Читать книгу: «Swallow, mein wackerer Mustang»
Erich Loest
Swallow,
mein wackerer Mustang
Karl-May-Roman
mitteldeutscher verlag
Erich Loest, geb. 1926 in Mittweida/Sachsen, 1944/45 Kriegsdienst, 1947 – 1950 Volontär und Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung, ab 1950 freischaffender Schriftsteller, 1957 Ausschluss aus der SED, Verurteilung zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus aus politischen Gründen, nach Entlassung wieder als Schriftsteller tätig, 1979 Austritt aus dem Schriftstellerverband aus Protest gegen Zensur, 1981 Ausreise in die Bundesrepublik, 1994 – 1997 Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller. Loest lebt in Leipzig, wo er 1996 Ehrenbürger wurde.
Im Mitteldeutschen Verlag sind u. a. erhältlich: »Völkerschlachtdenkmal«, »Der Zorn des Schafes«, »Reichsgericht«, »Fallhöhe«, »Bauchschüsse«, »Nikolaikirche«, »Gute Genossen« und »Es geht seinen Gang«. Weitere Titel unter www.mitteldeutscherverlag.de.
2012
© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
www.mitteldeutscherverlag.de
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung
des Linden-Verlags, Leipzig
© Linden-Verlag, Leipzig 1996
Alle Rechte vorbehalten.
Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
Umschlagabbildungen: Pferdesilhouette (Fotolia.com – ironflame)
Porträt Karl May, 1907, Ausschnitt (Foto: Erwin Raupp)
ISBN 978-3-95462-724-0
1. Kapitel: Waldheim
1
»Zum wievieltenmal sind Sie inhaftiert?«
»Zum drittenmal, Herr Direktor.«
»Waren’s nicht fünf?«
»Eigentlich …«
Der Direktor winkt ab, er mag diese Halbintellektuellen nicht, diese vor Ehrgeiz Zitternden, Kränklichen, zu kurz Gekommenen. Ein Wunder, daß den Züchtling 402 noch nicht die Schwindsucht weggeleckt hat. Dieser Direktor kann mit den stupidesten Burschen fertig werden, mit Straßenräubern noch am besten, die heilfroh sind, daß das Beil sie verschont hat, die ein halbes Jahr lang wie die Hündchen kuschen, wenn sie mal wieder die Kugel am Bein gespürt haben. Aber der? »Sie sind zweimal ordnungsgemäß entlassen worden?«
»Ordnungsgemäß, Herr Direktor.«
»Und wievielmal sind Sie ausgebrochen?«
»Nie, Herr Direktor.«
May hat die Fingerspitzen an die Drillichhose gepreßt, er starrt auf die Hände des Direktors, die Papier auffalten; ein Zucken vom Mundwinkel in die Oberlippe signalisiert ihm seine Furcht. Ausgebrochen, da hat ihn also einer verpfiffen, wer, wenn nicht Prott. Der hat nie genug hören können; ohne Protts Bohren hätte er sich diese Geschichte nicht ausgedacht vom Ausbruch aus Prags sicherstem Verlies, als sie einen Wärter als Geisel mitschleppten, gefesselt und geknebelt, abgeseilt eine Mauer hinunter und durch einen Graben und einen Wall hinauf, und der Doppelposten auf einem Turm hatte nicht zu schießen gewagt. Drüben standen Pferde bereit, tolle Pferde, sag ich euch! Die Ausbrecher warfen den Wärter über einen Pferderücken und sprengten durch nachtdunkle Straßen, Fackeln wurden ihnen in den Weg geschleudert, unversehens waren die Felder weit und die Sterne hoch, kalt blies der Nachtwind. In einem Dickicht machten sie halt, Freunde hatten auf sie gewartet, einer wollte den Wärter erdolchen, aber er, May, warf sich dem Kumpan in den Arm.
»Waren Sie in Prag im Gefängnis?«
Also wirklich Prott, der immer wieder gefragt hat: und? Dieses Und hat die Geschichte weiterfließen lassen durch Nächte und Tage und Wälder und Schenken nach Bayern hinüber, bis zu einer Bauerntochter in einer Scheune, aber da hat Prott umsonst gefragt: und?
»Haben Sie nicht verstanden?«
»Ich saß nie in Prag im Gefängnis.«
»Wir werden nachforschen.« Ein Narr, davon geht der Direktor aus, ein Schulmeisterlein, hirnkrank schon in jungen Jahren. »Wo haben Sie gelernt, mit Pferden umzugehen?«
»Als Junge, beim Nachbarn.«
»Ackergäule?«
May drückt die Fingerspitzen an die Hose, er möchte um Himmels willen nichts verderben, er kennt den Karzer mit seinen nassen Mauern. »Ja, Ackergäule.« Er zwingt sich, dem Direktor in die Augen zu sehen, da wird er eher die Wahrheit herauspressen, da kann er vielleicht auflachend sagen: Dem Prott hab ich einen Bären aufgebunden, der schluckt doch alles, und was soll einer reden die ganze Zeit? Die Augen des Direktors bleiben starr hinter den Zwickergläsern, wenigstens wirken sie nicht gierig auf neue unerhörte Begebenheiten.
»Ich hab nie reiten gelernt.« Die Hände lösen sich vom Hosenstoff, er hüstelt, die Lippe zuckt, endlich öffnet sich der Mund zu einem gnadesuchenden Lächeln. »Bin nie ausgebrochen, Herr Direktor, auch in Prag nicht.«
»Natürlich bist du nie ausgebrochen.« Der Direktor blättert in einer Mappe. Ein Betrüger, ein Dieb ist 402, kein Gewaltverbrecher. Einmal hat er Verfolger mit einem ungeladenen Terzerol bedroht, einmal hat er sich von einem Wächter losgerissen und ist über Felder davongerannt. Das paßt nicht ins übrige Bild. Der Direktor hat erfahren, daß es in der buntscheckigen Schar seiner Häftlinge sogar solche gibt, die anderen das schwerere Delikt und die härtere Strafe aus Ganovenehre heraus mißgönnen. Nicht so 402, der schneidet nur auf. »Wie war das, als du geflüchtet bist, damals bei Werdau?«
Jetzt stößt May die Hände vor, begegnet dem mißbilligenden Blick des Direktors, läßt sie sinken, birgt sie auf dem Rücken und preßt eine Hand mit der anderen fest. »Eine Rast, wir waren zu einem Lokaltermin unterwegs.«
»Zu einem Ort, an dem du die Leute betrogen hast, May. Wie hattest du dich dort genannt?«
»Polizeileutnant von Wolframsdorf.«
»Nicht etwa Doktor der Medizin Heilig?«
»Das war andermal.« Er muß die Hände ineinanderkrampfen, damit sie nicht wieder vorrucken. »Eine Rast am Mittag zwischen zwei Dörfern. Wir saßen am Straßenrand, der Wachtmeister schnitt Brot ab und gab auch mir ein Stück, ich konnte es schwer halten wegen der Brezel, in der meine Hände steckten.«
»Eine eiserne Brezel, und du hast sie zerbrochen.«
»Es war schlechtes Eisen.«
Die Stimme des Direktors wird höhnisch. »Aber wir in Waldheim haben prachtvolles Eisen vor den Fenstern, daß du’s weißt! Und weiter?«
»Ich hab Felder gesehen und eine Lerche gehört, ich dachte an das Zuchthaus Osterstein in Zwickau und die Jahre darin. Plötzlich hatte ich Angst, ich würde sterben, müßte ich noch einmal hinein. So bin ich losgerannt«
»Und dem Wärter hast du einen Stoß versetzt.«
»Unabsichtlich, nur so beim Aufspringen.«
»Und bist bis nach Böhmen gekommen. Aber sie haben dich geschnappt und rausgefunden, wer du bist. Wie hast du dich doch genannt?«
»Albin Wadenbach.«
»Und hast behauptet, du besäßest auf der Insel Martinique eine Plantage und reistest durch Europa, um Verwandte zu besuchen. Ein Plantagenbesitzer nächtigt in einem Heuschober!« Der Direktor sieht, daß May sich verfärbt hat: bleich, schweißig ist seine Haut. »Das hörst du nicht gern?«
Schwäche überkommt May, die diese furchtbaren Namen wegdrängt, Doktor Heilig, Notenstecher Hermin, Polizeileutnant von Wolframsdorf, Geheimrat – wie doch gleich in Ponitz, als er fliehen mußte und das Terzerol zog? Böse Geister waren über ihm, aber er macht ihre Kraft zunichte, wenn er diese Namen auslöscht. Der Direktor hat die Geister zu neuem Leben erweckt, indem er ihre Namen nannte, Namen aus der schrecklichen Zeit, in der die Dämonen ihn trieben, peitschten. Er selbst war es nicht, der sich als Dr. Heilig in einem Kleidermagazin in Penig ausstaffieren ließ und den Händler prellte, der als Notenstecher Hermin am Thomaskirchhof 12 in Leipzig einen Pelz zur Ansicht übernahm, mit ihm verschwand und der im Rosental überwältigt wurde. Geister hatten ihn in der Gewalt. Er will sagen: Das war ein anderes, mein schlechtes Ich, aber jetzt, hier in Waldheim, verblassen die Geister der Vergangenheit, ich vertreibe sie, ich will anständig, gütig sein. Die Felder und die Lerche, sie standen auf der Lichtseite, ich bin auf sie zugelaufen. Herr Direktor, ich war, ich will – aber seine Lippen öffnen sich nicht.
»May, wann werden Sie endlich vernünftig?« Der Direktor klappt die Mappe zu, ihn widern diese Betrügereien an. May wird nie eine Gewalttat begehen, wird sich nicht wehren, wenn er geschlagen wird, wird nie ausbrechen, nie einem Wärter widersprechen. Ein armseliger Narr. »Aber ich will nicht, daß in meiner Anstalt von Ausbruch geschwafelt wird, hörst du? Ich will nicht einmal, daß jemand an Ausbruch denkt! Hier herrscht Zucht, hier kommt Überhaupt niemand auf den Gedanken, man könnte einen Wärter fesseln! Schon dafür blüht euch Karzer!« Vor einer Minute hat der Direktor noch nicht einmal erwogen, den Schwätzer 402 abzustrafen, plötzlich weiß er, daß er es tun wird. Auch Narren sind gefährlich. Wie leicht macht Mays Phantasterei die Runde durch die Zellen, vielleicht träumen heute nacht Züchtlinge, wie sie einen Wärter, wie sie den Direktor knebeln und auf ein Pferd binden und durch die schäumende Zschopau sprengen und sich nach dem Gebirge hinauf durchschlagen, nach Böhmen hinüber. »Ich verstehe Sie nicht, May!« Der Direktor neigt sich vor, seine Stimme wird beschwörend. »Eine große Zeit! Unser Volk im Aufbruch, alle Hände und Köpfe werden gebraucht! Sie hätten Soldat sein sollen! Manneszucht, Härte, Mars-la-Tour! Schauen Sie sich um im Deutschen Reich! Springt Ihnen das Herz nicht auf?«
May sieht das Glitzern in den Zwickergläsern, die Schnurrbartspitzen zittern. Hinter dem Direktor hängt das Bild Seiner Majestät des Königs von Sachsen, Licht fällt auf Orden, bricht sich. Licht – und May fürchtet sich vor der Nacht des Karzers, jeden Augenblick kann die Stimme des Direktors Karzer verkünden, sieben Tage, einundzwanzig. Sedan – zu der Zeit saß May im Gefängnis, da brüllten sich die Wärter die Siegesnachricht zu, von einer Stunde zur anderen brandete das Gerücht von einem gewaltigen Pardon auf, von einer Generalamnestie, denn ungeheurem Sieg mußte unermeßliche Gnade folgen. Sogar Mörder schrien, in vier Wochen wären sie frei.
»May, denken Sie an die Eisenbahnen! Stählerne Stränge von Nord nach Süd, von Ost nach West durchs Vaterland. Eine gewaltige Zeit!« Die Stimme des Direktors gerät ins Ungenaue, derlei verkündet er jeden Tag; was folgt, ist nicht speziell auf 402 gemünzt. »Dumm sind Sie doch nicht. Kann noch was werden aus Ihnen! In dieser beispiellosen Zeit! Alles im Umbruch, Platz für jeden im Reich.« Der Direktor vermutet Angst in Mays Augen. Wo Angst ist, ist schlechtes Gewissen, Angst fordert Strafe heraus. »Eine Woche Karzer!«
Eine Stunde später kauert May im Dunkeln, die Kälte der Beinschelle schlägt durch den Drillich, es ist zwecklos zu versuchen, sie einmal an der einen, einmal an der anderen Seite anliegen zu lassen. Er kann den Finger nicht dazwischenschieben. Vielleicht stirbt der Fuß ab, gerät Brand hinein, sie werden im Spital den Fuß abtrennen, an Krücken wird er das Zuchthaus verlassen. Aber ein Mann kann auch reiten mit einem Fuß. Ein Einbeiniger kann auf einem Wall den Abschuß einer Kanone befehligen, wenn die Sonne brennt, wenn die Tuaregs anreiten in schneeweißen Burnussen und ihre Gewehre schwingen, wenn sie bis an den Fuß der Schanze heransprengen, daß der Schweißgeruch der Pferde herauffliegt. Dann kann ein Mann, der sich auf einen Stock stützt, das Feuersignal schreien, und über die Köpfe der Tuaregs hinweg fegt der Kartätschenhagel in die Wüste hinaus, die Ansprengenden reißen ihre Pferde herum und verschwinden im quellenden Staub wie eine Fata Morgana.
Eine Schüssel mit Brei wird hereingereicht, also ist Mittag. Für eine halbe Minute schlägt Helligkeit in die Zelle, Wüstenhelligkeit unter glitzerndem Himmel, Wüstenwind, der sich voll Hitze gesogen hat weit unten am Äquator. Der Kalfaktor wirft eine Matte hin, das hat der Direktor nachträglich angeordnet, weil ihn seine Entscheidung halb und halb gereut hat: Der May, mein Gott, der Narr! May schiebt die Matte unter die Füße, hört die Stimme des Direktors: eine große Zeit! May war nicht dabei, als Sachsen auf St. Privat vorrückten, er ist nicht einen Hügel emporgesprengt und hat, die Hand grüßend am Helm und keuchend vom atemlosen Ritt, den Befehl zum Angriff überbracht. Nie hat er Soldat werden wollen, weil Soldaten in feuchten Kasernen hausten wie drüben in Glauchau oder in den Wachstuben unter dem Waldenburger Schloß, weil sie in Reih und Glied marschierten unter sengender Sonne, weil niemals er den Befehl zum Angriff überbringen würde, sondern Rittmeister von Schönburg vielleicht, und der Musketier May wäre, andere Musketiere neben sich, vorgestapft auf St. Privat. Er hat als Junge gehorchen müssen, sein Vater spielte Leutnant, Major, General, Karl stellte die sächsische Armee dar und schlug Preußen, Russen, Franzosen auf den Feldern Ernstthals, schwärmte aus und schrie Hurra und stand zitternd unter den Befehlen des Webers May, der Offizier der Bürgerwehr war und quälend gern ein richtiger Offizier hatte sein wollen. Der Vater hatte ihm Kriegssehnsucht ausgetrieben, dieser Mann mit den fiebrigen Träumen, der selig gewesen war, wenn er in der Schenke neben einem Beamten, einem Kaufmann, einem Notar hatte sitzen dürfen, und der am nächsten Morgen mit grauem Gesicht in seiner Werkstatt gehockt hatte, wieder ein hungriger Weber. May reibt die Füße gegeneinander. Was ist schlimmer, an einen Ring an der Wand im Zuchthaus zu Waldheim oder an einen Webstuhl in Ernstthal gekettet zu sein?
Er krümmt sich auf der Matte zusammen, ein Ellbogen ist auf den Stein gestützt. So löffelt er den Brei, Wärme breitet sich vom Magen her aus, Schläfrigkeit auch, so träumt er sich in die Kindheit zurück, als er, dreijährig, vierjährig, für Monate erblindete, durchs Haus tappte, als er roch: die modrige Steinkühle des Hausflurs, den beißenden Geruch aus der Küche, als er fühlte: kalt die Klinke der Hoftür, die Schwelle unter dem Fuß, die runden, glatten Steine im Hof. Um ihn war die Stimme der Großmutter, sie hüllte ein, bewahrte, schmeichelte Karli, mein Karlchen. Hände hoben ihn auf den Schoß, über sie tastete er hin mit Fingern und Lippen, fühlte weiche, rauhe, harte Haut, fühlte Schenkel, Bauch und Brüste, drängte sich an und sog Duft ein von Haut und Wolle und Atem. Die Großmutter sang Lieder vor, die Großmutter erzählte Märchen, Legenden; wichtiger als der Sinn der Worte war ihr Klang. Karlchen, riechst du was? Das ist der Flieder, der blüht! Wie eine Göttin war sie, allgegenwärtig und von allumfassender Güte, allwissend, allmächtig. Der Duft des Flieders – es ist nicht möglich, daß der Flieder so viele Monate hindurch geblüht hat, wie Karlchen blind war, aber wenn er zurückdenkt an diese Zeit des Tastens und Hörens und Riechens, dann duftet der Flieder, spürt er Sonnenwärme auf seinen Wangen. Sonnenwärme auch auf der Landstraße von Waldenburg, Pflaumenbäume an den Seiten, Sonnenstrahlen sickern durchs Fenster der Schulstube, als Junglehrer May die Uhr zückt, als er ihr Tombak in der Sonne funkeln läßt, als sich Jungen aus den Bänken drücken, um die Uhr des Herrn Lehrers zu bestaunen. Eine Uhr, wer besitzt schon eine Uhr, der Vater nicht, der Großvater nicht, aber Herr Lehrer May.
Am Abend wird die Fußfessel gelöst, er fühlt von einer Zellenwand zur anderen, spreizt die Finger vor dem Gesicht. Die Schritte passen sich der Zellenlänge an, sieben hin, sieben zurück, federnd berühren die Fingerspitzen die Mauer, kurz vorher signalisiert Mörtelgeruch: noch wenige Zoll. An den Grafen von Monte Christo erinnert er sich, eine bessere Gefangenengeschichte, Verliesgeschichte wird nie jemand erfinden. Sieben Schritt hin, sieben her, den Boden müßte er aufgraben in einer einzigen Nacht, müßte Steine und Mörtel gegen die Tür türmen, mit dem Löffelstiel die Fugen auskratzen, das Gewölbe durchbrechen. Vielleicht liegt darunter die Wachstube – wie ein Gespenst stürzt er von der Decke herab auf den Tisch, schleudert einen Wärter gegen den Spind, seine Faust bohrt sich in einen Magen, ein Mann sinkt röchelnd zusammen. Eine Minute später tritt May, in eine Wachtmeisteruniform gekleidet, die Pistole in der Faust, aus der Wachstube, am Tor will ein Posten nach der Parole fragen, sein Kiefer klappt töricht herab, als er in die Pistolenmündung starrt. Eine Nacht und einen Tag reitet May, oben bei Marienberg liefert er einer Ulanenstreife ein Pistolengefecht, sein Pferd bricht unter ihm zusammen. Zu Fuß schlägt er sich durch die Wälder und schreibt aus einem böhmischen Gasthof ein höhnisches Billett an den obersten Kerkermeister von Waldheim.
Am vierten Tag läßt der Direktor den Züchtling 402 wieder in den Arbeitsraum bringen, da er hofft, dieser Denkzettel habe genügt. Prott, der Viehdieb, schaut von den Tabakblättern auf. Alle warten, daß May berichtet, wie es im Karzer war, warum er begnadigt worden ist, denn die Kunde war durch den Bau geflogen: May schmort für sieben Tage, warum? May zieht Deckblätter heran, streckt die Finger, die noch steif vor Kälte sind. Noch schweigt er, das ist gegen alle Spielregel, er weiß, daß fünfzehn Hirne sich martern, daß fünfzehn Ohrenpaare warten. »Eine alte Geschichte«, läßt er endlich wie nebenbei fallen. »Hängt mit einer Sache in Böhmen zusammen. Kann darüber nicht reden, versteht ihr?«
Prott fragt sofort: »Wieder der Ausbruch?«
May spürt ein Ziehen in der Brust, möchte antworten: ja, der Ausbruch. Aber er weicht aus: »Vielleicht haben sie einen alten Kumpel geschnappt.«
Prott pfeift durch die Zahnlücken. »Nachschlag?«
Nachschlag, damit ist zusätzliche Strafe gemeint; das fehlte noch, ihm wird der Direktor sowieso keinen einzigen Tag schenken, dem Wiederholungstäter. Schweißnaß sind Mays Hände auf einmal, er fürchtet, die Besinnung zu verlieren. Prott und zwei andere ziehen ihn hoch, schleppen ihn ans Fenster und drücken sein Gesicht zwischen die Gitter, damit er frische Luft atme. »Kriegst von mir die Hälfte Brot heute abend«, verspricht Prott. »Wirst schon wieder, Karle, wirst wieder!«
Ein paar Tage braucht May, bis er den Karzer überwunden hat und wieder so viele Zigarren wickelt wie sonst. Ein Thema wird breitgetreten: Gewehre, Pistolen. Einer hat als Waffenmeister bei den sächsischen Dragonern gedient und weiß alles über Perkussionsgewehre, penibel schildert er mancherlei Versuche, Zündhütchen so zu lagern, daß sie dem Schützen rasch zur Verfügung stehen, ja, daß sie sogar automatisch auf die Zündkegel gesteckt werden. Amorcoirs heißen die Magazine, es gibt Kautschukstreifen, in die die Hütchen eingedrückt sind. Der Franzose Bessières präsentierte das erste automatische Zündhütchenmagazin an einem Armeegewehr auf der Pariser Weltausstellung von 1855.
May fragt nicht dazwischen und kann nichts beisteuern. Die Franzosen – denen wird ja nun erst einmal die Lust vergangen sein, mit Waffen zu experimentieren, die haben zu zahlen, denen ist heimgezahlt worden, das Elsaß und das halbe Lothringen sind sie los! Einer war dabei bei Wörth, ist mit Typhus ins Lazarett gebracht worden, jetzt bietet er zum wiederholten Mal sein Erlebnis. Simple Geister, denkt May, sie haben nichts gesehen als den Helmrand des Vordermanns. Einer zog mit auf Königgrätz und hat an der Elbe Erbsensäcke bewacht, während nahebei die Armeen aufeinanderschlugen. Staub und Dreck und Fraß aus Kartoffeln und Rüben und schreiende Offiziere und Schweißgeruch wie in den Wachstuben in Waldenburg unter dem Schloß, das ist wie Zuchthaus, das ist wie daheim in Ernstthal, wo die Geschwister starben. Neue Geschwister kamen zur Welt, frische Rekruten ziehen in die Kasernen ein, aber nie würde er, May, vor einer Schwadron hersprengen. Kein Musketier rettete dem König das Leben, sondern ein Fähnrich. Nie wurde ein Lehrer General.
May fächert Tabakballen auf, die Fingerspitzen werden taub. Seine Oberlippe zuckt, die Arme schmerzen. Er braucht Hoffnung, sie erwächst aus dem Traum. Träume waren die Bücher, die er als Schuljunge in einer Schenke verschlang, wo er Kegel aufsetzte, wo ihm der Wirt hin und wieder ein Buch überließ, fleckig, schimmlig, grell die Bilder, schrill die Taten. Zwei Titel sind sofort gegenwärtig: »Botho von Tollenfels, der Retter der Unschuldigen« und »Bellini, der bewunderungswürdige Bandit«. May will vergessen, daß er träumte, ein Räuber zu sein, nie wird er jemandem beichten, daß er eines Morgens in einer Kegelbahn einen Zettel zurückließ: »Heute hab ich hier genächtigt. Karl May, Räuberhauptmann.« Wie ist das: Etwas, worüber niemand spricht – ist das gestorben? Etwas, das vergessen ist – ist das nie gewesen? Dieser Zettel – höchstwahrscheinlich denkt niemand mehr an ihn, nicht in diesem Dorf zwischen Chemnitz und Schwarzenberg, er ist in keiner Akte erwähnt.
