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Elsebeth Egholm
Das nächste Opfer: Skandinavien-Krimi
Übersetzt
Hanne Hammer
Saga
Das nächste Opfer: Skandinavien-Krimi ÜbersetztHanne Hammer Original SelvrisikoCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2004, 2020 Elsebeth Egholm und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726569636
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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1
Zuerst glaubte sie, es läge an dem billigen Wein aus dem Supermarkt. Denn warum sonst sollte ihr Kopf dröhnen, als wären siebenundzwanzig Bauarbeiter dabei, eine Wand einzureißen?
Natürlich konnte es auch an der Menge liegen, dachte Dicte im Halbschlaf und streckte die Hand nach Bos warmem Körper aus. Hauptsächlich, um sein infernalisches Schnarchen abzustellen, das ihren Kater noch verschlimmerte.
Wann war er ins Bett gekommen? Wie lange hatte sie geschlafen?
Sie rollte sich vorsichtig auf die Seite und sah auf die fluoreszierenden Zeiger der Uhr, die auf halb drei standen. Die Datumsanzeige war natürlich nicht richtig eingestellt. Sie zeigte seit Jahren den zweiten August an. Der Zweite stimmte, aber der Monat nicht, denn der Februar hatte gerade begonnen. Draußen musste pechschwarze Nacht sein, laut TV2 und der Meteorologin – wie hieß sie doch gleich? – minus fünfzehn Grad und klirrender Frost, weshalb sie Thermosocken angezogen hatte, als Bo sich geweigert hatte, zusammen mit ihr zu Bett zu gehen. Traurig und halb betrunken war er vor dem Fernseher sitzen geblieben und hatte sich irgendwelche Sportsendungen angesehen. Der Teufel sollte alle Exfrauen und ihre Eifersucht holen, unter der sie die Kinder leiden ließen. Und Bo. Und sie, natürlich; denn sie litt, auch wenn sie sich weigerte, das zu akzeptieren.
Ein Arm langte quer über das Bett und traf unsanft ihre Brust.
»Was ist denn los?«, murmelte er mit gebrochener Stimme.
»Keine Ahnung.«
Sie wollte sagen, dass er weiterschlafen solle. Sie hatte nicht die Kraft, weiterzureden und sich anzuhören, wie sehr er die Kinder vermisste und dass er sie bald kidnappen und mit nach Wer-weiß-wohin nehmen werde. Nicht, dass er in Wirklichkeit so viel sagte, aber sie konnte es ihm ansehen.
Er zog sie näher zu sich heran. Ganz nah. Er schlang seine Beine um ihre und erstarrte.
»Was zum Teufel ist das?«
Er warf die Decke zur Seite und schaltete das Licht ein.
»Thermosocken«, murmelte sie leise und kam sich wie eine alte, zimperliche Jungfer vor. »Mir war kalt.«
Er warf einen gleichgültigen Blick auf die Socken. Er sah verschlafen aus und roch nach billigem Wein; vielleicht konnte man die Sparsamkeit auch übertreiben.
»Das meine ich nicht. Was ist das für ein Krach?«
Das Geräusch war die ganze Zeit über da gewesen. Wahrscheinlich hatte es sie geweckt. Plötzlich war sie hellwach und wütend.
»Verdammte Lausegören. Das sind doch wieder Silvesterknaller.«
Die Dorfjugendlichen mussten ein ganzes Lager aufgekauft haben. Jedenfalls hatten sie mehrere Tage hintereinander Raketen und Knaller abgeschossen, und sie war sicher, dass der Hund unten vor Schreck unter die Anrichte gekrochen war und zitterte.
Aber Bo schüttelte den Kopf und schwang die Beine aus dem Bett.
»Nicht um halb drei morgens. Und dann das Licht.«
Er hatte Recht. Die durch das Dachfenster hereinfallende Nacht färbte ein orangeroter Schimmer, der nicht von dem üblichen Licht der vier Kilometer entfernt liegenden Treibhäuser kam. Er torkelte auf bloßen Füßen zum Fenster, und einen kurzen Moment sah sie in dem orangen Schein sein Profil und vermisste die Verliebtheit.
»Es brennt«, sagte er atemlos.
Jetzt stand sie neben ihm und sah die Explosionen. Das Dach des nachbarlichen Stalls zerbarst wie Popcorn in einem Topf. Puff. Puff. Funken sprühten, und Flammen leckten an dem Nachtfrost. Ihr Körper war steif, vielleicht nur eine Sekunde; an der Stelle festgefroren. Doch dann taute er auf, und sie wollte in Thermosocken und Schlafanzug die Treppe hinunterlaufen, weil sie plötzlich etwas anderes hörte; ganz entfernt. Einen anderen, lebendigeren Laut.
»Die Pferde!«
Sie war schon fast die Treppe hinunter, als sie stolperte und die letzten Stufen auf dem Hintern weiterrutschte.
»Wir müssen die Pferde rausholen.«
Sie hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, wie lange es dauerte, Gummistiefel anzuziehen. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor.
Sie hörte Bo hinter sich nach dem Telefon greifen. Natürlich, dachte sie, als der Frost ihr den Atem nahm und der Schnee unter ihren Stiefeln knirschte. Vernünftig.
Das war das Mantra. Vernünftig. Klar denken. Nicht in Panik verfallen wie die Pferde, die vor Angst wieherten. Und dann überfiel sie doch die Ratlosigkeit. Sollte sie an die Tür des Wohnhauses klopfen oder erst den Pferden helfen? Die Bewohner machten in Norwegen Skiferien, soweit sie wusste. Aber da war die Frau, die dort zur Miete wohnte. Die Schwester, soweit sie sich erinnerte. Auch auf dem Land hier draußen kannte nicht mehr jeder jeden. Vor allem nicht, wenn man verhältnismäßig neu zugezogen war wie sie.
Das Wiehern der Pferde ließ sie eine Entscheidung treffen. Sie war nur ein einziges Mal drüben im Stall gewesen, als Svendsen eine der Hofkatzen um einen Haufen Strohballen gejagt hatte. Sie hatte ihn geholt und war von der Frau zur Rede gestellt worden. Sie war Organistin, soweit sie sich erinnerte. Jedenfalls hatte sie etwas mit der Kirche zu tun.
Die Schiebetür war schwer. Sie musste ihre ganze Kraft einsetzen, während Funken vom Dach in die Nacht stoben und das Popcorn summte. Die Tür ließ sich nicht bewegen. Das Wiehern der Tiere war unerträglich.
Dann war Bo da, und die Tür gab nach und eine höllische Hitze schlug ihnen aus dem Stroh entgegen. Der Rauch war das Schlimmste. Die Pferde wieherten ganz hinten im Stall.
»Die Rückseite!«, rief sie. »Von hier aus kommen wir nicht an sie heran!«
Er folgte ihr um den Hühnerhof und den Misthaufen. Durch die Stallfenster konnte sie die Tiere in ihren Boxen toben sehen und die bodenlose Angst in ihren Augen, die das Weiße nach außen kehrte.
Bo machte sich an dem Stallschloss zu schaffen, das schließlich aufging.
»Sei vorsichtig!«, rief er. »Sie haben Panik.«
Sie hatte keine Ahnung von Pferden. Hatte eigentlich Angst vor ihnen.
»Raus!«, rief sie. »Raus mit euch!«
Bo öffnete die Boxen. Er trieb die großen Tiere hinaus, klatschte ihnen auf die Hinterteile.
»Raus, verdammt!«
Und dann hörte sie ein Knacken. Sie spürte Bos Arme um sich und dass er sie wie auf einer brennenden Welle hinaustrug.
»Das Dach.«
Sie blickte auf. Bo hielt sie fest und drückte ihren Kopf gegen seine Schulter. In dem Moment gaben die Dachsparren nach, und die Mitte des Daches fiel in sich zusammen.
»Es sind noch welche drinnen.«
Sie stammelte die Worte. Sie weinte und spürte den Druck auf der Brust, sodass sie keine Luft bekam, und er zwang ihren Kopf nach unten zwischen die Beine. Sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Direkt auf die dünne Schneedecke, die sich durch die Berührung mit der Wärme in Matsch verwandelt hatte.
»Jetzt ist es zu spät. Wir können nichts mehr tun.«
»Was hat die Feuerwehr gesagt? Warum kommen sie nicht?«
Sie hatte den Kopf noch immer zwischen den Beinen. Sie spürte, wie das Blut zurückfloss, und richtete sich vorsichtig auf. Ihre Nase nahm den ungewohnten Geruch von lebendigem Fleisch wahr, das verbrannte. Bos Hände umfassten ihr Gesicht, und seine Nase kam ihrer ganz nah. Der Augenkontakt bewahrte sie davor, in sich zusammenzusacken.
»Sie kommen. Es sind erst fünf Minuten vergangen.«
Es kam ihr wie Stunden vor. Wie in Zeitlupe.
Bo nickte zum Wohnhaus hinüber.
»Soll ich?«
Sie schüttelte den Kopf, und sie gingen zusammen, Hand in Hand wie zwei Kinder.
Schon als sie die halb offene Tür sah, wusste sie, dass etwas nicht stimmte.
Sie stieß sie auf. Das Haus kam ihr leer und seltsam unbewohnt vor.
Und dann traf sie der Anblick. Irgendetwas schien hier explodiert zu sein, doch ohne zu brennen. Alles war verwüstet. Regale waren umgeworfen und Stuhlbeine zerbrochen. Tische wie Spielzeugmöbel umgekippt, und all das, was man in einem Leben ansammelt, lag auf dem Boden verstreut: Porzellanfiguren, Vasen, Fotorahmen, Aschenbecher, Nippes.
Draußen näherten sich Sirenen. Kurz darauf knirschten die Reifen der Feuerwehrautos in der Einfahrt. Sie hörte noch ein anderes Geräusch, ein zaghaftes Winseln.
»Timbo. Timbooo.«
Sanft rief sie nach dem kleinen weißen Hund der Schwester, den Svendsen immer anbellte und Rose als tibetanischen Teppichpisser bezeichnete. In Wirklichkeit war es ein Yorkshire-Terrier, aber die Beschreibung war treffend.
Er lag unter dem Bett im Schlafzimmer. Sie sah die Schnauze, die Witterung aufnahm, ob sie Freund oder Feind war. Sie nahm ihre Hundestimme an.
»Komm, mein Kleiner. Ich tue dir nichts.«
Sie holte in der Küche ein Leckerchen und lockte ihn.
»Hmm. Getrockneter Fisch. Timbo. Hmm.«
Sie lockte und lockte ihn, während die Sekunden verstrichen. Und endlich kam er, direkt in ihren Arm, wie ein kleines, zitterndes Gespenst. Aber den Fisch wollte er nicht.
»Wo ist dein Frauchen? Wo ist sie?«
Sie murmelte es rhythmisch und wiederholte die Worte, während sie das verfilzte Fell streichelte. Seltsame Laute bahnten sich durch die Kehle des Tiers ihren Weg, und der kleine Körper spannte sich an. Timbo sah sie mit seinen schokoladenbraunen Augen an, die sich unter den Zotteln verdrehten, und erbrach sich auf ihren Mantel.
2
Die Redaktion in der Frederiksgade sah ganz wie immer aus. Die vollen Alu-Aschenbecher standen strategisch platziert auf dem Sofatisch; eine Tüte mit Brötchen war aufgerissen wie nach einem unblutigen Kaiserschnitt, und die Thermoskanne zischte, weil irgendjemand sie nicht richtig zugemacht hatte. Mäntel und Jacken lagen überall, nur nicht über dem stummen Diener in der Ecke, und Zeitungen bedeckten wie aus großer Höhe abgeworfene Flugblätter Tische und Boden.
Vier Leute waren anwesend. Ein als freier Mitarbeiter arbeitender Fotograf rumorte in der Dunkelkammer, und drei Journalisten richteten die Augen auf sie, als sie Viertel nach zehn mitten in eine Redaktionsbesprechung platzte.
»Hast du schon davon gehört?«
Cecilie, die Sportjournalistin, warf die Frage wie einen Tennisball quer durch den Raum, noch bevor Dicte den Mantel ausgezogen hatte.
»Wovon?«
Von dem Brand? Wussten sie es schon? Es waren kaum sechs Stunden vergangen, und sie spürte den mangelnden Schlaf und ihre kenternde Liebe wie einen Druck im ganzen Kopf. Bo war direkt zu seiner Exfrau gefahren, um Probleme zu lösen. Er hatte wie das reinste Lagerfeuer gerochen.
»Von den Kürzungen«, referierte Cecilie. »Jeder vierte redaktionelle Mitarbeiter wird gefeuert.«
Dicte fragte sich kurz, wie es wohl sein mochte, gefeuert zu werden. Das sichere Standbein zu verlieren.
»Und warum?«
Sie hatten doch gerade zwei Neue eingestellt, die für Kriminalfälle und Wirtschaft zuständig sein sollten. Außerdem war die Redaktion in Århus zur Ausbildungsstätte für Praktikanten erklärt worden. Sie selbst hatte man in den so genannten Nachrichtenbereich beordert. Sehr zu ihrem Missfallen, weil das bedeutete, dass sie jetzt zu Kaisers Leibeigenen gehörte, obwohl ihr der Abstand zu dem Redakteur in Kopenhagen nicht groß genug sein konnte.
»Der Jahresabschluss«, murmelte Davidsen, der nicht mehr so großmäulig wirkte wie in der vergangenen Woche, als er zum Leiter des Büros in Århus ernannt worden war.
»Ein enormes Defizit«, vertiefte er seine Aussage. »Zweihundertfünfzig Millionen.«
»Ja und?«, fragte sie. »Seit wann sollen Zeitungen Gewinne machen? Dann können sie auch gleich Tangas oder Tretroller produzieren.«
Von Holger Søborg, dem bald fertig ausgebildeten Praktikanten, war ein Kichern zu hören. Er sah wie ein amerikanischer Footballstar aus. Viereckiger Kiefer, dicker Hals und ein Minimum an Gehirnzellen, so hatte Davidsen es einmal ausgedrückt und zumindest dieses eine Mal ein Quäntchen Humor bewiesen.
»Tangas«, wiederholte Holger und warf Cecilie einen lustvollen Blick zu, mit der er ein Wochenendverhältnis hatte. Dieses Verhältnis war das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Redaktion – neben der Tatsache, dass Cecilie seit der Mitarbeiterkonferenz in Kopenhagen, die sich über ein ganzes Wochenende hingezogen hatte, bei dem Chefredakteur Karl Juhl hoch im Kurs stand.
»Oder Kondome«, fügte Dicte böse hinzu.
Holger wurde rot. Cecilie funkelte sie wütend an.
