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Sternenkarte

Fabienne Gschwind

Vorwort

"Sternekarten" ist die deutsche Übersetzung des englischsprachigen Romans "Star Map" von Fabienne Gschwind.

Was in den letzten 400 Jahren geschah 7

Über die Raumfahrt 12

Das Kartographie-Raumschiff 16

Die Mission 18

Die Crew 20

Leben auf der Abhysal 36

Die Abhysal 44

Subraum Gefahren 48

Der Vortex 51

Da ist jemand 57

Die Squeltrem 61

Was tun mit Aliens? 75

Erster Arbeitstag 81

Die Prototyp-Bojen 86

Eigenarten der Chrismaxen 90

Die Deadline rückt näher 95

Echte Mitglieder 100

Religion 109

Erster Sonntag 113

Weltraumpiraten 122

Baltrak 127

Neue Freunde 134

Ein Neues Zuhause 138

Notfall 146

Feierlichkeiten 155

Morchens Problem 158

Zehn Wochen 162

Lex und Morchen 166

Abrackern bis zur letzten Sekunde 172

Die Attacke 179

Die Antwort 186

Die Plünderung 194

Noch mehr Plünderung 201

Jay’s Beförderung 205

Wer bekommt die Macht? 212

Mit Vollgas in den Abyss 220

Simon wird erwachsen 227

Der Tod 230

Jays Rückkehr 234

Urlaub auf dem Planeten 241

Galaktischer Spaziergang 247

Kapitän eines Schlachtkreuzers 254

Wo ist Jay? 257

Heilige Scheiße 262

Pläne schmieden 265

Simon und Kiki 271

Milos Prototypschiff 275

Erstes Epilog 276

Vier Jahre später 280

Unterwegs 286

Archaner und Tollaner 290

Der zerstörte Planet 292

Plumpsklo Alien 296

Außerhalb der Galaxie 298

Begegnung 303

Katz und Maus 305

Kiki und Simon, schon wieder 313

Wie bitte? 317

Der Leuchtturm 322

Lagerraum 13A-6Z 325

Streustrahlung 328

Die Squeltrems 332

Vorbereitungen und neue Waffen 336

Verteidigung vorbereiten 342

Planet im Subraum 345

Pause 353

Schuften bis zum Schluss 357

Der Anfang vom Ende 360

Die Schlacht 363

Drohnensammlung Aktion 368

Weg 371

Ende 372

Letzter Epilog 376

Was in den letzten 400 Jahren geschah

Der Beginn der überlichtschnellen Raumfahrt wird auf die Mitte des 21. Jahrhunderts datiert. Alles begann mit verbrannten Schokoladenmuffins:

Es war in einer kleinen Wohnung, die sich zwei Junior-Physikprofessoren teilten. Marinella Fregara war eine Expertin für dunkle Materie. Marie-Louise Häberli war eine Theoretikerin und Verfechterin der Quanten-String-Theorie mit ihren zehn gekrümmten und gebogenen Dimensionen.

An einem Sonntagmorgen im Jahr 2044 war Marinella in der Küche und füllte Muffinteig in ein Muffin-Backblech, während Marie-Louise den Küchentisch in Beschlag genommen hatte und an einem Förderantrag schrieb. Sobald die Muffins im Ofen waren, begannen die beiden Professorinnen eine wissenschaftliche Diskussion über dunkle Materie und gekrümmte Dimensionen. Erst als der beißende Geruch aus dem Ofen kam, beendeten die Damen die Diskussion und begaben sich eilig auf Muffin-Rettungsmission.

Die verbrannten Muffins wurden schnell aus dem Ofen geholt, und Marie-Louise begann aufgeregt zu gestikulieren, zeigte auf den verbrannten Teig und sagte angeblich: "Das ist genau das, was ich zu erklären versuche; dunkle Materie ist nichts anderes als verkokkelte dimensionale Raumzeit!"

So begann die Subraumforschung.

Es dauerte sechs Monate, um die neue Theorie zu berechnen und zu veröffentlichen, und weitere fünf Jahre, um den experimentellen Beweis zu erbringen. Unmittelbar danach folgte der Nobelpreis. Ja, es war gelungen, den Zugang zu einer gekrümmten Dimension zu öffnen.

Genau wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Entdeckung der Quantenphysik eröffnet die neue Häberlin-Ferrara-Dimension tausende neuer Möglichkeiten. Der Subraum - wie die gekrümmte Dimension umgangssprachlich genannt wurde - ermöglichte nicht nur überlichtschnelles Reisen, sondern eröffnete auch neue Möglichkeiten der Energiegewinnung und der Medizin. Doch dazu später mehr.

Für die Menschheit war es in den ersten zehn Jahren nach der Entdeckung des Subraums alles nur eine Physiker Spielerei, ohne wirkliche Auswirkungen auf das Leben. Aber die erste "Reise" durch den Subraum mit einem Roboterraumschiff war dennoch eine Sensation. Trotz tobender Religionskriege und dem Kampf um Ressourcen verfolgten eine Milliarde Menschen dieses Spektakel in Echtzeit. Da es viel einfacher war, Subraumspalten im Weltraum zu öffnen, fand das Experiment im geostationären Orbit statt. Und dann der Moment, der die Geschichte der Menschheit tiefgreifend veränderte:

In der ersten Subraumspalte entdeckte das Roboterschiff ein außerirdisches Raumschiff!

Das riesige Raumschiff wurde aus der Subraumspalte herausgezogen und auf die Erde gebracht.

Es war mehrere Kilometer lang und bestand aus einer unbekannten Praseodym-Gadolinium-Legierung. Das Schiff war nur noch ein leerer Rohbau, aber die Halterungen für die riesigen Kanonen waren noch deutlich sichtbar.

Natürlich waren die "Fake News"-Schreier und die Verschwörungstheoretiker sofort zur Stelle, die behaupteten, dass dies alles eine von einigen Regierungen erfundene Verschwörungstheorie sei.

Aber jeder konnte zu dem Schiff pilgern und einen Blick darauf werfen.

Die größten Skeptiker verstummten innerhalb von Sekunden. Das Raumschiff war so unmenschlich, dass kein Zweifel blieb: Es konnte nur außerirdisch sein.

Aber wie alt war es?

Die Datierung ergab Werte zwischen 10 und 40000 Jahren. Extrapolationen ergaben, dass es genug Waffenpotenzial hatte, um die Erde in Schlamm zu verwandeln. Und die Legierung war so dicht, dass keine menschlichen Waffen dem Schiff etwas anhaben könnten. Nicht einmal eine Zar-Bombe würde mehr als einen Lackschaden anrichten.

Ein Grauen erfasste die Menschheit: Ja, es gab Außerirdische, und wenn sie es böse meinten, waren die Menschen dem Untergang geweiht!

Plötzlich spielten Religionen, Hautfarben, Politik und alles andere keine Rolle mehr. Sie alle waren nur noch verletzliche Menschen auf einem einzigen Planeten.

Friedensverträge wurden in Rekordzeit unterzeichnet und alle rückten zusammen. Geld und egoistisches Getue waren unwichtig. Billionen wurden ausgegeben.

Fünfzig Jahre später sah die Welt ganz anders aus. Elektrizität war billiger als je zuvor - sie war sogar kostenlos. Er wurde von zwei riesigen Phalanxen erzeugt, die sich um die Erdumlaufbahn bewegten und wie riesige Dynamos Strom direkt aus dem Magnetfeld der Erde zogen. Der elektrische Strom wurde durch Subraumtunnel direkt zur Erde geleitet. Strom war im Überfluss vorhanden, und auch Süßwasser konnte durch die Subraum-Pipeline leicht auf der Erde verteilt werden. Da der ganze Strom irgendwie genutzt werden musste, wurde Meerwasser verdampft, um Süßwasser zu erzeugen. Energieverschwendung war ein Muss, um die Schaltkreise vor Überhitzung zu schützen.

Die größte Auswirkung auf den Einzelnen hatte jedoch nicht so sehr die neu aufkeimende Raumfahrt und der kostenlose Strom, sondern der Gehirnscan. Basierend auf der Subraum-Wissenschaft ermöglichte diese neue Technologie zum ersten Mal, das menschliche Gehirn auf neuronaler Ebene zu scannen und zu verstehen.

Endlich konnten Ärzte feststellen, wo Depressionen und viele andere psychische Erkrankungen ihren Ursprung haben. Nun war es möglich, gezielte Therapien zu entwickeln. Depressionen, Schizophrenie und viele andere Krankheiten gehörten der Vergangenheit an.

Doch wie bei fast allen Technologien gab es auch hier eine Kehrseite. Der Hirnscanner war wie der ultimative Lügendetektor, man konnte fast Gedanken lesen und auch alle möglichen Veranlagungen erkennen. Pädophile oder Psychopathen wurden aus dem Verkehr gezogen, bevor sie überhaupt ein Verbrechen begehen konnten. Alle Arten von Verbrechen konnten leicht geahndet werden: zehn Minuten im Gehirnscan und man wusste, wer welches Verbrechen begangen hatte oder plante, dies zu tun. Terroristen und andere Rebellen konnten verhaftet werden, während sie gerade ein Verbrechen planten. Ebenso wurde es zur Gewohnheit, dass sich wichtige Politiker in der Öffentlichkeit einem Gehirnscan unterziehen mussten, schließlich musste man beweisen, dass man ein reines Gewissen hatte und nur das Beste für das Volk wollte.

Das 22. bis 23. Jahrhundert war das friedlichste, das die Menschheit je erlebt hatte. Der Gang zum Hirnscan war eine regelmäßige Routine und half, junge Menschen in die richtigen Berufe zu lenken sowie Probleme und Krankheiten rechtzeitig zu erkennen.

Die Fehlerquote, also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unschuldiger fälschlicherweise verurteilt wurde, war extrem gering. Und die fünf Personen pro Jahr, die fälschlicherweise verurteilt wurden, hatten es sehr schwer, zu beweisen, dass der Scanner falsch lag. In diesem Sinne war der Gehirnscan eine hochgeschätzte Methode. Nebenbei wurde eine Raumschiff Flotte geschaffen, um die Erde vor Gefahren zu schützen. Doch während der nächsten 350 Jahre wurden keine Aliens gesichtet. Erst am Ende des 24. Jahrhunderts, während des großen Angriffs, tauchten sie für ein paar Stunden auf...

Über die Raumfahrt

Raumfahrt im Subraum ist eine komplizierte Angelegenheit. Der menschliche Verstand kann sich eine gekrümmte Dimension nicht vorstellen, und man kann sie mit keinem menschlichen Sinn sehen, fühlen oder erfassen. Es gab Raumschiffe, die mit Fenstern ausgestattet waren, man konnte wirklich nichts sehen... wirklich nichts, gar nichts. Und wenn man zu lange hinausstarrt, wird einem einfach schlecht.

Die Subraumschiffe brauchen eine riesige Batterie von Sensoren, um den Subraum darzustellen. Um ihn für den menschlichen Verstand irgendwie verständlich zu machen, wurden die vielen Einsen und Nullen in eine Art Seekarte umgewandelt. Subraum-Raumfahrt verwendete Begriffe aus der Seefahrt. Es gab Strömungen, Riffe, Wellen, Gezeiten, Sandbänke, Buchten und vieles mehr. Tatsächlich war die Subraumfahrt eher wie Segeln, denn auch 400 Jahre nach der Entdeckung des Subraums hatten die Schiffe keinen aktiven Antrieb. Der Tauchgenerator diente dazu, das Schiff in den Subraum zu bringen, wo es Strömungen und Winde finden musste, um sich fortzubewegen.

Im Subraum wurden drei Zonen unterschieden: Erstens, das "Oberflächenwasser". Hier war der Raum nur leicht gekrümmt und es gab keine Strömungen oder andere Gefahren. Aber ohne Antrieb stand man in dieser Zone still und niemand hatte Interesse daran, sich dort aufzuhalten. Sollte irgendwann ein Antriebssystem entwickelt werden, wäre auch diese Zone wenig interessant, denn hier war der Raum nur leicht gekrümmt und man konnte nicht so schnell reisen, wie wenn man tiefer im Subraum wäre. Zweitens wurde die unterste Zone Abyss genannt, genau wie im Meer. Aber auch hier gab es keinen Wind, nur mit Antrieb wäre es hier interessant: Hunderte von Lichtjahren wären in wenigen Minuten durchquerbar. Aber auch diese Zone blieb den Menschen verschlossen, und sie mussten sich vorerst mit dem Meso-Subraum begnügen. Der Teil des Subraums, in dem es Winde und Strömungen gab, die man nutzen konnte, der aber auch voller Gefahren war...

Wie funktioniert also das Reisen im Subraum?

Im Wesentlichen brauchte man zunächst ein Kartierungsschiff. Dieses Schiff kartierte den Subraum mit seinen extrem empfindlichen Sensoren. Dann wurde eine nautische Karte erstellt und ein sicherer Kurs zu einem sicheren Ort berechnet. Die nächsten Tage oder Wochen verbrachte man damit, zu diesem sicheren Ort zu driften. Durch vorsichtiges Auftauchen im Normalraum stellte die Besatzung fest, wo sie sich nun befand, und beide Karten wurden übereinandergelegt.

"Auftauchen" klingt sehr einfach, aber es war viel komplizierter als das Auftauchen mit einem U-Boot. Viele Dinge mussten beachtet werden: Man durfte nicht zu nahe an einem Himmelskörper auftauchen, sonst könnte man direkt in ihm materialisieren. Aber zum Glück konnte man massenreiche Objekte auch aus dem Subraum sehen. Wollte man zu einem Planeten gelangen, musste die Bahnmechanik beachtet werden, damit man richtig in der Umlaufbahn eines Planeten ankam und der Planet einem nicht davonflog. In diesem Fall konnte man immer noch die Sublichtantriebe benutzen, aber das war energieaufwendig. Und es war sehr wichtig, dass man beim Auftauchen nach oben schaute und nicht z.B. von unten in eine Treibsandbank krachte. Subraumtauchen war also eine komplizierte Disziplin, und man musste jahrelang studiert haben, bevor man ans Ruder gelassen wurde.

Die Subraumkartographen legten dann ein paar Funkboyen aus und machten sich dann an die Kartierung des nächsten Abschnitts. Danach wurde alles einfacher: Sogenannte Straßenbauschiffe nutzten die Karten und bestimmten, wo es am besten war, "Straßen zu legen", also die Routen mit Funkbojen zu bestücken. Die nachfolgenden Schiffe brauchten nichts mehr zu berechnen, sie konnten einfach den vorgegebenen Routen folgen. Was also eine Kartografie-Crew Jahre an Arbeit kostete, wurde später innerhalb von Tagen oder Wochen überbrückt.

Eigentlich wäre die Kartographie eine perfekte Aufgabe für die fortgeschrittene künstliche Intelligenz, die es im 24. Jahrhundert gab. Doch autonome Subraumschiffe hatten überdurchschnittlich viele Unfälle und verschwanden auf Nimmerwiedersehen im Subraum. Niemand wusste wirklich, warum dies geschah, und es gab alle möglichen Hypothesen. Aber das half nicht weiter: Es blieb also nichts anderes übrig, als menschliche Besatzungen auf jahrelange Reisen zu schicken.

Nach fünfzig Jahren Subraumreisen konnten vier Planeten kolonisiert werden, und endlich konnte die Erde von der extremen Überbevölkerung befreit werden. Nach und nach folgten weitere Kolonien. Doch trotz intensiver Suche wurde keine weitere handelswillige außerirdische Rasse entdeckt. Die Menschen entdeckten auf einem eisbedeckten Planeten etwas, das wie Ruinen einer Zivilisation aussah, mit einer übermäßigen Menge an Metallschrott in seiner Umlaufbahn. Aber die Zivilisation war wahrscheinlich schon vor 20000 Jahren ausgestorben. Auf einem anderen Planeten vermutete man ebenfalls Intelligenz in Form von Riesenkraken, aber sie schienen keine Technologie zu besitzen.

Die einzige Zivilisation, die man fand, waren die Tollaner. Sie hatten eine blühende Zivilisation, und ihre Umlaufbahn war mit High-Tech-Satelliten gefüllt. Es dauerte zwölf Jahre, um Kontakt aufzunehmen, da die Tollaner alle Kommunikationsversuche ignorierten. Selbst Entdecker, die auf den Planeten streiften, wurden ignoriert. Erst nach zwölf Jahren ein Durchbruch; die Tollaner schickten eine Nachricht an das Beobachtungsschiff. Eigentlich war es eine Software, die in wenigen Sekunden die menschliche Sprache erlernte und folgende Botschaft übersetzte: "Wir haben euch gesehen, aber wir sind nicht daran interessiert, mit euch zu kommunizieren."

Also ließen die Menschen die Tollaner in Ruhe und kehrten mit dem einzigen bekannten Stück außerirdischer Technologie zurück: dieser Super-Übersetzungssoftware, die von da an alle Sprachprobleme löste.

Das war in kurzen Worten, was in den letzten 400 Jahren geschah.

Das Kartographie-Raumschiff

Captain Jay Shakleton saß in seinem Kommandosessel auf der Brücke des Kartografie-Raumschiffs Abhysal. Nun, eigentlich war es keine richtige Brücke, sondern nur ein Büro mit vielen Bildschirmen, und Jay war offiziell kein Captain. Das Raumschiff der Kartografie-Firma StarMap Ltd. hatte keine militärische Struktur und Jay war nur "Schiffsmanager".

Jay klickte sich gelangweilt durch die neuesten Kartographiekarten und schaute auf die Bildschirme, um zu sehen, was die anderen taten.

Die Besatzung bestand aus fünf Personen. Neben Jay gab es noch die Schiffsmechanikerin Almamira Malhotra, die sich um die Subraumtauchgeneratoren und die komplizierte Sensortechnik kümmerte. Ihr Spitzname war kurz Joe, und niemand wusste wirklich, warum. Nicolai Sweroltzki war der Ingenieur, Hausmeister, MacGyver und Allrounder. Er war ein Subraum-Veteran und sein Spitzname war Nemo, benannt nach dem Kapitän der Nautilus aus dem Roman von Jules Verne.

Der Subraum-Astrophysiker hieß Milo Aaron, und als Naturgenie mit einer sehr seltenen Begabung konnte er den Subraum intuitiv erfassen. Milo war einfach Milo; Spitznamen interessierten ihn nicht. Die letzte war die KI-Expertin Lexaly Park, sie hatte ein Datenimplantat und konnte direkt mit der künstlichen Intelligenz der Abhysal kommunizieren. Ihr Spitzname war Lex und die künstliche Intelligenz wurde Kiki genannt.

Die Abhysal wurde außerdem von weit über 100 anderen Robotern bevölkert, die sich um alles Mögliche kümmerten, von der Pflege der hydroponischen Gärten über die Wartung der Frischluftsysteme bis hin zur Inspektion des Schiffsrumpfs oder sogar als Sparringspartner für Jay.

In der Tat hätte das Schiff völlig automatisch fliegen können. Die Besatzung war nur da, um im Notfall einzugreifen und zu überprüfen, ob Kiki ordnungsgemäß funktionierte.

Die Mission

Alle hatten sich an die Langeweile gewöhnt. Schließlich war es für niemanden die erste Kartierungsreise. Die Abhysal war das beste und teuerste Subraumkartierungsschiff, das je gebaut wurde. Man sagte, dass sie noch einen drei Lichtjahre entfernten außerirdischen Furz hören konnte, so genau waren ihre Sensoren. Dieses Wunderwerk der Sensortechnik war für die längste Mission aller Zeiten gebaut worden. Die Abhysal durchbrach letzte Woche die Marke von 45'000 Lichtjahren. Die Crew war somit die Menschen, die am weitesten von der Erde entfernt waren.

Typischerweise dauerten Kartierungsmissionen 10 bis 15 Jahre, und die Besatzung erhielt eine beträchtliche Rente, so dass sie ihren Ruhestand genießen konnte, ohne jemals wieder arbeiten zu müssen.

Es gab keine richtige Ausbildung, um ein Subraumkartograph zu werden; jeder war ein Quereinsteiger, von Physikern, Informatikern, Technikern, Ingenieuren, Piloten, sogar Köche, Friseure oder Opernsänger konnte man auf den Schiffen finden.

Die Ausbildung war einfach: zwei Jahre auf einem Trainingskartierungsschiff verbringen und dann für 10 bis 15 Jahre auf einer echten Mission anheuern. Gehirnscans zeigten, ob die Kandidaten mit der Isolation umgehen konnten, und jeder wurde psychologisch betreut. Doch wer den zweijährigen Trainingsflug überlebte, wusste selbst, ob er für weitere zehn oder fünfzehn Jahre Isolation geschaffen war.

Im Grunde bedeutete dies, dass Star Map händeringend nach Personal suchte.

Für die Abhysal-Mission war es noch schwieriger; auf einem so teuren Schiff konnten keine Neulinge eingesetzt werden, nur erfahrene Kartographen. So kam es, dass jedes Mitglied der Abhysal-Besatzung einen ganz besonderen Grund hatte, sich nach einer bereits abgeschlossenen ersten Mission für mindestens 20 weitere Jahre zu verpflichten. So lange sollte die Reise dauern. Die Abhysal selbst hatte genug Energie und Ersatzteile, um ein halbes Jahrhundert durchzuhalten. Wasser und Nahrung waren kein Problem, und es hing alleine von der Stimmung der Besatzung ab, wie lange die Mission dauern würde. Tatsächlich befanden sie sich jetzt im 14. Jahr, und niemand in dieser speziellen Crew schien an einer Rückkehr interessiert zu sein.

Die Crew

Was für Leute waren also an Bord?

An Bord von Kartierungsschiffen war die Vergangenheit der Besatzungsmitglieder unwichtig, und niemand würde jemals den anderen bitten, sie preiszugeben, wenn er oder sie es nicht wollte. Aber Jays Geschichte war allgemein bekannt.

Sein richtiger Name war Johann Jeremias Joshua Shakler. Seine Eltern waren wohlmeinend gewesen und hatten ihm viele biblische Namen gegeben. Aber schon als Kind wusste Jay genau, was er werden wollte: ein Mitglied der Hades-Truppe. Die Hades-Truppe war seit dem 23. Jahrhundert ein spezielles Militärkommando. Es gab keine normale Armee mehr auf der Erde, aber wenn es eine Invasion oder einen anderen Angriff auf die Erde geben sollte, wurden gut ausgerüstete und gut vorbereitete Soldaten benötigt. Und die Hades-Truppe war eine solche Einsatztruppe.

