Читать книгу: «In der Vertikale»

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In der Nordwand der Westlichen Zinne.

Engelbert Guggenberger

In der

Vertikale

Was mich zwischen

Himmel und Erde hält



Bergmesse auf dem Polinik in den Karnischen Alpen.

Inhalt

Cover

Titel

Einleitung

1. Alles beginnt mit der Sehnsucht

2. Wohin denn gehen wir

3. Werde, der du bist

4. Das Glück begünstigt den wohlvorbereiteten Geist

5. Wolle die Wandlung

6. Erdverbunden – himmelwärts

7. Drei Blicke tu’ zu deinem Glück

8. Ohne Spannung keine Lebensfreude

9. Warten oder Wagen

10. Nur mit dem Herzen sieht man gut

11. Hoffnung und Angst können das Wetter nicht ändern

12. Gib deinem Leben einen Traum

13. Erfolg ist keiner der Namen Gottes

14. Was du ererbt von deinen Vätern

Glossar

Verwendete Literatur

Impressum

Fußnoten

Einleitung

Bücher entstehen manchmal durch Zufall, oft gibt es aber auch einen konkreten Anlass. Habe ich mein erstes Buch1 über das Lesachtal, das Tal meiner Herkunft, eher zufällig geschrieben, so verdankt sich mein zweites einem besonderen Ereignis. Am 23. Juli 2015 erlitt ich am Heiligkreuzkofel in den Dolomiten einen schweren Kletterunfall, bei dem ich mir einen Trümmerbruch im rechten Unterschenkel zuzog. Mehr als ein Jahr dauerte die Zeit der Rekonvaleszenz, die Gott sei Dank mit einer Heilung abgeschlossen werden konnte. In den langen Monaten der Verunsicherung und des Zuwartens wandte sich mein Blick nach innen und auf dem Grund meiner Seele begannen sich Fragen rund um das Klettern zu formulieren. War der Stellenwert angemessen, den das alpine Klettern in meinem Leben einnahm? Bleibt es bei dieser Bewertung oder hat sich durch meinen Unfall daran etwas geändert? Muss ich meine Einstellung zum Alpinismus und zu seiner Bedeutung für mein Leben revidieren? Bedeutet das Klettern für mich vor allem Bewegung und Abenteuer oder vollzieht sich darin etwas, das über den Sport hinausgeht?

Je eindringlicher ich diesen Fragen nachging, desto mehr spürte ich, dass mir das alpine Klettern etwas vermittelt, was ich mir auf keine andere Weise im Leben aneignen könnte. Mit der Zeit wuchs auch die Überzeugung, diesen Mehrwert des Kletterns benennen und beschreiben zu können. Als mir dann auch noch von meiner Mitwelt signalisiert wurde, dass die Darstellung dieses Hintergrundes von allgemeinem Interesse wäre, fand ich die nötige Motivation, um meine Überlegungen niederzuschreiben und damit für andere zugänglich zu machen. Doch wo sollte ich bei diesem weitläufigen Thema beginnen? Mir war bald klar, dass ich eine möglichst natürliche Verbindung finden musste zwischen dem, was sich im Kopf, in der Psyche und in der Seele des Menschen, der klettert, abspielt, und dem Geschehen in der Wand. Die Brücke fand ich in Einstellungen und Haltungen, die sowohl beim Klettern wie auch im Alltag und nicht zuletzt im Glauben eine Rolle spielen und die uns bei der Lebensbewältigung helfen. Um sie aber zu konkretisieren und zu zeigen, wo wir sie brauchen und wie sich ihr Vorhandensein förderlich auf unser Dasein auswirkt, verband ich die Schilderung dieser Einstellungen und Haltungen mit Berichten von extremen klassischen Klettertouren in den Dolomiten, den Karnischen oder den Julischen Alpen, die ich in den letzten Jahren und Jahrzehnten unternommen hatte.


Auf diese Weise ist das vorliegende Buch entstanden. Es schildert meine Erfahrungen in sehr persönlicher Sicht, die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich mich mit der Vertikalen in ihren verschiedenen Dimensionen auseinandersetze. Die damit verbundene Subjektivität schränkt das gedankliche Spektrum zwar ein, hat aber auch ihre Vorteile: Der Leser gewinnt auf diese Weise Anteil am Auf und Ab meiner Gefühle, erfährt von meinen Freuden und Ängsten, meinen Hoffnungen und Enttäuschungen, aber auch von jenen wertvollen Menschen, die mich auf meinen schwierigen Wegen begleitet haben: meinen Kletterpartnerinnen und -partnern, ohne die ich diese Abenteuer nicht hätte bestehen können.

Unterstützt werden die Gedanken und Berichte durch Fotos, die wir unterwegs gemacht haben. Angefertigt wurden sie alle mit einem Handy oder einer kleinen Kamera, die wir in der Wand mitführten. Nicht alle Touren sind optisch gleichermaßen dokumentiert. War das Wetter schlecht, hatten wir Eile oder fehlte uns die nötige Motivation, so unterblieb das Fotografieren. In diesem Fall werden stellvertretend Bilder aus anderen Touren herangezogen. Um auch den mit der alpinen Fachsprache nicht Vertrauten das Lesevergnügen zu erhalten, findet sich am Ende des Buches ein Glossar, in dem die klettertechnischen Fachausdrücke erläutert werden. So wünsche ich viel Freude an der Lektüre!


Mein Neffe Marian führt die Klettertradition unserer Familie fort.

1

Alles beginnt mit
der Sehnsucht

AMPEZZANER DOLOMITEN

TOFANA DI ROZES | IL PILASTRO

Via Costantini-Apollonio

VI A0 (VII+) | 530 m

Warum steigen Menschen auf die Berge? Schon oft wurde versucht diese Frage zu beantworten. Dieses und jenes wurden als Begründung angeführt. Die wahrscheinlich zutreffendste Antwort lautet: Weil sie da sind! Die Berge sind vorhanden und üben eine Faszination auf den Menschen aus. Dabei sind sie nicht das Einzige, was uns in unserer Welt den Atem raubt. Auch das Meer beispielsweise stellt ein Faszinosum dar. Als ich an einem Herbsttag als junger römischer Student zum ersten Mal in Ostia am Ufer des Tyrrhenischen Meeres stand, war ich sprachlos angesichts der Weite des Horizonts und der Urgewalt der donnernden Wasser.

Ähnlich ergeht es mir auch im Gebirge. Im Angesicht eines Berges bin ich oft zutiefst beeindruckt von der Masse an Fels, die sich vor mir versammelt, einem Bollwerk an Beständigkeit gleich. Mich fasziniert, wie sich die Blöcke gegen den Himmel türmen, als wären sie von unsichtbarer Riesenhand aufeinandergeschlichtet worden. Es raubt mir den Atem, wenn ich eine Felsnadel wie den Campanile Basso in der Brenta sehe, bei dem die Wände zu allen Seiten senkrecht ins Kar hinunterfallen. Dann genieße ich es, meinen Blick vom Wandfuß zum Gipfel wandern zu lassen, wo die Spitze eine solchen Turmes förmlich das Firmament berührt. Erstmals auf Berge gestiegen bin ich tatsächlich einfach, weil sie da waren. Als Sohn des Hüttenwirtes vom Hochweißsteinhaus, einer Schutzhütte des Österreichischen Alpenvereins in den Karnischen Alpen, waren die Torkar- und Weißsteinspitzen und der Monte Peralba meine ersten unmittelbaren Nachbarn und mein nächstes landschaftliches Gegenüber. Schon als Kind war ich ihrer Faszination erlegen. Meine Eltern erzählten mir, dass ich im Alter von drei Jahren eines Tages morgens beim ersten Blick aus dem Fenster in unserem Haus in St. Lorenzen im Lesachtal, wo wir im Winter wohnten, voller Begeisterung ausrief: Inso Peralba! (Unser Peralba!). Die weiße Pracht unseres Hausberges hatte mich also auch im Tal noch in ihren Bann gezogen. Und so ließ ich nicht locker, bis meine Eltern sich bereit erklärten, mich einmal auf den Monte Peralba mitzunehmen. Eines schönen Julitages weckte mich mein Vater bereits um vier Uhr früh. Eine Stunde später brachen wir auf. Wie meine Eltern mir später erzählten, hätte ich den ganzen Aufstieg eigenständig bewältigt. So stand ich bereits als Dreijähriger erstmals auf dem Gipfel eines hohen Berges: meine erste alpine Tour. In der Nomenklatur modernen Kletterlateins würde die Bewertung lauten: Eins plus, free solo.

Alles beginnt mit der Sehnsucht, sagt die Lyrikerin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs. Das gilt auch für das Bergsteigen und Klettern. In uns Menschen schlummert die Sehnsucht aufzubrechen, die gewöhnliche Welt hinter uns zu lassen, neue und völlig unbekannte Räume zu betreten, einen Standort außerhalb des Alltäglichen einzunehmen und die Welt aus einer ganz anderen Perspektive wahrzunehmen. In dieser Sehnsucht liegt für mich das eigentliche und letzte Motiv alpinen Kletterns. Wir Menschen können uns einer Sache ganz hingeben und einen überdurchschnittlichen Einsatz leisten, wenn uns eine Sehnsucht motiviert und zieht. Diesen Zusammenhang hat Antoine de Saint-Exupéry in seinem posthum veröffentlichten Buch Die Stadt in der Wüste (Citadelle) schlüssig im bekannten Bild vom Schiffsbau zum Ausdruck gebracht: Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Auch dem Bergsteigen liegt diese große Sehnsucht zugrunde, die Sehnsucht nach Erweiterung des Bewusstseins durch ganz neue Erfahrungen. Ist das nicht gleichzeitig auch das Motiv, das uns auf dem Weg unserer Selbstwerdung vorantreibt?

Rainer Maria Rilke hat in einem Gedicht in seinem Stunden-Buch der Vorstellung Ausdruck gegeben, dass Gott jedem Menschen, bevor er ihn in die Nacht dieser Welt hinausschickt, ein Wort mit auf den Weg gibt. Und dieses Wort lautet:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,

geh bis an deiner Sehnsucht Rand;

gib mir Gewand.

Dem Menschen ist die Sehnsucht ins Herz gesenkt. Sie treibt ihn hinaus in diese Welt, um ihre Schönheit zu entdecken und in ihrer Schönheit und hinter allen Dingen Gott selbst zu suchen. Ein Weg, bis an unserer Sehnsucht Rand zu gehen, ist die Musik. Die wunderbare Musik von Franz Schubert geht bis an den Rand der Sehnsucht. Sie lässt die Sehnsucht beispielsweise in seiner Neunten Symphonie, die Große genannt, hörbar werden. Und nur wenn die Sehnsucht Ausdruck findet, ist sie heilsam. Wenn wir unsere Sehnsucht nicht hörbar oder sichtbar werden lassen, dann flüchtet sie sich in die Sucht.2

In einem anderen Gedicht definiert Rilke die Sehnsucht:

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge

und keine Heimat haben in der Zeit.

