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Emmi Ruprecht

Drei Jahre später

'Ein Ort in Italien' - Es geht weiter

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Personen

Die Anreise

Der erste Abend

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Die Abreise

Impressum neobooks

Personen

DREI JAHRE SPÄTER

‚Ein Ort in Italien‘ – Es geht weiter

Emmi Ruprecht

Die Reisegruppe

Elli (39) ist eine hochgewachsene, attraktive Frau mit langen braunen Haaren, deren Fröhlichkeit und Gutmütigkeit manchmal fast ein wenig naiv wirkt. Sie glaubt nicht zu wissen, was sie will.

Monika (52) sieht man schon an den strengen Gesichtszügen, den straff zurückgebundenen Haaren und dem immer schicken, tadellosen Äußeren an, dass sie hart gegenüber sich selbst und manchmal auch gegenüber anderen ist. Damit macht sie sich das Leben nicht unbedingt leichter.

Matthias (36), blond, groß, schlaksig und ganz der Typ „großer Junge“, hat verstanden, wie die Welt funktioniert, und lässt andere nur zu gerne an seinen Erkenntnissen teilhaben.

Ulla (26) wirkt irgendwie blass und farblos, ist ziemlich klein, verfügt jedoch über ein umfangreiches Hinterteil, mit dem sie sich gerne auf alles Mögliche setzt. In Matthias hat sie einen Versorger für sich und ihren fünfjährigen Sohn Felix gesucht und gefunden.

Maik (47) ist ein gut aussehender, durchtrainierter Mann mit braunem Haar, das an den Schläfen langsam ergraut, und dunkelbraunen Augen. Für ihn ist die Welt in Ordnung, solange sie sich um ihn dreht.

Carola (40) ist bildschön mit ihren langen blonden Haaren und ihrem makellosen Äußeren. In ihrem Bemühen, ihre Ehe mit Maik zu retten, geht ihr langsam die Puste aus.

Julie (40), die Schweizerin, fällt auf durch ihre prachtvollen kastanienfarbenen Locken und ihr offensichtliches Selbstbewusstsein. Doch sie wirkt nur nach außen stark, unabhängig und distanziert. Innerlich sehnt sie sich nach Halt und Menschen, die ihr nahe stehen.

Josh (43) ist Neuseeländer mit deutschen Wurzeln. Er ist schlank, hochgewachsen, mit hellblonden zerzausten Haaren und auffallend grünen Augen. Seine Unabhängigkeit bedeutet ihm viel.

Heiko (44) sieht man an, dass er wenig Wert auf sein Äußeres legt. Seine Haare sind kraus und ebenso wie seine Kleidung von undefinierbarer Form. Sympathisch und manchmal sogar charmant schlurft er durch die Welt, kommt dabei aber nicht vom Fleck.

Petra (55) ist klein, zierlich und wirkt oft schüchtern. Doch wenn sie sich etwas vorgenommen hat, setzt sie das konsequent um. Verhängnisvoll ist dabei nur ihre Schwäche, stets für alles und jeden die Verantwortung zu übernehmen.

Die Kursleiter

Cosima (48) ist ein kleines, molliges Temperamentbündel mit langen rotgelockten Haaren. Sie fühlt sich für das Seelenheil ihrer Schüler zuständig und hat dabei alle Hände voll zu tun, das mangelnde Zartgefühl ihres Kollegen auszugleichen.

Don Carlos (47) ist mit dem Aussehen eines umwerfend attraktiven Flamencotänzers gesegnet, macht sich jedoch wenig daraus. Er ist eigentlich immer gut gelaunt und hat überhaupt keine Antennen für Schwingungen. Zurzeit hat er Besuch von seiner „Mama!“ Dorothee (74).

Die Gastgeber

Stefan (50), wegen seiner italienischen Wurzeln „Stefano“ genannt, und seine Frau Sandra (48) kümmern sich mit Leidenschaft um ihr Anwesen und ihre Gäste. Unterstützt werden sie von Edith (75), Sandras Mutter, deren Kochkunst beinahe schon legendär ist.

Die Anreise

Elli und Monika

Elli steht am Rande der Schotterpiste, wo sie soeben ihr Auto geparkt hat, um die Aussicht zu genießen. Sie schaut weit über die Berge und das Tal, das sich zu ihren Füßen erstreckt. Dunkelgrüne, dicht bewaldete Hänge, nur ab und zu von einer hellgrünen Wiese oder sonnengelb blühenden Ginstersträuchern durchbrochen, reihen sich bis zum Horizont aneinander. Unberührt, fast märchenhaft liegt die Landschaft vor ihr, nur hier und da erahnt sie ein ziegelrotes Dach oder eine aus grauem Naturstein erbaute Mauer. Dazu dringt von Ferne ganz zart das Läuten von Kuh- oder Ziegenglocken an ihr Ohr.

Es ist ein zauberhaftes Bild, das sich Elli präsentiert, und der Anblick lässt sie vor Wonne erschauern. Doch was ihr Herz vor Glück fast zerspringen lässt, ist das, was sie genau gegenüber, auf der anderen Seite des Tals, erblickt. Dort ragt ein Plateau wie eine mächtige Hakennase aus dem Berg und dehnt sich mit nur leichtem Gefälle bis weit in den Süden aus. Oben auf dem Plateau steht, umrahmt von hohen Bäumen, eine Ansammlung von Häusern, deren graue und sandfarbene Fassaden warm vom Licht der spätnachmittäglichen Sonne angestrahlt werden. Dahinter fällt der Hang plötzlich steil ab und versinkt in dem undurchdringlichen Dickicht von Sträuchern, Gräsern und genügsamen kleinen Bäumen, die sich einen festen Halt auf dem unwegsamen Gelände erobert haben. Was für ein herrlicher Ort!

Elli erinnert sich noch gut an jenen Moment vor drei Jahren, als sich ihr dieser Anblick zum ersten Mal bot. Schon damals war sie zutiefst entzückt gewesen, nach der endlosen Fahrt über Serpentinen, an pittoresken, kleinen Dörfern und verlassenen, halb verfallenen Höfen vorbei, dieses Gut und damit das Ziel ihrer Reise in seiner ganzen einladenden Pracht vor sich zu sehen. Und heute ist es noch viel mehr als das! Heute ist es fast wie nach Hause zu kommen, obwohl sie vor drei Jahren nur eine einzige Woche hier verbracht hat. Aber jener kurze Urlaub gehört zu den intensivsten Erlebnissen ihres Lebens und hat sie verändert. Seit damals ist dieser Ort in Italien zu einem Sehnsuchtsort für sie geworden, an den sie sich oft zurückträumt, wenn die „wirkliche“ Welt, der graue Arbeitsalltag, allzu öde, frustrierend und nichtssagend erscheint.

Doch jetzt träumt sie nicht. In diesem Moment ist es Wirklichkeit: Sie ist wieder da!

Damals, als Elli zum ersten Mal hier am Rande der Schotterpiste stand und auf das Anwesen sah, wo sie ihren Urlaub verbringen würde, ahnte sie nicht, was sie erwartete. Sie erinnert sich, wie froh sie damals war, dem tristen Büroalltag zu entkommen. Sie weiß noch, wie sie auf der Fahrt nach Italien darüber nachdachte, dass sie kaum etwas in ihrer Heimatstadt hielt, wo sie jeden Tag von ihrer kleinen Wohnung in das Unternehmen fuhr, in dem sie arbeitete. Dabei erinnert sie sich sogar daran, wie sie damals davon träumte, dass ihr im Urlaub ein charmanter, am besten mit umfangreichen Gütern ausgestatteter Italiener begegnen möge, der sich unsterblich in sie verliebte!

Sie muss über sich selbst schmunzeln. Ja, damals konnte sie ihrem Leben nicht viel abgewinnen; deshalb träumte sie von einem Wunder, das sie aus der Einöde, in der sie sich gefangen sah, befreien würde.

Und wie ist es heute?

Elli seufzt. „Wenn ich ehrlich bin: nicht viel besser“, schießt es ihr durch den Kopf.

Doch schon im nächsten Moment will sie das so nicht stehen lassen. Natürlich hat sich etwas geändert! Es wäre ja furchtbar, wenn nicht! Schließlich sind seitdem drei Jahre vergangen und zumindest sie hat sich doch verändert! Sie ist selbstbewusster geworden und versteht viel besser als früher sich durchzusetzen und auf sich aufzupassen, damit sie nicht zu kurz kommt. Dieser persönliche Wandel hat ihr auch beruflich weitergeholfen und aus der Sachbearbeiterin eine Fachreferentin gemacht! Eine, die nun sogar in der beneidenswerten Situation steckt, sich zwischen zwei beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten entscheiden zu können. Das hätte sie damals nicht für möglich gehalten!

An diesen Chancen, die sich ihr heute bieten, ist sie auch nicht ganz unschuldig. Weil Elli befürchtete, in dem Unternehmen, in dem sie arbeitet, bis ans Ende ihrer Tage beruflich auf der Stelle zu treten, hatte sie sich in den letzten Monaten mehrfach bei anderen Firmen beworben. Bei einer hatte sie Glück und wurde zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, das sehr gut verlief. Sie verstand sich ausgezeichnet mit ihrem potenziellen Chef und der anwesenden Personalsachbearbeiterin. Auch beim fachlichen Teil des Gesprächs hatte sie den Eindruck, als würden ihre Qualifikationen und das, was die Stelle fordert, wunderbar zusammenpassen.

Wie es der Zufall so will, wurde ihr kurze Zeit nach dem Gespräch völlig überraschend eine Teamleiterstelle bei ihrem aktuellen Arbeitgeber angeboten. Und jetzt hat sie gestern auch noch die Zusage für den Job, auf den sie sich extern bewarb, erhalten! So gut lief es in der Vergangenheit selten für Elli und sie weiß, dass sie allen Grund hat zu jubeln! Jahrelang ging es in ihrem Leben bestenfalls schleppend voran und nun kann sie sich zwischen zwei attraktiven Jobalternativen entscheiden!

Doch genau diese Entscheidung fällt ihr überhaupt nicht leicht. Deshalb kam ihr der Urlaub gerade recht, der ihr eine einwöchige Bedenkzeit verschafft, ohne dass sie irgendwem ihre Gründe dafür erläutern muss. Nach dem Urlaub allerdings wird sie Farbe bekennen müssen und seltsamerweise tut sie sich damit viel schwerer, als sie es für möglich gehalten hätte. Natürlich ist so ein beruflicher Wechsel, und noch dazu einer, der sie möglicherweise in eine ihr unbekannte Firma führt, immer ein Risiko. Schließlich kann man nie wissen, was einen erwartet und ob man dem wirklich gewachsen ist! Doch viel irritierender ist die Tatsache, dass sich keine der beiden Optionen für sie so richtig gut anfühlt! Bislang hat sie geglaubt, sie würde in Begeisterungsstürme ausbrechen, sich vielleicht eine Kiste Champagner gönnen und mit ihren Freundinnen ein spontanes Fest feiern, wenn sie solche Chancen für einen beruflichen Aufstieg bekäme. Sie hatte geglaubt, dass sie vor Stolz platzen und alleine schon die lang vermisste Anerkennung ihrer Kompetenzen sie vor Glück fast zerspringen lassen würde. Doch nun muss sie sich beinahe zwingen, sich über ihren Erfolg zu freuen und in den gebotenen Perspektiven eine erstrebenswerte Zukunft zu sehen. Das kann Elli nicht verstehen! Was ist nur los mit ihr?

Sie schüttelt den Kopf, um die bedrückenden Gedanken zu vertreiben. Sie will jetzt nicht darüber nachgrübeln. Später vielleicht!

Außerdem gibt es ja auch noch ganz andere Dinge, die sich seit ihrem letzten Besuch hier in Italien getan haben, und die erfordern nun ihre ganze Konzentration!

Elli muss erneut schmunzeln. Sofort tritt ein sehr viel vergnügterer Ausdruck in ihr Gesicht. Sie erinnert sich daran, wie sie damals, bei ihrer Anreise, nicht nur verwegene Träume von charmanten Italienern hegte, sondern auch mit der sehr viel wahrscheinlicheren Aussicht liebäugelte, es könnten sich vielleicht ansprechende männliche Singles unter den Teilnehmern des Musikkurses befinden.

Aus dem Schmunzeln wird ein breites Grinsen.

Zugegeben: Der reich begüterte Italiener lief ihr damals nicht über den Weg, aber interessante Männer gab es. Genauer gesagt gab es eigentlich nur einen, und der hieß Josh.

Josh!

Sie beißt sich auf die Lippen, um ihr Grinsen wieder einzufangen. Josh, der große, schlanke Neuseeländer mit den blonden, immer etwas zerzausten Haaren und den strahlend smaragdgrünen Augen! Ihn fand sie rasend interessant und hat sich Hals über Kopf verliebt. Allerdings hatte sie damals angenommen, dass ihr Interesse einseitig wäre, da Josh viel mehr an der selbstsicheren und bildschönen Carola interessiert zu sein schien. Doch als sie sich am Ende der Woche bei der Abreise voneinander verabschiedeten, hatte Josh sie, Elli, geküsst – ein Umstand, den sie erst nach ein paar Tagen einigermaßen verkraftet hatte, wenigstens soweit, dass sie das Dauergrinsen, was sich nun schon wieder in ihrem Gesicht breitzumachen droht, einigermaßen in den Griff bekam.

Josh hatte im Anschluss an den Urlaub in Italien noch weitere Stätten in Europa besucht. Für eine einzige Woche in den italienischen Bergen hätte sich der Flug vom anderen Ende der Welt kaum gelohnt. Unter anderem war er auch nach Deutschland gereist, um seine Mutter zu besuchen, und bei der Gelegenheit hatten die beiden sich noch einmal gesehen.

Schon wieder setzt sich das Schmunzeln auf Ellis Gesicht durch, wenn sie daran zurückdenkt. Es war eine großartige Zeit gewesen! Josh und sie hatten kostbare Tage zusammen verbracht. Doch irgendwann musste er zurück nach Neuseeland. Obwohl Elli sehr verliebt und auch Josh augenscheinlich nicht ganz unempfänglich für ihre Reize war, kam eine Beziehung über diese Distanz hinweg natürlich nicht infrage! Das war auch nie ein Thema zwischen ihnen beiden gewesen. Elli hatte sehr wohl gespürt, dass Josh seine Unabhängigkeit schätzte. Daran hatte er keinen Zweifel gelassen und sie hatte das akzeptiert.

Umso mehr hat sie sich darüber gewundert, als er ihr vor drei Monaten schrieb, dass er wieder an diesem Ort in Italien sein würde, und zwar zur gleichen Zeit wie sie!

Elli hatte kurz zuvor in ihrem, aus ihrer Sicht leider nur sehr unregelmäßigen, E-Mail-Verkehr erwähnt, dass sie plante, sich gemeinsam mit Julie und Monika, die sie auch vor drei Jahren in Italien kennengelernt hatte, auf dem italienischen Gut zu treffen. Als Josh antwortete, dass er daraufhin ebenfalls den Kurs gebucht hatte, blieb Elli fast das Herz stehen! Josh würde nach Europa kommen? Nach Italien? Dorthin, wo sie auch sein würde?

Auch jetzt spürt Elli, wie ihr Herz schneller schlägt, als sie an den großen, blonden Mann denkt. In diesem Moment würde sie am liebsten sofort wieder ins Auto springen und die restliche Strecke über die Schotterpiste hinweg zum Gut jagen, um ihn endlich wiederzusehen, in seine unglaublich grünen Augen zu schauen und … ja was? Was würde sie tun?

Am allerliebsten würde sie über ihn herfallen und ihn überhaupt nicht mehr loslassen! Ihre Gefühle für Josh haben sich in der ganzen Zeit nicht geändert. Sie ist verliebt wie damals und sie weiß ganz genau, was sie will, nämlich ihn!

Bei diesem Gedanken spürt sie, wie ihr das Blut in den Kopf steigt und sie auf ihren Wangen, würde sie sich jetzt im Spiegel sehen können, bestimmt einen verräterischen Rosaton entdecken würde!

Zwar hatte Josh vor drei Jahren keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass eine Beziehung für ihn nicht infrage kam, und auch ihrer beider Austausch per E-Mail hatte nicht wirklich Anlass zur Hoffnung gegeben, dass sich das über die Zeit und die Entfernung hinweg plötzlich geändert haben könnte. Doch warum reist ein Mann dann die weite Strecke nach Europa, und zwar genau an den Ort in Italien, von dem er weiß, dass sie dort sein wird? Was hat ihn dazu veranlasst, diese Reise zu buchen? Das macht man doch nicht einfach so! Er muss doch einen guten Grund dafür haben! Oder hat er einfach nur genauso viel Sehnsucht wie sie nach diesem wunderschönen Anwesen, das dem Paradies, so wie Elli es sich vorstellt, so sehr gleicht?

Sie weiß es nicht und Josh ist auch kein Mensch, den man einfach so durchschaut. Wenn sie ehrlich ist, dann hat sie auch nach ihrer dreijährigen Bekanntschaft immer noch keine Ahnung, was in ihm vorgeht! Trotz seiner augenscheinlichen Sympathie für Elli, trotz der E-Mails, die sie sich in unregelmäßigen Abständen schreiben, trotz seinem Interesse an ihrem Leben, das er darin bekundet, weiß sie immer noch nichts darüber, was ihn tief in seinem Inneren bewegt und was er fühlt. Schon gar nicht für sie!

Elli hat nicht die geringste Ahnung, wie ihre erste Begegnung nach so langer Zeit ablaufen wird, und das macht ihr Angst. Hoffentlich vermasselt sie es nicht! Erneut schärft sie sich ein – wie schon in den letzten Tagen und Wochen, wenn sie das Problem des ersten Zusammentreffens zwischen Josh und ihr bewegte – dass vor allem eines nicht schaden kann: erst einmal Zurückhaltung zu zeigen und abzuwarten, was er tun wird. Sie hat sich fest vorgenommen, ihm auf gar keinen Fall hinterherzulaufen! Und deshalb wird sie jetzt auch versuchen, ihre Gefühle zu zügeln. Schaden kann es nicht! Solange sie nicht weiß, wie er zu ihr steht, ist es besser, sich nicht zu sehr auf ihn einzulassen, sonst ist der Schmerz der Enttäuschung am Ende umso größer!

Sie seufzt. Abzuwarten und sich vielleicht auch ein bisschen unnahbar zu geben, wird ihr schwer fallen. Sie ist nun mal ein Mensch, der seine Gefühle zeigt. Aber in diesem Fall ist Zurückhaltung selbstverständlich unerlässlich!

Elli streicht sich die langen dunkelbraunen Haare zurück, die ihr der laue Wind ins Gesicht weht. Dabei fällt ihr auf, dass ihre Haare vor drei Jahren noch kurz waren. Damals trug sie einen Pagenschnitt. Josh kennt sie also noch gar nicht mit langen Haaren. Ob es ihm auffallen wird? Ob er es mögen wird?

Sie muss über sich selbst den Kopf schütteln. Wenn sie schon so anfängt, dann kann es sehr, sehr schwer werden mit ihrer selbst auferlegten Zurückhaltung!

„Woran denkst du?“, fragt eine Stimme hinter ihr und reißt sie aus ihren Gedanken.

Monika ist von hinten herangetreten und legt ihr eine Hand auf die Schulter. Elli fühlt sich ertappt.

„Nichts Besonderes“, antwortet sie ausweichend, entschließt sich dann aber doch zu einer näheren Erklärung, um nicht zu abweisend zu wirken. „Ich dachte zurück an damals, als wir das erste Mal hier waren.“

Monika nickt und schaut wie Elli hinüber zum Gut, das einladend in der Sonne liegt.

„Es ist fast so, als wäre man nie weg gewesen“, sagt sie leise und neben der Freude, wieder hier zu sein, schwingt auch ein bisschen Wehmut in ihrer Stimme mit.

Elli dreht sich um und blickt ihrer Freundin ins Gesicht, das auf einmal ganz weich geworden ist. Ein ungewohnter Anblick, denn normalerweise wirken die Züge der Anfang fünfzigjährigen Monika immer etwas streng, sehr diszipliniert und überhaupt nicht verträumt. Man sieht der großen, schlanken Frau mit den dunkelblonden, von einigen grauen Strähnen durchzogenen und zu einem straffen Pferdeschwanz zurückgebundenen Haaren an, dass sie es nicht immer leicht hatte und viel kämpfen musste. Außerdem findet Elli, dass ihr auch ins Gesicht geschrieben steht, wie hart sie gegen sich selbst ist und wie viel sie von sich erwartet.

