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Ewa A.
Liebesengel küssen nicht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
Ein paar Worte
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Impressum neobooks
Impressum
Liebesengel
küssen nicht
Ewa A.

Impressum
Text:
Copyright © 2020 Ewa A.
Alle Rechte vorbehalten
Cover:
Copyright ©
Renee Rott,
Dream Design - Cover and Art
unter Verwendung von Bildmaterial
von www.shutterstock.com
Lektorat:
Julia Feldbaum
https://www.redaktionsbuero-feldbaum.de
Verlag:
E. Altas
79423 Heitersheim
ewa.xy@web.de
https://www.facebook.com/EwaA.Autorin
Die Geschichte sowie die Personen und die Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Begebenheiten, Orten, lebenden oder toten Personen sind in keiner Weise beabsichtigt und wären purer Zufall.
KAPITEL 1
AUTOBAHN ZUM GLÜCK
Es ist nicht so, dass ich mich beklagen will, schließlich ist es mein Job, der Liebe auf die Sprünge zu helfen, aber es gibt wirklich schönere Plätze als den Standstreifen einer Autobahn, um das zu bewerkstelligen. Ehrlich, ich stehe hier herum und komme mir vor wie eine Idiotin. Der einzige Trost ist, dass mich keiner der vorbeipreschenden Autofahrer sehen kann. Der Lärm, der ganze Gestank … ätzend.
Naja, der Kerl würde hoffentlich jeden Moment angerast kommen. Laut meines Auftrags fährt dieser Chris mit seinem silbernen Golf zu einem Kumpel. An einem Samstagmorgen, um neun Uhr.
Was, zum Teufel, treiben zwei Typen um diese Uhrzeit? Das wäre doch mal eine interessante Information gewesen. Aber nein, in dem Bericht stehen so öde Sachen drin, wie dass der gute Chris achtundzwanzig Jahre alt ist, seinen Beruf als Schornsteinfeger gern ausübt und vor wenigen Tagen seinen Beziehungsstatus in den sozialen Netzwerken wieder auf Single gesetzt hat.
Das soll mich jetzt überraschen oder gar informieren?
Okay, zumindest hatte er, im Gegensatz zu mir, schon mal einen Vergeben-Status. Diesen Status hatte ich noch nie. Da fällt mir ein: Ich bin in gar keinem sozialen Netzwerk. Vielleicht sollte ich mich doch Mal bei »Cupid-Cloud« anmelden.
Aber zurück zum Beziehungsstatus meines Klienten: Diese Information, dass er wieder Single ist, ist total unnütz, denn sonst würde von dem Kerl wohl kaum ein Wort in diesem Auftrag stehen – und ich nicht auf dem doofen Standstreifen.
Die Vorlieben und Hobbys von unserem Chris sind ebenfalls fein säuberlich in einer Tabelle aufgeführt. Handy-Weitwurf hab ich da zum Beispiel gelesen. Gut, wenn man zu viele alte Handys hat, ist das durchaus … eine sinnvolle … äh nein … aber man hat Bewegung und ist an der frischen Luft. Auf jeden Fall machen diese Freizeitbeschäftigungen (oder vielmehr einige davon) und seine Charakterzüge Chris zum optimalen möglichen Partner für die niedliche Daphne.
Deswegen bin ich hier, neben besagter junger Frau, auf der Autobahn und glotze dumm aus der Wäsche. Zum Glück zählt Hilfsbereitschaft zu einer von Chris‘ guten Eigenschaften – und auch sein Faible für lange Frauenbeine –, was mir mein Vorgehen erleichtern wird. Hoffe ich.
Neben mir starrt Daphne ziemlich ratlos unter die Motorhaube und tut so, als könne sie den Defekt des streikenden Motors ausfindig machen. Was sie gar nicht kann, da sie erstens kein Mechaniker ist und es zweitens überhaupt keinen Defekt gibt.
Woher ich das weiß? Weil ich den Tank geleert habe. Mit bloßer Willenskraft, einfach so, wie … Keine Ahnung. Tja, was soll ich sagen, ich kann es, also tue ich es.
Mir fiel auf die Schnelle leider nichts anderes ein als die Autopanne, weil sich die beiden, laut Bericht, unter üblichen Umständen nicht über den Weg gelaufen wären.
Eigentlich befindet sich Daphne auf dem Weg zur Hochzeit ihrer Cousine. Deshalb trägt sie ein schönes Sommerkleid, was mich schmunzeln lässt, und hoffentlich auch bald Chris.
Ich musste Daphne mit weißem Rauch, der auf der rechten Seite des Motorraums herausrauschte, in eine günstige Position navigieren, damit sie besser in Chris‘ Blickfeld geraten würde.
Der Edelstein meines Armbandes beginnt, grün zu leuchten: das verabredete Signal der Cupida-Leitstelle. Es zeigt mir an, dass der andere Klient in der Nähe ist. Tatsächlich sehe ich von Weitem einen silbernen Golf kommen. Endlich! Ausgezeichnet, er imitiert die Geschwindigkeit einer fußlahmen Schnecke.
Jetzt ein kleiner Windstoß, der Daphnes Rock im richtigen Augenblick anhebt und ihre schönen Beine entblößt, die Chris sehen sollte.
Ja, genau so! Meine Rechnung geht auf, und Chris legt eine Vollbremsung hin.
Himmel, bin ich gut!
Ein paar Meter weiter vor uns parkt er seine Karre auf der Standspur. Alter Schwede, der Kerl muss es ja nötig haben, denn eilig springt er auf der Fahrerseite heraus. Er macht eine gute Figur in Jeans und Shirt.
Währenddessen erhebt sich auf der Beifahrerseite ein Typ im Anzug aus dem Wagen. Ohne dass sich die Tür öffnet. Er durchdringt ohne Probleme die Karosserie. Na super! Ein Erist! Der hat mir gerade noch gefehlt.
Meine Augen verengen sich automatisch vor Missmut, als ich meinen Gegner in Augenschein nehme. Denn sein Ziel ist es, das Zusammenkommen zweier Menschen zu verhindern. Er und ich wetteifern mit unseren jeweiligen Kollegen um den ewigen Sieg.
Die Eristen säen Zwietracht, während wir, die Cupidas, Liebe gedeihen lassen wollen. Ja, ich weiß, die Menschen nennen uns Cupido, aber wir selbst betiteln uns als Cupida. Wie ich meinen Auftrag erhalte, so bekommt auch der Erist seine Anweisung – mit allen nötigen Angaben. Obwohl unsere Ziele nicht unterschiedlicher sein könnten, sind unsere Arbeitsweisen die gleichen.
Der Erist holt einen Wirkungsstab aus der Innentasche seines Jacketts, was mir sagt, dass er ein Neuling ist, der noch das Hilfsmittel braucht, um seinen Willen zu bündeln. Ich habe schon fast Mitleid mit ihm, denn ich habe meinen das letzte Mal vor einem Jahrhundert benutzt. Aber dennoch muss ich zugeben, dass die Eristen-Stäbe cooler aussehen als unsere. In den schwarzen Stäben perlt nämlich rote Lava hin und her, was diese geheimnisvoll und vor allem cool macht. In den Cupida-Stäben dagegen glitzern doofe Silberpartikel herum und lassen einen damit wie eine tussige Fee wirken. Das wiederum erklärt, warum ich heilfroh bin, das Teil nicht benützen zu müssen.
Die zwei Männer kommen auf uns zu, und ich verschränke grinsend die Arme vor der Brust, während ich mich an Daphnes Wagen lehne.
Chris strahlt über alle vier Backen und reibt sich die Hände. »Hi. Na, kann ich helfen?«
Absichtlich schaue ich nur Chris an und erwidere sogar dessen Begrüßung mit einem Lächeln. Obwohl mich auch dieser im Moment nicht sehen und hören kann – wie jeder Mensch.
»Hey. Das wäre super«, säusle ich.
Durch diesen Kniff glaubt der Erist vor mir, ich sei ein Mensch. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich nicht gerade der typischen Erwartung entspreche, die man im Allgemeinen von einer Cupida hat. Ich bin weder eine engelhafte Blondine in einem Hängerkleidchen noch habe ich himmelblaue Augen, unter denen ein Knutschmund schmollt. Vergesst es! Ich bin brünett und trage eine gewöhnliche Jeans. Meine Augen sind froschgrün, und mein Mund ist völlig unsexy. Ach, und Flügel habe ich auch keine, geschweige denn Pfeil und Bogen.
In einer verlegenen Geste streicht sich Daphne eine Haarsträhne hinter das Ohr und sagt errötend: »Oh, ich hoffe es, weil ich habe nämlich keinen Plan, was auf einmal los ist. Der Motor rauchte sogar schon.«
Der Erist wendet den Kopf, um Daphne besser zu verstehen, und ich habe das Gefühl, ihm kommt allmählich ein Verdacht.
Chris kratzt sich an der Stirn. »Mach dir nichts draus. Bei mir muss die Elektronik auch einen Schuss haben. Der Tempomat schaltete sich aus heiterem Himmel ein, und ich bekam ihn nicht mehr aus. Deswegen musste ich mit achtzig über die Autobahn kriechen.«
Haha, der kleine Erist dachte wohl, wenn er rumtrödeln würde, wäre Daphne schon längst bei ihrer Cousine. Falsch gedacht, Dummerchen! Selbst wenn er Chris‘ Golf total lahmgelegt hätte, würde ich jetzt mit Daphne bei ihnen stehen, denn den Erstkontakt gewinne ich immer.
Indessen beugt sich Chris tatkräftig über den Motorblock. »Wollen mal schauen, wo das Problem liegt. Ansonsten rufen wir die Pannenhilfe.«
Der Erist schwenkt seinen Stab, und aus den Tiefen des Motorraums spritzt eine schwarze Fontäne empor, die Chris von Kopf bis zur Hüfte einsaut.
»Wow, wo kommt denn das her?«, schreit der junge Mann und macht einen Satz zur Seite.
Daphne schlägt sich die Hände vor den Mund. »Oh mein Gott, das ist ja … Nein, das tut mir echt leid. Dein T-Shirt ist total voll.«
Christ stöhnt sichtlich genervt auf, als er an sich herunterschaut und das Desaster begutachtet. »Scheiße, das ist Öl! Das geht nie wieder raus. Oh Mann, ey!«
Aha, für einen Anfänger hat er ganz gut reagiert, der junge Erist. Er wollte Chris sauer machen, aber der Schuss könnte auch nach hinten losgehen.
Zerknirscht fängt Daphne an, zu stammeln: »Ich komm natürlich für deine ruinierte Kleidung auf. Warte, ich hol Taschentücher, damit du dein Gesicht abwischen kannst.«
Sie tippelt in ihren hohen Schuhen um den Wagen, mitten durch den Erist hindurch, und Chris folgt ihr. Ich stehe nicht im Weg, was mich zu meinem Vergnügen bei meinem Gegner noch nicht auffliegen lässt.
Als Daphne sich ins Auto zu ihrer Tasche beugt, nutze ich Chris‘ gute Aussichtsposition und lasse nochmal ein laues Lüftchen wehen, das erneut ihren Rock hebt.
Oh, holla ein String! Prompt verbessert sich Chris‘ Laune, was an seinem Schmunzeln abzulesen ist. Sogar der Erist bewundert Daphnes Kehrseite verträumt.
»Schrecklich windig heute, nicht wahr?«, murmle ich, und nun inspiziert mich der Erist genauer. Ich ignoriere ihn natürlich immer noch, allerdings entgeht ihm mein Armband kein zweites Mal.
»Du bist eine Cupida! Ich dachte …«, schnauft er empört.
Ich lache ihm direkt ins Gesicht. »Was, dass ich ein Mensch bin? Tja, nein, mein Lieber. Ich bin Evodie, hinten mit ‚ie‹. Nur, damit du im Bericht für deine Chefin meinen Namen richtig schreibst. Die will bestimmt wissen, wer dir die Tour vermasselt hat.«
Der Kopf des Eristen läuft langsam rot an, und mit zornigem Blick schwingt er seinen Wirkungsstab. Er deutet auf Chris‘ Hose.
»Jetzt käme es doch wie gerufen, wenn seine Ex ihn zurückhaben wollte. Meinst du nicht, Evodie?« Gehässig verzieht sich sein Mund.
Zeitgleich, als Daphne Chris das Taschentuch mit einem charmanten Lächeln reicht, fängt Chris‘ Handy an, zu bimmeln. Ein Rufton erklingt, der jedem Anwesenden klarmacht, dass da seine Freundin anruft. Chris, der Trottel, hat den Klingelton noch nicht verändert.
Ich schüttele den Kopf, denn abermals outet sich der Erist als waschechter Anfänger: Niemals erzählt man dem Gegner, was man zu tun gedenkt.
Hektisch wischt sich Chris mit dem Tuch über den Mund und zerrt, mit kugelrunden Augen, das Smartphone aus seiner Gesäßtasche. Mit einem leisen »Oh, Moment, ich komm gleich wieder«, dreht er Daphne den Rücken zu. Er entfernt sich einige Schritte von ihr. Verdattert blinzelnd, bleibt Daphne stehen.
Beim besten Willen kann ich mir das Lachen nicht verkneifen, als ich den männlichen Erist in hoher Frauenstimme in seinen Wirkungsstab reinplappern höre.
»Hallo, Chris. Ich bin‘s Lena, du ich … Also ich dachte, wir sollten doch nochmal über alles reden. Hast du nicht Lust, mich zu treffen? Vielleicht heute?«
Eins muss man dem Kerl lassen, er hat seinen Bericht aufmerksam gelesen, denn der Name der Ex stimmt.
Während Chris stammelt, dass das schon möglich wäre, kappe ich kurzerhand die Unterhaltung, indem ich den Lautsprecher des Handys stumm schalte. Verwirrt schaut Chris auf sein Handy, und ich … lasse einen Platzregen runter, der sich gewaschen hat.
Chris zeigt schreiend auf sein Auto, und die beiden Menschen flüchten vor dem Mini-Gewitter, um in seinem Wagen Schutz zu suchen. Mein Gegner scheint überfordert zu sein und muss sich einen Regenschirm heraufbeschwören. Mir allerdings können die prasselnden Tropfen nichts anhaben, weil ich, lapidar gesagt, trocken bleiben will.
Panisch stochert der Erist mit seinem Wirkungsstab in der Luft herum, in Richtung Daphne. Daraufhin wird ihr die Autotür von einer Windböe aus der Hand gerissen und fällt wieder zu. In der Zwischenzeit sitzt Chris bereits im Trockenen, wohingegen Daphne erneut versucht, die Tür zu öffnen. Vergeblich reißt die durchnässte Frau am Griff.
Mit einem herablassenden Schmunzeln fege ich das Bemühen des Zwietracht-Engels zur Seite. Daraufhin stolpert Daphne ein paar Schritte rückwärts, da die Wagentür plötzlich unverschlossen ist. Den Willen meines Gegners zu überwinden, war lächerlich einfach.
Zufrieden lasse ich mich auf der Rückbank in Chris‘ Golf nieder. Ein altbekannter, leichter Druck auf meinen Körper macht mir bewusst, dass der Erist sich entschieden hat, mir Gesellschaft zu leisten. Ich fühle mich wie ein Magnet, der von einem gleichen Pol abgestoßen wird. Mein Gegenspieler grummelt verärgert vor sich hin, und wir gucken Chris dabei zu, wie diesem schier die Augen aus dem Kopf fallen. Denn Daphnes weißes Sommerkleid ist nun patschnass.
Tja, was passiert, wenn weiße Baumwolle nass wird …?
Ab da weiß sowohl der Erist als auch ich, dass Chris Daphne heimfahren wird und vorerst die Dinge ihren Lauf nehmen, ohne unser Zutun. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich den beiden nochmal einen Besuch abstatten, denn dann sind die Chancen meines Gegners auf Erfolg leider höher.
Der Stein auf dem Ring des Eristen leuchtet rot, wie auch mein Armband. Für uns beide ist dies der Aufruf, in die Zentrale zurückzukehren. Neuer Auftrag, neues Glück.
KAPITEL 2
DAS BÜRO IN DEN WOLKEN
Kaum habe ich den Gedanken an meine Rückkehr in die Cupida-Zentrale zu Ende gedacht, bin ich auch schon in dem unaufhörlichen Wahnsinn gelandet, der mein Arbeitsplatz ist.
Ein Großraumbüro, dessen Wände aus weißen Federwolken bestehen. Im Grunde ist hier alles weiß: der Boden, die Decke, die Stühle, die Schreibtische, sogar die Monitore. Selbst die Operatoren, welche die Cupidas von hier aus bei ihren Aufträgen unterstützen, sind in strahlend weiße Anzüge oder Kostüme gekleidet. Unzählige Pulte stehen akkurat in Reih und Glied, neben- und hintereinander. Mittig strebt zwischen ihnen ein breiter Gang auf eine Tür zu.
Der übliche Lärm von Stimmen, Druckern und Telefonklingeln drückt auf meine Ohren, als ich mich zu Bellamy, meinem Operator, umdrehe, der hinter seinem Schreibtisch auf mich wartet.
Auf Bellamys rundem Gesicht erscheint ein stolzes Strahlen. »Auftrag erfolgreich ausgeführt? Komm, sag schon, Evodie!«
Ich pflanze mich seufzend auf die Ecke seines Pults. »Ja, alles problemlos gelaufen. Der erste Kontakt ist immer der einfachste.«
»Hat sich ein Erist blicken lassen?« Bellamy schaut mich über seine Brille hinweg kritisch an, die ihm bis zu seiner Nasenspitze gerutscht ist.
Meine Stirn kräuselt sich, denn seine Frage erscheint mir seltsam – da es nichts Ungewöhnliches ist, dass ein Erist einer Cupida in die Arbeit pfuscht.
»Ja, aber sie schickten einen Neuling, weil sie genau wussten, dass sie den Kürzeren ziehen würden. Die Beziehung der Klienten aufrechtzuerhalten, wird wesentlich schwieriger werden. Du weißt ja, um Paare zu entzweien, senden sie meist ihre Besten aus, die mit allen Wassern gewaschen sind.«
»Das kannst du laut sagen. Frag mal Artreus, was ihm passiert ist?«
Im Getümmel suche ich nach meinem besten Kumpel. Doch nirgends ist Artreus zu entdecken, der mit seiner Erscheinung so auffällig ist wie ein bunter Hund.
»Wieso? Was ist ihm denn passiert? Ist er hier?«
Bellamy deutet mit dem Kopf auf die Tür, auf die alles im Büro ausgerichtet ist. »Er ist beim Chef. Seit geschlagenen zehn Minuten.«
»Oh je, und wie ist Phileas drauf? Hat seine Tür schon geleuchtet?«, frage ich amüsiert.
Mit einem Grunzen schiebt sich Bellamy seine Brille zurecht. »Und wie, sein Brüllen war bis in die hinterste Ecke zu hören.«
Ich schmunzle bei der Vorstellung. Denn wenn Phileas wütend wird, beginnt seine Gestalt, die eh von einer hellen Aura umgeben scheint, regelrecht zu brennen, sodass man das grelle Licht durch die Ritzen der geschlossenen Tür erkennen kann.
»Och, der arme kleine Artreus«, grinse ich verschmitzt.
Niemand, der Artreus je gesehen hat, würde ihn als arm, geschweige denn als klein bezeichnen.
In dem Augenblick öffnete sich Phileas‘ Tür, und mein Freund kommt herausmarschiert. Er sieht aus wie der übereifrige Besitzer eines Fitnessstudios. Vor lauter Muskeln sprengte er fast sein Shirt, und sein kahl rasierter Schädel glänzt wie frisch poliert. Wütend kommt Artreus auf uns zu, und sein Gesicht verrät mir, dass beschissene zehn Minuten hinter ihm liegen. Seine Nase wirkt noch knubbliger, wenn er mürrisch ist.
»Mann, als würde es mich nicht schon genug nerven, dass sich eins meiner langjährigen Klienten-Paare trennt, muss Phileas mir deswegen noch einen akustischen Einlauf verpassen. Verdammte Scheiße!«, brummt er und läuft zu seinem Schreibtisch, der schräg hinter Bellamys steht.