Jay wurde magisch von allem angezogen, was mit Militär zu tun hatte. Er las Überlebensbücher wie andere Kinder Comic-Hefte und besuchte schon früh Kampfsportkurse. Mit sechzehn bewarb er sich für den Hades-Aufnahmetest, aber noch bevor er den Fitnesstest absolvieren konnte, wurde er einem Gehirnscan unterzogen. Der Scan ergab, dass Jay überhaupt nicht geeignet war, ein Soldat zu sein. Er hatte angeblich einen Minderwertigkeitskomplex und befolgte nur ungern Befehle, sondern befahl lieber selbst.

Auch bei der Polizei wurde er abgelehnt. Der muskulöse Mann, der aussah und sich bewegte wie ein echter Berufssoldat und sein halbes Leben damit verbrachte, Kampfsportarten zu trainieren, um Teil eines Killerkommandos zu sein, passte nicht in das Berufsbild des modernen Polizisten.

Doch die Berufspsychologin, die Jay besuchte, rettete seine Karriere; sie schlug ihm vor, Bergretter zu werden. Schließlich gab es genug Touristen, die tagein, tagaus ihren Hals in den Bergen riskierten. Und in so einem Beruf braucht man starke und mutige Menschen. Jay ließ sich zunächst zum Krankenpfleger und Sanitäter ausbilden und flog kurz darauf seine ersten Bergeinsätze mit dem Hubschrauber. Nach zwei Jahren erhielt er eine Einladung, auf einem Subraum-Ambulanzschiff zu helfen.

Der Subraum war auch für normale Menschen zugänglich, und abenteuerlustige Menschen, die beim normalen Segeln oder Bergsteigen keinen Adrenalinstoß bekommen konnten, schlossen sich schließlich Subraumrennen an. Natürlich gab es auch unzählige Luxusyachten und private Raumschiffe. Rettungsmissionen waren an der Tagesordnung. Jay durfte für 10 Minuten auf dem Pilotensitz sitzen und den Rettungsraumschiff steuern. Es war ein Moment, der sein Leben veränderte. Jetzt wusste er endlich, was er werden wollte: Subraumpilot! Er kündigte seinen Job und setzte seine Ausbildung fort. Mit der Pilotenbrille, die ihm die kartografische Karte zeigte, und dem Joystick in der Hand, fühlte er sich wie ein Abenteurer. Er schien ein Naturtalent dafür zu haben, das Ambulanzschiff in die perfekte Strömung zu bringen und ein verunglücktes Schiff schnell anzuvisieren.

Im Alter von 25 Jahren wurde er zum Subraumpiloten des Jahres ernannt.

Zwei Wochen nach der Auszeichnung änderte sich sein Leben, wie das vieler anderer auch. Es war das Jahr 2390, als plötzlich ein außerirdisches Raumschiff aus dem Subraum auftauchte, etwa in der Höhe des Mars. Es raste an der Umlaufbahn des Mondes vorbei und stürzte in den Ozean in der Nähe der Philippinen. Dann tauchte es auf und aktivierte seine Waffen, eine Art diffuse Mikrowellenstrahlung, die die Hirnmasse der Menschen zum Kochen brachte. Das außerirdische Schiff feuerte alle seine Waffen ab, mehrere tausend Menschen starben und viele weitere überlebten mit Hirnschäden. Nach drei Wasserstoffbomben wurde der Angriff schließlich zum Schweigen gebracht.

Tagelang herrschte völliges Chaos, und die eingemottete Raumflotte wurde eilig hervorgeholt. Aus Kostengründen waren die Piloten und Offiziere der Flotte jedoch nie mit den Kampfraumschiffen geflogen, sondern hatten nur in einer Simulationsumgebung gearbeitet.

Dabei muss erwähnt werden, dass die Simulationsumgebungen so real wie möglich waren. Die 3D-Exoskelette der Auszubildenden simulierten genau alle Bewegungen und Berührungen, leichte Hirnstimulationen trugen dazu bei, dass die Auszubildenden fast glaubten, es sei real, aber eben nur fast.

In der Zwischenzeit waren zwei weitere außerirdische Raumschiffe aufgetaucht, die Kurs auf die Erde nahmen.

Die Zeit drängte!

Die Flotte suchte schnell nach den erfahrensten Piloten, um ihre Schiffe zu bemannen. So fand sich Jay plötzlich als Chefpilot an Bord des Flaggschiffs wieder. Er, der nie für eine militärische Karriere in Frage gekommen war.

Er war so glücklich, dass ihn selbst ein Kampf mit einem außerirdischen Raumschiff nicht erschreckte. Er war voller Adrenalin und konnte es kaum erwarten, zu kämpfen und die Erde zu beschützen. Der Kampf dauerte nicht lange, denn die außerirdischen Schiffe beschleunigten plötzlich und waren früher als geplant in der Erdumlaufbahn. Die Schlacht war ein einziges Chaos.

Die Aliens aktivierten ihre Waffen und zwei Zerstörerbesatzungen starben, als ihre Gehirne explodierten. Jays Schiff wurde teilweise getroffen und die halbe Crew starb. Jay selbst hatte eine Hirnblutung erlitten, er klammerte sich an seinen Stuhl und in seinem Wahn dachte er, er sei der Kapitän und müsse das Alien-Schiff aufhalten. Aus seiner Sicht war alles klar, trotz der Schmerzen kroch er zur Konsole des Waffenoffiziers und wollte die Raketen abfeuern. Aber das Schiff weigerte sich; jemand hatte es gehackt. Dann griff ihn jemand an, aber Jay war ein Kampfsportexperte. Mit zwei Tritten brachte er den Angreifer zu Boden und tippte weiter auf der Konsole, bis er endlich die Raketen abfeuern konnte. Auf dem Bildschirm sah er, wie das außerirdische Raumschiff in einem Feuerball explodierte. Dann wurde er ohnmächtig.

Erst als er nach sechs Monaten aus dem künstlichen Koma erwachte, erfuhr er, was wirklich geschehen war. Die außerirdischen Raumschiffe hatten ihren Angriff sofort abgebrochen, als ein anderer Zerstörer auf sie feuerte. Sofort tauchten sie in den Subraum ab und flohen.

Die Aktion von Jay fand nur 30 Minuten nach dem Angriff statt. Auf den Kameraaufnahmen war ein schwankender Jay zu sehen, der durch die Brücke lief und den anderen Verwundeten befahl, sofort auf das fremde Schiff zu feuern. Als niemand reagierte, manipulierte er die Waffenkonsole, zielte aber nicht auf das fremde Schiff, sondern auf die Phalanx, die gerade Energie erzeugte. Die junge Waffenoffizierin erkannte dies und versuchte, ihn aufzuhalten. Jay brach ihr mit einem Tritt das Genick. Dann gelang es ihm, die Sicherheitsmechanismen des Schiffes außer Kraft zu setzen und die Raketen abzufeuern.

Dabei halbierte er die Energieversorgung der Erde.

Die Preise stiegen dramatisch, es gab überall Engpässe, bis schließlich die Ersatz-Fusionskraftwerke ans Netz gingen.

Johann Jeremias Shakler wurde überall verflucht, nur die Flotte hielt sich zurück. Tatsächlich hatte ein Schlupfloch in der Software dafür gesorgt, dass Jay überhaupt erst Zugang bekam. Er wurde auch nicht des Mordes angeklagt; die Waffenoffizierin hatte eine schwere Hirnblutung erlitten und wäre laut Pathologen ohnehin gestorben.

Der Gipfel der Ironie war jedoch, als sich herausstellte, dass es sich bei den außerirdischen Waffen nicht um Waffen, sondern um einen Funkspruch handelte.

Der Funkspruch lautete in etwa so: "Wir kommen in Frieden, wir sind friedliche Entdecker. Wir wollen euch nichts Böses, wir wollen nur unsere Latrinen leeren und unsere Wassertanks füllen."

Also, die Erde wäre nur eine kosmische Toilette gewesen...

Und so bekamen die Aliens ihren Spitznamen: Klohaus-Aliens!

Jonathan wurde von der Flotte von allen Schuld freigesprochen. Aber das half ihm nicht. Er spürte, dass die ganze Menschheit ihn hasste. Auch das Ändern seines Namens half nicht. Ständige Schmähnachrichten füllten sein Telefon, und seine Familie wandte sich ab und zog weg. Er versuchte, sich umzubringen, aber nicht ernsthaft genug. Er wollte nicht wirklich sterben! Und dann wurde ihm die Lösung angeboten: Er heuerte bei StarMap Ltd. an. Dort war ein Subraumpilot immer willkommen, und man bot ihm die Position des "Kapitäns" an, oder in diesem Fall des Schiffsmanagers.

Dies war die Gelegenheit, der Menschheit und ihrer Ungerechtigkeit zu entkommen.

Als er nach der ersten zehnjährigen Mission zurückkehrte, verspürte er kein Bedürfnis, sich irgendwo niederzulassen und meldete sich sofort für die Mission mit der Abhysal an.

Für Milo gab es keine besonders tragische Geschichte. Milo hatte eine seltene Krankheit; in früheren Jahrhunderten hätte man sie vielleicht fälschlicherweise als Savant-Syndrom eingestuft. Aber mit der modernen Medizin und dem Gehirnscan war nun viel mehr bekannt: Milos Gehirn war auf den Subraum ausgerichtet. Er spürte alle Schwingungen und Impulse. Leider hatte auch die moderne Medizin keine Lösung parat, um ihn zu heilen, aber das war auch nicht nötig. Weder seine Eltern noch die Gesellschaft sahen es als notwendig an, dass Menschen einem sozialen Schema folgen sollten. Er besuchte eine Sonderschule, wo er besonders gefördert wurde. Alles wurde getan, damit Milo seine Talente und Vorlieben ausleben und ein erfülltes Leben haben konnte. Das Wichtigste für Milo war der Subraum. Zusätzlich zu seiner Fähigkeit, den Subraum zu spüren, hatte er auch eine geniale mathematische und physikalische Begabung, und noch vor seinem zwanzigsten Lebensjahr war Milo ein weltbekannter Subraumexperte geworden. Spezielle Pflegeroboter halfen ihm im täglichen Leben, weil er es nicht selbst tun konnte, er hatte auch Schwierigkeiten, sich auf andere Menschen einzulassen. Der Umgang mit vielen Menschen irritierte ihn, machte ihn wütend und unkonzentriert. Er zog es vor, allein oder in einer Familienstruktur zu leben. Da er sich magisch zum Subraum hingezogen fühlte, war es eine natürliche Entscheidung gewesen, bei StarMap zu arbeiten, und der Umgang mit einer kleinen Crew, die fast wie seine Familie war, war für ihn auch absolut ideal. Seine Arbeitsbedingungen waren einfach: Er musste die Befehle des Schiffsmanagers bedingungslos befolgen und das Raumschiff mit künstlicher Intelligenz so sicher wie möglich durch den Subraum navigieren. Im Gegenzug durfte er so viel freie Zeit für seine Forschungen nutzen, wie er wollte, und auch auf alle Sensordaten zugreifen. Natürlich durfte er seine Entdeckungen auch veröffentlichen.

Von seiner ersten zehnjährigen Mission brachte er tausende Seiten bahnbrechende Subraumbeobachtungen mit und auch eine neue Theorie zur Berechnung der Diskontinuität in mehrdimensionaler Form. Er wurde zum Popstar unter den Subraumphysikern und tourte mit seiner Familie durch die vereinigten Planeten, hielt Vorträge und veröffentlichte seine Erkenntnisse. Dabei entdeckte er auch, dass er sein Wissen gerne weitergab. Aber leider waren seine Vorträge völlig chaotisch und alles andere als organisiert. Er schrieb Formeln auf die altmodische Kreidetafel und begann oft zu stottern, so dass ihn niemand verstand. Daher waren seine Vorlesungen meist schlecht besucht, und die wissenschaftliche Gemeinschaft konzentrierte sich hauptsächlich auf seine schriftlichen Arbeiten. Milo hätte sich gut vorstellen können, an einer Universität zu lehren und zu forschen. Aber niemand wollte diesem unorganisierten Genie einen Lehrstuhl anbieten. Das machte Milo sehr traurig, und das Zusammenleben mit vielen Menschen machte ihn reizbar und er konnte sich kaum konzentrieren. Also fragte er StarMap, ob er wieder an einer Mission teilnehmen könnte. StarMap war natürlich sehr begeistert, denn in zwei Jahren würde die große Abhysal-Mission beginnen. Um ihn bis dahin bei Laune zu halten, bekam er ein Büro und eine kleine Wohnung im StarMap-Hauptquartier und durfte alle Subraum-Rohdaten durcharbeiten, die von den Kartierungsschiffen gesammelt wurden.

Milo vermisste es, selbst im Subraum zu sein und konnte es kaum erwarten, dass die Abhysal-Mission begann.

Lexaly war ein Sonderfall; niemand wusste genau, warum sie sich der StarMap angeschlossen hatte. Auf jeden Fall schien sie nicht abenteuerlustig zu sein, und ein tragisches Unglück wie das von Jay konnte man ihr nicht nachweisen. Sie behauptete nur, Geld verdienen zu wollen und den Subraum zu lieben. Sie war Informatikerin und hatte während ihres Studiums die KI-Programmierung entdeckt. KI-Programmierung war das Schwierigste, was es gab, und die Programmierung nur kleiner Teile erforderte Tausende von Arbeitsstunden. Deshalb wurde das Dateninterface entwickelt. Sie wurde in den Hirnstamm implantiert, und Programmierer konnten direkt in der KI arbeiten. Dazu musste man sehr gewissenhaft, perfektionistisch und in der Lage sein, sich stundenlang zu konzentrieren. Natürlich musste man vorher exzellent programmieren können, sonst hatte man bei der komplizierten KI-Programmiersprache keine Chance. Lex erfüllte alle Anforderungen. Sie war immer in sich gekehrt, sehr präzise in ihrer Arbeit, auch sehr ruhig und konzentriert. Die meisten Leute dachten, sie sei schüchtern und ängstlich. Aber in Wirklichkeit arbeitete sie einfach gerne allein und fand Computerprogramme interessanter als andere Menschen. Doch im dritten Jahr ihrer Ausbildung zur KI-Programmiererin kam es zur Katastrophe.

Sie befand sich in der KI-Zentrale in Marrakesch und war wie üblich mit ihrem Implantat mit dem KI-Stuhl verbunden. Gewissenhaft studierte sie die Veränderungen, die sie in der Krankenhaus-KI eines Krankenhauses in Delhi ausführen musste. Die neue vollautomatische Frühgeborenenstation würde bald eröffnet werden, und sie musste einige letzte Anpassungen vornehmen. Routinearbeit. Genau genommen war es nicht ihr Projekt, sondern das von Betty, ihrer Vorgesetzten, die krankgeschrieben war. Aber die Arbeit war so einfach, dass die Programmierfirma beschloss, sie von einem Lehrling erledigen zu lassen. Das Zeitfenster öffnete sich und Lex nahm Kontakt zu der fremden KI auf. Zwei Stunden lang arbeitete sie fleißig, nur eine Korrektur bereitete ihr Schwierigkeiten. Hatte sie richtig programmiert? Sollte sie ihren Chef anrufen? Sie war mit sich selbst im Zwiespalt. Das Zeitfenster würde sich bald schließen, und wenn sie zögerte und die KI nicht rechtzeitig fertig wurde, würde die Firma Strafen zahlen müssen. Außerdem würde es sich negativ auf ihre Bewertung auswirken, wenn sie eine so einfache Routinearbeit nicht selbst erledigen konnte. Ein Scheitern war das Schlimmste, was Lex sich vorstellen konnte. Also beschloss sie, sich noch ein paar Minuten Zeit zu nehmen und die Schritte zurückzuverfolgen. Als sie sich den Code noch einmal ansah, sah er vollkommen in Ordnung aus, und Lex beruhigte sich. Sie beendete die Programmierung und schrieb gewissenhaft ihr Protokoll, bevor sie ihre Schicht beendete.

Der Schrecken folgte drei Monate später. In einem Zeitungsartikel stand, dass in der neu eröffneten Frühgeborenenstation 17 Säuglinge gestorben waren. Der Fehler war eine falsch programmierte Infusionspumpe. Lex hatte noch alle Programmcodes in ihrem Kopf. Sie hatte den Fehler gemacht, jetzt wusste sie es: Sie hatte einen Kommafehler gemacht und die Infusionspumpe hatte falsch dosiert. In Panik wartete Lex die nächsten Tage darauf, dass die Polizei sie verhaftet. Doch nichts geschah. Als sie die Zeitung wieder las, stellte sich heraus, dass der Hersteller der Infusionspumpen angeklagt worden war, weil eine Pumpe tatsächlich einen Fehler gemacht hatte.

Lex war wie gelähmt; jemand würde es herausfinden. Jemand würde sehen, dass die KI-Programmierung falsch war! Spätestens beim Gehirnscan im nächsten Monat würde jeder wissen, dass sie für einen schrecklichen Unfall verantwortlich war!

Aber ein Unfall kam selten allein; ihre Zwillingsschwester starb nur zwei Tage später bei einem Unfall. Lex fiel in eine tiefe Depression, nicht nur der Tod ihrer Schwester, sondern vor allem der Tod der Neugeborenen lastete auf ihr; 17 unschuldige Kinder waren durch ihre Schuld gestorben. Der Gehirnscan zeigte nur Lex' tiefe Zerrüttung, und jeder glaubte, es sei der Tod ihrer geliebten Schwester.

Die KI-Firma bot ihr eine Auszeit an, um zu trauern. Wie in Trance buchte Lex einen Trauerworkshop. Erst als sie in einem alten Kloster übernachtete, wurde ihr klar, dass sie die Auszeit bei Nonnen gebucht hatte.

Doch die Monate dort taten ihr gut. Die Religion war in der modernen Welt völlig in Vergessenheit geraten, und es war das erste Mal, dass Lex etwas von einem Gott hörte. Doch bald fand sie Trost im Glauben, und eines Morgens, als sie in der alten Kirche betete, wurde ihr klar, was sie zu tun hatte. Sie musste für ihre Schuld büßen! Ihr Beichtmutter hörte sich ihr Anliegen an, ohne zu urteilen, und half Lex, eine Lösung zu finden. Lex wusste genau, was sie zu tun hatte: Sie würde ihr Leben als eine Art Eremit verbringen. Sie wollte etwas Gutes für die Menschheit tun. Sie würde sich StarMap anschließen und mit ihren Fähigkeiten zum erfolgreichen Abschluss von Missionen beitragen. In der Abgeschiedenheit des Raumschiffs würde sie alle Zeit der Welt haben, um für die verlorenen Seelen zu beten.

Sie erzählte nie jemandem von ihren Plänen. Es war ihr klar, dass ihr Plan für einen Außenstehenden völlig verrückt klingen würde.

Mit frischem Mut schloss sie ihre Ausbildung ab und heuerte bei StarMap an. Fast erwartete sie, dass die Polizei auf sie warten würde, als sie von ihrer ersten zehnjährigen Mission zurückkehrte. Aber niemand bemerkte den KI-Fehler, und die Krankenhaus-KI war inzwischen ausgetauscht worden. Es gab also keine Beweise mehr für Lex' "Verbrechen". Doch Lex urteilte, dass Gott einen Teil ihrer Schuld bereinigt hatte und sie vor der Schande einer Verhaftung bewahren wollte. Sie fühlte sich in ihrem Handeln bestätigt und meldete sich sofort wieder für die Abhysal-Mission.

Nach ihrer ersten Mission verstand niemand aus ihrer Familie, warum sie wieder wegfliegen wollte. Aber man konnte sehen, wie glücklich und zufrieden sie war, und ihre Familie ließ sie wieder gehen.

Joe war ein klassischer Abenteurerin, wie die meisten Leute, die sich StarMap anschlossen. In ihrer Jugend hatte sie sowohl an Segelregatten als auch an Subraum-Rallyes teilgenommen und konnte von dem Adrenalinrausch nie genug bekommen. Aber ihre Hobbys waren teuer, denn ein Subraum-Rennschiff kostet mehrere Jahresgehälter, also heuerte sie schon früh als Maschinistin auf Subraumkreuzern an. Aber ihr Verdienst war nicht so hoch, und die Urlaubstage reichten nie für ihre geplanten Abenteuer. Also beschloss sie, zehn Jahre lang für StarMap zu arbeiten. Das würde ihr genug Geld einbringen, um für den Rest ihres Lebens zu segeln oder Subraum-Rallyes zu machen.

Ihre erste StarMap-Mission schlug komplett fehl. Zwei Monsterwellen überrollten das Schiff, und sie saßen danach zwei Jahre lang auf einem Riff fest. Joe war die Einzige, die Erfahrung als Pilotin im unerforschten Subraum hatte. Also wurde sie in dem kleinen Shuttle losgeschickt, denn alle hatten die Hoffnung verloren, dass die Rettungsschiffe sie finden würden. Sie brauchte sechs Monate, um sich durch den Subraum bis zur nächsten Straße durchzukämpfen. Aber schließlich wurden sie alle gerettet.

Nach einem solchen Abenteuer schienen all die Subraum-Rallyes und Segeltörns langweilig zu sein, und Joe beschloss einfach, auf eine andere Mission zu gehen. Schließlich war die Entdeckung des Subraums wohl eines der letzten Abenteuer, die man als Mensch erleben konnte.

So kam der kleine, drahtige und draufgängerische Maschinistin an Bord der Abhysal.

Nicolai, oder einfach Nemo genannt, hatte auch eine tragische Geschichte hinter sich. Sein erster Gehirnscan im Alter von acht Jahren bescheinigte ihm schwere pädophile Züge. Ein Schock für die Familie und Unverständnis für Nicolai, der aus der öffentlichen Schule genommen wurde und eine Sonderschule besuchen musste.

Die Gehirnscans ein Jahr und zwei Jahre später zeigten immer noch eine schwere pädophile Störung, und mehrere neurologische Gutachten besagten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis diese gefährliche Ader durchbrechen und er sein erstes Sexualverbrechen begehen würde.

Im Alter von 13 Jahren konnte Nicolai Statistiken besser als jeder Mathe-Student. Immer wieder erklärte er Ärzten, Richtern und Psychiatern, dass er ein falsch-positiv sei. Der Hirnscan habe bei ihm nicht funktioniert, sagte er, und er sei einer von fünf Menschen weltweit, die fälschlicherweise beschuldigt worden seien. Aber alle lächelten nur milde.