Die Sehnsucht besteht darin, dass wir mitten im Trubel dieser Zeit leben, dass wir mitten im Gewoge unserer unruhigen Lebensfahrt eine Heimat finden. Wie kann das gelingen: wohnen mitten im Gewoge? Die Sehnsucht ist wie eine Heimat mitten im Gewoge. Wenn wir der Musik lauschen, können wir erahnen, dass wir jetzt mitten im Gewoge unseres Lebens, mitten in unseren Konflikten, in unseren Enttäuschungen, in unserer Sehnsucht wohnen können. Durch die Musik entsteht ein Raum der Geborgenheit, in dem wir wohnen können.

Aber gleich nach dem schönen Wort vom Wohnen im Gewoge sagt Rilke, dass wir in der Zeit keine Heimat haben. In der Zeit können wir uns nicht einrichten. Wir können die Zeit nicht anhalten. Sie verweist uns auf eine jenseitige Heimat, auf eine Heimat, die erst dann entsteht, wenn hier Himmel und Erde zusammenfallen, Zeit und Ewigkeit. So ist die Sehnsucht der Anker, den Gott in unser Herz geworfen hat, um uns daran zu erinnern, dass unser Herz im Vorläufigen nicht zur Ruhe kommt. Aurelius Augustinus hat in seinen Bekenntnissen diese Erfahrung, dass Gott allein unsere unendliche Sehnsucht zu stillen vermag, auf die Formel gebracht: Du hast uns zu dir hin erschaffen, und unser Herz kommt nicht zur Ruhe, bis es ruht in dir.

So gehört die Sehnsucht zu den Zauberworten für die Seele. Wir tragen sie in uns und gleichzeitig führt sie uns über uns selbst hinaus. Sie lässt die Dinge erblühen und kann zu einer Quelle werden, aus der wir leben. Fehlt sie uns, werden wir unzufrieden und energielos, wir hören auf, etwas zu suchen.3 Daher darf man Wünsche und Träume nicht zu lange von sich schieben. Man muss sie vielmehr tatkräftig anpacken. Das dachte ich mir, als mir mein Neffe Marian Guggenberger im Sommer 2009 den Vorschlag machte, mit ihm den Pilastro an der Tofana in den Ampezzaner Dolomiten zu klettern. Die Tour ist so berühmt, dass man von ihr nur mehr in der Kurzform spricht, ähnlich wie bei einer Operndiva, die dann auch nur mehr beispielsweise als Die Netrebko bezeichnet wird.

So treffe ich mich mit Marian um 17 Uhr in Tassenbach bei Sillian in Osttirol. Er kommt vom Lesachtal, ich reise von Klagenfurt an. Marian ist ein aufstrebender junger Kletterer. Ich freue mich, dass jemand in unserer Nachfolgegeneration die Familientradition des Alpinkletterns weiterführt. Erstens einmal gehört das Klettern zum charakteristischen Spezifikum unseres Lesachtaler Clans. Zweitens steht es dem zukünftigen Hüttenwirt des Hochweißsteinhauses gut an, wenn er auch in dieser Sparte beheimatet ist. Drittens halte ich alpines Klettern für eine gute Lebensschule. Und schließlich habe ich, wenn Marian bei diesem Hobby bleibt, immer wieder einen fröhlichen und interessanten Kletterpartner an meiner Seite.


Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung: Auf dem Weg nach oben sind am „Pilastro“ zwei herausspringende Dächer zu überwinden.

Schon als Kind war Marian in Denken und Sprache auffallend kreativ und originell. Begabt mit einer überbordenden Fantasie, der es nie bunt genug zugehen konnte, entwickelte er Gedankengebäude, die mich zum Staunen brachten. Das waren natürlich hervorragende Grundvoraussetzungen für seine Lieblingsbeschäftigung: das Basteln und Werken. Angeregt von Opa und seiner Tischlerwerkstatt im Keller lebte das Kind am meisten auf, wenn es mit Hammer und Nägel bewaffnet aus hölzernen Abfallstücken in der Werkstatt etwas basteln oder bauen konnte. Noch vermochte Marian kaum Mama und Papa zu sagen, da war er bereits in der Lage, die spezifischen Geräusche der Geräte in Opas Werkstatt zu imitieren, von der Kreissäge angefangen über den Elektrobohrer bis hin zur Hobelmaschine. Dass seine Fantasie aber stets auch eine durchaus geerdete war, konnte man am Praxisbezug seiner originellen Kreationen ablesen. So baute er immer Dinge nach, die im Familienalltag vorkamen und Verwendung fanden: Tische, Bänke, Zäune, Aufzüge etc. Als er einmal einen Hubschrauber am Hochweißsteinhaus landen sah, baute er aus den Matador-Stücken, mit denen ich und mein Bruder Ernst einst als Kinder gespielt hatten ohne jegliche Anleitung, rein aus der Erinnerung, einen Hubschrauber. Noch heute hängt das Ding über der Theke im Gastzimmer des Hochweißsteinhauses und wird regelmäßig von den Gästen bestaunt.

Dass er aber trotz blühender Fantasie tatsächlich Mögliches von Fantasterei zu unterscheiden vermochte, musste ich einmal zur Kenntnis nehmen, als er mir mit einer trocken hingeworfenen Bemerkung eine ganze Märchenwelt zerstörte, die für ihn aufzubauen ich mich berufen sah. Und das kam so: Marian war etwa sechs Jahre alt, da unternahm ich mit ihm vom Hochweißsteinhaus aus eine Wanderung Richtung Monte Avanza. Am Jägersattel stießen wir bei unserem Herumstreunen auf eine riesige Höhle, die ich selbst vorher noch nie wahrgenommen hatte. Durch einen schmalen Eingang betraten wir eine natürliche Kaverne, die so geräumig war, dass darin ein ganzes Haus Platz gefunden hätte. Im Plafond des gewaltigen Raumes klaffte ein riesiges Loch, durch das das Blau des Himmels schimmerte. Angeregt durch die Jurassic-Park-Manie, die damals die gesamte Gesellschaft erfasst hatte, meinte ich dem begeisterungsfähigen Kind hier an Ort und Stelle eine Materialisierung der Dinosaurier-Welt vorstellen zu können. Und so begann ich zu schwärmen: Schau, Marian, sagte ich, wir sind hier in einer echten Dino-Höhle. Hier hat der Tyrannosaurus Rex gelebt. Und schau, durch das große Loch, dort oben in der Decke, ist er herein- und hinausgeflogen und hat seine Kinder mit Futter versorgt. Marian nahm vorerst zu meiner – wie ich meinte – großartig gelungenen Inszenierung nicht Stellung. Dann aber blickte er mich mit seinen großen Augen mitleidsvoll an und sagte nur: Onkel Engelbert, komm auf den Teppich!

Ja und eben mit diesem meinem originellen und eloquenten Neffen, der inzwischen schon ein stattlicher Mann Anfang zwanzig ist, bin ich jetzt unterwegs zur Tofana. Tofana di Rozes heißt die gewaltige Dolomiten-Erhebung mit genauem Namen. Ein Berg, wie er idealer vom Schöpfer nicht hätte ersonnen werden können. Wenn Johann Joachim Winckelmann, der Begründer der Kunstgeschichte, von der Laokoon-Gruppe im vatikanischen Cortile del Belvedere die Idealformen bildender Kunst abgeleitet hat, so könnte man aus der Tofana die Idealformen eines Berges herausdestillieren: Zerfurcht wie ein Wettergesicht, gewaltig wie eine Zyklopenmauer, stabil wie eine Pyramide und erhaben wie der Olymp – das ist die Tofana.

Durch die Südwand dieses alpinen Monuments zieht ein gewaltiger Pfeiler von makelloser Schönheit. Gezählt ist er eigentlich der zweite Pfeiler von dreien. Aber weil er so markant ist und weil über ihn die berühmteste Tour des gesamten Massivs führt, wird er überhaupt nur Der Pfeiler genannt oder besser noch auf Italienisch: Il Pilastro. Berühmt ist die von Ettore Costantini und Romano Apollonio 1944 erstbegangene Tour, weil sie über zwei Dächer führt, die mitten in der senkrechten Wand eineinhalb Meter herausspringen. Die Überwindung eines solchen Hindernisses in der Vertikalen stellt an den Bizeps eine durchaus nicht zu unterschätzende Herausforderung dar, gilt es doch nahezu das gesamte Körpergewicht samt Rucksack hauptsächlich über die Hände nach oben zu hieven. Berühmt geworden ist die Tour auch noch als Wolfgang Güllich – das deutsche Klettergenie – Anfang der 1980er-Jahre die Qualität der neuen Klettergeneration unter Beweis stellte, indem er die Tour rotpunkt kletterte, das heißt ohne Zuhilfenahme der Haken als Fortbewegungsmittel. Und eben diese Tour hatte sich Marian gewünscht.

Wir nächtigen im Rifugio Angelo Dibona, von wo aus wir in einer Dreiviertelstunde am Einstieg sind. Das Wetter ist weder gut noch schlecht, was auf einem Berg, dessen Gipfel zu den Dreitausendern gehört, bedeutet, dass man sich warm anziehen darf. Wir verabreden, dass Marian die ersten Seillängen führt und ich die folgenden. Daher brauche ich mich vorerst einmal nicht anzustrengen und kann mich beruhigt aufwärmen, indem ich hinter Marian herklettere. Wie ein bunter Klecks markiert sein farbiges Outfit die schwarze Wand und frech flattert seine blonde Mähne im Wind, während er die erste Seillänge in Arbeit nimmt. Dann quert er über steile Platten nach rechts, bis er den gewaltigen Riss erreicht hat, der die ganze Wand durchzieht und ein Höhersteigen in diesem eindrucksvollen Plattenmeer ermöglicht. Nach einigen weiteren Seillängen haben wir das erste Felsband erreicht. Solche Bänder, die oft die gesamte Wand quer durchziehen, sind typisch für die Dolomiten. Sie sind anlässlich einer Wachstumspause der Korallen entstanden, die vor 250 Millionen Jahren die heutigen Dolomitenberge geformt haben. Dem Kletterer sind die Felsbänder eine willkommene Gelegenheit für eine kurze Rast, kann man doch endlich wieder einmal auf beiden Füßen stehen.

