. Ich spüre, wie die Schweißflecken unter meinen Achseln immer größer werden. Und wenn man mich anhält?

Blitzartig kommt mir eine Idee. Ich fange an, mit dem Hintern zu wackeln und den rechten Arm hin und her zu schlenkern. Ich verlangsame meinen Schritt und schaue den Zollbeamten an, wie ihn mit Sicherheit keine Frau jemals angeschaut hat. Mit einem Umweg von ein paar Metern gehe ich auf ihn zu. Er ist jung. Er errötet und schlägt die Augen nieder. Jetzt bin ich zwei Meter vom Ausgang entfernt. Im Spiegelbild der automatischen Glasschiebetür sehe ich, dass er zu seinem Kollegen getreten ist und lachend und mit ausgestrecktem Arm auf mich zeigt. Ich entdecke die Videokameras an den Pfeilern der Flughafenhalle und fange an, mich wieder normal zu bewegen. Im Sommer ist die Luft in Mailand klebrig. Aber jetzt spüre ich voller Erleichterung, wie sich die schwüle Hitze auf mein Gesicht legt. Ich bin draußen.

Nur ein paar Meter entfernt steht der Bus. Alle zwanzig Minuten fährt einer in Richtung Hauptbahnhof. Ich warte, bis der Fahrer den Kofferraum geschlossen hat. Jetzt ist der Koffer in Sicherheit. Mit drei Schritten bin ich bei seinem Kollegen, der die Tickets verkauft. Er hat sich neben dem vorderen Einstieg postiert. Ich spreche ihn auf Englisch an, aber er registriert es gar nicht. Er nimmt das Geld und reicht mir das Ticket. Ich steige ein und finde einen freien Platz ganz hinten, die Tür im Blick. Der Bus fährt los. Nach mir ist niemand mehr eingestiegen.

Ich entspanne mich. Die letzte Kontrolle werde ich machen, wenn wir in der Stadt sind, auf der Busspur. Erst dann weiß man, ob man von einem Auto verfolgt wird. Ich schalte das Aufnahmegerät ein, das ich in der Tasche habe. Ich befestige das kleine Mikrofon am Aufschlag meiner Jacke und fange an, alle Modelle der Autos zu diktieren, die ich vom Fenster aus sehe, dazu die Autonummern. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass es extrem schwer ist, Dutzende Modelle und Nummernschilder im Kopf zu behalten. Ich werde die so gesammelten Daten transkribieren und dann beurteilen, ob man mich beschattet hat.

Am Hauptbahnhof steige ich aus. Wie immer wimmelt es von Menschen. Das kann mir nur recht sein. Ich betrete die Halle mit dem monumentalen Gewölbe. Ich gehe langsam und gemächlich. Nach wenigen Schritten stehe ich in der Schlange vor dem Zugschalter. Kurz bevor ich an der Reihe bin, trete ich aus der Schlange heraus und begebe mich zum Taxistand. Ich lasse mich in die Via Brusuglio, Ecke Via Pietro Bembo fahren. An der äußersten Peripherie. Unter anderen Umständen hätte ich mich weit entfernt vom Treffpunkt absetzen lassen. Aber es ist heiß, ich bin müde, und ich will den roten Rollkoffer endlich loswerden. Im Kopf überschlage ich die Entfernung, die mich noch von meinem Ziel trennt. Dreihundertzwanzig Meter zu Fuß. Ich bringe sie zügig hinter mich, den Koffer hinter mir herziehend. Es ist elf Uhr. Um Viertel nach elf muss ich am Treffpunkt sein. Das Ziel ist ein riesiges Gebäude, möglicherweise eine ehemalige Fabrik. Ich habe es schon auf der Schnellstraße Viale Enrico Fermi vom Taxi aus gesehen.

Im Geist rekapituliere ich die Anweisungen. An der Ecke Via Camillo Colombi entdecke ich das weiße Auto, einen Alfasud. Er ist exakt da geparkt, wo man es mir gesagt hat. Das Nummernschild stimmt. Ich nähere mich dem Wagen. Öffne den Kofferraum, der, wie erwartet, unverschlossen ist. Ich hebe den roten Trolley in den Kofferraum, mache ihn wieder zu, und als ich mich umdrehe, bemerke ich einen Mann. Ein junges Gesicht der Politik. Ein Versprechen aus dem Mitte-Rechts-Lager. Seit Monaten sehe ich ihn immer mal wieder im Fernsehen, vor allem in lokalen Sendern. Jetzt weiß ich, dass er Karriere machen wird. Ich gehe weiter, ohne mich noch einmal umzudrehen. Höre, wie er die Wagentür öffnet. Und wieder schließt. Vor allem aber höre ich das Knirschen der Gangschaltung.

»Er ist ganz schön nervös«, denke ich.

»Wer ist der Politiker?«

Simone Pace lächelt. Seine Stimme ist noch leiser, als er sagt: »Einer, der damals noch ganz am Anfang stand. Und der den Amerikanern offenkundig gefallen hat.«

»Und hat er dann Karriere gemacht?«

»Ja.«

»Wo ist er heute?«

»Er ist immer noch in der Politik«, antwortet Simone Pace und sieht mir in die Augen.

