Читать книгу: «Du in meinem Kopf»
Ewa A.
Du in meinem Kopf
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
1. Dinge, die man hasst
2. Dinge, die man nicht begreifen kann
3. Dinge, die man nicht sehen will
4. Dinge, die man nicht tun will
5. Dinge, die man nicht wahrhaben will
6. Dinge, die man nicht erwartet
7. Dinge, die man nicht erleben will
8. Dinge, die man nicht glauben kann
9. Dinge, die man nicht ahnen kann
10. Dinge, die man nicht wissen kann
11. Dinge, die man nicht fühlen will
12. Dinge, die einen zornig machen
13. Dinge, die man vergessen will
14. Dinge, die man verändern will
15. Dinge, die man sich wünscht
16. Dinge, die man nicht so meint
17. Dinge, die man nicht kontrollieren kann
18. Dinge, die einen umbringen
19. Dinge, die man haben will
20. Dinge, die man tun muss
Ein paar Worte
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Impressum neobooks
Impressum
Du
in meinem Kopf
von
Ewa A.

Text:
Copyright © 2020 Ewa A.
Alle Rechte vorbehalten
Cover:
Copyright ©
www.sturmmöwen.at
Korrektorat:
https://korrektoratia.jimdosite.com/
Verlag:
E. Altas
Bundesstr. 6
79423 Heitersheim
ewa.xy@web.de
https://www.facebook.com/EwaA.Autorin
Die Geschichte sowie die Personen und die Orte in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Begebenheiten, Orten, lebenden oder toten Personen sind in keiner Weise beabsichtigt und wären purer Zufall.
1. Dinge, die man hasst
Hazel
Es war ein milder Spätsommerabend und durch den Park von New Stamford schwebte der verlockende Duft von Popcorn und Zuckerwatte. Kinderlachen, Stimmengewirr und Musikfetzen wehten in einer warmen Brise zu uns heran. Das grüne Laub des Ahornbaums warf seine unruhigen Schatten auf den Zeichenblock, der auf meinen Oberschenkeln ruhte und auf dem das Gesicht eines Mädchens langsam Formen annahm. Es sollte das meiner besten Freundin Sam darstellen, die neben mir quer auf der Wiese lag und meinen Oberschenkel als Kopfkissen benutzte.
»Ehrlich gesagt, wäre ich echt froh, wenn meine Mom mir ein Date besorgen könnte.«
Der traurige Unterton in ihrer Stimme ließ mich innerlich zusammenzucken. Sams Mom war vorletztes Jahr nach einer schweren Krankheit gestorben. Kein Wunder also, dass sie die Versuche meiner Mutter, mich mit irgendwelchen Kerlen zu verkuppeln, in einem ganz anderen Licht als ich sah. Sie wäre mit Sicherheit glücklich, wenn ihre Mom ihr damit noch auf die Nerven gehen könnte.
»Verdammt, Sam. Ich beschwere mich hier über Kleinigkeiten, dabei ... Es tut mir leid«, nuschelte ich zerknirscht.
Sam schloss für eine Sekunde die Lider und grinste mich dann traurig an. »Hey, nein. Schon okay. Ich wollte nicht rumheulen.«
Mit einem Seufzen malte ich an der Nase meiner Zeichnung weiter. »Naja, vielleicht hättest selbst du irgendwann keinen Bock mehr darauf, fast jede Woche einen komischen Typen zu treffen, den deine Mutter dir ausgesucht hat. Entweder sind sie genauso angepisst wie ich oder – noch schlimmer - übereifrig bei der Sache, was echt eklig ist.«
Sam lachte auf. »Nun komm schon, ganz so schlimm ist es nicht. Sie schleppt dir nur ab und zu einen Kerl an.«
»Nein, sie schleppt sie nicht an. Sie zwingt mich zu den Knallfröschen hin – in Lucys Diner. Und doch: Es ist furchtbar. Scheißegal, wie oft sie das macht, es wird nicht besser. Denk doch bitte mal an den miesen Wurm, der mir ständig auf die Möpse gestarrt hat. Zu allem Übel war er noch zwei Jahre jünger als ich und reichte mir gerade bis ans Kinn. Und nur zur Erinnerung: Ich selbst bin schon ein Zwerg.«
Sam kicherte. »Mag ja sein, Schneewittchen, aber vielleicht hat er dir ja deswegen ständig auf die Hupen gestarrt, weil die praktischerweise auf seiner Augenhöhe lagen. Oder eher standen? Hingen?«
Mit einem warnenden Knurren beendete ich das Zeichnen, um Sam einen mörderischen Blick zuzuwerfen. »Hingen? Ich glaube, du tickst wohl nicht ganz richtig! Bei mir hängt nichts.«
Doch Sam scherte sich nicht darum und amüsierte sich weiter auf meine Kosten. »Möglicherweise war er aber auch nur kurzsichtig und dachte, er würde dir in die Augen schauen.«
»Klar«, stimmte ich sarkastisch zu. Noch immer angewidert von dem vergangenen Date schüttelte es mich. »Der Troll war widerlich.«
»Hey, kann ja sein, dass ihre neuste Eroberung ein wirklich netter Kerl ist?«
»Nie und nimmer. Ich sollte mich weigern, ihn zu treffen.«
»Wann ist das Date?«
Ich versuchte, mich an die morgendliche Unterhaltung mit meiner Mom zu erinnern. »Übermorgen, wenn ich mich recht entsinne. Also am Mittwoch soll ich den nächsten Trottel in Lucys Diner treffen.«
»Dann hast du ja noch genügend Zeit, dich darauf vorzubereiten.«
»Ja, gute Idee. Ich sollte mir vorher die Kante geben oder irgendwelche Pillen einwerfen, die mich das kommende Date des Grauens im Vollrausch und ohne jegliche Erinnerung überstehen lassen.«
»Bloß nicht, sonst kann der Kerl mit dir anstellen, was er will und du merkst es nicht einmal.«
»Ohw, stimmt. Fataler Denkfehler. Verdammter Mist!«
»Ach, das überstehst du auch noch. Abgesehen davon besteht ja immerhin die Chance, dass es diesmal gar nicht so übel werden könnte.«
Fassungslos schüttelte ich den Kopf. »Deine Fantasie möchte ich haben, echt, he.«
»Dann sag deiner Mom doch einfach, dass du keinen ihrer aufgerissenen Kerle mehr treffen willst.«
»Das schaffe ich nicht«, jammerte ich und widmete mich wieder Sams Gesicht auf dem Papier. »Ich habe es ja schon probiert, aber sie wird dann jedes Mal traurig, weil sie glaubt, mir nicht helfen zu können, und ich bekomme dann ein total schlechtes Gewissen. Sie meint, wenn ich einen Freund hätte, wäre ich glücklich.«
»Wie kommt sie denn darauf?« Sam reckte den Kopf nach hinten, sodass da, wo zuvor ihr Scheitel neben meinem Zeichenblock gelegen hatte, ihre Augen auftauchten. Tiefe, grüne Seen staunten mich an. »Bist du das etwa – unglücklich?«
Ich zögerte, weil ich mich das selbst schon zu oft gefragt hatte. Was machte Glück aus? Hieß glücklich sein, jeden Tag aus vollem Hals zu lachen? Sich in seiner Haut wohlzufühlen? Freunde zu haben? Dann war ich glücklich. Aber wenn es bedeuten würde, von anderen akzeptiert oder zumindest nicht als Freak bezeichnet zu werden, sich insgeheim nicht schlecht zu fühlen, weil man eben nicht wie alle anderen um einen herum war, dann … ja. Dann müsste ich mich als unglücklich bezeichnen. Denn dank einiger meiner Mitschüler fühlte ich mich als Außenseiterin, als Freak, als schleimiger Bodensatz der Highschool, obwohl ich das nicht wollte.
Sam richtete sich auf, drehte sich zu mir und starrte mich voller Sorge an. »Hazel Penelope Brown, bist du etwa unglücklich?«
»Nein. Nein, natürlich nicht. Schließlich habe ich die beste Freundin der Welt. Wie könnte ich da unglücklich sein?«, wehrte ich übertrieben theatralisch ab. Allerdings blieb mir der fahle Geschmack einer Lüge auf der Zunge kleben.
Ein schiefes Grinsen trat auf Sams Gesicht. »Na, das will ich auch meinen. Außerdem gibt es wesentlich Schlimmeres als ein Blind Date, das von der eigenen Mutter arrangiert wurde: Zum Beispiel auf Geschichte zu lernen, was ich heute Abend leider noch machen muss. Also komm, gehen wir langsam heim.«
Ich kniff die Augen zusammen. »Nur, wenn wir uns auf dem Heimweg noch Eiscreme besorgen.«
»Überredet«, stimmte Sam zu und ich packte flink meinen Zeichenblock samt Stift in den Rucksack. Nebeneinander schlenderten wir in Richtung Ice Cream Factory davon. Wir alberten herum und dachten uns waghalsige Aktionen aus, mit denen ich mich aus dem Blind Date herauswinden könnte, als ich aus der Ferne das Geräusch von heranrollenden Skateboards wahrnahm. Ich sah mich um und entdeckte auf einem Weg, der aus einem anderen Eck des Parks entsprang und bald mit unserem zusammenlaufen würde, zwei Typen auf ihren Boards. Sie waren mir bekannt, denn beide spielten im Footballteam unserer Highschool, gehörten zu den coolen Leuten der Seniorstufe und waren somit ein Jahrgang über uns. Wie es für solche Typen, die auf der Erfolgswelle oben schwammen, üblich war, wurden sie von fast allen Mädchen der Stadt angehimmelt. Sam und ich schienen die Einzigen zu sein, die dem Charme der footballspielenden Neandertaler nicht erlagen.
Auch meine Freundin hatte die beiden auf dem anderen Weg ausgemacht. »Hast du schon den neuesten Klatsch über Connor Ward und Brianna Cunningham gehört?«
»Ehrlich gesagt, höre ich schon gar nicht mehr richtig hin. Ist doch immer das Gleiche bei denen: ständig irgendein künstliches Drama in ihrer On-Off-Beziehung. Wie oft haben die sich schon getrennt? Es ist ein Wunder, dass sie dabei den Überblick nicht verlieren.«
Sam kicherte. »Wahrscheinlich führen sie eine Strichliste, um abzuchecken, was wieder fällig ist.«
Heimlich linste ich zu den beiden Jungs hinüber und im selben Moment traf mich auch der Blick des überdurchschnittlich groß und kräftig gewachsenen, dunkelblonden Connors. Er dauerte nur einen Wimpernschlag und doch schaffte er es, in dieser Zeit und auf die Entfernung mich zu verblüffen. Ehrlich, nicht eine Farbtube in meinem Aquarellkasten könnte es mit dem außergewöhnlichen Blauton seiner Augen aufnehmen. Er war weder richtig blau noch grün und doch schien er irgendwie auch beides zu sein. Ein helles Türkis, ja, das war die Farbe seiner Augen.
Connor
Ich stieg gerade auf mein Skateboard und wollte mit meinem Freund Ethan zusammen nach Hause brettern, als ich hinter mir einen Ruf hörte.
»Hey, Connor, warte!«
Ich blieb stehen und sah mich um. Es war Benji, ein zehnjähriger Junge, den ich von unserem Skatepoint kannte.
»Mann, was will denn der kleine Krüppel jetzt schon wieder?«, maulte Ethan neben mir.
Ich ignorierte meinen Kumpel und grinste Benji freundlich entgegen. Er war wirklich noch ein bisschen klein für sein Alter, aber dafür umso entschlossener. Tapfer versuchte er, trotz eines zu kurz geratenen Beines mit dem Board so schnell wie möglich zu uns hinüberzuskaten und währenddessen noch ein paar neue Flips einzubauen, die ich ihn heute gelehrt hatte. Sie glückten ihm nur mittelmäßig und doch freute ich mich darüber, fühlte Stolz in mir aufsteigen.
»Hey, Connor«, hechelte er nochmals, als er mit einem wackligen Absprung vor unseren Füßen landete. Er schob sein zu lang geratenes Shirt hoch und angelte etwas aus seiner Hosentasche, das er mir eine Sekunde später in seiner ausgestreckten Hand hinhielt. »Hier, für dich. Mein Glücksstein«, sprach er und grinste schief.
Ethan drehte sich mit einem Stöhnen von uns fort und rollte auf seinem Board davon. Ich gab mir Mühe seinen Laut zu übertönen, um es dem Kleinen nicht noch peinlicher zu machen.
»Hey, das ist echt cool von dir, Benji. Aber du musst mir deinen Glücksstein nicht schenken. Ich brauche ihn nicht.«
Er grinste noch immer. »Doch, jeder braucht Glück. Ich will, dass du ihn nimmst. Du hast mir in den letzten Wochen unheimlich viel beigebracht und … Und ... du warst die erste Zeit nach unserem Umzug nach New Stamford mein einziger Freund hier.«
Nach dem gestammelten Satz konnte ich das Geschenk nicht mehr ablehnen und nahm ihm den erdbraunen Klumpen mit einem Nicken ab. Der Stein war kugelrund wie eine Murmel, hatte weiße ineinander verschlungene Linien und wog für seine geringe Größe überraschend schwer in meiner Hand.
»Er ist von meiner Grandma. Sie ist eine bekannte Schamanin und hat mir diesen besonderen Moqui geschenkt, weil er Glück bringt, und jetzt schenke ich ihn dir.«
Überrascht sah ich von dem ungewöhnlichen Stein auf. »Bist du dir sicher, dass du ihn hergeben willst?«
»Klar doch«, sprach Benji und lachte, dass seine dunkelbraunen Augen funkelten. »Dank dir habe ich hier jetzt viele Freunde gefunden. Sie halten mich für total cool und wollen von mir die Skatetricks lernen, die du mir beigebracht hast. Ich will, dass der Stein jetzt dir gehört. Er soll dir ebenso Glück bringen wie mir.«
»Das ist krass, Bro. Danke.« Ich umschloss den Glücksstein mit meiner Faust, die ich sacht auf seiner kleinen aufschlagen ließ.
»Nichts zu danken, Bro«, entgegnete der Kleine.
»Okay, dann mach´s gut, Benji«, verabschiedete ich mich von ihm, steckte den Stein in meine Hosentasche und skatete Ethan hinterher. Er hatte einen ziemlichen Vorsprung hingelegt, doch bald hatte ich ihn eingeholt.
»Mann, Alter« empfing mich mein Freund. »Nicht nur, dass deine Schnalle dich betrügt, jetzt gibst du dich auch noch mit verkrüppelten Indianerkindern ab.«
»Ey, du bist nicht nur ein Idiot, sondern obendrein ein rassistisches Arschloch. Also behalt in Zukunft solche Sprüche besser für dich, sonst vergesse ich, dass du mein bester Freund bist.«
»Selbst wenn ich mir die Sprüche verkneife, bist du trotzdem ein Weichei. Serviere Brianna endlich ab, Mann. Selbst die Jungs im Park reden schon darüber, dass sie dich mit Dylan betrogen hat. Nicht nur die von unserer Schule wissen Bescheid. Begreif es endlich!«
»Hör zu, Ethan, das geht niemanden etwas an - nicht mal dich«, grollte ich und nahm immer mehr Speed auf. Ich bretterte den geteerten Weg entlang und hörte plötzlich ein Lachen aus der Nähe. Es waren zwei Mädchen aus einer unteren Jahrgangsstufe, die auf einem anderen Pfad liefen, der sich mit unserem weiter vorn verbinden würde. Ich erkannte sie an ihren Frisuren. Während die eine einen roten Lockenkopf hatte, reichte der anderen ihre hellbraune Mähne bis zum Hintern. Letzte stach deswegen immer aus der Menge hervor. Auch wegen ihrer seltsamen Kleider, die verwaschen und voller Farbkleckse waren. Einerseits wirkte sie zwar cool, aber andererseits auch etwas abgerissen und irgendwie schmuddelig. Der Gedanke, dass ausgerechnet die beiden etwas von der Auseinandersetzung zwischen Ethan und mir mitbekamen und noch mehr Gerüchte über Brianna und mich verbreiten könnten, war mir zuwider. Aus diesem Grund raste ich weiter und hoffte, mit genügend Abstand zu ihnen ein unbelauschtes Gespräch führen zu können.