Sein Schicksal war vorbestimmt, mit 16 Jahren sollte er in die "Plastikmüllmannschaft" verbannt werden. Dort waren all jene, die der Hirnscan als Gefahr einstufte, ohne dass sie jemals ein Verbrechen begangen hatten. Sie lebten in einem Luxus-Resort auf den Kerguelen Inseln, von wo aus sie die Antarktis von tausenden Tonnen Plastikmüll reinigten, den die Menschheit im 20. und 21. Jahrhundert hinterlassen hatten.

Im selben Jahr wurde er für den Sommerurlaub dorthin geflogen. Die Leute waren alle nett und er hatte Gelegenheit, mit den Dutzenden von Männern zu sprechen, die ebenfalls wegen ihrer pädophilen Neigung verbannt worden waren. Sie alle, aber wirklich alle, beteuerten, dass sie unschuldig seien und niemandem etwas antun würden. Sie alle behaupteten, dass der Gehirnscan nicht funktioniert habe und sie falsch positiv getestet worden seien.

Nicolai war entsetzt.

Kaum zurück, hatte er eine Fußfessel bekommen und sich angewöhnt, um jeden Kindergarten und jede Schule einen großen Bogen zu machen. Er schaute sich immer eilig um, um nicht zu nahe an ein Kind heranzukommen. Seine Familie konnte seine Situation nicht ertragen und zog auf einen Bauernhof in den Karpaten. Per Fernstudium absolvierte Nicolai seine Schulpflicht und verbrachte ansonsten die Zeit mit seinen beiden Hunden und seinem Pferd. Er verließ den Hof kaum und mied andere Häuser oder Dörfer wie die Pest. Die Vorstellung, dass er die nächsten 100 Jahre seines erwachsenen Lebens auf einer einsamen Insel verbringen und Plastikmüll sammeln würde, war so absurd, dass sie geradezu surreal wirkte. Aber er konnte auf die Unterstützung seiner Familie zählen. Alle suchten fieberhaft nach einem Ausweg aus dem Exil. Und sie fanden ihn.

StarMap versprach der Polizei, sich in Zukunft um Nicolai zu kümmern. Von nun an würde er sich nur noch in StarMap-Raumschiffen oder zu besonderen Anlässen in der Firmenzentrale aufhalten. Würde er das Gelände aus unbekannten Gründen verlassen, würde sofort die Polizei verständigt werden.

So wurde Nicolai an seinem sechzehnten Geburtstag von StarMap abgeholt, um zum Trainingsraumschiff gebracht zu werden. In der Enge des Schiffes fühlte sich Nicolai so frei wie nie zuvor. Die anderen erwachsenen Besatzungsmitglieder kümmerten sich nicht um seine möglicherweise pädophile Ader, und er wurde schnell zu einem kompetenten und zuverlässigen Schiffsingenieur.

Er begann einen Video-Blog, in dem er immer wieder über das Leben im Subraum und alle möglichen technischen Aspekte schrieb. Außerdem schrieb er Kindergeschichten, die auf der Erde sehr beliebt waren.

Nach vier Missionen und 42 Jahren im Subraum war Nemo, wie ihn alle nannten, eine lebende Legende und der dienstälteste Subraum-Veteran. Zwei Generationen waren mit seinen Geschichten und Abenteuern aufgewachsen. Der Gehirnscan wurde offiziell als "falsch positiv" eingestuft, und Nemo durfte zur Erde zurückkehren.

Aber Nemo wollte nichts mehr davon hören; tief in seinem Inneren brummte ein Hass auf die Menschheit und er schwor sich, nie wieder einen Fuß auf die Erde zu setzen. Genau wie sein Namensvetter aus dem Roman von Jules Verne. Jedenfalls kannte er nichts anderes als den Subraum und den Weltraum, und sobald er auf einem Planeten war, fühlte er sich landkrank.

Also war für ihn klar, dass er für den Rest seines Lebens für StarMap arbeiten würde.

Das Geld, das er verdiente, verteilte er an alle möglichen Wohltätigkeitsorganisationen oder gab es aus, um sich für seine teuren Hobbys auszustatten.

Wie sahen die Besatzungsmitglieder aus und was waren ihre Charaktere?

Im 24. Jahrhundert hatten sich alle Völker stark vermischt und es war kaum möglich, die Herkunft eines Menschen anhand seines Aussehens zu klassifizieren. Auf den Pässen stand "Species: Homo Sapiens" geschrieben und nur der Geburtsort wurde aufgeführt. Doch es war in Mode, zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren. Mit Genanalysen, Stammbäumen, alten Geographie- und Geschichtsbüchern versuchten die Menschen, ihre Verwandtschaft zurückzuverfolgen. Die meisten trugen Gene aus allen Ethnien in sich und so konnte sich jeder nach Lust und Laune seine Lieblingsvorfahren aussuchen.

Die Charaktereigenschaften der Menschen an Bord waren nicht extrem ausgeprägt und alle hatten einen sehr ruhigen, friedlichen und gemäßigten Charakter. Eine Crew, die jeden Tag Streit oder Drama hatte, war gut für Film und Fernsehen, aber sicher nicht in der Realität. Bei solchen Langzeitmissionen achtete StarMap sehr genau darauf, dass nur psychologisch absolut stabile Menschen an Bord waren. Denn an Bord ging es darum, im Notfall eingreifen zu können. Jeder musste unter hohem Druck und Lebensgefahr ruhig und effizient arbeiten und durfte unter keinen Umständen in Panik geraten. Speziell entwickelte Psycho-Hypnose-Programme und Atemübungen halfen der Besatzung, sich auf die schlimmsten Notfälle vorzubereiten und auch das Leben in der Abgeschiedenheit zu bewältigen. Alle waren auf ihrer zweiten Mission und nach jahrzehntelangem Psychotraining würde keiner von ihnen in Panik geraten, wenn plötzlich Aliens an Bord stürmen würden. Für solche Fälle gab es auch Medikamente, die die Emotionen dämpfen und die Crew noch leistungsfähiger machen sollten. Aber trotz der allgemeinen Ähnlichkeit der Charaktere an Bord hatte jeder von ihnen seine eigenen Besonderheiten.

Jay war groß und breitschultrig, große Muskeln wölbten sich unter seiner dunklen Haut. Viele Leute hielten ihn für einen Berufssoldaten oder Ringer, weil er so aussah. Wenn er nach seinen Vorfahren gefragt wurde, behauptete er gerne, dass sie Maori-Krieger waren. Er bevorzugte es, militärische Kleidung zu tragen und versuchte, immer und überall korrekt zu sein, ein vorbildlicher Offizier, wie es sich für einen idealen Schiffskapitän gehört. Von Zeit zu Zeit war er wütend über sein Schicksal und träumte davon, sich irgendwie zu rächen. Aber das dauerte meist nur kurz und diese Racheträume waren in den vielen Therapiesitzungen fast völlig verblasst. Er wusste nicht, was er nach der Abhysal-Mission tun sollte. Weiter arbeiten wie Nemo? Oder sich irgendwo zur Ruhe setzen? Gelegentlich träumte er davon, Außerirdische zu treffen und sein Geld als Söldner zu verdienen. Die anderen lachten über seine Träume. Aber die Diskussion über die Begegnung mit Außerirdischen konnte ganze Abende füllen und war ein geschätztes Gesprächsthema. So wie man auch abendfüllende Diskussionen über mögliche Lottogewinne führen konnte.

Auch Joe träumte davon, Außerirdische zu treffen, es war auch einer der Gründe, warum sie sich angeheuert hatte. Der erste Mensch zu sein, der einer neuen Rasse begegnet und sie erforscht! Sie war mittelgroß und hatte braunes Haar, das sie gerne rot färbte. Sie war an den Flanken vom Stromboli im Mittelmeer aufgewachsen, behauptete aber, Vorfahren aus der Wikingerzeit zu haben und erzählte gerne von den Normannen, die um das Jahr 1000 bis nach Sizilien gekommen waren. Sie war drahtig und athletisch. In ihrer Jugend hatte sie an fast allen Segelregatten teilgenommen und hatte sogar die Route de Rhum alleine gesegelt. Die Einsamkeit machte ihr nichts aus und je gefährlicher es wurde, desto besser. Sie war eher der Witzbold der Crew und immer für einen Spaß zu haben.

Lex war das komplette Gegenteil. Sie war eher ein ängstlicher Charakter und hatte ein unübertreffliches Talent, überall Worst-Case-Szenarien zu sehen. Das war ganz praktisch, denn mit ihrem Pessimismus war die Crew auf alle undenkbaren Eventualitäten vorbereitet. Die Begegnung mit Außerirdischen wäre für sie der reinste Horror. Was, wenn sie Kiki zerstören würden?

Wenn man sie nach ihren Vorfahren fragte, antwortete sie nur: "Die Ecke zwischen Korea und Japan oder so." Wie alle in der Crew hatte sie über ein Jahrzehnt exzessives Fitnessraining mit Jay hinter sich, und ihr runder, pummeliger Körper war jetzt schlank und gut definiert. Ohnehin wären viele Menschen auf der Erde neidisch auf die durchtrainierten Körper der Crew gewesen.

Nemo war mit seinen fast 70 Jahren außerordentlich fit und konnte Jay leicht schlagen, wenn sie einen simulierten Marathon laufen würden. Er war grauhaarig. Abwechselnd trug er einen dicken Schnurrbart oder einen buschigen Bart. Er war der einzige, dem man ansah, dass er kaukasische Vorfahren hatte und er behauptete gerne, dass seine Vorfahren aus einer einflussreichen Zaren-Familie stammten. Er war sehr lethargisch und lakonisch. "Mal sehen..." war seine Lieblingsfloskel. Und dieser Charakterzug hatte ihm schon in einigen Situationen das Leben gerettet. Er war genau der Mann, den man an seiner Seite haben wollte, wenn das eigene Raumschiff auseinandergerissen wurde und man auf einem monsterverseuchten Planeten notlandete. Nemo würde immer und überall eine Lösung finden. Er hatte seinen Hass auf die Menschen vor zwei Jahrzehnte beiseite gelegt und liebte es, ein Emerit zu sein. Wenn die Abhysal zurückkehren würde ... wenn ... dann würde er sich einfach für die nächste Mission melden. Immer wieder, bis er irgendwo verunglückte oder in Frieden einschlief.

Milo wurde auf einem kleinen Kolonieplaneten geboren, hatte aber seine gesamte Kindheit in Südamerika verbracht. Auf die Frage, woher seine Vorfahren stammten, sagte er nur: "von der Erde". Er hatte ein südspanisches Aussehen und hätte leicht ein Frauenschwarm sein können. Aber daran war er nicht interessiert. Er war ohnehin extrem schüchtern im Umgang mit Menschen, und es hatte fünf Jahre gedauert, bis er die Crew so gut kennengelernt hatte, dass er sich ihnen anvertrauen konnte, aber jetzt betrachtete er sie als seine Familie. Die meiste Zeit war er wortkarg, aber er konnte leicht stundenlang reden, wenn es um Astronomie oder Physik ging. Er machte auch eine Psychotherapie und die Crew war sich sicher, dass er mit jedem Jahr selbstbewusster und kommunikativer wurde. Der Vorstellung, auf Außerirdische zu treffen, begegnete er furchtlos. "Wenn sie Raumschiffe haben, müssen sie sich mit Physik gut auskennen. Ich wette, das ist aufregend." Milo war noch größer als Jay und musste sich jedes Mal ducken, um unter den Schotten der Raumschifftüren durchzukommen.

Er war der einzige an Bord, der keine Hobbys hatte.

Leben auf der Abhysal

Zeitraubende Hobbys waren wohl das Wichtigste an Bord eines Kartierungsschiffes.

Denn die Besatzung an Bord, hatte sie nicht viel zu tun, und ihre einzige Aufgabe war es, Kiki zu überwachen.

Ein Tag verging wie dieser:

Um sechs Uhr morgens traf sich die Mannschaft. Das mag früh erscheinen, aber nach 400 Jahren genetischer Manipulation hatte sich die Schlafzeit des Durchschnittsmenschen auf drei bis vier Stunden reduziert. Die meisten gingen um ein Uhr nachts ins Bett und um sechs Uhr waren sie voll wach.

Jetzt übernahm Jay das Ruder. Als Leiter des Schiffes war er dafür verantwortlich, dass alle Besatzungsmitglieder gesund und fit blieben. Obwohl die Abhysal über eine künstliche Schwerkraft verfügte, ließen die Schwerkraftplatten zu wünschen übrig, und ohne Bewegung würden die Astronauten schnell an Muskel- und Knochenmasse verlieren. Ein Minimum von zwei Stunden pro Tag war Pflicht. Aber Jays Besessenheit von Sport und Fitness führte dazu, dass der Durchschnitt eher bei vier Stunden pro Tag lag. Jay hatte einen gigantischen Fitnessparcours in der Abhysal aufgebaut und ließ sich immer wieder etwas Neues einfallen, um alle in Bewegung zu bringen. So begann der Tag zum Beispiel mit einem Fünf-Kilometer-Lauf durch die Lagerräume der Abhysal, gefolgt von einer Kletterpartie im Schacht des Lastenaufzugs. Um ganz fies zu sein, liebte es Jay auch, die Schwerkraft zu erhöhen oder sie umzukehren. So mussten sich alle anstrengen, um nicht von der Kletterwand zu fallen. Wenn Jay nicht gerade Klettern auf dem Programm hatte, gab es Hindernisparcours, denn er hatte einen echten Ninja-Krieger-Parkour aufgebaut, bei dem alle ihre Koordination und Geschicklichkeit trainierten. Außerdem gab es ein gut ausgestattetes Fitnesscenter im Aufenthaltsraum, so dass alle üblichen Geräte wie Krafttraining, Spinning oder Rudermaschinen genutzt werden konnten. Spaßübungen wie Seilspringen, Trampolinspringen und Gymnastik standen ebenso auf dem Programm wie Leichtathletik, Tanz- oder Ballsportarten oder militärischer Drill. Jay selbst war immer noch ein begeisterter Kampfsportler, und so gab es regelmäßig Box- oder Kung-Fu-Kurse. Auch Nicolai und Joe hatten ihre Leidenschaft für den Kampfsport entdeckt und trainierten regelmäßig mit Jay. Lex trainierte mit ihnen, wenn sie gefragt wurde, aber sie mochte es nicht. Sie mochte nur das Bogenschießen auf Jays Schießstand.

Milo machte seine Sportübungen, wie es ihm aufgetragen wurde, fand aber, dass Sport nur eine langweilige Zeitverschwendung war.

Nach dem Sport gab es Frühstück. Die Lagerräume des Abhysal waren mit Stasis-Behältern mit Lebensmitteln gefüllt. Und wenn die Nahrung in 30 Jahren zur Neige gehen würde, könnte der hydroponische Garten erweitert werden, um die gesamte benötigte Nahrung anzubauen. Derzeit liefert der Garten nur Gemüse, Eiweißgurken, Fleisch-Auberginen und Nudelknollen. So könnte die Crew auch von frischen Lebensmitteln profitieren.

Nach dem Frühstück wandte sich jeder an seine Arbeit:

Joe und Nemo arbeiteten meistens zusammen. Doch bevor sie mit ihrer Arbeit begannen, zwängten sich die beiden Ingenieure wie üblich in ihre High-Tech Techniker-Outfits. Diese bot neben allerlei Techniker-Schnickschnack auch Strahlenschutz, Kühl- und Heizsysteme sowie einen leichten Muskel-Verstärker. Bei einem seiner früheren Einsätze hatte dieser Anzug Nemo das Leben gerettet, als ein Leck auftrat. Deshalb hatte er darauf bestanden, dass sie ihn bei Routineeinsätzen immer trugen. Joe war offiziell für alles rund um die Subraumtechnologie zuständig und Nemo für den Fissionreaktor und die Lebenserhaltungssysteme. Aber nach so vielen Jahren auf Raumschiffen waren beide Experten auf beiden Gebieten und erledigten die Arbeit gemeinsam.

Sie mussten täglich Inspektionen an den verschiedenen Teilen des Schiffes durchführen. Heute inspizierten sie das Außengehäuse des Subraumtauchgenerators und werteten die Röntgenbilder des Wartungsroboters aus. Es waren keine Fehler zu finden (was logisch war, denn sonst hätte Kiki sie sofort informiert). Dann kontrollierten sie die Filter der Wasseraufbereitungsanlage. Auch hier war alles in Ordnung. Gewissenhaft füllten sie die Wartungsformulare aus und machten sich bereit, ihre freie Zeit zu genießen.

Jay selbst setzte sich in sein Büro. Dort füllte er die Fitnessformulare aus und notierte die Fortschritte des Teams, dann gab ihm Kiki seine Agenda. Von Zeit zu Zeit musste er medizinische Untersuchungen durchführen und nach den anderen Crewmitgliedern sehen. Oder er ging die Lagerlisten durch und kontrollierte, ob alles in Ordnung war. Außerdem schaute er sich an, was jeder in der Crew tat und ob sie ihre Aufgaben pünktlich erledigten. Auf diese Weise konnte er sich wenigstens ein bisschen wie ein Kapitän fühlen.

Aber seine Lieblingsbeschäftigung war das Testen der neuesten Subraumkarten, die Kiki über Nacht erstellt hatte. Er benutzte einen Simulator und flog durch das neu kartierte Gebiet. Wenn es irgendwelche Unklarheiten gab, meldete er sie an Kiki, die dann die Karten neu berechnete, was alle zwei Jahre geschah. Die Subraumkarten reisten mit allen anderen Dokumenten in den "Brieftauben", kleinen autonomen Raumschiffen, die in die entgegengesetzte Richtung zurückflogen und die Daten an StarMap lieferten.

Danach machte er eine Stunde lang Dehnungsübungen, um an seiner Beweglichkeit zu arbeiten. Gelegentlich schlich er sich auch in die Simulationsbox. Das war Jays liebster Rückzugsort. Die Box simulierte eine virtuelle Realität und dank eines Ganzkörperanzugs und eines Exoskeletts konnten Bewegungen und Berührungen fast lebensecht simuliert werden. Die Hirnstimulation trug dazu bei, dass es noch realer wirkte. Jay übte in der Simulationsbox alles, von komplizierten chirurgische Operationen bis zu Weltraumspaziergängen. Aber wenn er konnte, spielte er Kriegsspiele. Ego-Shooter ebenso wie Strategiespiele oder Nachbildungen berühmter Schlachten. Manchmal brauchte er die Box sechs bis acht Stunden am Tag, aber niemand machte sie ihm streitig. Lex wurde darin seekrank, Milo war es egal, und Joe und Nemo nutzten sie nur wenig.

Milo verschwand sofort nach dem Frühstück im Astrolab und kam erst am Abend wieder heraus. Die meiste Zeit eskortierte ihn sein Pflegeroboter zum Esstisch, damit er richtig essen konnte.

Milo nutzte die Zeit sowohl, um mit Kiki die neuen Navigationspläne zu erstellen, als auch um unbekannte Subraumphänomene aufzuspüren und zu erforschen. Er schrieb neue Publikationen und einmal in der Woche durfte er seine neuesten Ergebnisse der Besatzung präsentieren. Nicht, dass jemand viel von seinen Theorien verstanden hätte, aber alle gaben sich Mühe, ihm aufmerksam zuzuhören. Schließlich war es wichtig, dass Milo sich wohlfühlte und Spaß hatte. Der Vorteil war, dass mit der Zeit die meisten Besatzungsmitglieder nun auch Experten in Sachen Subraumphysik waren.

Lex ging in den Computerraum, der mit dem Astrolab verbunden war, wo sie sich mit Kiki einloggte. Über ihre Datenschnittstelle überprüfte sie jeden Tag einen kleinen Teil der KI-Programmierung. Die gängige Hypothese war, dass irgendeine Subraumstrahlung Fehler im Computercode verursachte, was der Grund dafür war, dass die Roboterschiffe so oft verunfallten. Aber weder Lex noch andere Programmierer waren jemals auf induzierte Fehler gestoßen. Lex liebte es, Zeit mit Kiki zu verbringen. Für sie war Kiki fast menschlich, sogar ihre beste Freundin. Sie genoss es, Zeit in der logisch klaren Welt des Programmcodes zu verbringen. Hier und da nahm sie Änderungen und Verbesserungen vor. Außerdem arbeitete Lex gerne an ihrem "Baby" und programmierte ihre eigene KI nach ihren Bedürfnissen.

Es war fast ein Uhr und Lex musste ihre Arbeit unterbrechen. Selbst die besten KI-Programmierer konnten nicht mehr als drei Stunden am Stück in einer KI-Umgebung verbringen. Danach wurde das Risiko zu groß, dass sie sich ablenken ließ und sich ein fehlerhafter Code einschlich.

Lex durchquerte den kurzen Korridor zum Wohnzimmer. Hier befanden sich die Küche und das Esszimmer, sowie der Fitnessraum und eine gemütliche Sofaecke mit Multimedia-Bildschirmen und Bibliothek.

Zur gleichen Zeit trafen auch Nemo und Joe ein, ebenso wie Jay, der meist erschöpft aus der Simulationsbox kroch und sich in sein Quartier zurückzog, um sich umzuziehen.

Zu Mittag gab es eine leichte Mahlzeit mit Suppe und Brot.

Jeden Tag gab es am frühen Nachmittag eine Notfallübung, das konnte nur ein einfaches Briefing sein, bei dem Jay die Anweisungen noch einmal durchging, oder eine vollständige Simulation. Heute gab es nur eine kurze Übung, und jeder musste so schnell wie möglich in den Notfallraumanzug steigen. Schließlich waren die Leute auf dem Schiff, um im Notfall einzugreifen. Also war es logisch, dass alle möglichen Szenarien geübt werden mussten.

Kurz darauf gingen die Leute entweder in ihr Quartier oder an ihren Arbeitsplatz und führten ihr Psycho-Hypnose-Programm durch. Viele Techniken lehrten sie, sich zu konzentrieren oder in lebensbedrohlichen Situationen ruhig zu bleiben. Inzwischen war die Crew darin Meister geworden, und sie genossen es auch, gemeinsam als Gruppe zu üben. Dreimal waren sie in den letzten Jahren nur knapp einer Katastrophe entgangen, und das war nur dem Umstand zu verdanken, dass jeder in der Crew die Situationen schnell, ruhig und überlegt gemeistert hatte. Wenn solche Situationen eintraten, war es, als ob ein Schalter umgelegt wurde, alle waren sofort im Flow und agierten wie eine einzige Einheit.

