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Enel Melberg
Der elfte Tag

Saga

1

Als die alte Dame aufwachte, befand sie sich in einem spartanisch eingerichteten Raum mit nackten Wänden. Sie hatte keine Schmerzen mehr. Ihre Seele war leicht, jung und neugierig, obwohl sie wußte, daß die Erfahrung wie Methusalem in einer Ecke hockte und der Dinge harrte. Sie war bestimmt schon einmal hier gewesen. Eine Erinnerung wollte sich aufdrängen, aber sie konnte noch nicht ausmachen, was es war. Diese weißen Wände, diese klosterähnliche Zelle, dieses noch unbeschriebene Blatt ...

Sie verharrte im Ungewissen, strich vorsichtig mit einer knochigen Hand über die Wand, nahm die ungeahnten Möglichkeiten des Grenzzustandes in sich auf. Als sie genauer hinsah, traten aus der Wand Unebenheiten hervor, Blasen, Krater, und die Decke wurde durchzogen von einem Sprung, der wie ein Ast geformt war.

Ihr Blick schweifte darüber und fiel auf einen zierlichen weißen Schreibtisch. Es war ein einfaches, jedoch stilreines Möbel aus einer Zeit der Spiele und Maskeraden, die aber von beherrschten Formen gebändigt wurden. Neben dem Bett entdeckte sie einen Nachttisch mit einem gestärkten Spitzentuch aus Leinen und einer Messingglocke darauf. Sie nahm sie und ließ ein leichtes, aber dennoch deutliches Klingeln die Stille durchbrechen.

Nach einer Weile öffnete sich die einzige Tür der Zelle, und ein Dienstmädchen in schwarzem Kleid und weißer, gestärkter Schürze trippelte herein.

»Euer Gnaden wünschen?« Eine Spur übertriebener Unterwürfigkeit lag in ihren Bewegungen.

»Ja, was können Sie mir denn anbieten?«

»Was Euer Gnaden wünschen.«

»Dann bringen Sie doch eine Flasche Champagner. Und Zigaretten«, fügte sie hinzu.

»Wird erledigt, Euer Gnaden!« und schon war das Mädchen wieder verschwunden.

Munter und etwas überrascht erhob sich die alte Dame und ging zur Tür. Aber noch ehe sie diese erreicht hatte, wurde sie geöffnet, und herein trat eine ältere Frau in einem himmelblauen, fußlangen Kleid mit einem Schleier auf dem Kopf, offenbar eine Nonne. Mit einem leichten Schaudern bemerkte die alte Dame, daß diese Frau ihr selbst glich.

»Willkommen an unserem Ort des Rückzugs. Ich bin die Priorin, und es ist mir ein besonderes Vergnügen, gerade Sie in unserem ehrwürdigen alten Kloster begrüßen zu dürfen.«

Priorin, dachte die alte Dame, das klingt so vertraut. Ich bin bestimmt schon einmal hier gewesen.

»Danke, Frau Priorin«, sagte sie. »Ich bin Ihnen sehr verbunden. Kloster, sagen Sie. Ich habe gerade eine Flasche Champagner bestellt. Hoffentlich verstößt das nicht gegen die Regeln hier.«

»Keineswegs. Wir sind stolz auf unseren guten Weinkeller, ebenso auf unser eigenes, hervorragendes Gemüse, ganz zu schweigen von unserem berühmten Leinen, das wir selbst herstellen und aus dem wir die königlichen Brautlaken weben. Wir leben keineswegs abgeschieden von der Welt.«

Diese Worte schlugen im Innern der alten Dame eine Saite an; eine verschüttete Erinnerung regte sich, die Erinnerung an etwas Großartiges. Die Priorin verbeugte sich höflich und erklärte, daß ihre Pflichten sie riefen, die Dame aber jederzeit für ein Plauderstündchen nach ihr schicken lassen könne. Dann ging sie hinaus.

»Das junge Ding kommt ja gar nicht mit dem Champagner. Ich muß sie daran erinnern«, murmelte die alte Dame und klingelte noch einmal.

Nach einer Weile erschien das Mädchen, jedoch ohne das Bestellte.

»Euer Gnaden wünschen?« fragte sie beinahe vorwitzig.

»Ich habe vor einer Weile um eine Flasche Champagner gebeten.«

»Gewiß, Euer Gnaden.«

»Könnte ich sie vielleicht jetzt bekommen?«

»Gewiß, Euer Gnaden.«

»Und würden Sie mir bitte auch Zigaretten bringen und ein halbes Dutzend Austern, mein Magen verträgt nichts anderes.«

»Gewiß, Euer Gnaden.« Das Mädchen knickste und eilte aus dem Zimmer.

Die Dame setzte sich auf den einzigen Stuhl in der Zelle, den am Schreibtisch, und wartete. Es fehlen Schreibutensilien, notierte sie, muß ich bei nächster Gelegenheit bestellen. Sie wartete eine Ewigkeit, dann ergriff sie ungeduldig die Glocke und klingelte noch einmal. Das Mädchen kam wieder, auch dieses Mal mit leeren Händen.

»So etwas habe ich ja noch nie erlebt!« rief die alte Dame ärgerlich aus. »Für wen halten Sie mich eigentlich? Wissen Sie denn nicht, wer ich bin!«

»Gewiß, Euer Gnaden«, sagte das Mädchen. Um seine Mundwinkel spielte die Andeutung eines frechen Lächelns.

»Gewiß, Euer Gnaden. Gewiß, Euer Gnaden. Ist das alles, was Sie sagen können? Hatte ich nicht etwas bestellt? Sehen Sie zu, daß ich es augenblicklich bekomme!«

»Gewiß, Euer Gnaden.«

Ich muß das Opfer eines satanischen Scherzes sein, dachte die alte Dame und beschloß, die Umgebung zu erforschen. Resolut ging sie die wenigen Schritte zur Tür und öffnete sie. Sie führte hinaus auf eine Terrasse, die hoch oben auf einem Berg in einer alpenähnlichen Landschaft zu liegen schien. Ein leichter, weißer Nebel lag wie ein Schleier darüber und ließ die Gipfelkette darüber nur erahnen, die in einer immer schwächer werdenden Bläue von der Unendlichkeit aufgesogen wurde. Die Luft war frisch wie ein Glas Quellwasser. Sie sog sie mit tiefen Atemzügen ein, und wie berauscht davon ging sie mit unsicheren Schritten zum Geländer.

Von da konnte sie auf eine weitere Terrasse blikken, die den Eindruck machte, als würde sie zu einem altmodischen Sanatorium gehören, mit gestreiften Liegen und kleinen weißen Stühlen, die um Cafétische mit gußeisernen Füßen standen. Eine Treppe, gesäumt von bemoosten verwitterten Urnen, führte auf die untere Terrasse. Auch zwischen den Treppenstufen wuchs Moos. Sie schritt vorsichtig, aber würdevoll die Treppe hinab und ließ sich an einem der Tische nieder. Die Marmorplatte war gesprungen, und der Stuhl wackelte ein wenig.

Kurz nachdem sie sich gesetzt hatte, hörte sie Schritte hinter sich und wandte sich neugierig um. Eine Frau von unbestimmbarem Alter kam auf sie zu. Sie trug eine graue Lammwolljacke, die Haare von diffuser Farbe waren zu einem unordentlichen, losen Knoten hochgesteckt. Ihren Bewegungen nach zu urteilen, schien sie nicht energisch zu sein, aber auch nicht ängstlich. Sie ging mit der Sicherheit einer Schlafwandlerin und hatte schon fast die Cafétische passiert, als sie bemerkte, daß dort jemand saß. Wie aus weiter Ferne kommend, flackerte ihr Blick, ehe er sich auf die alte Dame richtete.

»Guten Tag«, sagte diese mit ihrer heiseren Stimme, »ich hatte noch nicht die Ehre.«

»Mrs. Woolf«, stellte die andere sich vor.

»Die Schriftstellerin?«

»Ja, Virginia Woolf.«

»Angenehm. Ich habe von Ihnen gehört. Ihr Name ist wirklich komisch. Widersprüchlich. Wissen Sie übrigens, daß es ein Stück geben soll, das heißt ›Wer hat Angst vor Virginia Woolf‹?«

»Sehr komisch! Ja, ich habe davon gehört. Es hat aber nichts mit mir zu tun. Aber sind Sie nicht Frau Blixen?«

»Baronin Blixen, wenn ich bitten darf. Karen Blixen, Tania war nur ein Kosename. Oder Isac Dinesen, wenn Sie den Schriftstellernamen vorziehen.«

Mrs. Woolf konnte es sich nicht verkneifen, der hochmütigen alten Schnepfe ebenfalls einen Stich zu versetzen:

»Wissen Sie, daß man einen Film nach Ihrem Leben gedreht hat?« sagte sie. »Er ist vor vollen Häusern gespielt worden und hat viele Oscars bekommen. Das ist eine Art vulgärer Orden, der nach dem Diktat des amerikanischen Pöbels vergeben wird.«

»Reden Sie mir nicht davon«, erwiderte die Baronin. »Ich weiß, ich weiß. Man hat mein Afrika profanisiert und Glanzbilder daraus gemacht.«

Sie versank in wehmütige Grübeleien, wurde aber von einem Windstoß wieder aufgeschreckt, der ohne Vorwarnung vorbeiwehte und graubraune, trokkene Blätter vor sich hertrieb, die raschelnd durch die Luft wirbelten und sich in einem Tanz vereinigten.

Virginia rief aus:

»Wer war das? Haben Sie die Frau gesehen, die eben in einem Cape vorbeischwebte?«

»Das muß ein Gespenst gewesen sein«, antwortete Karen Blixen ruhig. »Dies ist ein Ort für Gespenster.«

»Nein, nein«, rief Virginia. »Das war Orlando, ich habe es gesehen.«

Karen Blixen verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln und winkte abwehrend mit ihrer mageren, knochigen Hand.

»Das glaube ich kaum. Ich weiß, wer es war.«

»Vita? Vielleicht war es Vita. Wenn sie auch hier wäre«, sagte Virginia, und Fieberröte stieg in ihre bleichen Wangen.

Sie rief nach dem geheimnisvollen Wesen, das sie Vita nannte.

Plötzlich hörte man eine Stimme direkt hinter ihr. Es war eine Frauenstimme, tief wie die eines Mannes, aber ohne etwas von der Blixenschen rauchigen Heiserkeit zu haben. Sie war eher melodisch.

»Hier bin ich, Virginia. Du hast gerufen.«

Virginia drehte sich mit einer so heftigen Bewegung um, daß sie beinahe mit der hochgewachsenen Frau zusammengestoßen wäre, die sich lautlos hinter ihr aufgerichtet hatte. Sie trug kniehohe, geschnürte Stiefel, Reithosen und ein langes Hemd mit einem Gürtel. In der Hand hielt sie einen Hut und einen Stock, und den Hals schmückte eine lange Reihe glatter Perlen. Ihre Haare waren ergraut und lagen dünn über Ohren und Stirn, das Gesicht war farblos, aber die dunklen Augen brannten von jugendlicher Glut.

»Hier bin ich, meine liebe Virginia.« Sie schlang ihre langen Arme schützend um den dünnen Körper. Virginia, die sich wie in einem Vogelkäfig gefangen fühlte, wand sich aus ihrem Griff und trat einen Schritt zurück.

»Darf ich vorstellen: Vita Sackville-West oder Lady Nicolson, Baronin Blixen. Adlige Damen aus der höheren Gesellschaft.«

Vita und Karen gaben sich die Hand und verbeugten sich leicht unter gegenseitigen Höflichkeitsbezeugungen.

»Bist du schon lange hier?« fragte Virginia, und ein Hauch von einem schüchternen Backfisch kam über sie.

»Nein, ich bin gerade angekommen. Ich saß da drüben und habe mich einer dunklen Fremden bekanntgemacht.«

»Du und deine Frauengeschichten!« rief Virginia aus, heftiger als sie beabsichtigt hatte. Sie hatte ironisch klingen wollen.

»Sie ist natürlich sehr schön«, konnte sie dennoch nicht unterlassen, hinzuzufügen.

»Nicht nach herkömmlichen Maßstäben. Tatsächlich hat sie eine gewisse Ähnlichkeit mit mir. Groß und dünn, mit dem Schatten eines Bärtchens auf der Oberlippe.«

»Schatten!«

Der spitze Ton schien Vita nichts auszumachen, die eine längere Betrachtung darüber anstellte, welch verführerische Wirkung ein Oberlippenbart auf Frauen habe. Sie wisse es aus eigener Erfahrung. Dann bemerkte sie, daß die dunkle Fremde eigentlich eher Virginia gleiche.

»Dieselbe Mischung aus Scheu und Selbstgefühl, dieselbe tragische Miene. Noli me tangere an der Oberfläche und darunter ein desperater Hunger danach, gesehen und genommen zu werden.«

Virginia zuckte bei ›genommen‹ zusammen.

»Weißt du übrigens, wie sie hierhergekommen ist?« fuhr Vita fort. »Sie scheint auf jeden Fall mehr Sinn für Dramatik zu haben als du. Hat sich mit einem Rasiermesser den Hals aufgeschnitten und im eigenen Blut gebadet.«

»Pfui!« Virginias Vogelaugen blinzelten. »Sei mir nicht böse!« Ihre Lider zuckten.

