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Erwin Thoma
DICH SAHICH WACHSEN
Was der Großvater noch über Bäume wusste

Dieses Buch widme ich dem Zimmerer Gottlieb Brugger (1907–1999), dem ich viele wertvolle Anregungen verdanke.


© 2016 Servus bei Benevento Publishing, Eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

Red Bull Media House GmbH

Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15, 5071 Wals bei Salzburg, Österreich

Bildnachweis: S. 5, 129: Thoma Holz GmbH/Erwin Thoma; S. 26: ÖNB/Wien (59096-B); S. 27: ÖNB/Wien (Pk 4964, 13, 82); S. 99, 115, 119: Stefan Pfeiffer/Freilichtmuseum Großgmain; S. 104: ÖNB/Wien (43227-B); S. 106: ÖNB/Wien (FO25679); S. 108: ÖNB/Wien (B5 1787/10); S. 112: ÖNB/Wien (HEY035836)Illustrationen: alle Illustrationen von Ernst Muthwill,ausgenommen: S. 83, 84: Helmut Huber

Gesamtherstellung: Buch.Bücher Theiss, www.theiss.at

Buchtitel »Dich sah ich wachsen« aus der »Ode an das Holz« (Oda a la Madera) von Pablo Neruda.

Pablo Neruda, Das lyrische Werk © Luchterhand Literaturverlag München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Gedicht, S. 160 © Fritz Gillinger

Umschlaggestaltung, Umschlagabbildung und Illustration Kapitelaufmacher: Andreas Posselt

Autorenporträt: Jan Ludwig/Thoma Holz GmbH

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

ISBN 978-3-7104-5019-8

Ode an das Holz
Pablo Neruda
 
Ach, soviel ich auch kenne
und immer wieder kenne,
unter allen Dingen
ist meine beste Freundin
das Holz.
Ich trage durch die Welt
an meinem Leib mit mir, in meiner Kleidung
Geruch von Sägemühlen,
roter Bretter Duft.
Meine Brust, meine Stimme,
sie sogen sich in der Kindheit
mit Bäumen voll, die niederstürzten,
mit gewaltigen Wäldern
voll künftiger Bauten.
Ich lauschte, wenn sie einhieben
auf die gigantische
Lärche,
den Lorbeerbaum vierzig Meter hoch.
Axt und Gurt
des winzigen Holzfällers
fällten schnell
ihre stolze Säule,
es siegt der Mensch und hinstürzt
voller Wohlgeruch die Säule,
die Erd erzittert, ein dumpfer
Donner, dunkles Seufzen
der Wurzeln, und da
überflutet die Sinne mir
eine Woge
von Waldesdüften.
Das war in der Kindheit, geschah auf
den feuchten Erden, fern
in der Wildnis des Südens,
auf den grünen,
lieblich duftenden
Archipelen,
vor mir
wurden Balken geschaffen,
schlummernde,
wie Eisen schwer,
Bretter,
helltönend und schmal.
Stählern ihre Liebe singend,
knirschte die Säge,
es heulte die scharfe Schneide,
die metallische Klage
der Säge, die,
einer gebärenden Mutter gleich,
das Brot des Waldes schnitt
und ein Kind zur Welt brachte inmitten
des Lichts
und der Wildnis,
aufreißend das Innere
der Natur,
Schlösser
erschaffend von Holz,
Wohnungen für den Menschen,
Schulen und Särge,
Axtstiele und Tische.
Alles
dort im Walde
lag unter dem feuchten Laub
im Schlaf,
als ein Mann,
sich gürtend
und die Axt erhebend,
begann,
des Baumes reines
Gepränge zu schlagen,
und dieses
fällt,
Donner und Wohlgeruch stürzen,
damit aus ihnen das Bauwerk
erstehe, die Form,
das Gebäude
unter den Händen des Menschen.
Dich kenne ich, dich lieb ich,
dich sah ich wachsen,
Holz.
Darum,
so ich dich anrühre,
antwortest du
wie ein geliebter Leib,
du weisest mir
deine Augen und deine Fasern,
deine Knorren, deine Male,
deine Adern,
die reglosen Flüssen gleichen.
Ich weiß,
was sie
singen
mit Windes Stimme,
ich lausche
der stürmenden Nacht,
des Pferdes
Galopp in der Wildnis,
ich rühre dich an, und du,
wie eine spröde Rose,
die nur für mich zum Leben wiedererblüht,
öffnest dich,
den Duft
mir schenkend und das Feuer,
die gestorben schienen.
Unter dem stumpfen Anstrich
ahne ich deine Poren,
erstickt schon, rufst du mich,
und ich höre dich,
fühle
die Bäume
schwanken,
die meine Kindheit überschattet,
sehe
aus dir,
einem Flug von Ozean
und Tauben gleich,
die Schwingen der Bücher fliegen
das Papier
von morgen,
für den Menschen
das reine Papier für den reinen Menschen,
der morgen leben wird
und der heut geboren,
beim Tönen einer Säge,
beim Zerreißen
von Licht, Klang und Blut.
Das ist das Sägewerk
der Zeit,
umsinkt
die dunkle Wildnis, dunkel
ward geboren der Mensch,
es fallen die schwarzen Blätter,
und erdrückt das Dröhnen der Schlacht,
das Wort haben zur gleichen Zeit
Tod und Leben;
wie einer Geige entstiegen, erhebt sich
das Lied oder die Klage
der Säge im Wald,
und so ersteht
das Holz
und beginnt seinen Lauf durch die Welt,
bis es der stille Erbauer ist,
vom Eisen zersägt und durchbohrt,
leidend und schirmend
die Wohnstatt
errichtet,
wo täglich
einander begegnen werden der Mann, die Frau
und das Leben.
 