»Bestimmt werden die zuletzt Eingestellten gefeuert.«
Dicte seufzte. Sie schmeckte Rauch wie schon seit Stunden, obwohl sie sich mindestens zehn Mal die Zähne geputzt hatte. Sie versuchte nachzurechnen. Wen betraf das? Rein technisch gesehen, war sie die Letzte, weil sie bei dem Umzug von Kopenhagen nach Århus eine neue Mitarbeiternummer bekommen hatte. Aber insgesamt gesehen, war Cecilie noch nicht so lange bei der Zeitung wie sie.
»Das kommt wohl darauf an, wie man rechnet«, sagte sie, warf die Randers Amtsavis vom Stuhl und setzte sich. Sie fand in dem Durcheinander auf dem Couchtisch eine saubere Tasse und griff nach der Thermoskanne. Davidsen schnupperte.
»Warst du auf einem Grillfest? Du riechst wie ein gebratenes Hähnchen.«
Sie dachte an die Pferde, an ihre Augen, in denen das Weiße nach außen gekehrt war, und an das Wiehern der Tiere in ihrer Todesangst. Sie wünschte, nicht darüber reden zu müssen, aber sie würden es ohnehin bald in den Meldungen der Nachrichtenagentur Ritzau lesen.
»Der Stall des Nachbarn ist heute Nacht abgebrannt.«
»Ach, du meine Güte.« Cecilie klang, was man ihr zugute halten musste, ehrlich schockiert. »Hoffentlich hat es nur Materialschaden gegeben?!«
Journalisten. Was konnten sie schön mit technischen Ausdrücken um sich werfen, dachte Dicte. Materialschaden. Personenschaden. Worte, hinter denen sich echte Katastrophen und ein Gefühlschaos verbargen.
»Zwei Pferde sind zu Schaden gekommen«, informierte sie, als läse sie die Nachrichten vor. »Vier konnten wir retten.«
»Schrecklich«, sagte Holger mit runden Stielaugen. »Warst du involviert?«
Ja und nein. Sie schloss einen kurzen Moment die Augen. Wann war man involviert? Sie trank von dem schwarzen Kaffee, der furchtbar schmeckte.
»Ich kenne die Nachbarn kaum. Sie sind in Skiferien.«
»Und Bo?«
Davidsen konnte es nicht lassen. Sie nickte. Sie wusste, wonach er in Wirklichkeit fragte. Nicht, ob Bo bei ihr gewesen war, sondern ob er die Tragödie fotografiert hatte.
»Er hat ein paar Fotos gemacht, als die Feuerwehr da war. Ich weiß nicht, ob sie brauchbar sind.«
Davidsen nickte und sagte, genau wie erwartet und wie ein Echo von Kaiser, dessen Geist offenbar immer über allem zu schweben schien: »Eine super Story.«
Eine Weile fühlte sie sich wie in einem Vakuum. Sie spürte die Übelkeit und den Rauchgeschmack und hörte die Stimmen der Kollegen, war aber trotzdem nicht Teil des Ganzen. Sie dachte an Rose, die sie anrufen und warnen musste, damit sie nicht aus dem Gymnasium nach Hause kam und angesichts des heruntergebrannten Stalls einen Schock bekam. Brandstiftung hatten die Feuerwehrleute schnell festgestellt. Das verwüstete Wohnhaus sprach ebenfalls eine deutliche Sprache. Rose würde schockiert sein. Rose, die bald kein Kind mehr war und sich immer wieder eine Übernachtung bei ihrem Freund erschlich.
Ein wohl bekanntes, herunterziehendes Gefühl machte sich in Dicte breit, und sie klammerte sich an die Kaffeetasse. Man sollte es nicht für möglich halten, dachte sie. Man glaubt, es dauert ewig, und dann sind sie eines schönen Tages groß und treffen ihre eigenen Entscheidungen und machen, was sie für richtig halten. Nur durch die Erziehung und das, was in der Kindheit angelegt worden ist, hat man noch ein ganz klein wenig Einfluss auf das, was die eigenen Kinder tun. Man kann nur hoffen, dass es gelungen ist, ihnen ein gutes Rüstzeug mitzugeben, denn was soll aus ihnen werden, wenn man sie nicht mit Vernunft und einem kritischen Verstand und all dem anderen Lebenswichtigen ausstatten konnte? Welche Katastrophen passieren können, wenn man sie ins Leben loslässt ...
Was trugen diejenigen wohl für einen Ballast mit sich herum, die den Stall abgefackelt hatten? Oder derjenige? Wie hatten so gefährliche Dämonen in ihnen Wohnung beziehen können? Gab es wirklich Bosheit in reinster Form? Sie konnte sich versucht fühlen, das zu glauben.
»Dicte?«
Davidsens Stimme unterbrach ihre Gedanken.
»Kannst du dich darum kümmern? Um den Brand?«
Jemand musste es schließlich tun. Sie nickte.
»Hat Kaiser sich gemeldet?«
Der Nachrichtenredakteur pflegte in der Regel anzurufen und eine ganze Reihe von Spezialaufgaben zu verteilen, was Davidsens Job als Leiter des Büros in Århus zu einer leeren und sinnlosen Farce machte. Davidsen rutschte demzufolge auch ein wenig unruhig hin und her, zündete sich eine Zigarette an und hüllte sich in Rauch ein. Er hatte den Mund aufgemacht, um etwas zu sagen, als das Telefon auf ihrem Tisch klingelte und sie gerade noch die Enttäuschung in seinen Augen sehen konnte, weil sie erriet, wer dran war.
»Svendsen!«
Kaiser kaute am anderen Ende der Leitung auf etwas herum. Garantiert Schokoladenkuchen.
»Keine Geringere«, sagte sie in dem Versuch, witzig zu klingen.
»Dein Kriminalfreund. Der dürfte doch jetzt alle Hände voll zu tun haben.«
Sie wartete. Hin und wieder sprach er in Rätseln.
»Und das bei dem Ruf, verdammt!«
»Bei wessen Ruf?«
»Dem der Polizei in Århus natürlich«, vertiefte er seine Aussage. »Zuerst streichen sie ihre eigenen Knöllchen, und dann schießen sie in Tilst ein paar Autodiebe über den Haufen.«
»Die Reihenfolge war umgekehrt.«
»Na schön. Und jetzt haben sie den Brand am Hals«, sagte er.
So eine Riesenstory war das nun auch wieder nicht, dachte sie. Brachte Ritzau wirklich schon die Nachricht von dem Stallbrand? Wenn im Laufe des Tages noch etwas Besseres hereinkam, landete sie vermutlich als kleine Notiz auf Seite vier.
»Welcher Brand?«, fragte sie vorsichtig.
»Habt ihr das nicht gesehen? Informiert ihr euch nicht?«
Bei Kaiser lief immer Ritzau, und im Fernsehen wechselten sich CNN, BBC World und SKY ab. Und bevor der Tag herum war, würde er alle großen Zeitungen durchforstet haben, dänische und ausländische.
»Eine Schule!«, brüllte seine Stimme in ihr Ohr, in dem noch immer das Wiehern der Pferde klang. »Sie haben in der Innenstadt eine ganze Schule abgefackelt. Und zusätzlich alles verwüstet. Die Møllevang-Schule, im Übrigen.«
»Wann?«, fragte sie dümmlich.
»Heute Nacht. In der schwärzesten, dunkelsten Nacht«, fügte er Unheil verkündend hinzu. »Ruf deinen Kripofreund an! Besorg mir, was du kriegen kannst! Kinder fackeln ihre eigene Schule ab«, skandierte er. »Das ist eine super Story. Der Albtraum aller Lehrer und Eltern. Morgen bist du auf der Titelseite, Svendsen.«
3
John Wagner blickte über die Versammlung, die sich zur Morgenbesprechung im Dienstbesprechungsraum eingefunden hatte. Die Blicke von sieben Kriminalkommissaren hingen an Jan Hansen, der zurückgekommen war, um über die abgefackelte Schule Bericht zu erstatten.
»So etwas habe ich noch nicht gesehen. Das sieht wie der reinste Rachefeldzug aus.«
Jan Hansen war so grau im Gesicht wie die Wand hinter ihm. Die breiten Schultern, die normalerweise das Hemd zu sprengen drohten, waren seltsam eingesunken. Er seufzte und klopfte mit einem Kugelschreiber auf den Tisch.
»Kamilla fabelt dauernd etwas von einem Teddy«, fuhr er fort. »Dem Maskottchen der Klasse. Es ist bestimmt mit verbrannt.«
Er zeichnete ein paar Kringel auf den Block vor sich. Wagner dachte, dass Hansen vielleicht doch nicht der beste Vortrupp gewesen war, um den Brand in Augenschein zu nehmen. Da seine Tochter in die erste Klasse der Møllevang-Schule ging, war er möglicherweise zu betroffen.
»Er heißt Simon«, fuhr Hansen mit einer Stimme fort, die allzu dünn für seinen muskulösen Körper und den nach der neuesten Mode glatt rasierten Schädel war.
Wie geklont, dachte Wagner flüchtig. Warum mussten alle jungen Ordnungshüter so Furcht einflößend aussehen? Aber standen nicht Tränen in seinen Augen?
»Kann mal jemand den Kaffee herunterschicken?«
Die Frage kam von Ivar K. Er und Hansen standen immer ein wenig auf Kriegsfuß, und darüber hinaus war die öffentliche Demonstration von Gefühlen nicht Ivars starke Seite.
Die Thermoskanne wanderte wie eine Fußballtrophäe an der langen Reihe von Kriminalkommissaren entlang. Wagner verzichtete. Sein Magen vertrug die Spezialausgabe der Teerbrühe des Präsidiums nur mit Mühe. Außerdem hatte er noch den Nachgeschmack des aus brasilianischen Bohnen gebrauten und mit einem Morgenkuss von Ida Marie versüßten Morgenkaffees im Mund.
»Was glaubst du?«, fragte er Hansen, der nach einer Vergangenheit bei der Schutzpolizei endlich und zu Ivar Ks großem Bedauern ein festes Mitglied des Kriminalstabs geworden war. »Was hast du für einen Eindruck? Waren das jugendliche Randalierer? Oder steckt mehr dahinter?«
Hansen legte den Kugelschreiber weg und rieb sich das Gesicht mit beiden Händen. Die Augen spiegelten die Müdigkeit wider. Einjährige Zwillinge, die sechsjährige Kamilla und eine Frau, die als Krankenschwester Nachtdienst machte. Das war nicht leicht.
»Ich glaube, die Täter waren noch jung«, sagte er langsam. »Ich glaube, dass sie den Ort ziemlich gut kannten. Du kannst dir das später natürlich selbst ansehen, aber mitten in dem ganzen Durcheinander wirkt alles sehr systematisch. Jugendliche Randalierer ...«
Er griff wieder nach dem Kugelschreiber, klopfte erneut auf den Tisch und schüttelte still den Kopf.
»Nenn mich ruhig einen Schwarzseher, aber das ist meiner Meinung nach der letzte Schritt, bevor jemand zu einem Gewehr greift und Schüler und Lehrer abknallt.«
Es war sicher gut, dass Hansen nicht für die Pressearbeit zuständig war. Wagner konnte die Überschrift nahezu vor sich sehen: Wann folgt das Massaker? Alle Eltern, die Kinder auf der Schule hatten, waren heute Morgen angerufen worden. Hansen hatte zu Wagner Kontakt aufgenommen, der ihn gebeten hatte, sich vor der Morgenbesprechung einen Eindruck zu verschaffen.
Hansen erzählte von den Verwüstungen. Er hatte sich auf einem Block Notizen gemacht. Ein ganzes Gebäude war nahezu bis auf die Grundmauern abgefackelt worden und das Hauptgebäude dem Vandalismus zum Opfer gefallen. Chemikalien aus dem Physikraum, Medikamente, Wasser und farbige Flüssigkeiten waren über den Boden verstreut; Glasscherben, zertrümmerte sanitäre Artikel, zerbrochene Thermoskannen, eingeschlagene Türen und zerlegte Schränke. Chaos, mit anderen Worten.
Wagner hörte eine Weile zu, ließ aber nach einer gewissen Zeit seinen Gedanken freien Lauf. Er öffnete eine Mineralwasserflasche und spürte beim Trinken die Kohlensäure bis in die Nase. Er fragte sich, wie er selbst reagieren würde, wenn Alexanders Schule abgefackelt worden wäre. Bestimmt genauso verzweifelt wie Hansen, schätzte er. Heutzutage war die Schule eine Art zweites Zuhause. Er hatte immer ein schlechtes Gewissen, dass er nach Ninas Tod nicht so viel mit Alexander zusammen war, wie er eigentlich sollte. Ein Brand in der Schule würde ernsthaft das Gefühl verstärken, dass er Fürsorge und Erziehung allzu sehr den anderen überließ, während er selbst Polizei spielte und Verbrecher jagte, die ohnehin bald wieder auf die Gesellschaft losgelassen würden.
Im Idealfall sollte er der aktive Vater sein, der mit seinem zehnjährigen Sohn zum Fußball und Handball ging, aber in der letzten Zeit war so viel zu tun gewesen. Das EU-Gipfeltreffen in Kopenhagen hatte für viele Überstunden gesorgt, die immer noch nicht abgebaut waren, obwohl sie das rein theoretisch bis zum Jahresende hätten sein sollen. Århus war abwechselnd von Vandalismus und Brandstiftungen heimgesucht worden. Außerdem waren da noch die selbst verschuldeten Probleme der Polizei, die auch Zeit kosteten. Daran wagte er gar nicht zu denken.
Ivar K kippelte rastlos auf seinem Stuhl und fuhr sich mit der Hand durch die langen Haarzotteln und über den zurzeit modernen Dreitagebart. Wagner ahnte, dass ihm eine sarkastische Bemerkung an den referierenden Kollegen auf der Zunge lag, und unterbrach freundlich Jan Hansen, dessen Block jetzt voller Kringel war.
»Gut. Die Situation ist wie folgt. Die Brandexperten unter Johan Dahl leiten die Untersuchungen und kümmern sich um die technischen Aspekte: Brandursache und so weiter. Wir sind als Assistenz zugezogen worden«, leitete er seine üblichen anspornenden Worte ein.
»Die Feuerwehr ist dabei, die Dachkonstruktion in dem niedergebrannten Gebäude zu sichern, sodass wir dort zurzeit keinen Zugang haben. Sobald wir den bekommen, gehen die Techniker natürlich zuerst hinein. Sie bekommen im Laufe des Tages Verstärkung aus Kopenhagen. Im Moment nehmen sie sich das Hauptgebäude vor. Außerdem ist uns Hilfe von der mit Jugendkriminalität befassten Abteilung zugesagt worden«, sagte er mit einem Blick zu Jan Hansen hinüber. »Ich glaube, du hast Recht. Wir sollten nach jungen Tätern suchen, die den Ort kennen. Die Schule hat uns eine Liste der derzeitigen und der früheren Schüler versprochen. Sie muss durchgegangen und mit dem Archiv überprüft werden.«
Jan Hansen nickte. In diesem Fall schien er erleichtert über die Schreibtischarbeit.