Ich folge ihm und habe vollstes Verständnis dafür, dass mein Kollege so sauer ist. Ein Paar zu verlieren, das man mitunter Jahrzehnte durch Höhen und Tiefen begleitet hat, ist harter Tobak. Schließlich sind wir keine gefühlskalten Zombies, sondern Profis, die sich zwar distanzieren, aber dennoch eine Verbindung zu unseren Klienten aufbauen.
»Was? Wie lange waren die zwei zusammen?«, frage ich.
Aufgebracht lässt sich Artreus in seinen Stuhl fallen und lehnt sich, mit hinter dem Kopf verschränkten Händen, zurück. »Über fünfundzwanzig Jahre. Vor zwei Jahren feierten sie ihre silberne Hochzeit.«
»Was ist geschehen, dass sie sich auf einmal getrennt haben?« Ich bin fassungslos. Verflucht, nicht mal fünfundzwanzig Ehejahre sind eine Garantie, dass ein Paar zusammenbleibt.
In Artreus‘ sonst treuherzigen Augen blitzt nach wie vor die Wut. »Ein bescheuerter Erist ist geschehen, und so wie es aussieht, der gleiche, der auch Hectors Paar entzweit hat.« Er dreht sich auf seinem Stuhl nach hinten und schreit quer durchs ganze Büro: »Hey, Hector. Hector, du kleiner fettarschiger Liebesengel?«
Aber Hector reagiert nicht, und Artreus nimmt das oberste Blatt eines Berichtes, der vor ihm liegt, und zerknüllt es. Den satten Papierball wirft er mit Schmackes zielgenau gegen Hectors Hinterkopf, der sich sofort umdreht und den Schuldigen sucht. Artreus hebt die Hand, und Hector brüllt: »Was ist, drückt dir dein enges Shirt die Luft ab, Arti?«
»Wie sah der abgefuckte Erist aus, der dich verhöhnt hat, wegen den Fünfundzwanzigern?«, schreit mein Freund.
Hector zuckt mit den Schultern. »Groß, dunkler Typ.«
»Hat 'ne Visage wie Luzifer persönlich?«
Der andere Cupida überlegt und nickt dann. »Ja, kann man sagen.«
Luzifer? Hab ich was verpasst. »Was meinst du damit?«
Artreus dreht sich wieder zu mir. »Böse. Dem Saftsack schaut die Hinterhältigkeit schon zu den Augen raus. Ich war kurz davor, das Arschloch plattzumachen, so gereizt hat er mich mit seinen dämlichen Sprüchen.«
Bellamy, der bisher still war, wirft die Frage ein, die auch mir unter den Nägeln brennt. »Kennt man den Namen des Eristen?«
Mein Kumpel schnauft. »Wie er heißt, kann ich dir nicht sagen, aber Zelos soll sich erkundigen.«
»Ich werde Zelos dabei helfen«, sagt Bellamy und schreitet sofort zur Tat, indem er sich an seinen Arbeitsplatz setzt. Zelos ist Artreus‘ Operator und Bellamys Gefährte.
Insgeheim grüble ich darüber nach, sobald wie möglich meine Fünfundzwanziger zu überprüfen, ob da noch alles im Lot ist, denn anscheinend machten die Eristen Jagd auf ältere Klienten.
»Weißt du, wie er es angestellt hat, die Fünfundzwanziger zu trennen?«
Artreus‘ Brauen heben sich, und das sagt mir, dass seine Antwort mir nicht gefallen wird. »Bei Hectors und bei meinem Paar haben es jeweils die Frauen mit ‘nem anderen getrieben.«
»Shit!«, fällt mir nur noch dazu ein. Eine übliche Vorgehensweise der Eristen und schwer zu verhindern, wenn man nicht zum richtigen Zeitpunkt vor Ort ist. Ob der Partner tatsächlich fremdgegangen ist, spielt dabei nicht mal eine Rolle. Der Erist legt Spuren und Beweise für den Lebensgefährten, der dem Beschuldigten dann nicht mehr glaubt, obwohl dieser seine Unschuld beteuert und die Wahrheit sagt. Ein Erist, wie auch ein Cupida, kann seine Gestalt verändern, in alles, was er will. Dies bietet unsereinem unendlich viele Möglichkeiten. Gute, wie auch böse – leider.
Zelos kommt aus Phileas‘ Büro und drückt mir eine weiße Akte in die Hand. »Hey, Evodie. Hier dein neuer Auftrag. Mit Mega-Wichtig-Stempel.«
Mit großen Augen beobachte ich, wie er Bellamy eine weitere Akte gibt, die den gleichen roten Schriftzug trägt. Ich tausche mit meinem Operator einen vielsagenden Blick, denn Mega-Wichtig-Aufträge sind meist sehr heikel und mit viel Aufwand und Zeit verbunden.
Bellamy vertieft sich augenblicklich in seine neue Anweisung und meint dann kopfschüttelnd, während er weiter in den Unterlagen stöbert: »Weißt du, manchmal beneide ich dich, Evodie, um deinen Job da draußen, an der Front. Aber jetzt … nicht.« Er schaute betröppelt auf. »Ich schicke gleich die Kundschafter los, um die Daten zu bekommen, die wir noch brauchen. Schreib mir auf, was du wissen musst. Verflucht, Mädchen, das wird diesmal nicht einfach.«
»Na dann, lass uns anfangen.« Enthusiastisch lasse ich mich in meinem Bürostuhl fallen und öffne mit einem Stoßseufzer die Akte.
Sogleich springt mir das Foto meines nächsten Klienten ins Auge. Ein braunhaariger Mann mit einer markanten Nase und auffallend blauen Augen, blickt mir ernst entgegen. Eine kecke Kerbe hat sich auf seinem glatt rasierten Kinn ansehnlich in Stellung gebracht. Alles in allem ist der Typ eine Zuckerschnitte, was auf meine Arbeit natürlich, wie immer, kein Einfluss haben wird.
Ich beginne, zu lesen, und mir schwant Schreckliches. Denn das Leckerchen, das auf den Namen Jonas Kinz hört, ist Witwer und sucht eine Tagesmutter für seinen achtjährigen Sohn, aber keine Ehefrau. Anscheinend hat sich Jonas in der Trauer vergraben, und drei Mal dürft ihr raten, was mein Chef mir für eine Anweisung gegeben hat?
Genau: Ich soll mich für die Stelle als Kindermädchen bewerben und Jonas eine gewisse Susan Hunz schmackhaft machen, die ebenfalls einen gleichaltrigen Sohn hat.
Tiere und Kinder sind der Alptraum eines jeden Cupidas. Und mich erwarten gleich zwei, und das, obwohl wir Engel gar nicht schlafen.
KAPITEL 3
DAS CHAOTISCHE BÜCHERREGAL
Die junge Frau liegt immer noch schlummernd in ihren Kissen. Vor ihrem Bett türmen sich Klamotten. Nach dem Turm zu urteilen, der aus ihrer Jeans, in der ihre Höschen und Socken stecken, ihrem Oberteil und dem BH besteht, muss sie aus dem Zeug herausgestiegen und geradewegs ins Bett gefallen sein.
Ich stalke gerade die letzte der drei Bewerberinnen, die Jonas heute Mittag zum Vorstellungsgespräch als Tagesmutter eingeladen hat. Obwohl diese hier riecht wie eine Schnapsleiche, was sicherlich von den tausend Cocktails der vergangenen durchgefeierten Nacht herrührt, ist sie womöglich meine größte Konkurrenz. Momentan sieht sie zwar mit der grausigen Fünfzehn-Stunden-Schlaf-Frisur, dem verschmierten Kajal und Lippenstift nicht danach aus, aber im Normalzustand ist sie bestimmt ein heißer Feger.
Vater und Sohn würden sich womöglich für sie entscheiden, was ich verhindern muss, um selbst die Stelle zu bekommen. Damit ich freie Bahn habe und Jonas mit Susan zusammenbringen kann.
Die anderen zwei Bewerberinnen stellen keine Gefahr für mich dar. Aber um auf Nummer sicher zu gehen, werde ich bei ihnen ebenso eingreifen müssen. Abgesehen davon, dass ich den Job will, wären die zwei Kröten das Schlimmste, was Jonas‘ Sohn Max zustoßen könnte. Die verkörpern das typische Klischee einer Schreckschraube, wie man sie aus Kinderfilmen kennt.
Die Kundschafter haben, auf die Anweisung meines Operators Bellamy, herausgefunden, dass eben jene drei Frauen ein Gespräch mit Jonas haben würden. Dieser hat die Termine mit ihren Namen in seinem Kalender vermerkt, weswegen ich die Damen aufsuchen und inspizieren konnte.
Eine hat sich als ausgezehrte, verbitterte Ziege herausgestellt, die irgendwann einmal einen Stock verschluckt haben musste. Zu meinem Verdruss durfte ich ihr durch den Stadtpark hinterherjagen, weil sie wohl für einen Marathon trainierte. Ihre Wohnung war spartanisch eingerichtet und erinnerte eher an eine Gefängniszelle. Nichts Farbiges, nichts, was auch nur den Hauch von gute Laune oder Freude verbreiten konnte, war darin zu finden. Ein strenger Trainingsplan, der an ihrem Kühlschrank hing, sagte mir, dass diese unerbittliche Selbstdisziplin ein wesentlicher Bestandteil ihres Charakters sein musste.
Die andere Bewerberin war eine ältere korpulente Frau, die an Kurzatmigkeit litt. Dass sie Max nicht hinterherjoggen konnte, sondern stattdessen aus dem letzten Loch pfeifen würde, war nur eins ihrer Probleme. In ihrem Haus habe ich nämlich alles penibel sortiert vorgefunden. Einfach alles war nach Farben, Alphabet oder Größe geordnet – von den Tassen bis hin zu den Stecknadeln. Dem Anschein nach hat die Dame eine Zwangsneurose.
Entscheidet sich Jonas für eine von den Zweien, wird Max das Lachen vergehen. Denn diese Damen können einen Jungen in seinem Alter weder verstehen noch fördern oder bändigen, davon bin ich überzeugt. Sohn und Vater können froh sein, dass ich ihnen die Entscheidung abnehmen werde.
Per Telefon habe ich mich bei Jonas um die Stelle als Tagesmutter beworben und angegeben, sein Zeitungsinserat gelesen zu haben. Wir unterhielten uns kurz und vereinbarten für heute Nachmittag einen Termin. Das Zuckerschnittchen hat eine unglaublich männliche Stimme, bei der einem die Knie weich werden, und eine ausgesprochen zuvorkommende Art.
Wenn Susan also nicht lesbisch oder halbtot ist, wird sie den Kerl sofort bespringen, sobald er eindeutige Signale aussendet. Also – ich würde es so machen … wenn ich diejenige wäre, welche … Aber – die bin ich ja nicht.
Irgendwie muss ich bis mittags die Zeit totschlagen, denn jetzt würde ich noch nichts gegen die drei Frauen unternehmen, sondern erst, wenn ich die größte Wirkung erzielen konnte.
Ich entschließe mich dazu, die schlafende Schönheit zu verlassen und einigen meiner langjährigen Klienten einen Besuch abzustatten.
Dem Himmel sei Dank, ist bei denen noch alles in Butter. Auf den ersten Blick kann ich kein Eristen-Eingreifen erkennen. Etwas beruhigter als zuvor hinterlasse ich bei den Paaren kleine Stupser, damit sie sich ihrer Liebe zueinander wieder bewusst werden.
Leider halten die Menschen vieles für selbstverständlich, ihre Partner, Freunde oder Familien, deren Zuneigung, sogar das unfassbare Glück, ihre Liebe überhaupt gefunden zu haben. Oft begreifen die Leute erst, dass sie das Beste ihres Lebens in Händen hielten, wenn es unwiederbringlich verloren ist.
Deswegen lasse ich bei der einen Ehefrau das Lied im Radio spielen, bei dem sie zum ersten Mal mit ihrem Mann tanzte und er ihr dabei auf die Füße trat, weswegen sie ihn nicht vergessen konnte. An ihrem Schmunzeln sehe ich, dass sie sich daran erinnert.
Einem der Männer schmuggele ich zwischen die Aufgaben seiner elektronischen To-do-Liste, die seine Frau ihm immer per Handy schickt, ein »Mich heute Nacht verwöhnen«. Nachdem er es gesehen hat, lösche ich es wieder. Selbst wenn er sie darauf später ansprechen und sie es kichernd abstreiten sollte, so etwas geschrieben zu haben, um die beiden wird es schon geschehen sein.
Ja, manchmal braucht man ganz wenig, um viel zu erreichen. Manchmal bedeutet nur ein kurzer Satz, nur eine kleine Geste dem Gegenüber die ganze Welt.
Im Unsichtbarkeits-Modus mache ich mich erneut zur Marathon-Ziege auf, die sich in ihrer Küche gerade ein Vitamin-Drink mixt, was mir eine günstige Gelegenheit bietet, ihr die Tropfen zu verabreichen, die mir Bellamy speziell für diesen Fall besorgt hat.
Natürlich könnte ich ihr den gesamten Inhalt des Fläschchens per Willen in das Getränk mischen, aber das wäre vielleicht schädlich für ihre Gesundheit und ein katastrophaler Fehler, der einem Cupida und auch einem Eristen nie unterlaufen darf.
Es ist das Erste und Wichtigste, was wir alle in unserer Ausbildung lernen: Unser Handeln darf niemals einen Menschen körperlich verletzen. Wenn das passiert, prüft der Legionsleiter, das ist bei den Cupidas Phileas und bei den Eristen Nyra, inwieweit es fahrlässig oder willentlich geschah. Ist Letzteres der Fall … verschwindet man. Wortwörtlich. Wir lösen uns auf. Dieses Vergehen ist das Einzige, was unserer Existenz ein Ende setzen kann. Und ja, das kommt öfter vor, als man denkt. Entweder geschieht es in aller Öffentlichkeit oder heimlich, still und leise. Plötzlich ist ein altbekannter Cupida weg. Zack!
Woher Phileas und Nyra die Gewissheit haben, ob der Mensch absichtlich von einem verletzt wurde oder nicht, kann ich nur vermuten. Auch darüber, woher die Aufträge und Berichte stammen, die zum Teil Zukunftsvoraussagen beinhalten, welche wir Engel nicht treffen können, kann ich lediglich spekulieren.
Ebenfalls vermag niemand von uns in das Herz eines Eristen, Cupidas oder Menschen zu sehen, wie auch keiner von uns die Gedanken eines anderen manipulieren kann. Was ja logisch ist, denn sonst bräuchten wir den ganzen Zinnober gar nicht veranstalten. Genauso wenig können wir in die Zukunft oder die Vergangenheit reisen. Das ist einerseits echt schade, aber andererseits würde vermutlich das totale Chaos ausbrechen.
Naja, egal, ich muss jetzt bloß irgendwie den Deckel des Mixers anheben, um die Droge wohldosiert in das Getränk zu bekommen. Deshalb warte ich den geeigneten Moment ab, bis die angehende Iron-Man-Gewinnerin sich wegdreht. Den Deckel, wie von Geisterhand, vor ihrer Nase schweben zu lassen, wäre wahrscheinlich der Auslöser für einen fürchterlichen Schreikrampf, der jetzt völlig kontraproduktiv wäre. Abgesehen davon, soll unsere Existenz den Menschen verborgen bleiben. Nicht auszudenken, auf was für Ideen die kommen würden, wenn sie von uns wüssten.
Während die Gewitter-Ziege ihren Kühlschrank durchwühlt, dessen Inhalt auf vegane Ernährung schließen lässt, öffne ich den Mixerdeckel für einen Spalt. Ich tropfe das Zeug in die rotierende grüne Pampe. Mein lieber Scholli, es sieht nicht bloß aus wie ein pürierter Frosch, es riecht auch danach. Igitt, wie lecker!
In einer knappen Stunde würde die Gute ihren Termin bei Jonas haben, und bis dahin würde das Zeug seine Wirkung voll entfalten.
Ich gebe zu, eine heimliche Vorfreude erfasst mich, auf das, was die klapprige Ziege anstellen wird. Mit einem Schmunzeln denke ich, dass ich jetzt zu Jonas sollte, und eine Sekunde später stehe ich Mister Zuckerschnittchen höchstpersönlich gegenüber.
Oh nein! Nein, bitte nicht. Tut mir das nicht an. Warum ich? Der Kerl ist eine Wucht. Verflucht. Warum bin ich kein Mensch? Warum heißt es in dem bescheuerten Bericht nicht, dass ich die optimale Partnerin bin? Kann ich das vielleicht ändern? Scheiße, was denke ich da? Ich bin ein Profi. Ich bin eine der besten Cupidas. Ich ziehe das hier durch wie bei jedem anderen Auftrag auch. Selbst wenn der Anblick dieses Sahnetörtchens mir den Atem raubt. Stopp! Jetzt, krieg dich wieder ein, Evodie. Aus!
Ich bin in Jonas‘ Büro gelandet, das eindeutig in seinem Zuhause ist, denn die Zimmertür steht offen, und ich kann einen kleinen Jungen beobachten, der vor dem Fernseher herumturnt. Er zappelt auf der Ledercouch hin und her, ohne sein Blick vom Flimmerkasten abzuwenden. Ich muss grinsen, weil mir der Gedanke kommt, dass der Kleine sehr wahrscheinlich dringend aufs Klo muss, aber Angst hat, etwas zu verpassen.
Jonas schafft in der Zeit Ordnung auf seinem Schreibtisch und schaut auf seine teure Armbanduhr. Es ist ein warmer Frühsommertag, weswegen er die langen Ärmel seines weißen Hemdes hochgekrempelt hat. Die Bräune seiner kräftigen Unterarme hebt sich kontrastreich von dem hellen Baumwollstoff ab. Der gut aussehende Kerl ist ein überdurchschnittlich großes Exemplar seiner Spezies. Das schmal geschnittene Hemd betont seine breiten Schultern, und die obersten drei Knöpfe sind nicht geschlossen. Ja, das alles sehe ich und noch viel mehr. Selbstverständlich lässt mich das kalt. Eiskalt.
Mmmh, ein gepflegter Geschäftsmann, der offensichtlich seine Brust nicht rasiert, denn einige schwarze Haare blitzen hervor, was ich ganz appetitlich finde. Äh, was Susan ganz appetitlich finden wird. Seine langen Beine sind von einer schwarzen Bundfaltenhose verhüllt, die seinen Hintern nicht das geringste bisschen altbacken wirken lässt.
Für diesen Ausbund an Männlichkeit bin ich nicht sichtbar, und er läuft durch mich hindurch, was meinem Magen einen Schluckauf beschert. Leicht schnüffle ich hinter Jonas her. Sein Aftershave liegt in der Luft, das eine feine Moschus-Note hat. Soo guuut, … wie jeder andere Klient, die ich alle mit ihrer vorherbestimmten Partnerin zusammengebracht habe.
»Max, geh bitte in den Garten zum Spielen oder hoch in dein Zimmer. Ich bekomme gleich Besuch.« Jonas‘ ernster Blick und Ton, die seinem Sohn gelten, lassen keinen Widerspruch zu.
Nach kurzem Zögern greift Max mit seinen kleinen Händen nach der Fernbedienung, die vor ihm auf dem Tisch liegt. »Okay, ich geh nach oben, muss sowieso aufs Klo«, sagt der braunhaarige Junge und schaltet das Fernsehgerät aus.
Irgendwie meine ich, Enttäuschung in Max‘ Stimme herauszuhören. Langsam schleicht der Kleine davon. Jonas‘ Brust hebt und senkt sich mit einem lauten Atemzug. Im nächsten Moment klingelt es an der Tür.
Aha, meine erste Konkurrentin ist da, die es gilt, aus dem Rennen zu werfen.
Ich folge Jonas zur Haustür, wo er die ältere Frau empfängt, die ihre Socken nicht nur nach Farben, sondern zusätzlich nach Textilarten ordnet. Ein wenig außer Puste geraten, stellt sich die füllige Dame vor und streckt Jonas ihre Hand entgegen.