»Sein Name?«

»Sehen Sie, wie ich schon gesagt habe, handelt es sich um verdeckte Operationen. Es existiert kein einziges Dokument, kein einziger Beweis, der belegt, was geschehen ist. Den Namen sage ich Ihnen nicht. Zu Ihrer eigenen Sicherheit. Und zu meiner. Es gibt nicht viele Zeugen. Ich weiß, wer dieser Politiker ist. Er weiß es. Die Amerikaner, die die Operation genehmigt haben, wissen es. Auf der ganzen Welt gibt es drei, vier, höchstens fünf Personen, die den Namen kennen«, bemerkt Simone Pace. Er hat recht.

»Er ist also ein erpressbarer Politiker«, bohre ich nach. Das ist schließlich meine Aufgabe als Journalist.

»Sicher, aber erpressbar nicht durch mich. Das ist nicht mein Stil. Und wie gesagt, es gibt kein einziges Dokument, das belegt, was geschehen ist. Vielleicht haben Sie es noch nicht bemerkt, aber ein großer Teil der zeitgenössischen Geschichte ist auf Wasser geschrieben. Und zwar mit voller Absicht. Was man uns erzählt, ist nur die offizielle Version. Die Wahrheit lautet oft anders und ist gut versteckt. Die Demokratie oder vielmehr die im Verfall begriffene Demokratie der medialen Welt, in der wir heute leben, braucht die Lüge. Wenn die Wähler die ganze Wahrheit kennen würden, wie könnten dann die Herrschenden den Konsens aufrechterhalten?«

»Ich verstehe, was Sie meinen. Aber was war in dem roten Trolley? War er schwer?«

»Schwer? Wenn Sie glauben, es waren Waffen drin, lautet die Antwort Nein«, sagt Simone Pace und muss lachen.

»Nicht unbedingt Waffen, aber …«

»Ich habe den Koffer nicht geöffnet, er war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Aber es war Geld drin. Ich weiß nicht, wie viel, aber dieser Trolley war voller Geld«, verrät mir Simone Pace. »Patrick hat es mir gesagt, als er mir die Operation zugewiesen hat. Es ist Sommer 1989. Die Welt steht vor einem epochalen Umbruch: Fall der Berliner Mauer, Ende des Kalten Kriegs, Kapitulation der Sowjetunion. Und auch in Italien, das aufgrund seiner strategischen Lage am Mittelmeer ein wichtiger Verbündeter der Vereinigten Staaten ist, muss dieser Umbruch unterstützt werden. Nachdem die Amerikaner den Kalten Krieg gewonnen haben, denken sie vielleicht schon darüber nach, der korrupten Politik der Ersten Italienischen Republik ein Ende zu bereiten.«

»Ich verstehe.«

Simone Pace lacht. »Ja, aber diejenigen, die diesen Umbruch finanzieren und steuern, sind dieselben wie zuvor.«

»Wie ist der Koffer zum Flughafen Linate gelangt?«, frage ich.

»Das weiß ich nicht. Ich habe niemanden getroffen. Ich habe den Koffer vom Gepäckband dieses Fluges aus Rom genommen. So lautete die Anweisung.«

Niemand, fährt Simone Pace fort, sagt mir, ob meine Mitarbeit wertgeschätzt wird. Aber sie bezahlen mich weiter, und dafür muss es einen Grund geben. In meiner Dienststelle wird der Arbeitsrhythmus immer hektischer. Inzwischen fotokopiere ich fast alle Dokumente, die dann direkt nach Langley gehen. So stelle ich es mir jedenfalls vor.

Einmal im Monat, manchmal auch öfter, treffe ich mich mit Enrique. Der Venezolaner, der mich in Innsbruck dem Test unterzogen hat, hat Patricks Posten übernommen. Wir treffen uns jedes Mal in einem anderen Land oder einer anderen Stadt. Immer Samstagnachmittag oder Sonntag. Nie in der Schweiz. Eines Tages erklärt mir Enrique, dass aufgrund irgendwelcher Abkommen die Schweiz das einzige Land Europas ist, in dem die CIA nicht operieren kann.

Wenn ich die Instruktionen zu einem Treffpunkt erhalte, hoffe ich jedes Mal, dass er nicht allzu weit entfernt liegt. Denn je länger ich unterwegs bin, desto größer ist das Risiko. Wenn ich das Haus verlasse, bin ich unerreichbar. Nicht einmal zu Diana sage ich, wohin ich gehe. Falls etwas schiefgeht, darf meine Frau, selbst wenn sie unter Druck gesetzt wird, nichts zu erzählen haben. Diana weiß nichts von meinem zweiten Job. Ich schätze ihre Zurückhaltung. Im Lauf der Zeit jedoch merke ich, dass sie eine Erklärung für meine ständige Abwesenheit möchte. Manchmal bin ich nahe daran, ihr die Wahrheit zu sagen. Aber sie fragt nie nach. Und ich sage nichts. Bis heute bin ich überzeugt, dass ich mich richtig verhalten habe. Im Moment nimmt sie die Situation hin, wie sie ist. Wir haben keine Geldsorgen mehr. Und das hilft, die vielen Unstimmigkeiten zwischen uns zu lösen.