»Das ist eine Sache zwischen Brianna und mir. Es interessiert mich nicht, was andere glauben, zu wissen«, zischte ich Ethan leise zu.
Inzwischen hatte er auf seinem Board ebenso Stoff gegeben, um mit mir mithalten zu können. »Sollte es aber, als Kapitän der Footballmannschaft. Wenn du mit Brianna nicht Schluss machst oder Dylan eine aufs Maul haust, könnten die Jungs vom Team – ach, was rede ich, von der ganzen Schule – dich nicht mehr für voll nehmen. Du musst etwas tun, Alter!«, hackte er außer Atem nach.
Stinkwütend sah ich zu meinem Freund, der nun wieder neben mir fuhr. »Warum? Brianna hat mir geschworen, dass nichts zwischen ihr und Dylan gelaufen ist. Und das ist alles, was für mich zählt. Ich vertraue ihr und du solltest mir vertrauen. Du bist mein Freund und ich dachte, du stehst hinter mir.«
Wir verließen den Park und bogen nacheinander in unsere Straße ab, die in Queens lag, ein Viertel New Stamfords, in dem die Reichen und Mächtigen ihre protzigen Villen gebaut hatten.
»Mann, das ... das tue ich doch auch. Ich wollte nur … Versteh doch, nicht nur die Jungs vom Team, alle von der Schule schauen zu dir auf, aber nach der Sache mit Dylan … Echt, Mann, du solltest zeigen, dass ein Mädchen so nicht mit einem Kerl umgehen darf. Ich sag dir, wenn du nichts unternimmst, kommst du rüber wie ein Waschlappen und das wirst du früher oder später büßen. Willst du das etwa?«
Ich bremste mein Board hart aus. »Soll ich dir sagen, was ein Waschlappen ist? Ein Typ, der auf das Geschwätz dummer Leute hört und nicht auf das, was seine Freundin ihm erzählt. Nur ein Schisser zieht den Schwanz ein und steht nicht zu seinen Freunden, wenn es unbequem wird. Also komm mir nicht auf die Tour. Oder soll ich dich das nächste Mal auch hängen lassen und allen die Wahrheit erzählen, dass es keine Schlägerei auf einem Konzert war, sondern dein Dad, der dir wie schon so oft das Gesicht blau und grün poliert hat?«
Beschämt kam Ethan neben mir zum Stehen und wich meinem drohenden Blick aus. »Nein, Mann. Tut mir leid, du hast ja recht. Ich … ähm …«
Ethan wirkte auf einmal total niedergeschlagen. Ich begann mir Sorgen zu machen, weil ich ihn noch nie zuvor so erlebt hatte. Aber gerade als ich ihn fragen wollte, ob er mir was Wichtiges zu sagen habe, winkte er ab. »Ach, vergiss es. Wir sehen uns dann morgen früh.«
Da es mehr wie eine Frage klang, nickte ich. Mit hängenden Schultern fuhr Ethan in die nächste Auffahrt und auf das Haus seiner Eltern zu. Ich skatete noch ein Stück weiter die Straße bergauf. Ein paar Minuten später betrat ich die große Eingangshalle von meinem Zuhause. Dad stieg gerade in einem Smoking die Treppe herunter, als ich die Tür hinter mir schloss.
»Aha, da bist du ja endlich. Solltest du nicht besser lernen, als mit dem Skateboard in der Gegend herumzufahren? Schließlich willst du nach Harvard und nur ein guter Quarterback zu sein, selbst mit einem Sportstipendium in der Tasche, reicht nun mal nicht aus, um ein Spitzenanwalt zu werden.«
»Ja, Dad«, ächzte ich und hoffte, seiner Predigt zu entkommen.
»Junge, was ist? Glaubst du, ich hätte all das hier geschenkt bekommen?« In einer Bewegung breitete er die Arme aus, als präsentiere er mir zum ersten Mal seinen Besitz. Dabei war das seine liebste Geste, wenn er mir diese selbstherrlichen Reden hielt. »Dafür musste ich hart arbeiten. Um die Kanzlei deines Großvaters übernehmen zu dürfen, verlangte mein Vater von mir, besser als alle seine Partner zu sein. Nur aus diesem Grund blieb der Name Ward der erste auf dem goldenen Türschild. Und das ist er bis heute, weil ich jeden Tag aufs Neue beweise, dass ich es verdiene, an erster Stelle zu stehen. Selbst heute Abend, wo andere ihren Feierabend mit einem Drink genießen, gehe ich mit deiner Mutter zu einem Geschäftsessen. Wenn du diese Kanzlei führen und deinen derzeitigen Lebensstandard halten willst, musst du mehr als hundert Prozent geben, Junge.«
Während mein Vater die letzte Stufe erreichte, wollte ich mich die Treppe aufwärts an ihm vorbeidrängen. Doch er packte mein Handgelenk und hielt mich auf.
»Connor, es ist nur zu deinem Besten. Das weißt du doch, oder? Auch wenn wir dich die Community Highschool von New Stamford besuchen lassen, weil wir unsere Wurzeln in dieser Gemeinde respektieren, musst du dich danach dennoch für eine der führenden Universitäten des Landes qualifizieren. Um beruflich anerkannt und erfolgreich zu werden, führt daran kein Weg vorbei.«
Groß, schlank und dank seiner morgendlichen Trainingseinheiten noch immer mit einer sportlichen Figur gesegnet stand mein fünfzigjähriger Vater vor mir. Seine dunkelblonden Haare, die ich von ihm geerbt hatte und von denen kein einziges an einem falschen Ort lag, waren zwar von silbernen Fäden durchzogen, doch nach wie vor entsprach sein gesamtes Wesen genau jenem Ideal, das er sein wollte, worauf er sein Leben ausgerichtet hatte: das des smarten, erfolgreichen Anwalts. Das Schlimme war, dass er glaubte, ich wolle genauso wie er werden. Obwohl ich ihm gegenüber nie diesen Wunsch geäußert hatte, setzte er ihn voraus. Sicherlich wollte ich gerne ein vermögendes, angesehenes Gemeindemitglied werden und den Namen Ward weiterhin in Ehren halten, wie er und auch sein Vater es getan hatten. Aber wollte ich ebenso dem Erfolg und der stetigen Anerkennung hinterherhecheln? Sollte in meinem Leben wie in seinem nur Macht und Reichtum zählen? Die Gesellschaft maß einen Mann daran. Aber gab es nicht noch mehr im Leben? Oder war das wirklich alles, auf was es hinauslaufen würde? Hatte man nur Freunde, um zu Macht und Ansehen zu erlangen, oder bekam man gar nur welche, wenn man wenigstens eins davon besaß? Wären Ethan und Brianna auch dann noch meine engsten Freunde, wenn ich nicht mehr der erfolgreiche Quarterback der Stamford High und der Sohn eines geachteten Anwalts wäre? Ich wollte darüber gar nicht weiter nachdenken. Um mich schnellsten von meinem Dad und seinen endlosen Motivierungssprüchen loszueisen, sagte ich das, was er hören wollte.
»Ja, schon gut, Dad. Ich habe es verstanden. Ich strenge mich an, versprochen.«
»Guter Junge.« Strahlend ließ er meinen Arm los und klopfte mir auf die Schulter, was für mich das Zeichen zum Abgang war.
Schnell stieg ich die Treppe hinauf, um mich in meinem Zimmer verkrümeln zu können. Kaum hatte ich jedoch einen Schritt in den Flur gemacht, tauchte Mom auf. Sie verließ gerade ihr Schlafzimmer und war, wie ich es nach Dads Ansage erwartet hatte, bis in die Haarspitzen aufgedonnert. Natürlich trug sie ihre blondierten Wellen hollywoodmäßig perfekt gestylt und hatte ihre Tageskleidung, die gewöhnlich aus Bluse und Hose bestand, gegen ein langes Abendkleid eingetauscht. Sie war fünf Jahre jünger als mein Vater und dennoch genau das weibliche Gegenstück zu ihm. Kontinuierlich verfolgte sie das Ziel, die modische, gepflegte Anwaltsfrau zu sein, die ihren Mann tatkräftig unterstützte und sich nebenbei noch in der Gemeinde engagierte. So saß sie nicht nur im Kirchengemeinderat, sondern führte auch den Frauenverein von New Stamford an und mischte bei zahlreichen Projekten für Hilfsbedürftige mit. Jeden Morgen aß sie ihre Ananas und zog anschließend ihr Yogaprogramm durch, um ihre schlanke Figur zu erhalten und fit zu bleiben. Mom und Dad glichen sich sowohl in ihren Ansichten als auch in ihren Erwartungen, sodass es schon unheimlich war. Zugegeben, andernfalls hätten sie es wohl auf Dauer auch nicht miteinander ausgehalten.
»Connor« flötete sie und ihre rot geschminkten Lippen bildeten ein zufriedenes Lächeln. »Briannas Mutter hat mich angerufen und mir erzählt, dass ihr euch wieder vertragen habt. Gute Entscheidung! Du solltest sie dir wirklich warmhalten und nicht die Zeit mit anderen Mädchen vergeuden. Brianna wird sicherlich genau diese Art von Frau, die du später an deiner Seite haben möchtest: Wohlerzogen, elegant und klug.«
Überrascht runzelte ich die Stirn. »Ich vergeude die Zeit mit anderen Mädchen? Hat Brianna das erzählt?«
Die schmal gezupften und nachgefärbten Brauen meiner Mutter hoben sich zu eleganten Bögen. »Sie sagte, du hättest anderen mehr Aufmerksamkeit geschenkt und sie hätte sich dadurch vernachlässigt gefühlt. Erst als sie sich einem anderen Jungen zugewandt hatte, hättest du wieder Interesse an ihr gezeigt.«
Ich brummte leise vor mich hin. War ja klar, dass Brianna unseren Streit auf diese Tour unseren Müttern verklickerte und ich dabei schlechter als sie wegkam. Aber damit musste ich wohl leben. Wenn ich Brianna, das hübscheste und begehrteste Mädchen der Highschool, als Freundin behalten wollte, musste ich mich auch bei ihr ins Zeug legen.
Ich zwang mich zu einem Grinsen. »Hab es kapiert, Mom. Keine anderen Mädchen.«
Meine Mutter lächelte stolz. »So ist es recht, mein Schatz. Ich denke, Brianna passt nämlich wunderbar in unsere Familie. Findest du das nicht auch? Eine Verbindung zwischen den Wards und den Cunninghams wäre doch eine Sensation in New Stamford. Du als Sohn des erfolgreichsten Anwalts des Orts und Brianna als Tochter des Bürgermeisters, die Hochzeit wäre ein Traum.«
Eine ätzende Hitzewelle kroch mir den Nacken hoch und das Strahlen meiner Mutter wurde mir nahezu gruselig. »Mom, ich denke, um über eine Hochzeit zu reden, ist es noch zu früh. Viel zu früh.«
Sie legte mir ihre kühlen Finger auf die Wange. »Ja, ja natürlich. Nichtsdestotrotz sollte man früh genug wissen, was man will, und darum kämpfen. Vergiss das nicht.«
Die Motivation, noch länger breit zu grinsen, ging mir aus. Ich wollte nur noch weg. Hastig nickte ich ihr zu. »Sicher. Hab einen schönen Abend, Mom, und amüsiere dich.« Ganz der brave Sohn hauchte ich ihr einen Kuss auf die Wange und eilte, ohne mich nochmals nach ihr umzusehen, in mein Zimmer.
Ich schloss die Tür, pfefferte mein Board ins Eck und warf mich rücklings auf mein Bett. Einen tiefen Atemzug später trieb mich das Gefühl zu ersticken wieder in die Höhe. Ich hielt es in diesen vier Wänden nicht länger aus. Es schien, als kämen sie näher und näher, als schrumpfte der Raum vor meine Augen. Die Luft zum Atmen wurde immer weniger. Panisch verharrte ich auf dem Bett sitzend. Einerseits wollte ich davonrennen. Andererseits hatte ich jedoch Angst, erneut meinen Eltern in die Hände zu laufen. Hatten sie endlich das Haus verlassen? Ich lauschte. Ihre Stimmen hallten leise zu mir hinauf und kurz darauf das Verschließen der Haustür.
Wie der Blitz stürmte ich aus meinem Zimmer, die Treppe hinunter, durch die Eingangshalle und aus dem Haus.
Ich rannte und rannte, genoss die Luft in meinen Lungen, die sich endlich wieder weiteten. Jetzt war ich frei. Endlich frei. Ohne darüber nachzudenken, joggte ich die Straße weiter bergauf, bis ich meinen Lieblingsplatz erreicht hatte – Longshaw Peak. Ein mit riesigen Steinbrocken abgesicherter Fußweg führte an dem Abhang entlang bis zu einem höhergelegenen, kleinen Wald auf der linken Seite. Atemlos kletterte ich einen der kantigen Felsen hinauf und ließ mich an dem Rand nieder. Meine Füße baumelten in der Luft und ich versank im Anblick des rotglühenden Sonnenuntergangs. Gelassenheit stieg allmählich in mir auf. Ich lauschte dem Abendgezwitscher der Vögel, die in den unzähligen hohen Bäumen unter mir ihre Nester gebaut hatten. Das älteste Viertel von New Stamford, welches den Namen Bakersbridge trug, ruhte unterhalb des Hangs. Mit seinen kleinen abgewohnten Häusern und den überwucherten Gärten wirkte es wie aus einem antiken Bilderbuch. Die Menschen, die dort wohnten, gehörten nicht zu den Vermögenden der Gemeinde, das wusste jeder. Und doch schien es, dort friedlicher als in meinem Viertel zu sein, wo die Häuser so viele Zimmer hatten, dass man sich in ihnen verlief, wo die Gärten großen, seelenlosen Golfplätzen glichen. Auch wenn um die alten, kleinen Häuser Unkraut wucherte, die Bäume und Sträucher ohne Gärtner ins Unendliche wuchsen, schienen diese Heime mit Wärme und Geborgenheit gefüllt zu sein. Dort unten gab es keine kalten Paläste aus Glas, Beton und Edelstahl, die mit ihrer Sterilität jegliches Gefühl von einem Zuhause vernichteten. War das wirklich so? Waren diese Menschen dort unten glücklich – glücklicher als ich?
Nachdenklich zerrte ich Benjis Glücksstein aus meiner Tasche und betrachtete ihn. Schwer und rund lag der murmelartige Stein in meiner Hand. Gedankenverloren fuhr ich mit meiner Fingerkuppe über die weißen Linien, die ihn zierten.