Danach gab es noch Kaffee und Kuchen.

Nach vierzehn Jahren, in denen man Tag und Nacht zusammen war, kannte sich jeder so gut wie nur möglich war.

Sie plauderten ein wenig über die morgendlichen Routine, sprachen über das Fitnesstraining, und jeder erklärte, was er am restlichen Nachmittag machen würde, und vor allem planten sie gemeinsam die Abendaktivitäten. Zweimal in der Woche spielten sie alle zusammen Theater, einmal machten sie zusammen Musik, und die restlichen zwei Abende waren Film- oder Spieleabende.

Alles, was man auf dem engen Raum der Abhysal machen konnte, galt als ideales Hobby. Logischerweise liebten alle den Subraum, und berufsbezogene Kurse oder Fernunterricht standen als Zeitvertreib hoch im Kurs. Alle waren seit mindestens 25 Jahren auf den Kartierungsschiffen, und die Liste der Abschlüsse war entsprechend lang. Joe hatte einen Abschluss in Chemie und sogar einen Ehrendoktortitel in Sensortechnik. Nemo war Kernphysiker und diplomierter Gravitationsingenieur. Auf jeden Fall waren alle außer Jay weltbekannte Experten auf dem Gebiet der Subraumtechnologien. Joe, Lex und Nemo arbeiteten zusammen, um verbesserte Gravitationsplatten oder andere neue Geräte und Motoren zu entwickeln, und sie hatten eine hervorragend ausgestattete High-Tech-Werkstatt und ein noch besser ausgestattetes allgemeines Forschungslabor. Gesponsert von Nemos riesigem Vermögen.

Neben diesen wissenschaftlichen Aktivitäten war Nemo ein begnadeter Schneider und Joe war nicht minder talentiert. Eines der leeren Quartiere war deshalb in ein Nähatelier umgewandelt worden. Nemo und Joe hatten eine Menge Spaß daran, für Jay Militäruniformen aus allen Epochen zu nähen. Jay trug meist typische Soldatenkleidung und liebte alles, was ein militärisches Design hatte. Sie hatten auch Schiffsuniformen für die ganze Besatzung entworfen und gelegentlich verkleidete sich die ganze Besatzung und Jay liebte es.

Lex malte, schnitzte und töpferte. Ein weiteres leeres Quartier war daher das Kreativstudio. Jay raufte sich teilweise die Haare, als er Stoffballen und andere Bastelutensilien entdeckte, die in Abhysals riesiger Ladung versteckt waren: "Wenn wir jemals eine Bruchlandung auf einem Planeten machen, haben wir genug Material, um ein städtisches Opernhaus zu eröffnen, einschließlich eines Schauspielhauses, eines Balletts und eines Supermarkts für Bastelzubehör!"

Natürlich durften auch Musikinstrumente nicht fehlen, und mittlerweile hatte jeder ein gutes Niveau erreicht. Nemo spielte Akkordeon, trug dazu gerne ein Matrosenkostüm und sang Seemanslieber. Lex spielte Kirchenorgel und konnte stundenlang Bach-Kantaten spielen. Milo spielte Geige und Joe spielte Cello und Klavier. Jay hatte sich lange dagegen gewehrt, ein Instrument zu erlernen, aber dann entdeckte er den Dudelsack. Leider wurde er damit in die hinterste Ecke hinter dem Reserve-Fusionsreaktor verbannt.

Lex studierte auch Religionswissenschaften und Kunstgeschichte. Milo brauchte kein weiteres Hobby - die Erforschung des Subraums nahm seine ganze Zeit in Anspruch. Die einzige Zeit, in der er sich mit der Crew traf, war für Theateraufführungen.

Schauspielen war ein Pflichtfach in der Schule, genau wie Singen, also hatte jeder schon Schauspielerfahrung.

Die Crew hatte in den letzten Jahren über 100 Stücke geprobt. Ihr Repertoire reichte von griechischen Tragödien, klassischen Stücken von Goethe, Shakespeare oder Molière bis hin zu allen möglichen Stücken aus den letzten Jahrhunderten, wie Gottfried Xianghu M'Munga, berühmter Dichter des 23. Jahrhrundert. Manchmal spielten sie ikonische Filmszenen nach und gelegentlich auch den einen oder anderen Akt aus einer Oper.

Die gemeinsamen Abende endeten in großem Gelächter. Alles in allem kann man sagen, dass die Crew ihr Leben sehr gut meisterte und, abgesehen von ihrer Abgeschiedenheit, ein glückliches Leben führte.

Die häufigste Frage, die der Besatzung gestellt wurde, betraf ihr Sexualleben. Alle hatten sich auf eine einfache Regel geeinigt. Kein Sex mit den anderen. Lex hatte für sich selbst ein Keuschheits Gelübde abgelegt, aber sie behauptete, asexuell zu sein und sich nicht für die anderen zu interessieren. Nemo hatte schon als Teenager Pillen genommen, die seine Lust dämpften, weil die Angst, dass er sich in ein psychopathisches Monster verwandeln und jemanden vergewaltigen würde, tief in seinem Unterbewusstsein verankert war. Milo hatte ganz andere Dinge im Kopf. Jay und Joe benutzten die Simulationsbox, die auch für diesen Zweck ein hervorragendes Werkzeug war.

Damit war das Wesentliche geklärt.

Die Abhysal

"Der Pottwal" war der Spitzname der Abhysal. Ob irgendein Konstrukteur jemals sein Design gesehen hatte, blieb ungewiss. Die meisten Leute, die die Abhysal sahen, sagten, es sei das hässlichste Raumschiff, das je gebaut wurde.

Es war im Wesentlichen ein birnenförmiger Zylinder, übersät mit Höckern, Buchten und krummen Flossen.

"Daran muss man sich erst gewöhnen." hatte Joe gesagt, als sie die Abhysal sah. "Wenigstens sind wir drinnen und müssen es nicht von außen sehen", sagte Nemo achselzuckend und stieg ein.

Aber der Innenraum war ungefähr genauso schlimm. Je nachdem, wo man sich in dem siebzig Meter langen Raumschiff befand, gab es zwischen 5 und 11 Decks. Der Innenarchitekt hatte auch das Kunststück vollbracht, ein Viertel-Deck zu schaffen. So befand sich der hydroponische Garten auf Deck 2 1/4, direkt neben dem Fissionsreaktor, der sich von Deck 6 bis 11 erstreckte.

Um die Sache zu verkomplizieren, waren die vertikalen Ebenen in horizontale Zonen unterteilt, die jedoch alle unterschiedlich groß und dreidimensional waren. Der Stasisraum für Lebensmittel befand sich auf Deck 8 1/4, Zone A, Bereich 65, um ein Beispiel zu nennen.

Aber wenn man sich erst einmal an das System gewöhnt hatte, bot die Abhysal einen riesigen Abenteuerspielplatz. Leitern, Stangen, Förderbänder und sogar ein kleiner Sessellift dienten dem Transport auf dem Schiff, der auch dringend benötigt wurde. Das einzige, was niemand verstehen konnte, war, wie man auf die Idee kam, einen Sessellift zu installieren. Schließlich ging man davon aus, dass der Sessellift nur zur mentalen Ablenkung der Schiffsbesatzung diente.

Im Heck des Schiffes - oder dort, wo bei einem vernünftigen Schiff ein Heck sein sollte - befand sich der Fissionreaktor, der das Schiff mit Energie versorgte. Sollte er ausfallen, gab es einen zweiten Reaktor mittschiffs und für den Notfall einen Fusionsantrieb im Bug. Unterhalb des Fusionsantriebs befand sich ein Hangar mit zwei Shuttles. Diese sollten als Notunterkünfte dienen oder sich einem Kometen zu nähern und bei Bedarf Wasser oder Wasserstoff zu sammeln.

Die Mannschaftsquartiere befanden sich teilweise auf Deck 5,5 und teilweise auf Deck 3, im Durchschnitt etwa auf Deck 4. Die Wohn- und Arbeitsbereiche wurden daher einfach als Deck 4 bezeichnet.

Die Abhysal war ursprünglich für 15 Besatzungsmitglieder ausgelegt. Als das Schiff entworfen wurde, dachte man, dass eine Gruppe von Subraum-Wissenschaftlern mitfliegen würde, aber das war nicht geschehen. Die Quartiere waren über das ganze Deck verstreut, so dass jeder etwa die gleiche Strecke zurücklegen musste, um in den Aufenthaltsraum mit einer kombinierten Küche zu gelangen. Die Quartiere waren nichts anderes als vorgefertigte Container, die die Einrichtung eines Luxushotels enthielten. Jedes Quartier hatte ein Schlafzimmer mit einem großen Bett. Ein Badezimmer mit Toilette und Dusche und einen Büro-/Wohnbereich. Im Vorfeld hatte jeder Zeit gehabt, seine Kabine nach seinem Geschmack einzurichten.

Die leerstehenden Quartiere waren, wie bereits erwähnt, zu Ateliers, Musikräumen und anderen Einrichtungen umgebaut worden. Trotzdem waren noch fünf Quartiere vorhanden. Auch der Salon und die Küche waren für 15 Personen ausgelegt und boten reichlich Platz. Auf dem gleichen Deck befanden sich die Brücke - Jays Büro - und das Astrolabor mit dem angeschlossenen KI-Raum. Lex, Milo und Jay brauchten Deck 4 theoretisch nicht zu verlassen, um zu arbeiten. Nur Nemo und Joe hatten ihren Arbeitsplatz im Kombi-Maschinenraum.

Die Abhysal selbst war ein reines Subraumschiff. Es hatte zwar einen Sublichtantrieb, um bei Bedarf in einen Hangar zu manövrieren oder einem heranrasenden Planeten auszuweichen, aber das war auch schon alles, was es hatte. Aber es war sicher nicht dafür gedacht, Sublichtrennen zu fahren. Im Normalraum war die Abhysal so manövrierfähig wie ein Pottwal am Strand.

Der Tauchgenerator, der die Abhysal in den Subraum abtauchen ließ, war relativ klein. So klein, dass die meisten Besucher ihn gar nicht bemerkten. Es kam sogar vor, dass Besucher den großen Warmwasserboiler mit dem Tauchgenerator verwechselten, und der Tauchgenerator wurde öfters mit der Waschmaschine verwechselt, weil er so aussah. Die Subraumverzerrung wurde durch die krummen Flossen in den Raum geleitet, wo sie den Subraumspalt öffnete.

Die Abhysal hatten ebenfalls riesige Laderäume, die viele Ersatzteile enthielten. Zum Beispiel waren mehrere Container über das Schiff verstreut und enthielten etwa 30 Tauchgeneratoren, falls einer ausfiel.

Auf jeden Fall war das Schiff voll mit Ersatz- und Austauschteilen. "Genug, um die Abhysal von Grund auf neu zu bauen", behauptet Joe gerne, und Nemo fügt hinzu, "mindestens dreimal...."

Auf den oberen drei Decks befanden sich 500 Funkbojen und 500 Brieftauben. Die Funkbojen waren die Markierungen, die die Abhysal entlang ihres Weges auslegte. Nach 14 Jahren, in denen nur 120 Bojen installiert und 98 Brieftauben ausgesandt wurden, wurde der frei gewordene Platz von Jay requiriert.

Dies war sein Sparringplatz und Schießstand. Die Besatzung staunte nicht schlecht, als immer wieder versteckte Waffen auf dem Schiff auftauchten. Keiner wusste genau, wie Jay an all das Kriegsmaterial gekommen war. Leider konnte Jay seine vielen Waffen im Schiff selbst nicht benutzen und musste sich mit Simulationswaffen begnügen. Aber seine Waffen waren sein Schatz, und er verbrachte viel Zeit damit, die Gewehre und Pistolen zu reinigen und zu warten.

Das Labor, die Krankenstation und die Werkstatt nahmen ebenfalls ein ganzes Halbdeck ein und befanden sich auf Deck 5 über den Wohnräumen. Neben Nemos Technikwerkstatt befand sich natürlich das 3D-Drucker-Labor. Alle möglichen 3D-Drucker standen der Besatzung zur Verfügung und jedes erdenkliche Teil konnte erstellt werden. Natürlich standen auch Container mit Rohmaterialien zur Verfügung, um die 3D-Drucker zu füttern.

Subraum Gefahren

Es war Januar, ein Sonntagnachmittag, um genau zu sein. Die Mannschaft arbeitete jeden Tag, aber heute wurde zum Feiertag erklärt. In der Woche zuvor hatten sie einen neuen Rekord aufgestellt: Sie hatten 1800 Lichtjahre in einer Woche zurückgelegt, dreimal schneller als alles bisher Mögliche. Ein Teich war dafür verantwortlich. Teiche waren Subraumgebilde, in denen es völlig friedlich war und keine Gefahr bestand. Sie waren fast bis zum Abyss hinabgetaucht und hatten dort einen günstigen Wind erwischt. So tief unten in der Dimensionskrümmung flogen die Lichtjahre vorbei wie nichts. Nun waren sie in den Normalraum aufgetaucht und hatten einen vollständigen Scan durchgeführt, um die umliegenden Sterne und Sonnensysteme zu vermessen.

Für die Feierlichkeiten wurde ein üppiger Sonntagsbrunch arrangiert und der Kochroboter wurde entsprechend programmiert. Nach dem Brunch waren alle satt und sie kuschelten sich in die Sofas. Lex hatte ein Gedicht einstudiert und trug es vor, was eine Diskussion über die Poesie des 22. Jahrhunderts auslöste.

Ob Sonntag oder nicht, Jay bestand auf einem täglichen Notfalltraining. Die drei größten Gefahren im Subraum waren die Monsterwelle, der Vortex und der Taifun.

Monsterwellen waren eine Art aufgestaute Subraumenergie, die plötzlich auftrat. Man hatte nur kurze Vorwarnzeiten und das Überleben hing nur davon ab, dass das Schiff richtig in der Welle positioniert war, um "mitzusurfen".

Die Besatzung hatte hier den besten Schutz: Jay hatte ganze zwölf Monsterwellen "mitgeritten" und galt weltweit als der erfahrenste Pilot in diesem Bereich. Und so spielte die Crew das Monsterwellen-Szenario durch. In ihrer 14-jährigen Mission hatten sie bereits drei Wellen erlebt und die Gefahr war real.

Bei den Taifunen hatte die Crew Glück gehabt und dank der extremen Sensoren diese "Subraumstürme" rechtzeitig erkennen und ihnen ausweichen können. Taifune waren nicht besonders tödlich, aber sie konnten ein Schiff Zehntausende von Lichtjahren in die falsche Richtung driften lassen. Wie viele Astronavigatoren durch Taifune weit von ihrer Route abgetrieben worden waren und es dann einfach nicht mehr zurückgeschafft hatten, war nicht bekannt. Aber es war eine reale Gefahr, und in den StarMap-Verträgen war klar festgehalten, dass eine Rückkehr nicht garantiert war - im schlimmsten Fall würde die Crew den Rest ihres Lebens auf einem fremden Planeten verbringen müssen.

Die Chance, im Subraum zu sterben, war für alle sehr real. Die StarMap-Bilanz lag bei 10%. 10% der Schiffe gingen im Subraum verloren. Ein weiterer Grund, warum es so schwierig war, Leute zu rekrutieren.

Der Vortex war die tödlichste Subraumgefahr und das am wenigsten verstandene Phänomen. Das Problem war, dass man ihn nur sah, wenn man sich bereits in den starken Abwärtsströmungen befand.

Nemo war der einzige lebende Mensch, der eine Vortex-Erfahrung überlebt hatte. "Aber auch nur, weil wir rechtzeitig abgebogen waren, bevor wir in den Strudel gerieten".

Das Notmanöver, das Nemos damaliger Kapitän durchgeführt hatte, hatte Nemos altes Raumschiff in ein Wildwassergebiet geschleudert, von wo aus es heftig gegen eine Klippe geprallt war. Nemo hatte überlebt, weil er seinen High-End Technikeranzug trug, der ihn vor dem Druckabfall geschützt hatte. Die Tatsache, dass er diesen Anzug trug, rettete ihm das Leben, als der Rumpf des Schiffes aufgerissen wurde. Glücklicherweise waren sie auf dem Rückweg, und dank der Subraumkarten, die sie zuvor gesendet hatten, erreichte ihn ein Ambulanzschiff noch rechtzeitig. Er war der einzige Überlebende.

Milo nutzte die Gelegenheit, um einige Sensordaten von vortexähnlichen Phänomenen zu zeigen, die er kürzlich aufgezeichnet hatte. Es schien, dass es in diesem Gebiet besonders viele Vortexe geben könnte. Die allgemeine Hypothese war, dass die Schiffe in den tiefen Abyss gesogen wurden, wo sie von den Gezeitenkräften auseinandergerissen wurden. Milo war im Begriff, einen Vortrag über seine neueste Hypothese zu halten, aber Jay unterbrach ihn.

Der Captain stellte fest, dass alle genug getrödelt hatten. Er übernahm die Führung und lud die Crew zu einem Sonntagsspaziergang durch den langen Korridor von Deck 8 ein. Mit Hilfe virtuellen Brillen hatte er einen Spaziergang entworfen, der die Besatzung in die Dolomiten führte. Gut geplante Veränderungen der Schwerkraft gaben das Gefühl, auf- oder abzusteigen. Der Abend endete mit einem Pokerspiel, bei dem Milo, wie immer, gewann.

Der Vortex

Doch genau zehn Tage später war es mit dieser friedlichen Atmosphäre vorbei. Es war kurz vor dem Abendessen. Milo arbeitete noch, Jay trainierte an seinem Boxsack. Nemo half dem Kochroboter, ein Gulasch zuzubereiten. Lex saß mit Joe auf dem Sofa, und sie sahen sich einen Schnittmusterkatalog an.

Gerade in dieser friedlichen Stimmung kam Milo herein. "Okay Leute, wir sind in einem Vortex... Hat jemand meinen Hand-Computer gesehen?" Er begann unter den Sitzpolstern zu suchen. Zur gleichen Zeit läutete die Alarmglocke. "Vortex, Vortex, Vortex", schrie Kiki.

Jay warf seine Boxhandschuhe in eine Ecke und schaltete den heulenden Alarm aus. Laut rief er Kiki zu: "Notfallmanöver! Alle in Raumanzüge! Macht euch auf den Aufprall gefasst!"

Aber Kiki sagte nur: "Wir sind schon im Mahlstrom, da kann ich nichts mehr tun. Wir werden den Abyss in 14 Minuten erreichen."

Bleich sahen sich alle an.

"So soll es also enden?" Nemo hob seinen Suppenlöffel und zeigte auf das Gulasch. "Wie wäre es mit der letzten Mahlzeit?"

Schweigend setzten sich alle hin. Vierzehn Minuten waren eine schrecklich lange Zeit, um auf den Tod zu warten, und viel zu kurz, um etwas anderes zu tun. "So habe ich mir den Tod nicht vorgestellt. Es fühlt sich so absurd an." Lex seufzte und schien den Tränen nahe.

Dann kehrte Milo mit seinem Hand-Computer in der Hand zurück. Er wirkte völlig normal und ganz und gar nicht so, als würde sein letztes Stündlein schlagen. "Was macht ihr da? Wir haben keine Zeit zum Essen, wir müssen alles für den Transfer vorbereiten!", rief er aufgeregt.

"Wir sind alle dabei zu sterben, wir können nichts tun", erklärte Joe, lief unruhig hin und her und schien die ganze Situation nicht zu begreifen.

Doch Milo schüttelte nur den Kopf. "Warum redet ihr alle über den Tod? Wir werden nicht sterben, aber wir müssen das Schiff genau ausrichten, sonst kommen wir nicht durch die Wirbelröhre. Jay, du musst der Pilot sein! Lex, du musst mit Kiki reden. Joe und Nemo, ihr müsst in den Maschinenraum gehen, um alles abzuschalten! Kommt schon!" Milo war total aufgeregt. "Habt ihr nicht meinen Aufsatz über Vortexes gelesen, den ich vor sechs Jahren geschrieben habe? Ich habe die Vorgehensweise genau aufgeschrieben!"

"Warte mal! Milo, halt die Luft an und erkläre das Ganze noch einmal! Aber so, dass wir Sterblichen es verstehen können!" Jay stand auf und sprach mit scharfer, gebieterischer Stimme.

Milo hatte gehorsam den Atem angehalten und in einfachen Worten erklärt, was er entdeckt hatte.

In den letzten zwanzig Jahren hatte er in den Sensordaten immer wieder Signale von einer wirbelartigen Singularität empfangen. Genug, um ein Modell zu berechnen. Er hatte herausgefunden, dass es sich bei den Vortexes, wie vermutet, um eine starke Subduktion im Abyss handelte. Einmal tief unten in der Krümmung, würden sie vielleicht Tausende von Lichtjahren in ein paar Minuten überbrücken. Und irgendwo anders in der Galaxie wieder auftauchen. Aber nur, wenn das Schiff richtig in die Wirbelröhre eingetaucht war. Andernfalls würde es durch die Gravitationsverzerrungen entlang der Röhre auseinander gerissen werden.

Wenn sie die Abhysal richtig ausrichteten, würde sie durch den Vortex gleiten und irgendwo anders in der Galaxie auftauchen. Aber Milo glaubte aus seinen Berechnungen zu verstehen, dass es starke elektrodynamische Verzerrungen hatte, die von der Röhre nach oben krochen. Er empfahl daher, alle empfindlichen Geräte abzuschalten, am besten alles, was Strom benötigte. "Auf diese Weise sind wir auf der sicheren Seite."

Jay verstand schnell, was auf dem Spiel stand, und übernahm mit geübter Hand das Kommando: "Schwarzer Alarm! Alle auf ihre Posten! Milo wird uns alles Schritt für Schritt erklären!"

