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Die Bäume

und das

Unsichtbare

Ernst Zürcher

Die Bäume

und das

Unsichtbare

Erstaunliche Erkenntnisse

aus der Forschung

AT Verlag

Ich widme dieses Werk den »First Nations« und den indigenen Völkern als Träger eines »anderen«, ursprünglichen Wissens. Ebenso ist es meinem Bruder im Geiste, Bruno Manser, Ethnologe und Verfechter der Menschenrechte, gewidmet, der tragischerweise anlässlich eines Besuchs bei einem der Penan-Nomadenvölker des Äquatorialwaldes in Sarawak auf der Insel Borneo, für die er sich unermüdlich einsetzte, spurlos verschwunden ist.

Aus dem Französischen übersetzt von Silke Huber

© 2016

AT Verlag, Aarau und München

Lektorat: Diane Zilliges, Murnau

Umschlagbild: www.fotolia.com

Grafische Gestaltung und Satz: AT Verlag

Bildbearbeitung: Vogt-Schild Druck, Derendingen

ISBN E-Book 978-3-03800-091-4

www.at-verlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

INHALT

Einleitung: Eine Wissenschaft des Lebendigen – des Sichtbaren und des Unsichtbaren

Drohende Verwüstung

Das Unsichtbare

Was Sie in diesem Buch erwartet

Heilige Bäume und Baumvölker – das Beispiel der Eibe

Beziehungsebenen

Die ältesten Eiben

Megalithische Kultstätten

Die Kultur der Kelten und ihre Spuren in der Ortsnamenkunde

Mythologische Überlieferung

Das Wissen der Druiden

Eine fürchterliche Waffe

Hin zu einem tieferen Verständnis

Strukturen und ihre Entstehung

Das Geheimnis der Riesen in Raum und Zeit

Organische Substanz: Entstehung aus dem Unwägbaren

Die verkannte Seite der Fotosynthese

Nadelbäume und Laubbäume: Ursprüngliche Einfachheit gegen moderne Vielfalt

Die Anatomie des Holzes: Ein Wunder der Architektur und Kohärenz

Funktionale Annäherung

Bauplan des Holzes: Spiegel unsichtbarer Organisationsebenen

Polarität und Spiralität

Polarität: Ein wichtiger Grundbegriff für das Verständnis des Pflanzenwachstums

Spiralform und die Goldene Zahl

Ausgangspunkte für die Entfaltung von Leben

Der menschliche Körper: Ein Gründungsmythos und der Blutstrom

Chronobiologie

Die Biologie der Rhythmen

Das Säen und Pflanzen im Einklang mit den Mondphasen

Keimung und Initialwachstum bei Bäumen

Ein reales Phänomen wird zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung

Holz: Tradition und Fakten

Fällzeitpunkt und Holzeigenschaften

Folgen und Ausblicke

Bauen mit Holz

Feuerholz und Holzfeuer

Geheimbotschaften

Gerüche und ihre Wirkungen

Waldklima, Arvenholz und die menschliche Physiologie: gesunde Schlaf- und Lebensqualität

Bäume und Wälder sprechen uns an

Fruchtbare Partnerschaften

Die nachhaltige Bewirtschaftung und die Funktionen des Waldes

Besonderheiten bei der Zersetzung verholzter organischer Substanz

Die Nutzung von Nicht-Holz-Produkten der Bäume

Der immaterielle Wert von Lebewesen

Verschiedene Gehölzformationen innerhalb von Agroforstsystemen

Biodiversität und ihre Entwicklung in der Kulturlandschaft

Bäume mit einbeziehen

Dank

Quellenverzeichnis

Stichwortverzeichnis


(Zeichnung D. Dellas)

Der moderne Mensch ist krank,

er hat keine Wurzeln –

weder in der Erde

noch im Kosmos.

Der moderne Mensch ist krank,

er hat keine Wurzeln –

weder in der Vergangenheit,

denn er weiß nicht mehr, woher er kommt,

noch in der Zukunft, denn er hat keine

Vision mehr, die ihn trägt.

Der Baum, dieser Riese in Raum und Zeit,

Quelle des Lebens und ewiger Freund, wartet …

… dass der Mensch anhält und zu ihm sagt:

»Bleibe, der du bist!

An dich will ich mich anlehnen und

mit dir gemeinsam weiterschauen.«

EINE WISSENSCHAFT DES LEBENDIGEN – DES SICHTBAREN UND DES UNSICHTBAREN

Was sind Bäume für uns? Sind es einfach nur dekorative, wenn auch beeindruckende Elemente unserer äußeren Umwelt? Sind es manchmal sogar lästige Nachbarn, die eine Bedrohung für den reibungslosen Ablauf des Lebens in unseren Städten und für den Autoverkehr darstellen? Oder stehen sie nicht doch in einer zwar weniger sichtbaren, aber doch direkten und untrennbaren Verbindung zu den elementarsten und unmittelbarsten Bereichen unseres Lebens – sowohl in Bezug auf den ganz großen Rahmen, den Planeten Erde, als auch auf unsere individuelle Physiologie, unser psychisches Gleichgewicht und sogar unsere geistige Entfaltung?

Verlassen wir einmal unseren Alltag, unsere gewohnten Denkbahnen und entschließen wir uns dazu, die Welt mit neuen Augen zu sehen: staunend. Begeben wir uns auf die Suche mit der Unvoreingenommenheit unserer kindlichen Seele, um die Welt zu erkunden, zu verstehen, zu formen und aus ihr einen Ort zu machen, an dem sich die gesamte Fülle des Lebens entfalten kann.

Und fangen wir mit den Bäumen an.

Wann haben wir das letzte Mal einen Baum wirklich angeschaut? Die Frage erscheint zunächst banal und die Antwort darauf kommt mehr oder weniger prompt: »Auf meinem Weg zur Arbeit, beim Blick auf die dreistämmige Eiche, die über dem Park an der Straße thront.« Die Sache wird ein wenig komplizierter, wenn wir uns fragen, ob es sich dabei wirklich um ein Hinschauen handelt. Sicher, das ist mehr als ein einfaches Sehen – ein Vorgang, an dem wir nur in minimaler Hinsicht aktiv beteiligt sind –, aber es hat noch nichts mit Beobachten zu tun, jener Aktivität, der eine genaue Fragestellung zugrunde liegt.

Wie wäre es, wenn wir beim Betrachten eines Baumes, eines dieser außergewöhnlichen Lebewesen, dem Blick die Rücksicht hinzufügen? Wenn wir dieses Wesen einladen, vollständig in unserem Bewusstsein Platz zu nehmen? Falls wir uns diese Fähigkeit aus der Kindheit erhalten haben, führt das sehr schnell zum Staunen. Durch die Bäume entdecken wir eine Vielzahl an Dingen, die wir noch nicht verstehen.

In dem Moment, wo aus dem Staunen Fragen entstehen, hört es auf, ein unbestimmtes Gefühl zu sein, und führt uns weiter. Also zum Beispiel: Was ist der entscheidende Unterschied zwischen einem Baum und einer krautigen Pflanze? Wie alt und wie hoch kann ein Baum werden? Welche Rolle spielt er für das Klima auf der Erde?

Das Staunen kann auch technische Aspekte betreffen: Wie ist der Baum aufgebaut, dass er Wind, Schnee und Parasiten Widerstand leisten kann? Wie kann er die Krone mit Wasser versorgen, wo doch alle Flüssigkeiten (und alle festen Elemente) der Schwerkraft unterliegen? Wie schafft der Baum es, die Schwerkraft einfach so zu überwinden?

Es ist auch fragendes Staunen angebracht, wenn wir uns selbst und unser Verhältnis zu Bäumen betrachten: Warum haben wir sie in unserer Kindheit so geliebt, wollten immer auf sie hinaufklettern, in ihrer Krone ein Baumhaus oder einfach im Wald zwischen den alten Stämmen eine Hütte bauen? Ist es nicht ein ganz besonderes Gefühl, wenn man an einem heißen Sommertag einen Wald betritt? Warum nennen wir diese riesige Pflanze in der Sprache Goethes »Baum«, in jener von Rousseau »Arbre« und in der von Shakespeare »Tree«? Woher kommt es, dass der Baum in so vielen alten Kosmologien einen zentralen Platz einnimmt?

Die Ursprünge des Wortes

Forscht man nach den Quellen des Wortes tree, der englischen Bezeichnung für den Baum, eröffnen sich ungeahnte Horizonte. Im westlichen Nordatlantik, bei den Isländern, heißt der Baum tré; auf Gälisch, der Sprache, die geografisch als Nächste kommt, heißt er derw. Historisch gesehen führt die Reise uns weiter nach Süden und Osten: derv auf Bretonisch, drzewo auf Polnisch, derevo auf Russisch, dervo auf Bulgarisch, dru auf Albanisch, drûs (»Eiche«, »Baum«, »Holz«) auf Altgriechisch, taru auf Hethitisch, derakht auf Persisch, taru auf Sanskrit, der früher auf dem indischen Subkontinent gesprochenen Sprache, die dem Ursprung aller indogermanischen Sprachen nahe ist.

Wir erweitern die Fragestellung: Wann haben wir zum letzten Mal einen Baum berührt, gefühlt – in dem Wissen, dass der Tastsinn uns mehr als alle anderen Sinne von der physischen Existenz eines Wesens oder einer Sache überzeugt und uns auf eine subtile Art Auskunft über deren momentanen Zustand oder die Konsistenz gibt? Wann haben wir zum letzten Mal einen Baum gerochen, seinen Duft geatmet? Wann haben wir zum letzten Mal einem Baum zugehört? Hatten wir vielleicht schon einmal die Idee, einen Baum auf andere Art als durch seine Früchte zu schmecken?

Und warum sollten wir uns schließlich nicht fragen: Wann haben wir zum letzten Mal einen Baum gezeichnet? Haben wir schon einmal von einem Baum geträumt und warum? Erinnern wir uns noch an den ungewöhnlichen Duft des Waldbodens unter dem Dach der Bäume?

Biologen, Physiologen, Botaniker, Forstwissenschaftler und Bioingenieure haben es sich zur Aufgabe gemacht, über Naturphänomene zu reflektieren, sie in Experimenten nachzustellen und zu verstehen zu versuchen. Aus ihren Entdeckungen entstehen manchmal nützliche Anwendungsmöglichkeiten. Pädagogen, Psychologen und Mediziner konnten dabei feststellen, dass das menschliche Wohlbefinden mit den Bäumen und dem Wald in unerwartet vielfachen Beziehungen steht, von denen man bisher noch nichts ahnte. Meteorologen und Klimaforscher schließlich sind von einer Entdeckung fasziniert, die Bäume und Wald in einem anderen Licht erscheinen lässt: Wolken-Saatgut.

Wolken-Saatgut

Wälder lösen ihre eigenen Niederschläge aus. Ob über dem tropischen Regenwald im Amazonasgebiet oder über nördlichen, borealen Nadelwäldern: Die Bildung von Wolken und der daraus entstehenden Niederschläge wird von einer Art »Saatgut« ausgelöst, das aus Mikropartikeln organischen Ursprungs besteht. Bäume geben gasförmige Substanzen und flüchtige organische Verbindungen an die Luft ab. Unter dem Einfluss von Licht unterliegen sie einer fotochemischen Kondensation und wirken schließlich als »Kondensationskerne«, an denen sich Wolken bilden. Einen ähnlichen Effekt haben Pilzsporen, Pollen und mikroskopisch kleine pflanzliche Zersetzungsprodukte, die ebenfalls an die Atmosphäre abgegeben werden. (PÖSCHL et al. 2010)


Bäume und Wälder: Sie säen und sie ernten Wolken. (Foto A. Hemelrijk)

___ Drohende Verwüstung

Die Fakten, die von der Wissenschaft ermittelt wurden, geben Anlass zu kalten Schweißausbrüchen angesichts der dramatischen Leichtfertigkeit, die die Menschheit in ihrem Umgang mit der Natur im Allgemeinen und mit den Bäumen im Besonderen bis jetzt an den Tag gelegt hat. Tatsächlich erfordert ein neues Verständnis der großen hydrologischen und geoklimatischen Kreisläufe auf unserem Planeten zwingend ein Umdenken in Bezug auf die Funktionen, welche die großen Wälder dabei erfüllen. Daraus ergibt sich der absolut notwendige Schluss: Sie müssen entweder intakt erhalten werden (dadurch werden der traditionelle Lebensraum und der herkömmliche Umgang mit Pflanzen und Tieren durch autochthone Völker respektiert) oder nur in Form einer sanften Waldbewirtschaftung genutzt werden, bei der ihre Struktur und ihre Vielfalt bewahrt bleiben. Dies kann nur durch gut ausgebildetes und kompetentes Personal erfolgen. Im Übrigen müssen die Wälder, die schon verschwunden sind, dringend neu aufgeforstet werden.

