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Leo

Die Geschichte einer ungewöhnlichen Elfe

Eva Haring-Kappel

Illustriert von Lisa Kappel


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Impressum

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten.

Taschenbuchauflage erschienen 2016

Lektorat: Melanie Wittmann

Herstellung E-Book: CAT creativ - cat-creativ.at

ISBN: 978-3-86196-665-4 – Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-405-4 – E-Book

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Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15: Das Buch der Wahrheit – Die kleine Schwester

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Le(o)xikon

Autorin + Illustratorin

Unser Buchtipp

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Prolog

Es war sehr früh am Morgen.

Die Sonne war noch gar nicht aufgegangen.

Eine alte Frau trat aus der Tür des Bauernhauses. Sie hielt einen Milchtopf in der Hand. Der Topf war rot mit weißen Punkten.

Eine Schäferhündin, die schon vor dem Haus gewartet hatte, begrüßte sie schwanzwedelnd und lief dann an ihrer Seite mit in den Stall. Dort stand eine weiße Ziege in ihrem Holzverschlag und blickte den beiden neugierig entgegen.

„Ich komm schon, Kathi!“, sagte die Frau und öffnete die Tür des Verschlags, dann stellte sie den Topf im Hinunterbücken unter den Bauch der Ziege und begann, mit langsamen, gleichmäßigen Strichen zu melken.

Die Hündin stand dabei und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Nur das scharfe, metallene Zischen des Milchstrahls war zu hören, wenn er auf den Topf traf.

Dann war da plötzlich noch ein anderes Geräusch.

Die Schäferhündin spitzte unruhig die Ohren und die alte Frau blickte von ihrer Arbeit hoch, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Sie beugte sich wieder über den Milchtopf, als sie ein leises Knurren erneut aufblicken ließ.

Die Schäferhündin hatte den Kopf wachsam aufgerichtet und sich schützend vor ihre Herrin gestellt, während eine hell schimmernde Erscheinung durch den Raum schwebte. Dann fiel etwas ins Stroh, direkt vor die Füße der alten Frau.

Der Hund sprang nach vorne und bellte zweimal, um sich anschließend wie auf ein unhörbares Kommando hin winselnd hinzulegen.

Es war ein kleines Buch, das da im Stroh lag, eingebunden in einen zartblauen Seidenstoff. Die Frau hob es auf und betrachtete es neugierig. In goldenen Lettern stand darauf geschrieben: Das Buch der Wahrheit. Und als sie es aufschlug, las sie auf der ersten Seite: Die kleine Schwester.

Die alte Frau trat verwirrt mit ihrem Fund in der Hand auf den Hof hinaus. Da sah sie, wie im Licht der aufgehenden Sonne eine weiße Gestalt leichtfüßig, fast so, als flöge sie, am Waldrand zwischen den Bäumen verschwand.

*

Kapitel 1

Ich habe mich nun doch entschlossen, alles aufzuschreiben – aber nur damit das von Anfang an klar ist, mit Märchen und solchen Sachen hat das Ganze nichts zu tun. Das hier ist, wie man so sagt, ein Tatsachenbericht. Meine Oma hat sich auch immer beklagt, weil ich schon als ganz kleiner Knirps mit vier oder fünf Jahren alles, was sie mir an Märchen erzählt hat, mit den Worten „Gibt es ja eh nicht in Wirklichkeit“ abgetan habe. Da hat ihr das Märchenerzählen dann gar keinen Spaß mehr gemacht.

Aber jetzt zur Sache. In der Schule passiert mir das übrigens auch öfter, dass ich vom Thema abkomme, das ist vor allem bei Deutschschularbeiten ziemlich blöd.

Begonnen hat alles im vergangenen Sommer. Die Ferien sind das Beste an der Schule, das finde sicher nicht nur ich. Man quält sich doch nur durch das ganze Schuljahr, damit man sie hinterher so richtig auskosten kann.

Ich heiße übrigens Felix und bin elf Jahre alt. Die Sommerferien verbringe ich immer bei meinen Großeltern auf dem Land. Sie haben einen kleinen Bauernhof mit Hühnern, Schweinen, Enten, Ziegen und zwei Hunden. Sie führen das schönste Leben und ich glaube, ich werde vielleicht einmal den Hof übernehmen, wenn mein Opa zu alt geworden ist für die Arbeit.

Meine drei Freunde Georg, Benni und Wendel freuen sich auch immer, wenn ich in den Ferien zu den Großeltern komme. Wir kennen uns schon ewig und es gibt nichts Besseres als unsere Freundschaft.

Wir, meine Freunde und ich, trafen uns an jenem Tag, an dem alles begann, schon früh am Morgen auf dem Waldweg hinter dem Stall. Es würde ein sehr heißer Tag werden, das merkte man bereits am frühen Morgen. Die Sonne hatte viel Kraft und es war richtig warm. Georg war mit seinem Rad gekommen und wir hatten alle Rucksäcke mit, denn wir wollten den ganzen Tag im Wald verbringen. Das machen wir oft und es ist wirklich nichts dabei. Mit Getränken und Broten von zu Hause waren wir ausgerüstet und auch eine Decke zum Sitzen hatten wir dabei.

Georg hatte natürlich seinen Handhelden mit, denn er kann ohne dieses Ding nicht leben. Er glaubt, die ganze Welt sei ein riesiges Computerspiel, und erzählt ständig Geschichten von Kämpfern und Helden. Wenn er groß ist, will er nämlich Spiele-Designer werden. Was ich werden will, weiß ich noch nicht, aber sicher etwas, wo ich viel in der freien Natur sein kann, denn das Herumsitzen im Zimmer ist nichts für mich.

Wir vier machten uns also auf in den Wald, um dort ein Abenteuer zu erleben oder zumindest etwas, das wir zu diesem Zeitpunkt noch für abenteuerlich hielten. Hätten wir damals schon gewusst, was uns erwartete, vielleicht wären wir erst gar nicht losgegangen.

Wir waren bester Laune, die Ferien hatten gerade erst begonnen und ich finde, es ist immer am schönsten, wenn man weiß, dass alles Gute noch vor einem liegt. Das schafft so ein zufriedenes Gefühl im Bauch.

Wendel erzählte uns gerade eine Geschichte über sein Meerschwein Emmy, das schon ziemlich alt ist und deshalb lauter kahle Stellen am Rücken hat. Er ist immer sehr glücklich, wenn er einmal ohne seine jüngere Schwester Anna unterwegs ist, sie mischt sich nämlich in alles ein. Auch Emmy muss er mit ihr teilen. Weil das Meerschwein große Büschel seines Fells verliert, müssen Wendel und Anna es abwechselnd mit einer ziemlich übel riechenden Salbe einschmieren und das mag das gute Tier gar nicht.

Was Emmy alles anstellt, um dieser Prozedur zu entgehen, erzählte unser Freund an jenem Tag so lustig, dass wir alle schallend lachen mussten. Wir waren ziemlich laut und ausgelassen. Eigentlich, so sagt mein Opa, soll man im Wald nicht so viel Lärm machen. Die Tiere mögen das nicht besonders.

Na ja, wir haben nicht daran gedacht, vielleicht war es aber auch gerade der Lärm, der sie angelockt hat. Vielleicht wären wir ihr niemals begegnet, wenn Wendel nicht so lustig von Emmy erzählt hätte.

Plötzlich war sie jedenfalls da. Sie stand mitten auf einer Waldlichtung direkt vor uns. Ich habe im ersten Moment eigentlich gedacht, dass es das gar nicht geben könnte. Es war wie in einem Traum, wenn plötzlich Dinge geschehen, die nicht passieren dürfen, weil man weiß, das gibt es eigentlich nicht. Wie wenn man zum Beispiel plötzlich fliegen kann. Immer wenn so etwas geschieht, ist es offensichtlich, dass man gerade träumt.

Ich habe sie gesehen, aber ich habe so getan, als wäre sie nicht da, und die anderen haben später dasselbe gesagt. Irgendwie dachte ich, ich würde ohnehin gleich aufwachen. Außerdem war sie sehr klein und eigentlich ganz anders, als man sich so jemanden vorstellt. Sie stand einfach da und starrte uns an. Später hat sie uns gesagt, sie hätte mindestens so viel Angst wie wir gehabt.

„Halt, Menschenkinder!“ Ihre Stimme war verhältnismäßig laut und schrill im Vergleich zu ihrer Gestalt. „Wagt es nicht näher zu kommen!“ Das war völlig überflüssig, wir waren ohnehin starr vor Schreck und konnten uns vor Angst nicht bewegen.

„Wach auf, wach auf, wach auf!“, flüsterte ich und zwickte mich in den Arm.

Wendel und Benni hielten sich plötzlich an der Hand, ich glaube, sie merkten es aber gar nicht.

Nur Georg blieb ganz cool. „Wer bist du denn?“, fragte er.

„Ich bin Leonore Alba Rusnelda von Albenstein und ich bin eine Elfe. Ihr könnt mich Leo nennen, wenn ihr wollt.“

„Guter Witz“, lachte Georg, „du kannst niemals eine Elfe sein, ich kenn mich zwar nicht wirklich aus, aber so viel weiß ich: Elfen sehen anders aus.“

„Mag sein, dass du recht hast. Ich bin vielleicht nicht so, wie Elfen sein sollten, aber was ist schon noch so, wie es einmal war? Die Zeit ist nicht stehen geblieben, alles verändert sich. Ihr seht auch nicht aus wie die Kinder in früheren Zeiten.“

„Woher willst du das denn wissen?“ Das war typisch, Georg provoziert gerne.

Die Elfe kam drohend auf uns zu und wäre sie nicht so klein gewesen, wären wir sicher weggelaufen. So aber siegte die Neugier. Es ist schon komisch, wie viel zu wagen man bereit ist, nur um ein bisschen Spannung zu erleben.

„Du bist sehr naseweis“, sagte das kleine Geschöpf und blickte Georg finster an.

„Lass doch!“, sagte ich zu meinem Freund, um die Situation etwas zu entschärfen.

„Na bitte, schau sie dir doch an“, gab der jedoch keine Ruhe, „fast so breit wie hoch, von zart und lieblich keine Spur, verstrubbeltes schwarzes Haar. Sind Elfen nicht immer blond?“

Später erzählte mir Georg, er wäre nur deshalb so frech gewesen, weil er ebenfalls gedacht hatte, alles wäre nur ein Traum und er würde gleich aufwachen.

Ich weiß nicht genau, wann wir endlich gemerkt haben, dass wir nicht träumen. Aber ich glaube, es hat recht lange gedauert. Die kleine, gedrungene Gestalt, die vor uns in der Wiese stand, schob nun trotzig ihre Unterlippe vor.

„Georg, bitte“, murmelte ich betreten.

„Nein, nein, lass nur“, moserte er weiter. „Vielleicht bist du eine Zwergin oder so was, irgendeine Zirkusnummer wirst du schon sein, aber eine Elfe ... So ein Blödsinn! Elfen gibt es doch nur im Märchen.“

„Na klar“, fauchte nun Leo, „der Herr weiß Bescheid! Er macht schließlich den ganzen Tag nichts anderes, als Elfen zu treffen!“

Wir anderen standen nur stumm da und glotzten. Die Szene wäre zu komisch gewesen, wenn wir dabei nicht so ein mulmiges Gefühl gehabt hätten.

„Beweise es, beweise, dass du eine Elfe bist, und beweise, dass ich das nicht alles nur träume!“, rief Georg jetzt.