Über den Titel dieses Buches

»Dich sah ich wachsen« ist eine Zeile aus der wunderschön poetischen »Ode an das Holz« des chilenischen Dichters Pablo Neruda.

Der 1904 in Parral, Chile, geborene Neruda – bürgerlicher Name: Neftalí Ricardo Reyes Basoalto – gilt als einer der größten lateinamerikanischen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Die »Ode an das Holz« stammt aus dem 1954 veröffentlichten Zyklus »Odas Elementales«. Sie ist eines der vielen Werke, die Neruda in seinen späteren Jahren in poetischer Rückschau den von ihm geliebten Dingen widmete.

Neruda wurde in viele Sprachen übersetzt, 1971 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb 1973 in Santiago de Chile.

Vorwort

Wenn ein Buch nach 20 Jahren immer noch begeistert gelesen, verschenkt und gekauft wird, dann hat die wichtigste Jury – die Leserschaft – das Urteil gesprochen.

So etwas geschieht am Büchermarkt ganz selten. Nur echter Nutzen und wertvolle Informationen eines Buches können das bewirken. Es wäre unbescheiden, würde ich als Autor des Buches so über mich selbst schreiben. Aber zu einem großen Teil stammt die Weisheit dieses Buches nicht von mir. Sie wurde mir vom Opa geschenkt.

Lesen Sie selbst, wie tief dieses Geschenk in mein Leben eingegriffen und es bereichert hat. Dafür kann ich nur dankbar sein. So möchte ich das Geschenk auch allen anderen Menschen zugänglich machen.

Ein weiterer Grund für die anhaltende Popularität dieses Büchleins liegt wohl darin, dass es in gewisser Weise Holzgeschichte geschrieben hat.

Im Jahr 1995 habe ich damit erstmals das Thema Mondholz breit dem Fachpublikum vorgestellt. Es folgten sehr kontroverse Debatten und auch Studien mit widersprüchlichen Aussagen. Schlussendlich wurde Opas Mondholzwissen an der renommierten ETH Zürich nachgewiesen und bestätigt.

Sie lesen hier also den Erfahrungsbericht aus einer Zeit, in der noch jeder wissenschaftliche Nachweis fehlte.

