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Über dieses Buch

In einem Vorort von Zürich schießen im April 1943 zwei junge Menschen aufeinander zu. Felix ist gezeichnet von fünf Jahren Flucht und Fremdenlegion, Louise ist eine zornige Schweizerin, Jungkommunistin und Lehrerin in der Sonntagsschule. Beide sind hungrig nach einer besseren Welt, sie gründen eine Familie.

75 Jahre nach dem ersten Zusammentreffen seiner Eltern spürt ihnen Eric Bergkraut in seinem autobiografischen Roman nach, erzählt von diesen Leben in der großen Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, folgt ihnen von Wien nach St. Maur und Paris, nach Albisrieden, Limoges, Fes und Aarau. Er erzählt von der List des Überlebens und der Last der Verfolgung, vom Lebenshunger und familiären Verstrickungen, den Spuren, die sich bei ihm und seinen Geschwistern niedergeschlagen haben, die er vielleicht bei seinen Kindern hinterlässt.

«Paradies möcht ich nicht» erzählt konzis und poetisch, tabufrei und warmherzig die individuellen Schicksale einer Familie im Strudel der grossen Geschichte bis zum heutigen Tag.

«Eric Bergkraut schreibt die Erinnerungen seiner Familie auf und baut eine Brücke über den Tod, die Pfeiler sind die wunderbaren, atmenden Details, welche die Vergänglichkeit abschaffen.» Michail Schischkin


Foto Ayşe Yavaş

Eric Bergkraut, geboren 1957 in Paris, ab 1961 aufgewachsen in der Schweiz. Ausbildung zum Schauspieler an der Schauspielakademie Zürich. Engagements am Theater sowie für Film und Fernsehen. Seit 1991 Dokumentarfilmer, u.a. über Anna Politowskaja, Agota Kristof, Peter Bichsel, Michail Chodorkowski).

Eric Bergkraut

Paradies möcht ich nicht

Roman einer ­Familie

Limmat Verlag

Zürich

In Erinnerung an Selma Bergkraut Bodmer und

Egon Bergkraut, meine Eltern. Mit großem Dank

an alle, die mir beim Schreiben geholfen haben.

In einem Vorort von Zürich fliegen im April 1943 zwei Menschen aufeinander zu. Sie treffen sich nur, weil rundherum Krieg herrscht. Sie stammen von unterschiedlichen Planeten, nichts hält sie auf. Louise ist sechzehn Jahre alt, zornige Jungkommunistin und zugleich Lehrerin in der christlichen Sonntagsschule. Felix ist zehn Jahre älter, Meister des Überlebens, gezeichnet von Flucht und Fremdenlegion. Beide sind hungrig nach einer besseren Welt; sie gründen eine Familie, sie sind meine Eltern.

Zwei Schlangen

Er holte mich im weißen MG am Bahnhof ab. Ich war im Zug unter dem großen Berg durchgerutscht, mit dem neuen Tunnel ging es schnell, es war kein Reisen mehr, bloß ein Abfahren, um möglichst bald anzukommen.

Jahrgang 1973 sei der Wagen, sagte mir Edmond, als wir eine der Kurven nahmen, die aus der Stadt in die Höhe führten; immer ähnlicher sah er unserem Vater im Profil, nur etwas voller im Gesicht war er; kein Staub lag auf dem Armaturenbrett, keine unnütz herumliegenden Gegenstände auf den Sitzen, bloß eine Schottenmütze auf der kleinen Rückbank, daneben mein schwarzer Rucksack. Ich musste an unseren Volvo denken und die leeren Joghurtdrinkflaschen, die Salzbretzel- und Cashewnutpackungen, die hinten auf dem Boden landeten wie in einer Müllzone.

Wir redeten nicht viel. Edmond war auf die Straße konzentriert. Ich mochte die Leere nicht ausfüllen, wir waren keine Geschwister, die in eine gemeinsame Me­lodie fallen konnten. Ich wusste nicht, weshalb er mich eingeladen hatte, vielleicht wollte er über den Tod unserer Schwester Catherine sprechen.

Sein Haus war klein, Sechzigerjahre, die Fassade efeubewachsen, hinten lag ein steil abfallender Garten mit zwei kleinen Terrassen, auf der ersten sah ich, geschützt, ein Teleskop stehen. Dem Schild hatte ich entnommen, dass er sich weiter nur «Ed» nannte und auch den zweiten Teil unseres Familiennamens abgeschnitten hatte, es wirkte als Lautfolge annähernd skandinavisch, vielleicht war es im englischen Sprachraum einfacher so.

Er fragte mich, ob ich die Schuhe ausziehen und die bereitstehenden Pantoffeln benutzen oder die Treter aus Filz überstreifen wolle, die gleichfalls parat standen. Ich entschied mich für die zweite Option und glitt über das Parkett aus Kirschholz, das offenbar neu eingesetzt war, der offene Kamin war verdeckt durch einen blau-roten Sessel, der mit seiner übergroßen Nackenstütze und den breiten Beinteilen bestimmt einmal futuristisch gewesen war.

Auf der kleinen Terrasse bot er mir Grüntee an, er streckte mir eine Holzbox entgegen mit gewiss zwei Dutzend Sorten, ich kannte nicht einmal den Unterschied zwischen japanisch, oben gestapelt, chinesisch, unten, und indisch in der Mitte. Ich griff aufs Geratewohl einen Beutel, japanisch, er schien zufrieden, ich auch, gegen alle Erwartung löste der Tee in meinem Hirn etwas aus, eine lichte Welle zog kurz durch meinen Kopf.

Er erkundigte sich nach der Karriere meiner Söhne, Juliette schien ihn weniger zu interessieren. Er erzählte, das Haus habe er noch von Australien aus gekauft und umbauen lassen, ein Architekt aus Mailand, das Ge­spräch verlief schleppend. Konnte ich ihn nach einem Weißwein fragen, der womöglich unsere Zungen etwas gelockert hätte? Ich war sicher: Das gab es in seinem Haus nicht, schon gar nicht stand in seinem Wohnzimmer eine Flasche jenes Pastis, den unsere Mutter oft et­was aufdringlich angeboten hatte.

Edmond schien zufrieden. Ich spürte, dass er den Abend genau geplant hatte. Gesprächspausen störten ihn nicht, das entlastete mich. So schwiegen wir eben, den Blick aufs Tal gerichtet und den kleinen Fluss, den man durch die Bäume mehr hörte als sah, in der Luft lag kaum Spannung, es war gut so.

Ich möchte dir etwas zeigen, sagte er nach einer Weile, und ich dachte zu erfahren, weshalb ich hier war. Er stand auf, wir traten ins Haus und er öffnete die Tür, die zum bergseitigen Zimmer abging. Er ging vor, flüsterte: Komm rein. Neben einer Art Gang stand hoch bis zur Decke eine Glaswand, dahinter lag eine Landschaft aus Steinen, zwei kahlen kleinen Bäumen und einem Tümpel.

Siehst du sie?, fragte er und zeigte zur rechten ­hinteren Wand. Tatsächlich entdeckte ich dort, eingerollt die eine, lang gezogen die andere, zwei glänzende Schlangen. Mein großer Bruder schien andächtig. Ich dachte an die Glaswand, hinter der seine Zwillingsschwester als Kind eine Zeit lang gelebt hatte. Aber ich sagte nichts. Ich spürte, ich sollte stehen und staunen, also tat ich so. Jede kriegt pro Tag zwei Mäuse, sagte er nach langer Pause und ohne den Blick von den Tieren zu wenden.

Später wurde japanisches Essen geliefert, es war auserlesen, in der Menge klug dosiert: Der Chauffeur blieb und trug als Kellner geduldig auf, eine solche Home­­delivery war neu für mich. Ich genoss die Sushis und ihre Verwandten, deren Namen ich mir nie merken konnte, ans Schweigen hatte ich mich gewöhnt, es war wohl­tuend.

Nach dem Essen getraute ich mich, nach einem Kaffee zu fragen. Mein Bruder entschuldigte sich, ja natürlich, den bekäme ich, er brachte mir einen Espresso erster Güte.

Dann zog er einen Bildband hervor, der Abbildungen eines weiten Sternenhimmels zeigte, die ein japanischer Fotograf in einer australischen Sternwarte gemacht hatte, vielleicht holte er das Buch, weil der Tessiner Himmel dicht bedeckt war. Der Fotograf hatte die Fotos körnig aufgezogen und signiert, offenbar gab es von dem Buch nur wenige Exemplare, die Sterne schienen wie Gufe­chnöpf in ein dunkles Kissen ge­steckt.

Ich wusste, auch dafür hatte er mich nicht einge­laden.

