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Foto Marco Volken

Emil Zopfi, geboren 1943, studierte nach einer Berufslehre Elektrotechnik und arbeitete als Computerfachmann und Erwachsenenbildner für Informatik und Sprache. Autor von Romanen, Hörspielen, Kinder- und Jugendbüchern sowie Bergmonografien. Er lebt heute als Schriftsteller in Zürich. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem King Albert Mountain Award und dem Glarner Kulturpreis. Im Limmat Verlag sind seit 1977 zahlreiche Bücher erschienen, u.a. die Andrea-Stamm-Trilogie «Steinschlag», «Spurlos» und «Finale».

«Emil Zopfi ist DER deutschsprachige Bergschriftsteller der Gegenwart. Er erreicht mit seinen Werken nicht nur Bergsteiger, sondern auch das breite Publikum.» King Albert Mountain Award

Emil Zopfi

Steinschlag

Roman


ALLES PLÖTZLICHE IST BÖSE,

UND DAS GUTE SCHLEICHT LANGSAM.

JOSEPH ROTH, HIOB

1

Nach einer Stunde fanden sie die Frau. Sie lag auf einem Felsabsatz in der Runse unterhalb des Wegs, den Kopf an der Kante nach hinten geneigt, den Körper ausgestreckt auf abschüssigen Platten. Ihr Gesicht war bleich und unversehrt, die schmalen Lippen blutlos. Eine Haarsträhne klebte auf ihrer Stirn und verdeckte ein Auge. Das andere blickte glasig in den Nebel, der dem Hang entlangstrich.

Andrea hatte sie zuerst gesehen, vom Fusspfad aus, der die Runse an einer abschüssigen Stelle durchquerte. Sie hatte im Nebel einen violetten Farbfleck entdeckt, den Ärmel einer Faserpelzjacke. Es war der linke Arm der Frau, der eigenartig verkrümmt über die Felsbank hinausragte, als habe sie im Sturz ihren Kopf schützen wollen.

Amstad kletterte vorsichtig über glitschigen Fels und nasse Graspolster hinab, Andrea folgte ihm. Er beugte sich über die Frau, die auf dem Felsabsatz lag, als ob sie sich zum Schlafen niedergelegt hätte, ergriff ihr Handgelenk, liess es jedoch gleich wieder los. «Tot. Schon ein paar Stunden.»

Dann strich er ihr die Haarsträhne mit einer fast zärtlichen Bewegung aus dem Gesicht. «Tot. Nichts mehr zu machen.» Er biss sich auf die Lippen, wischte sich mit dem Ärmel seiner Windjacke über die Stirn.

Amstad kannte sich aus. Ein erfahrener Bergführer, seit vielen Jahren Obmann der Rettungskolonne. Es war gewiss nicht die erste Leiche, die er bergen musste. Andrea dagegen hatte noch nie einen toten Menschen gesehen. Sie war oberhalb des Felsabsatzes stehen geblieben, hielt sich an einem Felsblock fest, der aus dem Steilhang vorsprang. Blickte auf die Frau hinab, die da lag, als ob sie jemand hingebettet hätte, den Kopf an der Kante zur Seite geneigt, den Körper ausgestreckt, die Beine übereinander geschlagen.

So liegt man nicht, wenn man gestürzt ist, war Andreas erster Gedanke. Das Stirnband, im gleichen Violett wie die Faserpelzjacke, war der Toten über einem Ohr hochgerutscht. Blut war durch die Haare gesickert und im Schotter zu einer dunklen Kruste geronnen. Amstad stand neben ihr, die Hände ineinander verklammert, in Schweigen versunken. Vielleicht betet er, dachte Andrea. Vielleicht ist es hier der Brauch, dass der Führer ein Gebet spricht, wenn er am Berg einem toten Menschen begegnet.

«Was denkst du, wie ist es passiert?», fragte sie nach einer Weile, um das Schweigen zu brechen. Amstad trat einen Schritt zurück, zündete sich eine Zigarette an. Sein Gesicht wirkte grau und müde.

«Steinschlag», stiess er hervor. Das Wort klang so hart, als sei es selber ein Stein, der sich löst, fällt und aufschlägt. Sein linkes Augenlid zuckte, als er es aussprach.

«Steinschlag?»

Andrea zog den Kopf ein und warf einen Blick den steilen Hang hinauf. Es war Sommer, doch in den Schluchten der Felswand, die sich über ihnen im Nebel erhob, lagen noch Schneereste. Schmelzwasser konnte Steine mitreissen und sie über die Schutthalden bis auf den Fusspfad schleudern. Durch die Runse rauschte ein Bach, sodass man ihr Aufschlagen kaum rechtzeitig hören und sich in Sicherheit bringen konnte.

«Steinschlag? Sie ist also auf dem Weg getroffen worden. Wie ist sie denn auf das Felsband gekommen? Gestürzt? In dieser Lage liegen geblieben? Wie stellst du dir das vor?»

Er hob die Schultern.

«Getroffen, gestürzt. Ihr Ehemann hat das so geschildert. Es wird wohl so sein. Er war ja dabei.»

Amstad hatte am späten Nachmittag angerufen. Andrea stand unter der Dusche. Sie hatte am Morgen eine Wandergruppe übers Joch geführt, ein paar Stunden Fussmarsch durch dicken Nebel. Hatte sich auf einen ruhigen Abend eingestellt. Spaghetti kochen. Fernsehen oder Musik hören. Nackt und nass eilte sie zum Telefon. «Amstad.» Die Rettungskolonne sei aufgeboten, Helikopter könnten nicht fliegen bei dem Nebel. Fussarbeit also. Ob sie bereit sei, ihn zu begleiten.

Es war ihr erster Einsatz, bisher hatte man sie übergangen. Die junge Bergführerin. Neu im Ort. Neu im Beruf. Amstad erklärte, die andern Führer seien unterwegs, und allein wolle er den Job nicht machen. «Wahrscheinlich Leichenbergung», hatte er mit dumpfer Stimme beigefügt. «Kommst du?»

Natürlich kam sie. Fühlte sich sogar etwas geehrt, obwohl sie sich auch fürchtete vor diesem «Job», wie er das Suchen und Bergen einer Leiche bezeichnete. Der Rettungschef bot sie auf, man nahm sie also ernst. Man nahm sie auf in den Kreis. Sie musste zusagen. Und nun stand sie an dem steilen Abhang und blickte auf die tote Frau mit dem wächsernen Gesicht und dem schmalen Körper. Ihr Alter war schwer zu schätzen. Um die fünfzig etwa.

Andrea wartete, dass Amstad entscheiden würde, was zu tun sei. Er zog einen ausgebleichten Biwaksack aus seinem Rucksack.

«Wir packen sie ein. Morgen holt sie der Helikopter.»

«Sollten wir sie nicht so liegen lassen?»

«Über die Nacht? Damit sie der Luchs frisst? Oder die Dohlen ihr die Augen auspicken?»

«Wird es nicht eine Untersuchung geben?»

«Wozu? Ist doch alles klar. Ein Unfall.»

«Ich dachte nur …»

«Was?»

«… das sei vielleicht Vorschrift.»

«Du schaust zu viel Krimis.»

Das stimmte wohl. Wäre sie nicht hier, dann würde sie vor dem Fernseher sitzen. Sie wohnte allein, im Ort hatte sie noch kaum Bekannte, in die Stadt war es zu weit nach einem anstrengenden Tag.

«Von dem Steinschlag müsste man doch Spuren sehen. Frische Steinsplitter. Einschläge.»

«Wahrscheinlich war es nur ein einziger Stein.»

«Hat der Mann die Polizei informiert?»

«Ich denke schon.» Amstad begann den Biwaksack zu entrollen. «Wir müssen vorwärts machen.»

Er war der Obmann, er hatte entschieden. Er riss einen Reissverschluss auf, breitete den Sack neben der Toten auf dem Felsabsatz aus, so gut es ging.

Andrea zog ihr Handy aus einer Innentasche ihres Faserpelzes. Sah auf dem Display, dass an diesem Ort kein Empfang möglich war. Ihr Vater war ihr eingefallen. Vielleicht hätte der pensionierte Polizist einen Rat gewusst. Durfte man die Tote anfassen, bevor Spuren gesichert waren? Was war die Vorschrift? Bei ihr bleiben während der Nacht, Totenwache halten? Oder hatte der Bergführer Recht, der schon Dutzende von Leichen geborgen hatte? Sicher hatten sie das korrekte Vorgehen bei Unfällen im Führerkurs behandelt, aber in diesem Augenblick erinnerte sie sich nicht mehr.

Sie steckte das Mobiltelefon ein.

«Halt ihre Füsse fest, sonst rutscht sie ab.» Amstad hüllte die Tote ein, zog den Reissverschluss zu und verknotete Bänder. Dann holte er aus dem Rucksack eine Reepschnur, schlang sie um den Felsblock, fädelte ihre Enden durch die Ösen des Biwaksacks. Nun hing die Tote da wie eine gelbe Raupe, die sich an einen Stein geheftet hat, um sich zu verpuppen.

«Das wärs dann.» Amstad zupfte an den Schnüren, um sich zu vergewissern, dass sie gut befestigt waren. Dann zündete er sich nochmals eine Zigarette an. «Rauchst du?» Er streckte Andrea die Packung hin.

Sie schüttelte den Kopf.

«Wen wolltest du anrufen? Polizei?»

«Nicht eigentlich.»

«Was heisst das?»

«Meinen Vater. Er ist früher Polizist gewesen. Pensioniert.»

«Verstehe.»

Amstad trat einen Schritt näher, stützte sich mit einer Hand auf den Felsblock. Sein Gesicht war hager, die Haut bildete Furchen, in denen Bartstoppeln sprossen. Ein Gesicht wie eine Felswand, dachte sie.

«Es ist wohl deine erste …?» Er suchte nach Worten. Seine Stimme klang heiser. Als Andrea ihn das erste Mal getroffen hatte, hatte sie geglaubt, er sei erkältet.

«Es ist deine erste Bergung, nicht wahr?»

Sie zog mit der Spitze des Bergschuhs eine Rinne in den Schutt, schaute zu, wie sie sich mit Wasser füllte. Spürte ein Würgen im Hals.

«Man muss sich daran gewöhnen. Als Bergführer.» Er gab ihr einen leichten Stoss an die Schulter. «Oder als Bergführerin. Es gehört zu unserem Beruf.»

Andrea zupfte ein Papiertaschentuch hervor, wischte sich übers Gesicht und schnäuzte sich.

«Gehen wir?» Er hob seinen Rucksack auf. «Danke noch, dass du mich begleitet hast.»

Sie wechselten einen Blick. Seine Augen waren hell und kalt, als ob sie zu einem anderen Menschen gehörten. Das linke schielte ein wenig, und das Lid zwinkerte, als ob er sich über etwas lustig mache, das die Tote nicht hören durfte. Er spürte, dass sein Tick Andrea irritierte, drehte den Kopf und begann, zum Weg aufzusteigen.

Es war dunkel geworden. Der Nebel verwischte alle Formen. Sie folgte der leicht vornübergebeugten Gestalt des Bergführers auf dem Pfad, der die Runse durchquerte, einem Felsband folgend, dann über Geröllhalden und Weiden hinab zur Alp. Sie schritten rasch, in Gedanken versunken und ohne weitere Worte zu wechseln.