„Das kann ich nicht ...“

„Na bitte, hab ichʼs mir doch gedacht!“

„Lass mich ausreden, ich kann es nicht ... im Moment.“

„Ja, ja, das kann jeder sagen, aber warum sollten wir dir das denn glauben, hä?“

„Das ist gar nicht nötig, es tut mir ohnehin schon leid, dass ich hervorkam, um euch zu treffen.“ Damit drehte sich die kleine Person um und marschierte in das dichte Gestrüpp davon.

„Halt, warte!“, rief Georg und lief ihr hinterher. „Ich hab es nicht so gemeint!“

„Bist du verrückt?“, zischte Wendel zwischen den Zähnen hervor. „Ich bin froh, wenn sie weg ist.“

„Ja, bitte lass sie“, flüsterte nun auch Benni, der bisher noch gar nichts gesagt hatte. Doch Georg war schon im Dickicht verschwunden. Zögernd folgten wir unserem Freund, denn ihn allein zu lassen kam natürlich nicht infrage.

Es war nicht schwer, Leo einzuholen. Mit ihren kurzen, dicken Beinen konnte sie nicht sehr schnell laufen, aber ich denke, sie wollte es gar nicht. Denn wenn sie wirklich hätte verschwinden wollen, wäre es ganz einfach für sie gewesen, wie wir später herausfanden.

Plötzlich, als wir ihr schon sehr nahe gekommen waren, blieb sie stehen und drehte sich zu uns herum. „Keinen Schritt weiter!“, rief sie und ihre Stimme klang sehr schrill, wahrscheinlich hatte auch sie in diesem Augenblick Angst. „Was wollt ihr?“ Wir standen wie angewurzelt da und starrten sie ratlos an, weil wir nicht wussten, was wir sagen sollten.

Wieder war es Georg, der mit ihr zu reden anfing: „Wir ... ich ... eigentlich wollen wir gar nichts von dir. Ich möchte nur noch mal sagen, dass ich es vorhin nicht böse gemeint habe. Tut mir leid.“

Leo stand nun ganz nahe bei uns und ich betrachtete sie neugierig. Sie war etwa 40 oder 50 Zentimeter groß und sehr pummelig, ja, fast schon dick. Ihre schwarzen, sehr ungepflegten Haare standen ihr wild vom Kopf ab. Die sehr großen, dunklen Augen und der trotzig vorgewölbte Mund verliehen ihr ein verwegenes Aussehen.

Ihre Kleidung war sehr seltsam. Sie trug ein Hemd, das so aussah, als wäre es aus lauter alten Stofffetzen notdürftig zusammengenäht worden. Die Hose musste einmal jemand anderem gehört haben, denn sie war zu groß, vor allem die Hosenbeine waren viel zu lang, darum hatte sie sie einfach hochgerollt und mit alten Schuhbändern und Schnüren festgebunden. Außerdem fiel mir auf, dass sie sehr schmutzig war, besonders ihre Füße.

„Ich vergebe dir, Menschenjunge“, wandte sich Leo nun an Georg.

„Warum bist du hierher zu uns gekommen?“, fragte Benni plötzlich, worüber wir sehr erstaunt waren, weil er eigentlich nie viel sagt.

„Das ist eine lange Geschichte, aber ich erzähle sie euch, wenn ihr wollt“, antwortete Leo.

Wir nickten alle wie auf Kommando, dann setzten wir uns ins Gras auf die mitgebrachte Decke. Die Elfe ließ sich vor uns auf einem Baumstrunk nieder.

„Packt jetzt eure Mahlzeit aus!“, befahl sie.

„Woher weißt du denn ...“ Weiter kam ich mit meiner Frage nicht, denn schon fiel mir Leo ins Wort.

„Ich kann euer Essen riechen, also raus damit!“ Ihre Augen funkelten und sie hatte einen zornigen Unterton in der Stimme.

Benni flüsterte mir zu: „Die macht mir richtig Angst.“

Ich packte zwei Wurstsemmeln und ein Leberstreichwurstbrot aus und auch die anderen kramten ihr mitgebrachtes Essen aus den Rucksäcken. Wir legten alles auf die Decke vor Leos Füße. Sie kniete sich hin und suchte mit fachkundigem Blick die besten Sachen heraus, nahm sie mit zittrigen Fingern und begann, alles gierig in sich hineinzuschlingen. Wir saßen nur da und staunten, wie viel dieses kleine Wesen essen konnte.

Zwischen zwei Bissen murmelte Leo uns zu: „Esst nur, esst! Es ist viel schöner, ein Mahl in netter Gesellschaft einzunehmen.“

„Wer sagt, dass die Gesellschaft nett ist?“, raunte Georg mir zu.

Aber wir nahmen gehorsam von dem, was Leo uns übrig gelassen hatte, und begannen ebenfalls zu essen. Während sie unablässig kaute, traf uns ab und zu ein zufriedener Blick aus ihren dunklen Augen. Der Elfe, oder was auch immer sie war, machte das Picknick im Wald mit uns Jungen sichtlich Spaß. In kürzester Zeit hatte sie die Hälfte unserer mitgebrachten Vorräte aufgegessen, schließlich trank sie noch meine Cola leer, dann rülpste sie und an einen Baumstamm gelehnt streckte sie die Beine aus und schloss die Augen. Wendel schubste mich und auch Georg machte Zeichen, nur Benni starrte vor sich hin und schien nichts mitzubekommen, sodass ich mich schon um ihn sorgte. Ich schlich zu ihm und flüsterte: „Los, komm, wir hauen ab, solange sie schläft.“

Langsam und vorsichtig versuchten wir uns davonzustehlen, doch wir waren noch keine fünf Schritte von ihr entfernt, als wir schon ihre schrille Stimme hinter uns hörten: „Halt, wohin so eilig? Ihr wollt doch nicht ohne mich gehen, oder?“ Resigniert blieben wir stehen und warteten, bis sie zu uns kam. „Bevor ich euch begleite, sollten wir noch beraten, wie wir es am besten anstellen.“

„Wie wir was am besten anstellen?“, fragte ich ratlos.

„Nun, wie es zu schaffen ist, mich ungesehen zu euch mitzunehmen.“

„Zu uns mitnehmen?“, staunten wir im Chor. „Das geht nicht, das ist ganz unmöglich. Du kannst nicht zu uns mitkommen“, beteuerten wir abwechselnd.

All die schrecklichen Dinge, die diesem Wesen in unserer Welt zustoßen könnten, gingen uns plötzlich durch den Kopf, und obwohl Leo nicht sehr sympathisch war, sorgten wir uns plötzlich irgendwie um sie.

„Du kannst unmöglich mit, wir sind uns gar nicht sicher, ob wir das hier nicht alles nur träumen, aber wenn du real bist und kein gemeinsames Hirngespinst von uns vieren, dann bist du in dieser Welt in großer Gefahr. Wo immer du hergekommen bist, bitte geh wieder dorthin zurück“, sagte Wendel.

„Ja!“, stieß Benni hervor. „Geh weg, geh dorthin zurück, wo du hergekommen bist!“ Es klang ziemlich wild und panisch.

Das Elfenmädchen blinzelte verwirrt, als hätte jemand nach ihr geschlagen. „Ihr wollt mich nicht, ihr wollt mich also auch nicht! Ich habe meine Familie verlassen und lebe seit einigen Wochen hier im Wald. Ich ernähre mich von Menschenfutter und habe schon begonnen, mich zu verändern, und nun wollt ihr mich nicht!“ Sie hatte die Worte atemlos herausgestoßen, nun stand sie keuchend vor uns und starrte uns an.

„Halt, warte mal!“, rief Georg. „Was soll das heißen? Ihr wollt mich also auch nicht und der Kram von wegen verändern und so?“

„Das ist eine lange Geschichte, die erzähle ich euch ein anderes Mal, jetzt müssen wir einen Plan schmieden, wie ich ungesehen zu euch mitkommen kann, in eure Menschenwelt.“ Leo hatte sich erstaunlich schnell wieder gefasst.

„Du kapierst es nicht, oder?“ Georg hatte wieder diesen aggressiven Unterton, den er immer bekommt, wenn er Stress hat. „Du kannst nicht mit zu uns kommen. Nein, nada ... aus!“

„Okay, jetzt beruhigen wir uns alle erst einmal“, schlug ich vor. „Zu Hause rechnen sie erst am späteren Nachmittag mit uns. Sicher wäre es auffällig, wenn wir schon nach zwei Stunden wieder zurück wären. Wir können uns also genauso gut hier auf die Decke setzen und uns deine Geschichte anhören. Danach entscheiden wir, was wir machen.“

„Aber es gibt nichts mehr zu essen!“ Leo hatte wieder ihre Unterlippe vorgeschoben.

„Du setzt dich jetzt dahin und erzählst uns alles, sonst ...“ Doch ehe Georg fortfahren konnte, hatte sich Leo schon zu uns auf die Decke gesetzt.

„Es ist eine sehr lange Geschichte“, begann sie. „Ich weiß nicht, ob sie euch gefallen wird. Ich kann auch nicht so gut Geschichten erzählen wie mein Vater ...“

„Fang endlich an!“, brüllte Georg.

„Nun gut“, zierte sich Leo noch ein bisschen, „es begann alles mit meiner Geburt vor vielen, vielen Jahren.“

„Na, so lange kann das gar nicht her sein, du bist ja noch so klein.“ Ich verstummte prompt, als ich ihren finsteren Blick sah.

„Es begann also alles am Tage meiner Geburt vor sehr vielen Jahren ...“

*


*

Kapitel 2

„In der Elfenwelt herrschen andere Gesetze. Man kann sie mit der Menschenwelt nicht vergleichen. Wenn eine Elfe geboren wird, ist das immer ein großes Fest, ein Grund zur Freude, ebenso wie bei euch Menschen, aber hier enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Mit der Geburt erwirbt man Unsterblichkeit, das heißt, wenn ein Elfenleben begonnen hat, dauert es bis in alle Ewigkeit. Wir fürchten und meiden die Menschen, weil sie kriegerisch und grausam sind, und nur wenige von euch haben uns je zu Gesicht bekommen. Doch diese wenigen waren so verzaubert, dass sich viele Geschichten und Legenden um unsere Welt ranken, denn die Menschen sind fasziniert von der Schönheit und Leichtigkeit unseres Daseins. Sie ahnen, dass es bei uns Glück und Frieden wie nirgendwo sonst gibt, und es erscheint ihnen als das Paradies, nach dem ihr Menschen immer sucht und strebt. Manch einer wollte schon in unsere Welt eindringen, um unsere Geheimnisse zu erfahren, vor allem die Unsterblichkeit neidet ihr uns.“

Wir starrten Leo mit offenen Mündern ungläubig an, während sie bereits weitersprach.