»Guten Tag, ich habe ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen, wegen der Stelle als Tagesmutter.«
»Hallo, dann müssen Sie Frau Hempel sein. Kommen Sie doch bitte herein.«
Jonas tritt zur Seite, und Frau Hempel zwängt sich an ihm vorbei in den Flur. Zu dritt tigern wir zurück in Jonas‘ Büro.
Mit einer Handbewegung bietet der Hausherr der Bewerberin den Platz vor dem Schreibtisch an. »Bitte setzen Sie sich, Frau Hempel.«
Während die Ältere sich zwischen die Armlehnen des Stuhles quetscht, schließt Jonas die Tür und lässt sich anschließend auf seinem Chefsessel nieder. Ich beziehe derweil seitlich von ihnen Position, um den Ort des Geschehens besser überblicken zu können.
Aufmerksam mustert Jonas die Dame, die sich unverhohlen in seinem Büro umsieht. Krampfhaft drückt sie ihre Tasche im Schoß zusammen, und ich bemerke, wie ihren Augen ganz schmal werden, als sie das Bücherregal betrachtet. Die Knöchel ihrer Finger treten weiß hervor, und ein leises Knautschen der Lederhandtasche zeigt mir, dass sie ihren Zwang fast nicht mehr beherrschen kann. Ich wette, sie sortiert die Bücher bereits in Gedanken nach Größe und Alphabet.
»Nun, Frau Hempel, wie am Telefon besprochen, geht es um meinen achtjährigen Sohn Max, für den ich eine Tagesmutter suche.«
Jonas greift nach einem Stift, und ich bin so gemein, dass ich die Stiftebox umfallen lasse. Warum? Ich will nur mal was testen.
»Hoppla, wie ungeschickt von mir.« Zuckerschnittchen lächelt verlegen, kann aber nicht mehr verhindern, dass die ganzen Schreibutensilien quer über den Tisch springen und durch die Gegend kullern. Fahrig will er sie einsammeln, doch Frau Ich-sortier-alles krallt sich rigoros die gesamten Stifte im Eiltempo. Bingo! Dachte ich mir doch, dass sie dem Drunter und Drüber nicht widerstehen kann.
»Ach, lassen Sie mich das machen.« Selig lächelnd beginnt die Alte, die Kugelschreiber, Bleistifte und Textmarker in den Schreibtischbutler einzusortieren.
Jonas‘ Brauen heben sich leicht, als er ihr dabei zuschaut, wie sie die Stifte immer wieder herausnimmt und in ein anderes Fach steckt.
»Danke, das ist nett«, grinst er nervös, denn Frau Hempel teilt nicht bloß nach Art des Stiftes ein. Nein, sie ist doch keine Anfängerin. Ordnung muss sein, und so werden die Stifte außerdem nach Länge, Farbe und Hersteller getrennt. Immer wieder wandern die Dinger hin und her durch die Fächer der Box. Über fünf Minuten dauert es, bis Frau Hempel mit ihrer Anordnung endlich zufrieden ist.
Nach getaner Arbeit lehnt sich die beleibte Dame mit einem Seufzer zurück und blickt entspannt in Jonas‘ Gesicht, der eine Sekunde braucht, um sich zu besinnen, warum er ausgerechnet sie eingeladen hat.
»Äh, ja. Mein Sohn Max ist ein …« Er zögert, denn er registriert, wie Frau Hempel an ihm vorbeistarrt, auf die Bücherwand hinter ihm. »… aufgeweckter Junge, der sehr gerne mit … Lego spielt.« Unverständnis macht sich auf Jonas‘ Miene breit, und er folgt dem Blick von Frau Ordnung-muss-her. Er dreht sich zu der Bewerberin zurück. »Gibt es da ein Problem, Frau Hempel?«
Zu sich kommend schüttelt Frau Hempel kritisch den Kopf. »Nein, nur Ihre Bücher.«
»Ja, eine interessante Sammlung nicht wahr?«, erwidert Jonas freundlich.
Ganz sachte lasse ich einzelne Bücher aus dem Regal hervorrücken. Die Augen der älteren Dame werden groß, und ihre Finger lösen sich von der Tasche. Allmählich hebt sie ihre Hand dem Buchregal entgegen und sie keucht gequält: »Nein, sie … stehen vollkommen durcheinander. Vorne eins mit Z und dort mittendrin eins mit A.« Angewidert fasst sie sich an den Mund. »Großer Gott, das ist ja das reinste Sodom und Gomorrha«. Entsetzt schaut sie Jonas an. »Wie können Sie in diesem schrecklichen Chaos nur leben?«, staucht sie den armen Kerl vorwurfsvoll zusammen.
Diesem dämmert, dass die Alte es ernst meint und ihre Latten viel ordentlicher am Zaun hängen als die aller anderen. Verunsichert höre ich ihn sagen: »Ich bitte Sie, das sind nur Bücher, die in einem Regal stehen.«
»Nein. Das ist viel mehr«, röchelt sie entsetzt.
Ich bringe die herausstehenden Bücher hinter Jonas zu einem leichten andauernden Kippeln. Daraufhin zeigt sie auf das Regal und schreit: »Das da, ist der Beginn von Anomie.«
»Quatsch!«, entschlüpft es Jonas. »Das ist ein Bücherregal. Und sicherlich kein staatsfeindlicher Akt.« Er räuspert sich und man sieht ihm an, dass er sich Sorgen macht.
Plötzlich steht Frau Hempel auf und streckt sehnsüchtig ihre Finger nach dem Regal aus. »Lassen Sie mich die Bücher sortieren. Es geht auch ganz fix.«
Zielstrebig nimmt sie Kurs auf das Chaos, das sie unbedingt beseitigen muss. Jonas erhebt sich eilig und stellt sich ihr entgegen.
»Nein, auf gar keinen Fall werden Sie meine Bücher anfassen. Die bleiben genau da, wo sie sind.«
Erschrocken hält die Frau vor ihm inne. »Aber, ich muss …«
Grimmiger kann Jonas nicht mehr schauen. »Nein, das Einzige, was Sie müssen, ist gehen. Und zwar jetzt. Ich denke, Sie sollten über diesen Sortierzwang mit einem Arzt reden.«
»Aber …«, stammelt Frau Hempel zahm.
Jonas bugsiert sie vorsichtig zu seinem Büro hinaus in den Flur. »Nein, kein Aber, Frau Hempel. Wenn Ihnen die Lego-Kiste meines Sohnes in die Quere kommt, kollabieren Sie und glauben, das Ende der Welt stünde bevor.« Er öffnet die Tür und schiebt sie hinaus. »Es tut mir leid, aber Sie entsprechen nicht ganz meinen Erwartungen. Ich kann Ihnen die Stelle nicht geben. Es ist die beste Entscheidung, zum Wohle aller Beteiligten, denke ich.«
Frau Hempel steht noch überrumpelt auf der obersten Stufe, als Miss Marathonlauf am Fuß der Treppe eintrifft. Mit hochroten Wangen macht sie einen überhitzten Eindruck. Ein intensiver Blick auf Jonas lässt sie tief durchatmen, und sie stürmt die Treppe hinauf. Ohne Skrupel schubst sie die verdatterte Frau Hempel zur Seite und baute sich dicht vor Jonas‘ Nase auf. Zu dicht offenbar, denn dieser zieht seinen Kopf zurück, wie eine verschreckte Schildkröte.
»Hallo, Sie wollten mich treffen«, flötete die hagere Frau, und ihre Augen fließen gierig über Jonas‘ markante Züge.
Seinen Widerwillen über ihre Nähe nimmt sie gleich mal nicht zur Kenntnis, sondern beugt sich ihm weiter entgegen, sodass Jonas sich total verbiegen muss, um sie nicht zu berühren.
Völlig außer Atem säuselt die Bewerberin stoßweise: »Wir haben telefoniert, wegen der Stelle als Tagesmutter. Wissen Sie noch?«
Wow! Jonas, mein Lieber, schnall dich an, die Ziege geht aufs Ganze. Ich muss Bellamy unbedingt fragen, wo er das Aphrodisiakum herhat. Das Zeug wirkt ja höllisch gut.
KAPITEL 4
EIN STUHL UND EINE TASCHE, DIE ES IN SICH HABEN
»Ich bin Jessica Schnabold«, flüstert die hagere Frau dicht vor Jonas‘ Gesicht und inhaliert verzückt seinen Duft. Ihr ganzer Körper scheint zu beben.
Oh je, oh je, was hab ich mit dem Aphrodisiakum bloß angerichtet.
Mit einem erschrockenen Grinsen geht Jonas einen Schritt zurück. »Frau Schnabold …?« Allein die Frage macht deutlich, dass Jonas eine andere Frau mit diesem Namen erwartet hat, was ich ihm nicht verdenken kann. Vermutlich war sie bei ihrem ersten Telefonat nicht so aufdringlich gewesen, sondern eher kühl und leidenschaftslos, was sie nun ganz und gar nicht ist. Jonas‘ Stirn legt sich in Falten, und man kann glasklar in seiner Miene lesen, dass er überrascht ist, die falschen Schlüsse gezogen zu haben. »Natürlich, Frau Schnabold. Kommen Sie doch bitte herein.« Er geht zur Seite und macht den Eingang frei, damit die Dame ungehindert eintreten kann.
Frau Schnabold braucht er dies nicht zweimal sagen, sie folgt nämlich jeder seiner Bewegungen. Es ist mir ein Rätsel, wie Jonas einer Berührung bisher entgehen konnte. Mit einem seltsam anmutenden Lächeln entblößt Frau Schnabold ihre langen Zähne, und ihre Ähnlichkeit mit einer Ziege wird frappierend.
Obwohl sie außerordentlich schlank und die Türöffnung breit genug ist, drückt sie sich an Jonas vorbei, als wäre der Hauseingang ein schmaler Felsspalt. Diesmal gibt es für den Armen kein Entkommen, und er muss den aufgezwungenen Körperkontakt über sich ergehen lassen, den Frau Schnabold mit einem zittrigen Seufzen kommentiert.
»Liebend gern.« Abermals versucht sie, ihren Körper an seinen zu bringen.
»Hier entlang, bitte, zu meinem Büro«, meint Jonas, zeigt die Diele hinunter und schließt unglücklich dreinblickend die Haustür hinter sich.
Er traut der anhänglichen Frau wohl nicht über den Weg, denn keine Sekunde dreht er ihr den Rücken zu.
Weise Entscheidung, Zuckerschnittchen, zumal sich die Ziege bereits die Lippen bleckt. Oder solltest du ihr aufgrund dessen doch lieber die Kehrseite zu wenden?
Offensichtlich kommt er zum gleichen Entschluss und flüchtet, Frau Schnabold immer zwei Schritte voraus, den Flur lang. Sobald Jonas sein Büro betreten hat, verbarrikadiert er sich geschickt hinter der Tür. Er denkt wohl, der Dame damit keine weitere Chance zu bieten, ihm auf die Pelle zu rücken. Falsch gedacht! Die Ziege stellt sich an seine Seite und tippelt ihm schmachtend nach, als er rückwärts laufend die Tür ins Schloss drückt. An die Bürotür gepresst, findet sich Jonas der schrecklichen Wahrheit ausgeliefert: Unternimmt er nichts dagegen, würde die Gute jeden Moment genau das tun, was auch immer in ihrer Absicht liegt.
Jonas schnauft laut und sichtlich entnervt von dem penetranten Benehmen der Bewerberin. »Frau Schnabold, ich sehe mich gezwungen, Sie zu bitten, mir ein wenig Freiraum zu lassen. Nehmen Sie doch bitte dort drüben Platz.«
Ja, am besten in einem anderen Zimmer …
»Oh, entschuldigen Sie.« Frau Schnabold schluckt und entfernt sich zögernd von ihm. Ihre Wangen glühen, und ein nasser Film liegt auf ihrer Stirn.
Amüsiert beobachte ich, wie sie sich auf der Vorderkante des Stuhls niederlässt und ihre Knie eng zusammenzwingt.
In schnellem Gang, um sich so kurz wie möglich in Reichweite der aufdringlichen Dame aufzuhalten, bezieht Jonas hinter seinem Schreibtisch Deckung. Ernste Zweifel, über die Eignung von Frau Schnabold als Tagesmutter, stehen Jonas bereits ins Gesicht geschrieben.
»Wie ich am Telefon erwähnte, würden Sie sich um meinen Sohn Max kümmern.«
Ich muss der Dame leider etwas mehr Feuer unter dem Hintern machen, damit sie Jonas noch stürmischer bedrängt. Im übertragenen Sinn, selbstverständlich. Obwohl – das mit dem Feuer ist gar keine schlechte Idee ist. Lächelnd erwärme ich die Polsterung ihres Stuhls um ein paar Grad.
Augenblicklich entlockt ihr das ein leises Stöhnen, das sie mit einem »Jaaa« überspielen will. Allerdings gelingt es ihr nicht, und Jonas‘ panischer Blick bringt mich zum Lachen.
»Er ist acht Jahre alt und …« Jonas verstummt, denn Frau Schnabold beginnt, auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen.
Das könnte durchaus eine Reaktion auf das Vibrieren sein, welches ich an der Naht im Schrittbereich ihrer Jeans auslöse. Ihr lautes Hecheln lässt Jonas‘ Wangen erröten und meine beinahe gleich mit.
»Geht es Ihnen gut?«, fragt mein Klient misstrauisch.
»Ja. Gut!«, piepst sie und tastet mit zittrigen Fingern aufgeregt in ihrer Kurzhaarfrisur herum.
Anscheinend eine Angewohnheit, mit der sie sich selbst beruhigen will, die ihr aber nicht helfen wird, argwöhne ich. Mit einem Keuchen lässt sie von ihren Haaren ab, und ihre Augen glänzen euphorisch, als sie sich an den geröteten Hals greift und eine ihrer Hände im vibrierenden Schoß vergräbt.
Bloß gut? Na dann – eine Stufe stärker, damit es ihr richtig prächtig gehen wird.
Fest presst Frau Schnabold ihre Lippen aufeinander, um es zu verhindern, doch es gelingt ihr nicht. Ein weiblicher Lustschrei hallt prompt durch das Büro, und zugleich klammert sich die Dame leidenschaftlich an den Armlehnen ihres Stuhles fest.
Demnächst würden Jonas‘ Augen über den Teppich rollen, so schockiert beäugt er die Frau, die sich vor ihm im Stuhl windet. »Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?«
Noch nicht, aber bald, das kann ich jetzt schon voraussagen.
Frau Schnabold gelingt es mittlerweile lediglich, zu japsen: »Ja – ja – ja!«
Ihre Stimmlage gerät mit jeder Silbe höher, und ihr Gezuckel auf dem Stuhl wird stetig unkontrollierter. In Ekstase wirft sie den Kopf in den Nacken und ihr gutturales Ächzen lässt Jonas letztendlich aus dem Zimmer fliehen.
»Ich lasse Sie mal kurz allein, bis Sie … so weit sind.«
Ist recht, Süßer, geh nur. Die Gute hat gerade den Spaß ihres Lebens, auch ohne dich, so wie es ausschaut.
Ihr lang gezogenes »Jaaaaaa« bekommt Jonas wahrscheinlich hinter der verschlossenen Tür mit, denn laut genug ist es. Ich lasse Frau Schnabolds Jeans zur Ruhe kommen und die Polsterung abkühlen. Schwer atmend und ein wenig verstrubbelt, lehnt sie sich im Stuhl zurück.
Ich will sehen, was Zuckerschnittchen treibt, und eine Sekunde später stehe ich neben Jonas im Wohnzimmer. Verstört reibt er sich über sein gut geschnittenes Gesicht und nuschelt leise vor sich hin: »Himmel nochmal, was hat die denn? Als ob … Was mach ich mit der bloß? Da komm ich niemals mit heiler Haut raus.« In seiner Ratlosigkeit läuft er auf und ab. Plötzlich bleibt er an der Tür stehen und schaut in den Flur, die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf. »Max?«, wispert er unschlüssig. »Nein, nein. Das würde den Jungen traumatisieren, das kann ich nicht machen.« Kopfschüttelnd wagt er sich allmählich zur Bürotür zurück.
Genau so ist es, Jonas, selbst Max‘ Anwesenheit würde die Frau nicht davon abhalten, sich so dermaßen danebenzubenehmen.
Das Zuckerstück sieht ein, dass er da wohl oder übel allein durch muss. Zögernd legt er seine Hand auf die Klinke und drückt sie ganz vorsichtig hinunter.
Ich wechsle wieder ins Büro und sehe von dort, wie Jonas‘ Kopf langsam zum Vorschein kommt. Ängstlich sucht sein Blick die Frau, an deren Orgasmus er ungefragt teilhaben durfte.
Ja, die Luft ist rein. Vorerst.
Von seiner Anwesenheit weiß Frau Schnabold nichts, ihre gestrafften Schultern und ihr gerader Rücken zeigen jedoch, dass sie sich um Haltung bemüht. Der Gastgeber richtet sich erleichtert auf, und mit einem lauten Räuspern informiert er seinen Gast, dass er den Raum betritt.
»So, da bin ich wieder. Ich war kurz einen Schluck Wasser trinken. Oh, verzeihen Sie, wollten Sie vielleicht auch ein Glas?«
Ah, ein Gentleman. Spätestens ab jetzt wäre ich verliebt in ihn – wenn ich Susan wäre, natürlich.
Diesmal werden die Wangen der Frau rot, weil sie sich wegen ihres Benehmens schämt. Aber sofort reiben wieder ihre Schenkel aneinander, und ich weiß, dass die Droge ihre Wirkung noch nicht verloren hat.
»Das wäre nett. Es tut mir leid, ich weiß gar nicht, was mit mir …«
Komm schon, es hat dir doch gefallen. Lassen wir nochmal dein Höschen beben.
»… loooos ist«, schreit sie erschrocken auf und rutscht dabei vom Stuhl.
Mit überraschten Augen rappelt sie sich auf die Sitzfläche zurück, um gleich darauf aufzuspringen, weil sich unter ihr das Stuhlpolster wölbt – an ganz bestimmten Stellen.
Komisch, war ich das? Ach, ja.
Sie krallt sich schluckend an der rechten Ecke des Schreibtischs fest. »Ich muss irgendwas Verdorbenes gegessen haben. Vielleicht sollte ich mich doch besser auf den Heimweg machen.«
»Ja«, sagt Jonas und nickt energisch, denn er ahnt seine Rettung nahen. »Ja, bestimmt sind Sie krank. Sie sollten unbedingt nach Hause gehen. Wir können den Termin ein andermal nachholen.«
Klar. Aber nicht mehr in diesem Leben.
Entschlossen steht Zuckerschnittchen auf und packt mutig den Stier an den Hörnern. Oder in diesem Fall die Ziege an den Schultern, um sie in Richtung Ausgang zu schieben. Frau Schnabold entfährt dabei ein Stöhnen, welches einer Pornodarstellerin zur Ehre gereichen würde. Als hätte Jonas sich an ihr verbrannt, lässt er sie sofort los.
»Entschuldiguuuung«, keucht sie taumelnd und versucht, den Schritt ihrer Jeans nach unten zu ziehen, um dem Vibrieren zu entgehen.
Ja, ich bin eine böse Evodie. Nein, eigentlich nicht, denn wir alle wissen, dass diese Frau schon seit langem, laaaangem keinen Spaß mehr hatte. Im Grunde müsste die Ziege Lobeshymnen auf mich singen. Apropos singen …
»Oh Gott, oh Gott!«, stößt sie wild atmend hervor.
Mit der linken Hand zwischen den Beinen torkelt Frau Schnabold, sich an der Wand abstützend, den Gang entlang, bis zur Haustür. Jonas folgt ihr, schön mit Mindestabstand, denn man kann ja nie wissen.
Am Ziel angekommen, kann Jonas seine gute Erziehung dennoch nicht unterdrücken. Er greift um die Dame herum und öffnet ihr hilfsbereit die Tür. Irgendwie kommt es zu einer unbeabsichtigten, folgenschweren Berührung, und Frau Schnabold kiekst ein letztes Mal. Aufbäumend wirft sie sich gegen den Türrahmen und rutscht, nach peinlichen zehn Sekunden voller »Ja – Ja – Ja«, total erledigt zu Boden.