Die Sterne erinnerten mich daran, wie er uns allen, Vater lebte noch, vor Jahren feierlich erklärt hatte, biologische Verbindungen seien unwichtig. Hinderlich gar. Er wolle familiären Kontakt auf das Minimum reduzieren, das der Respekt gebiete, so hatte er es gehalten über all die Jahre hinweg.

Dann saßen wir im MG talwärts, Edmond hatte mir in der «Villa» ein Zimmer reserviert. Zum Abschied, er hatte mich an die Rezeption begleitet und wir standen in der Lobby vor der massiven Drehtür aus Stahl und Holz, setzte ich an zu fragen, weshalb ich hier sei, aber Edmond unterbrach mich: Ich komme morgen zum Frühstück.

Mein Bruder war ein fremder Mensch. Er hatte zugleich eine unbestimmte Macht, der ich mich fraglos überließ.

Im Zimmer, geschmackvoll renoviert, etwas schwer vielleicht die Materialien, wie meine Architektenfreunde sagen würden, stellte ich den Fernseher an und mixte mir aus der Minibar einen Gin Tonic und dann noch einen, Unruhe war über mich gekommen. Dann gab es keinen Gin mehr, in die Bar mochte ich nicht gehen.

Ich schlief in den Kleidern, ohne auch nur die Zähne geputzt zu haben. Um 03.12 Uhr wachte ich auf; war es nicht seltsam, dass sich in Zeiten digitaler Anzeige ­man­che Werte nachhaltiger einprägten, als man es wollte und es Sinn ergab, und man die Zahlen kaum mehr aus dem Kopf bekam, bis die nächsten, ebenso zufällig, ­auftauchten und unser Hirn die alten überschrieb? Je­­denfalls erinnerte ich morgens die Zahl 03.12 Uhr vom Handydisplay wie eine Überschrift zum Traum, der folgte, als ich wieder einschlief:

Ich stand als Schauspieler auf der Bühne, ohne zu wissen, welche Rolle in welchem Stück ich spielte. Vergeblich sah ich mich um nach jemandem, den ich hätte fragen können. Da fiel mir ein, dass ich genau diese ­Situation schon einmal erlebt hatte, als Traum, und es erschütterte mich, dass dieser Traum sich als Vorwegnahme einer realen Situation entpuppte, in der ich nun war, allein auf der Bühne und ohne zu wissen, welche Rolle ich spielte und in welchem Stück.

Edmond war frisch rasiert, gut gelaunt, ja aufgeräumt, er umarmte mich zur Begrüßung, als er ins Hotelcafé trat, anders als am Vortag. Mir schien, er roch nach dem italienischen Rasierwasser, das ich manchmal selber benutze.

Das Buffet war reichhaltig mit lauter gesunden Ki­wis, Müeslis und Broten aller Art, der Käse kam aus den Tälern. Ich trank zwei starke Kaffees, Edmond hatte seinen Grüntee mitgebracht und bat den Kellner, ihm diesen zu bereiten, was dieser anstandslos tat.

Edmond hatte schon den Garten gegossen, das mache er immer selber. Er berichtete von Kim und Cresto, den Schlangen, sie waren gefüttert, es seien Geschwister; und im nächsten Sommer wolle er ihnen eine gesicherte Anlage bauen, draußen im Garten.

Dann wurde es Zeit für mich, ich hatte mich damit abgefunden, dass er mir nur sein neues Leben zeigen wollte. Ich stand schon im Wagen, als er vom Perron aus plötzlich fragte: Ich war seit zwanzig Jahren nicht mehr dort, fährst du auf dem Rückweg noch in unser altes Familienhaus?

Ich sagte ihm, ich müsse nach Zürich, da schloss sich die Tür des ICs. Ich fragte mich, ob Edmond mich eingeladen hatte, um mir diese eine Frage zu stellen. Erst jetzt fiel mir auf, dass sein tadelloses Haus nur achtzig Kilometer Luftlinie von unserem etwas gebastelten entfernt lag, das Vater gebaut hatte.

Der Zug stand noch eine Weile, wir schauten an­einander vorbei. Als er anfuhr, hob Edmond die rechte Hand, um zu winken. Seine Augen erschienen durch die Scheibe gerötet, mir schien plötzlich, er weine.

Die Clivia

Felix wusste genau, was sich in seinem Heimatland im Jahr 1938 vorbereitete, obwohl manche Nachrichten, die vom großen Nachbarn über die letzten paar Jahre gekommen waren, zunächst zu schlimm geklungen hatten, als dass er sie für ganz wahr hätte halten können. Zug um Zug hatte er und hatten seine Nächsten etwas bemerkt, was ich viel später an ganz anderen Orten und in ganz anderen Zusammenhängen auch feststellen sollte: Menschen konnten sich in einer Weise verhalten, die viel schlimmer war als alles, was man sich nur vorstellte.

Vater hatte sofort zu trainieren begonnen, als er das Studium der Jurisprudenz abbrechen musste. Den Körper und den Geist. Es war Training fürs Überleben. Auf einem toten Arm des Donaukanals ruderte er seine Kilometer, das war gut für Muskeln und Ausdauer. Und hatte den Vorzug, dass man weder zu Hause noch auf der Straße aufgegriffen werden konnte. Dabei konnte er die Browning aus Vaters Schublade in der Donau versenken, Waffen sollte man zu Hause niemals finden. Er besuchte einen Kurs in Automechanik und stellte sich geschickt an, das war wertvoll. Und er übte Französisch und Englisch, das waren die Sprachen, die man würde brauchen können.

Der «Anschluss» Österreichs an das Deutsche Reich mit des Diktators hunderttausendfach fanatisch be­jubeltem Auftritt auf dem Heldenplatz war ein Schock, trotz aller Erfahrung der letzten Monate. Schlimm war nicht Hitler, waren nicht die Nazis, schlimm waren die ehemaligen Mitschüler und Nachbarn, die jetzt alle auftraten, als seien sie Nazis. Oder waren sie es geworden?

Felix streifte durch die Stadt, alleine, die Beine lenkten ihn zum Tempel, wie man die Synagoge nannte, ei­nem Ort, wo er sonst selten war. Nur wenige Juden hatten sich versammelt, die Stimmung war gedrückt, sie beteten, geredet wurde kaum. Vater reihte sich ein, blieb eine Weile, ging dann weiter.

Später war er in der Praterstraße bei Annie, seiner Freundin, sie lernte Schneiderin, unten hatten die El­tern einen Schreibwarenladen, der war mit Brettern ge­schützt, aus dem ersten Stock beobachteten die beiden mit Abstand zum Fenster das Treiben der entfesselten Männer in weißen Kniesocken und braunen Hemden.

Dann ging Felix nach Hause. Im Haus Schüttelstraße 27, direkt am Donaukanal, brannte hinter allen Fenstern außer in jenen der beiden jüdischen Familien eine Kerze, so hatten es die Nazis gewünscht, platziert zwischen Vor- und Hauptfenster. Wer mit ihnen einverstan­den war, sollte das deutlich für alle zeigen. Und wer es nicht war: Das wusste man jetzt.

Als Felix die Wohnung im zweiten Stock betrat, vor zwei Monaten erst war der Esstisch aus Kirsche geliefert worden, Maßarbeit, der Sitz der sechs entsprechenden Stühle war geflochten, an den Lehnen versehen mit Kupferverschlägen, die zwei Früchte am Stiel darstellten, saß sein Vater im Lehnstuhl neben seiner geliebten Clivia, einer Zimmerpflanze, die ursprünglich aus Südamerika stammt und damals sehr in Mode war, die schmalen langen Blätter wuchsen symmetrisch nach zwei Seiten aus dem Topf in die Höhe, um dann abzufallen und spitz zu enden.

Mutter sei schon im Bett und lasse grüßen, meldete er knapp. Dann schwieg er, fassungslos, erschlagen. Va­ter und Sohn saßen eine Weile da, zu reden gab es nichts. Außer vielleicht noch: Wo ist Theo, wann kommt er nach Hause, weißt du es?

Ein paar Tage später versuchte Felix, auf der englischen Botschaft eine Einreiseerlaubnis zu erhalten. Er ging auf der Kärntnerstraße Richtung Stephansdom, als er fünfzig Meter weiter eine Sperre aus Polizei und SA bemerkte. Es war zu spät, unbemerkt abzudrehen, hinten stand ein Lastwagen mit offenen Bänken und grünem Verdeck bereit, um die Verhafteten wegzubringen. Wo­hin, wusste man.

Felix tat instinktiv das Richtige, trat scheinbar seelenruhig ein paar Meter vor der Sperre vom Gehsteig auf die Straße, ging ohne jede Hast an dieser vorbei, um nach ein paar Metern ebenso seelenruhig, aber mit ra­sendem Herzschlag, wieder auf das Trottoir zu treten, bloß nicht schneller werden oder sich gar umdrehen. Niemand hatte ihn bemerkt.