Vita rief aus:

»Böse? Weshalb sollte ich böse sein! Ich habe ja wohl nichts damit zu schaffen. Wenn du gehen wolltest, mußtest du eben gehen.«

»Verzeih«, bat Virginia.

»Das sah dir ähnlich, dich so zu entziehen. Und dennoch Aufmerksamkeit zu erheischen. Nein, mir hat das nichts ausgemacht, aber du hättest an die arme Vanessa und den armen Leonard denken können.«

»Du glaubst also nicht, daß ich es deinetwegen getan habe?«

»Nein, bewahre, das hoffe ich wirklich nicht!«

Ihre Auseinandersetzung wurde durch den heftigen Wind unterbrochen, der plötzlich erneut aufkam und ebenso schnell wieder verschwand.

Eine hochgewachsene, magere Frau, auf Krücken gestützt – sie trug ein langes, schwarzes, raschelndes Seidenkleid mit hohem Kragen und drei Reihen schwarzer Perlen um den Hals –, folgte dem Windstoß wie in Trance und murmelte:

»Ernst, komm zurück, Ernst, bitte, Ernst!«

»Ist sie das?« fragte Virginia. »Ist das deine dunkle Schönheit?«

»Ja«, antwortete Vita, »das ist sie.«

Karen Blixen, die schweigend an ihrem Tisch gesessen und das Gespräch mit einem belustigten Lächeln verfolgt hatte, winkte die neu Hinzugekommene heran.

»Bitte schön, hier ist Platz. Setzen Sie sich!«

Die dunkle Frau glitt mit einem abwesenden Ausdruck in den Augen auf einen Stuhl an Karens Tisch. Ihre Haare waren in der Mitte gescheitelt und zu einem straffen Knoten gebunden. Die Augenbrauen bildeten kräftige, waagerechte Striche über einer langen, schmalen Nase. Der Mund und die Kinnpartie vermittelten den Eindruck von Willensstärke.

»Darf ich mich vorstellen? Baronin Blixen«, sagte die andere.

Die Schwarzgekleidete wandte sich um und schaute in das schiefe Lächeln.

»Victoria Benedictsson«, entgegnete sie kaum hörbar.

»Ich habe es geahnt, die kleine Postmeisterin. Ich habe es geahnt. Von wem haben Sie geträumt? Ernst? Wir scheinen hier alle Träumerinnen zu sein. Wie war das denn mit dem großen Brandes, gnädige Frau?«

Victoria richtete sich auf, und um ihren Mund erschien ein spöttischer, fast übermütiger Zug.

»Der große Brandes!« rief sie aus. »Für Sie mag er vielleicht groß sein. Sie haben ihn wohl einmal getroffen, als Sie noch ganz klein waren, nicht wahr? Oh ja, ich weiß, wie Sie ihn mit bewundernden Briefen und Blumen verfolgt haben. Sagen Sie, was ist daraus geworden?«

»Na, auf jeden Fall habe ich mich seinetwegen nicht umgebracht. Mich hat dieser Troll nicht verzaubert. Nein, meine Tante Bess und meine Mutter haben nicht zugelassen, daß ich ihn traf, als er endlich eine Visite machte.«

»Was kümmert der mich«, schnitt Victoria ihr das Wort ab. »Ich suche nur Ernst. Ich bilde mir ein, ich hätte ihn gerade hier vorbeigehen sehen.«

»Ja, alle scheinen hier jemanden zu sehen. Ich weiß auf jeden Fall, wer die Gestalt im Cape war.« Karen setzte eine überlegene Miene auf.

Wie um ihre letzten Worte zu unterstreichen, heulte vor der Terrasse ein Sturm auf. Es klang hohl und durchdringend und steigerte sich in einem beinahe unerträglichen Crescendo, dann hörte es so plötzlich auf, als wäre eine Saite durchgeschnitten worden, und hinterließ eine schaurige Leere, die die versammelten Frauen bedrückte.

Virginia brach das Schweigen und sagte leichthin:

»Also deshalb sind wir hier. Zum Rätselraten. Wer richtig rät, bekommt den Nobelpreis!«

Vita nahm den Faden auf:

»Wenn nun schon einmal so viele reizende Frauen hier versammelt sind, warum lassen wir uns nicht etwas einfallen, womit wir uns auf angenehme Weise die Zeit vertreiben können?«

»An was für einen Zeitvertreib denkst du denn?« fauchte Virginia.

»Liebe Virginia«, sagte Vita. »Werd nicht eifersüchtig. Ich habe an nichts Böses gedacht. Nein, aber schaut mal, da drüben. Schaut mal, was für entzückende Gestalten da kommen. Wie ein Büschel Schneeglöckchen drängen sie sich aneinander. Wie nett!«

Drei Frauen, die jünger und vor allem schüchterner aussahen als die anderen, näherten sich langsam der Gruppe. Etwas ländlich Zurückgezogenes lag über ihrer Erscheinung, als ob sie lange in einer entlegenen Ecke der Welt vor deren zudringlichen Blikken verborgen gehalten worden wären.

»Wie reizend«, fuhr Vita fort. »Wirklich wie Schneeglöckchen zwischen der Lunaria, der Schwertlilie, der Narzisse und der Nachthyazinthe.«

»Ja, hier kannst du botanisieren«, sagte Virginia spitz. »Hierher, bitte sehr, hier ist eine alte Dame, die Sie kennenlernen will«, rief sie den Neuankömmlingen zu.

Die drei Frauen waren inzwischen bei den Tischen angelangt. Victoria saß mit Karen an einem, Vita und Virginia an dem daneben.

»Darf ich vorstellen? Das ist Vita Sackville-West, die berühmte Schriftstellerin«, sagte Virginia. »Ich selbst heiße Mrs. Woolf. Und hier haben wir die Baronin Blixen und Frau Victoria Benedictsson aus Schweden. Wir sind also alle Schriftstellerinnen.«

»Charlotte Brontë«, stellte sich die erste der drei jungen Frauen mit einer leichten Neigung des Kopfes vor.

»Anne«, sagte die zweite und stieß die dritte in die Seite, die wegschaute, als ob das Ganze sie nichts anginge.

»Emily, du mußt guten Tag sagen!« Diese wandte sich langsam den versammelten Frauen zu und sagte mit deutlicher, aber unpersönlicher Stimme ihren Namen.

Eine leichte Konversation über die kühle, jedoch frische Luft und das Wetter im allgemeinen setzte ein.

»Hier oben werden wir auf jeden Fall von Regen verschont bleiben«, sagte Virginia. Dann gab man seinem Wohlgefallen über das schöne Panorama Ausdruck, auch wenn der Nebel die Sicht behinderte. Nur Emily nahm nicht an dem Gespräch teil.

»Was für nette Mädchen, so wohlerzogen«, lobte Karen.

Plötzlich sagte Emily:

»Seht ihr die Heide dort unten? Und all die Gräber?«

»Nein«, antwortete Charlotte. »Laß uns jetzt nicht darüber reden.«

»Unser Garten war ein Friedhof, unsere Bäume waren Grabsteine, unser Vaterhaus stand auf einem Kirchhof«, fuhr Emily fort, ohne von Charlotte Notiz zu nehmen.

»Aber wir sind doch jetzt hier oben«, sagte Anne, »in schwindelnder Höhe.«

»Ja, nicht wahr«, mischte sich Karen in das Gespräch ein. »Hier oben kann man atmen. Hier können wir leben und arbeiten. Na, meine jungen Damen, wohin würden Sie uns führen, wenn Sie die Wahl hätten?«

»In die Hölle«, antwortete Emily brüsk.

»Immer hübsch langsam«, lachte Vita. »Das würde ein ganz schön tiefer Fall.«

Karen wandte sich an sie:

»Und Sie, wohin würden Sie uns mitnehmen?«

Ohne zu zögern, antwortete Vita:

»In meinen Garten. Nach Sissinghurst in meinen üppig blühenden Garten voller reifender Früchte und einem Meer von Blumen an einem Spätsommertag. Ich würde euch auch den Teil zeigen, in dem nur weiße Blumen wachsen, meinen weißen Garten, meinen Mondscheingarten, ja, ich würde euch auf einen Rundgang durch meinen Lustgarten mitnehmen.«

»Und dann würdest du uns eine nach der anderen ausziehen«, sagte Virginia.

»Wir würden nackt unter den Obstbäumen tanzen, ja, genau!« erwiderte Vita.

»Wie schrecklich!« Virginia erschauerte.

Sie war nun an der Reihe, und die Baronin fragte auch sie, wohin sie die Damen mitnehmen würde. Sie dachte nach.

»Vielleicht an einem klirrend kalten Wintertag an die Themse. An einem Tag, der so kalt ist, daß Reisende zu Statuen erstarren, bedeckt von pudrigem Schnee. Ich würde euch auf eine wärmende Schlittschuhfahrt über das singende Eis mitnehmen, und ich würde euch mit meinem dampfenden Atem Leben einhauchen, und eure Backen würden leuchten wie rote Äpfel.«

Victoria, in deren Augen Leben gekommen war, rief aus:

»Das klingt schön! Aber ich ziehe doch die Sonne und den Süden vor. Nicht die Strände und das Faulenzerleben, das kein Leben ist. Aber die Cafés, die lebhaften Gespräche, die Hörsäle voller Ehrfurcht vor den großen Denkern, die Theater, die Kunstgalerien. So weit weg von den südschwedischen Lehmäckern wie möglich. Das Schlimmste, was es gibt, ist die schmutziggraue Ebene Südschwedens an einem nebligen Wintertag, die endlos sich ausbreitende Trostlosigkeit!«

Virginia war noch nicht zu Ende:

»Vielleicht würde ich euch auch auf eine Polarexpedition mitnehmen. Ja, mit allen Polarreisenden zur Eisjungfrau.«

»Eisjungfrau!« fauchte Vita. »Das würde zu dir passen.«

Virginia nahm keine Notiz von ihr. Sie schien schon weit weg zu sein.

»Ich würde euch zu einem Mann mitnehmen, der drei Expeditionen und zwei Weltkriege überlebt hat und hundert Jahre alt wurde«, begann sie mit etwas eintöniger Stimme, die jedoch im Laufe des Sprechens lebhafter wurde. Sie strich sich die Haare aus der Stirn, wie um die Sicht freier zu machen, und ihr Gesicht schien von innen zu leuchten. Eine merkwürdige Energie entströmte ihren Worten, während ihre Stimme, als sie fortfuhr, einen frostigen Unterton bekam:

Seit der letzten Expedition, die zum Südpol führte, stand die Zeit für ihn still. Eigentlich blieb er da draußen in der Weite des Schnees. Eisige Winde und die Nebelschwaden der Polarnacht zogen durch seinen alternden Kopf, und an den Stellen, wo es Raum für Familie und Freunde hätte geben müssen, waren nur weiße Flecken. In Kindern und Kindeskindern, die an ihm vorüberzogen, sah er nur Zuhörer für seine Erzählungen von den Abenteuern, die er erlebt hatte. Vertraulichen Umgang hatte er nur mit Nansen, Andrée, Scott und Piery, er las ihre Tagebücher und machte sich ihre Gedanken zu eigen. Mit ihnen zusammen begab er sich wieder hinaus ins Eismeer, in die Weiten, wo er einen ganz privaten Kampf mit der Natur ausfocht, allein mit dem Polarstern über sich und dem Gebot der männlichen Willensstärke in der Brust. Als die Weltenbrände um ihn herum wüteten, war er weit weg in der Weiße und Kälte und blieb unberührt von Massenschlachten, Bombardements und brennenden Städten. Er lebte immer noch in der Zeit der einsamen Mannestaten.

Jedes Jahr zu Weihnachten wurden die Enkel zum Großvater geführt. Er war weißhaarig und hatte einen Bart, der aussah, als ob er bereift wäre, und schaute sie aus hellblauen Augen an, die wie der Polarstern leuchteten. Er murmelte und nickte jedesmal, wenn sie ihm wieder vorgestellt wurden, und legte ihnen eine kalte, knochige Hand auf den Kopf. Für sie war es wie ein Besuch bei König Winter, der sie ins Märchenland einlud. Der Alte lebte im Westen der Sonne und im Osten des Mondes und weigerte sich zurückzukommen.

Er war einer der wenigen, die die Expeditionen überlebt hatten – sie waren um die Jahrhundertwende der extremste Ausdruck männlicher Eroberungslust. Das Unbehagen an der Kultur trieb die Polfahrer hinaus in die Wildnis, zu den noch unerforschten weißen Flecken auf der Landkarte, auf unberührten, jungfräulichen Boden, den noch kein Mann vor ihnen betreten hatte, und es trieb sie zu Nahkämpfen mit der Natur selbst, ihrer Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit ausgesetzt. Das Chaos lauerte überall, sie waren weit weg vom Sicheren und Gewohnten, von der Feigheit und Lauheit der Sklavennaturen und dem weichen Schoß der Frauen in der Geborgenheit des Heims. Sie kämpften für aristokratische Ideale und Ehrbegriffe, in einer Zeit, die im Begriff war, diese zu verwässern, und die drohte, die Unterschiede zwischen den Menschen auszugleichen und großartige Gedanken zu eliminieren.