»He, May!« Das ist natürlich Prott, sein böser Geist, der Geschichten aus ihm herauslockt, die vergessen sein sollen, der zu Geschichten ermuntert, die nie geschehen sind. Prott reißt lachend die Lippen auseinander, May starrt auf schwarze Zahnstummel. »He, May, wo warste eben? Erzähl mal, May!« Ein Spinner ist 402, ein Lügner, aber Geschichten kann er sich ausdenken wie kein anderer, und wenn er so dasitzt, als schliefe er in der nächsten Sekunde ein, ist er wohl gar nicht mehr in diesem Arbeitsraum, dann reitet er vielleicht wieder durch böhmische Wälder und raubt eine Kutsche aus und streut Dukaten den Armen in den Bergdörfern hin, und hungernde Kinder schlingen sich satt, und arme Männer kaufen sich und ihren Frauen Röcke und Mäntel und Schuhe. Kein guter Arbeiter, der May, weiß Prott, man muß ihn stoßen, damit man nicht seinetwegen um ein Stück Räucherfleisch kommt. »He, nun erzähl!«
Aber May redet wenig in diesen Tagen, er hört dem Gespräch zu, das von Waffen weiterfließt zum großen Krieg gegen die Franzosen, den alle deutschen Stämme schlugen. Preußische Ulanen ritten durch die französischen Linien, klärten auf, streiften durchs Hinterland, verfolgt von französischen Reitern, beschossen von Franktireurs, furchtlos, erfinderisch. Ihre Pferde fetzten im Vorbeireiten Laub von den Bäumen und soffen aus französischen Bächen. In der Nacht wurde ein einsames Gehöft umstellt, die Pferde ruhten im Stall, die Männer schlangen Brot und Fleisch und schlürften Wein. Die Bauernfamilie saß verängstigt zusammengedrängt, aber ein blutjunger, schlanker Leutnant versicherte in tadellosem Französisch, niemandem würde ein Haar gekrümmt. Im Morgengrauen sprengte die Patrouille weiter, preußische Taler blieben auf dem Tisch zurück.
Mays Finger streichen über Tabakblätter, er träumt sich in diese Fabel hinein. In einem lothringischen Schloß lebt ein junger Deutscher als Hauslehrer, ein hochgewachsener, schöner Mann mit blondem Haar und männlichem Blick. Aber ein Buckel entstellt ihn, niemand ahnt, daß er in Wirklichkeit ein preußischer Offizier ist, von uraltem Adel aus Pommern, daß er seit langem die Gespräche des Hausherrn und anderer Offiziere am Kamin belauscht, ihre Ränke durchschaut, geheime Nachrichten über den Rhein schickt. Da streifen Ulanen ums Schloß, der Hauslehrer, der Rittmeister, rettet sie aus tödlicher Umklammerung. Der Buckel? Am Ende wirft er ihn ab, er ist aus eisernen Bändern und Leder. Männlich schön steht der Rittmeister vor der Tochter des Schloßherrn. Das belauschte Gespräch, überlegt May – als er schon einmal gefangen saß, im Schloß Osterstein zu Zwickau, hat er geträumt, er wäre Schriftsteller. Aber in den Monaten der Freiheit danach hat er keine Zeile zu Papier gebracht.
»Feierabend!« Das ruft ein Wärter herein, Prott befiehlt Antreten, meldet, läßt zum Zellenbau abrücken. Der Züchtling 402 marschiert in einer Reihe mit Dieben, Betrügern, Landstreichern, einem Totschläger, einem Räuber. Aber dieser Räuber raubte für sich und Kumpane und Weiber, er war nicht wie Bellini, der bewunderungswürdige Bandit. Das Gute, sinnt May, während er sich vor seiner Zelle aufstellt, es gibt das Gute und das Böse, man muß es trennen, um es allen Menschen zeigen zu können. Wer, der das Gute endlich begriffen hat, möchte noch böse sein?
May wird eingeschlossen, wenig später öffnet der Wärter noch einmal die Tür, ein Kalfaktor schiebt die Schüssel mit der Abendsuppe und ein Stück Brot herein und noch einen Kanten Brot von Prott dazu. Schlüssel klappern, Ruhe breitet sich aus, May ißt gemächlich, seine Gedanken schweifen, er findet, daß sie wie in einem stillen See schwimmen, sie vermeiden Untiefen, biegen vor Riffen ab, gleiten ins sanfte Wasser zurück, das blau ist, das in gläsernen Wellen gegen sein Boot schlägt. Lebensboot. Er starrt gegen die Decke. Es ist wahr, in Zwickau hat er sich vorgenommen, Bücher für alle Menschen zu schreiben, die das Gute suchen. Aber er selbst hat nach der Haft nicht so leben können, wie diese Bücher es fordern sollten. Ganze dreizehn Monate war er frei, dann haben sie ihn gefaßt im Böhmischen und nach Mittweida gebracht und zu vier Jahren Kerker verurteilt. Zwei Jahre, sieben Monate und fünf Tage sind vorbei, der Rest wird verstreichen. Ob er bis dahin die Dämonen besiegen kann, die ihn getrieben und gefoltert haben? Er wird schreiben, dichten.
2
Noch einmal wird an diesem Abend die Zellentür aufgeschlossen, der Katechet Kochta tritt ein, der katholische Hilfsgeistliche der Anstalt. May springt auf und meldet, die Zelle dreineunzehn sei belegt mit dem Züchtling vierhundertzwei.
Der Katechet weist auf den Schemel, er selbst setzt sich auf die Pritsche. »Sie waren im Karzer.« Kochta verschweigt, daß er beim Direktor vorstellig geworden ist und gebeten hat, May einen Teil der Strafe zu erlassen. Typhus, Cholera, Beinbruch, dafür kennen die Ärzte Symptome; aber was ist das mit May? Die Lüge, warum lügen wir? Aus Angst, oder weil wir einem anderen nicht weh tun wollen? Kochta mustert Mays Stirn, die Augen, die hin und her huschen, die Lippen sind breitgezogen zu einem wartenden, argwöhnischen Lächeln. »Sie müssen sich nicht ängstigen, May, Ihre Karzerstrafe ist verbüßt. Aber warum haben Sie Ihre Kameraden so belogen?«
»Ich habe eine Geschichte erzählt.«
Kochta horcht auf. »Eine Legende? Aber eine Legende muß einen edlen Kern haben. Sie muß den bessern, der sie hört.«
Das wartende, rückzugsbereite Lächeln ist aus Mays Gesicht gewichen. Kochta ist ein schwerknochiger Mann, nicht eigentlich alt, aber alles andere als jung, man meint, er habe vor zehn Jahren schon so ausgesehen und würde in zehn Jahren nicht anders wirken; immer habe er Anzüge getragen aus schwarzem Tuch, das an den Ellbogen seifig wurde und nie zerschliß. Von Kochta strahlt Ruhe aus, diesem Mann muß man nicht sofort antworten wie dem Vater, einem Polizisten, dem Zuchthausdirektor. »Nützen«, sagt May, »ich wollte so gern den Armen helfen. Ich wollte stehlen für sie.«
»Du täuschst dich. Du hast für dich gestohlen. Beim Krämer Reimann in Wiederau.« Mays Augen flackern wieder, Spannung kehrt in die Mundwinkel zurück. Beim Krämer Reimann, das wissen beide, hat sich May als Geheimpolizist Leutnant von Wolframsdorf ausgegeben, der nach Falschgeld fahndet. Einen Zehntalerschein hat May als gefälscht und eine Uhr als gestohlen bezeichnet und beschlagnahmt, den Krämer hat er ins Gasthaus geführt, wo ihn angeblich Gendarmen abholen und nach Rochlitz eskortieren sollten. Durch eine Hintertür ist May mit Geld und Uhr verschwunden. »Du wolltest mehr scheinen, als du bist. Warst hoffärtig und eitel.«
»Ich wollte …«
»Was wolltest du?«
»Ins Gebirge hinauf.« Wälder, kreisrunde Kessel mit Felsenrändern und einem schmalen Eingang, der von Gebüsch verwuchert war und den nur wenige Verschworene kannten. Im Kessel eine sanfte Wiese, ragende Bäume, ein Quell. Dort konnten Männer vom Pferd steigen und sich um ein Feuer scharen, Männer konnten ein Männergespräch führen. Keine Gefahr, daß Feinde lauschten.
»Ins Gebirge?«
May zieht den Blick hoch; Kochtas Augen warten. Da ist er wieder aufgetaucht, dieser Jugendtraum vom bewunderungswürdigen Bandit Bellini, gemischt mit der Phantasterei vom Ulanenoffizier in einem lothringischen Schloß inmitten von Wäldern.
»Sie sind zerstreut, May. Dabei haben Sie’s gut, soweit man’s im Zuchthaus gut haben kann. Sie liegen in einer Einzelzelle, zur Arbeit sind Sie mit anderen zusammen. Die Arbeit ist leicht, nicht wahr? Sie sollten die Zeit bei uns nützen, um zu sich zu kommen. Ihre verworrenen Träume – schütteln Sie sie ab! Lesen Sie! Ich werde beim Direktor für sie bitten.«
Eine Woche später hält May Bücher und Journale in den Händen. Von Mungo Park liest er, der den Lauf des Niger erforschen wollte, des unheimlichen schwarzen Flusses. Ein Besessener war Mungo Park, halb verrückt gewiß, als er auszog, arabisch verkleidet, sich mit Krankheiten herumschlug und den unsäglichen Strapazen eines Wüstenmarsches, der immerfort von Tod bedroht war und doch den Niger fand und ihm folgte über Stromschnellen hinunter, geschunden, ohne Aussicht auf Lohn. Hoffnung hat ihn getrieben, nicht auf Ruhm und Geld, sondern auf Lohn aus der eigenen Brust. In diesen Tagen sitzt May schweigsam über den Tabakblättern, die anderen fragen, hänseln, wollen Geschichten herauslocken. Aber er reitet und leidet mit Mungo Park, da kann er vergessen, was der Katechet Kochta zum Leben erweckt hat, die Dämonen Leutnant von Wolframsdorf und Plantagenbesitzer Albin Wadenbach und Doktor der Medizin Heilig. May fröstelt, während seine Hände Tabakblätter rollen, während er an der Seite von Park aus dem Uferdschungel des Niger zu einem Zeltlager der Tuaregs hinüberspäht. Sein Gefährte wird vom Fieber geschüttelt, Schweiß bricht ihm aus, während sie durch Sümpfe zurückschleichen. May rettet ihm das Leben, denn ein Krokodil schnellt aus dem Morast, will Mungo Park packen, aber May reißt die Büchse hoch und fällt das Tier durch einen Schuß ins Auge. Hätte er es um einen einzigen Zoll verfehlt, lebte Park nicht mehr.
»He, May!«
May fährt zusammen, die anderen lachen. Prott zählt May vor, wie wenig er in den letzten beiden Stunden geschafft habe. Wenn er krank sei, solle er sich zum Feldscher melden und die anderen nicht mit seinem Anteil belasten. Wenn er ihnen wenigstens eine Geschichte erzählte, eine dieser tollen Geschichten aus seinem Leben! May trinkt Wasser aus einem Krug und befeuchtet die Stirn. Es ist schwül, dumpfig im Arbeitsraum hinter den Mauern des Zuchthauses Waldheim. Er ist nicht in Afrika, nicht Mungo Park spricht mit ihm, er hat ihm nicht das Leben gerettet. Prott schmeißt einen frischen Ballen hin und befiehlt, die Blätter zu lösen, aber vorsichtig gefälligst! Und eine Geschichte, he! Wie ist das weitergegangen in Böhmen, hat er nun eine Räuberbande befehligt oder nicht?
May will alle Kraft in die Hände zwingen, damit das Hirn Ruhe hat vor dem Teufel Prott und seinen Hilfsteufeln, vor den Dämonen Doktor Heilig und Leutnant von Wolframsdorf, vor dem Dämon, der ihn getrieben hat, eine geborgte Uhr als Eigentum auszugeben. Der Vater steht auf seinem Feldherrnhügel über dem Städtchen Ernstthal, ist dem Webstuhl entronnen, befehligt die sächsische Armee in der Schlacht von Kesselsdorf, und Karl steht frierend in der dünnen Jacke mit den längst zu kurzen Ärmeln und preßt einen Knüppel an die Schulter, der ein Gewehr sein soll. In einer Höhle verbirgt sich Karl, wärmt sich an einem spärlichen Feuer, weiß, daß ihn die Gendarmen suchen, ihn, den Dieb, der ein Räuberhauptmann werden will. Die Dämonen dringen in die Höhle ein, aus beiden Pistolen feuert May.
Prott packt als erster zu, aber er kann den Fallenden nicht halten, die Hand rutscht von der Schulter ab, Mayschlägt halb an die Wand und halb auf den Ziegelboden. Prott zieht May hoch, ein anderer hilft, ihn zu stützen, ein dritter drückt ihm einen Becher an die Lippen. May schlägt die Augen halb auf und läßt die Lider sofort wieder sinken; da fassen sie ihn unter den Achseln und tragen ihn hinaus und den Gang entlang und legen ihn auf die Pritsche in seiner Zelle. Ein Wachtmeister beugt sich über den Züchtling 402, lauscht auf den gleichmäßigen Atem, fragt Prott: »Der arbeitet wohl nicht gern?«
Das ist es nicht. Der ist bißchen verrückt. Manchmal bildet er sich ein, er wäre in Böhmen.« Prott hat nicht das ausgedrückt, was er meint, er sucht nach genaueren Worten und fügt hinzu: »Der kann seine Gedanken wegschicken. Die sind wirklich in Böhmen oder sonstwo, und dabei sitzt er hier und wickelt Zigarren.«
Später steht Kochta vor Mays Pritsche und legt die Hand auf Mays Stirn. Fieber hat er, nicht beängstigend hoch, der Atem geht ruhig. Die Zigarrenmacher haben ihm berichtet, wie 402 stumm gesessen und auf keine Frage geantwortet hat. Fieber von der Seele her, vermutet Kochta, ob es das gibt? Es ist nur gut, daß niemand den Feldscher geholt hat, der hätte womöglich geglaubt, ein Wasserguß könne den vermeintlichen Simulanten am ehesten auf die Beine bringen. »May«, bittet Kochta, »nun hören Sie doch und sehen Sie mich an! Ich weiß, daß Sie mich hören! Sie flüchten vor mir, hab ich das verdient?«
Lider zucken, May schlägt die Augen auf, nimmt ein Lächeln wahr, sieht Lippen sich bewegen. Kochta befiehlt nicht, schreit nicht, er setzt sich auf den Rand der Pritsche zum Züchtling 402 und legt wieder die Hand auf dessen Stirn und mutmaßt, das Fieber komme von der Seele, vom Herzen her, vom Gehirn vielleicht, die Gedanken fiebern, nicht eigentlich der Körper. »Vielleicht tun Ihnen die Bücher nicht gut? Sie sollten in der Bibel lesen, die großartigen Gleichnisse vom Herrn. Oder ruhige, schöne Gedichte. Was haben Sie gelesen?«
»Über Mungo Park.«
»Wer ist das?«
May richtet sich halb auf, während er mit fahrigen Worten berichtet; der Katechet drückt ihn zurück und fragt: »Wem bringt er Gutes?«
»Er bringt Wissen.«
»Wissen über einen Fluß, über ein Stück der Erde. Der Herr will, daß der Mensch sich die Erde untertan mache. Deinem Park könnten Missionare folgen. Du hast recht, dich an ihm aufzurichten. Aber tust du es nicht auch wegen der Gefahr?« Die Gefahr, überlegt Kochta, vielleicht hat die Gefahr diesen Mann gelockt zu stehlen, vielleicht suchte er einen Feind, um sich selbst zu beweisen, daß er mutig war, und er sah keinen anderen Gegner als die Gendarmen? Ein Rätsel ist er, ein Mensch immerhin, der sucht, und wer sollte ihm finden helfen, wenn nicht der Herr? »May, ehe du schläfst, wollen wir beten.«
Der Wärter schließt hinter Kochta ab. May ist allein, Dunkelheit breitet sich in der Zelle aus, die letzten Geräusche im Haus ersterben. An ein Gespräch erinnert er sich, das sie vor Wochen während der Arbeit geführt haben: Kann man sich im Zuchthaus heimisch fühlen? Nach vier Jahren, haben manche gesagt, wenn du vergessen hast, was Frauen und Schnaps und ein durchsonnter Wald und der Geruch eines reifen Roggenfeldes für Glück sind. Zwei Jahre, sieben Monate und siebzehn Tage ist er gefangen. Erst in der Untersuchungshaft in Mittweida bis zum Prozeß, an einen Wärter gefesselt marschierte er über Ringethal und Hermsdorf, sah den Turm der Burg Kriebstein über der Zschopau im Mittagslicht, tauchte ein in die dämmrige Kühle des Zuchthauses Waldheim. Ein Heim im Wald, dieses Wort ist bitterster Hohn. Aber Ruhe findet er allmählich vor den Dämonen, er muß sie besiegen, bis er entlassen wird in einem Jahr, vier Monaten und dreizehn Tagen. Schreiben wollte er – ob er diese Dämonen aus sich herausschreiben kann? Vielleicht, wenn er sich in Waldheim geborgen fühlt. Vielleicht schon nach nicht einmal drei Jahren. Er sehnt sich nicht nach den Tagen, da er durch Sachsen und Böhmen streunte. Er sehnt sich nach Abenden wie diesem, wenn seine Gedanken nahe sind und nicht in lothringischen Wäldern, nicht durch afrikanische Wüsten irren.
Tags darauf ist das Fieber abgeklungen, May beugt sich blaß und stumm über seine Tabaksblätter. Von Politik ist die Rede, von Nationalliberalen und Konservativen und der Reichspartei und dem einen Mann der Sozialdemokraten im Reichstag. May hört kaum zu. So hat der Vater geredet, wenn er vom Bier nach Hause kam, so klug und so dumm und so aufgeregt und so eitel. Hoffnung braucht May, und Hoffnung kommt für ihn nicht aus der Bibel. Einmal, dessen entsinnt er sich, brach er in eine erträumte Ferne auf. Als die Not zu Hause am größten war, verschwand er eines Morgens und ließ einen Zettel zurück, auf dem stand, er sei unterwegs, um von spanischen Räubern Hilfe zu erbitten. Er kam nicht über Zwickau hinaus.
Am Abend bringt Kochta die Bibel, bringt auch Papier und Tinte und Feder. »Schreib deine Gedanken auf. Wenn du das vermagst, kannst du dich von bösen Vorstellungen befreien.« Für einen Augenblick wird Kochta von der Idee gestreift, dieses Papier den Flammen zu übergeben und so die Worte auszulöschen. Hexerei wäre das, er schiebt den Gedanken von sich.
May blättert, als er allein ist, in der Bibel, legt sie beiseite, nimmt einen Bogen und fährt mit der Hand glättend über ihn hin. Über einen Ritt durch die Prärie will er fabeln, in der Wildnis wird sein Bericht beginnen, auf einem Grashügel, mit einem Blick in die Unendlichkeit. Er schreibt diesen Satz: »Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren.« Er liest ihn wieder, richtet den Blick auf die Zellenwand, denkt an den nächsten Satz, schreibt ihn und streicht ihn durch. An diesem Abend füllt er zwei Bögen.
Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren – diesen Satz sagte er sich am nächsten Morgen immer wieder in Gedanken vor, er findet ihn träumerisch, hoffnungsvoll; Kraft fühlt er in ihm, die auf ihn zurückkommt. Denn er selbst ist es, der über Präriegras sprengt, er tröselt keine Fäden auf, mit denen Tabakblätter gebündelt sind. Swallow, mein wackerer Mustang.
»Na, May?« Prott hat durch einen Kalfaktor erfahren, daß Kochta mit Tinte und Papier zu 402 unterwegs war. May hat geschrieben – hat er seine Kameraden angeschwärzt, ist er unter die verdammten Spitzel gegangen? »Na, Karle, hast die Bibel abgeschrieben gestern?«
In dieser Woche bedeckt May zwanzig Bögen mit Wörtern. Aus den Prärien und Wüsten zwingt er seine Gedanken zu dem zurück, das er aus eigener Anschauung kennt, rasch gelingt ihm der Gedankensprung: Das da ist wirklich geschehen, ich habe es selbst erlebt. Eine Landschaft stellt sich vor wie von Ernstthal ins Gebirge hinauf; ein Waldbauer tyrannisiert die Armen des Ortes, den redlichen Grunert vor allem, der ihm einst ein Mädchen weggeschnappt hat, dessen Gehöft abbrannte, dessen Frau nun krank ist und der in einer Hütte haust, die dem Waldbauern gehört. Den Waldbauern läßt May denken: »Fühlen? Was das nur eigentlich für dummes Zeug ist! Wenn ich den Hund prügle, ja, so fühlt er die Schläge; aber etwas anderes? Albernheiten!« Durch seinen Schwager Ebert wird Grunert zum Wildern verleitet, aber der Waldbauer hat an der Eisenhöhle längst eine Falle gestellt. An die Höhle nördlich von Ernstthal denkt May beim Schreiben, in der er sich einst verbarg. Grunert und Ebert werden überwältigt, voller Rachegelüste kehrt Ebert zurück. Aber Grunert ist endgültig geläutert. Da brennt das Gut des Waldbauern ab – Versicherungsschwindel! Die Gendarmen schleppen den Waldbauern ins Gefängnis, aber Grunert hat seinen Schwager in der Nähe der Brandstelle gesehen! Seiner Frau bekennt er, daß er ihren Bruder anzeigen muß, »und wenn er zehntausendmal dein Bruder ist und wenn er uns zehntausendmal so viel Gutes getan hat; denn ich hätt’ den Waldbauern sonst auf dem Gewissen all’ mein Lebtag!« Auch beim Pfarrer hat sich Grunert Rat geholt, nun führt er eine atemberaubende Wende des Prozesses herbei. Kaum ist der Waldbauer entlastet, als auch der Pfarrer und Ebert auftreten, denn der Pfarrer hat indessen Ebert zu tätiger Reue bewogen. Erschüttert von so viel Edelsinn bricht endlich auch im Waldbauern die Kruste, er bekennt aus freien Stücken, daß er vor fünfzehn Jahren aus Rachegelüsten Grunerts Haus angezündet hat, nun soll ihn die gerechte Strafe endlich treffen. Der arme Grunert mit seiner Familie aber möge in dieser Zeit seine Güter verwalten.
Kochta liest. »Eine Legende aus unseren Tagen. Löblich. Ich werde sie dem Herrn Direktor zeigen. Er dürfte sehen, daß Sie sich auf gutem Weg befinden.«
»Und wird«, tastet May vor, »der Herr Direktor auch merken, wie ich zu der Strafe stehe, die über mich verhängt worden ist? Daß ich ihre nützliche Wirkung …«
Anderntags legt Kochta seinem Direktor die Erzählung auf den Tisch. Der Direktor zieht die Brauen hoch: Der schwächliche Schwätzer? Sieh an! Er drückt den Zwicker fest, liest und lacht. Einfältiger Schund ist das, entscheidet er nach zwei Seiten, aber natürlich ist es besser, wenn 402 seine abstruse Phantasie am Papier abreagiert, als daß er die übrigen Sträflinge rebellisch macht. »Und Sie versprechen sich etwas davon?«
»Beruhigung, Ausgleich, vielleicht Heilung.«
Das klingt dem Direktor nun ein wenig übertrieben, aber so kennt er seinen Katecheten, gütig bis zur Selbstaufopferung.
»Vielleicht müßte May sich gedruckt sehen.«
Der Direktor lacht, daß die Schnurrbartspitzen zittern. Das ist nun wieder sein Katechet, wie er leibt und lebt. Vielleicht wird er noch das Geschreibsel an einen Verleger vermitteln? Dies hier ist ein Zuchthaus, 402 ist ein Hochstapler, seine Arbeitsleistung läßt zu wünschen übrig, die Reden, die er führt, könnten sich ungünstig auf das Anstaltsklima auswirken. »Ein Hochstapler, Herr Kochta!«
»May schreibt das Schlechte aus sich heraus.«
Der Direktor entsinnt sich, daß er zu May gesagt hat: Dumm sind Sie nicht, aus Ihnen könnte noch etwas werden, Platz ist für jeden im Reich. An einen, der billige Geschichten schreibt, hat er dabei allerdings nicht gedacht. »Auf Ihre Verantwortung, Kochta! Bekommt er Besuch?«
»Seinen Vater.«
»Der Kerl kann ihm meinethalben sein Gestümper mitgeben.«
Ein Druckmittel gegen 402, sinnt der Direktor. Es ist immer gut, wenn ein Züchtling etwas besitzt, das man ihm wegnehmen kann.
3
May schreibt. »Vor allem Güte«, bittet Kochta. »Eine Geschichte muß Hoffnung geben, Trost. Sie muß den Leser fromm machen. Das Gute muß siegen.«
Das Gute – in den Märchen, die die Großmutter erzählte, wurde das Böse bestraft nach dem Grad seiner Bosheit. Eine Tracht Prügel für den Lügner, ein Monat Karzer für den Dieb, dem Mörder hackten am Galgen die Raben die Augen aus. Aber die schöne Unschuld wurde vom Königssohn auf den Thron gehoben.