Ich hatte doch alles, was sich ein Kerl meines Alters wünschen konnte, und doch spürte ich eine Leere in mir, wo keine sein sollte. Meine Eltern erfüllten mir jeden Wunsch, ich konnte so viel Geld ausgeben, wie ich wollte. Ich sah gut aus, war gesund und sportlich. Jeder in der Schule wollte mein Freund sein. Wenn ich es darauf anlegen würde, könnte ich jedes Mädchen haben. Selbst bei den Lehrern war ich angesehen. Ich war der beste, begabteste und beliebteste Footballspieler der Stadt. Kurz gesagt, es gab keinerlei Grund, weshalb ich nicht glücklich sein sollte. Vielleicht erwartete ich zu viel vom Leben? Vielleicht war ich bloß ein verwöhnter, undankbarer Sohn reicher Eltern? Was stimmte bloß nicht mit mir? Was war mit mir nur los?
Voller verzweifelter Wut umschloss ich den Stein und in einem Impuls schleuderte ich ihn mit einem Schrei von mir fort. Ein gutes Stück seiner Flugbahn konnte ich noch verfolgen, aber dann verlor ich ihn aus den Augen. Er ging in dem Mosaik aus Häusern und Bäumen unter.
Niedergeschlagen, als hätte mich der Wurf unendliche Kraft gekostet, erhob ich mich. Ich sprang von den Felsen auf den Weg hinunter, doch gerade als meine Füße aufsetzten, gaben meine Beine nach. Es wurde schwarz um mich. Ich glaubte, mein Bewusstsein zu verlieren, wie auch mein vermeintliches Glück.
2. Dinge, die man nicht begreifen kann
Hazel
Ich lief mit Sam unter den hohen Eichenbäumen, die unsere Straße säumten. Ein Rascheln erklang im dichten Laub über uns und im nächsten Moment streifte plötzlich etwas Hartes meinen Arm. Das Au lag mir schon auf der Zunge, als mich aus dem Nichts ein Schlag voller Wucht zu Boden presste. Für einen Moment wurde mir schwarz vor Augen und ein Schwindelgefühl überfiel mich. Taumelnd fand ich mich auf den Knien hockend wieder, mitten auf dem Gehweg.
»Hazel, sag mal, was machst du denn? Bist du gestolpert?« Sam musterte mich verdutzt.
Ich musste ziemlich bescheuert aussehen, so, auf allen vieren. Benommen wartete ich darauf, dass die Welt endlich aufhörte, vor meinen Augen zu kreiseln. »Nein, eigentlich nicht. Irgendetwas hat mich umgehauen.«
»Wie? Dich hat was umgehauen?«
»Keine Ahnung, es kam aus den Bäumen. Hast du das Rascheln nicht gehört?« Ich suchte nach dem Etwas, das auf meinem Arm einen brennenden, roten Streifen hinterlassen hatte und in der Nähe liegen musste.
Fuck. Wo bin ich plötzlich? Hä? Auf einer Straße? Ich war doch gerade noch oben, am Longshaw Peak. Wie ... Wie kann das sein? Hm, mir wurde schwarz vor Augen. Wahrscheinlich bin ich gestürzt, den Hang runtergerollt und hier gelandet. Verdammt weit weg gelandet. Ist ja irre ...
Ich erstarrte. Wer hatte da gesprochen? Das war nicht Sam. Die tiefe Stimme klang eindeutig nach einem Jungen. Wo kam der plötzlich her? Waren wir nicht mehr allein?
Ich sah mich um, doch außer meiner Freundin und mir war niemand in unserer Nähe. Seltsam!
Zur Hölle, wieso bewegt sich meinen Kopf? Ich will das nicht. Wer, wer macht das? Und wer spricht da?
»Hey, nein, wer spricht da? Wer und wo bist du?«, rief ich gereizt. Doch ich bekam keine Antwort. Da stand nur Sam vor mir, die mich beobachtete, als sei ich eine Irre.
»Wer soll sprechen? Hier ist niemand außer uns. Nur du und ich.«
Der rote Lockenkopf?Fuck! Wo kommt die denn auf einmal her? Wieso redet die mit mir, als würde sie mich kennen? Moment mal ... War das gerade meine Stimme? Aber ... ich habe wie ein Mädchen geklungen. Das kann doch gar nicht sein, denn erstens bin ich ein Kerl und zweitens wollte ich das gar nicht sagen.
Scheiße, scheiße, scheiße! Ich war wahnsinnig geworden. Mich hatte der Schlag getroffen und ich hörte eine fremde, fremde männliche Stimme in meinem Kopf. Nein, nein, nein. Das durfte nicht sein. Du wirst nicht verrückt, Hazel. Du wirst nicht schizophren! Ausgeschlossen! Das konnte ich jetzt nicht gebrauchen.
Hazel?
Sam legte ihre Hand auf meine Schulter. »Alles in Ordnung mit dir?«
Ohne es zu beabsichtigen, schnappte ich grob ihre Finger. »Hey, was soll das? Lass das!«, polterte es angriffslustig aus meinem Mund.
Erschrocken ließ ich Sam los und schlug mir die Hand vor den Mund. Scheiße, das hatte ich gar nicht gewollt.
»Oh, entschuldige, ich rühr dich nie wieder an«, maulte Sam beleidigt. »Ich habe mir nur Sorgen um dich gemacht.«
Ist Hazel das Mädchen mit der langen, braunen Mähne und den schmuddeligen Klamotten? Ich bin jetzt Schmuddel- Hazel?
Ungewollt beugte ich plötzlich meinen Kopf und starrte auf meine Hände, die ich langsam vor meinen Augen drehte, als hätte ich sie noch nie zuvor gesehen. Dabei kannte ich jeden einzelnen der zehn Ringe, die ich an meinen Fingern trug. Ich wusste genau, welches der vielen Armbänder ich wann und wo gekauft hatte, die meine beiden Handgelenke bedeckten. Ich hatte sie heute Morgen angezogen. Mir war auch klar, dass der dunkelblaue Metalliclack bereits von meinen Fingernägeln abblätterte und sie noch kürzer wirken ließ. Auch die weißen Farbflecke auf meiner ausgefransten Jeans waren nichts Neues für mich. Beim letzten Projekt im Kunstkurs hatte ich mit zu flüssiger Farbe und einem breiten Pinsel hantiert.
Oh nee! Ausgerechnet die? Wieso? Und warum überhaupt? Das kann doch nicht wirklich passieren. Das kann nur ein Traum sein. Verfluchte Scheiße, es muss ein Traum sein. Ja, genau. Als ich am Longshaw Peak stürzte, muss ich mir den Kopf angeschlagen haben. Ich träume das alles bloß. Ja, das ist die einzige Erklärung, die logisch klingt.
O Gott, ich war wirklich ein Schizo und mein zweites Ich konnte mich nicht leiden! Es beleidigte mich sogar. Es nannte mich Schmuddel-Hazel. Eindeutig: Ich war ein Fall für den Psychiater. Ich sollte mir schleunigst einen suchen, bevor mir mein zweites Ich, also ich selbst, mir noch etwas antat.
Du, du kannst meine Gedanken hören? Hazel, hörst du mich, obwohl ich nicht mal den Mund bewege?
Oh, Hiiiilfe! Hiiiilfe! So helft mir doch! Ich musste ganz dringend zu einem Arzt! Und zwar so schnell wie nur möglich!
Hazel, nein, warte, das ist nur ein Traum. Zwar ein ziemlich krasser, aber nicht die Wirklichkeit. Hoffe ich.
In meiner Panik versuchte ich aufzustehen. Ich wollte vor der Stimme in meinem Inneren weglaufen, ihr entkommen. Aber mein Körper gehorchte mir nicht, wie er sollte. Es fühlte sich an, als könnte ich nur die rechte Hälfte bewegen. Die linke tat nichts, sie blieb bewegungslos am Boden hocken. Verdammt, hatte ich einen Schlaganfall? War das auch die Erklärung für die Stimme in meinem Kopf?
Wir haben einen Schlaganfall? Nein, nein, das glaub ich nicht. Hazel, hör mir zu: Offensichtlich teilen wir uns deinen Körper und ich verfüge über eine Seite. Mann, das ist ja echt voll abgefahren. Das kann nur ein Traum sein.
Oweia, jetzt nannte mein schizophrenes, männliches Ich mich schon beim Namen, lachte mich aus und glaubte, es würde träumen. Das war gar nicht gut.
Ganz ruhig, Hazel. Ich habe verstanden. Du willst aufstehen? Gut, dann werde ich das jetzt auch tun – zusammen mit dir. Okay?
»Sag mal, willst du da noch ewig am Boden hocken bleiben?« Ungeduldig stand Sam über mir.
»Nein, das wollen wir nicht!«, purzelte es ungewollt aus meinem Mund.
»Wir? Du redest jetzt in Mehrzahl von dir?« Sam zog ihre Augenbrauen in die Höhe. »Oh, Eure Majestät Hazel Penelope Brown. Langsam mach ich mir Sorgen, dass dich irgendetwas am Kopf erwischt hat. Ehrlich.«
»Ich meinte natürlich: Ich will aufstehen«, beeilte ich mich, meine vorige, unbeabsichtigte Aussage zu korrigieren. Im Stillen bat ich: Liebes schizophrenes, männliches Ich, halt bitte, bitte einfach meine Klappe!
Nach einem angstvollen Atemzug versuchte ich erneut aufzustehen. Obwohl ich spürte, dass ich keine Macht über das linke Bein und den Arm hatte, bewegten sie sich. Allerdings nicht so geschmeidig wie üblich, wie die auf der rechten Seite, sondern aufgeregt federnd als wäre diese Körperseite nervös. Ich kam mir vor wie eine fremdgesteuerte Marionette, deren linke Gliedmaßen an Fäden hängten. Dementsprechend unbeholfen kam mein Körper auch auf die Füße. Es brauchte Zeit und musste zum Brüllen aussehen, wie ich einseitig torkelnd aufstand.
Also erstens: Hazel Penelope Brown - was ist das für ein komischer Name? Was Dümmeres ist deinen Eltern wohl nicht eingefallen, was? Und zweitens: Ich bin nicht dein schizophrenes, männliches Ich, sondern ein Kerl aus Fleisch und Blut. Okay, jetzt zwar gerade nicht, aber im Normalfall. Mein Name ist Connor Ward und offensichtlich habe ich einen Traum, in dem ich in deinen Körper verfrachtet wurde. Zwar komisch, dass ich ausgerechnet in deinem landen musste, da ich dich nur vom Sehen kenne. Aber womöglich liegt es daran, weil ich dich vorhin im Park mit deiner Freundin bemerkt habe. Denn wenn ich ehrlich bin, finde ich dich irgendwie niedlich. Du gehörst zwar zu den Freaks und wirkst irgendwie schmuddelig und abgerissen, allerdings auf eine verquere sexy Art. Ja, wahrscheinlich faszinierst du mich auf seltsame Weise und deswegen träume ich von dir.
»Ah haha«, lachte ich panisch auf.
»Was gibt es da zu lachen?«, fragte mich Sam und begutachtete mich noch immer mit einer Mischung aus Sorge und Wut.
»Och, nichts«, stammelte ich.
Connor Ward? Mein Ich hielt sich für Connor Ward und hielt mich für einen niedlichen, schmuddeligen Freak mit Sexappeal? Das war krass!
Herrgott, hör mir doch mal zu: Ich bin nicht dein schizophrenes Ich. Ich bin kein Teil von dir. Du bist du, Hazel Penelope Brown, und ich bin ich, Connor Ward, der Kapitän der New Stamford Tigers.
Ach, du heilige Scheiße, Connor Wards Geist war in meinen Körper gefahren? Wie? Und vor allen Dingen warum? Aber … das war doch unmöglich.
Oh Mann, endlich hat sie es gerafft. Und offenbar ist es doch möglich – zumindest in meinem Traum. Alles was du dich fragst, frage ich mich auch, Hazel. Wieso träume ich? Weshalb bin ich gestürzt? Wo liegt mein Körper jetzt? Und noch viel wichtiger: Wie schwer bin ich verletzt? Oh heilige Scheiße, womöglich bin ich tot. Und das alles ist gar kein Traum, sondern real?
»Gehen wir jetzt weiter oder willst du da noch Wurzeln schlagen?« Sams Stimme riss mich aus der aberwitzigen Unterhaltung, die sich in meinem Inneren abspielte. Mit erwartungsvoller Miene stand sie vor mir und gab mir mit den Händen ein Zeichen, dass ich vorwärtsgehen sollte.
Ich zögerte, denn ich befürchtete, dass mein Körper mir wieder nur zur Hälfte gehorchen würde.
»Ja, ist ja gut.« Vorsichtig versuchte ich einen ersten Schritt, dann den zweiten. Aber den führte ich vollkommen anders aus. Ohne einen Ton verlauten zu lassen, kämpfte ich im Weitergehen darum, meinen Körper in Einklang zu bringen. Doch meine linke Schulter schwang ständig übertrieben von hinten nach vorn, während mein linker Ellbogen es vorzog, sich so weit weg wie möglich von meinem Körper aufzuhalten, als wollte er ein laues Lüftchen unter den Achseln wehen lassen. Der linke Hüftknochen drängte sich bei jedem Schritt vorwitzig in den Vordergrund. Weiß der Geier, warum er das tat. Der Gang verhielt sich komplett gegsätzlich zu meinem gewöhnlichen. Ich bewegte mich wie eine besoffene Ente mit zwei linken Flossen.
»Hazel, was machst du da? Wie läufst du denn?«, fragte Sam auch schon hinter mir.
»Ähm, die linke Seite tut mir etwas weh. Muss mir beim Sturz wohl was geprellt haben.«
Geniale Ausrede, Hazel. So wird sich deine Freundin keine weiteren Gedanken mehr machen, wenn wir wie ein vollgedröhnter Kiffer durch die Gegend torkeln. Aber jetzt müssen wir so schnell wie nur möglich zum Longshaw Peak hoch. Wir müssen meinen Körper suchen.
Sam prustete in sich hinein. »Na, wenn du so bei deinem nächsten Blind Date auftauchst, als der Glöckner von Notre Dame, wirst du wahrscheinlich den Kerl schneller loswerden, als du dir eine Cola bestellen kannst.«
Okay, ich hab schon verstanden. Ich werde versuchen ... weiblicher zu gehen – oder was auch immer. Aber jetzt lass uns endlich umkehren. Beeil dich! Bitte!
Plötzlich legte mein Körper eine Linkswendung hin und stürmte mit der linken Seite voran, während die rechte hinterher geschleift wurde.
»Nein! Halt!«, schrie ich überrascht auf und wehrte mich gegen die Kraft, die mich in die entgegengesetzte Richtung drängte.
»Was ist? Hast du was vergessen?«, fragte Sam.
»Ja«, purzelte es aus mir ungewollt heraus. »Nein«, behauptete ich aber gleich darauf wieder und versuchte, das Seilziehen in meinem Körper zu gewinnen. Währenddessen schleppte er sich bereits an Sam vorüber, die mir mit offenstehendem Mund hinterherschaute.
Hazel, bitte. Vielleicht liege ich da irgendwo und verblute gerade. Wenn du mich also loswerden willst, muss mein Körper am Leben bleiben. Wir müssen ihn finden und Hilfe holen.
Geschockt hielt ich die Luft an. Was, wenn ich nicht verrückt war? Wenn Connors Geist wirklich in meinem Körper gelandet war? Was war dann mit seinem passiert?