Nun bin ich an der Reihe zu führen. Wer beim alpinen Klettern die Seilschaft anführt, trägt ein höheres Maß an Verantwortung: Der Vorsteiger muss den richtigen Weg finden und ist auch einem höheren Risiko ausgesetzt, da anlässlich eines Sturzes seine Fallhöhe doppelt so hoch wird wie die Distanz bis zur nächsten Sicherung. Und das kann dann bald einmal so viel sein, dass man sich verletzt. Daher sollte es in einer alpinen Route nie zu einem Sturz kommen. Im Nachstieg hingegen beschränkt sich die Fallhöhe bei einem Ausrutscher mehr oder weniger auf die Dehnung des Seiles, was – außer in einem Quergang – zu keiner Verletzung führt. Wenn ich nun den Vorstieg übernehme, bin ich mir des vorgegebenen Risikos bewusst. Die Farbe der Wand hat inzwischen von Grau auf Gelb gewechselt, ein untrügliches Zeichen dafür, dass es in die Vertikale geht. Überhängender Fels wird nämlich vom Regen nicht mehr benetzt. Daher können sich dort auch keine Algen halten, die für die graue Färbung des ursprünglich gelben Dolomitgesteins verantwortlich sind. Wenn ich also gelben Fels unter meine Finger nehme, weiß ich, was mir blüht.

Achtzig Meter klettere ich so hinauf. Dann mache ich unter dem ersten Dach Stand. Eigentlich kann von Stand keine Rede sein, denn ich hänge vollkommen in der Luft. Doch das macht mir jetzt nichts mehr aus. Der Verankerung vertraue ich blind und an die Ausgesetztheit habe ich mich bereits gewöhnt. Marian kann nachkommen. In der folgenden Seillänge muss er gut auf mich aufpassen, wenn ich mich an die Überwindung des ersten Daches mache. Ich habe zwar nicht die Absicht zu fliegen und auf diese Weise seine Sicherungskünste zu testen, aber man kann nie wissen. Trotzdem darf er mich auch nicht zu ängstlich sichern. Denn damit würde er mich in meinem Bewegungsablauf behindern und mein Fortkommen hemmen. Es ist wie im Leben, schießt es mir durch den Kopf, wir brauchen Bindung, aber gleichzeitig auch die nötige Freiheit, um uns entwickeln zu können.


Die „Via Costantini-Apollonio“ am „Pilastro“ wartet mit einer Spezialität auf: Ein Dach springt über mir fast zwei Meter aus der Vertikale und stellt sich meinem Kletterfluss frech in den Weg.

Was das Sichern anbelangt, so ist auf Marian absolut Verlass! Als einer, der auch handwerklich begabt ist, bringt er alles mit, was man für ein gutes Handling des Seils braucht: feine Motorik, ein verlässliches Auge und alpine Intelligenz. Während er mir Seil ausgibt, arbeite ich mich mit den Füßen so weit an das herausspringende Dach heran, bis mein Helm daran ansteht. Dann suche ich im Felsspalt, den das Dach mit der Wand bildet, einen Griff für die linke Hand. Ich finde einen Untergriff, kann mich stabilisieren und lege mit der rechten Hand das Seil in die Sicherung über mir. Mit derselben Hand greife ich dann in den schmalen Riss hinein, der das Dach spaltet, und finde dort einen guten Griff. Jetzt muss ich den linken Fuß möglichst hoch in die Wand stellen und mit der zweiten Hand versuchen die Schlinge zu ergreifen, die ich über dem Dach wahrnehme. Ich strecke mich bis zum Äußersten. Endlich kann ich sie fassen. Nun befinde ich mich in einer Zerreißprobe. Die Hände müssen der Beanspruchung standhalten und der Fuß darf mir auf keinen Fall abrutschen, dann kann ich mich mit einem kräftigen Zug aus der ärgsten Bedrängnis befreien. Andernfalls? Daran zu denken habe ich im Moment keine Energie mehr.

Mein Atem geht keuchend, ich weiß, ich muss die Stelle bald hinter mich bringen, die Kräfte gehen zu Ende. So beiße ich die Zähne zusammen und beeile mich. Mit noch zwei weiteren Zügen komme ich unter dem Dach heraus und steige in die Senkrechte, wo sich der Körperschwerpunkt wohltuend von den Händen wieder auf die Füße verlagert. Die erste große Herausforderung liegt hinter mir und ich gewähre mir eine Verschnaufpause. Dann klettere ich rund zehn Meter über eine senkrechte Wandstelle hinauf, bis ich den nächsten Stand erreiche. Marian kann nun nachkommen. Für einen durchtrainierten Jugendlichen, wie er es ist, sind solche athletischen Kletterstellen eine ideale Herausforderung. Er bewährt sich auch prächtig und ist rasch bei mir. Beim zweiten Dach bin ich schon in Übung und so stehen wir nach einer weiteren halben Stunde schon auf dem oberen breiten Ringband. Jetzt rasten wir uns erst einmal aus. Denn was nun folgt, ist zwar weniger ausgesetzt als die beiden Dächer, aber mindestens ebenso schwierig. Hermann Buhl hat an diesem Platz 1952 anlässlich seiner Begehung der Route biwakiert4. Wie oft habe ich als Bub seinen Bericht gelesen und mir gewünscht, diese Tour einmal klettern zu können. Jetzt befinde ich mich mitten drin. Gut, dass wir nicht biwakieren müssen, sage ich mir angesichts der beißenden Kälte. Wir sind gut in der Zeit: Es ist gerade erst Mittag vorbei und wir haben bereits zwei Drittel der Tour hinter uns.

Schiena di Mulo (Eselsrücken) wird die glatte, überhängende Verschneidung genannt, vor der wir nun stehen, und sie ist gefürchtet. So manche Seilschaft hat sich an ihr schon die Zähne ausgebissen. Im hintersten Grund des Kamins, einer Höhle gleich, steige ich an Tropfsteingebilden höher. Unwillkürlich muss ich an die Dinos denken. Ich sage aber nichts zu Marian. Schließlich will ich mich nicht noch einmal blamieren. Dann verlasse ich die Höhle und steige im ersten Stock beim Fenster wieder heraus. Jetzt befindet sich Marian genau unter mir, etwa zehn Meter tiefer. Der Fels wird rutschig, Griffe und Tritte sind rar. Die Sturzbäche, die hier anlässlich von Gewittern dem Wandfuß entgegendonnern, haben den Dolomit marmorglatt poliert. Ein wulstiger Überhang auf der rechten Seite drängt mich nach links ab. Die Sicherungshaken befinden sich außerhalb der Linie. Alle diese ungünstigen Umstände veranlassen mich, mir eine gute Strategie zu überlegen. Um mich weiter oben nicht durch einen hemmenden Seilzug selbst zu fesseln, hänge ich jeweils nur ein Seil in die Sicherung ein. So vermeide ich eine Zick-Zack-Führung meiner Schnüre, was den Tod jeder reibungslosen Fortbewegung im alpinen Gelände bedeutet. Die Maßnahme zeitigt Erfolg. Ich klettere bereits hoch über Marian, seinem Blick schon längst entschwunden, und immer noch lassen sich meine Seile gut nachziehen. Viel Seil zum Ausgeben kann Marian nicht mehr haben, schießt es mir durch den Kopf. Ich muss schon mehr als vierzig Meter geklettert sein. Wo bleibt denn der Stand? Lange quält mich die Frage nicht mehr, dann stoße ich auf zwei Haken und kann aufatmen. Ich verstärke sie noch mit einem Friend und baue daraus eine bombensichere Verankerung, an die ich die Sicherheit meines Neffen bedenkenlos delegieren kann.

Während Marian zu mir heraufklettert, muss er das Sicherungsmaterial, das ich eingesetzt habe, wieder abbauen. Das aber ist eine relativ leichte Aufgabe im Vergleich zum Tanz auf dem glitschigen Parkett an der Schiena di Mulo, der ihm jetzt bevorsteht. Doch Marian bewegt sich geschickt von einer Herausforderung zur anderen und kommt gut über alles hinweg. Als wir uns oben am Stand wieder treffen, wissen wir: Der Löwenanteil der Tour ist „gegessen“. Der Rest wird uns nicht mehr weh tun. Anfangs folgen wir einem eindrucksvollen breiten Riss, der rund achtzig Meter fast senkrecht in die Höhe zieht. Dann stehen wir auf einer Kanzel, die uns einen traumhaften Rundblick beschert. Über steile graue Platten geht es anschließend rund hundert Meter nach links an die Kante, die den Weg zum Gipfel weist. Die Position am Grat ist luftig, die Kletterei aber nicht mehr schwer. Zwar bremst da und dort noch ein Steilaufschwung unsere Dynamik, doch wir lassen unser Ziel, den höchsten Punkt des Pfeilers, nicht mehr aus den Augen. Am mittleren Nachmittag steigen wir aus der Wand aus, beglückwünschen uns und stimmen darin überein, dass die Begehung des Pilastro für uns ein gewaltiges Abenteuer und ein alpines Erlebnis der Extraklasse war.


Wo es in einer Wand weitergeht, finde ich nirgendwo angezeichnet. Alpiner Spürsinn ist gefragt!

2.

Wohin denn gehen wir?

BRENTA-DOLOMITEN | CROZZON DI BRENTA

Via delle Guide

VI– | 800 Meter

Diese Frage stellt sich regelmäßig anlässlich der Planung einer Klettertour. Viele Wege bieten sich an, verlockende Ziele stehen zur Auswahl. Wofür soll ich mich mit meiner Kletterpartnerin, meinem Kletterpartner entscheiden? Von der richtigen Wahl hängt viel ab. Die Route darf nicht zu leicht, aber auch nicht zu schwer sein. Enthält sie zu wenig an Herausforderung, können wir uns für sie nicht richtig begeistern, ist sie aber zu anspruchsvoll, löst sie möglicherweise Versagensängste in uns aus. Hier gilt es klug zu wählen. Das ist nicht immer ganz leicht. Folge ich allein meinem Ehrgeiz, gerate ich in die Gefahr mich zu überfordern. Höre ich aber nur auf meine Angst, kann ich am besten gleich zu Hause bleiben. Wie Herkules am Scheideweg, stehe auch ich vor verschiedenen Alternativen und muss mich entscheiden. Diese Gesetzmäßigkeit begegnet mir nicht nur beim Klettern – auch im beruflichen Leben und im zwischenmenschlichen Bereich gilt es klug zu wählen und die Mitte zwischen Unter- und Überforderung zu finden. So gesehen sind meine alpinen Unternehmen in vielem eine Einübung in das, was der gewöhnliche Alltag mir abverlangt.