Einmal wird May aus dem Arbeitsraum herausgerufen, ein Wärter ordnet an, daß der Züchtling 402 einen sauberen Kittel anzieht, der ohne Taschen ist. »Sie haben Besuch«, sagte der Wärter, »Sie wissen, daß Sie über nichts reden dürfen, was mit dem Zuchthaus zusammenhängt, nicht, mit wem Sie zusammen sind. Nur Persönliches!«
Die Haut über der Stirn brennt. Er wird einen Gang entlanggeführt, in einer Zelle sitzen Kochta und ein magerer, ergrauter Mann. May erschrickt, das ist sein Vater, der im letzten halben Jahr gealtert ist, als wären zehn Winter vergangen. Dieser Vater erschrickt über das Aussehen seines Sohnes; bleich, gedunsen ist Karl, sein Lächeln steht im Widerspruch zu der Furcht in den Augen. Der Katechet sagt: »Sie wissen, worüber Sie sprechen dürfen und worüber nicht. Bitte, machen Sie mir keine Ungelegenheiten.« Er läßt einen Satz folgen, der ihm Unbehagen bereitet, weil er eine Heuchelei enthält, die ihm sein Amt leichter macht: »Sie beide sind doch gebildete Männer.«
»Ich habe geschrieben, Vater!«
»Geschrieben?«
»Eine Erzählung, Vater!«
Freude zuckt im Weber May auf – Karl durfte schreiben, also hat er sich mit der Obrigkeit gut gestellt? Wird er amnestiert?
Vorsichtig schaltet sich Kochta ein und dämpft überschwengliche Hoffnung. Vielleicht gelingt es Herrn May, Fäden zu knüpfen? Kochta hat herumgehorcht, der Verleger Münchmeyer in Dresden ist ihm genannt worden, er gibt Journale und Kalender heraus. Der Vater merkt sich den Namen, Flecke treten auf seine Wangen, denn da breiten sich vor dem Sohn gewaltige Möglichkeiten aus, eröffnet sich ein Weg nach oben und für ihn selbst vielleicht auch: er, der Vater eines Schriftstellers, der mit Druckern verhandelt. Da werden die Leute in Ernstthals Wirtshäusern aufhorchen, an seinen Tisch werden sie rücken und ihm Branntwein spendieren, auf daß er wieder und wieder berichte, was ihm in Dresden im Hause eines Verlegers widerfahren sei. Was ist gezahlt worden, drei, zehn, hundert Taler?
»Nimm alles mit, Vater!«
Von den Geschwistern reden sie noch, vom Haus daheim, das ein neues Dach braucht, über den Preis für Schiefer. Der Katechet wirft ein, die Besuchszeit sei in fünf Minuten verstrichen. Da will Karl noch rasch erläutern, wie das Schreiben die Dämonen verdrängt, aber er findet die Worte nicht, von denen er sicher ist, daß Vater sie versteht. Beim Händedruck glühen wieder Flecke auf den Wangen des Vaters. »Bleib gesund, Karl! Und mach dem Herrn Katecheten keinen Verdruß!«
Am Abend sitzt May wieder in der Zelle. Einen Bogen hat er zweimal geschrieben, die Kopie behalten, den ersten Satz liest er abermals: Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren. Das stimmt ihn ein. Helligkeit über der Prärie, ein Punkt taucht am Horizont auf. Das Ich liegt im Gras, Swallow hat den schönen Kopf an seinen Schenkel gedrückt, sanft blähen sich die Nüstern. An den Vater denkt May und versucht, sich den Verleger Münchmeyer vorzustellen als einen Mann, der wie der Direktor gekleidet ist, eine goldene Uhrkette spannt über dem Bauch, die Manschettenknöpfe schimmern, eine Perle ziert die Krawattennadel. Mit sonorer Stimme spricht Münchmeyer. May sinkt ins Halbdämmern, Halbwachen zurück, Münchmeyer verwandelt sich in den Direktor, der Direktor fragt: »Und was dachten Sie, als Sie sich als Doktor ausgaben und sich Anzug und Mantel und Schuhe ergaunerten, in Penig war das wohl?« Da lacht May, Doktor Heilig ist besiegt wie der Polizeileutnant von Wolframsdorf, der Notenstecher Hermin. Denn Swallow, sein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren.
Zwei Monate später tritt Kochta in die Zelle, ein Kalfaktor hinter ihm trägt einen Topf mit Quark, ein Stück Rauchfleisch und ein Säckchen Zwiebeln. »Herr Münchmeyer hat Ihnen zwei Taler geschickt. Als Vorschuß.«
May steht starr, er fürchtet, zusammenzubrechen wie damals im Arbeitsraum.
»Ich habe für Sie eingekauft. Das restliche Geld ist beim Herrn Direktor für Sie deponiert.«
»Also wird gedruckt?«
»Eine Option. Sie dürfen Ihre Erzählung niemand anderem anbieten, solange sich Herr Münchmeyer nicht entschieden hat.«
May hat das Wort Option nie gehört, er wendet es hin und her. »Also ist Hoffnung.«
»Immer ist Hoffnung.«
»Und ich soll weiterschreiben!«
»Nicht zuviel. Regen Sie sich nicht auf dabei. Nicht mehr als fünf Seiten am Abend.«
An diesem Abend fabuliert May wieder: Das Ich reitet an der Seite des schönen Häuptlingssohns in ein kahles Gebirge hinein, eine Schlucht verengt sich von Süd nach Nord, steil ragen Felswände himmelwärts. Im Bach reiten die beiden weiter, dringen mühselig vor, warmer Wind weht ihnen entgegen. Unversehens breitet sich die Schlucht zu einem Kessel, ein Weiher blinkt in der Mitte, links davon ragt eine Zypresse, Gras wächst in den Spalten. Da reiten die Freunde Hand in Hand, am Weiher steigen sie von den Pferden und lächeln sich an. »Wir sind im Paradies, Bruder«, verkündet das Ich. May sucht einen Namen für den Talkessel und wählt diesen: das Loch Kulbub.
Neun Seiten schreibt er an diesem Abend, am Ende ist er schweißgebadet. Nachts stellt er sich quälend deutlich den Kessel Kulbub vor, die steilen Wände, die Zypresse. Da springt er auf, steht zitternd neben der Pritsche.
Einmal in jeder Woche besucht Kochta den Züchtling 402, teilt ihm seine Papierration zu und holt immer enger beschriebene Bogen ab. Manchmal überfliegt er die eine oder andere Passage. Konfus erscheint ihm vieles, weitschweifig, die Schrift ist schwach geneigt und pedantisch wie bei einem Kanzlisten. Nach Monaten trifft ein Brief aus Dresden ein, er ist an May gerichtet; der Direktor entscheidet, ihn nicht auszuhändigen, aber der Katechet darf ihn vorlesen: Der Verlag Heinrich Gotthold Münchmeyer stellt den Abdruck der Geschichte »Rache oder Das erwachte Gewissen« in dem Journal »Das Schwarze Buch« in Aussicht. Natürlich werde ein Redakteur ausbessern, Schwächen eines Anfängers seien nicht zu übersehen, aber May treffe in erfreulichem Maße den Publikumsgeschmack. May saugt die Luft ein, hält sie in der Brust so lange wie möglich, stößt sie stöhnend aus. Kochta registriert: So atmet jemand, der über einen Berg ist. Diesen Gedanken wendet der Katechet: Es sind krude Erfindungen, die May auftischt, doch offensichtlich erleichtern sie ihn. Sind selbst Lügen erlaubt, wenn man sich durch sie befreit und niemandem schadet? Oder bleibt Lüge immer und immer ein Teil des Bösen? Nichts ahnt Kochta von dem Abend, an dem May das Loch Kulbub ersann, und nichts von der Nacht danach.
Der Brodem der Zigarrenwicklerei drückt auf die Lungen, Tabak weicht auf der Diele, unter dem Tisch, um den Ofen herum, auf den Fensterbrettern. May nimmt Wickel von seinem Nebenmann, rollt sie in den Decker, dreht die Spitze an, klebt mit Kleister zu, der schwarz ist wie Teichschlamm, spuckt darauf und streicht glatt. Die nächste Zigarre, weiter. Wenn sie alle wüßten, wer ich bin, sinnt er, was in mir brennt, was sich Bahn brechen wird! Die Bösen zuckten zurück, Schweiß würde auf ihrer Stirn perlen, das Kinn töricht herunterklappen. Den Guten träte Glanz in die Augen, ein glückseliges Strahlen dränge von Innen heraus: Karl May ist da, der Starke, Gerechte, alles wird gut. Aber Prott schreit: »Nicht so viel Kleister, du Spinnkopp!«
Von Weibern reden sie wieder und wieder, die Kerle an den braungebeizten Tischen. May kann nicht mithalten, seine Erfahrungen sind beschämend gering. Ein Webermädchen aus Lugau für ein paar Abende, eine Bauerndirne in Böhmen, diese blamable Affäre im Grunde: Er hatte ihr Gedichte vorlesen wollen, sie hatte verdutzt, fahrig zugehört und war davongerannt. Mit ihren Freundinnen hatte sie in der Ferne gekreischt. Er stellt sich vor: Ein Zimmer mit Bordüren und schwellenden Teppichen, eine Frau liegt halb, lehnt halb auf einem Diwan, ihre vollen, weichen, weißen Arme sind bloß bis zur Schulter hinauf. Keineswegs blutjung ist sie, vielmehr reif, erfahren – verheiratet mit einem Rechtsanwalt? Ist Gräfin, die einen jungen Dichter zu sich geladen hat, der ihr seine Verse vorliest? Aber er wagt nicht, zu offenbaren, daß es eigene Gedichte sind, er gibt vor, er habe sie aus dem Orientalischen übersetzt. May nimmt sich vor: Wenn ich rauskomme …
»He, May, hau ran!«
Jaja, Prott. In acht Monaten und sieben Tagen. Eines Tages, wenn ich berühmt bin, werden mich elegante, kluge Frauen in ihre Salons laden, ich werde eine Mappe mit meinen Werken unter dem Arm tragen.
Klappern vieler Holzschuhpaare auf Korridoren und Treppen, Schlösser knallen, Riegel werden zurückgeworfen. Station drei – ablaufen! Station vier – ablaufen! Auf lehnenlosen Bänken drängen sich Züchtlinge in der Kirche, Tabak wird gegen Zucker getauscht, Feuerstein gegen Speck. Sensation auf Station fünf: Drei Häftlinge haben Brot in Wasser aufgesetzt, sie wollten Brotwein gären lassen. Die drei schmoren im Karzer. May hat die Arme an den Körper gepreßt, er tauscht nicht und hält sich heraus aus dem Gerüchtemarkt.
Ein Pult ist neben den Altar gestellt worden, der Direktor legt Manuskriptseiten darauf. Vor drei Jahren siegten Soldaten aller deutschen Stämme bei Sedan über das neidische Frankreich; Sachsen und Preußen, Badenser und Bayern fochten Schulter an Schulter. Der Aar warf den Hahn in den Staub, ein welscher Kaiser kapitulierte. Wieder ein Kaiser über Deutschland, ein Heldenkaiser nach Jahrhunderten der Ohnmacht! Zwickergläser blitzen, Worte blitzen. Blut und Eisen. Die Zuchtrute der Vergeltung fiel auf Frankreich, geboren war der eherne Held an Wollen und Können, gefunden hatte er den edlen Fürsten, der ihn walten ließ, erwählt hatten beide das zum Äußersten entschlossene Volk als Gefolge. Deutschland wurde in den Sattel gesetzt, reiten wird es schon können! Eine Pause im Vortrag, ein neues Blatt: Tüchtig, was ist das? Tüchtig ist auch ehrenhaft, redlich. Der Direktor läßt seinen Blick über die Reihen der ihm Anvertrauten streifen, der Diebe, Betrüger, Räuber, Schänder und Totschläger. Tüchtig in diesem neuen deutschen Leben, das heißt arbeitsam, ordentlich. Heißt kaisertreu, soldatisch. Schande über die, die im Einigungskrieg fochten und dennoch in diesem Haus Strafe verbüßen müssen – der Geist von Sedan wurde schmählich vertan. Aber immer bleibt Hoffnung, wo Reue ist – der Direktor gleitet in die Niederungen der Routine hinab, das kennen seine Züchtlinge nicht anders an ihm, der Alte kann beginnen, wo immer er will, er endet doch in händeringender Mahnung. May hat Pathos in sich aufgesogen, am stärksten hat ihn dieses Bild beeindruckt: Ein gefangener Kaiser auf einem Schloß, Posten wachen vor den Portalen, einsam schreitet der Besiegte durch hallende Säle. Ein Kammerdiener meldet: Wieder eine Stadt durch den Feind erobert, wieder eine Festung gefallen. Reue, tätige Reue, diese Rede kennt er. Prott hat ihn wieder wegen mangelnder Arbeitsleistung angeschwärzt.
Mittags schwimmt Speck auf der Suppe. Abends schreibt May an einer neuen Geschichte: Ein Mann taucht im Gebirge auf mit geheimnisvollen Kenntnissen über vergangene und gegenwärtige Schurkereien. Beim Förster mietet er sich ein und führt ihm vor, wie er in Windeseile sein Aussehen verändern kann: Er reißt eine Perücke herunter, färbt sich in Sekundenschnelle das Gesicht, klebt einen Bart an, läßt ihn in der Tasche verschwinden. Er trägt einen Rock mit vier Ärmeln, den man wenden kann, rot ist er auf einer Seite, blau auf der anderen. Gebückt schleicht dieser Mann durchs Zimmer und schreitet gleich darauf kerzengerade. Dukaten streut er unter die Armen, Fleißigen, die so friedfertig sind. Allen Haß häuft May auf die, die seine Kindheit vergällt haben, die Mieteintreiber, Hausbesitzer, Fabrikanten, Zwischenhändler. Salz wird gebräunt, damit es den fauligen Geschmack der Kartoffeln überdecke. Vor Jahren hat er im Zuchthaus Zwickau über das Sonnenland Dschinnistan gelesen, der Gegenpol hieß Ardistan, die Hölle, das Schwarze. In jedem Menschen liegen Dschinnistan und Ardistan nebeneinander, man muß Dschinnistan wecken, ihm aufhelfen durch edle Schriften. Ein anderer Gedanke aus Zwickau wird lebendig: Da ein Häftling für eine Woche nur ein Buch bekommt, das dann für viele Stunden ausreichen muß, sollte es lediglich vielseitenstarke Bücher geben. Und am Ende weiß der Leser: Da liegt Dschinnistan, ich muß es erringen, am anderen Pol dämmert Ardistan, ich muß es bekämpfen in mir und außerhalb von mir. Ein heiliges Lebensziel, sinnt er am nächsten Morgen, während seine Hände wie von selbst Wickel heranziehen und in die Decker schlagen, den Kleisterpinsel fassen. Ein Schwindelgefühl packt ihn, er zwingt sich hoch und drückt das Gesicht an die Luftklappe. Über dem Steilhang der Zschopau wölben sich Baumwipfel. In acht Monaten, weiß May, am zweiten Mai 1874 bin ich frei!
Nachts quälen ihn Erinnerungen. Als Kind war er linkischer, schwächer als seine Alterskameraden. Sie nahmen ihn nicht mit, wenn sie in den Wald zogen, um Gendarm und Räuber zu spielen; wenn er ihnen nachlief, bewarfen sie ihn mit Holz und Dreck. Prügel in der Schule, Prügel vom Vater, ein Bauer prügelte ihn vom Kartoffelfeld. Diese bittere Stunde: Ein fast siebzigjähriger Bauer packte ihn, den Zwanzigjährigen, in einer böhmischen Wirtsstube an der Jacke und schob ihn, trug ihn vor die Tür, unter Gejohle schmiß er ihn zwischen Kuhfladen. Die geschwollenen Adern am Hals des Bauern sieht May vor sich und riecht den säuerlichen Atem. Hat er sich gewehrt? Ist er davongerannt, Gespött für Kinder und Weiber? Ein geradezu kleiner Mann ist er nicht mit seinen hundertsechsundsechzig Zentimetern, aber seine Schultern sind schmal, seine Hände schlank und weich. Dennoch träumt er in dieser Nacht, wie er den Bauern mit drei Hieben fällt: Der erste trifft das Auge, das danach kein Auge mehr ist, der zweite zertrümmert die Zähne, der dritte, ein furchtbarer Schlag der eisenharten Rechten in die Herzgrube, läßt den Wüterich zusammenbrechen. Totenstill ist es in der Gaststube, bewundernd pflanzt es sich fort von Mund zu Mund: Karl May!
Wochen darauf schellt ein schnell und sehr sächsisch sprechender Vierziger an der Zuchthauspforte, ein Mann mit flinken, eng beieinanderstehenden Haselnußaugen und schadhaften Zähnen, in einem neuen Anzug und knarrenden Schuhen; er trägt den Mantel über dem Arm und eine blitzende Kette über dem Bauch: Doublé. Er stellt sich vor als Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer aus Dresden, der den Herrn Direktor sprechen möchte und, wenn möglich, den Züchtling May. Beim Schließer wartet Münchmeyer eine Viertelstunde, dabei verliert er einiges von der Forsche, zu der er sich bei Eintritt gezwungen hat; er wird zu Kochta geführt, der den Herrn Direktor entschuldigt, der weile zu amtlichem Behufe in Leipzig. Kochta und Münchmeyer messen sich mit den Augen, sie sind sich nicht sympathisch. Münchmeyer mag diese Holzschnittköpfe nicht, die das Bäuerliche nicht abgelegt haben und noch stolz sind auf ihre Unbeweglichkeit. Kochta findet Münchmeyer aufdringlich in seiner zur Schau gestellten Fürsorge, als breche ihm das Herz, wenn er hören müßte, May fühle sich unwohl. Kochta registriert rasche Handbewegungen, ein Reiben an der Nase, ein unmotiviertes Lachen, den Versuch zu einem Witzchen: Wer nichts wagt, kommt nicht nach Waldheim! »Bin nur mal so reingeschneit«, redet Münchmeyer, »hatte privat in Döbeln zu tun, meine Frau wartet im Gasthof. Ob ich meinen Autor sprechen darf?«
Das sei unmöglich, falls Herr Münchmeyer nicht eine Genehmigung des Justizministeriums vorweisen könne, May sei Zuchthäusler im Rückfall, nicht etwa Festungsgefangener. Kochta läßt nichts folgen, das weiterleitet, überleitet. So sinkt das Gespräch auf Sachliches ab, auf die Möglichkeit, May weiterhin bescheidenste Summen zukommen zu lassen, um ihm das Dasein zu erleichtern, auch, ihn anzuspornen. Damit ist das Thema erschöpft, Münchmeyer erhebt sich, nicht einmal zehn Minuten hat er hier zugebracht. Erst beim Hinausgehen sieht er, daß auch in diesem Raum die Fensterhöhlen tief und Gitter eingelassen sind.
Frau Münchmeyer ist überrascht, daß ihr Mann schon zurück ist. »Kein Erfolg?«
Münchmeyer lästert über den bäuerlichen Seelsorger, bestellt Bier und Sülze, Frau Münchmeyer rührt im Tee. »Du kennst doch Rechtsanwalt Meister. Womöglich kann er sich einsetzen, daß May eher entlassen wird?«
»Rückfalltäter schmoren bis zum letzten Tag.« Münchmeyers Stimme klingt versöhnlich, als er hinzufügt: »Laß ihn seine Strafe abbrummen, das nimmt ihm den Rest von Aufsässigkeit. Ich kann keinen halsstarrigen Autor gebrauchen. Ein junger Verlag – und er soll ja etwas abwerfen!«
Da lächelt Pauline Münchmeyer, sie hat unbedingtes Vertrauen, daß ihr Mann das schaffen wird. Man braucht eine größere Wohnung, wenn man Einladungen geben will, sie muß repräsentabel eingerichtet werden, Frau Münchmeyer weiß schon wie: Vorhänge aus Samt und Atlas, die das Licht schummrig machen, ein Öllämpchen, ewig brennend in einer Ecke, und das wäre der Glanzpunkt: ein arabisches Segel, das an einer Stange in den Raum hineinragt.
Münchmeyer redet jetzt weniger zu seiner Frau; einen Gedanken will er ausbreiten, als Zuhörerin ist Pauline immer nützlich. Eine Lücke klaffe im Angebot, und Mays Zeug passe hinein. Gespensterromane seien passé, May könne auch sie schreiben, keine Frage: schottisches Schloß im Nebel und Moor und Falltür, ein Gemälde mit lebendigen Augen. Echter Bedarf bestehe da nicht mehr. »Wenn ich ihn auf den richtigen Stoff hinlenke, schreibt er mir die gefragtesten Sachen. Phantasie hat der für hundert. Dorfgeschichten, arm und reich und gerecht und ungerecht sauber verteilt – hoffentlich merken die Leser nicht zu deutlich, daß sie sich ein verkrachter Schulmeister ausdenkt!«
Pauline Münchmeyer läßt ihre Hand auf den Unterarm ihres Mannes fallen. »Wir sollten auf deine Entdeckung eine Flasche Champagner trinken!«
»Ich bin nicht sicher, ob sie in diesem Gasthof so was haben. Aber wenn: Pauline, trinken wir auf unser neues Pferd!«
4
»Vierhundertzwei, mitkommen!« Zehn Augenpaare schnellen hoch zum Wachtmeister und rucken herum zu May. In einer Woche ist May draußen, das wissen sie. Vergeblich haben sie sich an ihn herangemacht mit Nachrichten an die Frau, die Braut, den Kumpan. Er hat alles abgewehrt, dafür haben sie ihn verprügeln wollen, aber Prott hat sein Machtwort gesprochen: Laßt die Pfoten von dem Spinner, der verpfeift uns! Wer so lange in einer Einzelzelle liegt, Besuch vom Katecheten bekommt und sogar schreiben darf, hat seinen Frieden mit den Bullen gemacht! Es gibt für Prott zwei Möglichkeiten: Wenn May draußen ist, faßt er wirklich und tatsächlich Arbeit an. Oder der dreht ganz allein ein unglaubliches Ding.
May legt zum letztenmal den Kleisterpinsel aus der Hand, niemanden blickt er an, keinem nickt er zu. Er geht aus dem Dunst der Zigarrenwicklerei hinaus auf den Korridor und die Treppe hinauf zu seiner Zelle und packt zusammen: Decken, Schüsseln, Handtuch, ein klebriges Seifenstück, den Löffel. Zweihundert Bögen Papier, davon achtzig beschrieben. Er trägt sein Bündel ins Erdgeschoß hinab, zu den Abgangszellen, wieder knallen Riegel auf, dann ist er allein in einer Zelle, die unbewohnt riecht, der Strohsack ist feucht. Eine Woche noch. Die Dämonen?
»Ich habe sie besiegt«, versichert er drei Tage später dem Katecheten. Jetzt sitzen sie nicht nebeneinander wie an manchem Abend in Mays Zelle, dies ist ein offizieller Akt. Der Katechet spricht wie zu jedem, der entlassen wird, von Buße und Reue, diesmal fügt er Worte von innerem Frieden an. »Enttäuschen Sie mich nicht.« Schwach gegenüber dem Bösen sei jeder Mensch, anfällig gegenüber der Versuchung. May war schwach, weil er erzwingen wollte, was seine Kraft überstieg. Doch so ungewiß und trüb es in Mays Seele wölkte, eines blieb ihm fremd: der Haß. Zu allem Wirrwarr noch Haß – der Katechet besäße wenig Hoffnung.