In seiner Beschreibung der geoklimatischen Rolle des Amazonaswaldes weist Peter Bunyard, Redakteur der britischen Zeitschrift »The Ecologist«, auf das neue geoklimatische Modell hin, das Victor Goshkov und Anastassia Makarieva von der Abteilung für Theoretische Physik des Instituts für Nuklearphysik in Sankt Petersburg entwickelt haben. Die Analyse der Klimadaten und der hydrologischen Daten führt sie zu der Feststellung, dass am Ursprung des Wasserkreislaufs nicht die bewegten Luftmassen stehen, wie es das bisher allgemein anerkannte Modell postuliert. Vielmehr sind es die Wechsel zwischen den verschiedenen Phasen des Wassers in der Atmosphäre über den Wäldern, die die Fortbewegung der Luftmassen erzeugen. Tatsächlich benötigt Wasser eine beträchtliche Menge an Energie, wenn es im Bereich des Waldes verdunstet: 600 Kalorien pro Gramm verdunstetes Wasser. Es ist Energie, die bei der Kondensation und Bildung von Regen in der höheren Atmosphäre als Wärme wieder freigesetzt wird. Die extreme Sonneneinstrahlung in der Nähe des Äquators kann dort nur dank dieser Ökosysteme absorbiert werden, die eine große Biomasse darstellen und viel Wasser enthalten. Parallel dazu bewirken die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der beteiligten Prozesse von Kondensation (schnell) und Evapotranspiration (langsam) eine Differenz des Luftdrucks, die einen Sogeffekt auslöst. Die Evapotranspiration ist die globale Wasserabgabe von einer bepflanzten Fläche, zusammengesetzt aus der Evaporation (Verdunstung) durch die Bodenoberfläche und der eigentlichen Transpiration durch die Pflanzen, die eine überwiegende Rolle spielt. Somit funktioniert der Amazonaswald für das Wasser wie ein großes Herz (»biotic pump«): Die Luftmassen des Atlantiks werden angesogen und mit Wasser angereichert; sie durchlaufen über dem Wald ungefähr fünf bis sieben Evapotranspirations-Niederschlags-Zyklen, die von Osten nach Westen ziehen, steigen an den Anden schließlich auf und werden nach Norden (Golfstrom) oder Süden (Argentinien) weitergeleitet. Auf diesem Weg entstehen warme Regenfälle in Breiten, die weit vom Äquator entfernt sind. Man kann die tropischen Wälder also als diejenigen Elemente der Biosphäre ansehen, die gleichzeitig das Funktionieren und die Stabilität der großen geoklimatischen Kreisläufe gewährleisten.

In einem seiner jüngsten Artikel vom 2. März 2015 beschreibt Peter Bunyard in »The Ecologist« einen Versuchsaufbau unter Laborbedingungen, mit dem das Modell einfach und quantitativ ausgewertet werden kann. Dabei zeigt er auf eine Art, die nicht mehr diskutiert zu werden braucht, den ursächlichen Prozess der Kondensation, teilweiser Luftdruckabsenkung und Luftzufuhr.

Das Amazonasbecken, heute noch das »klimatische Herz der Erde«, droht zur Wüste zu werden

Wälder können Niederschläge nicht nur auf lokaler Ebene recyceln, sie bewirken auch den Transport von Feuchtigkeit aus der Atmosphäre über den Ozeanen in das Innere der Kontinente. Dies beruht auf dem wiederholten Kreislauf von Evapotranspiration und Kondensation (wie in der Zeichnung von rechts nach links dargestellt ist). Die Kenntnis dieser Zusammenhänge führt uns zu einer neuen Bewertung der natürlichen Wälder und zu dem Schluss, dass sie für das Funktionieren der Wasserkreisläufe auf der Erde dringend erhalten werden müssen. Die aktuelle Situation ist in diesem Zusammenhang vermutlich viel kritischer zu sehen, als man sich bisher vorgestellt hat. Tatsächlich schätzen manche Experten, dass der Amazonaswald nicht weiter als »Klima-Herz« funktionieren könnte, sobald die Grenze von 70 Prozent seiner ursprünglichen Fläche unterschritten wird. Die Gefahr besteht in den großflächigen Kahlschlägen. Sie bewirken eine Durchlöcherung der bisher geschlossenen natürlichen Waldflächen, die sehr viel Wasser enthalten – man weiß, dass es hier kaum zu spontanen Bränden kommt. Die Frontseiten der Rodungen sind der starken Sonnenstrahlung ausgesetzt; die hier freigelegten Bäume trocknen aus. Somit können Waldbrände ausgelöst werden, die sich selbst erhalten, sich immer schneller ausbreiten und letztendlich unkontrollierbar werden. Sollte diese Tendenz weiter bestehen, droht auf längere Sicht eine dramatische fortschreitende Wüstenbildung im bislang vitalsten Ökosystem auf unserem Planeten (MAKARIEVA et al. 2014). In Indonesien und in Malaysia haben diese Vorgänge infolge großflächiger Waldrodungen zugunsten von Palmölplantagen schon große Verwüstungen angerichtet.


(Zeichnung D. Rambert)

___ Das Unsichtbare

Die vorangehenden Erläuterungen stellen die Bäume und die Wälder ins Zentrum der Funktionen des Organismus Erde. Daraus geht hervor, dass der Baum der Hebel ist, an dem wir Menschen ansetzen können, um vitale Funktionen unseres Planeten zu erhalten oder sogar wiederherzustellen.

Warum nun aber Bäume mit dem Unsichtbaren in Verbindung bringen? In Hinblick auf diese für uns augenscheinlich imposantesten Lebewesen der Erde mag das paradox klingen. Eine jedermann zugängliche innere Beobachtung zeigt jedoch, dass das Unsichtbare tatsächlich fest mit unserer unmittelbaren Realität verbunden ist, mehr noch: Es ist Bestandteil bei der Verarbeitung dieser Realität. Ziehen wir uns für einen Augenblick von der Alltagsroutine zurück und stellen wir uns die Frage: Wie entsteht in uns das, was wir als Realität bezeichnen?

Wir können davon ausgehen, dass wir es einerseits mit unmittelbaren Gegebenheiten von außen zu tun haben, die von unseren Sinnesorganen als Reize und zudem als unbestimmte innere Gefühle weitergeleitet werden; auf der anderen Seite steht unser Denken. Unsere Sinneswahrnehmungen sind zunächst immer nur bruchstückhaft und noch nicht durch die verbindende Aktivität unseres Denkens zusammengefügt. Ohne aktive Beteiligung des Denkens – ein von Natur aus unsichtbarer Vorgang – können wir die Welt nicht verstehen. Der Akt des Denkens stellt die ursprüngliche Einheit wieder her, da sich die Natur nicht selbst erklärt, sondern nur durch das Denken erklärt, verstanden werden kann, was Aufgabe der Wissenschaft ist.

In dem 1990 erschienenen Buch »Les Mirages de la Science« (Die Täuschungen der Wissenschaft), das derzeit aktueller ist denn je, demonstriert Pierre Feschotte, Chemie-Ingenieur, Doktor der Physik und seinerzeit Professor an der Universität Lausanne, auf überzeugende Art, wie wichtig die Rolle des Denkens ist. Vorausgesetzt, wir lassen uns auf das Spiel ein. Feschotte bedient sich einer geometrischen Figur und führt uns Schritt für Schritt dazu, unsere innere Aktivität dabei zu beobachten, wie sie Wahrnehmung und Denken zusammenbringt, um zu einer Synthese zu gelangen.

Feschotte liegt auf einer Linie mit Johannes Kreyenbühl (1846–1929), Professor der Philosophie an der Universität und der ETH Zürich, der wiederum zu ähnlichen Beobachtungen und Erkenntnissen kommt, wie sie später Rudolf Steiner (1861–1925) in seinen Schriften über den Prozess der Erkenntnis auf der Grundlage innerer Erfahrungen beschreibt. Die Bedeutung, die dem Unsichtbaren par excellence, nämlich dem Denken, zukommt – ob man will oder nicht – lässt sich noch auf andere Weise beschreiben. Zitiert sei hier ein Aphorismus, der Rudolf Steiner zugeschrieben wird: »Selbst der Materialist ist dazu gezwungen, sein Denken zu nutzen, um zu beweisen, dass das Denken nicht existiert.« Wäre nämlich alle Erkenntnis von äußeren Vorgängen abhängig, so könnte man nie zu einer Wahrheit gelangen und diese Aussage selbst müsste somit auch als nicht verifizierbar angesehen und deshalb konsequenterweise abgelehnt werden. Wer sagt, dass man die Wahrheit nicht erkennen könne, muss dies auch auf diese seine eigene Aussage anwenden und im wissenschaftlichen Diskurs schweigen.


Durch unser Denken kann die aus sechs Segmenten auf das Papier gezeichnete Figur als Gebilde im Raum gesehen werden, als Tetraeder, dessen Spitze nach oben ausgerichtet ist und die senkrechte Kante nach vorn. Ebenfalls durch unser Denken können wir daraus einen Tetraeder machen, dessen Basis nach oben, dessen Spitze nach unten zeigt und bei dem die waagerechte Kante vorn liegt. Es hängt von der Intensität unserer Konzentration ab, ob wir die eine oder die andere Variante sehen. Analog dazu kann man darüber hinaus zwei verschiedene Pyramiden mit unregelmäßiger Basis »sehen«.

Somit kann auf anschauliche Weise und anhand der eigenen Aktivität festgestellt werden, dass das Denken die in der Wahrnehmung fehlenden Zusammenhänge herstellt. Vgl. auch Abbildung Seite 23.


Die Infrarot-Fotografie (unten) ist im Vergleich zur Fotografie auf der Basis von sichtbarem Licht allein eine neue Methode der Wahrnehmung, mit deren Hilfe sich die großartige Aktivität von Bäumen zeigen lässt. Analog entwickeln sich mithilfe des Denkens neue Konzepte beziehungsweise finden sogar Paradigmenwechsel statt, die neue Seiten der Realität offenlegen, die bis dato nicht gesehen wurden. (Fotos A. Hemelrijk)


Das Denken ermöglicht es uns, Bäume als Lebewesen (Organismen) zu erkennen und beispielsweise zu begreifen: Im Gegensatz zu krautigen Jahrespflanzen sind sie mehrjährig. Das Denken ermöglicht uns auch, in der unentwirrbaren Menge von Wahrnehmungen, wie wir sie angesichts eines Wäldchens erfahren, eine Hecke zu erkennen, in der sich manche Bäume als Hochstämme entwickelt haben. Schließlich ermöglicht es uns, dank der Kenntnis typischer Artmerkmale die Baumarten voneinander zu unterscheiden. Der Vergleich als Mittel zur Erkenntnis ermöglicht uns außerdem (etwa in der Zeichnung von D. Dellas, unten), Motive zu erkennen, die sich wiederholen. Man könnte sich fragen, ob solche Unterscheidungen nicht bereits empfunden werden. Genauer betrachtet ist es jedoch so, dass eine Empfindung an sich noch keine Erkenntnis ist; sie muss zunächst innerlich beobachtet und durch unser Denken eingeordnet, mit Begriffen ausgestattet werden. Erst dann ergibt sich ein aktiver Erkenntnisgewinn.

Diese Vorgehensweise zeugt von der fundamentalen Bedeutung, welche die klare Unterscheidung von Struktur und Funktion für die Wissenschaft hat. Sichtbar ist nur eine Struktur, während eine Funktion nur vom Denken erfasst werden kann. Nehmen wir hierfür den Baum als Beispiel: Um in ihm einen Vertreter der organischen Welt zu erkennen, müssen wir mithilfe des Denkens zuerst erfasst haben, was die organische Welt im Vergleich zur anorganischen Materie auszeichnet. Um zu erkennen, dass es sich bei ihm um eine mehrjährige und nicht um eine krautige einjährige Pflanze handelt, müssen wir erst mithilfe des Denkens den Unterschied zwischen einem Jahr und einem Jahrzehnt oder einem Jahrhundert verstanden haben. Um in ihm eine große Struktur zu erkennen, die physikalisch im Boden, physiologisch aber im Himmel verwurzelt ist, müssen wir eine ganze Reihe von Auffassungen wie »Größe«, »Physik«, »Erde«, »Physiologie« und »Himmel« beherrschen.

___ Was Sie in diesem Buch erwartet

In Hinblick auf diese Zusammenhänge können wir nun einen kurzen Überblick über die Kapitel dieses Buches geben und Fragestellungen erwähnen, um die es im Weiteren gehen soll:

– Zwischen Menschen und Bäumen bestehen ungewöhnliche Verbindungen, die oft in Vergessenheit geraten sind. Die Rolle, die »heilige Bäume« spielen, öffnet ein Fenster auf unser Inneres, auf das Rätsel der Archetypen und des kollektiven Gedächtnisses. Was ist eine Zauberwelt? Woher haben wir einen Sinn für Sakrales?