»Ich sehe mir das an.«
Wagner trank erneut von seinem Mineralwasser.
»Dahl hat uns gebeten, uns die Verwüstungen in den beiden anderen Schulen, Samsøgade und Elise Smith, noch einmal vorzunehmen, um festzustellen, ob es Ähnlichkeiten gibt. Und was wir sonst noch an unaufgeklärten Vandalismusfällen aus dem letzten halben Jahr haben.«
Petersen nickte. Mit seinen zweiundfünfzig Jahren war er fast ebenso lange im Dienst wie Wagner.
»Ich suche mir die Fälle heraus. Ich kann mich erinnern, dass man auch versucht hat, die anderen Schulen abzufackeln. Ohne Erfolg.«
Ivar K kippelte erneut mit seinem Stuhl.
»Übung macht den Meister.«
Wagner ließ den Blick von einem zum anderen wandern.
»Zeugen. Es muss jemanden geben, der etwas gesehen hat. Auch wenn es mitten in der Nacht passiert ist. Einer von euch muss Klinken putzen.«
Sie sprachen eine Weile über die Aufgaben und wer was erledigen sollte, ohne dass jemand protestierte. Man konnte sich daran gewöhnen zu bestimmen, dachte er verwundert und nicht zum ersten Mal. Er hatte nie davon geträumt, die Leitung zu übernehmen. Aber er hatte das entsprechende Dienstalter und die nötige Erfahrung, und es hatte sich ganz von selbst so ergeben. Sie hörten auf ihn. Sie folgten seinen Vorschlägen und hin und wieder seinen Anordnungen.
Das Einzige, was ihrem Team noch immer fehlte, war eine Ermittlerin. Er hatte das oft zu ändern versucht, aber aus irgendeinem Grund sah die Leitung die Wichtigkeit des Anliegens nicht ein. Sie schienen nicht zu verstehen, dass das Geschlecht bei der Aufklärung von Kriminalfällen eine Rolle spielte, aber er wusste aus Erfahrung, dass Frauen einen anderen und hin und wieder überraschenden Zugang hatten. Eine tüchtige Frau wäre ein großer Gewinn für das Team, aber vorläufig mussten sie so zurechtkommen. Bei den engen Budgets und der geringen Aussicht, dass jemand pensioniert wurde, sah es schwarz aus.
Er seufzte in sein Mineralwasser. Vielleicht konnte man auch zu viel verlangen.
»Ivar. Du fährst mit mir raus. Wir sehen uns die Sache mal an.«
Ivar K warf den Kopf in den Nacken und trank seinen Kaffee aus wie ein Handwerker ein Tuborg. Er stand auf und streckte den windhundartigen Körper, das diametrale Gegenteil zu Jan Hansens Türstehermuskeln.
»Okay, Boss.«
Wagners Handy klingelte auf dem Weg in die Stadt mitten auf der Kreuzung in der Thorvaldsengade, wo die Abgase der Autos wie ein dicker Atem in der frostigen Luft standen.
»Kannst du bitte drangehen?«
Ivar griff nach dem Handy, das auf dem Armaturenbrett lag.
»Kristiansen«, sagte er scharf und lauschte ein paar Sekunden, bevor er antwortete. »Er ist im Moment beschäftigt. Kann ich ihm etwas ausrichten?«
Wieder herrschte Schweigen, bevor seine Stimme leicht irritiert zu klingen begann.
»Ich sagte doch, dass er beschäftigt ist. Sie müssen später noch mal anrufen ... Informationen? Was für Informationen? Es ist strafbar, Informationen vor der Polizei zurückzuhalten, wissen Sie das nicht?«
Wieder vergingen ein paar Sekunden, bevor er das Gespräch abrupt beendete.
»Frauen«, zischte er.
Wagner bog auf den Viborgvej ab.
»Wer war das?«
»Eine Journalistin von einer der Boulevardzeitungen. Dicte Sowieso. Die glauben, wir sind nur für sie da.«
Tausend Gedanken gingen Wagner im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf. Er hatte lange nichts von Dicte Svendsen gehört. Und Ida Marie auch nicht, hatte sie gesagt und die Vermutung geäußert, dass ihre Freundin und ihr Fotografenfreund Probleme hatten. Aber es war auch nicht leicht, Kinder und Job unter einen Hut zu bringen. Er musste da ganz still sein. Auch wenn er Ida Marie über alles liebte, hegte er daran nicht den geringsten Zweifel.
Einen kurzen Moment wanderten seine Gedanken zurück zum Vorjahr. Es war ihm nahezu unverständlich, wie sich seine Gemütslage verändert hatte. Damals hatte er gerade seine Frau verloren und war in ein tiefes schwarzes Loch gefallen. Doch dann war er mit der Aufklärung eines Falls beauftragt worden, in dem ein toter Säugling auf dem Århus-Fluss ausgesetzt worden war. Dicte und ihre beiden Freundinnen, Ida Marie und Anne, hatten das Kind gefunden.
»Dicte Svendsen«, murmelte Ivar K, als könnte er Gedanken lesen. »Der Name kommt mir bekannt vor. Ein Fall vor einem Jahr.«
Wagner antwortete nicht, sondern steuerte um ein verdammtes Moped herum, das die gesamte Fahrbahn für sich beanspruchte. Er hatte Berufliches und Privates in einem Cocktail vermischt, der ihm jetzt unheimlich vorkam. Er hatte sich noch während der Aufklärung des Falls in Ida Marie verliebt. Sie sangen beide im selben Chor, und er hatte heimlich für die schöne Schwedin mit der Engelsstimme und dem langen blonden Haar geschwärmt.
»Hast du damals nicht deine Freundin kennen gelernt? Als ihr Kind gekidnappt wurde?«
Ivar K fragte ohne Umschweife mit dem üblichen Mangel an Fingerspitzengefühl.
Wagner nickte nur, unverpflichtend, und bog in den Fuglebakkevej ab.
»Da wären wir. Sehen wir uns einmal um.«
Während Ivar K sich einen Überblick über die Verwüstungen verschaffte, rief Wagner Dicte auf dem Handy an.
»Es sieht ganz so aus, als würden wir wieder einmal zusammenarbeiten«, sagte sie munter.
Er lachte kurz.
»Nie im Leben! Was willst du?«
»Etwas über die Møllevang-Schule hören.«
»Wir halten später eine Pressekonferenz ab. Du weißt genau, dass ich niemanden bevorzugen kann.«
»Ich hätte was für dich.«
An Dicte Svendsens Gaben waren in der Regel alle möglichen Bedingungen geknüpft.
»Vielen Dank.«
»Es hat noch einen anderen Brand gegeben«, fuhr sie unbeirrt fort. »Heute Nacht. Hast du davon gehört?«
Es gab fast jede Nacht Brände – bestimmt hatte es irgendwer bereits erwähnt. Wagner hatte es an der Peripherie seines Bewusstseins mitbekommen, aber es hatte weit vom Stadtzentrum entfernt gebrannt, irgendwo draußen auf dem Land.
»Und?«
»Das Wohnhaus wurde verwüstet. Ein Stallgebäude niedergebrannt. Zwei Pferde sind tot.«
Was in aller Welt war mit dieser Stadt los?, dachte er, während er die rauchende Ruine betrachtete, die einmal die Møllevang-Schule gewesen war. Das glich Geschehnissen aus einem fremden Land.
»Was weißt du?«, fragte er müde. Man konnte nie wissen, ob eine Verbindung bestand. Auch wenn die Entfernung dagegensprach.
»Es war der Hof meines Nachbarn. Ich bin von dem Geräusch des zerberstenden Daches aufgewacht.«
»Bestimmt Asbest. Das klingt wie Popcorn.«
Plötzlich wechselte sie das Thema.
»Wo bist du?«
»Was glaubst du, wo ich bin? In der Oper, Othello ansehen?«
Ihm war klar, dass er mürrisch klang. »Was weißt du über den Brand?«
Einen Moment war es still im Telefon.
»Der Hof gehört meinen Nachbarn«, sagte sie dann. »Sie sind in Ferien in Norwegen. Sie kommen heute nach Hause, die Armen. Die Schwester hat auch auf dem Hof gewohnt, und um drei Uhr morgens war sie plötzlich spurlos verschwunden.«
Aus dem Augenwinkel beobachtete er Ivar K und einen der Feuerwehrmänner. Zusammen schritten sie den Platz ab und sahen sich das heruntergebrannte Gebäude an, aus dem aberwitzigerweise weiße Fensterrahmen guckten. Es sah aus, als hätte ein tief fliegendes Flugzeug den oberen Teil des Gebäudes abrasiert. Nur das Skelett des Dachs war noch da.
»Vielleicht hat sie in der Stadt übernachtet«, wandte er ein. »So etwas kommt vor.«
»Jemand ist am späten Abend im Haus gewesen, und ich gehe davon aus, dass sie das war.«
»Woher weißt du das? Hast du sie gesehen?«
Wieder entstand eine kleine Pause. Dann sagte die Stimme: »Nein. Aber irgendjemand hat dem Hund Futter gegeben.«
4
Als wäre ihr Bedürfnis an Bränden nicht gedeckt, als gäbe es nicht genug Probleme – und sie musste nun auch noch dorthin fahren.
Während sie von der Frederiksgade zur Møllevang-Schule hochfuhr, dachte Dicte flüchtig an Bo, der kurze Zeit zuvor mit den Fotos von dem Brand in der Redaktion aufgetaucht war. Sie hatte ihn gefragt, ob er mitkommen und die abgebrannte Schule fotografieren wolle, aber er war seltsam fern und abweisend gewesen und hatte ihr erklärt, dass er versprochen habe, seine Tochter in der Schule abzuholen und zum Arzt zu fahren. Als würde seine Ex ihn jemals um so etwas bitten, dachte sie und testete die neuen Winterreifen, als das Auto vor ihr plötzlich bei Gelb bremste. Ihr neu gekaufter Fiat Uno entging nur um wenige Zentimeter einem Zusammenstoß.
Eva wachte über die Kinder wie ein Drache und tat alles, um Bos exakt bemessene Zeit mit ihnen zu sabotieren. Jedes Mal, wenn er die Kinder haben sollte, kam etwas dazwischen, das es unmöglich machte. Und Silvester hatte dem Fass den Boden ausgeschlagen, als Eva Tobias und Ninka mit zu ihrer Mutter genommen hatte, anstatt sie bei Bo abzuliefern. Es war der Anfang der Eskalation des Nervenkriegs, und seit diesem Tag war nichts mehr ganz so, wie es eigentlich hätte sein sollen.
Das dachte sie, als sie in die Fuglesang-Allee einbog und an der Handelsschule und dem Konservatorium vorbeifuhr. Dachte, dass irgendetwas absolut nicht stimmte und Bo irgendetwas plante, von dem sie keine Ahnung hatte. Die Unruhe griff nach ihr wie eine eiskalte Hand. Er war verzweifelt. Und verzweifelte Männer waren unberechenbar.
Sie fuhr den Fuglebakkevej hoch, und ein furchtbarer Anblick empfing sie. Er erinnerte an Bilder aus dem zerstörten Kosovo, Bilder aus einem Kriegsgebiet, wo man erwartete, Maschinengewehre zu hören und Gebäude einstürzen zu sehen. Nicht, dass sie selbst das erlebt hatte, aber sie wusste es von Bo, wenn er ein seltenes Mal von seinen Reportagetouren erzählte, die ihm anerkannte Fotopreise, aber leider nicht das große Geld eingebracht hatten.
Sie erblickte John Wagner, der sich mit einem Mann in einem orangefarbenen Overall unterhielt. Sie spürte den Ansatz eines schlechten Gewissens, weil sie Ida Marie so lange nicht angerufen hatte. Es war feige, und sie hatte die elendste Entschuldigung, die man sich denken konnte, und selbst die war nur die halbe Wahrheit.
Wagner riss sich von den Kollegen los und kam ihr entgegen. Seine sonst südländische Hautfarbe war im Winter blasser geworden, aber er unterschied sich noch immer von den anderen durch seine gebogene Nase und die schweren Augenlider, die ihn ständig müde aussehen ließen, wovon man sich aber nicht täuschen lassen sollte. Er war zwölf Jahre älter als Ida Marie, und die abgetragene Tweedjacke ließ einen an alte Tugenden wie Ritterlichkeit und Zuverlässigkeit denken.
»Lange nicht gesehen«, sagte er als knappen Gruß und gab ihr die Hand.
»Ich hatte viel zu tun.«
In seinen Augen sah sie, dass er wusste, dass sie log. Aber es war schwer, das Glück der anderen mit anzusehen, während man selbst auf dem letzten Loch pfiff. Und seit Ida Marie Martin zur Welt gebracht und sich gegen den Vater des Kindes für ihren Polizeibeamten entschieden hatte, schien sie im siebten Himmel zu schweben.
»Es ist so viel passiert. Ich bin jetzt in einer neuen Redaktion«, erklärte sie weiter.
Er antwortete nicht. Sie gingen zu dem abgebrannten Gebäude hinüber, wo eine Gruppe Brandtechniker mit Schutzhelmen und blauen Overalls mit der Aufschrift Polizei, Kriminaltechnische Abteilung ihrer Arbeit nachgingen. Das Gelände war mit einem rotweißen Band, dem so genannten Flatterband, abgesperrt worden, und an dem verrußten roten Mauerwerk lehnten Leitern. Andere Männer in blauen Overalls, auf deren Rücken Katastrophenschutz Mitteljütland stand, beförderten nicht verbrannte Dachsparren in einen Container.
Auf dem Parkplatz standen mehrere Autos. Ein Fotograf fotografierte drauflos, und Dicte erkannte den Reporter der Stiften, der sich umschaute.
»Was hast du von dem anderen Brand erzählt? Woran denkst du dabei?«
Er fragte, während sie außerhalb der Absperrung an dem abgebrannten Gebäude entlanggingen. Sie erzählte von dem Brand und wie der Hund sich erbrochen hatte. Unverdautes Hundefutter.
»Und wie lautet deine Schlussfolgerung, Sherlock?«
Er zog sie auf, aber sie hörte den zugrunde liegenden Ärger. Die Polizei war nicht begeistert, wenn Journalisten Detektiv spielten, und Wagner bildete keine Ausnahme. Aber er war klug genug zu wissen, dass in gewissen Fällen beide Seiten voneinander profitieren konnten. Das hatte er bewiesen, als sie bei dem Moses-auf-dem-Århus-Fluss-Fall zusammengearbeitet hatten. Zugegeben, sie war sich nicht sicher, ob Wagner ihren Informationsaustausch als Zusammenarbeit bezeichnen würde.
»Dass der Hund um Mitternacht etwas zu fressen bekommen hat.«
»Eine seltsame Uhrzeit, um seinen Hund zu füttern.«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Das ist ein verwöhnter Schoßhund. Meine Tochter bezeichnet ihn als Teppichpisser. Manche Menschen geben ihrem Hund zu fressen, bevor sie ins Bett gehen.«
Plötzlich drehte er sich um und sah sie an.