Nur die ersten Male, als ich verschwinde, sagt Diana: »Und wenn jemand nach dir fragt?« Ich erkläre ihr, sie solle sagen, wir hätten uns gestritten und ich sei rausgegangen. Aber es hat nie jemand nach mir gefragt. Wenn ich gezwungen bin, länger als einen Tag von zu Hause fortzubleiben, vermeide ich es anzurufen. Aber in einer Familie kann immer etwas passieren. So wie an jenem Abend, als ich die Tür öffne und niemand da ist. Auf dem Tisch liegt ein Zettel: »Mach dir keine Sorgen. Ich bin mit der Kleinen in der Notaufnahme.«

Ich soll mir keine Sorgen machen? Ich setze mich ins Auto und rase ins Krankenhaus. Ich hätte fast drei Unfälle gebaut und eine Frau auf dem Zebrastreifen überfahren. Die Kleine hat hohes Fieber. Sie erbricht. Nichts Ernstes, gewiss. Beschwerden, wie sie Kleinkinder öfter haben. Ich betrachte sie in ihrem Bettchen auf der Kinderstation des Krankenhauses und zittere und bange, von Schuldgefühlen gepeinigt.

GERALD BULL MUSS STERBEN

Enrique muss ganz plötzlich abreisen. Er verlässt Europa. Das teilt er mir an einem Sonntag Ende November in Florenz mit. Unser Treffpunkt ist die Piazza della Signoria. Bevor wir miteinander sprechen, gehen wir zwei Mal aneinander vorbei, ohne uns zu beachten. Wir wollen sichergehen, dass wir nicht beschattet werden. Das ist nicht leicht zu beurteilen. Der Platz wimmelt von Leuten unterschiedlichen Aussehens und unterschiedlicher Herkunft. Aber wir bauen auf unsere Erfahrung. Ich folge ihm, als ich ihn in die Via Chiasso dei Baroncelli einbiegen sehe, eine schmale Gasse zwischen der Loggia dei Lanzi und den sechs Fenstern einer schmalen, dreistöckigen Fassade. Es ist halb zwölf Uhr Mittag, und das Echo unserer Schritte erfüllt die kühle Luft. Plötzlich verlangsamt Enrique seinen Schritt, sodass ich ihn einholen kann. Er dreht sich um und begrüßt mich herzlich. Wir gehen nach links in die Via Lambertesca und dann gleich wieder nach rechts in die Via dei Georgofili. Hier übergebe ich ihm ein Konvolut mit Informationen über die Politiker der Sozialistischen Partei PSI in Mailand und über Spitzenfunktionäre der Industrie, die mit dieser Partei verbunden sind. Jetzt erreichen wir den Lungarno degli Archibusieri und wenden uns erneut nach rechts zum Arkadengang des Corridoio Vasariano.

»In welchem Jahr sind wir?«, frage ich ihn.

»1989«, antwortet Simone Pace.

»Die CIA interessiert sich also für den PSI und deren Vorsitzenden Bettino Craxi bereits drei Jahre vor Beginn der Ermittlungen wegen Korruption in den Parteien? Diese Untersuchungen, die Italien erschüttern, beginnen am 17. Februar 1992.«

»Ja«, bestätigt Simone Pace, »drei Jahre vor den Ermittlungen von Mani pulite. Bedenken Sie, wir haben Ende November 1989. Die Berliner Mauer ist am 9. November gefallen. Der Kalte Krieg ist zu Ende, und zu unserem Glück stehen wir aufseiten der Sieger. Es gilt, die Welt neu zu gestalten. Sie dürfen sich die CIA nicht als einen Spionagedienst vorstellen. Die CIA ist viel mehr als das, war es jedenfalls damals. Es gibt nicht nur operative Agenten wie mich. Ganz oben steht ein Kreis von Historikern, die imstande sind, Geschichte zu schreiben, bevor sich die Geschichte manifestiert. Fähige und kluge Historiker, die der Politik und dem Wählerkonsens wie Bulldozer den Weg ebnen, damit sich in den verbündeten Staaten der Wandel vollzieht, ohne dass Washington die Kontrolle darüber verliert. Diese Führungsspitze ist der Thinktank der CIA, die Denkfabrik, die Expertengruppe. Wir vor Ort sind die Ausführenden … die Ausführenden eines Plans, der uns nicht einmal enthüllt wird. In den Vereinigten Staaten gibt es viele öffentliche und private Thinktanks.«

Der große Moses hört ihm zu und beobachtet uns mit merkwürdigen Augenbewegungen. Das unablässig wechselnde Licht, das durch die großen Fenster fällt, ein Spiel von Sonne und Wolken, verwandelt die Reflexe auf dem behauenen Marmor in einen lebendigen Blick. Simone Pace fährt mit seiner Erzählung fort.