– Die Schönheit und die perfekte Funktionalität der Strukturen versetzen unser Inneres in Staunen. Das führt uns zu den eigentlichen Fragen, die uns betreffen und auf die wir echte, authentische Antworten geben können. Der Baum ist ein ideales Beispiel für diese Vorgehensweise, bei der man vom Ganzen ausgeht, um zu einem Verständnis der Einzelteile zu kommen. Mittels einer funktionalen Annäherung an die Anatomie zum Beispiel ist der Organismus sinngebend für das Organ, und das Organ ist sinngebend für die Zelle. Es geht darum, zu verstehen, wie im Verlauf der individuellen Entwicklung, aber auch in der gesamten Evolution Strukturen und Funktionen ständig interagieren.

– Was die Physiologie anbelangt, ist bekannt, dass die Fotosynthese die Quelle der organischen Substanz und des Sauerstoffs ist. Weniger bekannt ist, dass es sich dabei um »neuen« Sauerstoff handelt, der bei der Spaltung von Licht und Wasser entsteht. Kaum jemand weiß, dass die Fotosynthese auch die Quelle neuen Wassers ist, das zu einem Teil aus dem Sauerstoff des Kohlenstoffdioxids, das aus der Atmosphäre aufgenommen wird, besteht. Welche Tragweite haben diese gleich drei Neubildungen tatsächlich?

– Es lohnt sich, zwei biologische Grundprinzipien am Beispiel des Baumes näher zu untersuchen: die Polarität und das Auftreten von spiralförmigen Strukturen (Spiralität). Bäume führen uns so in die faszinierende Welt der Pflanzen ein, in der Zahlen und Geometrie als Grundprinzipien allgegenwärtig sind. Über die Strukturen hinaus unterliegen auch physiologische Bewegungen ähnlichen Gesetzen; sie dienen als Inspiration für neue Biotechnologien. Auch hier erwartet uns, wie immer, das Staunen!

– Man kann Bäume auch als »die Menschen des Pflanzenreichs« sehen, die uns helfen, den Herzschlag der Welt zu spüren – in uns und außerhalb von uns. Durch das Bewusstsein, derselben Welt anzugehören, können wir unsere inneren Rhythmen wiederfinden und neue Kräfte sammeln. Haben nicht erst vor Kurzem Chronobiologen des Basler Universitätsspitals (CAJOCHEN et al. 2013) die Entdeckung gemacht, dass unser Schlaf stark von der Rhythmik der Mondphasen geprägt ist? Solche Zusammenhänge lassen sich auch bei unserem Hormonsystem beobachten: Melatonin, auch »Schlafhormon« genannt, ist ein sehr wirksames Antioxidans, das nachts von der Zirbeldrüse abgegeben wird, die direkt hinter den Augen liegt. Dieses Hormon steuert den Regenerationsprozess und seine Konzentration verdoppelt sich in der Phase um den Neumond gegenüber dem Zeitraum um den Vollmond.

– Anlass zum Staunen geben Bäume nicht nur hinsichtlich ihrer Struktur und ihres Wachstums, sondern auch in Bezug auf das Material, aus dem sie gebaut sind: dem Holz. Wie bei der Chronobiologie beobachten Wissenschaftler auch hier Schwankungen bei den Eigenschaften dieses Bio-Werkstoffs, die im Verhältnis zum Fälltermin zwar subtil erscheinen, sich auf lange Sicht aber doch entscheidend auf seine Qualität bei der Verwendung auswirken können. Wir haben hier also ein Material, das bisher als »tot« angesehen wurde, aber die typischen Eigenschaften des Lebendigen aufweist. Das führt uns dazu, das »transdisziplinäre« Wissen der Vorfahren ernst zu nehmen und davon ausgehend auch Arbeitshypothesen für eine Methodik integraler Forschung zu formulieren, die alle Seiten der Realität mit einbezieht.

– Eine weite, unsichtbare und doch reale Welt eröffnet sich unseren Sinnen jenseits von Sehen und Fühlen. Ein Geflecht aus Wechselwirkungen bildet ein subtiles Gewebe zwischen allen Lebewesen. Kommunikation und Empathie gewinnen an Bedeutung und wir verstehen den Ausruf des Dichters: »Alles spricht. Und nun, Mensch, weißt du, warum alles spricht? Hör gut hin. Weil Winde, Wellen, Flammen, Bäume Schilf, Felsen, alles lebt! Alles ist voller Seelen.« (Victor Hugo in »Les Contemplations«)

Der Baum lässt einen Teil des Unsichtbaren, aus dem er gemacht ist, durchscheinen und Gestalt annehmen. (Foto A. Hemelrijk)

– Schließlich wird eine neue Partnerschaft zwischen Mensch und Baum möglich wie auch zwischen Land- und Waldwirtschaft. Der erste Schritt hierzu besteht darin, Mensch und Natur nicht mehr grundsätzlich als Antagonisten zu begreifen. Durch konkrete, wohl überlegte Maßnahmen können auch wir zu einem Teil der Biodiversität werden (oder wieder werden). Dies steht im Gegensatz zu der Auffassung, die Natur könne ihre Authentizität nur wiedererlangen, indem der Mensch sie sich selbst überlässt. Doch Solidarität und Zusammenarbeit können über dem ausschließlichen Wettbewerb stehen. Auch hierfür ist der Baum ein gutes Beispiel, findet doch zwischen Wurzeln und sie umschließenden Mykorrhiza-Pilzen ein gegenseitiger Austausch statt, in dem sie einander ergänzen und beide Seiten profitieren. Was die zukünftige Vorgehensweise anbelangt, so muss die Interdisziplinarität (bei der Akademiker und Forscher »unter sich« bleiben) durch Transdisziplinarität ersetzt werden: Die akademischen Disziplinen müssen den Dialog mit Künstlern und Trägern traditionellen Wissens aufnehmen, von deren Erfahrungen und Denkweisen sie sich bisweilen keine Vorstellung machen können.


Drei Arten, auf die man die gleiche Figur mit dem Denken erfassen und daraufhin sehen kann. Links: Die senkrechte Kante liegt vorn; Mitte: Die waagerechte Kante liegt vorn. Rechts: Die Spitze der Pyramide zeigt nach vorn. Man könnte sie auch noch auf eine vierte Art sehen, nämlich als Pyramide, von unten durch die Basis betrachtet.

Bäume, die als Wälder früher ganz Europa dominierten, haben sich uns bescheiden ausgeliefert: Kam nicht von ihnen das Holz für die Axt, mit der sie gefällt wurden? Durch die einseitige Entwicklung von Wissenschaft und Technik hat der Mensch eine Vormachtstellung erlangt, die mittlerweile zu einer Gefahr für das Leben auf der Erde und schließlich sogar für ihn selbst geworden ist. Die Morgenstimmung auf der Welt wird uns wieder oder neu bezaubern, wenn wir als Menschen die Bäume besser kennengelernt, ihre Gaben akzeptiert und dadurch verstanden haben werden, dass unsere eigene Zukunft an diejenige der Bäume gebunden ist, die uns schon immer begleitet haben.

HEILIGE BÄUME UND BAUMVÖLKER – DAS BEISPIEL DER EIBE

Eines der unsichtbaren Bande des Menschen zum Baum wurde in der Vergangenheit in den Bereichen der Magie, der Religion und des geistigen Lebens gewoben und liegt damit jenseits »moderner« Vorstellungen. Objektiv betrachtet und unter Einbeziehung neuer wissenschaftlicher Fakten stoßen wir dabei jedoch nicht nur auf primitiven Aberglauben, sondern auch auf tatsächliche Erkenntnisse mit zum Teil rätselhaftem Charakter. Dies lässt sich am Beispiel einer europäischen Baumart aufzeigen, die auch heute noch geheimnisumwoben ist: die Eibe (Taxus baccata L.).

Die größten und ältesten Eiben finden sich derzeit im britischen Raum. Diese beachtenswerten Exemplare sind eng mit der keltischen und vorkeltischen Kultur verbunden, von der uns heute noch die megalithischen Stätten, Ortsnamen und Elemente der Mythologie geblieben sind. Die historischen und ethnologischen Dokumente zeugen von einem weit verbreiteten Kult um die Eibe, der in Zusammenhang mit magischen Praktiken stand. In manchen Regionen wird zusätzlich der Gebrauch der Eibe im Rahmen der Volksmedizin erwähnt.

___ Beziehungsebenen

Versuchen wir uns ein Bild von der Beziehung zwischen dem Menschen und dieser besonderen Baumart zu machen, das über die rein materielle Ebene hinausgeht. Im Lauf der menschlichen Kulturgeschichte gab es gewisse Aspekte, die für den Menschen genauso wichtig wie die Befriedigung der Grundbedürfnisse, also Ernährung, Jagd, Arbeit, Wohnung oder Kriegsführung waren: die Erhaltung der Gesundheit, die Pflege oder Steigerung des Wohlbefindens und der Lebenskräfte; das Achten auf seelische Empfindungen wie Freude, Leid, Geborgenheit, die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen und des sozialen Zusammenhalts; die Zughörigkeit zu einer geistigen Welt in Verbindung mit dem Geheimnis des Todes und des Glaubens an ein Weiterleben der Seele im Jenseits – einer gottesnahen Welt, die in der »beseelten« Natur und im ganzen Universum für den Menschen einen Ausdruck fand.

Eiche in Saint-Pée-sur-Nivelle (französisches Baskenland) von beeindruckenden Ausmaßen, üppig von Efeu (Hedera helix) überwuchert und voller Leben: Diesem Baum mit seiner eigentümlichen Ausstrahlung hätte man in der Vergangenheit vermutlich den Status »heilig« verliehen. Werden wir ein solches Wesen in der Zukunft genauso respektieren, wie es unsere Vorfahren taten? (Foto A. Hemelrijk)

Wenn wir uns der Eibe unter diesen Gesichtspunkten weiter annähern, führt uns das zur Betrachtung der Bereiche Religion, Mythologie und alte Bräuche. Im Folgenden wird versucht, bestimmte Aspekte dieses Themas unter Einbeziehung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse über Bäume allgemein und die Eibe im Besonderen zu interpretieren.

___ Die ältesten Eiben

Die besondere Rolle, die Eiben früher gespielt haben, und die außergewöhnliche Erscheinungsform mancher Eiben in England, Schottland, Irland, der Normandie und in der Bretagne veranlassen uns, die Vorstellung, die wir bisher von der Lebensdauer dieser Baumart hatten, nochmals zu überdenken.

Junge Eibenzweige (Taxus baccata), an denen sich gerade fünf Arillen ausbilden. (Foto W. Arnold)

Die Eibe in Kürze

Durch die dunkelgrünen Nadeln, die in zwei Reihen am Zweig angeordnet, aber leicht nach unten gedreht sind, ähnelt die Eibe sehr der Weißtanne. Im Gegensatz zu dieser gehört der 5 bis 15 Meter hoch wachsende Baum jedoch nicht zur Gruppe der Koniferen, weil er einzelne Samen mit einem fleischigen roten Samenmantel umhüllt, Arillus genannt. Auch ist die Eibe in der Regel kein harzführender Baum, da in ihrem normal wachsenden Holz keine Harzkanäle angelegt sind (außer im Fall von Verletzungen). Der einzige nicht giftige Teil dieses Baumes ist der süßlich schmeckende Arillus, aus dem sich nach Entfernen der Samen auch Marmelade kochen lässt.

Obwohl wir hier unsere Aufmerksamkeit in erster Linie auf noch lebende Eiben lenken werden, sei daran erinnert, dass das älteste Holzobjekt, das vom Menschen (dem Neandertaler) bearbeitet wurde, eine im Feuer gehärtete Speerspitze aus Eibe war. Sie wurde in den Moorgebieten nahe Clacton-on-Sea in Essex, England, ausgegraben und auf ein Alter von 350000 Jahren datiert (mittleres Pleistozän, Holstein-Warmzeit). Ein anderes Beispiel ist eine 2,40 Meter lange Eibenlanze, die noch in der Flanke eines Europäischen Waldelefanten (Elephas antiquus) steckend in Lehringen in Niedersachsen gefunden und auf 120 000 Jahre datiert wurde.

Wenn man die spektakulären Eiben der genannten Länder genauer betrachtet, erkennt man eine enge Bindung dieser Art an die keltische und vorkeltische Kultur. Dabei stoßen wir tatsächlich zu unseren tiefsten, fast schon vergessenen Wurzeln vor.