Allerdings kann sich diese Disziplin auch auszahlen, wie Elli auf der Fahrt hierher erfuhr! Sie hatte Monika heute in aller Frühe vor ihrem schicken Haus in Süddeutschland abgeholt. Freudestrahlend waren sie sich in die Arme gefallen, nachdem sie sich so lange nicht gesehen hatten. Damals, vor drei Jahren, hatten sie sich in Italien kennengelernt und innerhalb dieser einen Woche Freundschaft geschlossen, obwohl ihre Lebenssituationen so völlig unterschiedlich waren. Die schlanke, hübsche, neununddreißigjährige Elli war und ist bis auf eher kürzere Beziehungen als Single unterwegs und verbringt ihr Leben hauptsächlich zwischen ihrer kleinen Wohnung und ihrer Arbeitsstelle. Das Leben der zweiundfünfzigjährigen Monika dagegen umfasste einen Halbtagsjob in der Stadtverwaltung, einen Mann, der ein gut verdienender Bankdirektor ist, zwei fast erwachsene Kinder, ein großes Haus und – wenn sie es nicht umgehen kann – auch noch ihre anspruchsvolle Mutter. Trotzdem haben beide sich auf Anhieb verstanden.

Auf der langen Fahrt von Deutschland bis hierher haben sie viel Zeit gehabt zu erzählen. Es vergingen kaum einmal fünf Minuten, in denen sie nicht aufeinander einredeten und sich über ihr Leben austauschten. Dabei hat Elli erfahren, dass Monika, seitdem sie vor drei Jahren unter Carlos, dem Gesangslehrer des italienischen Gutes, ihre fast schon phobische Abneigung gegen das Singen ablegte, jede freie Minute darauf verwendet, an ihrem Können zu feilen. Da Monika über ein beachtliches, nur bislang aus familiären Gründen völlig ungenutztes Talent verfügt, war es ihr nicht schwer gefallen, große Fortschritte zu machen. Bereits ein halbes Jahr, nachdem sie mit dem Gesangsunterricht begonnen hatte, empfahl ihre Lehrerin ihr einen Pianisten, der auf der Suche nach einer Sängerin war, die er mit seiner Kunst begleiten konnte. Obwohl Monika vor Angst fast starb, wie sie Elli berichtete, hatte sie sich dennoch ein Herz gefasst, ihn angerufen und eine Woche später vorgesungen. Dabei stellte sie fest, dass sie und der Pianist sich nicht nur menschlich sympathisch fanden, sondern auch musikalisch, denn beide lieben den Jazz. Wieder ein halbes Jahr später absolvierten sie bereits erfolgreich ihren ersten gemeinsamen Auftritt in einer Bar, die des Öfteren kleinen Formationen eine Bühne bietet, und kurz darauf hatte Monika es sogar gewagt, ihre Familie über ihr Tun in Kenntnis zu setzen, ihre Mutter natürlich ausgenommen! Dazu erklärte Monika mit einem sarkastischen Lächeln, dass sich ihre Erzeugerin sowieso nur für sich selbst interessiere und mit dieser Information bestenfalls gar nichts anzufangen wissen würde.

Insgeheim beglückwünschte Elli ihre Freundin zu diesem klugen Verzicht, weil sie annahm, dass Monikas Mutter versucht sein könnte, ihre Tochter mit gezielten Seitenhieben davon abzuhalten, in ihre musikalischen Fußstapfen zu treten. Elli hatte nicht vergessen, was Monika damals über die selbstvergessene und verletzende Kraft ihrer Mutter, einer ehemaligen Opernsängerin, erzählt hatte. Doch da ihre Freundin das mittlerweile selbst erkannt hatte, war es für Elli unnötig, es jetzt zu erwähnen.

Da Elli vor drei Jahren sehr viel Anteil an Monikas Geschichte genommen und ihr beigestanden hatte, war sie nun fast ein bisschen stolz auf ihren klitzekleinen Anteil daran, dass ihre Freundin ihre völlig unbegründete Furcht, vor Publikum zu singen, ablegen konnte. Begeistert hörte sie, dass Monikas Mann nun ihr glühendster Fan ist, seit er zum ersten Mal bei einem ihrer Auftritte als Zuhörer zugelassen worden war, nachdem er anfangs Zweifel gehegt hatte, was er von der neuen Leidenschaft seiner Frau halten sollte. Außerdem bewunderte Elli ihre Freundin sehr dafür, dass sie sich weder von ihrer Familie noch von eigenen Zweifeln oder anderen widrigen Umständen davon abhalten ließ, ihren Wunsch zu singen konsequent zu verfolgen. „Von so viel Mut und Biss kann ich mir eine Scheibe abschneiden“, dachte sie bei sich.

Erneut reißt Monikas Stimme Elli aus ihren Gedanken.

„Schau mal, da kommt jemand! So, wie das Auto bepackt ist, machen die vermutlich auch hier Urlaub!“

Als Elli sich umdreht, sieht sie einen weißen französischen Kleinwagen mit Dachgepäckträger in einer Staubwolke herannahen.

+

Matthias und Ulla

Missmutig starrt Ulla aus dem Fenster der Beifahrerseite. Schon seit Stunden fängt Matthias immer wieder an mit seinen begeisterten Schilderungen von dem Gut, das weit abgelegen, fern von jeder Zivilisation, irgendwo in den italienischen Bergen liegt. Schon lange, bevor sie sich heute früh, eigentlich noch mitten in der Nacht, auf den Weg machten, lag er ihr damit in den Ohren. Beinahe ununterbrochen erzählte er in den letzten Tagen von der idyllischen Landschaft, der großartigen Aussicht und dem romantischen Charme der alten Gebäude an diesem Ort, wo es weit und breit nichts anderes gäbe als eben dieses Anwesen, Berge, Wald, Wiesen und ab und zu ein paar Ziegen. Nicht einmal ein Netz sei dort zu bekommen – oder jedenfalls nur sehr, sehr selten.

Anfangs hatte Ulla das alles für maßlos übertrieben gehalten. Sie kennt ja ihren Matthias! Wenn es ihn gepackt hat, dann ist er kaum zu bremsen und schießt gerne mal über das Ziel hinaus. In seinen Schilderungen ist dann alles mindestens doppelt so groß und dreimal so sensationell, als es die Realität hergibt. Doch seit sie die Autobahn hinter sich gelassen haben, wirkt die Gegend tatsächlich immer abgeschiedener, werden die Berge immer höher und die Merkmale der Zivilisation immer seltener. Anfangs konnte man hier und da noch Kurorte und kleinere Städte erahnen, auf die die Schilder an der Schnellstraße hinwiesen. Doch mittlerweile, wo die Berge immer näher rücken, steiler werden und das kleine, vollbepackte Auto sich immer mühseliger die Steigungen hinaufquält, sind es bestenfalls noch winzige Dörfer, die sie auf ihrem Weg zu ihrem Urlaubsort passieren – sehr zum Pläsier ihres Freundes am Steuer und zu ihrem eigenen immer größer werdenden Unbehagen. Sollte es tatsächlich so schlimm kommen, wie Matthias sagte? Wird es wirklich weit und breit kein Café, kein Geschäft, keinen Kiosk, das heißt überhaupt gar kein Leben geben, außer ein paar Glocken tragenden Nutztieren und den Einsiedlern auf dem Gut mit ihren verrückten Gästen?

Entsetzlich! Warum um Himmels willen tut sie sich das an?

Ulla bereut mittlerweile, dass sie mitgekommen ist. Sie war von Anfang an nicht begeistert von der Idee, ihren Urlaub irgendwo weitab vom Schuss in der italienischen Pampa zu verbringen. Doch Matthias war so begeistert und schwärmte in den höchsten Tönen von der Musik, den Menschen und dem fantastischen Essen, dass sie irgendwann nachgab. Wenn er wirklich unbedingt an diesen Ort in Italien wollte, dann konnte es ganz verkehrt nicht sein. Dachte sie.

Im Laufe der Fahrt jedoch bauten sich Zweifel auf, ob sie mit dieser Einschätzung vielleicht falsch lag. Ganz sicher ist sie sich, als Matthias in weiter Ferne eine Ansammlung von alten Steinbauten inmitten von nichts als Wald und ein bisschen Wiese sieht und meint, dass es ganz ähnlich auch auf dem Gut aussähe.

Um Himmels willen! Er meint es ernst! Warum hat sie ihm bloß nicht geglaubt? Jetzt hat sie den Salat!

Die junge Frau fragt sich, wie sie eine ganze Woche in dieser Einöde durchhalten soll – ohne Shopping, ohne auszugehen, ja sogar ohne Fernseher und – wenn Matthias auch damit nicht übertrieben hat – dann auch noch ohne Internet! Keine Zerstreuung weit und breit! Nur Bäume und … Bäume! Und das ohne jeglichen Komfort, nur ausgestattet mit den überlebensnotwendigen Grundlagen wie fließendem Wasser und einem Dach über dem Kopf! Wen interessiert es, ob die Aussicht grandios ist oder die Zimmer aussehen wie aus einem Fotoband über die traditionelle italienische Lebensart auf dem Land? Was soll sie anfangen mit bunten Gemüseaufläufen aus eigener Ernte, mit intensiv duftenden Kräutern, mit knackigen Salaten frisch aus dem Garten oder mit Mozzarella und Parmesan von Höfen der Umgebung? Sie isst nun mal am liebsten Burger und Pommes oder paniertes Schnitzel und natürlich auch Pasta und Pizza. Aber doch nicht so einen Ökokram, der sich kein bisschen lecker, sondern einfach nur furchtbar gesund anhört! Sie will schließlich Urlaub machen und keine Kur! Und schon gar nicht will sie eine ganze Woche in einem Survival-Camp zubringen! Warum hat sie sich nur dazu überreden lassen mitzukommen?

„Da vorne beginnen die Serpentinen! Das wird fantastisch! Juppieeeeh!“

Matthias‘ begeisterten Ausruf quittiert seine Freundin mit einem genervten Augenrollen. Doch das kann er nicht sehen, denn er muss sich auf die Kurven der immer schmaler werdenden Straße, die an steilen, spärlich bewachsenen Felshängen vorbeiführt, konzentrieren.

Wo bringt er sie nur hin? Und warum machen sie keinen vernünftigen Urlaub, so wie ihre Freunde, ihre Bekannten und überhaupt jeder normale Mensch? Sie wäre so gerne nach Mallorca geflogen! Es hätte bestimmt günstige Pauschalangebote gegeben, die vermutlich sogar weniger kosteten, als sich am Hintern der Welt zu gruseln und zu allem Überfluss auch noch einen nervigen Musikkurs mitmachen zu müssen. Dazu hat sie definitiv keine Lust! Sie hat ihrem Freund auch gesagt, dass sie keine Gitarre spielen kann, und er hat ihr versprochen, dass sie das auch nicht muss! Allerdings hat er dann trotzdem zwei Gitarren eingepackt – eine für sie – vielleicht käme sie ja noch auf den Geschmack.

Dabei haben sie in diesem Auto sowieso kaum Platz! Sie hätte statt einer doofen Gitarre lieber noch ein paar Schuhe mehr mitgenommen! Aber Matthias hatte gemeint, etwas anderes als Turnschuhe oder maximal einfache Sandalen bräuchte sie nicht, weil man etwas anderes dort sowieso nicht tragen könne.

Als er das gesagt hatte, hatte sie die Augen verdreht und gedacht, dass er wirklich keine Ahnung von Frauen hatte, schon gar nicht von deren Schuhen und vor allem davon, was sie alles tragen können, wenn sie es wollen! Hätte sie ihn mal ernst genommen! Dann wäre ihr mit Sicherheit spätestens kurz vor Antritt der Reise noch eine Ausrede eingefallen, warum sie unbedingt zu Hause bleiben musste! Lieber gar keinen Urlaub als ein italienisches Dschungelcamp!

Aber eins ist mal klar: Wenn sie das hier überlebt, dann wird sie sich nie, nie, nie wieder breitschlagen lassen, bei seinen spinnerten Urlaubsplänen mitzumachen! Dann fährt sie eben alleine irgendwohin, wo es schön ist, wo Strand ist, wo Menschen sind und wo man auch mal Spaß haben kann!

Ulla seufzt. Sie weiß nur zu gut, dass sie sich so etwas gar nicht leisten kann. Wenn Matthias den Urlaub nicht bezahlen würde, dann müsste sie zu Hause bleiben. Bei diesem Gedanken verfinstert sich ihre Miene noch mehr, wenn das überhaupt möglich ist.

Matthias stupst sie in die Seite und zeigt durch die Frontscheibe auf ein schmales Tal, das sich vor ihnen öffnet und von schwindelerregend steilen Felshängen flankiert wird, die an ihren zerklüfteten Wänden nur ein paar wenigen, sehr genügsamen Nadelhölzern eine Heimat bieten können.

„Ist das nicht großartig?“ Er lacht aufgekratzt. „Hierher verirrt sich bestimmt nur selten ein Sonnenstrahl. Das sieht doch fast aus wie im Märchen, findest du nicht?“

Ulla brummt etwas, doch Matthias erwartet auch gar keine Antwort. Er ist so mit der Aussicht und seiner eigenen Begeisterung beschäftigt, dass er Ullas besorgniserregenden Stimmungsabsturz gar nicht realisiert. Ihr ist das nur recht: Schließlich ist die Sache jetzt auch nicht mehr zu ändern und sie hat gerade überhaupt keine Lust, mit einem völlig überdrehten Matthias darüber diskutieren zu müssen, warum das hier ganz toll sein soll und dass sie nur abwarten möge – sie würde schon sehen. Sie findet, sie hat bereits genug gesehen!

Resigniert blickt sie die Felswände hinauf. Warum kann sie nicht einmal Glück haben? Sie hat es doch nun wirklich nicht leicht in ihrem Leben. Als alleinerziehende Mutter muss sie zusehen, wie sie klarkommt. Es ist schwer genug, von dem wenigen Geld zu leben, das sie als Aushilfe an der Tanke, im Supermarkt oder, wenn sie mal ganz viel Glück hat, als Urlaubsvertretung in der Produktion verdient. Voll arbeiten kann sie sowieso nicht, weil ihr fünfjähriger Sohn sie noch viel zu sehr braucht. Er ist so ein wildes Kind! Eigentlich muss sie den ganzen Tag um ihn herum sein, weil er ständig etwas anstellt, in Wut- und Trotzanfällen herumschreit und Sachen durch die Gegend wirft. Vermutlich hat er das von seinem Vater!

Ullas Gesicht nimmt einen verächtlichen Ausdruck an. Leon! Wieso hatte sie sich damals nur mit ihm eingelassen? Ihre Mutter hatte sie gewarnt. „Pass auf, dass du von dem nicht schwanger wirst“, hatte sie ihr immer wieder gesagt. Und Ulla hatte das mit dem schwanger werden auch gar nicht vorgehabt. Doch dann hatte sie diese Magen- und Darm-Sache gehabt und sich übergeben müssen. Das war vermutlich der Grund gewesen, warum sie trotz Pille ihren Sohn bekommen hatte. Jedenfalls hatte ihr Frauenarzt das vermutet.

Ihre Mutter hatte ihr damals mit einer Abtreibung in den Ohren gelegen. Sie würde sich nur unglücklich machen, hatte sie geschimpft. Der Leon würde bestimmt nicht lange bleiben! Außerdem würde der ja selbst nur von der Hand in den Mund leben. Der könnte doch keine Familie versorgen!

Natürlich hatte sie nicht auf ihre Mutter gehört. Sie wollte einfach nicht hören. Sie wollte, dass es mit Leon klappte, dass er sie heiratete, ihnen eine gemeinsame Wohnung besorgte und sie sich in Ruhe um ihr Kind kümmern konnte!

Zunächst hatte Leon ihr das auch versprochen. Vielleicht nicht richtig versprochen, aber zumindest blieb er bei ihr, eine Zeit lang. Doch als man Ulla ihre Schwangerschaft immer mehr ansah, kam er seltener. Im Krankenhaus besuchte er sie dann nur noch einmal nach der Entbindung, dann war es aus. Er ließ sie einfach hängen und sie zog mit ihrem Kind bei ihrer Mutter ein. Die war überhaupt nicht glücklich mit der Situation und ständig musste Ulla mit ihr streiten, weil sie sich in ihre Angelegenheiten einmischte oder herumnölte, dass sie es ja gleich gesagt hätte und so weiter.

Aber ihre Mutter half ihr auch, Unterhalt von Leon einzuklagen und sich auch um weitere finanzielle Unterstützung zu kümmern, die Ulla als mittelloser, alleinerziehender Mutter zustand. Das hätte sie alleine nicht geschafft! Schließlich musste sie sich ja um das Kind kümmern!

Doch lange hielt Ulla es nicht bei ihrer Mutter aus. Zwar war die Situation insofern komfortabel, als Ulla sich erstens keine eigene Wohnung leisten konnte und zweitens ihre Mutter auf das Kind aufpasste, wenn sie ausgehen wollte. So konnte sie sich mit Freundinnen treffen, aber vor allem auch einen neuen Mann kennenlernen. Schließlich war das ihre einzige Chance, der beengten Wohnsituation bei ihrer Mutter zu entkommen!

Tatsächlich fand Ulla nach ein paar Monaten einen Kerl, bei dem sie einziehen konnte und der sogar Felix, ihren Sohn, leidlich akzeptierte. Aber lange ging das nicht gut. Also suchte sie sich den nächsten Mann, und so ging einer und ein anderer kam. Sie zog mal hierhin und mal dorthin und zwischendurch, wenn kein Partner da war, zurück zu ihrer Mutter. Weil ihr Kind klein war und selbst der mickrige Unterhalt durch den leiblichen Vater nur sehr unregelmäßig kam, wenn überhaupt, ging es nicht anders.

Bis Matthias sie eines Tages in einer Disco ansprach! Mit ihm hat sie endlich mal ein bisschen Glück gehabt! Endlich mal einer, der einen richtigen Job hat und der auch mit Felix zurechtkommt!

Als Ulla ihn kennenlernte, da wusste sie gleich, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Obwohl Matthias damals schon vierunddreißig Jahre alt war, wirkte er dennoch wie ein lieber, etwas zu groß geratener Junge mit seinen fast eins neunzig, seinen kurzen blonden Haaren und der schwarzen Kunststoffbrille. Deshalb fasste Ulla von Anfang an Vertrauen zu ihm. Als er dann auch kein bisschen geschockt, ja eher sogar begeistert reagierte, als sie ihm von ihrem Kind erzählte, da war für sie klar: Mit dem zieht sie zusammen! Bei dem wird sie es gut haben – zumindest weitaus besser als bei ihrer ständig keifenden Mutter!

Das ist jetzt fast zwei Jahre her und eigentlich kann Ulla ganz zufrieden mit dem sein, wie sie es getroffen hat. Matthias geht arbeiten und wenn er zu Hause ist, dann spielt er auch gerne mit Felix. Gut … seine Arbeitszeiten sind etwas ungünstig, weil er als Koch fast immer abends arbeiten muss. Das ist natürlich blöd, wenn Ulla mit ihren Freundinnen ausgehen will! Aber dann springt von Zeit zu Zeit immer noch ihre Mutter ein, um Felix zu hüten – wie auch jetzt, wo Matthias und sie nach Italien fahren. Matthias hätte den Kleinen sogar mitgenommen, doch als Ulla erfuhr, dass ganz sicher kein „Kinderparadies“ oder irgendwelche Animateure in Italien auf sie warteten, wo sie den Kleinen abgeben konnte, fand sie es doch besser, ein paar Tage kinderfrei zu haben. Schließlich kümmerte sie sich fast den ganzen Tag um ihn, wenn er nicht vormittags im Kindergarten war oder sie ein paar Stunden irgendwo arbeiten konnte. Da käme sie auch mal gut eine Woche ohne ihn klar, dachte sie. Außerdem wusste sie, dass er es bei der Oma gut hatte. Die verwöhnte ihn mit Süßigkeiten und bei ihr durfte er den ganzen Tag fernsehen oder am Computer spielen, wenn er wollte.

Doch auch, wenn Ulla weiß, dass sie es mit Matthias auf jeden Fall besser getroffen hat als mit all seinen Vorgängern – sie hat sich mehr vom Leben erträumt! Mit seinem Gehalt kann auch Matthias keine großen Sprünge machen und es reicht gerade so für sie beide, denn ihr Verdienst und das bisschen Unterhalt für ihren Sohn Felix sind kaum mehr als ein Taschengeld. Davon allein könnte sie nicht leben! Gerade deshalb kann sie nicht verstehen, warum Matthias nicht ein bisschen ehrgeiziger ist! Er könnte bestimmt mehr verdienen, wenn er sich mehr anstrengte! Und warum muss er eigentlich Koch sein? Das ist zwar toll, wenn er mittags oder auch abends, wenn er zufällig zu Hause ist, etwas Leckeres zaubert – und das kann er wirklich gut! Ulla hat während ihrer Beziehung schon fünf Kilo zugenommen! Aber gerade am Abend könnte sie ihn gut daheim gebrauchen. Dann müsste sie nicht immer auf ihre Mutter zurückgreifen, damit die auf Felix aufpasst, wenn sie mal etwas unternehmen will. Ein ganz normaler Job wäre da für Matthias doch viel besser! Woanders könnte er sicher auch noch mehr verdienen!

Aber das kommt für Matthias nicht infrage. Deshalb müssen sie sich auch jeden Urlaub vom Mund absparen. Und was kriegt sie dafür? Einen Ausflug in die Wildnis! Ein Überlebenstraining in der Pampa! Da können sie sich einmal einen Urlaub leisten und ihrem Freund fällt nichts Besseres ein, als sich mit ihr in die Büsche zu schlagen! Sie wollte doch einfach nur mal ein bisschen Spaß haben und ein bisschen Komfort! Warum kann es ihr nicht einmal ein bisschen gut gehen?