„Also, ich wurde als Tochter des Elfenkönigs Brunhold und seiner Königin Esmilda geboren. Doch etwas ging schief.“

Ich spürte einen heftigen Stoß in die Rippen von Georgs Ellenbogen und er raunte an meinem linken Ohr: „Das schaut mir ganz danach aus!“

„Ich war von Beginn an anders. Mir fehlte es an nichts, ich hatte alles und doch war ich unglücklich. Irgendetwas in meinem Inneren sagte mir, ich sei für dieses Leben nicht geschaffen. Ich sehnte mich und wusste nicht wonach. Dann sah ich eines Nachts einen Jäger. Er hockte auf einem Turm aus Holz, den ihr Menschen Hochsitz nennt, und wartete. Ich wusste nichts über die Menschen, ich war noch zu jung. Eure grausame Gewohnheit, Tieren aufzulauern, ihnen nachzustellen und sie dann zu töten, war mir damals noch nicht bekannt. Ich sah nur diesen Menschen, groß und stark, ganz still dasitzen. Ich betrachtete ihn ganz aus der Nähe. Ich glaube, er schlief, denn er rührte sich nicht. Seine Augen waren geschlossen, aber er hatte schöne Gesichtszüge. Ich war fasziniert und wusste nicht warum. Von da an versuchte ich, alles über die Menschen zu erfahren, und je mehr ich wusste, desto größer wurde meine Überzeugung, dass ich in der Menschenwelt leben wollte. Alles schien mir besser und erstrebenswerter als mein bisheriges Dasein, ich fand das Elfenleben plötzlich nur noch langweilig, mit all dem Tanzen und Singen. Schließlich berichtete eine Dienerin meinem Vater von meiner Passion. Ich hatte inzwischen schon so viel über euch herausgefunden und wurde immer neugieriger, obwohl so vieles, was ich erfuhr, alles andere als schön war. Mein Vater jedoch war vollkommen verzweifelt, er verbot mir, mich weiter mit der Menschenwelt zu befassen, und sollte ich nicht gehorchen, würde er mich weit weg an die Ränder des Elfenreiches verbannen, dorthin, wo das Böse wohnt. Ich wusste damals noch nicht, dass das Böse eure Welt ist.“

Ihre Stimme hatte einen traurigen Unterton angenommen und in ihren Augen schimmerten Tränen. „Es kam, wie es kommen musste, ich tat nicht, was mein Vater verlangte, ganz im Gegenteil, ich versuchte sogar, einem kleinen Menschenmädchen bis nach Hause zu folgen. Es sah mich und wollte mich fangen, doch im letzten Augenblick gelang mir die Flucht. Natürlich erfuhr mein Vater davon und stellte mir ein Ultimatum. Wenn sich bis zum nächsten Vollmond mein Sinn nicht gewandelt hätte, würde er mich verbannen.

Wie ihr seht, bin ich hier. Es führt kein Weg zurück, mein Vater hat den Elfenfluch ausgesprochen. Ich bin nun ein Zwischenwesen, keine Elfe, aber auch kein Mensch. Am ähnlichsten bin ich wohl im Moment einem Troll. Doch jeder ehrbare Troll würde das wohl von sich weisen. So bin ich weder dies noch das, eine Reisende zwischen den Welten. Meine Kräfte schwinden von Tag zu Tag. Ich bin viel zu groß und zu schwer, um zu fliegen. Meine Flügel sind verkümmert. Meine Kleider aus glitzerndem Elfenstaub sind zerfallen und ich habe mir selbst aus Lumpen, die ich fand, dieses Gewand gefertigt. Ich schlafe in Erdlöchern und unter Gestrüpp und esse, was ich an Beeren oder Pilzen finde. Manchmal lassen Menschen auch etwas zu essen im Wald zurück, dann nehme ich es. Aber ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Bitte, helft mir!“

Damit schloss Leo ihre lange Rede. Wir hatten mit immer größerem Staunen ihrem Bericht gelauscht.

Georg war der Erste, der sich zu Wort meldete. „Also, da müssen wir uns was überlegen, das ist ganz klar. Wir werden ein bisschen Kriegsrat halten. Lass uns bitte kurz allein.“ Dann rückten wir zusammen und schon entbrannte eine hitzige Diskussion.

„Wir können sie unmöglich mitnehmen, wo soll sie denn bleiben? Wie sollen wir erklären, was und wer sie ist?“, rief Benni, der ganz offensichtlich nichts mit Leo zu tun haben wollte. Auch Wendel war eher dagegen, sie mitzunehmen, schlug aber vor, ihr einen passenden Unterschlupf im Wald zu suchen, eventuell sogar einen zu bauen. Das würde über den Sommer sicher gut funktionieren. Wir waren geschickt und zu Hause könnte man den Abzug von Werkzeugen und Brettern mit einem Spielhaus für uns im Wald erklären. Wir könnten Leo regelmäßig besuchen, um ihr Essen zu bringen.

Nachdem uns nichts Besseres eingefallen war, riefen wir die Elfe herbei und informierten sie über unseren Plan. Sie war erst nicht begeistert, da wir aber alle beteuerten, sie auf gar keinen Fall mit nach Hause nehmen zu können, erklärte sie sich schließlich einverstanden. Vor allem die Aussicht auf die Essensrationen schien sie sehr zu überzeugen.

Wir beschlossen, gleich mit der Suche nach einem geeigneten Standort für die Hütte zu beginnen. Es mussten immerhin einige Kriterien erfüllt werden. Erstens sollte der Platz versteckt liegen, ein zufällig herumstreifender Beeren- oder Pilzesucher oder gar ein Jäger sollte nichts Verdächtiges bemerken können. Zweitens musste die Stelle geschützt sein vor extremen Wetterbedingungen. Sommerstürme und heftige Gewitter sollten der Hütte nichts anhaben können.

„Wenn wir uns nicht verplappern, können wir bestimmt meinen Opa um Rat fragen. Er hat so viel zu tun, sicher kommt er nicht mit in den Wald, um zu helfen, aber ein paar Tipps sollten wir uns schon holen“, schlug ich vor.

Auf der Suche nach dem richtigen Standort streiften wir also einige Zeit durch den Wald, bis wir in der Nähe des Bachs eine geeignete Stelle ausfindig machten, die uns vor allem durch ihre unzugängliche Lage überzeugte. Man musste zuerst über ein paar Steine eine sumpfige, feuchte Stelle passieren, dann ging es hinter einer dichten Böschung ein kleines Stück bergab, wo sich der Bauplatz für die Hütte dicht an den Berg schmiegte. Er war geradezu ideal. Es würde zwar recht umständlich werden, die Bretter und das Werkzeug hierher zu schleppen, aber es waren Ferien und wir freuten uns über die Herausforderung, jemandem zu helfen.

Leo war währenddessen ziemlich still und schien irgendwie traurig, aber wir waren überzeugt davon, dass sie sich einfach nur nicht vorstellen konnte, wie toll alles werden würde.

Wir machten uns sofort auf den Weg zum Hof meiner Großeltern, weil der am nächsten zum Wald lag. Leo ließen wir an der Stelle beim Bach zurück.

„Du kannst ja inzwischen ein paar Blumen pflücken“, rief Georg ihr noch im Weggehen zu. Er konnte einfach nicht anders.

*


*

Kapitel 3

Mein Opa war ziemlich verwundert, als er uns kurz vor Mittag im Schuppen antraf, wo wir Werkzeug zusammentrugen. „Na, treibt euch der Hunger schon nach Hause?“, fragte er.

Mein Opa ist ein lieber Mensch, er würde nie schimpfen, wenn man sich ungefragt etwas von seinen Sachen borgt. Trotzdem war er natürlich neugierig. Wir erzählten also von unserem Plan, uns ein Spielhaus im Wald zu bauen. Wir sagten aber nicht genau wo und erwähnten natürlich auch das Elfenmädchen nicht.

Großvater war sofort begeistert, er berichtete, dass auch er selbst früher als Kind ein Baumhaus im Wald gebaut hätte, um dort mit seinen Freunden Cowboy und Indianer zu spielen.

Die Idee mit dem Baumhaus fanden wir prima. Es würde zwar schwieriger werden, ein solches zu bauen, aber es hatte so viele Vorteile. Leo würde sofort sehen, wenn sich jemand näherte und auch bei einer kleineren Überschwemmung, schließlich war der Bach in der Nähe und die Lichtung lag auf abschüssigem Gelände, wäre sie in Sicherheit. Außerdem war ein Baumhaus einfach eine coole Sache. Wir hatten wohl alle den gleichen Gedanken und verständigten uns durch einen überzeugten Blick und ein kurzes allgemeines Nicken.

„Opa“, fragte ich dann, „kannst du uns bitte erklären, wie man so etwas baut? Denn gerade habe ich mir gedacht, dass eigentlich ein Baumhaus wirklich viel besser wäre als das, was wir geplant haben.“

Das ließ sich mein Großvater nicht zweimal sagen, er mag es sehr, wenn man ihn braucht. So verbrachte er die nächste Stunde damit, uns einen genauen Bauplan für das Baumhaus aufzuzeichnen. „Denn“, so erklärte er, „es ist ganz wichtig, dass man einen Baum wählt, der nicht morsch ist, da kennt ihr euch ja aus, hoffe ich.“

Wir nickten, obwohl wir uns keineswegs sicher waren, ob wir das hinkriegen würden.

„Das Haus muss stabil sein, darf aber wiederum auch nicht zu schwer geraten.“

Wir lauschten gespannt, hatten aber gleichzeitig ein mulmiges Gefühl bei der Vorstellung, das alles allein machen zu müssen.

Schließlich kam Großmutter mit Kuchen und Saft herein. Ich wurde langsam unruhig, weil ich mir Sorgen um Leo machte, die sicher schon ungeduldig auf uns wartete. Opa lieh uns seinen Handkarren, den wir mit Brettern und Werkzeug schwer beluden, und so machten wir uns am frühen Nachmittag wieder auf den Weg in den Wald.

Ich hatte sogar heimlich Kuchen in meiner Tasche verschwinden lassen. Leo würde sich freuen.

Als wir nach umständlicher Schiebe- und Schlepparbeit schließlich bei der Stelle, wo wir Leo zurückgelassen hatten, angekommen waren, war sie nicht da. Wir riefen ihren Namen und suchten die ganze Umgebung ab, aber sie blieb verschwunden.

„Vielleicht sind wir verrückt und haben uns das alles nur eingebildet“, seufzte ich, denn ich war sehr enttäuscht, nachdem wir uns das alles schon so schön ausgemalt hatten.

„Vielleicht macht sie nur einen Spaziergang und kommt bald wieder“, meinte Wendel, denn er und die anderen waren mindestens so traurig wie ich.

Lustlos luden wir die Bretter und das Werkzeug ab.

„Wir müssen erst einen geeigneten Baum suchen, wenn wir wirklich ein Baumhaus bauen wollen“, rief Georg.

So verbrachten wir die nächste halbe Stunde damit, die umliegenden Bäume auf ihre Baumhaustauglichkeit zu überprüfen. Schließlich entschieden wir uns für eine junge, kräftige Eiche. Sie entsprach in ihrem Wuchs der Beschreibung, die uns Opa gegeben hatte, und sie stand mit ihrem Stamm so nahe an dem felsigen Berghang, als würde sie sich an ihn lehnen. So konnte man die Bretter, die den Boden der Hütte bilden sollten, an den Steinen fixieren, sodass sie einen stabilen Untergrund hätten. Voll Eifer machten wir uns also ans Werk.

Ich bin recht geschickt im Umgang mit Werkzeug, denn Opa lässt mich immer in seiner Werkstatt hämmern, sägen und basteln, wenn ich dazu Lust habe. Georg und Wendel erwiesen sich als nicht sehr brauchbar, doch Benni überraschte uns alle. Nicht nur, dass er Opas Bauplan genau lesen konnte, was mir nicht so gut gelang. Er legte auch ein unwahrscheinliches Tempo beim Sägen und Hämmern vor und schlug vor, ein behelfsmäßiges Gerüst an die Eiche zu bauen, auf dem wir stehen konnten, um am Baumhaus zu arbeiten. Das war etwas, auf das wir anderen nie gekommen wären.

Als ich um halb fünf auf meine Armbanduhr schaute, weil uns die Bretter ausgegangen waren und ich wissen wollte, ob es sich noch lohnen würde, neue zu holen, war der Boden der Hütte bereits fertig und die vier Eckpfeiler standen auch schon. Wir waren sehr stolz und ich machte mich mit Benni auf den Weg, denn im Sommer ist es ja lange hell. Ich beschloss, zudem etwas zu essen mitzunehmen, denn den Kuchen, der eigentlich für Leo bestimmt gewesen war, hatten wir schon aufgegessen. Die Großeltern würden sich keine Sorgen machen und die anderen hatten mit ihren Handys zu Hause Bescheid gegeben.