Höhere Mächte und ideale Forderungen bestimmten ihre Wege und besiegelten ihr Schicksal, und in Tagebüchern und Briefen an ihre Ehefrauen schrieben sie, daß sie die einzige sei, die ihn verstehe, daß sie ihn in ihrem Inneren besser kenne als er sich selbst, von seinen innersten Motiven wisse und daß sie bestimmt einsehen würde, daß er sein Leben und seine Familie opfern müsse für das höhere Streben, daß er selbst machtlos sei gegenüber dem männlichen Willen, der von ihm Besitz ergriffen habe. Die Frau müsse verstehen, daß nur die Feigen und Bequemen die Familie höher bewerten als den Kampf und das Lebensziel. Das schrieben sie, das glaubten sie, und die Polarnacht verkörperte dieses höchste Ziel.

»Es gibt nichts Wunderbareres als die Polarnacht. Ein Traumbild, gemalt in den zartesten Tönen der Seele, wie farbiger Äther: Alles geht ineinander über; man sieht nicht, wo ein Farbton beginnt und ein anderer endet, und dennoch sind sie da. Keine Formen; alles tönt in einer traumhaften Farbenmusik, eine ferne, unendliche Melodie von gedämpften Saiten. Aber ist nicht alle Schönheit des Lebens so, hoch und fein und rein wie diese Nacht?« schrieben sie in ihre Tagebücher.

In der absoluten Weiße, im Weiß, das in Weiß übergeht, in Nuancen von Weiß suchten sie ihr Ziel. Aber sie waren unsicher, wo in all dem Weiß sie ihre Flagge hissen sollten als Beweis dafür, daß sie ihr Ziel ereicht hatten. Wo war der eigentliche Pol? Wo war das Ende der Welt, und wie sollten sie es kennzeichnen und der Nachwelt zeigen, daß sie es gefunden hatten? Daß sie die ersten waren, daß sie da waren? Sie hatten die Weiße gesucht, aber sie konnten sie nicht erobern, unerlöst irrten sie weiter, von Ziel zu Ziel, von Weiße zu Weiße, von Pol zu Pol. Wie der Fliegende Holländer trieben sie ihre Hunde über die Weiten oder zogen unter unmenschlichen Leiden und Strapazen selbst ihre Schlitten. Viele wurden wahnsinnig oder gingen an Skorbut, Hunger oder Kälte zugrunde, und viele suchten den Tod in einer Expedition, die zum Scheitern verurteilt war; sie starben im Kampf, draußen auf dem weiten, weißen Feld, sie legten sich in den reinen, weißen Schnee, umarmten die Eisjungfrau und erstarrten in ihrem Schoß zu Eissäulen.

Virginias Stimme war immer leiser geworden, als ob sie sich in der Luft über der weißen Weite auflösen würde, und der letzte Satz verklang wie ein gedämpfter Akkord in der Stille.

Die anderen Frauen schauten die Erzählerin schweigend und erwartungsvoll an.

»Ja?« sagte Karen, und das Fragezeichen hing über den Schneemassen wie ein Haken, an dem Virginia sich aufschwingen könnte.

»Ja was?« Virginias Lider zuckten leicht.

»Wir warten gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte«, sagte Karen mit gebieterischer Geduld.

»Es gibt keine.«

»Seht ihr denn nicht, daß sie müde ist!« Vita legte einen schützenden Arm um die fröstelnde Virginia. »Jetzt hast du dich wieder übernommen! Warum mußt du dich auch so weit hinauswagen? Halte dich doch lieber an das Naheliegende und Gewohnte. London, die Damen der besseren Gesellschaft, die Einladungen zum Tee, die Literatur – da bist du zu Hause. Was hast du denn da draußen bei den männlichen Heldentaten in den Polarnächten zu suchen?«

»Genau«, sagte Emily wie zu sich selbst, ohne sich um die anderen zu kümmern. »Genauso kalt und überlegen ist er, der gute Vater, der Herr der Schöpfung, und wir sind ausgestoßene Kinder.«

»Aber Emily«, sagte Anne leise, aber mit Nachdruck. »Wie kannst du so etwas sagen? Wie kannst du so etwas denken? Unser Vater kann uns doch wohl nicht hassen?«

»Doch, das kann er, und wir hassen ihn«, kam die scharfe Antwort.

Außer Charlotte, die dicht neben den Schwestern saß, hatte niemand ihre Auseinandersetzung verfolgt. Sie schaute verlegen vor sich hin, als ob sie sich schämte.

»Hört jetzt auf«, flüsterte sie und blinzelte mit ihren großen, kurzsichtigen Augen zu den anderen Frauen hinüber. Erleichtert stellte sie fest, daß diese nichts gehört hatten.

»Die Eisjungfrau«, sagte Victoria mit einem Hauch von Schmerz in der rauhen Stimme. »Er nannte mich immer Eisjungfrau.«

Sie beherrschte sich.

»Aber können wir uns denn nicht wieder in die Zivilisation zurückversetzen?« fuhr sie fort. »Ich habe schon immer einmal England sehen wollen!«

Virginia sammelte sich und wandte sich ihr zu.

»England«, sagte sie. »Good old England. Wo eine Frau heutzutage angeblich Premierminister werden und sich wie ein Mann benehmen kann. Aber hat eine Schriftstellerin inzwischen wohl ein eigenes Zimmer, und kann sie sich selbst ernähren?«

»Du hast auf jeden Fall ein eigenes Zimmer bekommen«, warf Vita spitz ein. »Du hast zum Schluß deinen höchst privaten Sarg erhalten. Davon hast du doch geträumt. Es hat ja nicht gereicht, daß du über mein Turmzimmer verfügen konntest, wie du wolltest. Nicht einmal ein Elfenbeinturm hätte dir genügt. Du hast am Ende das bekommen, was du gewollt hast!«

»Liebe Vita«, bat Virginia, »sei mir nicht böse! Nun sehen wir uns doch endlich wieder.«

»Ja«, entgegnete Vita besänftigt, »wir haben uns wiedergefunden! Und was machen wir jetzt?«

»Laßt uns doch weiter Geschichten erzählen«, sagte Karen. »Das ist alles, was wir können. Das ist wirklich alles.«

Ein langes Schweigen breitete sich aus. Schließlich stieß Emily hervor:

»Das könnte man beredtes Schweigen nennen!«

»Ein Schweigen wie im Grabe«, lachte Karen heiser. »Aber nun gut, wenn man der Stille lange genug lauscht, kann man sie reden hören. Haben Sie, meine Damen, schon die Geschichte von der Stille gehört? Oder die von der leeren Seite?«

»Die leere Seite?« rief Anne aus und errötete, als sie merkte, daß die anderen sich zu ihr umdrehten. »Nein, haben wir nicht, oder, Charlotte?« wandte sie sich hilfesuchend an die Schwester.

»Nein, ich glaube nicht«, antwortete die und wandte sich mit höflicher Aufmerksamkeit der älteren Dame zu.

»Ich habe sie von einer sehr alten Märchenerzählerin gehört«, sagte Karen.

»Kurzgefaßt lautet die Geschichte so: Es soll einmal ein Nonnenkloster der Karmeliter irgendwo auf einem Berg in Portugal gegeben haben, wo man den allerfeinsten Flachs anbaute. Zur Blütezeit leuchtete der ganze Berg so blau, als ob er in den Himmel übergegangen und eins mit ihm geworden wäre. Die Nonnen waren berühmt für ihren Flachs, und sie stellten ein so erlesenes Leinen her, daß sie die Ehre hatten, daraus die königlichen Brautlaken weben zu dürfen. Aber damit nicht genug: Wenn die Hochzeit vorbei war, wurden die blutbefleckten Laken ins Kloster zurückgebracht und dort in einer Galerie aufgehängt«, schloß sie triumphierend.

»Wie schrecklich!« Emilys schwarze Augen glänzten.

»Abscheulich«, stieß Anne keuchend hervor.

»Ekelhaft«, flüsterte Victoria und machte eine abwehrende Handbewegung, als ob sie eine lästige Fliege verscheuchen wollte.

Nur Charlotte bat Karen mit leiser Stimme und bleich, mit dem Blick einer Maus, die von einer Schlange hypnotisiert wird, weiterzuerzählen. Diese fuhr beinahe schadenfroh fort:

»Es gehörte zu den Privilegien des Klosters, versteht ihr, daß sie die Leintücher mit den blutigen Mustern darauf zurückbekamen. Die Mittelstücke von all diesen Brautlaken wurden in einem schönen Rahmen an die Wände der Galerie gehängt, jedes mit einem Namensschild versehen. Frauen von königlichem Blut pilgerten zu dem Kloster und standen in tiefes Nachdenken versunken vor diesen Bildern, in die sie eine Geschichte nach der anderen hineinlasen. Aber es gab ein Laken, das mehr Zuschauer anzog als alle anderen, vor dem die Menschen am längsten stehenblieben und am intensivsten nachdachten. Es hatte den gleichen kostbaren Rahmen wie alle anderen. Aber es war ganz weiß.«

»Das also war die leere Seite«, flüsterte Charlotte. »Ich verstehe.«

»Ja, meine Damen, dies war die kürzeste Fassung von ›Die leere Seite‹.«

»Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen«, sagte Emily mit einem kurzen Lachen.

Die anderen fielen in ihr Lachen ein, eine etwas zögernd, als wollte sie prüfen, ob sie dazugehörte, hustend und abgehackt, eine andere befreit losplatzend, die dritte überlegen glucksend, die vierte von den anderen mitgerissen, als ob eine ansteckende Krankheit sich ausgebreitet hätte, bis sie alle zusammen lachten, prustend, wiehernd, einander anstachelnd, bis ihnen die Tränen über die Wangen liefen. Schließlich verebbte das Gelächter und hinterließ eine noch größere und dichtere Stille als die, welche der Geschichte vorausgegangen war. Als das allgemeine Schweigen peinlich zu werden drohte, versuchte Victoria, es zu brechen, indem sie sagte:

»Wißt ihr, ich finde es ziemlich leer hier. Irgend etwas fehlt.«

Karen lächelte.

»Die Männer fehlen, meine Lieben. Kloster und Kunst in allen Ehren. Aber auf die Dauer wird es doch langweilig. Wenn echte Spannung entstehen soll, müssen Männer dabei sein.«

Charlotte und Anne stimmten sofort zu. Sogar Emily schien bestätigend zu nicken. Aber Virginia schreckte auf, als ob sie unsanft geweckt worden wäre, blinzelte mit ihren Vogelaugen und rief beleidigt aus:

»Wie bitte, ohne Männer soll es keine Spannung geben?«

Vita unterstrich ihre Skepsis:

»Die sollen Spannung hervorrufen können?«

»Tja«, sagte Karen, »in den Geschichten braucht man sie auf jeden Fall. Wenn ihr erlaubt, werde ich euch ein längeres Märchen erzählen. Es stammt aus meiner Kindheit oder sogar aus noch fernerer Zeit. Tatsächlich kam ein Mann mit dieser Geschichte in das Haus meines Vaters, er wiederum hatte sie von einer Frau.«

Sie setzte sich zurecht und nahm ihre Erzählerhaltung ein, mit dem unsichtbaren Umhang über den Schultern und Blicken wie Fangnetzen, um die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen einzufangen, die Stimme war beschwörend, sinnlich spürbar, wie greifende Finger.

»Wenn ich mich recht erinnere, dann war es so«, begann sie.

2

Eines Abends, als der Wind um die Ecken pfiff und der Regen gegen die Fenster meines Vaterhauses peitschte, wurde die Außentür aufgerissen, so daß der Wind hereinwirbelte, ein Stampfen und ein hohles Husten waren zu vernehmen, dann wurde die Haustür wieder geschlossen und der Sturm ausgesperrt. Als nächstes hörte man ein Klopfen an der Zimmertür, bevor sie vorsichtig geöffnet wurde und ein dunkler Mann in einem langen Cape eintrat. Er hatte seinen Schlapphut, an dem das Wasser herunterlief, abgenommen, und man sah schwarze Haare, die wie geleckt über Stirn und Schläfen lagen, ein Paar buschige Brauen über pfefferschwarzen Augen, eine große, gebogene Nase und einen geteilten Schnurrbart, dessen lange, nasse Strähnen zu beiden Seiten eines schmalen Mundes herabhingen. Draußen in der Diele hatte er einen großen Koffer abgestellt, so groß, daß ein Mensch darin Platz gefunden hätte.

Er durfte sein Cape ausziehen, das zum Trocknen aufgehängt wurde. Darunter hatte er einen rotgeblümten Seidenschal um den Hals geschlungen, er trug eine Brokatweste, die mit Silberfäden bestickt war, und eine Uhrenkette, deren eines Ende an einem Knopf befestigt war und deren anderes in einer kleinen Tasche verschwand. Seine Finger schmückten glitzernde Ringe.

Man bat ihn, sich ans Feuer zu setzen, und die Reste des Abendessens, das gerade beendet worden war, wurden ihm aufgetischt. Auf die Frage, woher er komme, antwortete er:

»Ich bin überall gewesen. Aber wenn Sie einen Ort brauchen, um mich daran zu befestigen, können wir sagen, daß ich aus Holland komme. Oder warum nicht Kanaan oder Syrien oder Weißrußland oder die Ukraine?«

Dann schwieg der Fremdling und schaute ins Feuer. Nach einer langen Weile sah er auf.