«Ich wusste mir zu helfen, aber ich war dafür nicht geschaffen», sagte mir Felix Jahrzehnte später, da saß er in einer Schweizer Kleinstadt auf einem ausgebeulten braunen Stoffsofa in einem düsteren Raum. Auch hier stand, auf einem Schemel vor dem Fenster, eine Clivia, sie war groß gewachsen, fleischig die Triebe. Hatte meine Mutter mit der Pflanze ihrer Schwiegermutter Reverenz erweisen wollen, obwohl sie es ihr nie hatte recht machen können, sosehr sie sich auch bemüht hatte?

Felix gehörte nicht zu jenen, welche später nie zu­rückkehrten in die Stadt der Jugend. Aber es brauchte seine Zeit, bis er reiste, und er blieb vorsichtig dabei, auf der Hut, als könnte da plötzlich wieder eine Sperre ­stehen. Er fuhr später auf Klassentreffen, und glücklich stimmte ihn, dass da eine Frau war, Botschafterin mittlerweile, die von sich aus die alten Zeiten ansprach und nicht wie andere tat, als sei damals nichts Besonderes vorgefallen.

Das Wiener Telefonbuch

Ich bin an vier Orten soweit zu Hause, dass mein Name an der Tür steht und eine Zahnbürste bereitliegt. Gelegentlich weiß ich nicht sicher, wo ein Buch steht, das ich suche. Ich träume regelmäßig, ich schlösse meine Pariser Wohnung auf und dahinter öffne sich nichts als ein Loch.

Meine Eltern lebten mir und meinen beiden Ge­­schwis­tern eine extreme Sparsamkeit vor, es war fast schon Geiz. Als Gastgeber waren sie großzügig. Fuhren wir in unserem ewigen dunkelblauen 2CV oder Deux cheveaux mit dem aufrollbaren Faltdach in die Ferien nach Südfrankreich, durften immer entweder Cathe­rine oder Edmond einen Freund oder eine Freundin mitnehmen.

Es bleibt mir ein Rätsel, wie wir alle in den Wagen passten, Gepäck gab es auch noch. Die Stimmung war gut, in den Kurven neigte sich die Ente, wie man auf Hochdeutsch sagte, unter dem Gewicht extrem nach links oder rechts, und die Schwerkraft drückte uns vier hinten Sitzenden auf je einer Seite zusammen. Das störte uns nicht, die grobe Federung war typisch für den Deux cheveaux, den wir doch liebten, schon weil er eine Antwort war auf ein anderes Tierchen, das wir hässlich fanden, den VW Käfer. Außerdem ergab es sich, dass eine Freundin meiner Schwester, Regi, in der er­sehnten Kurve fast mit mir verschmolz oder sich, ein andermal, Michèles luftig langes Haar im Fahrtwind des offenen Daches über mein Gesicht legte.

Anders als in der Schweiz kehrten wir in Bistrots ein, der erste Diabolo menthe war die Begrüßung in Frankreich. Louise und Felix sangen gerne, wenn es über die endlosen, baumgesäumten Landstraßen ging, die regelmäßig schroff abfielen, es war vor der Zeit der Autobahnen. Den Schwung galt es zu nutzen, um trotz schwachem Motor den auf dem Fuß folgenden Aufstieg zu schaffen. Autofahren war noch ein kleines Abenteuer, Felix ein Pilot.

Einmal hielten wir am Straßenrand, um zu hören, wie Staatspräsident Charles de Gaulle eine Ansprache hielt. Autoradio hatten wir nicht, einen Transistorempfänger mit Batterien schon. Als der General, der immerhin Frankreich mitbefreit hatte, zum Schluss ausrief: Vive la République, vive la France, brüllten meine Eltern mit und die großen Geschwister auch, und ich träumte davon, wenn schon nicht ein General zu werden, so doch ein ähnlich pathosfähiges Stimmorgan zu entwickeln.

An einem meiner Lebensorte, in Zürich, steht ein sehr altes, rotes Telefonbuch im Regal. Wie war es in meinen Besitz gekommen? Edmond hatte mit der Familie gebrochen, aber Catherine hütete die Relikte der Geschichte fast eifersüchtig. Das Buch machte mit mir viele Umzüge, lange hatte ich es fast vergessen, bis es mir wieder in die Hand fiel, ich begann, darin zu blättern.

In der großen Stadt an der Donau, in die meine Vorfahren einst aus Galizien eingewandert waren, war es vor dem Zweiten Weltkrieg nicht selbstverständlich, in einem solchen Buch zu erscheinen, ein Telefonanschluss war etwas Besonderes. Ich entdeckte einen Ad­ler, Dr. Alfred (Seite 3 ) oder einen Freud, Dr. Sigmund (Seite 155 ).

Wohl gehörte es sich für meinen Großvater Rudolf, in diesem Buch Platz zu finden, ein Telefonanschluss war ja auch praktisch. Er war ein technikinteressierter ehemaliger Erster-Weltkriegs-Hauptmann, bewunderter Besitzer des ersten fahrbaren Staubsaugers weit und breit. So ist heute das abgewetzte rote Wiener Telefonbuch, Ausgabe Mai 1938, in meinem Besitz. Bestimmt hat es Rudolf, ein Mann, der Ordnung geschätzt hat, zu­sam­men mit allerhand Möbeln 1938 zunächst nach Paris geschickt.

Rudolf, aufrechte Gestalt mit glattem Gesicht, einer graden Nase ohne jeden sogenannt jüdischen Anklang, stets im Anzug und korrekt gescheitelt, und seine Frau, meine Großmutter Aranka, energische, klein gewachsene Frau, in Budapest geboren, mit damals schon angegrautem Haar, besaßen offizielle Ausreisedokumente.

Akkurat wie später jene für die Vernichtung waren auch die Formalien für den Transport des Hausrates verfasst. Gegen erhebliche Gebühren war es möglich, Möbel und anderes außer Landes zu schaffen, natürlich auch das rote Buch. Es war in der Emigration ohne praktischen Nutzen, eine schnelle Rückkehr war unvorstellbar, aber Rudolf und Aranka wollten sich nicht trennen vom Buch und den vielen Namen, die darin standen.

Schwieriger war es, selber heil in ein anderes Land zu gelangen. Die Ausreisepapiere konnte man auf dem Amt beantragen, es war ein demütigender Gang und teuer. Die Bescheinigung durch das nunmehr Deutsche Reich garantierte aber in keiner Weise die Aufnahme durch ein anderes Land.

Die beiden hatten einen Plan: Sohn Richard, in Paris lebend, hatte einen Helfer gefunden, der ab Saarbrücken die illegale Einreise nach Frankreich vorbereiten sollte. Treuherzig legte Rudolf dem SS-Mann an der Gren­ze die gültigen Nachweise vor, das kümmerte diesen nicht, er schickte beide zurück, man wolle den Franzosen auf der anderen Seite keinen Ärger machen, das seien auch nur Menschen. Es nutzte nichts, dass Großvater daran erinnerte, die Familie sei zu Hause keineswegs wohlgelitten.

Ein Bett für die Nacht fand man, als Aranka den Portier des Hotels an einen biblischen Pilger erinnerte, der einst in Not eine Unterkunft gesucht hatte; dann ging es zurück an die Donau, hier waren am ehesten nütz­liche Informationen zu erhalten, vielleicht gar neue Papiere. Es war Dezember 1938, Wien voller Hakenkreuze, die Auslagen dekoriert für Weihnachten, die Nazis und ihre Mitläufer waren fast unter sich. Aranka und Ru­­­dolf versteckten sich bei einer Schwester, die bleiben wollte, aber sie wussten, dass sie wieder wegmussten, schnell sogar.

Ein Passeur für die deutsche Seite wurde über Be­kannte gefunden, es gab einen Markt für dergleichen, wie auch für Einreisedokumente, echt oder falsch, die sich bewährten oder in den Tod führten. Treffpunkt Saarbrü­cken, Wartesaal Bahnhof erster Klasse, Erkennungszeichen: Aktentasche und vier rote Nelken.

Aber niemand, auf den die Beschreibung gepasst hätte, saß zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Platz. Der Wartesaal der dritten Klasse blieb die Nacht offen, den Kopf auf den Tisch gestützt, dösten beide vor sich hin, bis die Züge wieder fuhren, es ging nach Frankfurt und abends zurück nach Saarbrücken. Wichtig war, das Grenzgebiet zu verlassen, die Gestapo kontrollierte diese Zone, es herrschte Willkür.