2

Sie stolperte, versuchte sich festzuhalten, griff ins Leere, fiel gegen die Wand und schlug mit dem Ellbogen auf einen Pickelhammer, der am Boden lag. Der Schmerz zuckte wie ein elektrischer Schlag durch ihren linken Arm. Sie schrie auf. Dann lag sie am Boden, mit dem Rucksack am Rücken, und rieb sich das Gelenk. Sie hatte noch keine Zeit gefunden, im Korridor eine Lampe zu montieren. Alles war provisorisch in ihrem Leben. Beruf, Beziehungen, Finanzen. Die Wohnung ein Chaos, der Korridor eine Abstellkammer für Seile und Säcke, Schuhe, Eispickel, Steigeisen, Bündel von Karabinern und Schlingen und Klemmkeilen.

Morgen ist Sonntag, sagte sie sich, Nebel und Regen. Sie würde Zeit finden, um aufzuräumen, Ordnung in ihre Dinge und ihr Leben zu bringen. Einen Augenblick blieb sie im Dunkeln liegen, massierte mit dem Daumen den schmerzenden Sehnenansatz am Ellbogen. Sah die tote Frau vor sich, wie sie auf dem Felsabsatz lag, den Arm schützend über dem Kopf.

Andrea spürte den Schweiss des raschen Auf- und Abstiegs auf der Haut prickeln. Sie befreite sich vom Rucksack, rappelte sich hoch und tastete sich zur Tür des Zimmers, in dem sie eine Art Büro eingerichtet hatte. «Andrea Stamm, Rock’n’ Ice.» Das war ihr Label. Ein Wortspiel, Fels und Eis, hübscher Fels. Es erinnerte an Rock’n’ Roll, an Musik, an Amerika.

Die rote Lampe des Beantworters blinkte. Sie machte Licht, drückte auf die Taste, zog den Faserpelz aus und hängte ihn an einen Kleiderhaken, während sie der gespeicherten Stimme zuhörte. «Daniel Meyer. Hätten Sie Zeit, eine Klettertour zu führen, Montag. Rufen Sie doch bitte zurück. Ich bin bis Mitternacht erreichbar.»

Sie notierte die Nummer auf einen Zettel, klemmte ihn aufs Magnetbrett. Dann duschte sie, rieb sich den Ellbogen mit Salbe ein, machte sich ein Käsesandwich, hockte im Schneidersitz auf den Futon und zappte durch die Programme. Sie döste ein, der Lärm von Schüssen schreckte sie auf. Über den Fernsehschirm flimmerte eine Verfolgungsjagd durch eine amerikanische Stadt, Reifen quietschten, Sirenen wimmerten. Es war kurz vor Mitternacht. Sie schaltete aus, ging nochmals ins Büro, wählte die Nummer.

«Stadtspital, Sie wünschen?»

Eine verschlafene Frauenstimme. Andrea glaubte, sie sei falsch verbunden.

«Sie wünschen?», wiederholte die müde Stimme.

«Ich suche einen Daniel Meyer.»

«Sie haben Doktor Meyers Nummer gewählt. Er ist im Augenblick nicht erreichbar. Worum geht es?»

«Er hat auf meinen Beantworter gesprochen. Ich soll zurückrufen.»

«Ist es privat?»

«Nein, geschäftlich.»

Die Frau schien nachzudenken, sagte schliesslich: «Ich lasse ihn suchen. Wen darf ich melden?»

«Andrea Stamm. Kletterschule Rock’n’ Ice.»

«Wie bitte?»

Andrea wiederholte. Dann schlug ihr misstönende Musik ins Ohr. Sie wartete.

«Meyer.»

«Rock’n’ Ice, Andrea Stamm. Ich soll Sie zurückrufen.»

«Die Bergführerin?»

«Die bin ich.»

«Ich habe Montag meinen freien Tag. Möchte die Sila klettern.»

«Die Sila?» Für einen Augenblick fand Andrea keine Worte. Die Sila wäre der erste anspruchsvolle Auftrag. Nicht bloss eine Wanderung mit Senioren, ein Klettersteig oder ein bescheidener Grat. Die Sila wäre der Durchbruch.

«Hätten Sie Zeit?», fragte der Mann. «Der Wetterbericht klingt nicht schlecht.»

«Ich kenne Sie ja nicht.»

«Natürlich nicht. Aber Sie kennen den Berg. Sie sind mir als Führerin empfohlen worden.»

«Von wem?»

«Stefan Weyermann.»

«Ach Stef!»

Stef hatte sie empfohlen. «Dann, ja dann …» Sie machte den Satz nicht fertig. Dachte: Warum? Was will Stef damit? Schob die Frage weg, verschob sie auf später. Sie musste jetzt zusagen, Ja sagen, zum zweiten Mal an diesem Tag. Ja zum Tod, ja zum Leben. Beides gehörte zum Beruf, den sie gewählt hatte. Sie musste alles vergessen, was vergangen war. Nur nach vorn blicken. «Ja, dann Montag, die Sila», sagte sie.

«Super», sagte Meyer. Er war Arzt, liess sie seine Ungeduld spüren. «Sie seien eine hervorragende Kletterin, hat mir Stefan versichert. Sie nähmen an Wettkämpfen teil. Die Sila sei für Sie Peanuts.»

«Welche Route?», fragte Andrea.

«Die klassische Westwand. Ich kenne sie von früher. Eine Nostalgietour sozusagen.»

«Die Route ist saniert, mit neuen Haken und Abseilringen ausgerüstet.»

«Was kostet der Trip?»

«Die Westwand, Moment mal …» Andrea tat, als müsse sie in einer Liste nachsehen. Sie war es noch nicht gewohnt, klar und ohne zu zögern den Preis einer Bergtour zu nennen. Kam sich dabei vor, als ob sie etwas verkaufe, was sie eigentlich verschenken sollte. Doch es musste sein. Auch Ärzte hatten ja ihren Tarif. Sie nannte die schöne runde Zahl, die ihr mehr Eindruck machte als die Wand selber. Wenn es klappte, würde sie ein paar Rechnungen bezahlen können.

«Okay», sagte der Arzt. «Montag also.»

Sie vereinbarten Zeit, Treffpunkt. Andrea legte auf. Trat auf den Balkon. Noch immer lag Nebel. Vom Wohnblock auf der andern Strassenseite drangen die Lichter gedämpft herüber. Ein Auto fuhr vorbei. Dann war es wieder still, die Welt in schwarze Watte gehüllt.

3

Sonntag. Sie machte sich daran, ihre Wohnung aufzuräumen. Trug Rucksäcke ins Büro, dann wieder in den Korridor zurück. Ordnete Klemmkeile und Friends nach Grösse, klickte sie an Karabinerhaken, stopfte das Klettermaterial in Säcke, leerte sie wieder aus. Das Klirren des Metalls erregte sie, steigerte ihre Unruhe. Der Nebel war zum Ersticken.

Sie schob eine CD in den Player, Joe Cocker, «Need your love so bad …» Die schwülstige Stimme des alten Mackers trug sie nach Sheffield, an sein Konzert nach dem Kletterwettkampf in der Foundry. Cocker stammte aus der alten Industriestadt am Rand des Peak Distrikts. Sheffield war das Mekka der britischen Kletterszene. Da wimmelte es von verrückten Typen, die nichts im Kopf hatten als «rock, fuck and shit». Andrea war gut geklettert, hatte sogar Weltcuppunkte geholt. Und anschliessend ein paar Tage in den Wänden des Peaks am körnigen Gritstone geschnuppert. Mit Stef.

Sie schaltete den Computer ein, klickte sich ins Netz und betrachtete die Wetterkarte. Es würde aufhellen am Nachmittag, Föhn aufkommen am Montag, die Temperatur steigen. Sie wählte Amstads Nummer. Seine Frau nahm ab. Der Bergführer sei mit Rolf Frick von der Kletterschule nochmals hinaufgestiegen.

«Hinauf?»

«Zu der Toten.»

«Wird man sie heute bergen? Muss ich helfen?»

«Nicht nötig. Morgen fliegt der Helikopter.» Die Stimme der Frau klang spröd und abweisend.

Andrea vermied es, sie mit Du anzusprechen.

«Ich habe einen Gast morgen.»

«Es ist alles organisiert. Die Männer schaffen das gewiss alleine.»

Sie hängte auf. Alles klar. Man brauchte sie nicht. In der Stimme der Frau schwang ein Unterton. Misch dich nicht ein! Tote bergen ist Männersache. Wie der Berg überhaupt. Im Führerkurs waren am Anfang solche Bemerkungen gefallen. Ein Witz wurde herumgeboten: Dich hat man nur aufgenommen, weil Andrea auch ein Männername ist und du auf der Foto mit deinem Bürstenschnitt wie ein Bub aussiehst. Sie fand das widerlich, zahlte es den Männern heim im Fels, wo sie am stärksten kletterte. Schon bald waren die Bemerkungen verstummt.

Sie startete das Mailprogramm. Tippte: «Lieber Stef». Löschte. Ersetzte das «Lieber» durch «Hallo». Dann war auch schon Ende. Sollte sie ihm danken, dass er sie empfohlen hatte? Ein Zeichen geben: Wir könnten doch wieder Freunde sein. Du gehst deinen Weg, ich den meinen. Wir hatten doch auch gute Zeiten zusammen. Am Computer konnte man nicht am Bleistift nagen, deshalb knabberte sie am Daumennagel.

Joe Cocker säuselte und stöhnte und krächzte, wie damals im Stadion in Sheffield, im Flutlicht der Scheinwerfer, umhüllt von einer Wolke von Haschischrauch. «What do I tell my heart? …»

Weisst du noch, Stef? Unser Peak! Schafherden auf kargen Weiden, umgeben von Trockenmauern, Eichenwälder im Herbstlaub, dunkelbrauner Gritstone, der sich in kilometerlangen Felsbändern dahinzieht. Kletterer krabbeln über raue Platten und durch Risse hinauf wie bunte Ameisen, die in der Sonnenwärme ihren unsichtbaren Duftspuren folgen.

Andreas Gesicht spiegelte sich im Bildschirm. Schemenhaft das dunkle Stoppelhaar, das ihre abstehenden Ohren so richtig zur Geltung brachte. Die Nase mit der viel zu breiten Wurzel machte auch der gepiercte Diamant nicht edler. Sie sah wirklich aus wie ein Rotzjunge, fehlten nur noch die Pickel.

«Du machst dich absichtlich hässlich», hatte Stef gelegentlich bemerkt. Wenn er nicht seine zärtliche Anwandlung hatte und sie die schönste Frau der Welt fand mit dem stärksten Busen und den tiefsten Augen. Bloss eine Spur zu klein, um als Model Karriere zu machen. Mit einer neckischen Neigung zur Rundheit, wie sie Männer so lieben. Scheissmänner! Sie war jedenfalls gross genug, um in der Wand Griffe zu erreichen, mit elastischen Zügen, die der hochgeschossene Lackel niemals packte. Sie war klein, stark, ein Kraftpaket, eine gespannte Feder. Schön oder hässlich, es war einerlei.