Als wir nach einer Dreiviertelstunde wieder an der Stelle beim Bach angelangt waren, lag Georg mit seiner Mini-Spielkonsole unter einem Baum und bearbeitete die Tasten. Wendel saß daneben und sah zu, aber sein abwesender Blick sagte mir, dass er in Gedanken ganz woanders war. Von Leo gab es noch immer keine Spur. Ich stellte die große Kühltasche, die mir Oma gut gefüllt auf den Handwagen geladen hatte, unter einen Busch am Bachufer. Dann luden wir die Bretter ab und balancierten sie über die Steine auf die andere Seite. Wir beschlossen, noch ein bisschen weiterzubauen, obwohl wir schon sehr hungrig waren, doch die Arbeit am Baumhaus machte so viel Spaß.

Als es schon fast sieben war, hatten wir die Wände fertig mit Brettern zugenagelt. Es gab jeweils eine Aussparung für ein Fenster und für eine Tür.

Total müde und hungrig trotteten wir zu dem Platz unter dem Busch. Aber was war das? Die Kühltasche war weg. Wir starrten ungläubig auf die leere Stelle.

„Da wird doch das Huhn in der Pfanne verrückt!“, brüllte Georg und sauste wie ein geölter Blitz los.

Dann erkannten auch wir anderen die Schleifspur, die vom Busch weg in den Wald führte. Mein Verdacht bestätigte sich kurz darauf. Leo saß, mit den Resten unseres Abendessens beschäftigt, auf einem Baumstamm ganz in der Nähe.

Sie lächelte zufrieden und satt, als sie uns kommen sah. „Seid ihr schon fertig mit meinem Haus?“, fragte sie mit Unschuldsmiene.

„Du bist total unmöglich!“, schrie Georg, der wie immer sein aufbrausendes Temperament kaum zügeln konnte.

„Lass sie, sie versteht es nicht besser“, versuchte ich, ihn zu beruhigen, denn ich war froh, dass Leo überhaupt wieder aufgetaucht war. Auch Wendel und Benni freuten sich augenscheinlich, sie zu sehen, und ich wusste, es ging Georg nicht anders, er konnte es nur nicht zugeben. Stattdessen wühlte er aufgeregt in der Kühltasche herum und schimpfte vor sich hin.

„Wo bist du denn gewesen?“, fragte ich Leo neugierig.

Sie gähnte und kratzte sich am Kopf. „Ich war so müde und habe mir ein kühles Plätzchen im Moos gesucht, um zu schlafen. Als ich aufwachte, war ich furchtbar hungrig. Wie ihr wisst, kann ich ...“

„... unser Essen riechen“, beendeten wir ihren Satz im Chor.

Erst jetzt, wo die kleine, dicke, schmutzige Gestalt wieder vor uns stand, wurde mir klar, was sie uns bedeutete. Es war ein wirkliches Abenteuer, in das wir durch sie hineingeraten waren. Ein Abenteuer mit unbestimmtem Ausgang und jeder, dem wir jemals davon erzählen würden, wäre total beeindruckt. Es war richtig cool.

„Ach, Schwamm drüber, vergessen wir das Ganze“, sagte ich. „Wir können ja auch zu Hause noch etwas essen.“

„Ja, ihr schon, aber was wird aus mir?“, meldete sich Leo prompt, sie schob wieder ihre Unterlippe vor, was ihr ein sehr kindliches Aussehen verlieh. „Ihr geht nach Hause zu euren Eltern, bekommt eine schöne Mahlzeit, schlaft in euren schönen Betten, habt es gemütlich und warm, aber was wird aus mir? Ich bleibe hier zurück im dunklen Wald!“

Wir schauten uns betroffen an und mir war, als spielte ein zufriedenes Lächeln um ihren Mund, als sie unsere erschrockenen Gesichter bemerkte.

„Wir kommen morgen schon ganz früh und bringen ein richtig tolles Frühstück für dich mit!“, beeilte ich mich zu sagen.

„Einverstanden, aber bringt eine ordentliche Mahlzeit mit und nicht so winzige Portionen wie heute!“

„Das ist doch ...“, setzte Georg an, doch Wendel und Benni klopften ihm beschwichtigend auf den Arm und er verschluckte den Rest des Satzes.

Als wir wenig später auf dem Heimweg nebeneinanderher gingen, waren wir sehr schweigsam. Jeder war tief in seine Gedanken versunken. Nachdem wir auf den Hof meines Großvaters eingebogen waren, sah ich, dass Großmutter vor der Haustür stand und nach uns Ausschau hielt.

„Hallo“, rief sie uns schon von Weitem entgegen, „heute seid ihr aber spät dran!“ Es klang zwar kein bisschen vorwurfsvoll, dennoch wusste ich, dass sie sich Sorgen um uns gemacht hatte.

Die anderen verabschiedeten sich eilig. Georg schwang sich auf sein Rad, er hatte es am weitesten nach Hause.

Die Großmutter legte ihren Arm um meine Schulter und wieder einmal bemerkte ich, dass ich schon fast genauso groß war wie sie. „Na, wie war es, geht es voran mit eurer Hütte?“

„Ja. Das Baumhaus wird super, aber es ist sehr viel Arbeit und wir brauchen noch mehr Bretter und ganz viel Essen für morgen, Oma“, sprudelte ich heraus.

„Das lässt sich sicher machen“, lächelte sie, „aber jetzt gehst du dich erst einmal waschen und dann schlafen.“ Ich war viel zu müde, um zu widersprechen.

Als ich wenig später gemütlich in meinem Bett lag, musste ich an Leo denken. Das Fenster stand offen und die kühle Nachtluft streifte mein Gesicht. Fröstelnd zog ich die Decke bis zur Nasenspitze hoch. Was machte sie wohl da draußen im Wald so alleine? Ob sie Angst hatte? Ob sie fror?

Ich sprang aus dem Bett, lief ans Fenster und starrte angestrengt zum Wald hinüber. Aber es war schon zu dunkel, als dass ich noch etwas hätte erkennen können. Doch dann erschien ein fahler Halbmond hinter den Baumwipfeln und tauchte alles in diffuses silbriges Licht.

Und plötzlich sah ich ein großes schwarzes Tier, das langsam aus dem Wald heraustrat, und an seiner Seite schritt eine kleine, dickliche Gestalt.

Ich warf das Fenster zu, zog die Vorhänge vor und kletterte zitternd unter meine Decke. Mein Herz hämmerte bis zum Hals. Fest kniff ich die Augen zusammen, während meine Gedanken wild durcheinanderjagten. Aber irgendwie muss ich trotzdem eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder öffnete, war es heller Tag.

*


*

Kapitel 4

Ein seltsames Geräusch hatte mich geweckt und es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, woher es kam. Jemand warf Steine gegen die Scheiben. Ich sprang aus dem Bett und zog die Vorhänge auf, da standen Georg, Benni und Wendel und winkten wie verrückt. Als ich das Fenster aufriss, hörte ich Georg schon schreien: „Was ist los, du ratzt noch friedlich vor dich hin? Komm, mach, beeil dich gefälligst ein bisschen, du weißt ja, was wir ihr versprochen haben.“

„Pst ...“, machte Wendel und blickte sich ängstlich um.

Ich fuhr in meine Kleider und rannte zu Großmutter in die Küche hinunter. „Setz dich hin und iss in Ruhe, euer Baumhaus rennt euch nicht davon“, begrüßte sie mich.

Halbherzig biss ich ein paarmal von einem Marmeladenbrot ab, das sie mir gestrichen hatte, und nahm einen Schluck vom Tee.

„Viel zu heiß!“, stöhnte ich, schnappte mir meinen Rucksack, den Oma schon gepackt hatte, gab ihr im Vorbeirennen noch einen Kuss auf die Wange und weg war ich.

Wir hatten es ziemlich eilig, zu der Stelle im Wald zu kommen, wo die Eiche mit unserem halbfertigen Baumhaus stand und wo wir uns am Vorabend von Leo verabschiedet hatten.

Sie watete gerade am Bachufer im flachen Wasser herum, als wir kamen, und Georg raunte mir zu: „Wird auch höchste Zeit, dass die sich mal ihre Füße wäscht.“

„Das habe ich gehört!“, rief Leo, aber es klang sehr fröhlich.

Die Elfe verbrachte den restlichen Tag damit, unser mitgebrachtes Essen zu verputzen und es dann unter einem Gebüsch schlafend zu verdauen. Wir plagten uns inzwischen mit dem Dach für das Baumhaus ab. Es war viel schwerer als befürchtet, die langen Bretter hochzuhieven und sie dann dort festzunageln. Es erforderte unsere ganze Kraft. Die Rampe, die wir gebaut hatten, war nicht hoch genug und so kletterten wir waghalsig auf der Eiche und dem Felsen hinter der Hütte herum. Ich war froh, dass uns von den Erwachsenen keiner sehen konnte. Zweimal musste ich mit dem Handkarren zum Hof der Großeltern zurück, um neues Material zu holen.

„So“, seufzte der Großvater bei der zweiten Fuhre, „jetzt habe ich dann bald keine Bretter mehr.“

Die Großmutter hatte mir in ihrer fürsorglichen Art frischen Kuchen mitgegeben. Die ganze Zeit, die ich mit den Brettern durch den Wald fuhr, freute ich mich schon darauf, ihn zu essen. Jeder von uns hatte zwar heute Morgen eine Menge Nahrung in seinem Rucksack von daheim mitgebracht, doch der Appetit der kleinen Elfe schien unstillbar. So war für uns wieder fast nichts übrig geblieben und bei jedem Bissen, den wir nahmen, hatte uns Leo vorwurfsvoll angestarrt, sodass uns bald der Hunger vergangen war. Doch jetzt am Nachmittag knurrte mein Magen.

„Das ist ja wie in einem Diätferienlager“, dachte ich missmutig. Ich beschloss, falls Leo immer noch schlafen sollte, denn außer essen und schlafen hatte sie den ganzen Tag über nichts gemacht, den Kuchen heimlich mit den anderen zu teilen und rasch zu essen.

Da die Elfe, als ich ankam, nirgends zu sehen war, hielt ich die Plastikdose hoch und rief mit gedämpfter Stimme: „Kommt, den verputzen wir schnell, bevor sie aufwacht, sonst bleibt wieder nichts für uns über!“

„Zu spät“, mischte sich eine inzwischen vertraute schrille Stimme direkt hinter mir ein. „Das würde dir so passen, ich möchte auch was von der süßen Speise. Du weißt ja hoffentlich inzwischen, dass ich euer Essen riechen kann, und das hier riecht besonders köstlich.“

Missmutig sahen wir also dabei zu, wie Leo den Großteil des Kuchens verputzte.

„Die erinnert mich an ein gefräßiges Walross“, flüsterte Benni an meinem Ohr.

„Wenn sie so weiterisst, schaut sie auch bald so aus“, brummte ich.

Georg schwieg, was verdächtig war, denn normalerweise ist er derjenige, der den Mund nicht halten kann. Ich blickte besorgt zu ihm hinüber, doch da platzte es auch schon aus ihm heraus: „Vielleicht bist du gar keine Elfe, sondern ein böses Alien, das beschlossen hat, uns auszuhungern. Und wenn wir dann ganz schwach geworden sind, tötest du uns und frisst unsere Gehirne.“

„Pfui!“, schrie Leo und spuckte dabei Kuchenbrösel durch die Luft. „Was bist du dumm! Es würde sich gar nicht lohnen, dein Gehirn zu essen.“

Alle lachten, nur ich musste plötzlich daran denken, was ich gestern Nacht beobachtet hatte. Eben, als sie laut mit Georg geschimpft und dabei den Mund so weit aufgerissen hatte, hatte sie zwei Reihen winziger, spitzer Zähne entblößt, die mich stark an das Gebiss eines jungen Hundes erinnerten. Mir war ziemlich unbehaglich zumute, doch den anderen schien nichts aufgefallen zu sein.