Matthias ist hingerissen. Je näher sie ihrem Ziel kommen, diesem unglaublichen Ort in Italien, wo er einen so großartigen Urlaub verbracht und so wundervolle Menschen kennengelernt hat, umso aufgeregter wird er. Jetzt sind sie schon fast da! Sie müssen nur noch diese unendlich erscheinende Abfolge von schmalen Haarnadelkurven hinter sich bringen, die sich meistens bergauf und manchmal auch bergab schlängeln und von Zeit zu Zeit immer grandiosere Aussichten immer weiter ins Land freigeben. Da, schon wieder so eine Aussicht, bei der man am liebsten anhalten und aus dem Auto steigen möchte, um sie zu genießen! Doch das wäre leider lebensgefährlich, wenn ein nachfolgendes Auto sie vielleicht an dieser unübersichtlichen und sehr schmalen Stelle nicht rechtzeitig sähe!

Also fährt er weiter und eigentlich wünscht er sich ja auch nichts sehnlicher, als endlich anzukommen an diesem Ort, auf den er sich so gefreut hat! Auch auf die Menschen freut er sich, die ihm damals ans Herz gewachsen sind: Stefano, der eigentlich Stefan heißt und vor vielen Jahren seinen Job als Vertriebschef eines großen Unternehmens an den Nagel hängte, um in das Land zurückzukehren, aus dem seine Eltern ursprünglich nach Deutschland auswanderten, um dort zu arbeiten. Seine Frau Sandra, die begnadete Gitarristin, die sich nun voller Begeisterung um die zum Gut gehörende Landwirtschaft kümmert. Und natürlich Edith, Sandras Mutter, die, gesegnet mit dem Aussehen einer typisch italienischen Mama, den Kochlöffel schwingt und ihre Gäste mit ihrer vorzüglichen landestypischen Küche in Verzückung versetzt. Matthias freut sich auch auf Cosima und Don Carlos, der eigentlich Karl heißt, aber aussieht wie ein spanischer Flamencotänzer und deshalb diesen Spitznamen trägt. Carlos war früher Musicaldarsteller und gibt nun sein Können, ganz speziell sein gesangliches, an seine Schüler weiter. Seine Kollegin, die kleine, quirlige Cosima mit den langen roten Locken ergänzt Carlos‘ Gesangsunterricht durch intensive Einheiten an der Gitarre, wobei sie es immer wieder schafft, auch weniger versierte Gitarristen mit ein paar einfachen, aber effektvollen Schlag- und Zupftechniken an aufwändig anmutende Stücke heranzuführen und so in einer einzigen Woche beeindruckende Ergebnisse hervorzurufen.

Ganz besonders jedoch freut sich Matthias darüber, dass auch einige der anderen Gäste von damals wieder dort sein werden: die hübsche, hochgewachsene Elli mit den hellblauen Augen und dem dunkelbraunen Pagenschnitt, die schicke, durch ihre markanten Gesichtszüge immer etwas streng aussehende, aber herzensgute Monika und natürlich Julie, die Dritte im Bunde der drei Frauen, die er damals im Urlaub kennenlernte.

Bei dem Gedanken an Julie wird Matthias gleich noch etwas wärmer ums Herz. Die attraktive, manchmal etwas distanziert wirkende Schweizerin mit der braunen Lockenmähne und dem hübschen, breiten Lächeln findet er schon sehr faszinierend. Vielleicht liegt das an ihrer etwas spröden Art, die er heimlich bewundert, vielleicht aber auch an der Geschichte, die sie ihm – und nur ihm! – damals erzählte. Er hatte es wie eine Auszeichnung empfunden, dass sie sich ausgerechnet ihm anvertraute und Einblicke in ihr Leben schenkte, die sie sonst niemandem gewährte. Seit jenem Moment, den sie in der warmen Sonne auf einem Felsbrocken sitzend verbrachten, als sie ihm ihr Geheimnis anvertraute, das sie so lange schon quälte, fühlt er sich ihr besonders verbunden.

Seitdem ist viel Zeit vergangen und sie stehen nur sporadisch im E-Mail-Kontakt. Doch immerhin schrieb sie ihm vor ein paar Monaten, dass sie sich mit Elli und Monika wieder für eine Urlaubswoche in Italien verabredet hatte. Warum hätte sie ihm das schreiben sollen, wenn sie sich nicht vielleicht ausrechnete, ihn, Matthias, dadurch überreden zu können, auch dort hinzukommen? Zwar weiß sie von Ulla und … um Himmels willen, nein! Darum geht es doch gar nicht! Sie sind Freunde! Vielleicht auch … Seelenverwandte, weil sie Dinge voneinander wissen, die für andere ein Geheimnis bleiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Das allein ist schon etwas ganz Besonderes, was es nur selten im Leben gibt. Aber alles andere ist natürlich völlig abwegig! Julie wohnt schließlich in der Schweiz und er in Deutschland. Mindestens 400 Kilometer liegen zwischen ihnen. Da kommt man nicht mal eben so auf einen Kaffee vorbei!

Wow! Dieses winzige Dorf, das sie gerade durchfahren! Als wäre hier in ferner, mystischer Vergangenheit die Zeit stehen geblieben! Eigentlich ist es nur eine Ansammlung von aus grauem Stein erbauten Häusern mit kleinen Fenstern, schiefen Holztüren, manche mit üppig blühenden Kästen und Blumenampeln geschmückt. Drei recht betagte Herren haben es sich auf einer kleinen Bank gemütlich gemacht und beäugen neugierig das Gefährt, das die oft geflickte Dorfstraße passiert, als würden solche Ereignisse wie dieses, dass Fremde sich hierher verirren, nur selten sein. Einer der Männer sitzt vornübergebeugt auf einen knorrigen Stock gestützt, der nächste hat einen hellbraunen Hund zu seinen Füßen, der entspannt alle Viere von sich streckt, und der dritte kaut vergnügt auf irgendetwas herum – vermutlich Tabak, denkt Matthias. Was für ein Bild! Richtige Originale! Die müsste man eigentlich fotografieren!

„Ist das nicht unglaublich? Und das ist alles echt! Hier wohnen richtige Menschen!“, ruft er begeistert.

Zur Antwort bekommt er nur ein kurzes „Hm“. Doch dafür hat er Verständnis. Schließlich sind sie heute sehr früh aufgebrochen und standen noch in Deutschland für mindestens eine Stunde im Stau. Auch die restliche Fahrt zog sich wegen der Mautstelle am Brenner und einer Baustelle auf der italienischen Autobahn mächtig in die Länge. Er ist sich sicher, dass Ulla einfach müde ist. Schließlich braucht sie auch sonst ihren Schlaf und ist unausstehlich, wenn sie zu wenig davon bekommt!

„Es wird ihr schon gefallen“, glaubt Matthias. „Wenn wir erst da sind, wird sie es lieben!“

Unbeirrt ob Ullas Einsilbigkeit passiert er das malerische Dorf und kämpft sich weiter die Straße hinauf. Die ist nun von einer asphaltierten Fahrbahn zu einer staubigen Schotterpiste geworden. Matthias meint sich zu erinnern, dass es jetzt nicht mehr weit sein kann. Gut, das hat er vorhin auch schon gedacht. Und davor auch, als sie diese besonders scharfe Kurve genommen haben, die auch das letzte Mal – daran erinnert sich – völlig überraschend vor ihnen auftauchte! Ja, diese Serpentinen ziehen sich in die Länge! War das vor drei Jahren auch schon so gewesen?

Langsam erwacht die Erinnerung, wie er damals mit Elli, die eine Mitfahrgelegenheit nach Italien anbot, anreiste, und wie sie vermuteten, sie wären falsch abgebogen, als sie auch nach einer gefühlten Ewigkeit, die sie sich Kurve um Kurve die Berge hinaufgeschraubt hatten, immer noch nicht am Ziel waren.

Aber jetzt, wo sie auf der Schotterpiste sind – er weiß es ganz genau! – jetzt kann es nicht mehr weit sein! War da irgendwo, kurz bevor man das Gut erreichte, nicht diese Stelle mit dem grandiosen Ausblick? Wo man das Gut auf der gegenüberliegenden Seite des Tals sehen konnte wie auf einem Gemälde? Na klar! Da gab es ein kurzes Stück Straße, wo der ohnehin meist spärliche Bewuchs der Berghänge für ein paar Meter die Sicht freigab auf das Anwesen, das damals, nach der schier unendlich langen Fahrt von Deutschland bis hierher, in der spätnachmittäglichen Sonne vor ihnen lag wie ein wahr gewordener Traum! Dahinten muss die Stelle sein, vermutlich hinter dem nächsten Felsvorsprung! Nee, doch nicht. Aber gleich! Hinter der nächsten Kurve! Bestimmt!

Tatsächlich, da ist es! Leider steht dort schon ein Auto. Aber hey, an das erinnert er sich! Damit ist er vor drei Jahren nach Italien gereist! Das muss Elli sein! Sie hat also den alten Japaner noch? Und ist das neben ihr nicht Monika?

„Die Beiden kenne ich!“, jubelt Matthias und betätigt übermütig die Hupe.

„Das ist Matthias! Juhu!“, ruft Elli übermütig und winkt heftig. „Das neben ihm ist sicher seine Freundin!“

„Anzunehmen“, denkt Monika spöttisch und amüsiert sich über den jugendlichen Überschwang ihrer Begleiterin.

Ein bisschen beneidet sie Elli jedoch auch darum. Sie selbst fühlt sich für so viel Lebhaftigkeit zu alt, obwohl auch Monika sich ehrlich darüber freut, Matthias wiederzusehen. Schließlich ist er ein wirklich netter Kerl, wenn er damals auch etwas nervte mit seiner unreifen Art. Aber vielleicht hat er die nun abgelegt? Julie hatte Elli und ihr geschrieben, dass er seine Freundin mitbrächte, die ein Kind habe und der er wohl auch finanziell etwas unter die Arme greifen müsse – jedenfalls hatte Julie das aus den Mails, die sie von Matthias erhalten hatte, herausgelesen. Wenn er nun also Verantwortung für eine Frau und ein Kind trägt, dann ist er daran vermutlich gereift?

Sie würde sich darüber freuen. Vor allem deshalb, weil sie weiß, wie sehr sich Matthias damals eine eigene Familie wünschte. Vielleicht hat er nun bekommen, was er haben wollte?

Der kleine, unter der beachtlichen Staubschicht vermutlich weiße Wagen kommt kurz vor ihnen zum Stehen. Kaum, dass er einen Halt findet auf dem schmalen Seitenstreifen, ist Matthias schon mit einem Satz aus der Fahrertür gesprungen und stürmt auf die beiden Frauen zu. Elli hüpft ihm freudestrahlend entgegen und fällt ihm um den Hals. Dann dreht sie sich übermütig zu Monika um und ruft: „Schau mal! Er hat sich kein bisschen verändert! Sogar die Brille ist noch dieselbe!“

„Naja, ein bisschen zugelegt hat er um die Hüften“, ruft Monika nach einem kurzen Blick auf Matthias boshaft. Aber auch sie lacht und umarmt ihn herzlich, als Elli ihn loslässt. „Nichts für ungut“, sagt sie entschuldigend und grinst ihn frech an.

„Du hast ja recht“, antwortet der große Blonde gutmütig. „Seit ich in festen Händen bin, bin ich ruhiger geworden. Das kriegt natürlich auch meine Figur zu spüren! Das ist sie übrigens, meine Freundin!“

Er dreht sich zum Auto um, aus dessen Beifahrerseite eine kleine Person mit glatten, aschblonden, halblangen Haaren klettert und zögernd um die offene Tür herum auf die Gruppe zusteuert. Unverhohlen mustert Monika die Frau in dem hellgrauen T-Shirt und der engen, hellbeigefarbenen Stretchhose. „Oh je“, denkt sie, „eine Stilberatung könnte der jungen Frau nicht schaden!“ Sie findet, dass das Grau des T-Shirts sie noch farbloser erscheinen lässt, als sie sowieso schon ist, und die enge Hose recht unvorteilhaft den mächtigen Hintern betont, der fast deplatziert wirkt an der ansonsten schmalen, fast zerbrechlich wirkenden Person. „Jedenfalls ist damit schon mal klar, dass sich Matthias nicht wegen ihres Aussehens für sie entschieden hat“, überlegt Monika.

Im nächsten Moment erschrickt sie und findet sich furchtbar, über die junge Frau nur wegen ihres Äußeren so herablassend zu urteilen. Schnell bemüht sie sich, etwas Positives an Ullas Erscheinung zu finden. „Hm, das Gesicht ist eigentlich ganz niedlich, jetzt, wo sie ein schüchternes Lächeln wagt. Vermutlich könnte sie etwas aus sich machen, wenn sie sich Mühe gäbe. Doch irgendwie sieht sie nicht danach aus, als würde sie sich mit irgendetwas Mühe geben“, findet Monika.

Erneut haut sie sich innerlich auf die Finger und beschließt, sich jetzt wirklich zusammenzureißen. Lächelnd geht sie auf Ulla zu.

„Hallo, ich bin Monika. Nette Hose!“, meint sie freundlich.

Während sie das sagt, fällt ihr Blick auf die hinter der Frau stehende Elli, die sie entgeistert anstarrt, als könne sie unmöglich ernst meinen, was sie da gerade von sich gegeben hat. Oh je. Was redet sie nur für einen Blödsinn? Ist sie noch zu retten? Diese Hose? Nett? Sie scheint wirklich urlaubsreif zu sein! Naja, der Stress der letzten Zeit …

Mit einem energischen Kopfschütteln vertreibt sie die dunklen Gedanken, die sich gerade bei ihr niederlassen wollen. „Nicht jetzt“, denkt sie und lächelt noch ein wenig strahlender, um ihren Fauxpas wiedergutzumachen. Hoffentlich ist Ulla nicht empfindlich und denkt, sie wolle sich über sie lustig machen! Die Hose ist schließlich komplett unvorteilhaft! Selbst Elli, ihrer immer gutmütigen, manchmal fast ein bisschen naiven Freundin ist aufgefallen, dass sie das Beinkleid unmöglich schick finden kann. Hoffentlich hat es sonst niemand bemerkt!

Doch Matthias grinst nur vor lauter Stolz über seine Eroberung und Ulla dreht sich suchend zu ihm um, als ob sie von ihm erwarte, dass er ihr nun sagt, wie es weitergeht. Nein, die beiden scheinen nichts gemerkt zu haben!

Erleichtert nimmt Monika zur Kenntnis, dass Matthias seine Freundin nun an der Hand nimmt und an Ellis Auto vorbei zum Rand der kleinen Parkbucht führt, um ihr mit einer großartigen Geste die Aussicht über das Tal und ganz besonders natürlich das Gut zu zeigen, das vor ihnen auf dem Plateau in einigen hundert Metern Entfernung in der Sonne liegt.

„Das ist der Ort, an dem wir Urlaub machen werden“, schwärmt er großartig und beginnt mit einer ausführlichen Schilderung der örtlichen Gegebenheiten. Er erklärt seiner Ulla, was das Haupthaus und was die Nebengebäude sind, wagt eine Vermutung darüber, wo sie wohl untergebracht sein werden, beschreibt schließlich die Sitzgruppe unter den mächtigen Platanen, wo sie sich zu den Mahlzeiten versammeln, und erklärt ihr, dass das Abschlusskonzert vermutlich wieder auf der beeindruckenden Aussichtsterrasse unterhalb des Essplatzes stattfinden wird.

Monika schüttelt kaum merklich den Kopf. Matthias scheint ganz in der Rolle des großen Welterklärers aufzugehen! Das hatte er schon damals an sich! Wie er so dasteht und in dozierendem Tonfall das Gut und die dortigen Gegebenheiten erläutert, wirkt er fast wie ein Lehrer, der seiner wenig bemittelten Schülerin erklärt, wie sich die Welt dreht. Erstaunlicherweise lässt Ulla das klaglos über sich ergehen und hört ihm einfach nur zu.

„Vermutlich sind das die Qualitäten, die Matthias an ihr schätzt, dass er stundenlange Vorträge halten und dabei das Gefühl haben darf, dass sich jemand dafür interessiert“, denkt Monika bissig. Dann schüttelt sie den Kopf. Geht das schon wieder los? Kann sie nicht einmal etwas Nettes denken?

Doch als Matthias damit beginnt, Ulla die sanitären Einrichtungen zu erklären, findet Monika, dass sie eingreifen sollte.

„Sag mal Matthias, findest du nicht, dass Ulla das alles vor Ort selbst viel besser entdecken kann?“

„Gute Idee“, pflichtet Elli ihr bei. „Ich will jetzt auch unbedingt ankommen!“

Damit drückt sie ihre Zigarette aus, die sie sich eben angezündet hat. Trotz Monikas ausdrücklicher Versicherung, dass es ihr nichts ausmache, wenn Elli im Auto rauche, hat diese sich nicht dazu überwinden können, ihre nichtrauchende Mitfahrerin mit Zigarettenqualm zu belästigen, wofür Monika ihr heimlich dankbar ist. Deshalb musste Elli eben dringend die Gelegenheit für ein Rauchopfer nutzen, was ihr einen mitfühlenden Blick ihrer Freundin einbringt.

„Also ich fahre jetzt los. Wer kommt mit?“, ruft Elli und reißt die Fahrertür ihres Autos auf.

„Halt! Nimm mich mit!“, schreit Monika lachend und läuft auf die Beifahrerseite zu.

Das ist auch das Stichwort für Matthias und Ulla, sich in Bewegung zu setzen.

„Tolle Hose“, murmelt Elli, als sie beide im Auto sitzen und das letzte kleine Stückchen Weg zum Gut im Konvoi mit Matthias und Ulla zurücklegen. Missbilligend schüttelt sie den Kopf.

„Ist mir so rausgerutscht“, gibt Monika zu.

Doch dann entdeckt sie ein Funkeln in Ellis Augen. Wie auf Kommando prusten beide los und können sich kaum wieder einkriegen! Monika merkt, wie sehr ihr diese Albernheiten gefehlt haben. Nun freut sie sich noch mehr auf diese Woche, in der sie mit Elli und Julie sicher noch manches Mal Gelegenheit haben wird, von Herzen zu lachen. Das wird ihr guttun und sie ablenken!

Herrlich! Endlich ist sie wieder da!

+

Carola und Maik

Der schlanke, attraktive Mann mit den kurzen dunklen Haaren ist bester Laune. Er sitzt am Steuer seines anthrazitfarbenen Kombis und freut sich auf den vor ihm liegenden Urlaub. Am liebsten würde er fröhlich vor sich hin pfeifen, doch dann würde er seine Frau wecken, der auf dem Beifahrersitz gerade die Augen zugefallen sind.

Prüfend wirft er einen Blick zur Seite, ob sie immer noch schläft. Dabei fällt ihm wieder einmal auf, wie hübsch sie ist: blonde lange Haare, ein ebenmäßiges Gesicht, eine schlanke, aber dennoch sehr weibliche Figur. Selbst jetzt, wo sie tief in Träumen versunken ist, wirkt sie perfekt, wie dahin gemalt oder drapiert für ein Werbefoto von einer schlafenden Schönheit, mit dem die Marketingabteilung des Autoherstellers den Reisekomfort des Kombis unterstreichen möchte.

Zufrieden schaut Maik wieder nach vorn auf die Straße. Auch wenn er manchmal daran zweifelte, wenn seine Ehe schwierige Momente erlebte: Er hat doch eine gute Wahl getroffen vor achtzehn Jahren! Carola war schon damals, als sie sich kennenlernten und sie gerade zweiundzwanzig Jahre alt war, eine bildschöne Frau, die bei vielen Männern Begehrlichkeiten weckte. Doch jetzt, mit vierzig, ist sie fast noch schöner und Maik muss zugeben, dass er mächtig stolz darauf ist, so eine Frau an seiner Seite zu haben!

Dabei ist er sich durchaus dessen bewusst, dass er mit seinen siebenundvierzig Jahren optisch ebenfalls eine Menge bietet. Er weiß genau um seine Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht, die mit den Jahren und auch mit den mittlerweile leicht ergrauten Schläfen noch größer geworden ist. Er hat sich gut gehalten, obwohl ihm die Arbeit als Dachdeckermeister und Geschäftsführer seines Betriebs kaum Zeit für Sport lässt. Da er jedoch handwerklich noch viel selbst macht, kann er das leidlich ausgleichen.

Fast hätte er jetzt doch angefangen zu pfeifen, als sein Blick auf die vorbeiziehende Landschaft fällt, die sonnenbeschienenen Hügel und die kleinen Dörfer, die sich an die Erhebungen schmiegen. Erst in letzter Sekunde kann er sich davon abhalten, seine Frau mit einer musikalischen Einlage zu wecken.

Ja, er freut sich wirklich auf diesen Urlaub. Vor drei Jahren waren sie schon einmal dort, auf dem Gut von Stefano und Sandra, haben den ganzen Tag lang Gitarre gespielt, gesungen und abends viel roten Landwein genossen. Es war wirklich schön gewesen!