Also gut, zischte ich in Gedanken, wir, ich gehe zum Longshaw Peak hoch. Aber du hältst dich von nun an aus meinen Körperfunktionen raus, Connor Ward.
Okay. Abgemacht. Ich weiß nicht, ob das klappt, aber ich versuche es. Nur bitte, renne jetzt so schnell du kannst zum Longshaw Peak. Bitte.
Ich spürte, wie ich die volle Gewalt über meinen Körper zurückbekam. Noch im Laufschritt drehte ich mich nach Sam um. »Tut mir leid. Mir ist eingefallen, dass ich doch noch etwas erledigen muss. Bis dann.« So schnell wie meine Beine mich trugen, rannte ich den Weg zurück, den ich gerade mit Sam entlang geschlendert war.
Danke!
Über eins solltest du dir jedoch im Klaren sein, Connor, sprach ich im Geiste zu mir oder vielmehr zu uns. Wenn das hier, wie du sagst, ein Traum ist, werde ich deinen Körper vermutlich nicht finden. Und außerdem, fühlt es sich für mich ganz und gar nicht wie ein Traum an, sondern erschreckend real und ... absolut irrsinnig. Wollte ich nur mal gesagt haben.
3. Dinge, die man nicht sehen will
Ich hetzte zur Lincoln Lane, die unterhalb des Longshaw Peaks verlief und zur anderen Seite ins Villen-Viertel Queens und damit auch auf den Weg führte, den viele Jogger für ihr Lauftraining benutzten.
Hazel, warte! Lass uns erst hier unten nach meinem Körper schauen. Ich könnte auch den Abhang heruntergerollt sein.
Okay, wenn du meinst.
Ich konnte nicht glauben, dass ich mit mir selbst oder mit der Stimme von Connor redete und auch noch tat, was die von mir verlangte.
Falls dir das ein Trost ist, ich kann es auch nicht glauben. Und ja, ich kann deine Gedanken hören, auch wenn du sie nicht direkt an mich richtest.
Scheiiiiße, ich konnte nicht mal ein kleines Geheimnis für mich behalten? Er hörte alles? Ohje, wirklich alles? Sogar ... Ich traute mich nicht, den Gedanken zu Ende zu denken und doch entstand er in meinem Kopf.
Ja, ich höre alles. Auch, dass du mich blöd ... und süß zugleich findest? Okay, das ist nett, aber nur zur Info, kein Kerl möchte als süß bezeichnet werden.
Heilige Scheiße, der hörte echt jedes Wort. Ob laut oder heimlich gedacht.
Übrigens: Mädchen möchten auch nicht als niedlich bezeichnet werden. Nur, weil wir vielleicht nicht so groß sind wie ihr Jungs, heißt das noch lange nicht, dass wir klein sind.
Sag mal, was ist eigentlich dein Problem? Ich mach dir ein Kompliment und du ...
Nein, was ist dein Problem? Du hast doch damit angefangen. Mit einer tief klingenden Stimme äffte ich ihn im Geiste nach: Typen möchten nicht als süß bezeichnet werden, du niedliche Schmuddel-Hazel.
Ein männliches Lachen erklang in meinem Kopf. Du bist echt witzig.
Und du bist doof.
Immer noch besser als tot. Also halte jetzt bitte die Augen nach meinem Körper offen. Vielleicht liegt er hier irgendwo an einem Baum oder auf einem Felsen zerfetzt herum.
Außer Atem hatte ich mittlerweile die Lincoln Lane erreicht und drosselte meinen Gang in einen lockeren Laufschritt.
Na, du gerätst ja ganz schön schnell aus der Puste. Könntest ein bisschen mehr Sport treiben, was?
Und du könntest einfach mal die Klappe halten, was?
Über mein lautes Atmen hinweg vernahm ich ein leises, inneres Prusten, das ich jedoch ignorierte. Wortlos konzentrierte ich mich auf die gegenüberliegende Seite und suchte nach Connors Körper. Ich war nun am Fuß des Longshaw Peaks, dessen steiler Hang von großen Felsen, aber auch von kleinen Geröllhalden und einzelnen Bäumen übersät war. Das schroffe Gelände war schlecht einzusehen. Es gab zu viele versteckte Winkel und die Dämmerung machte es auch nicht besser. Dementsprechend langsam kam ich mit meiner Suche voran. Ich wanderte die Straße ein Stück weiter. Die Augen stets auf das Gefälle und den Graben gerichtet, die sich hinter der schwach befahrenen Straße erstreckten.
Da ist nichts, stöhnte ich in Gedanken. Wir näherten uns allmählich der weitläufigen Kurve, die um den Hügel herum und zu den anderen Viertel von New Stamford führte.
Bist du dir sicher, dass du hier irgendwo liegen müsstest? Ist das die richtige Stelle?, frage ich Connor im Stillen.
Ich weiß es nicht genau. Es war nur eine Vermutung, dass mein Körper hier sein könnte. Wahrscheinlich liegt er doch noch oben bei den Felsblöcken irgendwo.
Ich schaute zu den Felsbrocken hoch, die über mir den dahinter verlaufenden Weg abschirmten.
Also gut, lass uns dort hoch gehen.
Einen Zahn schneller als zuvor lief ich weiter, ließ die Kurve hinter mir und erreichte bald die Kreuzung, wo sich die Lincoln Lane und die Longshaw Road trafen. Letztere eilte ich entlang. Doch wegen der Steigung wurde ich immer langsamer. Ich schnaufte wie eine zigarrenabhängige Dampflok und bekam zu allem Übel auch noch Seitenstechen.
Alter, kratz mir jetzt bloß nicht ab.
Wieso? Dann hättest du meinen Körper für dich allein.
Um Gotteswillen, bloß nicht. In einem Mädchenkörper feststecken? Und dann auch noch in deinem. Nein, danke.
Ey, echt, du bist so ein mieser Arsch.
Hm, aber vielleicht wach ich dann auf, wenn du stirbst.
Vergiss es, den Gefallen zu verrecken mach ich dir nicht. Eher melde ich mich beim Leichtathletikkurs an.
Vielleicht tut es ja auch eine Ohnmacht.
Nein! Bist du blöd? Wer weiß, was dann mit meinem Körper passiert. Außerdem könnte es ja sein, dass auch dein Geist ohnmächtig wird. Oder stirbt. Vor allem, wenn dein eigener Körper schon den Abgang gemacht hat.
Fuck! Jaa, du könntest recht haben.
Die Dämmerung hatte sich über New Stamford gelegt. Ich hatte den Longshaw Peak noch nicht erreicht, als hinter mir eine Sirene ertönte. Ein Rettungswagen kam mit wirbelndem Blaulicht und ohrenbetäubendem Sirenengeheul den Weg hochgebraust. Ohne abzubremsen, donnerte er an mir vorüber und ich musste mich mit einem Sprung ins Gras in Sicherheit bringen.
Scheiße, ich glaube, die haben deinen Körper gefunden. In meinem Kopf herrschte Totenstille.
Connor? Bist du noch da? Hast du mich gehört?
Ja, habe ich. Er räusperte sich. Kannst du bitte nachsehen, ob sie wirklich wegen mir gekommen sind?
Connors Stimme war anzuhören, dass es ihm gerade den Boden unter den geistigen Füßen fortgezogen hatte. Und auch ich spürte seinen Schock, der mir durch alle Glieder jagte. Das Gefühl traf mich unerwartet, sodass ich schlucken musste. Klar, wer wollte seinen eigenen Unfall sehen. Ehe ich mich zurückhalten konnte, hatte ich die Worte schon gedacht: Schon okay, Connor, ich habe auch Angst vor dem, was wir dort oben finden könnten.
Ich habe keine Angst. Geh einfach.
Für einen Augenblick senkte ich die Lider, verbot mir, etwas zu denken und trottete weiter. Plötzlich durchbrach lautes Motorgeheul die Abenddämmerung. Abrupt blieb ich stehen und sah mich um. Ein Sportwagen peste in einem Affentempo an mir vorbei.
Meine Eltern.
Meine Beine bewegten sich, obwohl ich das gar nicht beabsichtigt hatte. Doch ich kämpfte nicht dagegen an. Klar wollte Connor zu ihnen, schauen, was mit ihm dort oben geschehen war. Ich überließ ihm meinen Körper, denn instinktiv wusste ich, dass er sowieso nichts anderes zugelassen hätte. Ehrlich, so schnell war ich noch nie gerannt. Nie hätte ich vermutet, dass meine Beine dazu überhaupt in der Lage waren. Meine Lungen brannten wie Hölle und mir floss der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter, aber dem schenkte Connor keine Beachtung. Er trieb meinen Körper über seine Grenzen hinaus an und als wir im Blaulicht des Krankenwagens zum Stehen kamen, zitterten meine Beine wie verrückt.
Connor erfasste die Lage mit einem nervös umherirrenden Blick. Ein Polizeiwagen war ebenfalls vor Ort. Zwei Sanitäter verfrachteten eilig eine Trage, auf der ein Körper bewegungslos unter einer Decke ruhte, in den Rettungswagen. Doch, ob es wirklich Connors war, konnte ich nicht zweifelsfrei erkennen. Eine Sauerstoffmaske bedeckte das Gesicht des Verletzten, doch die dunkelblonden Wellen, die in kurzen Strähnen unter dem Kopfverband hervorkrochen, verrieten mir, dass es nur Connor Ward sein konnte. Mein Blick huschte zu seinen Füssen, die in schwarzen Sneakern steckten.
Fuck! Das sind meine Schuhe. Das bin ich ... Scheiße, Mann! Das ... das ist kein Traum! Das ist echt. Ich liege wirklich da.
Mein Herz klopfte wild in meiner Brust und selbst wenn meine Atmung es zugelassen hätte, hätte ich nicht gewusst, was ich sagen oder denken sollte. Es hätte die Situation nicht besser gemacht. Ich überließ Connor weiterhin die Führung meines Körpers, denn ich hatte ohnehin das Gefühl, nur eine machtlose Zuschauerin zu sein.
Er ließ den Blick über die wenigen Menschen schweifen, die sich neben dem Rettungswagen eingefunden hatten. Da standen zwei Cops, während der eine Aufnahmen von den Felsen machte, sprach der andere mit zwei jungen Joggerinnen und machte sich Notizen. Ich kannte die beiden Mädchen aus der Highschool. Mit bestürzten Mienen hielten sie sich gegenseitig samt ihren gezückten Smartphones in den Armen. Ein anderer Mann, der einen Hund an der Leine führte, verfolgte kritisch das Treiben der Sanitäter. Neben ihm tröstete ein großer, schlanker Smokingträger mit ergrauten Schläfen, eine Blondine im Abendkleid. Im grellen Blaulicht entdeckte ich in dessen Gesichtszügen nicht nur eine tiefe Betroffenheit, sondern auch die Ähnlichkeit mit Connor. Das Gesicht der Frau konnte ich dagegen nicht erkennen, da sie es an die Brust des Mannes gebettet hatte. Ihre Schultern bebten, während sie immer wieder laut schluchzte. Das Paar, das Connors Eltern sein musste, stand vor dem Sportwagen, der an uns vorüber gerast war.
Mom? Dad? Ich dachte, sie sind bei einem Geschäftsessen. Wie sind sie so schnell hierher gekommen?
Die beiden Mädchen sind mit uns auf der Highschool. Sie kennen dich. Ich tippe, dass sie oder der Spaziergänger die Polizei gerufen haben und die deine Eltern verständigten.
Neben den beiden befand sich ein weiterer Sanitäter, der sich mit Connors Vater unterhielt. Zwischendurch nickte er immer wieder und nachdem seine Kollegen die Bahre mit Connor im Krankenwagen verstaut hatten, stieg er ebenfalls ein. Mit Sirene und Blaulicht rauschten sie davon.
Gebannt starrte Connor zu seinen Eltern – und ich mit ihm. Ob ich wollte oder nicht, wurde ich Zeugin, wie sein Vater den Rücken seiner Mutter streichelte und leise auf sie einsprach. Ich kam mir vollkommen fehl am Platz vor, als würde ich etwas Intimes beobachten, das nicht für mich bestimmt war. Im selben Moment setzten sich meine Füße in Bewegung und steuerten geradewegs die Wards an. Panik brach in mir aus und innerlich schrie ich: Nein, Connor. Halt! Stopp! Was tust du da? Ich kann nicht zu deinen Eltern gehen, sie kennen mich doch gar nicht.
Vehement stoppte ich den Lauf meiner Füße, die sich ohne mein Zutun in Bewegung gesetzt hatten.
Ich ... Ich weiß. Aber ... ich muss zu ihnen. Du musst zu ihnen, ihnen sagen, dass es mir gut geht.
Bist du wahnsinnig? Ihr Sohn wurde gerade mit dem Rettungswagen fortgebracht. Wie soll ich da vor sie hinstehen und ihnen erklären, dass mit dir alles okay ist?
Sag ihnen einfach, dass ich hier, in deinem Körper, in dir drinstecke – mit dir.
Klar, und das glauben sie mir auch sofort. Wirkt ja auch nicht das kleinste Bisschen irre. Du Irrer!
Bitte, Hazel, wir müssen das tun. Wir müssen zumindest versuchen, ihnen die Sache zu erklären.
Wie soll ich ihnen das erklären, wenn wir es uns selbst nicht mal erklären können. Ich kann ja nicht mal glauben, was hier gerade passiert.
Erneut versuchte Connor meine Beine wieder in Gang zu setzen, doch ich wehrte mich.
Nein! Auf gar keinen Fall werde ich dir gestatten, zu ihnen hinüber zu watscheln und sie dumm anzuquasseln. Das ist mein Körper und ich werde nicht zulassen, dass er wegen dir in der Psychiatrie landet.
Plötzlich nahm ich einen tiefen Atemzug und öffnete meinen Mund. Das laute »Mom!«, entwischte mir, aber für das »Dad!«, war ich schnell genug und klatschte mir noch rechtzeitig die Hand auf den Mund, sodass es nur ein ersticktes Gemurmel wurde. Die Sache mit meinen Füßen lief dagegen völlig aus dem Ruder. Wir näherten uns Connors Eltern in einem seitlich schleppenden Galopp, da ich noch immer mit Connor um die Gewalt über meine Füße rang. Nebenbei bemühte ich mich, unser Vorwärtskommen aufzuhalten, indem ich meinen Oberkörper zurückbog. Doch das alles brachte nichts, Connor war außer Rand und Band. Mein Glück war, dass niemand meine irren Verrenkungen und vermummten Rufe im Dunkeln mitbekam, denn die Wards bedankten sich bei den Mädchen und dem Hundehalter, die Connors Körper vermutlich entdeckt hatten.
Connor!, rief ich im Geiste. Connor, hör auf! Lass uns logisch an die Sache rangehen. Ich rede mit deinen Eltern, aber vorerst auf meine Weise. Okay? Dann sehen wir weiter.
Ein Knurren dröhnte durch meinen Kopf. Also gut. Ich lass dir erstmal den Vortritt.
Das wird schon. Du wirst sehen.
Connors dahingesagtes erstmal ließ mich innerlich mit den Zähnen knirschen, aber ich überging es. Schließlich stand er, nachdem was wir soeben mitanschauen hatten müssen, auf mehreren Ebenen total neben sich. Es war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ihm beizubringen, dass die komplette Übernahme meines Körpers durch mich nicht nur eine Ausnahme, sondern der normale Zustand sein würde. Er war nur ein Gast in meinem Körper und darüber würden wir uns noch genug streiten, das wusste ich jetzt schon.