»Ich kann Ihre Gastfreundschaft vielleicht mit einem kleinen Stück oder einer Erzählung entgelten?«

Und ohne auf eine Antwort zu warten ging er hinaus, holte seinen großen Koffer aus der Diele und öffnete ihn. Es war, als ob sich eine Schatzkammer vor unseren Augen aufgetan hätte; es glitzerte und glänzte, und merkwürdige Figuren, bemalte Holzstücke und phantastische Stoffe kamen zum Vorschein. Der Mann ordnete und arrangierte mit flinken Händen ein paar Dinge, und eins, zwei, drei stand eine kleine Bühne vor uns, ein richtiges Theater mit Vorhängen und einem hölzernen Abschluß oben, der so geschnitzt und bemalt war, daß der Eindruck eines dicken, faltenreichen Stoffes mit Fransen entstand. An beiden Seiten hingen zwei Masken, eine fröhliche und eine grausame. Der Mann verschwand hinter der Bühne, und bald wurde der Vorhang aufgezogen, und kleine Puppen begannen zu sprechen und zu lärmen und einander zu herzen und zu jagen. Sie sahen ganz wirklich aus und konnten Arme und Beine bewegen. Sie sprachen mit so unterschiedlichen Stimmen, daß man hätte schwören können, daß hinter der Bühne mehrere Personen standen. Es waren Teufel und Engel, Liebespaare und streitende Eheleute, Soldaten und kleine Prinzessinnen. Diese Miniaturwelt schien realer zu sein als die gewohnte Umgebung. Der Mann muß ein Zauberer sein, dachte ich. Als das Stück zu Ende war, saßen alle da und blinzelten, als ob sie gerade aus einem Traum erwacht wären oder als ob nach einer verzauberten Dämmerstunde, in der die Dunkelheit sich unmerklich herabgesenkt hatte, jemand die Lampen angezündet hätte.

»Sie müssen auf Ihren Reisen viel erlebt haben«, sagte mein Vater nach einer Weile.

»Oh ja«, erwiderte der Fremde. »Und ich habe auch einiges gehört. Vielleicht wollen Sie eine Geschichte hören, die mir eine alte Frau erzählt hat, als ich einmal vor der Stadtmauer von Alexandria saß und auf die Rückkehr einer Karawane wartete, die ich damals besaß?

Die Alte war in Lumpen gekleidet und umgeben von zahlreichen Bündeln, die sie um sich gelagert hatte, um die Wärme zu halten. Ihr Gesicht war zur Hälfte hinter einem schwarzen Schleier verborgen, aber um die Augen spann sich ein feinmaschiges Netz aus Falten, das die Schrift des Alters überall auf ihrem Körper ahnen ließ. Sie sprach mich mit heiserer Stimme an, und in meiner jugendlichen Einfalt glaubte ich erst, daß sie nur betteln wollte. Ich ahnte noch nicht, daß sie es war, die Schätze besaß und daß sie es war, die etwas zu geben hatte. Sie erzählte mit ihrer eintönigen Stimme, und je mehr sie erzählte, desto mehr geriet ich in ihren Bann. Es war, als ob ich in ihren zahnlosen Gaumen hineingesogen würde, als ob sie mich zwischen den Kiefern zermahlte, sanft und behutsam, aber unermüdlich, so daß zum Schluß mein ganzer Widerstand, meine Bestimmungen und äußeren Merkmale abgeschält waren, daß ich wieder ein Kind wurde und ganz Ohr war. Ihre heisere, eintönige Stimme webte ein Gespinst um mich, das mich von der Umgebung abschnitt, und neue Welten traten vor meine Augen. Sie hielt mich über Stunden verzaubert, oder vielleicht waren es Jahre, ich vergaß Zeit und Raum, und ich vergaß die Karawane, nach der ich Ausschau hielt. Ihre Geschichten, es waren derer viele, gingen unmerklich ineinander über. Sie mußte sie schon unendlich viele Male erzählt haben, und dennoch wirkten sie so, als ob sie gerade erdacht worden wären, als ob, einer inneren Logik folgend, eine die nächste gebären würde. Ich erinnere mich nur an einen Bruchteil aller Merkwürdigkeiten, die ich damals zu hören bekam, und die Geschichte, die ich jetzt erzählen werde, ist nur ein matter Abglanz ihrer magischen Lampe. Hier ist sie also:

Es war einmal eine junge schöne Frau, die tausendundeine Nacht im Schlafgemach eines grausamen Sultans hatte zubringen und ihm Märchen erzählen müssen, damit er vergaß, mit ihr ins Bett zu gehen. Denn wenn er das getan hätte, wäre sie am nächsten Morgen getötet worden. So war es all ihren Vorgängerinnen ergangen.

Der Sultan hatte größte Angst vor der Falschheit der Frauen und verdächtigte sogar seine Eunuchen, ihm seine Haremsdamen stehlen und sie besudeln zu wollen. Er träumte von einer absolut reinen Frau, einer Frau, die noch von keines Mannes Blick berührt worden war, und er ließ kleine Mädchen rauben, sperrte sie ein und ließ sie nach seinen Vorstellungen aufziehen. Sie wurden nur von Frauen versorgt und sahen nie einen Mann. Aber es ging nicht so gut mit diesen Mädchen. Die erste, die sich zu einer völlig unerfahrenen Schönheit zu entwikkeln schien, war von einem verträumten Wesen und saß oft am Fenster. Sie liebte es, Liedern zu lauschen und Märchen von Geistern und Engeln, und sie liebte es, in den Garten hinauszuschauen, ganz besonders bei Mondschein.

Eines Tages, als das Mädchen am Fenster saß, erblickte sie ein Wesen, wie sie es noch nie gesehen hatte. Es war ein junger Eunuche, ein schöner Jüngling, mit bemalten Lippen und Ohrringen, der sich graziös wie eine Frau bewegte, aber dennoch anders war als all die Frauen, die sie kannte. Sein Oberkörper war nackt, und er hatte einen flachen Brustkorb ohne jede Andeutung von Brüsten, und doch war er von der Gestalt her erwachsen. Sie fand diese glatte Brust schön, und ihre Fingerspitzen wollten darüberstreichen. Sein Kinn war ebenso weich und rein wie ihres, aber der Mund war größer und die Lippen dicker, und sie bekam große Lust, in diese Lippen zu beißen. Er war den jungen Mädchen, die sie kannte, gleichzeitig ähnlich und unähnlich, es war einerseits etwas Wohlbekanntes an ihm und andererseits etwas Unbestimmbares und Fremdes, das sie lockte und Wehmut in ihr weckte. Er mußte einer von den Engeln sein, von denen sie gehört hatte, ein Wesen, das nicht von dieser Welt war. Sie wollte sich vor seine Füße werfen und von seinen nackten Armen emporgehoben werden. Als sie ihm zuwinkte, lächelte er und winkte zurück. Von dieser Stunde an war sie unsterblich verliebt.

Sie fand Wege, sich hinunterzuschleichen und ihn im Garten zu treffen, und er fühlte sich durch ihre Aufmerksamkeit geschmeichelt. Sie war noch jung und wollte gerne gefallen, und er fand sie auch sehr schön. Sie trafen sich unter blühenden Apfelsinenbäumen mit dichtem Laubwerk, saßen neben einem plätschernden Brunnen, hielten sich an den Händen und schauten einander in die Augen. Sie versuchten, die Gefühle, die da geweckt worden waren, zu lesen und zu deuten, und sie lebten wie in einem Traum, in dem man weiß, daß man träumt und bald erwachen wird. Eine Zeitlang waren sie sehr glücklich. Aber ihr Traum verwandelte sich in einen Alptraum, als der Sultan sie entdeckte und lebendig zusammen einmauern ließ.

Mit dem nächsten Mädchen ging es auch nicht besser. Inzwischen war es den Eunuchen strengstens verboten, den Garten zu betreten, in dem die knospende Blume des Sultans gefangen gehalten wurde. Die Bewachung wurde strenger, und nur eigens ausgewählte Frauen durften sich in ihrer Nähe aufhalten. Es waren alte, erfahrene Haremsdamen, Erzieherinnen und einige jüngere Frauen, die die Aufgabe hatten, die reine Jungfrau zu zerstreuen. Diese schien nicht die gleiche sehnsuchtsvolle Veranlagung wie die erste zu haben, sondern mit ihrem Dasein ganz zufrieden zu sein. Sie saß nicht am Fenster und träumte, sondern lachte und spielte mit ihren Beschützerinnen, und ihr Wesen war so einnehmend, daß sie alle entzückte. Sie ersann allerlei Streiche und überschüttete sie mit den Geschenken, die sie selbst geschickt bekam. Der Sultan hatte sie noch nicht gesehen, aber er ließ die älteren Frauen über die Entwicklung seiner Blume Bericht erstatten. Sie waren voll des Lobes und priesen wortreich ihre Unschuld und ihr sanftes Wesen. Sie war so zufrieden mit ihrem Dasein und schien sich nichts anderes zu wünschen. Tatsächlich hatte sie ja alles, was sie brauchte. Sie erlebte sogar schon das Glück und die Freuden der Liebe, denn sie war in alle ihre Freundinnen verliebt und teilte ihre Zuneigung unter ihnen auf, und diese liebten sie auch, ohne Eifersucht untereinander. Sie schlief abwechselnd bei ihnen und lernte, ihnen die wundervollsten Genüsse zu schenken, die sie ihr tausendfach zurückgaben. So besaß sie in ihrer Frauenwelt also alles, was sie sich wünschen konnte.

Als der Tag kam, da sie zu ihrem Herrn geführt wurde, brach ihre Welt entzwei. Auf der einen Seite der Kluft war ihr ehemaliges Himmelreich, und auf der anderen breitete sich die Hölle aus. Sie hatte noch nie ein solches Wesen gesehen, ein solches Monster wie diesen Mann, mit dem sie das Lager teilen sollte. Die wunderbaren Spiele, die sie bisher mit dem Reich des Bettes und des Schlafs verbunden hatte, wurden plötzlich beschmutzt, besudelt, zertreten. Harte Fäuste und gierige Zähne zerrten an ihr, ein haariges Gesicht mit keuchendem Atem und einem sabbernden Mund näherte sich dem ihren, und sie wurde wie in einem Schraubstock festgehalten, als ihr Körper von einem so gewaltigen Schmerz durchbohrte wurde, daß sie glaubte, sterben zu müssen. Und dafür war sie erzogen und bewahrt worden, das also war ihre Bestimmung! Die glücklichen Tage waren unwiderruflich vorbei. In ihrer Verzweiflung und um ihrem Schicksal zu entgehen stürzte sie sich vom Balkon und starb auf der Stelle.

Der Sultan konnte diesen Verrat weder verstehen noch verzeihen. Er wurde in seinem Glauben an die Treulosigkeit der Frauen bestärkt und versuchte eine Zeit, sich mit seinen Knaben zu trösten, aber auf Dauer genügten sie ihm nicht. Er war besessen von dem Gedanken, absolut reine Frauen zu erobern. Er ließ neue Mädchen rauben und erziehen und nur von alten Frauen bewachen, und nun sorgte er dafür, daß sie ihm nach der Liebesnacht nicht entkommen konnten. Er ließ sie selbst töten, wenn der Akt vollzogen war; auf diese Weise mußte er sich auch nicht ein zweites Mal einer gebrauchten Jungfrau bedienen.

Das Gerücht von all den ermordeten jungen Bräuten verbreitete sich im Reich, und die Mütter versuchten, ihre kleinen Mädchen zu verstecken, aber die Männer des Sultans fanden dennoch genug, um ihren Herrn zufriedenzustellen. Und auf alle wartete ein grausames Schicksal. Aber ein Mädchen war außergewöhnlich begabt und phantasievoll. Schon als kleines Kind hatte sie es geliebt, Lieder und kleine Geschichten zu erfinden, und als sie fern von der Welt im Harem des Sultans gefangengehalten wurde, erfreute sie ihre alten Wärterinnen damit, daß sie ihnen Märchen erzählte. Auch diese erinnerten sich an Geschichten, und so verging die Zeit im Treibhaus schnell. Dem Mädchen gelang es, den alten Frauen das Schicksal ihrer Vorgängerinnen zu entlocken, so daß sie gerüstet war, als die Hochzeitsnacht herannahte. Sie wurde verhüllt zum Bett des Sultans geführt, und als sie entschleiert wurde, fand er sogleich Gefallen an ihr. Sie beugte den Nacken und küßte den Boden zu seinen Füßen, und dann schaute sie auf.

»Ich weiß, was von mir gefordert wird, aber wenn es meinem Herrn beliebt, so würde ich gerne zuerst ein Märchen erzählen, um die Zeit zu dehnen und so seinen Genuß zu vergrößern«, sagte sie.

Der Sultan war über diese Dreistigkeit erstaunt, aber er fand den üblichen Ablauf inzwischen etwas eintönig und war neugierig, ob dieses Mädchen es schaffen würde, ihn kurzweiliger zu gestalten.