Natürlich war es nötig, das Buch nach 20 Jahren und nach neun Auflagen endlich zu überarbeiten. Das Brennholzkapitel habe ich neu hinzugefügt, den ehemaligen Teil »Mensch und Baum« gestrafft und zusammengefasst. Über einzelne Themen, wie Holz und Gesundheit, die Entwicklung zum energieautarken, dämmstofffreien Haus, über die Sprache und Wirkung der Bäume auf uns Menschen, konnte ich darüber hinaus eigene umfangreiche Bücher verfassen, die auch im Servus Verlag erhältlich sind.

Doch beginnen wir unsere Reise zu den Bäumen, zum Holz und zur Natur mit dem uralten Wissen, das heute wieder so wichtig wird.

Erwin Thoma

Einführung in die Wunder des Holzes

Hier lesen Sie,
… wie ein Blinder verschiedeneHolzarten zu unterscheiden lernte;
… warum ein hölzerner Kamin 400 Jahreim Feuer war und doch nicht verbrannte;
… dass auch 90-jährige Augen noch leuchtenkönnen und wie die unendliche Freundschaftzwischen Mensch und Baum begann

Mit allen Sinnen

Streichen Sie einmal bei geschlossenen Augen mit der Hand über die glatte Oberfläche einer Ahorntischplatte und führen Sie anschließend Ihre Fingerspitzen über das grobporige Holz einer Esche oder Eiche.

Schließen Sie Ihre Augen und klopfen Sie auf das harte Holz einer Buche. Probieren Sie dasselbe dann an der weichen Fichte. Viele Wege führen uns an die Geheimnisse der verschiedenen Hölzer heran – wir sind es aber gewohnt, uns in erster Linie auf unsere Augen zu verlassen.

Der blinde Mann wurde von seiner Frau in unser Haus geführt. Mit seinem Stock konnte er zwar Stufen, Wände und Ecken wahrnehmen, dennoch achtete auch die Frau darauf, dass ihn kein Hindernis überraschte. Nach der kurzen Begrüßung setzte er sich an unseren Tisch und seine Hände musterten sofort die abgegriffene und glatte Ahornplatte.

Einen Fußboden für ihr neues Haus suchten die beiden. Vor allem die Frage der Holzart war zu klären. Wie aber sucht ein Mensch ohne Augenlicht die Holzart aus?

Diese Frage stand unausgesprochen im Raum – auch unsere Kinder versammelten sich interessiert um den Tisch. Nur der Hund schlief auf seiner Decke unbeeindruckt den gewohnten Hundeschlaf.

Der blinde Mann hatte in seinem Leben alle anderen Sinne viel mehr geschärft, als dies einem Sehenden möglich wäre. Er hatte gelernt, so gut es nur irgendwie ging, das fehlende Augenlicht zu ersetzen. Mit Hölzern freilich hatte er seinen feinen Tastsinn, seine Ohren und seinen Geruchssinn bis zu diesem Besuch wohl noch kaum beschäftigt.

Interessiert und beinahe ein wenig ungeduldig ließ er sich von seiner Frau und mir Holzart für Holzart erklären. Seine Finger, Handflächen und Nägel arbeiteten dabei emsig an den herbeigeschafften Mustern verschiedener Vollholzböden.

Eine seltsame Spannung lag im Raum. Wir alle spürten diese Erkundung einer neuen Welt. Sogar unsere drei Kinder saßen mucksmäuschenstill am Tisch und bewunderten die ungewohnt forschenden Bewegungen der Hände.

Erst spät in der Nacht hatte unser Besuch das Haus verlassen. Die beiden waren sich in ihrer Entscheidung sicher und hatten für Vorhaus, Wohnzimmer und Schlafraum verschiedene Hölzer ausgewählt. Die Böden wurden in unserer Werkstatt aus Fichten, Buchen und Eichen angefertigt.

Der geplante Einbau der Böden wurde durchgeführt, Gespräche und Besuche folgten, eine Freundschaft zu Karin und Andreas entstand.

Trotzdem verging nach Abschluss der Bodenlegearbeiten beinahe ein Jahr, bis die beiden an einem Abend wieder an unserer Haustüre standen. Diesmal ließ sich Andreas von seinen Händen rasch und sicher durch unser Vorhaus und die Küche führen. Mit einer Mischung aus schelmischer Vergnügtheit und Siegesmiene erklärte er mir bei jedem hölzernen Gegenstand, den er ertasten konnte, ohne Umschweife, um welche Holzart es sich handelte. Ein alter Tischlermeister hätte es nicht besser machen können. Es dauerte einige Minuten, bis ich mir einen Ruck gab und meinen vor Staunen offenen Mund schloss.