Ich gönnte mir einmal tief durchzuatmen, bevor ich mich zu den Wards aufmachte. Wie vereinbart hielt sich Connor aus meinen Körperbewegungen raus. Sofort spürte ich, dass ich auch über die linke Körperhälfte wieder Macht hatte. Mann, das war echt eine Wohltat, normal laufen zu können und nicht krampfhaft versuchen zu müssen, Connors schlendernden Gang auszugleichen.
»Vielen Dank, euch beiden, für eure schnelle Hilfe«, wisperte Connors Mutter mit tränenüberströmtem Gesicht zu den beiden Mädchen.
»Ja, nicht auszudenken, was Connor hätte geschehen können, wenn ihn hier oben niemand gefunden hätte. Wir werden euch immer dankbar dafür sein«, stimmte sein Vater mit ein.
Die Mädchen verabschiedeten sich schniefend, schafften es aber noch, mich mit verächtlichen Blicken zu mustern, bevor sie tuschelnd davon joggten.
Blöde Hühner, als hätte ich kein recht hier auf dem Longshaw Peak zu sein.
Ach, komm schon, Hazel. Dieses Gezicke ist doch normal unter Mädchen. Stell dich nicht so an. Warum solltest du nicht hier sein dürfen?
Was redest du da? Das ist gar nicht üblich unter Mädchen. Sind dir nicht ihre teuren Sportklamotten und Laufschuhe aufgefallen? Die beiden stammen aus Queens und sie sehen in mir eine, die nicht hierher gehört. Es ist genau dasselbe, was du in mir siehst: Schmuddel-Hazel.
Das stimmt doch überhaupt nicht.
Ach, nein? Wie war das noch gleich? >Oh nee! Ausgerechnet die?<
Das ... Ähm ...
Eben.
Erwartungsvoll starrten mich Connors Eltern an. Ich musste ziemlich blöd aussehen, wie ich so stumm und regungslos vor ihnen herumstand.
»Ja?«, fragte mich Connors Vater ungeduldig.
»Ich ... ich bin Hazel Brown, Mr. Ward. Connor und ich ... wir ... wir sind Schulkameraden und ... kennen uns gut. Ich habe das mit seinem Unfall mitbekommen und mache mir Sorgen, wie es ... ihm geht.«
Mr. Ward nickte betrübt. »Danke, Hazel. Das ist sehr aufmerksam von dir. Die Sanitäter haben ihn mitgenommen. Wie es ihm geht, konnten sie nicht mit Gewissheit sagen, nur, dass er ohne Bewusstsein ist.«
»Das tut mir leid. Weiß man, was mit ihm passiert ist, wieso er nicht mehr bei sich ist?«
Gute Frage.
Mr. Ward presste seine Lippen aufeinander. Sein Blick huschte zu dem Spaziergänger mit dem Hund. »Nein, der Herr dort drüben fand ihn vor den Felsen. Anscheinend ist Connor gestürzt und hat sich am Kopf verletzt.«
Mrs. Ward heulte auf. »Mein armes Baby.«
Oh, Mom, ächzte Connor genervt.
Hey, sie macht sich Sorgen um dich.
An seinem Tonfall konnte ich hören, dass er sich für die Worte seiner Mutter schämte, weshalb ich mir ein gedankliches Du armes Baby nicht verkneifen konnte.
Halt die Klappe und frag meinen Dad, in welches Krankenhaus sie mich bringen.
Aber sicher, das käme ja auch gar nicht stalkerhaft rüber.
Ehrlich, das ist mir jetzt gerade sowas von scheißegal, Hazel. Mach es einfach.
Wie wäre es mit bitte?
Bitte.
Er schafft es, dass es wie ein Schimpfwort klang. Aus Mitleid hackte ich jedoch nicht weiter auf Connor herum und wandte mich an seinen Vater.
»Würden Sie mir bitte verraten, in welches Krankenhaus Connor gebracht wird? Ich würde ihn gerne besuchen.«
Damit ich ihm dann den Hals umdrehen kann, wenn er so wehrlos in den Kissen liegt.
Hey, das ist nicht witzig.
Okay. Nein, ist es nicht.
Na ja, ein kleines Bisschen schon, lenkte Connor ein, worauf ich mir ein Grinsen verkniff.
Täte ja auch vor seinen Eltern einen echt super Eindruck hinterlassen, wenn ich, nachdem ich gerade erfahren habe, dass ihr Sohn im Koma liegt, breit grinsen würde.
»Sie sagten, sie würden ihn ins Green Haven Medical Center bringen. Dort hätten sie Spezialisten für Hirnschädigung.«
Das ist in Penshecola. Verdammt, dann machen sie sich ziemlich Sorgen, dass es ernst sein könnte.
Klar, tun sie das.
»Das ist in Penshecola, nicht wahr?«, vergewisserte ich mich nochmals bei Connors Vater, um jedes Missverständnis auszuschließen.
Mr. und Mrs. Ward nickten synchron. Ich bedankte und verabschiedete mich. Als ich davon gehen wollte, blieb meine linke Körperhälfte jedoch stehen.
Hast du nicht etwas vergessen? Wolltest du ihnen nicht noch etwas sagen?
Nein.
Du hast es versprochen.
Nein, habe ich nicht. Ich sagte, ich werde auf meine Weise mit ihnen reden.
Du willst ihnen nicht sagen, dass ich hier in deinem Körper gefangen bin?, dröhnte Connor laut in meinem Kopf.
Noch nicht. Können wir bitte erst mal allein versuchen, deinen Geist wieder in deinen Körper zu bekommen, ohne mich wie eine durchgedrehte Irre dastehen zu lassen? Schließlich muss ich später in diesem Körper und mit seinem Ruf weiterleben.
Okay. Hast du schon einen Plan, wie wir das anstellen sollen?
Nein, noch nicht. Aber ich denke, es wäre bestimmt hilfreich, wenn ich mich direkt neben deinem Körper aufhalte.
Ja, dann können wir einiges ausprobieren, was die Sache wieder rückgängig machen könnte. Ich kann einfach nicht glauben, dass das alles kein Traum sein soll.
Wem sagst du das?
4. Dinge, die man nicht tun will
Ich schloss die Tür zu meinem Zuhause auf. Nach dem Rückweg taten mir alle Knochen weh, denn Connors Gang machte mich echt fertig. Meine Hüfte fand seine unkoordinierten Bewegungen überhaupt nicht prickelnd.
Das Klappern von Geschirr drang aus der Küche.
»Hazel, Schätzchen, bist du das?«
Ich ließ meinen Rucksack im Flur gleich neben der Treppe fallen. »Ja, Mom«, antwortete ich und mahnte sogleich Connor im Geiste. Wehe, du sagst ein Wort. Bitte halt meinen Mund. Okay?
Vielleicht. Mal schauen.
Ihm war anzuhören, dass er sich auf meine Kosten amüsierte und es lustig fand, mit meinen Befürchtungen zu spielen. Einmal mehr knirschte ich gedanklich mit den Zähnen und ging zu Mom in die Küche.
Sie hatte ihre braunen Haare locker hochgesteckt und hantierte am Herd herum. »Hey, Schätzchen. Du kommst gerade richtig. Das Essen ist fertig.« Ich trat neben meine Mutter und sie wandte sich mit einem Lächeln zu mir. »Na, wie war dein Tag?«
»Ganz okay und bei dir?«
Du meinst, abgesehen davon, dass ein fremder Geist in deinen Körper gefahren ist?
Innerlich gluckste ich. Das hört sich ja an, als hätte ein Dämon von mir Besitz ergriffen.
Wer weiß, vielleicht bin ich einer?
Ganz sicher nicht. Kein Dämon könnte mich jemals so nerven wie du, Connor Ward. Du bist bloß ein nerviger Arsch.
Er lachte und Mom seufzte.
»Es hätte etwas ruhiger sein können. Mein Chef wollte ausgerechnet noch kurz vor Feierabend, dass ich die Regale ausräume und abwische.« Sie ging mit der Pfanne, in der mehrere Eier brutzelten, zum Tisch, den sie für unser Abendessen schon eingedeckt hatte, und verteilte die Eier auf den Tellern.
Ich folgte ihr zum Esstisch, nahm Platz und hörte ihr zu, während sie weiter von ihrem Job im hiesigen Supermarkt und von ihrem nervigen Chef erzählte und die Pfanne wieder auf den Herd zurückstellte.
Bevor sie sich jedoch neben mir an der Stirnseite des Tisches niederließ, holte sie tief Luft. »Dylan? Das Essen ist fertig«, brüllte sie so laut über ihre Schulter, dass man es noch zwei Häuser weiter hören konnte.
Dylan? Dylan ist dein Bruder?
Ich seufzte in Gedanken. Ja.
Das wusste ich nicht. Weiß überhaupt jemand von unserer Schule, dass ihr Geschwister seid?
Nope, ich denke nicht. Meines Wissens streitet Dylan es immer ab, wenn er danach gefragt wird, und ich belasse es dabei.
Warum verleugnet er, dein Bruder zu sein?
Weil er ein Arsch ist, so wie du?
Meine Laune verabschiedete sich in den Keller. Alles, was mit meinem Bruder zusammenhing, ging ich aus dem Weg. Wir verstanden uns einfach nicht. Ich glaube, wir konnten uns nicht mal richtig leiden, und ich hatte keine Ahnung, woran das lag. Ich wusste bloß, dass Dylan am liebsten schon kotzen würde, wenn ich mich in der Nähe aufhielt. Ich hatte irgendwann aufgegeben, die Zuneigung meines Bruders zu gewinnen, der gerade mal ein Jahr älter als ich war. Wir waren nicht wie andere Geschwister, kein Herz und keine Seele. Familie konnte man sich im Gegensatz zu Freunden nun mal nicht aussuchen. Leider. Deswegen wollte ich es auch gar nicht erst versuchen, Connor zu erklären.
Ernsthaft, Hazel, wieso macht er das?
Weil er mich nicht leiden kann und ich ihn ebenso wenig.
Ihr seid ja seltsam drauf. Also ich wäre froh, Geschwister zu haben.
Ach, halt die Klappe, Connor. Es interessiert mich nicht, was du gerne hättest.
Angepisst widmete ich mich meiner Mahlzeit. Kurz darauf pflanzte sich Dylan mir gegenüber. Er hatte geduscht. Feuchte Strähnen fielen ihm in die Stirn. Stumm wie ein Fisch begann er die gebratenen Eier in sich hinein zu schaufeln.
Eigentlich wollte ich mich auf mein Essen konzentrieren, doch Connor zwang mich dazu, meinen Bruder anzustarren. Mein, sein oder vielmehr unser Blick wanderte langsam über Dylans Brust, die sich deutlich unter dem engen, ärmellosen T-Shirt abzeichnete und blieb an seinen muskulösen Oberarmen hängen.
Sag mal, du stehst doch auf Frauen, oder?
Sicher. Wieso fragst du?
Weil du meinen Bruder gerade anschmachtest. Gefällt er dir?
Was? Nein, um Gottes willen. Es war nur ...
Ja?
Sein Aussehen erklärt einiges.
Verdrießlich blinzelte ich zu meinem Bruder hinüber. Ja, das stimmte schon. Während ich hin und wieder im künstlich beleuchteten Supermarkt meiner Mutter mit Schokoriegeleinräumen ein paar Kröten dazu verdiente, schuftete Dylan fast täglich bei einem Farmer, was ihm nicht nur den Gang ins Fitnessstudio, sondern auch die Sonnenbank ersparte. Sam meinte einmal, mein Bruder wäre der muskelbepackte Johnny Depp der Beach Boys. Nur würde er nicht auf einem Surfbrett reiten, sondern auf einem Traktor. Es war zum Kotzen. Denn während ich offensichtlich als Schmuddel-Hazel auf dem untersten Rang der Highschool-Hierarchie herumdümpelte, galt mein Bruder als cooler, gefährlicher Außenseiter. Ein Underdog, was anscheinend, wie ich schon insgeheim befürchtet hatte, bei den Mädels sexy ankam. Und wohl auch bei den Jungs. Mein Bruder und sexy? Äh, igitt, allein schon der Gedanke. Die haben ihn echt noch nie morgens in seinen alten Unterhosen aus dem Bett kriechen sehen. Ich würde wirklich gleich kotzen, wenn ich weiter darüber nachdachte. Innerlich verdrehte ich die Augen, weil ich ahnte, was kommen würde.
Und was erklärt sein Aussehen?
Na, dass es doch wahr sein könnte.
Hä? Um was zur Hölle ging es hier? Ich verstand die Welt nicht mehr.
Dass was wahr sein könnte?
»Hazel, Schätzchen? Was ist denn mit dir? Hast du keinen Hunger? Du hast das Essen noch nicht einmal angerührt. Geht es dir nicht gut?« Besorgt deutete meine Mutter auf meine unberührte Mahlzeit.
»Doch, doch. Alles prima.« Schnell stopfte ich mir zwei Gabeln gebratenes Ei in den Mund und biss vom Toast ab, das sie mir bereitgelegt hatte.
Mein Bruder hob kurz den Blick, in dem geschrieben stand: Gott, was stimmt mit dir nicht?
Ach, komm tu nicht so. Du hast bestimmt schon das Gerücht gehört, dass dein Bruder etwas mit meiner Freundin gehabt haben soll.
»Mit Brianna?«, platzte es laut und empört aus meinem Mund heraus, was zwei Reaktionen nach sich zog. Das »Was?«, von Mom und eine ruckartige Kopfbewegung Dylans. Die fiel auch Connor auf, der sofort in meinen Hirngängen lauthals randalierte.
Los, frag ihn! Frag ihn, ob er was mit ihr hatte!
Nein, auf gar keinen Fall. Weißt du, was der mit mir anstellt, wenn ich das mache?
Ohne mein Zutun bewegten sich auf einmal meine Lippen. »Hattest du was mit Brianna Cunningham?«
Bist du wahnsinnig?, brüllte nun ich in meinen Gehirnwindungen, während sich mein Inneres vor Angst verrenkte.
Das Gesicht meines Bruders verfinsterte sich. »Ich wüsste nicht, was dich das angehen sollte. Also halt die Füße still, Schweinchen.«
Aha, er hatte was mit ihr. Womöglich läuft sogar immer noch etwas zwischen den beiden.
Was? Nein, das kannst du doch nicht einfach so aus seiner Antwort schließen? Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, das Brianna Dylans Typ ist. Ehrlich gesagt, bezweifle ich, dass überhaupt jemand sein Typ ist, so mies wie der immer drauf ist.
»Ich will es aber wissen«, hörte ich mich mutig über den Tisch hinweg kläffen, obwohl mein Gesicht vermutlich die Angst zeigte, die tatsächlich in mir tobte.
Um Gottes willen, was tust du da? Er wird mich umbringen oder noch Schlimmeres.
Prompt landete ein Stück von Dylans Eigelb mit einem Flatschen auf meiner Nase. »Anscheinend willst du auch Ärger?« Vielsagend schwang er seine Gabel.
»Dylan!«, mahnte Mom ihn, während ich mir das Gesicht von seiner Mahlzeit befreite.
Doch das brachte meinen Bruder nur noch mehr gegen mich auf. »Sie soll sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern und sich nicht in mein Leben einmischen.« Abrupt stand er auf, schnappte seinen leeren Teller und schob seinen Stuhl mit einem wütenden Fußtritt an den Tisch zurück. Mit einem letzten giftigen Blick in meine Richtung kehrte er uns den Rücken zu und verschwand aus der Küche.