Ob auch ein paar bekannte Gesichter unter den diesjährigen Teilnehmern des Musikkurses sein werden?

Er denkt zurück und überlegt, wer damals mit ihnen gemeinsam dort gewesen ist. Da hatte es diesen Schlagerfan gegeben, der mit seinem Pottschnitt auch schon so aussah wie aus den 70ern übrig geblieben! Maik grinst, als er an ihn denkt. Aber nett war er! Dann gab es da noch diesen großen blonden Kerl mit Brille, der etwas kindlich wirkte, und natürlich diesen Neuseeländer, mit dem sich Carola ständig unterhalten hatte. Auf den legt er ja gar keinen Wert! Aber warum soll ausgerechnet dieser Typ noch einmal den weiten Weg zu einem Musikkurs nach Italien antreten? Das ist wirklich unwahrscheinlich!

Ja und dann … Maik muss erneut grinsen … da gab es doch auch diese Friseurin mit den bunten Haaren. Sabrina hieß sie! Sabrina, ja, mit der hatte er sich gut verstanden. Das war ja auch eine Marke! Was aus der wohl geworden ist?

Er erinnert sich, dass diese Frau in ihrem Drang, zu jeder Zeit alle Welt mit ihrem Gesang zu unterhalten, nicht zu stoppen gewesen war. Doch er war gut mit ihr zurechtgekommen. Mit solchen Frauen kommt er immer prima klar!

Maik schaut zu seiner Angetrauten hinüber, die eben den Kopf zur Seite dreht. Ihre Augen sind immer noch geschlossen. „Sieht aus, als ob sie noch schläft“, stellt er fest.

Er erinnert sich, dass es damals, vor drei Jahren, um ihre Beziehung nicht allzu gut bestellt gewesen war. Schon auf der Anreise waren die Spannungen deutlich zu spüren gewesen und auf der Rückreise hatten sie sogar über die Scheidung gesprochen. Ein kurz entschlossener Abstecher an den Gardasee hatte das Schlimmste verhindert! Damals hatte sich eine Menge zwischen ihnen angesammelt. Sie hatten einige Tage gebraucht, um sich alles Mögliche an den Kopf zu werfen, wie Maik sich erinnert. Doch am Ende hatten sie beschlossen, es noch einmal miteinander zu versuchen.

Das war eine harte Zeit gewesen für ihre Beziehung. Obwohl – wirklich daran geglaubt, dass sie sich trennen würden, hatte er nicht. Sie waren ja auch damals schon sehr lange zusammen gewesen und hatten so viel durchgestanden! Außerdem ist Carola nicht der Typ für Kurzschlussreaktionen. Ab und zu regt sie sich ein bisschen auf, aber irgendwie finden sie dann doch wieder zueinander. So war es auch vor drei Jahren. Natürlich hatte es in den folgenden Wochen und Monaten immer wieder „Aussprachen“ gegeben, doch dann hatte Carola sich beruhigt. Mit der Zeit haben sie sich zusammengerauft und jetzt läuft es doch ganz gut!

Dieses Mal jedenfalls sind die Vorzeichen für den Urlaub ganz andere! Vermutlich sind sie auch einfach erwachsener geworden und haben solche Beziehungsgewitter nicht mehr nötig. Sie sind eben beide keine zwanzig mehr!

Viele Gelegenheiten für Auseinandersetzungen gibt es ja auch gar nicht, weil sie beide sehr in ihre Arbeit eingebunden sind. Maik hatte damals aus dem Urlaub den Entschluss mitgebracht, mit seinem Dachdeckerbetrieb noch einmal richtig durchzustarten und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Mittlerweile hat er viel Erfolg mit seinen Photovoltaik-Anlagen und er hatte sogar ein paar Leute einstellen müssen, um die Nachfrage befriedigen zu können.

Währenddessen bastelt Carola weiter an ihrer universitären Karriere. Als Professorin hat sie sich gut etabliert und ist eine gefragte Expertin auf ihrem Gebiet, sie hält Vorträge und wird um Expertisen gebeten. Sie kommt viel herum und ist natürlich oft außer Haus. Aber er will ihrer Karriere auch nicht im Wege stehen! Sie hat damals, am Gardasee, ziemlich deutlich gemacht, dass sie nicht bereit ist, irgendwelche Kompromisse einzugehen oder berufliche Abstriche hinzunehmen. Und er – naja, toll findet er es immer noch nicht, dass sie ihren Beruf so in den Vordergrund stellt. Aber nun gut, da sie es unbedingt so will, lässt er es geschehen. Er hat sich mit ihren häufigen Abwesenheiten abgefunden und schließlich sogar akzeptiert, dass Carola eine Putzfrau eingestellt hat und das Essen häufiger aus der Tiefkühltruhe oder vom Bringdienst kommt, wenn sie keine Zeit und Lust hat zu kochen. Er hat sich sogar damit arrangiert, sich selbst zu versorgen, wenn sie abends Veranstaltungen hat, und die haben in den letzten Monaten sogar noch zugenommen, fällt ihm auf, als er jetzt darüber nachdenkt!

Glücklicherweise gibt es immer noch die Wirtschaft im Dorf und seine Mutter freut sich auch jedes Mal, wenn er vorbeikommt und sie ihn bekochen darf. Er kommt zurecht, auch wenn er manchmal neidisch auf seine Freunde schaut, deren Frauen neben bestenfalls einem Halbtagsjob abends immer zu Hause sind, um das Essen zu machen und Mann und Kinder zu versorgen.

Maik unterdrückt ein Seufzen. Es wäre ihm schon lieber, wenn seine Frau häuslicher wäre! Aber solange der Haushalt irgendwie erledigt wird – und wenn es mithilfe einer Putzfrau ist – kann er es verkraften. Er hat sich daran gewöhnt. „Irgendwas ist eben immer“, denkt er lakonisch. Wenn er sich dafür nicht ständig mit Carola streiten muss, weil sie findet, er könne ja mal dieses oder jenes selbst erledigen, soll es ihm recht sein.

Nun, jedenfalls ist er froh, dass die Situation zwischen ihnen heute viel entspannter ist als früher. Dafür kommt er seiner Frau gerne entgegen! Er hat ohne zu murren seine Sachen selbst gepackt und sogar dabei geholfen, das Auto zu beladen, obwohl er ja eigentlich noch dringend E-Mails checken musste. An diesen Ort in Italien verirrt sich das Netz nur selten! Da fand er seine Frau ein bisschen kleinlich, die demonstrativ mit ihrem Kaffee am Küchentisch sitzen blieb und einfach wartete, bis er fertig war, um dann mit ihm gemeinsam das Auto zu beladen. Da ist sie ein bisschen unentspannt! Als ob er nie etwas täte! Im letzten Monat hat er sogar einmal den Rasen gemäht, obwohl ihn Gartenarbeit nicht interessiert und er das auch immer gesagt hat! Aber gut, dafür ist jetzt wenigstens alles friedlich und er kann sich auf den Urlaub freuen!

+

Julie

Julie schlägt die Augen auf. Sie muss für einen Moment eingeschlafen sein. Dabei hatte sie sich doch nur kurz auf das Bett geschmissen, um mal eben die Matratze zu prüfen. Nun weiß sie jedenfalls, dass die großartig ist und sie hier wunderbar schlafen wird!

Sie sieht sich in der Kammer des Nebengebäudes um, die Stefano ihr als neues Zuhause für diese Woche zugewiesen hat. Ein wunderschönes Zimmer mit Blick auf den Hof vor dem Haupthaus, den sie durch das geöffnete Fenster sehen kann. Die hell geblümten Gardinen bauschen sich durch die leichte Brise, die herrlich würzige Luft zu ihr herüber weht. Was für ein wunderbarer Ort für ein kleines Nickerchen!

Wohlig reckt sich Julie auf der hellblau-orange-gestreiften Bettwäsche. Sie hat es wirklich gut getroffen! Die rustikale Holzdecke über ihr verbreitet zusammen mit den weiß und zart orangefarben gestrichenen Wänden eine fröhlich-warme Atmosphäre. Auf dem Holzboden zu ihren Füßen greift ein Flickenteppich den Orangeton der Wände auf und ergänzt ihn um rote, gelbe und blaue Streifen. Ein riesiger alter Schrank und ein kleines Regal in der Ecke bieten ausreichend Platz für ihre Habseligkeiten. Ein einfacher Tisch mit zwei ebensolchen Holzstühlen vor dem Fenster lädt dazu ein, es sich bei einer Tasse Tee gemütlich zu machen und hinauszusehen über den großen Platz bis zum Haupthaus und ein Stückchen daran vorbei in die Ferne, wo sich bis zum Horizont Berge aneinanderreihen, um sich ganz hinten in einem dunstigen Türkis zu verlieren. Ein Traum!

Obwohl das Bett sehr gemütlich ist und das laue Lüftchen auf angenehme Weise die Hitze des Tages vertreibt, hält Julie es nicht länger dort aus. Sie muss jetzt einfach hinaus und sich alles ansehen, das ganze Anwesen wiederentdecken, an das sie wohl öfter gedacht hat, als sie sich eingestehen mochte. Jetzt, wo sie wieder hier ist, spürt sie, wie ihr der Ort gefehlt hat, an dem es ihr einst so gut ging.

Endlich ist sie wieder da!

Sie springt aus dem Bett, schlüpft in ihre Schuhe, richtet eilig ihre hellblaue Jeans und das grüne T-Shirt, bürstet sich kurz die Haare und läuft durch den kleinen Flur hinaus auf den Hof.

Vor ihr richtet sich die sandfarben verputzte Fassade des Haupthauses auf mit dem beeindruckenden Portal aus zwei schweren, dunkelbraunen Türflügeln, gekrönt von einem halbrunden Oberlicht aus bunten Glasscheiben. Zu beiden Seiten der Tür sorgen zwei altertümlich verschnörkelte Laternen nachts für ein bisschen Helligkeit. Dort, in diesem Haus, hat sie bei ihrem ersten Aufenthalt links neben dem Eingang gewohnt – daran erinnert sie sich gut! Auch jenes Zimmer mit den hellblauen Wänden und dem alten rot, braun und schwarz gemusterten Perserteppich hat sie sehr genossen. Trotzdem findet sie es schön, nun eine andere Kammer auf dem Gut kennenlernen zu dürfen.

Julie läuft quer über den Platz zu einer kaum hüfthohen Mauer, die nur wenig Schutz vor dem dahinter liegenden, abschüssigen Gelände bietet. Der recht steil abfallende Hang ist – bis auf ein paar herausragende Felsen – von undurchdringlich erscheinendem Gestrüpp überwuchert, das sich scheinbar nur mit Mühe auf den kärglich mit Erde und Flechten bedeckten Felswänden halten kann. Aber von dort aus hat sie eine herrliche Aussicht über das Tal und die dicht bewaldeten Hänge, die nur ab und zu einen Blick auf ein paar ziegelrote Dächer oder aus grauem Stein erbaute Hausmauern freigeben. Die sonnengelben Tupfer von Ginsterbüschen komplettieren die Idylle, die sich vor ihr bis hin zum Horizont erstreckt.

Ein Ausblick, der fast nicht von dieser Welt zu sein scheint! Und dazu diese herrliche Ruhe!

Julie schließt für einen Moment die Augen und lauscht in die spätnachmittägliche Stille. Der weiche Wind bewegt ganz zart die Blätter einiger Bäume in der Umgebung, ein Brummer surrt an ihr vorbei und von Ferne vernimmt sie das melodische Klingen von Glocken, die auf das Vorhandensein einer Ziegen- oder Kuhherde schließen lassen.

In diesem Moment wird sie erobert von einem großen Glücksgefühl. Es breitet sich von ihrem Herzen aus und erfüllt sie schließlich ganz. Julie breitet ihre Arme aus, als würde sie auf diese Weise den Moment festhalten können. Sie öffnet ihre Augen und genießt die ganze Pracht dieses wunderbaren Ortes. Warum kann es nicht immer so sein? Warum kann die Welt nicht immer so schön sein, so friedlich und so herrlich sorglos? Warum ist es leider meistens anders?

Seufzend fährt sie sich durch ihre dichte, kastanienfarbene Lockenpracht und dreht sich langsam im Kreis, um ihre Umgebung in Augenschein zu nehmen. Sie schaut über die große, sanft abfallende Wiese zu ihrer Linken, die ganz hinten von einer riesigen Eiche überschattet wird. Den Platz darunter mit den in einem Halbkreis aufgestellten Holzbänken erinnert sie gut: Meistens fand dort der Gitarrenunterricht statt. Noch ein Stückchen weiter links entdeckt sie im dichten Gras ein paar Felsbrocken. Auch dort hat sie gerne gesessen, um zu proben, alleine für sich oder mit den anderen. Von da aus hatte sie einen fantastischen Blick auf das Bergmassiv im Norden, dort wo die Straße – oder besser die Schotterpiste – entlangführt, auf der man dieses Anwesen erreicht.

Sie lächelt bei der Erinnerung an die Stunden, die sie mit ihren Mitstreitern dort verbracht hat. Was wohl aus ihnen geworden ist? Zumindest Elli und Monika wird sie gleich wiedersehen – und natürlich Matthias! Auf seine neue Freundin ist sie besonders gespannt, richtig neugierig sogar! Was er wohl für einen Frauengeschmack an den Tag legt? Sie denkt nach. Bislang konnte sie nicht wirklich ein System bei seiner Wahl erkennen: Damals war er erst von Elli sehr beeindruckt gewesen, bis er sich dann, nach diesem denkwürdigen Nachmittag, an dem sie sich auf einem der Felsen sitzend gegenseitig ihre tiefsten Geheimnisse anvertraut hatten, mehr für Julie zu interessieren schien. Allerdings war das rein platonisch gewesen! Damals hatte er Julie von Tine, seiner Exfreundin erzählt, und die wiederum schien seiner Beschreibung nach weder mit Elli noch mit ihr selbst irgendwelche Gemeinsamkeiten zu haben – weder vom Aussehen noch vom Charakter oder der Lebenssituation her!

Nun ja, es wird nicht mehr lange dauern, dann wird sie Ulla selbst kennenlernen. Bestimmt ist sie nett! Zu Matthias passt eigentlich nur eine nette Frau, so gutmütig, wie er selbst ist!

Julie beschließt, ihren Rundgang fortzusetzen. Bald schon werden die nächsten Gäste da sein und dann ist für eine Woche an so etwas wie Ruhe und Besinnung nicht zu denken!

Mit flotten Schritten eilt sie über den Platz, am Haupthaus vorbei und auf die Südseite des Gebäudes zu, wo unter zwei mächtigen Platanen ein einfacher langer Holztisch, Bänke und Stühle aufgebaut sind. Julie ist entzückt: Hier hat sich nichts verändert! Dieser Platz, wo sie die Mahlzeiten eingenommen haben, sieht noch genauso aus, wie sie ihn in Erinnerung hat! Sogar die ausrangierten, zu Blumentöpfen umfunktionierten Töpfe auf der Mauer am Rande der Essecke meint sie unverändert wiederzuerkennen. Und aus der Küche, hinter der nur einseitig geöffneten zweiflügeligen Holztür, vernimmt sie die vertrauten Klänge von eifrigen Handgriffen, die sicherlich das Abendessen vorbereiten. Kurz ist Julie versucht hineinzugehen und Edith und vielleicht auch Sandra zu begrüßen, die sie beide noch nicht gesehen hat. Aber dann entschließt sie sich, es sein zu lassen. Da drinnen wird man alle Hände voll zu tun haben, für die ganze Truppe zu kochen, und wenn sie dabei ständig von eintreffenden Gästen gestört werden, ist das vermutlich mehr lästig als angenehm!

Einen Moment noch bleibt Julie unschlüssig stehen, dann läuft sie am Tisch und den Bänken vorbei ein paar langgezogene, in den Fels gehauene breite Stufen hinab. Auf den Platz dort unten hat sie sich besonders gefreut!

Mit jedem Schritt, den sie sich abwärts bewegt, treten Bäume und Büsche an den Seiten zurück und geben den Blick frei auf eine Terrasse, die, im Halbrund angelegt, mit den weit in die Breite gezogenen Stufen anmutet wie ein Amphitheater. Jenseits der kleinen Mauer, die vor dem Abhang dahinter schützt, beginnt die Kulisse des Theaters, diese einzigartige, komplett unverstellte Aussicht über das Tal, das ganz weit in die fast unberührt scheinende Bergwelt hinausführt. Auf der großzügigen Terrasse angekommen hat man fast das Gefühl, allein auf einem hohen Berg zu stehen, die Welt zu seinen Füßen. Sich eine schönere Aussicht vorzustellen, erscheint fast unmöglich!

Unwillkürlich seufzt Julie tief auf vor Entzücken. Langsam schreitet sie über den Platz und lässt sich schließlich auf der Mauer nieder. Von diesem Blick in die Ferne hat sie oft geträumt und jetzt ist er Wirklichkeit!

Sie greift in ihre Hosentasche, zieht ein Päckchen und ein Feuerzeug hervor und steckt sich eine Zigarette an. Genüsslich inhaliert sie den Rauch und blickt in die Ferne. Dabei denkt sie zurück an den ersten Abend, damals vor drei Jahren, als sie auch hier auf der Aussichtsterrasse saß, ungefähr so wie jetzt. Es war bereits dunkel gewesen und von der oben liegenden Essecke war das fröhliche Geplauder und Gelächter der anderen bis zu ihr herunter gedrungen. Sie hatte allein hier unten gesessen und sich irgendwie ausgeschlossen gefühlt, obwohl sie das Alleinsein selbst gewählt hatte. Sie hatte gemeint, wegen ihrer dunklen Vergangenheit nicht zu denen gehören zu können, die ein „normales“ Leben lebten, eines, das nicht so verkorkst war wie ihres.

Ausgerechnet Matthias, dieser unreife Bengel, hatte ihr damals zu einer anderen Sicht auf die Dinge verholfen. Seitdem hat sich einiges geändert. Vor allem hat sie sich geändert! Sie ist offener geworden, vertraut sich manchmal sogar anderen Menschen an und sieht sich weniger als Außenseiter als früher. Dennoch: Über die schlechten Zeiten in ihrem Leben spricht sie immer noch mit niemandem. Matthias war und ist der Einzige, der Bescheid weiß. Es muss es auch keiner wissen. Es reicht, wenn sie selbst ihre Vergangenheit irgendwann verwinden kann.

Julie bläst stoßartig den Rauch ihrer Zigarette aus, fast ist es ein Stöhnen, was ihr unwillkürlich entgleitet.

Sie hatte wirklich gedacht, dass sie es verwunden hat, dass sie endlich in einer neuen Welt angekommen ist und ihre Vergangenheit nicht mehr zählt. Damals, kurz nach ihrem Urlaub, hatte sie es sogar fertig gebracht, das Grab ihrer Eltern zu besuchen. Sie hat versucht, sich posthum mit ihnen zu versöhnen – nicht um ihrer Eltern willen, denn die hatten nichts davon und zumindest ihrem Vater wäre es vermutlich auch ziemlich egal gewesen. Aber um ihrer selbst willen wollte sie mit ihrer Vergangenheit abschließen und sie hatte das Gefühl gehabt, dass dieser Besuch auf dem Friedhof dazugehörte. Ein paar Tage später hatte sie dann gemerkt, dass sie sich leichter fühlte, befreit, und dass sie nicht mehr so oft an das denken musste, was war und was sie getan hatte. Sie hatte geglaubt, sie sei über den Berg, sie hätte es geschafft, ihre Vergangenheit zu akzeptieren. Doch dann …

Sie fährt sich mit der Hand über das Gesicht. Tränen steigen ihr in die Augen. Jetzt bloß nicht weinen! Wer weiß, wie lange sie hier alleine ist. Es geschieht ja immer im ungünstigsten Moment, dass plötzlich jemand um die Ecke kommt, und das wäre jetzt ein ganz blöder Einstieg in den Urlaub!

Julie versucht sich zu beruhigen und ihre Gefühle zurückzudrängen. Doch plötzlich ist alles wieder da. Plötzlich fühlt sie sich fast genauso wie vor drei Jahren, wie eine Außenseiterin, eine, die nicht dazu gehört. Doch dieses Mal ist der Grund nicht, dass sie etwas Schlimmes getan hat, sondern dass sie vielleicht etwas tun muss, was sie sich möglicherweise kaum verzeihen kann.

Sie schaudert. Sie weiß nicht, was sie tun soll, und sie kann mit niemandem darüber reden. Wer sollte sie verstehen? Außerdem fürchtet sie sich gewaltig davor, am Ende von irgendwem zu irgendetwas überredet zu werden, was sie am Ende bereut. Nein, diese Sache muss sie alleine durchstehen. Da kann ihr niemand helfen! Wie auch?

Kurze Zeit später drückt sie ihre Zigarette aus und zündet sich gleich darauf eine zweite an. Zur Beruhigung. Sie beschließt, dass sie an diese Sache keinen Gedanken mehr verschwenden wird – vorerst – wenn diese Zigarette zu Ende geraucht ist. Sie wird sich nichts anmerken lassen, einfach nur ihren Urlaub verbringen und am Ende der Woche wissen, was sie tun wird. Einfach so. Dann wird sie eine Entscheidung treffen, und zwar die, die sich für den Moment am besten anfühlt. Mehr kann sie nicht von sich erwarten. Doch bis dahin wird sie alles tun, um nicht mehr daran zu denken.