Ich schwöre, wenn sie Jonas jetzt nach einer Zigarette fragt … ich habe damit nichts zu tun. Für das, was zuvor geschah, übernehme ich jedoch voll und ganz die Verantwortung.
Vergebens versucht die hagere Frau, das, was von ihrer Frisur übrig ist, zu retten. Sie erhebt sich mit einem leichten Lächeln. »Danke. Es war … wundervoll.« Auf einmal klingt ihre Stimme weich und völlig entspannt.
Jonas‘ Kopf kreist unentschieden zwischen Nicken und Verneinen. »Bitte. Gern geschehen?!«, murmelt er irritiert und sieht zu, wie sich Frau Schnabold am Treppengeländer herunter auf den Bürgersteig hangelt.
Auch auf dem Gehweg knickt sie noch einige Male um, und daran bin ich nun wirklich vollkommen unschuldig.
Von den Ereignissen überrollt, fährt sich Jonas verzweifelt durch seine dunklen Wellen, die nach wie vor perfekt liegen.
Wie macht der Kerl das?
»Okay, jetzt kann es doch eigentlich nur noch besser werden«, murmelt mein Klient und schließt die Tür. Diesmal bleibt ihm genug Zeit, ein Glas Wasser zu trinken und sich zu erleichtern.
Äh, also nein. Beruhigt euch, keine Panik! Es gibt Dinge, die will niemand sehen, selbst wenn man es kann.
Es klingelt, und wie erwartet, steht Püppie vor der Tür, die ich heute Morgen in ihrem Schlafzimmer besucht habe. Absolut heiß sieht sie in ihren viel zu kurz geratenen Hotpants aus. Und nun gerate ich in Panik, weil … Jonas keinerlei Interesse an ihr zeigt.
So als Mann, versteht ihr? Kein Glotzen, kein Blinzeln, kein Stocken. Locker und cool tritt er ihr gegenüber, und das macht mir Angst, denn das heißt, dass er sein Herz unter einer Eisschicht aufbewahrt. Zwar hatte der Bericht so etwas angedeutet, aber … Halloo, das ist ein vitaler Mann im besten Alter, Single, seit drei Jahren Witwer und dem geht nicht der Puls in die Höhe, beim Anblick dieser weiblichen Kurven?
Shit! Das wird schwer werden. Begierde ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Erst muss man etwas wollen, um es lieben zu können. Verdammt! Ich kann bloß hoffen, dass Püppie nicht seinem Geschmack entspricht, aber Susan dafür umso mehr.
Aalglatt und ungerührt kommt es über seine anbetungswürdigen Lippen. »Sie sind Frau Sonntag. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Kommen Sie bitte herein.«
»Hi. Ja, danke. Geil, super Wohnung.«
Äh, eher super Flur, denn mehr kann die dumme Nuss nicht sehen.
Kaugummikauend betritt das junge Huhn das Haus. Ihre beiden Hände versenkt sie, in einer schüchtern verspielten Geste, in den Hosentaschen. Diese schauen unter dem Saum heraus, weil die Hosenbeine zu knapp sind. Als wüsste das wilde Luder nicht um die Wirkung dieser Haltung, die ihr Dekolleté in dem engen Top noch eindrucksvoller betont. Ihre klimpernden Wimpern schreien überlaut in meinen Ohren »Ich will dich hier und jetzt vernaschen«.
Pfff, Schlampe!
So, wie sie sich in Szene setzt, hält sie in ihrer ausgebeulten Umhängetasche wahrscheinlich ein ganzes Sortiment an Kondomen einsatzbereit. Von grob genoppt bis erdbeer-aromatisiert, dafür würde ich mein Cupida-Armband verwetten. Ein striktes Eingreifen ist notwendig, denn die Kleine würde ihm das Blaue vom Himmel herunterlügen, nur um bei ihm zu landen und die Stelle zu kriegen.
Mir steigt, wie bereits vor einigen Stunden, ihre Alkohol-Ausdünstung der vergangenen Partynacht in die Nase, was mich auf die Lösung bringt: Ich verstärke die Aromaschwaden, die sie umgeben. Ein klein wenig. Okay, ein bisschen mehr. Mehr. Und … Jonas schaut. Schaut. Jawohl, er schnüffelt.
Das unmerkliche Schieflegen seines Kopfes macht klar, dass er Vermutungen anstellt, die exakt in die Richtung gehen, auf die ich es angelegt habe.
»Folgen Sie mir, bitte«, meint Jonas etwas weniger freundlich als zuvor. Und wieder gehen wir in sein Büro. Bereitwillig hält er Püppie die Tür auf, und ohne, dass er etwas sagen muss, stiefelt sie munter herein und fläzt sich in den Stuhl.
Laut schmatzend beobachtet sie, wie Jonas um den Schreibtisch geht. Und ja, ich sehe genau, wie sie seinen knackigen Hintern begutachtet und klassifiziert.
Wie billig ist das denn, bitteschön? So etwas macht man doch nicht.
Zuckerschnittchen bleibt stehen und fragt höflich: »Frau Sonntag, kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten. Wasser, Kaffee, Tee … Bier?«
Ein seltsames Grinsen legt sich auf sein Gesicht, das irgendwie nicht echt wirkt und mich vermuten lässt, dass ich mich wegen der Kleinen nicht mehr groß ins Zeug werfen muss.
Nach einer wieder eingesaugten Kaugummiblase erscheint ein Strahlen auf Püppies Gesicht. »Nein, doch kein Bier am Morgen. Aber zu einem kleinen Schluck Wodka sag ich nicht Nein.«
Wodka?! Morgen?! Es ist fünfzehn Uhr! Ja, meine Vermutung war richtig, die hohle Nuss schafft es von ganz allein, die Stelle nicht zu bekommen.
»Tut mir leid, Frau Sonntag, ich denke, wir können das Gespräch hier schon beenden.« Mit einem leicht säuerlichen Ausdruck kommt Jonas wieder hinter dem Schreibtisch hervor.
Püppie, die die Welt nicht versteht, erhebt sich und pöbelt los: »Warum das denn? Jetzt bin ich extra so früh aufgestanden …«
Ich unterbreche sie, indem ich den Riemen ihrer Umhängetasche löse und diese, wie erhofft, auf den Boden poltert. Um Jonas‘ Absichten zu festigen, lasse ich aus der geöffneten Tasche ein paar kleine Schnapsflaschen rausrollen, volle und leere.
Und schau an, was noch mit hinausschlittert. Hab ich es nicht gesagt? Eine ganze Batterie Kondome.
»Wow! Wo kommen die ganzen Schnapsflaschen her? Geil, die sind ja noch voll.« Freudig überrascht klaubt die hohle Nuss die Fläschchen vom Boden auf und stopft sie, samt Verhüterlis, wieder zurück in ihre Handtasche des Sittenverfalls.
Jonas starrt sie nur stumm an und hat keinen einzigen Blick für die Pobacken übrig, die zu ihren Hotpants hinausquellen.
Ich wage, zu behaupten, dass er das Gleiche denkt wie ich: Auf keinen Fall könne diese Frau seinen Sohn hüten. Die Schnalle würde seine Bar leergesoffen haben, bevor man »Alkoholvergiftung, ab sofort ins Krankenhaus!« auch nur ausgesprochen hätte. Nicht auszudenken, was Max geschehen könnte.
»Ja, geil«, stimmt Jonas lakonisch zu und deutet mit ausgestreckter Hand zur Haustür.
Durch das unerwartete Geschenk in ihrer Handtasche hat Püppie glatt vergessen, dass sie eigentlich stinkig ist. Fröhlich nickend, findet sie sogar den Weg zur Tür. Die Verabschiedung fällt kühl und kurz aus, da Jonas das Party-Püppchen aus der Wohnung haben will.
Kaum ist die Haustür geschlossen, höre ich ihn mit sich selbst sprechen: »Ich habe mich geirrt. Es geht noch schlimmer. Was zur Hölle kommt jetzt? Satans Braut?«
Nein, mein Lieber, jetzt kommt ein Engel. Ich. Evodie.
KAPITEL 5
EIN ENGEL STELLT SICH VOR
Um nicht mitten auf dem Gehweg, vor der Nase eines Passanten, sichtbar zu werden und damit einen Nervenzusammenbruch bei jemandem auszulösen, entscheide ich mich, lieber zwischen den dichten Büschen in Jonas‘ Vorgarten Gestalt anzunehmen.
Die Sache mit dem Unsichtbarkeitsmodus ist für meine Arbeit absolut notwendig. Denn so sind wir in der Lage, die Handlungen und Wünsche der Menschen schneller zu verstehen. Unser Tun kann gezielt da eingesetzt werden, wo es von Nöten ist. Wie der Wechsel zwischen den Ebenen von sichtbar zu unsichtbar funktioniert, kann ich nicht genau erklären, aber man kann es sich ungefähr wie bei einem Radio vorstellen.
Während die Menschen bloß einen einzigen Sender hören können, kann meiner einer zwischen den Sendern wechseln und sogar zwei gleichzeitig lauschen. Ich kann jederzeit in den Sichtbarkeitsmodus wechseln und dennoch Wesen von meiner Art sehen, die auch mich wahrnehmen können. Wenn ich wieder zurückswitche auf die Unsichtbarkeits-Ebene, die nur den Himmelswesen vorbehalten ist, gibt es allerdings einen kleinen Haken: Alle Veränderungen, die ich an mir zuvor vollzogen habe, sind weg. Aus diesem Grund verändern erfahrene Engel nur ganz selten ihre Gestalt, höchstens in Notfällen oder wenn sie wissen, dass sie dem Menschen nur einmal in der Form gegenübertreten wollen.
Anfänger erliegen oft der falschen Annahme, einen Auftrag zügiger und einfacher zu erledigen, wenn sie ihr Aussehen umgestalten. Munter wechseln sie zwischen den Ebenen hin und her. Das geht lange Zeit gut, aber irgendwann kommt unweigerlich der Augenblick, wo sie in den Sicht-Modus gehen und vergessen haben, ihre Gestalt wieder in die zu verwandeln, unter der sie ihrem Klienten bekannt sind. Tja und dann stehen sie in ihrem normalen Erscheinungsbild dem Menschen gegenüber, texten ihn zu – und der schaut sie an wie ein Auto, weil er keinen blassen Dunst hat, wer vor ihm steht. In ihrer Panik machen die Neulinge noch alles schlimmer, in dem sie sich verplappern und von unserer Arbeit erzählen. Oder sie drehen vollends durch und wechseln vor den Augen des Klienten ihre Gestalt. Und das … ist dann ein »Null-zwei-GoE«, ein Grund offiziellen Eingreifens für den Löschtrupp, der alles wieder in Ordnung bringt. Übrigens einer der häufigsten Gründe, neben dem »Null-eins«, bei dem Lage oder Form eines Gegenstandes verändert wird, während ein Mensch zuschaut.
Doch egal, wie ich in Zukunft meinen Auftrag angehen werde, jetzt gilt es, mich Jonas vorzustellen und den besten Eindruck zu machen, um den Job als Tagesmutter zu ergattern. Zwischen den Forsythien stehend, ziehe ich mein violettes Shirt glatt und wünsche mir eine Handtasche herbei, in der die Unterlagen sind, die mein Operator Bellamy für mich vorbereiten sollte. Eine Sekunde später baumelt eine schwarze Tasche an meiner Schulter, und nachdem ich mich vergewissert habe, dass die Dokumente ebenfalls da sind, betrachte ich mit einem tiefen Atemzug Jonas‘ Haus.
Es ist eine alte Stadtvilla mit einem kleinen, umzäunten Vorgarten. Riesige Kastanienbäume werfen ihre Schatten auf die teuren Autos, die in den eingezeichneten Flächen unter ihnen parken. Nicht nur die Edelkarossen, auch die instandgehaltenen Gebäude deuten darauf hin, dass ich in einem gut betuchten Viertel der Stadt meine zukünftige Arbeit verrichten werde.
Der nostalgische Charme der renovierten Villa, lässt mich in freudiger Erwartung meinen neuen Auftrag in Angriff nehmen. Darauf bedacht, nirgends an den Zweigen hängen zu bleiben und meinen akkuraten Pferdeschwanz zu ruinieren, schäle ich mich aus dem Gebüsch heraus. Sehr vorsichtig, damit die Gartentür kein Geräusch von sich gibt und Jonas mich in seinem Büro nicht hört, betrete ich den Gehweg. Fröhlich steige ich die Treppe hinauf und drücke die Klingel, denn ich kann es kaum erwarten, meinem gut aussehenden Klienten endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.
Einen Moment später öffnet Jonas die Tür, und mein Herz hüpft, als ich geradewegs in seine strahlend blauen Augen schaue. Ein gelber Kranz wogt um seine Pupille, der mir zuvor gar nicht aufgefallen war. Seine Nase hat einen kleinen Buckel, und seine Unterlippe ist ein Hauch voller als die obere. Obwohl er freundlich lächelt, bemerke ich, wie er mich dabei kritisch mustert.
Klar, nach dem, was alles zu seiner Haustür hereingeschneit ist, würde ich auch skeptisch sein. Höchste Zeit, dem Zuckerschnittchen zu zeigen, dass er nun die Richtige gefunden hat.
Mit einem Schmunzeln stelle ich mich vor. »Hallo, ich bin Evodie Engelmann. Wenn Sie Herr Kinz sind, haben wir gestern miteinander telefoniert, wegen der Stelle als Tagesmutter.«
Meine Worte scheinen, ihn zu beruhigen, denn lächelnd streckt er mir seine Hand entgegen. »Hallo, Frau Engelmann. Ja, ich bin Jonas Kinz. Schön, Sie kennenzulernen.« Sein Händedruck ist warm und kraftvoll. »Kommen Sie, gehen wir in mein Büro, dort können wir uns unterhalten.«
Darauf bedacht, Jonas nicht zu nahe zu kommen, wie Frau Schnabold, trete ich in die Diele und warte, bis er sich traut, an mir vorbeizugehen. Brav folge ich den breiten Schultern, die eine feine männliche Duftfahne hinter sich herziehen. Wie meinen Vorgängerinnen, bietet er auch mir den Stuhl vor seinem Schreibtisch an, auf dem ich dankend Platz nehme. Jonas lässt sich in seinem Chefsessel nieder, und sein erleichtertes Aufatmen deutet an, dass er Hoffnung hat, mit mir ein besseres Los gezogen zu haben als mit den anderen Bewerberinnen. Ich kann nicht anders, als ihm einen kleinen Schrecken einzujagen. Ich seufze laut, worauf sich sofort alarmiert seine dunklen Brauen heben.
»Es geht Ihnen doch gut, oder?«, fragt er ängstlich, und nur schwer kann ich ein Lachen unterdrücken.
»Sicher, danke. Es ist bloß … so schön bei Ihnen. Ach, ich liebe einfach solche alten Stadthäuser. Sie haben eine ganz besondere Atmosphäre, finden Sie nicht?«
Befreit lacht er auf. »Doch, und genau deswegen habe ich mich für diese Immobilie entschieden. Außerdem ist es nicht weit zu Max‘ Schule und zu meinem Büro. Mit dem kleinen Garten ist es optimal für Kinder.«
Ich nicke verständnisvoll und beäuge konzentriert das Bücherregal, dass Frau Hempel aus der Fassung warf. »Ja, das glaube ich. Eine nette Büchersammlung haben Sie da.«
Auf dieses Stichwort hin gefriert er augenblicklich ein. »Wollen Sie die Bücher sortieren?«
Gespielt überrascht schaue ich ihn an, und mein Blick macht ihm klar, dass diesmal ich an seinem Verstand zweifle. »Nein. Sollte ich?«
Hastig lacht er auf. »Nein, entschuldigen Sie. Es war nur …« Jonas merkt, dass er seine Frage gar nicht erklären kann, ohne in verstörende Einzelheiten abdriften zu müssen, und schüttelt den Kopf. Er greift zu einem Stift und rückt den Schreibblock vor sich gerade. Offenherzig blickt er mich an. »Vergessen Sie es. Lassen Sie mich Ihnen etwas über die Stelle erzählen, für die Sie sich bewerben.« Sichtlich lockerer lehnt er sich zurück und beginnt, von seinem Sohn zu reden. »Mein Sohn Max ist acht Jahre alt und geht in die zweite Klasse. Momentan besucht er nach dem Unterricht die Nachmittagsbetreuung, bei der ich ihn dann abhole. Den Rest des Tages verbringt er dann bei mir im Büro, bis ich mit ihm nach Hause gehe. Wie Sie bestimmt verstehen können, ist das lediglich eine Übergangslösung und gewiss nicht das, was für ein Kind wünschenswert wäre. Wir sind gerade erst, wegen meiner neuen Arbeit, hierhergezogen, und bisher übernahm meine Mutter die Betreuung von Max. Aber das geht jetzt nicht mehr, weil sie zu weit weg wohnt.«
»Natürlich, das kann ich vollkommen verstehen«, pflichte ich ihm bei und ermuntere ihn damit, fortzufahren.
»Ich suche nach einer Frau, die Max von der Schule abholt, ihm das Mittagessen zubereitet oder auch mal eine Pizza bestellt, mit ihm isst, die darauf achtet, dass er seine Hausaufgaben erledigt und ordentlich lernt. Außerdem soll er Freunde treffen und einladen dürfen. Sie wären praktisch den ganzen Nachmittag anwesend, bis ich abends nach Hause komme – und das fünf Tage die Woche. Ich möchte, dass sich jemand um ihn kümmert, dass jederzeit jemand für ihn da ist. Durch meinen Job kann ich das nicht selbst übernehmen, in dem Umfang, wie ich es gerne würde und … er sollte wenigstens eine einigermaßen normale Kindheit haben, nach all dem, was ihm widerfahren ist.«
Ich nicke verständnisvoll und Jonas richtet sich auf, um seine Arme auf die Tischplatte zu legen. Langsam keimt Traurigkeit in seinem Gesicht auf, und beklommen senkt er seinen Blick auf den Stift, den er nach wie vor in den Händen hält. »Meine Frau starb vor drei Jahren an Krebs, und uns blieben damals nur wenige Monate, um Abschied von ihr zu nehmen.« Er reibt sich über die Stirn, und seine Augen finden zaghaft den Weg zu meinen.
Diesen Mann nach Jahren noch immer unter dem Verlust seiner Frau leiden zu sehen, verursacht mir eine Engegefühl in der Brust, und jedes meiner Worte meine ich ernst. »Das tut mir unendlich leid. Es muss ganz schrecklich für Sie und Ihren Sohn gewesen sein. Ihre Frau war sicherlich ein ganz wundervoller Mensch.«
Er schluckt, und ein leises Lächeln spielt um seine Mundwinkel. »Ja, sie war Max eine fabelhafte Mutter und meine große Liebe.« Er räuspert sich verlegen. »Sie sagten am Telefon, Sie hätten Referenzen vorzuweisen?«
Nickend hole ich die von Bellamy fingierten Empfehlungsschreiben aus der Handtasche, die mich als fähige und beliebte Tagesmutter ausweisen. »Hier, bitteschön.«
Ich lege ihm die Unterlagen vor, in dem jegliche Angaben zu den Familien frei erfunden sind. Sollte Jonas eine von ihnen kontaktieren, um Erkundigungen über mich einzuziehen, würde er bei Bellamy oder Zelos landen, die ihm nur das Beste über mich erzählen würden. Für den Ernstfall, dass Jonas meine ehemaligen Arbeitgeber besuchen wollte, hatte ich sogar mit Artreus eine Vorzeigefamilie unter den Cupidas gecastet.
Während sich Jonas in die gefälschten Schreiben vertieft, kann ich nicht umhin, seine markanten Züge zu bewundern. Ob Susan diese freche Kerbe in seinem Kinn ebenso gefallen wird, oder die kräftigen Handgelenke?
Nach wenigen Minuten atmet Jonas durch und schaut mich stumm an. Für einen Moment denke ich, einen begehrlichen Schimmer in seinen Augen zu entdecken, der mich die Luft anhalten lässt.