Enrique steckt das Dossier zur Sozialistischen Partei in einen Umschlag und klebt ihn zu. Dann legt er ihn in seinen Diplomatenkoffer aus schwarzem Leder. Wenn er angehalten wird, schützt ihn seine Immunität. Niemand darf seinen Koffer öffnen und nachschauen, was er darin versteckt hat.

»Wir müssen zu einer Trattoria in der Nähe, beim Ponte Vecchio, vor der wir verabredet sind«, sagt er dann.

Auf dem Gehsteig, nur wenige Meter entfernt, stehen zwei Männer. Sie haben uns den Rücken zugedreht und sehen uns nicht kommen.

»Buongiorno«, begrüßt Enrique sie und berührt flüchtig den linken Arm des Größeren der beiden in einem weißen Trenchcoat. Sie drehen sich gleichzeitig um. Ich weiß nicht, was ich für eine Grimasse schneide. Meine Gesichtszüge entgleiten mir. Mein Mund wird schlagartig trocken, und ich muss schlucken. Es ist unglaublich, wie in manchen Situationen die Zeit ihre Bedeutung verliert. Die Geräusche werden unscharf, gedämpft, wie durch Watte. Der Körper hat keine Bodenhaftung mehr. Giacomo? Die unvermeidliche Zigarre im Mund. Die Brille viel zu groß für sein Gesicht. Der Körper noch etwas schwerer als damals. Ja, er ist es. Der Ehrengast des Mittagessens im Restaurant Ibiza in Mailand. Der finstere Verschwörer, der uns am Tag des Jahrhundertschnees in das Büro in der Via Turati bestellt und mich gebeten hat, Informationen über einen Topmanager des größten italienischen Chemiekonzerns zu sammeln. Jenes Treffen, bei dem Mattia, der im militärischen Nachrichtendienst Karriere macht, feierlich und von sich eingenommen erklärt, wir seien es, die sich um die Sicherheit Italiens kümmern müssten. Enriques Stimme holt mich in die Gegenwart zurück.

»Darf ich dir Martin vorstellen?«, fragt er, und mein neuer Controller, der Kommandant, der von Langley geschickte Operationschef, schüttelt mir die Hand.

Ich versuche, mich auf ihn zu konzentrieren, um mein Unbehagen zu verbergen. Doch Giacomo entfernt sich, als ob nichts wäre und ohne uns vorgestellt worden zu sein. Er geht den Arno entlang in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Weder Martin noch Enrique sagen etwas. Ich suche bei ihnen nach Anzeichen der Verlegenheit, nach einvernehmlichen Blicken. Nichts. Es scheint, als wäre ich der Einzige, der Giacomo überhaupt gesehen hat.

Es ist ein kurzes Treffen. Plötzlich geben sie mir zu verstehen, dass sie es eilig haben. Enrique verabschiedet sich und sagt, er müsse nach Rom weiterfahren. Und sobald ich mit Martin allein bin, gesteht er mir, dass er alles andere als glücklich darüber ist, sonntags arbeiten zu müssen. Er möchte schnellstmöglich zu seiner Familie nach Mailand zurück. Ja, er bietet mir sogar an, mich mitzunehmen. Und was ist mit unseren Sicherheitsregeln? Natürlich lehne ich ab. Für einen so kurzen Austausch hätten wir uns, statt in Florenz, auch in Mailand treffen können.

Die Zugehörigkeit zu einer Behörde, einer Firma oder einer Mannschaft reicht nicht aus, um alle ihre Eigenschaften zu repräsentieren. Es sind die Menschen, die den Unterschied machen. Und jeder Mensch ist anders. Deshalb versetzt mich Martin, mein neuer Controller, von der ersten Minute unserer Begegnung an in Angst. Und das ändert sich auch nicht, als wir uns häufiger sehen. Aber ich sage nichts. Bevor wir uns verabschieden, beschließen wir, an dem mit Enrique abgesprochenen Terminplan für unsere Treffen festzuhalten.

Als auch Martin gegangen ist, bleibe ich noch ein paar Minuten und schaue vom Ponte Vecchio auf den Fluss hinunter. Auf das in Strudeln wirbelnde Wasser. Jahrhunderte der Geschichte und der Kunst haben den Arno auf seinem Weg ins Tyrrhenische Meer begleitet. Ich lasse den Blick langsam nach rechts und links schweifen. Als würde ich erwarten, dass etwas geschieht. Aber es geschieht nichts. Giacomo taucht nicht wieder auf.

Meine Rückfahrt habe ich für fünfzehn Uhr gebucht. Mir bleibt also noch Zeit für einen Spaziergang und ein kurzes Mittagessen. Ich schlendere zwischen den Ständen umher, an denen Krimskrams für Touristen ausgestellt ist, aber ich könnte auch irgendwo anders sein. Ich bin ein Gefangener meiner Gedanken.