Nach ein paar Minuten fühlt Julie sich fast wieder im Gleichgewicht. Sie erhebt sich nach einem abschließenden Blick auf das Tal – was für ein wunderschöner Ort das hier doch ist! – dreht sich um und schlendert die Treppenstufen hinauf. Die Essecke unter den beiden Platanen liegt immer noch verlassen da, nur eine grau getigerte Katze hat es sich jetzt auf dem Mauervorsprung zwischen zwei gelb und weiß blühenden Gewächsen in ausrangierten Kochtöpfen bequem gemacht. Julie kann nicht widerstehen, ihr weiches Fell zu streicheln und damit das pelzige Tier bei seiner vorabendlichen Siesta zu stören. Doch nach einer kurzen Irritation der Katze darüber, dass jemand sie aus Morpheus‘ Armen reißt, lässt sie sich die leichte Nackenmassage dann doch gefallen und leckt Julie mit ihrer rauen Zunge kurz über die Hand.

Plötzlich hört Julie, dass sich in einiger Entfernung eine Tür öffnet. Neugierig hebt sie den Blick und lässt ihn über den großen Platz hinter dem Haupthaus gleiten, an dessen gegenüberliegender Seite ein zweistöckiger Turm steht, an den sich ein flacheres Gebäude schmiegt. Der Turm ist an zwei Seiten umgeben von einer gemütlichen Veranda, unter deren Dach sich eine kleine, unscheinbare Holztür befindet, die zum Musikraum führt. Aus dieser Tür tritt nun ein hochgewachsener, sehr schlanker Mann mit blonden, etwas struppigen Haaren, einem lässigen olivgrünen T-Shirt und ebensolchen dunkelgrauen kurzen Hosen zu groben, schon etwas ausgelatschten Schuhen. Julie kennt ihn und kann es kaum fassen: Das ist Josh! Wie um alles in der Welt kommt er hierher?

„Josh!“, ruft sie, lässt die Katze im Stich und läuft erfreut quer über den Platz auf ihn zu.

„Hi Julie!“, grüßt er lächelnd zurück und kommt ihr raschen Schrittes entgegen. „Schön, dich zu sehen!“

„Ich hätte nicht erwartet, dich hier wiederzutreffen. Bist du extra aus Neuseeland angereist?“

Julie ist überrascht. Natürlich – vor drei Jahren hatte er auch schon vom anderen Ende der Welt bis hierher finden müssen, sonst hätten sie sich nicht kennengelernt. Außerdem weiß sie, dass er familiäre Verbindungen nach Europa hat: Seine Mutter ist Deutsche und sie lebt – oder lebte zumindest damals – wieder in ihrer alten Heimat. Trotzdem erstaunt es sie, dass der Mann den weiten Weg noch einmal auf sich genommen hat, um an diesem abgelegenen Ort aufzuschlagen. Ob er den Urlaub auch dieses Mal mit einem Besuch bei seiner Mutter verbindet? Warum nicht? Vielleicht hat Josh ein weniger angespanntes Verhältnis zu seinen Eltern als sie es hatte. Es soll ja sogar Leute geben, die ihre eigenen Eltern mögen!

„So sieht das wohl aus“, grinst Josh. „Es ist ganz hübsch hier“, ergänzt er mit einem nonchalanten Lächeln.

Seltsam! Wenn es nicht der immer coole Josh wäre, dann hätte Julie sich jetzt einbilden können, dass er ein wenig verlegen wirkt. Doch verlegen zu sein, passt definitiv nicht zu Josh!

In diesem Moment spürt Julie, wie etwas weich an ihr Knie stupst. Sie schaut an sich herunter und sieht, dass ein großer braun-schwarz gefleckter Hund ihre Aufmerksamkeit sucht und vermutlich gekrault werden will.

„Lucky! Dich gibt es ja auch noch!“, ruft sie begeistert und beugt sich sofort zu dem Tier hinab, um ausgiebig das dicke Fell zu kraulen. Dabei umschmeichelt sie den Vierbeiner unermüdlich mit Komplimenten darüber, was für ein feiner Hund er sei und so ein lieber Kerl und vieles mehr.

Josh ist erleichtert. Er kennt es absolut nicht von sich, dass er verlegen wird. Aber er muss zugeben, dass genau das gerade passiert ist! Es ist ihm tatsächlich unangenehm, auf den Grund seines Hierseins angesprochen zu werden. Dabei ist doch gar nichts dabei, wenn er hier Urlaub macht. Warum soll er es nicht tun? Andere machen das schließlich auch!

Dennoch weiß er, dass das nicht ganz dasselbe ist. Er muss ehrlicherweise zugeben, dass er – so großartig dieser Ort in Italien auch ist – vermutlich nicht hier wäre, wenn Elli nicht angekündigt hätte, hierherzukommen. Aber selbst dann, wenn Elli ein Grund für seine Reise hierher ist, warum hat er das nicht einfach gesagt? Warum hat er Julie nicht ganz cool geantwortet: „Du wusstest vielleicht nicht, dass ich kommen würde, aber ich wusste, dass du hier sein würdest – von Elli.“ Was ist schon dabei? Sie haben sich hier kennengelernt und nun treffen sie sich wieder hier! So what?

Aber genau das konnte er eben nicht einfach sagen. Er hätte das Gefühl gehabt, etwas erklären zu müssen. Deshalb hat er geschwiegen und er ist dem Hofhund Lucky sehr, sehr dankbar dafür, dass dieser die Situation gerettet hat und Josh nicht in die Verlegenheit kam, irgendetwas erläutern zu müssen!

Dankbar schaut Josh zu dem Hund hinunter, der sich mittlerweile auf ein gemütliches Wellnessprogramm eingerichtet zu haben scheint und sich zu Julies Füßen austreckt, um ihre Zuwendungen in maximal entspannter Position genießen zu können.

Als Josh sich unbeobachtet fühlt, blickt er hoch, den Schotterweg entlang, der zwischen dem Haupthaus zur Linken und einer Schafwiese zu Rechten zum Parkplatz führt und von dort zu einer von Zypressen gesäumten Allee wird, die an Büschen, Gemüsebeeten und Stallungen vorbei nach ungefähr hundert Metern im Wald verschwindet. Von dort werden in nicht allzu ferner Zukunft Elli und auch die anderen Gäste mit ihren Autos anreisen.

Elli! Ein bisschen aufgeregt ist er schon, dass er sie gleich wiedersehen wird. Sie ist ihm nicht gleichgültig, keineswegs! Er mag sie, sehr sogar, wie er sich eingestehen muss. Die Zeit, die sie damals, nach der gemeinsamen Urlaubswoche hier, miteinander in Deutschland verbracht hatten, war wunderschön gewesen. Dennoch war für ihn immer klar gewesen, dass ihre Beziehung keine auf Dauer sein kann. Wie auch, wenn sein Lebensmittelpunkt in Neuseeland liegt und ihrer in Deutschland?

Doch warum ist er dann hier? Was will er von ihr und wie soll er sich ihr gegenüber verhalten?

Diese Frage stellt er sich, seit er die Reise gebucht hat. Bis heute hat er allerdings keine Antwort darauf gefunden. Sucht er vielleicht doch unbewusst nach einer festen Partnerin und will herausfinden, ob Elli das sein kann? Würde sie das überhaupt wollen?

Vermutlich schon, denkt er nach kurzem Überlegen. Er weiß nicht warum, aber er fühlt es, auch wenn sie das Thema natürlich niemals angeschnitten, sondern weiträumig umgangen haben – damals in Deutschland und natürlich erst recht in ihrem unverbindlichen E-Mail-Wechsel danach. Wie hätte eine Beziehung auch funktionieren sollen bei der Entfernung, die zwischen ihren beiden Welten liegt? Obwohl, wo ein Wille ist … ist da ein Wille?

Er merkt, wie eine altvertraute Anspannung in ihm hochkriecht, ein unangenehmes Gefühl, das ihm die Luft zum Atmen zu nehmen scheint und das immer dann auftaucht, wenn seine Gedanken sich in eine Richtung bewegen, die mit „fester Beziehung“ zu tun hat. Er fühlt sich plötzlich wie eingesperrt, auch wenn er längst ahnt, dass das nichts mit Elli zu tun hat, sondern mit ihm selbst.

Will er, dass das ewig so weitergeht? Will er sich immer wieder von irgendetwas abhalten lassen, sein Leben mit jemandem zu teilen? Ist die Unabhängigkeit, die er sucht, nicht nur ein anderes Wort für Einsamkeit? Will er so den Rest seines Lebens verbringen? Und falls nicht, wäre Elli dann nicht genau die Richtige?

Statt eine Antwort auf diese Frage zu finden, hört er von Ferne Motorengeräusche. Ein, nein zwei Autos nähern sich dem Gut. Ob sie in einem davon sitzt?

„Ich glaube, wir bekommen Gesellschaft!“

Julie horcht auf.

„Das könnten Elli und Monika sein! Oder Matthias! Die drei kommen nämlich auch!“, erklärt sie ihm.

Wieder spürt Josh Verlegenheit in sich hochsteigen, jetzt sogar noch mehr als vorhin. Er sollte ganz schnell etwas dazu sagen, dass er das alles sehr wohl weiß, nämlich von Elli. Er öffnet den Mund, um etwas Entsprechendes möglichst gelassen von sich zu geben, da läuft Julie schon los, ungeachtet des sehr enttäuschten Blickes aus zwei großen, dunklen Hundeaugen, die das weder verstehen noch gutheißen können.

Josh dagegen muss zugeben, dass er erleichtert ist. Er hat versucht, es ihr zu sagen – ehrlich!

Etwas langsamer folgt er der davoneilenden Julie, die schon fast am Haupthaus vorbei und auf dem Parkplatz angekommen ist. In diesem Moment taucht erst ein und dann noch ein weiteres Auto aus dem Wald auf, durch den der Weg vom Anwesen zur Schotterstraße führt. Tatsächlich: Am Steuer des ersten Wagens sitzt Elli. Sein Herz schlägt für einen kurzen Moment schneller, als er die Fahrerin erkennt. Ihre Haare sind länger geworden. Sie sieht … großartig aus!

Dann fällt sein Blick auf die Beifahrerin, die ihn verblüfft anstarrt: Es ist Monika.

In diesem Moment schießt Josh durch den Kopf, dass nicht nur er vermieden hat, Julie darüber aufzuklären, dass er sehr wohl weiß, dass Elli, Monika und Matthias hierher kommen werden. Auch Elli hat es augenscheinlich vermieden, ihren beiden Freundinnen gegenüber den Umstand zu erwähnen, dass Josh hier sein wird, und das, obwohl sie stundenlang mit Monika im selben Auto unterwegs war. Soso!

Monika kann es nicht fassen. Dass Julie hier sein würde, wusste sie. Aber Josh? Was macht der hier? Der kommt doch aus Neuseeland, wenn sie sich richtig erinnert? Unglaublich! Was für ein Zufall, dass er in genau derselben Kurswoche hier ist wie die drei Mädels und Matthias!

„Das gibt’s nicht! Schau dir an, wer da ist!“, sagt sie zu Elli gewandt.

„Unfassbar!“, murmelt diese und parkt ihr Auto sorgfältig neben Julies blauem Kastenwagen, der durch das weiße Kreuz auf rotem Grund am Nummernschild unverkennbar der Eidgenossin zuzuordnen ist.

„Das finde ich auch!“, gibt Monika zurück.

Dann stutzt sie. Urplötzlich tauchen Bilder vor ihrem inneren Auge auf, die sie fast vergessen hatte. Doch jetzt steht ihr alles so deutlich vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Sie sieht die Szene von vor drei Jahren ablaufen, als sich alle voneinander verabschiedeten. Das war genau hier gewesen, auf diesem Parkplatz. Es war der Abreisetag und die Kursteilnehmer hatten sich vor dem Haupthaus versammelt, um ihre Autos zu beladen und sich Lebewohl zu sagen. Dabei sah sie Elli, wie sie neben ihrem Wagen stand und auf Matthias wartete, mit dem sie zurück nach Deutschland fahren wollte. Dann sie sah Josh, wie er sich Elli näherte. Zu dumm, dass Monika dann für einen Moment woanders hingesehen hatte! Doch als ihr Blick wieder in die Richtung der beiden fiel, sah sie, wie Josh Elli an sich zog und küsste – jedoch nicht nur auf die Wange, wie man es vielleicht in einigen Teilen der Welt und in einigen Kreisen zu tun pflegt, sondern auf den Mund! Das war definitiv keine unverbindliche Verabschiedung gewesen, wie man sie irgendwo anders praktizieren mochte – bestimmt auch nicht in Neuseeland. Das hatte mehr zu bedeuten!

Monika ist perplex. Sie schaut von Elli zu Josh und wieder zu Elli.

Ob es da etwas gibt, was ihre Freundin ihr nicht erzählt hat? Wie es wohl damals weitergegangen ist mit den beiden? Ist es überhaupt weitergegangen? Josh ist nie ein Thema gewesen in den E-Mails, die sie sich von Zeit zu Zeit schrieben. Hätte sie vielleicht mal nachfragen sollen?

Misstrauisch blickt sie nach links zur Fahrerin. Doch Elli springt bereits aus dem Auto, bevor Monika irgendetwas in ihrem Gesicht ablesen kann. Eilig steigt sie selbst aus dem Wagen und sieht, wie Julie und Elli sich um den Hals fallen. Wie gebannt behält sie Elli im Blick und wartet neugierig darauf, was sie als nächstes tun wird. Wie wird die Begrüßung mit Josh ausfallen?

Plötzlich tippt ihr jemand auf die Schulter.

„Die großartige Jazz-Diva ist wieder da! Monika! Wie ich mich freue, dich wiederzusehen!“

Überrascht dreht Monika sich um und steht dem Gutsherrn gegenüber, der sich unbemerkt genähert hat.

„Stefano! Was ist das schön, wieder hier zu sein! Ich bin so glücklich, dass das geklappt hat!“

Sie nehmen sich in den Arm und kurz danach ist auch Sandra, seine Frau, zur Stelle und umarmt Monika ebenfalls. Sofort müssen die wesentlichen Informationen darüber ausgetauscht werden, wie es allen geht und dass sie sich überhaupt nicht verändert haben, oder vielleicht doch – man sehe ja sogar noch viel jünger aus als früher!

Dann kommen Matthias und Ulla heran und so verliert Monika im allgemeinen Hallo Elli und Josh aus den Augen. Als sie schließlich selbst dem Neuseeländer gegenübersteht, ist Elli schon ganz woanders.

In diesem Moment biegt ein weiteres Auto auf den Parkplatz ein. Erst glaubt Monika, ihren Augen nicht zu trauen. Dann bricht sie in schallendes Gelächter aus.

„Ja, ist das denn hier ein Klassentreffen?“, ruft sie begeistert. „Das sind ja Carola und Maik!“

Der erste Abend

Monika biegt um die Ecke und sieht, dass die Tische und Stühle vor der Küche noch verwaist sind. Nur aus der halb geöffneten Tür hört sie Stimmen und das Klappern von Gerätschaften, was auf geschäftiges Treiben hindeutet. Vermutlich werden die letzten Vorbereitungen für das Abendessen getroffen.

Unschlüssig bleibt sie einen Moment stehen und beschließt dann, zur unteren Terrasse hinunterzugehen, um dort die abendliche Stille und die Aussicht zu genießen, bevor sie in Kürze in den Trubel eintauchen wird. Sobald die anderen hungrigen Gäste an der abendlichen Tafel eingetroffen sein werden, wird es bis spät in die Nacht mit der Ruhe vorbei sein – das weiß Monika noch vom letzten Mal. Sie erinnert sich auch daran, dass ihr bei ihrem letzten Aufenthalt die morgendliche Munterkeit und Lautstärke manches Mal gehörig auf den Keks ging! Heute jedoch freut sie sich sehr darauf, bald in vertrauter Runde mit den anderen beisammensitzen und klönen zu können.

Sie kann es immer noch nicht fassen, dass auch Carola und Maik den Weg hierher gefunden haben, und das ausgerechnet in der Woche, wo sich auch Elli, Julie, Matthias und sie hier verabredet haben! Ob das Fügung ist, dass sie sich wiedertreffen? Gibt es so etwas überhaupt?

Monika liegt es normalerweise fern, an Fügungen zu glauben, denn dafür ist sie zu sehr mit beiden Beinen in der Realität verankert. Darüber hinaus kann sie bezüglich des überraschenden Auftauchens von Josh immer noch nicht ganz an einen Zufall glauben. Vielleicht täuscht sie sich – schließlich haben auch Carola und Maik vorhin felsenfest versichert, dass sie nichts von dem Hiersein der anderen ahnten. Warum also soll es bei Josh nicht ganz genauso gewesen sein?

Mittlerweile ist Monika auf der Aussichtsterrasse angekommen. Sie steht an der Mauer und blickt weit in die Ferne. Die Gipfel der Berge zu ihrer Linken werden gerade noch von ein paar rotgoldenen Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne erreicht, doch das Tal zu ihren Füßen ruht bereits in einen blauen Schatten gehüllt und bereitet sich auf die Nacht vor. Hier und da liefern ein paar winzige leuchtende Punkte den Beweis dafür, dass es dort unten, zwischen den dicht an dicht stehenden Bäumen, von Menschen erbaute Behausungen gibt.

Was für eine herrlich friedliche Abendstimmung! Kann es einen schöneren Flecken auf der Welt geben?

Ein wehmütiges Gefühl beschleicht Monika. Ob sie das alles irgendwann einmal wiedersehen wird, wenn diese Woche vorbei ist?

Ärgerlich schiebt sie diesen Anflug von Sentimentalität beiseite. Eigentlich kann sie das gar nicht ab! In ihrer Familie ist Gefühlsduseligkeit und Theatralik ausschließlich Sache ihrer Mutter und deren Kernkompetenz. Monika liegt nichts ferner, als diesbezüglich mit ihrer Erzeugerin in Konkurrenz zu treten! Warum kann sie nicht einfach die schöne Aussicht bewundern und den kurzen Moment des Alleinseins genießen, bevor gleich oben der Trubel losge…

„Hier lässt es sich doch wirklich leben!“

Eine tiefe, raue, ihr unbekannte Stimme reißt Monika aus ihren Gedanken. Leider, so muss sie feststellen, ist die kostbare Zeit der Ruhe und des Alleinseins schneller vorbei, als sie dachte. Na gut, dann soll es so sein!

Sie dreht sich um und ist fast ein bisschen erstaunt. Den Menschen, der vor ihr steht, hat sie noch nie gesehen. Sollte es tatsächlich auch ein Unbekannter geschafft haben, seinen Weg zu dieser Zeit an diesen Ort zu finden? Nachdem sich nun so viele Bekannte überraschenderweise hier eingefunden haben, hat sie kaum noch damit gerechnet, neue Leute kennenzulernen. Bis auf Ulla natürlich, aber die gehört als Matthias‘ Freundin ja irgendwie dazu.

Mit einem Blick erfasst Monika den Mann, der sich unbemerkt genähert hat und nun in maximal zwei Metern Entfernung genüsslich die Arme über den Kopf streckt und zufrieden vor sich hin schnauft. Er sieht aus wie ein Mittvierzigjähriger, hat sich aber Monikas kritischem Blick nach definitiv nicht gut gehalten. Seine krausen, halblangen Haare existieren ohne erkennbaren Schnitt, seine großporige Haut verteilt sich in knautschigen Falten über sein Gesicht, die jetzt wieder nach vorne gefallenen Schultern stecken in einem formlosen hellen T-Shirt von undefinierbarer Farbe – vielleicht war es mal weiß, vielleicht beige oder gar hellblau? Viel Bauch und wenig Hintern lassen den Sitz der grauen, vieltaschigen Funktionshose zu einem ständigen Balanceakt werden und die Füße stecken in grell-orangefarbenen Plastikschuhen. Monika hat mal gehört, dass sie „Crocs“ heißen, doch eigentlich interessiert sie das nicht, weil sie nicht mal unter Androhung von Gewalt dazu bereit wäre, so etwas zu tragen.

Noch bevor ihre Begutachtung der äußeren Gestalt des Mannes ganz abgeschlossen ist, steht ihr Urteil über ihn bereits fest: Dieser Kerl ist eine Schnarchnase!

„Ganz genau meine Kragenweite“, denkt sie spöttisch und schaut unwillkürlich an sich herunter, wie um sich zu vergewissern, dass ihre lange schneeweiße Hemdbluse perfekt unperfekt in Höhe ihrer Hüfte über dem olivfarbenen Long-Shirt geknotet ist und ihre gut sitzende hellblaue Jeans fleckenlos bis zu ihren Füßen reicht, die in leichten olivfarbenen Stoffschuhen stecken. Okay, Letztere sind etwas eingestaubt vom hellen Sand der geschotterten Wege, doch ansonsten entdecken ihre strengen Augen keinen Makel an ihrem Äußeren – ganz im Gegensatz zu dem ihres Gegenübers.