Wenn man im Gebirge unterwegs ist, besteht eine erste Aufgabe einmal darin, den richtigen Weg zu finden und dann auch darauf zu bleiben. Das ist aber nicht immer einfach, vor allem wenn ungünstige Witterungsverhältnisse wie Nebel, Regen oder Schneefall die Orientierung noch zusätzlich erschweren. Auch bei einer Klettertour ist eine zuverlässige Wegfindung entscheidend für die Sicherheit der Seilschaft. Unterstützen den Bergsteiger in der Regel befestigte Steige und farbige Markierungen, so ist von all dem bei einer alpinen Klettertour nichts mehr zu finden. Wo man durch eine Wand kommt, ist nirgendwo angezeichnet. Zwar trifft man immer wieder auf gewisse Anhaltspunkte wie beispielsweise Haken oder Bandschlingen. Ein solches Relikt einer vorhergehenden Begehung ist aber auch noch kein sicheres Indiz dafür, dass an dieser Stelle bereits jemand nach oben geklettert ist. Der Kletterer kann sich hier genauso gut nach unten abgeseilt haben – in der Erkenntnis, dass es nach oben nicht mehr weitergeht. Eine Hilfe ist natürlich die Routenbeschreibung, die in einer Skizze, Topo genannt, wertvolle Hinweise gibt. Trotzdem aber ist die Orientierung in der Wand oft nicht leicht. Es bedarf schon eines gewissen Spürsinns, um zu erahnen, wo die Erstbegeher gegangen sind. Leitend dabei ist der Gedanke, dass die Kletterer, die die Route eröffnet haben, den leichtesten Weg durch die Schwierigkeiten genommen haben. Daher gilt es die Schwachstellen der Wand zu finden, denn dort verläuft mit großer Wahrscheinlichkeit die Route. Von der Führe abzukommen, kann sehr gefährlich werden und in einer Tragödie enden. Die Alpingeschichte weiß davon ein trauriges Lied zu singen.

Das erschütterndste Beispiel vom Verlieren des Weges, das ich je gelesen habe, ereignete sich jedoch nicht im Gebirge, sondern in bewohntem Gebiet. In einem aufregenden Gedicht mit dem Titel Kinderkreuzzug5 beschreibt Bertolt Brecht, wie sich deutsche, polnische und jüdische Kinder, die 1939 ihre Eltern verloren hatten, zwischen den Fronten verirrten. Die Gruppe der Kinder, die von Ort zu Ort zogen, wurde immer größer und umfasste schließlich 55 Jungen und Mädchen. Ein elfjähriges Mädchen schleppte wie eine Mutter ein Kind von vier Jahren mit; ein jüdischer Junge, der unterwegs gestorben war, wurde von zwei deutschen und zwei polnischen Jungen begraben; eine junge Liebe hatte wegen zu großer Kälte keinen Bestand. Die Wegweiser am Straßenrand, vom Schnee verweht, wiesen in falsche Richtungen. Die Kinder hatten einen kleinen Hund bei sich, sie brachten es nicht übers Herz, ihn zu schlachten, um etwas zum Essen zu bekommen. Lange Zeit später fanden Bewohner dieser Gegend einen verhungerten Hund, der eine Tafel aus Pappe an seinem Hals trug, worauf mit Kinderhand geschrieben war: Bitte um Hilfe! Wir wissen den Weg nicht mehr.

Im Italienischen sagt man zu einer Kletterroute auch Via (Weg). Mir gefällt dieser Sprachgebrauch, besteht doch ein alpines Unternehmen letztlich im Gehen eines Weges, wie steil dieser auch immer sein mag. Wo man sich aber für einen bestimmten Weg entscheidet und ihn bewusst geht, schwingt im Hintergrund mehr mit als das, was man vordergründig vollzieht. Ob man sich dessen bewusst ist oder nicht: Es öffnet sich der Horizont auf die tieferen Schichten des Daseins. Denn jeder kleine Weg ist ein Symbol für den großen Weg, den wir zu gehen haben, den Lebensweg. Unsere Seele, die in archetypischen Bildern denkt und fühlt, nimmt die Botschaft solcher Symbole intuitiv wahr und verarbeitet sie zu unserem Wohl. Aus diesem Grund ist das Gehen eines Weges immer heilsam für unsere Seele, was viele bestätigen, die sich beispielsweise einmal auf den Weg des Pilgerns gemacht haben.

Der Mensch ist ja wesentlich auf dem Weg. Das sieht bereits die antike Philosophie so, die ihn als homo viator bezeichnet, als einen, der Zeit seines Lebens unterwegs ist. Er hat hier keine letzte Bleibe. Der Tod stellt jede Heimat in Frage und zeigt, dass der Mensch in der Welt im Grunde ein Fremdling ist und nach einer ewigen Heimat sucht, wo er sich endgültig niederlassen kann. Novalis, der große Dichter der Romantik, fragt in seinem Roman Heinrich von Ofterdingen: Wohin denn gehen wir? Und er antwortet: Immer nach Hause. Der Mensch ist nicht bei sich zu Hause, sondern er ist auf dem Weg nach Hause. Und er wird nur ankommen, wenn er sich auf den Weg zu Gott macht, bis er bei ihm für ewig daheim ist. Im Wandern übt er sich in die Bestimmung seiner Existenz ein.

Der Crozzon ist der mächtigste Bergriese der Brenta und ein Symbol für die Größe der Schöpfung.

Das Wandern ist auch ein Hineingehen in mein Wesen, in meine Wahrheit, in meinen Kern. Ein innerer Auszug aus allem, was mich gefangen hält, aus Gewohnheiten, die mich fesseln, aus Bindungen an Menschen, die mich unfrei machen, ein Hineingehen in eine innere Freiheit. Und ich spüre, dass ich auf dem Weg immer weiter muss, nicht stehenbleiben kann, ohne mit mir selbst uneins zu werden. Wenn der Mensch sich treu bleiben will, so muss er gehen, muss sich wandeln, um im Tod als der letzten Wandlung vom Leben ganz durchdrungen und verwandelt zu werden. Dann hat er seine Bestimmung erfüllt, dann ist er endlich angekommen.6

Auf diesen seinem Weg verheißt der Glaube dem Menschen eine göttliche Begleitung. Diese spürt er oft aber gerade in schwierigen Zeiten nicht. Margaret Fishback Powers, die bekannte kanadische Kinder- und Jugendbuchautorin, hat für diese eigenartige Erfahrung eine berührende Deutung gefunden: Am Ende seines Lebens blickte ein Mann zurück. Er sah zwei Fußspuren im Sand; seine und die von Gott, seinem göttlichen Partner. An vielen Stellen seines Lebens war nur eine einzige Fußspur zu sehen. Es war dies an den traurigsten und schwersten Augenblicken des Lebens. Dies beunruhigte ihn sehr. Er fragte Gott: Freund, du versprachst mir einst, du würdest den ganzen Weg bei mir sein, wenn ich nur fest entschlossen wäre, dir zu folgen. Wo warst du, als ich traurig war und es mir schlecht ging? Gott antwortete: Mein Freund, als du traurig warst und es dir schlecht ging, da hatte ich dich auf meinen Händen getragen.7

In meinem Leben bin ich schon viele Wege gegangen, leichte und schwere, lange und kurze. Einen Weg aber werde ich nie vergessen. Er sollte der längste meines Lebens werden. Zu dem einschneidenden Ereignis ist es auf folgende Weise gekommen: Mit meinem Kletterfreund Daniel Wernitznig aus Spittal an der Drau träumte ich schon seit langem davon, einmal in der Brenta zu klettern. Wie oft schon setzten wir zum Sprung in den südlichsten Teil der Dolomiten an. Doch dann hielt das Wetter wieder einmal nicht oder die Urlaubstage reichten nicht. Für die Brenta aber braucht man Zeit und gute Witterung. Die Gipfel sind hoch und die Touren lang. Ein Wettereinbruch am Crozzon di Brenta beispielsweise kann zur tödlichen Falle werden. Denn fällt dann auch noch der typische Brenta-Nebel ein und verliert man beim elendslangen Abstieg über die Cima Tosa die Orientierung, findet man auch nicht mehr zur Biwakschachtel zurück, die auf dem Gipfel des Crozzon aufgestellt wurde, um die in Not geratenen Seilschaften zu retten.

Im Sommer 2012 ist es endlich so weit. Einigermaßen stabiles Wetter ist vorausgesagt. So starten wir zum großen Unternehmen. Mehrere Touren stehen am Programm. Aber alles hängt an der Frage, wie lange das Wetter hält. Wir steuern Madonna di Campiglio an, den italienischen Nobelskiort und zentralen Ausgangspunkt für den Einstieg in die Brentagruppe. Beim Rifugio Vallesinella parken wir unser Auto und machen uns zu Fuß zur Brentei-Hütte. Da kann ich heute gleich mehrere Rosenkränze beten, schießt es mir durch den Kopf, als ich das Schild lese: Rifugio Brentei: 2 ore (2 Stunden). Die Zustiege zu den Hütten oder zu den Touren nütze ich gerne für meine tägliche Meditation. So stapfen wir in Gedanken versunken dem hoch gelegenen Schutzhaus zu. Dort werden wir schon erwartet. Ich habe mit dem Hüttenwirt Claudio Detassis bereits vor Tagen telefoniert und für Angelo e Daniele (Engelbert und Daniel) una camera doppia (ein Doppelzimmer) reserviert.

Der nächste Tag sollte eine erste Begegnung mit dem neuen Ambiente bringen. Ganz ernst ist uns aber nicht, als wir in die Via Aste am Crozzon di Brenta einsteigen, dafür sind wir viel zu spät dran. Im mittleren Teil geraten wir dann zudem noch in eine andere Route, die Via Los Angeles, mit der sich Renzo Vettori hier verewigt hat. Wir kennen den Namen dieses überragenden italienischen Felsakrobaten bereits von seiner Route Mescalito, die wir im Frühjahr im bekannten Klettergebiet von Arco am Gardasee geklettert sind. Auch diesmal sollte uns die Begegnung mit einer seiner Touren Glück bringen. Die Los Angeles hält uns so lange auf, dass wir uns heute einmal unisono für den Abbruch der Tour entscheiden. Dies ist auch noch relativ leicht möglich, weil wir rechts aus der Wand flüchten können und bald in weniger geneigtes Gelände gelangen. Über Schneefelder, die jetzt am Nachmittag gut aufgefirnt sind, fahren wir ab und erreichen im Nu unseren Stützpunkt, das Rifugio Brentei.