»Sie scheinen genau die Person zu sein, nach der ich suche, Frau Engelmann.«
Ja, Zuckerstück, die bin ich und noch viel mehr. Also, fast … sozusagen, weil er ja Susan suchen soll und nicht mich. Ich weise ja bloß den Weg. Leider. Nein – das Letzte habe ich jetzt nicht gedacht, das war ein … Versehen?
Noch immer ruht sein Blick eindringlich auf mir. »Könnten Sie sich vorstellen, diesen Job, in dem genannten Umfang, anzunehmen?«
Freudestrahlend erwidere ich: »Ja, durchaus kann ich mir vorstellen, für Max die Betreuung zu übernehmen. Auch das ganze Drumherum, wie Sie es sich wünschen, stellt überhaupt kein Problem dar. Allerdings schlage ich vor, wir sollten noch Max fragen, ob er mit Ihrer Wahl einverstanden ist.«
Jonas wirkt etwas verdutzt. »Ja, ja … natürlich, das sollten wir.« Das von Jonas ausgesprochene Wörtchen »wir« hüpft wie ein Gummiball aufgeregt in meinem Kopf umher. Blinzelnd versuche ich, den rosaroten Gefühls-Flummi aus meinen Gedanken zu katapultieren, und schaue Jonas hinterher, der das Büro verlässt, um nach Max zu rufen. Kurz darauf schiebt er seinen Sohn, den ich bereits von der mittäglichen Sofa-Akrobatik kenne, an den Schultern vor sich her ins Zimmer. »Max, das ist Frau Engelmann. Wir hatten doch besprochen, eine nette Frau zu suchen, die auf dich aufpassen und dir bei den Hausaufgaben helfen würde. Frau Engelmann würde gerne deine Betreuung übernehmen. Wenn du damit einverstanden bist?«
Max ist natürlich von der Gegenüberstellung und der Frage überrumpelt, die ihm eigentlich keine Wahl lässt. Ein mieser Eltern-Trick, den der Kleine noch nicht durchschaut. Freundlich lächle ich den kleinen Jungen an, der mit den dunklen Haaren und den blauen Augen seinem Vater sehr ähnlich sieht.
»Hallo, Max, ich bin Evodie.« Ich beuge mich ihm entgegen und reiche ihm meine Hand, die er mit ernster Miene drückt. Mit seinem zaghaften und kratzigen »Hallo« gewinnt der Kleine mein Herz auf Anhieb. »Wie wäre es, wenn wir einfach mal schauen, wie wir in den nächsten zwei Wochen miteinander klarkommen? Was sagst du? Nach den Hausaufgaben könntest du mir zeigen, was du gern spielst«, fordere ich ihn heraus.
Er lächelt und legt damit eine neckische Zahnlücke frei, die in seinem Oberkiefer prangt.
»Cool«, meint er und kommt dann jedoch ins Grübeln. »Aber – holst du mich dann auch von der Schule ab, so wie Papa es will, obwohl man das nur bei Babys machen muss?«
Oha, das ist wohl ein heikles Thema, denn Max lässt keinen Zweifel daran, dass er diese Abhol-Idee total doof findet.
Mein Blick wandert zwischen Vater und Sohn hin und her. Jonas nickt vielsagend hinter dem Rücken seines Sohnes, Max sieht mich erwartungsvoll an.
»Ich …«, stammle ich und wäge mit verengten Augen meine Sätze ab. »… mache das, was dein Vater wünscht. Aber es könnte sein, dass ich so tue, als würde ich dich nicht kennen, während ich dich aus der Nähe, wie ein Geheimagent, beobachte, ohne dass du meine Anwesenheit auch nur spürst.«
Während Jonas die Lippen zusammenpresst, um nicht laut loszulachen, bekommt Max runde Augen, denn das Geheimagenten-Ding scheint ganz nach seinem Geschmack zu sein.
»Cool«, wispert Max eifrig. »Wartest du dann morgen gleich vor der Schule auf mich?«
Der Kleine ist hellauf begeistert und bringt mich meinem Auftragsziel näher, denn Susans Sohn Leon geht in dieselbe Klasse wie er. Wenn ich Glück habe, würde sie ihren Sohn ebenfalls abholen, und ich könnte auf Tuchfühlung gehen. Jetzt bräuchte ich lediglich Jonas‘ Zustimmung, dass ich am kommenden Mittag mit meiner Stelle als Tagesmutter beginnen kann. Fragend starre ich das Zuckerstückchen an.
Dieser ergreift sofort die Möglichkeit, die sich ihm bietet. »Also, wenn Sie morgen anfangen könnten, wäre das … fantastisch.«
Ich zucke mit den Schultern und gebe die Gelassene, obwohl ich innerlich fast platze vor Stolz, die Sache mit Max erstklassig geschaukelt zu haben.
»Gut, warum nicht? Je früher wir testen, ob das mit Max und mir hinhaut, umso besser.«
In den Mienen der beiden leuchtet Begeisterung, und beide quasseln auf mich ein.
»Das ist eindeutig die beste Nachricht des Tages. Ich schreibe Ihnen sofort die Adresse von Max‘ Schule auf.«
»Evodie, meinst du, wir können am Nachmittag Fußballspielen … im Garten?«
Ein Lachen sprudelt aus mir heraus. »Wenn mir dein Vater den Stundenplan gibt und ich weiß, wann ich vor der Schule sein muss«, erwidere ich in Jonas‘ Richtung und wende mich dann wieder an seinen Sohn. »Dann, ja, sobald du die Hausaufgaben erledigt hast, können wir Elf-Meter-Schießen üben.«
»Kann ich Ihnen den Stundenplan als E-Mail schicken?«, fragt Jonas sogleich und lässt sich hinter dem Schreibtisch nieder, um den Worten Taten folgen zu lassen.
Sein unverhohlener Enthusiasmus amüsiert mich, und ich antworte ihm schmunzelnd: »Ja, meine E-Mail-Adresse und die Telefonnummer, unter der sie mich erreichen können, stehen auf der ersten Seite meiner Unterlagen.«
Ja, sogar eine Cupida hat sowohl ein Handy als auch ein E-Mail-Postfach. Schließlich leben wir nicht hinter dem Mond. Obwohl …
Jonas schaut in meinen Dokumenten nach. Er findet bald, wonach er sucht, und tippt auf seinem Laptop herum. »Max, du hast doch noch den Haustürschlüssel? Mit dem kommt ihr ins Haus. Ich verlege meine Mittagspause und bringe dann Pizza mit. Ist das ein guter Vorschlag?« Um Zustimmung heischend, blickt Jonas seinen Sohn und mich an.
In Max rundem Kindergesicht flackert Fröhlichkeit auf, und in zwei winzigen Luftsprüngen tut er seine Vorfreude kund. »Au ja, Papa. Das wird toll.«
»Vorschlag angenommen«, pflichte ich dem Kleinen bei, und Jonas grinst charmant, während seine blauen Augen mich fixieren.
»Gut. Das ist wirklich gut.«
Aus Verlegenheit reibe ich mir den Nacken, denn irgendwie schwingt da noch eine andere Botschaft in seiner Aussage mit, die ich jedoch nicht ganz verstehe und auch nicht deuten will. Einen Moment später löst Jonas sich von meinem Anblick und schaut wieder auf den Bildschirm seines Laptops.
»So, der Stundenplan müsste bei Ihnen bald ankommen.«
Kaum hat er es ausgesprochen, brummt mein Handy in der Handtasche.
»Ja, hört sich danach an. Danke!«, erwidere ich, und Max gluckst neben mir auf. Der Kleine hat sich unbemerkt immer näher an mich herangepirscht und steht nun dicht bei mir. In kindlicher Geradlinigkeit inspiziert er ohne Scheu mein Gesicht. Lächelnd halte ich seiner Neugier stand und erlaube mir, das Gleiche bei ihm zu tun.
Er ist ein süßes Kerlchen, das man einfach gernhaben muss. Seine blauen Kulleraugen und die vollen Wangen mit der Stupsnase sind einfach zu putzig, als dass man sich ihrer Niedlichkeit entziehen könnte.
Jonas beobachtet uns, während wir uns stumm beäugen, schließlich steht er auf. »Komm, Max, wir sollten Frau Engelmann das Haus zeigen. Morgen Mittag werde ich leider keine Zeit dazu haben.«
»Jaa!«, jubelt Max und springt voraus in den Flur.
Ich erhebe mich und greife meine Handtasche. »Sie können übrigens Evodie zu mir sagen. Das Frau Engelmann verwirrt mich nur.«
»Evodie, ein sehr schöner Name. Außergewöhnlich«, meint mein neuer Arbeitgeber in smarter Lässigkeit und begibt sich zur Tür, wo er schweigend verharrt. Langsam schlendere ich auf Jonas zu, bleibe bei ihm stehen und betrachte aus nächster Nähe, gebannt sein glattrasiertes Kinn mit der Kerbe.
»Ich bin Jonas«, erklärt Zuckerschnittchen leise, und ich sehe, wie sein Adamsapfel hüpft, was mich leicht schmunzeln lässt.
Anscheinend ist mein Arbeitgeber doch nicht völlig immun gegen Weiblichkeit, und das ist für mich die beste Nachricht des Tages. Meine Augen finden den Weg zu seinen, und als sich seine Pupillen weiten, schwebe ich erhaben an ihm vorüber.
KAPITEL 6
EIN MORGEN, DEN MAN NICHT SO SCHNELL VERGISST
Es ist Morgen. In wenigen Stunden werde ich Max, in Agenten-Manier, bei der Schule auflauern, um ein Auge auf ihn zu werfen, wenn er nach Hause läuft. Ich sollte jedoch aufpassen, dass man mich nicht für eine pädophile Stalkerin hält. Den Trenchcoat und die Sonnenbrille würde ich mir also sparen. Schade.
Da ich nachts bereits ein paar ältere erfolgreiche Aufträge überprüft habe und nichts im Argen zu liegen scheint, beschließe ich, kurz bei Susan Hunz vorbeizuschauen. Jonas‘ optimale Partnerin arbeitet als eine von zwei Chefsekretärinnen in einem Großunternehmen.
Als ich im Unsichtbarkeits-Modus in ihrem Vorzimmer aufschlage, spüre ich sofort die Anspannung, die in der Luft liegt. Ihre Kollegin, die Haare auf den Zähnen hat, keift sie von oben herab an.
»Also ich kann jetzt auf gar keinen Fall den Kaffee kochen, Susan. Ich muss diese Liste unbedingt fertigbekommen.«
Susan stöhnt leise vor sich hin und verlässt ihren Schreibtisch, um in die angrenzende Kaffeeküche zu gehen. Nebenher murrt sie: »Ich serviere den Herren ihren Kaffee, Monika. Allerdings weiß ich nicht, warum du jetzt im Sommer schon mit der Weihnachts-Präsent-Liste anfangen willst? Bis es soweit ist, überlegt sich der Chef es sowieso wieder dreimal.« Die Blondine beginnt, ein Tablett mit drei Kaffeegedecken zu richten, und stellt eine Tasse unter den Vollautomaten, um sie mit Kaffee zu befüllen. Unglücklicherweise ist der Zuckerstreuer leer, und Susan will diesen wieder auffüllen. Mittendrin in ihrem Tun rutscht ihr der Behälter davon. Der gesamte Zucker verteilt sich über die Arbeitsfläche der Mini-Anrichte, auch über den Küchenboden. Fies, wie die Zuckerkristalle nun mal so sind, legen sie sich in jede Ritze hinein. Leise vernehme ich Susans Fluchen. »Mist. Ich hasse diesen blöden Zuckerstreuer. Das nächste Mal besorge ich Zuckerwürfel. Scheißegal, was der Chef sagt.«
Das Mädchen gefällt mir, besonders der aparte Leberfleck, den sie unter ihrem linken Auge hat. Ja, Jonas würde wohl oder übel an ihr Gefallen finden.
Shit! Ich meine natürlich – hipp, hipp, hurra!
Susan dreht sich um, auf der Suche nach einem Besen, und stößt dabei, mit ihrem Ellbogen, gegen die volle Tasse Kaffee. Prompt kippt diese zur Seite weg, und die braune Brühe überschwemmt alles, was in erreichbarer Nähe ist. Es tropft sogar an dem weißen Schrank herunter, auf den kleinen Teppich, auf dem schon der Zucker liegt.
»War ja mal wieder klar, dass mir das passiert«, knurrt Susan und bestätigt damit meine Vermutung, dass sie nebenberuflicher Tollpatsch ist.
Noch immer hält sie die Packung Zucker in den Händen, die sie abstellt, ohne hinzuschauen. Dummerweise platziert sie die Tüte mitten in den ausgeleerten Kaffee. Schnell bemerkt sie ihren Fehler. Aber nicht schnell genug. Hastig reißt sie die Papiertüte wieder hoch, doch die Verpackung ist bereits aufgeweicht, und mit einem dumpfen Ratsch reißt der Boden durch. Das knappe Kilo Zucker rieselt unaufhaltsam durch die ganze Küche, da Susan in ihrer Panik irgendein Gefäß sucht, wo sie den Übeltäter reinpacken kann. Während sie ihr Bestes gibt, die angerichtete Katastrophe zu verschlimmern, höre ich ihre Kollegin aus dem Vorzimmer brüllen.
»Susan, Telefon für dich. Die Schule ist dran, wahrscheinlich hat dein Sohn schon wieder irgendwas angestellt. Sag mal, wo bleibst du denn mit dem Kaffee?«
Ein Ruck geht durch Susans Körper, und entnervt lässt sie ihr Haupt in den Nacken fallen. Voller Mitleid sehe ich, wie sie ihre Lider schließt und bedächtig tief Luft holt. Leicht zittert ihre Stimme. »Ja. Ich komme gleich. Einen Moment, bitte.«
Ich bewundere die Blondine für ihren Willen, nicht die Fassung zu verlieren und die blöde Schnepfe von nebenan nicht lautstark zusammenzufalten.
Ganz vorsichtig helfe ich ihr, damit sie nichts von meinem Tun bemerkt, den Zucker und die Flüssigkeit von den Möbeln und aus dem Teppich zu entfernen. Ehrlich, ich gönne ihr Jonas beinahe, denn wenn ihre Tage so aussehen, braucht sie dringend etwas, auf das sie sich abends freuen kann. Und der schöne Jonas ist so etwas.
Okay, mehr Frust vertrage ich nicht. Und da ich eh nach meinem neuen Arbeitgeber schauen muss, gönne ich mir einen Blick auf Jonas.
Einen Atemzug später finde ich mich neben einem großen Schreibtisch wieder. Es ist nicht der, den ich von seinem Zuhause kenne, sondern er steht in einem mondän eingerichteten Büro. Es ist riesig, und eine Wand besteht aus einer Fensterfront. Diese gibt den Blick über eine Großstadt frei. Wir befinden uns Minimum im zehnten Stockwerk, in einem der modernen Hochhäuser, die zentral in der Stadtmitte liegen. Lediglich die richtig großen Unternehmen, die Schotter ohne Ende haben, können sich hier ihren Sitz leisten. Und dieses Gebäude gehört sogar der Firma, für die Jonas arbeitet.
Im Anzug, mit Hemd und Krawatte, sitzt Zuckerschnittchen in dem klimatisierten Raum und sieht noch besser aus als gestern. Das Jackett macht seine Schultern noch breiter wie mein Grinsen bei dieser Feststellung. Er liest irgendwelche Unterlagen und blickt ab und zu auf den Monitor, als überprüfe er etwas.
Von Susans Selbstgesprächen angesteckt, seufze ich ebenfalls vor mich hin. »Jonas, du steiler Hengst, wie heiß du wieder aussiehst. Lass mich mal an dir riechen.« Ich trete neben ihn, um mir eine Nase voll Jonas zu genehmigen. »Mmmh, genauso gut wie gestern. Vielleicht sogar noch besser.«
Plötzlich ertönt eine tiefe Stimme. »Holst du Max heute Mittag wieder zu dir ins Büro?«
Überrascht schaue ich auf und entdecke, am anderen Ende des Büros in einer Ecke stehend, einen großen Mann. Er starrt zum Fenster auf die Stadt hinaus. Zu seinem Profil fällt mir kein anderer Begriff ein als: klassische Anmut. Die gerade Nase und die hohe Stirn wirken edel. Auf Anhieb sticht mir sein schwarzer Dreitagebart ins Auge. Nach dem teuren Anzug zu urteilen, ist er wohl ein Arbeitskollege von Jonas. Lässig mit den Händen in den Hosentaschen, wendet er sich diesem zu und wartet auf eine Antwort.
Jonas blickt nicht auf, sondern studiert weiter seine Blätter. »Nein. So wie es aussieht, habe ich gestern eine Tagesmutter für ihn gefunden.«
»Ja, mich, Zuckerschnittchen«, mische ich mich in das Gespräch ein und lächle angeberisch.
Der Arbeitskollege erwartet noch mehr Information, was der Ausdruck seiner attraktiven Züge erahnen lässt. »Na, das ist doch gut. Oder nicht?«
Endlich widmet Jonas ihm seine Aufmerksamkeit. »Ja, schon, aber … Du kannst dir nicht vorstellen, was für Frauen sich gestern bei mir einfanden, die sich um die Stelle beworben haben. Unfassbar! Die kommenden Tage werde ich zwischendrin öfter mal nach Hause gehen, um zu schauen, ob die junge Dame wirklich so normal ist, wie es bis jetzt scheint.«
Empört hole ich Luft. »Na, also hör mal. Wie redest du denn von mir?«
Der andere Mann lacht und zeigt dabei, wie weiß seine Zähne sind. Der Typ wäre das optimale Werbemodel für Zahnpasta. Mit seinem dunklen Teint und seinen schwarzen Haaren, lasern seine Beißerchen einem schier das Augenlicht weg. Er geht ein paar Schritte auf Jonas und mich zu, bleibt dann aber an einer Betonsäule stehen. Er lehnt sich mit überkreuzten Beinen dagegen und betrachtet interessiert seinen Arbeitskollegen. »Ach, herrje, das hört sich ja nicht gerade verlockend an. Bestimmt ist die Dame zu allem hin noch total hässlich?«
Meine Augen kugeln sich. »Hallo? Ich bin ganz und gar nicht hässlich, du Idiot.«
Jonas schüttelt grinsend den Kopf. »Du wieder. Nein, sie ist …«
»Ja, sag es ihm. Los raus damit! Sag ihm, dass ich der Traum deiner schlaflosen Nächte bin!«, feuere ich Jonas an und lege mich dreist mit dem Rücken auf seinen Schreibtisch, um mich dort unter seiner Nase zu räkeln.
»… recht hübsch, würde ich sagen«, vollendet mein Chef lieb den Satz.
Zufrieden grinse ich. »Na bitte.« Mit Pupston strecke ich dem »Man in Black« Hals über Kopf die Zunge heraus. Die zwei können mich ja weder sehen noch hören, also was soll’s?
Der Arbeitskollege nickt mit überraschter Miene. »Wow. Dann solltest du dich an sie ranmachen.«
Erschrocken gucke ich zu Jonas, der seinen Kopf schief legt und keine Sekunde mit seiner Antwort zögert.
»Nein.«
Sein Kollege stößt sich energisch von der Säule ab und kommt zum Schreibtisch, wo er sich auf der gegenüberliegenden Seite aufstützt. »Mann, Jonas! Wann warst du das letzte Mal mit einer Frau zusammen?« Keine Antwort kommt von Zuckerschnittchen, sondern bloß ein befangener Blick. Interessiert richte ich mich auf, sodass ich auf der Tischplatte sitze. Es ist noch schlimmer, als ich dachte, der süße Jonas hat eine Durststrecke hinter sich und merkt es nicht einmal. Der schwarzhaarige Macho hat derweil Jonas‘ Gesichtsausdruck richtig eingeordnet und redet sich in Fahrt, wobei mir bei seinem letzten Satz die Augen schier rauskullern wollen. »Seit drei Jahren hattest du keine Frau mehr …? Das kann doch wohl nicht wahr sein?! Verflucht, wenn dir die Kleine gefällt, dann hol sie dir und lass es dir von ihr ordentlich besorgen.«
»Hä?«, fällt mir lediglich zu dieser Unflätigkeit ein, und ich stehe kerzengerade vor Entrüstung.