Andrea ging ins Bad, rieb den Ellbogen mit Salbe ein. Er schmerzte noch immer. «Bergführerin in ihrer Wohnung abgestürzt!» Sie stellte sich die Schlagzeile in der Sonntagszeitung vor. Echt zum Grölen. Doch in der Zeitung stand wohl eine andere Nachricht. «Frau auf Wanderung von Stein erschlagen!»

Die Wohnung war ein Käfig geworden, in dem sie ziellos umhertigerte. Wohin sie auch schaute, sie sah die Frau auf ihrem kalten Totenbett liegen. Gross, schlank, mit rötlich schimmerndem Haar und teuren Kleidern, Marke Kleeblatt. Eine schöne Frau. Sie wusste nicht einmal ihren Namen.

4

An der Kaffeebar der Autobahnraststätte sassen nur wenige Leute, rauchten, lasen Zeitung. Sie bestellte einen Espresso und einen Brioche, blätterte durch die Sonntagszeitung, fand nichts über den Unfall. Dann rief sie ihren Vater an.

«Bist du unterwegs?», fragte er. «Ich verstehe dich kaum.»

«Auf dem Weg zu dir.»

«Nicht auf einem Berg?»

«Schlechtes Wetter.»

«Ist das Wetter schlecht, dann ist der alte Papa recht.» Er lachte über den Reim, den sie ziemlich blöd fand. Sie vernahm eine Stimme aus dem Hintergrund. Im Rauschen des Mobiltelefons hörte sich seine Antwort an wie holpriges Englisch.

«Hast du Besuch?»

«Mein Schutzengel ist da.»

Sein meckerndes Lachen ging ihr auf den Geist. Sollte sie wieder umkehren? Auf eine der Damen, die er auf Carreisen oder Tanznachmittagen anbaggerte, hatte sie nicht die geringste Lust. «Meine Zuckerpuppe» nannte er sie. «Mein Haussegen, meine Dulcinea». Diesmal war es sein Schutzengel. «Seit wann sprechen Schutzengel Englisch?», fragte Andrea.

«Engel sprechen Englisch. Darum heissen sie Engel.

«Sehr witzig.»

«Spiel nicht die beleidigte Tochter. Kommst du zum Essen?»

«Hab keinen Hunger.»

«Also du kommst», sagte er. «Beeil dich. Es gibt was Besseres als Leberwurst.» Er hatte ein Flair für Damen, die gut kochten.

Auf dem Parkplatz waren zwei Männer vor ihrem Jeep stehen geblieben. Er fiel auf. «Rock’n’ Ice» prangte auf beiden Seiten in Graffitischrift. Ein Farbverlauf von Gelb nach Blau sollte die Verbindung von Fels und Eis darstellen. Darunter stand ihre Webadresse: www.rocknice.com.

«Sieht geil aus», hörte sie einen der Männer sagen, bevor sie weitergingen. Der Jeep war die Investition ihres Vaters ins Unternehmen. «Von deinem Erbteil.» Das hatte er wohl ironisch gemeint, wie so vieles. Es war ein älteres Modell, das schon etwas Rost angesetzt hatte bei Fahrten durch Gebirge und Wüsten. Robert hatte den Wagen für einen guten Preis einem bekannten Garagenbesitzer abgeschwatzt. «Der war mir noch was schuldig. Von früher.»

Auf der Autobahn rauschte sie auf der Überholspur an den Sonntagsfahrern vorbei, summte zu einer CD von Laurie Anderson und zum Zischen der Reifen auf dem feuchten Asphalt. «You’re walking. And you don’t always realize it, but you’re always falling …»

Sie parkte an der Quartierstrasse vor dem Reihenhaus mit dem kleinen Garten. Eine Siedlung für städtische Angestellte, Strassenbahner, Arbeiter des Wasserwerks, Polizisten. Hier war sie aufgewachsen, doch fühlte sie sich nicht mehr zu Hause in dieser Welt von Ruhebänken, Rosenbeeten, Gemüse und Gartenzwergen. Sie stiess das Gartentor auf, schritt über den Plattenweg zum Haus. Das Rasenviereck im Garten war nicht gemäht, die Johannisbeersträucher mit Brennnesseln durchwuchert, die Gemüsebeete voller Unkraut, ein paar Salatköpfe aufgeschossen. Keine Bohnen, kein Rosenkohl, kein Lauch waren gepflanzt. Die Erdbeerstöcke verdorrt, die Mutter immer sorgfältig mit Holzwolle unterlegt hatte. Andrea schob die Erinnerungen weg und klingelte.

Robert öffnete, drückte ihr einen feuchten Kuss auf die Wange. «Warum klingelst du? Komm doch rein.» Er duftete nach Rasierwasser und trug ein orangefarbenes Polohemd mit blauen Segelschiffen, das sich über seinem Bauch spannte. Die obersten Knöpfe standen offen, eine Kette mit einer Silbermünze baumelte an seinem Hals über den weissen Brusthaaren.

«Ich wollte nicht stören.»

«Du störst doch nie. Du bist hier zu Hause, Tochter.»

Es war einmal, dachte sie. Ein Duft von exotischen Gewürzen erfüllte den Korridor und befremdete sie. Durch die Milchglasscheibe der Küchentür sah sie einen Schatten am Herd hantieren, hörte Öl zischen und Pfannen klappern. Der Schutzengel kochte.

«Es gibt Thai-Food, original.»

Robert deutete mit einer Handbewegung zur Sitzgruppe am Fenster. «Einen Apéro?»

«Wenn du Orangensaft hast.»

«Noch immer abstinent?»

Andrea nickte: «Immer.»

Er seufzte, ging hinaus.

Das Wohnzimmer sah ordentlicher aus als bei früheren Besuchen. Keine Zeitungen lagen auf den Sesseln und dem Clubtisch herum, keine Wäsche türmte sich auf der Sitzbank am Tisch. Die Kacheln und die Messingtür des Ofens glänzten.

Robert brachte ein Glas Orangensaft aus der Küche. «Frisch gepresst.» Aus dem Schrank holte er eine Flasche Scotch, schenkte sich ein. Sie prosteten sich zu. «Schön, dich wieder einmal zu sehen, Tochter.»

«Sag nicht immer Tochter, bitte.»

«Du bist nun halt mal meine Tochter.» Er nahm einen Schluck, blickte zur Tür, stellte das Glas ab und fuhr sich mit beiden Händen über den grauen Haarkranz. Auf seiner Glatze standen Schweisstropfen.

«Gehts dir gut?», fragte Andrea.

Robert blickte in sein Glas, liess die Eiswürfel kreisen. «Gut, ja. Eigentlich ganz gut. Und dir?» Er griff nach ihrer Hand. «Du kaust noch immer Nägel?»

Sie zog die Hand zurück. «Sie brechen ab beim Klettern.»

Nach geraumer Zeit ging die Tür, eine zierliche Frau trat über die Schwelle, blieb stehen, nickte Andrea zu und lächelte schüchtern. Mein Gott, eine Thai, schoss ihr durch den Kopf. Sie hatte eine Dame in Roberts Alter erwartet, nun stand ein Mädchen mit einem Engelsgesicht neben ihm, das ihm knapp über die Schulter reichte. Er legte seinen Arm um ihre Taille und schob sie sacht ins Wohnzimmer. «Andrea, this ist Ning.»

Er wich ihrem Blick aus, wandte sich zu Ning: «I would like to introduce you to my daughter Andrea.» Er presste den Satz hervor, als hätte er ihn für eine Prüfung auswendig gelernt.

Andrea ergriff eine schmale Hand, die ihren Druck kaum erwiderte und sich gleich wieder entzog. Das war also der Schutzengel. Ein Mädchen mit Grübchen in den Wangen, schmalen Augen, dunklen, nach hinten gesteckten Haaren und einem arglosen Lächeln im Gesicht. Ning aus Thailand. Aus welchem Himmel bist du gefallen in dieses kleinkarierte Quartier, in dieses trostlose Haus. Sie rang sich ein «Glad to meet you» ab.

«Glad to meet you», zwitscherte der Engel aus dem Fernen Osten, betonte das «You», huschte hinaus und kehrte mit einer Platte zurück, auf der sich Frühlingsrollen türmten. Sie verschwand gleich wieder, brachte einen Topf Suppe, eine grosse Schüssel Reis, kleinere mit Auberginen, Bambussprossen und gebratenem Geflügel, Büchsen und Flaschen mit Austern- und Kokossauce.

Robert schnipselte an der Kappe einer Flasche Barolo, zog den Zapfen, roch an ihm, rümpfte die Nase, schenkte sich ein, kostete mit dem ernsten Gesicht des Kenners. Er unternahm alles, um Andreas Blick und ihren Fragen auszuweichen. «Ich nehme Englischstunden an der Volkshochschule. Im Alter muss der Geist beweglich bleiben.»

«Im Alter, ja.» Andrea setzte sich, griff sich mit zwei Fingern eine Frühlingsrolle. Sie schmeckte frisch und knusprig.

«Ich fürchtete anfangs, ich müsse mit Stäbchen essen», sagte Robert.

«We use sticks only for noodles», erklärte Ning.

Andrea wunderte sich, dass er das scharfe Essen überhaupt antastete. Er behauptete sogar, es schmecke ihm, obwohl es ihm Schweissperlen auf die Stirn trieb.

«Robert has told me a lot about you», sagte Ning. «You are a mountain guide, aren’t you.» Ihr Englisch war gut.

«Yes, I am.»

«Oh, I would very much like to see the mountains. The goats, the meadows, where Heidi lives.»

«I show you the mountains», sagte Robert. «We make trips. See Matterhorn, Jungfraujoch, Säntis.» Er trank hastig, schenkte sich Wein nach, obwohl das Glas noch halb voll war.

«Heidi is only a fiction», warf Andrea hin und bereute es sogleich.

Doch Ning strahlte sie an. «I saw Heid in the movies in Thailand. It was so terrific and I dreamed to see the mountains once in my life.»

«I show you the mountains if you like», sagte Andrea. «The real mountains.»

«Oh, I would like so much. You are so kind. People here are so kind», sagte Ning mit dem immer gleichen Lächeln, von dem man nicht wusste, welche Gefühle und welche Geschichte es verbarg.

Andrea bot sich an abzuwaschen, doch Ning liess es nicht zu. «Next time you can help.»

Sie erwartete also ein nächstes Mal. Das hiess, sie wollte bleiben.

Robert setzte sich in einen Sessel, steckte sich eine Zigarre an. «Ning ist ein Geschenk des Himmels», sagte er mehr zu sich als zu Andrea.

«Und wie kommt man zu so himmlischen Geschenken?»

Er blickte gedankenverloren in den Rauch, blieb aber stumm. Ning servierte Kaffee und Plätzchen, schwebte wieder in die Küche zurück.

Andrea begann von der Bergung der Toten zu berichten.

«Wie heisst die Frau?»

«Ich weiss nicht …» Amstad hatte ihr erzählt, der Mann habe Alarm geschlagen. Er sei ausser sich gewesen, habe nicht einmal den Unfallort genau beschreiben können. Amstad musste den Namen der Frau kennen, hatte vergessen, ihn zu erwähnen, oder aus irgendeinem Grund verschwiegen.

«Er hat vielleicht befürchtet, du gebest den Namen an die Presse weiter.»