Durch den erzwungenen Abbruch der Tour etwas gereizt, jedoch dadurch auch besser akklimatisiert, sind wir jetzt in der richtigen psychischen Spannung, die man für Höchstleistungen braucht. Und eine solche sollte uns abverlangt werden. Der Crozzon di Brenta ist eine überaus imposante Erscheinung, entsprechend lang sind die Touren, die auf seinen Gipfel führen. Als überdimensionaler Wächter über das Brentatal stellt er ein wahres Symbol der Größe der Schöpfung dar. Er ist, was sein Name Crozzon bedeutet, ein steiler Felsen, der mächtigste Bergriese der gesamten Gruppe. Wie die in Stein geballte Kraft wächst der Koloss hinter dem Rifugio Brentei empor. Seine Nordostwand wird von zwei auffallenden schwarzen Wasserstreifen durchzogen. Den rechten Streifen entlang führt in idealer Linienführung eine der schönsten Routen der gesamten Dolomiten: die Via delle Guide, die erlesenste Perle des großen Brenta-Meisters Bruno Detassis. Eine Kletterei über 800 Höhenmeter an steilem, wasserzerfressenem, kompaktem Plattenkalk. Und eben diese hatten wir uns ausgesucht.

Der Gipfel des Crozzon ist durch einen langen Grat mit der Cima Tosa verbunden. Von dort zieht ein Eisfeld bis zum Wandfuß in ununterbrochenem Fluss wie eine weiße Zunge herab, tausend Meter lang. Ich habe ein so imposantes und völlig geschlossenes Eisfeld noch nie gesehen. Ob ich mich wohl getrauen würde, es mit Firngleitern zu befahren? Im aufgefirnten Zustand schon, sagt der Kalkulator meines alpinen PCs im Gehirn. Aber vorerst haben wir andere Sorgen. Wir sind im Morgengrauen aufgebrochen und stehen jetzt an einem steilen, pickelharten Schneefeld, das uns den Zugang zum Einstieg der Via delle Guide versperrt. Mit unseren Turnschuhen können wir keine Stufen schlagen. Doch wir haben einen leichten Pickel dabei. Mit ihm stellen wir uns dem ungleichen Kampf und tragen nach einigen Mühen einen knappen Sieg davon.

Jetzt befinden wir uns am Einstieg. Durch die Havarie mit dem Schneefeld etwas aus dem Konzept geraten, steige ich in die falsche Tour ein. Als wir es bemerken, stellt sich die Frage: Abseilen bis zum Einstieg und richtig beginnen oder weiter machen und versuchen, mittels Quergänge nach rechts auf die Originalroute zurückzufinden? Daniel darf entscheiden, er hat die nächste Seillänge zu führen. Sein Blick fällt auf den rostigen Haken, auf den er beim Abseilen sein kostbares Leben hängen müsste, und die Sache ist für ihn klar: Wir machen weiter. Drei Seillängen lang irren wir nun in jungfräulichem Gelände umher, bis wir endlich auf Zeichen einer Route stoßen. Wir kommen zum Schluss, dass es sich dabei um unsere Route, die Via delle Guide des großen Bruno Detassis, handeln muss. Detassis bewirtschaftete damals die Brentei-Hütte und war Bergführer, was auf Italienisch guida heißt. Die Via delle Guide, zu Ehren der Bergführer von ihm so benannt, dokumentiert, über welch hohes Kletterniveau die Anführer dieser Zunft damals schon verfügten, eröffnete Detassis die Tour doch an einem einzigen Tag.


Die „Via delle Guide“, auf der mich Daniel begleitet, sollte der längste Weg meines Lebens werden.

Mit dem Bewusstsein endlich auf der richtigen Route zu sein, können wir die Kletterei genießen. Sie geht uns auch gut von der Hand und wir erreichen um fünf Uhr nachmittags den Gipfel. Es ist Anfang Juli und wir haben noch vier Stunden Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit. Das bedeutet zwar, dass wir angesichts des sechsstündigen Abstiegs in die Nacht kommen. Aber sollten wir deshalb die Biwakschachtel beziehen, wo es außer einigen Müsliriegel, die wir noch haben und ein paar Schluck Wasser nichts gibt, was das Herz des Menschen erfreut, während man unten auf der Brentei-Hütte die besten Pastas aller Zeiten serviert und ein bel vino rosso auf uns wartet? Die Entscheidung für den Abstieg fällt uns angesichts der trostlosen Alternative leicht.

Doch wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht, dem typischen Brenta-Nebel. Noch sind wir kaum eine halbe Stunde unterwegs, da fällt schon von allen Seiten eine dicke Milchsuppe ein und nimmt uns jede Sicht. Das wirkt sich auf der einen Seite zwar beruhigend auf unsere Psyche aus, weil wir so nicht mehr sehen, über welchen Abgründen wir uns bewegen. Andererseits aber müssen wir befürchten die Orientierung zu verlieren. Entlang dieses Abstieges, der durch wegloses Gelände führt, haben Kletterer vor uns immer wieder aus losen Steinen kleine Türmchen gebaut. Wir sind ihnen für diese Orientierungshilfe unendlich dankbar. Andernfalls wären wir jetzt verloren. Wir sind ja zum ersten Mal hier oben, alles ist für uns neu und fremd. Dazu ist jetzt der Nebel so dicht geworden, dass wir nicht mehr von einem Steinmännchen zum anderen sehen. Immer wieder irren wir orientierungslos umher, bis wir auf eines der rettenden Zeichen stoßen. Die Kletterei ist zwar nicht schwierig, zweiter bis dritter Grad, erfordert aber höchste Konzentration. Wir tragen einen schweren Rucksack und steigen völlig ungesichert ab. Ein Fehltritt oder ein ausbrechender Griff hätte tödliche Folgen. Oft müssen wir steile Schneefelder queren. Wie froh sind wir da um unseren kleinen Pickel.

Einmal meine ich schon, wir hätten uns definitiv verirrt. Trotz intensiver Suche finde ich keine Steinmandel mehr. Ich bin verzweifelt. Daniel ist nicht bei mir. Er sucht woanders. Wir bleiben aber im Rufkontakt, indem wir alle zehn Sekunden den Namen des anderen rufen. Nicht auszudenken, wenn man in dieser Situation auch noch den Partner verliert. Schon will ich Daniel gestehen, dass ich mir keinen Helfer mehr weiß, da stoße ich auf ein kleines Steinmal. Ich rufe voll Freude den Kameraden, der erleichtert zu mir kommt. Wir verfolgen die Spur. Doch sie führt abwärts, anstatt nach oben, dem Grat zu. Diese Spur kann unmöglich die richtige sein, sage ich zu Daniel. Wir müssen doch zuerst noch auf den Gipfel der Cima Tosa, bevor es abwärts geht. Mit meinem Verdacht sollte ich Recht behalten. Plötzlich endet die Spur vor einem Abgrund. Was nun? Wir überlegen. Vielleicht haben wir die Spur in die falsche Richtung verfolgt? Wir machen kehrt und gelangen tatsächlich nach einiger Zeit wieder auf den Grat. Die Spur war also von vorausschauenden Kameraden als Rettungsanker für Zeitgenossen entworfen worden, die wie wir im Nebel vom Grat abgekommen waren und nun unten irgendwo umherirrten. Um sie wieder ins Reich der Lebenden zurückzuführen, hat ein kluger Kopf diesen zu Stein gewordenen Faden der Ariadne8 gelegt.

Inzwischen sind wir mit der Methode der Steinmandel-Navigation einigermaßen vertraut und kommen besser voran. Wir erreichen den Gipfel der Cima Tosa und atmen auf. Der gefährliche Teil des Abstiegs liegt hinter uns, der Rest kann höchstens noch mühsam werden. Und das wird er in unvorstellbarem Ausmaß. Der Weg will einfach kein Ende mehr nehmen. Wir müssen ja erst einmal von diesem Dreitausender herunter. Stunden um Stunden vergehen, ohne jede Rast. Es hätte auch keinen Sinn stehen zu bleiben, schießt es mir durch den Kopf, ich würde auf der Stelle einschlafen. Die heutige Tour ist unser erstes großes Unternehmen in diesem Sommer. Wir laufen unserer Form noch hinterher. Unsere Batterien sind daher nach sechzehn Stunden in ununterbrochenem Einsatz vollkommen leer. Doch wir müssen noch zwei Stunden durchhalten. Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Unter uns sehen wir die Lichter vom Rifugio Pedrotti. Wie gerne würde ich jetzt dort einkehren und mich einfach nur irgendwo hinlegen. Aber das können wir Claudio, unserem zuvorkommenden Hüttenwirt am Rifugio Brentei, nicht antun. Er wartet auf uns und würde sich Sorgen machen, wenn wir heute Nacht überhaupt nicht mehr auftauchen.

So schleppen wir uns weiter. Ich ertappe mich dabei, wie mir während des Gehens die Augen zufallen. Macht nichts, denke ich, bei der herrschenden Dunkelheit spielt es ohnehin keine Rolle, ob ich die Augen auf oder zu habe! Dann erinnere ich mich, wie mir mein Vater einmal erzählte, dass seine Kompanie im Zweiten Weltkrieg während des Rückzugs aus Russland an einem Tag oft bis zu hundert Kilometer zu Fuß zurücklegen musste, um dem Feind zu entkommen. Da habe er auch im Gehen geschlafen. Heute ergeht es mir ähnlich, denke ich und ergebe mich meinem Schicksal. Wie lange ich auf diese Weise halb schlafend gegangen bin, weiß ich nicht. Plötzlich schrecke ich auf. Ich höre Rufe: Angelo e Daniele, siete voi? (Engelbert und Daniel, seid ihr es?). Claudio hatte etwas wahrgenommen, voll Hoffnung, dass es die Austriaci sind, die sich da der Hütte nähern. Mit letzter Kraft antworten wir, froh die endlose Odyssee hinter uns gebracht zu haben. Claudio empfängt uns freudestrahlend, sagt, wie glücklich er sei, dass wir heil zurück sind, wirft den Gasherd an und kocht uns Spaghetti. Dann stellt er einen Liter Rotwein auf den Tisch. Die anderen Gäste sind alle schon zu Bett gegangen. Wir sind ihm unendlich dankbar für den wertvollen Freundschaftsdienst. Volle achtzehn Stunden waren wir ununterbrochen unterwegs. Ich kann es kaum fassen.


Der honiggelbe Fels der Kleinen Zinne ist so etwas von appetitlich, dass ich ihn nicht genug betasten kann.