Aber Super-Macho ist noch nicht fertig. »Alter, deine Pfeife gehört hin und wieder mal ordentlich durchgeschrubbt, und die Kleine kann das sicherlich um Längen besser als deine linke Hand. Darauf würde ich jede Wette eingehen.«
»Uähhh. Das ist ja … widerlich«, kiekse ich und wanke rückwärts an die Wand, die hinter mir liegt.
Fassungslos blicke ich in das Gesicht des bärtigen Arbeitskollegen, der, seinen Äußerungen zufolge offenbar ein arroganter Weiberheld ist.
Klar, mit dem Gesicht bekommt der Idiot wahrscheinlich auch alles in die Horizontale, was er will. Die perfekt gestylte Stoppelhaarfrisur liegt nämlich voll im Trend. Seine tief liegenden Augen sind beeindruckend, denn sie glühen in einem kräftigen Grün unter den dichten Brauen.
»Hey!«, kommt es vorwurfsvoll von Jonas. »Sie arbeitet für mich. Ich kann doch nicht …« Abermals schüttelt mein Chef den Kopf und macht dennoch einen unentschlossenen Eindruck, was mich verwirrt aus dem Shirt glotzen lässt.
Super-Macho richtet sich auf und schlendert ziellos durch den Büroraum. »Warum denn nicht? Wer weiß, ob sich daraus nicht etwas Festes entwickelt. Und wenn Max sie mag, ist das doch prima.«
Jonas‘ Augen wandern unruhig hin und her. »Aber was ist, wenn es sich als Fehler erweist? Dann habe ich wieder keine Tagesmutter, und Max verliert erneut eine Vertrauensperson.«
Ehe ich mich versehe, steht der eingebildete Frauenheld auf einmal vor mir. Er schaut zerstreut umher, als suche er etwas. »Jonas, du hast doch mein Stellenangebot angenommen, um hier von vorn anzufangen. Du hast es für Max getan, aber auch für dich.«
Plötzlich starrt der Kerl mir direkt in die Augen. Mitten ins Gesicht. Ohne Zweifel.
Mit einem zynischen Lächeln, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt, höre ich ihn sagen: »Wenn du nichts riskierst, wirst du auch nie gewinnen. So einfach ist das.«
Der redet doch nicht mit mir? Nein. Unmöglich!
Schlagartig verschwindet jede Freundlichkeit aus den Zügen des bärtigen Mannes, und seine schwarzen Augenbrauen bilden einen diabolischen Bogen. Die ausgeprägten Flügel seiner schmalen Nase beginnen, zu beben. Eine atemraubende Dunkelheit schlägt mir entgegen, die mich bewegungsunfähig macht. Tatenlos beobachte ich, wie er sich sein Kinn reibt. Und dann sehe ich ihn: den Fingerring der Eristen.
Im selben Augenblick wird mir bewusst, dass ich schon die ganze Zeit über diesen typischen Gegendruck fühle, der bei ihm jedoch unglaublich stark ist.
Wieso habe ich es nicht wahrgenommen? War ich von dem Gespräch und Jonas zu sehr abgelenkt?
Heiß fallen mir die ganzen Dinge ein, die ich zu Jonas gesagt habe und zu dem Eristen, die entweder lüstern oder nicht nett waren – und wie ich mich benommen habe, als ich an Jonas roch oder mich auf dem Tisch räkelte. Alles hat der Erist gesehen und gehört. Einfach alles. Mir wird speiübel.
Noch nie ist mir so etwas passiert. Noch nie ist mir etwas so peinlich gewesen wie das. Ein Feuer aus Scham setzt mein Inneres in Brand und lässt meinen Kopf wie eine Tomate leuchten, was ich an meinen erhitzten Wangen spüren kann. Die grünen Flammen in den Augen des Eristen halten mich schonungslos gefangen. Ich sehe es ihm an, dass er sich darin aalt, mich, die Cupida, vorgeführt zu haben. Dem Kerl war nach meinem ersten Wort sofort klar, wer und was ich bin: Dass ich seine Gegnerin darstelle, eine Cupida, die ihrem Klienten hinterherhechelt. Großer Gott!
In meiner panischen Verzweiflung fällt mir nichts anderes ein, als mich augenblicklich in Luft aufzulösen und in die Cupida-Leitstelle zu flüchten. Ich fühle mich … erbärmlich.
Wie immer, trudle ich vor Bellamys Schreibtisch ein. Der Schreck ist mir offensichtlich ins Gesicht geschrieben, denn mein Operator fragt sofort: »Evodie? Was ist los? Du siehst aus, als hättest du den Teufel höchstpersönlich gesehen.«
Ein nervöses Lachen platzt aus mir raus. »Ja. Ja, so könnte der Teufel vielleicht tatsächlich aussehen.«
»Oh, nein, sag nicht, es ist der gleiche Erist, wie der, mit dem Artreus und Hector Probleme hatten?«, will Bellamy wissen und schlägt sich die Hand vor den Mund.
Erneut wird mir heiß, und ich falle in eine Schockstarre. Wie waren Artreus‘ Worte gewesen?_Hat 'ne Visage wie Luzifer persönlich. Und was hatte Hector gemeint? Ja, kann man sagen. Außerdem hatte er den Eristen als groß, dunkler Typ beschrieben. Das könnte ebenso eine zutreffende Beschreibung von meinem Eristen-Schrägstrich-Idioten sein. Ist das ein Zufall? Mit klopfendem Herzen frage ich Bellamy: »Ich … hoffe nicht. Habt ihr den Namen unseres Gegners rausbekommen?«
Überheblicher Stolz lässt das runde Gesicht meines Operators strahlen. »Was glaubst du, mit wem du sprichst? Natürlich. Er heißt Demian.«
»Demian«, wiederhole ich den Namen, um ihn mir einzuprägen.
Bellamy unterbricht meine Gedanken. »Glaubst du, es ist derselbe, den du getroffen hast? Du warst doch mit deinem neuen Auftrag beschäftigt, warum läuft der dir dort in die Arme?«
Wut ballt sich in meinem Magen zusammen. Bellamy hat recht. Warum lungert diese Knalltüte bei Jonas herum? So, wie er sich gegeben hat, und nach seinem Gegendruck zu urteilen, war er kein Anfänger. Keiner der Anfänger, die den Erstkontakt versemmeln dürfen.
»Wie gut ist dieser Demian? Was glaubst du?«, frage ich atemlos.
Bellamys Ausdruck beunruhigt mich zutiefst.
»Er ist einer der Besten, wenn nicht sogar der Beste. Anscheinend strebt er eine Karriere beim Löschtrupp an?«
»Fuck!«, flutscht es mir heraus. »Das heißt, er hat bereits seit Jahrhunderten ohne GoE und sonstige gravierende Fehler gearbeitet. Denn nur dann kann man bei den Elite-Heinis mitmischen.«
Mein Operator kichert. »Evodie, die meisten Cupidas und Eristen wünschen sich, den höheren Truppen beizutreten. Das ist nichts Besonderes. Es ist für sie das Höchste, den weißen Jumpsuit anziehen zu dürfen. Sogar mein voriger Cupida ist dorthin befördert worden.«
»Ehrlich, ich weiß nicht, was daran toll sein soll, im Gedächtnis von Menschen rumzuwühlen und ihnen Erinnerungen einzuhauchen oder die zu löschen, die uns gefährlich werden könnten. Und diesen weißen Strampelanzug können sie gerne behalten. In dem Teil kann man gar nicht gut aussehen, das ist ein Ding der Unmöglichkeit.«
»Du behauptest, du würdest die Chance nicht ergreifen und zu den Erinnerungseinpflanzern wechseln, wenn Phileas sie dir bieten würde? Du würdest es ablehnen, für die Legion zu arbeiten, die die größte Macht hat, die schalten und walten kann, wie sie will … deren Name in Ehrfurcht geflüstert wird?«
Es war unverkennbar, dass Bellamy mir nicht glauben wollte und sich dabei auf meine Kosten königlich amüsierte.
»Na, na, jetzt übertreibe mal nicht. Nein, ich möchte weder ein Erinnerungseinpflanzer noch ein Radierer werden, denn auch sie sind weisungsgebunden. Von wegen schalten und walten, wie sie wollen. Die müssen noch viel mehr aufpassen als wir Cupidas. Aber um das geht es jetzt sowieso nicht, sondern um den Eristen, der bei meinem ›Mega-Wichtig-Auftrag‹ mitmischt. Wie es aussieht, haben sie ebenfalls ihren besten Mann darauf angesetzt. Die Frage ist, warum? Ist Phileas da?«
»Ja, und er hat gute Laune, vermiese sie ihm bitte nicht.«
»Ich probiere es, aber versprechen kann ich nichts«, erwidere ich sauer und mache mich auf den Weg zu Phileas‘ Büro.
KAPITEL 7
DER CHEF DER CUPIDA-LEGION
Mit festen Schritten laufe ich auf Phileas‘ Tür zu. Ich nehme mir vor, mich diesmal nicht von seinem Auftreten verunsichern zu lassen. Irgendwie schafft es mein Chef, mich jedes Mal in ein stammelndes Würstchen zu verwandeln. Bisher bin ich noch nicht richtig dahintergekommen, wie er das bewerkstelligt, denn sobald ich ihn anschaue, staune ich über die Perfektion seiner Erscheinung und vergesse, was ich wollte.
Eigentlich sollte ich jeden Blickkontakt mit ihm meiden. Genau, am besten würde ich dieses Treffen überstehen, wenn ich unentwegt auf den Boden starre. Auf diese Weise könnte ich ihm ungehindert meine Wut entgegenschreien … so abprallend vom Boden … im steilen Winkel … nach oben, wie bei einem Billardspiel. Unter keinen Umständen darf ich mich aus dem Konzept bringen lassen. Ich bin eine wütende Cupida. Jawohl!
Mit diesem Vorsatz klopfe ich vehement gegen die Bürotür meines Chefs und trete, frech wie ich bin, ohne Aufforderung ein. Schließlich bin ich voll in Fahrt und nutze meinen Elan.
»Phileas!«, setze ich sogleich in scharfem Ton an, damit er sofort weiß, was Sache ist. Bewusst halte ich meinen Kopf gesenkt und fahre fort in meiner wütenden Rede. »Wieso steht von dem Eristen, der bei Jonas Kinz rumhängt, nicht ein Sterbenswörtchen in deinem Bericht? Wieso lässt du mich dermaßen ins Messer laufen?«
Ich stoße die Tür hinter mir zu und starre auf die verchromten Füße seines Schreibtischs. Nein, ich werde mich nicht setzen und damit in eine unterlegene Position begeben.
Ohne mich darum zu kümmern, wie bescheuert ich vermutlich aussehe, wenn ich seinen Schreibtisch anwettere, ereifere ich mich weiter. »Und jetzt komm mir bloß nicht damit, dass du von dem Teufelskerl nichts gewusst hättest. Der Erist hat nämlich Jonas diese neue Arbeitsstelle besorgt, und macht den Eindruck, als wäre er ein langjähriger Freund von ihm. Also, was zur Hölle, wird hier gespielt?«
Von Phileas kommt kein einziger Ton. Nach wie vor stiere ich auf die Chromfüße, als langsam zwei schneeweiße Herrenschuhe in mein Sichtfeld geraten. Ich traue mich, den weißen Hosen lediglich bis zum Knie zu folgen. Höher will ich meinen Blick nicht schweifen lassen.
»Evodie?«, höre ich Phileas‘ Stimme, die in meinen Ohren so geschmeidig klingt, wie goldener Honig, der sacht in ein Glas fließt. Sanft, schwingend, zuckersüß. Einfach unwiderstehlich. Es ist wie ein Zwang, der mich unbedingt dorthin schauen lassen will, woher die Stimme rührt. Ich wehre mich, doch erneut werde ich von seinem Timbre zart eingelullt. »Evodie, sieh mir in die Augen!«, befiehlt mir Phileas schmeichelnd.
Ich will es nicht, und doch kann ich nichts dagegen unternehmen. Allmählich kriechen meine Augen die Männerbeine hoch. Phileas‘ schlanke Statur wirkt wie gemacht für den strahlend weißen Herrenanzug. Alles an ihm ist blütenrein: die Hose, das Hemd, das Jackett, sogar die Krawatte. Obwohl in seinem Büro die Möbel ebenfalls weiß sind, wie überall in der Cupida-Leitstelle, erscheint mein Chef noch weißer. Rein leuchtend. Wie macht der Kerl das bloß? Groß und elegant, bis in die gegelten Haarspitzen, steht er vor mir.
Verdammt! Wieder hat es mich erwischt. Von seiner gewinnenden Aura überrumpelt, spüre ich, wie die Wut aus mir hinausgesaugt wird.
Klare blaue Augen überwinden jegliches Hindernis und blicken direkt in meine Seele. Es sind gutmütige Augen, in denen man sich verliert, ohne etwas infrage zu stellen, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Seine Nase ist vollkommen gerade, kein Makel ist daran zu finden, genauso wenig wie an seinem Mund, dessen schmale Lippen ebenmäßig geschwungen sind. Phileas‘ Teint ist tadellos. Keine Rötung, nicht die kleinste Unebenheit stört das elfenbeinfarbene Wachs. Selbst seine Bartstoppeln scheinen in elementarer Ordnung auf seinem symmetrischen Kinn platziert zu sein.
»Du hast recht, Evodie, ich wusste, dass Nyra einen Eristen auf Jonas angesetzt hat. Aber ich wollte dir nichts sagen, weil ich dich nicht verunsichern wollte. Ich habe dich für diesen ›Mega-Wichtig-Fall‹ ausgewählt, weil deine Methoden ungewöhnlich und schwer vorherzusehen sind. Hätte ich dir gesagt, dass bereits ein Erist an dem Fall arbeitet, hättest du dir vielleicht eine ganz gewöhnliche Vorgehensweise ausgedacht und damit deinen Vorteil der Spontanität verloren. Ich wollte kein Risiko eingehen.«
Verfluchter Mist! Das hört sich nach einem guten Argument an.
Um Phileas zu zeigen, dass ich ihm noch nicht völlig hörig bin, schnaube ich wie ein tollwütiges Nashorn.
Egal, wie engelsgleich er aussieht. Da kann er noch so schimmern. Nichts da. Ich will nicht gleich auf Anhieb umkippen.
Hinterhältig, wie mein strahlender Chef ist, setzt er den charmanten Stirnrunzel-Dackelblick auf.
Oh, wie ich ihn hasse!
Im Gegenzug packe ich meinen Zweifelblick aus, der Marke: »Ich glaub dir kein Wort«.
»Sei ehrlich!«, säuselt er. »War es wirklich ein unverzeihlicher Fehler von mir? Hätte es etwas an deinem Verhalten geändert, wenn du geahnt hättest, dass ein Erist in der Nähe ist?«
Ich hole tief Luft, um ein lautes »Ja, allerdings!« zu schreien, überlege es mir jedoch kurzfristig anders. Denn rechtzeitig wird mir klar, dass ich Phileas danach womöglich gestehen müsste, was ich in Jonas‘ Büro getrieben habe. Dass ich mich wirklich anders benommen hätte, wenn mir bewusst gewesen wäre, dass dort ein Erist herumschwirrt. Ja … definitiv hätte ich mich nicht auf der Schreibtischplatte geräkelt. Zum Glück hatte er keine Poledance-Stange im Büro, wer weiß, was ich sonst für Unfug angestellt hätte. Es reicht ja wohl vollkommen, dass nur eine Person von meinem peinlichen Benehmen weiß … Alles, nur das nicht. Um Gottes willen, der Erist wird doch hoffentlich nichts davon seiner Chefin Nyra erzählen? Was, wenn doch …?
»Evodie?«, reißt mich Phileas aus meiner Panikattacke.
»Nein, nein, es hätte nichts an meinem Vorgehen geändert«, wispere ich und gebe eilig das zu, was Phileas hören will. Naja … zumindest die Sache mit meinen Konkurrentinnen wäre zu hundert Prozent genauso abgelaufen. Das tröste ich mich ein wenig, und mit ruhigem Gewissen blase ich gemächlich die Luft aus meinen Lungen.
Phileas‘ Augen ruhen mehrere Sekunden auf mir. Und einen Moment lang glaube ich beinahe, dass er etwas von meinem Zwiespalt weiß. Um ihn auf eine andere Fährte zu locken, hebe ich herausfordernd mein Kinn an.
»Dieser Erist ist kein Anfänger. Ich habe gespürt, wie stark sein Wille ist, Phileas. Warum schickt Nyra einen ihrer Besten los? Was ist an diesem Fall so besonders?«
Mein Chef trotzt meiner angriffslustigen Frage in völliger Gelassenheit. »Hier geht es nicht nur um zwei Menschenleben, sondern um vier. Kannst du dir vorstellen, welche Auswirkungen die Lebensweise von Jonas und Susan auf ihre Kinder hat? Ich weiß nicht viel mehr, als in deinem Bericht steht, bloß dass das Zusammen- oder Nicht-Zusammenkommen von den beiden weitläufige Folgen haben wird, in unterschiedliche Richtungen.«
Natürlich, hier geht es nicht nur um Jonas und Susan, sondern auch um ihre Kinder Max und Leon und deren mögliche Partnerinnen. Was, wenn von ihren Nachfahren einer eine Erfindung machen würde, die das Leben der Menschheit von Grund auf verändern könnte? Was, wenn es diesen Nachfahren nicht gibt, weil ich versagt habe? Alle Farbe weicht mir aus dem Gesicht, und ich wanke unter der schweren Last, die plötzlich auf meinen Schultern liegt.
Ein leichtes Schmunzeln erscheint auf Phileas‘ hellem Antlitz. »Nun denn. Ich denke, du wirst den Auftrag weiter ausführen wollen, oder etwa nicht?«
Er benutzt mein Ehrgefühl gegen mich, der Schlawiner.
»Natürlich. Du kennst mich«, antworte ich kühl, um ihn nicht spüren zu lassen, wie verunsichert ich bin.
»Ja, ich kenne dich«, erwidert mein Chef, wendet sich von mir ab und geht hinter seinen Schreibtisch. Für mich ist dies das Zeichen zum Aufbruch, und so steuere ich zur Tür. Kaum drücke ich jedoch die Klinke, hält mich Phileas auf.
»Evodie – du darfst diesen Auftrag nicht verlieren.«
Ich sehe nochmal zu dem ganz in Weiß gekleideten Mann, dessen Blick nun unnachgiebig ist, und nicke stumm, bevor ich sein Büro verlasse.
Da stehe ich im Trubel des Großraumbüros der Operatoren und habe noch immer die Türklinke in der Hand. Ich kann mich noch immer nicht bewegen, der Schock sitzt zu tief. Es ist das erste Mal, dass Phileas sowas zu mir sagt: Du darfst diesen Auftrag nicht verlieren. Den Satz höre ich andauernd in meinem Kopf, als wäre eine Schallplatte hängen geblieben.
Plötzlich legt sich eine große Hand auf meine Wange und rüttelt mich sacht. »Hey, Kleine, alles ok?«
Noch immer gefangen in meiner eigenen Warteschleife, komme ich allmählich zu mir. In Artreus‘ braunen Augen spiegelt sich die Sorge um mich. Zerstreut nicke ich meinen bärenhaften Freund zu. »Ja, ja ich denke schon.«
Zweifelnd hebt er eine Braue. »Sicher? Du siehst nämlich ganz und gar nicht gut aus. Was hat der Chef dir aufgetragen?«
Ich versuche, mich zu erinnern, ob Phileas mir schon einmal ausdrücklich ans Herz gelegt hatte, einen Auftrag zu gewinnen. Doch mir fällt kein Fall ein. Vielleicht hat Artreus von ihm schon mal solch eine Aufforderung gehört?