»Bist du überhaupt als Zeugin verhört worden?«
Sie schüttelte den Kopf. In dem ganzen Durcheinander hatte scheinbar niemand Zeit gehabt, sich näher mit ihr zu unterhalten. Sie hatten alle Hände voll zu tun gehabt, das Feuer zu löschen und die Situation einzuschätzen.
»Die Polizei ist erst später gekommen. Sie haben ein paar vordergründige Fragen gestellt, und das war’s.«
Sie hörte ihn seufzen und führte es auf den Personalmangel, die Menge der Freischichten und die vielen anderen Probleme der Polizei zurück, die sich zurzeit häuften. Die Presse hatte die Verantwortlichen unter Beschuss genommen, und auch ihre eigene Zeitung hatte sich nicht zurückgehalten, als es galt, darüber zu berichten, wie zwei Beamte junge Autodiebe angeschossen hatten oder wie die Knöllchen der Polizei verschwunden waren. Vielleicht erklärte das die Kälte von Wagners Seite, dachte sie.
»Du sagst, eine Schwester wohnt mit im Haus. Vielleicht ist sie nicht gemeldet?«
Wagners Stimme knisterte wie der Frost. Dicte nickte.
»Und du meinst, die Schwester ist gegen Mitternacht zu Hause gewesen und hat dem Hund zu fressen gegeben. Wo ist sie dann jetzt?«
Er ließ die Frage naiv und belanglos klingen. Aber sie biss sich daran fest. Sie erinnerte sich, wie das leere, auf den Kopf gestellte Haus auf sie gewirkt hatte ... die Angst des Hundes ... die systematische Zerstörung und das dahinterliegende Gefühl, dass hier etwas sehr Privates angetastet worden war ... die zertrampelten Familienfotos ...
»Ich kenne sie nicht, aber man könnte sich so einiges vorstellen. Jedenfalls solltet ihr wissen, dass sie dort wohnt. Mit ihrem Hund.«
»Und warum wohnt sie dort?«
Sie hustete. Die rauchige Luft kratzte in Nase und Hals. Noch immer stieg aus dem abgebrannten Gebäude Rauch auf.
»Es gehen ein paar Gerüchte um. Über ihre Vergangenheit, meine ich. Dass sie zu ihrer Schwester gezogen ist, um über ein schreckliches Erlebnis hinwegzukommen.«
Er runzelte die Brauen, und seine Stimme troff vor Sarkasmus:
»Über einen psychopathischen, gewalttätigen Mann mit einer pyromanischen Veranlagung vielleicht?«
Sie wurde rot.
»Getratsche, demnach«, stellte Wagner fest.
Sie fuhr unverdrossen fort, während die Stiefel im Gras quatschten, das die Löschschläuche der Feuerwehrleute in Eismatsch verwandelt hatten. Er wusste genauso gut wie sie, dass man auf Getratsche hören musste. Dass es mit zu dem Gesamtbild gehörte, sowohl in der Journalistik wie bei der Polizeiarbeit. Manchmal repräsentierte das Getratsche die Wahrheit, auch wenn sie das nicht zugeben mochten.
»Irgendetwas mit einem Mann jedenfalls«, sagte sie und wäre beinahe ausgerutscht, sodass sie nach seinem Arm greifen musste. Er wartete geduldig, bis sie wieder fest auf den Füßen stand. »Es ging um Gewalt. Die Details hängen davon ab, wer mir was erzählt, wenn ich einen Gang mit dem Hund mache. Aber die Frau hat eine Geschichte, daran besteht kein Zweifel.«
Sie blieb stehen. Versuchte, die Stimme neutral zu halten, und dachte an den vergangenen Abend. Wann hatte sie die Schwester zuletzt gesehen?
»Ich habe nur so ein dummes Gefühl.«
Sie wollte gerade auf dem Absatz kehrtmachen, als ein Feuerwehrmann etwas aus der rauchenden Ruine rief.
»Ein Überlebender«, kam es trocken von seinem Kollegen, der etwas aus einer kleinen Tüte zog.
Als sie näher kamen, sahen sie, dass es ein kleiner gelber Bär war. Vorn auf seiner blauen Strickjacke stand in weißen Buchstaben der Name Simon.
Wagner lächelte. Eine gewisse Schläue kroch in seine Stimme.
»Du sagst, du willst etwas über die Møllevang-Schule hören. Eine Exklusivstory, nehme ich an.«
Sie zuckte mit den Schultern. Das war doch nicht so schwer verständlich. Sie musste ihrer Arbeit nachgehen, und wie alle anderen Redakteure liebte es auch Kaiser, wenn sie etwas hatten, was die anderen nicht hatten.
»Ich schlage vor, du rufst Jan Hansen im Präsidium an und erzählst ihm, dass sie Simon gefunden haben. Er kann dir die Story erzählen«, sagte Wagner und drehte ihr den Rücken zu.
5
Der erste Gedanke galt ihrem Vater.
Ob er die Nachricht verkraften konnte. Ob er Zuflucht in den Ecken des Gemüts und des Vergessens suchen würde, wie er es nach dem Tod ihrer Mutter für kurze Zeit getan hatte.
Karen dachte wieder daran, als sie Timbo hinausscheuchte und mühselig die zertrümmerte Küche aufzuräumen begann. Sie hatte nicht einen Augenblick gezweifelt, dass er es heute erfahren sollte. Sonst würde es ihm über Umwege zu Ohren kommen, oder er würde es in der Zeitung lesen. Aber wie? Wie sollte sie ihm erzählen, dass sein Lebenswerk abgebrannt und sein Elternhaus dem Vandalismus zum Opfer gefallen war? Ihr Elternhaus, was das anging, aber daran dachte sie nicht weiter. Sie war es gewohnt, zuerst an ihn zu denken. Und an Inger.
Während sie in dem unüberschaubaren Durcheinander der Küche stand, spürte sie wieder den stechenden Schmerz, als würde jemand eine Ahle in ihr Fleisch bohren. Sie schien mit der Sorge um Inger geboren worden zu sein. Als höre die Verantwortung für die kleine Schwester nie auf. Inger erinnerte sie an das Mobile mit den Glasvögeln, das über der Heizung gehangen hatte. Die warme Luft hatte die Vögel in konstanter, rastloser Bewegung gehalten, in einer Bewegung, die immer nur zum Ausgangspunkt zurückführte. Einer Suche nach dem Glück, der Liebe, dem Glauben. Offen und verwundbar, süß und verwirrt. Und verdammt gefährlich für sich selbst. So war ihre Schwester, und Karen fühlte, wie die Kälte sich bis in die Knochen ausbreitete. Was um alles in der Welt war mit Inger geschehen?
Die Polizei war gerade gegangen. Sie wollten sie zur Fahndung ausschreiben, schienen aber seltsam gleichgültig. Sie hatten gefragt, ob es nicht möglich sei, dass ihre Schwester woanders übernachtet habe. Ob sie einen Freund oder eine Freundin habe, die man anrufen könne.
Zumindest schienen sie Inger nicht der Brandstiftung zu verdächtigen. So dumm waren sie nun doch wieder nicht. Sie meinten, dass ein Jungenstreich ein böses Ende gefunden habe. Die Täter waren von der Rückseite in die Scheune eingedrungen. Sie hatten etwas Diesel über einen Heuhaufen geschüttet und das Ganze mit Petroleum abgebrannt. Vielleicht hatten sie noch eine Weile dagestanden und zugesehen. Vielleicht hatten sie nicht damit gerechnet, dass das Feuer sich bei dem Frost breit machen, vielleicht hatten sie geglaubt, dass der Schnee die Flammen bremsen würde.
Vielleicht, vielleicht, vielleicht.
Sie hörte, dass die Tür geöffnet wurde und Søren sich im Windfang die Stiefel auszog. Seine schweren Schritte näherten sich der Küche, an deren einem Ende sie angefangen hatte, die zerbrochenen Tassen und Teller aufzufegen und sich einen Weg durch das Chaos zu bahnen.
»Was hat der Tierarzt gesagt?«
Kjeldsen war glücklicherweise sofort gekommen, als sie angerufen hatten. Er hatte auch geholfen, einen Stellplatz für die Pferde zu finden.
Søren blieb kurz in der Küchentür stehen. Einen Augenblick meinte sie, er schwanke leicht, aber das war bestimmt nur Einbildung, auch wenn er es schwer nahm, besonders das mit den Tieren. Was für eine Heimkunft nach den Ferien.
»Natürlich sind sie gestresst und unruhig, aber keins hat ernsthafte Verbrennungen. Ein paar Wunden und versengte Schweife, das ist alles. Aber die anderen ...«
Seine Stimme brach. Er holte tief Luft.
»Hier. Setz dich.«
Sie schob ihm einen Küchenstuhl hin. Er setzte sich schwerfällig und starrte in das Durcheinander und ins Nichts zugleich. Eine Tasse Kaffee, dachte sie. Ich mache eine Tasse Kaffee. Oder eine warme Suppe.
»Ich will mich nur eine Weile setzen«, murmelte er. »Es ist viel zu tun. Auch hier drinnen.«
Sie wandte ihm den Rücken zu, auch wenn es ihr widerstrebte, ihn nicht ansehen zu können. Aber er war ein erwachsener Mann und musste diesen Schlag verkraften, genau wie er die anderen verkraftet hatte. Sie wusste auch, dass er das würde.
»Und gerade jetzt«, sagte sie, ihm den Rücken zugewandt. »Zu Lichtmess.«
»Hmm?«
Sie drehte sich um. Natürlich dachte er nicht an so etwas. Sie war diejenige, die die Religion brauchte und woanders Trost suchen konnte als hier. Er hatte seinen Boden und seine Tiere.
»Lichtmess«, wiederholte sie. »Die Messe des Lichts. Am zweiten Februar wird gefeiert, dass wir die Mitte des Winters erreicht haben, und die Kerzen, die im Kirchenjahr gebraucht werden, werden geweiht.«
Er sah sie verständnislos an, und ohne weiter darüber nachgedacht zu haben, flossen die Worte des Psalms in ihrem Mund zu Tönen zusammen, die selbst er kennen musste.
»Vergangen ist die dunkle Nacht, der Tag schon erhellt die Gefilde. Nun scheint die Sonne in voller Pracht, die Vögel, die singen so milde.«
Zu ihrer großen Verwunderung mischte sich in den letzten beiden Strophen seine raue Stimme mit ihrer: »Gott gebe Gedeihen und gutes Glück, uns send das Licht seiner Gnade.«
Er lächelte sie bleich an, und sie wusste, dass er sich ihretwillen zusammennahm. So war es schließlich immer gewesen, sie hatten sich nie hängen lassen.
»Ich hoffe, der da oben hat sein Hörgerät an«, sagte er und wandte die Augen zur Decke.
Sie dachte an die lange Nacht und dass sie noch lange nicht vorbei war, dass sie mittendrin standen. Wieder spürte sie die Verlassenheit, als hätte sie keine Verbindung mehr zu dem Gott, an den sie geglaubt hatte. Die Verlassenheit, die sie bereits gespürt hatte, als sie mit dem Auto auf den Hofplatz eingebogen waren und der Anblick der Verwüstung sich ihnen dargeboten hatte. Der heruntergebrannte Stall und die Feuerwehrleute. Und vielleicht war es in Wirklichkeit dieses Gefühl, das ihr am meisten zu schaffen machte, zusätzlich zu ihrem Vater und Ingers Verschwinden.
Sie schauderte, setzte aber trotzdem Kaffeewasser auf, um etwas Normales zu tun.
Sie hatte bisher erst zweimal erlebt, dass Gott sie verlassen hatte, sodass sie nicht einmal ihre üblichen Gespräche mit ihm führen konnte. Beide Male, als sie im fünften Monat eine Fehlgeburt hatte.
Aber das lag zwanzig Jahre zurück, und sie hatte den Kontakt wiederhergestellt und mit Müh und Not Glauben und Licht wiedergefunden. Konnte man das noch, wenn man über die fünfzig war? Konnte man sich davon überzeugen, dass das Böse den Kampf verlieren und das Licht über das Dunkel siegen würde?
Sie dachte wieder daran, als sie sich ins Auto setzte, um nach Tilst zu fahren. Vorsichtig versuchte sie, die Verbindung zu Gott wahrzunehmen, die sie sonst immer spürte; als wäre sie eine Puppe, die an einer Schnur hing. Nicht fest, aber auch nicht locker. Ausreichend, dass sie auf vernünftige Weise durch den Tag und die Stunden kam.
Aber die Schnur schien gekappt.
Ihr Vater saß in seinem Rollstuhl in der Sonne, eine Decke über den Knien. Halb hoffte sie, dass er sie heute nicht erkennen würde und ihre Worte ihn nicht erreichten. Aber dann hob er den Kopf, und sie sah das Licht in den hellblauen Augen und wusste, dass er sich freute, sie zu sehen, und dass sie jetzt seine Freude trüben würde.
»Hallo, Vater.«
Sie beugte sich zu ihm hinunter und griff nach seiner Hand, die schlapp in seinem Schoß lag. Umarmungen und Küsschen waren bei ihnen nie üblich gewesen.
»Da bist du ja«, brummte er.
Sie kam zweimal die Woche.
»Wir waren in Urlaub. Ski laufen. Daran erinnerst du dich doch.«
Er nickte ärgerlich.
»Ich bin doch nicht senil.«
Sie kommentierte das nicht weiter, sondern zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.
»Es ist eiskalt draußen. Aber schön. Die Fenster sind ideal, so bekommt ihr etwas Sonne.«
Er fuchtelte ärgerlich mit der Hand herum. Jetzt sah sie, wie der alte, ungeduldige Blick sich regte, und sie sah die Runzeln in seiner Hand und die Leberflecken, die schmutzigen Regentropfen glichen.
»Ich muss dir etwas erzählen, Vater«, sagte sie und wusste nicht, wie sie die Nachricht behutsam überbringen sollte. Deshalb platzte sie damit heraus. »Es geht um den Hof. Der Stall ist heute Nacht abgebrannt, und jemand hat das Wohnhaus verwüstet.«
Sie beobachtete ihn. Eine goldene Haut schien sich über seine Augen zu legen. Sie sah seine Wut und keuchte, als seine Hand nach ihrem Arm griff und zudrückte.
»Diese Teufel. Das ist die Rache.«
Er schlug mit der anderen Hand auf die Armlehne des Rollstuhls. Sie sah, wie Spucke aus seinem Mundwinkel tropfte, dort, wo die Hirnblutung die Nerven betroffen hatte.
»Die Polizei ermittelt«, sagte sie und versuchte, die Stimme ruhig zu halten, während sie ihre Hand freimachte. »Sie meinen, dass es ein Lausbubenstreich war.«
Ein Laut kam aus seiner Kehle, den sie als Missbilligung interpretierte. Er hatte nie Vertrauen in die Autoritäten gesetzt, dachte sie.