Am nächsten Morgen hört und sieht man von uns nichts. Erst zum Mittagessen erscheinen wir im Gastraum. Wir fühlen uns wie gerädert. Zu mehr als essen, schlafen und Karten spielen sind wir nicht mehr fähig. Früh legen wir uns wieder nieder. Am folgenden Tag verschlechtert sich das Wetter und wir beschließen abzusteigen. Beim Auto angekommen, stellen wir mit Schrecken fest, dass wir vergessen haben, das Licht auszuschalten, als wir den Wagen hier vor drei Tagen abstellten. Jetzt ist die Batterie leer und das Auto lässt sich nicht mehr starten. Wir alarmieren den Pannendienst. Dieser kommt, italienischem Zeitgefühl entsprechend, erst nach zwei Stunden. Das bereitet uns aber kein großes Problem. Wir wissen die Zeit zu nützen, indem wir unser Kartenspiel vom Vortag fortsetzen. Das Glück ist mir in der Brenta offensichtlich hold, denn erstmals seit Jahren habe ich beim Schnapsen gegen Daniel den Funken einer Chance. So bin ich begierig darauf, mich mit ihm zu duellieren, bietet mir doch jedes Spiel auch die Gelegenheit etwas von der raffinierten Strategie des Großmeisters abzukupfern.

Plötzlich fährt der Pannendienst vor. Man begutachtet unser Problem und lädt die Batterie auf. Dann warnt man uns davor, den Motor während der nächsten zwei Stunden abzustellen, weil die Batterie noch keine Kraft für einen Neustart habe. Wir brechen unser Kartenspiel ab und machen uns auf den Weg in die Sextner Dolomiten. Wir wollen morgen noch die Kleine Cassin auf der Piccolissima (Kleinste Zinne) klettern. Als wir in der Nähe von Trient einen Fahrerwechsel vollziehen, denken wir für einen Augenblick nicht mehr an das, wovor wir gewarnt wurden, stellen den Motor ab und – stehen zum zweiten Mal an diesem Tag mit unserem Gefährt. Wieder alarmieren wir den Pannendienst, wieder warten wir zwei Stunden und wieder vertreiben wir uns die Zeit mit Schnapsen. Dabei gelingt es mir Gran Maestro Daniele einige empfindliche Niederlagen beizubringen, was meinem Selbstbewusstsein als Spieler einen unglaublichen Auftrieb verleiht und die jahrelangen Demütigungen augenblicklich vergessen lässt. Damit uns dieselbe Sache nicht noch ein drittes Mal passiert, lassen wir uns, nachdem der Pannendienst angekommen ist, gleich eine neue Batterie einbauen. Dann fahren wir weiter und erreichen abends die Lavaredo-Hütte auf der Südseite der Drei Zinnen, wo uns Hüttenwirt Daniele Vecellio schon erwartet. Er kennt uns bereits von einigen Abenden des letzten Sommers, an denen wir auf die beiden Daniele mehrmals erfolgreich angestoßen haben.

Der nächste Tag bringt Kaiserwetter. Schon der erste Blick aus dem Hüttenfenster lässt das Herz höher schlagen. Der mächtige Preußturm, wie die Piccolissima auch genannt wird, erstrahlt von der aufgehenden Sonne beleuchtet in überirdischem Glanz. Unwillkürlich muss ich an die poetischen Bilder vom Turm Davids und vom Elfenbeinernen Turm denken, mit denen die Lauretanische Litanei das marianische Heilsmysterium besingt. Und mit einem leichten Schmunzeln staune ich, wie leichtfüßig meine Gedanken von einer natürlichen Erscheinung in den Dolomiten den Weg in die Welt der Transzendenz finden. Offensichtlich ist uns in den Bergen der Himmel tatsächlich näher.

Es dauert nicht lange, dann hängen wir nach einem guten Frühstück in den gelben Abstürzen der Piccolissima und genießen im Licht der strahlenden Sonne die atemberaubende Kletterei. Der honiggelbe Fels des Preußturms ist so etwas von appetitlich, dass ich ihn nicht genug betasten und befühlen kann. Und dazu habe ich angesichts der klettertechnischen Herausforderungen dieser Tour im unteren siebenten Grad Gelegenheit genug. Plötzlich bricht mir ein Griff aus, gerade in dem Augenblick, da ich mich mit den Füßen gegen den Fels stemme. Wie von einem Trampolin katapultiert, fliege ich rücklings aus der Wand und finde mich sieben Meter tiefer wieder. Das Doppelseil und Daniels zuverlässige Sicherung haben mich verlässlich aufgefangen und mein Friend, den ich vorher noch platzieren konnte, hat sich perfekt im Felsspalt verkrallt und keinen Millimeter nachgegeben.

Der gesamte Flug verlief angesichts des überhängenden Geländes ohne jeglichen Felskontakt; das hat mir eine Verletzung erspart. Daniel sah mich fliegen und hat sich dabei noch mehr erschreckt als ich. Nun hänge ich zitternd in den Seilen. Einige Minuten brauche ich, um das Erlebte zu verarbeiten und für die Fortsetzung der Kletterei bereit zu sein, doch dann nehme ich die Wand wieder unter meine Finger und kehre an den Ort des Geschehens zurück. Ich konzentriere mich auf meine Bewegungen und merke, wie sich dadurch meine Psyche nach und nach beruhigt. Unter uns ziehen Karawanen von Touristen auf dem Weg zum Paternsattel. Sie sind uns so nahe, dass wir sie plaudern hören. Immer wieder bleiben welche stehen und schauen uns zu, während wir dem Gipfel entgegenstreben. Dort angekommen, genießen wir das großartige Ambiente der Drei Zinnen mit ihrem einzigartigen Zug in die Vertikale. Dann gleiten wir an unserem Doppelseil bequem hinab bis zum Wandfuß, beenden unseren viertägigen Kletterurlaub und fahren zufrieden nach Hause.


Ein Bilderbuchriss spaltet den Torre di Valgrande in zwei Teile und zieht wie eine Rakete gegen den Himmel.

3.

Werde, der du bist

CIVETTA-DOLOMITEN | TORRE DI VALGRANDE

Via Carlesso-Menti

VI+ A1 (VIII–) | 480 Meter

Berge üben auf mich eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Schon als Kind konnte ich mich nicht genug satt sehen am alpinen Panorama, das sich mir auf den Gipfeln meiner Lesachtaler Heimat bot. Da gab es steile Wände, luftige Grate und elegante Spitzen. In der Zwischenzeit habe ich noch viele andere bezaubernde Bergformen kennen gelernt. Nach wie vor am meisten aber faszinieren mich Berge, die sich einem Turm gleich gegen den Himmel recken. Dann habe ich das Gefühl, der Stein hat zu seiner eigentlichen Berufung gefunden. Welches andere Material wäre in der Lage, sich über Hunderte von Höhenmetern gegen die Schwerkraft zu behaupten? Unter allen alpinen Felsformen ist der Turm die kühnste und edelste. Dass wir das so empfinden, liegt vielleicht auch darin begründet, dass das Bild des Turmes tief in unserer Seele verankert ist und – wie die Psychologie sagt – zu den Archetypen unseres kollektiven Bewusstseins gehört.

Carl Gustav Jung, Schweizer Psychiater und Gründer der analytischen Psychologie, hat Zeit seines Lebens an einem Turm gebaut. Für ihn war das Bauen Ausdruck eines inneren Prozesses der Selbstwerdung. Dieser Prozess der Individuation, wie Jung ihn auch nennt, ist in jedem von uns angelegt und hat zum Ziel, die unverwechselbare Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen auszuprägen. Durch engagierte Auseinandersetzung mit den in unserer Psyche angelegten Kräften sollen wir uns möglichst umfassend verstehen, um zu der oder dem zu werden, die oder der wir von unserem ganzen Wesen her sind. Werde, der du bist!9 Mit diesen Worten ruft bereits der im fünften vorchristlichen Jahrhundert lebende griechische Dichter Pindar seine Leser zur Selbstfindung auf. Und auch das Delphische Orakel kennt kein wichtigeres Lebensziel, als sich mit der eigenen inneren Persönlichkeit auseinanderzusetzen, wie die Worte Erkenne dich selbst! (gnôthi seautón) über dem Eingang des Tempels von Delphi bezeugen. Die Gesetzmäßigkeit, nach welcher die Selbstwerdung des Menschen vonstattengeht, hat der deutsche Dichter Friedrich Rückert in einem Gedicht so beschrieben:

Vor jedem steht ein Bild des, das er werden soll;

Solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll.

Weitgespannt ist die Literatur zur Frage, welche denn nun genau jene Kräfte der Seele sind, die es im Prozess der menschlichen Selbstwerdung zu entwickeln gilt. Der deutsche Autor und Psychotherapeut Lutz Müller10 meint aufbauend auf der Lehre von C. G. Jung, dass sich die für die Individuation sinn- und orientierungsstiftenden Prinzipien auf fünf reduzieren lassen. Er bezeichnet sie mit griechischen Namen, deren Bedeutung sich einem jedoch leicht erschließen, weil uns die Begriffe aus der Alltagssprache geläufig sind. Die fünf Prinzipien der Lebenskunst lauten: BIOS, HEROS, EROS, LOGOS und MYSTOS. Während sich BIOS auf unsere vitalen Bedürfnisse, das Sinnliche und Körperliche, bezieht, nimmt HEROS die Aspekte unserer Aktivität in den Blick wie zielgerichtetes Handeln, Tatkraft, Mut und Stärke. EROS ist dazu das polare Gegen- und Ergänzungsprinzip, das verbindet und vereint. EROS steht für Beziehung, Einfühlung, Liebe, Schönheit, Freude und Harmonie. Das LOGOS-Prinzip bezeichnet die geistige Dimension. Dazu gehört alles, was sich auf Erkenntnis, Bewusstsein, Wahrheits- und Sinnfindung bezieht. Alle vier Prinzipien bilden ein umfassendes Ganzes. Dieses wird als MYSTOS (schöpferisches Geheimnis) bezeichnet. MYSTOS weist auf den verborgenen Mittelpunkt des Menschen wie auch des Lebens hin. Er ist das Mysterium der sich selbst organisierenden schöpferischen Einheit und Ganzheit des Seins, aus der sich die beschriebenen anderen Prinzipien in einem andauernden Wachstums- und Veränderungsprozess herausdifferenzieren bzw. hineinintegrieren.

Diese fünf Prinzipien können als eine Art Kompass für die Selbstverwirklichung verwendet werden. Sie können uns zeigen, wo wir uns möglicherweise zu sehr von unserer natürlichen Ganzheit entfernt haben, in die Sackgasse geraten sind und in welcher Richtung es für uns weitergehen könnte. Sie können unser Bewusstsein erweitern, indem sie uns auf Bereiche der Seele und des Lebens aufmerksam machen, die wir vielleicht verdrängt haben oder aus anderen Gründen nicht genügend würdigen. So lässt sich zum Beispiel mit ihrer Hilfe erkennen, dass in unserer heutigen westlichen Gesellschaft die Aspekte und Werte des HEROS und des LOGOS dominieren, während eine verantwortliche, konstruktive Beziehung zum BIOS, zu Natur und zum Leben, zum EROS, zur Liebe und Schönheit und auch zum MYSTOS, der die Welt als eine lebendige schöpferische göttliche Ganzheit auffasst, verloren gegangen scheint.