«Kann sein. Oder ich habe ihn überhört in der Aufregung.»

«Wie hat er den Alarm bekommen? Von wo aus hat der Mann telefoniert? Wohin ist er anschliessend gegangen?»

Andrea zuckte die Achseln. Jetzt ärgerte sie sich, dass sie nichts gefragt hatte und nun nicht Bescheid wusste. Sie war einfach Amstad gefolgt. «Siehst du, ich wäre eine schlechte Polizistin geworden.»

Robert ging nicht auf die Anspielung ein. Als sie nach dem Gymnasium nicht studieren wollte, hatte er ihr die Polizeischule vorgeschlagen. Sie war nicht sicher, ob er es wirklich ernst gemeint hatte. «Bergführer ist doch kein Beruf für eine Frau», hatte er ihr vorgehalten. «Gefährlich, schlecht bezahlt, keine soziale Sicherheit, immer mit einem Bein im Abgrund.»

Dann erst recht!, war ihre Reaktion gewesen. Dabei zweifelte sie manchmal selber. War es ihr Beruf? Oder nur der Traum, ihre Leidenschaft zu leben? Durch den Nebel stapfen mit einem stummen Kollegen, um eine Tote zu finden und einzupacken, war gewiss nicht das, was sie sich erträumt hatte.

«Gibt es eine Untersuchung? Hat man Spuren gesichert?»

«Es war eine Bergung, kein Polizeieinsatz.»

«Es muss eine Untersuchung geben. Das ist Vorschrift. Ein Bergführer sollte das wissen.»

«Wahrscheinlich hat Amstad die Polizei benachrichtigt. Er hat genug Erfahrung.»

«Wahrscheinlich ist keine Antwort, Tochter. Ich werde der Sache nachgehen.» Sein Polizeiinstinkt erwachte. Das Thema war ihm offensichtlich angenehmer als Fragen nach seinem Schutzengel.

«Ihr hättet die Leiche nicht anfassen dürfen, bevor eine Amtsperson vor Ort gewesen ist.»

«Amstad meinte, die Luchse würden sie fressen.»

«Unsinn! Man hätte einen Untersuchungsrichter aufbieten müssen.»

«Bei jedem Unfall?»

«Nicht bei jedem. Aber bei diesem. Es gibt keine Zeugen. Es könnte sich ja um Mord handeln.»

Robert tupfte die Zigarre in den Aschenbecher, holte sich einen Cognac, liess ihn im Schwenker kreisen. «Ning wohnt jetzt bei mir. Wie findest du das?» Er grinste wie ein Schüler, der mit seinem ersten erotischen Abenteuer prahlt.

«Willst du mich um Erlaubnis fragen?»

«Ich will nur wissen, was du darüber denkst.»

«Wenn ich sagen würde, ich finde es total daneben?»

Er nahm einen Schluck, hob die Schultern.

«Brauchst du denn einen Schutzengel?»

«Ich brauche …» Er setzte den Schwenker an die Lippen und nahm einen Schluck.

Andrea trat hinter ihn, legte ihre Hände auf seine Schultern, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf den Flaum seiner Glatze. Wie alt war er? Gut sechzig, frühpensioniert. Und Ning? Nicht zu schätzen, irgendwo zwischen achtzehn und vierzig. Engel haben kein Alter. Engel sprechen Englisch. Engel fallen vom Himmel. Engel werden gebraucht.

«Soll ich der Sache nachgehen? Was meinst du?» Er strich sich über den Haarkranz, erhob sich dann schwerfällig und schwankend. «Ich habe noch einen heissen Draht zur Firma.»

«Wenns dich interessiert», sagte sie. «Ich muss jetzt gehen. Habe morgen einen Gast.»

«Dann läuft das Geschäft also?»

«Es läuft, du kannst beruhigt sein.»

In der Küche polierte Ning den Abwaschtrog und summte dazu eine Melodie.

«The meal was delicious», sagte Andrea.

«Thank you very much. You are so kind.»

Andrea drückte ihr die Hand vorsichtig, sie hatte Angst, mit ihren Kletterhänden die zarten Finger zu brechen.

Als sie im Wagen sass, stand Ning mit Robert am Fenster. Sie hatte sich bei ihm eingehängt, schien sich an ihm festzuhalten und winkte. Andrea winkte zurück.

5

Er wartete auf dem Parkplatz an der Abzweigung ins Bergtal, an seinen Wagen gelehnt, und rauchte. Es war noch dunkel, und Andrea nahm seine gedrungene Gestalt zuerst nur als Schatten wahr. Die Zigarette zischte in eine Pfütze.

«Daniel.» Sein Händedruck war fest, seine Gesichtszüge wirkten im grauen Morgenlicht weich. Die Augen lagen im Schatten hinter dicken Brillengläsern.

«Wartest du schon lange?»

«Kein Problem.» Er schaute auf die Uhr. «Du bist pünktlich. Ich bin meist zu früh. Wahrscheinlich ist es die Angst, das Leben zu verpassen.» Der Satz klang melancholisch.

«Wir fahren mit dem Jeep», schlug Andrea vor. «Die Alpstrasse ist steil.»

Kehre um Kehre wand sich die Strasse durch den Wald ins Bergtal. Nebel schlich dem Hang entlang, von den Bäumen tropfte es auf die Strasse. In den Kurven glitzerten die nassen Stämme der Buchen im Licht der Scheinwerfer.

«Früher war hier Naturstrasse», bemerkte Daniel.

«Du kennst die Gegend gut?»

«Wir kamen oft hierher.» Er sei ein Freak gewesen, bevor er studiert habe. «Total angefressen.» Dann lange im Ausland, seit kurzem zurück am Spital. Als Arzt komme er leider nur noch selten zum Klettern. Er zog seine Brille aus, die sich beschlagen hatte, ein kantiges Designermodell mit Metallrand, putzte sie mit einem Papiertaschentuch. Dann lehnte er sich zurück, versank in Schweigen. Andrea war es unangenehm, doch sie mochte nicht fragen. Woher er Stef kenne. Ob er Familie habe. Was er alles schon geklettert sei.

«Darf ich rauchen?», fragte er nach einer Weile.

«Selbstverständlich.»

Er hielt ihr die Packung hin, sie lehnte ab.

«Besser so.»

Ein typischer Arzt, dachte sie. Ärzte rauchen und raten ihren Patienten, damit aufzuhören.

Es dämmerte, als der Wald lichter wurde und vom Dorf eine Reihe von Wochenendhäusern in Sicht kam. Chalets mit Betonsockeln und geschnitzten Balkongeländern. In der «Alpenrose» brannte Licht. Seit zwei Künstlerinnen die alte Dorfbeiz führten, kehrte Andrea oft ein nach einer Tour.

Hinter der Kapelle mit dem frei stehenden Turm setzte die Alpstrasse steil an. Sie war für den Privatverkehr gesperrt, doch Andrea steckte ein Schild aufs Armaturenbrett: «Bergführerin».

«Hier war nur ein Fussweg», sagte Daniel. «Wir mussten in der Hütte übernachten. Gibts die noch?»

«Sie gehört der Kletterschule aus Pratt.»

«Der Konkurrenz?»

«Kann man so sagen. Wir haben vereinbart, dass ich sie auch benutzen darf.»

Auf dem Sattel vor der Hütte liessen sie die letzte Nebelbank hinter sich. Grau schälte sich die Felswand vor ihnen aus dem Schatten. Ein Sporn aus hellem Gestein ragte in ihrem rechten Teil mehrere hundert Meter senkrecht in die Höhe: die Sila. Sie wirkte glatt, kalt und abweisend.

In der Senke hinter dem Sattel endete die Fahrstrasse auf einem Parkplatz bei einer Gruppe von Alphütten. Andrea reichte ihrem Gast die Thermosflasche. «Kaffee?»

«Das nenne ich Service.» Er schraubte die Kappe von der Flasche und schenkte sich ein. Der Kaffee dampfte in der kühlen Luft und verbreitete einen angenehmen Duft. Das heisse Getränk wärmte die Seele und weckte die Unternehmungslust.

Ein Senn trieb Kühe aus dem Stall, sein archaisches «Hou, hou, hou» hallte durch die Stille. Er hob seinen Stock zum Gruss, rief etwas herüber, dann schlug er auf die Rücken der Kühe ein, die sich widerwillig ins Freie drängten. Hinter den trüben Scheiben einer Hütte schimmerte Licht, Rauch stieg aus einem Kamin.

Andrea ging voran durch nassen Ampfer, der rund um die Alphütten wucherte, folgte einem Trampelpfad der Kühe zwischen Graspolstern und Alpenrosenstauden zum Fuss der Schutthalden. Die ersten Sonnenstrahlen berührten den Felskamm, der sich weit nach Westen dahinzog. Seine Zacken zeichneten sich scharf wie ein Scherenschnitt in den Morgenhimmel. Die Wand darunter erschien schwarz und konturlos. Andrea liess sich nicht beeindrucken, sie kannte die Sila, sie war ihr gewachsen.

Daniel folgte mit geübtem Schritt. Sie legte Tempo zu, verminderte es wieder auf der Zickzackspur durch die Geröllhalde. Der Weg verlor sich im Schutt. Andrea stieg in der Falllinie weiter auf den Pfeilerkopf zu, der den Einstieg in die Westwand der Sila bildete. Auch bei der ersten leichten Kletterei über glatt geschliffene Platten folgte Daniel dicht hinter ihr. Auf einem Absatz stellte sie den Rucksack ab, trank einen Schluck Wasser.

«Darf ich noch eine rauchen?»

«Warum fragst du?»

«Du bist die Führerin, du bestimmst.»

«Ich erlaube es dir.» Sie lachten.

Andrea zog ihren Klettergürtel fest, klippte Expressschlingen, ein paar Klemmkeile und Friends daran und fädelte das Doppelseil ein. Daniel setzte eine Brille mit Drahtgestell und kleinen Gläsern auf, sicherte sie mit einem Bändel. Mit der Zigarette zwischen den Lippen hängte er sich an einen Ringhaken. Seine Handgriffe waren geübt und sicher. Sie bereiteten sich vor, als seien sie ein eingespieltes Team.

«Alles okay?» Sie warf ihm einen Blick zu, sah, dass er schon sicherte.

«Du kannst gehen.»

Sie hängte sich den kleinen Klettersack mit Proviant und Wasser um und kletterte los. Geneigtes Gelände, das Vorsicht erforderte wegen losen Gesteins. Steinschlag, dachte sie, während sie über Blöcke und Absätze höher stieg. Der Gedanke an die Tote war ihr unangenehm. Sie fürchtete, dass er sie den ganzen Tag verfolgen würde. Beschäftigte sie etwas zu Beginn einer Klettertour oder hatte sie eine Melodie im Kopf, so begleiteten sie die Klänge, die Gedanken und Bilder den ganzen Tag. Es war, als ob die Konzentration auf die Griffe und Tritte, den Rhythmus des Kletterns und des Sicherns, den Gedanken und Gefühlen wenig Raum lassen würde, sich frei zu entfalten.