»Ihr zwei«, stöhnte meine Mutter. »Wieso könnt ihr euch nicht einfach vertragen wie andere Geschwister auch?«
Der verrät uns nie etwas. Wir müssen ihm nachspionieren.
Aber ganz sicher nicht. Ich bin doch nicht lebensmüde.
Ach, der macht doch nichts. Der tut nur so als ob.
Hallo? Ich habe da eine Narbe an der Stirn, die beweist das Gegenteil.
Echt? Eine Narbe? Von was?
Von Dylan natürlich.
Schon klar. Ich wollte wissen, wie er dir die verpasst hat.
Mit einem Salzstreuer aus Lucys Diner, den er mir mit Schmackes gegen den Kopf geworfen hat, weil ich von seinem Eis probieren wollte.
Ein Lachen erfüllte meine Gedanken. Wann war das? Als ihr fünf wart?
Nein, gestern. Natürlich als wir klein waren, du Idiot. Wehgetan hat es aber trotzdem und es ändert nichts daran, dass er mich plattmachen wird, wenn er herausfindet, dass ich ihm nachspioniert habe.
Du hast echt eine kranke Familie.
»Da wir jetzt wieder unter uns sind ...«
Haha, guter Witz, Mom.
»Hast du dir schon überlegt, was du zu deinem Date mit Noah anziehen wirst?«
Ach, du Scheiße. Wir haben ein Date?
Nein, ich habe ein Date. Na ja, eigentlich ist es nicht mal meins, sondern das meiner Mom.
Was soll das denn bedeuten?
Ich brachte einigermaßen ein Grinsen zustande. »Ähm, nein, Mom. Aber ... Warum mischst du dich eigentlich in mein Leben ein und nicht in Dylans?«
Mom lächelte zufrieden. »Weil er ja offensichtlich ein Liebesleben hat, du aber nicht.«
Da! Da haben wir es. Selbst deine Mutter weiß, dass er was mit Brianna hat.
Quatsch.
Los, frag sie!
Och, nee, bitte nicht.
Tu es, Schweinchen.
Hey, ich geb dir gleich Schweinchen.
»Also hat er was mit Brianna?«, fragte ich auch schon, ohne es zu wollen. Stöhnend versenkte ich mein Gesicht in den Händen. Wenn das mit Connor so weitergehen würde, würde ich mich in Zukunft nirgends mehr blicken lassen können.
Darauf kannst du einen lassen. Also tu besser, was ich von dir verlange.
Drohst du mir etwa?
Wenn du es so nennen willst: ja.
Ich warne dich. Auch ich kann dir das Leben zur Hölle machen.
Dass ich nicht lache. Und wie soll das gehen, Schweinchen?
Nenn mich noch einmal so und ich geh zu deiner geliebten Brianna und sage ihr, dass wir miteinander geschlafen haben.
Das wirst du nicht.
Wetten doch?
Bitte, tu dir keinen Zwang an. Sie würde dir das ohnehin nicht glauben.
Wenn ich eine Heulszene an deinem Krankenbett abliefere, die sich gewaschen hat, würde ich mir an deiner Stelle da nicht mehr so sicher sein.
Das wüsste ich zu verhindern.
Oh, nicht alles. Glaub mir.
Du würdest dich dann aber wie eine Irre aufführen. Das ist dir schon klar, oder? Und war das nicht genau das, was du verhindern wolltest?
Das wäre es mir wert. Denn dein Ruf wäre ebenso geschädigt. Wo bliebe denn dein Ansehen, wenn alle erführen, dass der coole Connor Ward etwas mit der billigen Schmuddel-Hazel hätte?
Stille. Für einen Augenblick in meinem Kopf.
Okay. Ich habe es geschnallt. Wir kommen nur mit Teamwork weiter. Ich sehe ein, dass ich mich gerade so arschig wie dein Bruder benommen habe.
Ich stutzte. Hatte ich tatsächlich den Sieg davongetragen? Anscheinend. Aber das bedeutete, dass ich in seinen Augen wirklich schrecklich sein musste und er tatsächlich der oberflächliche Arsch war, für den ich ihn hielt. Sein Ruf, sein Ansehen waren ihm wichtiger als alles andere und sollten nur mit der Crème de la Crème von New Stamford in Verbindung gebracht werden. Ein bitterer Geschmack machte sich in meinem Mund breit, floss mir die Kehle hinunter und brachte meine Augen zum Brennen. Ich nahm einen Schluck Wasser, das Mom uns eingeschenkt hatte. Connor sollte nicht merken, wie sehr mich das alles verletzte.
Gut, dass wir jetzt an einem Strang ziehen. Vielleicht bekommen wir ja heraus, ob etwas zwischen deiner Freundin und meinem Bruder läuft.
Genau das wünschte ich ihm nämlich, dass Brianna ihn nach Strich und Faden betrog.
Im selben Moment meldete sich Mom zu Wort. »Keine Ahnung, ob das Mädchen seine Freundin ist. Aber so wie Dylan reagiert hat, scheint sie ihn nicht kalt zu lassen.«
Connor knurrte und ich verbot mir ein Stöhnen, sowohl laut als auch innerlich. Schweigend aß ich den Rest meines Spiegeleis auf.
»Aber nun zurück zu deinem Date. Du hast doch diesen schwarzen Minirock? Ich finde, der bringt deine Beine besonders schön zur Geltung. Willst du den nicht anziehen?«
»Mom!« Mit einem jammernden Tonfall hoffte ich, sie davon abzuhalten, mich weiterhin wie eine zum Verkauf stehende Kuh anzupreisen.
Connor kicherte. Lass sie doch.
»Warum stellst du dich denn so an? Du versteckst viel zu viel von dir, was die Jungs sehr gerne sehen würden.«
Zu viel Information, eindeutig zu viel und das auch noch von der falschen Person. Sollten Mütter eigentlich nicht das Bedürfnis haben, ihre Töchter in einen Rollkragensack mit Keuschheitsgürtel und Panzerschloss zu stecken?
Ja, Hazel. Komm schon, zeig uns, was du unter den schlapprigen Klamotten zu verbergen hast. Connors tiefes Lachen hallte in meinem Schädel. Bei Gott, ich hätte nie vermutet, dass du einen Minirock in deinem Schrank hängen hast.
Woher auch? Ich weiß ja auch nicht, was du unter deinen Klamotten oder in deinem Kleiderschrank verbirgst. Und ich will es auch gar nicht wissen.
Stimmt. Aber ich glaube, nichts davon würde dich so überraschen, wie mich die Neuigkeit von deinem Minirock.
Autsch! Der Stich saß. Schon wieder.
»Können wir das Thema bitte wechseln.« Und das gilt auch für dich, Connor.
»Ahh, Schätzchen«, säuselte meine Mom. »Ich will doch nur, dass du glücklich bist.«
»Aber das bin ich doch – auch ohne Minirock«, entgegnete ich wie so oft. Wir führten diese Diskussion nicht zum ersten Mal und wie immer bildete sich zwischen Moms gütigen Augen eine Falte.
»Vielleicht wärst du rundum glücklich mit einem Partner an deiner Seite? Ich weiß doch, wie schwierig die Teenagerzeit ist und man manchmal das Gefühl hat, einsam und verlassen zu sein.« Sie griff über den Tisch nach meinen Fingern und drückte sie. »Du und Dylan ihr seid für mich das Wichtigste. Leider kann ich nicht immer so für euch da sein, wie ich mir das wünsche. Und ... ich weiß nicht, was ich sonst noch tun kann. Also lass mich bitte das tun.«
Für einen Moment schloss ich die Augen, um die Tränen zu verdrängen. »Mom, du machst dir viel zu viele Sorgen. Ehrlich. Dylan und mir geht es gut.«
Mit zusammengepressten Lippen tätschelte Mom meine Hand. »Ich werde mich immer um euch sorgen. Jeden Tag, solange ich lebe.« Sie wischte sich verstohlen übers Gesicht, bevor sie sich erhob und den Tisch abräumte. Seit Dad sich vor elf Jahren von uns getrennt und sich fernab von uns ein neues, anderes Leben aufgebaut hatte, versuchte sie, stark für uns zu sein. Ihn zu ersetzen. Uns vergessen zu lassen, dass wir einen Vater hatten, dem wir egal waren, der sich eine neue Frau besorgt und neue Kinder gezeugt hatte.
Traurig schaute ich ihr nach. Jedes Mal schaffte sie es, dass ich nach solch einem Gespräch alles Mögliche für sie tun wollte, damit sie sich nicht sorgte und vor Selbstzweifel zerfleischte.
Mein Gott, zieh halt diesen beschissenen Minirock zu dem Date an, wenn das deiner Mutter so viel bedeutet.
Aha, selbst Connor hatte sie um den Finger gewickelt. Kacke.
»Okay«, hörte ich mich sagen. »Ich werde mich in Schale werfen und zu dem Date gehen.«
Mit einem Schniefen drehte sich Mom zu mir. »Es wird dir gefallen. Du wirst sehen. Noah ist wirklich ein sehr netter Junge.«
Mir kam es vor, als würde ich unter Schmerzen grinsen. »Ja, das hast du schon mal erwähnt.«
Echt? Ohje, dann muss Noah wirklich ein Schleimer sein.
Mit hundertprozentiger Sicherheit.
Ich dachte erst, du sagtest das nur so, dass es ihr Date ist, aber sie zieht die Typen tatsächlich für dich an Land. Scheiße Mann, welcher Kerl macht mit der Mutter ein Date für die Tochter aus?
Ja, das frage ich mich auch immer wieder. Aber du hast ja gesehen, wie überzeugend sie sein kann.
Mom schnatterte munter vor sich hin, während sie die Pfanne abwusch. »Seine Mutter Tanja, die die Backwaren betreut, ist ja auch so eine liebe.«
»Ja, Mom, das hast du mir auch schon mindestens dreimal erzählt.«
»Ach wirklich? Na ja, die beiden sind nun mal ganz bezaubernd.«
Uh! Also wenn ein Typ bezaubernd ist, dann kann er ja nur ...
Du hast ja keine Ahnung. Der Sohn vom Briefträger war auch ganz bezaubernd. Der vom Hausmeister ebenso wie der vom Fleischlieferanten. Der von ihrem Radiologen. Der von ihrer Maniküre. Allesamt waren zauberhaft.
Connor grunzte. Und? Wie waren sie wirklich?
Oh, sie waren einiges. Mein erstes Date zum Beispiel, hatte mehr Interesse an der Bedienung als an mir.
Was? Er hat eine andere angebaggert, während er mit dir das Date hatte?
Was daran lag, dass ich ein Mädchen war und die Bedienung ein Kerl, der ihm gefiel.
Oh, oh, ich verstehe.
Ja, leider hatte sein Vater keinen Schimmer davon und mein Date wollte daran auch nichts ändern. Deswegen haben wir uns letztlich gemeinsam stundenlang Make-up-Tutorials auf Insta reingezogen.
Sowas schaust du dir an? Danach siehst du gar nicht aus.
Hatte sich meine Laune trotz der Aussichten auf ein weiteres Date gerade noch ein Stück weit gebessert, weil ich glaubte, sie wären nicht nur wegen mir alle verkorkst verlaufen, schlug sie nun wieder im Keller auf. Bam! Welches Mädchen hörte schon gerne, dass sie wie ein ungepflegtes Stück Holz aussah? Vor allem, wenn man zuvor schon als schmuddelig bezeichnet wurde.
Danke, Connor. Sehr freundlich. Du bist echt so ein Arsch!
Hey, das ... das war nicht so gemeint. Was ich damit sagen wollte war, du ... du wirkst immer so ... natürlich. Dein Gesicht ist nicht so ... maskenhaft wie ...
... bei deiner Freundin Brianna?
Ha, Treffer! Meine Spitze hatte ihr Ziel nicht verfehlt, denn Connor stockte.
Wie bei anderen Mädchen wollte ich sagen. Aber das ist ja auch egal. Erzähl mir von den anderen Typen, die dir deine Mom aufgerissen hat.
Warum sollte ich?
Ich weiß nicht, weil es witzig ist, weil ... du witzig bist.
Ich bin witzig?
Das war ein Kompliment, wie das andere auch.
Dann verrate ich dir mal was, Connor: Komplimentemachen zählt nicht gerade zu deinen Stärken.
Eigentlich schon, nur bei dir ...
Achso, jetzt bin ich schuld, weil du dich mies ausdrückst, oder wie?
Nein, du bist einfach nur ... anders als andere Mädchen. Und ich muss mich nun mal erst darauf einstellen.
Aha. Sollte das wieder ein Kompliment sein?
Im Grunde schon.
Du machst mich fertig, Connor.
Also, wie lief es mit deinen restlichen Dates?
Du willst es wirklich wissen, oder?
Sagte ich das nicht? Oder fischst du jetzt bloß nach weiteren Komplimenten?
Nein, warum sollte ich scharf auf Komplimente von dir sein?
Herrgott, Hazel! Das weiß ich doch nicht. Erzähl mir jetzt von deinen Dates oder lass es sein!
Kein Grund, gleich so auszurasten. Ich mach ja schon.
Na endlich.
Also ein anderer Kerl, den Mom für mich aufgabelte, war dermaßen schüchtern, dass er mich weder anschauen noch mit mir sprechen wollte. So einen schweigsamen Ratespielabend habe ich seitdem nie wieder erlebt. Dann war da noch der Gamer, der sich den Burger einpacken ließ und es übereilig hatte wieder nach Hause vor seinen PC zu kommen. Definitiv mein kürzestes und schnellstes Date. Ach, dann gab es noch den Verschwörungstheoretiker, der schon die ersten Züge einer Paranoia hatte. Wir mussten uns in das dunkelste Eck des Diners setzen, weil er befürchtete, dass uns doch noch irgendwo Kameras belauern könnten. Als er mich zudem hin noch drängte mein Smartphone auszuschalten, weil man uns abhören und orten würde, beendete ich das Date. Im Nachhinein vermute ich, dass er auf der Flucht war und sich für einen Whistleblower hielt.
Connor lachte.
Warte. Das interessanteste Date war aber das mit dem Hypochonder, der mehr Pillen und Tabletten aß als Pommes. Ehrlich ich wusste nicht, dass man sich so viele Krankheiten auf einmal einbilden kann, bloß weil man furzen muss. Das letzte Date entpuppte sich als geistig minderjähriger Spanner, der mir ständig auf den Busen glotzte.
Connors Lachen schallte in meinem Kopf. Es klang angenehm und ansteckend, so dass ich den Rest meines Spiegeleis mit einem Grinsen im Gesicht hinunterschluckte.
Wow, deine Mutter hat echt ein Händchen für schräge Typen.
Offensichtlich.
Ich linste zu meiner Mom hinüber. Mittlerweile putzte sie den Herd, weswegen ich mich beim Aufstehen und Abräumen des Tellers in die Geschirrspüle bemühte, mich wie gewöhnlich zu bewegen. »Ich geh auf mein Zimmer. Es war ein langer Tag und ich bin ziemlich erledigt.« Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Gute Nacht, Mom.«
»Gute Nacht, Schätzchen«, erwiderte sie matt und ich verzog mich schleunigst. Im Flur schnappte ich mir meinen Rucksack, huschte die Treppe hinauf und den Gang entlang in meine eigenen vier Wände. Ausatmend lehnte ich mich mit dem Rücken von Innen gegen die verschlossene Zimmertür und schaltete das Licht ein. Das wäre geschafft.