»Phileas sagte, dass ich diesen Auftrag nicht verlieren darf.« Gespannt warte ich auf die Reaktion meines Freundes.
Überrascht kräuselt sich Artreus‘ Stirn. »Unser Chef ist ja ein richtiges Motivationstalent. Mach dich nicht verrückt, Evodie. Zieh dein Ding durch. Du hast die Aufträge bisher immer geschaukelt, und diesmal wird es nicht anders sein.« Er lässt seine Hand auf meine Schulter gleiten und schiebt mich mit sich, zu Zelos und Bellamy, während ich ihn nebenher einweihe. »Das ist nicht die einzige miese Nachricht, die ich habe. So wie es aussieht, ist der Erist, der deine Fünfundzwanziger auseinandergebracht hat, an meinem ›Mega-Wichtig-Auftrag‹ dran.«
Plötzlich bleibt Artreus stehen und dreht mich zu sich herum. Entschieden beginnt er, auf mich einzureden: »Wenn es wirklich dieser Kerl ist, musst du dich in Acht nehmen. Er wird dich reizen bis aufs Blut. Du musst dich beherrschen, Evodie! Hörst du? Der hat schon mehrere in Rauch aufgehen lassen.«
Na super, noch mehr gute Nachrichten. Denn ›in Rauch aufgehen lassen‹ bedeutet, einen Engel verschwinden zu lassen, weil dieser mehr oder weniger absichtlich einen Menschen verletzt hat.
»Von wem sprecht ihr?«, mischt sich Zelos ein, vor dessen Schreibpult wir gerade stehen.
Artreus‘ Augen schweifen kurz zu Zelos. »Von dem Vollarsch-Eristen Demian oder wie auch immer der Typ heißen mag.«
Empört öffnet sich Zelos‘ Mund. »Oh, ja. Unbedingt, Evodie. Der Kerl ist mit größter Vorsicht zu genießen. Alles, was er tut, tut er nur, um den Auftrag zu gewinnen.«
Bellamy taucht mit einer Tasse dampfenden Tee auf und erfasst sofort die Lage. »Wir reden über den teuflischen Eristen, oder?« Laut schlürfend lässt er sich in seinem Stuhl nieder und folgt interessiert unserer Unterhaltung.
Zelos nickt aufgeregt. »Ja, genau über den, mein Lieber, so ist es.«
Zwischenzeitlich zieht Artreus wieder meine Aufmerksamkeit auf sich, indem er mich leicht schüttelt. »Ich meine es todernst, Evodie. Sei auf der Hut. Kannst du dich an den Vulkanausbruch im letzten Jahr erinnern?«
Schweigend glotze ich Artreus an. Nein, unmöglich, das kann nicht wahr sein?
»Darin war Demian verwickelt. Der zuständige Cupida wurde liquidiert«, grollt Artreus weiter.
»Ach, du grüne Neune!«, seufze ich. Mir wird ganz schlecht, und mein Hintern pflanzt sich, wie von selbst, auf Zelos‘ Schreibtisch. Kann es noch schlimmer kommen?
Artreus lässt mich los und richtet sich auf. »Jetzt bist du auf jeden Fall vorbereitet, wenn es sich bei dem Erist wirklich um Demian handeln sollte.«
Ich stimme ihm gedankenverloren zu und gebe mich einer Hoffnung hin. »Ja. Vielleicht habe ich aber auch Glück, und es ist ein ganz anderer Erist.«
»Vielleicht, Kleines, möglich ist alles«, meint Artreus und grinst mir aufmunternd zu.
Es ist Zeit, meinen Job anzutreten, und mit nicht mehr ganz so viel Elan wie zuvor, lande ich in Jonas‘ Vorgarten. Ich krame aus meiner Handtasche das Handy hervor und suche Jonas‘ Mail, in der Max‘ Stundenplan und die Adresse der Schule vermerkt sind. Nachdem ich, dank Internet, herausgefunden habe, wie ich am besten zur Schule gelange, marschiere ich in Jeans und Shirt los, um zur vereinbarten Zeit dort anzukommen.
Das Schulhaus ist ein älteres Gebäude, dessen Renovierung schon ein paar Jahre zurückliegt. Die vorbeiführende Straße ist nicht stark befahren, sodass ich mich getrost in den Schatten der Sträucher, auf der gegenüberliegenden Seite der Schule, stellen und dennoch den Ausgang im Auge behalten kann. Ein paar Meter von mir entfernt, bemerke ich Susan, die in ihren hohen Sandalen auf und ab läuft. Sie trägt noch immer ihr schickes Kostüm von heute Morgen im Büro. Unschuldig schlendere ich näher an sie heran und lehne mich an den Stamm einer Linde, deren Krone alles überschattet. Wir lächeln uns grüßend zu und ich nehme es als Anlass, sie anzusprechen.
»Schöne Schuhe haben Sie da. Wenn Sie mir jetzt noch sagen, dass sie bequem sind, bin ich hoffnungslos verliebt.«
Sie hat ein herrlich heiseres Lachen und schüttelt dabei ihre blonden Locken. Mit ihrem Leberfleck, der neben ihrem Auge prangt, erinnert sie mich an Marilyn Monroe zu ihren besten Zeiten.
»Danke. Ich finde Ihre Jeans total gut. So eine suche ich schon eine Weile. Vielleicht sollten wir mal gemeinsam shoppen gehen.«
Jetzt lache ich und strecke ihr meine Hand entgegen. »Hi, ich bin Evodie. Ich warte auf Max Kinz, den ich hier abholen soll, allerdings muss ich so tun, als würde ich ihn nicht kennen.«
»Was?«, kichert Susan verblüfft und reicht mir die Hand. »Ich bin Susan Hunz, die Mutter von Leon. Sie sind die Mutter von dem Max, der neu in Leons Klasse ist?«
Ich entschließe mich, so viel Info wie möglich in die Antwort zu packen, die Susan gleich den richtigen Eindruck vermitteln soll. »Ja, Max ist mit seinem Vater vor Kurzem hierhergezogen. Herr Kinz ist seit drei Jahren Witwer. Ich bin lediglich die Tagesmutter von Max, und heute ist mein erster Arbeitstag.«
Wie zu erwarten, taucht in Susans Augen Mitgefühl auf, und ich lobe mich im Geiste, die Begriffe Tagesmutter und Witwer verwendet zu haben.
»Oh!«, haucht sie betroffen. »Das ist traurig, also das mit Max‘ Mutter, nicht dass Sie seine Tagesmutter sind. Also doch schon irgendwie, aber …« Zerknirscht winkt sie ab. »Ach, entschuldigen Sie, ich halt jetzt einfach den Mund, sonst mache ich es mit meinem Geplapper nur noch schlimmer.«
Um sie zu beruhigen, grinse ich sie freundlich an. Sie ist mir wirklich sympathisch.
»Nein, ist doch ok. Ich hätte vielleicht nicht auf einmal so viel offenbaren sollen.«
»Ach was, ich bin etwas durch den Wind. Ich hatte gerade ein Gespräch mit dem Schulleiter, wegen Leon. Zum zweiten Mal schon.« Sie seufzt enttäuscht und wirkt dabei peinlich berührt, weil sie die Geschichte erzählt hat.
Der Morgen war, wie ich weiß, ganz schön hart für Susan, weswegen ich versuche, sie aufzumuntern.
»Mmh – und? Sieht der Rektor wenigstens gut aus, sodass es sich gelohnt hat?«
Im ersten Moment starrt sie mich verdattert an, doch dann lächelt sie. »Nur, wenn Sie auf ältere Herren mit Schnauzer und Hosenträgern stehen.«
Wir kichern beide, und ich japse: »Nein, nicht wirklich.«
Darauf stöhnt sie befreit auf. »Dachte ich mir. Danke, das hat mir gerade den Tag gerettet. Ich war kurz vorm Verzweifeln.«
Sie schluckt, und schon purzeln ihr die Worte aus dem Mund. »Ich meine, Leon ist wirklich ein lieber Junge, aber manchmal ist er so … voller Wut. Ich weiß nicht, was ihm durch den Kopf geht. Heute hat er sich mit einem Viertklässler angelegt.«
Ich will etwas erwidern, aber in dem Moment ertönt der Schulgong, und keine Sekunde später öffnet sich die Tür. Es quillt eine Flut bunter Schulranzen heraus. Unter den wild durcheinander rennenden Kindern versuche ich, mir einen Überblick zu verschaffen – wie auch Susan.
Sie schwingt sich zielstrebig auf die andere Straßenseite und schnappt sich einen rothaarigen Lockenkopf. Mit einem kurzen Winken verabschiedet sie sich und trottet mit dem Jungen in die gleiche Richtung davon, die Max und ich ebenfalls nehmen müssen. Falls der mal auftauchen sollte.
Ich warte und bekomme schon langsam Panik, als ich endlich einen Nachzügler erspähe, der Max‘ braunen Haarschopf hat. Er ist einer der Letzten, die das Schulgebäude verlassen. Mit hängendem Kopf schlurft er die Treppe hinunter und gelangt auf den Gehweg. Urplötzlich bleibt er stehen und schaut sich um. Schließlich fällt sein Blick auf mich, und von Weitem kann ich sein fröhliches Zahnlückengrinsen erkennen.
Auffällig zwinkere ich ihm zu, und er überquert lächelnd die Straße, um den Heimweg anzutreten. Immer fünf Schritte hinter ihm, folge ich seinem Spiderman-Schulranzen, der ziemlich schnell davonwackelt – für so kurze Beine.
KAPITEL 8
EIN NACHMITTAG VOLLER
GEFÜHLE
Vor der Eingangstür seines Zuhauses zieht Max seinen Schulranzen aus und fängt an, darin nach dem Türschlüssel zu suchen. Ich steige die Treppe hoch und bleibe hinter ihm stehen. »Hallo, Max, alles klar?«
Er hebt seinen Kopf, und ein freundliches Strahlen erscheint auf seinem runden Jungengesicht.
»Hallo, Evodie. Ja, ich muss nur noch den blöden Schlüssel finden.« Abermals versenkt er den Kopf in seinem Ranzen, bis ich ihn mit kratziger Jungenstimme rufen höre: »Ah … da ist er.« Stolz zieht er den Schlüssel heraus und lässt ihn vor seiner Nase baumeln.
»Super. Dann brauch ich doch nicht durchs Fenster zu krabbeln«, erwidere ich trocken.
Max kichert. »Nein. Das geht doch gar nicht, die sind alle verschlossen. Da wärst du nie reingekommen.«
Ich kann es nicht lassen, vor dem kleinen Kerl anzugeben. »Hast du eine Ahnung! Ich komme überall rein, wenn ich will.«
Max schließt umständlich die Tür auf, und ich folge ihm in den kühlen Flur. Jonas‘ Aftershave liegt in der Luft, was meinen Magen in Schwingungen versetzt.
»Papa, wird gleich mit der Pizza kommen«, sagt Max und geht die Diele entlang bis zu der Treppe, die ins Obergeschoss führt.
Auf der untersten Stufe stellt er seinen Schulranzen ab und öffnet auf der linken Seite des Flures die Tür, die uns direkt ins Esszimmer führt. Ein langer, moderner Holztisch mit acht hellen Lederstühlen steht vor einer Glasfront, hinter der man den wunderschön grünen Garten ausmachen kann. Die Küche schließt direkt an den Essbereich an, und nur eine Theke mit drei Hockern grenzt den dahinterliegenden Kochbereich ab. Der große Raum wirkt durch die hellen Farben und die großen Fenster freundlich. Max öffnet den Riegel einer breiten Terrassentür und schiebt sie lautlos zur Seite. Vogelgezwitscher und eine laue Sommerbrise dringen zu uns herein.
»Wo sollen wir essen, Evodie? An der Theke oder am Tisch?«, fragt mich Max und wuselt geschäftig in die Küche. Seine braunen Haare flattern bei jeder Bewegung, und auf seinen Wangen liegt ein erfrischendes Rosa. Man sieht ihm an, dass er aufgeregt ist, einen Gast zu haben. Ich parke meine Handtasche auf einem der Stühle und schlendere zu ihm in die Küche, wo er sich bereits einen Hocker besorgt hat, um an die höher gelegenen Schränke zu kommen.
»Wo würdest du denn am liebsten essen?«, antworte ich mit einer Gegenfrage.
Max schaut zur Theke und leise überlegt er: »Normalerweise essen Papa und ich immer dort drüben, an der Theke, aber heute Mittag würde ich gern am Tisch sitzen.«
Seine Augen schillern blau, und ich schlucke den Kloß im Hals hinunter. Natürlich will Max am Tisch essen, so wie es jede Familie, mit Vater Mutter und Kind, tun würde.
»Gute Idee, Max, da können wir uns besser unterhalten«, lächle ich zustimmend und helfe ihm, drei Teller aus dem Schrank zu holen. Max sagt mir, wo die Gläser zu finden sind, während er das Besteck hinlegt. Er platziert gerade das letzte Messer, als wir Jonas rufen hören.
»Hallo, jemand zu Hause?«
»Ja. Papa!«, schreit Max und saust zur Tür, die in den Flur geht.
Jonas spickt zu uns herein. In einer Hand hält er drei Pizza-Schachteln, und mit der anderen verstrubbelt er fröhlich lachend seinem Sohn die Haare. Dieser stößt schließlich die Tür ganz auf, damit sein Vater eintreten kann.
»Hey, Großer, hat alles gut geklappt?« Mit einem fragenden Ausdruck sucht Jonas meinen Blick, und ich nicke unmerklich, weil ich Max nicht ins Wort fallen will, der liebevoll seinen Vater umklammert.
»Kein Problem, Papa. Evodie hat vor der Schule auf mich gewartet. Und wie versprochen, hat sie mich nach Hause begleitet, ohne mit mir zu reden.«
»Cool«, meint Jonas dazu, und seine Lippen formen ein lautloses »Danke« in meine Richtung.
Ich zucke vielsagend mit den Achseln und nehme meinem Chef die Pizzas ab, die ich auf den Esstisch stelle. Zügig zieht Jonas sein Jackett aus und hängt es über einen der Barhocker.
Die Herren stellen sich rechts und links neben mich, und zu dritt begutachten wir unsere Mahlzeit in den Kartons, die ihren köstlichen Duft nach gebackenem Brot, Käse und Tomaten verbreitet.
»Mmmh, lecker«, wispert Max, während ich genau das Gleiche denke und Jonas‘ Anwesenheit überdeutlich an meiner rechten Seite wahrnehme.
Er hat seine Hemdsärmel hochgekrempelt und hilft mir mit den Verpackungen, wobei sich unsere Unterarme immer wieder berühren. Zart kitzelnde Blitze schlagen dort auf meiner Haut ein, wo ich seine Wärme spüre.
Um meine durcheinandergeratenen Gefühle auf den Teppich zurückzuholen, wende ich mich an Max. »Genau das wollte ich auch gerade sagen.«
Gemeinsam verteilen wir die verschiedenen Pizzen auf unseren Tellern, und ich nehme gegenüber von Jonas Platz, der mir mit einem herrlichen Lächeln die Gehirnwindungen leerfegt. Dümmlich blinzelnd erwidere ich seinen Blick und könnte insgeheim schwören, dass er mit seinem Grinsen noch einen Zahn zugelegt hat, damit ich noch verlegener werde. Zu meiner Rettung reißt Max das Gespräch an sich.
»Heute gab es mal wieder Ärger«, schmatzt er und genießt es sichtlich, zwei Zuhörer zu haben. »Der rothaarige Junge, ich glaube, Leon heißt er, wurde zum Rektor gebracht.«
Wachsam beobachte ich Jonas, denn das war gar kein guter Einstieg für Leon, der Susans Sohn sein musste.
»Nanu, warum das denn?«, fragt Jonas mit zusammengezogenen Brauen.
Max genehmigt sich erstmal einen ausgiebigen Schluck von seinem Mineralwasser, bevor er spricht. Er kämpft gegen die Kohlensäure an, die in seiner Speiseröhre aufsteigt, was man ihm auch ansieht und mich schmunzeln lässt.
»Ein Viertklässler hat Leon geärgert, weswegen er dann auf ihn losgegangen ist.«
»Ganz schön mutig, der war doch bestimmt zwei Köpfe größer als dieser Leon, oder?«, wage ich einzuwerfen, um etwas Positives über Leon anzubringen.
»Ja, aber das stört den Leon nicht, ich glaub, wenn der sauer ist, würd er auch gegen ‘ne Wand rennen«, sagt Max, ohne zu zögern.
Jonas‘ kritischer Blick wird noch ernster. »Das ist nicht mutig, sondern … jähzornig, würde ich sagen.«
Meine Augen werden schmal, als ich Jonas ins Visier nehme. »Wer weiß, was der Junge durchgemacht hat. Ich habe heute Morgen vor der Schule seine Mutter kennengelernt, und sie macht einen ganz netten Eindruck. Ich glaube, sie ist ebenfalls alleinerziehend.«
Unverhohlen stiert Jonas mich an. »Wollen Sie mir damit sagen, dass Leon lediglich eine männliche Bezugsperson fehlen könnte und er kein verzogener Bengel ist?«
»Möglicherweise«, flöte ich leger, mit dem Glas Sprudel in meiner Hand, und trotze seiner herrischen Art.
»Oh, das wusste ich nicht, dass Leon keinen Papa hat«, kommentiert Max unser Blickduell.
Zutraulich beuge ich mich meinem Schützling entgegen. »Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob Leon nur mit seiner Mutter zusammenwohnt, aber ich vermute schon.«
Max nickt und spielt plötzlich nachdenklich an den Rillen seines Trinkglases herum. Auch wenn ich für Leon keinen Blumentopf bei Jonas gewinnen konnte, so habe ich wenigstens Max einen Denkanstoß verpasst. Ja, Leon hat mit ihm doch mehr gemein, als er vermutet hat, und das wird dem braunhaarigen Jungen gerade bewusst.
Jonas schiebt den Teller von sich. »So, ich sollte mich wieder auf ins Büro machen, vielleicht schaue ich heute Nachmittag nochmal rein. Ansonsten bin ich kurz nach siebzehn Uhr wieder hier.«
Mein Chef steht auf und zieht sein Jackett an, während ich die Teller einsammle und zum Geschirrspüler bringe.
»Vielen Dank für das Essen, Jonas«, bemerke ich nebenbei.
Ächzend zerrt er an dem Hemdkragen unter seinem Jackett herum. »Keine Ursache. Falls irgendein Problem auftaucht, haben Sie ja meine Handynummer, unter der können Sie mich jederzeit erreichen.«
Ich stelle das Geschirr weg und reibe fix meine Hände an meiner Jeans ab, um ihm zur Hilfe zu eilen. Mit nervösen Fingern nestle ich an seinem Hals herum und versuche, mich bloß auf seinen Hemdkragen zu konzentrieren. Schwer atmend bemerke ich, wie Jonas still hält und wie seine Finger immer wieder sanft den meinen in die Quere kommen.
Nein, das Kratzen seiner Bartstoppeln über meine Fingerknöchel finde ich überhaupt nicht erregend. Auch sein Adamsapfel, der merklich unter meinen Augen hüpft, bringt mich nicht um den Verstand.
Sein wundervolles Grübchen, im Kinn, schwebt vor meiner Nase, und ehe ich mich versehe, hängt mein Blick an seinen Lippen fest. Es gelingt mir tatsächlich, mich davon zu lösen. Doch zu früh gefreut, denn prompt bleibe ich wieder an seinen blauen Augen kleben, die völlig irritiert über mein Gesicht gleiten. Mein Herz nimmt sich vor, zur Feier des Tages doppelt so laut zu schlagen, während meine Knie die Koffer packen und mehrere Tage Urlaub beantragen.
Ich räuspere mich, um meinen Körper zur Vernunft zu bringen, und nehme mit einem Schritt Abstand von meinem Chef. »Morgen kümmere ich mich um das Mittagessen, wenn das okay ist?« Jonas nickt stumm, ohne mich aus den Augen zu lassen. »Gut. Wunderbar«, nuschle ich. Fahrig reibe ich mir den Hals und flüchte zurück an den Esstisch, um die Pizzakartons zu entsorgen.