Schwarzer Alarm wurde nur angewendet, wenn eine lebensbedrohliche Situation unmittelbar bevorstand. Die Besatzung zog sich Notfall-Raumanzüge an und nahm eine Dosis des Hightech-Medikaments Soslinum ein. Dieses Stimulans würde die Angst dämpfen, sie für 48 Stunden wach halten und ihnen helfen, konzentriert zu bleiben. Außerdem rissen sie die Beutel mit "Liquizy" auf und tranken die Mischung. Liquizy war eine Nahrungspaste, die den Magen vollständig füllte und langsam Glukose freisetzte, was dafür sorgte, dass man vier Tage lang keinen Hunger verspürte und genug Energie hatte, um durchzuarbeiten.

Diese Prozedur war gut einstudiert, und innerhalb einer Minute waren alle bereit. Es gab Hoffnung und sofort war die Crew im Überlebensmodus. Jeder begann effizient und schnell zu arbeiten. Nemo und Joe begannen, die Systeme des Schiffes herunterzufahren, während die anderen sich im Astrolabor versammelten. Jay hielt seine Hände über die Schalttafel und wartete auf Milos Befehle. Milo stand vor dem Bildschirm, der die rohen Subraumdaten zeigte, und interpretierte sie. Lex war mit der KI gekoppelt und koordinierte das gezielte Herunterfahren der Schiffssysteme. Milo gab Jay die Anweisungen. Jay war fast blind, weil er die Rohdaten nicht in Echtzeit interpretieren konnte und die von Kiki im Voraus berechnete Karte immer ein paar Minuten verzögert war. Er hatte schon einige Male mit Milo in kniffligen Situationen wie dieser navigiert und war voll auf die Anweisungen konzentriert.

"Jay, dreh den Bug zwei Grad nach Backbord. Sehr gut. Wir gleiten jetzt diagonal in eine laminare Strömung, dann müssen wir das Heck drehen, damit wir orthogonal dazu sind ... Achtung und jetzt."

Jay führte die Manöver durch. In der Zwischenzeit hatten Joe und Nemo alles heruntergefahren, was möglich war, ohne die Navigation und den Bordcomputer abzuschalten.

"Es wird mindestens zwei Wochen dauern, alle Systeme wieder zum Laufen zu bringen", knurrte Nemo unglücklich. "Äh, ich werde froh sein, wenn wir überhaupt dazu kommen, irgendetwas neu zu starten", konterte Joe angespannt.

"Nemo, Joe, ihr könnt jetzt alles abschalten", ertönte Milos Stimme durch das Funkgerät.

Mit vollen fünf Minuten Restzeit verabschiedete sich Lex wortlos von Kiki und ihrem Baby und loggte sich aus, gerade als sich der Bordcomputer abschaltete. Ohne Kiki fühlte sie sich völlig leer. Mit zitternden Händen holte sie ihre Halskette unter dem Raumanzug hervor, an der ein einfaches Holzkreuz hing. Dann schloss sie den Helm und begann still zu beten.

Jay band sich schnell einen Erste-Hilfe-Kasten um die Taille und steckte eine große Taschenlampe in den Gurt, bevor er den Sicherheitsgurt befestigte.

Inzwischen war nur noch die Notbeleuchtung an, und durch das schummrige Licht betraten auch Joe und Nemo das Astrolabor.

Sie klappten die Wandstühle herunter und schnallten sich an. Beide hatten Werkzeugtaschen dabei, so dass sie sofort losrennen und ein Leck abdichten konnten. Die Kondensatoren der Schwerkraftplatten ließen nach und die Schwerelosigkeit setzte ein. "Noch zwei Minuten", sagte Jay. "Warte mal, wo ist Milo?"

Er hatte das Astrolabor verlassen und alle sahen sich um. Plötzlich schwebte Milo durch die Tür, in der Hand eine Tüte mit Gulasch. "Ich habe Hunger", sagte er und begann zu löffeln.

"Milo, du kannst jetzt nichts essen!", rief Joe konsterniert aus. "Warum nicht?", kam die Frage.

Nemo erfand etwas. "Es wird wackeln und schütteln und du würdest ersticken."

"Ach, Unsinn. Es wird nichts passieren."

"Milo, mach deinen Helm zu und schnall dich an!"

Wieder verging eine endlose Minute. "Nemo, kann ich deine Hand halten?", fragte Joe fast schüchtern.

Nemo streckte ihr die Hand entgegen. Jay wusste nicht, wohin mit sich, und drehte seine Taschenlampe in den Händen. Lex war tief ins Gebet vertieft, Milo hatte sich seinen Block geschnappt und rechnete ein wenig.

Trotzdem passierte nichts. Joe hatte die Augen fest zugekniffen und Nemo hielt ihre Hand.

Alle warteten auf einen dumpfen Schlag oder etwas anderes, aber es passierte immer noch nichts.

"Sind die zwei Minuten um oder nicht?"

Schließlich konnte Jay es nicht mehr ertragen und schaute fragend zu Milo, der mehrere Seiten vollgekritzelt hatte.

"Milo, bist du dir mit deinen Berechnungen sicher? Milo?"

Milo zuckte zusammen und schaute Jay fragend an. "Oh ja, wir sind schon lange wieder oben, hast du das nicht gemerkt?"

Wenn Milo es sagte, musste es wahr sein. Er konnte den Subraum intuitiv spüren, so dass er genau wusste, wann er sich im Subraum befand oder nicht.

Schließlich lösten sie alle ihre Gürtel und schwebten zu einer Aussichtsluke, um nach draußen zu schauen und Gewissheit zu bekommen. Luken waren über die ganze Hülle verstreut, so dass sie die Sensorsysteme sehen und auch einen Raumspaziergang verfolgen konnten. Schließlich kamen sie zu einer Luke, und Jay zog den Rollladen auf.

Und tatsächlich, das schwarze Universum mit seinen kalten Sternen öffnete sich vor ihnen in seiner ganzen Pracht.

"Glückwunsch, wir haben einen Vortex überlebt!" Nemo grinste und lachte.

Da ist jemand

Keiner wollte die Inbetriebnahme der Schiffssysteme überstürzen, und so dauerte es gut zwei Wochen, bis alles fertig war. Nemo griff sich immer wieder in sein graues Haar und rief frustriert: "Wir werden nie wieder alle Systeme des Schiffes abschalten, was für eine dumme Idee."

Große Freude am zehnten Tag, als endlich alle sanitären Anlagen wieder problemlos funktionierten. "Endlich funktionieren die Duschen wieder", rief Joe erfreut aus.

Leider stellte sich heraus, dass die Außenkabel zu den Sensorbatterien durch die elektromagnetischen Ströme durchgebrannt waren. Die Außenroboter waren mehrere Tage im Einsatz, um alles zu ersetzen.

Dann, endlich, waren alle Sensoren eingeschaltet, und die Crew konnte beginnen, ihre genaue Position zu bestimmen. Die Semi-Sensoren waren eingetaucht, so dass sie gleichzeitig in den Subraum schauen konnten. Genau wie ein Periskop.

"Es sind genau 61’976,4 Lichtjahre bis zur Erde", verkündete Milo stolz und deutete auf die Karte der Milchstraße, auf der sie sich befanden.

"Wir werden also ungefähr 200 Jahre brauchen, um so weit zurückzugehen!"

"Wenn wir den Subraum kartieren, beträgt unsere Durchschnittsgeschwindigkeit 0,5 Lichtjahre pro Tag ... also würde ich es auf 180 Jahre schätzen. Aber das ist der beste Fall, wenn wir nicht auf größere Subraumhindernisse oder ähnliches stoßen", korrigierte Milo die Zahl.

"Hatte jemand ernsthaft vor, jemals zur Erde zurückzufliegen?", fragte Nemo und sah sich um.

"Nun, ich hätte meine Arbeit gerne veröffentlicht", erklärte Milo traurig.

Joe seufzte. "Egal, was passiert, ich hoffe, wir erleben noch ein paar Abenteuer, bevor wir sterben."

Noch am selben Abend wurde nach dem Essen eine Krisensitzung einberufen, um das weitere Vorgehen zu planen. Es würde noch ein paar Wochen dauern, bis die Triebwerke und der Subraumgenerator in Betrieb genommen werden konnten. Alles musste sorgfältig getestet werden, um sicherzustellen, dass keine Schäden entstanden waren. Aber wie würde es dann weitergehen?

"Wir können einen Paradiesplaneten finden und eine Kolonie gründen", schlug Lex vor.

"Oder wir machen uns gleich auf den Rückweg. Wir könnten gezielt nach Vortex suchen und hoffen, dass er uns zurückbringt ...", kam ein weiterer Vorschlag von Milo.

"Vielleicht entdecken wir auch Außerirdische, die uns helfen können ..."

Alle lachten über den Scherz, als genau in diesem Moment ein Alarm ertönte. Es war ein leises Klirren. Keiner erkannte es.

"Kiki, was ist das für ein Alarm?", fragte Jay besorgt, während alle zum Astrolabor pilgerten.

"Der Annäherungsalarm, wenn ein Schiff im Subraum zu nahe an uns herankommt."

Alle blieben wie angewurzelt stehen.

"Heilige Scheiße, habe ich richtig gehört?", fragte Jay mit großen Augen. Dann stürmten alle ins Labor, und Milo rannte zu dem Bildschirm mit den Rohdaten.

"Da, da, da ist es." Er tippte aufgeregt auf eine Stelle, an der es viele Einsen und Nullen gab.

"Das Ding ist riesig!", rief Joe entsetzt.

"Mindestens achtmal so groß wie das Abhysal", konterte Lex.

"Verdammt, wenn diese Idioten nicht aufpassen, rammen sie noch unsere Semisensor-Bank."

Milo war ein Naturtalent im Interpretieren von Rohdaten. Aber Lex, Joe und Nemo hatten zusammen fast 100 Jahre Subraumerfahrung und waren alle Experten auf diesem Gebiet. Sie waren auch in der Lage, die Rohdaten in Echtzeit zu lesen. Nur Jay fühlte sich als Analphabet, als er sich abmühte, die Zahlen zu interpretieren.

Die Sensordaten zeigten, dass das fremde Schiff langsamer wurde und vor den Semi-Sensoren umkehrte. Alle keuchten auf.

"Sie haben einen Subraumantrieb!"

Nach diesem Manöver zog das Schiff weg, und alle sahen zu, wie es in der Wasseroberfläche davonschwebte.

"Können die nicht tauchen? Oder wollen sie nicht tauchen?", fragte Joe, aber niemand antwortete.

Jay schritt nervös umher. "Sie werden zurückkommen, und wir haben weder Raketen noch Waffen oder sonst etwas. Und wir können uns nicht einmal von der Stelle bewegen... Kiki, was ist das Notfallverfahren, wenn wir auf Aliens treffen?"

"Für diesen Fall gibt es keine Notfallprozedur."

Schließlich beschloss die Crew, die ET-Übersetzungssoftware bereitzuhalten und auf allen möglichen elektromagnetischen Wellen nach Funksignalen zu suchen. Alternativ könnte die Besatzung ein Shuttle besteigen und fliehen. Aber wenn der ET die Abhysal zerstören oder anderweitig mitnehmen würde, wäre die Crew wäre in einem kleinen Shuttle sowieso verloren. Also wurde diese Option gleich wieder verworfen.

Kaum hatten sie alles vorbereitet, meldete Kiki das Eintreffen von Schiffe im Subraum.

Ein paar Minuten später waren sie da und erschienen im Normalraum.

Es waren große quaderförmige Gebilde, Kanonenrohre, oder etwas, das so aussah, ragten aus der Hülle.

"Sie senden etwas auf einer Radiowellenfrequenz", flüsterte Joe ehrfürchtig.

Alle beteten, dass die Übersetzungssoftware ihre Magie wirken und die Sprache übersetzen würde.

"Maxmalisches Prototypschiff. Ergebt euch sich der Squeltrem. Wenn ihr keinen Widerstand leisten, werden wir euch nichts tun."

Alle sahen sich fragend an. "Komm schon Jay, sag, dass wir uns ergeben ..." drängte Nemo. Jay kämpfte eine ganze Weile, und schließlich sprach er in das Mikrofon. "Wir haben es verstanden. Wir kapitulieren."

Eine weitere Nachricht wies sie an, sich abschleppen zu lassen und das Schiff nicht zu verlassen, bis sie den Befehl dazu erhielten.

"Also, wer ein Abenteuer wollte, hat das Glückslos gezogen." Nemo sah zu Joe auf, schüttelte den Kopf und sagte dann: "Ich ziehe meinen Sonntagsstaat an, wir haben ein Treffen mit den ETs."

Lex war blass vor Angst, sagte aber: "Ich werde die Übersetzungssoftware in die Hörgeräte übertragen."

Joe antwortete: "Ich werde die Umgebungsluft der ETs scannen, nicht, dass wir rauskommen und ersticken würden. Wo sind die Soslindum-Injektionen? Ich brauche etwas zur Beruhigung meiner Nerven."

Die Squeltrem

Es dauerte zwei Stunden, um die Abhysal in einen riesigen Hangar zu ziehen und dort festzumachen. In der Zwischenzeit war bekannt, dass die Temperatur im Inneren des Schiffes etwa 25-30 Grad C° bei sehr trockener Luft betrug. Es gab etwas mehr Sauerstoff, und anstelle von Stickstoff herrschte eine Stickstoff-Argon-Atmosphäre. Aber das würde für die Menschen keinen Unterschied machen. Kiki hatte fleißig Daten gesammelt und war zuversichtlich, dass die Übersetzungen reibungslos verlaufen würden.

Schließlich wurde der Besatzung befohlen, sich für das Aussteigen bereit zu machen. Sie trafen sich alle wieder in der Luftschleuse. Jeder hatte sich eine Soslindum-Spritze gegeben und Liquizy getrunken. Nur ihre Kleidung war nicht gut aufeinander abgestimmt. Es schien, als hätte jeder seine eigene Vorstellung davon, wie er vor den Außerirdischen erscheinen sollte.

Milo erschien in einem Anzug mit weißem Hemd und Krawatte. Joe trug ihren üblichen grauen Maschinisten-Overall und feste Sicherheitsschuhe. Lex hatte sich eine leichte Trekkingausrüstung angezogen und trug Wanderschuhe. Nemo und Joe hatten ihre Technikeranzüge nicht angezogen, weil sie zu sehr wie Soldatenausrüstungen aussahen und von den Aliens missverstanden werden könnten.

Nemo trug ein Hawaiihemd und Shorts, und als Schuhe trug er robuste Sandalen.

Jay erschien in einer militärischen Gala-Uniform, die Nemo für eine Theateraufführung genäht hatte, und mit seinen schwarz lackierten Schuhen sah er sehr schneidig aus. Der Anzug war maßgeschneidert und Jays muskulöser Körper wölbte sich unter dem Stoff. Er hatte sogar seinen Kurzhaarschnitt auf die Schnelle getrimmt und Gel in sein fast schwarzes Haar einmassiert. Er sah aus wie ein idealer, perfekter Armeeoffizier.

"Wir sind so eine Chaoten-Truppe.” Er seufzte, als er die anderen sah, dann steckte er sich den Ohrhörer ins Ohr und hängte sich den Lautsprecher um den Hals. Dieser würde seine Worte laut übersetzen, während er sprach. Schließlich wurde ihnen signalisiert, von Bord zu gehen und das Schiff zu verlassen.

Der Hangar war größtenteils ohne künstliche Schwerkraft, und acht Soldaten warfen ihnen ein Seil zu, an dem sie sich herunter hangeln konnten. Als sie sich dem Boden näherten, fing die künstliche Schwerkraft sie auf und sie glitten sanft zu Boden.

Jay stellte sich auf und begann seine Begrüßungsrede.

"Wir sind Entdecker und wir kommen ..." Weiter kam er nicht, denn der Soldat mit dem grauen Helm unterbrach ihn.

"Halt die Klappe, Maxmale, und folge uns!"

Jay schaute seine Freunde irritiert an, irgendwie hatten sich alle den Erstkontakt anders vorgestellt. Doch sie wurden von den Soldaten umringt und durch den riesigen Hangar geführt. Die Soldaten gingen sehr langsam, und sie hatten viel Zeit, sich umzusehen. In der Zwischenzeit gab Kiki auch Informationen über die Hörgeräte. Mit den hochsensiblen Sensoren des Abhysal konnte alles in kürzester Zeit analysiert werden und Kiki sammelte eine Menge Informationen.

Zunächst zu den Außerirdischen:

Auch diese waren zweibeinig und standen aufrecht. Sie hatten zwei Arme, der Kopf befand sich oben auf dem Rumpf. Sie hatten zwei Augenpaare an der Vorderseite des Kopfes, die aber ziemlich weit auseinander lagen. Ihr Tiefensehen war wahrscheinlich nicht sehr gut, aber dafür mussten sie ein sehr weites Sichtfeld haben. Rund um den Kopf hatten sie noch andere Sinnesorgane. Kiki war überzeugt, dass es eine Art Drucksensoren waren.

Mehrere Löcher waren wahrscheinlich Ohren und eine Art Hundeschnauze schien die Nase zu sein. Die Soldaten trugen graue Helme mit Visieren, aber im Hangar waren noch andere Außerirdische zu sehen, die man beobachten konnte. Besonders auffällig waren die Farbveränderungen ihrer Haut. Kiki wies darauf hin, dass es ähnlich war wie die Art und Weise, wie Chamäleons ihre Hautfarbe änderten. Die KI stellte sogar die Hypothese auf, dass dies mit Emotionen verbunden war. Ähnlich wie die Gesichtsausdrücke der Menschen.

Wahrscheinlich gab es zwei Arten. Die eine hatte schuppige Haut und kurze Hörner auf dem Kopf. Ihre Beine waren auch länger und sie schienen gute Sprinter zu sein. Die andere hatte eine Art kurze Haarstoppeln am Körper und einen Kamm auf dem Kopf. Ihre Beine waren kürzer und kräftiger, sie schienen an beiden Händen und Füßen opponierbare Daumen zu haben. Auch die Hände hatten eine unterschiedliche Anzahl von Fingern in Form von Krallen.

Alles in allem war das Aussehen der Aliens nicht abstoßend, nur knickten ihre Beine an etwas ungewöhnlichen Stellen ab.

Der Hangar war vollgepackt mit Schiffen, und es war hier nicht so warm wie die angegebenen 30 Grad im Inneren des Schiffes. Die Temperatur lag eher bei 20 Grad, also durchaus angenehm für Menschen. Vielleicht lag das daran, dass der Hangar an der Außenhülle lag und sich nicht so gut aufheizen ließ. Es wurde auch schnell klar, dass es für die Aliens hier kalt war. Viele von ihnen trugen dick gefütterte Overalls und eine Mütze auf dem Kopf.

Die anderen trugen fast keine Kleidung. Nur eine Art Schürze. Joe musste an ihr Karnevalskostüm aus ihrer Kindheit denken. Im Grunde war es eine große Mülltüte, in die man ihr ein Loch in den Kopf und zwei Löcher in die Arme geschnitten hatte.

Als sie aus dem Hangar in einen warmen Bereich kamen, wurde klar, dass diese "Plastiktüte" die Standardkleidung war. Die Plastikschürzen hatte viele Taschen, und die meisten der Aliens trugen auch einen Gürtel mit kleinen Taschen um die Taille.

Die Soldaten trugen ebenfalls eine solche Plastiktüte und darüber eine Reihe verschiedener Protektoren und Helme. In ihren Händen hielten sie eine Waffe, die wie ein Kurzgewehr aussah. An ihrer Taille befand sich eine weitere Waffe, die wie eine Peitsche aussah.

"Ihr betretet jetzt den inneren Bereich des Schiffes", erklärte Kiki und gab weitere Details über den Aufbau des Schiffes.

Doch hier hielt ihre Eskorte an, denn die Soldaten schienen nicht zu wissen, wohin sie gehen sollten, und ihr Chef ging zu einer Art Telefonzelle hinüber, um weitere Anweisungen zu erhalten. Sie standen in einen riesigen Korridor, die Schwerkraft war sehr niedrig eingestellt, um den Transport von Waren zu erleichtern. Kiki nutzte die Zeit, um den Aufbau des Schiffes zu klären.

Es gab einen Außenbereich, in dem sich der Hangar und die Lagerräume des Schiffes befanden. Im unteren Teil des Schiffes befand sich das, was Kiki als Erholungsgebiet bezeichnet. "Einkaufsbereich, Museum, Food Court, Casino, Minigolf und so weiter...", erklärte Kiki, die mit ihren Sensoren so ziemlich alles sehen konnte. Man muss dazu sagen, dass das Schiff fast würfelförmig war und eine Kantenlänge von etwa 500 Metern hatte.

In der Mitte befand sich wahrscheinlich ein Wohn-/Arbeitsbereich. Das Schiff war modular aufgebaut. Die einzelnen Module hatten die Größe von großen Turnhallen. Die Blöcke wurden wie Legosteine übereinander gestapelt und waren jeweils mit offenen Schleusen verbunden. Im Falle eines Lecks oder eines Brandes konnten sie sehr schnell abgedichtet werden.

Kiki fuhr fort zu erklären, dass es drei Arten von Blöcken gab. Ein Blocktyp war eine Art Wohnbereich, an dessen Wänden kleine Kabinen angebracht waren, und es gab auch Gemeinschaftsräume, in denen sich viele Aliens aufhielten. Und es gab eine Art Bürogebäude, in dem die Aliens hauptsächlich Schreibtischarbeit verrichteten. Das Besondere an diesen Blöcken war, dass der Boden und die Decke genutzt wurden, indem man einfach künstliche Schwerkraft auf die Decke legte. Ein Streifen in der Mitte des Raumes blieb ohne Schwerkraft und diente dem Transport von Personen und Waren. Die dritte Art von Blöcken entsprach eher dem, was Menschen gewohnt waren, und wurde für Labore, Werkstätten und Produktionsanlagen mit normalem Grundriss verwendet. Der Maschinenraum, der die Energieerzeugung, den Antrieb und die Lebenserhaltung beherbergte, befand sich in einer Kuppel an einer Seite des Schiffes.

Die Besatzung war sehr froh, einige Informationen im Voraus zu haben, so dass sie das Gefühl hatte, nicht im Dunkeln zu sitzen.

Aber wie ging es den fünf?

Niemand hatte darüber gesprochen, aber sie wussten alle, dass sie, vielleicht nie wieder zurückkehren würden. Vielleicht würden sie irgendwo eingesperrt oder wie Versuchstiere seziert werden? Wer wusste schon, zu welchen Grausamkeiten diese Aliens fähig waren?

Es war nicht verwunderlich, dass allen eine starke Dosis Soslindum injiziert worden war, so gut konnte die Angst gedämpft werden.