Plötzlich fällt ihr auf, wie hart sie schon wieder mit einem Menschen ins Gericht geht, den sie nicht einmal kennt und der nichts anderes getan hat, als auszusehen, wie er nun mal aussieht, und sich hier an diesem Ort einzufinden, wo sie zufälligerweise auch gerade ist. Warum fällt sie in Gedanken gleich über ihn her? Ganz ähnlich war es vorhin mit Ulla, wie sie feststellen muss, die sie ebenfalls in Sekundenschnelle unbarmherzig aburteilte.

Warum tut sie das? Es kann ihr doch völlig egal sein, wie andere Leute aussehen, wie vorteilhaft oder nicht sie sich kleiden und ob ihr Haar liegt! Das ist doch nicht ihre Sache! Wieso ist sie so kritisch? Oder war sie schon immer so und erst jetzt fällt es ihr auf?

Monika beschließt, sich zusammenzureißen. Sie erklärt sich selbst, dass überhaupt nichts dagegen spricht, freundlich mit diesem noch unbekannten Gesellen umzugehen – noch dazu, da sie sich in der komfortablen Situation befindet, die meisten Menschen an diesem Ort zu kennen und mit ihnen vertraut zu sein, während dieser bedauernswerte Fremdling einen solchen Vorteil vermutlich nicht genießt. Da gehört es sich einfach, ihm den Einstieg in die Gruppe zu erleichtern!

„Hallo, ich bin Monika“, sagt sie und bemüht sich um ein freundliches oder wenigstens neutrales Lächeln. Sie hofft zumindest, dass ihr ein solches gelingt.

„Heiko“, antwortet ihr Gegenüber und nickt kurz mit dem Kopf. „Du bist auch für diesen Musikkurs hier?“, fragt er.

„Jupp!“, sagt sie.

Nach dieser kurzen Antwort senkt sich erneut Stille über die Terrasse. Doch irgendwie ist es nicht mehr dasselbe wie vorhin, denkt Monika innerlich seufzend und beschließt, dass sie jetzt genauso gut auch ein richtiges Gespräch in Gang bringen kann.

„Spielst du Gitarre?“, versucht sie einen Auftakt.

Heiko nickt.

„Schon seit meiner Jugend. Das ist mein Ausgleich zum Beruf.“

„Schön“, kommentiert Monika das Gehörte.

Wieder wird es still.

„Und was machst du so, also beruflich?“, fragt Monika nach einer Weile und stellt im selben Moment bereits Überlegungen dazu an, wo sie diesen Menschen bezüglich seiner Profession einsortieren könnte: Sonderschulpädagoge, Heilpraktiker, Langzeitstudent, …

„Ich bin Berufsschullehrer.“

Richtig! Das wäre ihre nächste Vermutung gewesen!

„Es ist sicher sehr anstrengend, den ganzen Tag über pubertierende Jugendliche zu bespaßen, von denen vermutlich die wenigsten Anteil am Unterricht nehmen, sondern sich für ganz andere Dinge interessieren“, mutmaßt Monika. Für sie selbst zumindest wäre so etwas ein Alptraum! Sie ist froh, dass sie ihre beiden Kinder heil durch die Schule gebracht hat und die nun ihr Studium selbstständig gestalten. Dabei ist ihr Nachwuchs sogar recht gut gelungen! Sie mag sich gar nicht vorstellen, die ungezogenen, verwöhnten Blagen anderer Leute zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu bekehren – jedenfalls nicht, solange die Prügelstrafe an Schulen verboten ist!

„Och, die Kids sind eigentlich ganz okay“, widerspricht Heiko. „Ich sag‘ immer: Leben und leben lassen. Das ist meine Philosophie!“

Er gähnt noch einmal herzhaft, bevor er fortfährt.

„Wenn sie mal nicht so drauf sind, dass sie dem Unterricht folgen können, dann muss man da Verständnis haben und sie auch mal in Ruhe lassen. Die haben doch noch andere Probleme im Leben als die Schule! Sie sind jung! Ich finde das schon ganz okay so“, ergänzt er gutmütig.

Unwillkürlich runzelt Monika die Stirn. In diesem Moment ist sie plötzlich froh darüber, dass ihre beiden Kinder keine Ausbildung, sondern ein Studium begonnen haben. Schließlich wäre es ganz schön, wenn sie etwas lernten, um irgendwann einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen zu können! Wären sie an jemanden wie Heiko geraten, hätte sich diese Erwartung vermutlich nicht erfüllt.

„Ah ja …. hm … aber gibt es denn keine Vorgaben, was die Jugendlichen am Ende ihrer Schulzeit beherrschen müssen?“, fragt sie erstaunt. „Es finden doch sicher auch Prüfungen statt, oder nicht?“

Heiko grinst und winkt ab. „Na klar gibt es die. Aber die Hauptsache ist doch, dass die Kids in ihrer Lehrstelle gut klarkommen. Da lernen sie ja auch richtig was fürs Leben! Das ist für viele ganz schön hart, von der Schule in den Berufsalltag der Erwachsenen einzutauchen. Da brauchen die Kids auch mal einen Platz, wo sie sich ausruhen können! Die sind ja nicht blöd. Was sie wirklich wissen müssen, kriegen sie schon irgendwie mit.“

Heiko streckt seine Arme weit über den Kopf und reckt sich noch einmal ausführlich. Dann schaut er zu Monika hinüber, die zweifelnd die Stirn krausgezogen hat. Vermutlich interpretiert er diese Miene ganz richtig, denn er fügt hinzu: „Keine Angst. Durch die Prüfungen kriege ich sie schon irgendwie. Da lasse ich keinen hängen! Sie sollen ja eine Chance im Leben haben, die jungen Leute! Es gibt immer Möglichkeiten, die schwächeren Schüler irgendwie über die Klausuren zu retten. Ich bin da nicht so’n harter Hund wie einige Kollegen!“

Verständnislos schüttelt er den Kopf, als er über das Verhalten anderer Berufsschullehrer nachzudenken scheint.

„Wir sind doch alle nur Menschen“, ergänzt er kurze Zeit später unbestimmt und gähnt erneut.

Monika weiß nicht wieso, aber irgendwie hat sie das Gefühl, als müsste sie diesen Mann schütteln, damit er wach wird. Um Himmels willen, was ist denn das für eine Bildungskatastrophe?! Und so einer wird auf Menschen losgelassen? Noch dazu auf junge, aus denen noch etwas werden soll? Wenn es nach ihr ginge, würde er sofort entlassen!

Sie findet sich zwar selbst ziemlich ungnädig, doch das Gespräch hat sie wirklich auf die Palme gebracht! „Wie kann man nur so verantwortungslos sein und etwas so Wichtiges wie die Ausbildung junger Menschen derart schleifen lassen?“, überlegt sie. „Wie der schon rumläuft! Ja, ist diesem Menschen denn gar nichts peinlich? Ich würde in diesem Aufzug nicht auf die Straße gehen, nicht einmal, um den Müll zur Tonne zu bringen!“

Monika stutzt. Warum regt sie sich nur so auf? Und das hier an diesem wunderschönen Ort, wo es wahrlich Besseres zu tun gibt? Sie holt tief Luft und schließt die Augen. Nach ein paar Sekunden spürt sie, wie sie ruhiger wird. „Die Nerven“, sagt sie sich, „es sind vermutlich einfach nur die Nerven!“

+

Sehr zum Vorteil von Monikas Seelenfrieden dauert es nicht lange und die anderen Gäste treffen nacheinander auf der oberen Terrasse ein, um den Startschuss für das Abendessen nicht zu verpassen. Ediths Küche hat keiner von denen vergessen, die schon einmal hier waren, und es ist kaum zu erwarten, dass die begnadete Köchin etwas von ihren Künsten verlernt hat!

Als Sandra mit einem großen Tablett voller Geschirr und Besteck aus der weit geöffneten Flügeltür ins Freie tritt, wird sie freudig empfangen und innerhalb kürzester Zeit sämtliche Utensilien los, die schnell von vielen Händen auf dem Tisch verteilt werden. Man kennt die Abläufe noch genau!

Kurz darauf erscheint eine weitere Person in der Tür, die ebenfalls mit einem Tablett beladen ist, auf dem diverse Karaffen mit Wasser und mit Wein stehen. Als die kleine, etwas rundliche Frau mit den rot gelockten Haaren und jeder Menge Sommersprossen auf der fast weißen Haut von allen Seiten freudig begrüßt wird, strahlt sie über das ganze Gesicht. Auch Cosima, die Gitarrenlehrerin des Kurses, wird umgehend von ihrer Last befreit und von allen Seiten geherzt und gedrückt. Sie ist den Gästen in allerbester Erinnerung geblieben wegen ihrer freundlichen Natur und ihrer Fähigkeit, auch im größten Chaos immer ein offenes Ohr für ihre Schützlinge zu haben. Nie entging ihr, wenn es irgendwo klemmte.

Als der erste Begeisterungssturm verklungen ist, fragt Carola, wo Carlos, der Gesangslehrer, sei.

Auf Cosimas Gesicht bahnt sich ein ungewöhnlich breites Lächeln den Weg vom rechten bis zum linken Ohr.

„Oh, er wird sicher gleich da sein. Er muss sich noch um jemand ganz Besonderen kümmern. Er ist nämlich für diese Woche in weiblicher Begleitung!“

Sofort erhebt sich ein verständnisvolles Raunen unter den Gästen.

Matthias wirft frech ein: „Was Ernstes?“, was von anzüglichen „Ahs“ und „Ohs“ der anderen Gäste kommentiert wird.

Cosimas Grinsen wird noch ein Stückchen breiter, als sie mit einem vielsagenden Augenaufschlag antwortet: „Das will ich wohl meinen! Es ist seine Mutter!“

Die Runde johlt vor Vergnügen. Wenn Cosima, die stets taktvoll mit den Eigentümlichkeiten anderer Menschen umzugehen weiß, so schadenfroh aus der Wäsche guckt, dann kann die Dame, die sie sicher in den nächsten Minuten kennenlernen werden, nur eine Sensation sein!

In diesem Moment ruft schon jemand hinter ihnen: „Die Stimmung ist ja bereits bestens! Habt ihr schon mit dem Feiern angefangen?“

Alle drehen sich um und sehen Don Carlos, der eigentlich Karl heißt und für den Gesangsunterricht zuständig ist, um die Hausecke biegen. Wie beim ersten Mal vor drei Jahren ist sein Anblick auch dieses Mal, zumindest für den weiblichen Teil der Gäste, ein Ereignis! Tatsächlich müsste man schon blind sein, um nicht von der Attraktivität dieses Mannes beeindruckt zu sein. Groß, dunkelhaarig, dazu ein höchst vorteilhaft geschnittenes Gesicht, ein durchtrainierter, schlanker Körper und elegante Bewegungen erinnern an einen heißblütigen Flamencotänzer, der es vermag, mit einer kleinen Geste die Herzen sämtlicher Frauen zu erobern. Das wirklich Besondere an Don Carlos ist jedoch, dass er sich überhaupt nichts daraus zu machen, ja es selbst nicht einmal zu bemerken scheint, wie – im wahrsten Sinne des Wortes! – göttlich er aussieht. Er ist einfach, wie er ist, und das ist grenzenlos gutmütig. Hintergedanken in jeglicher Form sind ihm fremd. Damit nimmt er stets auch allen eventuellen Vorbehalten seitens der männlichen Teilnehmer den Wind aus den Segeln, denn in Carlos muss niemand eine Konkurrenz fürchten, weil er an Konkurrenzkämpfen überhaupt kein Interesse hat.

An Carlos Arm hängt eine rundliche, ungefähr siebzigjährige Frau, die der immer noch in der Küche werkelnden Edith nicht unähnlich ist. Sie ist zwar etwas kleiner als die Köchin, aber genauso füllig, und auch sie hat einen südländisch dunklen Teint. Ihr dichtes, schwarz gefärbtes Haar hat sie sorgfältig in Form geföhnt, ein makelloses Make-up aufgetragen und ein ebenso makelloses schwarz-weißes Kleid angezogen. Sie lächelt resolut und erweckt mit ihrer selbstbewussten Haltung den Eindruck, als sei sie die Hauptperson des Abends, die von ihrem Lakai zum Essen geleitet wird. Dabei erweckt sie den Anschein einer Frau, die ganz genau weiß, was sie will, und die auch weiß, dass niemand es ihr abschlagen wird. Obwohl sie freundlich lächelt, könnte in einem aufmerksamen Beobachter der Verdacht aufkeimen, dass es für Carlos keine ganz einfache Woche werden wird. Der jedoch scheint von derlei Dingen völlig unangefochten. Er wirkt fröhlich und zufrieden wie immer und sobald er für seine Mutter einen bequemen Platz am Tisch gefunden hat, begrüßt er fidel wie eh und je die Gäste, die sich sehr freuen, ihn wiederzusehen.

Im Begrüßungstrubel fast unbemerkt stellt Stefano zwei Körbe mit frisch gebackenem Weißbrot auf den langen, schmalen Tisch am Rande der Essecke, der als Buffet dient, und platziert einige Schüsseln mit herrlich duftenden grünen, roten und weißen Dipps auf dem Tisch. Kurz darauf steht Edith selbst in der Tür zur Küche, vor sich eine riesige Platte, auf der Unmengen von kleinen Köstlichkeiten gestapelt sind: Käse-Oliven-Happen, eingelegte Tomaten, Auberginen und Paprika, gefüllte Champignons, gegrillte und mit Frischkäse gefüllte Zucchiniröllchen, getrockneter Schinken mit Melone, hauchdünn geschnittene Salami und vieles mehr. Unter riesigem Applaus tänzelt sie auf den Tisch zu und stellt die Leckereien in die Mitte.

„Ein Hoch auf die Köchin!“, ruft Maik und erhebt sein mit dem hiesigen roten Landwein gefülltes Weinglas. Alle anderen tun es ihm nach. Huldvoll nimmt Edith diese Aufmerksamkeit entgegen und beantwortet sie mit einem „Buon appetito!“, was wiederum zu Gelächter führt, da die Gäste noch von ihrem ersten Aufenthalt wissen, dass Edith zwar wie eine Italienerin aussieht und sich gerne so gibt, jedoch kaum ein Wort dieser Sprache spricht.

Mit einer eleganten Handbewegung bittet sie die Gäste zu Tisch, die ihrer Aufforderung unverzüglich Folge leisten.

Elli muss sich eingestehen, dass sie fertig ist mit den Nerven. Nicht im Traum hätte sie sich vorstellen können, dass die Begegnung mit Josh sie derart aus der Fassung bringt! Natürlich weiß sie, dass sie verliebt ist, und sie war bereits Tage vor Antritt der Reise wahnsinnig aufgeregt, weil sie Josh hier, drei Jahre später, wiedersehen würde. Aber dass es so schlimm sein würde, konnte ja niemand ahnen! Schließlich hätte es auch ganz anders sein können! Es hätte sich ebenso gut herausstellen können, dass ihre heftigen Gefühle für ihn über die Jahre verflogen sind oder dass ein einziger Blick auf ihn gezeigt hätte, dass viel Zeit vergangen und damit auch die Faszination verschwunden ist, die Josh auf sie ausübte!

Doch nichts dergleichen ist eingetreten. Sobald sie vorhin auf dem Parkplatz aus dem Auto gestiegen war und ihn plötzlich vor sich gesehen hatte, zum Greifen nah, anstatt Tausende von Kilometern entfernt auf einem anderen Kontinent, ging es ihr durch und durch. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Körper und leider auch ihr Geist zeitweilig den Dienst versagen wollten. Nur mühsam gelang es ihr, das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken, indem sie sie einfach festhielt, sobald sie es bemerkte. Außerdem befahl sie sich, bloß nicht mehr als ein kurzes „Hallo Josh“, von sich zu geben, als sie plötzlich voreinander standen, um nicht möglicherweise mit dem Aussetzen ihres Sprachzentrums konfrontiert zu werden, was ihr äußerst unangenehm gewesen wäre.

Es war beinahe nicht zu fassen, dass er wirklich da war! Und als er sie umarmte und rechts und links einen flüchtigen Begrüßungskuss auf die Wangen hauchte, musste sie sich erst wieder daran erinnern, dass Atmen zu den körperlichen Grundfunktionen gehört, die absolut unerlässlich sind – auch für sie. Nein, die Zeit hat ihre Faszination nicht heilen können. Ganz im Gegenteil: Es ist noch viel, viel schlimmer geworden!

Dazu kommt, dass Elli lange genug auf der Welt ist, um zu wissen, dass dieser gefühlsmäßige Ausnahmezustand zwar verständlich, jedoch leider auch sehr kontraproduktiv ist. Einen kühlen Kopf zu bewahren und vor allem jederzeit Zugriff auf ihre geistigen Kapazitäten zu haben, ist absolut von Vorteil, um niemanden auf ihren Zustand aufmerksam zu machen – vor allem nicht Josh. Denn egal, aus welchem Grund er hier ist: Sie kann sich kaum vorstellen, dass er bei aller bislang zur Schau gestellten Distanziertheit besonders beeindruckt wäre von übergroßen Gefühlsausbrüchen ihrerseits.

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Zwar hatte Elli sich vor dem Abendessen dringend vorgenommen, möglichst gelassen zu sein und Josh genauso zu behandeln wie alle anderen Gäste auch. Doch als sie sich anschickte, aus ihrer Kammer im Turm – sie war tatsächlich im gleichen Raum untergebracht wie beim letzten Mal und freute sich riesig darüber – zum Haupthaus hinüberzugehen, musste sie feststellen, dass ihr Gelassenheit leider fern lag. Alleine der Gang von ihrer Kammer ganz oben unter dem Dach hinunter durchs Treppenhaus brachte ihr Innerstes in Aufruhr, weil ihr just in dem Moment, als sie auf der ersten Etage ankam, einfiel, dass Josh vor drei Jahren in einem der beiden Räume auf diesem Stockwerk gewohnt hatte, und sie sich fragte, ob es in diesem Jahr wohl genauso wäre. In ihrer Verzweiflung bezüglich ihrer Verfassung schwor Elli sich deshalb darauf ein, wenigstens so zu tun, als sei sie gelassen, und jegliche unkontrollierten Gesten und Aussagen zu vermeiden. Das wiederum bedeutete, dass sie sich bei jedem Handgriff, den sie tun, und jedem Wort, das sie sagen würde, vorher darüber vergewisserte, ausreichend darüber nachgedacht zu haben, und dass wirklich gar nichts dagegen sprach!

Auf diese Weise angespannt bis in die Haarspitzen litt die arme Elli Höllenqualen und wähnte sich gleichzeitig im Himmel, als sie Josh bei ihrem Eintreffen an der abendlichen Tafel mit den anderen Gästen herumstehen sah. Ihre ersten Gespräche mit den anderen sowie die Begrüßung von Cosima und Carlos brachte sie glücklicherweise unfallfrei hinter sich, doch nun hat Edith gerade darum gebeten, dass alle sich setzen mögen, und damit eine neue Herausforderung für Elli geschaffen: Wo soll sie sich hinsetzen? Soll sie ihrem Gefühl folgen und sich möglichst unauffällig, möglichst nahe bei Josh platzieren oder ist es ratsamer, genau das zu vermeiden?

Während sie noch darüber nachdenkt, übernehmen ihre Reflexe die Kontrolle und lassen sie einfach den nächstgelegenen Stuhl zurückziehen und darauf Platz nehmen. Ihr gegenüber finden sich Julie und Monika ein. Der Stuhl neben ihr bleibt zunächst frei, bis auch er plötzlich zurückgezogen wird … und Elli muss gar nicht hinsehen, um zu wissen, wer sich neben sie setzt: Es ist Josh!

Halleluja! Jetzt heißt es Ruhe bewahren!

Als kurze Zeit später die Platte mit den Antipasti herumgereicht wird, entsteht die nächste Herausforderung für Elli, als sie den mächtigen Teller an den neben ihr sitzenden Josh weiterreicht. Es ist kaum zu vermeiden, dass seine Hände die ihren berühren, als er ihr die Platte aus der Hand nimmt, und für einen Moment treffen sich ihre Blicke über duftender, luftgetrockneter Salami und in Zucchinischeiben eingerolltem Käse. Und obwohl Elli bis vor ein paar Minuten tatsächlich großen Appetit hatte – sie kann eigentlich immer etwas essen – so würde sie jetzt am liebsten die zwischen ihnen schwebende Antipastiplatte in hohem Bogen hinwegfegen, um sich sogleich auf Josh zu stürzen und sich an ihn zu schmiegen. Da sie das jedoch nicht darf, ist allergrößte Selbstbeherrschung nötig, um sich zurückzuhalten und sich darüber hinaus noch nicht einmal anmerken zu lassen, in was für einem Flammenmeer sie steht. Eine fast unlösbare Aufgabe!