An dieser Stelle will ich dir danken, lieber Andi.

Durch dich konnte ich wieder einmal sehen, auf welch vielfältige Weise Holz alle unsere Sinne berührt und uns Tag für Tag beeinflusst und begleitet, auch wenn wir uns das nicht immer bewusst machen.

Du hast mich in meiner Haltung bestärkt, Holzoberflächen unbehandelt zu belassen und selbst strapazierte Flächen höchstens zu ölen und zu wachsen. Denn Lacke und ähnliche porenverschließende Beschichtungen sperren unsere Sinne vom wunderbaren Holz weg und verhindern eine tiefe und vielfältige Beziehung zu ihm.

Durch dich, lieber Andi, konnte ich dem Satz »werdet wie die Kinder …« in meinem Leben eine zusätzliche Bedeutung geben. Ich freue mich über jede Berührung einer Holzoberfläche und lasse dieses Gefühl, bei den Fingerspitzen und Handflächen beginnend, bewusst durch den ganzen Körper strömen. Entspannung und Kraft kann ich auf diese Weise aus den verschiedenen Hölzern und Bäumen schöpfen – als ob ich das Bild mannigfaltiger Landschaften sehen und in mich aufnehmen könnte.

An dieser Stelle lade ich alle Leserinnen und Leser ein, das Schauen und Staunen wie die Kinder ein klein wenig in ihr eigenes Leben einzubauen. Der Aufwand und die Mühe, die Sie dafür benötigen, sind gering, doch der Lohn ist reichlich.

Sorgen Sie bei so vielen Anschaffungen wie möglich für natürliche Materialien, mit denen Sie Ihr Leben gern verbringen möchten. Gehen Sie mit all diesen Gegenständen um wie ein Kind.

Beriechen, betasten und begreifen Sie diese Dinge immer wieder aufs Neue, unvoreingenommen und neugierig wie ein Kind. Kleidungsstücke, Möbel, Boden- und Wandbeläge sowie Gegenstände des täglichen Gebrauchs werden Ihnen auf diese Weise zu Quellen der Kraft, Inseln der Ruhe und zu Felsen des Haltes werden – Geschenke des Himmels und eine neue Qualität des Lebens, die wir nur erkennen und annehmen müssen.

Warum ein Holzkamin 400 Jahre im Feuer überstand

Ein hölzerner Kamin hat es mir in meiner Kindheit ganz besonders angetan. Dieses seltsame Bauwerk befand sich im rund 400-jährigen Bauernhaus einer uns befreundeten Bergbauernfamilie.

Von der offenen Feuerstelle im Erdgeschoss des aus Holzbalken errichteten Hauses führte der schwarze Kaminschacht aus Lärchenholzbrettern durch das Obergeschoss mit den Schlafkammern bis über das schindelgedeckte Dach des Hauses hinaus, das wie ein Adlerhorst oberhalb eines Felsens auf einer steilen Bergwiese in meinem Heimatort Bruck am Großglockner lag.

Ich konnte nicht ahnen, dass die Geheimnisse und das Wissen, die hinter diesem Bauwerk standen, meinen Berufsweg und mein Leben prägen würden. Nein, es war ein ganz anderer Grund, der dafür sorgte, dass dieser Holzkamin in meinem Bubenkopf einen festen Platz einnehmen konnte: Als Sechsjähriger hätte ich ohne die Wachsamkeit eines Bauernknechts beim verbotenen Spiel mit Streichhölzern beinahe einen Heustadel in Schutt und Asche gelegt. Mein Bußgang, den diese Lausbubengeschichte nach sich gezogen hatte, führte mich vom Dorfpolizisten zur Mutter, von der Mutter zum Vater, vom Vater zur Lehrerin und von der Lehrerin zum Schuldirektor.