Giacomo arbeitet für die CIA? Mir fällt ein, was Tommaso an dem Tag gesagt hat, als ich mit ihm im Auto fuhr: »Das ist der Geheimdienst, der steckt dahinter.« Aber welcher Geheimdienst? Die Italiener oder die Amerikaner? Und meine Deckung? Weiß Giacomo über meine Doppeltätigkeit Bescheid? Und wie viele wissen sonst noch davon?

Während der Zugfahrt überlege ich, dass es vielleicht klüger wäre, ganz aufzuhören. Dass es besser ist, dieses Spiel zu beenden, um mich und meine Familie zu schützen. Aber ich bin nicht jemand, der aufgibt. Und noch bevor der Zug in den Hauptbahnhof von Mailand einfährt, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass eigentlich gar nichts Ungewöhnliches passiert ist. Dass sie wissen, was ich mache. Und dass ich, wenn ich manche Dinge nicht wissen darf, sie eben einfach nicht wissen darf, und Schluss.

Die Wochen vergehen, und Martin scheint das Interesse an mir ganz verloren zu haben. Womöglich liest und gibt er ja nicht einmal die Informationen weiter, die ich ihm übermittle. Ich bin ziemlich enttäuscht. Aber auf diese Weise sind die Risiken, die ich eingehe, wenigstens nicht ganz so groß. Patrick hat einmal zu mir gesagt, dass es für alles eine Erklärung gibt. Und dass es für die CIA wichtig ist, vertrauenswürdige Leute zu haben, auf die man im richtigen Moment zählen kann.

Dieser Moment kommt an einem Spätnachmittag kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember. Das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelt.

»Hallo?«

»Ciao, wie geht’s?«, fragt er. Er braucht sich gar nicht vorzustellen. Sein Italienisch mit halb amerikanischem, halb abruzzischem Akzent ist unverwechselbar. Ich habe Wochen gebraucht, um dahinterzukommen, was es für ein Akzent ist. Martin ist am Apparat. Ich denke, er muss verrückt geworden sein, mich im Büro anzurufen. Oder es ist etwas wirklich Ernstes passiert.

»Sag bloß nicht, dass wir keine Zeit haben, uns schöne Weihnachten zu wünschen. Wir sehen uns heute Abend um sieben zu einem Aperitif. Bis dann«, sagt er und legt auf.

Ich sitze da, den Hörer in der Hand. Dann hebe ich den Kopf und bemerke, dass mein Kollege am Schreibtisch mir gegenüber mich ansieht.

»Ist etwas passiert?«, fragt er.

»Nein. Mir ist nur gerade eingefallen, dass ich noch das Geschenk für Diana kaufen muss. Wir machen an Heiligabend Bescherung, und so bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Jetzt ist es schon sechs. Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich gehe?«

»Wo hast du bloß deinen Kopf, Simone? Du willst doch nicht, dass sie sauer auf dich ist? Also dann bis morgen.«

Auf den Straßen herrscht viel Verkehr. In zwei Tagen ist Weihnachten. Ich beschließe, die U-Bahn zu nehmen. Ich bin fast zwanzig Minuten zu früh am vereinbarten Treffpunkt. Wie immer in solchen Fällen nutze ich die Zeit, um mich abzusichern: mir ein Alibi zu konstruieren und zu kontrollieren, ob ich beschattet werde. Das ist inzwischen zu meinem Lebensstil geworden. Egal, wohin ich gehe, erfindet mein Verstand eine Ausrede, eine Rechtfertigung dafür, dass ich an diesem Ort bin. Und ich lasse niemals zu, dass ein Auto oder eine Person mir längere Zeit folgt. Nach ein paar Kreuzungen ändere ich die Richtung oder halte an. Und wenn der Betreffende immer noch hinter mir ist, lasse ich ihn überholen.

Es ist neunzehn Uhr. Niemand ist zu sehen. Mir kommen Zweifel, ob ich nicht vielleicht die Stunden hinzurechnen muss, die wir für dringende Treffen einkalkulieren. Martin hat deren Anzahl von drei auf zwei verkürzt. Nach einer halben Stunde beschließe ich, meinen Standort zu wechseln. Der Notfallplan tritt immer eine Stunde später in Kraft.

»Ach so, ich muss Ihnen erklären, was ich mit Notfallplan meine«, sagt Simone Pace und wendet den Kopf zu mir.

»Ich kann es mir denken: Wenn einer der beiden das Treffen aus irgendeinem Grund verpasst, probiert man es eine Stunde später noch einmal.«

»Richtig.«

Ich setze mich an der Trambahnhaltestelle auf eine Bank, von der aus ich die Straße gut im Blick habe. Nacheinander erlischt die Beleuchtung der Ladenschilder und Schaufenster. Es ist acht Uhr vorbei. Gegen alle Regeln beschließe ich, noch etwas länger zu warten. Ich sehe Martin aus einem Taxi steigen und loslaufen. Er käme auch für den Notfallplan zu spät. Ich bin nicht einmal zwanzig Meter entfernt. Aber er sieht mich nicht sofort. Er sucht in der Menschenmenge. Ich stehe auf. Gehe ihm entgegen. Endlich entdeckt er mich.