Dennoch gelingt es ihr, wie gewünscht zu funktionieren und die Platte weiterzureichen. Anschließend braucht sie dringend einen Schluck Wein, den Julie ihr fürsorglicherweise bereits eingeschenkt hat. Als Elli damit ihren gegenübersitzenden Freundinnen zuprosten möchte, sieht sie ein Funkeln in deren Augen. Diesen Blick kennt sie gut! Irgendetwas amüsiert die beiden. Hat sie etwas verpasst? Ist gerade etwas an ihr vorbeigegangen, was Anlass zu Lästereien gibt, und sie hat es nicht bemerkt, zum Beispiel deshalb, weil sämtliche verfügbaren geistigen Kapazitäten darauf ausgerichtet waren, eine Platte mit Antipasti zu halten?

Sie wirft den beiden einen fragenden Blick zu und hofft, durch ein leichtes Kopfnicken oder einen Blick in eine bestimmte Richtung Aufschluss über die Ursache der guten Laune zu erhalten, doch die beiden geben nichts zu erkennen. Elli wäre ja froh über jede Ablenkung, die sie daran hindert, sich vergegenwärtigen zu müssen, dass neben ihr das ausschließliche Objekt ihres Sehnens und Trachtens sitzt, doch ihren Freundinnen ist nichts zu entlocken. Schließlich sieht sie sich selbst unauffällig um, kann aber leider nichts entdecken.

Als sich Josh kurze Zeit später anbietet, für alle vier Brot vom Buffet zu holen, fragt Elli bei ihren Freundinnen nach.

„Irgendwas ist doch los! Habe ich was verpasst?“

Julie schüttelt gespielt unschuldig den Kopf, doch Monikas Grinsen wird noch breiter.

„Nun sag‘ schon“, drängt Elli. „Was ist passiert?“

Monika und Julie schauen sich an, dann sehen sie über den Tisch zu ihr hinüber. Monika lässt sich schließlich durch Ellis immer noch hilflos fragenden Blick erweichen.

„Ich dachte, dass wir eigentlich dir diese Frage stellen müssten“, antwortet sie und sieht Elli mit großen Augen an.

„Mir?“, fragt die Angesprochene erstaunt. „Wieso mir? Mir ist nichts aufgefallen!“

Suchend blickt sie sich am Tisch um, ob sie irgendetwas entdeckt, was Aufschluss über diese rätselhafte Bemerkung Monikas geben kann, doch ihr will keine Erklärung ins Auge fallen. Dann sieht sie an sich herunter und kann auch dort nichts entdecken.

Ihre Freundinnen sind ob ihrer Verwirrung nun sehr amüsiert und kringeln sich auf der anderen Seite des Tisches, während Ellis Irritation immer größer wird. Schließlich zeigt Monika erneut Erbarmen.

„Meine liebe Elli, hältst du mich für blöd? Oder für so lange verheiratet, dass ich nichts mehr von Anziehungskräften zwischen Männlein und Weiblein verstehe?“

Mit einem Mal begreift Elli. Nicht irgendwer anders am Tisch ist die Ursache für Monikas und Julies Amüsement, sondern sie selbst ist es! Von einer Sekunde auf die andere merkt sie, wie ihr das Blut in den Kopf schießt, und sie kann nur hoffen, dass das keine allzu offensichtlichen Auswirkungen zeigt.

Wie kann das sein? Sie hat sich doch wirklich redlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen! Und selbst wenn man eine gewisse Befangenheit bei ihr hätte feststellen können, so würde doch diese kurze Zeit, die sie am Tisch neben Josh sitzt, in keinster Weise dazu ausreichen können, handfeste Vermutungen bezüglich ihrer Präferenzen für ihn zu entwickeln. Schließlich haben sie eben noch nicht einmal miteinander gesprochen! Aber wie dem auch sei: Diesen Verdacht, der ja sachlich durchaus begründet ist, kann sie jetzt unmöglich so stehen lassen. Das wäre fatal!

Leider kann sie es jetzt, nachdem diese Vermutung im Raume steht, nicht mehr riskieren, ihren Freundinnen gegenüber möglichst beiläufig einzuflechten, dass sie einige Male mit Josh gemailt hatte und er ihre Ankündigung, wieder hierher zu fahren, zum Anlass genommen hatte, ebenfalls diesen Kurs zu buchen. Ausgeschlossen! Der richtige Zeitpunkt ist unwiederbringlich verstrichen und nun – darüber ist sich Elli im Klaren – wird sie lügen müssen, was das Zeug hält, um jeden Verdacht bezüglich ihrer Interessenlage zu zerstreuen. Zwar findet sie es ganz schrecklich, ihre Freundinnen anschwindeln zu müssen, doch jetzt kann sie sich keinen Gewissensluxus mehr leisten. Sie wird schweigen müssen wie ein Grab und jeglichen Verdacht von sich weisen! Koste es, was es wolle! Es würde die ohnehin schon schwierige Situation zwischen Josh und ihr zusätzlich belasten, wenn andere sich über sie das Maul zerrissen – das kann nur schiefgehen! Deshalb darf überhaupt niemand davon erfahren, dass sie mehr miteinander zu tun hatten, als sich hier vor drei Jahren kennenzulernen. Das betrifft auch ihre beiden Freundinnen, denen sie unter anderen Umständen alles anvertrauen würde! Nur so sehr sie die beiden auch mag, kann sie sich dennoch nicht auf ihre Diskretion verlassen. Zu groß ist die Versuchung für Außenstehende, hin und wieder eine zweideutige Bemerkung einzuflechten, um sie zu foppen. Zu groß die Gefahr, dass sich die eine oder andere verplappert oder einfach nur schlecht schauspielert, wenn es darum geht, ein Geheimnis zu bewahren. Wenn Elli jetzt schon größte Schwierigkeiten damit hat, sich Josh gegenüber neutral zu verhalten – jedenfalls so lange, bis er selbst eine ihre Beziehung klärende Verhaltensweise zeigt – wie unmöglich soll das erst werden, wenn sie dabei auch noch permanent unter kritischer Beobachtung steht?

„Monika, bist du vielleicht sogar zu lange verheiratet und hörst deshalb die Flöhe husten?“, gibt Elli zurück und beglückwünscht sich heimlich zu der für ihre Verhältnisse recht selbstbewussten Formulierung. „Wie kommst du um Himmels willen darauf, dass ich mit irgendwem flirte?“

„Erfahrung, meine Liebe“, antwortet Monika und lächelt selbstsicher, was Elli nun doch wieder verunsichert. Kann es sein, dass ihr Verhalten wirklich so entsetzlich auffällig ist, dass jeder sofort ahnt, was mit ihr los ist? Monika jedenfalls wirkt ihrer Sache so sicher, als würde auf Ellis Stirn ein Teleprompter pausenlos die Eilmeldung wiederholen: „Elli und Josh haben was miteinander. Weitersagen!“

Irritiert starrt sie Monika an. Doch nun zeigt endlich Julie Erbarmen und klärt die Sache auf.

„Lass‘ dir nichts einreden, Elli. Die Sache ist viel einfacher“, beginnt sie, was ihr einen bösen Blick von Monika einbringt. „Unsere liebe Monika hat das Gedächtnis eines Elefanten“, erklärt sie, was diese mit einem Stoß in Julies Rippen quittiert. „Sie erzählte mir vorhin auf dem Parkplatz, dass sie sich in dem Moment, als sie Josh sah, daran erinnerte, dass er dich damals bei der Verabschiedung geküsst hat. Auf den Mund! Und sie ist sich ganz sicher, dass das keine Einbildung war! Und das heißt, liebe Elli, falls du es nicht schaffen solltest, irgendeine überzeugende Erklärung anzubieten, die Monikas Erinnerung erläutert, dass du leider verloren hast und wir beide“, dabei lächelt sie Monika verschwörerisch zu, „auch weiterhin davon ausgehen müssen, dass es mehr zwischen dir und Josh gibt, als ihr zugeben wollt!“

Diese Information kommt allerdings unerwartet. Auf die Idee wäre Elli niemals gekommen, dass irgendwer diesen Kuss von vor drei Jahren bemerkt und darüber hinaus auch noch all die Jahre geschwiegen hat, nur um sie jetzt damit zu konfrontieren! Das muss sie erst einmal verdauen.

„Noch dazu, wo es doch wirklich ein großer Zufall ist, dass er ausgerechnet jetzt hier auftaucht, wo auch wir gerade da sind“, ergänzt Monika und beißt genüsslich in einen gefüllten Champignon.

In diesem Moment kommt Josh vom Buffet zurück. Galant verteilt er das überaus leckere frische Weißbrot, das er für die drei Frauen und sich selbst mitgebracht hat. Monikas letzte Bemerkung hat er zumindest teilweise mitbekommen.

„Das finde ich auch erstaunlich, dass so viele wieder den Weg hierher gefunden haben“, sagt er arglos. Elli ist sich fast sicher, dass er nicht einmal ahnt, dass es bei Monikas Bemerkung in erster Linie um ihn und darüber hinaus noch seine Verbindung zu ihr ging. Als wolle er das noch unterstreichen, wendet er sich an Maik, Carola und Cosima, die neben ihm Platz genommen haben, und führt Monikas Bemerkung weiter.

„Wir sprechen gerade davon, dass es wirklich ein großer Zufall ist, dass wir alle wieder hier zusammengefunden haben. Wie war das bei euch? Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ausgerechnet zu dieser Zeit hierherzufahren?“

„Wir hatten natürlich Sehnsucht nach euch allen“, ruft Maik und breitet seine Arme aus, als wolle er die gesamte Tafelrunde an sein Herz drücken. Erwartungsgemäß kommen von allen Seiten geschmeichelte „Ahs“ und „Ohs“. „Vielleicht ist es auch das Schicksal, das uns wieder hier zusammenführt?“, fragt er mit bedeutungsschwangerer Stimme, was ihm ebenfalls beifällige Zustimmung einbringt.

„Apropos Schicksal: Weiß jemand, was es mit dem Rest unserer damaligen Truppe angestellt hat?“, fragt Matthias vom anderen Tischende her, wo er seiner Freundin Ulla gerade die Karaffe mit dem Wein aus der Hand nimmt, nachdem diese nicht zu wissen scheint, wie sie sich aus dem noch vollen Behälter ohne größere Verluste etwas in ihr Glas einschenken soll.

„Ich habe tatsächlich etwas von Paul gehört“, antwortet Maik. „Unser Verfechter für die Verbreitung des deutschen Schlagers bis in die hintersten Ecken der italienischen Wildnis ist richtig prominent bei sich zu Hause! Vor ein paar Monaten hatte ich in seiner Gegend zu tun. Ich sah ein Plakat für eine Tanzveranstaltung und mochte meinen Augen nicht trauen, als ich darauf Paul im goldglitzernden Jackett in astreiner Schlagerpose entdeckte, die eine Hand am Mikro, die andere weit ausgestreckt. Mit dem verklärten Blick, den er darauf zeigte, sollte er vermutlich besonders die Damen zwischen zwanzig und neunundneunzig zu seinem Auftritt locken.“ Er schneidet eine Grimasse. „Ich fragte meinen Kunden, ob ihm der Schlagerfuzzi ein Begriff sei, und der lachte nur und meinte, dass fast jeder den ‚singenden Versicherungsvertreter‘ kenne, weil der auf jeder zweiten dörflichen Veranstaltung auftreten würde. Das Publikum sei richtig wild nach ihm“, lacht Maik und klatscht sich auf die Schenkel.

Begeistertes Johlen begleitet diesen Bericht über den Erfolg eines der Ihren. Jeder, der damals dabei gewesen ist, erinnert sich noch gut an Paul, der sich erst am allerletzten Abend traute, zu seiner Leidenschaft für den guten alten deutschen Schlager zu stehen und mit spontaner Begleitung von Sandra an der Gitarre eine umfassende Schlager-Parade zum Besten gab.

„Und sonst?“, fragt Matthias, während er gelben Dipp von Ullas Teller kratzt, die den scheinbar nicht mag. „Weiß jemand was über die beiden Mädels, die aus der Gegend von Köln kamen?“

Allgemeines Schulterzucken und Kopfschütteln beantwortet seine Frage.

Während man an der Tafel gedanklich mit dem Verbleib der damaligen Schicksalsgenossen beschäftigt ist, scheint Monikas Aufmerksamkeit schon wieder von einem ganz anderen Thema gefesselt zu sein. Fasziniert beobachtet sie Matthias und Ulla. Darüber vergisst sie zeitweise sogar ihr eigenes Essen – so sehr ziehen ihre Betrachtungen sie in ihren Bann. Als Ulla entnervt den Spieß mit getrockneten Tomaten, Artischockenherzen und Miniaturmozzarellakugeln an Matthias weiterreicht, weil es ihr nicht gelingt, die Häppchen mit der Gabel vom Spieß zu schubsen, ohne dabei einzelne Bestandteile quer über den Tisch zu schießen, stupst Monika Julie an und deutet mit einem konspirativen Kopfnicken in Richtung der beiden. Elli – froh darüber, dass die unwillkommene Aufmerksamkeit der beiden ein neues Objekt gefunden hat – folgt der Geste ebenfalls und schaut zu dem Pärchen hinüber. Sie sieht, wie Matthias das Gemüse und den Käse mit elegantem Schwung vom Holzstäbchen schiebt und seiner Ulla zurück auf den Teller packt. Fragend schaut sie zu ihren Freundinnen auf der anderen Tischseite hinüber, die ihren Blick gar nicht von dem Schauspiel abwenden können.

„Das geht schon die ganze Zeit so“, erklärt Monika, als sie Ellis Blick bemerkt. „Es gibt kaum einen Handgriff, den Ulla selbst zu tun in der Lage ist.“

„Quatsch“, antwortet Julie. „Es sieht mir nicht so aus, als würde sie es nicht können. Warum sollte sie nicht? Sie hat ja keine sichtbaren motorischen Einschränkungen! Ich vermute, sie ist einfach zu bequem, um sich mit etwas abzumühen, was ihre Begleitung für sie erledigen kann“, erklärt sie bissig und nimmt einen Schluck Wein, ohne das Paar jedoch aus den Augen zu lassen.

„Überredet“, kommentiert Monika Julies Einschätzung. „Da, schaut mal!“

Alle drei wenden sich wieder dem Paar zu. Ulla hat mit einer unwirschen Handbewegung ihre Serviette vom Tisch gefegt und Matthias ist schon halb unter der Platte verschwunden, um sie aufzulesen. Allerdings scheint er dabei festzustellen, dass die Serviette schmutzig geworden ist. Kommentarlos und ohne eine Miene zu verziehen, legt er sie zur Seite, steht auf und holt eine neue vom Buffet, während Ulla ihm tatenlos hinterhersieht.

„Ich kann das nicht mit ansehen“, kommentiert Julie die Szene. Dennoch gelingt es ihr nicht, sich vom Geschehen abzuwenden.

„Ich fasse es nicht“, stimmt Monika zu und schüttelt fast unmerklich den Kopf.

„Vielleicht fühlt Ulla sich nicht wohl“, versucht Elli um Verständnis für deren Verhalten zu werben.

Ruckartig wenden sich die beiden anderen ihr zu.

„Meine liebe Elli, du bist ja immer noch so entsetzlich verständnisvoll wie früher“, sagt Monika mit gespielt tadelndem Tonfall.

„Du bist zu gut für diese Welt“, ergänzt Julie und seufzt, als wäre Elli in ihrer Naivität ein aussichtsloser Fall, den zu bekehren sie schon vor Jahren aufgegeben hat.

Elli muss lachen. „Und ihr seid wie Waldorf und Stadtler aus der Muppet Show“, prustet sie los, hält sich dann jedoch schnell eine Serviette vor den Mund. Es soll ja niemand mitbekommen, dass sie lästern!

Nun müssen alle drei lachen. Als Josh, der eben den Ausführungen von Cosima zu seiner Linken über ein besonders kompliziertes Riff lauschte, sich fragend zu ihnen umwendet, meint Julie schlagfertig: „Wir freuen uns einfach nur darüber, wieder hier zu sein“, was erneut zu einem Heiterkeitsausbruch führt.

Mitten in die fröhliche Runde hinein ertönt auf einmal ein schüchternes „Hallo“. Neugierig wenden sich alle um und schauen zur Hausecke, wo eine kleine Person in der mittlerweile weit fortgeschrittenen Dämmerung steht und zu ihnen hinübersieht. Als die Person merkt, dass alle Augenpaare auf sie gerichtet sind, kommt sie unsicher ein paar Schritte näher.

„Hi, ich bin Petra“, sagt sie und tritt in den Schein der Kerzen, die auf dem Tisch in großer Zahl verteilt sind.

Maik findet als Erster seine Sprache wieder.

„Da brat‘ mir einer einen Storch. Das gibt’s doch nicht! Das ist tatsächlich Petra!“

Seine Frau Carola wirkt peinlich berührt, dass ihr Mann so unverblümt die ohnehin verunsichert wirkende Person durch den Kakao zu ziehen scheint.

„Das sagte sie bereits“, sagt sie in missbilligendem Tonfall an Maik gerichtet. Dann ergänzt sie sehr viel freundlicher: „Hallo … Petra!!!“

Mit großen Augen starrt sie erst die Frau an, dann wendet sie sich zu den anderen um. „Das ist ja tatsächlich Petra!“

In diesem Moment erkennen auch alle anderen, dass es sich bei dem Neuankömmling um ein bekanntes Gesicht handelt. Sofort brandet begeisterter Jubel auf, einige klatschen sogar.

Zunächst starrt Petra verwirrt in die Runde. Ihrem Gesicht ist deutlich anzusehen, dass sie sich in einem Irrenhaus wähnt – und zwar in einem für die besonders verwirrten Fälle. Doch dann begreift auch sie, als sie die Gesichter, die sich ihr zuwenden, näher betrachtet.

„Nein!“, schreit sie überrascht. „Das ist ja Maik! Und Carola! Und Josh! Und … und …“

Weiter kommt sie nicht, weil die Ersten bereits aufgesprungen sind, um sie zu umarmen. Freude und Überraschung sind groß, dass eine weitere Kursteilnehmerin von damals den wundersamen Pfaden des Schicksals gefolgt ist, um völlig unvermutet hier in der tiefsten italienischen Wildnis auf bekannte Gesichter zu stoßen. Die kleine, zierliche Person muss einiges mitmachen, als einer nach dem anderen sie herzt und drückt und Maik sie sogar im Kreis um sich herumschwenkt. Zwischendurch hört man Stefano rufen: „Was bin ich doch für ein Esel! Ich hatte völlig vergessen, dass Petra in eurem Kurs war – ich dachte, sie wäre ein Jahr früher hier gewesen. Sonst hätte ich natürlich vorhin etwas gesagt!“

Als sich nach einer Weile alle wieder gefangen und an den Tisch gesetzt haben, wobei eilig noch ein weiterer Platz für die Nachzüglerin eingerichtet wird, kann Elli es nicht lassen, sich mit einem süffisanten Grinsen, was sonst nur selten auf ihrem Gesicht zu sehen ist, zu Monika hinüberzubeugen.

„Ich zumindest glaube, dass Petra völlig zufällig hier ist und nicht mal ahnte, irgendjemanden von uns hier wiederzutreffen. Zumindest halte ich ihre Überraschung nicht für gespielt. Und du?“, sagt sie in Anspielung auf Monikas Verdächtigungen bezüglich Joshs Auftauchen und der Rolle, die ihrer Meinung nach Elli dabei spielt.

Monika lacht. Dann raunt sie der neben ihr sitzenden Julie zu, die ebenfalls schmunzelt: „Schau, schau, unsere Kleine fängt an, frech zu werden. So kennen wir sie ja gar nicht!“

Darüber lachen alle drei.

Petra hat einen Platz gegenüber von Carola und Maik gefunden. Carola erinnert sich gut an die zierliche Frau, mit der sie vor drei Jahren gemeinsam einen Song von ABBA einstudierte. Allerdings scheint sich ihre damalige Gesangspartnerin sehr verändert zu haben. Kein Wunder, dass sie sie im schwachen Schein der Kerzen nicht gleich erkannt hat! Ihr Haar ist länger geworden und wirkt viel heller als früher. Bei genauerem Hinsehen stellt Carola fest, dass in dem hellen Braun bereits viele graue Strähnen zu sehen sind. Sie erinnert sich, dass Petra nun Mitte Fünfzig sein muss und wohl im Gegensatz zu früher ihre natürliche Haarfarbe trägt. Doch trotz des Grautons scheint sie nicht älter, sondern im Gegenteil irgendwie jünger geworden zu sein. Die helleren Haare stehen ihr besser als die fast schwarze Farbe von früher, die sie sehr verhärmt hat aussehen lassen. Heute hingegen strahlen ihre Augen und ihr Gesicht wirkt frisch, als würde sie viel Zeit an der frischen Luft verbringen. Dass das tatsächlich so sein könnte, sieht man auch ihren Händen an, bemerkt Carola mit sachkundigem Blick, denn die sehen nach schwerer körperlicher Arbeit aus. Allerdings erinnert sie sich daran, dass Petra Managerin in einem großen, international agierenden Unternehmen war. Von dort können die Arbeitsspuren an den Händen kaum stammen! Dann fällt ihr auch auf, dass Petras Kleidung viel burschikoser ist als früher: Sie trägt Jeans und ein kariertes Hemd über einem dunkelblauen T-Shirt. So etwas Lässiges trug sie damals nicht mal im Urlaub!