»Nun, laß hören«, sagte er.

Sie setzte sich zu seinen Füßen zurecht und begann ihre Erzählung:

Es war einmal ein junger Mann, der sich eines Tages in eine schöne Frau verliebte, die er auf der Straße gesehen hatte. Das war in einem westlichen Land, wo die Sitten freier sind und die Frauen unverschleiert umhergehen. Er folgte ihr, und sie führte ihn zu einer Pforte in einer Mauer. Die Pforte wurde geöffnet, und sie glitt hindurch und war verschwunden. Der junge Mann klopfte an die Tür, doch er erhielt keine Antwort, und niemand kam, um zu öffnen. Seine Verliebtheit war jedoch so heftig, daß er um jeden Preis in ihre Nähe gelangen wollte. Er schwang sich mit Hilfe eines Seils, das er auf dem Boden liegen sah, auf die Mauer und sprang auf der anderen Seite hinunter. Dort lag ein schöner Garten mit schmalen Wegen zwischen Blumenrabatten und duftenden Büschen, ein Springbrunnen plätscherte in der Mitte, und über allem wölbte sich das dichte Laubwerk der Bäume. Weiter weg stand ein kleiner Palast mit einer alten Steintreppe, schönen Säulen, die einen Balkon trugen, und Fenstern, deren Läden fast alle verschlossen waren. Nur einer stand offen, und aus diesem strömte der wundervollste Gesang, den der junge Mann je gehört hatte. Er blieb wie verzaubert stehen und lauschte, bis die letzten Töne verklungen waren. Dann ging er zur Tür und zog am Klingelstrang. Nach einer Weile waren schlurfende Schritte zu hören, und eine uralte Frau zeigte sich in der Tür und blinzelte ihn mit tränenden Augen an.

»Was wollt Ihr?« krächzte sie.

»Ich suche eine Dame, eine schöne junge Dame, die ich gerade in dieses Haus habe gehen sehen«, sagte der junge Mann mit klopfendem Herzen.

»Hier gibt es keine junge Dame«, antwortete die Hexe barsch.

»Ich habe sie selbst gesehen, ich habe sie durch die Pforte in der Mauer gehen sehen, und hier gibt es kein anderes Haus, also muß sie hier sein. Ich habe sie auch vor einer kurzen Weile singen hören.«

»Ich sage doch, daß es hier keine Dame gibt.«

Der junge Mann wurde von Furcht und dumpfen Ahnungen ergriffen.

»Ihr haltet sie gefangen, vielleicht habt Ihr sie getötet«, argwöhnte er und versuchte, sich an der Alten vorbeizudrängen.

Aber es zeigte sich, daß diese ungeahnte Kräfte besaß, und sie schob den Jüngling mit harter Hand zurück und versperrte ihm den Weg. Da waren leichte Schritte auf der Treppe zu hören.

»Was ist, Filometta?« fragte eine jugendliche, wohlklingende Stimme.

Das ist sie, dachte der Jüngling, wurde aber sofort aufs äußerste enttäuscht, als er einen jungen Mann hervortreten sah. Es war ein Jüngling in seinem Alter mit weichen Zügen, sehr elegant und von großer Schönheit in Haltung und Stil.

Das muß ihr Bruder sein, dachte der Eindringling zunächst, aber gleich darauf durchfuhr ihn ein anderer Gedanke wie ein Peitschenhieb: Wenn es nun ihr Gatte ist!

»Ich bitte vielmals um Verzeihung, mein Herr, daß ich mich so aufdränge. Aber ich sah eine entzückende junge Dame durch die Pforte gehen, und dann hörte ich eine ganz wundersame Musik durch das Fenster, und ich wollte nur eine Gelegenheit finden, diese junge Dame zu treffen, um ihr meine Verehrung zu bezeugen und sie für ihren Gesang zu preisen. Ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn sie Ihre Gattin sein sollte, wovon ich nichts wußte, als ich ihr hierher folgte, das versichere ich Ihnen.«

»Meine Gattin«, sagte der andere und lächelte. »Nein, nein.«

»Also Ihre Schwester. Ich dachte schon, eine gewisse Ähnlichkeit wahrzunehmen.«

»Auch das nicht.«

»Aha. Nun ja, ich mische mich da nicht ein, und sie gehört ohne Zweifel zu Ihnen«, sagte der junge Mann enttäuscht. »Ich hätte sie nur so gerne noch einmal gesehen und singen gehört.«

»Warum gehen Sie dann nicht heute abend in die Oper, dort singt sie«, schlug der andere höflich lächelnd vor. »Hier ist eine Eintrittskarte, die ich übrig habe, bitte sehr.«

Der junge Mann bedankte sich überschwenglich und wurde von der alten Frau zur Pforte hinausgeleitet.

Am gleichen Abend ging er in die Oper und erfuhr, daß die große Zambinella auftreten würde und das Stück ›Das Testament‹ hieß. Aus dem Gemurmel des Publikums um ihn herum entnahm er, daß man sich sehr viel von dem Abend versprach. Die Sängerin war wie eine Sternschnuppe, die plötzlich am Himmel aufgeht, und niemand wußte so recht, woher sie kam. Dieses Geheimnis um ihre Person steigerte noch ihre Anziehungskraft, und Spannung lag in der Luft, als der Vorhang aufging und das Orchester die Ouvertüre spielte. La Zambinella hatte ihren Auftritt in einer großen Galatoilette.

»Das ist sie!« Der junge Mann hörte, wie sein Gedanke laut ausgesprochen wurde, und er wußte nicht, ob er selbst diesen Satz ausgerufen hatte oder sein Banknachbar. Er konnte seine Augen nicht von der Frau auf der Bühne lösen. Sie war vollendet. Ihre schwarzen Locken ringelten sich weich über alabasterweiße Schultern, ihre funkelnden Augen richteten sich zuerst auf das Publikum, und fast glaubte der junge Mann, sie schaute ihn an, bevor sie ihren Blick zur Decke hob. Ihr Hals war schmal und weiß wie der eines Schwans, und ein Spitzentüchlein verbarg die Öffnung des Busens und ließ dennoch die weichesten Lilienhügel erahnen. In einer sanft geschwungenen Linie ging die Taille in die Hüften über. Sie machte eine anmutige Verbeugung zum Orchester, und dann begann sie zu singen. Der junge Mann glaubte im Himmel zu sein, die Töne entführten ihn in ätherische Gefilde, und die ganze Zeit schien es ihm, als ob diese wunderbare Frau ihn an der Hand hielte. Er geriet in Ekstase, und seine Verzückung ließ nicht nach, bis die Musik verklungen war und der Applaus um ihn herum tobte. Als sie von der Bühne verschwand, vernahm er ein Stöhnen neben sich.

»Oh, oh, sie ist es, sie ist es wirklich«, hörte er seinen Nachbarn sagen, die Worte erstickten in einem Seufzer.

Der junge Mann wandte den Kopf und erblickte einen Greis in altmodischen Kleidern und Perücke, der auf eine Krücke gestützt dasaß und seufzte.

»Was ist mit Ihnen?« fragte der junge Mann.

Der Alte schaute ihn aus rotgeränderten Augen an und sagte:

»Sie ist es, die Geliebte meiner Jugend, die Gräfin von Rosalba, ich schwöre es. Ich habe nie eine andere als sie geliebt.« Er warf sich mit einem Röcheln zurück und wurde violett im Gesicht, dann entspannten sich seine Züge, und der Blick brach.

Die Erzählerin verstummte.

»Was geschah dann? Wer war diese Frau?« fragte der Sultan. »Du mußt weitererzählen.«

»Oh, mein Herr, ich sehe, es tagt schon, und Ihr bedürft der Ruhe. Mit Eurer Erlaubnis komme ich nächste Nacht wieder und erzähle weiter.«

Der Sultan war wirklich müde und außerdem gespannt auf die Fortsetzung, er ging also auf ihren Vorschlag ein.

»Nun fahre fort!« ermahnte er sie ungeduldig in der nächsten Nacht. »Wer war der Greis, wer war diese Rosalba, und welche Verbindung bestand zwischen ihr und Zambinella?«

»Wenn es meinem Herrn beliebt«, sagte das Mädchen und erzählte weiter:

Der junge Mann half dem Diener des Greises, der in der Pause herbeigeeilt war, den Toten so diskret wie möglich hinauszuschaffen und in einen geschlossenen Wagen zu legen, der vor der Tür wartete. Als der Diener dann selbst in den Wagen stieg, folgte ihm der junge Mann, getrieben von Neugier und einem vagen Unbehagen.

»Wer ist der Tote?« fragte er seinen schweigenden Gefährten. »Und wer ist die Gräfin von Rosalba?«

»Das ist eine merkwürdige Geschichte, die man jetzt vielleicht erzählen kann. Mein Herr war der Herzog von Montenegro, als er die schöne Gräfin von Rosalba kennenlernte. Sie war mit einem sehr viel älteren Mann verheiratet, einem Grafen, der sie nur geheiratet hatte, um ihren vollendeten Gesang zu hören. Sie war sehr schön, und nur ihre Stimme konnte an Schönheit mit ihrer Gestalt wetteifern. Man erfuhr nie, woher sie stammte oder wo der Graf sie gefunden hatte, nur daß er sie in den Adelsstand erhoben und ihr einen Rang gegeben hatte, der ihrer Schönheit und ihrer Kunst würdig war. Sie verlieh dem gesellschaftlichen Leben Glanz, wohin sie auch kam, und der Graf ließ große Bankette zu ihren Ehren abhalten. Der Herzog war damals noch ein sehr junger und heißblütiger Mann, der schon viele amouröse Abenteuer genossen hatte. Aber eine so herrliche Frau wie die Gräfin von Rosalba hatte er noch nie gesehen, und ihre göttliche Stimme ließ ihn vollends zu ihrem Sklaven werden. Er machte ihr seine Aufwartung, überschüttete sie mit Bitten um den mindesten Gnadenbeweis. Aber er erreichte nur, daß er ihren Fächer aufheben, ihre Noten tragen und ab und zu im Garten mit ihr spazierengehen durfte. Der glücklichste Tag in seinem Leben war, als sie ihm erlaubte, ihre Hand zu nehmen und sie bis zum Ellbogen hinauf zu küssen. Aber er wollte sich damit nicht begnügen, sein Begehren wurde immer unmäßiger, und schließlich kam er zu der Einsicht, daß er ihren Gatten aus dem Weg räumen mußte, wenn er Erfolg bei der Dame haben wollte. Mein Herr forderte den alten Grafen zum Duell, und jung und beweglich wie er war, gelang es ihm, seinen Rivalen zu töten.

»Nun bist du mein«, flüsterte der Herzog leidenschaftlich der Gräfin ins Ohr und wollte sie küssen, aber sie drehte ihr Gesicht weg. Da versuchte er es mit Gewalt. Sie wurde kreideweiß im Gesicht, und ihre Augen funkelten ihn wütend an.

»Behandeln Sie mich nie wieder so«, sagte sie und riß sich los. Dann floh sie und schloß sich in ihrem Zimmer ein.

Der Herzog kam immer wieder zum Schloß und bat, vorgelassen zu werden, wurde aber jedesmal abgewiesen. Schließlich kletterte er zu ihrem Fenster hinauf und schaute in ihr Schlafzimmer. Es war leer. Sie war geflohen.

Sie blieb spurlos verschwunden, und er widmete den Rest seines Lebens und sein ganzes Vermögen dem Versuch, sie aufzuspüren. Mal hörte er das Gerücht von einer wunderschönen Frau, die in Italien Kanzonetten auf der Straße sang, mal hatte er eine bezaubernde Sängerin unter umherziehenden Zigeunern entdeckt. Er folgte unermüdlich ihren Spuren, aber immer wieder wurde seine Hoffnung enttäuscht. Jedesmal wenn er ankam, war sie gerade verschwunden. Fast war sein Vermögen gänzlich zerronnen. Es war nicht mehr viel übrig, als wir in diese Stadt kamen, das weiß ich. Und dann fand er sie hier – als La Zambinella. Sie ist es wirklich, das kann ich bezeugen. Und sie ist nicht gealtert, sie ist immer noch dieselbe«, sagte der Diener.

Dem jungen Mann war wunderlich zumute bei dem Gedanken, daß seine Angebetete in Wirklichkeit eine alte Frau sein sollte, und er wollte es nicht glauben. Von Unruhe getrieben, die einem Fieber glich, zog er, nachdem er dem Diener geholfen hatte, den toten Herzog wegzubringen, weiter zu Zambinellas Haus. Auch dieses Mal stieg er über die Mauer und schlich durch den Garten zu dem kleinen Palast. Er entdeckte einen kleinen Eingang auf der anderen Seite, dessen Tür nicht verschlossen war.