»Ich danke Ihnen, Herr Katechet. Vor zwei Jahren, als ich zusammenbrach …«
Kochta nickt. Das war eine lebensgefährliche Krise, May rang sich durch. »Und hassen Sie dieses Haus nicht. Es tut nicht gut, die Hand zu verdammen, die einen gezüchtigt hat. Der Herr straft die, die er liebt. Er hat Sie geprüft. Die Wärter, waren sie nicht für Sie Diener des Herrn?«
»Eines Tages werde ich über sie schreiben. Gutes.«
Der Katechet hebt die Hand wie zu einem Segen. May wird zurückgebracht. Am nächsten Tag steht er, die Handflächen an die Drillichhose gepreßt, vor dem Anstaltsleiter und hört: »Sie bleiben unter Polizeiaufsicht. Für zwei Jahre. Ich hoffe, daß diese Zeit ausreichen wird, in Ihnen die Lust am Vagabundieren abzutöten. Zwei Jahre lang Ernstthal; wenn Sie verreisen wollen, bedarf das der Genehmigung. Heilsam für Sie!«
May preßt die Hände stärker an, damit sie nicht zu flattern beginnen. Die Schande, alle im Städtchen werden es wissen. »Ich möchte nach Dresden fahren zu meinem Verleger.«
»Warum nicht, wenn Sie sich gut führen, für einen Tag mit Erlaubnis Ihrer Polizeibehörde? Es liegt nur an Ihnen, was aus Ihnen wird!« Jeden, der dieses Haus verläßt, konfrontiert der Direktor mit dem höhnischen Satz: »Es steht nicht bei mir, ob und wann wir uns wiedersehen!« Der Direktor hat in der Akte des 402 geblättert: Ein gestrauchelter Volksschullehrer. Ein vielzitierter Satz klingt im Direktor auf, in der Schlacht von Königgrätz habe der preußische Schulmeister über den österreichischen gesiegt. Also auch über den sächsischen, denn Sachsen stand fatalerweise auf seiten Österreichs, wieder wie fast immer auf der falschen Seite. Wenn alle sächsischen Lehrer so waren wie 402, denkt der Direktor, ist es kein Wunder, daß wir unter die Räder kamen. Jetzt ist die Situation gewandelt, Schulmeister haben Bindeglieder zwischen den Schichten zu sein, sie säen Glauben an Gott und das Herrscherhaus in Dresden, nun auch an das in Berlin, Lehrer bilden einen Damm gegen Gottlosigkeit und Sozialdemokratie; um so stärker ist einer zu verurteilen, der desertiert. Räuspern, ein entschlossener Blick. »Unser Volk geht nach Jahrhunderten der Ohnmacht einer herrlichen Zukunft entgegen. Seien Sie dabei, jeder an seinem Platz! Da Sie keinen Hausstand besitzen, werden Sie bei Ihren Eltern eine Bleibe finden müssen. Die Aufsicht obliegt Ratspolizeiwachtmeister Doßt.«
Mays Handrücken beginnen zu brennen. Den Doßt kennt er. Ein Name, der die Dämonen heraufbeschwören könnte.
In seiner letzten Zuchthausnacht schläft May keine Minute, Namen probiert er, die zu den Dämonen gehörten. Albin Wadenbach, Notenstecher Hermin, Doktor Heilig, Polizeileutnant von Wolframsdorf. Einmal wollte er Räuberhauptmann werden, Unrecht sühnen, die Armen beschenken, die Unschuld schützen und rächen. Er mühte sich, diese Zeit aus seinem Gedächtnis zu drängen, jetzt möchte er prüfen, ob er sich stark genug fühlt, Beweggründen von damals nachzuspüren. Ich bin durch ein Tal geschritten, formuliert er, jetzt habe ich den jenseitigen Hügel erklommen. Ich kann die Dämonen folgen lassen und ihnen die Hand reichen; ich werde sie weiterleben lassen in meinen Werken. Ihre Taten und die Gründe dazu werde ich allen Menschen zeigen. Er weiß, daß er dazu stärker sein muß als die Beklemmung, die von dem Namen Doßt ausgeht.
Riegel knallen, Licht schlägt durch die Tür: »Komm’ Se, May!« Morgensuppe aus Roggenmehl. Zum letzten Mal Waldheim.
2. Kapitel: Visitenkarte Dr. Karl May
1
»Hat dich ein Bekannter gesehen gestern?«
»Nein, Vater. Bestimmt nicht.« Durch Gärten und Schluppen ist er vom Bahnhof gehetzt, die Mütze auf die Augen gedrückt, das Siebensachenbündel unter dem Arm. In vier Jahren sind Hose und Jacke in der Effektenkammer nicht ansehnlicher geworden, das Hemd war noch immer schmutzfleckig wie während der Untersuchungshaft. May rasiert sich mit dem Messer des Vaters; bleich ist er, als ob er aus dem Spital käme. Oder eben aus dem Zuchthaus. Jetzt, Anfang Mai, laufen die Kinder schon barfuß.
»Ziehst meinen Anzug an.«
»Den kennt der Doßt.«
»Wenn Herr Münchmeyer Vorschuß schickt …«
»Muß nach Dresden.«
»Aber Doßt?«
»Er muß mich fahren lassen. Notfalls …« Diesen Satz setzt er nicht fort.
»Vieles ist anders geworden bei uns.« In einer neuen Fabrik werde stündlich zentnerweise Garn gesponnen, zwei Verleger hätten Kapital zusammengeschossen und Aktien ausgegeben, kunstvoll bedruckte Papiere für 500 Mark, sagt man. Wie könne ein Handwerker sich da noch behaupten? Aus den Dörfern wanderten des Morgens Scharen von Mädchen herein, dreistöckige Mietshäuser würden aufgeschachtelt. Es sei in den Kneipen lauter geworden, die Beschaulichkeit der Stuben- und Brunnenkränzchen sterbe aus. Mehr Geld komme unter die Leute, dieser landweite Hunger wie vor dreißig Jahren, der Kinder und Alte umbrachte, sei vorbei. Dampfmaschinen stampften überall. »Nach Chemnitz müßtest du kommen! Nicht Weber sollte ich sein, sondern Maschinist, Mechaniker. Lokomobilist!« Der Vater spricht nicht aus, was er fürchtet: Und wenn Karl sagte: Morgen mache ich mich auf nach Hamburg, in ein paar Wochen bin ich in Amerika?
May fährt nun doch in den Anzug des Vaters. Die Mutter hat das Hemd noch am Vorabend gewaschen, es ist trocken geworden über dem Herd. Eine Krawatte, den Hut gebürstet, die Schuhe gewichst. Wieder steht er vor dem Spiegel. Wenn nur diese Blässe nicht wäre. Jetzt schlägt es neun, Prott und seine Hilfsteufel halten gerade ihre Kaffeeschüsseln dem Kalfaktor hin. May dreht eine Zigarre zwischen den Fingern. Soll er sie anzünden, bevor er aus dem Haus geht? Rauchend durch die Straßen? Oder in Brand stecken vor dem Rathaus, damit wenigstens eine Hand Halt findet, solange er mit Doßt spricht? Er steckt die Zigarre in die obere Tasche des Jacketts; zu einem Drittel ragt sie heraus.
Seine Knie sind ungelenk während des Gangs zum Rathaus. Eine Krämersfrau hinter einem Sauerkrautfaß, starrer Blick, weiter. Ein Schulkamerad – May tippt mit steifem Finger an den Hutrand. Schweiß auf der Stirn, er nimmt den Hut ab, Hut in der Hand – mit dem Hute in der Hand kommst du durch das. Den Hut wieder auf. In einer Gastwirtschaft hat er früher Kegel aufgesetzt: Halloh in der Küche, die Wirtin schüttelt ihm die Hand – wieder da, Karle? Dein Vater hat immerzu von dir erzählt – was willste nun anfangen? May nimmt einen Span, bückt sich zum Herdloch und zündet seine Zigarre an. Nach Lugau in die Kohle? Nein, er werde sich nach Dresden davonmachen. Nach Dresden? Das Staunen in den Augen der Frau läßt eine lockere Abschiedsgeste gelingen.
Er schreitet rasch, will Schwung nutzen. Ein Nicken in das Gesicht eines Alten hinein, der kam manchmal zum Vater. Stufen hinauf, an eine Tür geklopft, eingetreten, die Linke mit der Zigarre am Rockaufschlag. Eine Frau und Ratswachtmeister Doßt lehnen auf der hölzernen Balustrade, die Besucher und Amtsperson trennt. Also eine Anzeige, nuschelt Doßt, aber da muß ich Ihrn Nam’ mit aufschreim, sonst geht das nicht. Die Frau blickt sich um, er kennt sie nicht, sie kennt ihn nicht. Doßt sagt ungeduldig: Also wie nu?
Die Frau murmelt, sie wolle es sich noch einmal überlegen. May zieht an seiner Zigarre. »Guten Tag.«
Doßt wendet den Kopf. »Der May.« Das klingt überrascht, nicht einmal unfreundlich. »Gucke an. Wo kommste denn her?«
Eine Welle der Scham steigt in May auf, er weiß: Wenn er sich diese Anrede gefallen läßt, wird er tagelang das Gefühl der Erniedrigung nicht loswerden. »Für Sie immer noch Herr May.« Er zieht den Entlassungsschein aus der Tasche.
»Gestern noch Streifen am Arsch und heute den großen Rand.« Doßt kennt Exemplare wie May zur Genüge. Er wirft einen Blick auf den Schein. Vier Jahre, immerhin. Und zwei Jährchen Polizeiaufsicht. Den Blick hoch in Mays Gesicht, May hält stand, Doßt registriert kein fahriges, demütiges Lächeln wie bei den meisten entlassenen Ganoven – verzieht May nicht frech die Braue? »Wie lange soll’s denn diesmal dauern, bis du wieder drinne bist?«
»Ich verbitte mir …«
»Wenn du die Gusche aufreißt, guck ich jede Nacht um drei nach, ob du im Bette liegst.«
May pafft demonstrativ Rauch aus, Doßt liest: Gute Führung, der Delinquent hat das Verwerfliche seines Tuns eingesehen. Das übliche. Und ein halbes Jahr später schmoren die Scheißer wieder.
»Wo wirste arbeiten?«
»Ich bin Schriftsteller.«
»Was biste?« Doßt reißt den Mund auf: Das ist der Spaß überhaupt!
May zieht ein Heft aus der Tasche, »Das Schwarze Buch«, erschienen bei Münchmeyer in Dresden. »Diese Geschichte hier ist von mir.«
»Steht aber kein Name dabei.«
»Anonym. Lesen Sie mal, ein Brief vom Verleger Münchmeyer an meinen Vater.«
Doßt blättert und liest. Seine Verwunderung schlägt um: Da ist etwas nicht geheuer, wer weiß, wer hinter dem Kerl steht. Wer weiß, wem er im Zuchthaus zu Gefallen war und was hier für Verdienste belohnt werden. Ist er zum Spitzel geworden? Also Vorsicht, man kann nie wissen, und wer deckt schon einen Ratswachtmeister? Doßt murmelt: »Rauchst gutes Kraut.« Er liest: Gleich nach der Entlassung Ihres Sohnes werde ich mit ihm Verbindung aufnehmen. Mein Verlag … Unterschrift. Doßt schnieft. An einen Steckbrief erinnert er sich, den er vor Jahren verfaßt hat: May ist von freundlichem, gewandtem und einschmeichelndem Benehmen, er trägt einen schwarzen Tuchrock mit sehr schmutzigem Kragen. Unbehaglich fühlt sich Doßt bei alldem, es läuft entschieden außerhalb des Gewohnten. Schriftsteller: Also doch Hungerleider, warum unbedingt ein Spitzel? Wer in Not ist, stiehlt eher als der Satte. Aufwiegler sollen’s schwer haben hier herum, man wird ihnen beizeiten aufs Maul schlagen. May hat einen Satz doppelt so schnell heraus, wie Doßt es je könnte, vermutlich hätte er ein Schriftstück in der Hälfte der Zeit aufgesetzt. Doßt fühlt sich redlich, königstreu, gerade in seinen Gedanken, und vor ihm steht einer, der schlau ist, gerieben, ein Advokatengehirn, Federfuchser, vielleicht nächstens ein politischer Agitator. Er wird ihm in den Hintern treten. Dieser verfluchte Wahlkreis 17 ist genug ins Gerede gekommen, seit hier der erste Sozialdemokrat in den Reichstag gewählt worden ist. Affenschande. Das rote Glauchau, das rote Ernstthal. »Solltest in den Schacht gehen nach Lugau oder Ölsnitz.« Doßt mustert Mays Schultern und Brustkorb, er denkt: Na, das schmale Handtuch. »Meldest dich jeden Tag um neun, bis du Arbeit hast.«
»Aber ich …«
»Wenn du die Gusche aufreißt, Karle, weck ich dich heut nacht um drei. Da ist ’ne Uhr weg, ich muß unter deinen Strohsack gucken. Na?«
»Ich werde Ihnen baldigst einen weiteren Brief von Herrn Münchmeyer vorlegen.«
»Kannste, Karle. Morgen um neun. Wie gesagt: Gutes Kraut rauchste.«
Ein Stempel, eine Minute später steht May in der Sonne. Die Zigarre ist zu zwei Drittel aufgeraucht, sie hat ihre Pflicht getan. Sorgfältig drückt er sie aus. Hat er gesiegt? Durch Schluppen und Gärten flieht er aus der Stadt, an einem Dornbusch krümmt er sich auf das magere Frühlingsgras hinunter und preßt die Hand aufs Herz. Toben, Wüten und Schreien wie in einem Dorfwirtshaus ist in ihm, Stimmen gellen durcheinander: Du hast gesiegt, Doßt hat gesiegt, Doßt zerrt dich aus dem Bett, kommt jede Nacht, kommt nie. Einmal ein Häftling, immer ein Häftling, dein Leben lang werden der und die da und wer immer will mit Fingern auf dich zeigen: Dieb, Betrüger, Zuchthäusler! Ihm ist, als ob um ihn herum Hunderte von Bauernknechten mit Stuhlbeinen aufeinanderschlügen, Stimmengewirr, Zerren, Krachen. Er reißt die Jacke herunter und knöpft das Hemd bis zum Nabel auf, Wind kühlt die schweißige Haut.
Mittags hat er sich leidlich in der Gewalt. Zu Ehren des Sohnes stehen Pellkartoffeln mit Hering auf dem Tisch. Er malt aus, wie er es Doßt gegeben habe; die Augen habe Doßt aufgerissen und die Geschichte Wort für Wort gelesen! Andere Entlassene suchten Arbeit in den Bergwerken, Doßt habe wörtlich gesagt: Herr May, dafür sind Sie zu gebildet!
Die Mutter hängt an seinen Lippen. Dreizehn Kinder hat sie geboren, acht starben im ersten Jahr. Nur ein Junge ist groß geworden, Karle, Karlchen. Als er verstummt, setzt sie dagegen, daß ihre Wäschemangel hinten im Schuppen fast jeden Tag für zwei, drei Stunden vermietet werde. Zwei Pfennig nähme sie für die Stunde, sonnabends habe sie schon vierzehn oder sechzehn Pfennige verdient. Karli, ist das nicht fein?
Am Nachmittag schreibt er, er schreibt am Abend und die halbe Nacht hindurch. Einen Brief an Münchmeyer, danach den Beginn einer wilden Geschichte mit Mord und Brand, Nacht, Friedhof. Es ist dunkel, als er ans Fenster tritt. Totenruhig liegt die Stadt. Der Vater hat ihn mit in die Schenke nehmen wollen, um seinen Freunden den künftigen Schriftsteller zu präsentieren. Keine Zeit, Vater! Er nimmt sich vor: Jeden Tag zehn Seiten! An diesem Abend füllt er sechs.
»Danke, Herr May.« Doßt verbeugt sich, als May ihm eine Zigarre auf die Balustrade legt. »Schon Post aus Dresden?«
»So schnell geht’s nicht.«
»Also morgen wieder um neun, May!«
An diesem Vormittag streunt er zu der Höhle hinauf, in der er sich einmal verborgen hatte. Birken sind aufgewachsen, Brombeergestrüpp überzieht Steinbrocken; niedriger ist das Loch im Fels, als es die Erinnerung bewahrte. Er will die Dämonen von damals herüberlocken, will am Nachmittag beschreiben, wie sich der Förstersohn Brandt – welcher Vorname? – Gustav Brandt, in einer Höhle verbarg, des Doppelmords angeklagt. Dieser Karl May von damals in seinem Drang aus furchtbaren Zwängen heraus – ich brauche mich vor der Erinnerung nicht zu ängstigen, suggeriert er sich, ich kann sie fruchtbar machen für mein Geschöpf Gustav Brandt.
Auf dem Rückweg fühlt er sich taumlig vor Glück. Er vermag eine Welt zu erschaffen mit Schlössern, Bankierswohnungen und Hütten, kann sie bevölkern mit hochgestellten Schurken und buhlerischen Frauen, mit Förster und Hund, Wald und Kutsche, Mühlrad, Dolch und Lauscher unter dem Bett, mit Redlichen, Wucherern, Liebenden. Weiter hinauf im Gebirge hat er Schnitzern zugeschaut, die in ihren Stuben kunstreiche Gebilde bosseln an unzähligen Winterabenden, Weihnachtsberge genannt. Das sind Ausschnitte aus ihrem Leben, Bergwerk mit auf- und absteigenden Figuren, Wägelchen, Pferdchen, Häuschen mit Kühlein und Mägdlein am Brunnen; ausgetüftelter Mechanismus sorgt dafür, daß die Pferdchen die Wägelchen ziehen und das Mägdlein das Eimerchen in den Brunnen senkt. Wie diese Schnitzer, sinnt er, erschaffe auch ich eine zweite Welt; die Schnitzer brauchen Stunden für eine Figur, ich gebäre sie in Sekundenschnelle auf dem Papier.
Die Mutter schleicht, wenn der Sohn schreibt, auf Zehenspitzen durchs Haus. Vier Tage nach seiner Rückkehr bringt der Postbote Vorschuß von Münchmeyer: zwanzig Mark. Das ist enorm viel Geld in den Augen der Mutter. May hat das Doppelte erhofft. Er braucht einen Anzug, wenn er sich in Dresden präsentieren soll. Er braucht Schuhe, Hemden, Uhr. In Waldheim hat er sich das Zigarrenrauchen angewöhnt; in den Nächten fliegen ihm die Gestalten müheloser zu, wenn Rauch seine Phantasie beflügelt. An einem Nachmittag steht er am Rande der Stadt, wo die Straße nach Waldenburg über den Hügel biegt. Auf dieser Straße verließ er zum ersten Mal Ernstthal, er, der beste Schüler seiner Klasse, empfohlen vom Lehrer und vom Pfarrer ans Lehrerseminar. Der einzige Weg für mich, aus der Enge herauszukommen, erinnert er sich jetzt und versucht Kraft aus dem Gedanken zu schöpfen: Ich lernte müheloser als alle, mir flog das Wissen nur so zu, ich war der beste Schnellrechner der Klasse, und keiner lernte fixer ein Gedicht. Und ich hab dazugelernt in Waldenburg und in Plauen, Rechnen und Erdkunde, Historie und ein bißchen Latein, Stilkunde des Deutschen, Rechtschreibung, Klavier- und Orgelspielen sogar. Lehrer war ich in Chemnitz an einer Fabrikschule, wenn auch nur kurze Zeit. Ich brauche mich meiner Bildung wegen vor niemandem zu verstecken. Wie auf einer Federzeichnung: Zwischen diesen Pflaumenbäumen trug er Ranzen und Bündel, beneidet von allen Mitschülern, die Handwerker wurden oder Knechte oder Arbeiter an den neuen Maschinen. Er wurde Lehrer. Jetzt hat Münchmeyer geschrieben: »Herr May, sprechen Sie bitte baldigst in Dresden vor!«
Dem Ratswachtmeister Doßt zeigt er diesen Brief, zwei Zigarren ragen ein Endchen aus der Rocktasche. Der Polizist wiegt den Kopf und stöhnt, er sei ja kein Unmensch, habe aber eindeutige Vorschriften. Noch nicht eine Woche aus dem Zuchthaus zurück und schon in die Residenz? Wenn das ein Vorgesetzter erführe – man sei nicht allein auf der Welt. »Meine Existenz«, bittet May.
»Meldest dich am Dienstag mal nicht.« Doßts Stimme klingt, als murmle er vor sich hin, als sei niemand außer ihm im Raum. »Ich merk das nicht, klar? Aber wenn du was anstellst – erlaubt hab ich’s dir nicht. Und am Mittwoch biste wieder hier!«
May schiebt beide Zigarren zu Doßt hin. »Ich danke Ihnen verbindlichst. Ihre Güte …«
»Ach, halt die Gusche, May.« Leise, gefährlich setzt Doßt hinzu: »Das letzte Mal hattste vier Jahre, nächstes Mal kriegste zehn. Und laß die Pfoten von der Politik!«
Am Dienstagmorgen fährt May nach Chemnitz und steigt um in den Zug nach Dresden. Ein Bein hat er über das andere geschlagen und blickt rauchend aus dem Fenster: Öderan, Freiberg. In diesen Wäldern zum Kamm hinauf lebt sein Förster Brandt, Pascher huschen nach Böhmen hinüber, Klöppelspitzen tragen sie unter der Jacke um den Leib gewickelt. Er kennt diesen Landstrich mit seinen Schlössern und Städtchen: Marienberg, Olbernhau, Schloß Purschenstein. Von dort schleicht Brandt verkleidet nach Dresden.
Dresden! Auf dem Böhmischen Bahnhof steigt er aus, in die Gassen um Markt und Schloß taucht er ein. Offiziere reiten vorbei, er weicht aus in den Schmutz. Ihn erregt dieser Gedanke: Keiner weiß, daß er vor Tagen noch Zuchthäusler war, daß er Manuskripte bei sich trägt und ein Dichter ist. In Waldheim war während der Freistunde rasches Gehen verboten, die Hände mußten auf dem Rücken gehalten werden. Jetzt läßt er den freien Arm schwingen, er schreitet aus und genießt das Ziehen in den Wadenmuskeln. Könnte es nicht sein, daß Waldheims Direktor beim Justizminister vorzusprechen hätte und ihm entgegenkäme? Respektvoll, aber keineswegs untertänig zöge May den Hut. »Sein« Direktor ist er nicht mehr und wird er nie wieder sein.
Auf einer Kreuzung haben sich Fuhrwerke verkeilt, Hufeisen klirren auf Kopfsteinen. Hucker turnen Leitern hinauf, Ziegelstapel auf dem Rücken. Gebaut wird, der Direktor hat recht gehabt in seinen Ansprachen, daß es stürmisch aufwärtsgehe im Reich und daß für jeden Platz sei. Mein Platz, denkt May, mein Platz! Er preßt die Tasche an sich.
Das Haus, in dem Münchmeyers Büro liegt, ist schmuckloser, schmaler, als er es sich ausgemalt hat. Schäbig ist es nicht, versichert er sich, eher unauffällig, bescheiden. Das Treppenhaus ist dunkel, im zweiten Stock entdeckt er ein Türschild und klopft, niemand öffnet. Die Tür läßt sich schieben, ein dämmriger Gang liegt vor ihm. Auf Stimmen geht er zu, klopft wieder und wird hereingebeten. »Mein Name ist May.« Eine Verbeugung dazu, Blicke zwischen zwei Frauen hin und her.
»Jaaa.« In einer Stunde, hört er, werde der Herr Verleger kommen. Blicke spürt er auf sich, die voller Neugier sind und diese verbergen wollen: Einer, der die Kugel am Bein gehabt hat. Solche Blicke können niederdrücken oder Kraft geben, spürt er, man muß ihre Wirkung in die gewünschte Richtung drängen. Interessant – dieses Wort fällt ihm in der rechten Sekunde ein, er ist für sie interessant.
Tee wird angeboten, die Damen sind nun geschäftig um ihn herum. Gegenseitig stellen sie sich vor, ein Name klingt an seinem Ohr vorbei, den anderen merkt er sich: Fräulein Ey, denn, so wird hinzugefügt, sie sei Herrn Münchmeyers Schwägerin. Wege zur Druckerei erledigen die Damen, sie haben sämtlichen Schriftverkehr in den Händen und, dabei lacht Fräulein Ey, die Honorarzahlungen an die Herren Dichter.
Da schiebt sich ein Mann in die Tür, er atmet rasch vom schnellen Gehen. May wischt im Aufstehen die Handflächen an der Hose ab.
»So, lassen Sie sich anschauen! Bißchen mager noch?« Münchmeyer probiert ein Cheflachen und bittet in sein Zimmer. Die Damen tragen Teetassen nach, Münchmeyer bietet Platz an und schiebt sich hinter seinen Schreibtisch. Augenpaare suchen einander; als sie sich gefunden haben, zwinkert Münchmeyer, das soll heißen: Hast allerhand hinter dir, Junge, Schwamm drüber, was sollen wir viele Worte machen. »Haben Sie etwas mitgebracht?«
Löffel klirren in den Teetassen, Münchmeyer überfliegt ein paar Zeilen. May schaut sich um: Regale mit Zeitschriftenbündeln, Stehpult, ein Stich der Hofkirche, ein Stich der Festung Königstein.