Auf jeder dieser Stationen »erlebte« ich andere Maßnahmen, damit in diesem Bubenhirn nie mehr die Lust am gefährlichen Spiel mit Streichhölzern erwachen möge.

Der Erfolg des Bußganges hat sich eingestellt. Bis heute habe ich ihn nicht vergessen. Meinem Lausbubenstreich verdanke ich aber noch etwas: Der Information, dass der Holzkamin im Bauernhaus der befreundeten Familie deshalb nie abgebrannt ist oder nie Feuer gefangen hat, weil er aus besonderen Bäumen errichtet wurde, die zu einem besonderen Zeitpunkt geerntet worden waren, der mit dem Mond zusammenhängt, konnte ich in meiner Fantasie einen ungeheuer praktischen und faszinierenden Wert zuordnen.

Mit Begeisterung malte ich mir aus, dass ein Heustadel, der aus solchem Holz gebaut wird, ganze Scharen von mit Streichhölzern ausgerüsteten Buben unbeschadet überstehen würde. Der Gedanke an die Existenz eines Heustadels, in dem ich die verbotenen Streichholzexperimente ohne jegliche Gefahr wiederholen könnte, entschädigte mich vollständig für jene Schimpf und Schande, die meine kindliche Streichholzdummheit nach sich zog.

Jahre später war eher die Tochter im alten Bergbauernhaus das Ziel meiner Interessen und es hat noch einige Jahre gebraucht, bis ich wieder auf diesen alten Holzkamin gestoßen bin.

Auch 90-jährige Augen können noch leuchten

»Nachdem die Bäume geschlagen1 waren, sind noch Monate bis zur weiteren Aufarbeitung vergangen. Viele unserer Baustellen waren damals ohne Zufahrtsweg – Bergbauernhöfe, Almen und Hütten im Krimmler Achental. Wir haben uns also an Ort und Stelle helfen müssen.«

Vielleicht haben Sie es sich schon gedacht: Diese Erzählung stammt von unserem Opa, der in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen im salzburgischen Pinzgau, im Ursprungsgebiet der Salzach, sechs Tage in der Woche, vom Morgengrauen bis zum Finsterwerden, als Zimmermann arbeitete. Lesen Sie, was unser Opa noch berichtete:

»Ja, ja, es waren schon lange Tage. Aber über das Tempo der Arbeit hat damals niemand geredet. Es wurde nie getrieben. Mit unseren Handwerkzeugen haben wir immer gleichmäßig dahingewerkt. Wie wir im Windbachtal2 die Schutzhütte aufgestellt haben, sind wir im Lassing3 aufgestiegen. Wir waren acht Mann und haben uns als Erstes an Ort und Stelle die Rindenhütten gebaut. Dort haben wir dann übernachtet, bis unser Bauwerk fertig war.

Nachdem für unser Quartier gesorgt war, haben wir uns aus Rundhölzern Böcke4 gebaut. Auf diesen Böcken sind dann die Baumstämme aufgearbeitet worden, die wir schon im letzten Spätherbst hergerichtet haben.


Einfache Rindenhütten waren die Unterkunft der Holzarbeiter im Wald.


Am Hang war der Bock so angerichtet, dass wir die schweren Stämme mit unseren Zappeln5 draufkegeln und befestigen konnten. Dann ist mit der eingefärbten Schnur der Strich auf den Baumstamm geschlagen worden.

An einen Holzrahmen haben wir ein Sägeblatt gespannt. Und dieses Gatter haben drei Mann geführt. Ein Mann ist über dem aufgebockten Baumstamm gestanden und zwei Mann unter dem Bock. Diese drei haben dann mit dem einfachen Gatter Brett für Brett von den Stämmen heruntergeschnitten.


Bretterschneiden mit dem Handgatter


Diese Arbeit ist wochen- und monatelang so dahingegangen. Immer gleich stad6 ist jeder Blochhaufen gar7 geworden.

Die Bretter für Schalungen und Böden sind dann einige Wochen zum Trocknen aufgespandelt8 und am Schluss der Arbeit händisch gehobelt worden. Auch Nut und Feder haben wir mit der Hand draufgehobelt. Wir haben da natürlich nie geschaut, dass alle Bodenbretter gleich breit sein müssen. Die Breite ist immer vom Baum gekommen.