Lex selbst war die ängstlichste der Gruppe, aber mit dem Soslindum fühlte sie sich okay, und was sie bisher gesehen hatte, gab ihr nicht das Gefühl, dass ihr Leben in Gefahr war. Sie war auch fest davon überzeugt, dass die Mannschaft mit all ihrem Wissen sicher zu einer Art von Einigung kommen würde. Nemo dachte genau dasselbe, und Joe war so aufgeregt, dass ihr nichts einfiel, was sie sagen konnte. Die Begegnung mit Außerirdischen war ihr heimlicher Traum gewesen, und jetzt ist dieser Traum wahr geworden!

Milos Pflegeroboter hatte genau gewusst, dass es für Milos sensibles Wesen nicht gut sein würde, in einem außerirdischen Raumschiff herumzulaufen, deshalb hatte er Milo mit starken Angsthemmern entsprechend sediert. Milo hatte auch sofort zugestimmt. Nun folgte er einfach der Besatzung, fühlte sich ruhig und zufrieden. Gleichzeitig beobachtete er die Aliens mit Neugierde und Interesse.

Nur Jay war genervt von den Aliens. Er fand ihr Verhalten total unprofessionell. Sie hatten sie nicht durchsucht, und jetzt standen sie einfach nur herum und bewachten sie überhaupt nicht. Als ob sie genau wüssten, dass von den Menschen keine Gefahr ausgehen würde!

Eigentlich war das gar nicht so falsch. Schließlich waren die Aliens weder schnelle Läufer noch gute Kämpfer, aber sie hatten sich in der Evolution durchgesetzt, weil sie eine Art von empathischen Fähigkeiten besaßen. Früher konnten sie sofort spüren, wenn ein hungriges Raubtier in der Nähe war. Diese Fähigkeit war bei den meisten von ihnen verkümmert, aber alle Aliens konnten immer noch einschätzen, ob ein anderes Lebewesen im Begriff war, ihnen etwas "Böses" anzutun oder nicht.

Und das war hier der Fall, keiner der Soldaten spürte irgendeine Gefahr, die von den seltsamen Maxmalen ausging. Auch die konstant blasse Farbe ihrer Haut spielte eine Rolle. Eine konstante blasse Farbe war ein Zeichen dafür, dass einer von ihnen besonders ruhig, zufrieden und mit sich im Reinen war. Es schien keine Rolle zu spielen, dass Jay dunkelhäutig war, es war viel wichtiger, dass seine Hautfarbe gleich blieb und keine anderen Farben aufwies. So wie die Menschen das Gefühl hatten, dass die Delphine immer lächelten, erlagen die Aliens hier einem Irrtum.

Doch endlich war es soweit und der Anführer der Soldaten trat aus der Telefonzelle. Er sprach und seine Worte wurden übersetzt und in die Hörgeräte der Besatzung übertragen.

"Okay, wir müssen in den Regierungsblock gehen. Morchen will die Maxmalen persönlich sehen."

Ein anderer Soldat hob sein Visier und stöhnte. "Der zentrale Korridor ist heute wegen Bauarbeiten gesperrt, das heißt, wir müssen einen riesigen Bogen laufen ..."

Der Kommandant ignorierte ihn und schlug den Weg ein.

Inzwischen waren alle Soldaten völlig entspannt und hatten ihre Waffen wieder in ihre Halterungen gesteckt.

Zwei Außerirdische, die hinter der Mannschaft liefen, flüsterten miteinander, aber die Mikrofone, die die Mannschaft bei sich trug, waren stark genug, um den Dialog aufzufangen und eine Übersetzung zu liefern.

"Nun, ich habe schon viele Unterarten von Maxmalen gesehen, aber so schöne Exemplare habe ich noch nie gesehen."

"Ich stimme zu, diese durchscheinende Haut ist erstaunlich und dieses niedliche Kopffell auch!

"Und wie riechen sie? Wunderbar! Nur die Beine sind komisch gekrümmt."

"Nun, ich finde ihre Augen faszinierend, und so elegante Kleidung habe ich bisher nur bei Skulpturen gesehen, aber du hast recht, ihre Beine biegen sich wirklich komisch..."

An der Front grunzte der Kommandant ein wenig, und die Soldaten verstummten schnell.

Jay sah seine Mannschaftskameraden an. Sie kannten sich alle so lange, dass ein Blick genügte, um sich zu verständigen. Und es war ihnen allen klar, dass die Außerirdischen nicht wussten, dass sie Außerirdische waren. Man hielt sie für eine Art Unterspezies!

Jay beschloss, dies bei der ersten Gelegenheit klarzustellen. Doch dazu gab es keine Gelegenheit, denn nun mussten sie Wohn- und Bürogebäude durchqueren. Dort gab es einen einfachen Flaschenzug, an dem sie sich festhalten und in schwerelose Zonen ziehen lassen konnten. Im Wohnblock entdeckten sie, dass weitere Seile durch die schwerelosen Zonen gespannt waren und dass daran Säcke wie Weintrauben hingen. Erst bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich um Schlafsäcke handelte, in denen die Aliens in der Schwerelosigkeit schlummerten.

Kiki erklärte, dass sich laut Scanner etwa 20'000 Aliens an Bord befanden. 1/5 von ihnen arbeitete, 1/5 hatte Freizeit, und der Rest schlief. "Sie scheinen ein enormes Schlafbedürfnis zu haben", lautete ihre Analyse.

Doch nun waren sie am Regierungsblock, wie der Soldat ihn genannt hatte, angekommen. Er befand sich im hinteren Drittel des Schiffes, und der einzige Unterschied war, dass auf dem Boden Teppiche lagen und die künstliche Schwerkraft stabil war. Die ganze Zeit über hatte die Besatzung bemerkt, dass die Schwerkraft ziemlich schwankte und auch der Luftdruck war alles andere als konstant.

Schließlich traten sie auf die Brücke.

Nun, es war keine Brücke im eigentlichen Sinne. Teilweise sah sie aus wie ein Missionskontrollzentrum, das an einen mittelalterlichen Thronsaal und gleichzeitig an ein Großraumbüro erinnerte.

Das helle Licht, das ohnehin überall im Schiff vorhanden war, war hier besonders hell, fast zu hell für die Menschen, die ihre Augen zusammenkneifen mussten, bis sie sich daran gewöhnt hatten.

Am Ende des Raumes befand sich eine von Bildschirmen umgebene Nische, wahrscheinlich saß hier der Leiter des Schiffes. Bisher gab es keine Hinweise darauf, dass es unter den Aliens zwei Geschlechter gab. Aber der Kapitän des Schiffes mit seiner hohen Statur und den breiten Schultern wurde von den Menschen automatisch als männlich eingestuft.

"Morchen, hier sind die gefangenen Maxmalen."

Der außerirdische Kapitän drehte sich zuerst um und winkte dann ein paar Mitarbeiter herbei.

Er ließ sich von ihnen eine Projektion der Abhysal zeigen und beriet sich mit seinen Kollegen. Es war klar, dass niemand ein ähnliches Schiff gesehen hatte, und alle fragten sich, was das sein könnte.

Schließlich stand er auf und wandte sich an die Crew. "Maxmalen, sagt mir auf der Stelle; was für ein Schiff ist das? Eine neue Art von Spionageschiff?"

Jay trat vor und beeilte sich zu erklären. "Das ist ein Missverständnis. Wir sind keine Maxmalen. Wir kommen von der anderen Seite der Galaxie."

Die Software tat ihre Arbeit und Jays Worte wurden laut übertragen.

Die Übersetzung war korrekt, denn es war, als ob eine Bombe eingeschlagen wäre. Es gab einen Moment der Stille im Raum, und die Haut des Aliens begann heftig zu pulsieren.

"Ihr Idioten, das sind Aliens! Warum hat das niemand erkannt?", brüllte Morchen.

"Gebt ihnen Kontaminationskleidung und schickt ein Desinfektionsteam her, wer weiß, was für Keime sie auf sich tragen."

Nach einiger Verwirrung wurden der Besatzung sperrige Plastikoveralls gegeben, und sie wurden zur medizinischen Dienst gebracht. Sie befanden sich nun in einem Teil des Schiffes, in dem die Schwerkraft nach menschlichen Maßstäben auf normal eingestellt war. Sie hatten das Gefühl, durch einen modernen Leichtmetallbau zu gehen. Allerdings funktionierten die Schwerkraftplatten definitiv nicht so gut wie auf der Abhysal und es gab immer wieder Schwankungen. Ab und zu passierten sie Drucktüren, die einzelne Abschnitte voneinander abriegelten. Das schien dringend notwendig zu sein, denn immer wieder gab es starke Druckschwankungen oder starke Zugwinde. Die Beleuchtung war etwas weniger hell und für Menschen recht angenehm. Besonders Joe und Nemo schauten sich interessiert um und versuchten, alles zu ergründen und zu verstehen. Lex vergewisserte sich, dass es Milo gut ging. Aber er schien von den Aliens fasziniert zu sein und schaute sich alles sehr genau an. Als sie in der Krankenstation ankamen, war es für Jay an der Zeit, den Kopf zu recken und sich alles anzuschauen. Die Ärzte trugen auch diese Plastikkittel wie alle anderen, aber sie waren dunkelbraun. Es gab einige Strukturen, die wie große Scanner aussahen, und in einer Ecke sah Jay eine Art Projektionszonen, in denen mehrere Mediziner herumstanden und auf projizierte medizinische Hologramme zeigten. Vielleicht besprachen sie gerade eine Operation, die sie durchführen wollten. Lex sah sich ebenfalls um und seufzte erleichtert. Einen Moment lang hatte sie befürchtet, in eine moderne Folterkammer gebracht zu werden, aber auch hier sah alles professionell und friedlich aus. Ein Außerirdischer mit einer braunen Schürze und mehreren Rangabzeichen auf den Schultern eilte herbei. Die Crew verstand durch die Übersetzungsgeräte, dass es der Chefarzt war.

Der Chef dort winkte sie panisch ab, und seine Haut färbte sich lila: "Aliens? Was? Nein, dafür sind wir nicht zuständig. Das ist etwas für Exobiologen."

So begannen sie eine weitere Reise durch das Schiff. Immer wieder kamen sie mit diesen Transportseilen an Wohnquartieren vorbei. Die Hitze wurde für die Besatzungsmitglieder immer unerträglicher und die Plastikoveralls, die sie trugen, waren schweißnass.

Umso größer war die Aufregung im Büro des Biologen: "Ich bin ein Exo-Botaniker! Was will ich mit Aliens, sehen die aus wie Pflanzen?"

Nemo musste fast lachen, die ganze Situation erinnerte ihn an eine Slapstick-Komödie. Aber er riss sich zusammen, um die Außerirdischen nicht zu erschrecken. In Ermangelung einer Alternative führte der Soldatenführer sie in den Raum für Astronavigation. Hier wurde eine große Karte der Milchstraße gezeigt und Nemo zeigte auf den Rand der Milchstraße auf der Erde. "Das ist unser Heimatplanet."

Dann zückte der Astronom eine Art Kamera und bat um ein Gruppenfoto mit den Außerirdischen.

Schließlich wurden sie zum medizinischen Dienst zurückgebracht und in einen Quarantäneraum gebracht. Sie konnten ihre Anzüge ausziehen; alle waren schweißgebadet. "Ich dachte, ich werde ohnmächtig", sagte Lex und fächelte sich Luft zu, um zusätzliche Kühlung zu bekommen.

Ein paar Ärzte begannen mit den Untersuchungen, nahmen Hautabstriche, sammelten Atemproben und packten jeden in eine Art medizinischen Scanner.

Inzwischen waren mehr als sechs Stunden vergangen, und der Durst wurde unerträglich. Bei den trockenen 30 Grad hatten alle rissige Lippen und trockene Kehlen. Also baten sie um Wasser. Aber der Arzt wollte sichergehen, dass es keinen Übersetzungsfehler gab, also rief er einen Chemiker mit einem Periodensystem. Schließlich wollte man die Fremden nicht vergiften.

Joe und Nemo rätselten 10 Minuten lang, bis sie die spiralförmige Struktur des Periodensystems verstanden. "Achtet einfach auf die Anzahl der Protonen...", sagte Joe und zeigte damit auf das Atom mit einem Proton für Wasserstoff und das mit 8 Protonen für Sauerstoff.

Und dann auf Natrium und Chlor, schließlich mussten sie ja die verschwitzten Mineralien ersetzen.

Der Chemiker verstand sofort, dass sie Wasser und Kochsalz meinte und versprach, sofort wiederzukommen.

Aber leider hatte er die Wassermenge falsch eingeschätzt. Und sie baten ihn, mehr zu bringen.

In der Zwischenzeit hatten sich alle möglichen Wissenschaftler vor dem Quarantäneraum versammelt und spähten durch die Glastür. Trotz der geschlossenen Tür konnte das Mikrofon ihre Worte übersetzen. Sie stritten sich über den möglichen Stoffwechsel der Aliens.

Schließlich gab der Chefarzt sein Okay und bestätigte, dass von den Außerirdischen keine bakteriologische, virologische oder sonstige Gefahr ausging.

Morchen beorderte sie in einen Seminarraum.

Mit einer Prozession von Schaulustigen und einem Team, das wie ein Fernsehteam aussah, betraten sie den Seminarraum. Neben Morchen stand eine kleine Außerirdische, die ihr Gesicht mit roter Metallfarbe verbarg. Und ein anderer, der graue Soldatenkleidung trug und sein Gesicht mit einer spiegelartigen Lackschicht bedeckte. Der vierte war ein ganz in Weiß gekleideter Außerirdischer, dessen Gesicht tiefe Furchen aufwies. Wieder teilten die Menschen die Aliens willkürlich in männlich und weiblich ein. Schließlich war es einfacher, in Begriffen wie ER und SIE zu denken als in ES.

Morchen stellte sich vor. "Ich bin Morchen, Suprempräsident der Squeltrem. Neben mir steht Prial, der Kommandant der Soldaten. Das ist Squlaira, Leiterin der Information." Er zeigte auf die Person mit der Chromfarbe und dann auf die andere Person mit dem rot bemalten Gesicht neben ihm.

Der große Außerirdische mit dem metallisch gefärbten Gesicht wurde von den Menschen intuitiv als er eingestuft, während der kleinere Außerirdische mit seinem zierlichen Wesen von der Besatzung eher als Frau eingestuft wurde. Morchen zeigte auf den weiß gekleideten Außerirdischen: "Und das ist Mantichal, Dekan des Ältestenrates."

Jay fragte sich, inwieweit die Titel und Ränge richtig übersetzt worden waren.

"Warum seid ihr hierher gekommen? Was ist euer Ziel? Verstehst ihr, was wir sagen?" Squlaira meldete sich plötzlich zu Wort.

Jay ergriff das Wort. Er erklärte, wer sie waren und was ihre Mission war. Er zögerte einen Moment, ob er verraten sollte, dass sie auf sich allein gestellt waren, es sei denn, er behauptete, sie hätten Verstärkung. Ja, das war das Beste, er erfand schnell eine Notlüge und begann zu reden.

Aber Squlaira merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie schritt auf ihn zu. "Aliens! Ich bin eine sehr empfindsame Empathin, und obwohl ihr eine andere Spezies seid, kann ich genau spüren, dass ihr uns anlügt."

Die Menschen waren verblüfft und bestürzt zugleich. Sie hatten es mit einer Spezies zu tun, die ihre Gedanken lesen konnte! Jay riss sich zusammen und erzählte in Panik die ganze Wahrheit über den Vortex und dass sie hier gestrandet waren.

"Welche Waffen habt ihr an Bord?", hackte der Prial nach.

Obwohl Soslindum ihre Emotionen dämpfte, war die Besatzung sehr besorgt, sogar Jays muskulöser Körper zitterte vor Nervosität. Ehrlich, erklärte Jay, dass das Schiff keine Waffen an Bord hatte, "die einzigen Waffen, die wir haben, sind aus meiner privaten Sammlung. Es gibt verschiedene Projektilwaffen und Blankwaffen, ich kann genau sagen, wo sie sind. Wenn Sie sie konfiszieren wollen..." Er wirkte sehr bedrückt und fragte sich, ob er mit seinem Waffenwahn nicht die Besatzung in Gefahr gebracht hatte. Es wurden weitere einfache Fragen zum Antrieb und zur Energieerzeugung gestellt. Hier antworteten Joe und Nemo kurz und bündig.

"Sie sagen die Wahrheit." Squlaira beendete die kurze Fragerunde. Und auch die anderen stimmten ihr zu.

Morchen wackelte mit den Ohren und winkte einen weiteren Soldaten herbei. "Bringt sie zurück zu ihrem Schiff, lasst sie ausruhen. Im nächsten Zyklus werden wir das weitere Vorgehen besprechen."

Er wandte sich an die Menschen. "Solange ihr friedlich seid und mit uns kooperiert, werden wir euch nichts tun. Geht!"

Als sie die Halle verließen, hörten sie Squlaira murrend sagen: "Wir hätten sie einsperren sollen."

Auf dem Rückweg machte ihre Eskorte einen großen Umweg. Aber das war mehr, um sie vor den vielen Schaulustigen zu schützen. Eine weitere Person hatte sich der Eskorte angeschlossen und stellte sich als Koordinatorin und Ansprechpartnerin vor. Auf dem Weg zum Schiff gab sie eine kurze Einführung in die Menschen.

Die Aliens nannten sich Chrismaxen, eine Wortkombination aus den Spezies Maxmalen und Chrismalen, die beide auf demselben Planeten beheimatet waren. Das Chrismaxische Reich umfasste 170 Planeten und dreimal so viele Astrokolonien. Die Squeltrem war eine freie Handelsvereinigung. "Die freien Verbündeten" war die wörtliche Übersetzung von Squeltrem. Die meisten Squeltrem-Mitglieder lebten auf ähnlichen Raumschiffen, wie sie jetzt an Bord waren. Es gab etwa 93 dieser Würfelschiffe - so nannte Jay sie - und mehrere Astrokolonien und einige Mond- und Planetenbasen.

Die Koordinatorin, die ihren Namen nicht nannte, schwafelte von Zahlen und Fakten über Schiffsgrößen und Besatzungszahlen.

Schließlich, zurück auf auf der Abhysal, zerstreute sich die Crew schnell. "Ich muss auf die Toilette!", rief Joe und rannte los. Nemo zog sein Hemd aus und wrang es aus: "Ich brauche etwas Kaltes ..."

Milos Pflegeroboter war schon zur Stelle, sorgte dafür, dass der halb ausgetrocknete Milo etwas trank und brachte ihn sofort zu Krankenstation.

Was tun mit Aliens?

Aber nicht nur für die Menschen war die Begegnung mit Außerirdischen ein Schock, auch für die Squeltrems war es ein traumatisches Erlebnis.

Seit 4000 Jahren waren die Chrismaxen im Weltraum unterwegs und bis auf ein paar Ruinen und ein Raumschiff, der ihr Raumgebiet durchflogen hatte, waren sie noch nie auf eine außerirdische Kultur gestoßen.

Morchen hatte eine Krisensitzung einberufen. Wenigstens hatten sich alle beruhigt, dass es sich nicht um eine außerirdische Invasion handelte. Immerhin waren die Menschen bisher sehr friedlich gewesen. Nun war es an der Zeit zu planen, wie man weiter vorgehen sollte.

Die drei obersten Führungsebenen, die die Squeltrem leiteten, mussten alle Medikamente einnehmen, um ihr extremes Schlafbedürfnis zu unterdrücken, damit sie die Situation weiter besprechen konnten.

Dieses Alien-Krisentreffen war zur Abwechslung mal ganz anders. Normalerweise gab es viel Gezänk, weil die Squeltrems innenpolitisch tief gespalten waren:

Morchen wurde von allen als Kommandant angesehen, aber er hatte niemanden als seinen Nachfolger bestimmt, falls etwas passieren sollte. Das ging gegen alle Traditionen und störte die Stabilität des Verbandes, da sich genau drei Personen zu Recht als legitime Nachfolger betrachteten: Prial, Squlaira und Mantichal.

So waren alle Führungstreffen durch den Streit zwischen diesen drei Personen und ihren Anhängern geprägt. Morchen schien das nicht zu stören, er ließ jeden ungestört streiten und unterstützte wahllos die eine oder andere Person oder Meinung. In den letzten Jahren jedoch wichen die wütenden Auseinandersetzungen kleinen Scharmützeln und Seitenhieben, eine Lähmung erfasste das Squeltrem, man stritt eher aus Gewohnheit als aus Überzeugung.

Der Squeltrem war zwar eine Art Wirtschaftsverband, wie Joe zu Recht vermutete, aber kein Verband, der legal arbeitete. Der Squeltrem war eine kriminelle Organisation. Von Schmuggel aller Art, Drogenhandel, Entführung, Erpressung und Diebstahl oder Plünderung. Die Squeltrem waren nichts anderes als mafiös organisierte Weltraumpiraten.

Wie bei den Menschen, wo sich die Piraterie mit der Seefahrt entwickelte, waren die Weltraumpiraten von Anfang an in der Raumfahrt aktiv.

Mal in einzelnen Verbänden, mal stärker, mal schwächer. Sie wurden vor fast 1500 Jahren, im großen Roboter-KI-Krieg, fast vollständig ausgerottet. Das war eine gigantische Schlacht, in der sich die extrem fortschrittlichen Roboter und die überlegene selbstlernende KI gegen das Chrismaxische Imperium gewandt hatten. Das Trauma und die Angst vor intelligenten Systemen bzw. Robotern war bis heute geblieben und hatte die chrismaxische Gesellschaft stark geprägt.

Aber zurück zu den Squeltrem. Vor etwa 600 Jahren hatte ein Vorfahre von Morchen das Kunststück vollbracht, alle Piratenverbände zu vereinen. Plötzlich war die Piratenarmee stark genug, um Astro-Kolonien zu überfallen oder sogar Planeten anzugreifen.

Die Blütezeit dauerte bis vor knapp 100 Jahren. Die Squeltrems waren im ganzen Imperium gefürchtet. Astrokolonien kapitulierten bei ihrem Anblick, und selbst Polizisten oder Soldaten flohen, wenn ein Schwarm Squeltrem-Schiffe auf einen Planeten stürzte und eine Stadt plünderten.