Während sie ihren Gast sicherte, sah sie die Frau auf dem Weg dahinschreiten, durch den Nebel jenes Nachmittags. Hinter ihr der Mann, von dem sie sich noch kein Bild machen konnte. Schweigend, in Gedanken versunken wanderte das Paar. Plötzlich krachte es über ihnen in der Wand. Vielleicht schrie er: «Stein!» Doch schon zuckte sie zusammen unter dem Schlag, taumelte gegen den Abgrund, überschlug sich im Sturz, blieb auf dem Felsband liegen. So könnte es geschehen sein. Die Frau hatte wegen des rauschenden Wassers weder den Stein noch den Warnruf gehört.

Andrea warf einen Blick auf den Ringhaken, an dem sie sich in der Wand sicherte. Alles in Ordnung. Sie schaute hinab zur Alp, wo die letzten Nebelfetzen über den Hügelzug trieben, der sich vom Sattel gegen Süden erstreckte. Wie Schiffe sahen sie aus, deren weisse Segel in der Sonne leuchteten. Die Täler waren blaue, mit Schatten erfüllte Fjorde. Sie hörte das zärtliche Tingeln der Kuhglocken, die Rufe des Hirten. Daniel erreichte den Stand, der erste Überhang lag unter ihnen.

Sie waren aufgewärmt, nun erwachte ihre Kletterlust erst richtig. Noch immer im Schatten erreichten sie den Plattengürtel, die Schlüsselstelle. Daniel bat um eine Pause. Am Sicherungsring hängend reichte sie ihm die Wasserflasche und einen Getreideriegel. «Jetzt kommt das schönste Stück.»

«Ich weiss. Ich kenne die Route. Bin gespannt, wie dus packst.» Er steckte sich eine Zigarette an.

«Wie oft hast du sie geklettert?»

«Mehrmals. Sogar allein wollte ich es mal versuchen. Erster Solo.»

«Du warst ein Crack zu deiner Zeit, nicht wahr?»

«Zu meiner Zeit? Vielleicht …» Er blies Rauch durch die Nase. «Man ist selten das, was man zu sein glaubt.»

«Was hast du denn geglaubt von dir?»

«Ich meinte, ein verrückter Freak zu sein. Ein Querschläger, ein Querulant, ein Desperado, ein Frauenheld. Genügt das?»

«Wunderbar», sagte sie. «Schade, bin ich nicht früher geboren.»

«Oder ich später.»

Sie sahen sich an und lachten. Er hatte sich ein rotes Tuch um den Kopf gebunden, versteckte damit den Ansatz einer Glatze und glich so den Freaks, mit denen sie in den Staaten geklettert war. In seinem Ohrläppchen blinkte ein Ring. Ein Arzt und Kletterfreak mit Ohrring und melancholischer Stimme.

Sie waren sich nahe, am Haken hängend, ihre Ellbogen berührten sich. Die Befangenheit der ersten Begegnung war verflogen. Andrea fragte: «Und was bist du wirklich, wenn nicht ein Freak, ein Querulant, ein Querschläger?»

«Ein Spiessbürger, eine treue Seele. Und ein guter Arzt, hoffe ich.»

«Auch schön», sagte sie. Dann kletterte sie leicht und beschwingt über die glatte Platte, fast euphorisch klippte sie Haken um Haken, hörte die Kuhglocken und das Tingeln der Karabiner, hörte irgendwo Wasser rauschen oder Wind, und dann, noch kletternd, ein fernes Brummen. Sie kam zum Stand, richtete sich ein, und während Daniel bedächtig über die Schlüsselstelle folgte, gelegentlich nach Griffen suchte, aber nie im Seil hing, sah sie den dunklen Punkt aus dem Schatten ins Sonnenlicht steigen. Ein Heli wie eine rote Hummel. Er strich dem Wandfuss entlang gegen Westen, verschwand hinter einer Krete. Er war gekommen, um die Tote zu bergen, die seit zwei Tagen in einem alten Biwaksack auf einem Felsband lag.

«Was ist das?», fragte Daniel am Stand. «Unfall?»

«Eine Frau, am Samstag vom Steinschlag getroffen.»

«Beim Klettern?»

«Auf dem Weg unter der Wand. Dort, wo er die Runse quert. Sie war mit ihrem Mann auf dem Abstieg von der Hohen Platte.»

«Auf dem Weg? Eigenartig.»

Andrea erzählte, wie sie die Tote gefunden und gesichert hatten. Das Brummen des Helikopters schallte gegen die Wand. Er stand über der Krete in der Luft.

«Sie setzen die Winde ein. Der Heli kann dort nicht landen, es ist zu steil.»

«Hast du die Frau gekannt?»

«Ich weiss nicht einmal ihren Namen.»

Sie kletterten weiter. Einen Überhang überwand sie fast im Spagat, elegant und schnell, fühlte sich dabei wie eine Balletteuse auf einer senkrechten Bühne. Obwohl sie vor Ballett eine tiefe Abscheu hatte, vor einstudierten, von einem Ballettmeister choreografierten Abläufen. An der Wand bestimmte sie selber, hier war sie die Meisterin, sie fand ihren Rhythmus und ihren Weg selber. Deshalb war sie wohl Bergführerin geworden. Sie wollte führen, nicht geführt werden.

Unter den Ausstiegsrissen, kurz vor dem Gipfel, überströmte sie eine Welle von Sonnenlicht. Sie tranken Wasser, teilten sich eine Banane und einen Apfel. Unvermittelt schlug das flatternde Dröhnen des Helikopters um eine Kante, er drehte von der Wand weg, schraubte sich in die Höhe, schleppte an einem Seil ein Netz, und in diesem hing die Leiche im gelben Sack und drehte sich um ihre eigene Achse. Der Helikopter wendete sich gegen das Tal, tauchte in den Schatten, sein Gebrumm verebbte. Sie schauten ihm nach. Daniel sagte: «Mich haben sie auch mal so geholt. Von hier oben.»

«Glück gehabt also.»

«Glück gehabt. Und einen Freund, der mir das Leben gerettet hat.»

Er blickte dorthin, wo der Helikopter verschwunden war, wo sich die Hügel zu den Alpen hin erstreckten, ein grüngraues Wellenmeer von Weiden, Wäldern, Fels. Er sah in die Ferne und doch in sich hinein, schien es, zog an seiner Zigarette und sprach kein Wort mehr, bis Andrea weiterkletterte, die Risse hinauf, die zum Gipfel der Sila führten. Der Felsturm war aus härterem Gestein als die Wand der Plattenburg, aus der er vorsprang. Härter als der Rest der umliegenden Berge. Eine Sage erzählte, die Sila sei eine versteinerte Frau. Deshalb liebte Andrea diesen Turm aus Stein, der fester und stärker war als alle andern Felsen des Gebirgszugs. Die Sila würde noch aufrecht stehen, wenn die umliegenden Berge zerbröckelt und zu Staub zerfallen waren.

Wieder packte sie der Gedanke an den Steinschlag, dieses Zeichen des Zerfalls. Sie sah den Stein niederkrachen, aber plötzlich war da ein Mann, eine schemenhafte Gestalt mit erhobener Hand. Sie versuchte, das Bild in ihrem Kopf auszulöschen, doch es hatte sich festgesetzt, begleitete sie während der letzten leichten Schritte zum Gipfel.

Sie sassen neben dem Steinmann auf der Spitze des Felsturms, redeten Belangloses, assen Brot und Äpfel aus Andreas Rucksack. Daniel rauchte. Über seinen Unfall schwieg er sich aus, erwähnte nur, dass sie damals weitergeklettert seien, durch eine brüchige Wand zum Gipfel der Plattenburg, des Bergs, der die Sila überragte. Dort hätten sie biwakiert. Der Rest der Geschichte war offenbar ein Tabu. Wie sein Verhältnis zu Stef. Seine Familie. Wie er lebte. Ob er Kinder hatte. Nichts erfuhr sie, und fragen mochte sie nicht. Nicht einmal geküsst hatten sie sich, wie das sonst üblich war, wenn Mann und Frau einen Gipfel erreichten. Doch ihre Rollen waren klar, sie war die Führerin, er der Geführte. Ein Kuss schien nicht angebracht. Sie hatten sich die Hand gedrückt, er hatte gesagt: «Grandios, wie du kletterst. Danke für die Führung.»

Während der Tour hatte sie kaum Schmerzen im Ellbogen verspürt, doch nun nahmen sie zu. Sie rieb sich die schmerzende Stelle.

«Ist was?»

«Kleine Verletzung.»

«Wovon?»

«Angeschlagen.»

Er fragte zum Glück nicht, wie es passiert war, bog ihren Arm sacht nach hinten. «Schmerzt das?»

«Nein.»

Er betastete den blauen Fleck mit Fingern, deren Kuppen vom Klettern rau waren. «Tut das weh?»

«Ein bisschen.» Sie presste die Lippen zusammen.

«Entzündung der Sehnenansätze. Von einer Zerrung, die nicht ausgeheilt ist, wahrscheinlich.»

Sie reichte ihm die Taschenapotheke aus dem Klettersack. Er massierte Salbe auf die schmerzende Stelle, riss eine Verbandpatrone auf, legte ihr einen festen Verband an. «Du solltest dich schonen in nächster Zeit. Und zum Hausarzt.»

«Habe keinen. Ich bin nie krank.»

«Dann such dir einen. Ich würde den Ellbogen röntgen lassen.»

«Kann ich das bei dir? Du bist doch ein guter Arzt, hast du gesagt.»

«Ohne eigene Praxis. Zu mir kommst du nur als Notfall.»

Sie seilten sich ab, sehr schnell, die Abseilpiste war mit dicken Haken, so genannten «Muniringen», ausgerüstet. Es war früher Nachmittag, als sie auf der Alp beim Jeep ankamen. Auf dem Parkplatz stand ein Polizeiauto und daneben Amstads Rover.

6

In der Gaststube der «Alpenrose» sass eine Gruppe von Wanderern am runden Tisch. Sie verstummten, als Andrea und Daniel eintraten, murmelten Grüsse und redeten dann weiter. Anita sass hinter dem Schanktisch, tippte Zahlen von einem Bündel aufgespiesster Kassenbelege in einen Taschenrechner.

«Bist du verletzt?» Sie eilte auf Andrea zu, drückte sie an ihren Busen und küsste sie.

«Nicht der Rede wert.»

Anita war eine füllige Frau mit hennaroten Haaren, die nach Heu dufteten. «Du bist an der Sila gewesen.»

«Mit einem Gast.» Ohne dass sie es wollte, schwang in ihrer Stimme leiser Stolz. Der erste Gast auf einer schwierigen Route. Der Einstieg in ihr neues Leben als Bergführerin. Sie hatte es geschafft, es würde sich herumsprechen. «Daniel hat mir den Verband angelegt. Er ist Arzt.»

«Man hat euch gesehen. Schnell seid ihr vorangekommen.»

«Ein starker Kletterer. Er hat die Route gekannt.»

«Und eine starke Bergführerin.»

Daniel stand bei einem Tisch an der Wand und betrachtete vergilbte Fotos der Plattenburg und der Sila mit punktiert eingetragenen Routen. Daneben hingen Aquarelle in zerfliessenden Pastellfarben. Anita malte, und ihre Freundin, mit der sie die «Alpenrose» führte, töpferte.

Daniel bestellte ein Panaché, Andrea einen Kaffee und Mineralwasser.