Der Jüngling kam in eine Küche. Ein Feuer brannte im Ofen, und die alte Frau wandte ihm den Rücken zu und bereitete eine Mahlzeit. Auf einem Tablett standen schon eine Weinflasche und ein Glas. Ohne daß die Frau ihn bemerkte, schlich der junge Mann sich lautlos zu einer Tür, die zu einem Korridor zu führen schien, und lief die Treppe hinauf in den zweiten Stock, aus dem der Gesang gekommen war, als er das letzte Mal hier gewesen war. Er öffnete einige Türen und sah Gästezimmer mit Himmelbetten, in denen die Spinnweben wie Vorhänge hingen und der Staub wie ein Teppich den Boden bedeckte, bis er schließlich ein sauberes Zimmer fand, in dem verschiedene Kleidungsstücke verstreut lagen wie in einer Theatergarderobe vor der Vorstellung. Er ging hinein und wartete. Inzwischen untersuchte er die herumliegenden Sachen und fand Masken und Perücken, Männer- und Frauenkleider der unterschiedlichsten Stile und Epochen. Und in der Mitte der einen Wand stand ein Toilettentisch mit drei Spiegeln und einer Menge von Töpfen und Pinseln. Das Herz klopfte ihm wild in der Brust, als er auf der Treppe Schritte hörte, begleitet von einem munteren Trällern. Es gelang ihm gerade noch, sich in einem offenstehenden Schrank zu verstecken, bevor die Tür geöffnet wurde und sie hereinkam. Sie war bezaubernd. Immer noch trällernd, ging sie zum Spiegel und begann sich auszuziehen.

Zuerst nahm sie ihre Perücke ab, darunter hatte sie kurzgeschnittenes Haar, das ihrem Gesicht etwas Jungenhaftes gab, dann entfernte sie die falschen Wimpern und einen Teil der Schminke, aber sie war immer noch schön, und das Herz des Betrachters wurde von ihren weichen Zügen angerührt, die in ihrer Nacktheit noch weicher erschienen. Sie hakte den Rock auf und entblößte ein rundes, schmales Hinterteil in hellen Trikots, dann zog sie die Bluse über den Kopf. Ihr Rücken war sanft gewölbt, die etwas hervorstehenden Schultern gerade, und im Spiegel sah der junge Mann, wie sie nun den Büstenhalter auszog und eine vollkommen flache Brust zum Vorschein kam. Es gab auch nicht den Ansatz einer weiblichen Rundung. Dann drehte das Objekt seiner Bewunderung sich um und schlüpfte, immer noch trällernd, aus den Trikots. Die Hosen waren vorne etwas ausgebuchtet.

Der junge Zuschauer im Schrank wurde ohnmächtig und fiel mit einem Poltern zu Boden.

Als er die Augen wieder aufschlug, stand der junge Mann, den er bei seinem ersten Besuch im Haus getroffen hatte, mit einem Glas Wasser in der Hand vor ihm und führte es an seine Lippen.

»Sie sind also La Zambinella«, preßte er hervor.

»Ja.«

»Aber Sie singen wie eine Frau.«

»Ja, eine kleine Operation, die mich dessen beraubt hat, was für die meisten Männer das wichtigste ist, hat mir statt dessen die Stimme einer Frau gegeben, eine Stimme, die von vielen als göttlich bezeichnet wird«, sagte er bescheiden.

»Aber die Gräfin von Rosalba, wer war dann sie?« fragte unser junger Held, nachdem er die Fassung wiedergewonnen hatte.

Da geschah etwas Eigentümliches. Der schöne Jüngling verwandelte sich vor seinen Augen; die Haare ergrauten und verloren ihren Glanz, das Gesicht zog sich in tausend Falten und Runzeln, Wangen und Kinn erschlafften, die Augen ermatteten und wurden klein und rotgerändert. Die ganze Gestalt sank in sich zusammen und schrumpfte zu der eines alten Mannes, oder war es die einer alten Frau? Als das Wesen wieder sprach, war die Stimme heiser und krächzend und wurde zwischen zahnlosen Kiefern hervorgepreßt.

»Ich bin die Gräfin von Rosalba, die eigentlich der Kastrat Rossamara ist, von dem Sie sicher schon gehört haben, zumindest über Ihre Eltern, und ich bin viele andere. Aber nun, da Sie meinem Geheimnis auf die Spur gekommen sind, kann ich endlich Frieden finden.«

Die junge Erzählerin verstummte.

»Aber wie hat es sich denn zugetragen, das mußt du mir auch erzählen«, befahl der Sultan und gab ihr so noch eine Nacht Aufschub.

Und die kleine Prinzessin erzählte, Nacht um Nacht, bis es tausendundeine Nacht waren. Da hatte sie von den Geschichten genug und wollte sich selbst in die Welt hinausbegeben, von der sie erzählt hatte, verspürte solche Lust, sie in Wirklichkeit kennenzulernen.

In der letzten Nacht gelang es ihr, ein Messer mit in das königliche Schlafgemach zu nehmen, und als sie ihre Geschichte erzählt hatte und sah, daß dem Sultan die Augen zufielen, stieß sie ihm das Messer ins Herz, zog ihre einfachsten Kleider an und floh aus dem Palast. Seitdem ist sie spurlos verschwunden, aber es gibt Leute, die glauben, daß sie nun eine sehr alte Frau ist, die sich davon ernährt, auf Märkten und an Stadtmauern Märchen zu erzählen.

»So beendete die alte Erzählerin ihre Geschichte, damals in meiner Jugend, als ich an der Stadtmauer von Alexandria auf meine Karawane wartete«, sagte der merkwürdige Fremdling, während draußen der Sturm heulte, das Kaminfeuer jedoch wärmte und einen flackernden Schein über das Zimmer warf, an jenem weit zurückliegenden Abend in meiner Kindheit, schloß Karen Blixen.

3

Die anderen Frauen brachen in gemeinsames Gelächter aus.

»Ja, da seht ihr, die Männer werden gebraucht, und wenn auch nur als Gegner«, sagte Victoria. »Eine Erzählung ganz ohne Männer wäre schon ziemlich langweilig.«

»Sag das nicht«, überlegte Virginia. »Es wäre einen Versuch wert.«

»Ja, aber niemand würde solche Geschichten ernst nehmen«, antwortete Victoria. »Sie würden irgendwie ärmlich wirken.«

»Warum denn das?« fragte Charlotte hitzig. »Oder warum soll man nicht über kleine und einfache Dinge erzählen können und sie zur Kunst erheben? Ich habe immer von solch einem Buch geträumt, einem Buch, das nur einfache, alltägliche Menschen schildert – oder warum nicht nur Frauen?«

»Ein Buch ohne einen Rochester? Nein, das glaube ich nicht, liebe Charlotte«, warf Emily ein.

»Ich auch nicht«, sagte Anne und schüttelte energisch ihre nußbraunen Korkenzieherlocken. »Stellt euch vor, wenn er wirklich hier wäre!« rief sie dann klagend aus. »Ich war ganz sicher, daß wir uns wiedersehen würden.«

»Wer«, fragte Emily, »Rochester?«

»Nein, du Dummkopf, du weißt genau, wen ich meine. William Weightman.«

»Ach so, der«, sagte Emily gelangweilt. »Ich für meinen Teil hätte Heathcliff wiedersehen wollen, und ich bin fast sicher, daß er hier ist. Ich meine ihn vorhin gesehen zu haben.«

»In einem Cape?« lächelte Karen wissend.

»Ja, in einem Cape«, murmelte Emily.

Victoria stand auf, verbeugte sich vor den anderen und erklärte, daß sie einen Spaziergang zu machen gedenke. Sie streckte sich nach den Krücken, die an den Tisch gelehnt waren, und auf diese gestützt ging sie leicht hinkend, aber in würdevoller Haltung davon.

Anne wandte sich eifrig an Emily, als ob sie darauf gewartet hätte, wieder zu Wort zu kommen.

»Aber William war doch wirklich! Im Gegensatz zu Rochester und Heathcliff und all den anderen, die wir erfunden haben. William war der einzige, der mich dazu brachte, zu leben. Ich war sicher, daß ich ihn wiedersehen würde! Sonst wäre all dieses Leiden unerträglich gewesen. All dieser Schmerz, die Krankheit, die mich von innen her auffraß, die Gewißheit, daß ich so jung sterben würde, ohne etwas von dem tun zu können, was ich gewollt hätte: noch mehr Bücher zu schreiben, zu heiraten, Kinder zu kriegen. Mein einziger Trost war, daß ich ihn auf der anderen Seite wiedersehen würde. Er ist vielleicht noch nicht da, aber er muß kommen!«

»Zu schade«, sagte Emily unbarmherzig, »du siehst doch, daß dies hier eine Frauenwelt ist! Du mußt dich eben mit den von uns geschaffenen Figuren zufrieden geben, und glaub mir, sie sind besser und spannender als dein kleiner Hilfsprediger.«

»Wie gemein du bist!« rief Anne aus. »Du gönnst mir William nur nicht, weil du selbst keinen Mann abgekriegt hast.«

»Einen Hilfsprediger!« Emily schnaubte verächtlich.

»Hört auf zu streiten«, ermahnte sie Charlotte.

»Nein, Mama«, keifte Emily zurück.

Karen mischte sich in die Kabbelei ein. In ihrem weißgepuderten Gesicht wirkte der Mund wie ein schräger Pinselstrich.

»Hört zu, ihr Mädchen, ihr seid entzückend! Aber meint ihr nicht, wir sollten versuchen, etwas zu trinken zu bekommen? Ich bin sehr durstig, besonders nachdem ich so lange gesprochen habe. Ich habe einen ganz trockenen Hals.«

»Eine gute Idee«, stimmte Vita zu. »Eine Erfrischung wäre nicht verkehrt.«

»Wie zum Beispiel Champagner«, sagte Karen. »Ich habe tatsächlich schon eine Bestellung aufgegeben, aber niemand scheint sich darum zu kümmern. Ich sterbe, wenn ich nicht bald eine Zigarette bekomme!«

»Wir versuchen es einfach noch einmal.« Vita stand auf und ging auf das Gebäude zu. »Hallo!« rief sie mit dunkler, wohlklingender Stimme ins Haus. »Ist hier jemand?«

Wie aus dem Nichts erschien das Dienstmädchen, knickste und lächelte einschmeichelnd.

»Ah, da sind Sie ja!« rief Karen aus. »Also, kann ich jetzt das bekommen, was ich schon vor langer Zeit bestellt habe, und zwar sofort!«

Das Mädchen ging zu ihrem Tisch und wedelte leicht mit einem Lappen darüber, ohne ansonsten von der Baronin Notiz zu nehmen. Der blieb angesichts dieser beleidigenden Mißachtung der Mund offen stehen.

»Das ist ja wohl die Höhe! Verstehen Sie denn nicht? Sind Sie dumm? Trinken.« Sie zeichnete in die Luft. »Hohe Gläser. Champagner. Verstanden?«

Das Dienstmädchen ahmte sie nach, machte aber keinerlei Anstalten, das Gewünschte zu holen.

»Eine Unverschämtheit!« Die Baronin hatte rote Flecken am Hals. »So etwas habe ich ja noch nie erlebt! So ein freches Ding!« Sie wandte sich keuchend an Vita: »Ich gebe es auf. Das ist mir zuviel! Glauben Sie, daß Sie etwas erreichen?«

»Ich will mal sehen«, antwortete Vita, ging auf das Mädchen zu, faßte es unters Kinn und schaute ihm in die Augen. Dann ließ sie los, und das Mädchen lief errötend ins Haus.

Karen fächelte sich mit einem alten Theaterprogramm, das sie in ihrer Handtasche gefunden hatte, Luft zu. Jemand trat auf die Terrasse hinaus, aber es war nicht die Bedienstete, sondern ein großer, magerer Mann, der seinen Hut über ein Auge gezogen hatte und eine Pelerine über den Schultern trug. Wie viele hochgewachsene Menschen ging er etwas gebeugt.

»Ein Mann!« riefen Anne und Charlotte gleichzeitig aus.

»Wie schön für euch«, fauchte Emily.

»Was soll das nun bedeuten?« fragte Virginia, die eine ganze Weile schweigend und abwesend dagesessen hatte. Ihre Augen blinzelten schlaftrunken.

Der Mann war weder jung noch alt, weder häßlich noch schön, und er sah weder reich noch arm aus. Die ganze Gestalt hatte etwas Vages. Aber seine grauen Augen schauten klar und ehrlich, als er auf Virginias Tisch zuschritt, sich verbeugte und sagte:

»Gestatten Sie? Mein Name ist Ernst Ahlgren. Ein Schriftstellerkollege. Darf ich bei Ihnen Platz nehmen?«

»Aber gerne«, antwortete Virginia.

»Nein, was soll denn das?« sagte Vita zu Karen. »Was hat der Kerl hier zu suchen?«

Karen lächelte geheimnisvoll und meinte, daß dieser unerwartete Zugang interessant sein könne. Sie bedauere nur, daß es nirgendwo einen Spiegel gebe. Erneut stöberte sie in ihrer Handtasche, fand aber weder Spiegel noch Zigaretten, nach denen es sie in diesem Moment sehr verlangte.

Offenbar voneinander absorbiert, waren Ernst und Virginia in ein Gespräch vertieft. Bruchstücke davon gelangten zu den anderen. Wörter wie »Schwesternseele« und »Arbeit«, »moralischer Halt« und »Wahrheit der Gefühle« waren zu vernehmen, und plötzlich hörte Vita, wie der Mann bat, Virginia küssen zu dürfen. Diese zuckte zusammen, aber als er ihr versicherte, daß er einen geschwisterlichen Kuß meine, gab sie schüchtern nach. Vita schnaubte:

»Julian war ein besserer Kavalier, er hatte mehr Anmut und Glut als dieses Milchgesicht!« Sie stand demonstrativ auf und ging hoch erhobenen Hauptes auf das Haus zu.