Okay wie stellen wir es morgen früh an, dass du zu meinem Körper kommst?
Morgen früh geh ich zur Schule - so wie immer.
Aber ...?
Vergiss es. Es ist mein Körper, mein Leben und die werde ich nicht gegen die Wand fahren, weil du glaubst, es nicht abwarten zu können.
Connor schnaufte, was wohl bedeutete, dass ihm das ganz und gar nicht passte.
Okay. Gleich nach meiner letzten Stunde gehen wir ins Medical Center und suchen dich. Versprochen.
Und wenn sie dich nicht zu mir lassen?
Wird uns etwas einfallen.
Ich stellte meinen Rucksack neben dem Schreibtisch ab und begann meine Hose aufzuknüpfen.
Hm, vielleicht ist das ja doch alles nur ein Traum und morgen früh wache ich wieder in meinem Körper und in meinem Bett auf?
Ja, das wäre natürlich super. Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht mehr daran. Für mich fühlt es sich leider verdammt echt an. So verrückt es auch ist.
Inzwischen hatte ich mir meine Jeans samt Socken von den Beinen gestreift und zog nun das T-Shirt aus. Es landete auf dem Turm, der aus den zuvor abgelegten Klamotten bestand. Verbissen wühlte ich im Bett unter der Decke nach meinem Schlaf-Shirt. Doch selbst als ich es in den Händen hielt, blieb Connor stumm.
Für dich nicht?, hakte ich nach.
Doch, doch, mhm, kam lediglich von ihm.
Anscheinend grübelte er und ich befreite mich schweigend von meinem BH, den ich ebenso auf den Kleiderberg warf. Während ich da stand und mein Schlaf-Shirt überwerfen wollte, huschte mein Blick ständig auf meinen Busen. Im ersten Moment begriff ich nicht, was vor sich ging. Ich wunderte mich, bis mir auffiel, dass Connor noch immer verdächtig still war. Meine Augen wurden rund, während sie schon wieder zurück von meinem Schlaf-Shirt auf meinen Körper starrten. Mit einem empörten Luftschnappen bedeckte ich hastig meine Brüste.
»Connor!«, platzte es laut aus mir heraus. Du siehst, was ich sehe, oder?
Mhm, kam es wieder einsilbig.
Sag mal. Geht es noch. Schau weg! Los!
Wie soll ich das denn bitteschön machen? Ich habe keine Lider, die ich verschließen kann.
Arrgh! Du hast doch Gewalt über meine linke Körperhälfte?
Ja, sozusagen.
Erneut weiteten sich meine Augen. Moment mal! Du fühlst doch auch, was ich fühle?
Doch bevor er antwortete, dämmert es mir. Sein leises Soszusagen war gar nicht mehr nötig. Und schon zerrte ich meine unwillige linke Hand von meiner Brust.
Los, kneife das Auge zu. Auf was wartest du?
Aber wie soll ich dann sehen, was ich tun soll?
Oh, keine Angst, das übernehme ich schon.
Connor brummelte. Na, gut.
Mein linkes Lid schloss sich und so hantierte ich einäugig mit meinem Shirt, bis ich es übergezogen hatte.
Du siehst nichts, oder?, fragte ich zwischendurch.
Nein?
Connor?
Ein bisschen vielleicht.
Oh-nee.
Dann schau einfach irgendwo anders hin beim nächsten Mal.
Nun schnaubte ich unwillig vor mich hin.
Aber, Hazel, ... deine Mutter hat recht.
Mir schwante bereits Schreckliches und meine Wangen begannen zu glühen. Mit was?
Das würden Jungs wirklich gerne von dir sehen.
Boah, ich wusste es. War ja klar. Du Spanner!
Mann, das war ein Kompliment.
Oh, nein, war es nicht.
Verdammt, es war aber als solches gedacht.
Ohne Scheiß, du solltest deine Art Komplimente zu machen gründlich überdenken. Nicht jede Frau findet es toll, auf ihre Brüste angesprochen zu werden. Oder wie fändest du es, wenn ich dir ungefragt sagen würde, dass …
Ich eine tolle Brust habe?
Nein, dass du… dein Gehänge nicht zu verstecken bräuchtest.
Pf, als würde ich ohne Hose durch die Gegend …
Genau, und als würde ich jedem gerne meinen nackten Busen vor die Nase halten.
Trotzdem würde ich es als Kompliment entgegennehmen.
Ähm, einmal vielleicht, von einer Person, die dir nahesteht und dir wichtig ist. Aber nicht, wenn dir das öfters passiert von Wildfremden, die glauben, sie hätten das Recht dazu, dir - im schlimmsten Fall noch in aller Öffentlichkeit - zu sagen, wie sie deinen Körper finden. Als würde es mich interessieren, was sie über mich denken. Was geht sie mein Körper an?
Okay, ich habe verstanden. Heikles Thema. Tut mir leid, ich wollte nur nett sein.
Obwohl Connor richtig lag, meinen wunden Punkt getroffen zu haben, und er eingeschüchtert klang, fraß sich das, was ich schon zu oft erlebt hatte, aus mir heraus.
Es ist verdammt nochmal nicht in Ordnung, von anderen ungefragt bewertet zu werden und sich das Ergebnis auch noch anhören zu müssen.
Ja, ja, es war voll daneben von mir.
Connor wollte es nicht verstehen und plötzlich war all meine Wut, meine Energie dahin. Ich war nur noch leer und müde. Jeder Gedanke, ob von Connor oder mir, war mir zu nah, zu viel. Mein Kopf wog schwer wie Blei. Ich hörte ein Seufzen und wusste nicht mehr, woher es kam – von mir oder meinem ungebetenen Gast. Verzweifelt rieb ich mir über das Gesicht. Wir sollten schlafen.
Ja, wird wohl besser sein.
Schweigend legte ich mich ins Bett, deckte mich zu und löschte das Licht. Die letzten Stunden durchlebte ich nochmal im Schnelldurchgang. Wieder wallte eine leise Wut in mir auf, auf Connor, auf Dylan, im Grunde auf alle männlichen Wesen, aber auch auf die beiden Mädchen, die Joggerinnen. Manchmal brauchte es nicht mal Worte, sondern nur einen Blick oder ein Nichtstun, um zu verletzen. So leicht war es und doch so kompliziert.
Ich dachte, wir schlafen?
Tun wir doch.
Nein, ich kann deine Gedanken hören, Hazel.
Warum kann ich eigentlich nicht deine hören? Oder höre ich sie und weiß es nicht?
Nein – ich glaube nicht. So wie es aussieht, ist nicht alles von mir hier bei dir gelandet, sondern ein Teil muss noch in meinem Körper stecken.
Ja, sonst wärst du vermutlich wirklich tot.
5. Dinge, die man nicht wahrhaben will
Langsam schwebte ich aus der Schwerelosigkeit des Schlafes in die Wirklichkeit und bemerkte wie meine linke Hand zu meinem Schritt wanderte. Ziellos tastete sie dort herum, als würde sie etwas suchen. Was tat ich da? Was machte dort meine Hand? Schlagartig war ich wach. Mit weit geöffneten Augen hörte ich in mich hinein. Connor? Bist du noch da?
Ein verschlafenes Ächzen dröhnte durch meinen Kopf. Jap, war er.
Was ist denn? Scheiße nochmal. Wer bist du und was suchst du in meinem Bett? Ein erneutes Tasten meiner Linken in meinem Schritt erfolgte ... und ein Schrei in meinem Kopf. Fuck! Wo ist mein Schwanz?
Da wo er hoffentlich immer ist, aber sicher nicht zwischen meinen Beinen.
Grob packte ich meine Linke und zog sie von meinem Unterleib fort, um sie neben mich auf die Matratze zu pfeffern. Hör gefälligst auf, an mir herumzufummeln!
Scheiße, es war als doch kein Traum.
Nein, leider nicht.
Stöhnend schloss ich wieder die Augen. Am liebsten hätte ich diesen Tag unter der Bettdecke verbracht. Mir grauste bereits davor, mich den ganzen Tag mit Connor herumschlagen zu müssen.
Es bringt nichts, Hazel. Wir müssen aufstehen. Wenn du im Bett liegen bleibst, können wir an unserem Zustand nichts ändern.
Ist ja gut.
Langsam quälte ich mich aus dem Bett. Meine Oberschenkel schmerzten von meinem gestrigen ungewohnten Sprint. Meinen Muskelkater insgeheim verfluchend taumelte ich zum Schrank, wo ich meine Lieblingsjeans und ein T-Shirt herauszog. Wenn der Tag schon bescheuert werden würde, wollte ich wenigstens bequeme Klamotten tragen. Lustlos schlurfte ich ins Bad, zog mich aus und stieg unter die Dusche. Das warme Wasser prasselte auf mich herunter. In meinem Kopf schwappte eine milchige Suppe aus wirren Gedanken, Erinnerungen und Eindrücken hin und her. Mir kam alles so unwirklich vor. Träge und immer noch hundemüde wusch ich mir die Haare und seifte mich ein.
Hazel?, hörte ich Connor zaghaft fragen. Du weißt schon, dass ich alles sehen und fühlen kann?
Ich versteinerte. Mit der Seife in der einen und mit meinem Busen in der anderen Hand. Mist, elender, das habe ich vollkommen vergessen.
Das habe ich bemerkt. Aber, Hazel, ... es ist nichts, was ich nicht schon gesehen hätte. Und es ist okay. Es ist das Natürlichste auf der Welt.
Weißt du was? Ja, ja lass uns die Sache locker angehen. Ich habe keinen Bock auf diesen Stress am Morgen. Können wir uns darauf einigen, dass du dich einfach zurückhältst und mich so tun lässt, als wärst du gar nicht da?
Wie lange?
Bis ich das Bad verlassen habe.
Das wird mir zwar schwerfallen, aber okay.
Danke.
Um es Connor leichter zu machen, versuchte ich von nun an, meinen Blick auf die Wände zu richten. Abtrocknen, Anziehen, Zähneputzen, alles ging wie gewohnt vonstatten. Ich verzichtete nur darauf, mich anzusehen oder in den Spiegel zuschauen, solange ich nackt war. Von Connor kam kein Laut und es lief prima, bis sich ein dringendes Bedürfnis einstellte. Ratlos stierte ich die Toilette an. Das konnte doch nur peinlich enden.
Tu es einfach. Oder willst du in die Hose pinkeln?
Ich kann das nicht.
Jetzt mal offen und ehrlich, das wird sich nicht anders anhören als bei mir. Aber wenn es dich beruhigt, werde ich mir die Ohren zuhalten. Ich schwöre.
Erstens höre ich deiner Stimme an, dass du mich gerade auslachst, und zweitens hast du gar keine Ohren, die du dir zuhalten könntest. Momentan zumindest.
Connor seufzte. Okay, ich verziehe mich für ein Weilchen in den hintersten Winkel deines Verstandes – hoffen wir, dass es da nicht zu dunkel ist – und beschäftige mich mit anderen Gedanken. Wie zum Beispiel, wen Coach Bishop auf meiner Position spielen lassen wird, falls ich es bis Samstag nicht wieder in meinen Körper schaffe. Oder ob Harvard wirklich das College ist, das ich besuchen sollte.
Wie wäre es, wenn du nebenbei ein Lied singst?
Nicht dein Ernst?
Doch. Es muss nur laut genug sein. Old McDonald würde schon seinen Zweck erfüllen?
Auf gar keinen Fall!
Twinkle, Twinkle, Little Star?
Nein! ... Höchstens: Feeling good.
Ookayy.
Ich kann nicht glauben, dass ich das jetzt tue.
Glaub mir, ich auch nicht.
Zögernd und mit einem unguten Gefühl in der Magengegend ging ich auf die Toilette zu und dann begann Connor zu singen. Für einen Moment vergaß ich zu atmen. Gebannt blieb ich stehen und lauschte seiner überraschend sexy markanten Stimme, die mit den ersten Zeilen des Songs wie raue Seide durch meinen Körper floss. Ein wohliger Schauder rieselte meinen Rücken hinab. Bei jeder tiefen Note richteten sich Härchen an meinen Armen auf. Klar, war mir aufgefallen, dass Connor eine ausgesprochen tiefe und melodische Sprechstimme hatte, aber nie wäre ich darauf gekommen, dass wenn er singen würde, sie mir dermaßen ...
... unter die Haut gehen könnte?, unterbrach Connor plötzlich seinen Gesang. Er lachte leise und dieser Laut machte das Drunter und Drüber in meinem Körper alles andere als besser. Mein Gehirn filterte die Sexyness aus seiner Stimme heraus, die mir direkt in den Magen rauschte.
Du, ... du findest meine Stimme erregend? Er klang zwar amüsiert, aber auch verwundert.
Ähm ... hast du etwa mitbekommen, was sich in mir abgespielt hat?
Du meinst, dass es bis in deinen Magen kitzelt, es dich friert und zugleich wärmt, wenn ich singe? Ja, das habe ich. Ich wusste nicht, dass meine Stimme zu so etwas in der Lage ist. Er grinste, ich hörte es.
O Gott, das war bestimmt sein bekanntes Grübchenlächeln, mit dem er die Mädchen scharenweise in die Knie zwang. Mein Kopf verwandelte sich in einen Feuerball. Es war tausend Mal peinlicher, es von ihm eiskalt auf die Nase gebunden zu bekommen, anstatt es nur zu vermuten, dass er es erahnen könnte. Heilige Scheiße. Demnach war Abstreiten zwecklos, wenn er alles hautnah in meinen Gedanken hörte und genau fühlte, was in mir vorging. Und mit einem Mal wurde mir klar ...
Dann hast du also schon die ganze Zeit über meine Wut, meine Freude und auch meine Scham gespürt?
Deine Angst, deine Zweifel. Ja, alles. Sehr viele Gefühle und sehr verwirrend übrigens.
Schlimmer konnte es nicht mehr werden. Ich war ein offenes Buch für Connor. Kein Geheimnis, kein Gefühl gehörte mehr mir. Mir kam mein Körper auf einmal zu klein vor, viel zu beengt. Ich glaubte zu ersticken. Ich musste hier raus. Ich musste ... Nur wie?
Hazel, nein. Nein. Du bekommst jetzt keine Panikattacke. Wir stehen das durch, gemeinsam. Wir finden eine Lösung. Du wirst sehen, heute Mittag bin ich wieder in meinem Körper und du hast deinen für dich ganz allein. Alles wird gut werden. Vertrau mir.
Nur allmählich ebbte die Panik in mir ab.
Bist du dir sicher?
Ja, völlig sicher. Und jetzt klinke ich mich für eine Weile aus, dann kannst du tun, was du willst. Keinen Ton wirst du von mir hören. Denk nicht mehr an mich.
Okay.
Eine halbe Stunde später stieg ich mit Sam in den Schulbus. Connor hatte sich wie versprochen seit dem Bad nicht mehr zu Wort gemeldet. Langsam fühlte ich mich wieder normal und nicht mehr wie eine Fremde in meinem Körper. In völliger Ruhe hatte ich mich schminken, frühstücken, zum Bus laufen und auch Sam begrüßen können, mit der ich mich nun in einer Sitzreihe niederließ. Wie jeden Morgen beobachteten wir die Schüler, die nach uns in den Bus kamen und sich einen freien Platz suchten.