«Die Polizei war hier», sagte Anita, als sie die Getränke brachte. Sie setzte sich an den Tisch. Die Wanderer drehten die Köpfe.

«Wegen dem Unfall?»

«Es gibt Gerüchte im Dorf.»

«Im Dorf gibt es immer Gerüchte», warf Daniel ein.

«Ich bin den Weg schon Dutzende Male gegangen», rief einer der Wanderer vom runden Tisch herüber. «Steinschlag habe ich dort noch nie gesehen.»

«Es gibt Orte, da fällt hundert Jahre kein Stein, und dann kommt ein Bergsturz», sagte ein anderer. Sie begannen durcheinander zu reden.

«Was erzählt man sich denn im Dorf?»

«Die Leute kennen den Weg. Sie meinen, es gebe dort keinen Steinschlag.»

Anita wandte sich an Andrea. «Was denkst du? Du bist dort gewesen mit Amstad, hast sie gesehen.»

«Ich weiss nicht … Die Frau lag auf dem Felsband, zehn Meter unter dem Weg», sagte Andrea. «Es sah aus, als ob sie schlafen würde. Kaum einen Kratzer hatte sie. Nur die Wunde am Kopf.»

«Von der Art der Fraktur her wird man in der Gerichtsmedizin eindeutig feststellen können, ob es Steinschlag war», sagte Daniel. «Oder etwas anderes.»

«Was denn?»

«Vielleicht ist sie gestolpert, abgestürzt. Vielleicht gestossen worden. Vielleicht war es nicht Steinschlag, sondern ein Schlag mit einem Stein.»

Einen Augenblick war es in der Gaststube so still, dass man das Surren einer Fliege am Fenster hören konnte.

«Habt ihr sie gekannt?», fragte Andrea.

«Das Paar ist oft im Gebiet gewandert. Ziemlich zurückgezogene Leute. Sassen da, tranken ihren Kaffee und sprachen kaum ein Wort. Ein paar Tage zuvor waren sie schon auf Tour, bei schönem Wetter. Am Samstag hat es geregnet. Ich hatte mich gewundert, dass sie trotzdem gekommen waren.»

«Seltsam», sagte Daniel. «Aber was solls? Es gibt viele seltsame Leute, die in den Bergen herumkraxeln. Mich eingeschlossen.» Er grinste, fuhr sich mit gespreizten Fingern durch seine Haare.

Anita schilderte, wie der Mann am Samstag in die Gaststube gestürzt war. Bleich vom Schock, Blutspuren und Dreck an Händen und Kleidern. Er habe gezittert, gestammelt. Habe sie gebeten, die Rettungskolonne anzurufen. Er könne das nicht, sei dazu nicht mehr imstande.

«Ein Handy hatte er nicht?»

«Nein. Er ist den ganzen Weg gelaufen, war völlig ausser Atem und verwirrt.»

«Einer, der viel wandert, sollte ein Handy bei sich haben», bemerkte Daniel. «Vielleicht hätte man die Frau noch retten können.»

«Wohl kaum», sagte Andrea.

«Auch das wird die Gerichtsmedizin feststellen.»

Daniel zog ein Handy aus der Brusttasche, rief jemanden an. Es klang nach einer Verabredung zum Abendessen. Dann bezahlte er.

Anita umarmte Andrea, gratulierte ihr nochmals. Sie selber male die Berge lieber, als dass sie hinaufklettere.

«Ach, das sind Berge?» Daniel schob seine Brille auf die Nase, blickte über ihren Rand hinweg auf eines der Aquarelle an der Wand.

Anita schnaubte, schüttelte ihre rote Mähne. «Berge oder Blumen oder dein Bauchnabel. Was immer du sehen willst.»

Er zuckte die Achseln. «Als Arzt entscheide ich mich für die anatomische Interpretation.»

Anita drehte sich um, ohne ihm die Hand zu geben.

Schweigend fuhren sie zu Tal. Nur einmal sagte Daniel: «Ich werde die Gerichtsmedizin anrufen. Kann sein, dass ich etwas erfahre.»

«Berichtest du mir?»

«Wenn es dich interessiert. Ich rufe dich ohnehin wieder an.»

«Ach ja?»

«Für unsere nächste Tour. Es war schön mit dir. Wir wiederholen das. Eine andere Route natürlich.»

Andrea deutete ein Nicken an, konzentrierte sich auf die Strasse, die in steilen Windungen durch den Wald hinabführte. Wenn Schatten auf die Frontscheibe fiel, spiegelte sie Daniels Gesicht, seine dunklen Augen hinter der Brille, den goldenen Ring im Ohr. Sie fühlte sich beschwingt und bedrückt zugleich.

7

Im Korridor stapelte Andrea Holzkisten aufeinander, kletterte auf den wackligen Turm und machte sich mit einem Schraubenzieher an der Lampenfassung zu schaffen. Als das Telefon klingelte, verlor sie beinahe das Gleichgewicht.

Es war ihr Vater. Seine Stimme klang aufgekratzt. «Ich muss unbedingt den Tatort sehen!», schrie er ins Telefon.

«Welchen Tatort?»

«Die Tote vom Berg!»

«Du willst dort hinauf? Glaubst du, du schaffst das?»

«Schliesslich habe ich eine Tochter, die Bergführer ist.»

«Bergführerin bitte. Du willst dich von einer Frau führen lassen?»

«Bleibt mir wohl nichts anderes übrig», grummelte er. Dann fügte er in bedeutungsvollem Tonfall bei: «Ich hab da ein paar interessante Dinge herausgefunden.»

«Was denn?»

«Ich kenne den Mann.»

«Ach? Woher denn?»

«Der Name steht heute in der Zeitung. Hast du’s nicht gelesen?»

«Ich war unterwegs mit einem Gast.»

«Eine eigenartige Todesanzeige. Mit einem Gedicht garniert. Tiefsinnig und vieldeutig. Man kann zwischen den Zeilen lesen.»

«Was für ein Gedicht?»

«Goethe. Aber hol dir eine Zeitung, lies selbst.»

«Wie heisst er denn? Und die Frau?»

«Claudia und Werner Baumberger-Lévi. Sagt dir das was?»

Andrea dachte nach. Baumberger war ein Name aus der Gegend. Lévi klang fremd.

«Mach die Augen auf, wenn du das nächste Mal in die Stadt fährst.»

«Ach Robert …» Sie seufzte. «Sprich doch nicht immer in Rätseln.» So war er. Anekdoten, Witze, Anspielungen, Ironie.

«Lévi», sagte er. «Das Zementwerk.»

Nun erinnerte sie sich. Die Fabrik beim Kalksteinbruch hinter der Raststätte. Turmartige Brennöfen und Silos, qualmende Schlote, Förderbänder und Staub.

«Lévi war ein Familienbetrieb. Als sie an die Zementholding verkauften, haben die Lévis irre Geld gemacht. Eine der reichsten Familien der Gegend. Kapitalisten. Betonköpfe. Das ist Claudia Lévi.»

«Und Baumberger?»

«Sozusagen das Gegenteil. Ein alter Kunde.»

«Des Zementwerks?»

«Nein, von mir. Von meiner Firma.»

«Was meinst du damit?»

«Amtsgeheimnis. Verstehst du?»

«Verstehe, Herr Kommissar», sagte Andrea. «Ruf morgen früh an. Wir können zusammen zur Unfallstelle wandern. Was willst du überhaupt dort oben?»

«Es war kein Unfall!», schrie er ins Telefon. «Eine Untersuchung läuft!»

«Und da willst du auch noch mitmischen? Hast du überhaupt Wanderschuhe?»

«Irgendwo auf dem Estrich. Ich hoffe, sie passen mir noch.»

«Fett setzt ja bekanntlich nicht an den Füssen an. Aber bist du auch noch fit? Wir werden über eine Stunde brauchen.»

«Früher musste ich doch auch immer mit …» Seine Stimme stockte. «Ich rufe morgen an.»

Andrea legte den Schraubenzieher weg, mit dem sie während des Gesprächs auf den Schreibtisch getrommelt hatte. Ihre Hand war feucht. «Früher musste ich doch auch immer mit …» Der Satz hatte sie getroffen. Früher. Er hatte die Wanderungen gehasst, er verabscheute die Berge. Doch tat er Mutter den Gefallen. Sie war in Pratt aufgewachsen, hatte sich nie heimisch gefühlt in der Stadt. «Wie eine Bergdohle im Käfig», sagte sie manchmal.

Wenn sie wanderten, trug sie den Rucksack und ging immer mit leichtem Schritt voran, als habe er überhaupt kein Gewicht. Vater keuchte hinterher, Schweissperlen auf der Glatze. «Du trägst den Rucksack, ich die Verantwortung», war einer seiner Sprüche gewesen. Oft blieb er dann irgendwo sitzen, rauchte, ass den Proviant auf und trank die Feldflasche leer, während sie und Mutter einen Gipfel bestiegen. Wenn sie noch leben würde, stellte sich Andrea vor, würde sie bestimmt klettern, sich durch Felswände führen lassen von ihrer Tochter, stolz auf ihre Bergführerin. Sie würden auf dem Gipfel sitzen an der Sonne, die Bergdohlen füttern, sich ohne Worte nahe und glücklich sein.

8

Der Zeitungskiosk am Bahnhof war schon geschlossen. Auf einer Mauer sassen ein paar Burschen, kifften und soffen Bier aus Büchsen. Sie gafften ihr nach, einer liess den Motor seines Mofas aufheulen, drehte eine Runde auf dem Platz. Ein Gockel mit gestutzten Flügeln, der nicht weiss, was fliegen heisst. Pratt war eine enge Welt. «Beyond nowhere», wie man in Amerika sagte.

Beim «Adler» an der Bahnhofstrasse blieb sie stehen. Hier trafen sich die Bergführer am Stammtisch. «Lass dich doch mal am Stamm blicken», hatte Amstad hingeworfen nach der Bergung. Sie hatte es als Einladung verstanden. Es brauchte Überwindung, die Sandsteinstufen hinaufzusteigen und einzutreten. Sie musste sich konzentrieren, alle Widerstände beiseite schieben und nur das Ziel ins Auge fassen wie vor einer schwierigen Kletterstelle.

Zigarettenqualm vernebelte die Gaststube, im Zwielicht erkannte sie Amstad an seiner gebückten Haltung, obwohl er ihr den Rücken zudrehte. Er sass in einer Nische am runden Tisch, zusammen mit Rolf Frick und Paul Gisler von der Kletterschule. Andrea machte die Runde, drückte allen die Hand, setzte sich.

«Schön, dass du kommst», murmelte Amstad. «Ein Bier?»

«Danke. Ein Cola.»

«Ah, keinen Alkohol», warf Frick hin. «Nicht gut für den Sport, was?»

«Nein», stiess Andrea trotzig hervor, wäre am liebsten gleich wieder aufgestanden. Sie glaubte den Neid zu hören in der Stimme des Führers. Neid und Missgunst. Sie hatte sich bei Kletterwettkämpfen einen Namen gemacht, hatte in Kalifornien Big Walls geklettert, von denen diese Männer nur träumen konnten. Sie hatte einen Gast auf die Sila geführt, auf einer Route, welche die beiden Jungen vielleicht noch mit knapper Not schafften. Sport war für die ansässigen Bergführer ein Schimpfwort, sie hielten sich für etwas Edleres als Sportler oder Sporttrainer. Alle drei trugen das Führerabzeichen am Hemd.