Aber die Squeltrem ruhten sich zu sehr auf ihren Lorbeeren aus, während das Chrismaxische Imperium alles in die Forschung steckte, um bessere Sensoren und Subraumtechnologie zu entwickeln. Als die Squeltrem erkannten, dass sie sich nicht mehr unbemerkt in den Subraum anschleichen konnten, war es zu spät. Die Forschungsabteilung der Squeltrem wurde hastig aufgestockt, berühmte Wissenschaftler wurden entführt und Spione in Universitäten und Forschungsinstitute eingeschleust. Doch mit der konzentrierten Forschung und Entwicklung des Imperiums konnten die Squeltrem nicht mithalten. Einige ihrer Angriffe wurden frühzeitig vereitelt, weil für sie unsichtbare Subraumminen gelegt worden waren. Die imperiale Armee griff Squeltrem-Mondbasen an oder verminte Asteroiden.

Einige Squeltrem-Schiffsverbände wurden komplett ausgelöscht.

Dies war die Zeit, in der Morchen das Kommando übernahm. Trotz der Verluste gewannen die Squeltrems zunächst genügend Schlachten und führten erfolgreiche Raubzüge durch. Sie erzielten erste Durchbrüche in der Sensortechnik. Sie waren zuversichtlich, dass die Squeltrems die Oberhand gewinnen würden.

Dies war auch die Zeit, in der sich Prial, Mantichal und Squlaira als Nachfolger positionierten und ihre Machtkämpfe begannen.

Doch vergeblich, es folgten fast 10 Jahre mit täglichen Niederlagen und wenigen Erfolgen.

Als die Menschen an Bord kamen, hatten die Squeltrem die Hälfte ihrer ursprünglichen Kraft verloren. Die meisten von ihnen waren in Hoffnungslosigkeit erstarrt. Alle Mitglieder, die in die Squeltrem-Gesellschaft hineingeboren wurden, würden im Falle einer Gefangennahme lebenslang eingesperrt werden.

Im Chrismaxischen Reich gab es keine Hinrichtungen, weil es gegen die Religion war, sondern man sperrte die Gefangenen einfach in kleine Zellen und ließ sie nie wieder heraus. Und Chrismaxen lebten sehr lange, so dass sie leicht 150 Jahre Langeweile vor sich hatten.

Also dümpelten die Squeltrem vor sich hin. Squlaira, Prial und Mantichal stritten sich wie alte Ehepaare aus Gewohnheit, und Morchen verbrachte die meiste Zeit damit, darüber nachzudenken, wie er aus dem Squeltrem herauskommen und irgendwo mit einer falschen Identität weiterleben könnte.

Doch die Ankunft der Außerirdischen gab Hoffnung. Hatten sie eine Technologie an Bord, die dem Squeltrem seine Vorherrschaft zurückgeben würde?

Man war nicht überzeugt, aber es war zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Und so sammelten die Squeltrems alle Informationen, die sie über die Außerirdischen hatten und überlegten, wie man sie am besten zur Kooperation bewegen konnte. Zu diesem Zweck wurden schnell die wenigen sehr begabten Empathen hinzugezogen, die sich in der Nähe der Abhysal aufhielten und versuchten, die Emotionen der Menschen zu erfassen. Alle bestätigten, dass sie keine Gefahr gespürt hatten. Die ETs waren nervös und ängstlich gewesen, aber nichts Ungewöhnliches angesichts ihrer Situation.

Schließlich, nach vielen Stunden, kamen sie zum Schluss und die Strategie wurde festgelegt, wie man mit ihnen umgehen sollte. Morchen entschied sich, das übliche Spiel mit den Gefangenen zu spielen: ihnen ein gutes Leben in der Squeltrem im Austausch für ihr technologisches Wissen anzubieten. Der besondere Kniff war, dass ihnen auch geholfen werden sollte, in ihren Raumsektor zurückzukehren.

Schließlich gingen die Squeltrems immer den Weg des geringsten Widerstandes, und Sklaven und anderen Gefangenen wurde immer die Freiheit im Gegenzug für widerstandslose Arbeit angeboten. Es war der perfekte Weg, um kostenlose Arbeitskräfte zu bekommen.

Die Besatzung der Abhysal hatte von alldem keine Ahnung.

Nach einer Erfrischungspause versammelten sich alle im Speisesaal, durch die Wirkung der Liquizy waren sie zwar nicht wirklich hungrig, aber ein kleiner Leckerbissen erwartete alle trotzdem. Der Kochroboter hatte eine leichte Mahlzeit vorbereitet, und alle bedienten sich, während Kiki einen Überblick über alles gab, was sie herausgefunden hatte. Sie hatte zum Beispiel die Subraumtechnologie analysiert und war sich sicher, dass die Squeltrem nicht in der Lage waren, mit ihren Raumschiffen im Meso-Subraum zu tauchen. Sie konnten nur mit Mühe im Oberflächenwasser tauchen. Sie schienen auch nicht über hochentwickelte Sensoren zu verfügen. "Sie navigieren im Nebel nur mit Kompass und Karte", fasste Kiki zusammen.

Dafür hatten sie einen Subraum-Antrieb und eine völlig neue Art der Energiegewinnung.

"Was ich am erstaunlichsten finde, ist, dass sie so menschlich waren ...", sagte Lex.

Jay sah auf und fragte: "Wie kommst du darauf?"

"Nun, ich denke, wenn Außerirdische auftauchen würden, wäre unsere Raumflotte viel gemeiner zu ihnen. Sie fesseln oder einsperren und verhören!"

"Nun, ich denke auch, dass unsere erste Begegnung sehr gut verlaufen ist ... Wo wir gerade beim Thema sind: Kann mir jemand erklären, wie ihr Zeitmessung funktioniert? Nicht, dass wir zu unserem ersten Termin zu spät kommen", fragte Nemo zwischendurch.

Eine Weile versuchte die Besatzung, sich alles zusammenzureimen, gab dann aber auf.

Schließlich übernahm Kiki die Erklärungen.

Der Tag wurde Zyklus genannt und dauerte etwa 31 Erdenstunden und war in vier Schichten zu je 10 Teilen unterteilt. Die Besatzung beschloss, ihre übliche Vorstellung von Minuten, Stunden, Tagen, Monaten und Wochen beizubehalten, um große Verwirrung zu vermeiden. Glücklicherweise waren die chrismaxischen Monate etwa 35 Erdtage und die chrismaxische Woche etwa neun Erdtage lang, so dass es nicht allzu sehr daneben war.

Oder wie Nemo sagte: "Pff... Denken wir nicht zu viel über die Details nach, es ist alles ungefähr das Gleiche..."

Im Wesentlichen stand ein Chrismaxe zu Beginn einer Schicht auf, hatte eine chrismaxische Stunde Zeit, sich fertig zu machen und zur Arbeit zu gehen. Die Arbeit dauerte sieben Stunden, und am Ende hatten sie noch zwei Stunden Freizeit, bevor ein unüberwindliches Schlafbedürfnis sie überkam und der Chrismaxe in einen fast komatösen Schlaf fielen, der drei Schichten lang anhielt. Dies wiederholte sich viermal, dann gab es am fünften Tag ein Wochenende, das wae einfach eine freie Schicht.

In menschlichen Zeiteinheiten ausgedrückt, schliefen die Chrismaxen fast 21 Stunden und arbeiteten etwas weniger als sieben Stunden.

"Kiki, kannst du meine Uhr umprogrammieren? Am besten, wir gewöhnen uns gleich daran. Sonst bekommen wir noch Kopfschmerzen von der Umrechnung ..."

Joe holte ihr Notizbuch und begann, alle Informationen, die sie über die Chrismaxen hatte, aufzuschreiben. "Das ist genau so, wie ich es mir immer erträumt habe. Wir haben endlich Alien getroffen! Ist das nicht wunderbar?", jubelte sie und konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit. Lex scharrte nervös mit den Füßen.

"Überhaupt nicht wundervoll! Was ist, wenn sie die Abhysal zerstören oder uns töten oder zerlegen oder so...", grummelte sie und ging dann zu ihrem KI-Stuhl, um alles mit Kiki zu besprechen.

Jay holte sich noch ein Schokoladeneis und fragte Nemo: "Nemo, hast du etwas Zeit? Ich brauche einen neuen Anzug ..."

Er zeigte auf die Uniform, die er immer noch trug. "Den gleichen, aber aus superleichtem Sommerstoff ..."

Erster Arbeitstag

Drei Schichten später trafen sie sich alle wieder in der Luftschleuse. Bis auf Joe, die ihren Techniker-Overall trug, waren sie alle in Sommerkleidung gekleidet. Getönte Kontaktlinsen würden ihre Augen vor dem grellen Licht schützen und sie außerdem feucht halten. Jeder hatte eine große Wasserflasche dabei.

Die Koordinatorin wartete schon auf sie. Ihr Name war Trecca, und sie zeigte ihnen den chrismaxischen Gruß. Sie zeichneten einen Kreis in die Luft, und wenn jemand besonders wichtig war, mussten sie viele große Kreise zeichnen. Trecca führte sie zu einem nahe gelegenen Lagerraum, den sie heute als Besprechungsraum nutzen würden. Der Lagerraum war vorbereitet, und Arbeiter waren dabei, Kisten und Kartons zur Seite zu schieben. Ein großer Heizlüfter hielt ihn auf angenehmen 28°C Grad.

"Und nun zum administrativen Teil... Ihr müsst alle ordnungsgemäß angemeldet werden."

Mit Treccas Hilfe arbeiteten sich die Leute durch den Papierkram, und am Ende erhielten sie alle einen Squeltrem-Pass mit Foto. Normalerweise würde man ihnen auch einen Chip implantieren, aber das war den Squeltrems zu heikel, und so erhielten sie den Chip vorerst in Form eines Armbands. Der Chip diente gleichzeitig als Schlüssel, Ausweis und Kreditkarte.

Dann trudelten verschiedene Chrismaxen ein und setzten sich einer nach dem anderen. Trecca flüsterte der Mannschaft zu, wer sie waren. “Das sind Promis, und viele Mitglieder des Top-Kaders sowie andere Führungskräfte. Alle wollen euch sehen... Das ist übrigens Ghu, der Direktor der Polizeiabteilung. Prial ist der eigentliche Chef, aber Ghu kümmert sich um das Tagesgeschäft ... Ach, und da ist noch Chrodn, der erste Vorsitzende der Verwaltung und ..."

Die Crew hörte der Flut von Namen und Titeln schweigend zu. Das Problem bei der Namensfindung war, dass die Übersetzungssoftware die Namen ein wenig "vermenschlichte", so dass sie irgendwie greifbar wurden. Treccas Name klang eher wie Trrccts und Morchen eher wie Mmrrccen. Die Chrismaxe waren sehr geizig mit Vokalen in ihren Namen... Und da man die Squeltrem-Organisation noch nicht kannte, war es ohnehin schwierig zu wissen, wer wer war.

Schließlich traten Morchen, Prial und Mantichal vor. Sie besprachen die Beschlüsse. Die Aliens hatten einen chrismaxischen Monat Zeit, um zu beweisen, dass sie fähig und willens war, mit den Squeltrem zusammenzuarbeiten. Ein Meilenstein war der Bau eines Prototyps, ausgestattet mit einer neuen "Alien-Technologie". Nach dieser Probezeit sollen weitere Entscheidungen getroffen werden. Mantichal stellte in Aussicht, dass die Crew bei Erfolg offiziell in die Squeltrem eintreten und alle Vorteile genießen könne. Sie sagte auch, dass man ihnen helfen würde, einen Weg zurück nach Hause zu finden.

Nach all den Zuckerbroten ließ Morchen die Peitsche knallen.

"Und wehe, ihr verschwört euch gegen uns. Dann werden wir euch in lebende Skulpturen verwandeln lassen!"

Die Menschen konnten mit dieser Drohung nichts anfangen, und Kiki konnte sie nur wörtlich übersetzen. Was auch immer es war, es musste etwas sein, das unbedingt vermieden werden sollte.

Und noch eine Bedingung wurde gestellt: Die Menschen mussten als oberste Priorität die Squeltrem-Sprache lernen. Denn die Chrismaxen misstrauten der Übersetzungssoftware. Natürlich mussten die Menschen auch mathematische und wissenschaftliche Formeln und Zeichen lernen. Vorerst durften sie sich nur auf ihrem Schiff und in den Bereichen aufhalten, die ihnen gezeigt wurden.

Jay stimmte im Namen der Besatzung zu und versicherte, dass sie sich auf eine gemeinsame Zukunft freuten.

Damit war alles geklärt. Es gab eine weitere Fotosession, und in den nächsten Stunden mussten die Leute Handabdrücke auf verschiedenen Gegenständen machen. Dies war die Form der Autogramm-Geben der Squeltrems. Und dass die Aliens Fotos und Selfies liebten, war auch nach den zwei Tagen auf dem Raumschiff klar.

Schließlich fanden sie sich in einer kleinen Gruppe zusammen. Zwei Sprachlehrer unterrichteten die Crew. Der Leiter der Forschungsabteilung war anwesend. Er wollte sich die Aliens ansehen und ein wenig mit ihnen reden, um zu sehen, mit welchem Wissenschaftler sie man am besten zusammenarbeiten könnte. Ebenfalls anwesend war ein Vertreter der Technikabteilung, diese Abteilung umfasste den technischen Support und die Wartung aller Subraumantriebe und der Energie. Nicht zu verwechseln mit dem technischen Dienst, der sich um die Lebenserhaltung kümmerte.

Der nervöse Chefarzt von gestern war ebenfalls anwesend. Er behauptete, er sei sehr stolz darauf, sich um die Gesundheit der ETs zu kümmern und versprach, alles zu tun, damit sie sich wohlfühlten. Ebenfalls im Raum waren ein Spionage-Empath aus Squlairas Abteilung, zwei Soldaten von Prial und drei Sekretärinnen von Mantichal, um die Gespräche aufzuzeichnen und zusammenzufassen, sowie eine Gruppe von Psychologen und Ethnologen.

Die gesundheitlichen Fragen wurden schnell geklärt, und die Menschen machten deutlich, dass sie mit der Umgebung zurechtkommen, auch wenn es ihnen zu heiß war. Es wurde auch bestätigt, dass die geforderten sieben Stunden Arbeit pro Tag kein Problem darstellen würden.

Jay erwähnte jedoch, dass sie nicht so viel Schlaf bräuchten und dass es möglich sei, eine zweite Schicht zu arbeiten. Aber alle winkten ab, das wäre zu viel Aufwand, lautete die Begründung. Jay fügte schnell hinzu, dass nach sieben Stunden Arbeit eine kurze Pause nötig sei. Schließlich müssten sie sich erleichtern und etwas zu trinken haben.

Das wurde fest im Protokoll vermerkt, und die Leute durften eine halbe Stunde Pause machen, mussten aber davor und danach etwas länger arbeiten. Für Chrismaxen war es wichtig, dass alles seine Ordnung hatte. Alles wurde in dreifacher Ausfertigung aufgeschrieben, aufgelistet und unterschrieben. Es war seltsam für die Menschen, eine so fortschrittliche Kultur zu sehen, die alles nur handschriftlich mit Papierformularen erledigt.

Dann wurden ihnen Kalkulationstabellen mit Gantt-Diagrammen, Terminen und Meilensteinen gezeigt.

Die Crew merkte schnell, dass die Chrismaxen absolute Projektmanagement-Fans waren. Alles wurde aufgeschrieben und es wurde genau festgehalten, wer was und wie gemacht hatte.

Die Schicht endete in allgemeiner Zufriedenheit, und wenn Chrismaxen glücklich und zufrieden waren, nahmen sie eine leicht grünlich-weiße Farbe an. Wenn die Körperfarbe pulsierte, war das immer ein Zeichen für eine starke Emotion. Die Crew hatte nun auch entdeckt, dass Chrismaxen einen Sinn für Humor hatten und dass dieser dem menschlichen sehr ähnlich war; sie lachten über die gleichen Dinge. Wenn Maxmalen lachten, machten sie ein klickendes Geräusch, Chrismalen klapperten auch mit den Ohren.

Mit den Armen voll Sprachbücher gingen sie zurück zum Schiff. Dieses würde bei der nächsten Schicht in einen anderen Hangar verlegt werden, der direkt neben der Forschungsabteilung lag. Das machte die Zusammenarbeit einfacher.

"Das kommt gut", sagte Nemo grinsend, als er seine Bücherstapel auf dem Esszimmertisch abstellte. "Ich komme mit ihnen besser zurecht als mit anderen Menschen... Außer mit euch natürlich, ihr seid wie meine Familie." Er lächelte verlegen.

Aber Jay klatschte in die Hände. "So, jeder trinkt etwas, und dann machen wir Sport. Das dürfen wir auf keinen Fall vernachlässigen, sonst verkümmern wir noch alle."

Joe lachte. "Ja, ganz zu schweigen davon, dass ihre Schwerkraftplatten noch beschissener sind als unsere."

Den Rest des Tages verbrachten sie damit, die Sprachbücher zu scannen, und Lex programmierte zusammen mit Kiki eine Sprachlernsoftware. Die Menschheit hatte bedeutende Fortschritte im Lehren und Lernen gemacht. Das Lernen war viel effizienter geworden, und das erste, was Schulkinder lernen mussten, war, was Lernen bedeutet und wie man es am besten macht. Der individualisierte Lehrplan, der perfekt auf jeden Schüler zugeschnitten war, ermöglichte es außerdem, dass jeder auf eine gehirngerechte Art und Weise lernen konnte. Die Lehrer hießen nicht mehr Lehrer, sondern Lerncoaches; ihre Aufgabe war es, den Kindern beim Lernen zu helfen. Der eigentliche Unterricht wurde von ausgewiesenen Experten oder von einer speziellen Lehr-KI durchgeführt, die das gesamte Wissen der Menschheit enthielt.

Die Sprache Squeltrem war eine extrem vereinfachte Kunstsprache. Grammatik und Rechtschreibung bereiteten keine Probleme. Die tonale Aussprache und die vielen Grunzlaute war allerdings gewöhnungsbedürftig.

An diesem Abend, beim Abendessen, hatte Milo ein neues Hobby aufgenommen. Mit Hilfe einer Übersetzungssoftware hatte er bereits ein ganzes Physikbuch verschlungen und gab seine erste chrismaxischische Mathe-Stunde.

"Und so wird der Hamilton-Operator geschrieben. Und so werden die Integrale geschrieben", kratzte er an der Tafel und lästerte gleichzeitig über die primitive Subraumtechnik der Chrismaxen.

Nemo unterbrach ihn: "Entschuldige, Milo, könntest du mit den Grundrechenarten anfangen, du bist einfach zu den Differentialen gesprungen, ohne Addition und Subtraktion durchzugehen...".

Die Prototyp-Bojen

Zu Beginn jeder Schicht versammelte sich die Mannschaft in einem Seminarraum, und Trecca erklärte ihnen wichtige Dinge zur Squeltrem. Heute war es Zeit für das Organigramm. Sie zeichnete eine Pyramide und schrieb Morchen's Namen darauf. Die Übersetzungssoftware war sich immer noch nicht sicher, wie sie Morchens Titel übersetzen sollte. König, Präsident, CEO, Papst, Kaiser, Kanzler, Admiral, Kommandant - so ziemlich alles war vorgeschlagen worden. Aber heute hatte sich die Software wieder auf den Fantasietitel Suprempräsident eingependelt.

"Morchen ist unser Herrscher und darf grundsätzlich befehlen, was er will. Aber er ist weise und lässt sich von der ersten und zweiten Ebene beraten", erklärte Trecca und malte eine Ebene unter Morchen mit den Namen Prial, Mantichal und Squlaira. Sie zeichnete auch die zweite Ebene, die sechs Abteilungen hatte. Es gab die Polizeiabteilung, die Geheimdienstabteilung, die Schiffsbauergilde, den Ältestenrat, die Flottenverteidigungsabteilung und die Sanitäts- und Gesundheitsabteilung.

Jede Abteilung wurde von einem Vorsitzenden geleitet, und diese sechs Vorsitzenden bildeten den Beirat.

Die Polizeiabteilung wurde von Prial geleitet. Polizei war vielleicht nicht ganz die richtige Bezeichnung, da die Squeltrems nicht zwischen Soldaten und Polizisten unterschieden. Also war es auch die Infanterie. Squlaira war für den Nachrichtendienst zuständig. Der Vorsitzende der Schiffsbauer war Qualtem. Schiffsbauer waren nicht nur die Schiffe selbst, sondern alles, was mit Maschinen und Technik zu tun hatte, wurde ihnen zugewiesen.

Mora war für die Flottenverteidigung zuständig, was ihn zu einer Art Admiral machte. Der Ältestenrat stand unter der Leitung von Mantichal, dieser Rat repräsentierte nicht nur die Berater, sondern auch die Justiz der Squeltrem. Das Ministerium für Hygiene und Gesundheit umfasste alle medizinischen Dienste, ebenso wie alle Bildungseinrichtungen und die Lebensmittelversorgung.

Diese sechs Abteilungen waren dann in einzelne Unterabteilungen unterteilt, die von sogenannten Direktoren geleitet wurden. Diese vierte Ebene mit allen Direktoren wurde bei wichtigen Entscheidungen ebenfalls hinzugezogen, vor allem, wenn Morchen etwas zur Abstimmung brachte. Unter den einzelnen Abteilungen war die Hierarchie sehr flach, ein einfacher Lagerarbeiter hatte zum Beispiel nicht weniger Rechte und Pflichten als ein Professor an der Akademie.

Die Mannschaft hörte zu und machte sich Notizen. Es blieb völlig unklar, wie sonst die Squeltrem mit den anderen 170 Planeten des Chrismaxischen Reiches verbunden war. Trecca hatte nur angedeutet, dass die Squeltrem vor allem in den Kunsthandel und die Waffenherstellung involviert war.

Nach ein paar Tagen hatten die Menschen bereits herausgefunden, welche Technologie sie als erstes und am einfachsten einsetzen wollten. Es war eine Warnboje mit Semi-Sensoren. Sensoren, die sich halb im Subraum befanden und eine sofortige Warnung über den Squeltrem-Funkkanal senden würden, falls sich irgendwelche Schiffe näherten.

Das lag daran, dass die Squeltrems nicht über eine solche Technologie verfügten und es würde der Flotte genug Zeit geben, sich auf den Kampf vorzubereiten oder sich im Subraum zu verstecken. Es blieb ein Rätsel, warum solche Sensoren so wichtig waren, aber die Crew verstand, dass es Plünderer und Piraten gab, die den Handelsverband der Squeltrems angreifen wollten.