„Das Baumhaus ist fertig“, wechselte ich daher das Thema, um mich wieder auf andere Gedanken zu bringen. „Du hast jetzt ein Dach über dem Kopf, kannst heute Nacht ruhig schlafen und musst nicht umherwandern.“ Das war eine Bemerkung, die nur ich und sie verstehen würden, wenn ich mich gestern Abend nicht getäuscht hatte.

Leo schaute mich mit ihren dunklen Augen lange an, dann lächelte sie und schüttelte fast unmerklich ihren Kopf. „Ja, es ist schön geworden, aber ich muss noch einiges daran machen. Ihr könnt jetzt nach Hause gehen.“ Das war der Gipfel, sie hatte bis jetzt keinen einzigen Handgriff getan und nun redete sie so, als wäre sie Bob der Baumeister persönlich!

Müde beluden wir den Karren mit den Werkzeugen und den Holzabfällen.

„Wie soll es denn jetzt weitergehen?“, fragte Georg Leo schließlich, bevor wir uns auf den Heimweg machten.

„Morgen früh, um dieselbe Zeit wie bisher, erwarte ich euch hier, wir werden dann besprechen, wie es weitergeht. Und vergesst nicht, etwas zu essen mitzubringen. Ihr könnt ja für euch auch was einpacken. So, nun wünsche ich euch eine gute Nacht und, Felix, mach nur immer dein Fenster fest zu!“

„Was hat sie denn damit gemeint?“, wollten die anderen auf dem Heimweg von mir wissen.

„Hab keine Ahnung“, log ich, aber mir war nicht wohl in meiner Haut. Ich glaube, die Großeltern merkten beim Abendessen auch, wie einsilbig ich war, und machten sich ihre Gedanken.

Als ich schon im Bett lag, kam Opa zu mir ins Zimmer und setzte sich neben mich. „Es ist so ein schöner lauer Abend, magst du nicht ein bisschen das Fenster aufmachen?“, meinte er mit einem Blick auf die fest geschlossenen Vorhänge.

„Nein“, murmelte ich, „mir ist sonst kalt.“

Besorgt fühlte er meine Stirn. „Du wirst doch nicht krank, oder?“, fuhr er mit forschendem Blick fort. „Ich kann mich doch auf dich verlassen? Ihr macht im Wald keinen Blödsinn, oder?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ganz bestimmt nicht!“ Ich versuchte, fröhlich zu klingen.

„Ich glaube, ich komm euch morgen einmal besuchen.“ Damit stand Opa auf, an der Tür sagte er noch: „Schlaf recht gut und träum was Schönes.“ Dann schloss er sie leise hinter sich.

Obwohl ich furchtbar müde war, konnte ich jetzt natürlich nicht einschlafen. Eigentlich wusste ich, dass man alles mit seinen Eltern besprechen sollte, und wenn die nicht da waren, so wie jetzt in den Ferien, dann mit den Großeltern. Aber würde mir überhaupt jemand glauben? Ich hatte Angst, dass der Zauber womöglich vorbei wäre, sobald man einen Erwachsenen einweihte, das hatte ich einmal irgendwo gelesen. Und obwohl mir Leo mittlerweile ein wenig unheimlich war, fand ich unser Abenteuer mit ihr so spannend, dass ich auf keinen Fall wollte, dass es zu Ende war. Dass der Großvater uns besuchen kommen wollte, war mir daher gar nicht recht. Ich wusste nur nicht, wie ich ihn davon abhalten sollte.

Irgendwann schlief ich doch ein und träumte lauter wirres Zeug. Ich weiß nur noch, es ging um ein großes schwarzes, zotteliges Tier, das sich ans Fußende meines Bettes gelegt hatte, und ich glaubte mich zu erinnern, dass es dort Wache hielt. Doch viel mehr wusste ich am nächsten Morgen nicht.


*

Kapitel 5

Ich wachte schon sehr früh vom Signal meines Handys auf. Wendel hatte mir eine SMS geschickt. Er schrieb:

Ich komm heute nicht. Anna ist langweilig, wenn wir

den ganzen Tag im Wald sind. Mutter will, dass ich sie

mitnehme. :-(

Ich schrieb zurück:

Bring sie einfach mit. Es ist schon alles egal. Opa will

auch kommen und das Baumhaus sehen. :-((

Wenig später trafen wir uns wieder bei uns auf dem Hof. Meine Oma freute sich, als sie Anna sah. Ich glaube, sie wünscht sich heimlich eine Enkelin. Wie ich darauf komme, weiß ich zwar nicht genau, aber ich denke, es ist so. Sie begann mit Wendels Schwester ein Gespräch, während ich die Gelegenheit nutzte und mit den anderen ein Stück zur Seite trat, außer Hörweite.

„So, und was machen wir jetzt?“, flüsterte ich aufgeregt.

„Warum hat der denn seine blöde Schwester mit?“, fragte Georg mit einem finsteren Blick auf Wendel.

„Mein Opa will uns auch besuchen kommen“, murmelte ich.

„Was ist denn jetzt los?!“, schimpfte Georg. „Sind denn alle verrückt geworden?“

„Na, halten die Herren einen Kriegsrat ab?“ Das war der Großvater. Wir hatten ihn gar nicht kommen gehört. „Ich wollte euch nur sagen, den Besuch in eurem Baumhaus muss ich leider auf einen anderen Tag verschieben, mir ist nämlich etwas dazwischengekommen. Ich fahre heute in die Stadt wegen einer dringenden Besorgung. Passt schön auf euch auf und macht mir keine Dummheiten! Ich verlass mich auf euch.“ Er zwinkerte uns zu, dann ging er davon.

„Hapü ... das ist ja gerade noch einmal gut gegangen!“, stöhnte ich.

„Jetzt müssen wir nur noch mit deiner blöden Schwester fertig werden“, schimpfte Georg.

„Ich bin nicht blöd!“, fauchte Anna, die plötzlich neben uns stand.

„Na, Kinder“, sagte die Großmutter, die auch dazugekommen war. „Streitet euch nicht, sonst kann ich euch nicht in den Wald lassen. Der Gedanke, dass dort den ganzen Tag gestritten wird, ist für mich so furchtbar, dass ich euch dabehalten muss. Ihr könntet mir ja in der Küche helfen.“ Sie lächelte uns an.

„Nein, wir vertragen uns!“, rief ich rasch und nahm Anna bei der Hand. „Komm, wir gehen.“

Sie befreite sich sofort aus meinem Griff und schimpfte: „Spinnst du? Ich bin doch kein Baby!“

„Da ist dein Rucksack, ich habe heute extra viel eingepackt. Bei der guten Waldluft entwickelt ihr ja alle scheinbar einen Riesenhunger“, lachte die Oma. „Passt schön auf, vor allem auf Anna.“

Missmutig machten wir uns auf den Weg. Ich überlegte fieberhaft, wie ich Leo warnen konnte, aber selbst wenn mir das gelingen sollte, würden wir sie dann den ganzen Tag nicht sprechen können. Und was sollten wir mit Anna beim Baumhaus spielen? Es war zum Aus-der-Haut-Fahren.

Anna schien von unseren Nöten nichts zu bemerken, sie plapperte ständig irgendeinen Blödsinn vor sich hin, wie schön das Wetter sei und wie schön die Vögel sängen und wie gespannt sie auf unser Baumhaus wäre. Georgs Miene verfinsterte sich mit jedem Meter, den wir zurücklegten, da hatte ich plötzlich eine gute Idee. Ich tat so, als würde ich über eine Wurzel stolpern, und warf mich der Länge nach hin. Dann blieb ich ein bisschen am Boden liegen, der Dramatik wegen. Sofort kamen alle zu mir gelaufen, allen voran Anna. Wendel hatte mir einmal erzählt, sie wolle später Ärztin werden und habe schon alle Haustiere kuriert. Vor allem Emmy, das alte, kranke Meerschwein, war nur dank ihrer Fürsorge noch am Leben, wie sie nicht müde wurde, uns immer wieder zu versichern.

Ich richtete mich auf und hielt mir jammernd mein rechtes Bein. „Aua, aua, ich hoffe nur, ich habe mir nichts gebrochen.“ Georg und ich tauschten einen kurzen Blick und schon wusste er Bescheid. In dem allgemeinen Hin und Her um mein verletztes Bein bemerkte keiner, dass er sich in Richtung Baumhaus davonschlich.

Zumindest Anna nicht, denn sie untersuchte mich genau und meinte dann: „Bist du sicher, dass dir da etwas wehtut?“

„Ja, ja, au, aua ... Und wie!“

„Komisch, ich könnte schwören, mit deinem Bein ist alles in Ordnung. Ich schätze, außer ein paar blauen Flecken hast du nichts abbekommen.“

Wendel half mir hoch und auf ihn gestützt humpelte ich nun im Schneckentempo in Richtung Waldlichtung. Anna war voller Misstrauen, sie verließ sich mehr auf ihre medizinischen Fähigkeiten als auf mein wehleidiges Getue. Und wie alle Mädchen hat sie die Gabe, sofort zu spüren, wenn etwas faul ist. Sie war nun auf der Hut und beobachtete uns genau. Aber ich war zu vertieft in meine Rolle und auch die anderen ließen sich nichts anmerken.

„Wo ist denn Georg hin?“, wollte Anna plötzlich wissen.

Wir taten erstaunt. „Ja, wo ist er denn? Georg! Georg!“, riefen wir theatralisch.

„Sicher ist er schon vorausgelaufen“, meinte Wendel.

„Also, ich glaube euch kein Wort mehr. Du kannst mit der Komödie aufhören, Felix, deinem Bein geht es gut, so viel weiß ich jedenfalls.“ Wir warfen uns besorgte Blicke zu. „Ihr verheimlicht mir etwas, aber ich werde schon noch herausfinden, was es ist. Verlasst euch drauf!“

Da tauchte Georg plötzlich wieder auf.

„Wo bist du gewesen?“, fauchte Anna ihn an.

Georg spielte das Unschuldslamm. „Ich musste mal ... ähem ...“ Er räusperte sich auffällig. „... mein Geschäft machen ... groß ... wenn du es genau wissen willst.“ Brüllendes Gelächter folgte.

Anna wurde rot, sagte aber nichts mehr.

Als wir am Bachufer auf der Lichtung ankamen, war die Stimmung immer noch sehr frostig. Von Leo war nichts zu sehen, das war zumindest positiv. Vorsichtig hüpften wir über die Steine auf die andere Seite des Baches und nun waren wir doch sehr gespannt, wie Anna unser Baumhaus finden würde.

Aber was war das? Selbst bei genauem Hinschauen war es fast nicht zu erkennen. Dort, wo gestern noch rohe Bretter gewesen waren, war nun alles grün, das ganze Baumhaus war über und über mit Moos und Pflanzen bedeckt.

„Schöööön! Wie habt ihr das nur gemacht?“, rief Anna begeistert. Schon kletterte sie die Leiter hinauf und wir hörten von unten ihre Jubelrufe: „Toll, das ist ja wie Zauberei, das kann man gar nicht glauben, wenn man es nicht selbst gesehen hat!“

Wir Jungen warfen uns irritierte Blicke zu, kletterten rasch die Leiter hinauf und starrten ungläubig hinein. Sogar im Inneren der Hütte war alles mit dichten, weichen Moospolstern bedeckt. An den Fenstern wuchsen Gräser herab, die wie zarte Vorhänge aussahen. Sogar der Felsen, der die Rückwand des Hauses bildete, war überzogen mit weichem dunkelgrünem Moos.