Wenn ich mit diesem einfachen, aber erstaunlich umfassenden Diagnoseinstrument auf das alpine Klettern blicke, so fällt mir auf, dass darin das Prinzip HEROS mit seiner vorwärts drängenden Energie, die uns Mut schenkt, Angst überwinden hilft und Grenzen überschreiten lässt, eine erstrangige Rolle spielt. Aber bei näherem Zusehen entdecke ich, dass auch die anderen Prinzipien aktiviert werden. Aufgrund des starken körperlichen Schwerpunktes im Klettern ist die gesamte Dimension des Sinnlichen und Vitalen (BIOS) sehr präsent, aber auch die Bereiche Beziehung, Einfühlung, Schönheit und Harmonie (EROS) spielen beim Klettern angesichts von Kletterpartnerschaft und Naturbegegnung eine große Rolle. Routenfindung und alpine Logistik fordern den Geist und stellen ihm vielfältige und umfassende Aufgaben, weshalb auch das Prinzip LOGOS sehr oft zum Zug kommt. Und schließlich stellt die Erfahrung des Kletterns im Gegenüber zur Mächtigkeit der Berge eine ständige Einladung dar, sich dem schöpferischen Geheimnis (MYSTOS) zu öffnen.

Werden wir gefragt, wozu das Klettern gut ist, müssen wir eingestehen, dass es eigentlich zu nichts dient. Es bringt keinen Nutzen. Wir betreiben es aus reiner Lust an der Sache. Und dennoch habe ich den Eindruck, dass mir das alpine Klettern auf dem Weg der Selbstverwirklichung irgendwie behilflich war. Vielleicht in der Weise, dass es mir – einem Exerzierfeld gleich – die Möglichkeit bot, mich in die oben genannten Prinzipien, welche für die Lebenskunst so entscheidend sind, einzuüben. Auf diese Weise ist es mir vielleicht auch gelungen, sie im beruflichen und zwischenmenschlichen Alltag besser und ausgeglichener zur Geltung zu bringen. Mag sein, dass dadurch mein eigener Turm, den durch mein Leben zu bauen ich vom Schöpfer berufen bin, die gegenwärtige Gestalt gewonnen hat. Jedenfalls blicke ich dankbar auf meine fünfzigjährige Kletterkarriere zurück, der ich nicht nur unvergessliche Erlebnisse, sondern zweifellos auch eine entscheidende Charakterformung verdanke. Und sehe ich irgendwo einmal einen schönen Felsturm, so muss ich an all das denken.


Beim Klettern gilt es wie im Leben so manchen Rucksack zu schultern.

In der Civetta steht eine solch faszinierende Felsgestalt, ein Turm von schwindelerregender Steilheit, der Torre di Valgrande. Niemand käme auf die Idee, in seine Südwestwand einzusteigen, gäbe es da nicht den Hoffnungsschimmer in Form eines feinen Risses, der das gewaltige Plattengefüge von unten bis oben durchzieht. Wenn eine Überwindung dieser gelben Wand möglich ist, dann nur entlang dieser Spur. In den Riss kann man seine Hände verkrallen, die Füße dagegenstemmen und so versuchen, sich in Gegendrucktechnik nach oben zu arbeiten. Ob wir uns dieser Herausforderung stellen sollen? Zum zweiten Mal bin ich mit Roland Pranter, meinem starken und talentierten Kletterfreund aus Kötschach-Mauthen, in der Civetta. Große Unternehmen wie die Via Cassin am Torre Trieste sind uns das letzte Mal geglückt. Erfolg bestärkt und beflügelt. Also wollen wir es wagen. Nachdem wir uns mit der Via Aste im Hinblick auf die Punta Civetta akklimatisiert haben, fühlen wir uns für die schwierige Tour bereit. Dem geübten Auge sticht die berühmte Tour aufgrund ihrer spektakulären Linienführung sofort ins Auge. Aber es bedurfte eines kühnen Felsakrobaten wie Raffaele Carlesso, damit sich erst einmal jemand in diese Steilheit wagte. Die erforderliche Kühnheit, um jener mächtigen gelben Wand entgegenzutreten, fand Ausdruck in der unglaublichen Leistung Raffaele Carlessos. Der aus Pordenone stammende Alpinist galt in den Dreißigerjahren als einer der verwegensten Dolomitenkletterer. Wie er selbst bekennt, zog er aus seiner Begegnung mit den Bergen auch reiche Lehren fürs Leben: Ich ging nicht nur wegen meinen Ambitionen in die Berge. Ich war ganz einfach von ihnen angezogen und wurde von ihnen erzogen: eine gute Schule fürs Leben. Er hatte die Route 1936 gemeinsam mit Mario Menti eröffnet, die erste Wiederholung ließ dann ganze dreizehn Jahre auf sich warten. Im Jahre 1949 erschienen die berühmten Scoiattoli aus Cortina, Luigi Ghedina und Lino Lacedelli. Letzterem sollte einige Jahre später mit dem Gipfelsieg am K2 ein Welterfolg beschieden sein. Doch in der Carlesso-Menti flog Lacedelli zuerst einmal in der berühmten Schlüsselstelle mit einem spektakulären Sturz aus der Wand, verletzte sich und musste den Versuch abbrechen, erst beim zweiten Versuch glückte ihm der Durchstieg. Unter den weiteren Kandidaten, die diese erlesene Tour ins Auge fassten, finden wir lauter berühmte Namen: Jean Couzy, Erich Abram, Toni Hiebeler, Cesare Maestri, Mario Stenico, Andrea Oggioni, Toni Egger, Claude Barbier.

Noch etwas schlaftrunken queren wir im Morgengrauen die Schotterhalden am Wandfuß des Torre d’Alleghe auf der Suche nach dem Einstieg in unsere Tour. Zustieg und Einstieg sind in einer alpinen Route nicht bezeichnet, man muss sie selbst finden. Eine kleine Unachtsamkeit kann zeitraubende Folgen haben. Und die passiert uns heute. Wir geraten am Fuß unseres Turms in den falschen Kamin und müssen, als wir den ärgerlichen Irrtum bemerken, alles wieder abklettern. Jetzt passen wir aber auf. Wir finden den richtigen Kamin, queren an seinem Ende über ein Felsband nach rechts hinaus und stehen bald am Einstieg. Beim ersten Blick nach oben bleiben wir beide wie angewurzelt stehen. Ein Bilderbuchriss spaltet den Berg und zieht wie eine Rakete gegen den Himmel. Doch jählings wird der nach oben schweifende Blick durch ein Hindernis gestoppt. In etwa hundert Meter Höhe klafft ein schwarzes Loch und lässt ein gewaltiges Dach sichtbar werden. Das muss wohl die Schlüsselstelle sein, in der sich Raffaele Carlesso seinerzeit in gewagter Kletterei einen Durchstieg erkämpft hat und Lino Lacedelli geflogen ist. Ich bin schon gespannt, wie es uns dabei ergehen wird.

Die ersten beiden Seillängen im oberen fünften Grad kommen uns da gerade recht, um unseren Körper auf die nötige Betriebstemperatur zu bringen. Dann stehen wir am ruhmvollen Schauplatz und mustern die uns verbleibenden Möglichkeiten. Roland fällt die nächste Seillänge zu. Ich lehne meinen Rucksack vorerst einmal an die Höhlenwand und mache mich bereit Roland zu sichern. Er klettert im hinteren Grund der Grotte nach oben, bis er an der Decke ansteht. Von dort muss er über das Dach hinaus an die Kante gelangen. Zentimeter für Zentimeter gebe ich ihm das nötige Seil heraus, während er weit ausspreizend versucht weiterzukommen. Geschickt nützt er alle Raffinessen der Doppelseiltechnik, hängt da und dort ein und achtet darauf, dass sich die Seilreibung in Grenzen hält. Roland ist ein starker Partner, trotzdem treibt es ihm den Schweiß aus den Poren. Das Dach entlässt ihn nicht so schnell aus seinem Würgegriff. Ich höre seinen schnellen Atem, spüre die Spannung, unter der er steht, und versuche ihn möglichst gut zu sichern. Jetzt hat er den Rand des Daches erreicht, hängt dort noch einmal das Seil in einen Haken, zieht sich hinauf und entschwindet meinen Blicken. Dann stockt der Seilfluss, offensichtlich gönnt sich Roland eine Verschnaufpause. Die hat er jetzt, da das Ärgste vorbei ist, redlich verdient. Aber nicht lange rastet er, dann beginnt das Seil wieder regelmäßig aus meinen Händen zu gleiten und ich weiß, der Kamerad ist gut unterwegs.


Mit Roland stelle ich mich am Torre di Valgrande einer großen Herausforderung.

Als ich von ihm das Signalwort Stand! höre, sind meine Gedanken nur mehr auf das Dach fokussiert. Ich hatte ja alle Zeit der Welt, mir zu überlegen wie ich es angehen sollte, und bin jetzt gespannt, ob meine Strategie auch aufgeht. So sehr bin ich von meinem Vorhaben gefesselt, dass ich ganz auf meinen Rucksack vergesse, der verlassen an der Rückwand der Höhle lagert. Ich sehe nur noch das Dach und sage mir: Eine schwierige Situation bewältigt man am besten, wenn man sie entschieden anpackt. So werfe ich mich in die Schlacht und arbeite mich durch die Schwierigkeiten. Bei Roland angekommen, übernehme ich die Führung der nächsten Seillänge. Der Riss zieht nun wieder kerzengerade nach oben. In Piaz-Technik arbeite ich mich höher, genieße die irre Position inmitten der senkrechten Platten und erreiche den nächsten Stand. Unbändiger Durst überfällt mich. Ich will nach meiner Wasserflasche greifen und stelle mit Schrecken fest, dass mein Rucksack fehlt. Wo ist er denn geblieben? Nervös recherchiere ich in meiner Erinnerung und komme zum Ergebnis, dass ich ihn unten in der Höhle zurückgelassen habe. O Schreck, o Graus, was mach ich denn jetzt?, schießt es mir durch den Kopf. Ohne Rucksack können wir die Tour vergessen. Zu viele notwendige Utensilien enthält er. Auf Jause und Getränke könnte ich ja notfalls noch verzichten, nicht aber auf meine Schuhe. Mit den engen Kletterpatschen schaffe ich den Abstieg bis zur Coldai-Hütte nie. Da kann ich gleich barfuß gehen. Ich wage gar nicht Roland mein Missgeschick zu gestehen. Vor allem auch deshalb nicht, da mir in den letzten Tagen bereits einige Peinlichkeiten passiert sind. Eines Abends beispielsweise – es war schon längst Hüttenruhe am Rifugio Coldai – war ich noch einmal vor die Hüttentür getreten, mit der Absicht, dort meine Dehnübungen ungestört verrichten zu können. Durch einen Luftzug fiel die Tür ins Schloss. Nun saß ich ausgesperrt im Freien. Ich hatte zwar mein Handy dabei, aber Roland hatte, wie ich merkte, das Seinige bereits auf stumm geschaltet. So konnte ich ihn nicht erreichen. Ich suchte nach einem Schlupfloch, um ins Haus zu gelangen. Ich wollte doch nicht vor der Hütte biwakieren. Doch so sehr ich mich auch abmühte, ich fand kein offenes Fenster, um ins Innere zu kommen. So musste ich notgedrungen Lärm schlagen und den Wirt wecken. Dieser war natürlich alles andere als begeistert. Er fragte mich wütend, wie alt ich denn wäre und ob man mir denn noch eigens sagen müsste, dass die Nacht zum Schlafen da wäre?