Am Abend, wieder im Saal erster Klasse, sahen die beiden einen Mann mit Aktentasche, aber ohne Nelken. Man näherte sich vorsichtig, ein Lothringer, wie er er­klärte, er verlangte als Erstes, noch im Bahnhofsge­lände, die ausgemachte Summe, dann drängte er zum Aufbruch.

Der Passeur führte das Paar im Auto vorbei an Kohleminen und dann zu Fuß bis an den Merlebach, es war tiefe Nacht, der 6. Januar 1939, exakt 68 Jahre später sollte meine Tochter Juliette zur Welt kommen, eine Nachzüglerin, geboren in einen Männerhaushalt. Es war Vollmond, und um Mitternacht habe sich dieser gezeigt, genau in dem Augenblick, als die beiden in der Mitte des Flüsschens standen. Ich hätte das nicht zu schreiben gewagt, hätte nicht wiederum Juliette in der Gaststätte eines Tessiner Bergdorfes, keine hundert Meter entfernt vom Felsen, von dem sie Kopf voran und jedes Mal zu meinem Schrecken in das Becken eines Bergflusses zu springen pflegte, per Handy eruieren können, dass tatsächlich Vollmond war, wenn auch schon am 5. Januar um 22.29.42 Uhr, aber wer wollte es schon so genau nehmen.

Der Schlepper hatte sie vorausgeschickt und war am Ufer zurückgeblieben, das Gepäck, einen Rucksack und einen Handkoffer, hatte er ihnen abgenommen, damit sie besser durch das Flüsschen waten könnten. Als aber die Großeltern sich am anderen Ufer nach ihm umdrehten, war der Mann schon unterwegs zurück nach Saarbrücken und mit ihm ihre Habe.

Aranka und Rudolf waren in einem sprichwört­lichen Niemandsland, keinem Land zugehörig, sie gin­gen weiter, die Richtung ungefähr, da entdeckten sie nach einer Viertelstunde in der Ferne ein kleines, näherkommendes Licht, das stetig größer wurde, ein Glück ohnegleichen, es waren Richard und der elsässische Passeur, seit Stunden im Auto unterwegs, kreuz und quer.

Der Elsässer hatte seine Sache gut gemacht: Noch bevor das französische Zollhäuschen im Blick seiner Passagiere auftauchte, bremste er das Fahrzeug ab, fuhr im Schritt weiter, hupte lang und betont kräftig, die Großeltern lagen jetzt geduckt auf der Rückbank, niemand zeigte sich im Haus, in dem es dunkel blieb, man war in Freiheit.

Später, als der große Krieg ausbrach und die deutschen Truppen sich rasend schnell Paris näherten, wurde mein Großvater, von den Franzosen als feindlicher Ausländer betrachtet, in der Normandie eingesperrt, er konnte ja ein Spion sein, während meine Großmutter die Metro bis zur südlichsten Haltestelle nahm, Porte d’Orléans, und zu Fuß aufbrach durch den nicht besetzten Teil des Landes, vierhundert Kilometer weit.

Mein Vater Felix weilte zu diesem Zeitpunkt wie seine Brüder Richard und Theo in Nordafrika: Sie hatten sich für die Fremdenlegion verpflichtet, sie hofften, in den Krieg ziehen zu dürfen. Rudolf gelang es, mittels ei­­­ner Leiter über den Zaun des Lagers zu klettern, er schlug sich bis nach Limoges durch, in die unbesetzte Zone, wo er Aranka fand, wenigstens war das Paar jetzt wieder vereint.

Gewiss hat zu diesem Zeitpunkt niemand aus der Familie Gedanken verschwendet an den Verbleib des Wiener Telefonbuches. Ich weiß, dass die Möbel aus Wien irgendwann im Jahr 1941 in Limoges angekommen sind. Sissy muss sich darum gekümmert haben, die Frau meines Onkels Richard, die als französische Jüdin Privilegien genoss.

Sie und Richard verkauften später in Limoges einen Teil dieser Möbel, das wurde ihr Geschäft, die Ein­nah­men teilte man sich in der Familie redlich. Aber wie kommt es, dass außer dem Telefonbuch heute auch ein aus Wien stammender sogenannter Servierboy aus Ma­hagoni bei mir steht? Warum wurde dieses Stück damals in Limoges nicht verkauft, wo es für die Familie doch dringend darum ging, zu Geld zu kommen?

Ich nehme an, dass das amtliche Teilnehmerverzeich­nis aus Wien 1941/42 in Limoges war und vermutlich bis 1945 auch blieb, aber wo?

Es gab bald keine Wohnung mehr, die von Dauer war, die Brüder waren wieder zu den Eltern gestoßen, sie wechselten den Standort öfter, die französische Re­gierung verschärfte die Gesetze gegen Juden, es begannen Verhaftungen, Frauen waren noch ausgenommen, Männer kamen manchmal wieder frei, den Brüdern half, dass sie als ehemalige Soldaten Kontakte hatten zu amtlichen Stellen, mehrmals warnten Beamte vor an­stehenden Razzien, die Résistance war in Limoges stark und gut organisiert. Die Monate vergingen und die Razzien in Limoges wurden systematisch, für die Kontaktleute wurde es gefährlich, die Flüchtlinge zu warnen. Einmal noch konnten sich die Brüder bei der Mutter eines bekannten Soldaten verstecken, als die franzö­sischen Milizen kamen.

Ab und zu nehme ich das rote Telefonbuch aus dem Regal und verliere mich darin. Es war Rudolfs amtliche Versicherung, zur Wiener Gesellschaft zu gehören. Er entstammte dem polnischen Ostjudentum, Assimilation war ihm wichtig gewesen und hatte ihn doch nicht geschützt. Auf dem Deckel oben rechts prangt der deutsche Reichsadler mit dem Hakenkreuz am Fuße, die erste Doppelseite ist unbedruckt, rechts steht groß in Ru­dolfs nach oben fliehender Handschrift sein Name.

In diesem Punkt hatte der Führer aus Braunau recht gehabt. Was er rausgekrächzt hatte, mit dieser gepresstesten aller Stimmen, war nicht mehr und nicht weniger als eine «Vollzugsmeldung», Österreich war parat gewesen. Zwei Monate nach diesem «Anschluss» war das neue Telefonbuch schon gedruckt gewesen. Nach Hinweisen wie «Nimm Dir ein Telefon, dann bist Du nicht allein», folgen direkt die NSDAP-Nummern: Von der «Arbeitsfront» bis zum «Zentralverlag der NSDAP», sie zeugen von der neuen Ordnung, die über diese Stadt gekommen war, als sei sie für ewig, dann erst begann das reguläre Buch mit dem Eintrag «Aaabas, Sicherheitsschlösser».

Mein Exemplar ist vermutlich 1945 von Limoges nach Paris gegangen, als Großvater Rudolf seinen Kindern aus der Schweiz dorthin folgte. Und 1961 von dort nach Aarau, als die Großeltern wiederum ihrem jüngsten Sohn nachzogen, das Schicksal hatte die Familie unentrinnbar verbunden.

Irgendwann hatte Großvater im ganzen Buch von 734 Seiten die Namen aller ihm persönlich bekannten Menschen rot angestrichen. Er kannte viele Leute, als ehemaliger k.u.k. Offizier, aktiver Sozialdemokrat und Mitglied einer Freimaurerloge. So reicht die Liste der Kolorierten von «Abeles, Ing. Erwin» bis zu «Zwecker, Dir. Wilhelm (Ruth)».

Auf Seite 167 fand ich einen überraschenden Gegenstand, ein getrocknetes, nicht vier-, sondern fünfblättriges Kleeblatt. Auf welchem Boden diese Pflanze einst gewachsen war und wie sie ins Buch gekommen ist?

Halma im Oktober

Wenn Louise die Spielfigur bewegte und in ein neues Loch steckte, fiel mir auf, dass zwischen dem Handknochen im Vorlauf zum Zeigefinger und dem seitlichen Ansatz des Daumens gar kein Fleisch mehr war, nur Haut.

Mutter war dünn geworden, ich hatte sie ein paar Wochen lang nicht gesehen. Zum Tisch, vorne am Fenster, wo das Halmabrett stand, bewegte sie sich bevorzugt im Rollstuhl, manchmal ging sie an meinem Arm. In beiden Fällen drehte sich Louise eineinhalb Schritte vor dem Stuhl um und ließ sich, die Richtung einigermaßen einschätzend, rücklings in den Sitz plumpsen. Das machte mir jedes Mal Angst, erinnerte aber auch an den Moment, als ich erstmals gesehen hatte, wie der Hochspringer Dick Fosbury rücklings über eine Latte gesegelt war.