"Ich habe in der Sekundarstufe Semi-Sensoren gebaut", erklärte Joe begeistert. "Die Bauteile kann man in jedem Supermarkt kaufen ..."

Inzwischen hatte sich ein Team von Wissenschaftlern um die Crew gebildet. Jabbsch, den die alle Jab nannte, war Chefmechaniker und Experte für Subraumtechnik, er war also Joes Gegenpart, und die beiden verstanden sich auf Anhieb prächtig. Die Empathen hatten auch einen Bruder im Geiste für Nemo gefunden; Gob war ein alter Allround-Techniker, der behauptete, jede Maschine auseinandernehmen und wieder zusammensetzen zu können und sie dabei zu verbessern. Die Empathen und Psychologen wussten genau, wen sie mit wem zusammenbringen mussten, denn sie hatten Empathiemuster verwendet, um die harmonischste Art der Zusammenarbeit zu finden.

Das Quartett, bestehend aus Joe und Jab, Gob und Nemo, bildete ein starkes Team, und die Ideen sprudelten nur so. Unterstützt wurden sie von Milo und seinen beiden Assistenten Turu und Plao. Milos Subraum-Krankheit war schon sehr früh thematisiert worden, und die Empathen hatten ihn auch als eine Art hochbegabtes Genie identifiziert. Auf dem Schiff nannten sie ihn einfach “das Genie”. Zwei der besten Astrophysiker aus ganz Squeltrem waren hinzugezogen worden und würden seine Assistenten spielen. Die Empathen hatten auch gespürt, was Milo brauchte und wollte.

Tief in seinem Inneren hatte er schon immer Aufmerksamkeit und Bewunderung gesucht. Die beiden Physiker waren speziell instruiert worden, Milo richtig zu behandeln. Und weil Milos Wissen über den Subraum alles übertraf, was die Squeltrem kannten, saß ein Komitee von 20 Mathematikern und Wissenschaftlern in einem Nebenraum und verfolgte über Kameras und Mikrofone alle Aussagen von Milo.

Milo freute sich über die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wurde, und bemühte sich sichtlich, sein Wissen verständlich darzustellen. Das gelang ihm nicht immer, und gerne verfiel er immer wieder in seinen chaotischen Stil. Es lag dann an Joe und Nemo, die Grundlagen zu schaffen und alles wieder verständlich zu präsentieren.

Sie hatten auch eine Kontaktperson für Lex gefunden. Es war Juffo, ein junger Programmierer. Bei Juffo konnte sich die Crew nicht entscheiden, ob er eher ein Mann oder eine Frau ist. Schließlich einigte man sich darauf, ihn der Einfachheit halber als männlich zu betrachten, da sein Name männlich klang. Juffo war ein normaler Programmierer ohne besondere Talente. Aber die Empathen hielten die Kombination mit dem zurückhaltenden Lex für die beste. Die Zusammenarbeit funktionierte gut und Lex lernte Squeltrems Computersystem und dessen Programmiersprache. Es war extrem wichtig, die Computer von Abhysal und Squeltrem kompatibel zu machen, und so verbrachte Lex viel mehr Zeit mit der Programmiersprache als mit der eigentlichen Sprache.

Nur Jay fühlte sich wie ein fünftes Rad. Er war nicht versiert genug in Wissenschaft und Technik, um wirklich helfen zu können. Tatsächlich war er für "alles andere" zuständig. Die ersten Wochen verbrachte er mit Ethnologen und Exobiologen und mit dem Chefarzt, Tkak. Er fühlte sich in der medizinischen Abteilung recht wohl und lernte eine Menge über die chrismaxische Anatomie.

Eigenarten der Chrismaxen

Am Ende der Schicht trafen sich die Crewmitglieder wieder auf der Abhysal. Es gab einen kleinen Snack und dann folgten die obligatorischen Sportübungen. Danach gab es so etwas wie ein Abendessen, und hier sprachen sie über alles, was sie getan und gelernt hatten.

"Ihre Computer sind völlig überdimensioniert", erklärte Lex und zeichnete die Struktur auf einen Block. Sie sagte, dass die kleinen Laptops, die viele Squeltrems-Mitglieder besaßen, die gleiche Speicherkapazität und sogar eine schnellere Rechenleistung hatten als der riesige Bordcomputer.

"Ich bin gerade dabei, Programme zu schreiben, damit wir unsere Navigationsdaten und Software gemeinsam nutzen können", fuhr sie fort. "Aber ich werde mir danach einen solchen Laptop organisieren und Kiki darauf spielen. So haben wir ein Backup, falls die Squeltrems etwas Seltsames mit dem Abhysal anstellen."

Jeder hatte diese Sorgen, aber sie schoben sie beiseite. Jay erklärte, wie es dazu kam, dass die Squeltrems so übergroße Computer hatten, sie aber nicht benutzten.

"Das ist, als hätte man einen Ferrari und würde ein Pferd davor setzen", war sein Kommentar.

Er erklärte kurz den Krieg, in dem eine Top-KI ausgeflippt war und Millionen von Chrismaxen getötet hatte. Seitdem hatten die Chrismaxen zwar ihre schnellen Computer behalten, aber sie nutzten sie nicht so, wie sie sollten. Er hatte auch das Gefühl, dass viel Computerwissen verloren gegangen oder vergessen worden war, und Lex bestätigte dies.

Er erzählte dann, was er von Tkak und der Chrismaxischen Anatomie gelernt hatte. Wegen des langen Schlafes benötigten Chrismaxen weniger Kalorien als Menschen. Sie waren auch im Durchschnitt viel weniger schnell und weniger stark als Menschen, um ihre Kalorien nicht zu verschwenden. Daher bewegten sie sich sehr langsam.

Es gab auch signifikante Unterschiede in den Sinneswahrnehmungen von Menschen und Chrismaxen. Diese konnten viel besser riechen und schmecken als Menschen. Außerdem hörten sie sehr gut, und die druckempfindlichen Zellen an ihrem Hinterkopf erlaubten es ihnen, Geräusche und Bewegungen sehr genau zu orten. In der Dämmerung, wenn Menschen noch gut sehen konnten, waren sie fast blind. Aber sie konnten helles Licht viel besser ertragen. Und Jay war bereits aufgefallen, dass sie Temperaturen unter 20 Grad als eiskalt bezeichneten.

Natürlich war die Crew auch neugierig, was die Squeltrems den ganzen Tag taten. Dafür konnten sie auf das soziale Netzwerk zugreifen. Als Willkommensgeschenk hatten die Menschen ein Squeltrem-Smartphone erhalten. Smartphones waren auf der Erde zwar völlig veraltet und die Menschen benutzten seit hundert Jahren Datenkontaktlinsen, aber die Crew freute sich über das handliche "Retro-Smartphone", wie sie es nannten.

Da viele Squeltrems zeitversetzt arbeiteten oder Freunde auf anderen Schiffen hatten, benutzten sie hauptsächlich Video-Kurznachrichten, um miteinander zu kommunizieren, und es gab eine große Videoplattform, auf der jeder seine Filme hochladen konnte. Es war also sehr ähnlich zu dem, was wir von der Erde des 21. Jahrhunderts kannten. Und abends nach dem Essen und vor dem Sprachunterricht "surfte" die Abhysal-Crew eine gute Stunde lang im Netz und lernte viel:

Squeltrems liebten Handwerk und Kunst, und es gab endlose Videos von Künstlern, die zeigten, wie man aus unendlich vielen Materialien kleine Skulpturen herstellt. Viele Squeltrems erzählten auch aus ihrem Leben und zeigten Einblicke in ihren Alltag. Gob hatte auch einen Videokanal, in dem er jede Maschine, die er fassen konnte, auseinander nahm und dabei fachsimpelte er. Nemo war von diesem Kanal sofort begeistert.

Außerdem gab es Tausende von Aufnahmen von Turnieren und Spielen. Die Squeltrems waren begeisterte Brett- und Kartenspieler. Es gab auch Geschicklichkeitsspiele in der Schwerelosigkeit und ein Turnier namens Baltrac, das so etwas wie Paintball war. Jay war sehr interessiert an diesem Spiel und las alles darüber. Ihm gefiel die Idee, endlich an einer echten Art von Kriegsspiel teilzunehmen und nicht nur mit Computersimulationen zu spielen.

Und es gab die offiziellen Fernsehsender, die Reportagen und Reality-Shows machten. Es gab auch Spielfilme und Kinos, aber das war alles sehr abstrakt. Weil Chrismaxen ihre Emotionen nicht verstecken konnten, konnten sie nicht "eine Rolle spielen" und Emotionen vortäuschen. Deshalb waren die Theaterspiele eher wie Puppenspiele und das Aufsagen von Gedichten. Sie hatten auch eine Art von Film, aber nur im Zeichentrickstil.

Natürlich wollten die Fernsehsender eine Dokumentation über ET machen, oder sogar eine Reality-Show. Aber Morchen verbot es vorerst, denn die ETs sollten ja arbeiten und neue nützliche Technologie entwickeln. Aber den Fernsehsendern war es erlaubt, kleine Interviews zu machen. Jay gefiel diese Idee, und weil seine Freunde so sehr in ihre Forschungsprojekte eingebunden waren, übernahm er die Rolle der "Öffentlichkeitsarbeit". Es gefiel ihm, sich selbst in Szene zu setzen. Er erzählte seine eigene Geschichte und verschönerte sie so gut er konnte, ohne dass die Empathen ihn als Lügner bezeichneten. Jay, der tapfere Kampfpilot, wurde für viele Squeltrems schnell zu einem Superstar.

Jay sprach nicht nur über sich selbst, sondern beantwortete auch Fragen aus dem Publikum, zeigte Bilder und Filme von der Erde, sprach über die menschliche Evolution und alles andere, was die Leute über ihn wissen wollten.

Das war ungefähr der Zeitpunkt, an dem Jay und die anderen in der Crew merkten, dass die empathischen Chrismaxen doch nicht wirklich empathisch waren.

Anfangs - als Squlaira und das empathische Team sie durchleuchteten, um gute Partner zu finden und sicherzustellen, dass sie nicht logen - waren sie sicher gewesen, dass jeder ihre Gefühle offen lesen konnte. Aber kleine Zwischenfälle zeigten schnell, dass die meisten Chrismaxen Gefühle nur an der Körperfarbe ablesen konnten.

Einmal hatte Joe Nemo zum Spaß beschimpft. Jab und Gob hatten das missverstanden und dachten, Joe sei wirklich wütend. Als Joe sie fragte, warum sie ihre Gefühle nicht gelesen hätten, waren Jab und Gob an der Reihe, sich zu wundern. Sie sagten leichthin, dass wahre Empathen sehr selten seien. Vielleicht vergleichbar mit musikalischen Wunderkindern auf der Erde. Etwa ein Dutzend speziell ausgebildeter Empathen zählte die Flotte zu dieser Zeit. Squlaira konnte auch Emotionen lesen, aber nicht wirklich gut.

Es waren genau diese Empathen, die eilig an Bord gebracht worden waren, um die Menschen zu analysieren. Aber inzwischen waren sie über die anderen Schiffe verstreut, und ihre Arbeit bestand hauptsächlich aus psychologischen Befragungen und der Sicherstellung, dass es den Squeltrems gut ging.

Dadurch fühlten sich die Menschen natürlich viel wohler, weil sie nicht wie ein offenes Buch gelesen werden konnten. Und sie hatten auch einen entscheidenden Vorteil. Sie lernten schnell, die Körperfarbe der Squeltrems zu entziffern, während die Squeltrems viel größere Schwierigkeiten hatten, die menschliche Mimik zu lesen.

Nach ein paar Wochen hatte sich die Mannschaft gut eingelebt. Nemo und Joe bastelten wild an den neuen Semi-Sensoren herum und zeigten den anderen Technikern alle Grundlagen der Sensortechnik. Milo lehrte die Subraumtheorie und Lex lernte die Squeltrem-Computersprache und erstellte die ersten Navigationsprogramme. Jay kümmerte sich hauptsächlich um die Mediziner und seine Rolle als Public Relation Officer. Und weil er so viel reden und so viele Fragen beantworten musste, war er bereits der Beste in der Squeltrem-Sprache.

Die Deadline rückt näher

Mit Ausnahme von Jay saß die gesamte Abhysal-Crew mit ihren Trainern im Dynamoraum. Der Dynamoraum war die Übersetzung des "Elektrizitätswerks". Elektrizität wurde erzeugt, indem lange Germaniumfäden in den Subraum gesenkt wurden. Im Subraum gab es kleine Fluktuationen von elektromagnetischen Feldern. Aber die Menschheit hatte nie versucht, diese zur Stromerzeugung zu nutzen. Das Konzept der Chrismaxen war genial einfach. In den langen Halbleiterfäden wurde einfach ein Strom induziert. Jeder einzelne Faden lieferte nur wenige Volt, aber alle zusammen konnten eine riesige Energiemenge erzeugen. Diese wurde in Form von reiner elektrischer Energie in die Schiffe eingespeist, wo sie dann von Trafostationen auf die richtige Spannung und Stromstärke gebracht wurde.

Das Wichtigste für die Besatzung der Abhysal war, dass die Chrismaxen irgendeine Form von Semi-Technologie kannten. Um diese Technologie besser zu verstehen, hatte Joe darum gebeten, das Ganze zu sehen. Mit Nemo und Gob im Schlepptau ging es nicht nur ums Zuschauen. Sie nahmen einen ganzen Subraum-Generator auseinander. Lex und Milo hatten sich ihnen aus Neugierde angeschlossen.

Der Subraumgenerator sah aus wie ein 40000-Liter-Edelstahl-Bierkessel. Joe kletterte direkt aus ihm heraus. Sie und Nemo hatten wieder ihre Hightech-Technikeranzüge angezogen, denn mit dem eingebauten Kühlsystem waren sie sehr angenehm zu tragen, vor allem, wenn sie gerade im großen Maschinenraum herumkletterten. Joe benutzte die Muskelverstärker im Anzug und zog sich selbst aus dem engen Schacht heraus. Dann streckte sie die Hand nach Jab aus und zog ihn mühelos hoch. Dieser lachte: "Ich liebe diese Hightech-Overall, sie sind so praktisch und noch dazu so hübsch. Kannst du mir die Blaupause geben, dann lasse ich mir einen drucken."

Als sie unten standen, benutzte Joe einen Handscanner und schaute kopfschüttelnd wieder zu dem Dynamo hoch. "Ich weiß nicht, wie ihr es schafft, sie so groß zu bauen. Zum Spaß baue ich euch einen, der nur so groß wie ein Schuhkarton ist. Der ist dick genug, um den Draht im Subraum nach unten zu lassen."

Jab lachte. "Das glaube ich dir nicht. Wollen wir eine Wette abschließen?"

Die Ingenieurscrew war sehr wettbegeistert und machten Wetten auf alles was sie konnten. Der Wetteinsatz wurde besprochen und die Wette bestätigt. Die Stimmung war so entspannt, weil in der Zwischenzeit der erste Prototyp der Warnboje gebaut worden war. Er würde am nächsten Tag ins All geschossen und dann ausgiebig getestet werden. Nur Joe und die Squeltrem-Techniker durften bei dem Test dabei sein. Die Führungsebene - Morchen, Squlaira, Prial und Mantichal - wollte keinen Weltraumunfall und den Tod wertvoller Menschen riskieren. Denn es wurde klar, dass es Jahre dauern würde, bis die Squeltrem nur etwa die Hälfte des menschlichen Subraumwissens assimiliert hatten.

Nemo kroch nun ebenfalls aus dem Generator und wischte sich die Hände ab: "Diese Dynamotechnik ist genial. So einfach und robust, dass wir Menschen sie einfach übersehen haben."

Milo legte seinen Stift weg und wandte sich an Jab. "Du hast versprochen, uns den Subraumantrieb zu zeigen. Jetzt, wo der Prototyp fertig ist, haben wir endlich Zeit dafür. Ich möchte ihn an der Enterprise X anpassen."

Die Enterprise X war das neue Projekt von Milo. Es war ein Prototyp-Schiff, das mit der Technologie der Chrismaxen und der Menschen ausgestattet werden sollte. Es war nach einer alten klassischen TV-Serie benannt, die irgendwann im 20. Jahrhundert lief, es war Milos Lieblingsserie, aber niemand sonst in der Crew hatte sie je gesehen. Milo hatte Berechnungen und Simulationen durchgeführt. Er schwärmte, dass die Enterprise X mit der kombinierten und optimierten Technologie in den Abyss tauchen könnte. Mit der Dynamotechnologie gäbe es genug Energie, um das Schiff in dieser Tiefe zu halten, und mit dem Subraumantrieb würden sie Lichtjahre verschlingen.

"Bei einer so tiefen Krümmung wären 100 Lichtjahre pro Tag absolut möglich." Milo war zutiefst überzeugt. "Unsere Rückreise würde nur ein paar Wochen dauern!"

Niemand zweifelte an Milos Theorien, aber sie in die Praxis umzusetzen war ein anderes Problem.

In der Zwischenzeit wuchs die Raumflotte der Squeltrem immer weiter. Die Menschen wussten es nicht, aber die imperialen Streitkräfte hatten weitere Astro-Kolonien und drei versteckte Mondbasen zerstört. Die Squeltrem, die jahrelang fieberhaft daran gearbeitet hatten, all ihre Fabriken und Industrieanlagen in Raumschiffe umzuwandeln, waren nun noch mehr unter Druck geraten. Sie hatten sogar Astro-Kolonien ins Schlepptau genommen, um sie vor den Imperialen zu verstecken. Neu gebaute Fabrikschiffe verließen nach und nach die Basen und steuerten auf die Hauptflotte in diesem abgelegenen Sektor des Weltraums zu.

Inzwischen waren Tausende von Schlachtschiffen vor Ort, und nicht einmal die größte "Pirateneinheit" würde es wagen, sie anzugreifen. Zumindest glaubte das die Crew der Abhysal immer noch. Alle drückten die Daumen, dass die Warnboje funktionieren würde, denn ohne Sensoren im Subraum könnten die Kampfschiffe unentdeckt in den Subraum eindringen und dann der Squeltrem massiven Schaden zufügen.

In den Tagen nach den ersten Referenztests wurden die Daten eifrig ausgewertet, und es sah wirklich gut aus. Für die folgende Schicht wurden Dummy-Raumschiffe losgeschickt, um Angreifer zu spielen und sich anzuschleichen. Bei dieser kleinen Übung wurden alle Schiffe erkannt. Die Warnboje funktionierte einwandfrei.

Um den ersten Erfolg zu feiern, lud Jab die Abhysal-Crew zum ersten Mal in seinen Wohnblock ein.

Der Wohnblock bot Platz für etwa 200 Squeltrems, von denen natürlich ein Großteil schlief. Die Menschen schauten sich interessiert um. Der Boden und die Decke waren mit Sofas, Kissen, Tischen und Spielkonsolen bedeckt. Hier trafen sich die Squeltrems vor und nach der Arbeit, spielten, redeten oder verbrachten die Zeit mit Basteln. Jeder Squeltrem hatte auch eine kleine Kabine, die nur etwa vier Quadratmeter groß war, aber genug Platz bot, um persönliche Arbeiten zu erledigen oder Aufgaben zu erledigen, die Privatsphäre erforderten. Zusätzlich zu dem kleinen Stauraum in den Kabinen konnten die Squeltrems in den vielen Hangars zusätzlichen Stauraum buchen und dort auch andere Dinge lagern.

Wenn sie etwas brauchten, wurde eine Nachricht an die Logistik gesendet, und eine Schicht später kamen die benötigten Gegenstände an. Squeltrems konnten sich nicht frei auf dem Schiff bewegen und waren während der Arbeitszeiten auf ihre Abteilungen beschränkt. Sie konnten also nicht schnell einkaufen gehen. Doch Online-Bestellungen und fliegende Händler schafften Abhilfe, so dass es ihnen nicht an einer kleinen Party mangelte. Die Crew spielte ein paar Runden Brettspiele und sah dann zu, wie ihre Kollegen in ihre Schlafsäcke krochen und es sich in der Schwerelosigkeit bequem machten. Sie schliefen schnell ein, und andere Squeltrem, bekannt als Schlafwächter, wachten über die schlafenden Leute. Die Crew machte sich auf den kurzen Weg zurück zum Hangar und besprach, was sie gesehen hatten, wobei ihnen vieles davon noch sehr fremd war.

Zwei Tage später war es Zeit für die letzten Tests. Hier würde eine kleine Flotte "Angreifer" spielen und mit voller Geschwindigkeit einfliegen. Auch hier klappte alles reibungslos, die Bojen erkannten alle Schiffe im Subraum in großer Entfernung und schlugen Alarm. Dies war ein großer Erfolg und die Wissenschaftler-Crew beschloss, dies gebührend zu feiern.

Die Squeltrems um die Menschen herum liebten es zu feiern, und so verbrachte die Abhysal-Crew die nächsten Schichten mit ihren Kollegen mit Spielen, Trinksprüche und dem Verzehr von kleinen Häppchen, Knokkus genannt. Natürlich spielten die Chrismaxen auch Musik und sie hatten eine große Auswahl an Instrumenten. Die Menschen mochten den Musikstil nicht besonders, aber zum Glück war er auch nicht allzu schlimm. Die Chrismaxen wussten, dass die Menschen auch Musik spielen würden und baten um eine Vorführung. Leider war das eine schlechte Idee:

Nemo löste einen Notalarm aus, als er sich mit seinem Akkordeon hinsetzte und eine Melodie spielte. Prompt wurde der Abhysal-Crew das Musizieren von der Feuerwehr verboten. Diese war zum Einsatzort geeilt, weil sie dachte, ein Mikrometeorit hätte das Quartier getroffen und viele Squeltrems würden sterben.

Diese Anekdote führte zu allgemeiner Erheiterung in der ganzen Squeltrem, und die Außerirdischen wurden noch mehr gefeiert.

In der Generalversammlung von Morchen waren sich alle über den Fortschritt der Menschen und die neuen Warnbojen einig. Selbst Prial und Squlaira, die sich sonst widersprachen, sprachen wie aus einem Mund: "Sofort in die Massenproduktion damit".

Der Plan war, ein Warnsystem zu bauen, um die Flotte vor möglichen imperialen Angriffen zu schützen.

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9783754140314
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