Der englische Autor Allen Meredith hat (in CHETAN/BRUETON 1994) ausführlich dargestellt, dass unsere ältesten Eiben aus vorchristlicher Zeit stammen und dieses hohe Alter ihrer religiösen Bedeutung verdanken, da sie als Bestanteil heiliger Stätten eine Art Schutz genossen. In jahrelanger Arbeit hat er die besonderen Eiben, die an Kirchen und auf Friedhöfen wachsen (churchyard yews) und einige bemerkenswerte frei stehende Eiben untersucht. Diese den Menschen sehr nahe stehenden Bäume wurden unter Zuhilfenahme historischer Dokumente messtechnisch erfasst. Folgende Schlüsse hat der Autor daraus gezogen:

– Die ältesten Eiben haben dank der großen Ehrfurcht überlebt, die man ihrer Symbolik entgegenbrachte, oder vielleicht auch, weil sie als besondere Lebewesen zum Schutz der Tempel in vorchristlicher Zeit dienten. In diesem Zusammenhang übernahmen Missionare häufig heilige Orte von vorher ausgeübten Religionen. Dies lässt sich analog am Beispiel des Ginkgos (Ginkgo biloba) im Fernen Osten beobachten, der dort als heiliger Baum bis vor Kurzem nur innerhalb buddhistischer Tempel zu finden war. Eine weitere Gemeinsamkeit von Eibe und Ginkgo besteht in ihrer Phylogenese: Sie hatten ihre Blütezeit im Lauf der Pflanzenentwicklung noch vor den Koniferen und noch viel weiter vor den heutigen »modernen« Laubgehölzen.

– Das älteste historische Dokument, welches das Pflanzen einer Eibe datiert, nennt das Jahr 894 in Buttington, Powys (Wales). Diese Pflanzung erinnert an die Schlacht von Buttington 893, bei der eine Allianz aus Angelsachsen und Walisern den Sieg über die angreifenden Wikinger davontrug. Heute, gut 1120 Jahre später, hat das Exemplar einen Umfang von 8,21 Metern, gemessen 30 Zentimeter über dem Boden (der Durchmesser beträgt 2,6 Meter).

– Eine andere Eibe an der Dryburgh Abbey in Schottland demonstriert, wie langsam das Wachstum unter Umständen vor sich geht. Tatsächlich hat sie seit ihrer Pflanzung im Jahr 1136 bis zur letzten Messung 1988 (nach 852 Jahren) nur einen Umfang von 3,84 Metern und damit einen für diesen Zeitraum »winzigen« Durchmesser von 1,22 Metern erreicht.

– Zusätzlich zu diesen schon sehr beeindruckenden und überraschenden Bäumen, die mit echten »Geburtsurkunden« ausgestattet sind, haben noch viele andere Exemplare überlebt, die aus viel ferneren Zeiten stammen. So zählt Meredith auf:

– 48 Eiben mit einem Umfang von 9 bis 10,5 Metern, Durchmesser bis zu 3,4 Meter.

– 7 Eiben mit einem Umfang von 10,5 bis 12 Metern, Durchmesser bis zu 3,9 Meter.

– 5 Eiben mit einem Umfang über 12 Meter, bei einem Exemplar sogar 17,1 Meter, der Durchmesser beträgt hier 5,4 Meter.

Zu Letzteren gehört als mächtigste die berühmte Eibe von Fortingall, die im geografischen Zentrum Schottlands wächst. In ihrem Stamm bildete sich mit der Zeit ein Hohlraum, der zu einer Aufspaltung in zwei deutlich voneinander getrennte Teile führte. Auf früheren Darstellungen sind diese noch miteinander verbunden. In der Abbildung oben ist diese Verbindung bereits nicht mehr erkennbar. Natürlich stellt sich die Frage: Wie alt ist so eine Eibe? Meredith versucht, dies durch die Analyse alter Aufzeichnungen über die churchyard yews zu beantworten, in denen häufig Messungen dokumentiert sind. Für die Eibe stellt sich heraus, dass mit zunehmendem Alter das jährliche Wachstum zurückgeht.

Die Eibe auf dem Friedhof von Fortingall, Tayside, Schottland. (Zeichnung G. Bergmann nach einer anonymen Darstellung in CHETAN/BRUETON 1994)

Alte Eiben zeigen demnach oft einen jährlichen Umfangszuwachs von nur noch einem halben Zentimeter, wie im Fall der erwähnten Dryburgh-Eibe. Einige vital aussehende Exemplare zeigten im Verlauf der letzten Jahrhunderte überhaupt keinen äußeren Stammzuwachs mehr. Laut Meredith ist das darauf zurückzuführen, dass der Stamm einerseits hohl und andererseits am Aufbau von einer oder mehreren inneren »Luftwurzeln« beteiligt ist. Botaniker erklären das mit der Bildung neuer senkrechter Triebe im Kronenbereich (sogenannte Reiterationen), die mit eigenen Wurzeln ausgestattet sind und sich allmählich zu einem inneren »Sekundärstamm« ausbilden. Dieses Wachstumsphänomen, bei dem sich innerhalb des eigenen morschen Holzes junge Wurzeln bilden, ist in begrenztem Umfang zum Beispiel auch von Pappel, Weide und Esskastanie bekannt. Aus diesen inneren Wurzeln entwickelte sich bei der Eibe in Linton, Hereford, ein sekundärer innerer Stamm, umgeben vom ursprünglich hohlen Schaft, dessen Umfang 10 Meter beträgt bei einem Durchmesser von 3,2 Meter.

Die Ursache für das schwache Dickenwachstum ist vermutlich das Phänomen der nur teilweise vorhandenen oder ganz fehlenden Jahresringe. Das bedeutet, dass während der Vegetationsperiode kein neues Holz gebildet wird. Es tritt bei sehr schwachwüchsigen Bäumen auf, bei denen Krone und Wurzeln sich noch weiterentwickeln, das Kambium (wo das Dickenwachstum entsteht) in den unteren Stammbereichen gleichzeitig aber nicht mehr aktiv ist.

Diese speziellen Vorgänge, zu denen noch die Fähigkeit kommt, dass die unteren Zweige bei Bodenkontakt neue Wurzeln (Absenker) ausbilden können, ihre bemerkenswerte Vitalität und das Fehlen ernsthafter Schädlinge lassen die Eibe als unsterblichen »Lebensbaum« erscheinen. Das ergänzt oder korrigiert das immer noch verbreitete Bild vom »Totenbaum«.

___ Wahre Baumriesen

Die bemerkenswertesten Eiben in England und Frankreich

(mit über 10 Meter Umfang)


OrtGrafschaftUmfang (ft)Umfang (m)Durchmesser (m)
AshbrittleSomerset3811.63.7
Bettws NewyddGwent3310.13.2
ClunShropshire3310.13.2
Cold WalthamSussex3310.13.2
DefynnogBrecon4012.23.9
DiscoedPowys3711.33.6
FortingallTayside5617.15.4
HambledonSurrey3510.73.4
LintonHereford3310.13.2
LlanerfylPowys3510.73.4
LlanfaredPowys3611.03.5
PayhemburyDevon4614.04.5
TandridgeSurrey3611.03.5
UlcombeKent3510.73.4
La Haye de Routot (Hohler Baum mit innenliegender Kapelle)Normandie (Frankreich)3711.33.6
(CHETAN/BRUETON 1994)

Bei prähistorischen Eiben ist es demnach nicht möglich, ihr Alter anhand einer Wachstumskurve über den Zeitraum vom Mittelalter bis heute zu extrapolieren. Allen Meredith schätzt das Alter der zuletzt beschriebenen Eibe von Linton auf 4000 Jahre. Ein Alter, das fast an das der berühmten Kiefern der Rocky Mountains Nordamerikas herankommt. Die dort wachsenden Langlebigen Grannen-Kiefern (Pinus longaeva, Bristlecone pine) wurden in den letzten Analysen auf über 5000 Jahre datiert. Die Eibe von Fortingall, eineinhalb mal so breit wie die von Linton, könnte laut Meredith gut 5000 Jahre alt sein und damit zu den ältesten Bäumen der Erde zählen, der noch dazu Zeuge menschlicher Zivilisation wurde.

Sehr wahrscheinlich waren diese prähistorischen Eiben schon Bestandteile keltischer Tempel und zeitlich noch älterer megalithischer Stätten der Protokelten mit ihren exakt nach astronomischen und tellurischen Perspektiven aufgestellten Menhiren. Die weiblichen Eiben (die sich von den männlichen biologisch unterscheiden) befanden sich an den Südseiten der heiligen Stätten, die männlichen auf den Nordseiten. Zudem bei Tempelruinen fanden Archäologen auch Reste von Alleen in Ost-West-Ausrichtung. Diesen Bäumen sagt man auch eine Verbindung zu heiligen Quellen nach, wie beispielsweise zum Chalice Well (Kelchquelle) im berühmten Glastonbury, wo ihr Wachstum im Lauf der Zeitgeschichte anscheinend nie unterbrochen wurde. Archäologen fanden dort in 3,5 Meter Tiefe den Stumpf einer Eibe, die circa 300 Jahre v. Chr. gelebt haben muss. Dieser Rest lag in der gleichen Linie wie die noch heute dort wachsenden Eiben und war vermutlich Bestandteil eines alten rituellen Weges durch das kleine Tal.

___ Megalithische Kultstätten

Die ersten heiligen Eiben gehören also zu Tempelbauten, die im Allgemeinen aus Menhiren mit einem Gewicht bis zu 350 000 Kilogramm errichtet wurden und ungefähr aus der Zeit um 3000 Jahre v. Chr. stammen. Ihre Anordnung folgt sehr genauen astronomischen Beobachtungen. Ein Steinkreis wie der von Callanish auf der Insel Lewis in Schottland, das »Stonehenge des Nordens«, ist genau nach dem Sonnenauf- und -untergang zur Sommer- und Wintersonnenwende und zu den Tagundnachtgleichen ausgerichtet.

Er ist auch auf den 18,6-jährigen Zyklus der Rotation der Mondknoten in der Ekliptikebene hin gebaut, am nördlichsten Punkt, von dem aus man dieses Phänomen noch beobachten kann. Ähnliche astroarchäologische Untersuchungen wurden in der Schweiz an der megalithischen Stätte von Planezzas bei Falera in Graubünden gemacht. Geländevermessungen zeugen von der hohen Komplexität dieses Systems. An dieser alten Kultstätte befindet sich heute die Kirche Sogn Rumetg, wobei hier die christliche Religion die Spuren der Vergangenheit beibehalten hat, praktisch ohne einen Schaden anzurichten. Ein ähnliches System aus der Zeit des dritten vorchristlichen Jahrtausends wurde 1986 in Yverdon, am Ufer des Neuenburger Sees freigelegt und restauriert. Auch hier erfolgt die Anordnung nach strengen Linien und Halbkreisen. Der Name »Yverdon« kommt aus dem Keltischen und wurde im Lateinischen zu Eburodunum, »Eibenhügel«; nicht weit von dort liegt am See der Ort Yvonand, »Eibental«.

Die Menhire von Yverdon, Eburodunum, Waadt. (Zeichnung G. Bergmann)

In ihrem 2005 erschienenen, aber praktisch unbeachteten Werk zeigen John Burke und Kaj Halberg auf der Basis systematischer Messungen, dass Lage und Gestaltung megalithischer Stätten in einem Zusammenhang mit dem Magnetfeld der Erde und ausgeprägten geologischen Verwerfungen stehen. Ihre Messungen umfassten Geomagnetismus (mithilfe eines Magnetometers), elektrische Erdströme (mithilfe von Masseelektroden) und den elektrischen Ladezustand der Luft, der den Ionisationsgrad spiegelt (mittels eines elektrostatischen Voltmeters). Besondere Messwerte können über geologischen Verwerfungen beobachtet werden oder dort, wo zwei unterschiedliche Felsenformationen dicht aneinander liegen, wodurch örtlicher Geomagnetismus und Abgabe elektrischer Ladung an die Luft messbar werden.

Es stellt sich wieder einmal die Frage nach der genauen Funktion, welche die Reihen bestimmter Baumarten im Zusammenhang mit den vom Menschen angelegten erstaunlichen Kultstätten erfüllten.

___ Die Kultur der Kelten und ihre Spuren in der Ortsnamenkunde

Die vorkeltische Zeit hat uns lediglich riesige Steine hinterlassen. Von den Kelten sind uns Ortsnamen geblieben und, was jene selbst betrifft, Berichte und Beschreibungen griechischer und römischer Schriftsteller. Später waren es Mönche der nordischen Tradition, welche die mündlichen Überlieferungen, Mythen und Legenden der keltischen oder skandinavischen Heldensagen schriftlich zusammengetragen haben.

Zu ihrer Blütezeit (während der Hallstattzeit oder der ersten Eisenzeit, gegen 900–450 v. Chr., die der Latènezeit vorausgeht), waren die Kelten über ein riesiges Areal verbreitet. Vom Rhein-Donau-Gebiet erstreckte es sich nach Westen bis Gallien, Galizien und Portugal; im Osten bis Galatien (dem heutigen Zentralanatolien – daher der Brief des Apostels Paulus an die Galater), im Süden bis zur Poebene und im Norden bis Wales, England, Schottland und Irland. Die keltische Bevölkerung bestand überwiegend aus Ackerbauern und Viehzüchtern, die für den Reichtum, die Vielseitigkeit und die Qualität ihrer Produktion bekannt waren. Ihnen ist auch eine ganze Reihe technologischer Erfindungen zu verdanken. Die auffälligste davon ist eine Erntemaschine, die in der Gegend um Reims und Trier entwickelt wurde, während man überall sonst während des Altertums mit der Sichel erntete. Plinius der Ältere hatte diese Maschine bereits erwähnt, ihre Darstellung wurde erst viel später an zwei Skulpturen wieder gefunden.