Virginia schien es nicht zu bemerken. Karen wühlte immer noch in ihrer Handtasche, und die Schwestern Brontë flüsterten miteinander.

»Ich finde ihn ziemlich elegant«, meinte Anne.

»Oh ja«, sagte Emily, »auf jeden Fall besser als eure Hilfsprediger.«

»Er sieht achtbar aus, irgendwie aufrecht und ehrlich«, fand Charlotte. »Aber Anne, du frierst doch wohl nicht«, wandte sie sich plötzlich an die Schwester.

»Nein, nein«, antwortete diese.

»Du weißt, daß ich mich um dich sorge.«

»Ja doch, liebe Charlotte, das weiß ich. Und ich werde nie vergessen, daß du mich ans Meer gebracht hast, ehe ich starb. Daß ich das noch erleben durfte, dafür bin ich dir ewig dankbar.«

»Das war das mindeste, was ich tun konnte. Ich hätte alles für dich getan. Und für dich auch, Emily, das weißt du.«

Emily schüttelte unwillig ihre dunklen Locken, schaute in den Nebel und murmelte etwas Zustimmendes.

»Aber ich durfte ja nicht!« Charlotte klang plötzlich bitter.

»Fang jetzt nicht schon wieder damit an!« sagte Emily, aber Charlotte beharrte:

»Ich durfte dich nicht einmal zu einem Arzt bringen. Wenn du mich nur das hättest tun lassen, dann wärst du mir vielleicht noch ein bißchen länger geblieben. Ich hatte ja sonst niemanden, nur Vater, und der war mit sich selbst beschäftigt.«

»Ich hatte vielleicht kein Interesse daran, noch länger zu bleiben«, unterbrach Emily sie.

»Nein, du hast nur an dich gedacht!«

Emily lachte.

»Und du hattest wieder etwas Neues, worüber du schreiben konntest.«

»Trauer und Einsamkeit«, sagte Charlotte.

Emily warf den Kopf in den Nacken:

»Das ist wohl nicht das Schlechteste. Ich finde übrigens, daß Shirley deine spannendste Hauptfigur ist.«

Jetzt wurde Charlotte wirklich ärgerlich. Ihre kleine, unscheinbare Gestalt wuchs, die Augen blitzten, die Wangen glühten, und das Haar stand um ihren Kopf wie ein Heiligenschein.

»Weil Shirley ein Porträt von dir ist«, rief sie. »Das ist typisch für dich!«

»Sie ist auf jeden Fall keine Gouvernante«, murmelte Emily etwas milder.

»Nein, und was ist bitte schön verkehrt an Gouvernanten?« zischte Charlotte.

Anne trat zwischen die beiden.

»Jetzt warst du gemein, Emily.«

»Gouvernanten und Hilfsprediger, das ist alles, was euch einfällt«, sagte Emily unbarmherzig.

»Ich möchte kein schlechtes Wort mehr über Hilfsprediger hören«, sagte Charlotte und stampfte mit ihrem kleinen Fuß auf. »Hast du das verstanden! Im übrigen sind nicht alle gleich.«

»Nicht gleich pickelig«, konnte Emily sich nicht verkneifen zu antworten. »Aber verzeih, wenn ich auf den ehelichen Zeh getreten bin. Ich hatte ganz vergessen, daß du deinen Hilfsprediger am Ende ja bekommen hast, und auch das Liebespfand unterm Herzen.«

»Warum bist du so grausam?« Charlottes Mund zuckte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Ich kann niemals so grausam sein wie die sogenannte Wirklichkeit«, antwortete Emily. »Das Liebespfand hat dich das Leben gekostet. Das ist die wahre Grausamkeit.«

»Aber du mußt mich offenbar daran erinnern«, sagte Charlotte.

Jetzt unterbrach Anne sie:

»Warum streitet ihr euch eigentlich! Denkt lieber einmal an mich.«

»Das hat gerade noch gefehlt«, wandten sich beide Schwestern ihr zu. »Haben wir nicht immerzu an dich gedacht?«

»Was meint ihr, wie es war, die jüngste Schwester Brontë zu sein?«

»Du warst die liebreizendste«, sagte Charlotte. »Dir sind die Angriffe der Kritiker gegen das ›Unweibliche‹ in unseren Büchern erspart geblieben. Wir haben weiß Gott genug zu hören bekommen über unsere ›Bitterkeit‹, unseren ›Zorn‹, unsere ›Schwarzseherei‹.«

»Ja, dir ist es erspart geblieben, ihrer Angst vor den dunklen Kräften gegenüberzustehen«, ergänzte Emily verächtlich. »Nein, tausendmal lieber eine Hölle, in der es knistert und brennt und glüht, als ihre gepflegten Paradiesgärten.«

Karen, die dem Streit der Schwestern interessiert zugehört hatte, applaudierte bei der letzten Replik.

»So ist es gut, Mädchen«, sagte sie. »So muß es sein!« Sie wandte sich aufmunternd an Emily und fragte sie, ob sie nicht von ihrer paradiesischen Hölle erzählen wolle, aber Emily drehte ihr mit einem störrischen Nein den Rücken zu.

Charlotte versuchte, ihre Unhöflichkeit herunterzuspielen:

»So ist sie immer!«

Plötzlich heulte es hinter dem Haus, es knackte und krachte, als ob sich die gefesselten Kräfte eines rasenden Dämons befreiten, in einem gewaltigen Brausen, das über das Dach hinwegfuhr und dann über den Felsen stürzte, ein Sturm brüllte, Blätter, Röcke, Haare wurden emporgewirbelt. Eine winterliche Kühle brach über die Frauen herein, und sie fröstelten und schüttelten sich. Das Heulen wurde ohrenbetäubend und ging in ein Geräusch über, das wie ein hohles Lachen klang. Dann hörte der Spuk ganz plötzlich auf, der Wind legte sich, und die Kälte zog sich zurück.

Erschreckt schauten sich alle um, alle außer Emily, deren Blick plötzlich von einer ungeheuren Sehnsucht erfüllt war. Sie stand mit ausgestreckten Armen da, als ob sie den Wind zurückrufen wollte.

»Was war das?« fragten Virginia und Ernst gleichzeitig und schauten einander erstaunt an.

»Was meinst du, Emily, was war das?« Karen lächelte sybillinisch.

Emily sagte nichts.

»Sie glaubt wohl, daß es Heathcliff war«, antwortete Anne für sie. »Jedenfalls sieht sie aus, als ob sie Heathcliff getroffen hätte. Er ist ihre Seele, ihr zweites Ich, er ist mehr sie als sie selbst. Das sind ihre Worte.«

»Dann hätte es ebensogut Rochester sein können«, sagte Charlotte. »Mein Rochester.«

Emily hatte sich ihnen wieder zugewandt.

»Dieser Waschlappen«, sagte sie verächtlich. »Du mußtest ihn zum Invaliden machen, ihn blind und hilflos und unbrauchbar werden lassen, bevor deine Jane ihn kriegen konnte.«

»Sie wurde sein Gesicht und seine rechte Hand. Sie war im wahrsten Sinn des Wortes sein Augenstern«, sagte Charlotte.

»Ja, das ist schön«, fügte Anne ein. »Aber Heathcliff ist das ganze Buch hindurch dämonisch.«

»Heathcliff ist stark, seine Leidenschaft reicht bis auf die andere Seite des Grabes. Bis in die Hölle«, sagte Emily mit einem spöttischen Zug um die Mundwinkel. »Er ist der Ausgestoßene, er ist frei! Er ist Kain, Luzifers Sohn.«

Nun schaltete Virginia sich in das Gespräch ein.

»Dein ganzes Buch ›Sturmhöhe‹ bewegt sich in einer Kinderwelt; auch wenn deine Figuren erwachsen sind, handeln sie mit dem Zorn von Kindern, dem Hunger von Kindern nach Nahrung und Liebe, dem totalen Egoismus von Kindern. Es ist eine Welt vor der Zivilisation. Es ist dieses Unmittelbare und Elementare, was dein Buch so großartig macht. Aber über etwas anderes habe ich oft nachgedacht«, fuhr sie fort. »Woher stammen eigentlich eure temperamentvollen und dämonischen Männerfiguren? Steckt da euer Vater, der Pfarrer, dahinter oder euer Bruder, das gescheiterte Genie?«

»Nein, wie können Sie nur so etwas glauben!« rief Charlotte indigniert aus.

»Liebe Virginia«, sagte Karen, »wissen Sie denn nichts von Träumen? Ich finde das sehr interessant, diese dämonischen Gestalten, dieses Interesse für die Hölle, an dem Emily zu tragen scheint. Können wir nicht etwas von Ihrer paradiesischen Hölle hören?«

»Nein«, antwortete Emily. »Ich habe keine Lust.«

Es wurde still. Das Schweigen schien eine Ewigkeit zu dauern, bis schließlich Ernst das Wort ergriff.

»Dann kann ich mir vielleicht erlauben, statt dessen vom Paradies zu erzählen«, sagte er leise.

Die anderen drehten sich etwas erstaunt zu ihm um.

»Ja, warum nicht«, antwortete Karen erleichtert. »Wenn es mit der Hölle nicht klappt, versuchen wir es eben mit dem Paradies.«

»Gerne, erzählen Sie vom Paradies«, bat Virginia.

»Oh ja, das wäre nett«, sagten Anne und Charlotte.

Emily schwieg.

4

Ich nenne die Erzählung ›Paradiesinsel‹, begann Ernst. Ich war einmal im Sommer zu Besuch bei einem Schriftstellerkollegen und seiner Frau auf ihrer Insel in den finnischen Schären. Er hatte die Geschichte der Insel für die Nachwelt niedergeschrieben. Denn diese Insel besaß eine richtige Geschichte, nicht nur einen Hintergrund aus Familienchroniken und alten Dingen, die ihre eigene Sprache sprechen, sondern eine richtige Geschichte, gewürzt mit Entführung, Liebe, Eifersucht, Gier, Einsiedlerleben und Mord, sie enthielt jähen Tod, aber auch den Traum vom Paradies.

Das Buch über die Insel lag in dem Zimmer, das ich bewohnte, und ich las es, wenn ich dort war. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein Möbelstück wiederzuerkennen, einen Raum, ein Fenster, eine Aussicht, sich von diesen Dingen umgeben zu sehen und gleichzeitig über sie zu lesen und zu wissen, daß sie vor vielen Jahren Zeugen der Geschichte waren, die man liest. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, wenn man auf einer Insel herumgeführt wird, auf der man zum ersten Mal ist, und jeder neue visuelle Eindruck sich durch eine Geschichte vertieft. Jeder Pfad, jeder Baum oder Busch werden zu Zeichen, die sich zu einem einzigen großen Text zusammenfügen lassen. Bald sieht man Geister aus der Vergangenheit die ganze Insel bevölkern und in die Gegenwart drängen. Das eigene Erleben, die eigene Wahrnehmung laufen Gefahr, unterworfen zu werden, das ganze Ich wird in Besitz genommen. Man wird ganz von der Geschichte umschlossen, in das Gewebe des Textes eingesponnen, ja förmlich von ihm aufgesogen.

Ich glaube, das erklärt, was eines Nachts geschah, als ich aus einem Traum erwachte, den ich sofort vergaß, der aber ein Gefühl der Unruhe in mir hinterließ. Ich ging in die Küche und machte Licht an.

Da die Läden nicht geschlossen waren, schlug die Dunkelheit in einer schwarzen Woge gegen das Fenster, wie um das Licht zu ersticken. Sie wurde von den Scheiben aufgehalten, blieb aber wie eine bedrohliche Wand davor. Ich wußte, daß die Sommernacht eigentlich hell war, aber im Kontrast zu dem erleuchteten Zimmer wirkte sie wie die finsterste Winternacht. Als ich noch über dieses Phänomen nachdachte, sah ich plötzlich, wie aus dem Dunkel hinter der Fensterscheibe ein Gesicht hervortrat. Es konnte kein Spiegelbild sein, weil die Umrisse ganz langsam vor meinen Augen auftauchten und immer deutlicher wurden, je länger ich schaute. Außerdem spiegelte ich mich selbst in der Scheibe gegen den schwarzen Hintergrund. Weiter hinten im Dunkel leuchteten die weißen Hausecken des Holzschuppens, und direkt unter dem Fensterbrett blühte eine Spitzenborte aus Wiesenkerbel. Das weiße Gesicht schwebte gleichsam darüber, hinter der Fensterscheibe, aber trotzdem nicht richtig im Dunkel. Es schien aus den Blumen darunter herauszuwachsen.