»Entschuldige«, sagt er, »aber es ist ein Wahnsinnsverkehr. Ich musste das Auto stehen lassen und ein Taxi nehmen. Danke, dass du gewartet hast.«

»Was ist denn los?«, frage ich. Ich möchte wissen, warum er mich so dringend sehen will.

»Reden wir in einer Bar«, sagt Martin und senkt dabei die Stimme.

Wir suchen uns einen kleinen Tisch ganz hinten. Die Bar ist leer, bis auf den Mann am Tresen. Wir bestellen zwei Espressi und setzen uns.

»Simone, du hast doch in Belgien gearbeitet, stimmt’s?« Offenkundig kennt er bereits die Antwort.

»Ja«, sage ich.

»Hast du noch Freunde dort?«

»Ja, sicher. Ich habe immer noch Kontakt zu meinen Informanten.«

»Ausgezeichnet, Simone.« Martin lächelt. »Du musst so schnell wie möglich nach Brüssel.«

»Aber wie soll ich jetzt sofort vom Büro wegkommen?«

»Keine Sorge, nicht sofort«, sagt Martin beschwichtigend. »Wir werden dem italienischen Innenministerium mitteilen, dass sich in Brüssel mutmaßliche Terroristen aufhalten, die in Anschläge in Italien verwickelt sind. Wir werden dafür sorgen, dass die Ermittlungen …«

»Lass nur. Ich kann problemlos ein paar Tage Urlaub nehmen und nach Belgien fahren«, schlage ich vor.

»Simone, hast du schon mal von der Superkanone gehört?«, fragt er und schwenkt mit einer leichten Bewegung des Handgelenks den Espresso in seinem Tässchen, um ihn abkühlen zu lassen.

»Ich habe in der Zeitung darüber gelesen.«

»Wir können nicht tatenlos zusehen«, sagt Martin ernst und kippt seinen Espresso hinunter. »Die Israelis haben uns um Hilfe gebeten. Die Reichweite der neuen Waffe würde Israel zu einem Angriffsziel machen. Und ich bin überzeugt, dass die Israelis, wenn sie sich bedroht fühlen, nicht zögern werden, die Atombombe einzusetzen. Das hätte unabsehbare Folgen, weltweit.«

»Und?«, unterbreche ich ihn. »Was kann ich tun, was die beiden mächtigsten Geheimdienste der Welt nicht tun können? Martin, willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Wir müssen den Ingenieur ausschalten, der die Superkanone konzipiert. Die Operation wurde in Washington beschlossen. Aber der Kongress verbietet uns, zu töten und zu foltern. Außerdem ist der Ingenieur ein Bürger Kanadas, eines verbündeten Staates.«

»Dann sollen es doch die Israelis machen«, antworte ich und hoffe, dass dieses ganze Theater bald ein Ende hat.

»Sie werden es ja machen«, verrät Martin. »Aber sie wollen uns in Brüssel dabeihaben. Als Zeugen gewissermaßen. Wir können nicht kneifen. Du sprichst Englisch wie ein Amerikaner. Die Israelis werden denken, du bist einer von uns. Und wenn etwas passiert, wenn irgendetwas schiefgeht, werden die Vereinigten Staaten nicht involviert sein. Du bist kein amerikanischer Staatsbürger.«

»Noch nicht«, sage ich und trinke meinen inzwischen fast kalten Espresso.

Ich weiß: Ich könnte vom Tisch aufstehen und gehen. Ich bin im Begriff, alles aufs Spiel zu setzen. Mein Leben. Meine Familie. Aber um bestimmte Entscheidungen zu treffen, braucht man ein überdimensionales Ego. Und in jenen Jahren habe ich das leider.

»Denk darüber nach. Wir werden uns erkenntlich zeigen«, sagt Martin und führt das Tässchen noch einmal an den Mund, als er entdeckt, dass noch ein letzter Tropfen Kaffee drin ist.

Er lügt, das ist offenkundig.

»Ich möchte nur, dass ihr euch um meine Familie kümmert, wenn etwas passiert«, sage ich und senke den Blick auf die leeren Espressotässchen in der Tischmitte. Mir ist klar, dass meine Bitte ins Leere läuft.

Es vergehen drei Monate, bevor der von Martin angekündigte Plan umgesetzt wird. Zu Hause habe ich gesagt, ich sei mit einer Auslandsmission betraut. Als ich in Brüssel aus dem Bahnhof trete, sehe ich ihn sofort. Charles, mein belgischer Freund, hat Falten im Gesicht, er ist alt geworden. Seit unserer letzten Begegnung sind Jahre vergangen; die Kinder und eine gescheiterte Beziehung haben ihre Spuren hinterlassen. Wir umarmen uns wie alte Freunde. Er begleitet mich ins Hotel und sagt, er komme abends wieder, damit wir gemeinsam essen gehen.