Der Stellenwert der Eibe für die keltische Kultur zeigt sich unmittelbar in der Ortsnamensgebung. Wie schon bezüglich Yverdon erwähnt, stammt der französische Name If für »Eibe« aus dem gallischen eburos, ibor oder auch ivos. Dieselbe Wurzel ist im irischen Begriff eo, dem hochdeutschen iwa, dem bretonischen ivin und dem normannischen i erkennbar.

Einigen Autoren zufolge muss die Bedeutung des Wortes im Sinn von »überleben», »überdauern« gesehen sein. Nicht nur viele Orte keltischen Ursprungs sind nach der Eibe benannt – wie in den beiden erwähnten Fällen –, sondern auch die Benennung ganzer Stämme dieses Volkes zeugt von einem spezifischen Kult um die Eibe. So beispielsweise die Eburonen (Eibenmänner) in Belgien oder die Eburovices (Eibenkrieger), deren Hauptstadt Evreux im aktuell Eure genannten Departement liegt. Alle diese Namen stammen vom selben Wortstamm ab, wie auch die Iverni im Süden Irlands. Der erste Grieche, der die Meere Nordeuropas von Massalia aus (dem antiken Marseille) erkundete, der Kaufmann, Forscher und Geograph Pytheas (ca. 350–385 v. Chr.) schrieb, dass man das Land der Iverni Ierne nannte. Im Übrigen ist allgemein bekannt, dass in Irland vor den Rodungen im Mittelalter ausgesprochen viele Eiben wuchsen. Analog zu den Eibenvölkern waren die Lemovices die Ulmenkrieger (wissenschaftlicher Name der Ulme: Ulmus), in der Region des Limousin zu Hause, wo Ortsnamen wie Limoges oder Limeil ebenfalls von Zugehörigkeit zur Ulme zeugen (siehe Verbreitungskarte der Kelten).

»Eibe« ist vermutlich auch der Ursprung von »Iberia«, das vom altspanischen ibe abstammt; vielleicht trifft das ebenso für den Fluss Ebro zu, dessen Quelle nahe der Nordküste liegt und sogar für den Tajo (tejo, teixo, teix sind spanische Namen für die Eibe), einen Fluss, der dem Iberischen Gebirge entspringt, das früher von den Keltiberern besiedelt war. Aufgrund der ozeanischen Feuchtigkeit war der Anteil der Eibe in den nordspanischen Wäldern nachweislich sehr hoch, mit einem Maximum im Zeitraum von 6000 bis 3000 v. Chr., ehe durch Übernutzung ein Rückgang einsetzte. Reste dieser sehr alten Bestände sind zum Beispiel von dem spanischen Eiben-Spezialisten Ignacio Abella beschrieben worden. Ihm zufolge hat sich in bestimmten lokalen Gemeinschaften eine Form von Verehrung für diesen Baum gehalten.

Im äußersten Südosten Europas, im aktuellen Gebiet Georgiens und Armeniens, erstreckte sich während der Römerzeit und im Mittelalter ein iberisches Königreich, dessen Name offensichtlich ebenfalls auf die Eibe zurückgeht. Tatsächlich kommt der Baum im heutigen Kaukasusgebirge noch sehr häufig vor.


Einige Stämme der Kelten in Gallien zu römischer Zeit unter Hervorhebung der Eburonen, Eburovices und Lemovices. (Zeichnung D. Rambert nach DE VRIES 1977)

Auch diese Buche scheint den Himmel auf ihren ausgestreckten Ästen zu tragen: Damit er uns nicht auf den Kopf fällt? Wir werden später noch sehen, dass sie von dort tatsächlich Nährstoffe bezieht und ihre Rhythmen sich an denen des Himmels orientieren. (Foto A. Hemelrijk)

Der alte Name von York (nahe an yew, dem englischen Namen für »Eibe«) war Eborakon und steht in Zusammenhang mit einem keltischen oder präkeltischen Kult, welcher der Eibe gewidmet war. Dieser Baum ist auch heute noch in den Wappen von New York präsent. Die heilige Insel Iona in den Hebriden steht vermutlich auch in direkter Verbindung mit ihm. Columban hat sie zu Beginn des Christentums zu einem spirituellen Zentrum gemacht, ehe er Zentraleuropa christianisierte. Während seiner Reise, die ihn durch die Ostschweiz führte, benannte er vermutlich auch den nahe am Zürichsee gelegenen Ort Iona. In ihrem Buch »The sacred Yew« stellen die Autoren Chetan und Brueton eine Verbindung vom Uetliberg nahe Zürich zum Eibenkult her. Dort ganz in der Nähe, in Horgen, führten kürzlich gemachte archäologische Ausgrabungen zur Entdeckung von Eibenpfählen, die aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. stammen.

In Irland waren zwei der fünf heiligen Bäume mit Sicherheit Eiben, wenn nicht sogar alle fünf. Bei den Kelten waren heilige Bäume oder Wälder höher angesehen als die mit eigenen Händen erbauten Gebäude: Für einen König und seinen Stamm gab es keine größere Katastrophe als eine Invasion in das Stammesgebiet und das Fällen der heiligen Bäume. Die irischen Jahrbücher berichten von einem Fall, wo für einen solchen gefällten Baum 3000 Kühe als Reparationsleistung ausgeliefert werden mussten.

Parallel zu den Kelten räumt die nordische Tradition (skandinavisch-germanisch) in ihren Mythen, die in den Eddas gesammelt sind, der mächtigen Yggdrasil, der Weltenesche, die sich mit ihrem immergrünen Laub über den Urd-Brunnen erhebt, einen zentralen Platz ein. Mehrere Kommentatoren stellen die Bezeichnung der Yggdrasil als »Weltenesche« infrage: Ihr Name könnte »Eibensäule« bedeuten. Laut dem Bericht des Missionars Adam von Bremen stand neben dem berühmten Tempel von Uppsala, Schweden, ein immergrüner Stellvertreter für den Weltenbaum, »ein riesiger Baum, die Äste weit ausbreitend, er ist immergrün im Sommer und im Winter«. Dieser Baum wurde im Lauf der Christianisierung gefällt. Nach Auffassung verschiedener Autoren und in der öffentlichen Meinung kann dies nur ein immergrüner Baum mit Nadeln gewesen sein – eine Eibe.

Die Ähnlichkeiten zwischen dem nordischen Weltenbaum Yggdrasil und dem Weltenbaum, der auf eine schamanische Vision im Amazonasgebiet zurückgeht (siehe Abbildung Seite 36), lassen sich nicht durch direkte oder indirekte kulturelle Einflüsse erklären. Vermutlich liegen die Ursprünge eher in einer allen Menschen gemeinsamen psycho-spirituellen Veranlagung, die durch weltweit gültige Archetypen zum Ausdruck kommt, wie Carl Gustav Jung (1875–1961) sie beschrieben hat. Die Riesenschlange, die mit dem Baum dargestellt ist, erinnert an den rätselhaften Ouroboros, die Riesenschlange, die sich in den Schwanz beißt (sich selbst verzehrt) und einen geschlossenen Kreis bildet. Dieser erscheint auch schon in der alten ägyptischen Ikonografie und später zum Beispiel auf einer Bronzescheibe aus dem alten Benin (Afrika), zwischen der Erde und dem Tierkreis am Himmel eingerollt.

Erinnern wir in diesem Zusammenhang an den heiligen Baum der Haidas an der Küste von British Columbia, der tragische Berühmtheit erlangte. Der »Goldene Baum« war ein einmaliges Exemplar der Sitka-Fichte (Picea sitchensis), 300 Jahre alt, 50 Meter hoch und komplett mit leuchtend goldenen Nadeln bedeckt, vermutlich aus einer speziellen Mutation entstanden. In einer paradoxen Geste wurde sie 1997 von einem erfahrenen Holzfäller mit der Motorsäge gefällt. Der Verursacher dieses Verbrechens wollte damit gegen die scheinbar unabwendbare Vernichtung der Urwälder protestieren, indem er die Gemeinde vor Ort in Bestürzung versetzte.

Yggdrasil, die Darstellung wird Oluf Bagge zugeschrieben. Eine riesige Meeresschlange um den Baumstamm herum grenzt die bekannte Welt vom Jenseits Midgard ab. Am Fuß des Baumes entspringt die Quelle der Urd, einer der drei Nornen, welche die Fäden des Schicksals spinnen. (Nachzeichnung D. Rambert)


Weltenbaum, wie er von einem Schamanen aus dem Amazonasgebiet nach dem Gebrauch von Ayahuasca beschrieben wird: Um die Stammbasis, die gleichzeitig die Quelle der Flüsse Ukayali und des Amazonas ist,wickelt sich eine Riesenwasserschlange, die Anakonda. (Nachzeichnung D. Rambert nach NARBY 1995)

Nationalbäume

Es ist nicht einmal allen Brasilianern bewusst: Der Name ihres Landes geht auf einen sinnbildlichen Baum zurück, das Pao Brasil, das Brasilholz (Caesalpinia echinata, Pernambuk oder Pernambukholz – nach dem Namen der Region, wo der Baum früher sehr häufig vorkam). Dieser Baum der Mata Atlantica (der tropische Regenwald der Atlantikküste) wurde leider gnadenlos ausgebeutet: als Färberpflanze, da das Holz einen rotbraunen Farbton liefert, und für die Fabrikation von Geigenbögen, für die es aufgrund seiner extremen Zähigkeit sehr begehrt ist. Der Libanon hingegen zeigt seinen Nationalbaum auf der Flagge: Es handelt sich um die Libanonzeder (Cedrus libani), die auf weißem Grund zwischen zwei waagerechten roten Streifen abgebildet ist. Die Zeder gilt als Symbol von Heiligkeit, Ewigkeit und Frieden. Als Symbol für Langlebigkeit taucht sie in der Bibel an 77 Stellen auf. Alphonse de Lamartine (1790–1869), der während einer gemeinsam mit seiner Tochter verbrachten Orientreise vom Anblick dieses Baumes verzückt war, sagt darüber: »Die Zedern sind Jahrhunderte alte Reliquien der Natur, die berühmtesten Naturdenkmäler des Universums. Sie wissen mehr von der Geschichte der Erde als die Geschichte selbst.« Auf der zypriotischen Flagge sieht man zwei gekreuzte Ölbaumzweige (Olea europaea), die den Frieden zwischen Griechen und Türken symbolisieren. Auf der Flagge der Vereinten Nationen umschließen die Ölbaumzweige ihrerseits das zentrale Motiv. Dieser Baum, den nach der griechischen Mythologie die Göttin Athena aus der Erde holte, ist seit der Antike das Symbol Athens und steht für Kraft und Sieg, Weisheit und Treue, Unsterblichkeit und Hoffnung, Reichtum und Überfluss. Das Symbol Kanadas ist das Ahornblatt. Die Flagge ist rot mit einem weißen Rechteck in der Mitte, auf dem ein rotes Ahornblatt mit elf Spitzen stilisiert ist, weshalb sie auch Unifolié (»die Einblättrige«) oder The Maple Leaf Flag (»Die Ahornblattflagge«) genannt wird. Seit dem 18. Jahrhundert diente dieser Baum als Symbol, mit dem man die Natur und Umwelt Kanadas verherrlichte. Beim weltberühmten flammenden Schauspiel der Blätter im Herbst spielt er eine der Hauptrollen.

Weiter wären noch der Hibiskus zu nennen (Hibiscus rosasinensis), die Nationalblume von Malaysia, wo sie Bunga Raya heißt, oder der Banyanbaum (Ficus benghalensis), der auf der indonesischen Flagge abgebildet ist, wie auch der »Baum der Reisenden« aus Madagaskar (Ravenalapalme, Ravenala madagascariensis) mit den weit aufgefächerten Blättern und schließlich der Frangipani (Plumeria alba), ein kleiner Baum, auch Tempelblume genannt, der von den Antillen stammt. Die Blume mit einem »paradiesischen Duft mit goldener, betörender Note« ist das Nationalsymbol von Nicaragua und Laos, wo der Strauch eingeführt wurde.

___ Mythologische Überlieferung

In der keltischen Mythologie stehen alle äußeren Erscheinungen in Zusammenhang mit Dramen der göttlichen oder geistigen Welt. In dieser sehr komplexen Götterwelt spielt die Eibe häufig eine Rolle; die wichtigste vielleicht im Zusammenhang mit Scathach.