Das Spielfeld war eine runde Holztafel, ursprünglich vielleicht zur Benutzung als Schnittbrett in der Kü­che gedacht, mit regelmäßig eingebohrten Öffnungen. Als Spielfiguren dienten grüne und weiße Stifte mit feinen Rillen an den Seiten, nicht unähnlich jenen, die Ikea zur Montage von Gestellen mitliefert, womöglich waren es gar solche. Keine Ahnung, woher das Brett stammte, Mutter wusste es auch nicht, vielleicht aus einer Werkstatt handicapierter Menschen?

Mich erstaunte, wie Louise Sprünge nach vorne über Rückwärtszüge einleitete. Keck sei ich, meinte sie, wenn auch mir ein geschickter Zug gelang, beide wollten gewinnen, jedenfalls brauchte ich mich nicht ab­­sicht­lich ungeschickt anzustellen, die zwei Züge, die ihr noch fehlten, als alle meine Figuren am Ziel waren, wollte Louise noch ausführen. Der Sportsgeist imponierte mir, und ich fragte mich, weshalb wir erst jetzt angefangen hatten, miteinander Halma zu spielen. Ich mochte die Ruhe, Konversation war nicht nötig, es war ein Spiel der Wiederholungen, auch wenn jede Konstellation einzig war.

Im dritten Stock des Hauses zur Bachwies, in dem sie jetzt lebte, ging es bunter zu als vorher im achten. Ein paar Bewohner hatten Ticks, ein Mann im Entree machte mit seinem rechten Arm stete Kreisbewegungen, ein anderer spielte ununterbrochen mit einer Perlenkette, wie man sie aus Griechenland kennt, andere lachten schrill oder schienen im Dauerschlaf. Ins­gesamt gab es hier, wie die leitende Ärztin sagte, weniger Kontrolle über die Psyche der Insassen und daher mehr Emotion als im achten Stock, wo sich die Damen und Herren dumpf von Medikamenten den ganzen Tag im Wohnzimmer aufhielten, meist ohne Regung.

Zuvor war Mutter immer wieder abgeprallt mit ihrem deutlichen Wunsch nach Austausch, nach Erfahrung. War sie die kleine Louise aus dem Chratz, war sie die Alte aus dem Heim, verloren war sie oft, verloren in der Zeit, verloren in der Welt. Zuletzt hatte sie aus ihrem Zimmer heraus durch die offene Tür so oft Hallohallo gerufen, dass es lästig geworden war. Man hatte be­­schlos­sen, ihre Rufe seien pathologisch und Mutter gehöre daher in den dritten Stock, wo ihre Rufe sich in den an­deren verloren und vom Personal mit mehr Verständnis aufgenommen wurden.

Als ich mit Louise erstmals den Aufenthaltsraum betreten hatte, sagte sie: Es bedrückt mich, die sind alle meschugge, die Männer mehr noch als die Frauen, ich selber bin es auch, aber nur halb, lass uns ins Zimmer ge­hen.

Auf dem Weg hatte sich mir eine Clara vorgestellt und meine Hand geküsst wie auch jene von Juliette, die dabei war, und vorgeschlagen, später mit uns mitzukommen. Meine Tochter besuchte Louise gerne, auch ohne mich, die beiden konnten Stunden zusammen verbringen, der Großmutter gefiel, dass ihre Enkelin sich in die Bewegung zur Verteidigung der Umwelt ein­gereiht hatte. Sie war stolz darauf, dass Juliette im­mer wieder in den Klimastreik trat, obwohl die Schullei­tung es ebenso verboten hatte wie irgendwann auch ich, ihr Vater. Amüsiert ließ sich Louise erzählen, wie die Lehrerin immer hilfloser nach einer passenden Stra­fe suchte.

Aus dem Gang schon hatte ich in Mutters Zimmer eine andere, füllige Frau entdeckt, die vorne am Fenster gemütlich am Brötchen kaute, das Juliette neben dem Halmabrett hatte liegen lassen. Sie und ich fanden das komisch, es war wie im Theater, Louise aber war durch die Frau verwirrt, ich bat sie aus dem Zimmer, täglich begleitete Mutter die Not, sie müsse den Ort wechseln, sie sei nirgends zu Hause.

Zur Welt gekommen war Louise fast einundneunzig Jahre vor diesem Halmaspiel in Albisrieden, heute ein Quartier von Zürich, damals ein Dorf. Im Chratz, dem Dorfteil gleich hinter der Kirche, bestehend aus lauter alten Fachwerkbauten, betrieb ihr Großvater das Restaurant Alperösli. Die Pöstler kehrten täglich zum Zvieri ein, Landjäger und Cervelat gab es, die Lehrer kamen zweimal jährlich zum Examensessen, ihnen wurde no­bler Pot-au-feu serviert. Der Großvater, gelernter Schuhmacher, klein und untersetzt, mit Nickelbrille, war zu­gleich Friedensrichter, er sollte den Streit im Dorfe schlichten.

Während Großmutter Anna trotz insgesamt elf Kindern täglich für die Gäste kochte, stiegen zerstrittene Albisrieder über den Hintereingang in den ersten Stock. Dort war das enge Zimmer des Friedensmannes, der in seiner Doppelrolle eine Stütze der dörflichen Gesellschaft war, eine Respektsperson. Im «Alperösli» lernte Louises Mutter Lina ihren Mann kennen, Ernst, einen Turner aus Aarau, der mit seiner Riege nach einem Wettkampf auf ein Bier haltgemacht hatte.

Das Paar zeugte in schneller Folge vier Kinder, zwei Buben und zwei Mädchen. Als meine Großmutter mit Louise schwanger war, der jüngsten, verließ Ernst seine Frau. Ein paar Wochen später musste sie die gemein­same Wohnung im Aargau verlassen. Die Jungs durften beim Vater bleiben, eine neue Frau stand schon bereit, auch diese hatte er in einer Gaststätte kennengelernt, die Mädchen sollten mit der Mutter weg, egal wohin, einfach weg. Zwar schickte der Friedensrichter einen kleinen Lastwagen nach Aarau, aber Hab und Gut, seine Tochter und die beiden Enkelinnen waren im «Alperösli» nicht erwünscht. Eine Geschiedene war der Schmach zu viel, für sie war kein Platz im großen, heimeligen Haus des Friedensrichters.

Fünf Jahre lebte die verstoßene junge Frau auf dem Land, das Geld war knapp. Der Kindsvater schickte et­was Alimente, der Friedensrichter legte ein bisschen dazu und ließ sich endlich erweichen: Lina und ihre Töchter durften zurück. Glücklich zu Hause, trotz des Makels, verlassen worden zu sein, sprang Lina im Restaurant ein, wann immer es nötig war, und half rundum allen Menschen, wo immer sie konnte.

Nachbarskind Margrith machte jeden Morgen halt, wenn sie Louise zur Schule abholte; sie setzte nacheinander den rechten und dann den linken Fuß auf der Steintreppe ab, die zur kleinen Wohnung führte. Lina band ihr den Doppelknopf, den sie so gut konnte, und Louise freute sich, viel galt ihre geschiedene Mutter nicht in Albisrieden, in der Schule wurde sie ausgelacht.

«Margrithli», wie Lina sie immer nannte, kam nach der Schule oft mit in den Chratz, sie mochte meine Großmutter. Vom Wohnzimmer ging eine steile Treppe in den ersten Stock, ein Bälchli, oben schliefen Mutter und die jüngere Tochter in einem Zimmer. Hier erledigten die beiden Mädchen, die eine blond, die andere rot, ihre Schularbeiten. Die Familie war arm, mit dem Abendessen wartete Lina, bis Margrithli gegangen war, das Essen reichte nicht für ein weiteres Maul. Mag sein, dass Louises oft ausschweifende Gastfreundschaft hier ihren Ursprung hat; bis zur Aufdringlichkeit bot sie zu trinken an, Wein und anderes, sie liebte es, Zimmer mit so viel Betten auszustatten wie nur möglich, es konnte noch wer kommen.

Sie wuchs heran, ein waches Kind, das bald männliche Blicke auf sich zog. Coiffeur Huber, ein gebürtiger Basler, hatte seinen Salon gleich neben dem «Alperösli» des Großvaters, unter dem gleichen Dach. Vor dem ersten Haarschnitt – sie war neun oder zehn – zog er nicht nur Louise einen Umhang über, sondern auch sich selber. Er fasste mit der rechten Hand die Schere, griff mit der linken nach Louises Hand und führte sie unter die Kutte, wo sie etwas hart Fleischiges halten musste. So gehöre es sich bei ihm und zum Haarschnitt, erklärte er dem eingeschüchterten Mädchen. Was sie festzuhalten hatte, verstand sie lange nicht, niemand hatte mit ihr je über Derartiges gesprochen, sie lebte in einem Frauenhaushalt, und es gab keine auch nur ungefähre Anschauung. Es war ihr unangenehm, sehr, bei Huber, und mehr als das. Der Friseur keuchte, sein Atem schlug ihr stickig ins Gesicht, wenn er die Kopfseite wechselte, erneut nach ihrer Hand griff und sagte: Nicht loslassen.