»Um halb neun in der Lobby«, wiederhole ich, bevor wir uns verabschieden.

Ich gehe hoch in mein Zimmer. Ich schaue auf die Uhr. Erst zwei Uhr Nachmittag. Ich lasse meinen Blick herumschweifen. Mein Magen ist leer, und ich habe rasende Kopfschmerzen. Angst ist etwas, was dich packt, ohne dass du es merkst. Du kannst so tun, als ob nichts wäre. Versuchen, dich abzulenken. An schöne Dinge denken. Doch die Angst ist immer da und wartet auf dich. Du glaubst, wenn du nicht daran denkst, verschwindet sie. Aber das stimmt nicht. Ich möchte wieder ein Kind sein und glauben können, dass mich niemand sieht, wenn ich die Augen schließe.

Ich bewege mich so langsam wie möglich und versuche, die Kontrolle über mich wiederzugewinnen. Schließlich schalte ich den Fernseher ein, ziehe den Vorhang zu und lege mich angekleidet, wie ich bin, aufs Bett. Jemand hat mir erklärt, Ohnmacht sei eine Reaktion des Körpers, um nicht von Schmerzen oder von unerträglichem Stress überwältigt zu werden. Beim Aufwachen habe ich das Gefühl, ich wäre ohnmächtig gewesen.

Als ich die Augen öffne, spüre ich Kälteschauder. Ich habe versehentlich die Klimaanlage eingeschaltet und liege mitten in der kalten Luftströmung. Meine Arme, die ich hinter dem Kopf verschränkt habe, sind eingeschlafen. Ich spüre sie nicht mehr. Es vergehen ein paar Minuten, bevor ich es schaffe aufzustehen. Ich trete ans Fenster und entdecke in der Ferne das zur Weltausstellung 1958 errichtete Atomium. Die neun Stahlkugeln von jeweils achtzehn Meter Durchmesser schweben scheinbar frei in der Luft. In meiner Nähe die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos, erleuchtete Fenster, Straßenlaternen und gleichmäßiges Verkehrsrauschen. Es ist schon Abend.

Fast acht. Ich ziehe mich aus und drehe die Dusche auf. Erst, als sich der Dampf auch im Zimmer ausbreitet, betrete ich die Duschkabine. Ich seife mich ein und genieße den heißen Regen, der mir den Kopf massiert, bevor er über meinen Körper rinnt. Ab und zu hebe ich den Kopf, um die Wärme auf meinem Gesicht zu spüren. Ich sagte bereits, wie sehr mir all das hilft, in Momenten der Anspannung meine Verkrampfung zu lösen. Und nachzudenken. Es ist die kleine Barriere, die mich von der Welt abschirmt.

Ich rekapituliere alle Informationen, die Martin mir übermittelt hat. Der Mann ist zweiundsechzig Jahre alt. Kanadier. Ingenieur. Verheiratet. Martin hat mir sogar Fotos von ihm gezeigt. Der Ingenieur erinnert mich an den Schauspieler Alberto Sordi. Sie sehen sich ähnlich.

Eingehüllt in ein kratziges weißes Handtuch, das nach Bleichmittel riecht, betrachte ich mich im Spiegel. Das Einzige, was mir auffällt, sind meine halb geschlossenen, vom heißen Duschwasser und von der Seife geröteten Augen.

Wenn die Augen der Spiegel der Seele sind, kann ich in diesem Moment meine Seele nicht sehen.

Simone Pace verstummt für eine Weile. Sein Blick geht zum Moses. Aber wahrscheinlich nimmt er ihn gar nicht wahr. Er stößt einen Seufzer aus, dann fährt er fort.

Charles kommt auf die Minute pünktlich. Brüssel ist eine Stadt, die mich traurig stimmt. Immer grau. Aber der Abend mit Miesmuscheln und Pommes frites, dazu Charles’ Zugewandtheit, ist wirklich angenehm. Gegen elf Uhr liege ich schon wieder im Bett.

Am nächsten Morgen wache ich spät auf. Ich trödle in meinem Zimmer herum und verlasse es erst am Nachmittag, um mich mit Charles zu treffen. Wir machen einen kleinen Spaziergang. Trinken irgendwo einen Kaffee. Er möchte, dass wir bis zum Abend draußen bleiben und dann zusammen essen gehen.

»Danke, Charles, aber ich würde lieber ins Hotel zurückkehren. Ich esse heute nicht zu Abend.«

»Ist alles in Ordnung?«, fragt er.

»Ich würde gerne wissen, was ich da gestern Abend zu mir genommen habe. Die Muscheln waren vergiftet«, antworte ich. »Ich habe die ganze Nacht auf der Toilette verbracht und bin wie zerschlagen. Ich habe keinen Hunger, nur das Bedürfnis, mich wieder hinzulegen.«

Er schaut mich besorgt an. Dann belustigt. Und fängt an zu lachen. »Mir geht es blendend. Was redest du da? Die belgischen Moules Frites sind die besten der Welt.« Und auf Flämisch fügt er etwas hinzu, das ich nicht verstehe, mit Sicherheit etwas Kränkendes.