»Nicht allzu übel.« Münchmeyer weiß, daß von dieser ersten Begegnung allerlei abhängt. May ist eine Potenz, keine Frage, man muß ihm die Zusammenarbeit schmackhaft machen, aber er darf nicht den Eindruck gewinnen, er sei unersetzlich. Aufhelfen muß man ihm, aber nicht so, daß er übermütig wird. Von einem verschmähten Liebhaber, der seine Braut ermorden will, liest Münchmeyer flüchtig. »Wir werden’s schon irgendwie verwenden. Wieder eingelebt in Ernstthal?«
Er könne bei den Eltern wohnen, berichtet May, er müsse sogar. Der Ortspolizist mache Sperenzien.
Polizeiaufsicht? Münchmeyer hebt die Brauen – das höre sich wenig freundlich an. Da sei es gut, wenn man erst einmal nicht auffiele. Immer schön brav, die Obrigkeit einschläfern, nach einem halben Jahr könne er sich schon ein bißchen was leisten. Und was wolle Herr May schreiben?
»Geschichten aus meiner Gegend. Hab in Waldheim allerlei entworfen. Erzgebirgische Dorfgeschichten.«
»Und eine hübsche Moral am Schluß, so wollen das die Leute!«
May hat die Hände zwischen die Knie geklemmt, er sitzt vorgeneigt wie jemand, der nur den Schemel kennt und sich erst wieder an den Stuhl gewöhnen muß. Münchmeyer denkt: Ein Dorfschulmeisterlein, halb verhungert wie seine Kinder. »Bloß nicht zuviel Armut reinpacken.« Münchmeyer erinnert sich, mit seiner Frau auf diesen dürren Hecht eine Flasche Champagner getrunken zu haben. Vielleicht war’s voreilig, und Vorschuß hat er nun erst mal genug gekriegt. »Ranklotzen, hilft alles nichts. Dicke hat’s heute keiner. Die erste Nacht in Dresden werden Sie in ’ner Herberge unterkriechen müssen; wenn Sie öfter kommen, finden wir vielleicht ’ne Schlafstelle.«
»Verbindlichsten Dank, Herr Münchmeyer.«
Münchmeyer läßt eine Glocke scheppern, Fräulein Ey steckt den Kopf durch die Tür. »Nimm Herrn May unter deine Fittiche. Daß er was zu essen kriegt!«
Sie zeigt den Weg zu einer Herberge und verspricht, sich fürs nächste Mal nach einem Zimmer umzusehen, warnt aber gleich: Der Herr möge sich keine übertriebenen Hoffnungen machen, es sei schwierig, etwas zu finden.
In der Nacht schrickt er auf; Münchmeyers Lachen gellt durch seinen Traum: Ausgebrochen? May, so einer wie du bricht doch nicht aus! Fräulein Ey knickst: Eine Tasse Tee, Herr May? Keine Frau ist so, wie er sie sich in Zuchthausnächten erträumt hat, schon gar nicht Fräulein Ey.
2
Einen Monat später fährt er wieder nach Dresden und übernachtet in einem engen, halbdunklen Zimmer, das Minna Ey für ihn gefunden hat, es ist bestückt mit Bett, Tisch und Stuhl. Am nächsten Morgen legt er vor, was er den Beginn einer Novelle nennt: »Wanda, das Polenkind.« Der Verleger überfliegt: In einem Städtchen nahe Chemnitz hat sich eine polnische Adlige mit ihrer schönen Tochter niedergelassen, Wanda von Chlowicki heißt das heißblütige Geschöpf. Verspielt ist sie, von den Männern verwöhnt. »Die Sonne des Lebens hatte ihr stets nur kaltes winterliches Licht gegeben und nur selten einen freundlich erwärmenden Strahl zugesandt. Die Quelle eines tiefen, reinen Gemüts war von einer falschen, auf wankenden Grundsätzen fußenden Erziehung zurückgedrängt und mit steinernem Riegelwerk verschlossen, der Reichtum ihres Geistes brachgelegt und ihr Wollen und Handeln von den rechten Bahnen seitwärts gelenkt worden.« Na schön, denkt Münchmeyer, besser schreiben meine anderen Autoren auch nicht. Weiter: Ein Ball findet statt, auf dem die Ballkönigin ersteigert werden soll, natürlich ist Wanda die Favoritin. Ihr Verlobter, Baron Säumen, bietet am meisten, da bricht im Nachbardorf ein Brand aus, beherzte Männer stürzen fort, darunter Schornsteinfegermeister Winter. Drei Menschen rettet er, rußgeschwärzt kehrt er zurück und steigert mit um Wanda: Fünfzig Taler setzt er ein, Säumen zögert.
Wieder ein Brand, mäkelt Münchmeyer, brannte es nicht schon in Mays erster Geschichte? »Schreiben Sie immerhin weiter. Ob wir’s diesmal unter Ihrem Namen bringen?«
May schießt das Blut ins Gesicht.
Jetzt bleibt er öfter einmal über Nacht in Dresden, Doßt drückt beide Augen zu. Das Seitengebäude, in dem er nächtigt, ist vor erst einem Jahr fertig geworden, er erreicht es über den Hof. Die Familie, bei der er untergekommen ist, zog vor zwei Jahren aus Böhmen zu, der Mann war Maschinist in einem Schacht, jetzt steht er an der Stanze in einer Nähmaschinenfabrik. Wenigstens hat May ein Zimmer für sich, ein Schlafbursche logiert außer ihm in der Wohnung auf einer Pritsche in der Küche. Einmal schlägt ihm der Wirt vor, er möge sein Zimmer mit einem jungen Arbeiter teilen, der aus Schlesien zugewandert sei und seit Wochen im Asyl kampiere. Matratze auf den Fußboden, natürlich geringere Miete, na? May lehnt ab. Er muß abends schreiben! Achselzucken. Morgens, wenn er sich in der Küche wäscht, sitzen oder liegen vier, sechs Menschen hinter ihm. Abends werden auf dem Herd Rüben zu Sirup zerkocht wie daheim auch.
Der Verleger drängt: Ist die Novelle nicht bald fertig? Er schimpft auf die Konkurrenz, auf Papierpreise und Lohnforderungen der Drucker. Spärlich sind seine Vorschüsse, er ringt die Hände: Die Auflage des »Beobachters an der Elbe« gehe zurück!
Am Abend steht May vor der Oper, Kutschen fahren vor, Diener öffnen den Schlag, halten Schirm und Laterne. Ein Frauenlächeln, das könnte Wanda von Chlowicki sein. Federbusch auf einem Hut, Schleier, ein offener Mantel. May dreht sich zu einer anderen Kutsche, da prallt sein Blick auf einen Polizisten, der ein paar Meter entfernt steht, Stiefelspitzen wippen über der Bordkante, Augenpaare begegnen sich. Stiefel trägt Doßt, Stiefel können auf dem Zuchthauskorridor knallen, Stiefel können auf ihn zu knallen, eine Stimme kann fragen: Was haben Sie hier verloren? Ihre Papiere? Vorbestraft, so, unter Polizeiaufsicht, und was treiben Sie sich in Dresden herum? May wendet sich ab und geht auf die Elbbrücke zu, sein Nacken versteift sich, als fürchte er einen Schlag. Aufs Brückengeländer gestützt, krümmt er sich zusammen.
Eine Erzählung von drei Seiten druckt Münchmeyer, eine von sechs, die mißratene Skizze eines anderen Schreibers läßt er von May auffrisieren. »Ist Ihre ›Wanda‹ nicht bald fertig?«
Bei einem Krämer in der Neustadt kauft er Brot, billige Wurst und Zigarren. »Zwei Dutzend ›Hansastolz‹. Ich begleich’s nächste Woche.«
»Da muß ich Vater fragen.« Das Mädchen wendet sich ab, Zöpfe schwingen, ein überlanger Fünfziger mit spärlichem Haar und dünner grauer Haut bückt sich aus dem Comptoir heraus, hüstelnd hinter vorgehaltener Hand. May sagt abermals sein Sprüchlein auf, sein Blick huscht über die Schuppen auf dem Kragen des Händlers. Ein beherztes, ehrfurchtgebietendes Auftreten wünscht er sich. Daß dieser da zusammenzucke, erstarre, staunend ausriefe: Das sind Sie, der Schriftsteller May?
»Tut mir leid, Herr«, krächzt der Dünne und hustet, daß die Schultern zucken, »wo denken Sie hin, Ladenmiete, Steuern, und dann immerzu kreditieren? Ich hab Sie bevorzugt! Aber jetzt vor Monatsende …«
»Ich erwarte Honorare.«
»Das behaupten Sie jedesmal.«
»Aber wenn ich …«
»Bezahlen Sie erst mal!«
Das Mädchen lauert mit giftigem Blick. May fürchtet schrill aufbrechendes Gekreisch wie damals in Böhmen, als er einer Gans seine Gedichte vorlas. Die Rechte hat er ins Jackett gesteckt, dort liegt sie fest, die Linke hängt herab, die Handfläche streicht über die Hose. Nach einem heftigen Wort des Abgangs sucht er, das die beiden da zusammenfahren ließe. In Büchern findet man: Ich werde Ihnen meine Sekundanten schicken! Mein Anwalt wird das weitere regeln! »Wenn Ihnen an meiner Kundschaft nichts gelegen ist …«
»Bezahlen möchten Sie.«
May versucht, mokant die Brauen hochzuziehen, wendet sich zur Tür, fühlt Blicke im Rücken und kommt an der Schwelle mit seinen Schritten nicht zurecht. Halb dreht er sich, als er die Ladentür schließt; tölpelhaft muß das aussehen, fürchtet er, zwei Augenpaare starren ihm durch die Scheibe nach. Drei Straßen weiter lehnt er sich auf ein Geländer; als er die Arme aufstützt, riecht er den Schweiß in den Achselhöhlen.
Drei Zigarren bleiben für die Nacht. Und wenn er borgte – vielleicht bei Fräulein Ey: Ich bin in Not! Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie streckte die Arme vor, es wären nicht die vollen, weißen Arme, wie er sie ersehnt und beschreibt. Bräunlich sind ihre Arme, mager, er hat sie gemustert, als Fräulein Ey die Dielen des Verlagsbüros wischte, über ihrem Nacken war das Haar hochgesteckt zu einem unordentlichen Dutt, die Hemdträger unter dem Kittel waren angeschmutzt. Immerhin gelingt diese Vorstellung: Fräulein Ey streckte ihm Geldscheine hin: Nehmen Sie, soviel Sie wollen, mein Herr, was mir gehört, sei das Ihre!
Er verscheucht den Wunschtraum und flüchtet in sein Zimmer. Während er die Arbeit des Vortags überfliegt, schneidet er die Spitze einer Zigarre ab, stimmt sich ein, zündet an, schmeckt den Rauch, schreibt. Die Handlung beginnt zu strömen, neue Figuren werden geboren mit raschem Strich. Treuherzig, bieder, redlich ist dieser Meister Winter, ein Stegreifdichter obendrein:
»Drum schließe deine Augen zu,
worin die Tränen glühn,
Ja, meine wilde Rose, du
sollst nicht im Wald verblühn!«
Seinem warmherzigen Drängen kann Wanda nicht widerstehen, sie entlobt sich vom Baron, der sinnt auf Rache. In einem Hotel in Chemnitz erlauscht Winter, daß ein Testament vorliegt, wonach Wandas Vater im Falle von Wandas Tod dem schurkischen Baron ihr gesamtes Vermögen vermacht, nun droht höchste Gefahr! Da taucht ein Ballonführer auf, der seine Kunststücke über ebendieser Stadt zeigen will …
»Wissen Sie was, wir drucken Ihre Geschichte immer mal an. Unter Ihrem Namen. Solange sie läuft, werden Sie schon fertig werden, was?«
»Ja, danke. Vielen Dank, Herr Münchmeyer!«
Eine Woche später liest er hundertmal den Titel: »Wanda, das Polenkind.« Und hundertmal darunter: »von Karl May.« Diese Nummer hält er Doßt hin, der Vater trägt sie in alle Kneipen. Münchmeyer drängt: Jetzt nicht lockerlassen! Und May schreibt, schreibt in Ernstthal, in Dresden. Ein Redakteur kommt mit einer Erzählung nicht zu Rande, May entwirft zwischendurch dafür einen neuen Schluß. Der Verleger lobt: Jetzt sind Sie richtig drin, das flutscht, was?
3
Der Sommer bleibt heiß, Zeitungen berichten über Machenschaften des Zentrumführers Windthorst, der die Interessen des Katholizismus über die des Reiches stellt. Flammen in Mexiko, Indianerkämpfe zwischen Prärie und Felsengebirge, Kleinkrieg in Albaniens Schluchten. Stickig ist es in Dresden, Münchmeyers kutschieren gelegentlich im Mietwagen durch die Dresdener Heide; May merkt nichts vom Blühen und Reifen. Inzwischen kauft er von Honoraren und Vorschüssen bei einem anderen Kaufmann seine Zigarren, eine Mahnung des Dürren, Schuppigen hat er unbeachtet gelassen.
An jedem Montag meldet sich May, am Dienstag fährt er nach Dresden, mittwochs, spätestens donnerstags kehrt er zurück. Doßt warnt, droht manchmal: »Wenn du Zicken machst, ich hab dir die Fahrt nach Dresden nicht erlaubt!«
Der Sommer verfliegt, im Herbst sagt Münchmeyer: »Wie wär’s, Sie kämen am Sonntag mal zum Essen. Meine Frau würde sich freuen.«
Jähes Glück schießt in May hoch, er stammelt Dankesworte. Prott müßte das erfahren, Kochta, der Direktor, Doßt! »Richten Sie bitte Ihrer Frau Gemahlin …«
»Halb zwölf. Wir könnten bei dieser Gelegenheit überlegen, ob Sie die Redaktion meines Wochenblattes übernehmen. ›Der Beobachter an der Elbe‹ verliert Abonnenten. Sie mit Ihrer flinken Hand – na?«
»Ich danke für die Ehre, Herr Münchmeyer!«
»Wir reden am Sonntag drüber. Da dürfen Sie doch weg von Ernstthal?«
»Sonntags muß ich mich nie melden.«
Doßt, Doßt! Fünf Stunden braucht May von Dresden nach Ernstthal, vom Bahnhof eilt er manchmal direkt zum Rathaus; gelegentlich braucht er nur den Kopf durch die Tür zu stecken, und der Polizist winkt schon ab: In Ordnung! Auf der Rückfahrt streunt er in Chemnitz zur Brückenstraße, in einer Seitengasse liegt eine Druckwerkstatt. »Ich benötige Visitenkarten.« Eine Frau legt Muster vor, so, so, verschnörkelt oder nicht allzu sehr. Redakteur Karl May, Dresden, malt er auf einen Karton. Oder besser so: Karl May, Redakteur, Dresden und Ernstthal.
»Wir können’s auch mit Goldrand machen, Herr Doktor.«
Die Hand probiert: Dr. Karl May. »Gut, machen Sie’s so.« Schnell schreibt die Hand, als solle der Kopf nicht wissen, was sie tut: Dr. Karl May, Redakteur, Dresden und Ernstthal. »Zwei Dutzend bitte.«
»Wir drucken gewöhnlich fünf.«
»Also fünf. Bis Freitag?«
»Bittschön, Herr Doktor.«
Daheim malt er sich aus, wie er Münchmeyers Wohnung betreten wird, mit einer Verbeugung, Blumen in der Hand. Im Sessel sitzt er, ein Bein locker über das andere geschlagen – famoses Kraut, stört der Rauch nicht, gnädige Frau? Ja, ich hab mir Gedanken gemacht über die Zeitschrift, ich bedanke mich für die Ehre. Auf meiner Heimat lastet auch jetzt noch viel Not, besonders auf den Bergarbeitern. Der aufsässigste Winkel des ganzen Reiches, ja, leider! Ein gewisser Bebel. Also eine Zeitschrift speziell für die in Bergwerken und Hütten arbeitende Bevölkerung. Er denkt: Die halte ich Doßt hin! Während er durch die Fluren um Ernstthal schweift, sinnt er nach über die Möglichkeit, Bildung gepaart mit Frömmigkeit in die Häuser der Armen zu tragen, gewissermaßen nachzuholen, was die armselige Schule versäumt. Er war ja Lehrer, wenn auch nur kurze Zeit. Das wird er seinem Verleger sagen: Was vermag schon die Schule auszurichten, ich weiß es, ich hab in der Pädagogik von der Pike auf gedient!
Erdkundliche Predigten vielleicht. Geographie, Weltkunde für Erwachsene. Wer wissend ist, erliegt schwerlich der Demagogie. Er stellt sich vor, wie er die Zeitschrift dem Ratswachtmeister hinschiebt: Von mir. Er schaut sich um, Wolken fliegen hoch oben, das Gebirge liegt in Wellen vor seinem Blick von der Augustusburg bis zum Auersberg mit Keil- und Fichtelberg in der Mitte. Ein Satz bildet sich: Wenn in stiller Abendstunde der ernste Blick sich zu dem funkelnden Diadem des Himmels erhebt. Dies muß der Stil sein: Getragen, erhaben: Dort, wo der Orinoko seine Fluten dem Golf von Paria zuwälzt. Oder: Wahrlich, man muß dem kühnen Mann, der sich dem schwachen Bau seiner Hände anvertraut, um sich durch Not und Tod zum fernen Land zu ringen, wohl Bewunderung zollen. Wie in einer Predigt muß die Sprache klingen, um in den Herzen der Geplagten ein Flämmchen leuchten zu lassen. Dies könnten die Kapitel sein: Himmel und Erde, Land und Wasser, Berg und Tal, Wald und Feld. Weitere über das Tier, die Verkehrswege, den Menschen schließlich in seinem Heim und bei seiner Arbeit.
Am Abend schreibt er: »Mag der Denker auch über die Dürftigkeit seiner Erkenntnisse seufzen und unbefriedigt dem unerreichbaren Ziel nachspüren, bis der Tod ihn den Schritt ins Jenseits lehrt: Der Gedanke, der ihn erleichtert, lebt fort und geht auf andere Geister über, um unter Sturm und Drang immer weiter entwickelt und ausgebildet zu werden. Immer neue herrliche Schöpfungen werden geboren, die nach dem Gang der Wahrheit streben …« Die Feder fügt Wort an Wort, steil, ohne Korrektur, die Linke hält die Zigarre. Ruhe liegt über Ernstthal, er schreibt: »… hebt unfehlbar doch zuletzt den Blick empor zum Himmel und lenkt das forschende Auge auf die hellen Punkte, von denen jeder eine Welt bedeutet. Im Glanz der Sterne nun entfaltet die Wunderblume der Erkenntnis ihre schönsten Blüten.«
Der Tag müßte achtundvierzig Stunden haben. Wenn er in Ernstthal ist, schläft er bis sieben oder acht; die Mutter hat ihm Morgensuppe aufgehoben. Seinen Rundgang macht er durchs Städtchen, wie zufällig steckt er den Kopf in Doßts Amtsstube hinein. Der Mutter kauft er Stoff für einen Rock, dem Vater steckt er eine Mark für Bier zu, von der die Mutter nichts zu wissen braucht. Von Mittag an schreibt er, am Abend macht er eine Pause von zwei Stunden, dann arbeitet er weiter bis zwölf, zwei, drei in der Nacht.
Auf der Fahrt nach Dresden holt er die Visitenkarten ab. Als er sie in den Händen hält, probiert er im Geiste aus, wie das klingt: Herr Doktor May. Darf ich bekannt machen: Herr Doktor May. Dieser Artikel stammt vom Doktor. Bring mal die Druckfahnen rauf zum Doktor! Hat gewonnen, die Zeitschrift, seitdem Doktor May sie redigiert.
Er schaut in die Augen der Frau und sucht ein Zwinkern darin, Argwohn, verstecktes Lächeln. Doch sie erwidert unbewegt seinen Blick, sie ist an solche Kunden gewöhnt. Vielleicht ein kleiner Beamter oder ein Kontorfuchser, wer weiß, wem er imponieren will. Doktor, der doch nicht. »Wir können jederzeit nachdrucken.«
Er zahlt und flieht fast aus dem Laden. Nach hundert Schritten probiert er wieder: Guten Morgen, Herr Doktor! Fräulein Ey wünscht das mit einem Knicks. Nein, im Verlag wird er sich nicht als Doktor ausgeben. Überhaupt nicht so bald.
Eine Stunde lang bürstet er den Anzug, die Schuhe. Er hält Blumen in der Hand, als er an Münchmeyers Tür schellt. Ein Mädchen öffnet, Münchmeyer begrüßt seinen Gast im Korridor. Er amüsiert sich: May wirkt aufgeregt wie ein Lehrling, der zum erstenmal ein Mädchen zum Tanz holt. Mein Gott, zweiunddreißig ist der Mann, sieben Jahre war er hinter Gittern, und da sagt man nun, Knast zähle doppelt!
Das Speisezimmer hat sich May dreifach so groß vorgestellt, er prallt an der Tür fast auf die Damen, dahinter steht gleich der Tisch. Er hat Schritte tun wollen auf eine ausgestreckte Hand zu, jetzt findet er kaum Raum, Frau Münchmeyers Rechte zum ersten Handkuß seines Lebens hochzuziehen. Fräulein Ey kichert, das gilt nicht ihm, aber er münzt es auf sich, da er beim Handkuß der Dame des Hauses nicht gegenübersteht, sondern aus Raummangel im spitzen Winkel. »Ihr Gatte war so freundlich …«
»Nehmen Sie bitte Platz, Herr May!« Aber May weiß nicht wo, in seinen Geschichten locken die Damen die Herren, die den Salon betreten, mit bloßem, vollem Arm auf ein Sofa an ihre Seite. Er kann sich doch wohl nicht an den gedeckten Tisch setzen; zwischen ihm und einem Stühlchen hat Minna Ey einen Schrank geöffnet, Münchmeyer sagt: »Mit der Suppe haben wir noch ein bißchen Zeit. Na, kommen Sie rüber! Sagen Sie mal, spielen Sie eigentlich ein Instrument?«
»Klavier, ich hab’s auf dem Lehrerseminar gelernt. Aber ich hab’s vernachlässigt, leider.«
Vernachlässigt, diese Formulierung findet Münchmeyer urkomisch. »Ich spiele Geige. Vielleicht musizieren wir gelegentlich mal zusammen?« Münchmeyer erwähnt nicht, daß er als junger Mann auf Dörfern zum Tanz aufgespielt hat.
Am Rücken von Fräulein Ey vorbei bugsiert er May zu einer Seitentür, vor Ledersesseln stehen sie jetzt, vor einem Bücherschrank und einem Gemälde: eine weitgewandete junge Frau neigt sich zu einem verwundeten Soldaten, der in einem Korbstuhl auf einer Veranda ruht.
»Wissen Sie, Herr May, daß ich einmal mit meinem Mann in Waldheim war?«
Diese Stimme ist hinter ihm, die Stimme von Frau Münchmeyer klingt über seinem Kopf, da wird ihm bewußt, daß er sitzt, während die Frau steht, er drückt sich eilig hoch und wendet sich halb zu ihr. »Ich kenne nichts von Waldheim außer« – er will sagen: außer dem Zuchthaus, er fürchtet, es klänge erkältend in diesem Zimmer und zu dieser Stunde.
»Natürlich logierten Sie nicht im Gasthof.« Die Stimme Münchmeyers dröhnt halb unter May, ein Meckern folgt. May hat die Knie eingeknickt, da ruft Fräulein Ey: »Die Suppe, wollt ihr schon die Suppe?«
Er findet aus seiner halb stehenden, halb zur Seite gedrehten Haltung heraus und in den Sessel hinunter, er lächelt Münchmeyer an; als er sich dieses Lächelns bewußt wird, erschrickt er: Es gibt keinen Grund dafür. »Nach Waldheim bin ich zu Fuß«, dringt es von seiner Zunge, »von Mittweida.« An einen Gendarmen gekettet, ein zweiter ging hinterher, aber das erwähnt er nicht. »Und fort bin ich mit der Eisenbahn. Den Berg zum Bahnhof hinauf.« Von dort und vom Zug aus sah ich noch einmal das Zuchthaus – auch das bleibt ungesprochen.
»Also die Suppe!« Minna Ey ruft, Münchmeyer macht schnaufend eine Handbewegung: Was soll man tun gegen diese Diktatur!
Zwischen den Schwestern findet er Platz und plagt sich mit der Überlegung ab, wer von beiden seine Tischdame sei, wer er vorzulegen habe – hat er vorzulegen? Das Mädchen serviert Brühe mit Eierstich. »Nehmen Sie sich von den Croutons«, bittet Frau Münchmeyer. »Ich weiß nicht, ob Sie sehr verwöhnt sind.« So konversiert sie jedesmal, wenn sie Rebhühnercroutons serviert. »Nein, gar nicht«, er errötet und beugt sich über den Teller, um es zu verbergen. Sein rechter Unterarm bleibt auf dem Tisch liegen, während er den Löffel zum Mund führt, das merkt er und richtet sich erschrocken auf, kommt ins Husten, beinahe ins Prusten, von einer Sekunde auf die andere beginnt er zu schwitzen.