Später bekniete Louise ihre Mutter, sie wünsche sich langes Haar. Es nützte nichts. Wenn man schon arm war, sollte man doch gepflegt daherkommen, meinte Lina. Ihrer Mutter zu erzählen, was sich im Salon ab­spielte, kam Louise nicht einmal in den Sinn. Sie begann eine kaufmännische Lehre, es ging weiter. Den Mor­gendienst eröffnete der Chef der Druckerei im Hinter­zimmer, indem er Louise am ganzen Körper abtastete. Er hatte damit einfach angefangen und dann so getan, als sei es so abgemacht. Einmal, sie waren alleine im Betrieb, sollte sich die Fünfzehnjährige morgens nackt auf den Tisch legen, das war zu viel.

Niemand außer Margrith wusste, dass die Männer sich angewöhnt hatten, von Louise zu nehmen, was im­mer sie wollten. Und dass sie nicht wusste, wie sie sich wehren konnte. Louise begann, ihre Gedanken in ein schwarzes Heft zu schreiben, gekauft in der Papeterie Kaufmann beim Dorfplatz. Weder Lina noch ihre ältere Schwester sollten davon erfahren, Louise versteckte das Heft mal unter dem Holz, das im Vorraum zu den Toiletten gestapelt lag, mal unter ihren Kleidern im Schrank. Sie schrieb von Sünden, auch eigenen, und dass sie den nächsten Sonntag herbeisehne. Der liebe Gott war eine Instanz geworden, das Heft ihr Begleiter.

In Europa herrschte Krieg, zu Hause war es eng. Louise trat der kommunistischen Jugend bei, zugleich unterrichtete sie in der evangelischen Sonntagsschule. Hier waltete ein charismatischer Pfarrer, eine große Figur in Albisrieden, seine Kirche war nur einen Steinwurf vom Chratz entfernt. Er wurde die bewunderte Liebe, vielleicht auch der Vater, den sie sich gewünscht hätte. Ihm vertraute sie sich an, er fand eine neue Lehrstelle für sie. Die beiden spazierten auf den Uetliberg, den Haushügel von Zürich, sie sollte erzählen. Dann plötzlich zwang er sie zum Kuss. Mehr nicht?, fragte ich Louise irgendwann zwischen ihrem siebzigsten und achtzigsten Lebensjahr, als sie mir davon erzählte. Nein, sagte sie trocken, es war Winter, es lag Schnee.

Am Schauspielhaus, wo der Widerstand gegen das Nazitum lebte, sah Louise alle neuen Stücke, das war billig für Lehrlinge, fast umsonst. Sie schickte sich an, Goethes Faust auswendig zu lernen, Verse daraus blieben bis ins hohe Alter haften –, setzte sich dazu abends gerne auf eine Wiese oberhalb von Albisrieden, direkt an der Straße.

Eines Tages sprach sie dort ein Mann an, Jules mit Namen, elsässischer Emigrant, und zu Fuß unterwegs aus dem Lager Birmensdorf in die Stadt. Dass dieser Jules gerne mit Louise angebändelt hätte, war für sie ebenso deutlich wie ihr eigenes Gefühl, dass sie das nicht wollte. Jules schlug vor, einen Freund mitzubringen, Emigrant auch er, einen gebürtigen Wiener. Damit war Louise einverstanden, neugierig war sie, und es trat auf: Felix, mein Vater, es war April 1943.

Ein paar Tage nach dem Treffen mit Felix kritzelte sie in ihr Heft:

Ich bin fast restlos glücklich. Ja, es gibt wahrhaftig Männer, die verstehen wollen und können.

Auf dieses Heft, das sie womöglich auch später geheim hielt, stieß ich, als ich nach dem Halmaspiel etwas Ordnung machen und die Zeitung, die zwar nicht mehr gelesen, wohl aber geliefert wurde, in den Abfall spe­dieren wollte. Ich hatte es noch nie gesehen, fragte um Erlaubnis und begann, darin zu blättern. Vorne waren die ersten Ziffern verschiedener Telefonnummern no­tiert, auch die meiner eigenen; Louise fragte zuweilen mitten im laufenden Telefonat, wie die Nummer laute. In der Mitte des Hefts hatte sie offensichtlich Tagebuch geführt, etwa die Hälfte dieser Seiten fehlte, herausgerissen.

Auf der letzten Seite standen in jugendlich schwarzer Schrift nur ein paar Worte, genau in die Mitte ge­setzt:

Schau, ich bin nur ein Internierter!

Felix wurde verlegt, nur drei Wochen nach dem ersten Treffen, er wurde in ein Lager in der Westschweiz be­ordert. Louise hatte freigenommen, zwei Stunden lang wartete sie im Schatten einer Platane hinter dem Bahnhof von Birmensdorf. Dann traf die Formation ein, Felix in der zweiten Reihe, lachte ihr zu. Ein paar Minuten waren sie alleine. Es sollte kein Abschied sein, das wussten beide. Louise wollte wissen, wohin die Reise ging, ob sie ihn besuchen könne. Bevor er in den Zug stieg, sagte Felix leise und kopfschüttelnd, die langen Arme mit offenen Handflächen zur Seite gestreckt:

Schau, ich bin nur ein Internierter!

Konnte er ahnen, dass er mit dieser Warnung Louises Herz gewonnen hatte?

Zu Hause im Chratz stieg sie in den ersten Stock, das schwarze Heft lag zwischen Unterlagen der Gewerbeschule Zürich Aussersihl:

«Zwei Menschen lösen ihre Hände, aus ihren Au­gen spricht die Qual, die heimlich sie im Herzen tragen: Sehen wir uns wohl z. letzten Mal? … Doch eins ist das Wunderbare, dass Menschenherzen gläubig schlagen: Ich bin bei Dir, für Dich bereit.»

Im Haus zur Bachwies hielt ich vierundsiebzig Jahre später das Heft in der Hand und fragte Louise: Hast du das geschrieben oder irgendwo abgeschrieben? Na hör mal, gab sie zurück, es gab welche, die meinten, ich könnte Schriftstellerin werden!

Sie war sechzehn, er sechsundzwanzig, sie eine beinahe noch unschuldige, temperamentvolle Christin und er ein lebenserfahrener, staatenloser Jude, der fünf Jahre lang um sein Leben gerannt war und eben seine Familie und sich selbst gerettet hatte. Er kannte die Liebe, war der leidenschaftlichen Begegnung fähig wie der Verbindlichkeit, glaube ich, und noch nie standen die Zeiten so gut für einen neuen Anfang. Louise trug, trotz allem, was sie erlebt hatte, in sich den Drang zu einem Ganzen, zu etwas Heilem gar, und wenn es die Kirchenglocken von Albisrieden waren, die den Klang gaben. Vielleicht dachte Felix schon an Kinder, die nie erleben sollten, was er kannte.

Ihn trieb nicht der Ehrgeiz einer beruflichen Karriere, sondern der Wunsch, eine Familie zu gründen, die er sich vorstellte als die Bewohner einer unzerstör­baren Nussschale im Sturm der Zeiten. Er sehnte sich nach einer unbelasteten Zukunft. Er war nicht der Einzige in Europa. Wusste er, wie kühn es war, dafür die eigene Familie zum Vehikel zu machen? Vielleicht spielte im Hin­tergrund Pfarrer R. eine Rolle, zog gar die Fä­den: christliche Nächstenliebe gegen gottlose Barbarei, Louise als ihr Instrument.

Louise war angetan von der Kultur und vom Witz des vielsprachigen Weltgängers, so einen hatte sie im «Alperösli» nie getroffen, das gab es in Albisrieden nicht. Die beiden schrieben sich fast täglich, fürs schwarze Heft blieb keine Zeit. Zweimal reiste Louise in die Westschweiz, einmal kam Felix nach Zürich. Louise war ­we­­­­­der kleinlich noch berechnend, es zählte nicht, dass Felix staatenlos war und ohne Beruf, nach drei Monaten war klar: Man wollte heiraten. Die kaufmännische Lehre sollte Louise zu Ende bringen, das war nur vernünftig.

Es war die Zeit des Aufbruchs, Louise war aufgekratzt. Im Tram mit den noch hölzernen Sitzen beobachtete Freundin Margrith auf dem Weg in die Schule, wie Louise gleichgültig in die Luft schauende Zürcher anging: Wie könnt ihr einfach so stumpf zur Arbeit fahren, wo Hitler doch massenhaft unschuldige Menschen abschlachtet, mitten in Europa, nicht weit von uns entfernt!