Ich war ganz sicher, nicht einer Sinnestäuschung zu erliegen, hervorgerufen durch weißen Wiesenkerbel vor schwarzem Hintergrund, denn das Gesicht hatte Ausdruck, und der Mund bewegte sich. Es war ein schönes Frauengesicht mit verhärmten Zügen und großen, bittenden Augen. Eine weiße Hand wurde ausgestreckt und klopfte an die Scheibe. Da draußen stand jemand und wollte herein. Eine Frau, die ich noch nie gesehen hatte und die altmodische Kleider trug, soweit ich das erkennen konnte. Zumindest ging von der ganzen Erscheinung etwas Altmodisches aus. Ein unangenehmes Gefühl kroch in mir hoch, und meine Haut fühlte sich an, als ob jemand mit einer großen Bürste darübergestrichen und jedes einzelne Härchen sich aufgerichtet hätte. Aber ich war merkwürdig klar im Kopf, und mein Gehirn suchte fieberhaft nach rationalen Erklärungen.

Ich konnte die Situation nur so deuten, daß es das Fräulein war, die entführte adelige Dame, die ihr ehemaliges Zuhause wiedersehen wollte. Es war ja einmal eigens für sie gebaut worden; ein richtiges herrschaftliches Haus, ein zweistöckiges Gebäude mit zwei Veranden, das im unteren Stockwerk aus Sälen und Kammern bestand, in dem es sogar einen Kachelofen gab mit einem Blumenbord ringsum und zwei Cherubim obenauf. Um die ganze Insel herum verlief ein ausgetretener Spazierweg, der Rand war mit Steinen befestigt, und bei jeder kleinen Steigung fanden sich Treppenstufen, alles zu ihrer Bequemlichkeit geschaffen, damit ihr kleiner Fuß sicher auftreten konnte und sie den Herrensitz nicht vermißte, den sie verlassen hatte, um einem bürgerlichen Mann auf eine zuvor unbewohnte Insel zu folgen. Im Garten fehlte es nicht an Obstbäumen und Beerenbüschen; Eiben, Pappeln und Lärchen waren zwischen gewöhnliche Fichten, Kiefern, Birken und Wacholder gepflanzt worden. Flieder und Jasmin prangten an den Hauswänden, und in den Rabatten wuchsen Rosen, Akelei, Tränendes Herz und Pfingstrosen. Ihr Mann hatte in dieser Wildnis einen richtigen Lustgarten für sie geschaffen. War es so merkwürdig, daß sie ihr einstiges Paradies wiedersehen wollte?

Ich öffnete das Fenster, und sie glitt herein wie Mondschein und materialisierte sich in voller Größe.

»Hier hat sich viel verändert«, sagte sie in singendem Finnlandschwedisch und schaute sich um.

Ich stand stumm und unbeweglich da und betrachtete sie. Es war, als ob mein Körper erstarrt, als ob er verzaubert wäre. Ich konnte keinen Finger rühren, aber meine Augen waren weit offen, und ich lauschte angespannt. Ihre Stimme war dünn und hoch, leise, fast wie ein Flüstern, aber dennoch sehr deutlich, und an ihrem Dialekt gab es keinen Zweifel. Sie war zart gebaut und ihr Gesicht verhärmt, Zeichen von Sorgen und Problemen, von unerwarteten Rückschlägen. Zugleich waren da aber auch Entschlossenheit und Eigensinn, man merkte, daß diese kleine Frau es gewohnt war zu befehlen und selbst nie Befehle entgegennahm. Als sie sich genau umgeschaut und die Veränderungen inspiziert hatte, begann sie zu sprechen:

Hierher wurde ich gebracht, als ich jung war, fortgelockt von dem dunklen Fremden mit den leuchtenden Augen. Ich wohnte damals noch im Haus meines Vaters und verließ es wegen dieses Mannes. Ich gab mich ihm in reiner Unschuld anheim, gab mich ganz und gar und war bereit, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen, denn er war meine Bestimmung. Wir wollten jenseits von aller Kultur ein Reich der Unschuld errichten, ohne priesterlichen Segen, losgelöst von den Urteilen und Forderungen der Welt, gebunden allein durch die Liebe und den gemeinsamen Traum. Ich war magnetisch von ihm angezogen, von ihm und keinem anderen, über alle gesellschaftlichen Schranken und Familienbande hinweg. Diese Anziehung hatte ungeheure Kraft und verlieh auch mir ungeahnte Kräfte, flößte mir Mut ein und machte mich unangreifbar. Alles war möglich, kein Hindernis unüberwindbar, die höchste Glückseligkeit in Reichweite, ich konnte mich zu den Sternen emporschwingen und auf ihnen tanzen, ich konnte wie eine Zirkusprinzessin auf einem Silberseil hoch über der Erde balancieren. Ich konnte alles! Sämtliche Konventionen und angelernten Regeln wurden über Bord geworfen, in meinen Gedanken fand eine große, gewaltige Veränderung statt, und ich sah alles mit ganz neuen Augen. Die ganze Erde lag duftend, neuerschaffen und morgenfrisch vor mir. Da erst, mit ihm, begann mein Leben, er war mein Leben. Ich würde ihm bis ans Ende der Welt folgen, wir würden alles miteinander teilen.

Aber es gab an ihm auch etwas Geheimnisvolles und Dunkles, in das ich nicht eindringen konnte. Selbst in unseren glücklichsten Momenten, wenn unsere Blicke sich füreinander öffneten wie die Pforten des Himmels, sah ich ganz weit hinten in seinen Augen einen Abgrund und eine undurchdringliche Dunkelheit. Vielleicht zog mich gerade das zu ihm hin, vielleicht war es der Rand des Abgrunds, der mein Begehren weckte; versuchte ich, dieses Dunkel mit meinen eigenen Bildern und Träumen zu bevölkern, gestattete es mir, etwas zuzulassen, das in den Tiefen meiner eigenen Seele verborgen war? Er war gleichzeitig mein Liebhaber und mein Bruder, meine Zwillingsseele. Ich weiß nicht, woher er kam, er hatte keine Familie, er war, mit den Augen der Welt gesehen, ein Niemand. Aber er hatte andere Verbindungen, und andere Mächte standen ihm zu Gebote und halfen ihm.

Die Tiere versammelten sich um ihn, die Pflanzen fühlten sich wohl in seinem Garten, und er konnte mit seinen Händen Wunderwerke erschaffen. In seinen Scheunen mangelte es nie an Nahrung; sein Jagd- und Angelglück war groß. Es war, als ob die Natur ihn willkommen hieße, ihn umarmte und versorgte. Groß und dunkel wie die Urzeittannen im südwestlichen Teil der Insel, bewegte er sich lautlos im Gelände oder stand allein auf den Klippen und spähte über das Meer. Zwei Seeadler mit gekappten Flügeln hatte er zu seinen Wächtern gemacht und an den Felsen festgebunden. Einer von ihnen konnte sich befreien und ans Festland gelangen, wo er seine Klauen in ein zu Tode erschrecktes Pferd hieb und mit ihm in einem wilden Teufelsritt umherjagte, ehe er es wieder losließ.

Er zog mit mir in die Wildnis, in unberührte Natur, auf eine unbewohnte Insel. Aber er unterwarf die Natur und zivilisierte die Wildnis, er baute Häuser und rodete den Wald, er schaffte Erde hin und säte und pflanzte, legte Wege und Pfade an, errichtete Dämme für Ottern. Er baute und baute: das große Haus, die Backstube, den Stall, die Scheune, Schuppen, Erdkeller, Bootsstege. Er baute immer. Und wenn ein Gebäude fertig war, schmückte er es mit Laubsägearbeiten, schnitzte und kerbte. Immer war er mit einem Bau beschäftigt oder mit einer Falle oder einem Käfig. Wir waren die ersten Menschen, und er war der Schöpfer dieses Inselreichs, das eine Miniaturkopie der Zivilisation da draußen sein sollte. Hier war er Alleinherrscher, und niemand von außen hatte Zutritt zu unserer Insel. Er saß in den Felsspalten und wachte mit dem Gewehr in der Hand, er markierte im Wasser die Grenzen mit Pfählen und jagte jeden Eindringling davon. Er umgab sein Paradies mit unüberwindbaren Mauern und versuchte, es gegen die Außenwelt abzuschirmen. Sein Traum vom Paradies erwies sich als ein Traum von Herrschaft.

Ich legte keinen sehr großen Wert auf das Herrschaftliche, ich floh ja vor dem Eingezäunten, dem allzu Wohlgeordneten, das Dunkle und Ungezähmte an ihm lockte mich. Aber ich ließ ihn machen. Er war mit so kindlichem Eifer mit seinen Plänen und Zeichnungen beschäftigt und baute so besessen, daß ich davon nur gerührt war. Ich fügte mich in seinen Schaffensdrang und gab vor, ihm zu glauben, wenn er sagte, daß er alles nur meinetwegen tue. Er wolle nicht, daß ich etwas aus meinem früheren Leben entbehren müsse, sagte er. Doch ich vermißte auch so nichts, denn er gab mir alles, was mir bisher in meinem inhaltslosen Scheindasein gefehlt hatte. Er erweckte mich zum Leben, im guten wie im bösen, zu Lust und Schmerz. Denn es gab natürlich auch eine Schlange im Paradies.

Sie war als Magd bei uns. Schön von Angesicht und tüchtig bei der Arbeit, versuchte sie, sich bei ihm einzuschmeicheln. Ich war von Anfang an dagegen gewesen, sie mitzunehmen, aber er ließ mich in dieser Frage nicht bestimmen. Schon damals war der Kampf entschieden, aber ich merkte es nicht, wollte nichts merken. Schon damals hätte ich begreifen müssen, daß allein sein Gesetz galt, daß er bereit war, mich seinem Herrschaftstraum zu opfern.

Aus dem gleichen Lehm waren wir geformt, er und ich, geschaffen aus dem gleichen Dunkel. Beide waren wir dazu bestimmt, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen; Seite an Seite wollten wir unser Leben neu erschaffen.

Hätte er nur sie nicht mitgenommen, wäre es vielleicht gutgegangen. Aber das Dreieck gehörte wohl schon zu seinem Traum, wahrscheinlich unterschieden sich unsere Träume bereits von Anfang an, auch wenn ich das nicht hatte sehen wollen. Es war keine Insel der Glückseligen, im Osten der Sonne und im Westen des Mondes, die er schaffen wollte, nein, es war eine Insel in der Zivilisation, eine Herausforderung an die Umgebung, eine Insel vor den Augen der Welt. Er wollte seine Insel mit ihr messen. Wie konnte ich mir da einbilden, daß er auf das Dreieck verzichten würde? Es mußte immer einen Wettstreit geben. Er wetteiferte mit der Welt draußen, und hier drinnen sollten die Frauen um ihn konkurrieren. Beide sollten wir für ihn da sein, die Dienstmagd und seine Auserwählte. Er wollte nach oben und nach unten schauen, nie auf die gleiche Höhe. Er selbst war immer der dritte Winkel, die Achse, um die sich alles drehte.

Ich merkte schon, wie sie ihn umkreiste, wie ihr Gesicht erglühte und Leben in ihre Augen kam, sobald er in der Nähe war. Obwohl ihm nichts anzumerken war, spürte ich, wie die Männlichkeit unter der gespannten Haut pochte und zuckte als Antwort auf ihr Angebot. Manchmal ertappte ich sie mit hochroten Wangen, während er sich entschlossen abwandte und mit großen Schritten davonging. Er gab ihr nie ein aufmunterndes Lächeln oder einen freundlichen Blick, zumindest nicht, wenn ich es sah, statt dessen verhielt er sich ihr gegenüber oft besonders abweisend und hart, schimpfte mit ihr oder gab ihr barsche Befehle, denen sie stumm gehorchte. Aber seine Schroffheit war zu groß, als daß sie auf Gleichgültigkeit hätte schließen lassen. Sie wußte es, und ich wußte es. Sie lockte weiter, lachte ihr mal heiseres, mal girrendes Lachen wie ein brünstiges Tierweibchen. Sie zischte und ringelte sich vor seinen Augen.

Ich wußte, daß er auf meine Zustimmung wartete. Er wollte Wettstreit, aber keinen Kampf. Er wünschte sich ein harmonisches Dreieck auf seiner Insel, jeden Winkel an seinem Platz, Vollkommenheit nach seinen Bedingungen. Ich wußte, daß er Großzügigkeit von mir erhoffte. Er brütete und wartete. Er sagte nichts, aber ich kannte seine dunklen Punkte, und meine eigenen Dämonen flüsterten mir zu, was er begehrte.

Eines Nachts gab ich ihm das Losungswort.

»Geh zu ihr, ich weiß, daß es das ist, was du willst!«

Zweifelnd, aber mit einem hoffnungsvollen Schimmer in den Augen schaute er mich an.

»Geh nur«, sagte ich ruhig.

Er tat beleidigt und drehte sich weg. Danach lag er noch lange wach und warf sich unruhig hin und her. In der folgenden Nacht bat er selbst um Erlaubnis.

»Geh«, sagte ich.

Ich war Adams erste Frau, aber ich war zu stark für ihn. Sein Traum vom Lustgarten war ein anderer als meiner. Indem ich ihm das Losungswort gab, erlöste ich auch mich selbst. Bis zum Schluß balancierten wir auf der Grenze zur Möglichkeit. Ich glaubte, es gäbe einen Funken Hoffnung, daß er verzichten würde, daß er wissen würde, was es bedeutete, wenn er ginge. Er glaubte, es gäbe eine Möglichkeit, daß ich das, was er wollte, auch gutheißen könnte, daß ich mich seinem Willen beugen würde.

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