«Wie wars denn an der Sila?», hakte Gisler nach, «mit dem Herrn Doktor?»

Es klang, als sei ihm Daniel kein Unbekannter, als kreisten auch über ihn Gerüchte. Natürlich wussten die drei mehr als sie. Nichts blieb verborgen im Ort, der kein richtiges Dorf mehr war, aber auch keine Stadt. Jenseits von Nirgendwo eben. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, nach Pratt zu ziehen, zu versuchen, in der Heimat ihrer Mutter Fuss zu fassen, als Frau in einem Beruf, in dem die Machos regierten.

«Daniel Meyer ist ein starker Kletterer», sagte sie. «Er hat die Route gekannt.»

«Aber gewiss.» Gisler nahm einen Schluck, wischte sich Bierschaum vom Schnurrbart. «Wir mussten ihn mal herunterholen von dort oben. Hat Mist gebaut und ist beinahe draufgegangen.»

«War ein Freak, frech und völlig unerfahren. Ist eingestiegen zusammen mit einem, den er nicht einmal gekannt hat. Wetterumschlag, Nebel, Steinschlag. Sie kletterten weiter auf die Plattenburg, fanden den Abstieg nicht mehr. Als wir sie holten, schneite es schon. Halb erfroren war der Junge.»

«Es ist keine Kunst, auf einen Berg zu klettern. Kunst ist, wieder heil herunterzukommen», bemerkte Frick.

Andrea trank ihr Cola lustlos, hörte stumm zu, wie die Führer alte Geschichten auftischten. Anekdoten, in denen sie stets die Helden waren, besonnen und mutig. Helfer und Retter, Könige der Berge. Fehler machten nur die andern. Sie schwatzten, bloss Amstad saugte stumm an einem Stumpen. Einmal schnippte er die Asche in den Aschenbecher, beugte sich zu Andrea: «Wir müssen nochmals hinauf zusammen.»

«Warum?»

«Es gibt einen Augenschein. Mit dem Untersuchungsrichter.»

«Und da muss ich mit?»

«Als Zeugin. Du und ich waren zuerst am Unfallort.»

Er sagte Unfallort, nicht Tatort. Nahm einen Schluck Bier, blickte ins Glas und sagte mit seiner belegten Stimme: «Der Mann wird auch dabei sein.»

«Werner Baumberger?»

Amstad schaute sie an, sein Auge zwinkerte. «Du weisst, wie er heisst?»

«Stand heute in der Zeitung.»

«Er wird auch dabei sein.»

«Wann?»

«Ich geb dir Bescheid. Sicher erst nach der Beerdigung.» Er fuhr mit der Hand an die Schläfe, als wolle er sein nervöses Auge besänftigen. Dann leerte er sein Glas, stellte es hart auf den Tisch, stand auf. «Ich muss morgen früh weg.» Er legte einen Geldschein hin. «Ich übernehme das. Tschau zusammen.» Drehte sich um und ging.

Als er draussen war, sagte Gisler halblaut: «Er muss heim wegen seiner Alten. Bettsockenappell. Sie hat ihn im Griff.»

9

Kurz darauf erhoben sich die beiden Bergführer, entschuldigten sich mit einem Kletterkurs am kommenden Tag. Das Wetter sei gut, man wolle in die Höhe. «Du auch?»

«Nur eine Wanderung.»

«Was man nicht alles macht, um zu überleben in unserem Beruf.» Frick gab ihr die Hand, Gisler nickte ihr zu.

Andrea winkte der Kellnerin, bezahlte mit Amstads Note, fragte nach Zeitungen. Sie steckten in der Rücklehne einer Bank beim Eingang, um Holzklammern gerollt. Andrea zog den Anzeiger aus der Stadt heraus. Dabei bemerkte sie, wie ihr ein Gast, der einsam am Fenster sass, mit dem Blick folgte. Nebst vier Männern, die Karten spielten, war er der Einzige im Lokal. Sie setzte sich wieder an den runden Tisch, bestellte einen Espresso, blätterte durch die Zeitung und fand die Todesanzeige.

«Claudia Baumberger-Lévi, tragisch verunglückt in ihren geliebten Bergen.» Darunter das Gedicht.

KENNST DU DEN BERG UND SEINEN WOLKENSTEG?

DAS MAULTIER SUCHT IM NEBEL SEINEN WEG;

IN HÖHLEN WOHNT DER DRACHEN ALTE BRUT;

ES STÜRZT DER FELS UND ÜBER IHN DIE FLUT!

KENNST DU IHN WOHL?

DAHIN! DAHIN

GEHT UNSER WEG! O VATER, LASS UNS ZIEHN!

JOHANN WOLFGANG GOETHE

Andrea las das Gedicht mehrmals, sah zwischen den Zeilen den Berg, in Wolken und Nebel gehüllt, den Weg über dem Abgrund, den stürzenden Fels und das Wasser des Bachs. Es war das Bild der Runse, wo sie Claudia Baumberger gefunden hatten. Das trotzige Kind, das gegen den Willen seines Vaters dort hinauf gestiegen war, wo ein Drache lauerte. Die Lévis seien eine der reichsten Familien der Gegend, hatte Robert gesagt. Doch die Todesanzeige war nur vom Ehemann der Toten unterzeichnet und von einer Jeanette Baumberger, vielleicht einer Tochter.

«Entschuldigen Sie … darf ich mich zu Ihnen setzen?» Der Einsame stand an ihrem Tisch, sah sie mit verlegenem Lächeln an. Sie hatte keine Lust auf ein Gespräch, eine flüchtige Bekanntschaft. Doch seine verträumten Augen, der blonde Dreitagebart, die hohe Stirn mit Ansatz zur Glatze erinnerten sie an Joe Cocker auf dem Umschlag einer CD.

«Darf ich?», fragte der Doppelgänger des Machos aus Sheffield, setzte sich ihr gegenüber. «Darf ich Sie zu einem Glas Wein einladen?»

«Danke, ich wollte gleich gehen.»

«Schade. Was lesen Sie da?» Er griff nach der Zeitung. «Todesanzeigen?»

«Geht Sie nichts an.» Andrea riss die Seite mit der Todesanzeige heraus, faltete sie, stand auf.

«Sie sind hart», sagte er.

Der Hieb sass. Bin ich hart? Versteinert wie die Sila? Die Burgfrau, die alle Freier in den Abgrund gestossen hatte, wie die Sage erzählte, und dafür büssen musste?

«Hart oder sehr traurig», hörte sie den Mann sagen, dessen Stimme so rau und sanft klang wie jene des Sängers.

Er sei geschäftlich in der Gegend, Ingenieur, sagte er.

Sie fragte nicht. Wollte nicht wissen, wer er war, woher er kam, wohin er ging. Sie erzählte von Bergen und Wüsten, von Kalifornien, wo er sich auskannte. Sequoia Park, Death Valley, Yosemite, Tuolumne Meadows.

Er hörte ihr zu, bis die Kellnerin begann, Stühle auf die Tische zu stellen. Er begleitete sie durch die leeren Strassen bis zu ihrem Block.

Nachts träumte sie von einem Felsturm, der wie eine Flamme im Abendlicht loderte. «The Morning Glory Spire» in der City of Rocks in Idaho. Sie wollte den himmelhohen Turm aus rötlichem Granit erklettern. Band sich ans Seil, reichte ihrem Gast das andere Ende.

«Du bist hart», flüsterte er. Sie kletterte, wollte ihm rufen, ihr zu folgen, doch erinnerte sie sich nicht mehr an seinen Namen.

Als sie erwachte, schien die Sonne auf den Balkon. Die Storen waren heruntergedreht, sodass das Licht nur gedämpft ins Zimmer fiel. Das Telefon klingelte.

10

«Hast du vergessen, was wir abgemacht haben», fragte Robert, Vorwurf in der Stimme.

Andrea hielt mit der einen Hand den Hörer fest, rieb sich mit der andern Schorf aus den Augen. Das Tageslicht blendete sie. «Was haben wir abgemacht?»

«Auf den Berg zu steigen. Weisst du, wie spät es ist? Ich habe schon zwei Mal angerufen.»

«Zwei Mal? Ich habe geschlafen.»

«Ich dachte, der Bergführer erhebt sich früh?»

«Die Bergführerin darf länger schlafen», sagte sie. «Dafür klettert sie schneller.»

«Dann mach mal schnell.»

«Bin unterwegs.»

Den Kaffee trank sie in der Raststätte. Robert wartete vor dem Haus, er trug Wanderschuhe aus Wildleder und einen Filzhut mit Abzeichen am Band. Die graue Windjacke spannte sich über seinem Bauch. Mit der Metallspitze seines Spazierstocks stocherte er Unkraut aus den Ritzen zwischen den Granitplatten. Er schob es mit der Schuhspitze beiseite, trat ans Gartentor, schaute auf seine Uhr: «Besser zu spät als nie.»

Sie liess den Motor laufen.

«Steig ein.»

Auf der Autobahn machte er sie auf das Zementwerk beim Steinbruch aufmerksam, flache Werkhallen mit staubigen Fenstern, überragt von runden Materialsilos und Brennöfen mit trichterartigen Beschickungsanlagen. Auf einem Schuppen eine Tafel: «Lévi AG – Zementholding».

«Vor Jahren führten wir hier eine Untersuchung wegen Staubfiltern. Ich musste einen Schichtführer verhaften und einvernehmen. Den Lévis hat man kein Haar gekrümmt, die waren zu mächtig.»

«Was weisst du über Claudia?»

«Sie ist wohl in Ungnade gefallen bei der Familie. Der alte Lévi hat die Todesanzeige nicht unterschrieben.»

«‹Dahin! Dahin geht unser Weg. O Vater, lass uns ziehn!› So heisst es in dem Gedicht. Ist das eine Anspielung?»

«Ich denke schon.»

«Ist Jeanette Baumberger ihre Tochter?»

«Sieht so aus.»

«Und wer ist der Drache mit seiner Brut, wie es im Gedicht heisst?»

«Den werden wir fangen.»

Robert war auf der Jagd. Wie früher, als er noch im Dienst war. Hatte er Witterung aufgenommen, dann veränderte sich sein Wesen. Er lief ziellos durchs Haus, rauchte die Zigaretten nur noch zur Hälfte, liess sie irgendwo liegen, sodass sie Löcher in Tischtücher und Fenstersimse brannten. Auch jetzt griff er nach der Packung. «Darf ich?»

«Wenn du es nicht lassen kannst.»

Er klappte den Aschenbecher aus dem Armaturenbrett. «Hast du einen Freund, der raucht?»

«Es gibt keinen Freund. Es war ein Gast.»

«Jedenfalls ein Mann.»

«Warum?»

Er griff sich einen Stummel. «Diese Marke rauchen Männer.»

«Was du nicht sagst …»

«Das sagt die Werbung. Zudem sieht man bei Frauen meist Spuren von Lippenstift am Filter.»

«Weil sich alle Frauen vor dem Rauchen schminken, nicht wahr. Wenigstens in Kriminalfilmen.»

«Die meisten. Das sagt die Statistik.»