»Joi, joi, joi«, begütigt Münchmeyer. »Bißchen heiß vielleicht?«
»Nehmen Sie sich Zeit, Herr May.« Pauline Münchmeyer legt den Löffel auf den Tellerrand. Vielleicht sollte man sich gar nicht mehr um diesen Stiesel kümmern, irgendwie wird er sich durchwursteln. Was tut man nicht alles für die Firma! Für den hätte eine Kaffee-Einladung genügt. Diese Krawatte, mein Gott! Ob Minna ihn noch immer rührend findet? Ach, Schwesterchen, du mit deinem Männergeschmack!
May beißt in ein Crouton wie Münchmeyer, kaut langsam wie Münchmeyer, nickt schmeckerisch. »Wunderbar zur Suppe!« Münchmeyer hat schon zu Ende gelöffelt, May holt auf. Tischunterhaltung bröckelt: Frau Münchmeyer fühle sich noch immer beengt: Was jetzt in Strießen für herrschaftliche Wohnungen gebaut würden, sechs Zimmer, eine ganze Etage! Münchmeyer, der nicht möchte, daß May glaubt, der Verlag werfe Unsummen ab, brummt, die Miete für diese Wohnung hier sei happig genug. Neue Möbel kämen ja gar nicht in Frage. Wer in der Krise Sprünge mache, fliege aufs Kreuz, man kenne Beispiele. Wo der Verlag im Wandel sei. Frau Münchmeyer schwärmt: Ein orientalischer Salon mit Löwenfell und arabischem Segel, wie heißt es doch gleich? May weiß es, hat aber den Mund voll, und ehe er gekaut und geschluckt hat, redet Minna von Papierpreisen, Druckerlöhnen – Münchmeyer wiederholt nicht sonderlich freundlich: Bleibt auf dem Teppich! Zum Hammelrücken nimmt May zuviel Soße und quetscht die Kartoffeln hinein zu einem mißfarbenen Brei. Beim Aufblicken sieht er, wie Fräulein Ey belustigt seinen Teller mustert, da meint er, seine Schultern zögen sich wie im Krampf zusammen; wenn es schlimmer werden sollte, wird er die Arme nicht mehr bewegen können, dann fallen ihm Messer und Gabel aus der Hand und klirren gegen den Tellerrand, Frau Münchmeyer wird davonstürzen. Um dieser Furcht zu begegnen, muß er sich aufrichten, er streckt sich, daß Münchmeyer fragt: »Haben Sie sich verschluckt?« May schüttelt den Kopf, nein, gar nicht.
Über Käsestangen quält er sich dem Ende der Mahlzeit zu, eine Viertelstunde später weiß er schon nicht mehr, was er gegessen hat. Da ärgern sich in der Küche die Schwestern, diesen verklemmten Kerl zum Essen geladen zu haben. Man ist kein Nachhilfeinstitut für Zukurzgekommene. Das nächste Mal setzt man Bratwurst und Bier vor. Das Dienstmädchen kreischt. Minna Ey: »Aber er hat mir leid getan!«
»Lad ihn noch mal ein und gib ihm Unterricht, wie man das Messer anfaßt.« Das sollte ein Spaß sein, aber Minna lacht nicht.
Drin im Herrenzimmer verbreitet sich der Verleger indessen über die Krise, in die manche Unternehmen gestürzt sind. Viel zuviel Geld war im Umlauf durch die fünf französischen Milliarden, zu hektisch sind manche Aktiengesellschaften an den Ausbau gegangen. Wer nichts verdient, kauft keine Zeitschrift; wenn sich die Zusammenbrüche häufen, wird sich das auch für das Haus Münchmeyer bemerkbar machen. Also behutsam einen Schritt nach dem anderen. »Mal zur Sache: Was hielten Sie davon, Redakteur des ›Beobachters‹ zu werden?«
»Ich muß mich ja ständig in Ernstthal melden.«
»Vielleicht schaffen Sie die Arbeit an einem Tag.« Natürlich müsse sich May einige Praktiken aneignen im Umbruch, im Korrigieren der Satzfahnen und so weiter, aber das sei erlernbar. Man könne es einrichten, daß May dem jetzigen Redakteur, der sich verändern wolle, über die Schulter schaue. Münchmeyer weiß, daß er auf solche Weise einen Hilfsredakteur gewinnt, der umsonst arbeitet. »Vielleicht, daß Sie sich bis zum März eingewöhnen?«
May ringt sich durch: »Und das Gehalt?«
»Wird sich nach Ihrem Können richten.« Münchmeyer bietet eine Zigarre an und nimmt sich vor, wenn sie aufgeraucht ist, zu verstehen zu geben, daß damit die Einladung ihr Ende habe. Kein Likör, er hat sich großzügig genug gezeigt. Mitleid mildert seine Stimmungslage: Mein Gott, vor fünf, sechs Jahren haben seine Frau und er auch noch nicht von Porzellan gegessen, ihr Einkommen ist explodiert. Pauline übertreibt, keine Frage. May muß sich in dieser Umgebung doppelt als der arme Schlucker vorkommen, der er ist. Immerhin, er erkennt seine Grenzen.
»Vielleicht, daß wir so verbleiben: Sie machen sich mit der Redaktionsarbeit vertraut. Die letzte Entscheidung vertagen wir?« Münchmeyer legt Jahrgangsmappen auf den Tisch, zeigt, hier und da wird man verändern müssen. Gerichtsberichte, Marktberichte, Anekdoten aus dem Heer. Natürlich immer wieder Erinnerungen von Teilnehmern des Einigungskrieges. Schulter an Schulter mit Bayern und Preußen. Das hier ist superb: Ein sächsischer Füsilier rettet vor Paris einem Preußen das Leben und verliert dabei sein eigenes. Vorher erkennen beide: Vier Jahre vorher haben sie bei Königgrätz gegeneinander gefochten. »Übrigens, ein Kriegerverein braucht für seine Zeitschrift ein Gedicht über unseren König. Seine Schlachten, na eben ’n Heldenepos.«
»Ich könnt’s versuchen.«
»Ein Freund vom Stammtisch hat mich gefragt. Viel springt nicht dabei heraus, aber Kleinvieh – schaffen Sie’s bis nächste Woche?«
Ja, verspricht May, ja. Er hat aufgeraucht; über Münchmeyer hängt das Bild mit dem verwundeten Krieger, aus der Zimmerecke heraus biegt sich ein Palmwedel halb davor. Schwere überkommt May vom Essen und nervlicher Anspannung. Münchmeyer müßte sich auflösen, eine Frau müßte eintreten, sanft, mit weißen Armen. Wieder Schritte auf dem Korridor, da schrickt er auf. »Ich darf mich verabschieden, Herr Münchmeyer. Ihrer Frau Gemahlin …«
»Sie hat sich ein wenig hingelegt.«
»Dann darf ich bitten …«
Münchmeyer steht schon, ehe May aus dem Sessel findet. Auf dem Korridor setzt May noch einmal zu Dankessätzen an, aber Münchmeyer unterbricht: »Am Dienstag wie immer.«
Drei Tage lang quält sich May wegen seines mißlungenen Debüts, immer wieder fällt ihm ein, wie Minna Ey auf seinen Teller gestarrt hat. In einem Geographiebuch schlägt er nach und übernimmt, daß die Inder seit 3102, die Chinesen seit 2449 und die Babylonier seit 2107 vor Christi Geburt astronomische Beobachtungen anstellten. Er schreibt: Wer verspürte keine Demut angesichts dieser Zahlen!
Zum erstenmal schaut er zu, wie Druckseiten umbrochen werden. Ein Metteur redet ihn mit du an, May kontert scharf: »Ich bin kein Lehrling!«
Der Metteur blickt erstaunt über die Brillengläser. »Lehrlinge brauchen keinen Einstand zu geben.« Die Setzer brüllen vor Lachen.
Am Abend reimt er:
Horch, klingt das nicht wie ferner Schwerterklang?
Die Marsch bebt unter dampfenden Schwadronen.
Es jagt der Tod den weiten Plan entlang.
Und erntet unter brüllenden Kanonen.
Bei Düppel ist’s, des Dänen trotzger Sinn
will deutsches Recht in deutschen Landen beugen …
Erst das Reimpaar notieren: Mit goldnem Stift – Schrift. Jahren – Scharen. Grauen – Vertrauen. Weiter im Rhythmus:
Denn die Geschichte schreibt mit goldnem Stift
Und mißt Triumphe nicht nach kurzen Jahren.
Drum glänzt es fort in heller Flammenschrift:
»Der Löwe Sachsens ist’s mit seinen Scharen!«
Durch Böhmens Wälder wälzt sich wild die Flut,
Ein Einziger steht ohne Furcht und Grauen …
Die Niederlage bei Königgrätz sollte er nicht ausmalen, Albert focht auf der unterliegenden Seite. Doch den Rückzug, liest man allenthalben, soll er glänzend organisiert haben. Rasch zum Einigungskrieg: Scharen – Haaren – Paaren – waren – fahren. Er läßt sich einwiegen, die nächsten Strophen schwingen wie von selbst:
Wer sind die Helden, die mit Eisenarm
Die fränkischen Cohorten niederschlugen
Und in der Feinde dichtgedrängten Schwarm
Mit starker Faust die Fahnen Deutschlands trugen?
Dem Frager naht ein bärtiger Sergeant,
Des Tages Spur in den zerzausten Haaren.
»Die Leute, Herr, sind uns gar wohl bekannt:
Der Löwe Sachsens ist’s mit seinen Scharen!«
Abermals Schlachtgetümmel, Fanfaren, Sieg und deutsche Einheit, der Held kehrt in sein Land zurück, die Wogen der Siegesfreude schlagen über ihm zusammen. Friede nun: Gezückt – gerückt – entzückt – beglückt. Erst einmal den Schluß:
Nehmt den Pokal, das volle Glas zur Hand,
Erhebt den Blick zum freien deutschen Aaren,
Und hell und jubelnd schall es durch das Land:
»Der Löwe Sachsens hoch mit seinen Scharen!«
May überliest, Verwunderung überkommt ihn, wie rasch ihm dieses Poem gelungen ist. Unter den Titel schreibt er: »Rückblick eines Veteranen.«
Drei Tage später liest Münchmeyer das Gedicht. Kein Lob, kein Tadel. »Die Leute werden’s nehmen. Kommen Sie mit dem Umbruch zurecht?«
Ja, ja. Er fühlt Druck auf der Brust, der rührt nicht vom Rauchen, nicht vom krummen Sitzen in den Nächten her. Nur einer würde ihn jetzt verstehen: Kochta.
Münchmeyer schlägt eine Zeitschrift auf und mäkelt: Die paar Zeilen hier hätte May nicht umlaufen lassen sollen, so was kürzt man raus, hier meinetwegen: Weg mit dem Absatz, verstehen Sie? Also nächstes Mal!
Nachmittags umrundet er Häuserblocks in der Nähe seines Zimmers. Es ist diesiger Herbst, die Nebel der Elbe sind über die Ufer gedrungen und füllen die Stadt. An solch einem Tag, entsinnt er sich, an dem es nie richtig hell wird, hat sich in Waldheim ein Züchtling erhängt.
Eine Schankwirtschaft betritt er, kein Kunde ist darin, der Besitzer verbeugt sich. May läßt sich Kästchen zeigen, schnuppert. Etwas Besonderes suche er, nicht zu schwer, dennoch Format. »Eine Zigarre mit Charakter«, der Wirt wagt sich eine Preisstufe höher. May nennt Importfirmen aus Bremen, diese Namen standen auf den Ballen, die er in Waldheim auftröselte.
»Ich bekomme nächste Woche eine exquisite Sorte.«
»Schicken Sie mir bitte davon ein Dutzend zur Probe. Heute nehme ich zwei Dutzend von diesen.«
»Sehr gern, der Herr. Wohin darf ich …«
May überreicht eine Visitenkarte. Der Wirt liest. »Verbindlichsten Dank, Herr Doktor!«
An diesem Abend arbeitet er weiter an der Geschichte des Försterssohns Brandt, die Feder gleitet. Fünf Seiten, eine Zigarre, eine Pause während der ersten Züge. »Eine gewaltige, hoffnungslose Liebe lag zusammengepreßt in der Tiefe ihres Herzens. Die gewaltige Expansivkraft derselben bedurfte nur eines Funkens, um die Explosion, die Eruption hervorzubringen, welche in dieser Schicksalsstunde sich Bahn brach.« Sechs Seiten, vielleicht mit einem Ruck bis Seite zehn. Er kennt das füllende Mittel der direkten Rede:
»Wozu?«
»Fragt der Mensch auch noch dieses!«
»Nun, was denn?«
»Der Hausers Eduard ist futsch!«
»Ah! Sapristi!«
»Und die Engelchen ist futsch!«
»Oh!«
»Ja, aber zu Hause ist er nicht gewesen!«
»Ja, ich weiß es!«
»Was, Sie wissen es?«
»Ja.«
»Und das sagen Sie so ruhig?«
»Wie soll ich es denn sagen?«
»Brüllen Sie es! Hinausschreien!«
»Wo denn hinaus?«
»Aus dem Forsthaus hinaus!«
»So! Auch noch!«
»Ja, ja!«
Er braucht jetzt nicht das Belebende, Aufpeitschende des Tabakrauchs, er muß die Hand nicht zwingen, leserlich zu bleiben. Keinen Blick wirft er auf das Geschaffene, weiter! Ein Kind stirbt an den Blattern, weil Mund und Nase verkrustet sind – hat er in blinder Kindheit so etwas gehört? Die Großmutter sprach darüber mit einer Nachbarin? Ein Kind ist erstickt, bei den Geschwistern schneidet der Arzt durch die Blattern hindurch. Milch soll den Kindern eingeflößt werden, Bouillon. Aber es gibt keine Milch und kein Geld, die Kinder werden sterben. »Mit einem wilden Aufflackern riß der unglückselige Vater die schmutzstarrenden Bündel … Ein Schluchzen erstickt der Mutter die Stimme: Wenn der Waldkönig nicht hilft …«
In der Erinnerung taucht das Gesicht des Händlers auf, er hört diese Stimme: Herr Doktor May. Protts Lachen: He, May, schreibst die Bibel ab? Verbindlichsten Dank, Herr Doktor. Mörtelgeruch, Kübelgeruch, Strohgeruch. Swallow, mein wackerer Mustang. Der Direktor: Viel Glück in der Freiheit, Herr Doktor! Schriftsteller und Redakteur Dr. phil. Karl May. Kochta: Demut, wir alle müssen demütig sein vor dem Herrn. Das Flämmchen zuckt vor der Zigarrenspitze, Rauch auf der Zunge, über tausend Nervenbahnen wird das Hirn wachgehalten. Die Mutter in der Mangelstube, der Vater am Stammtisch: Mein Sohn, Doktor ist er jetzt! Zuchthausmauern stürzen, Waldheim ist von der Landkarte gelöscht. Aus staubüberhangener Einöde der Hilferuf des Direktors: Bitte, Herr Doktor May! Ein Diener: Gnädige Frau, darf ich Ihnen Herrn Doktor May melden! Eine Dame schreitet auf schwellendem Teppich. Ich habe unendlich viel von Ihnen gehört!
In dieser Nacht schafft er zwölf Seiten.
3. Kapitel: Emma, Minna
1
»Mußt nich immer schreiben und schreiben, Karle, davon drehste noch durch. Willste nich zu Minchen rüber?«
»So wenig Zeit, Mutter.«
»Hab Schweinefleisch bestellt für Sonnabend. Wenigstens möchtest’s holen.«
In einer halben Stunde könnte er zurück sein. »Kriegst es billiger?«
Die Mutter klagt: Ein paar Pfennige nur, der Schwiegersohn läßt keinen Unterschied zu, ob Fremde oder Verwandte bei ihm kaufen. Wenigstens nimmt es Minchen mit dem Wiegen nicht genau und legt Knochen und Schwarten zu.
Unterwegs bosselt er an einer Dorfgeschichte, heiter soll sie sein – als ob er so was aus dem Ärmel schütteln könnte! Er kann sich nicht an den Tisch setzen und beschließen: Jetzt schreibe ich eine lustige Geschichte! Sich vornehmen: Aus einem düsteren Winkel brechen Maskierte und stürzen sich über den eben Befreiten – das gelingt zu jeder Stunde.
Wilhelmine Schöne, die zwei Jahre jüngere Schwester, ist nicht in der Küche, dort wischt die Magd auf. Aus der Stube dringen Mädchenstimmen, Frauenstimmen. »Möchte nur etwas holen.«
»Der Herr Redakteur!« Wilhelmine lärmt durch die Tür. »Ach was, meine Freundinnen wollen dich endlich kennenlernen.« Sie zieht ihm den Mantel von den Schultern. »Oh, elegant biste! Der Glanz der Residenz!«
Die Stube ist fern jeder Vorstellung, die er von einem vornehmen Zimmer hegt; an Palmenwedel, Samtvorhänge und Goldrahmen ist nicht zu denken. Dennoch hofft er für einen Augenblick, die Frauen darin wären wie in seiner Phantasie: Üppig, mit nackten, vollen Armen, zu ihm emporlächelnd, dem Schriftsteller und Redakteur. Vier junge Frauen blicken von ihren Stickereien auf, er drückt Hände, hört Namen. Wilhelmine gießt ihm Tee ein. Er bittet reihum, rauchen zu dürfen, ein Messerchen zieht er hervor. Eine Frau fragt, wie denn das Wetter in Dresden letzte Woche gewesen sei, man höre, im Elbtal sei es besonders mild. Er redet von den Reben nach Meißen hinunter, aber er mache sich wenig aus Wein, er müsse seine Sinne wach halten, da wirke Tee besser. Und eine gute Zigarre.
Ach, Dresden! wird gestöhnt, wie Herr May zu beneiden sei! Die Königsfamilie, Offiziere, Jagden; selbst wenn man die gewöhnlichsten Arbeiten dort verrichten müßte, wie anders wäre das als das stupide Leben in Ernstthal! Ob Herr May oft reise?
Reisen, o ja. Manchmal werde es ihm fast zuviel. Wegen seiner Zeitschrift »Schacht und Hütte« habe er im Ruhrgebiet mit Firmen verhandelt, bei Krupp sei er gewesen, in Berlin bei Siemens. Berlin zeige einen verblüffend großzügigeren Anstrich als Dresden, neuerdings erscheine ihm Dresden muffig gegenüber der Reichshauptstadt und den Metropolen am Rhein. Wäre seine Schwester nicht im Zimmer, die weiß, daß er nur tageweise von Ernstthal fern sein darf, würde er seine Phantastereien bis Paris ausdehnen. Da sagt ein Mädchen: »Ich habe Ihre Artikel gelesen.«
Er wendet den Kopf, das Mädchen schlägt die Augen nieder. Die Schwester hilft: »Emma wohnt bei ihrem Großvater – du kennst doch Barbier Pollmer?«
Natürlich: Ein alter, dürrer Kerl, zieht er nicht auch Zähne? »Und welche Artikel bitte?«
»Über Felder und Städte.«
Er versichert, mit welcher Hingabe er an seinen »Geographischen Predigten« arbeite. Aber Emma Pollmer ist zu keinem Wort mehr zu bewegen, kaum, daß sie noch einmal den Blick hebt. So viel nimmt er immerhin wahr: Die Augen sind braun, die Wimpern lang, die Brauen dicht, das dunkle Haar steigt lockig zu seiten des Scheitels auf und fällt in Wellen auf die Schultern. Ist der Mund so, wie in Romanen zu lesen ist: lockend, sinnenfroh? Er möchte die Lippen noch einmal sich öffnen sehen, aber das Mädchen nickt nur noch oder schüttelt den Kopf. Die Schultern: Rundlich, kräftig, die Arme: Er kann sie nur ahnen unter der Strickjacke. Dürfte er schreiben, die Lippen seien schwellend? Noch ein schnell aufschießendes Wort: Pfirsichhaut.
Im Barbierladen lägen Zeitschriften aus, ergänzt Wilhelmine. Emma habe sie mit in ihr Zimmer genommen, sei es nicht so?
»Die Gedanken zu diesen Artikeln sind mir auf meinen Reisen gekommen. Wenn man vom Coupe aus Städte und Dörfer vorüberfliegen sieht …« Er gibt sich erschrocken: Mein Gott, er verplaudere sich, zu Hause warte ein Stapel nackten Papiers! Nun ja, man sage, Papier sei geduldig, aber am Dienstag müsse eine frische Zeitschrift auf den Markt!
»Aber deine Zigarre wirst du doch aufrauchen.«
Jetzt findet sein Blick noch einmal die Augen von Emma Pollmer, zwei Lächeln bilden sich. »Ich bekomme unzählige Briefe von Lesern«, redet er. »Gerade mit meinen Predigten habe ich den Ärmsten Zuversicht gespendet.« Emma flüstert: »Ich habe mich gewundert, wieviel Sie wissen.« Er beugt sich vor, um ihren Blick nicht zu verlieren, redet: »Oh, das bringt mein Beruf mit sich!« Jetzt möchte er empfinden, was er einen jungen Dichter in einer Geschichte hat fühlen lassen. Zu Füßen einer reifen Frau saß er. Fräulein Pollmer ist blutjung und blickt ehrfürchtig zu ihm auf, das ist noch nie geschehen. Eine Gans in Böhmen hat ihn ausgelacht. Minna Ey weiß zu genau, wie der Chef manche Seiten zusammengestrichen und durch Einschübe ergänzt hat, sie hat zweimal dringlich erbetenen Vorschuß verweigert. In dieses Mädchenantlitz hier hinein kann er erfinden: »Ich bin allein verantwortlich für jede Zeile meiner Zeitschrift.« Gerade am Umbruchstag gehe es in der Druckerei zu wie in einem Bienenstock: Herr Doktor May, das Titelblatt! Herr Doktor, welche Überschrift, welcher Schriftgrad! Er drückt die Zigarre aus; er will nicht den Eindruck erwecken, unermeßlich Zeit zu einem Kränzchenschwatz zu haben. Immer in Eile, seine Artikel im Kopf, die sie ihm in ganz Deutschland aus den Händen reißen. An der Haustür fragt er: »Wie alt ist Fräulein Pollmer?«
»Zwanzig. Gefällt sie dir?«
»Was soll man sagen nach wenigen Minuten.«
»Hübsch ist sie! Wird Zeit, Bruder, daß du in den Ehehafen steuerst mit deinen vierunddreißig. Soll ich sie für nächsten Sonntag wieder einladen? Kommst du?«
»Versprechen kann ich’s nicht.«
Auf dem Heimweg, auf der Fahrt nach Dresden bauscht sich die Erinnerung. Jetzt, so suggeriert er sich, ist er kein Anfänger mehr, der sich sehnt, zu Füßen einer schönen Frau zu sitzen und ihr glühende Gedichte vorzulesen, bis sie ihn an ihren Busen zieht. Nachts spielt er diese Vorstellung durch; Phantasie kann beglückender als Wirklichkeit sein, weil sie auf Befehl abrufbar ist und der Partner allen Wünschen gehorcht. Wenn er möchte, daß eine Frau sich hinter einen Samtvorhang zurückziehe, so tut sie es, er hört Seide rascheln, in einem durchsichtigen Hemd tritt sie wieder hervor. Sie knöpft ihm die Weste auf und sagt: »Wir wollen eins sein, du und ich und deine Gedichte.« Sie löscht das Licht bis auf eine Kerze. Diese Vorstellung ist schal geworden durch unzählige Wiederholungen. Wenn er Fräulein Pollmer wiedersieht, kann er vielleicht eine neue Szene entwickeln. Er trifft sie im Haus seiner Schwester, hört ihre Stimme, meistert die Konversation des berühmten Dichters mit einer Verehrerin. Ihr Lächeln, ihre Grübchen, das Heben der Wimpern nimmt er mit in seine Nächte. Dort läßt er sie sprechen: »Ich kenne jede Ihrer Zeilen, Herr Doktor, ich schneide jede Geschichte aus und klebe sie in ein Album. Ich verehre Sie wie keinen Dichter sonst auf der Welt.« Er zieht sie vom Stuhl, mit einem Schrei wirft sie sich ihm in die Arme. Er kennt Zeichnungen von Goethes Arbeitszimmer: Stehpult, Schreibtisch und Tintenfaß, Folianten. An diesem Pult steht May, Emma Pollmer tritt barfüßig neben ihn. Sie trägt ein fließendes Gewand wie Statuen auf Friedhöfen, flüstert: »Ich will zuschauen, wie Sie schreiben.«
In Dresden findet er ein Manuskript aus dunklen Waldheimer Tagen, der Vater hat es damals an Münchmeyer geschickt, es gilbte in einer Mappe. »Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren.« Ein packender Satz, irgendwann wird er ihn verwenden. Er forscht in Journalen: Aus dem Sudan liegen Depeschen über Kämpfe am oberen Nil vor, Brände lodern im Staat Darfur, der Forscher Nachtigal ist vom Tschad über al Faschir nach Chartum vorgestoßen. May leiht aus einer Bibliothek neueste Karten Afrikas. Vom Tschad nach Chartum, Wüsten, Gebirge, Felsenschluchten. Weiße Flecken. Das Kartenblatt gewinnt Leben unter seinem Blick. Die Phantasterei von damals spinnt er aus zu einer Geschichte für die Zeitschrift »Feierstunde«, die dem Geschehen in Afrika und dem Orient gewidmet ist. Eine Karawane, beladen mit Elfenbein, fällt in die Hände eines Räuberstammes, ein junger Deutscher hockt in einer Felsnische, vor der die Wüstenreiter ihr Feuer aus Dornbuschzweigen und Kamelmist entfachen. Rauch dringt in seine Augen, aber tapfer hält er durch. Die Räuber schmieden tückische Pläne, der Deutsche, vieler arabischer Dialekte mächtig, versteht jedes Wort. Ein frischer Fladen wird aufgelegt, Rauch zwingt zum Husten, eine Minute später liegt der Deutsche gefesselt vor dem Räuberhauptmann. Ein Dolch kitzelt seine Kehle. Fortsetzung im nächsten Heft.