Das Problem aber, das ich heute habe, ist ein noch viel größeres. Wie soll ich denn Roland die Situation, in die wir jetzt aufgrund meiner Gedankenlosigkeit geraten sind, erklären? Und welche Lösung des Problems soll ich ihm denn nun vorschlagen, außer die Tour abzubrechen? Immerhin, so sagte ich mir, habe ich noch einige Minuten Zeit, bis er bei mir angelangt ist. Dann aber, wenn er vor mir steht, schlägt die Stunde der Wahrheit. Die verbleibende Galgenfrist muss ich bestmöglich nutzen. Während ich ihn sichere und das Seil einhole, suche ich fieberhaft nach einer Lösung. Ich muss, so sage ich mir, mein Geständnis möglichst in eine Kurzformel kleiden und Roland mit einem plausiblen Vorschlag überraschen, noch bevor er seinem Ärger Luft machen kann. Schon sehe ich Rolands gelben Helm unter meinen Füßen blinken, da habe ich das Paket geschnürt. Roland, sage ich, als er vor mir steht, du musst mich jetzt noch einmal zur Höhle ablassen. Ich habe dort meinen Rucksack vergessen. Roland ist sprachlos. Er, der perfekte Organisator, bei dem zu Hause, in der Firma und im Bergrettungsdienst immer alles klappt und wie am Schnürchen läuft, kann es sich nicht vorstellen, dass jemand nicht in der Lage ist, auf seine sieben Zwetschgen aufzupassen. Er schüttelt nur den Kopf. Dann gibt zu bedenken, dass unsere Seile nicht reichen werden. Doch, erwidere ich und versuche selbstsicher zu wirken: Ich habe schon alles berechnet. Es geht sich aus.


Wenn der Verschluss meines Helms einrastet, weiß mein Körper, dass es losgeht.

Noch bevor Roland mir etwas entgegnen kann, reiche ich ihm mein Abseilgerät und bereite mich zum Ablassen vor. Bald schon hänge ich in den Seilen, die Roland nur widerwillig bedient. Meter für Meter gleite ich in die Tiefe, der Höhle entgegen. Mein einziger Gedanke: Hoffentlich reichen die Seile. Ich brauche laut Topo volle fünfzig Meter. Die stehen mir aber nicht zur Verfügung, weil Roland einen letzten Rest noch zurückbehalten muss und auch mein Anseilknopf einiges an Seil verbraucht. Bleibt nur zu hoffen, dass ich mit meinen zweiundsiebzig Kilo Lebendgewicht jene Seildehnung verursache, die diesen Verlust wettmacht. Mit solchen Überlegungen im Kopf nähere ich mich dem Entscheidungsort. Dort angekommen, stelle ich fest, dass ich Glück und Unglück zugleich habe. Die Seile reichen zwar knapp hin, doch habe ich in der Zwischenzeit jeglichen Kontakt zum Felsen verloren. Wegen des herausspringenden Daches über der Höhle hänge ich weit draußen in der Luft, ohne jede Verbindung zur Wand. So sehr ich mich auch strecke, der Fels verbleibt außerhalb meiner Reichweite. Schon liege ich horizontal in den Seilen und noch immer greifen meine Fingerspitzen ins Leere. Was soll ich nun tun? Der Pranter, so sage ich mir, wird meine Aktion bald als eine absolute Schnapsidee brandmarken, wenn ich nicht rasch eine Lösung finde. Da kommt mir ein Gedanke: Mein Klemmkeilentferner! Mit dem könnte ich meine Reichweite um entscheidende dreißig Zentimeter verlängern! Ich hole ihn vom Gurt, nehme ihn zwischen die Fingerspitzen, und finde tatsächlich Kontakt zum Felsen. Dann bringe ich meinen Körper in eine Pendelbewegung, die ich immer mehr steigere und erreiche so die Höhle. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Rasch schultere ich meinen Rucksack und mache mich zum zweiten Mal an die Schlüsselstelle. Obwohl ich nach ihrer Überwindung völlig außer Atem bin, gönne ich mir keine Pause, sondern stürme den senkrechten Riss eilfertig hinauf. Roland soll merken, dass ich Buße tue und mich bemühe, den Zeitverlust auszugleichen.

Am Stand angekommen, mache ich mich sofort bereit Roland zu sichern, da er die nächste Seillänge in Angriff nimmt. Wie selten zuvor motiviere ich ihn mit aufbauenden Worten, drückt mich doch arg das Gewissen. Aber der Pranter ist ein Gentleman, der sich nichts mehr anmerken lässt. So finde ich bald wieder zu meinem seelischen Gleichgewicht zurück und kann mich dem atemberaubenden Abenteuer hingeben. Die Kletterei in diesem Bilderbuchriss gehört ja zum Spektakulärsten, was ich je erlebt habe. Es wäre jammerschade, könnte ich sie nicht genießen, weil meine Gedanken noch woanders festhängen. Daher hake ich ab, was gewesen ist, und widme mich nur mehr dem außerordentlichen Genuss, im senkrechten Fels höher steigen zu können. Nach hundert Metern ändert sich das Ambiente. Die Wand lehnt sich zurück, der Fels nimmt eine graue Färbung an und die Verschneidung verbreitert sich zu einem Kamin. Dieser Umstand beschleunigt unsere Kletterei. Zu beiden Seiten mit Händen und Füßen spreizend, arbeiten wir uns jetzt flott dem Ende der Tour entgegen. Noch ein letzter Aufschwung und wir entsteigen der eindrucksvollen Kerbe, die dem Torre di Valgrande sein unverwechselbares Gepräge gibt und uns kerzengerade in einer einzigen Linie vom Wandfuß auf den Gipfel geführt hat.

Noch einmal tritt das Bild vom Turm vor mein geistiges Auge und lenkt meinen Blick auf das Wort Jesu im Lukasevangelium: Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? (Lk 14,28). Vertraut mit den archetypischen Bildern unserer Seele, ruft Jesus den Menschen auf, seinen je eigenen Turm zu bauen. Ich soll nicht auf die Türme der anderen sehen, um sie zu erreichen, sondern meinen ganz persönlichen Turm bauen, der nur für mich passt und mein Wesen ausdrückt, das einmalige Bild, das Gott sich nur von mir gemacht hat. Um diesen Turm bauen zu können, muss ich erst einmal die Mittel anschauen, die Gott mir zur Verfügung stellt, sagt uns Jesus mit seinem Bild vom Turm. Die Mittel, das ist meine Lebensgeschichte, das sind nicht nur meine Stärken, sondern auch meine Schwächen, nicht nur meine Fähigkeiten und Talente, sondern auch meine Verletzungen und Kränkungen, die mir das Leben geschlagen hat. Meine Geschichte ist das Material, mit dem ich bauen kann. Aus jedem Material kann ich einen schönen Turm bauen. Ich muss mich nur damit aussöhnen, dass mir eben gerade dieses Material zur Verfügung steht.

Oft klagen Menschen, dass sie wegen ihrer schlechten Startbedingungen in der Kindheit keine brauchbaren Lebenschancen hätten. Doch ihre Geschichte ist das Kapital, mit dem sie arbeiten könnten. Gerade wenn meine Geschichte schwer war, steht mir ganz viel Kapital zur Verfügung. Denn das macht mich sensibel für andere, das gibt mir Lebenserfahrung, die fruchtbar werden kann für meine Mitmenschen. Doch nicht nur das Klagen über schlechte Startbedingungen kann unser Bauen am eigenen Turm im Leben behindern. Manch eine oder einer baut sich in seiner Fantasie Luftschlösser. Er hat zu hohe Vorstellungen, überzogene Idealbilder von sich. Er meint, er müsse etwas Fantastisches bauen, das jeder bewundern werde, etwas Außergewöhnliches leisten, das beeindruckt, vielleicht sogar Gott selbst beeindruckt. Aber wenn er dann ans Bauen geht, reichen die Mittel nicht. Er kommt nicht über das Fundament des aufgeblasenen Lebenshauses hinaus. Er hat seinen Turm zu groß gedacht.

Es gibt aber auch Menschen, die ihren Turm zu klein konzipieren. Sie trauen sich nicht, die eigene Größe zuzulassen und entwerten sich selbst. So verstecken sie lieber ihren Turm und entschuldigen sich fast auf der Welt zu sein. Manche halten sich vor Gott immer für unwürdig und zweifeln an seiner Barmherzigkeit. Unser Turm ist auch dann zu klein konzipiert, wenn wir die Möglichkeiten der Hingabe, die in unseren Anlagen vorhanden sind, Gott vorenthalten und so seinem Ruf nicht nachkommen. Mit seinem anschaulichen Bild will uns Jesus ermutigen: Bau deinen eigenen Turm! Nimm dein Lebensmaterial aus Gottes Händen entgegen! Füg alle Steine ein, die dir als dein Lebensschicksal gegeben sind! Lass keinen aus, denn jeder Stein deiner Lebensgeschichte hat seine Bedeutung! Dann wird aus der Gestalt deines Turmes auch das einzigartige Bild strahlen, das Gott sich von dir gemacht hat, und du verwirklichst, wozu bereits antike Weisheit dich aufruft, wenn sie sagt: Werde, der du bist!

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Возрастное ограничение:
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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
253 стр. 73 иллюстрации
ISBN:
9783990404522
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