«Gut beobachtet, Herr Kommissar.»

«Fünfunddreissig Jahre Polizist. Da hat man das Auge.» Robert drückte seine Zigarette nach wenigen Zügen in den Aschenbecher. Seine Hand zitterte.

Als sie sich der Ausfahrt Pratt näherten, bemerkte er: «Da wohnst du nun also. Ist ja eigentlich ganz schön hier.» Sonnenlicht lag auf den Weinbergen rund um die Ortschaft, die sich wie ein Fächer über die Ebene am Fuss der Berge ausbreitete. Die Häuser schienen aus der Klus hervorzuquellen, durch die sich der Fluss zwängte. Er hatte das Delta aufgeschüttet, auf dem die Siedlung gewachsen war. Eine Kirche und einige Bürgerhäuser mit schweren Mauern und schmalen Fenstern bildeten den Kern, rundum wucherten Einfamilienhäuser und Wohnblocks. Händler, die am alten Handels- und Pilgerweg von Norden nach Süden reich geworden waren, hatten Pratt gegründet. Ihre Nachkommen wohnten noch immer hier, handelten und bauten, bestimmten die Politik und zogen die Fäden.

Nach dem Tunnel, der durch die Felsbarriere neben der Klus führte, versank Robert in Schweigen. Er erinnerte sich wohl, wie oft sie in dieses Tal gefahren waren in seinem alten Volvo, er mürrisch am Steuer, die Mutter heiter wie immer, wenn es bergwärts ging.

Als sie auf die Bergstrasse abbogen, fragte Andrea: «Was weisst du eigentlich von Werner Baumberger? Ein Kunde, hast du gesagt …»

«Er war in eine Untersuchung verwickelt. Doch verlief alles im Sand.» Er liess die Scheibe niederfahren, kühlte seine Hand im Fahrtwind. «Claudia Lévi war seine zweite Frau.»

«Eine Untersuchung?»

«Ich habe schon zu viel geplaudert. Behalte es für dich, ich könnte sonst Schwierigkeiten bekommen.»

Sie trat auf die Bremse, wich einem Betonmischer aus, der ihnen in scharfem Tempo entgegenkam. «Arsch!», schrie sie.

«Offenbar bauen sie da oben», bemerkte Robert.

«Du wirst das Dorf nicht wieder erkennen. Ferienhäuser, Heimatstil in Beton, eine neue Schule mit Turnhalle. Die Kapelle ist renoviert. Es ist jetzt schick, dort zu heiraten.»

Sie erinnerte sich eine Sekunde an den Fremden, der anders war als die Männer, die sie bisher gekannt hatte, schlank und sportlich, aber ohne die Muskelpakete der Kletterer. Ein sanfter, zärtlicher Mensch, so schien es. Ingenieur, irgendwer von irgendwo. Er erschien ihr wie aus dem Film eines andern Lebens, in dem es keine Felsen gab, keine Kletterrouten und Schwierigkeitsgrade.

Hinter einer Krete tauchte das Dorf auf, von der Sonne geschwärzte Fachwerkhäuser, die sich um den Glockenturm der Kapelle scharten. An der Strasse terrassenförmig angelegte Feriensiedlungen, darüber am kahlen Hang Villen auf Betonstelzen mit Terrassen, Erkern und Türmchen.

«Hier haben Spekulanten gewütet», rief Robert aus, «Betonköpfe.»

«Vom Zementwerk?»

«Gewiss haben die dran verdient. Wo Beton ist, da ist Lévi.»

«Das Dorf wäre ausgestorben ohne die Neubauten.» Andrea erklärte ihm, dass auch die Alpstrasse notwendig gewesen sei. Ohne Zufahrt wäre die Alpwirtschaft nicht mehr rentabel.

«So können die Bergführer ihre Gäste bequem zu den Felsen kutschieren, gell? Ist auch Baumberger mit dem Wagen bis zur Alp gefahren?»

«Nein. Private bekommen keine Bewilligung. Er musste den ganzen Weg bis ins Dorf zurücklaufen, um Hilfe zu holen. Hatte nicht mal ein Handy dabei.»

«Ich bin sicher, er hat eines.»

«Warum meinst du?»

«Leute wie er haben eines.»

«Kann man das feststellen?»

«Nur wenn er eine registrierte Nummer hat.»

11

Kühe standen bei den Alphütten, glotzten herüber, als sie ausstiegen. Der Senn liess sich nicht blicken. Andrea erklärte den Weg, der von der Alp anstieg, am Fuss der Schuttkegel unter den Wänden der Plattenburg gegen Westen abbog, dann mehrere Rinnen und Runsen querte, bis er durch eine Schlucht in eine Scharte führte. Dort begann der gesicherte Klettersteig über den Grat auf den höchsten Gipfel der Bergkette, die Hohe Platte. Baumberger hatte in der «Alpenrose» erzählt, sie hätten in der Scharte umgekehrt wegen des Wetters, der Unfall sei im Abstieg geschehen.

«Er hatte doch bestimmt den Wetterbericht gehört und gewusst, dass es regnen würde.»

«Die Wirtin berichtete, er und seine Frau hätten ein paar Tage zuvor den Gipfel schon einmal bestiegen.»

«Das könnte man überprüfen. Mutter hat immer von den Gipfelbüchern erzählt, wo man sich einschreibt.»

Andrea wunderte sich, dass sie nicht selber auf diesen Gedanken gekommen war. Sie war kein Fahnder wie Robert. Und doch spürte sie, dass auch sie so etwas wie Witterung genommen hatte. Werner Baumberger, ein alter Kunde der Polizei. Claudia Lévi, die verstossene Tochter der Betonkönige. Zweite Ehe, eine Tochter. Zwei Mal kurz hintereinander unternehmen sie dieselbe Wanderung. Ein stilles Paar, das kaum miteinander spricht. Ein Stein, der fällt. Ein Rätsel. Die Spur führte wie eine Kletterroute zu einer Schlüsselstelle, die zu überwinden schwierig erscheint. Man sieht da einen Griff, dort einen Tritt, doch sie passen nicht zusammen. Man versucht, höher zu kommen, scheitert, packt wieder an und wieder. Man kann nicht loslassen, bis man die richtige Kombination entdeckt, den Schlüssel, um die Stelle zu schaffen. Andrea wollte das Rätsel lösen, wie Claudia Baumberger zu Tode gekommen war, wer den Stein auf sie geschleudert hatte und warum. Ein Zufall der Natur oder die Absicht eines Menschen.

In Gedanken versunken erreichte sie den Fuss der Geröllhalde, wo der Weg nach Westen abbog. Hoch über ihr ragte die Sila auf, in eigenartig fahles Licht gehüllt. Aufziehende Zirren hatten sich vor die Sonne geschoben und filterten ihre Strahlen. Alle Konturen erschienen verwischt, Licht und Schatten verschmolzen, und der Felspfeiler sah aus, als ob er mit der Wand verwachsen wäre. Sie hörte Stimmen, leises Klirren in der Höhe. Eine Seilschaft kletterte in den gelben Überhängen links der klassischen Westwand. Sie hatte die Route mit Stef geklettert, «on sight», also alle Stellen im ersten Anlauf in freier Kletterei. Ein Erfolg, der selbst ausländischen Kletterzeitschriften eine Notiz wert war. Sie hatte die Seilschaft geführt, Stef war gefolgt, hatte gesichert. Schon damals hatte sie grösseren Ehrgeiz als er entwickelt, war stärker geklettert, und schliesslich war ihre Beziehung daran zerbrochen.

Andrea war zu schnell gestiegen. Sie sah ihren Vater weit unten auftauchen. Ohne Hut und leicht schwankend stapfte er den Weg bergan. Er blieb stehen, stützte sich auf seinen Stock und schien schwer zu atmen. Sie winkte, und er hob den Stock, versuchte ein paar Schritte, setzte sich auf eine Steinplatte und liess seinen Kopf hängen.

Sie eilte zurück, fand ihn keuchend und am Ende seiner Kraft. Schweiss rann über seine Stirn und seine Schläfen, in seinen Mundwinkeln hatte sich Speichel gesammelt. Leise schimpfte er vor sich hin. Sie kauerte sich neben ihn, legte ihren Arm um seinen breiten Rücken. «Quäl dich nicht, Robert. Wenn es nicht geht, kehren wir um.»

«Ich rauche zu viel, ich fresse zu viel, ich saufe zu viel.» Sein Körper begann zu beben, er schluchzte auf, verbarg sein Gesicht in den Händen. Sie kniete neben ihm auf dem kalten Stein und wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Es war, als breche die Einsamkeit und Not aus ihm heraus, die sich seit dem Tod der Mutter angestaut hatte. Vielleicht war es die Landschaft, die ihn erinnerte, sein schwerer Körper, der ihm zu schaffen machte, vielleicht hatte es mit Ning zu tun, dem lächelnden Engel aus einer andern Welt, der auf unergründlichen Wegen zu ihm gefunden hatte.

Sie stand auf, blickte zum Berg, sah die zwei farbigen Punkte in der überhängenden Wand und wünschte sich, dort zu sein, zu klettern. Sie fuhr ihrem Vater über den Rücken, spürte seine Spannung wiederkehren. Er richtete sich auf, lächelte, hob seine Brille von der Nase und putzte sie mit einem Taschentuch, bevor er sich schnäuzte.

«Der Mensch wird alt», murmelte er, «dagegen hilft kein Kraut.» Er rappelte sich hoch. «Ich schaffe das nicht mit dem Atem. Weiss der Teufel, was mit mir ist.» Er drückte beide Hände aufs Brustbein. «Ein Schmerz, hier irgendwo. Herz, Lunge. Weiss der Teufel. Oder der liebe Gott.»

Als sie zur Alp kamen, sah Andrea, dass der Zaun um den Parkplatz an einer Stelle niedergerissen war. Kühe umstanden den Jeep, auf einer Seite war der Schriftzug «Rock’n’ Ice» von ihren Hörnern verschrammt. Die Kühe blickten sie dumm und beinahe schuldbewusst an. Sie trieb sie zu den Alphütten hinüber, stiess eine Tür auf. «Ist jemand da?», rief sie in den dunklen Raum, der nach Käse und kalter Asche roch, doch zeigte sich niemand.

Ihr Vater stand beim Zaun, betrachtete einen Pfahl, der am Boden lag. «Den hat jemand absichtlich herausgezogen.»

«Glaubst du?»

«Dazu brauchts zwei Hände. Ich glaube nicht, dass das eine Kuh mit ihren Hufen fertig gebracht hätte.»

«Und warum sollte jemand den Pfahl herausziehen?»

Ihr Vater zeigte auf die zerkratzte Seitentür des Jeeps. «Kann sein, dass es jemanden stört, wenn eine Frau Bergführer spielt. Oder jemand mag keine Polizisten auf der Alp. Es ist eine Botschaft. Irgendwann wirst du sie verstehen.»

Das Wetter hatte umgeschlagen. Die Zirren bedeckten den Himmel vollständig, die Sonne schwamm als bleiche Scheibe im milchigen Licht, umkränzt von einem regenbogenfarbenen Hof.

«Ist vielleicht besser, dass wir umgekehrt sind», sagte Andrea. «Bald wird es regnen.»

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