In einer Buchhandlung findet er die Reiseberichte des Hamburgers Heinrich Barth, die halbe Nacht hindurch liest er. Von Tripolis nach Ägypten durchquerte Barth die mörderische Wüste, bei einem Überfall verlor er um ein Haar sein Leben, er war ein vorzüglicher Kenner des Arabischen und errang einen Ruf in Gelehrtenkreisen verschiedenster Disziplinen. Die Briten gewannen ihn für ihre »English Mixed Scientific and Commercial Expedition«, die im Sudan vorfühlen und Handelsbeziehungen zu Arabern, Mischvölkern und Afrikanern knüpfen sollte. May legt Zettel zwischen Seiten: Hier eine Schilderung des Tschad, der seine Ufer in jedem Monat verschiebt und dessen Form unmöglich festzuhalten ist. Hier die Beschreibung einer Parklandschaft mit ihrer Flora und ihrem Wildreichtum. Der Tod ereilt Barths Gefährten, Barth dringt nach Süden vor. Sieben Monate lang lebt er in Timbuktu, jede Minute in Gefahr, sein Leben zu verlieren. Wieder ein Zettel: Timbuktu. May stellt sich vor, er verfüge über eine Kartei, die ihm den Weg zu einer Fülle von Artikeln weist, die in seinem Haus in Mappen abgelegt sind, zu Büchern, die die Wände füllen. Doktor Karl May ordnet an: Bring bitte alles über Timbuktu. Seine Helferin rückt eine Leiter an ein Regal, ihr Haar ist dunkel, wellig, ihre Wangen schimmern wie Samt.
Am Donnerstag fährt er nach Ernstthal zurück, das Buch des Heinrich Barth nimmt er mit. Seine Geschichte des jungen Deutschen, der in die Hände arabischer Räuber fällt, schmückt er mit geographischen, floristischen und völkerkundlichen Details, penibel übernimmt er die Schilderung des Zaumzeugs und Sattels eines arabischen Anführers. Der junge Deutsche sinniert über die göttliche Aufgabe menschlichen Lebens: So sprach Kochta an dunklen Abenden in Waldheim. Nicht aus Hamburg wie Barth stammt Mays Reisender, sondern aus Sachsen. Auf den Feldern um Ernstthal schlug der Weber May die Schlachten der Sachsen gegen die Preußen nach, er war der sächsische König, sein Sohn Karl seine unglückliche Armee. Immer stand Sachsen auf der Verliererseite, bei Leipzig, bei Königgrätz. May korrigiert: Sein Reisender fällt, als er in Kairo einem Landsmann begegnet, in den melodischen Tonfall seiner Heimat. Er stammt aus Öderan. Nie, schwört sich May, wird er einer seiner Figuren als Heimatstädte Mittweida oder Waldheim geben.
Am Freitag nachmittag schickt seine Schwester ihr Töchterchen mit einem Zettel: »Karl, kommst du morgen abend auf ein Stündchen? Weißt schon warum.« In der einen Hand hält er den Zettel, die andere reibt über den Stoff der Hose. Emma Pollmer. Nachts hat er versucht, sich ihre Grübchen vorzustellen, es ist ihm nur für Sekunden gelungen. Dunkle Augen, die haben die Frauen in seinen Phantasien meist. Dieses Lächeln. Während er ißt, stellt er sich vor, Emma Pollmer fahre in seiner Bibliothek mit einem Staubwedel über Folianten, ihre Arme seien bloß bis zur Schulter hinauf.
Sie sitzt, als er am Abend darauf das Zimmer seiner Schwester betritt, über ihre Stickerei gebeugt. Er hat sich Passagen zurechtgelegt: Die Arbeit an einer Erzählung, die im dunkelsten Afrika spielt. »Ich bin ja leider über Kairo nicht hinausgekommen.« Die Schwester entsinnt sich: Über die Spanne zwischen den Strafen in Zwickau und Waldheim hat er die verworrensten Geschichten aufgetischt: Bis Marseille sei er gewandert und mit dem Schiff nach Nordafrika übergesetzt, durch ungezählte Städte gelangte er nach Konstantinopel und über den Balkan zurück. Einmal hat er geflunkert, er habe die nordamerikanischen Prärien durchstreift. »Ich wäre um ein Haar den Nil hinaufgefahren – irgendwann tue ich’s.« Emma legt ihre Handarbeit in den Schoß und blickt ihn an. »Im ›Deutschen Familienblatt‹ habe ich eine Erzählung von Ihnen gefunden.«
»Über den Alten Dessauer?«
»Eine Indianergeschichte.«
»Ah, Innuwoh.« Es fällt ihm schwer, nicht wenigstens eine Andeutung zu machen, er habe, wenn auch nur einige Wochen lang, die Prärien westlich des Mississippi durchritten. Dabei hat er soviel über Amerika gelesen und tut es ständig, er kann sich so lebendig vorstellen, wie ein Buschbrand heranjagt, wie die Silhouette eines indianischen Reiters vor dem blutigen Horizont steht. Die Schwester könnte jeden Augenblick fragen: Karle, wieso schreibste über deine Geschichte: Aus der Mappe eines Vielgereisten? In dieser Erzählung tritt ein Ich auf; das Traum-Ich aus den Nächten von Waldheim wagt sich aufs Papier und berichtet über die Fahrt von New Orleans nach St. Louis. So völlig eigenes Fleisch ist es noch nicht, manchmal lacht es herüber, manchmal schreitet es mit Schritten, die eigene Schritte sein könnten; das Ich blickt in den Fluß, May sieht den Fluß, das Ich ist mutig, May gewinnt mühsam Mut zurück.
»Karle, wie lebste denn in Dresden? Ich meine: Wer kümmert sich um dich, wann ißt du, was …«
»Ein Mädchen aus der Druckerei macht mein Zimmer sauber.«
»Also ein Junggesellendasein.« Die Schwester läßt eine Pause folgen, in der Augen huschen, ehe sie fortsetzt: »Ich sag’s immer, Karl: Bist alt genug zum Heiraten. Und verdienst genug.« Er widerspricht nicht.
Wilhelmine Schöne bringt einen Teller mit Bratwurst und Brot, Emma begnügt sich mit einigen Bissen. Frau Schöne fragt kauend: »Karl, sollen wir mal die Großmutter fragen, ob du nächstes Jahr heiratest?« Die Großmutter ist seit Jahren tot, ihr Geist soll beschworen werden; sofort sind zwei der Frauen dabei. Die dritte bläht sich: Man müsse es ernst meinen, wenn man Verstorbene herbeizitiere, es dürfe nicht in Jux ausarten. May fragt: »Ist euch schon mal so was gelungen?«
O ja! Jetzt überstürzen sich die Frauen mit ihren Berichten. Mit Tischrücken hätten sie verblüffendste Erfolge gehabt, Gardinen hätten geweht, Kerzen seien erloschen, der Tisch habe geschwankt. Einmal hätten alle Schritte durch den Raum gehört. Die Frau, die sich gegen Unfug mit den Toten verwahrt hat, gibt zu bedenken, daß man die Toten immer nur nach dem befragen solle, was sie als Lebende zu beantworten imstande gewesen seien. Ob Karl im kommenden Jahr heiraten werde: Hätte denn seine Großmutter das zu Lebzeiten prophezeien können? Aber Geister, argumentiert Wilhelmine Schöne, seien nun eben Geister und besäßen überirdische Fähigkeiten, es sei ja nicht so, daß sie wie die Lebenden seien, bloß tot. Daran entzündet sich neue Meinungsverschiedenheit, darüber verfliegt eine Viertelstunde und noch eine. Sie müsse schleunigst gehen, sagt Emma, der Großvater werde sonst unruhig. May schaut an die Uhr und gibt sich erschrocken. »Habt ja so ziemlich denselben Weg«, wirft Wilhelmine ein.
Auf diesem Weg weiß er nicht, wovon er reden soll. Ein Wiedersehen möchte er vorschlagen, den Arm des Mädchens nehmen. Einmal fragt er: »Haben Sie ›Wanda, das Polenkind‹ gelesen?« Sie verneint, er erinnert sich an seinen Satz: »Der Lauscher unter der Treppe hörte jedes Wort, er hörte jetzt auch das leise, galvanische Geknister der Küsse.« Er wird Emma Pollmer an diesem Abend nicht küssen. Wird er, wann? Endlich ein Einfall: »Wenn Sie wieder einmal etwas von mir lesen, vielleicht schreiben Sie mir darüber?«
»Aber ich …«
Da stehen sie vor ihrem Haus, ein Händedruck, keine Zeit bleibt ihm mehr für den nächsten Satz. Im Weitergehen fürchtet er, sie könnte hinter der Tür über ihn lachen. Nie haben in seinen Träumen Frauen über ihn gelacht.
Am nächsten Vormittag, er sitzt in der Stube im Oberstock, hört er Stimmen im Flur: die Mutter, ein Mann. Schritte die Stiege herauf, Mutter steckt den Kopf herein. »Barbier Pollmer – haste Zeit für ihn?«
Natürlich hat er keine Zeit, natürlich nimmt er sie sich. Bis zur Treppe geht er und spricht hinunter: »Darf ich heraufbitten?«
Was will Pollmer?
Pollmer redet auf der Treppe und während er May die Hand schüttelt und ins Zimmer tritt und sich umschaut. Dichterschmiede, redet er, und stören wolle er nicht, aber von seiner Enkelin habe er gehört, daß sie Herrn May kennengelernt habe, und nun möchte er die Gelegenheit nutzen, eine wertvolle Bekanntschaft zu machen. Pollmer reibt sich die Hände, als friere er, das ist Gewohnheit eines Mannes, der auf die Geschmeidigkeit seiner Hände achten muß. Woran arbeite Herr May gerade, wieder an Predigten über Himmel und Erde?
May bietet eine Zigarre an, die nimmt Pollmer und steckt sie gewohnheitsmäßig in die Jackett-Tasche und zieht sie, über seine Zerstreutheit den Kopf schüttelnd, wieder heraus. Er sei ja nicht im Geschäft, Emma vertröste etwaige Kunden für die nächste halbe Stunde. Emma, seiner verstorbenen Tochter wie aus dem Gesicht geschnitten. Ach ja, und was gibt’s Neues in Dresden?
May antwortet vorsichtig. Solche Augen mag er nicht, die alles auf einmal zu erfassen suchen. Er mag pauschale Fragen nicht, im Dutzend gestellt. Barbiergeschwätz. Pollmers Kopfknochen liegen unter papierdünner Haut, eine blaue Ader schlängelt sich die Schläfe hinab. Immerfort sind seine Lippen in Bewegung; wenn er schweigt, scheint die Zunge eine Kugel im Mund zu rollen. Pollmer macht sich ein Bild von May: Stubenhockerfarbe, modischer Zwicker, Ring mit schwerem schwarzem Stein. Pollmer hat sich geübt in langen Barbierjahren, Menschen abzuschätzen, er weiß genug über May, als daß er nach dem ersten Eindruck urteilen müßte. Emmas Augen haben wie bei einem verschreckten Huhn geglitzert, als sie am Vorabend von diesem Schreiberling erzählte, da gilt es achtzugeben. Auf den Zahn fühlen, vorbauen will Pollmer, das tut er mit Fragen nach schriftstellerischen Plänen. Mays Finger trommeln, als er die Zeitschriften charakterisiert, die er leitet. Ehe er in den Verlag eintrat, erschien der »Beobachter an der Elbe«, ein Blatt ohne Linie, dem die Abonnenten davonliefen. Daneben veröffentlichte Münchmeyer das »Schwarze Buch« mit Verbrecher- und den »Venustempel« mit Liebesgeschichten. Mit einer Handbewegung, als wische er Unrat vom Tisch, begleitet May den Satz, daß er mit alldem aufgeräumt habe. Auf seine Anregung hin und unter seiner ausschließlichen Leitung erschiene nun das »Deutsche Familienblatt« mit Indianergeschichten, die »Feierstunde«, die dem Orient gewidmet sei, sowie »Schacht und Hütte« zur Erbauung schwer arbeitender Menschen vor allem in den Bergwerken. »Ich habe Methode hineingebracht, Schwung.« Wieder trommeln die Finger. Er möchte das Gespräch auf Emma bringen und weiß nicht wie.
Pollmer nickt mümmelnden Mundes. Vierzehn Jahre älter ist May als Emma, das wäre noch kein bedenklicher Abstand fürs Heiraten. Oh, Pollmer hat sich umgeschaut unter den jungen Männern der Stadt und der Umgebung: Fabrikantensöhne, Beamte, die Erben von Mühlen, Fuhrgeschäften und einer Brauerei hat er Revue passieren lassen; im Laden oder am Stammtisch hat er dieses oder jenes Wort mit einem Vater gewechselt, vormarschbereit und immer den Rückweg offen. Bei diesen Männern kann er Besitz und Vermögen abschätzen, er weiß, welches Geschäft floriert, und ahnt den Zuwachs in den nächsten Jahren. May kommt aus einer zwielichtigen Welt, in ihr scheint alles möglich: steiler Aufstieg zu Ruhm und Reichtum, nahebei jäher Absturz. So etwas gab es bislang in Ernstthal und Hohenstein nicht. Und er war im Zuchthaus. Pollmer möchte fragen: Was verdient man an einem Artikel? Er weiß, was ein Kalb kostet oder ein Haus oder ein Acker nicht zu steinigen Feldes. Er versucht sich vorzustellen, wie eine Frau im Haus eines Schriftstellers leben könnte. Schwankender, trügerischer Boden. Der Briefträger bringt einen Packen Geld, der Briefträger trägt ein verpfuschtes Manuskript zurück. Pollmer schiebt die Lippen vor wie ein Pferd, das ein Zuckerstück aufnehmen will. »Da möchte ich nicht länger stören.«
»Sie haben nicht gestört.«
»Gute Arbeit noch, Herr May. Muß weitermachen.«
Emma erwartet ihren Großvater an der Ladentür. Aber er fragt nur, wer inzwischen dagewesen sei; soso, die werden wiederkommen oder auch nicht. Und Emma möge sich ans Mittagessen machen.
»Hast Herrn May angetroffen?«
»Jaja. Und nun sieh zu, daß du was auf den Tisch kriegst!«
Auf diesen Ton wagt Emma keinen Widerspruch. Während sie Möhren und Kartoffeln schnipselt, steigen ihr Tränen auf. Sie wischt die Augen klar. Aufschnüffelnd beschließt sie: Schreiben wird sie an Herrn May, kann der Großvater sagen, was er will. Heimlich schreiben wird sie, notfalls, wenn sie Minchen Schöne besucht. In der Küche, vom Großvater durch Mauern getrennt, drängt sie die Angst vor ihm beiseite; sie kennt seinen Jähzorn, mit seinen harten Knöcheln hat er sie erst gestern auf den Oberarm geschlagen, daß die Haut grün und blau unterlaufen ist. Ein Gedankensatz nach dem anderen wird selbstsicherer, eigennütziger. Fritze Kalkmann zieht sie in ihre Überlegungen hinein und triumphiert dabei über den Großvater: Wenn du wüßtest! Fritze Kalkmann, der Glasergesell, seine Lippen, sein Schnurrbart. Was May hat, hat Kalkmann gewiß nicht. Was Kalkmann hat, hat das May?
2
Ein Name: Old Firehand, die alte Feuerhand. Er entsinnt sich einer Figur im »Wildtöter«, des Jägers Hurry March, und nimmt einen Band vom Regal. Er möchte sich einfühlen, diese Methode ist bewährt: Atmosphäre aufnehmen und mit ihr der eigenen Phantasie Raum geben. Er liest: »Auf diese Aufforderung kam der Jäger zu seinem Begleiter heran, und beide machten sich mit gutem Bedacht und nach allen Regeln ans Werk, als Männer, welche an diese Art von Treiben und Geschäft gewöhnt waren. Zuerst entfernte Hurry einige Stücke Rinde, welche vor der großen Öffnung an dem Baum lagen, und von welchen der andere behauptete, sie seien so gelegt, daß sie eher die Aufmerksamkeit …« Old Firehand steht schwer und massig vor einer Waldkulisse, vor ihm liegt ein breiter Wasserspiegel, Old Firehand stützt sich auf seine Büchse, wenn er nachdenkt – nein, das nun doch nicht. May pfercht den Band zwischen die übrigen Bände – er braucht Raum, muß aus diesem Zimmer fort, ein Haus ersehnt er, an der Tür ein Messingschild: Dr. Karl May. Emma öffnet: Mein Mann ist für niemanden zu sprechen.
Old Firchand reitet, das Pferd ist von Indianern einem Spanier gestohlen worden, Old Firehand hat seine Schwierigkeiten mit ihm. Wie sind Pferde in Mexiko aufgezäumt und gesattelt? Kein Buch darüber steht in seiner Bibliothek, er wird Lauferei haben. Ein Atlas, ja: White Oaks, die einsame Siedlung nördlich von Fort Stanton, ein namenloses Flüßchen zieht sich ostwärts zum Pecos River hinunter. May tauft es: Wichata River. Buchen ragen an seinem Ufer, das Gras ist niedrig nach einem Brand, Sonnenglast brütet über allem.
Er nimmt den Zwicker ab und legt ihn vor sich aufs Papier, drei Buchstaben werden groß und verzerrt unter einem Glas sichtbar. Vier Seiten noch, und morgen nacht fünfzehn, und nächste Woche werden sie gedruckt. Old Firehand im »Deutschen Familienblatt«. Vielleicht schreibt er danach eine Fortsetzung zum »Stücklein vom alten Dessauer«. Als Kind hat er Puppenspieler gesehen, die aus bunter Kiste in Windeseile zum Leben erweckten, was sie brauchten: Krokodil, Gendarm, König. Er hat sich selbst Puppen geschaffen, die auf Abruf in seinem Hirn warten; Old Firehand gehört dazu. Ein Arsenal, in ihm aufgereiht Deutsche und Engländer, Indianer, Perser, Wüstensöhne, Forscher, ich lasse meine Puppen agieren und stelle sie zurück bis nächstes Jahr. Ein Stück habe ich mit ihnen aufgeführt und verquicke es mit einem anderen zu einem dritten. Ich schaffe das andere Ich, das Traum-Ich von Waldheim, lasse es reiten, schießen. Waffen gebe ich ihm, welche? Ein Deutscher reitet im Westen, das Ich reitet im Westen, ich reite, um Steine und Pflanzen kennenzulernen. Meine Waffen sind vorzüglich, man hält mich für ein Greenhorn, aber ich schieße mit meinem schweren Gewehr nach einem weißen Stein, den das Auge kaum wahrnimmt, er zerspringt in tausend Stücke. Old Firehand schenke ich eine Tochter, ihr begegne ich in der Wüste, sie heißt Ellen. Aus Waldheims Nächten: Swallow, mein wackerer Mustang.
In der Schublade liegen Briefe aus Ernstthal. »Großvater schläft, bei einer Kerze schreibe ich heimlich. Jetzt werden wohl auch Sie über Papier sitzen. Oh, welch herrlichen Beruf haben Sie sich erwählen dürfen!« In einem anderen Brief: »Ein Tag ist hier wie der andere. Gestern war ich bei Mine, wir haben viel über Sie gesprochen. Wenigstens einen Tag lang möchte ich in Dresden sein.« In einem dritten: »Ich war ja so glücklich, als mir Mine Ihren Brief gab. Diese wundervollen Formulierungen.«
Umbruchtag: Er beugt sich über Kästen mit Lettern, inzwischen hat er gelernt, bleierne Spiegelschrift zu lesen. Manche Nummer übergibt er dem Druck, ohne daß Münchmeyer ein Wort dazu gesagt hätte. Der Verleger sitzt bisweilen schon von Mittag an in Rengers Gasthaus und liest Zeitung. Kleinkrieg gegen die Türken in Bosniens schwarzen Bergen. Fünfzehn Jahre lang wird am Suezkanal geschachtet seit dem ersten Spatenstich des Ferdinand von Lesseps, jetzt wirft der Khedive Ismail seine Kanalaktien auf den Markt. Bismarck erklärt, eher werde er einen Präventivschlag gegen Frankreich führen, als sich von einem Angriff überrumpeln zu lassen. Neben Münchmeyer schlägt ein Glatzkopf auf den Tisch: Nochmals nach Paris und diese verhurte Stadt an allen Ecken anbrennen! Und zwischen Frankreich und Deutschland einen zehn Meilen breiten Grenzwald wuchern lassen mit Wölfen und Bären darin, wie das Weiland Turnvater Jahn vorgeschlagen hat. Münchmeyer erregt sich nicht, sein Verlag rentiert sich trotz des kurzatmigen Auf und Ab der Börsenkurse. Sollte er für den Fall, daß es Krieg gibt, Papiervorräte einlagern? Wenn ihn jemand nach Einzelheiten fragt, winkt er ab: Das erledigt May. Den hat er nun endlich ganz für sich, die Polizeiaufsicht ist aufgehoben.
Münchmeyers ziehen um, eine größere Wohnung ist gefunden mit Parkettfußböden und einem Erker, in den Pauline eine Palme postiert. Nachmittags setzen sich die Schwestern an den Küchentisch, trinken Kaffee aus Henkeltöpfen und tunken Pflaumenkuchen ein. Breit haben sie die Unterarme aufgelegt, ungehemmt sächselnd hecheln sie ihre Umgebung durch. Regelmäßig haken sie sich bei May fest. Merkwürdig, daß er keine Freundin hat. Irrsinnig, wie er schuftet. Wer den zum Mann kriegt, muß ihn sich hinbiegen, aber dann hat sie’s wunderbar. Gerade Männer wie er sind am leichtesten am Bändel zu halten. Mit Münchmeyer ist es schwerer, aber auch den kriegt Pauline immer wieder unter. Wie? Sie verrät Rezepte, anzuwenden auf dem Kopfkissen. »Kommst auch noch dahinter, Schwesterchen!« Minna Eys Nase glänzt vor Aufregung und Scham. »Minna, wir schleppen May mit auf einen Ball!«
Später lesen sie Bohnen aus, dabei singen sie:
»Wohl blinket so silbern der Mondenschein,
doch düster und eng ist mein Kämmerlein,
für mich wächst nichts auf dem grünen Feld,
dem meine Hände den Acker bestellt!
Ach freilich konnt’ es nicht anders sein,
so seufzet das arme Mütterlein.«
Der Ballbesuch wird arrangiert von Pauline Münchmeyer über ihren Mann, May sträubt sich, der Chef drängt: Gehört auch zum Leben, May! Gutbürgerlich gehe es zu in der »Liedertafel«, ein Speiseball sei es, Weinzwang, nun ja. Smoking, ach wo. Minna fragt über den Setzkasten hinweg: Und was meinen Sie, was ich anziehen soll – das Kleid, das ich anhatte, als Sie bei Münchmeyers waren? Er bewahrt nicht die geringste Erinnerung, was Minna damals trug. Eine Quadrille soll getanzt werden – haben Sie eine Ahnung? Er kennt nicht mehr, als auf Dorfsälen üblich ist, Walzer, Rheinländer, Polka, und auch das mehr vom Zusehen. »Ich habe sehr strenge Termine.« Minna Ey erinnert sich, welche Ratschläge ihr die Schwester gegeben hat, und neigt sich vor, die Bluse liegt nicht mehr am Hals an. May senkt den Blick aufs Blei.