Staunend blickten wir uns um.

„Ist das super!“, rief Benni.

Anna stutzte. „Ihr habt das auch noch nicht gesehen, oder?“

„Doch, doch ... wir ... wir ... wir haben das ja gemacht“, beeilte sich Wendel zu versichern.

Anna zupfte ein Moospolster von der Felswand ab. „Ich bin doch nicht dumm! Das Moos ist überall festgewachsen und die Pflanzen und das Gras auch, so was könnt ihr nicht. Das passiert nur, wenn etwas lange irgendwo steht und dann von selber zuwächst. Wie ist das möglich, wenn ihr erst vorgestern mit dem Bauen angefangen habt?“

Wir machten betretene Gesichter. „Was ist hier los? Wenn ihr mir jetzt nicht sofort sagt, was hier los ist, ruf ich Mama an!“ Anna fischte geschickt Wendels Handy aus seiner Hosentasche und fuchtelte damit drohend vor unseren Gesichtern herum.

Bevor wir überhaupt reagieren konnten, hörten wir eine vertraute schrille Stimme von unten. „Das wird nicht nötig sein, ich habe das nämlich alles gemacht.“ Leo stand am Fuße der Leiter und schaute zu uns herauf.

Wir erstarrten, bevor mehrere Dinge gleichzeitig passierten. Anna streckte den Kopf aus der Tür, um zu schauen, wer da mit uns redete, und sah Leo. Genauso wie Leo Anna sah. Instinktiv hielten wir uns die Ohren zu, denn in jedem Film und in jedem Buch hätten die beiden sofort losgeschrien, und zwar auf diese seltsame, durchdringende Art, in der Mädchen immer kreischen. Doch wider Erwarten blieben sie ganz still und starrten sich nur an.

Weil ich ganz nahe bei Anna kniete, bemerkte ich, dass sie blass geworden war, und ich konnte an ihrem Hals deutlich sehen, dass ihr Herz ziemlich rasch schlug. Ich denke, sie war sehr erschrocken. Darum legte ich meinen Arm um sie, was mir natürlich in späteren Zeiten viel Spott und Hänseleien eingetragen hatte. Aber es war wie ein Reflex, in diesem Augenblick wollte ich sie nur beschützen.

„Darf ich vorstellen? Das da unten ist Leo und das ist Anna, die Schwester von Wendel“, sagte ich mit möglichst beruhigender Stimme.

Anna holte hörbar Luft. Dann schüttelte sie sich wie ein nasser Hund und schaute uns der Reihe nach an „Das also wolltet ihr vor mir geheim halten!“, rief sie mit triumphierender Stimme.

„Ja“, antwortete Georg, „und es wäre wohl besser gewesen, wenn uns das gelungen wäre.“

Inzwischen war Leo langsam die Leiter hochgeklettert. Sie stand nun am Eingang zur Hütte und es schien, als gehorche das Baumhaus einem geheimen Zauber, denn als sie hereinkam, wurde es plötzlich viel größer und geräumiger und wir hatten alle bequem Platz.

Die Elfe setzte sich in unsere Mitte. „Wo sind die Speisen?“, fragte sie und schien die Anwesenheit von Anna gar nicht mehr zu bemerken.

„Gehen wir also zur Tagesordnung über“, ätzte Georg und kletterte hinunter, um unsere Rucksäcke heraufzuholen.

Anna wollte sich nützlich machen, um damit ihre Verlegenheit zu überspielen, und begann, das mitgebrachte Essen in sechs gleich große Portionen aufzuteilen, allerdings hatte sie nicht mit Leo gerechnet.

„Was tust du da?“ Leos Stimme war um einiges lauter als sonst und die Elfe war mit drohend in die Hüften gestemmten Armen aufgestanden.

„Ich teile alles gerecht auf“, lautete Annas unschuldige Antwort.

„Ich bestimme, was hier gerecht ist!“

„Warum?“ Erstaunt blickte Wendels Schwester das kleine Wesen an.

„Weil ich wachsen muss.“

„Ich auch.“

Leo betrachtete Anna von Kopf bis Fuß. „Mag sein, aber ich habe eure Speisen viel nötiger als ihr.“ Sprachʼs, setzte sich wieder und begann, in Hochgeschwindigkeit zu essen.

Anna schüttelte den Kopf und nahm sich auch etwas. Doch Leo starrte sie mit vollem Mund so lange finster an, bis sie es wieder zurücklegte und murmelte: „Eigentlich bin ich noch gar nicht hungrig.“

„Gestern hieß es, du sagst uns heute, wie es weitergehen soll. Und ich schätze, Anna müssen wir auch einiges erklären“, ergriff ich das Wort.

„Das übernehme ich, schließlich bin ich ihr Bruder“, mischte sich Wendel ein.

„Halt!“ Leo hatte die Hand gehoben und heftig kauend rief sie: „Ich werde das alles zur rechten Zeit machen. Zuerst will ich jedoch etwas ruhen. Ihr könnt ja einstweilen eure Spiele spielen oder noch besser: Gestern sah ich nicht weit von hier eine Waldhimbeerhecke, geht doch und pflückt mir ein paar Beeren.“

Missmutig kletterten wir aus dem Baumhaus, und als wir außer Hörweite waren, begannen wir fast gleichzeitig, aufgeregt durcheinanderzureden.

„Das ist wirklich eine Frechheit, wir sind doch keine Sklaven!“, schimpfte Georg.

„Ja, und ich lass mir nicht vorschreiben, wann ich meiner Schwester was erkläre“, fügte Wendel hinzu.

„Na ja, wenn es dir so wichtig gewesen wäre, mir was zu erklären, dann hätte es schon vorher Gelegenheiten dazu gegeben. Aber wenn es nach dir ginge, könnte ich die ganzen Ferien allein zu Hause sitzen, während du mit deinen Freunden hier im Wald das tollste Abenteuer erlebst“, sagte Anna.

„Na, so toll ist das Abenteuer auch wieder nicht!“, warf Benni ein. „Wenn mir meine Mutter zu Hause sagt, ich solle in unserem Garten Himbeeren pflücken, mache ich das auch nicht und für die soll ich es tun?“ Er wies mit dem Kopf in Richtung Baumhaus.

„Außerdem ist es langweilig, wenn sie immer nur schläft und isst. Nachdem wir jetzt alles fertig gebaut haben, wissen wir gar nicht, was wir machen sollen. Ich habe heute extra meine Konsole zu Hause gelassen, weil ich gedacht habe, ich brauche sie eh nicht. Und jetzt?“, rief Georg aufgebracht.

„Beruhigt euch, bitte, beruhigt euch!“, ergriff ich das Wort. „Ich muss euch etwas erzählen ...“ Und dann berichtete ich von meiner Beobachtung vor zwei Nächten. Als ich mit meinem Bericht zu Ende war, schauten mich alle ängstlich an.

„War es ein Wolf?“, wollte Wendel schließlich wissen.

„Ich habe keine Ahnung, ich konnte es nicht genau erkennen, es war zu weit weg. Ich weiß ja nicht mal genau, ob es überhaupt Leo war, die ich gemeinsam mit diesem Tier gesehen habe, ich vermute es nur.“

„Aber wo ist dieses Vieh denn dann jetzt?“ Georg blickte sich besorgt um.

„Vielleicht liegt es irgendwo im Gestrüpp auf der Lauer und beobachtet uns“, setzte Wendel noch eines drauf.

„Ich glaube, ich geh jetzt heim.“ Es sollte wie ein Scherz klingen, doch Benni hatte gerade ausgesprochen, was wir alle dachten.

„Also, zum Fürchten finde ich das eigentlich nicht“, meinte Anna schließlich. „Ich glaube, wenn du sie in der Nacht mit irgendeinem Tier gesehen hast, ist das trotzdem kein Grund, in Panik davonzulaufen. Wenn ich in der Nacht allein im Wald sein müsste, dann wäre ich auf jeden Fall auch froh, wenn es irgendein großes schwarzes Tier gäbe, das mich beschützt.“

Anschließend erzählten wir Anna, was wir bisher über Leo wussten, und sie war total beeindruckt. Das merkte ich daran, dass sie mit halb offenem Mund, kugelrunden Augen und ohne einen Mucks zu sagen zuhörte. Anna war es auch, die schließlich eine von den mitgebrachten Jausendosen mit Himbeeren füllte.

Um die Mittagszeit tauchte Leo verschlafen und hungrig bei uns auf. „Eure Säcke sind leer! Es war zu wenig, was ihr mitgebracht habt.“ Anna reichte ihr die Dose mit Himbeeren und ein wenig besänftigt aß Leo sie leer. „So, nun setzt euch zu mir“, meinte sie dann gnädig. Gehorsam ließen wir uns nieder und schauten sie erwartungsvoll an. „Ihr wollt jetzt also von mir wissen, wie es weitergeht?“ Wir nickten. „Nun, ich habe euch schon erzählt, dass ich ein richtiger Mensch werden möchte so wie ihr. Das ist eine ziemlich schwierige Prozedur und es dauert einige Zeit. Wie es genau abläuft und was dabei passiert, weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Es gibt nur wenige Berichte und das Wissen darüber ist im Elfenreich geheim. Mein Vater hat mir strengstens verboten, in den alten Schriften zu stöbern und etwas darüber nachzulesen. Eines steht jedoch fest, ich muss viel essen und viel schlafen.“

„Das ist uns bereits aufgefallen“, warf Georg ein.

„Trotzdem freue ich mich über eure Gesellschaft und ihr habt ja auch versprochen, mir immer genügend Speisen zu bringen.“ Wir nickten wieder. „Außerdem müsst ihr mir alles über die Menschenwelt erzählen, damit ich gut vorbereitet bin, wenn ich mit euch mitkomme.“

Wir blickten uns gegenseitig verlegen an, nur Anna schien es vollkommen normal zu finden, dass Leo mit zu uns kommen wollte. „Also, von mir kannst du einiges lernen“, sagte sie erfreut zu der kleinen Elfe. „Es gibt ganz tolle Sachen, die ich dir unbedingt beibringen muss. Kannst du eigentlich zaubern?“

„Nun, ich konnte einmal sehr gut zaubern, doch mit der Menschwerdung verliere ich all meine Kräfte. Mittlerweile kann ich nur noch sehr wenig und manches gelingt nicht so, wie es soll.“

„Oh bitte, bitte, zaubere doch irgendetwas für uns!“, rief Anna aufgeregt. Gespannt schauten wir Leo an.

Sie kratzte sich am Kopf und murmelte: „Es kann gefährlich werden, nehmt euch in Acht!“

Unwillkürlich rückten wir näher zusammen und starrten gebannt auf die Elfe. Sie hob ihre Hände hoch in die Luft und flüsterte unverständliches Zeug. Die Vögel verstummten. Dann begann es, in den Baumwipfeln über unseren Köpfen zu brausen, ein heftiger Wind kam auf. Von fern hörten wir ein Donnergrollen und ich spürte mein Herz wild bis zum Hals schlagen. Gespannt starrten wir zu Leo, doch die wirkte, als hätte sie den Faden verloren. Das Brausen in den Bäumen verstummte und genauso rasch, wie es begonnen hatte, war alles wieder vorbei. Die Sonne schien und die Vögel sangen wie zuvor.

„Das war alles?“, meckerte Georg.