Endlich wurde deutlich, dass Hitler und seine Truppen den Krieg verlieren würden, bloß: wann? Zu gerne hätte Felix doch noch gekämpft, französische Militärpapiere hatte er ja. Womöglich spürte er, dass es gesünder wäre, den Hass ins Feld zu schicken, statt ihn durchs Leben zu tragen. Rundum rieten alle ab, sich einer jener französischen Einheiten anzuschließen, die den Kontinent mitbefreiten, zuvorderst die Kommunisten: Man müsse alle Kräfte sparen für den Aufbau der neuen, ge­rechten Welt, später, im alten Heimatland.

Nie wieder Krieg. Im Kongresshaus wurde das Ende des Krieges gefeiert, Bertolt Brechts Gedicht An die Nachgeborenen gab den Takt an, Vater war kein Parteimann, aber man war links, natürlich, und der Blick ging direkt nach vorne. Wohin gehen, wo leben? Alles fast schien möglich, alles zugleich schwierig, nichts war gesetzt. Gewiss war: Sie mussten die Schweiz wieder verlassen, Flüchtlinge durften nur bleiben bis zum Ende des Krieges. Es lockte, es blieb: Paris.

Wir saßen am Fenster, zwischen uns Heft und Halmabrett, Louise trank den Kaffee, den ich am Automaten im Aufenthalt geholt hatte, selber verzichtete ich lieber, eine Lüürebrüe hätte sie solch schwachen Saft früher genannt, die Tasse fasste sie mit beiden Händen, sie zitterte ein wenig, aber es ging.

Über den kleinen Park um die Bachwies legte sich Dunkelheit, Lichter gingen an. Im Herbst wurde es früh dunkel in dieser Stadt, die Farben erinnerten mich an die Zeit, wenn ich als Bub ausgehungert vom Eishockeyspiel auf dem Rad nach Hause fuhr, den Schläger hatte ich von hinten längs durch den Gepäckträger gezogen, er verlief parallel zur Querstange und störte beim Treten kaum, die Schaufel lag vorne nach innen abgedreht gegen die vordere Radgabel, die Tasche mit den Schlittschuhen klemmte auf dem Träger mit der kräftigen Feder, für ein Chäschtli im Eisstadion reichte das Geld nicht.

Ich fragte Louise nach einem zweiten Spiel, nein, schüttelte sie den Kopf, sie sei müde, aber allen Enkeln möchte sie ein Halmaspiel schenken. Ob ich das besorgen könne?

Les cigarettes de troupe

Felix wollte kämpfen und zurückschlagen, statt zu fliehen und sich zu verstecken. Er war ein schlanker, fast magerer Mann, die Zähigkeit eingeschrieben in den Ap­parat des Körpers. Schnell sprach er fast perfekt Franzö­sisch, das half, Paris war ein glattes Parkett, das er bald kennenlernte, stets zu Fuß unterwegs, auf der Suche nach Unterkunft, Arbeit, Nahrung. Schlau musste man sein: Wo sich vordrängen und die Brust breitmachen, wann sich zurückhalten oder verschwinden, die Regeln bestimmten andere.

Er hatte auf dem Amt einen refus de séjour bekommen, die offizielle Ablehnung eines legalen Aufenthaltes, Frankreich nahm Flüchtlinge kaum auf, ausweisen aber konnte man sie nicht, wohin auch. Der Bescheid musste jeden Monat auf der Präfektur erneuert werden. Die Beamten konnten launisch sein und den Stempel aus fadenscheinigen Gründen verweigern. Wurde man auf der Straße kontrolliert, ohne dass die Ablehnung verlängert war, landete man im Gefängnis.

Dann war Krieg. Von der Sammelstelle hinter der Gare St. Lazare aus ging es per Bahn und später einem langem Fußmarsch in die Normandie und hinter Stacheldraht, in ein Lager, Deutsche und Österreicher galten jetzt als feindliche Ausländer. Noch in der Eisenbahn hatte sich ein Mann Felix vorgestellt, gute zehn Jahre älter als er, Shlomo Schapiro war Kommunist, Atomphysiker von Beruf, in Polen geboren, klein gewachsen, schnell sprechend, als wollten die Silben sich gegenseitig überholen, er wollte Felix für die KP gewinnen.

Die Dorfbewohner in der Normandie empfingen die deutsch sprechenden Männer unter Beschimpfungen, die sie kaum verstanden, außer sales boches. Fäuste wurden geschwungen. Die Bauern wussten nicht, dass es sich um Flüchtlinge handelte, höchstens ein paar deutsche Spione waren darunter, die Provinzzeitungen hetzten gegen die Zuwanderer, die man durchfüttern müsse.

Wer seine Feinde waren, wusste Felix. Aber gab es in diesen rüden Zeiten auch einen Stern, eine Idee, die ihn leiten konnte? Die politischen Flüchtlinge waren straff organisiert, Kommunisten und Trotzkisten rivalisierten, auch wenn die Weltrevolution das gemeinsame Ziel war.

Noch in der ersten Woche folgte Felix Shlomos Einladung in eine der drei kommunistischen Zellen, die im Lager aktiv waren. Ein Universitätsprofessor aus Köln trug die Rede vor, die Josef Stalin zur Umsetzung des Fünfjahresplans der KPdSU gehalten hatte. Sie war langfädig, der Vortrag ging über Tage, er handelte von den neuen Zielen in der Getreideproduktion und, ja, auch jener in der Rüstungsindustrie. Diszipliniert und andächtig hörten die Männer zu, Fragen wurden kaum gestellt, auch Shlomo verhielt sich merkwürdig ruhig, Felix wunderte sich.

Klar war, dass die Kommunisten in den Untergrund wollten, in die Résistance, statt in die Fremdenlegion, das war die andere Möglichkeit. Der Pakt, den Stalin, der oberste Genosse, mit Hitler geschlossen hatte, war unantastbar, mit den Alliierten zu kämpfen unmöglich, gegen den Willen der Partei, der man zu folgen hatte. Stalins Mordtaten in der Sowjetunion kannte man; Shapiro erklärte Felix, es handle sich bei den Säuberungswellen um die Kinderkrankheit einer weltumspannenden Idee, welche die Menschheit bald erlösen würde.

Man schlief auf Stroh, Ratten rannten durch den Saal, Mückenschwärme stiegen vom nahen Moor auf, die Tiere freuten sich am Menschenfleisch, besonders um die Latrinen, eine gab es auf hundert Mann. Das ewige Kratzen von Fleischmann, einem Berliner Trotzkisten, war kein Tick, er hatte im Bordell Filzläuse aufgelesen, die sich schnell verbreiteten. Grünbaum, behaart wie ein Affe und also davon besonders betroffen, liiert nach kürzester Zeit mit einer Nonne aus dem Dorf, schlich nachts nicht nur zu dieser, auch in die Feld­apotheke, strich sich den ganzen Körper voll mit einer Paste, sodass er bald wegen Quecksilbervergiftung im Krankenhaus lag.

Das deuxième bureau, so hieß die französische Spionageabwehr, stellte fest, Felix sei ein richtiger Flüchtling, kein Kundschafter des Feindes, so wurde der Weg frei, um Legionär zu werden, Angehöriger einer fran­zösischen Militäreinheit. Er führte eine letzte, heftige Diskussion mit Shlomo Schapiro, der ihn im Lageralltag schützend begleitet hatte, er war ein Freund geworden. Felix wollte den Kommunisten mitnehmen, Hitler sei ein gemeinsamer Feind der Menschheit. Nichts war zu machen, gäbe es in der Legion eine eigene antifaschis­tische Einheit, dann, ja, aber so, niemals, argumentierte Shlomo. Und Felix solle nicht vergessen, wozu die Le­gion eigentlich da sei: Um das französische Kolonialreich zu erhalten. Das sei nicht die Internationale, die er wolle.

Es blieb Schapiro erspart, zu erfahren, wie Hitler selber den Bund mit Stalin brach, da war er als Kämpfer im Untergrund bereits erschossen, er hatte einen An­schlag vorbereitet, er war unvorsichtig gewesen, ein miserabler Bombenleger, kein Praktiker, ein Denker, der sich geirrt hatte. Einer unter vielen.

Felix reiste alleine nach Marseille. Die Legion nahm ihn auf, sportliche junge Männer waren gefragt, im neuen Status pour la durée de la guerre, eingekleidet zunächst in eine hellblaue Uniform aus dem Ersten Weltkrieg mit Wickelgamaschen über dem Schuhwerk. Ein komischer Anblick, fand er, vor dem Spiegel im Keller des Fort St. Jean, als er die passende Rockgröße gefunden hatte, wäre die Situation bloß nicht so ernst. Schmutzig war es hier, im Fort stank es vom Keller bis zum Wachturm penetrant, am schlimmsten war es im Schlafsaal.