Am Abend schreibt er nach Ernstthal: »Es gibt so viele Bücher, die ihre Spannung dadurch gewinnen, daß sie niedrigste menschliche Schwächen ausbreiten, die schamlos den Ehebruch abhandeln und den Menschen zum Tier erniedrigen. Ich will anderes! Auch die Ritterlichkeit, das Edle können so geformt werden, daß sie den Leser im Banne halten und ihn hinaufbefördern auf die Höhe derselben. Ich bin sicher, daß Sie diese Ansicht aufs innigste teilen.«
Münchmeyer und seine Frau kreisen ihn ein, er muß mit zum Ball der »Liedertafel«. Am Tag vorher leiht er sich schwarzen Anzug und weißes Hemd mit hohem Kragen. Die Verleiherin schmeichelt: »Steht Ihnen, Herr Doktor, sitzt wie angegossen!« Er stellt sich vor, er träte in einem Vortragssaal vor eine vielköpfige Menge seiner Verehrer. Eine Stimme: Und nun, meine Damen und Herren, spricht zu Ihnen der Reiseschriftsteller Doktor Karl May. Jetzt will er zu diesem Ball. Damals dieser blamable Antrittsbesuch bei Münchmeyers – ausgelöscht. Manchmal hat der Herr Verleger seinen Druckern den Lohn tagelang vorenthalten müssen, weil ein Loch in der Kasse klaffte. Zu einem Ball – was Münchmeyers können, kann er längst.
Vorher entwirft er einen neuen Anfang für »Old Firehand.« Da ist diese Passage wieder, aus einem Stapel von Manuskripten sucht er sie heraus. Sorgsam malt er die Übreschrift:
Old Firehand
Aus der Mappe eines Vielgereisten
von Karl May.
Coper hat jedem »Lederstrumpf«-Kapitel einen Vers vorangesetzt: Shakespeare, Scott und Byron. May dichtet selbst:
Der Frühling ging zur Rüste,
Ich weiß gar wohl warum:
Die Lippe, die mich küßte,
Ist worden kühl und stumm.«
Weiter mit jenem Satz aus dunkler Vergangenheit – doch nicht gleich, ein Übergang, schließlich:
»So klang es über die Ebene hin, und Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren, schnaubte freudig durch die Nüstern und hob graziös die feinen Hufe wie zum Menuett. Mit einigem Bedenken musterte ich meinen äußeren Adam, welcher mir allerdings nicht sehr kurfähig erschien. Die Mocassins waren mit der Zeit höchst offenherzig geworden; die Leggins glänzten, da ich sie bei der Tafel als Serviette zu gebrauchen pflegte, vor Fett; das sackähnliche, lederne Jagdhemd verlieh mir den würdevollen Anstand einer von Wind und Wetter malträtierten Krautscheuche, und die Bibermütze, welche mein Haupt bedeckte, hatte einen guten Teil der Haare verloren und schien zu ihrem Nachteile mit den verschiedenen Lagerfeuern Bekanntschaft gepflogen zu haben.«
Er wirft einen Blick auf den Leihanzug, der über dem Bügel hängt, damit wird er Figur machen. Damen werden fragen: Wer ist der Herr mit der hohen Stirn und dem wunderbaren dunkelblonden Haar?
»Aber ich befand mich ja nicht im Parkett eines Opernhauses, sondern zwischen den Black-Hills und dem Felsengebirge, und hatte auch gar keine Zeit, mich zu ärgern, denn noch war ich mit meiner Selbstinspektion nicht fertig, so hielt eine Reiterin vor mir, hob den Griff ihrer Reitpeitsche grüßend in die Höhe und rief mit tiefer, reiner und sonorer Stimme:
›Good day, Sir! Was wollt Ihr finden, daß Ihr so an Euch herumsucht?‹
›Your servant, Mistress! Ich knöpfte mein Panzerhemd zu, um unter den forschenden Blicken Eures schönen Auges nicht etwa Schaden zu leiden.‹«
Panzerhemd, das wird er auf dem Ball hinwerfen, wenn er mit einer Frau tanzt, die ein Kleid trägt, das die Arme frei läßt bis zur Schulter.
Am nächsten Tag reicht er Minna Ey den Arm und betritt nach dem Ehepaar Münchmeyer einen Saal, in dem an den Wänden entlang weißgedeckte Tische stehen, in der Mitte ist die Tanzfläche frei. Münchmeyer stellt vor: Herr May, mein Redakteur. May drückt Männerhände, beugt sich über Frauenhände; kein Auge brennt so, daß er vor ihm ein Panzerhemd verschließen müßte. In keinem Auge leuchtet Erkennen auf, Überraschung, Freude: Wirklich, Karl May? Minna ist fad, Pauline Münchmeyer lacht zu schrill, sein Verleger schwatzt hurtig hinter vorgehaltener Hand. Die Damen werden an den Tisch geleitet, Münchmeyer zieht seinen Redakteur zur Theke: Das Innenleben anfeuchten! Einen Doppelkorn muß er kippen, ehe er zwischen den Schwestern sitzt und sich anhören darf: Die dort drüben, Getreidehändler, stinken vor Geld, Juden, aber anständig soweit, evangelisch seit zwei Jahren. Der Lange da, Juwelier, der da, Postbeamter. Alles dritte Klasse, weiß Münchmeyer und blickt verdrießlich auf seine Schwägerin; den May dürfte sie schwerlich reizen in diesem Fummel. Die junge Jüdische dagegen mit ihren Kulleraugen. Drittklassig, keiner verirrt sich hierher, der auch nur im entferntesten mit dem Hof zu tun hätte, und wenn er nur die Besen für die königlichen Ställe lieferte. Keiner von der Oper etwa oder aus den Barockhäusern im Halbrund um das Schloß. Mist das alles, hier knüpft er keine Verbindungen an. Er kann doch nicht von Tisch zu Tisch buckeln und Abonnements für seine Zeitschriften anbieten.
Pauline Münchmeyer studiert die Menükarte. Über Emma Allesteins Kochbuch redet sie, das sie sich jüngst zugelegt hat, eine Fundgrube für jedes bürgerliche Haus. Mit dem Knie stößt sie ihre Schwester an, damit auch sie etwas zur Unterhaltung beitrage. Ochsenschwanzsuppe wird serviert, Münchmeyer beugt sich über den Teller und pustet. Ohne Widerhall bleibt Minnas halblauter Hinweis, auch Kerbelsuppe sei etwas Feines. May schabt Seezungenfleisch von Gräten und denkt: Daheim könnte ich an diesem Abend fünf Seiten schreiben: Ein Stück Büffelfleisch wird über züngelndem Feuer gebraten, in der Ferne heulen Schakale. Ein Tal wie das Tal Kulbub. Ragende Zypressen. Ellen. Er hat noch nie Hasenrücken gegessen und verrät es nicht. Er stellt sich die Reiterin im »Old Firehand« vor, Ellen, sieht sich mit ihr an einem Feuer, ein Hase schmort in rußgeschwärzter Pfanne. Das beste Stück für Sie, Miss! Ein Gedankenexperiment: Er malt sich aus, er träte mit Ellen in diesen Saal, er im Wildwestaufzug, sie in Stiefeln, peitschenknallend.
Münchmeyer verzieht das Gesicht, ein Backenzahn meldet sich mit jähem Schmerz, ein Stück Hasenbraten hat er aufgespießt und läßt die Gabel sinken. Auch das noch, der Abend ist verpfuscht; wenn die Zahnschmerzen nicht bleiben, dann doch die Ängste vor ihrem Wiederkommen. Vor allem: Wenn Minna kein Geschick hat, wird’s nichts mit May. Diesem Trottel muß man die Minna ins Bett stecken, ehe er etwas merkt. Der Schmerz flacht ab, vorsichtig kaut Münchmeyer auf der anderen Seite. Aufs Eis verzichtet er mit wehleidiger Handbewegung.
May tanzt mit der Frau seines Chefs, so übel gelingt das nicht. Sätze bilden sich in ihm, schreibfähig: Durch das lange fließende Seidenkleid, das von einem erstklassigen Schneider stammte, spürte er ihre Schenkel; er zog die schöne Frau an sich und hauchte ihr ins Ohr. Er haucht nichts ins Ohr von Pauline Münchmeyer; als der Tanz beendet ist, sagt sie: »Nun müssen Sie viel öfter mit meiner Schwester tanzen.«
Münchmeyer weist auf volle Weingläser: Trinken wir ex! War Quatsch, hierherzugehen, denkt er, ist Quatsch, Minna vorzuschicken, daß sie May an den Verlag bindet. Und wenn er selber nun den Verlag abstieße, sich in eine Aktiengesellschaft schmisse, mit anderen etwas auf die Beine stellte wie etwa Seidel und Naumann mit ihrer Nähmaschinenfabrik? »May, wenn wir beide umstiegen? Wenn wir Photopapier produzierten? Oder Kameras? Aber nun tanzen Sie endlich mit Minna!«
May legt den Arm um Minna Ey, dabei spürt er ihre Schulterblätter. Ellens Schultern und Arme stellt er sich straft vor vom Tragen der Wassereimer zu den Pferden hin. Emma Pollmers Arme hat er nie nackt gesehen, aber sich hundertmal nackt vorgestellt. Seine Befürchtungen vor diesem Ball, er könnte in blamable Situationen geraten, sind geschwunden. Irgendwann wird auch einmal dieser Ball in einer Erzählung auftauchen, natürlich nicht im Wilden Westen. Während des Tanzes singt Minna mit:
»Vergiß nicht unter fernem Himmel,
die alles gern um dich vergaß
und lieber als im Weltgetümmel
bei dir in stiller Laube saß.
Da hing mein Auge voll Entzücken
an deinem freundlichen Gesicht,
nun starret es mit düstern Blicken
und weint dir nach, vergiß mein nicht.«
Der Walzer klingt aus, May begleitet seine Dame an den Tisch. Münchmeyer flüstert: »Schmeißen Sie ’ne Runde Likör, macht Eindruck.« May bestellt und tanzt mit Frau Münchmeyer und wieder mit Fräulein Ey; als sie sich trennen, legt Minna für einen Augenblick den Kopf an seine Schulter.
Auf dem Heimweg wird Münchmeyer wieder vom Zahnschmerz geplagt, mißmutig schwafelt er über die Dividende, die Seidel & Naumann auswerfen. Hinter den beiden Männern stöckeln die Schwestern. May fragt seinen Chef: Könnte man den Umbruch vom »Familienblatt« vom Dienstag auf Montag vorziehen? Mehr Zeit bliebe für die Korrektur. Münchmeyer weiß: So wird das nichts mit Minna und May. Die Pistole auf die Brust? Ach, dieser dämliche Anfänger. Das beste Stück Weib auf dem Ball war die Tochter des Getreidejuden, ein Jammer, wenn man Frau und Schwägerin mitschleppen muß. Jaja, darüber reden wir noch, doch nicht jetzt. Dieser blöde May.
3
Emma Pollmer hat das Bauchfett von drei Gänsen kleinwürflig geschnitten und vierundzwanzig Stunden lang in kaltem Wasser gelassen, jetzt hebt sie es heraus und stellt es in einer Pfanne auf den Herd. Noch ein Scheit untergelegt – die Hände verrichten mechanisch, was Emma von einer Tante, von Nachbarinnen gelernt hat. Wenn das Fett klar ist und die Grieben gelblich-durchsichtig schimmern, wird sie alles durch ein Tuch seihen und das Fett in einem Tontopf aufbewahren; die Grieben kippt sie am Mittag, mit Zwiebel ausgebraten, über Pellkartoffeln.
Klopfen am Fenster in bekanntem Rhythmus, tam, tamta, tam, Schatten vor der Scheibe, ein Gesicht bückt sich herab, ein Schnurrbart, Handwinken: Fort ist Fritze Kalkmann die Gasse hinunter, Großvater wird ihn nicht bemerken, er hat Kundschaft. Es ist nicht gut, wenn Großvater sieht, daß ein Glasergeselle bei ihr klopft, der nie, das braucht ihr keiner vorzupredigen, Meister werden wird. Mit Fritz hat sie vor einem Jahr und einem Herbst dazu nach Grüna hinüber zwischen Fichten gelegen. Auf dem Heimweg sind sie nebeneinander gegangen, er hat beteuert: Brauchst dich nicht zu schämen und kriegst kein Kind, bestimmt nicht, und’s hat doch nicht weh getan? Ach, Fritz, und viermal in deiner Kammer.
Sie bindet Papier über den Topf und trägt ihn ins Gewölbe, legt im Herd nach und setzt Kartoffeln auf. In einer halben Stunde wird der Großvater den Messingteller von der Tür nehmen. Gedanken springen zu Bruno aus Chemnitz, hinterher hat er gesagt, er hätte es am Anfang eigentlich gar nicht gewollt. Wenn Großvater davon wüßte, würde er sie erschlagen. Mit Wilhelm Weißmann – das hat Großvater geahnt, womöglich ist es ihm sogar recht gewesen, Weißmann wird das Technikum in Mittweida besuchen. Emma bückt sich zum Eimer hinab, die Brust reibt am Hemd. Langsam richtet sie sich auf, wieder reibt die Borte die Brust.
Beim Mittagessen zeigt sich der Großvater mürrisch, sie weiß warum: Es gibt Ärger mit ihrem Onkel Emil in Chemnitz, Schulden hat er gemacht, an manchem Tag öffnet er seinen Barbierladen erst gegen neun, und auch dann, so behaupten Kunden, atme er noch Fusel aus. Das Geld, das Großvater seinem Sohn geborgt hat, wird er nie wiederbekommen.
»Kühnert war da.«
Sie weiß, warum der Großvater das hinwirft. Kühnerts Ältester schwebt ihm als Schwiegerenkel vor. Gastwirtschaft mit Ausspannung, solides Kapital steckt dahinter. Sie schiebt dem Großvater den Tiegel mit den Grieben hin. Hannes steht nie am Brunnen, Hannes zeigt sich auf keinem Tanzsaal. Eine Prügelei zwischen Fritze und Hannes Kühnert wäre die Sache von einer Minute. »Daß der immer so krumm geht.«
»Aber anständig ist er und fleißig.«
»Und riecht aus dem Mund.«
Pollmer stößt Knurrlaute aus, die sollen ausdrücken: Nun mach’s halblang. Eine Schönheit ist Hannes nicht, aber zur Heirat gehört mehr.
Anlauf, Mutmachen: »Herr May kommt Weihnachten her. Seine Schwester sagt, er verdient über tausend Taler im Jahr. Bloß als Redakteur! Und dann noch von seinen Artikeln …«
»Weißt nicht, ob’s stimmt.«
»Wenn Mine …«
»Und wie schneidet der alte May erst auf! Prahlhänse alle zusammen!«
»Holst du mir die Stollenbretter vom Boden?«
Der Alte brummt; wie jedesmal nach dem Essen zerrt er an den Fingern, daß die Gelenke knacken. Emma stößt den Schemel zurück. Sie denkt: Blöder Trottel, soll sich in seinen Laden scheren, soll sie mit Kühnert in Ruhe lassen. Wenn sie will, brennt sie nach Dresden durch, sie kriegt jeden, sie braucht bloß …
Als sie sich umblickt, sieht sie, daß ihr Großvater mümmelnden Mundes vor sich hin starrt.
»Holst nun die Bretter?«
»Ja doch.«
»Oder muß ich alles machen!« Aufschrei: »Ich bin doch nicht deine Magd!«
Pollmer möchte ihr einen Schlag versetzen – wer ist denn der Herr im Haus! Aber wen hat er schon noch, doch bloß Emma, alle Hoffnung hängt an ihr; Emil wird ihn wieder anpumpen, er wird ihm geben, wie er immer gegeben hat. Pollmer klettert die Stiege hinauf, seine Knie schmerzen. Wenn er doch alles richtig machen würde, wenn er doch in die Zukunft schauen könnte! Er greift in Staub, durch eine Ritze zwischen Dachschiefern sickert Licht.
Vor Weihnachten fällt Schnee, Kinder rodeln den Markt hinunter. Emma bäckt, wischt, für zwei Abendstunden findet sie Zeit, ihre Freundin zu besuchen. Auf Umwegen tastet sie sich heran: Hat Karl unterdessen eine Braut? Und: Wieviel verdient er wirklich? Wilhelmine lacht. »Hast Feuer gefangen? Ist wohl nichts dran, was die Leute reden, du und Fritze?« Am Ende, an der Haustür, schlägt Wilhelmine vor: »Besuchst uns Weihnachten!«
Am zweiten Feiertag sitzen das Ehepaar Schöne, Emma, ein Cousin des Meisters mit seiner Frau und der Redakteur May beim Stollen. Von der Möglichkeit ist die Rede, aus Erzbergwerken silberhaltige Brocken beiseite zu schaffen und über einen Hehler zu jemandem zu bringen, der es ausschmilzt, in einer Waldhütte vielleicht, im Keller, im Waschschuppen. May, der in der Vorwoche für seine Geographischen Predigten in Lexika nachgeschlagen hat, meldet Bedenken an: Silber schmilzt bei 960 Grad, Zinn schon bei 231 – ob da nicht das wertlosere Zinn ausfließe, das Silber aber verstocke? Und wer könne schon mit primitiven Mitteln so hohe Temperaturen erzeugen? Über diesen Einwand gehen die anderen mit abenteuerlichen Erzählungen hinweg, was früher, als der Bergbau noch blühte, da und dort vorgekommen sei. Emma warnt: Erzählt nicht zuviel, eines Tages steht’s in einer Zeitschrift! May lacht am lautesten.
Der Cousin und seine Frau verabschieden sich bald; Kinder müssen ins Bett gebracht werden. May und Emma Pollmer brechen nach dem Abendbrot auf. Kurz ist der Weg bis vor ihre Haustür, dort kehren sie um, biegen in eine Gasse ein und küssen sich im ersten Torbogen. Sie fragt: »Hast eine in Dresden?«
»Hast einen hier?«
Heftig schüttelt sie den Kopf.
»Besuchst mich in Dresden?«
Großvater würde nie einwilligen, antwortet sie, sie käme gern, sofort!
»Mit zu mir hinauf?«
»Aber wenn deine Eltern was merken!«
Ein Disput, wie er ihn ohne Mühe schreiben könnte. In seiner Phantasie hat er ähnliches durchgespielt, jetzt ist er nicht verwundert, daß diese Szene wie eingeübt abläuft und er seinen Part darin beherrscht. Vielleicht morgen? Und wenn die Treppe knarrt – das tut sie auch, wenn er allein hinaufgeht. Sie kann nichts versprechen – der Großvater, und daß du nicht schlecht von mir denkst, Karl! Ach wo, du, das doch nicht.
Am nächsten Tag hofft er, daß sie käme, daß sie bliebe. Schon das Spiel ist erregend, das Erwägen, Ausspinnen. Die Unterhaltung vom Vorabend hat ihn inspiriert zu einer neuen Geschichte; den Vater fragt er aus nach Begriffen, die er von ungefähr kennt: Kux, Gewerkschaft, Huthaus. Ein Mädchen wie Emma in dieser Erzählung, ein junger Mann, charakterlich vorgefertigt im Schornsteinfegermeister Winter; eine Steigersfrau will ihre Tochter gut verheiraten, die Älteste könnte Baronin werden.
Für neun Uhr abends hat sie ihn an die Hinterpforte bestellt; da schläft Pollmer, durch den Garten will sie huschen. Schnee knirscht; als May Schritte hört, flüchtet er aus der Gasse, schleicht wieder hinein. Die Ratshausuhr schlägt. All das erlebe ich, meint er, um es schreiben zu können. Wenn sie nicht kommt, werde ich schildern, wie in einem wartenden Liebhaber alle Hoffnung zerrinnt. Ferdinand soll er heißen, ein ehrlicher Steiger soll er sein.
Gekünsteltes Husten hinter der Tür, er flüstert: »Ich bin’s, ich warte.« Emma flüstert zurück, sie könne unmöglich kommen, der Großvater sei noch wach, sie habe nur Asche auf den Hof getragen und müsse sofort zurück. Morgen vielleicht, morgen abend besuche sie auf einen Sprung ihre Freundin. »Biste dort, Karl?« »Ja, gern.«
»Bist mein liebes Hühnchen. Und sei nicht bös.«
Am nächsten Morgen beginnt er eine neue Geschichte: »Auf einer Bank vor dem Huthaus saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen, einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmut, einer kleinen Gestalt, aber von zierlichem Bau, einer bewunderungswürdigen Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte …«
Die Mutter bewundert ihren Sohn, sie versteckt es hinter Nörgeln: »Mußte denn auch Weihnachten schreiben, Karle!«
»Wenn mir die Geschichte grad eingefallen ist!«
»Pollmers Emma, gefällt sie dir?«
»Wär’ sie dir recht?«
»Schon, Karle. Aber bist so viel älter.«
Am nächsten Abend wartet er vor Schönes Haus; als Emma kommt, schiebt er seine Hand unter ihren Arm. »Wir gehen ein Stück.« Ihm fällt ein, was er geschrieben hat: Eine bewunderungswürdige Vereinigung von Zartheit und Fülle.
»Und wenn uns die Leute sehen?«
»Macht doch nichts.«
»Dir nicht, Karl, lebst ja nicht hier. Aber ich will nicht ins Gerede kommen.«
»Und wenn wir uns verloben?« »Karle, Hühnchen!«
»Sag nicht Hühnchen, bitte.«
Emma küßt ihn wild. »Müßtest mit Großvater reden, ich bin ja nicht großjährig.«
»Ja, Emma, ja!« Wie in seiner Geschichte findet er das beinahe, als der junge Steiger Ferdinand – nein, Steiger soll er nicht sein, die Schule besucht er abends noch nach schwerer Arbeit im Schacht – als der junge Ferdinand den reichen Dingsda um die Hand seiner Tochter …
»Und wann?«
»Was, wann?«
»Wann du mit Großvater redest?«
Umschlungen gehen sie weiter, einen Bogen schlagen sie durch Gärten und an Höfen entlang, am Ende ihres Weges liegt das Maysche Haus. Nirgendwo brennt Licht, er schließt auf und schiebt Emma hinein, gleich hinter der Tür zieht sie die Schuhe aus. Seine Schritte knarren auf der Treppe, im Gleichschritt folgt Emma, mit dem Prusten kämpfend. Zu komisch findet sie das, wie er die Kerze trägt und den Finger an die Lippen drückt. Die Zwickergläser beschlagen, er muß den Zwicker abnehmen und findet die Rocktasche nicht gleich.
Kalt ist das Bett, sie strampelt und schüttelt sich. »Wärm mich doch endlich!« Er starrt auf ihre Nasenspitze, bis zu der die Decke hochgezogen ist. »Ich möchte dir noch sagen …«
»Aber wirst doch ganz kalt, Karl!«
Das Bett ist schmal für zwei. So ist das also, denkt er. Anders als in den Träumen, natürlich. Eigentlich müßte es nicht sein. Es müßte nicht Emma sein. Es kann Emma sein, aber nicht Minna Ey.
»Du?«
»Ja?«
»Es ging ja so schnell. Bist mein Hühnchen. Bist auch rechtzeitig raus?«
»Bestimmt. Und ich red mit deinem Großvater.«
»Bist mein Hühnlein. Mein Hühnchen. Mein Hühnlichen.«
Jetzt prustet auch er. Nach einer Weile: »Möchtest du Kinder?«
»Nicht so eilig. Du?«
»Ja, aber auch nicht gleich.«
Er schiebt die Arme unter der Bettdecke heraus, ihm wird warm. Eine Geschichte hat er begonnen, das erzählt er, obwohl Münchmeyer schon gequengelt habe: Ist ja fast alles von Ihnen, was im »Deutschen Familienblatt« steht! »Ich muß ja nicht jedes mit einem Namen zeichnen. Soll ich mal drunterschreiben: E. P., Emma Pollmer?«
Sie zwickt ihn, rasch zieht er die Hände unter die Decke und wehrt sich.
»Hühnlichen, ich muß fort. Zündst noch mal die Kerze an? Karle, und nächtes Mal, ziehste da die Unterhosen aus?«
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