Schattenverträglichkeit der Eibe im Vergleich mit anderen heimischen Arten. Von oben nach unten: Birke (Betula pendula), Kiefer/Waldföhre (Pinus sylvestris), Stieleiche (Quercus robur), Hainbuche (Carpinus betulus), Fichte (Picea abies), Buche (Fagus sylvatica), Weißtanne (Abies alba) und Eibe (Taxus baccata). (Relative Werteskala nach RUBNER 1960; Zeichnung D. Rambert)

»Scathach, die ›Schattige‹ oder ›Dunkle‹, war eine große Waffenmeisterin in Alba (Schottland). Sie pflegt, in der Krone einer Eibe auf dem Rücken liegend, ihre beiden Söhne zu unterrichten. (…) Die Todesmutter liegt als Eibengöttin geschützt im Gezweig des heiligen Baumes« (CLARUS 1991).

Bei den Griechen und Römern hieß eine Gottheit mit ähnlicher Funktion Hekate (Göttin der schwarzen Magie und des Spuks) und auch ihr war die Eibe als Symbol des Todes und der Regeneration geweiht. In der römischen Tradition wurde die Eibe übrigens in Verbindung mit Saturn gebracht und ihre Zweige am Fest der Saturnalia verwendet. In einigen Überlieferungen wird die Eibe also mit den langsamen Rhythmen des Planeten Saturn in Einklang gesehen, der in der Astrologie als kalt und todesverwandt gilt.

Der Bezug der Eibe zur Dunkelheit liegt ursprünglich in der Natur dieser Baumart. Wenn man ihre Schattentoleranz mit derjenigen anderer Arten, wie der Birke, einer Lichtbaumart (heliophil), oder der als Schattenbaumart (sciaphil) geltenden Weißtanne vergleicht, so verträgt sie noch deutlich mehr Dunkelheit als letztgenannte.

Die Eibe scheint somit von einer anderen Welt zu stammen. Botaniker haben entdeckt, dass die Unterseite der Eibennadeln eine spezielle Struktur besitzt. Eine besondere Art der Zellanordnung reflektiert das Licht im Inneren des Gewebes, dadurch kann es von der Pflanze vollständig aufgenommen werden. Diese Fähigkeit, Licht zu »schlucken«, dürfte die Ursache für den oft als düster und unheimlich empfundenen Charakter von Eibenwäldern sein.

___ Das Wissen der Druiden

Von den Eiben verehrenden Kelten und besonders von ihren geistigen Führern, den Druiden, schrieb Vergil, dass sie innerhalb eines göttlichen Plans in Übereinstimmung mit der Natur lebten. Sie empfanden ein tiefes Mitgefühl für alles Lebende und betonten, dass der Mensch mit der Natur zusammenwirken muss. Die Druiden waren große Astronomen und richteten ihre kultischen Handlungen nach dem Himmelsgeschehen aus. Auch die Verrichtungen des täglichen Lebens mussten damit in Einklang geschehen. Die alten astronomisch und astrologisch geprägten Bauernregeln gehen wahrscheinlich auf ihre Beobachtungen und Angaben zurück. Ihr Kalender basiert nämlich auf der Mondperiodik, wie aus dem berühmten Fund von Cologny (Ain), der 1897 gemacht wurde, zu entnehmen ist. Hierbei handelt es sich um das älteste überlieferte Dokument in gallischer Sprache. Der Fund bestand aus den Fragmenten einer Bronzescheibe mit eingravierten lateinischen Buchstaben. Der Kalender nennt Mondmonate mit 30 (Matu/Maith) und mit 29 Tagen (Anmatu/Anmaith). Jeder Mondmonat ist unterteilt in eine erste Hälfte mit 15 als günstig angesehenen Tagen, auf die eine zweite Hälfte mit 15 oder 14 ungünstigen Tagen folgt.

Dass die eng mit Tempelanlagen verbundene Eibe, wie alle anderen Bäume auch, tatsächlich im Einklang mit besonderen astronomischen Rhythmen stehen könnte, erweist sich als immer plausibler: Subtile, exogene Rhythmen wurden schon bei mehreren Baumarten entdeckt und beschrieben. Zum Beispiel konnte unter relativ konstanten tropischen Bedingungen in einem mehrjährigen Versuch gezeigt werden, dass bei verschiedenen Baumarten die Keimrate und Keimgeschwindigkeit ebenso wie das Wachstum in den ersten Monaten mit den Mondphasen übereinstimmen, die sich dem Lauf der Jahreszeiten überlagern.

Im Übrigen konnten mithilfe moderner statistischer Analysemethoden Auswirkungen von astronomischen Langzeitrhythmen beobachtet werden. Es handelt sich um die Jahresringbildung, die bei mehreren Baumarten synchron mit dem Elf-Jahre-Zyklus der Sonnenfleckenaktivität verläuft. Dieser Zyklus wird von manchen Astronomen als »Planetengezeiten« betrachtet: Er hängt nämlich mit dem Umlaufrhythmus von Jupiter und Venus zusammen. In diesem Zusammenhang kam eine genaue Analyse der Eigenschaften, die Holz in Abhängigkeit vom Zeitpunkt des Fällens aufweist, zu dem Ergebnis, dass es eine signifikante Variabilität gibt, die von den Konstellationen der Tierkreiszeichen abhängt, in denen der Mond steht. Dies würde bedeuten, dass die merkwürdigen alten »Regeln nach den Tierkreiszeichen« tatsächlichen Naturphänomenen entsprechen und objektiv sowie quantifizierbar sind.

In seiner jüngst veröffentlichten Monografie über den Saft der Eibe (»La Savia del Tejo«, 2015), beobachtet David Matarranz eine erstaunliche Variabilität des Saftes dieser Baumart; dies betrifft Farbe, Geruch, Geschmack und Konsistenz. Der Autor behandelt ausführlich die Mondphasen als einen der beeinflussenden Faktoren dieser Flüssigkeit, die früher vermutlich für bestimmte Zwecke genutzt wurde. Die Verehrung, die diese Baumart in prähistorischen Zeiten genoss, bekommt hier einen zusätzlichen Aspekt.


Druiden galten auch als Magier, die das Wetter beeinflussen konnten – eine Praxis, die sich in den Ritualen der Regenmacher bis heute gehalten hat –, und fähig waren, die Zukunft zu deuten. Dazu benutzten sie Eibenstäbe mit Inschriften aus der alten irischen Ogham-Schrift. In dieser Schrift, auch »Baumalphabet« genannt, wird jeder Vokal oder Konsonant durch eine Baumart dargestellt. Die Eibe (Abbildung links oben) steht hier zentral für den Vokal i.

Das Wahrsagen nach derselben Methode praktizierten auch die Germanen, manchmal mit Eiben- oder sonst mit Buchenstäben, die mit der alten germanischen und skandinavischen Runenschrift versehen waren. (Abbildung links unten: das Runenzeichen für Eibe.)

In der Magie und bei der Einflussnahme auf psychologische Vorgänge hat die Eibe eine ganze Reihe von Funktionen übernommen. Sie dient als Zauberstab, als Wünschelrute für verlorenes Gut, als Schutz vor bösen Geistern, zur Vollendung einer unmöglichen Liebe (nach dem Tod begegnen sich Tristan und Isolde als zwei Eiben, die aus ihrem Grab wachsen), zur Verleihung der Hellsichtigkeit: als Bestandteil der Paste für das dritte Auge bei den Hindus oder als psychotrope Droge.

Um die Bedeutung dieser letzten Dimension ermessen zu können, sei daran erinnert, dass die Wirkung von Eibenduft oft als gefährlich galt. Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.) erwähnt in seiner »Historia Naturalis« (Buch 16, Kapitel 20), dass das Gift der Eibe in Arkadien (im Zentrum der Peleponnes) so wirkungsvoll war, dass Leute, die sich darunter ausruhten oder schliefen, starben. Interessantes Detail: Derselbe Autor berichtet davon, dass ein Kupfernagel, der in den Stamm geschlagen wird, die Pflanze unschädlich macht.

Auf andere scheint dieser Baum eine betörende Wirkung auszuüben; es wird von tranceartigen Zuständen berichtet. Möglicherweise wurde diese Eigenschaft von den Druiden zum Erreichen besonderer Bewusstseinszustände genutzt. Ein deutscher Medizinprofessor aus Greiz, Dr. Albert Kukowka (zitiert in DUMITRU 1992), entdeckte diesbezüglich, dass die Eibe an heißen Tagen in ihrem Schatten ein gasförmiges Alkaloid produziert, das Halluzinationen auslösen kann. Bei ihm führte es zunächst zu alptraumhaften Visionen in Verbindung mit Unwohlsein und es kam im weiteren Verlauf zu großer Euphorie, mit der Vorstellung eines paradiesischen Reiches und der Wahrnehmung himmlischer Musik, begleitet von unsagbaren Glücksgefühlen. In diesem Zusammenhang hat Fred HAGENEDER, Autor einer äußerst bemerkenswerten Monografie über die Eibe (2007), eine enorme Variabilität bezüglich der chemischen Zusammensetzung (dem Gehalt aktiver Substanzen) festgestellt: Sie variiert in Abhängigkeit vom Entnahmezeitpunkt, den Standorten und von Baum zu Baum. Er berichtet von einer interessanten Tatsache, die Parallelen zur Erfahrung von Dr. Kukowka zeigt: In vier durch Eibengift verursachten Todesfällen – die Substanzen wirken bis hin zu einer Atemlähmung – konnte bei den Opfern »ein besonders heiterer Gesichtsausdruck« beobachtet werden.

Die Druiden, die sich einer Ausbildung von bis zu zwanzig Jahren unterzogen, waren auch hervorragende und anerkannte Ärzte. Sie praktizierten unter anderem die Trepanation, bei welcher der Schädel angebohrt wird, erfolgreich, wie Knochenfunde mit Narbenspuren beweisen. Die Pflanzenheilkunde war für sie ein wichtiges Wissensgebiet. Wozu sie die berühmte, nach Mondstand geschnittene Eichenmistel verwendeten, ist nicht mehr bekannt. Jedenfalls wird heute die Mistel als homöopathisches Mittel bei der Krebsbehandlung eingesetzt. In diesem Zusammenhang hat die Eibe seit alters her, vermutlich auf diesen verloren gegangenen Kenntnissen basierend, eine breite volkskundlich-medizinische Verwendung gefunden. Bei dieser hoch wirksamen und primär giftigen Pflanze wird allerdings vor Experimenten gewarnt. Die Tabelle oben veranschaulicht die breite Palette der Anwendungsmöglichkeiten dieser Baumart früher und heute. Über die neueste Entdeckung des krebshemmenden Eibenwirkstoffes wurde viel berichtet. Nur eine Zahl dazu: Mehr als 130 000 Pflanzen- und Tierextrakte wurden vom amerikanischen National Cancer Institute zwischen 1960 und 1981 systematisch an Krebszellenkulturen getestet. Lediglich das Paclitaxel der Eibe zeigte sich in spezifischen Krebstherapien sicher und effizient. Das Problem mit diesem Rindenextrakt aus der Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) liegt in seiner sehr geringen Konzentration: 1 Kilogramm getrocknete Rinde ergibt nicht mehr als 150 Milligramm Paclitaxel. Für ein Kilogramm müssten schätzungsweise 5000 Bäume gefällt werden. Erst später gelang es Chemikern des französischen CNRS (Nationales Forschungs- und Wissenschaftszentrum), eine aktive Substanz zu isolieren und daraus ein Molekül mit der fünffachen Wirksamkeit des Paclitaxel zu gewinnen. Dieses hat den Vorteil, dass es aus den Nadeln der Europäischen Eibe (Taxus baccata) gewonnen wird, also aus einer erneuerbaren Quelle, bei deren Verwendung das Leben des Baumes nicht gefährdet wird.

___ Therapeutische Anwendungen der Eibe


FormHeilende Wirkung gegenReferenz (zitiert in ZÜRCHER 1998)
Absud der RindeSchlangenbisse, InsektensticheNAMVAR und SPETHMANN 1986
SägemehlTollwut, KropfNAMVAR und SPETHMANN 1986
Tee aus den NadelnParasitäre Infektionen, Epilepsie, Mandelentzündung, Diphterie, MenstruationsbeschwerdenSTRASSMANN 1994
Abkochung der NadelnAbtreibende Wirkung bei SchwangerschaftCZERWEK und FISCHER 1960; SCHEEDER 1996
SäuberungParasitäre InfektionenSTRASSMANN 1994
Nadelextrakt, auch für homöopathische PräparateGicht, Rheuma Lebererkrankungen, Verstopfung, Blasenkrankheiten, WundroseLICHTENSTEIN 1973 DUMITRU 1992
Rindenextrakt (Paclitaxel, Taxol R), Nadelextrakt (Docetaxel)Leukämie, Eierstockkrebs, BrustkrebsTHOREZ 1994; NZZ 1996

Sind diese außergewöhnlichen Heilkräfte auch Teil der Geheimnisse um die Eibe?