»Ich reise morgen sehr früh ab. Mach dir keine Umstände, Charles. Ich komme allein zurecht, ich werde ein Taxi nehmen.«

Charles insistiert nicht. Er umarmt mich, jetzt erneut ernst. So trennen wir uns.

In der Hotellobby spricht mich der Portier an. Er gibt mir einen verschlossenen weißen Umschlag, auf dem nichts steht. Ich bedanke mich, und sobald sich die Aufzugstüren hinter mir geschlossen haben, öffne ich ihn. Auf dem Blatt Papier, das ich mit zwei Fingern langsam aus dem Umschlag ziehe, steht nicht viel. Nur eine Adresse, Datum und Uhrzeit, maschinengeschrieben.

Am nächsten Morgen frühstücke ich in einer Bar auf dem Grand-Place, dem historischen Marktplatz der Stadt. Ich betrachte die gotischen Fassaden der Maison du Roi und des Rathauses mit seiner Tour Inimitable, dem Turm, der sich wie ein Zeigefinger in den wolkenverhangenen Himmel reckt. Ich frage eine sehr nette Kellnerin, wie man mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Uccle kommt, einer Gemeinde im Großraum Brüssel. Sie nennt mir die Haltestelle, von der alle zehn Minuten ein Bus fährt. Die Fahrt dauert zwanzig Minuten.

Ihre Freundlichkeit und die Präzision ihrer Information genügen schon, damit ich mich besser fühle. Ich habe nicht die Absicht, ein Taxi zu nehmen und Spuren zu hinterlassen. Zeugen, die wissen, wohin ich unterwegs bin. Der Taxifahrer wäre bestimmt ein Physiognomiker, von Natur aus argwöhnisch und mit einem Polizisten befreundet. In meinem Leben war nie etwas einfach. Auch nicht in den kleinen Dingen des Alltags. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese Operation, die man mir zugewiesen hat, einfach sein wird.

Ich nehme den Stadtplan zur Hand und finde problemlos die verabredete Adresse. Vor einem kleinen Eisentor, das erst vor Kurzem schwarz gestrichen worden ist, bleibe ich stehen. Ich schaue nach oben. Das Gebäude ist schmal, eingezwängt zwischen zwei anderen Häusern. Eine Fassade aus weißem Marmor. Zwei Stockwerke und vielleicht eine Mansarde. Im ersten Stock vier Fenster. Im zweiten Stock ein halbkreisförmiger kleiner Balkon und daneben, über der Tür, ein großes Fenster.

Keine Klingel. Und während ich noch versuche herauszufinden, wie man hineinkommt, höre ich das metallische Klacken des sich öffnenden Schlosses. Ich hebe erneut den Kopf und entdecke hinter dem dunklen Fenster im zweiten Stock das Gesicht einer Frau. Ich lege etwa drei Meter zurück. Acht Treppenstufen trennen mich vom Eingang. Ich steige hoch und bleibe vor der angelehnten Haustür stehen, überzeugt, dass man mich beobachtet und dass jemand kommen und die Tür vollständig öffnen wird. Links an der Fassade entdecke ich ein Schild in derselben Farbe wie die Marmorplatten. Vielleicht habe ich es deshalb nicht gleich bemerkt. Während ich noch versuche, die Schrift zu entziffern, geht die Tür ganz auf.

Die Person, die mich hereinlässt, bleibt im Dunkel des Eingangs verborgen. Sie wahrt ihre Deckung und rührt sich nicht vom Fleck. Sie streckt die Hand aus, um meine Hand zu drücken, und schließt hinter mir sofort wieder die Tür. Sie trägt eine schwarze Hose und ein weißes Hemd. Das bemerke ich sofort, obwohl der Flur im Halbdunkel liegt. Der Mann dreht sich um und geht die Treppe hoch. Ich folge ihm und sehe, dass er eine Kippa trägt, das Scheitelkäppchen der frommen Juden. Im ersten und zweiten Stock höre ich Stimmen. Eine Tür öffnet sich. Eine Frau mit Aktenmappen in der Hand kommt heraus. Und ohne uns eines Blickes zu würdigen, verschwindet sie hinter mir. Eine weitere spaltbreit geöffnete Tür gibt den Blick frei auf Büros mit Leuten, die an Tischen sitzen. Ich höre das Klappern ihrer Schreibmaschinen.

Die Stufen sind aus Holz und knarren bei jedem Schritt. Der dritte Stock, der von außen aussah wie eine Mansarde, ist ein Raum ohne trennende Wände und mit einem Parkettboden, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Der Mann mit weißem Hemd und Kippa, der an der Tür war, streckt den rechten Arm aus und lässt mich vorbei. Mit der linken Hand, vielleicht eine mechanische Geste, streicht er sich über den langen rötlichen Bart, dann dreht er sich um und geht schnell wieder die knarrende Treppe hinunter.

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02 октября 2024
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9783956143700
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