»Wo ist Inger?«, fragte er plötzlich. »Sollte sie nicht auf das Haus aufpassen?«
Hin und wieder hatte er ein Gedächtnis wie ein Computer. Sie nickte langsam. War nicht darauf vorbereitet, auch das zu erklären.
»Aber vielleicht ist sie ja mit irgendeinem Mann abgehauen. Mit so einem Wundertäter«, meinte er. »Mit einem, der ihre Seele retten soll.«
Er schwitzte. Karen sah, wie Schweißtropfen an seiner Stirn hinunterliefen. Sie stand auf.
»Hier ist es zu warm. Ich fahre dich ins Zimmer.«
Er protestierte nicht, als sie die Bremse löste und mit ihm den Gang hinunterfuhr. Auch andere Heimbewohner saßen in der Sonne, und sie nickte ihnen zu. Manche hatten Besuch. Das Heim in Tilst war gut, und trotzdem fühlte es sich falsch an. Trotzdem sollte niemand so enden, ohne seine Angehörigen, dachte sie wie immer. Empfand es als unmenschlich, selbst für die Menschen, die in ihrem Leben nicht immer menschlich gehandelt hatten.
Das Zimmer war hell und freundlich, das Bett gemacht. Sie parkte ihn und setzte sich an den kleinen Sofatisch. Von hier aus hatte man Aussicht auf den Rasen, den jetzt mehr der Frost als der Schnee zudeckte – jeder einzelne Grashalm ein weißes Stäbchen.
Er blickte zum Bett hinüber, und sein Blick wurde nachdenklich. Dann sah er sie mit einer Mischung aus Schläue und kindlicher Unschuld an, die sie hin und wieder an ihm erlebte.
»Wer schläft dort?«
Sie schluckte und wusste, dass die Vernunft sich erst einmal verabschiedet hatte.
»Du, Vater. Das ist dein Bett. Und dein Zimmer.«
Er nickte verständnisvoll. Einen Moment saß er ganz still, aber dann sah er sie wieder an.
»Schlafe ich alleine?«
Sie musste trotz allem lächeln. Ihre Mutter war seit über dreißig Jahren tot, aber man konnte ja nie wissen. Irgendwo hatte sie gelesen, dass reiche Amerikaner in Pflegeheimen ein Vermögen dafür ausgaben, sich Sex zu erkaufen.
»Davon gehe ich aus, Vater. Aber das weißt du wohl am besten.«
Es war besser, unverpflichtend miteinander zu reden, über ein unproblematisches Thema. Jedenfalls besser, als über das andere, von dem sie hoffte, dass er es nicht mehr erwähnen würde. Es war nicht vergessen, das wusste sie.
So saßen sie eine Weile. Sie holte Kaffee, und sie aßen den Kuchen, den sie unterwegs im Supermarkt in Tilst gekauft hatte. Sie machten Smalltalk, und sie wartete darauf, gehen zu können. Zu Hause warteten das Aufräumen und das Problem mit Inger auf sie.
Als sie schließlich aufstand, kam wieder Leben in seine Augen.
»Die reinste Rache«, nörgelte er, und sie hoffte, jetzt nicht lang und breit aufgezählt zu bekommen, wie viele Menschen möglicherweise einen Grund hatten, sich an ihm zu rächen. Bestimmt nicht wenige, denn er war immer unversöhnlich und hart gewesen. Wie die Steinbeile, die er manchmal auf den Feldern gefunden und im Wohnzimmerfenster ausgestellt hatte.
»Das ist die Rache des Müllers!«, rief er ihr nach, als sie die Tür schließen wollte. »Die Rache des Müllers, vergiss das nicht!«
Sie zog die Tür hinter sich zu.
6
Der Frost lag wie ein grauweißer Film über der Landschaft, und der Himmel drückte gegen die Erde, als Dicte im alten Skejby abbog und bei Ny Mølle das Auto den Hang hinuntermanövrierte, vorbei an der landwirtschaftlichen Versuchsstation und den Wiesen, auf denen im Sommer Kühe weideten. Jetzt saß nur ein einsamer Mäusebussard auf einem Zaunpfahl. Er sah verfroren aus. Als Dictes Wagen näher kam, schwang sich der Vogel auf breiten Flügeln in die Luft und wurde zu einem dunklen Schatten vor der Watte des Himmels. Sie erschauderte. Sie hatte das Gefühl, plötzlich die Töne einer verborgenen, dunklen Sinfonie ahnen zu können. Als wollte die nasse, frostige Landschaft mit den nackten Bäumen und dem Mäusebussard oben am Himmel ihr eine Geschichte erzählen, die sie nicht hören mochte.
Sie schaltete das Gebläse ein, damit die Scheiben nicht noch mehr beschlugen. Ein eiskalter Hauch blies ihr ins Gesicht, und die Müdigkeit schmerzte in Armen und Fingern. Der Schlafmangel schien sie einzuholen, und der letzte Schluck Wein, den sie längst bereut hatte, ließ ihren Kopf brummen.
Der Arbeitstag hatte sich in die Länge gezogen, weil die Story über das Maskottchen geschrieben und ein Bild gemacht werden musste. Jan Hansen im Polizeipräsidium hatte ganz gerührt geklungen, als sie angerufen und erzählt hatte, dass der Teddy gefunden worden war. Sie wäre sich sonst auch ein wenig dumm vorgekommen. Das war nicht gerade die Exklusivstory, die ihr vorgeschwebt hatte, aber im Lauf des Gesprächs mit Hansen hatte sie doch eine Perspektive sehen können. Für die Kinder der unteren Klassen, deren Klassenzimmer abgebrannt waren, war der Teddy ein Licht im Dunkeln. Sie selbst hatte bei den Schäden mehr an die Millionen gedacht, die das kosten würde, aber dann hatte sie begriffen, dass auch etwas Unersetzbares in Rauch aufgegangen war. Die Zeichnungen der Kinder aus dem ersten Schuljahr. Ihre Kuscheltiere und ihre Bücher. In gewisser Weise vielleicht sogar ihre Kindheit.
Man hatte ihr erlaubt, mit Hansens Tochter Kamilla zu sprechen, und sie hatten ein Foto gemacht, auf dem sie mit dem Teddy im Arm vor der abgebrannten Schule stand. Ja, das war eine Story, die das ganze Gefühlsregister ansprach, und ja, Kaiser hatte sie gefallen, und er hatte sie auf die Titelseite gesetzt. Und außerdem war das keine gestellte Geschichte, die den Zeitungsverkauf ankurbeln sollte.
Als sie in den Topkærvej einbog, sah sie eine Rauchsäule, die sich aus den Überresten des nachbarlichen Stalls in die Luft wand. Vor ihrem inneren Ohr hörte sie das angstvolle Wiehern der Pferde und verband es mit dem Bild des kleinen Mädchens mit dem Teddy im Arm, das vor der Schule stand. Mit dem traurigen, müden Gesicht, das aus dem Kragen der Daunenjacke guckte, und dem im Wind leicht wehenden Haar. Kamilla hatte Dicte anvertraut, dass ihr eigener Teddy, Peter, auch irgendwo in dem abgebrannten Gebäude lag. Sie hatte es nicht über das Herz gebracht, es ihrem Vater zu sagen.
»Stell dir mal vor, wenn Peter unter all den Trümmern liegt. In dem ganzen Wasser. Er tut mir so leid.«
Dicte atmete tief ein und stieß die Luft mit einem schweren Seufzer wieder aus.
Sie sah auf die Uhr. Es war halb fünf. Rose war bestimmt schon zu Hause. Sie fuhr schneller, und langsam verflog die Traurigkeit. Das Auto rutschte geradezu auf den Parkplatz, und einen Moment ärgerte sie sich über ihre eigene Dummheit, als ein Stein gegen die Windschutzscheibe knallte. Sie hatte den ein Jahr alten Fiat gerade erst gekauft, nachdem der alte an einer natürlichen Ursache, wie Rose es nannte, verschieden war. Er war fünfzehn Jahre alt gewesen und hatte allen Versuchen, sein Leben zu verlängern, getrotzt.
Schnell sammelte sie ihre Tasche und die wenigen Einkäufe zusammen und wurde in der Diele stürmisch von Svendsen in Empfang genommen. Ein ganz gewöhnlicher Tag, dachte sie hoffnungsvoll. Die Mutter kommt zu Hund und Kind nach Hause. Alles ist, wie es immer ist, und um es ganz perfekt zu machen, ruft der Freund der Mutter an und sagt, dass er vorbeikommt und ein paar Pizzen mitbringt.
Dann kam Rose ihr entgegen, und plötzlich sah sie – in einem kurzen Moment –, dass etwas anders war. Wann war das passiert? Von einem Tag auf den anderen? Oder hatte sie nur nicht gesehen, dass ihre Tochter erwachsen geworden war?
»Svendsen! Runter!«
Roses Stimme hatte Autorität. Auch das war ihr noch nie aufgefallen. Der Hund gehorchte und hielt seine vier Pfoten auf dem Boden, während er eifrig um sie herumwieselte und sie begrüßte.
»Hallo, Schatz.«
Die Umarmung war, wie sie gehofft hatte. Aber da war dieser Blick. Erwachsen. Bekümmert, als wäre Dicte das Kind.
»Bist du okay, Mama?«
Sie hatte von der Redaktion aus angerufen und Rose auf den abgebrannten Stall vorbereitet. Kurz von den nächtlichen Ereignissen erzählt.
»Ja, sicher«, murmelte sie und bahnte sich mit den Supermarkttüten ihren Weg ins Haus. »Mir ist es nie besser gegangen.«
Rose trottete hinter ihr her in die Küche, an den Füßen die Lammfelllatschen, die sie von ihrem praktischen Jan zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. »Ein Sonderangebot aus dem Einkaufszentrum«, hatte Bo säuerlich kommentiert. Jan war ein vernünftiger junger Mann.
»Was ist mit dir? Geht es dir gut?«
Ach, du meine Güte. Hatten andere Mütter auch solche Schwierigkeiten, ihre siebzehnjährigen Töchter zu fragen, ob sie bei dem Freund gut geschlafen hatten?
Rose sah sie mit ihrem Erwachsenenblick an. Plötzlich vermisste Dicte das Funkeln des Silberrings im Nasenflügel. Er war zumindest ein kleines Zeichen von Jugend und Aufruhr gewesen, aber Jan hatte er nicht gefallen, und Rose hatte ihn schon lange entfernt.
»Sie haben die toten Pferde abgeholt«, sagte Rose. »Die Feuerwehr, glaube ich. Mit einem Kran. Das muss schrecklich gewesen sein, Mama.«
Roses dünne Arme schlangen sich um Dictes Hals.
»Ich bin stolz auf dich. Wenn man bedenkt, dass ihr die meisten gerettet habt.«
»Aber nicht alle.«
Roses Nase berührte ihre.
»Du hast getan, was du konntest, Mama.«
Sie setzten sich. Rose kochte Tee. Dicte hatte ein Vollkornbrot gekauft und machte ein paar Käsebrote. Keine Butter für sie, aber dick Butter und Käse für Rose.
»Die Nachbarn sind aus den Ferien zurück«, sagte Rose und biss zu. »Das muss ein Schock gewesen sein.«
Dicte nickte. Sie wollte gerade vorschlagen, hinüberzugehen und zu fragen, ob sie mit etwas helfen könnten, als Roses ernster Blick ihren einfing und die Unruhe ihren Rücken hinaufkroch und von hinten nach ihrem Hals griff. Sie konnte noch denken, dass das eine Art Vorwarnung war, so wie der Mäusebussard vorhin.
»Ich muss dir etwas erzählen, Mama.«
Sie hatte ein paar Sekunden, um Vermutungen anzustellen, während alle Instinkte in Alarmbereitschaft versetzt wurden. Vielleicht war das so, wenn man an einer der Scheidelinien des Lebens stand, vielleicht versuchte man dann, die Notbremse zu ziehen. Sie unterschied sich wohl kaum von den meisten.
»Mehr Tee? Vielleicht hätten wir besser Kaffee machen sollen«, schlug sie vor und stand auf.
Ihre Handflächen waren nass geschwitzt, und sie trocknete sie an der Hose ab.
»Nein, jetzt weiß ich es. Wir brauchen etwas Süßes.«
Sie öffnete den Schrank und nahm die Windbeutel heraus, die sie eigentlich als Nachtisch vorgesehen hatte.
»Hausgemacht.«
»Mama.«
Roses Blick holte sie in die Wirklichkeit zurück.
»Setz dich.«
Sie setzte sich. Rose räusperte sich und stellte ihre Teetasse ab, bevor sie den Blick hob.
»Wir haben uns ein kleines Haus angesehen.«
»Ein Haus?«
»Ein Reihenhaus. In Lystrup.«
»Ein Reihenhaus?«
Roses Blick war zärtlich. Sie streckte die Hand aus. Dicte sah auf die schlanken Finger, die sich mit ihren eigenen verflochten.
»Es würde dir gefallen«, log ihre geliebte Tochter. »Es hat zwei Stockwerke. Und einen Garten.«
Ach, du meine Güte. Sie hatte damit gerechnet und doch wieder nicht.
»Das meinst du nicht. Das kannst du nicht machen.«
Aber sie hörte selbst, wie hoffnungslos das war und dass sie wie das Echo vieler Müttergenerationen klang. Sie schämte sich, konnte aber nicht anders.
»Du bist zu jung.«
Rose schüttelte langsam den Kopf.
»Jan hat gespart, und sein Vater hilft uns mit dem Rest der Bezahlung. Die Belastung ist nicht sehr hoch«, fügte sie hinzu.
Die Belastung ist nicht sehr hoch. Dicte wollte hinausschreien, dass eine Siebzehnjährige solche Worte nicht in den Mund nehmen sollte. Dass sie lieber von Kinobesuchen mit den Freundinnen und coolen Typen, von durchfeierten Nächten mit Massen von Wodkadrinks und Fahrten zum Magenauspumpen reden sollte. Aber Roses Teenagerzeit war kurz gewesen. Ein Jahr auf dem Vulkan, dann hatte sie Jan getroffen, der eine Lehre in der Wirtschaftsprüfungsfirma seines Vaters machte.
Jan, der seine Geschenke im Einkaufszentrum kaufte und ein eigenes Auto fuhr.
Sie wollte sagen, dass das nur über ihre Leiche geschehen würde. Dass sie es verbot. Sie musste sich fast die Zunge abbeißen, während Wut und Unruhe durch ihren Körper wirbelten. Und dann war die Müdigkeit wieder da. Die Unvermeidbare. Das Bewusstsein, dass die Zeit auf Roses Seite war und nicht auf ihrer.
»Wann?«
Rose wand ihre Finger um ihre.