___ Eine fürchterliche Waffe

Die Rodungen, welche die europäischen Eibenwälder verwüstet und fast zu deren völligem Verschwinden geführt haben, sind auf die wirtschaftliche Nachfrage Englands zu Beginn des 14. Jahrhunderts zurückzuführen und erfolgten durch Monopolgesellschaften. Die ersten Importe kamen aus Irland und Spanien, dann erweiterte sich das Einzugsgebiet auf Mitteleuropa, das Baltikum und sogar Südeuropa. Das Holz war für die Herstellung des berühmten englischen Langbogens (longbow) bestimmt, dessen Stoßkraft noch lange die ersten Feuerwaffen übertraf. Sein »Fabrikationsgeheimnis« wurde von Skandinaviern entdeckt und bestand in der Verwendung von Stammteilen, die sowohl Splintholz als auch Kernholz enthielten. Das Splintholz, das auf den Rücken des Bogens zu liegen kommt, ist bei der Eibe ungewöhnlich zugfest, was vermutlich auf die charakteristische anatomische Struktur der spiralförmigen Verstärkungen der Tracheiden zurückzuführen ist (siehe Kapitel »Polarität und Spiralität«, Seite 79). Das Kernholz im Bogeninneren liefert seinerseits eine stark erhöhte Druckfestigkeit. Die Eigenschaften dieser beiden Bestandteile aus demselben Stamm ergänzen sich also und verleihen dieser Waffe ballistische Qualitäten, die weit über denen einfacher Bogen aus anderen Holzarten liegen. Laut zeitgenössischen Berichten haben diese Pfeile drei bis fünf Daumen (7,5 bis 10 Zentimeter) starke Eichentüren durchbohrt. Wieder einmal wurde die Eibe Bestandteil bei der Namensgebung: Die englischen Bogenschützen im Hundertjährigen Krieg nannten sich »Yeomen«.

___ Hin zu einem tieferen Verständnis

Zurückblickend bleibt schließlich eine Frage: »Wie nahmen unsere Vorfahren die Eibe wahr – was wussten sie von ihr?« Von den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgehend, begreifen wir, dass es sich bei ihren Erkenntnissen nicht einfach um blinden Aberglauben handelte. Im Gegenteil: Dieses besondere Wissen kann uns vermutlich wertvolle Anregungen zu einem tiefer gehenden Verständnis der Natur geben.

Diese Frage und dieser Befund leiten zu den Erfahrungen von Künstlern über, die bei ihren Projekten mit dem Baum als zentralem Element arbeiten. So zum Beispiel Marion Laval-Jeantet, die gleichzeitig Künstlerin und lehrende Forscherin in den Bereichen Kunst und Ethnopsychoanalyse ist (zitiert in PIQUE 2013, 215): »Tatsächlich haben unter anderem die esoterischen Kenntnisse und das Wissen um die Wahrsagekunst eine nachweisliche Bedeutung für das Überleben vieler Gesellschaften gespielt, in einer Zeit, wo die Wissenschaft noch weniger entwickelt war. Warum sollten sie heute keine Gültigkeit mehr haben, nur aus dem Grund heraus, dass die Wissenschaft sich entwickelt hat? Warum sollte es überhaupt einen Widerspruch zwischen diesem Wissen und dem modernen Wissen geben? Steht dieses Widerspruchsdenken nicht auf derselben Ebene mit dem, das eine multikulturelle Gesellschaft zugunsten einer einseitigen Integration unterordnet? Ein Denken, in dem Biodiversität keinen Platz mehr hat, wo der Baum unwiederbringlich auf ein Konsumobjekt reduziert wird … Ein Denken, das dringend eines Überdenkens bedarf.«

STRUKTUREN UND IHRE ENTSTEHUNG

Dieses Kapitel beinhaltet eine funktionale Interpretation der Morphologie und Anatomie der Bäume, das Studium ihrer Physiologie unter Berücksichtigung der Energie- und Stoffströme und eine Beobachtung ihrer Entwicklung nach dem Prinzip der Metamorphose. All dies erfordert eine permanente Synthese zwischen den Fakten aus unmittelbarer Beobachtung und den Zusammenhängen, die sie verbinden. Mit anderen Worten: Das Sichtbare lässt sich nur unter Zuhilfenahme des Unsichtbaren entschlüsseln – oft tun wir das sogar, ohne dass wir es merken.

___ Das Geheimnis der Riesen in Raum und Zeit

Sowohl hinsichtlich der Größe als auch der Lebensdauer hat der Mensch im Baum seinen absoluten Meister in der Pflanzenwelt gefunden. Tatsächlich finden sich in der Gruppe der Nadelbäume die höchsten, größten und ältesten lebenden Wesen auf der Welt.

Der »Tall Tree« (Sequoia sempervirens) aus dem Redwood-Nationalpark an der kalifornischen Küste gilt mit seiner Höhe von 112,7 Metern derzeit als der größte Baum. Die Eigenschaft des Riesenwuchses wird von mehreren Baumarten geteilt. Sie ist an ein ozeanisches Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit gebunden, das eine direkte Wasseraufnahme durch die Blätter oder Nadeln begünstigt, ohne den ganzen Weg von den Wurzeln durch einen unendlich langen Stamm nehmen zu müssen. Der größte je vom Menschen gefällte Nadelbaum war wohl eine 1895 in der Nähe von Vancouver in British Columbia geschlagene Douglasie (Pseudotsuga menziesii) mit 126 Metern Höhe. Ihr Umfang betrug auf Brusthöhe 24 Meter, was einem Durchmesser von 7,5 Metern entspricht. Diese beeindruckende Größe wird aber noch von einem Laubbaum übertroffen, einer »Mountain Ash« (Eucalyptus regnans): 132,6 Meter wurden 1871/72 von einem Inspektor der viktorianischen Staatswälder in Südaustralien bei dem bereits am Boden liegenden Baum gemessen. Nach Berechnungen von Forschern der Universität von Arizona sind das die größtmöglichen Ausmaße, die Bäume auf unserem Planeten erreichen können. Tatsächlich ist die für die Fotosynthese erforderliche Anpassung der Blätter in Form und Zellstruktur nur bis in eine Höhe von 122 bis 130 Metern möglich, aufgrund der Kräfte, die für den Wassertransport in diese Höhen erforderlich sind (Koch et al. 2004).

Die Bäume mit der größten Volumenmasse erreichen nicht ganz diese Höhen, sind aber nicht weniger beeindruckend: Sieger dieser Kategorie sind die Riesen-Mammutbäume (Sequoiadendron giganteum), von denen vierzehn noch ungeschlagene Exemplare ein Volumen von jeweils mindestens 20000 Kubikfuß enthalten, also mehr als 1132 Kubikmeter. Ganz vorn in dieser Gruppe rangiert »General Sherman« mit einem Stammvolumen von 1489 Kubikmetern und 1550 Kubikmetern komplettem Holzvolumen, wenn man die Äste mitberechnet. Das entspricht einer quadratischen Säule mit 1 Meter Breite und einer Höhe von 1,5 Kilometern.

Der offiziell älteste Zeitriese ist wieder ein Nadelbaum, der auf einer Höhe von über 3000 Metern in den White Mountains im östlichen Kalifornien wächst: eine Langlebige Grannen-Kiefer (Pinus longaeva), 2012 noch recht lebendig, deren Alter durch Zählen der Jahresringe auf 5062 Jahre datiert wurde. Der Bohrkern war 1950 von dem Dendrologen Edmund Schulman entnommen worden, die Analyse konnte jedoch erst vor Kurzem von Tom Harlan gemacht werden, nachdem sein Kollege gestorben war. Damit war der Rekord von 4845 Jahren gebrochen, den lange »Methuselah« gehalten hatte, ein Baum derselben Art, der schon früher von den gleichen Forschern untersucht worden war. Diese erstaunliche Lebensdauer ist jedoch nur ein Bruchteil derjenigen von Klonen, also genetisch identischen Populationen, die durch die Bildung von Absenkern (Bewurzelung von Zweigen) oder von Wurzelbrut (aus dem Flachwurzelsystem) aus einem gemeinsamen Vorfahren hervorgegangen sind. Als solcher schon berühmt ist der Pappelwald in Utah: Er wäre 10 000 Jahre alt (wenn man nach den Verantwortlichen des Naturreservats geht, wo er wächst, sollen es sogar 80000 Jahre sein) und hat ein geschätztes Gesamtgewicht von 6000 Tonnen. Damit ist er der schwerste Organismus der Erde, allerdings mehrstämmig. Das Alter des »King’s Holly« aus Tasmanien (Lomatia tasmanica), einem Strauch, der nur als eine genetisch identische Kolonie besteht, die weder blüht noch Samen bildet, wird auf mindestens 43600 Jahre geschätzt. Diese Berechnung ließ sich durch die Analyse des radioaktiven Kohlenstoffs C14 aus fossilen Blättern machen, die in 8,5 Kilometern Entfernung gefunden wurden.

Riesen seit Urzeiten

Im Lauf der Erdzeitalter erscheinen baumartige Strukturen fast gleichzeitig mit der Entwicklung neuer pflanzlicher Lebensformen. Manchmal verschwinden sie aber wenige zehn Millionen Jahre später und überlassen krautig wachsenden Formen das Feld. Die archaisch gebauten Bärlappgewächse zum Beispiel, wie der berühmte Lepidodendron (»Schuppenbaum«), erscheinen zu Beginn des Devons und Carbons und »versuchen sich« sofort als Bäume (bis zu 40 Meter hoch), inklusive der Ausbildung von Wäldern. Gegen Ende des Paläozoikums tritt ein abrupter Rückgang ein, der die Bärlappgewächse nur noch als bescheidene Pflanzen zurücklässt, ohne das für Bäume charakteristische sekundäre Dickenwachstum.

Die Koniferen (Gymnospermen) weisen Dickenwachstum und den für Bäume typischen Habitus auf, seit sie ihre ersten fossilen Spuren hinterlassen haben; sie erscheinen am Ende des Karbons, also vor 300 Millionen Jahren. Aus dieser Linie hat sich später, vor 225 Millionen Jahren, die Zapfenstruktur herausgebildet, wie sie für die Piniengewächse (Pinaceae) typisch ist, die jedoch bis heute kaum krautige Formen hervorgebracht haben – im Höchstfall einige Sträucher, wie zum Beispiel den Wacholder. Dagegen lassen sich bei ihrer Evolution Linien mit verkleinerten Nadeln und erhöhter Trockenresistenz ausmachen. Auch die Angiospermen (Laubbäume) treten einige Zeitalter später (während der Kreidezeit) ausschließlich in Form von Bäumen auf den Plan und machen erst viel später (vom Miozän vor 25 Millionen Jahren bis zum Pliozän vor 11 Millionen Jahren) Platz für krautige Formen, die sich durch eine hohe Artenvielfalt auszeichnen. (BARGHOORN 1964, STRASBURGER 1983, LARTER/BOUCHÉ 2013)

Es stellt sich die Frage: Was ist das Geheimnis der Bäume? Oder, wissenschaftlicher formuliert: Welche Wuchseigenschaften oder Strukturen machen es möglich, dass Bäume sich diese räumlichen und zeitlichen Dimensionen erschließen?

Einen Teil der Antwort liefert die Unterscheidung zweier unterschiedlicher Wachstumsarten oder -phasen: Auf der einen Seite das vegetative Wachstum, also die Ausbildung der Organe wie Spross, Blatt oder Wurzel, die bei der Reproduktion nicht beteiligt sind, auf der anderen Seite das generative Wachstum als Ausgangspunkt für Blüten, Früchte und Samen.

Während eine Jahrespflanze – beispielsweise eine Sonnenblume – ihren kompletten Lebenszyklus, also Keimung, vegetatives Wachstum, Blüte, Frucht, Welke/Samenverbreitung, vom Frühling bis zum Herbst durchläuft, entwickelt sich ein Baum über viele Jahre nur vegetativ. Das frisch gekeimte Samenkorn verwendet seine Energie vor allem zur Bildung von Wurzeln, wogegen der oberirdische Jahrestrieb in unseren Breiten nur wenige Zentimeter oder maximal einige Dezimeter groß wird. Anstelle kurzlebiger Blütenorgane werden beim Wachstum des Sprosses Strukturen eingebaut, mit denen die Härten des Winters oder Trockenperioden in südlichen Zonen überdauert werden können: die Knospen. Sie sind dazu bestimmt, sich im Folgejahr zu entwickeln, sie enthalten nämlich den Sprossembryo mit den Blattanlagen. Das Ganze ist teleskopartig komprimiert und wird von einem Schuppensystem geschützt, das für jede Art typisch ist. Es gibt Terminalknospen oder pseudoterminale, wenn die Spitze des Sprosses wegfällt, sowie Seiten- und Achselknospen, die in den Blattachseln sitzen.