Die Kanthölzer haben wir meistens mit dem Zimmermannsbeil aus den runden Stämmen herausgehauen. Da war zwar mehr Abfall, wie du heute in deinem Sägewerk beim Kantholzschneiden hast. Aber nach dem Holz hat in diesen abgeschiedenen Tälern kein Mensch gefragt und wir waren mit dem Hacken schneller wie beim Sägen mit der Hand.«

Auf meine Frage, ob er sich nie verletzt hat, antwortet der Opa: »Nein, ich weiß es auch nicht warum, aber ich habe mich in meinem ganzen Leben nie verletzt. Obwohl es beim tagelangen Hacken mit dem Zimmermannsbeil immer wieder passiert ist, dass sich einer in den Fuß gehackt hat. Mit Pech, Schmalz, Arnika und einigen Kräutern haben wir das meistens wieder hingekriegt. Einigen Zimmerern ist aber schon ein schlechter oder steifer Fuß geblieben.«

»Ja, ja«, meint der Opa weiter, »so ein Holzhaus aufstellen war das Werk von einem Jahr. Bei größeren Bauten haben wir auch länger gebraucht. Jeder Balken und jedes Brett ist unzählige Male angegriffen, ausgesucht, gemustert und sortiert worden … Unsere Liebe, Freude und auch Stolz sind bei der Arbeit immer dabei gewesen.« – »Aber Opa, wer hat euch denn da verköstigt?« Die Äuglein vom Opa blinzeln lustig aus dem faltigen 90-jährigen Gesicht: »Ich war der Koch. Doch ich habe den ganzen Sommer das gleiche Muasl9 in der gleichen Pfanne gekocht. Mir scheint, die anderen waren immer zufrieden, sonst hätten sie mich schon abgelöst.«

Genau so leuchten seine Augen, wenn er uns von seinen Bauten erzählt oder uns solche hölzerne Lebenswerke zeigt. Eines haben alle gemeinsam: Von modernen Techniken, Holzschutzmitteln, Lacken, Leimen und schädlicher Chemie hatten der Opa und seine Zimmererkollegen keine Ahnung. Dennoch stehen solche Bauten aus dieser Zeit und aus den Jahrhunderten zuvor noch immer. Sie wirken wie Zeugnisse der Beständigkeit und Wegweiser zur Natur in einer hektischen und vielfach entwurzelten Zeit.

Meine Augen leuchten auch immer in jenen Momenten, in denen sich der Opa einen Holzbau aus unseren jungen Händen ansieht, seine sehnigen Hände über Blockwände, Balken und Böden streichen und dann ein anerkennender Blick aus seinen Augen kommt.

Die Worte »Das habt ihr einwandfrei gemacht! Mir ist nicht schiach10 um euch« nach der Besichtigung eines Holzhauses aus unserer Werkstatt, sind wohl das größte Lob, das uns jemand machen kann. Und was noch viel wichtiger ist: Diese Worte sind die Bestätigung, dass der Brückenschlag zwischen Opas Handwerkstradition und einem modernen, organischen Holzbau gelingen kann.

Auch in einer Zeit moderner Kostenrechnung und gehobener Ansprüche an Fertigungstechniken ist es möglich, ohne Belastung von Gesundheit und Umwelt durch Chemikalien, ohne ausufernde Kosten, auf natürlichem Weg Bauten für Jahrhunderte zu errichten und dabei die Geheimnisse unserer Bäume zu erkunden.

1.geerntet
2.unbewohntes Hochtal mit Almen in den Hohen Tauern
3.Frühjahr
4.Holzgerüste
5.Handwerkzeuge zum Ziehen und Manipulieren von Holz
6.regelmäßig
7.fertig
8.aufgestapelt
9.einfaches, nahrhaftes Gericht der Holzknechte, aus Mehl, Schmalz und Wasser zubereitet
10.bang
981,91 ₽

Жанры и теги

Возрастное ограничение:
18+
Объем:
189 стр. 66 иллюстраций
ISBN:
9783710450198
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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