»In sechs Wochen, wenn wir zusagen.«
Genauso gut konnte man auch zum Tode verurteilt werden. Der Henker stand bereit, und nur noch ein letzter Wunsch wurde gewährt. Dicte schickte ihr Gebet gen Himmel. Ein Jahr, bat sie. Nur noch ein Jahr, dann bin ich bereit.
Sie leerte ihre Teetasse und nickte.
»Das wird aufregend«, sagte sie erwachsen. »Sollen wir kurz zu den Nachbarn rübergehen?«
Das Haus in Lystrup rückte eine Zeit lang in den Hintergrund, als sie schellten und Karen Graugaards Gesicht hinter der Tür auftauchte. Das Haar war silbergrau und zu einer Pagenfrisur geschnitten. Das Gesicht braun von den Tagen auf Skiern, die Falten deutlich und die Augen verletzlicher, als Dicte sie in Erinnerung hatte.
»Wir wollten fragen, ob wir mit irgendetwas helfen können«, sagte Dicte.
Karen Graugaard öffnete die Tür ganz und ließ sie eintreten.
»Sie haben doch schon geholfen, und wir sind Ihnen sehr dankbar«, sagte sie und führte sie durch die Verwüstungen in die Küche. »Möchten Sie eine Tasse Tee?«
Sie nahmen die Einladung an und setzten sich auf Hockern um den Küchentisch.
»Sie waren fleißig«, sagte Dicte. »Heute Nacht sah es hier aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.«
Karen Graugaard zuckte mit den Schultern.
»Zumindest hatte ich so etwas zu tun. Etwas, womit ich mich beschäftigen konnte, wenn Sie verstehen.«
Dicte nickte. Timbo kam und schnüffelte freundlich. Sie dachte an sein Erbrechen und dass jemand den Hund am Abend gefüttert haben musste.
»Was ist mit dem Hund?«, sagte Rose, die sich sichtlich unwohl fühlte. »Er muss doch bestimmt ausgeführt werden?«
Karen Graugaards Gesicht hellte sich auf. Die Falten zogen sich zu einem versuchten Lächeln zusammen.
»Das ist der Hund meiner Schwester, und ich hatte nur Zeit, ihn auf die Wiese zu lassen.«
Rose stand auf.
»Ich kann mit ihm und Svendsen zum Moor gehen.«
Sie saßen sich eine Weile schweigend gegenüber, als Rose mit dem Hund gegangen war.
»Kann ich beim Aufräumen helfen?«, fragte Dicte dann. »Das ist so viel. Das muss doch unüberschaubar für Sie sein.«
Karen Graugaard schüttelte den Kopf.
»Für Fremde ist das schwer. Alle Sachen haben ihren festen Platz und so.«
Natürlich hatten sie das. Wie in jedem Haushalt. Man machte sich nicht klar, mit welcher Systematik man sein Leben einrichtete.
»Ihre Schwester kommt vielleicht auch und hilft?«
Sie hätte keine schlechtere Frage stellen können.
Karen Graugaard seufzte und spielte mit der Teetasse. Sie sah Dicte an.
»Meine Schwester ist verschwunden.«
In ihrem Blick erkannte Dicte die Angst der Pferde wieder.
»Sie sollte auf die Tiere aufpassen«, kam es leise. »Sie sollte jetzt hier sein. Das ist nicht ihr Stil, einfach so zu verschwinden.«
Dicte wartete ein paar Sekunden, ob noch etwas kam, aber das war nicht der Fall.
»Haben Sie eine Idee, wo sie sein könnte?«
Karen Graugaard errötete leicht, bevor sie sagte:
»Sie hat Urlaub. Sie ist krankgeschrieben. Das ist eine lange Geschichte. Inger ist Lehrerin.«
»Wo arbeitet sie, wenn sie keinen Urlaub hat?«
Einen Moment schien Karen Graugaard zu überlegen, ob sie überhaupt antworten sollte. Dicte erinnerte sich, wie wütend sie gewesen war, als der Hund die Katze um die Strohballen gejagt hatte. Vielleicht hätte sie nicht so direkt fragen sollen.
»In der Møllevang-Schule.«
7
Rose ließ die Hunde los, sobald sie das Gehölz erreicht hatten. Sie folgte ihnen mit dem Blick, als sie in den Furchen des Traktors davonstoben. Svendsen wie ein Rennhund mit den langen Vorderbeinen und den unter dem schwarzen Fell glänzenden Muskeln der Hinterbeine. Timbo wie eine Wollflocke im Wind; ungeduldig bellend, weil der Kamerad abgehauen war.
Roses Füße, die in Gummistiefeln steckten, suchten Halt im Gras, das rutschig war durch den Frost und die dünne Schneedecke, die noch immer stellenweise den Boden bedeckte. Der Grund war uneben, und sie musste die ganze Zeit aufpassen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Genau wie zu Hause, dachte sie plötzlich. Immer auf der Suche nach dem Gleichgewicht.
Natürlich hatte sie den Blick ihrer Mutter bemerkt, bevor die Vernunft die Oberhand gewonnen hatte. Den verletzten Blick. Man könnte es kindisch nennen, aber das würde ihre Mutter bestimmt nicht verstehen. Vielleicht war »kindisch« auch nicht das richtige Wort. »Enttäuscht« traf es besser. Scheiße. Sie hatte ihre Mutter enttäuscht, und das hasste sie. Sie wollte es doch immer allen recht machen und hatte viele Jahre genau darauf verwendet.
Rose zog den Schal höher, sodass er auch den Mund bedeckte. Es wehte ein eisiger Wind. Der Mantel war für die Spaziergänge mit dem Hund nicht geeignet, aber ansonsten cool – retro und so. Vielleicht hätte sie doch den praktischen Daunenmantel, den ihre Mutter ihr angeboten hatte, nicht ablehnen sollen.
Aber der Wind war auch ihr Freund. Er blies alles rein. Blies das Bild von dem heruntergebrannten Stall und den toten Pferden fort. Der Gestank, der in ihre Nase stach, löste sich auf. Selbst die Enttäuschung ihrer Mutter über das Reihenhaus wog im Wind nicht mehr so schwer und war plötzlich nicht mehr so bedrückend.
So schlimm war es nun auch wieder nicht. Als wäre ein Reihenhaus schlechter als ein gewöhnliches Haus. War nicht die Hauptsache, dass man schön darin wohnte?
Die Hunde bellten. Sie waren auf das Feld gelaufen, wo die Wintersaat halbgrün und schneebedeckt in den Ackerfurchen stand. Jetzt schlitterten sie beide auf das Eis des kleinen Damms, der von Schilf umgeben war. Ein Hase schoss aus seinem Versteck und sprintete davon, beide Hunde jagten hinter ihm her. Über die Ebene, hinunter ins Moor.
»Svendsen! Hierher!«
Aber ihr Rufen hatte mehr eine symbolische Bedeutung. Erfolgte eher der Ordnung halber. Wenn das Jagdfieber Svendsen erst gepackt hatte, war er nicht mehr zu halten. Timbo lief ihm einfach hinterher. Rose ging in der Traktorspur weiter.
Sie hatte lange überlegt, wie sie es sagen sollte. Hatte auch darüber nachgedacht, ob der Entschluss richtig war. Sie war erst siebzehn, wie ihre Mutter gesagt hatte. Aber die Kindheit schien so weit weg. Sie konnte sie bereits nicht mehr sehen. Wann war sie entschwunden?
Sie kam mit sich überein, dass es mit der Scheidung zu tun haben musste. Es war gut ein Jahr her, dass ihre Eltern sich getrennt hatten und sie und ihre Mutter von Kopenhagen nach Århus gezogen waren. Und dennoch. Vielleicht reichte es noch weiter zurück.
Der Hase hatte die Hunde weit weggelockt. Sie sah sie als kleine Punkte unten bei der Einzäunung des Moors. Wenn sie nur nicht das Loch fanden, das der Fuchs gegraben hatte.
»Svendsen!«
Aber das Gehör des Hundes war heute schlecht. Ein selektives Gehör, nannte ihre Mutter das. Das Geld für den Hundelehrgang war bestimmt hinausgeworfen.
Sie konnte sich nicht erinnern, wann ihre Eltern es gut miteinander gehabt hatten. Konnte sich nicht erinnern, dass die Stimmung einmal anders als gedrückt gewesen wäre. Die unzähligen Affären ihres Vaters, von denen nie richtig gesprochen worden war. Das Schweigen ihrer Mutter. Natürlich nicht zu allem, aber zu dem, was sie mit sich herumtrug und was so viel zu bedeuten hatte, woran sie jedoch nicht zu rühren wagte.
Und dann war doch eines Tages alles auf sie eingestürmt. Hier, nach der Scheidung und nachdem das Kind auf dem Fluss gefunden worden war. All das, was sie gespürt hatte, was aber nie richtig zur Sprache gekommen war.
Die harte Erde knirschte unter ihren Stiefeln. Sie trat leicht nach einem Maulwurfshügel und tat sich weh.
Manchmal konnte einem bei dem Gedanken an die Vergangenheit ganz schwindelig werden. An die Familie, die sie hätte haben können und die jetzt nur irgendwo existierte, als gäbe es sie nicht. An den Halbbruder, den sie nicht kannte. An Großvater und Großmutter, die sie nie kennen gelernt hatte. So war es immer gewesen, so leer, und das war es wohl, was zu sagen ihr so schwer fiel. Dass sie etwas anderes brauchte als diese Leere. Und dass Jan und seine Familie das waren, wonach sie suchte. Ihre Eltern konnten das Sicherheitsdenken nennen, soviel sie wollten. Und was war eigentlich falsch daran? Jeder hatte schließlich das Recht, nach dem zu suchen, was für ihn wichtig war.
Sie sah das Reihenhaus in Lystrup vor sich. Familien mit kleinen Kindern. Gelber Backstein. Zwei Etagen und ganz viel Platz für ein kleines Privatleben und um Menschen im Wintergarten zu versammeln, wenn man das wollte. Sie verstand nicht, dass sie sich für diesen Traum schämen sollte und dass sie als junger Mensch nicht wählen durfte, um all das zu erreichen, was es zu erreichen galt. Dass sie sich durch eine Unmenge unbrauchbarer Freunde kämpfen und Sex mit Männern haben sollte, die sie gar nicht interessierten. Um erwachsen zu werden, wie es so schön hieß. Um richtig erwachsen zu werden, musste man sich offenbar erst einmal völlig bescheuert verhalten und eine Menge Dinge tun, zu denen man keine Lust hatte.
Sie musste lächeln. Sie hatte ihrer Mutter gegenüber noch nicht erwähnt, dass sie sich mit dem Gedanken trug, eine Ausbildung zur Wirtschaftsprüferin zu machen und in die Firma von Jans Vater einzusteigen, um ein richtiges Familienunternehmen daraus zu machen. Und dann das andere. Das, woran ihr am meisten lag. Das, woran sie kaum zu denken wagte, weil ihre Mutter einen sechsten Sinn hatte und es ahnen könnte. Nur hier, in Wind und Eiseskälte, konnte sie es laut aussprechen, falls es das war, was sie wollte. Dass sie Lust hatte, ein Kind zu bekommen. Ein Reihenhaus und ein Kind, um einmal die große Familie zu haben, die sie plante. Sie wusste, dass sie beide weinen und lachen würden. Rose seufzte, während sie nach den Hunden Ausschau hielt. Es war nicht leicht, erwachsen zu werden, wenn alle anderen es am liebsten sähen, dass man weiter ein Kind blieb wie sie selbst.
»Svendsen!«
Plötzlich wurde ihr klar, dass sie die Hunde nicht mehr sah. Dann hatten sie also doch das Loch gefunden. Hatten sich hindurchgezwängt und waren ins Moor gelaufen, wo Hunde natürlich angeleint sein mussten. Das Moor war ein Naturreservat, das wusste sie. Hin und wieder traf man auf Vogelbeobachter mit einem Fernglas um den Hals oder auf die orangen Lieferwagen des Wasserwerks. Ansonsten kamen nur Menschen hierher, die mit oder ohne Hund einen Spaziergang machten.
Sie beeilte sich, lief so schnell sie konnte, ohne auszurutschen und zu fallen. Die Wärme stieg ihr in Wangen und Hals. Im Moor trieb sich der Fuchs herum, und er hatte die Staupe. Mehrere Dorfhunde hatten sich bereits angesteckt.
»Svendsen! Timbo!«
Sie musste außen herum gehen. Den ganzen langen Weg hinten herum. Seitenstechen machte sich bemerkbar. Der Atem im Schal wurde nass und unangenehm, und sie spürte plötzlich, dass sie zitterte. Nicht äußerlich, aber innerlich. Ganz tief in der Nähe des Herzens, dachte sie verwundert.
Der Weg wand sich durch den Wald, wo Bäume im gefrorenen Moorwasser standen und mit ihren nackten, dunklen Ästen bedrohlich wirkten. Der Schlamm roch faulig, trotz des Frostes. Kleine Vögel wurden durch das Geräusch ihrer Schritte erschreckt, und ein Reiher flog unbeholfen auf und kämpfte sich durch das Gewirr der Äste.
Jetzt hörte sie das Geräusch. Ein Knurren tief in der Kehle. Svendsen. Bestimmt stand er aufrecht da, Schwanz und Nase in einer Linie. Aber noch konnte sie nichts sehen.
Sie ging weiter. Rief. Aber sie wusste, dass es sinnlos war, wenn die Hunde etwas gefunden hatten. Und dann hörte sie ein anderes Geräusch. Ein schwaches Winseln. Hohe Töne. Dann ein Heulen.
»Timbo! Timbooo!«
Jetzt konnte sie den kleinen weißen Hund sehen, wie er in dem tiefen Moor unter den großen Bäumen auf der anderen Seite des Wasserlaufs, wo sie so oft Rehe gesehen hatte, aufgeregt hin und her lief.
Sie konnte nicht erkennen, was da war, aber bestimmt hatten sie etwas gefunden. Wenn es nur keine Ziegenleiche war. Im Sommer weideten auf dem Feld neben dem Moor ökologisch gehaltene Ziegen, und hin und wieder hauten sie ab oder spießten sich gegenseitig mit den Hörnern auf. Jetzt, bei dem Frost, würde der Gestank glücklicherweise nicht so schlimm sein.
Sie fand eine Stelle, wo der Bach schmal war. Sie schob die Äste zur Seite, und einer schlug ihr ins Gesicht, dass es brannte. Dann spürte sie wieder das innere Zittern.
»Und? Was habt ihr da?«
Die Erde zwischen den Bäumen war weich. Schwankender Grund.
Svendsen machte mit den zurückgelegten Ohren und den reuig blickenden Augen einen schuldbewussten Eindruck. Aber der Körper war eifrig und ließ sich nicht bremsen. Er zitterte wie Espenlaub, während Timbo wie ein verlassener Welpe jaulte.