Jahrestrieb der Buche im Sommer mit einer Terminal- und zwei Seitenknospen. (Foto E. Zürcher)

Diese Knospen kann man auch als Samen auf einer Mutterpflanze betrachten, die damit eine Kolonie individueller Geschwisterpflanzen hervorbringt und dem organischen Bauwerk, das der Baum darstellt, jedes Jahr ein weiteres Stockwerk hinzufügt. Durch diese Art von Wachstum können sich Bäume die dritte Dimension auf wesentlich effizientere und vor allem dauerhaftere Art erschließen als die Jahrespflanzen. Der Begriff »Knospensamen«, der auch mit dem »Baum als Kolonie« (französisch arbre coloniaire) verwandt ist, war schon Anfang des 18. Jahrhunderts formuliert worden. Francis Hallé, ein Experte für Tropenwälder und Anwalt einer neuartigen Annäherung an die Botanik, hat ihn erst in den letzten Jahren mit all seinen Auswirkungen weiterentwickelt.

Während der gesamten rein vegetativen Wachstumsphase, die bei Bäumen viele Jahre oder Jahrzehnte dauern kann, etabliert sich dank der Ausbildung sukzessiver Holzschichten in Stamm, Ästen und Wurzeln eine stabile Struktur im Raum (siehe Abbildung Seite 51). Es scheint, als ob der Impuls zum Blütenansatz und zur Bildung von Früchten und Samen zunächst als verholztes Gewebe »verinnerlicht« würde. Selbst wenn die Bäume später die reproduktive Phase erreicht haben, bleibt die Bildung von Blüten, Früchten und Samen relativ bescheiden und im Allgemeinen nicht besonders bunt; sie verhindert auch nicht das jährliche Holzwachstum unter der Rinde. Es ist bekannt, dass sich diese beiden Prozesse gegenseitig beeinträchtigen: In Jahren mit starker Fruchtbildung werden engere Jahresringe gebildet.

Dieses Wachstumsmodell mit Entwicklung einer Kolonie von Jahrestrieben, die vom gleichen Stamm und einem gemeinsamen Astwerk getragen sind, ist bei vielen Arten komplizierter und unterscheidet sich später durch »Neuaustriebe« (Reiterationen) desselben Architekturmodells im Kronenbereich des Baumes. Zu all den Jahrespflanzen, die oft mehrere zehn Meter über dem Boden eine Art »Prärie« am Rand der Krone bilden, kann man somit das Entstehen junger Bäume auf den Schultern des Mutterbaumes sehen, die weiter zum Erobern des Raumes beitragen. Das ist ein Schlüsselphänomen, die Botaniker sprechen deshalb auch von »potenzieller Unsterblichkeit« bei Bäumen. Dabei muss betont werden, dass die größten nicht unbedingt die ältesten sind: Riesenwuchs ist nicht mit der maximalen Lebensdauer vereinbar, weil das alte Individuum in diesem Fall exponierter ist.

Greifen wir hier das schöne Zitat des Entomologen Jean Henri FABRE auf, das diese Sichtweise von Bäumen veranschaulicht: »Wenn er wirklich ein kollektives Wesen ist, wo die aufeinanderfolgenden Generationen nach und nach aufeinander aufbauen, dann lebt der Baum sehr lange und stirbt sozusagen nur einen Unfalltod, schließlich folgen auf die alten Knospen jährlich neue, die das Pflanzengefüge immer jung und bereit für die Zukunft halten (…). Das Individuum geht unter, aber die Gemeinschaft besteht weiter« (1876).

Zurückgestutzte und sich selbst überlassene Eiche: Auf den alten tragenden Ästen entwickeln sich Neuaustriebe (Reiterationen), als ob neue junge Bäume auf dem alten Stamm aufsitzen würden. (Foto A. Hemelrijk)

Es sei allerdings betont, dass die Fähigkeit zur Langlebigkeit nicht absolut und für alle Baumarten gleich ist. Angesichts der beeindruckenden Beispiele von Eiben aus dem ersten Kapitel und der Langlebigen Grannen-Kiefer aus Kalifornien darf man nicht vergessen, dass einige Waldbaumarten nicht älter als fünfzig Jahre oder maximal ein Jahrhundert alt werden. Sie gehören zur Gruppe der Pionierbaumarten, die sich an stark belichteten Plätzen auf offenen Böden dort ansiedeln, wo Wald zerstört worden ist (zum Beispiel durch Orkane, Waldbrände oder Erdbeben). In den ersten Jahren wachsen sie sehr schnell und sind schon bald ausgewachsen, allerdings werden sie nicht besonders hoch. Pionierarten sind bei der Waldsukzession die ersten, die sich ansiedeln; auf sie folgen Arten mit mittlerem Lichtbedarf, dann Halbschatten- und schließlich Schattenbaumarten. In unseren Breiten sind die Birken (Betula sp.), Pappeln (Populus sp.) und Weiden (Salix sp.) Pioniere, in der Äquatorialzone ist es der Afrikanische Schirmbaum (Musanga cecropioides) oder der Amerikanische Ameisenbaum (Cecropia sciadophylla). Das Ende der Sukzession, auch Klimax genannt, besteht bei uns oft aus Arten, die in der Jugend langsam und im Unterwuchs wachsen, wie Buche (Fagus sylvatica) und Weißtanne (Abies alba), in deren Schatten sich manchmal die Eibe ausbreitet. So findet im Lauf der Zeit im Wald und am Waldboden eine Metamorphose statt, bei der bestimmte Arten die Aufgabe haben, die Ankunft anderer vorzubereiten. Diese werden schließlich von anderen Arten überholt und verschwinden wegen der Beschattung, die dadurch entsteht. Somit zeichnet sich der Organismus Wald durch eine Abfolge von Jugend-, Erwachsenen- und Altersphase aus. Dieses funktionale Naturverständnis ist für den Betrachter wesentlich ergiebiger, als wenn er sich nur auf das Prinzip von Konkurrenz und Überlebenskampf auf der Ebene des Individuums beschränken würde (Abbildung Seite 52).

Trotz vieler Ausnahmen lässt sich sehr verallgemeinernd folgende Regel aufstellen: Schnelles Wachstum, mittlere Größe und kurze Lebensdauer der Lichtbaumarten ergeben ein Holz mit hellen, großen Jahresringen und von schwacher Dauerhaftigkeit; die Schattenarten am anderen Ende der Waldsukzession haben ein langsames Wachstum, erreichen sehr große Höhen und sind von einer Langlebigkeit, die auf der Ausbildung enger, dichter und dunkler Jahresringe mit einer hohen natürlichen Beständigkeit gegenüber Pilzen und Insekten beruht.


1 Terminalknospe

2 Seitenknospen (aus denen Seitentriebe und Wirtel entspringen)

3 Terminaltrieb = Spitze

4 Wirtel: pro Jahr eine Astkrone

5 Ein Jahr entspricht einem Ring.

Schematischer Aufbau eines Baumes mit der Abfolge von Wirteln und den entsprechenden Wachstumsringen (ergänzt nach RIOUX-NIVERT 1996; Zeichnung D. Rambert). Das dargestellte Wurzelsystem ist stark ausgeprägt, wie es in ariden Gebieten der Fall ist.

Sukzessionsstadien im Wald unter Beteiligung der Lichtbaumarten, dann der Halblicht- und Halbschattenbäume und schließlich der Schattenbaumarten. Bei den Baumarten lässt sich eine gewisse Flexibilität beobachten: Fichten können an vollsonnige Standorte gepflanzt werden und weisen dann auf fertilen Böden ein sehr schnelles Wachstum auf, während sie auf manchen natürlichen Waldstandorten zum abschließenden (Klimax-)Stadium der natürlichen Sukzession gehören und dort wesentlich langsamer wachsen. Die technischen Holzeigenschaften der Letztgenannten sind den ersten weit überlegen.

___ Organische Substanz: Entstehung aus dem Unwägbaren

Die Fotosynthese (vom Griechischen phos, »Licht«, syn, »zusammen«, und tithenai, »setzen«) ist der Vorgang, bei dem die Pflanze Sonnenlicht aufnimmt, das mithilfe des Chlorophylls in chemische Energie umgewandelt wird. Dieses organische Molekül, das die grüne Farbe der Blätter bedingt, ist vielleicht das wichtigste von allen. Seine Struktur ist dem des Hämoglobins in unserem Blut erstaunlich ähnlich, mit dem einzigen Unterschied, dass das zentrale Atom nicht Eisen, Fe, sondern Magnesium, Mg, ist. Beide Moleküle stehen in einem besonderen Verhältnis zum Sauerstoff, wenn auch in umgekehrter Form: Während durch die Einwirkung des Chlorophylls Sauerstoff freigesetzt wird, wird er vom Hämoglobin aufgenommen.

Die Fotosynthese verleiht den Pflanzen die Fähigkeit zur Autotrophie; dies zeichnet Organismen aus, die ihre Nährstoffe und Bestandteile aus den anorganischen Substanzen ihrer Umgebung gewinnen können. Im Gegensatz dazu steht die Heterotrophie: die Abhängigkeit von organischer Substanz, die erst durch andere Organismen gewonnen werden muss.

Es ist relativ wenig bekannt, dass praktisch alle Bäume (Laub- und Nadelgehölze) nicht nur in den Blättern Chlorophyll enthalten, sondern auch in der Rinde und selbst in den lebenden Holzzellen der jungen Stämme sowie im Mark. Bezüglich der Rinde kann man sich davon ganz einfach überzeugen, indem man leicht an der Epidermis eines solchen Stammes kratzt: Daraufhin erscheint eine intensiv grüne Zellschicht. Dank spezieller anatomischer Strukturen kann das Licht in diese tiefen Schichten eindringen. Dadurch lässt sich die Assimilation durch das Chlorophyll steigern und ein Teil des CO2, das bei der eigenen Zellatmung entsteht, kann unmittelbar wiederverwendet werden. Zusätzlich wird das Problem der Anaerobiose (des Erstickens) im Inneren des verholzten Stammes verhindert.

Schätzungsweise sind es 100 Milliarden Tonnen, die chlorophyllhaltige Organismen, also Landpflanzen und Algen, weltweit jährlich an Kohlenhydraten und Zucker synthetisieren. Bäume sind hierbei die effizientesten Organismen, weil sie ungleich mehr Raum einnehmen als andere Lebewesen und weil sie Blätter ausbilden, die sich verschiedenen Lichtbedingungen anpassen können: Im unteren Kronenbereich entwickeln sich Schattenblätter, während die Lichtblätter an den direkt der Sonne ausgesetzten Partien wachsen. Ein tropischer Regenwald kann so pro Hektar und Jahr bis zu 20 Tonnen organischer Trockenmasse produzieren. In unseren Breiten sind Nadelbäume die effizientesten Holzproduzenten, weil sie nicht wie die Laubbäume große Mengen an Energie und Substanzen in die jährliche Ausbildung neuer Blätter investieren müssen. Eine andere Einschätzung auf globaler Ebene geht von 40 Milliarden Tonnen organischer Trockensubstanz aus, die jährlich von den Landpflanzen erzeugt wird, wobei drei Viertel dieser Masse den Wäldern zugeschrieben werden. In Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung entspricht dies einem »Jahresbudget« von ungefähr fünf Tonnen für jeden Menschen – letztlich ein verhältnismäßig geringer Betrag angesichts unseres aktuellen Verbrauchs an Lebensmitteln, verschiedenen Rohstoffen und Energie für das Wohnen und die Mobilität.

Die Bedeutung dieses Prozesses für den Naturhaushalt ist in ihrer ganzen Tragweite noch gar nicht so lange bekannt. Für die Betrachtungen des Aristoteles (384–322 v. Chr.) über die Zusammenhänge innerhalb der Natur spielte die Theorie der vier Elemente eine zentrale Rolle, die ein Jahrhundert zuvor von Empedokles von Agrigent entwickelt worden war. Erde, Wasser, Luft und Feuer sah man als die vier Bestandteile des Universums an: des Makrokosmos auf der einen Seite, der aus den Sternen, Planeten, Sonne und Erde bestand, und des Mikrokosmos auf der anderen, mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien. Pflanzen und Tiere unterscheiden sich hier lediglich hinsichtlich der Proportionen der Elemente, aus denen sie bestehen: »Die einen sind aus einer größeren Menge an Erde gemacht, wie die Gruppe der Pflanzen, die anderen aus einer größeren Menge an Wasser, wie die der Wassertiere. Was die beflügelten Tiere oder die kriechenden betrifft, so bestehen die einen aus einer größeren Menge an Luft und die anderen aus einer größeren Menge an Feuer«, heißt es bei Aristoteles. Dieses Dogma wurde erst während der Renaissance infrage gestellt, vor allem von Jan Baptist van Helmont (1577–1644). Der anerkannte flämische Mediziner und Chemiker war Schüler des berühmten Paracelsus (1493–1541) und setzte dessen Entwicklung der pharmazeutischen Chemie (Iatrochemie) fort. Er entdeckte im Experiment die Gase, die er benannte und die sich von Dampf, Wasser und Luft unterscheiden. Für van Helmont war Wasser der Ursprung aller Körper und nicht die vier Elemente. Davon war er nach einem der ersten biologischen Experimente, das moderne wissenschaftliche Kriterien erfüllt, überzeugt.

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