Max ist zwischenzeitlich aufgestanden und hat ebenfalls seinen Teller weggeräumt.
»Evodie, machen wir gleich die Hausaufgaben, damit wir dann noch Fußballspielen können?«, kräht er aus der Küche, während ich ein paar Meter weiter um meine Fassung ringe.
Mein Zuckerschnittchen von Chef herzt seinen Sohn, bevor er geht und meint: »Braver Junge. Also bis später, ihr zwei.«
Lässig nicke ich ihm zu und gönne ihm keinen weiteren Blick mehr. Ich atme befreit auf, als ich höre, wie die Haustür ins Schloss fällt.
Der Nachmittag vergeht wie im Flug mit Mathe- und Deutschhausaufgaben und dem Elfmeterschießen, bei dem ich nicht mal schummeln muss, um zu verlieren. Mit hochroten Köpfen kommen Max und ich wieder ins Haus. Der kleine Junge überredet mich, in dem Gefrierschrank nach einem Eis zu suchen.
Nachdem wir uns im Schatten jeder einen Becher Eisschokolade reingezogen haben, fragt Max, ob er an den Computer darf. Ich gewähre ihm ein Stunde und gehe mit ihm auf sein Zimmer, um mir das Computerspiel genauer anzuschauen. Nachdem ich geprüft habe, dass es seinem Alter angemessen ist, mache ich mich vom Acker und beschließe, den Kühlschrank für das morgige Mittagessen zu durchstöbern.
Mein Kopf hängt gerade im Gemüsefach, als sich plötzlich zwei starke Hände um meine Taille legen. Erschrocken drehe ich mich um und finde mich Jonas gegenüber.
Gierig leuchten seine Augen, und er zieht mich voller Wucht an seinen Körper. Er wirft die Kühlschranktür hinter mir zu, um mich dagegenzupressen.
Ich glotze ihn lediglich an, denn mir hat es die Sprache verschlagen. Meine Hände legen sich auf seine kräftigen Oberarme, und halbherzig versuche ich, ihn wegzudrücken, weil das letzte Bisschen Verstand, das in meinem Hirn übrig ist, mir sagt, dass das verkehrt ist. Meine Atmung ist ein einziges Geholpere und fällt total flach aus, als ich bemerke, wie Jonas‘ Lippen immer näher an meine rücken. Ich bemühe mich, ihnen auszuweichen, doch er verfolgt mich erbarmungslos. Ergeben verharre ich an der kalten Kühlschranktür.
Lautlos flüstert Jonas an meinem Mund: »Ich weiß, dass du mich willst. Streite es nicht ab, Evodie.«
Er reibt seinen harten Körper an meinem, und mir wird ganz schwindlig. Frech wandern seine Hände an meinen Rundungen auf und ab. »Du schmeckst bestimmt fantastisch, Herzchen«, ächzt er im Takt seiner Bewegungen, vor meinen bebenden Lippen.
Und trotz der Hitze, die meinen ganzen Leib durchdringt, bringe ich es fertig »Nein, nicht!« zu rufen. Schwer atmend winde ich mich aus seiner Umarmung heraus und verziehe mich hastig in ein einsames Eck der Küche. Ich traue ihm nicht und schon gar nicht mir, weswegen ich die Hände in eine Abwehrhaltung erhebe, um ihn fernzuhalten.
»Das ist nicht gut«, hauche ich.
Jonas kommt langsam auf mich zu. Bedrohlich. Dunkel. Ein charismatisches Schmunzeln legt sich auf seinen Mund, der mir ganze Regenschauer über den Rücken jagt. Bis in jede meiner Poren vibriert seine tiefe Stimme.
»Das würde mehr als gut werden, Evodie, und du weißt das.«
Widerspenstig schüttle ich den Kopf. Ich will nicht so empfinden, ich darf nicht so empfinden. Und dennoch tobt das Begehren in mir, mich ihm an den Hals zu werfen, endlich von seinen Lippen zu kosten. Er sieht es mir an, denn sein Grinsen wird breiter und düsterer. Und dann ist es da, das untrügliche Gefühl, dass etwas nicht stimmt.
Missbilligend schnalzt Jonas mit der Zunge. »Du kannst es nicht vor mir verbergen.«
Und mit jedem Schritt, den er auf mich zukommt, verändert sich sein Gesicht, das mir mit einem Mal finster erscheint. Sein Hautton wird dunkler, seine strahlend blauen Augen werden auf einmal tief grün und seine Haare schwarz. Pechschwarz, wie seine markanten Brauen und seine Barthaare, die allmählich auftauchen.
Mein Hals wird enger und enger. Die Luft scheint immer dicker zu werden, sodass ich sie förmlich auf meiner Haut spüren kann. Nein, falsch, ich spüre einen Druck, den mächtigen Gegendruck des Eristen, der nun ganz nah vor mir steht. Es ist der Erist aus Jonas‘ Büro. Wie gebannt starre ich auf den beunruhigenden Mund, der von dem dunklen Bart umgeben ist, den ich beinahe geküsst hätte. Der mir die Sinne geraubt hat, mit Taten und mit Worten.
KAPITEL 9
KIRSCHSAFT, MEHR ODER WENIGER
»Du?«, stoße ich atemlos hervor, und zu meiner Schande fällt mir nichts Besseres ein als »Du … Ohhw!« ein zweites Mal zu röcheln.
Ich hebe meine Hände, um den Kerl wegzuschubsen, doch zu meinem Schrecken komme ich nicht gegen seinen Eristen-Druck an und kämpfe in der Luft gegen eine unsichtbare Wand. Immer wieder probiere ich, an seinen Körper zu gelangen, doch vergebens. Je mehr ich mich bemühe, desto weiter wirft es meine Hände zurück.
Verdattert blicke ich auf, in das teuflische Grinsen meines Gegners, der mich regelrecht verhöhnt.
»Ist wohl nicht so einfach, den Widerstand eines mächtigen Eristen zu überwinden, wenn er das nicht will, was, Schätzchen?«
Langsam kommt er näher an mein Gesicht heran, und fassungslos bemerke ich, wie es ihm keine Mühe bereitet, diesen Widerstand zu überwinden, der uns trennt, und zugleich meinen Hinterkopf an den Küchenschrank zu pressen.
Die kräftigen Nasenflügel des Eristen beben, und seine Augen blitzen vor Überheblichkeit. »Man muss es nur genug wollen? Aber vielleicht bist du einfach bloß zu schwach, Cupida.«
Das letzte Wort spuckt er regelrecht aus, wie ein Schimpfwort. Jede Freundlichkeit ist aus seinen Zügen verschwunden, und er neigt schwach sein Haupt, was seine Augen noch unheilvoller, seine Miene noch bedrohlicher wirken lässt.
Meine Wut über seine Arroganz explodiert in einer gleißend roten Fontäne, und eh ich mich versehe, geht eine Schublade auf.
»Vielleicht kann ich dich nicht mit meinen Händen berühren, aber das brauche ich auch gar nicht«, presse ich wütend hervor und lasse ein großes Fleischermesser auf ihn zufliegen. Mehrmals sticht es auf ihn ein, und gibt mir damit Genugtuung. Zumindest ein kleines bisschen, da ich weiß, dass ich ihm nichts anhaben kann.
Schon vergessen? Ein Engel stirbt oder löst sich vielmehr bloß auf, wenn er gegen die Regel verstößt und einen Menschen vorsätzlich verletzt.
Überrascht schaut der Erist mit qualvoller Mimik an sich herunter. Da, wo ihn das Messer sticht, färbt sich plötzlich sein Hemd in rasanter Geschwindigkeit blutrot. Er fasst sich Drama-Queen-mäßig an den Oberkörper und stöhnt, als hätte er die größten Schmerzen. Der Idiot! Dabei empfinden wir Engel nur einen winzigen Bruchteil der Schmerzen, die ein Mensch wahrnehmen würde. Diese Pseudoschmerzen dienen uns lediglich als Gedächtnisstütze, um entsprechend reagieren zu können, wenn wir im Sichtbarkeits-Modus im Beisein von Menschen verletzt werden.
Das Blut quillt, weil er das so aussehen lassen will, zwischen seinen Fingern hervor und leuchtet hellrot in der Nachmittagssonne. Der elende Schauspieler lässt es sogar auf die Bodenfliesen tropfen.
»Jetzt hör aber auf!«, schnaube ich angewidert und entlasse das Messer wieder an seinen Platz in der Schublade, allerdings im sauberen Zustand. Zornig, weil er sich mit diesem stümperhaften Theater über meine Wut lustig macht und den sterbenden Schwan markiert, kehre ich ihm den Rücken zu, um ihn mit Nichtachtung zu strafen. So ein aufgeblasener Affe!
Doch das passt dem Herrn nicht, und er reißt mich am Arm herum, um mich erneut gegen den Schrank zu donnern.
Himmel nochmal, der Typ macht mit mir, was er will, und ich kann ihm nicht mal eine scheuern. Das ist mehr als frustrierend.
Zu allem Übel legt er seine Hand auf meine Kehle, drückt zu und nagelt mich damit an Ort und Stelle fest. Könnte ich sterben, würde er mich jetzt erwürgen, aber weder kann ich das eine noch tut er das andere. Da ich so nicht das Zeitliche segnen kann, ist es einfach nur unangenehm.
»Ich soll aufhören? Oh nein, meine Süße, jetzt fängt der Spaß erst richtig an. Soll ich Nyra oder lieber doch gleich Phileas sagen, dass du auf deinen Klienten scharf bist? Du sollst die Beste deiner Legion sein? Das ich nicht lache. Diesen Auftrag habe ich so sicher in der Tasche wie keinen anderen – und das, weil du, mein Schatz, eine lüsterne Cupida-Schlampe bist.«
Heißer Zorn steigt in mir hoch, und mein Unvermögen, mich gegen ihn zu wehren, bringt mich fast um den Verstand. Der Pisser hält meinen ganzen Körper mit seinem Willen unbeweglich, und ich kann mich vor lauter Rage nicht konzentrieren, um etwas gegen ihn zu unternehmen. Meine Zähne beißen fest aufeinander, und ich spüre, wie ich meine Lippen zusammenverkneife. Ich bin bis zum Rand geladen und weiß mir nicht anders zu helfen, als die Stühle anzuheben, um sie auf seinem Körper zu zerschmettern. Aber … ich könnte heulen, denn soweit lässt der Blödmann es gar nicht kommen. Er hat die Bewegung der Möbelstücke rechtzeitig bemerkt und bekämpft mich mit seinem Willen, indem er sie wieder zu Boden drückt. Tapfer halte ich dagegen, leider erfolglos. So schweben die Stühle wenige Zentimeter über dem Parkett in einem andauernden Auf und Ab.
Ich weiß nicht, woher der Kerl die Kraft nimmt, mich unbeweglich zu halten und gleichzeitig gegen meinen Schutzwall und mein Bestreben anzukämpfen, ihn abzumurksen. Schweiß tritt mir vor Konzentration auf die gerunzelte Stirn, und auch bei ihm sehe ich einzelne Tropfen über die Schläfen rollen.
»Hör auf und sieh einfach ein, dass du verloren hast – dass du zu schwach bist«, raunt er mit heißem Atem an meiner Wange.
Ein Rumpeln auf der Treppe alarmiert uns, und sofort geben wir beide die Stühle frei, die auf den Boden donnern. Max‘ Stimme ertönt unweit im Flur.
»Evodie, ist Papa da?«
Sofort lässt der Erist mich los, geht einen Schritt zurück und streicht sein Hemd glatt, auf dem keinerlei Blutflecken und Einstichstellen mehr zu finden sind.
»Äh, nein«, stammle ich, und den Eristen ziert schlagartig ein nettes Lächeln.
Der Idiot im schwarzen Anzug ruft freudig über seine Schulter: »Hallo, Max, ich bin es.«
Sogleich erfolgen ein Gepolter und ein Jauchzen. »Onkel Demian?!«
Meine Augen werden zu Tennisbällen. Er ist es also wirklich, Artreus‘ und Hectors Widersacher, der teuflische Erist, Onkel Demian.
Die verarschen mich doch hier. Onkel auch noch, wie soll das denn gehen?
Max springt immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe herunter. »Onkel Demian«, schreit der kleine Junge ein weiteres Mal und wirft sich gegen den Eristen.
Shit, der Typ hat bei dem Kleinen einen ziemlich dicken Stein im Brett. Das ist eine absolute Katastrophe.
Onkel Demian knufft Max an den Schultern. »Dein Vater hat eine Besprechung, weswegen er mich gebeten hat, nach euch zu schauen. Wahrscheinlich wird es ein bisschen später, bis er heimkommt.«
Klar, und du hast damit überhaupt nichts zu tun, denke ich, während Max vor Demians Füße zeigt. »Hey, ist das da Blut auf dem Boden?«
»Oh, nein«, wiegle ich sofort ab. »Das ist nur … Kirschsaft.«
»Was, wir haben Kirschsaft? Ich will auch einen. Bitte!«, quengelt Max.
Onkel Erist grinst gehässig. »Ja, ich hätte auch gern Kirschsaft.«
Ich kneife die Augen zusammen, was dem Blödmann zeigt, was ich von ihm halte, denn meine Höflichkeit verbietet es mir, es laut auszusprechen. Schnaufend gehe ich zum Kühlschrank und hole eine Flasche mit Kirschsaft heraus, die ich herbeigewünscht habe.
»Habt ihr euch gestritten? Das hat sich vorhin so angehört.« Mit kritischem Kennerblick beäugt Max seinen Pseudo-Onkel und mich im Wechsel.
»Nein«, widerspricht dieser und lügt dem Kleinen frech ins Gesicht, sodass sich die Balken biegen. »Ich würde doch nie mit einer hübschen Frau streiten.«
»Nein«, spiele ich die Entrüstete, stelle den Saft ab und hole zwei Gläser aus dem Schrank. »Das würde dein Onkel nie tun, wie er auch nie lügen würde.«
Ich schenke den Saft ein und reiche jedem ein Glas. Gemein wie ich bin, verpasse ich Demians Getränk einen heftig bitteren Geschmack.
Er genehmigt sich einen großen Schluck. Angewidert verzieht sich sein Mund, und als er sich unmerklich schüttelt, schenke ich ihm ein süßes, unschuldiges Schmunzeln. Ohne Vorwarnung kommt seine Revanche, und mir kracht hinterrücks eine Schublade in den Po.
Aua!
Diabolisch zuckt Demians Augenbraue in die Höhe. »Hoppla! Was war denn das? Ein Poltergeist?«
Glücklicherweise bekommt Max von unserem Geplänkel nichts mit, da er gerade auf Kirschsaft-Tauchgang in seinem Trinkglas ist, weswegen ich ungeniert patzig kontern kann. »Ja, wahrscheinlich ist der Poltergeist ein verbitterter alter Sack, der andere Leute nur nerven kann.«
Verdammt, das würde ein hammerharter Auftrag werden. Der Eristen-Satansbraten würde es mir nicht leicht machen.
»Evodie, dein Armreif ist ja auf einmal rot?«, meint Max, und ich überprüfe jäh seine Aussage.
Tatsache. Der Stein meines Cupida-Armreifs zeigte das Zeichen zur Rückkehr in die Zentrale. Gut, ich kann nichts daran ändern, Phileas muss einfach warten, bis Jonas zu Hause ist und ich meinen Posten verlassen kann.
Demian beobachtet mich neugierig und holt mit einen niederträchtigen Grinsen seinen Eristen-Fingerring aus seinem Jackett, den er sich gleich ansteckt. Dieser glüht weder grün noch rot. »Ich muss euch jetzt leider wieder allein lassen. Mach‘s gut, Max«, sagt er und tätschelt dem Kleinen die Wange.
Dann kommt Demian zu mir, stellt absichtlich sein Glas hinter mich auf die Arbeitsfläche, sodass er absichtlich meine Schultern anrempeln kann und wispert: »Wir zwei sehen uns bestimmt bald wieder, Evodie. Ich kann es kaum erwarten.«
Wie immer spüre ich den Druck, sobald er in meiner Nähe ist. Es macht mich schier wahnsinnig, dass er mich jederzeit berühren kann, wie es ihm passt, aber ich ihn nicht. Ich sollte es ihm ebenso schwermachen.
Im selben Augenblick beginne ich damit und stelle mir vor, ihn von mir zu schieben. Mit aller Kraft. Doch Demian schnalzt lediglich: »Tststs, so schwach«.
Deswegen kratze ich mir mit dem Mittelfinger die Nase und schaue ihm dabei tief in die Augen, damit er ja versteht, wie sehr ich ihn verabscheue.
Max hüpft indessen bester Laune zur Tür hinaus. »Okay, Onkel Demian. Ich gehe wieder nach oben, Computer spielen, meine Stunde ist nämlich bald um.«
Auch ich entschließe mich zum Rückzug. »Ja, Tschüss, Onkel Demian«, keife ich bissig und gleite wie Königin Etepetete davon in den Garten.
Draußen im frischen Grün, zwischen den Hortensien, bleibe ich stehen, schließe die Lider und atme drei Mal tief durch. Der Duft von warmem Gras und Lavendel schwelgt um mich herum. Mühevoll konzentriere ich mich auf die Geräusche, die an meine Ohren dringen. Das sanfte Rauschen der Blätter von den Fliederbüschen, die neben mir stehen, das leise Summen der Bienen, die im Lavendel auf Nahrungssuche sind, und das entfernte Dröhnen der Autos, das man noch immer von der Schnellstraße hören kann. All das hilft mir, Ruhe zu finden und die nagende Wut in mir zu löschen, die Demian so leicht zum Lodern bringt.
Nach einer Weile traue ich mich in die Küche zurück. Ich bin heilfroh, dass von Demian nichts mehr zu sehen ist, außer den Blutflecken, die wir auf die Schnelle vergessen hatten fortzuwünschen, als Max unseren Kampf unterbrach. Um mich von dem fiesen Eristen abzulenken, vertrödele ich die Zeit, indem ich den Fliesenboden reinige und das Geschirr aus der Geschirrspülmaschine in die Schränke räume. Natürlich könnte ich das alles innerhalb eines Wimpernzuckens erledigen, aber diese körperliche Beschäftigung brauch ich jetzt einfach.
Max‘ Computerstunde ist vorbei, und ich hole ihn ins Esszimmer, wo wir ein Würfelspiel spielen. Endlich höre ich die Haustür, und bald darauf betritt Jonas den Raum. Ich blicke ihn an, und mir stockt der Atem, was Demians Schuld ist. Diese fantastischen Lippen lagen heute schon an meinem Mund, diese gepflegten braunen Hände ruhten schon auf meinen Hüften. Auch wenn es nur Demian war. Und doch auch nicht.
Verärgert ertappe ich mich dabei, wie ich mich für einen Moment frage, ob der Mann hier vor mir wirklich Jonas ist. Aber als ich sein schüchternes Lächeln wahrnehme, mit dem er mich begrüßt, und die Art, wie er Max über den Kopf streicht, bin ich mir sicher, dass er der echte Jonas ist.
»Na, wie war euer Nachmittag?«, will mein Chef wissen.
»Toll«, quiekt Max. »Onkel Demian war da, und Evodie hat Fußball mit mir gespielt, dann haben wir eine Eisschokolade getrunken und später noch Kirschsaft.«
Jonas‘ Haaransatz rutscht nach oben. »Kirschsaft?«
»Äh ja, den hatte ich besorgt«, verhasple ich mich, was vollkommen der Wahrheit entspricht.
»Gut«, nickt Jonas, stellt seine Aktentasche ab und setzt sich zu uns an den Tisch. Ohne Umschweife wendet er sich an Max. »Würdest du mich bitte mit Evodie mal kurz allein lassen?«
Max‘ Gesicht entgleist in bodenlose Traurigkeit, und ich frage mich, weswegen. Ich vermute, entweder, weil er das Zimmer verlassen muss oder weil er Angst hat, dass sein Vater mich wegschickt und ich nicht mehr kommen darf.
»Okay, ich gehe solange Fernsehschauen.« Mit hängenden Schultern schlurft Max durch die Tür.
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