Und dann sah sie das Bündel. Einen Fuß. Eine Hand mit der Handfläche nach oben. Ein weinrotes, dünnes Kleid. Ach, du meine Güte, da lag ein Mensch, und ihr erster Gedanke war, dass es kalt sein musste, eiskalt. Sie blieb ganz still stehen, während auch die Gedanken zu Eis gefroren. Sie wartete, dass ihre Beine sie dorthin führten. Und dann merkte sie, dass kein Leben mehr in dem Bündel war. Dass dort vor ihren Füßen eine Tote lag. Und sie sah, wer sie war und dass die blaue Zunge direkt auf sie zeigte und die Augen weit aufgerissen waren. Und sie sah den Strick, der eng um den Hals der Frau lag. Und sie sah das Blut. Und mitten in all dem sah sie auch die Axt.
8
Es war wie ein Siegel, das aufgebrochen worden war. Als platzte all das, wovor man lieber die Augen verschloss, plötzlich heraus.
Das waren Dictes Gedanken, als sie im Moor die Autos mit Blaulicht sah und die Männer, die mit lauten Stimmen wie die Fliegen um ein totes Tier schwirrten. Es war inzwischen dunkel, und starke Scheinwerfer beleuchteten das Gebiet, das mit Flatterband abgesperrt war. Nackte Bäume standen im Eis, und das mannshohe Gras des Moores ragte wie umgedrehte Eiszapfen empor. Hier und da lag ein umgekippter Baum im Weg, die Äste im gefrorenen Schlamm, und von irgendwo in den Baumspitzen hörte man das hohle Heulen der Eule.
Sie verkroch sich in ihren Mantel und zog die Kapuze über den Kopf, weil von den das Moor umgebenden Feldern ein eisiger Wind wehte.
»Was für ein einladender Ort.«
Wagner stand neben ihr. Mit leicht hängenden Schultern. In dem Licht der Scheinwerfer sah er plötzlich zehn Jahre älter aus.
»Ein romantisches Abendessen zu zweit wäre vorzuziehen«, sagte sie. »Mit Kerzen auf dem Tisch und so.«
Sie wusste, dass sie mit ihrem Anruf bestimmt in seinen Freitagabend mit Ida Marie geplatzt war.
Wagner zuckte mit den Schultern.
»Die Arbeit geht vor. Und du hattest Recht.«
Er sagte es ein wenig resigniert. Als bedeutete es einen Sieg für sie und somit eine Niederlage für ihn. Aber das hatte nichts mit Kleinlichkeit zu tun, dachte sie. Eher mit Frust. Das wusste sie, weil sie selbst so empfand.
»Solltest du nicht zu Hause sein und deine Tochter trösten?«
Jetzt war es an ihr, mit den Schultern zu zucken.
»Rose geht es gut. Ihr Freund ist bei ihr.«
»Gut, wirklich? Braucht man heutzutage keine Krisenhilfe?«
Sie sah ihn von der Seite an, unter der Kapuze hervor.
»Dann nenn es okay. Sie ist okay. Sie will keinen Psychologen.«
Als er nichts sagte, fügte sie hinzu: »Sie ist doch kein kleines Kind mehr, verdammt.«
Wagner brummte irgendetwas. Ein weiteres Auto kam, wahrscheinlich der Gerichtsmediziner. Wagner ging zu ihm hinüber. Sie dachte, dass es jetzt an der Zeit wäre, sich eine Zigarette anzuzünden. Jetzt sollte das Ende einer Zigarette im Dunkeln glühen. Sie griff in die Tasche und zog ein Päckchen Kaugummi heraus. Zuckerfrei. Rose hätte sie gelobt.
Rose.
Wie viele Male hatte sie vor der Wahl zwischen ihr und ihrem Job gestanden? Wie viele Male hatte sie sie im Stich gelassen? Sie konnte sie nicht einmal zählen.
Sie hatte die Worte ihrer Tochter noch im Ohr: »Geh ruhig. Das ist schon okay, Mama. Ich habe Jan angerufen.« Aber das Gesicht hatte nichts Erwachsenes mehr gehabt. Es war das Gesicht eines Kindes, das sie jetzt vor sich sah, wie sie auf dem gefrorenen Boden im Dunkeln stand. Die weit aufgerissenen Augen, die den direkten Blick in die Seele freigaben, als Rose in eine Decke gehüllt auf dem Sofa gesessen und eine Schale mit warmer Suppe in den Händen gehalten hatte; aus einem Würfel Knorr Bouillon, von der fürsorglichen Mutter aus der untersten Küchenschublade hervorgezaubert. Das Einzige, das ihr eingefallen war. Abgesehen davon natürlich, das Mädchen in die Arme zu nehmen und festzuhalten, bis das Weinen verstummt war. Aber sie hatte ihre Mutterpflicht schnell erfüllt. Rose hatte sich sanft frei gemacht, als müsse sie, Dicte, getröstet und umsorgt werden.
»Das ist dein Job. Los, ab mit dir. Die Polizei ist doch schon da«, beharrte das Kind mit klappernden Zähnen.
Jan kam, und sie war überflüssig in ihrem eigenen Haus. Der Gerichtsvollzieher, wie Bo ihn konsequent nannte, wenn sie außer Hörweite waren und manchmal auch dann, wenn sie es nicht waren. Rose beruhigte sich in seiner Gegenwart, wenn auch die kleine, sorgenvolle Falte, die sich tiefer in ihre Stirn gegraben hatte, nicht verschwand.
»Es war so merkwürdig«, hörte sie sie auf dem Weg aus der Tür sagen. »So still.«
Jan murmelte irgendetwas Verständnisvolles.
»Der Tod«, fuhr Rose fort. »So lautlos. Das Geräusch des Nichts. Und das nach all dem anderen.«
Sie starrte in die Luft. Selbst von weitem konnte Dicte sehen, dass die Pupillen unnatürlich groß waren.
»Nach all dem Hass.«
Hass, dachte Dicte und sah zu der Absperrung hinüber. Es war ihr gelungen, den Tatort in Augenschein zu nehmen. Bevor das Bereitschaftsteam der Polizei eingetroffen und das Flatterband angebracht worden war, um Spuren zu sichern, hatte sie wie ein Voyeur dagestanden und das dünne Kleid betrachtet, das so eng anlag, dass sich die Konturen des Körpers deutlich abzeichneten. Die Füße. Das Haar, steif von Blut und Frost. Bevor es ganz dunkel geworden war, hatte sie gesehen, was sie sehen musste. Die Axt. Den zu einem Henkersknoten gebundenen Strick. Die Wut.
Aber woher die Wut kam, war eine andere Frage. Vielleicht aus einem abgrundtiefen Hass. Aber vielleicht, dachte sie, auch aus dem Gegenteil.
»Habt ihr Reifenspuren gefunden?«
Sie fragte Wagner, der wieder ein wenig abseits stand und gedankenvoll zum Tatort hinübersah, während der Gerichtsmediziner und die Techniker ihrer Arbeit nachgingen.
Er nickte.
»Sie haben einen Gipsabdruck genommen.«
»Demnach ist ein Auto hier gewesen. Vor kurzem?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Es kann eins vom Wasserwerk gewesen sein«, sagte sie. »Du weißt doch, dass hier sonst keine Autos fahren dürfen, nicht? Das ist ein beruhigtes Gebiet. Ein Naturreservat.«
»Wir sehen uns das an«, sagte er kurz angebunden.
Eine Weile standen sie linkisch schweigend da. Polizei und Presse waren wie eine unheilige Allianz, ließen einen an Sünde und Untreue denken, dachte sie. Man musste aufpassen, weil die Grenze zwischen ausnützen und sich ausnützen lassen haarfein war. Sie spürte immer wieder die fundamentale Nervosität der Polizei, sich eine Blöße zu geben, Informationen preiszugeben, die hätten von Nutzen sein können, wären sie unerwähnt geblieben. Mit dem Vertrauensbruch blutrünstiger Journalisten konfrontiert zu werden, deren Augen nur auf die Titelgeschichte für den nächsten Tag fixiert waren. Und sie ärgerte sich, weil sie wusste, dass das Misstrauen nicht ganz unberechtigt war. Und weil sie jetzt noch einmal von vorne anfangen musste. Nach all dem, was über die Polizei geschrieben worden war, musste sie erneut sorgsam Vertrauen aufbauen.
Wagner wäre es natürlich am liebsten, wenn sie nicht hier wäre. Bis jetzt waren noch keine anderen Journalisten aufgetaucht, obwohl sie den Polizeifunk abhörten. Aber sie waren ja auch weit draußen auf dem Land, dachte sie. Draußen im Moor, wohin die Presse normalerweise nicht kam. Hierher kamen nur Hundebesitzer und Ornithologen und Männer mit Stricken und Äxten.
»Sollen wir uns jetzt auch noch für ein Gruppenbild aufstellen?«, fragte Wagner.
Er nickte zu der Gestalt hinüber, die aus dem Dunkel in das Licht der Scheinwerfer trat. Bo hatte wie immer zwei Kameras über der Schulter und trug irgendeine Militärjacke, die einen an pfeifende Kugeln und Bürgerkrieg denken ließ. Sein Atem stand wie eine Wolke in der Luft.
»Du brauchst nicht zu lächeln«, versprach Dicte und beobachtete Bo, der sich mit langen Cowboyschritten näherte. Wo war er den ganzen Tag gewesen? Sie wusste nicht, wie sie ihn danach fragen sollte, denn genau genommen gehörte er ihr nicht und würde es sicher auch nie tun. Ein freier Vogel, um gar nicht erst von den acht Jahren zu sprechen, die er jünger war als sie.
Sie dachte das, während er auf sie zukam und sie seine Wachsamkeit spürte; den Blick, der zwischen den Bäumen auf Entdeckungsreise ging und den Tatort genau in Augenschein nahm, die rastlose Energie. Bo konnte man nicht einfach Rede und Antwort stehen lassen, aber Arbeit war Arbeit, und sie hatte ihn angerufen und unter seiner Handynummer erreicht.
»Guten Abend im Wald.«
Wagner nickte kühl.
»Was für ein Aufgebot«, fuhr Bo unangefochten fort. Er streifte Dictes Wange mit einem Kuss, und sie roch Bier, gemischt mit dem Rauch des morgendlichen Brandes. Ihr wurde klar, dass sie auch nach Rauch riechen musste. Dass sie sicher – genau wie Bo und Wagner – total geschlaucht aussah.
»Sie liegt da drinnen.«
Sie nickte in Richtung des Bachs, wo Techniker sich in ihren weißen Overalls und mit den Latexhandschuhen wie Gespenster bewegten. In dem Moment traf der Leichenwagen der Feuerwehr ein, ein ausgedienter Krankenwagen ohne Blaulicht und Sirene. Hier gab es kein Leben zu retten. Zwei Männer stiegen mit einer Trage aus, und Bo entfernte sich von ihr und begann ganz automatisch zu fotografieren, sodass der Blitz im Dunkeln leuchtete.
»Kannst du etwas über die Todesursache sagen?«, fragte sie Wagner.
Er schüttelte den Kopf.
»Hin und wieder habe ich das Gefühl, dass die Gerichtsmediziner überflüssig sind.«
Sie wusste genau, was er meinte. Oberflächlich betrachtet, stand die Todesursache fest. Der Strick oder die Axt. Aber warum war sie zweimal ermordet worden? Was hatte er zuerst benutzt und wann war der Tod eingetreten? Nur die Gerichtsmediziner konnten diese Fragen beantworten.
»Hier zitierst du mich hoffentlich nicht«, fügte er hinzu.
Sie drehte sich zu ihm um.
»Glaubst du an eine Verbindung?«
»Zwischen was?«
»Zwischen den beiden Bränden und dem Mord.«
»Auf jeden Fall zwischen den Bränden. Und das ist sogar offiziell, das kannst du schreiben.«
Ihre Gedanken überschlugen sich. Wie weit war es von Brandstiftung und Vandalismus zu Mord? Wie maß man den Abstand und wer war imstande, ihn in einer einzigen Nacht zu überschreiten?
»Ihr habt also etwas gefunden?«
Sie hörte die Gereiztheit in seinem Seufzer. Natürlich, dachte sie. Sie hatten nichts anderes, als dass Graugaards Wohnhaus ein potenzieller Tatort für einen Mord war. Die Polizei hatte das Haus zwar auf Fingerabdrücke und offensichtliche Spuren untersucht, aber durchkämmt hatten sie es nicht, das wusste sie genau. Und inzwischen hatte Karen Graugaard gestaubsaugt und geputzt.
»Wir haben in der Schule ein paar Fußabdrücke gefunden«, sagte Wagner. »Ein Feuerlöscher ist zertrümmert worden, und irgendjemand hat in dem Schaum herumgetrampelt.«
»Sehr professionell.«
Er nickte.
»Ich glaube, das ist nicht gerade ein Einstein, mit dem wir es hier zu tun haben.«
»Und im Wohnhaus? Das Gleiche?«
Wieder nickte er, und sie freute sich für ihn. Sie fühlte sich plötzlich schuldig, den Mord beinahe vorausgesagt zu haben.
»Das Gleiche. Im Rotwein von einer zerbrochenen Flasche.«
Die Sanitäter trugen die Trage mit Inger Graugaards zugedeckter Leiche über den Bach. Sie gaben sich alle Mühe, dass nichts schief lief. Bos Fotografieren klang wie ein Maschinengewehr mit Schalldämpfer, während er auf der Jagd nach dem besten Winkel zwischen den Bäumen herumsprang.
»Idiot«, murmelte Dicte.
»Jeder nach seinem Geschmack«, sagte Wagner freundlich.
Sie drehte sich ganz herum, um ihm in die Augen sehen zu können.
»Den mit den Schuhen meine ich.«
Wagner nickte ernst, aber zum ersten Mal sah sie den Ansatz eines Lächelns und war sonderbarerweise dankbar.
»Natürlich«, sagte er und stiefelte zu den anderen hinüber.
9
Was bringt einen Menschen dazu, so etwas zu tun? Was gehört dazu?«
Sie verlangsamte das Tempo vor der Straßenschwelle vor dem Hotel Marselis, bevor der Wald anfing. Obwohl die Sonne schien, hatten nur wenige die Idee gehabt, an einem Februartag in den Wald zu fahren. Sie waren fast die Einzigen auf dem Weg.
Bo blickte angestrengt zwischen die Bäume, als befände sich die Antwort im Wald.
»Ich dachte, wir wollten uns entspannen«, sagte er. »In den Wald gehen und Fangen spielen und ein Eis in der Sonne essen.«
Sie sagte nichts. Aber seine Stimme tat ihr weh, weil sie hörte, dass er unglücklich war. Sicher nicht ihretwegen, aber in der Regel gelang es ihr, ihn aufzuheitern, selbst wenn es Probleme gab.