Zunächst gab es vierzehn Tage Urlaub, Felix reiste nach Paris. Er traf Theo, auch er wollte in die Legion, Ri­chard hatte bereits unterschrieben, es erwies sich als unmöglich, sich gemeinsam einteilen zu lassen. Felix war der einzige Legionär seiner Einheit, der rechtzeitig aus dem Urlaub nach Marseille zurückkehrte, die Un­teroffiziere hießen ihn von morgens bis abends Steine vom Fort hinunter in den kleinen Hafen und wieder hochtragen. Besser wurde es, als der deutsche Komman­dant einen Bridgepartner suchte, Felix spielte zweimal im Offizierskasino mit Hübner Karten. War es klüger, ihn vorsichtig gewinnen zu lassen? Jedenfalls mussten keine Steine mehr geschleppt werden.

Legionäre verpflichteten sich für mindestens fünf Jahre, zehn oder fünfzehn waren auch möglich, der Vertrag war kaum aufzulösen. Dafür wurde niemand nach seinem Vorleben gefragt, Abenteurer, Betrüger, Diebe, Mörder, jeder wurde aufgenommen. Das Gehalt stieg, je länger man dabei war, mancher konnte ein kleines Vermögen anhäufen. Die Emigrantensoldaten waren schlecht bezahlt, dafür gehörten zum Sold ungefragt Zigaretten, drei Packungen pro Woche, «cigarettes de troupe» hieß die Eigenmarke, vertrieben nur in der Le­gion.

Die Regeln waren hart, aber eindeutig. Auf Befehlsverweigerung stand die Todesstrafe, und sie wurde ausgeführt. Die höheren Offiziere, welche die Frischlinge kaum je zu sehen bekamen, waren Franzosen, manche hatten in der regulären Armee gedient und waren nach Fehltritten versetzt worden. Im Rang der Unteroffiziere kommandierten geflüchtete Kriminelle, viele kamen aus Deutschland und waren schon Jahre im Dienst.

Dazu kamen jetzt jüdische und andere Flüchtlinge, oft studierte Männer ohne militärische Ausbildung, die kämpfen wollten und von den Unteroffizieren ge­schlaucht wurden, teils sadistischen Spielen ausgesetzt, bedacht aber auch mit einem Viertelliter Rotwein zu je­der Mahlzeit. Das galt schon auf der Sidi bel Abbès, dem Schiff, das die jungen Krieger von Marseille nach Oran brachte, einem umgebauten Passagierdampfer. Aber niemand rührte den Wein an, allen war speiübel, zu stürmisch war der Himmel über dem berüchtigten Golfe du Lion.

Per Bahn ging es in die Garnisonsstadt Saida, man durchquerte eine Gebirgskette, die parallel zum Meer verlief. Die Europäer staunten: Auf die nordafrikanischen Januarhügel, an denen man nicht viel schneller als im Schritt vorbeizog, fiel Schnee. Saida lag in einer Mulde, mit ausgedehnten Kasernen, es wurden die Köpfe kahl rasiert, die nächste Uniform war in Kaki, sie trafen die ersten alten Legionäre im aktiven Dienst.

Im Fort lagerten die Schätze und Archive der Legion, die man zu besichtigen hatte, hier war die Zentrale. Une seule devise aux lèvres: Legio Patria Nostra war das Motto, die Legion ist unser Vaterland, es begann die Rekru­tenschule. Felix hatte Glück, er diente unter Adjutant ­Wiesengrund, einem leicht tuberkulösen ungarischen Juden mit sanftem Einschlag, seit zehn Jahren ununterbrochen in Afrika, nicht von der Art, wüste Drohungen auszusprechen darüber, was noch folgen werde, was verbreitet war.

Die Marschübungen begannen früh um 4.30 Uhr, trainiert wurden Dreier- wie Neunerreihen, drehen links wie drehen rechts. Die Kompagnie machte Märsche bis in den Atlas, die Offiziere zu Pferd, die Truppe zu Fuß. Mittags und abends gab es den Viertelliter Wein, der in den wasserverwöhnten Hügeln des Rifgebirges wuchs, genau wie der Tabak und das Haschisch, Kif ­ge­nannt, aber das war keine Soldatendroge.

Der fruchtige, etwas schwere Legionswein war ge­wiss der Grund, dass Jahrzehnte später im nebligen Schweizer Mittelland, bei uns zu Hause, stets algerischer Rotwein auf den Familientisch kam, Sidi Brahim mit Namen. Nicht nur war dieser billig, was auch zählte, als einziger Wein in der Literflasche angeboten, sein Ge­schmack erzählte eine Geschichte.

Das erste Gewehr war das Fusil le Bel aus dem Jahre 1894, benannt nach seinem Erfinder, mit Bajonett mehr als mannslang, knapp fünf Kilo wog es, acht Patronen fasste das Magazin, pro zehn Mann gab es dazu ein automatisches Gewehr. Felix war der beste Schütze und wurde tireur d’élite, darüber konnte er nur schmunzeln, was den künftigen Kampf gegen Hitler anging, war der Waffenpark ernüchternd, wie sollte dieser Krieg gewonnen werden?

Urlaub gab es in den drei Monaten der Rekrutenschule nur einmal. Felix ließ sich von einer eingeses­senen jüdischen Familie zum Essen einladen. Der Vater holte ihn vor der Kaserne ab, erstmals geriet Felix in eine Medina, er staunte über den Eierverkäufer, der Hun­derte davon aufgetürmt hatte, vier Kompanien, ge­trennt nach Größe, er schien diese in einer unendlichen, sinnlos scheinenden Bewegung immer weiter umzuschichten, der Gastgeber musste Felix fortziehen. Er liebte es, Szenen des Alltags zu beobachten.

Es war ein Festmahl auf dem Dach eines kleinen Hauses mitten in Saida: Couscous mit Gemüse und Lamm, karamellisierte Zwiebeln obendrauf. Vater, Mutter, Sohn und eine Tochter, die sich gerne und lang mit Felix unterhielt. Rachel war von ganz anderer Art als jene Frauen, die Sack und Pack auf Esel luden, Ziegen hatten und ihren geliebten Legionären in die Wüste nach­zo­gen, eine Art Familie bildend. Und erst recht an­ders als jene Frauen, die im geschlossenen Wagen ganz am Schluss des Trosses Platz nahmen, das mobile Bordell der Karawane.

Dann mischten sich die Rekruten mit der alten Truppe. Angst durfte man vielleicht haben, aber sicher nicht zeigen. Da waren die beiden Messerstecher, Brüder, Juden, blond und dunkel, unberechenbar. Einer der Mörder des deutschen Politikers Rathenau, seit Jahren im Legionsdienst, traf auf einen Flüchtling, der ein ­Neffe des deutschen Ministers war. Zwei rechtsextreme Kroaten, der eine sah harmlos aus, der andere war es nicht und sah auch nicht so aus, schliefen im gleichen Zelt wie Felix. Im übernächsten Bett schlief der rothaarige rumänische Jude Siehl, der auf Vater losging, an­geblich hatte er seine Zahnbürste umgestoßen.

Die Soldaten waren Teil eines Treppenwitzes der Weltgeschichte, die grade besonders viele Menschenleben kostete. Zum Wein aß man Linsen, Bohnen und Makkaroni, verteilt wurden die Rationen vom Armenier Rumian, der seinen Clan krass bevorzugte, so zumindest sah es Felix, der sich lautstark beschwerte. Rumian gab zurück, die ersten Schläge wurden getauscht, tu sors, sagte der Korporal, das war die Aufforderung zum Duell.

Der Saal unterstützte Felix, mit Ausnahme der russischen Fraktion, einer geschlossenen Gruppe, kaum des Französischen mächtig. Rumian verlor einen Zahn, gab auf. Vater hatte gesiegt, hatte aber nie mehr Ausgang. Und ich habe Mühe, Jahrzehnte später, mir den Vater als Mensch der Gewalt vorzustellen. Ich sah ihn milde, fast immer. Geduldig stellte er den Junghans-Chronometer ein, um zu messen, wie viel Einmaleinsrechnungen ich in einer Minute richtig löste, niemals wurde er aggressiv. Auch nicht, als ich mich im Pfadfinderlager einsam fühlte und die Leiter dazu nötigte, zu Hause anzurufen; Vater holte mich ab, als wäre ein Schweizer Pfadilager mit der Legion zu vergleichen. Und es änderte nichts, dass Louise meinte, ich solle durchhalten.

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9783038551874
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