Leo baute sich vor ihm auf, ballte ihre Hände auf dem Rücken zu Fäusten und streckte ihm die Zunge heraus. „Bääähhh, mach es doch nach, wenn du so schlau bist!“, schrie sie außer sich vor Zorn. „Du undankbarer Mensch, meinst du, es ist einfach, die Elemente zu beherrschen und zu kontrollieren? Glaubst du, die Natur und die Tiere gehorchen euch Menschen, euch, die ihr alles zerstört und tötet? Niemals wieder werde ich für euch zaubern. Mich kostet es unnötig Kraft und ihr wisst es nicht zu würdigen.“

„Also, ich fand es toll!“, log ich, um die Situation wieder ein bisschen ins Gleichgewicht zu bringen.

„Ja“, kam mir nun auch Anna zu Hilfe, „es war schön, danke!“

Ein wenig beruhigt setzte sich Leo wieder hin. „Ich habe schrecklichen Hunger“, jammerte sie, „könnt ihr nicht ein paar Speisen für mich holen?“

„Wir können nicht ununterbrochen zu Hause nach Essen fragen, das ist verdächtig. Wir sollten uns was anderes überlegen“, meinte ich.

„Ich hätte schon eine Idee. Wir holen etwas Geld aus unseren Spardosen, gehen damit ins Lebensmittelgeschäft im Dorf und kaufen etwas ein“, schlug Anna vor.

*


*

Kapitel 6

„Ich will mitkommen“, rief Leo sofort, „ich will selbst bestimmen, welche Speisen ihr kauft, was auch immer dieses Wort zu bedeuten hat.“

„Nein, das ist unmöglich“, winkte ich ab, „du kannst nicht mitkommen, das ist ein Ort voller Menschen, die dich alle sehen würden. Das ist viel zu gefährlich. Das geht auf keinen Fall.“

„Nichts ist unmöglich, lasst mich nur machen“, sagte Anna großspurig, „ich werde dir alles erklären, Leo. Was ein Geschäft ist und was einkaufen bedeutet, wie und warum man bezahlt, aber zuerst brauche ich ein bisschen Zeit. Geht ihr nur nach Hause und holt euer Geld, ich erledige den Rest. In einer Stunde treffen wir uns wieder hier. Leo, du kannst ja inzwischen im Baumhaus ein Schläfchen machen. Wendel, du kommst mit mir mit, ich brauche deine Hilfe.“

Der Angesprochene schnitt eine Grimasse in unsere Richtung, die wohl so was wie „Mein Gott, ist die wieder anstrengend!“ bedeuten sollte. Anna war schon losmarschiert und er lief ihr hastig nach.

Wir anderen machten uns auch kopfschüttelnd auf den Weg. „Das war nötig, dass die mitmacht! Lasst irgendwo ein Mädchen dazu und es wird alles kompliziert“, machte Georg seinem Ärger Luft.

Als wir nach ungefähr einer Stunde wieder bei der Lichtung ankamen, war von Wendel und Anna keine Spur zu sehen.

„Vielleicht hat sie kalte Füße bekommen?“, fragte ich hoffungsvoll.

„Jetzt im Sommer?“, fragte Benni ernst.

„Das ist doch nur eine Redewendung und bedeutet, man gibt auf, weil man eingesehen hat, dass es nicht funktioniert“, erklärte ich ihm.

„Leo schläft?“, wollte Georg wissen.

„Keine Ahnung! Schau nach!“ Ich hatte das eigentlich nicht ernst gemeint, doch Georg kletterte schon die Leiter hinauf.

Kurze Zeit später kamen er und die Elfe wieder herunter. „Wo bleibt mein Essen?“, wollte Leo sofort wissen.

„Äh, das dauert noch ein bisschen. Wir warten auf Anna und Wendel.“

„Das darf doch nicht wahr sein!“, schrie Georg in diesem Augenblick und schlug sich vergnügt aufs Knie.

Wir blickten in dieselbe Richtung wie er und da sahen wir die beiden kommen. Anna schob einen Puppenwagen und Wendel trottete mit hängendem Kopf neben ihr her. Das Ganze war ihm offensichtlich so peinlich, dass auch ich zu lachen anfing.

„Was habt ihr denn da?“, grinste Benni.

„Das ist mein alter Puppenwagen, den ich eben vom Dachboden geholt habe.“

„Was du nicht sagst. Und was bitte schön willst du mit dem?“

„Na, da packen wir Leo rein, so kann sie bequem mitkommen und niemand wird sie sehen.“

„Das ist nicht dein Ernst? Niemals lasse ich mich mit diesem Ding im Dorf sehen!“, entrüstete sich Benni. Wir anderen nickten zustimmend.

„Ich hab ihr das auch gesagt, aber sie hört nicht auf mich“, stöhnte Wendel.

„Ich finde die Idee sehr gut“, erklärte nun Leo. „Ich werde alles sehen und keiner kann mich sehen.“

„Genau meine Rede. Außerdem nehme ich den Wagen“, sagte Anna. „Ihr braucht euch also nicht so blöd anzustellen. Das werdet ihr schon überleben. Was, wenn ihr später einmal Väter werdet? Da könnt ihr jetzt gleich mal üben.“

Wir verdrehten die Augen, doch Anna half Leo bereits dabei, in den Puppenwagen zu klettern, der sich sofort bedenklich senkte. „Das ist ein stabiles Ding, der hält das schon aus“, erklärte Anna, noch bevor wir etwas sagen konnten. Dann schob sie den Wagen mit offensichtlicher Mühe und doch wild entschlossen aus dem Wald hinaus.

Wir gingen in gebührendem Sicherheitsabstand mit besorgten Blicken hinterher.

Ich glaube, es war mir noch niemals vorher in meinem Leben etwas so peinlich. Selbst Anna, deren glorreiche Idee es ja gewesen war, wurde immer langsamer, je näher wir dem Dorf kamen.

„Hoffentlich treffen wir keinen aus der Schule“, seufzte Georg hinter mir. „Ich kann mich da nie mehr blicken lassen, wenn das rauskommt, noch dazu in meinem Alter.“

„Ja, nicht einmal im Kindergarten hätte ich mich für so etwas hergegeben. Es ist schon erstaunlich, wozu uns die Weiber bringen“, murmelte Wendel.

„Na, du musst es ja wissen, schließlich ist sie deine Schwester“, sagte Benni.

„Wenn nur nichts schiefgeht“, meinte ich besorgt. „Alles andere ist halb so schlimm.“

„Ja, für dich schon, du bist schließlich nur zu Besuch. Aber wir leben hier, wir gehen hier zur Schule, jeder kennt uns, wir haben einen Ruf zu verlieren.“ Georg war ganz aufgebracht.

„Hört auf jetzt! Da vorne steht die alte Agnes, die Frau unseres Pächters Günther Baumann“, fauchte Anna.

Und wirklich, da stand ebenjene an der Bushaltestelle vor der Post und blickte uns neugierig entgegen.

„Hallo, Frau Baumann!“, grüßten wir im Chor.

„Ah ja, hallo, Kinder! Was hast du denn da Schönes, Anna? Für Puppen bist du ja wohl eigentlich schon zu groß, oder?“, wollte sie wissen und ging zielstrebig in Richtung Puppenwagen.

„Gar nix!“, erwiderte Anna ziemlich unwirsch, machte einen großen Schlenker, sodass der Wagen fast umkippte, und versuchte dann, ihn so schnell wie möglich an der alten Frau vorbeizuschieben.

Wir anderen liefen eilig hinterher, aber Agnes versperrte uns den Weg. Dann ging alles sehr schnell, denn sie beugte sich so rasch vornüber und schaute in den Wagen hinein, dass wir es nicht verhindern konnten. Anna zerrte das Gefährt prompt von ihr weg auf die Straße und lief wie von Wölfen gehetzt davon.

Als ich kurz zurückblickte, sah ich Frau Baumann, die uns kopfschüttelnd hinterhersah. Sicher murmelte sie jetzt etwas wie: „Ts, ts, ts, diese Jugend von heute.“

„Gerade noch mal gut gegangen“, seufzte ich erleichtert.

„Aber sie hat Leo gesehen. Ich bin ganz sicher. Sie haben sich angelächelt wie alte Bekannte“, keuchte Anna atemlos.

„Du kennst die verrückte Pächtersfrau?“, wollte Georg von Leo wissen.

Die schüttelte trotzig den Kopf und murmelte: „Sie ist nicht verrückt!“

Wir hatten jedoch keine Zeit, über diese Aussage groß nachzudenken, denn nun passierte genau das, wovor sich meine Freunde am meisten gefürchtet hatten. Zwei ihrer Schulkollegen bogen um die Ecke.

„Schreck, lass nach! Das sind Franz und Jo, die wildesten Typen der ganzen Schule!“, keuchte Georg. „Jetzt können wir unser Testament machen. Im Ort können wir uns jedenfalls nicht mehr blicken lassen und in der Schule schon gar nicht!“

„Halt!“, schrie Anna, es klang fürchterlich. „Halt, keinen Schritt weiter!“

Franz und Jo, die gerade von der anderen Straßenseite zu uns herüber hatten wechseln wollen, blieben wirklich überrascht stehen. Ihr schadenfrohes Grinsen gefror.

„Ihr dürft auf keinen Fall zu uns kommen, das ist gefährlich!“ Anna zitterte am ganzen Körper und war kreidebleich. „Wir haben da drin ein verletztes Tier. Das hier ist die einzige Möglichkeit, es zu transportieren.“ Sie deutete auf den Puppenwagen. „Es hat vielleicht Tollwut. Mich hat es schon gebissen.“

Zeitgleich ertönte aus dem Wagen ein grauenerregendes Fauchen und Knurren. Hätte ich nicht gewusst, dass Leo darin saß, ich hätte an eine räudige Wildkatze gedacht.

„Aua, dieser Schmerz!“, brüllte Anna und hielt sich ihren Arm.

Franz und Jo tuschelten miteinander, dann deuteten sie einen Gruß an und gingen etwas steif weiter. Wir hatten ungläubig und staunend zugesehen.

„Nie wieder werde ich über ein Mädchen lästern“, murmelte Georg. „Das war so was von cool!“

„Du solltest Schauspielerin werden“, rief ich.

„Und was ist mit mir?“, kam es aus dem Puppenwagen.

„Du natürlich auch!“

Schließlich waren wir beim Supermarkt angekommen, der ein bisschen außerhalb des Ortes liegt. Es war erst einige Monate her, dass er eröffnet worden war. Vorher hatte es im Dorf nur einen Laden gegeben, der einer alten Frau gehört hatte. Dort hatte es alles gegeben, angefangen von Milch, Butter und Brot bis hin zu Stoffen. Man bekam bei ihr Nadeln und Zwirn, bunte Wolle, ja, sogar Nägel und Werkzeug. Und für uns Kinder gab es Spielsachen und Zuckerzeug, es war einfach alles da, was man sich nur vorstellen konnte. Der Geschäftsraum war vom Boden bis zur Decke vollgestopft mit Kram und Sachen und man musste nur kommen und sagen, was man wollte, schon lief die alte Frau zwischen den Regalen hin und her und brachte das Verlangte. Es roch immer ganz komisch bei ihr, aber irgendwie gut, und ich fand es in dem Laden immer sehr schön.

Als die alte Frau starb, gab es niemanden, der ihr Geschäft übernehmen wollte, und so kam eine Supermarktkette und baute ein neues großes Gebäude.

Eigentlich hat mich das immer traurig gemacht, ich mochte den alten Laden und die Frau, der er gehört hatte, aber jetzt war ich froh darüber, denn es wäre unmöglich gewesen, Leo vor ihr zu verstecken. Im Supermarkt hingegen war man anonym, keiner kümmerte sich um einen, man konnte durch die Gänge laufen und es war jedem egal.