Neugierig geht Carola ihren Beobachtungen auf den Grund.

„Du hast dich verändert“, eröffnet sie das Gespräch.

„Du siehst zehn Jahre jünger aus als früher! Mindestens! Ach was, wie Anfang dreißig!“, greift ihr Mann ins Gespräch ein, der mit zunehmendem Weingenuss auch immer menschenfreundlicher wird.

Petra strahlt mit dicken Backen, in die sie sich eben einen großen Bissen Zucchini-Frischkäse-Röllchen geschoben hat.

„Ach Maik, du oller Charmeur“, kontert sie schmatzend und alles lacht.

„Jünger bin ich sicher nicht geworden“, meint sie, nachdem sie den Bissen eilig hinuntergeschluckt und mit einem Schluck Wein nachgespült hat, „aber zufriedener.“

„So siehst du auch aus“, bestätigt der neben ihr sitzende Josh, „und auch so, als hättest du eine Menge erlebt!“

„Das stimmt tatsächlich“, lacht Petra und senkt dann fast beschämt den Kopf, weil sie feststellt, dass es mittlerweile am ganzen Tisch ruhig geworden ist. Jedem, der sie kennt, ist aufgefallen, dass sich im Leben dieser Frau etwas getan haben muss, weil sie so völlig verändert aussieht. Gespannt warten nun alle darauf, was sie zu erzählen hat.

„Vielleicht sollten wir Petra erst einmal in Ruhe essen lassen“, wirft Cosima mitleidig ein, erntet jedoch nur Protest von allen Seiten.

„Nichts da“, bringt Maik es auf den Punkt. „Essen kann sie später immer noch. Jetzt wollen wir hören, wie es ihr ergangen ist!“ Aufmunternd schaut er die ihm gegenübersitzende Frau an. „Ich vermute, dass du dem Vorstand irgendwann sein unvernünftiges Ausgabeverhalten um die Ohren gehauen und ihm erklärt hast, wo er dich mal kann, dann in sein Privatflugzeug gestiegen und nach Kanada abgehauen bist, wo du jetzt nach Gold suchst und Grizzlys fütterst“, scherzt er.

„Gar nicht so schlecht geraten“, freut sich Petra.

Dann erzählt sie, was sich in den letzten Jahren tatsächlich zugetragen hat. Sie berichtet, dass sie ihren Job und die immer massiver werdenden Anforderungen ihrer Eltern noch ungefähr ein Jahr lang ertragen konnte. Doch dann wachte sie eines Nachts auf und fühlte etwas in sich hochkriechen, das ihr wie eine Panikattacke erschien. Unfähig, irgendetwas dagegen zu unternehmen, lag sie wach und musste all die Ängste, die sie überfielen, über sich ergehen lassen. Sie berichtet, dass sie sich auf einmal wie im Film selbst bei ihrem Alltag zusah: Sie schuftete im Büro, immer angetrieben vom Vorstand, der beinahe Unmögliches von ihr verlangte, nämlich die Bilanzen des Unternehmens gut, nein, immer besser aussehen zu lassen, trotz seiner diversen Fehlentscheidungen, die sich leider auch auf den Absatz auswirkten, und das bei sinkender Produktivität eines jahrelang bis zur restlosen Erschöpfung und Verwirrung der Mitarbeiter umstrukturierten Unternehmens. Danach sah sie sich dabei zu, wie sie zu ihren Eltern fuhr, sah ihren Vater vorwurfsvoll am Gartentor stehen und warten und hörte ihn fragen, wo sie denn immer so lange bliebe, andere Menschen hätten doch auch um halb fünf Feierabend. Über all das schob sich schließlich die Frage, was passieren würde, wenn sie plötzlich zusammenbräche. Wer würde ihr helfen, wenn sie dem Druck nicht mehr standhielt? Ihre Eltern würden sie selbst im Krankenhausbett noch mit Anrufen bombardieren und mit ihren Klagen, wie das nur hatte geschehen können und dass sie sich jetzt gar nicht zu helfen wüssten. Der Vorstand würde bestenfalls einen Kranz zur Beerdigung schicken, aber auch nur dann, wenn die zuständige Sachbearbeiterin im Personalwesen rechtzeitig mitbekäme, dass sie in die Grube gefahren sei, aus der niemand wieder aufsteht – jedenfalls nicht vor dem jüngsten Tag. Doch dass diese Information die Kollegin erreichte, konnte sich in dem Chaos, das der Vorstand im Unternehmen angerichtet hatte, ein bisschen hinziehen. Viel schlimmer erschien Petra allerdings die Möglichkeit, dass sie nicht sterben, sondern zum Pflegefall werden würde und nicht mal mehr in der Lage wäre, sich zur Beendigung des Elends in die Schweiz abzusetzen.

Nie vorher hatte sie solche Gedanken gehabt – doch jetzt gingen sie nicht mehr fort!

Irgendwann schlief sie in jener Nacht wieder ein. Doch als sie morgens aufwachte und versuchte, in den Tag zu finden, schien es ihr plötzlich unmöglich, wie immer ins Büro zu fahren und ihrer Arbeit nachzugehen, um anschließend mit schlechtem Gewissen, weil es wieder spät geworden wäre, zu ihren Eltern zu fahren, die am vorherigen Abend angerufen hatten, weil die Waschmaschine kaputt sei und sie den Kundendienst nicht verständigen wollten, weil das doch bestimmt nicht nötig sei. Petra solle erst mal vorbeikommen und schauen – vielleicht sei es ja nur eine Kleinigkeit.

„Summe über alles: Mein Kopf wollte zwar, aber mein Körper folgte nicht. Nach zwei Tassen Kaffee stellte ich fest, dass ich besser nicht zur Arbeit fahren sollte, weil das in meinem Zustand nicht empfehlenswert wäre. Ich meldete mich ab, aß eine Packung Kekse leer, was ich noch nie getan hatte, und bereits mittags stand mein Entschluss fest: So geht es nicht weiter. Ich wusste noch nicht was und auch nicht wie, sondern nur, dass „weg“, nämlich die Flucht nach vorn, die einzige Richtung war, die ich in meinem Zustand noch gehen konnte. Ich machte also eine Aufstellung über meine Güter – Anlagen, Konten, die Eigentumswohnung, Wertgegenstände – rechnete aus, wie lange ich mich über Wasser halten konnte, schrieb meine Kündigung und stöpselte das Telefon aus. Nur meine Eltern rief ich vorher noch an und erklärte ihnen, dass ich geschäftlich verreisen müsse und zwei Wochen lang nicht erreichbar wäre, und wenn sie den Kundendienst nicht anrufen wollten, dann müssten sie eben mit der Wäsche warten, bis ich wieder da sei.

Was dann kam, waren die großartigsten zwei Wochen meines Lebens, auch wenn es vermutlich die schlimmsten waren. Doch trotz aller nur erdenklichen Ängste und verwirrend furchtbaren, undefinierbaren Gefühlen merkte ich in diesem Chaos plötzlich, dass es mich noch gab. Außerdem realisierte ich, dass ich selbst auch Ansprüche an mich hatte, die nur ich und niemand sonst erfüllen konnte. Ich begriff, dass ich ganz dringend lernen musste, meine Kraft für mich selbst einzusetzen, weil sie für andere nicht mehr reichte. Sie reichte ja kaum noch für mich selbst! Kurz und gut, für dieses Problem gab es eigentlich nur eine Lösung: Ich brauchte mein eigenes Leben und für die Existenzsicherung mein eigenes Unternehmen, für das ich mich einsetzen konnte, und zwar so, dass auch ich etwas davon hatte. Ich wollte für mich selbst sorgen und nicht mehr nur für andere. Nur wie? Als Unternehmensberaterin oder ähnliches befürchtete ich, bei meiner mentalen Konstitution sofort wieder aufgefressen zu werden, und zwar dieses Mal von meinen Kunden und deren Wünschen, Anforderungen und Sorgen. Das würde mich kaum weiterbringen! Was also dann?

An einem der langen Abende, an denen ich der Grübeleien müde war und nur noch stumpfe Ablenkung im Fernsehen suchte, schaltete ich zufällig auf eine Reportage über Bio-Bauernhöfe und deren Probleme, ihre Existenz zu sichern. Ich war fasziniert, als mir klar wurde, was für eine große Herausforderung das ist, die den Landwirten – wenn sie denn überleben wollen – einiges an betriebswirtschaftlichem Know-how abverlangt. Da wusste ich: Genau so eine Aufgabe müsste es sein! Ich war urplötzlich begeistert von der Idee, einen landwirtschaftlichen Betrieb finanziell auf Vordermann zu bringen! In so einem Unternehmen wächst und entsteht etwas und die Auswirkungen der eigenen Arbeit kann man sehen und anfassen. Wenn es dort irgendwo an betriebswirtschaftlichem Geschick fehlte, dann könnte ich genau das mitbringen! Und wenn das mit dem einen Betrieb klappte, ja dann könnte ich vielleicht eine Geschäftsidee daraus machen und einen Hof nach dem anderen sanieren … Ich weiß, es hört sich komplett bescheuert an. Ich, die null Ahnung von Landwirtschaft hat, will Höfe sanieren! Aber da war der Wunsch, etwas völlig anderes zu machen als bisher, und dennoch meine vorhandenen Kompetenzen einzusetzen. Warum soll es verkehrt sein, eine Sache mal aus einem völlig neuen Blickwinkel zu betrachten? Ich würde ja dem Landwirt nicht seinen Job streitig machen wollen, sondern ihn nur ergänzen!

Plötzlich hatte ich tausend Ideen im Kopf und merkte, wie nach den Tagen der Lethargie wieder Leben in mich kam. Ich setzte mich sofort an meinen Laptop und suchte im Netz nach allem, was ich über die Bio-Landwirtschaft finden konnte. Weil mir das jedoch zu theoretisch war, fuhr ich am nächsten Tag zu einem Hof in Norddeutschland, der mir im Internet aufgefallen war, weil dieser neben der Landwirtschaft noch „Ferien auf dem Bauernhof“ anbot. Ich beschloss, mich dort einzuquartieren, um noch mehr über das Thema zu lernen.

Tja, und irgendwie war das wohl ein Schuss ins Schwarze: Ich unterhielt mich mit dem Bauern und fragte ihn Löcher in den Bauch. Er erzählte mir, bei einem Becher Tee unter dem Apfelbaum, aus seinem Bauernhofalltag und von den vielen wirtschaftlichen Nöten und Problemen, mit denen er sich herumschlug. Als er feststellte, dass ich mich mit Finanzen auskenne, war er höchst interessiert und fragte nun mir Löcher in den Bauch und auch nach meiner Meinung zu diesem und jenem. Ich stellte fest, dass er vergleichsweise wenig mit betriebswirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten anfangen konnte, und ihn störte es nicht, dass ich überhaupt nichts von der Landwirtschaft wusste. Noch bevor der Tag zu Ende ging war klar, dass ich sozusagen für Kost und Logis als Buchhalterin, Steuer- und Anlageexpertin bei ihm einsteigen konnte. Da ich glücklicherweise genug Geld angespart hatte, um mir so ein Verlustgeschäft leisten zu können, beschloss ich, es einfach mal zu versuchen. Schlimmer konnte es nicht werden, dachte ich. Also zog ich in eine seiner Ferienwohnungen ein und erklärte meinen Eltern, da der Hof in Norddeutschland liegt, dass ich nicht mehr ständig auf Abruf zur Verfügung stehen könne. Ich sagte ihnen, dass ich ihnen eine Garten- und eine Haushaltshilfe finanzieren und einmal im Monat nach dem Rechten schauen würde, wenn es nötig sei – damit müssten sie klarkommen.“

Petra nimmt einen Schluck Wein und schaut plötzlich erstaunt, als sei ihr gerade in diesem Moment etwas eingefallen.

„Komischerweise klappt die Medikamenteneinnahme meiner Mutter nun viel besser und irgendwie geht auch längst nicht mehr so viel in Haus und Garten kaputt.“

Sie schüttelt irritiert den Kopf, als versuche sie, in dieser Auffälligkeit einen tieferen Sinn zu entdecken.

„Die Klagerei ist natürlich wie immer“, ergänzt sie mit vielsagendem Blick.

Alles lacht.

„Wie läuft‘s auf dem Hof?“, fragt Stefano. „Konntest du den auf Vordermann bringen?“

„Und wie!“, ruft Petra mit Nachdruck. „Mittlerweile ist der Betrieb wieder ein gesundes Unternehmen und schreibt schwarze Zahlen. Zurzeit denke ich bereits über eine Ausdehnung unserer Kapazitäten nach und über die Investition in andere Bio-Unternehmen, sozusagen als Geldanlage. Die Sache läuft!“

Wieder setzt am Tisch herzliches Gelächter ein über Petras Begeisterung und ihre Energie für ihr Projekt. Elli spricht aus, was viele denken: „Von dir kann man wirklich lernen! Ich bewundere deinen Mut, etwas ganz Neues anzufangen. Respekt!“

Für diese Bemerkung erntet sie allgemeine Zustimmung. Nur Maik gibt sich – wie es seinem Naturell als Tonangeber und seiner Verfassung nach dem schon reichlich verkosteten Rotwein entspricht – nicht zufrieden.

„Liebe Petra, wenn du jetzt auf dem Land lebst, auf einem Bauernhof, auf dem sogar Ferien angeboten werden, was machst du dann hier?“

Sofort erntet er für diese freche Bemerkung gespielte Entrüstung der Anwesenden.

„Na, weil die Pampa hier eben noch schöner ist als die in Norddeutschland!“, kontert Monika an Petras Stelle, die verlegen ihren Blick senkt, als wüsste sie so schnell nicht darauf zu antworten. Aber dann fällt ihr doch noch eine passende Replik ein.

„Auch die Buchhaltung einer Landwirtschaft braucht mal Urlaub“, erklärt sie und wird rot. Sofort erhält sie Unterstützung von Sandra, die über den Tisch ruft: „Ein wahres Wort! Sogar wir beide“, damit nickt sie Stefano zu, „sind schon mal in den Urlaub gefahren!“

„Ich habe sogar im letzten Winter zwei Wochen Ferien bei meiner Schwester gemacht“, fügt Edith hinzu.

Zustimmendes Gelächter pflichtet ihr bei.

„Die Hauptsache ist doch, dass wir so kurzfristig noch einen Platz für dich frei hatten“, meint Sandra und erläutert den anderen: „Petra hat wirklich Glück gehabt, als sie vorige Woche anrief und fragte, ob sie so kurzfristig noch kommen könnte. Gerade war jemand anderes abgesprungen. Eigentlich war der Kurs bereits seit zwei Monaten voll.“

Für diesen glücklichen Umstand brandet Beifall auf und Carlos ruft: „Schön, dass du da bist!“, was Petras ohnehin schon vorhandene Gesichtsrötung noch verstärkt.

„Da sind wir auch schon beim Thema“, fügt er hinzu, sobald der Beifall verklungen ist. „Bevor ihr gleich zu ausgelassen euer unverhofftes Wiedersehen feiert, würde ich gerne noch etwas Ernstes mit euch besprechen …“

Ein betroffenes Raunen erhebt sich am Tisch.

„… nämlich das Programm für die folgende Woche.“

Ein erleichtertes „Aah“ folgt der Ankündigung, ergänzt um das ein oder andere ausgelassene Kichern.

„Also, ich habe es lang und ausgiebig mit Cosima diskutiert“, beginnt er, wird aber an dieser Stelle sogleich unterbrochen von einem ehrfürchtigen Raunen. Mit gespielter Hilflosigkeit wendet sich Carlos seiner Kollegin zu.

„Es sieht so aus, als hätte ich doch zu lange mit der Vorstellung des Programms gewartet“, klagt er.

„Das haben wir gleich“, versucht Cosima ihn zur allgemeinen Belustigung zu beruhigen und schlägt einen energischen Ton an.

„Also meine Lieben, was Carlos sagen wollte, ist …“, aber auch sie kommt nicht weiter, weil sogleich ein erneutes Raunen von der ausgelassenen Truppe zu hören ist.

„Wenn ihr nicht artig seid, müsst ihr alle die Hitparade von 1982 singen, und zwar besonders die Schlager“, donnert Cosima in gespieltem Ernst, was ihr großes Gelächter einbringt. Jeder hat noch gut in Erinnerung, dass der Einzige der alten Truppe, der sich zu seiner Vorliebe für Schlager bekannte, Paul war – von daher weiß jeder, dass es sich bei Cosimas Worten wirklich um eine Drohung handelt! Und tatsächlich tritt daraufhin, als die letzten Lacher verklungen sind, so etwas wie Ruhe ein, sodass Cosima fortfahren kann.

„Da wir ja – augenscheinlich im Gegensatz zu euch – wussten, dass hier viele miteinander bekannte Kursteilnehmer auftauchen werden, haben wir uns überlegt, euch zu Ehren …“ An dieser Stelle macht Cosima eine Pause und gibt durch eine auffordernde Handbewegung zu erkennen, dass ehrfürchtiges Raunen erwünscht ist. Gerne wird der Bitte Folge geleistet und ehrfürchtig geraunt. Cosima nickt zufrieden und fährt fort: „… euch zu Ehren das Kursprogramm etwas abzuwandeln. Wir finden, die Bedingungen sind bestens dazu geeignet, dass wir und besonders ihr noch intensiver miteinander an den Stücken arbeitet, anstatt sie ‚nur‘ zu singen und zu spielen.“

„Und zwar möglichst so, dass man auch erkennt, um was für ein Stück es sich handelt“, wirft Maik übermütig ein, was mit großem Gelächter honoriert wird.

„Richtig“, bestätigt Cosima. „Aber dass ihr das beherrscht, konnten wir ja bereits vor drei Jahren feststellen. Deshalb haben Carlos und ich beschlossen, dieses Mal den Schwerpunkt auf die Bandarbeit zu legen. Das bedeutet, dass es mehr als früher darum gehen wird, dass ihr gemeinsam am Arrangement der Stücke arbeitet, beim Üben aufeinander hört, euch bei euren Einsätzen aneinander orientiert und so eure Performance optimiert.“

„Ein wichtiger Punkt sind dabei die Chöre“, ergänzt der Gesangslehrer, „weswegen wir auch keine Solostücke, sondern nur Songs ausgewählt haben, die mehrstimmig oder wenigstens im Duett gesungen werden. Es kommt also weniger darauf an, dass jeder einzeln für sich glänzt – das betrifft besonders den Sänger oder die Sängerin – sondern dass ihr als Team überzeugt. Das erfordert auch eine viel größere Disziplin.“

Diese Formulierung entlockt den aufmerksamen Zuhörern erneut ein gespielt ehrfürchtiges Raunen, was Carlos sofort aufgreift.

„Damit ihr seht, wie ernst wir das meinen, kriegen die ersten gleich einen Song zugeteilt, und zwar ‚Lady Marmalade‘ von Labelle. Wir haben uns überlegt, dass das genau das Richtige für Julie, Monika und Elli ist. Ihr seid drei völlig unterschiedliche Sängerinnen mit völlig verschiedenen Sängerinnen-Persönlichkeiten. Das wird lustig“, kommentiert er und freut sich, dass die drei Frauen sich strahlend mit dem Plan einverstanden erklären.

„Als nächstes haben wir für ein Duett den Song ‚I’ve Got You Babe‘ ausgewählt. Das wollen wir Carola und Heiko übertragen.“ An die beiden gewandt ergänzt er: „Carola hat ja bereits beim letzten Mal ihre Professionalität bei der musikalischen Teamarbeit bewiesen.“

Wie nicht anders zu erwarten war, wird Carlos erneut von andächtigem Raunen unterbrochen, was Carola mit einem übertrieben huldvollen Nicken entgegennimmt.

„Da Heiko neu dabei ist und wir weder ihn noch er uns kennt, dachten wir, dass das mit Carola bestimmt gut passt“, erläutert er seinen und Cosimas Plan.

Carola und Heiko nicken sich zu und signalisieren damit ihre Zustimmung. Nur Maik hat Einwände.

„Sag einmal, Carlos, durften wir uns im letzten Kurs nicht selbst für die Stücke melden? Ihr verfügt jetzt einfach, dass meine Frau ein Liebesduett mit einem anderen Mann singt. Das ist euch aber schon aufgefallen?“, fragt er und stemmt in gespielter Entrüstung seine Hände in die Seiten. „Gibt es denn hier keine demokratischen Verhältnisse?“

Carlos grinst ihn an und meint dann: „Nö!“, was ihm schallendes Gelächter von allen Seiten einbringt. Doch Maik gibt sich so schnell nicht geschlagen.

„Aber ein Liebesduett – das ist nun mal am Überzeugendsten von einem Paar zu interpretieren“, versucht er Carlos zu überreden. „Da liegt es doch nahe, dass Carola das mit mir singt. Warum habt ihr nicht uns beide dafür ausgewählt?“

Diese Frage scheint Carlos unangenehm zu sein. Er windet sich ein bisschen und Cosima wirft ihm warnende Blicke zu, die er allerdings nicht zu bemerken scheint.

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380 стр. 1 иллюстрация
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9783738085372
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