»Wenn ich Glück habe, ...«, meinte Sam neben mir, »geht in der ersten Stunde wieder einer von Mr. Danvers gewagten Versuchen daneben und wir müssen einmal mehr wegen giftiger Dämpfe das Klassenzimmer räumen.«
Ich grunzte. »Wenn ihr Glück habt, sprengt er sich samt euch nicht irgendwann in die Luft.«
Sam kicherte und auch von Connor vernahm ich ein leises Lachen. Er war also noch da.
Wir erreichten das Schulgelände und ich stieg mit Sam aus. Gemeinsam schlängelten wir uns durch die Schülerschar zu unseren Schließfächern, die nur wenige Schritte voneinander entfernt lagen. Gerade als ich mein Biologiebuch in den Rucksack packte, kamen ein paar Jungs vom Football-Team angelaufen.
Das sind Fisherman und Shepard.
Ich sehe sie. Leider.
Hastig drehte ich mich wieder zu meinem Spind. Doch Connor hatte anderes im Sinn und ohne mein Zutun streckte ich den Kopf an meiner Schließfachtür vorbei, um beobachten zu können, wohin die zwei gingen.
Lass uns ihnen bitte folgen, Hazel. Ich würde gern wissen, was sie reden, ob sie schon von meinem Unfall gehört haben.
Muss das sein?
Wenn du an meiner Stelle wärst, würdest du nicht auch einen Blick auf deine Freunde werfen wollen?
Schweren Herzens musste ich mir eingestehen, dass ich ihn ebenso gebeten hätte, Sam aufzusuchen. Also gut. Aber nur ein kurzes Stück. Ich will nicht zu spät in meinen Unterricht kommen.
Alles klar. Dann lass uns sie verfolgen. Ich schätze, sie werden zu den Picknicktischen am Hintereingang gehen.
Natürlich. Wohin auch sonst? Ich kenne den Platz der angesagten Kids.
Hey, jetzt sei doch nicht so fies. Die Leute sind echt okay.
Zu dir vielleicht.
Schon mal in Betracht gezogen, dass ihr Verhalten nur eine Reaktion auf deins sein könnte?
Nein . Aus dem einfachen Grund, weil sie nämlich keinen brauchen, um über Leute wie mich herzufallen.
Übertreibst du jetzt nicht ein bisschen?
Ich glaube kaum, dass du in der Lage bist, das zu beurteilen.
Sauer warf ich die Tür meines Spinds zu und verschloss sie. Ich verspürte nicht die geringste Lust, Connors Kumpels zu verfolgen und zu belauschen. Bewegungslos verharrte ich auf der Stelle. Sam, die vor mir stand, sah mich irritiert an und nickte mit dem Kinn in meine Richtung. Ich verstand ihre Geste sofort: Was ist los?
Ich schulterte meinen Rucksack und ging an ihr vorbei. »Muss noch kurz was erledigen. Wir sehen uns dann später in der Pause.«
»Okay.« Mit großen Augen blickte sie mir nach.
So gut es ging, versuchte ich, mich hinter anderen Schülern zu verbergen und gleichzeitig zu Fisherman und Shepard aufzuschließen. Kurz vorm Eingang konnte ich Fetzen ihrer Unterhaltung aufschnappen.
»Ethan hat erzählt, sie hätten ihn oben am Longshaw Peak gefunden.«
»Was hat er um diese Uhrzeit da oben gemacht?«
»Keine Ahnung.«
Ich blieb den zwei an den Fersen kleben. Wie erwartet suchten sie den hintersten Picknicktisch auf, wo auch schon die anderen ihrer Clique warteten. Brianna, Connors Freundin, war eine von ihnen. Sie hing weinend in Ethans Armen, der ihr sanft die Schulter streichelte. Prompt vernahm ich, Connors tiefes Seufzen.
Kannst du dich näher ranschleichen, damit ich hören kann, was sie reden?
Sicher, dass du das willst?
Warum sollte ich das nicht wollen? Das sind meine Freunde.
Okay, ich versuche es.
Gesagt, getan. Schritt für Schritt schlenderte ich betont gelangweilt in die Nähe der Gruppe. An einer Säule der Arkaden blieb ich stehen. Nur ein kurzes Wegstück trennte mich noch von Connors Freunden. Mit dem Rücken in ihre Richtung lehnte ich mich gegen den kühlen Stein und tat so, als schaue ich mich ziellos um.
»Hey, Bran, das mit Connor tut mir voll leid«, sagte Shepard und auch Fisherman schloss sich ihm an.
»Ja, Mann, das ist voll scheiße, was ihm passiert ist. Weiß man denn, wie es dazu kam?«
Schluchzend hörte ich Brianna erwidern: »Nein. Seine Eltern sagten mir nur, dass man ihn bei den Felsen mit einer Kopfverletzung und ohne Bewusstsein gefunden hätte und er ins Green Haven nach Penshecola gebracht wurde.«
»Emma und Tracey haben mir vorhin erzählt, dass sie auf ihrer Joggingrunde dazugekommen wären, als ein Spaziergänger Connor gefunden hätte und gerade dabei gewesen wäre, den Rettungsdienst zu rufen«, mischte sich nun auch Briannas beste Freundin Lindsay ein.
Ethan sagt gar nichts, bemerkte Connor. Ein kritischer Unterton schwang in seiner Feststellung mit. Er hält Brianna nur stumm im Arm. Warum kommt von ihm nichts zu meinem Unfall?
Ich warf einen Blick über die Schulter und musterte Connors Kumpel, Ethan Strout. Der Kerl war das perfekte Abziehbild eines Sunnyboys. Blonder Wuschelkopf, Schmollmund und große, grüne Augen mit langen Wimpern. Sein hübsches Bubi-Gesicht wollte irgendwie nicht zu seiner muskulösen Figur passen. Er wirkte verschlossen, aber seine Körpersprache verriet Kummer. Tiefen Kummer.
Sieh dir deinen Freund an. Es scheint ihn ziemlich mitgenommen zu haben.
Mhm, ich kann mir denken weshalb.
Was heißen soll?
Wir haben uns gestern Abend gestritten.
Darf ich fragen, um was es dabei ging?
Ach, nichts Wichtiges.
Okay, wenn du es mir nicht sagen willst, bitte. Warum sollte ich auch etwas über dich erfahren wollen? Ist ja nur so, dass du alles über mich weißt, sogar die Farbe meiner Unterhose.
Hazel, wir sollten jetzt schleunigst gehen.
Warum? Weil es dir nicht passt, wenn ich mal etwas von dir wissen will?
Nein, weil Fisherman und Shepard dich entdeckt haben.
Was?
Erschrocken suchte ich nach den beiden Footballspielern. Mittlerweile standen sie etwas abseits der Gruppe und wie Connor gesagt hatte, starrten sie zu mir herüber.
»Hey, was glotzt du denn so?«, rief auch schon Shepard.
»Spionierst du uns etwa hinterher?«
Finster dreinblickend kamen die beiden Schränke auf mich zu.
Mist!
Eilig verließ ich meinen Horchposten und flüchtete zurück zum Hintereingang des Schulgebäudes. Gerade als ich die Tür aufziehen wollte, hatten die zwei mich eingeholt und versperrten mir den Weg. Von rechts und links kesselten sie mich ein und stemmten sich gegen die Tür, was meiner Flucht ein Ende setzte.
Fisherman, der zwei Köpfe größer als ich war und mich an einen überdimensionalen Spongebob erinnerte, grinste dreckig auf mich nieder. »Na, auf wen hast du es abgesehen?«
»Vielleicht wollte sie sich davon überzeugen, dass die Gerüchte über Connor stimmen?«, riet Shepard angesäuert.
Fishermans Augen wurden schmal. »Stimmt das?«
Scheiße!, keuchte Connor nur für mich hörbar hinter meiner Stirn.
Ich schluckte panisch. Was soll ich sagen? Schnell, erzähle mir, was ich ihnen sagen soll.
»Was ist? Hast du die Sprache verloren?« Das war wieder Shepard.
»Ich ... Äh, ich ...«
Connor, jetzt hilf mir doch mal!
Das tat er dann auch und meine Lippen bewegten sich. »Ich habe ihn oben am Longshaw Peak gesehen und ... und ...«
Super gemacht, Connor. Und jetzt?
»Und?«, fragte einen Wimpernschlag später auch schon Fisherman misstrauisch.
»Ich wollte schauen, ob Brianna Bescheid weiß«, hörte ich mich zu meinem Entsetzen stammeln.
Bist du irre?
Was denn? Du wolltest doch, dass ich dir aus der Patsche helfe. Mach dir keine Sorgen, die werden das ohne Probleme schlucken.
Nein, werden sie nicht.
Shepard schüttelte abwertend den Kopf. »Bist du bescheuert? Natürlich weiß sie von Connors Unfall. Sie ist seine Freundin.«
»Du warst auch oben am Longshaw Peak?«, brummte Fisherman. »Was habt ihr denn alle dort oben gesucht?«
Damit Connor nicht noch mehr Stuss erzählte, schoss ich die erste Lüge heraus, die mir in den Sinn kam. »Joggen. Ich war joggen wie Tracey und Emma.« Hektisch schaute ich zwischen den zwei Neandertalern hin und her. Hoffentlich nahmen sie mir den Schwindel ab.
»Du und Joggen?«, nuschelte Shepard misstrauisch. Sein Blick kroch über mein T-Shirt und blieb an den Farbspritzern auf meiner Hose hängen. »Ich hab dich noch nie auf dem Sportgelände gesehen. Scheinst mir eher zu den Pinslern zu gehören.«
Fisherman nickte gemächlich. »Jaah. Du warst auch noch nie bei einem unserer Spiele dabei. Du interessierst dich gar nicht für Sport, oder?«
»Doch, natürlich«, hielt ich dagegen. »Und ich war schon bei einigen eurer Spiele.« Allerdings bloß, weil Sam mich hingeschleppt hatte, um einen Jungen aus unserer Stufe stalken zu können.
Nein, Hazel, tu das nicht, kam Connors Warnung zu spät.
Fishermans Brauen hoben sich. »Tatsächlich? Und gegen wen haben wir da gespielt?«
»Hastings?«, sprang Connor für mich ein, da ich beim besten Willen keine Ahnung hatte, gegen welche andere Schulmannschaft sie angetreten waren.
Shepard grunzte abfällig. »Gut geraten.«
»Wie ging das Spiel aus?«, fragte Fisherman und pinnte mich mit den Augen förmlich fest.
»Neunundzwanzig zu dreiundzwanzig für uns«, kam es zu meiner Überraschung aus meinem Mund geschossen.
Fisherman grinste. »Das stimmt. Sie war tatsächlich bei dem Spiel dabei.« Amüsiert blickte er zu Shepard, der jedoch völlig unbeeindruckt blieb.
»Klar.«, antwortete ich diesmal selbst und von mir oder vielmehr Connors Wissen überzeugt.
Danke. Und eigentlich war das nicht mal gelogen, denn du warst ja wirklich dabei.
Ja, und an unserem Sieg maßgeblich beteiligt. Und du, warst du bei dem Spiel nun dabei oder nicht?
Keine Ahnung. Wenn, dann habe ich mir die Zeit damit vertrieben andere Leute zu beobachten und zu skizzieren.
Oh. Cool. Schätze ich.
Der Gong ertönte. Das war meine Rettung und ich straffte mutig die Schultern. »Jungs, es war nett mit euch zu plaudern, aber jetzt sollte ich wirklich gehen.« Mit einem Fake-Grinsen versuchte ich, erneut die Tür zu öffnen. Vergebens.
In Shepards Gesicht las ich, dass der Spruch gar nicht gut angekommen war. »Du bist so ein Freak, ey. Folgst Bran und stehst dann nur dumm rum und gaffst, ohne was zu sagen. Hast dich wohl an ihrem Kummer aufgegeilt, was?«
»Nein«, haspelte ich geschockt von seiner Unterstellung und geriet in Panik.
Auch Connors Shit! war keine Hilfe.
»Ja«, stimmte Fisherman nun plötzlich Shepard zu. »Halt dich besser von Bran fern, der geht es zur Zeit beschissen genug. Die braucht nicht noch von so einer ... wie dir gestalked zu werden.«
Einer wie mir? Einer wie mir, was?
Obwohl er nicht genauer erläuterte, was er damit meinte, war sein angeschlagener Ton deutlich genug. Er brannte wie Feuer unter meiner Haut. Hatte ich vorher noch Fisherman für den Netteren der beiden Honks gehalten, war ich mir nun nicht mehr sicher, welchen von ihnen ich ätzender fand.
»Okay, alles klar«, stammelte ich nervös. Da die Schränke noch immer die Tür verbarrikadierten und nicht den Anschein machten, daran etwas ändern zu wollen, trat ich mit zitternden Knien den Rückzug an. Nachdem ich zwei Schritte zurückgewichen war, drehte ich mich vollends um und eilte in großen Schritten davon.
Wow, das war ... echt mies von den Zweien.
Nein, das war einfach nur typisch. Ist dir noch nie aufgefallen, dass sie immer so blöde Kommentare vom Stapel lassen und sich daneben benehmen?
Das ist doch nur Spaß, die meinen das nicht ernst.
Ich hatte das Schulhaus umrundet und kam außer Puste beim Vordereingang an. Schnell hastete ich weiter zu meinem Klassenzimmer. Ach, ja? Es ist also ein Witz, wenn sie mir hinterherrufen, wo ich meine Titten gelassen hätte oder dass mein Zuhause ein Müllcontainer wäre? Ich verrate dir mal was: Für mich fühlt sich der Scheiß ganz und gar nicht nach Spaß an.
Das ... ähm ... kann schon sein. Aber, was ich damit sagen will, ist, die zwei sind keine schlechten Menschen.
Du wirst das nie verstehen, oder?
Oder du verstehst es nicht.
Weißt du was? Belassen wir es dabei. Mir bereitet sowieso etwas anderes viel mehr Sorgen als dieser Mist.
Und was?
Was, wenn sie es Brianna erzählen?
Dass du am Longshaw Peak warst?
Ja, und dass ich sie beobachtet habe.
Ich verstehe nicht. Was soll sie schon machen?
Vor meinem Inneren tauchten Briannas perfekt geschminkten, eisigen, blauen Augen auf, aus denen ein Blick genügte, um jeden zu einem gammeligen Turnbeutel zu degradieren, der ihr nicht passte. Sie brauchte, nicht mal etwas zu sagen. Eine gezielte Bewegung ihrer überzeichneten Lippen reichte aus, damit kein anderes Mädchen mehr mit einem reden wollte. Zu gut kannte ich ihre Masche und die Auswirkungen dieser, der ich selbst schon zum Opfer gefallen war. Und das bloß, weil ich einmal ein T-Shirt mit Nieten, Fransen und Löchern nach meinem Geschmack aufgepimpt hatte. Heißes Unwohlsein durchflutete mich, als mir das Getuschel wieder einfiel, das dann später hinter meinem Rücken überall, wo ich auftauchte, auf mich eingeprasselt war. Ich wäre ein armseliger Loser, der sich seine Kleider aus dem Müll anderer Leute zusammenklauen würde. Eine andere Form von Schmuddel-Hazel sozusagen. Das hatte wohl meinen Abstieg in der Highschool-Hierarchie eingeläutet oder zementiert. Brianna war nun mal das Alpha-Mädchen, dem alle folgten. Und Connor war ihr männliches Pendant.
Mir scheint, du kennst deine Freundin nicht wirklich, Connor.
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