Bevor wir hineingingen, machten wir aus, wer das Zahlen übernehmen sollte, und gaben Georg anschließend das Geld aus unseren Spardosen. Benni steckte eine Münze ein und nahm sich einen Einkaufswagen, doch bevor wir den Supermarkt betraten, schaute ich noch einmal nach, ob mit Leo alles in Ordnung war. Sie starrte mir mit finsterem Blick aus dem Puppenwagen entgegen.

„Bitte, verhalte dich ruhig, halt den Mund und bleib unter der Decke, sodass dich niemand sieht, sonst können wir für gar nichts garantieren“, ermahnte ich sie.

„Ich habe großen Hunger und es ist hier drunter schrecklich warm. Wie lange dauert denn das eigentlich noch?“, war ihre Antwort.

Voll schlimmer Vorahnungen ging ich gemeinsam mit den anderen in das Geschäft. Zum Glück waren fast keine Leute da. Eine Verkäuferin räumte gerade Milch und Butter ins Kühlregal, da konnten wir also nichts nehmen. Benni schob den Einkaufswagen zielstrebig in den Gang mit den Knabbereien, Keksen und Süßigkeiten. Anna folgte ihm mit dem Puppenwagen.

Als er haufenweise Süßkram in den Wagen packte, fing sie an zu schimpfen: „Was soll das? Sie kann sich doch nicht nur von Schokolade ernähren, vielleicht sollte man auch etwas Vernünftiges einkaufen!“

„Bitte schön, dann mach es selber!“ Damit ließ Benni beleidigt den Wagen stehen.

Anna blickte Hilfe suchend zu uns, doch wir schüttelten die Köpfe, den Puppenwagen würden wir unter keinen Umständen schieben.

„Kann vielleicht einer der Herren wenigstens den Einkaufswagen übernehmen?“, fauchte Anna. „Wendel, was ist los, kommst du bitte?“

Zögernd trottete jener zu seiner Schwester und nach einem kurzen Blick in das Regal vor ihm warf er eine Großpackung Müsliriegel in den Wagen. „So“, knurrte er, „jetzt bist du hoffentlich zufrieden!“

Anna blies die Wangen auf und verdrehte die Augen, da ertönte aus dem Puppenwagen laut und deutlich eine laute und sehr schrille Stimme, die uns allen das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Ich bin noch lange nicht zufrieden, ich will endlich so viele Speisen, dass sie mich satt machen können.“

„Psst, sei still!“, flüsterte ich und blickte mich ängstlich um, aber es schien keinem aufgefallen zu sein, dass eine Stimme aus dem Puppenwagen drang.

In höchster Eile sausten wir nun durch die Gänge und packten die verschiedensten Lebensmittel ein. Dann beeilten wir uns, an die Kasse zu kommen. Es war nur ein älterer Mann vor uns, der eine Kiste Bier gekauft hatte. Georg stand ganz vorne. Dann kamen Wendel und ich, wir packten die Sachen auf das Laufband, Anna stand hinter uns.

Plötzlich bemerkte ich eine kleine, schmutzige Hand, die sich blitzschnell eine Tafel Schokolade aus dem Regal neben der Kasse griff und gleich darauf wieder verschwand. Dann hörte ich laute Mampfgeräusche aus dem Puppenwagen. Ich spürte, wie ich eine Gänsehaut bekam, ich konnte gar nichts tun. Ich versuchte, mich möglichst natürlich zu benehmen und nicht irgendwie schuldbewusst oder verlegen auszusehen.

Die Kassiererin beäugte uns misstrauisch. Fünf Kinder mit einem Rieseneinkauf und einem Puppenwagen.

Ich packte in Windeseile alle Sachen, die sie eingescannt hatte, wieder in den Einkaufswagen zurück, als es laut und deutlich für jeden hörbar aus dem Puppenwagen tönte: „Hihihi, was ist das nur für ein lustiges Gepiepse?“

Anna täuschte einen Hustenanfall vor und raste dann mit dem Puppenwagen zum Ausgang. Die Kassiererin blickte ihr kopfschüttelnd nach. „Ist sie nicht schon viel zu groß für solche Spiele?“

Wir nickten beflissen und Georg beeilte sich zu zahlen.

Als wir alle wieder vor dem Supermarkt standen, schlug mir immer noch das Herz bis zum Hals. Ich werde den Anblick dieser kleinen, schmutzigen Hand, die aus dem Inneren des Puppenwagens schnellt und nach einer Tafel Schokolade greift, niemals vergessen. Es ist ein reines Wunder, dass niemand etwas bemerkt hat.

Wir waren schwer mit Einkaufstüten bepackt und beeilten uns, so rasch wie möglich wieder ungesehen in den Wald zu kommen. Zum Glück hing der Himmel voller dunkler Wolken, es würde ein Gewitter geben, so war der Ort um drei Uhr nachmittags wie ausgestorben.

Den ganzen Weg zurück schimpfte Anna mit Leo, die fröhlich kauend im Puppenwagen saß, das ganze Gesicht mit Schokolade beschmiert, und so tat, als ginge sie das alles gar nichts an. „Das kannst du vergessen, ich nehme dich sicher niemals wieder irgendwohin mit. Du bist unmöglich!“, keifte Anna.

Wir hielten erneut einen Sicherheitsabstand zu den beiden ein und erst im Schutz der Bäume schlossen wir erleichtert zu ihnen auf. Vom Schleppen der schweren Einkaufstüten taten uns schon die Arme weh. Schließlich hatten wir das Baumhaus erreicht, und nachdem wir die Lebensmittelvorräte verstaut hatten, gönnten wir uns zur Abwechslung selbst mal etwas zu essen, zwar verfolgt von Leos strengen Blicken, aber diesmal ließen wir uns nicht von ihr einschüchtern.

„Ich glaube, da braut sich ein ziemlich schlimmes Gewitter zusammen“, meinte Benni und schaute besorgt zum Himmel hinauf.

„Ja, ich schätze, wir müssen heim, sonst machen sich die Erwachsenen Sorgen um uns“, sagte ich.

Anna hatte mit Leo vereinbart, dass der Puppenwagen im Baumhaus bleiben sollte, weil Leo ihn so gemütlich fand. So verabschiedeten wir uns von der Elfe und beeilten uns, nach Hause zu kommen. Aber Anna trennte sich offensichtlich nur schweren Herzens von ihrer neuen Freundin und auch Leo schien der Abschied heute nicht ganz leicht zu fallen.

Wendel ermahnte seine Schwester ständig, endlich mitzukommen, und als die ersten Regentropfen fielen, rannten wir schließlich im Dauerlauf zum Hof meiner Großeltern, weiter kamen wir nicht mehr. Kurze Zeit nachdem wir zu Oma in die Küche gekommen waren, ging das Unwetter so richtig los. Es war die letzten Tage über schon drückend schwül und heiß gewesen und nun entlud sich die aufgestaute Hitze in einem schrecklichen Gewitter. Wir standen am Küchenfenster und schauten hinaus in den prasselnden Regen. Der Sturm peitschte die Wiese und die Bäume bogen sich wie Grashalme. Blitze zuckten über den Himmel, gefolgt von ohrenbetäubenden Donnerschlägen.

„Oh, sie wird furchtbare Angst haben allein da draußen!“, rief Anna und hatte Tränen in den Augen.

Wendel blickte sie finster an, als Großmutter auch schon fragte: „Wer wird Angst haben? Wer ist allein da draußen?“ Sie legte ihren Arm um Annas Schultern, die heftig zuckten.

„Na, die Amselmutter, die ihrem Kind gerade das Fliegen beibringt“, log Anna mit einer Selbstverständlichkeit, die mir fast unheimlich war.

Die Großmutter lächelte. „Tiere wissen sich sehr gut zu schützen, das hat die Natur so eingerichtet. Die spüren schon viel früher als wir Menschen, wenn ihnen Gefahr droht.“

„Wäre es nicht furchtbar dumm, wenn so ein Wesen plötzlich zu einem Menschen werden will?“, fragte Anna.

Mir war ziemlich unbehaglich zumute bei diesem Gespräch, aber wie konnte ich eingreifen? Georg schaute böse und flüsterte Wendel etwas ins Ohr, und wie ich ihn kenne, war es sicher nichts besonders Nettes.

„Ja“, lachte die Großmutter, „das wäre wahrscheinlich dumm, aber ich glaube nicht, dass die Amsel sich wünscht, ein Mensch zu sein. Die versteckt sich jetzt mit ihrem Jungen unter dem Geäst am Boden, und wenn das Unwetter vorbei ist, fliegen die beiden wieder jauchzend in den Himmel hinauf und genießen ihr Dasein.“

Anna schwieg, aber man konnte sehen, dass sie angestrengt über etwas nachdachte.

Da kam Opa zu uns herein. „Habt ihr schon zu Hause Bescheid gesagt, damit sich eure Eltern keine Sorgen um euch machen müssen?“, fragte er.

Nein, das hatte natürlich jeder vergessen und so beeilten sich Georg, Benni und Wendel, rasch zu Hause anzurufen.

Der Regen ließ langsam nach und auch das Blitzen und Donnergrollen waren mittlerweile schon weniger heftig. Oma kochte uns Kakao und dann gingen wir in mein Zimmer hinauf. Dort saßen wir eine Weile schweigend und ratlos auf meinem Bett herum, jeder in seine Gedanken versunken, und sorgten uns um Leo.

Schließlich lief Anna zum Fenster und presste ihre Nase an die Scheibe. „Wenn es aufgehört hat, gehen wir los und schauen nach ihr.“

„Wenn es aufgehört hat, gehen wir nach Hause“, erwiderte Wendel. „Mama war ziemlich grantig am Telefon, weil wir nicht rechtzeitig aufgebrochen sind. Und auch, weil ich erst so spät angerufen habe. Wieder typisch, nur weil ich der Ältere bin, bin ich immer für alles verantwortlich“, murrte er missmutig.

„Ja, ich fürchte, heute wird uns keiner mehr in den Wald lassen, dafür war das Unwetter zu heftig“, überlegte ich laut.

Von meinem Fenster aus sah ich meinen Großvater, der im nachlassenden Regen über den Hof zum Stall marschierte, um zu schauen, ob mit den Tieren alles in Ordnung war. Ich blickte besorgt zu den dicht stehenden Bäumen am Waldrand hinüber. Es war ganz dunkel dort drüben und die Hitze der letzten Tage hatte den Boden so aufgeheizt, dass jetzt nach dem Regenguss Dämpfe vom Grund aufstiegen und wie Nebelschwaden um die Stämme wallten. Und dann erschien wieder das große schwarze Tier, diesmal konnte ich es auch viel besser erkennen, denn es war ja erst später Nachmittag. Allein stand es ganz still da, den schweren Kopf hocherhoben, und es schien, als blickte es mir direkt in die Augen.

„Das ist jedenfalls kein Wolf!“ Ich erschrak fürchterlich, als ich Annas Stimme hinter mir hörte.

Prompt stürzten auch die anderen ans Fenster, aber das Wesen war schon zwischen den Bäumen verschwunden.

„Was hat das zu bedeuten, warum ist es allein gekommen? Hoffentlich ist ihr nichts passiert!“ Anna war schon wieder in Tränen ausgebrochen.

„Was ist es denn nun für ein Tier?“, wollte Georg wissen.

„Es ist nicht von dieser Welt“, behauptete Anna. Alle schauten mich herausfordernd an.

„Ich fürchte, sie hat recht“, murmelte ich.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
Объем:
233 стр. 22 иллюстрации
ISBN:
9783960744054
Правообладатель:
Bookwire
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