»Vielleicht war es der Exmann«, sagte Bo schließlich, als sie sich dem Tierpark näherten und trotz allem Zeichen von Leben sahen. Vier, fünf Autos waren geparkt, und ein paar Familien mit Kindern trotzten der Kälte und spazierten im Park herum. Die Kinder in ihren Overalls ähnelten bunten Stehaufmännchen.
»Warum sollte es der Exmann gewesen sein?«
Sie wusste, was jetzt kommen würde. Sie hätte die Frage nicht stellen dürfen.
»Vielleicht hat sie ihm verboten, die Kinder zu sehen«, sagte er verbissen. »Vielleicht sind die Jahre vergangen, und er hat nie die Möglichkeit gehabt, seine Kinder richtig kennen zu lernen. Nach der Scheidung.«
Ach, du meine Güte. Das lief ja perfekt, das hier. Ihr kleiner romantischer Ausflug, den sie geplant hatte, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Um im Wald und am Strand frei durchzuatmen, vielleicht durch den Tierpark zu schlendern und sich unter einem Baum zu küssen, während die Rehe neidisch zusahen. Träum weiter!
Sie parkte neben einem roten Opel Kadett, stellte den Motor aus und wandte sich zu Bo.
»Ingers Mann ist vor drei Jahren gestorben«, informierte sie ihn freundlich und fügte nach einer Pause hinzu: »Glaubst du wirklich, du wärst dazu in der Lage?«
Er starrte sie trotzig an. Aber dann zögerte er doch. Sie sah es an den Augen, und einen kurzen Moment sah sie noch etwas anderes, wollte die Hand nach ihm ausstrecken und ihn berühren, wagte es aber nicht.
»Das mit dem Strick, ja. Das andere, nein.«
»Mit der Axt?«
Er nickte.
»Mit der Axt.«
»Wir wissen ja nicht, was zuerst kam.«
Das Grau in seinen Augen zog sich zusammen und wurde zu Schwarz.
»Die Angst kam zuerst.«
Sie öffnete die Tür und stieg aus. Sie spürte die Unruhe wie ein Kribbeln unter dem Mantel. Sie wusste, sie sollte es nicht ansprechen, konnte es aber nicht lassen.
»Kann ein Schüler seine Lehrerin wirklich so hassen? Denn diese Möglichkeit ist wohl am wahrscheinlichsten, wenn man den Brand in der Schule mit in Betracht zieht.«
Bo antwortete nicht. Er war vorausgegangen, um das rote Holzschloss aufzumachen. Sie dachte weiter über das mit dem Schüler nach. Unglückliche Liebe? Wohl kaum. Sie versuchte, sich Inger Graugaard in Erinnerung zu rufen, wie sie ausgesehen hatte, wenn sie ihr auf den Spaziergängen mit dem Hund begegnet war. Eine graue, anonyme Gestalt in praktischen Schuhen und einem alten Mantel, mit einem Pagenschnitt wie die Schwester. Und einem Paar allzu müder Augen und leicht grauer, großporiger Haut. Nicht direkt ein Mensch, der große Leidenschaften hervorrief, obwohl man so etwas nie wissen konnte. Aber sie war Lehrerin an der Møllevang-Schule, auch wenn sie krankgeschrieben war. Die beiden Brände wurden aufgrund der Fußabdrücke, die man im Pulver an dem einen und im Rotwein an dem anderen Tatort gefunden hatte, in Verbindung gebracht, sodass Inger Graugaard, logisch betrachtet, von den Brandstiftern ermordet worden sein konnte. Das musste auch die Theorie der Polizei sein, obwohl Wagner am Freitagabend im Moor stumm wie eine Sphinx gewesen war. Der Täter fand sich wahrscheinlich unter den Personen, die eine Verbindung zu der Schule hatten. Derzeitige oder frühere Schüler dürften in der Liste ganz oben stehen.
Sie folgte Bo, der trotz allem galant war und ihr die Tür aufhielt. Trotz allem, weil seine natürliche Rücksichtnahme ihm an diesem Wochenende abhanden gekommen zu sein schien. Nicht, dass er unfreundlich gewesen war, nur verschlossen, wie sie ihn selten erlebt hatte. Es war ein richtig gemütliches Wochenende gewesen, bis jetzt. Zwei Brände, ein Mord um die Ecke, eine Tochter, die in ein Reihenhaus ziehen wollte, und ein Freund, der seine zwei Kinder vermisste, was konnte man sich mehr wünschen?
Sie holte ihn ein, und sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Dann spürte sie die Hand, die nach ihrer suchte. Die Wärme. Das versuchsweise Lächeln. Und irgendwo in seinem Blick sah sie all das, was noch immer da war, auch wenn es im Verborgenen schlummerte.
Aber nur kurz. Dann verschwand es wieder, als wäre ihm etwas eingefallen.
»Was ist?«
Er schüttelte den Kopf, während sie Hand in Hand weitergingen. Sie wusste, dass es direkt unter der Oberfläche schlummerte. Es erinnerte sie an irgendetwas. An den Blick eines anderen, vielleicht. An etwas, das zurückgehalten wurde.
»Kennst du den Schnullerbaum?«, fragte er.
»Nein.«
»Dann zeige ich ihn dir.«
Er zog sie mit sich. Am Waldrand liefen in aller Ruhe Rehe herum. Eine Familie mit zwei Kindern in Overalls hatte Äpfel mitgebracht und fütterte ein paar der Tiere. In Reih und Glied stehende Buchen streckten ihre Stämme gen Himmel, und unter der dünnen Schneedecke lagen Haufen von Blättern wie ein kupferfarbener Teppich. Sie dachte an das Moor. An wild wachsende Bäume und struppige Wurzeln. An den Körper, der auf der nassen Erde gelegen hatte, genauso unordentlich wie der Rest.
Der Schnullerbaum stand wie ein Weihnachtsbaum auf einer Hügelspitze. Er leuchtete in allen Farben. An jedem Ast hingen Schnuller in allen Formen und Farben. Kleine Briefe waren in Plastik eingepackt, um sie gegen Regen und Wind zu schützen.
»Wir waren vor ein paar Jahren mit den Kindern hier«, sagte Bo. »Tobias hat geheult und es bereut. Ninka war tapfer und hat würdig Abschied genommen.«
Der letzte Schnuller. Sie beobachtete sein Gesicht, und ein Messer bohrte sich in ihr Herz. Erinnerungen. Kindheit. Sie dachte an Kamilla und den Teddy, der vor dem Brand gerettet worden war. Wie verletzlich man als Elternteil war und wie wenig dazugehörte, dass die Sehnsucht und diese grenzenlose Liebe sich in der Stimme breit machten und einen zu allem Möglichen trieben. Die Erinnerung an Schnuller.
»Bo?«
Er stand einen Moment regungslos da.
»Was hast du?«
Er seufzte. Griff nach einem Brief und las laut: »›Ich heiße Mie und bin vier Jahre. Pass gut auf meinen Schnuller auf.‹«
Er drehte sich zu ihr um.
»Freitag habe ich die Kinder aus der Schule geholt. Ich habe der Lehrerin gesagt, dass ihre Oma krank ist. Wir hatten einen halben Tag zusammen.«
Sie merkte, wie ihr Mund sich öffnete. Sie wollte so viel sagen; wollte fragen, ob er noch richtig klug sei und dass er das Recht, seine Kinder zu sehen, verlieren könne. Aber die Worte kamen nicht.
»Sie haben sich so gefreut«, fuhr er fort. »Wir sind zu McDonald’s gegangen.«
Sie starrte ihn an, seine Gestalt, die noch sehniger geworden war und wie ein gespannter Bogen wirkte. Das struppige blonde Haar und den Bart, der gepflegter war als das erste Mal, als sie ihm begegnet war. Aber trotzdem sah er wie jemand aus, den man auflesen und mit nach Hause nehmen, dem man eine warme Mahlzeit vorsetzen sollte. Die Rastlosigkeit haftete ihm wie eine zweite Haut an, spiegelte sich in seinem Blick, der immer nach Motiven suchte.
Sie versuchte, ruhig zu klingen.
»Was hat Eva dazu gesagt?«
Er sah sie scheel an und lächelte sogar, und sie fragte sich, ob er jegliche Urteilskraft verloren habe.
»Wir haben es ihr nicht erzählt.«
»Was soll das heißen?«
»Ich habe sie wieder zurück in die Schule gebracht, und sie hat sie dort abgeholt.«
»Und die Kinder?«
Er drehte sich weg und machte ein paar Schritte, aber sie hatte das Schuldgefühl gesehen, bevor sie ihm folgte.
»Wir haben verabredet, dass das unser Geheimnis bleibt.«
»Bo, verdammt.«
Sie griff nach seinem Arm und zwang ihn, sie anzusehen.
»Das ist doch nicht der richtige Weg. Das weißt du genau. Das macht doch alles nur noch schlimmer.«
Er blieb stehen und starrte sie an wie eine Fremde, und die Albträume der letzten Monate durchströmten ihren Körper wie ein kalter Strom. Seine Enttäuschung jedes Mal, wenn Eva die Kinder nicht zu ihm ließ, in der Regel mit dem Hinweis, dass ihnen das oder das fehle. Seine Frustration, die sich, wie Dicte schnell merkte, bald gegen sie richtete. Die langen Abende mit zu viel Wein. Die Nachtstunden im Bett, in denen sie sich endlich fanden, oder den Abstand. Die Verwünschung.
Die sah sie jetzt in seinen Augen, war aber trotzdem dankbar. Immerhin hatte er Eva verlassen.
»Es kann nicht schlimmer werden«, sagte er müde.
Um den Tag zu retten, fuhren sie zur Marina und aßen Fischfrikadellen im »Navigator« mit Aussicht über die verfroren aussehenden Segelschiffe mit ihren nackten Masten und die Århus-Bucht, die auf das Frühjahr wartete.
»Vielleicht solltest du eine Reise machen«, schlug sie vor. »Du hast so oft vom Mittleren Osten gesprochen.«
Er sah sie wachsam an.
»Du willst mich loswerden.«
Das war das Letzte, was sie wollte.
»Vielleicht brauchst du Ablenkung. Durch die Arbeit«, fügte sie hinzu.
Sie wollte ihn bestimmt nicht loswerden, aber er verstand nicht, dass sie ihm helfen wollte, indem sie ihm einen Schubs gab. Ihr Blick riss sich aus seinem los und wanderte an den Wänden entlang, in die Ecken und Kanten. Das Restaurant war maritim aufgemacht. An der gegenüberliegenden Wand hing eine Tafel mit Knoten. Mit Seilstücken wurde gezeigt, wie man die verschiedenen im Segelsport üblichen Schlingen und Knoten machte. Irgendetwas rührte sich in ihrem Bewusstsein, ganz kurz, dann war es wieder fort.
Bo seufzte und griff quer über den Tisch nach ihrer Hand. Ihr Handwerker. War er vielleicht nicht gekommen und hatte ihr durcheinander geratenes Leben in Ordnung gebracht, innerlich wie auch äußerlich? Schuldete sie ihm nicht mehr, als ihn wegzuschicken und die Augen vor seiner Verzweiflung zu verschließen?
»Versuch, mich zu verstehen.«
Sie nickte und dachte, dass zumindest dieser Blick jetzt verschwunden war. Der zerstreute, der geheimnistuerische.
»Ich versuche es.«
Indem sie die Worte aussprach, wusste sie es. Es war Karen Graugaards Blick, den sie bei Bo gesehen hatte. Ein Blick, der eine andere Wahrheit verbarg als die, die erzählt wurde.
Sie blickte auf und starrte die Tafel mit den Knoten an, während sie sich zu erinnern versuchte, wie die Schlinge um Ingers Hals ausgesehen hatte. Professionell, soweit sie das beurteilen konnte; mit dem zu einem altmodischen Henkersknoten gebundenen Strick. Lernte man so etwas in der Schule?
10
Niemand verlangte das von ihr. Es wäre ein Leichtes gewesen, jemanden zu bitten, für sie einzuspringen. Faktisch erwarteten sie das sogar, sowohl der Pfarrer als auch die Küsterin und der Kirchendiener und damit auch die Gemeinde.
Aber sie hatte die Hoffnung, dass es ihr gut tun und sie hier, auf ihrer Orgelbank, hoch über der Gemeinde, ja, sogar über dem Pfarrer auf seiner Kanzel, einen Halt finden würde. Sie hatte gehofft, eine Verbindung herstellen zu können, wenn sie sich nur genug Mühe gab. Die Musik half ihr gewöhnlich. Die Musik und die Worte.
Karens Finger fanden die Töne zu Max Regers Präludium in F-Dur. Die Füße in den Orgelschuhen glitten über die Pedale. Die Orgelpfeifen öffneten und schlossen sich, und die Töne strömten in die Skjoldhø-Kirche, ein Meisterwerk von einem modernen Gotteshaus, entworfen von den Architekten Friis und Moltke.
Die Kirche war gut besucht. Aber nicht so gut wie zu den Gottesdiensten. Die Leute mussten sich erst daran gewöhnen. Lichtmess war zu einem Fremdwort geworden, seit der alte Feiertag mit den anderen zu Buß- und Bettag zusammengelegt worden war. Aber der Pfarrer war von ihrem Vorschlag, das Licht zu feiern und die Gemeindemitglieder zu bitten, die sieben Lesungen vorzutragen, begeistert gewesen. Es würde schön aussehen, wenn jeder nach beendeter Lesung zum Altar hochstieg und eine weiße Kerze im Leuchter anzündete.
Sie hatten viel geübt. Die Rolle des Chors war schwierig. Vor allem der Kyriesatz. Vor dem Norwegenurlaub hatten vier Proben stattgefunden, und sie hatte um den Klang gekämpft, den hellen Klang, der den Winter beenden sollte.
Und jetzt saß sie hier, während die Küsterin Henny Dahl unten stand und das Eingangsgebet betete. Die Musik hatte sie nicht berührt. Sie hatte die Verbindung nicht herstellen können, konnte sich anscheinend nicht mehr mit Gott unterhalten. Und die einzigen Worte, die in ihrem Kopf rumorten, stammten aus einem Psalm, den sie hasste, wenn man so etwas von Psalmen sagen durfte. Oder überhaupt von irgendetwas. Denn genau darum hatte sie gekämpft – nicht zu hassen. Das war ihr Lebensziel und der direkte Grund, warum sie den Weg gewählt hatte, den sie gewählt hatte. Die Kirchenmusik.
Aber die Worte drangen doch in ihr Bewusstsein, und die Wut begann wie Haferbrei zu brodeln, der zu kochen anfängt.
Es waren die Worte Kingos, des Bischofs und Kirchenliederschreibers. Sie war kein Fan von Kingo und dem Barock, und vielleicht störten seine Worte sie deshalb. Er war so melodramatisch. Oft arbeitete er mit etwas, das sie als billige Tricks bezeichnen würde. Denn mehr waren sie nicht, diese Worte, als billige, rührselige Tricks. Trotzdem verfehlten sie ihre Wirkung nicht.
Ohne einen Einfluss darauf zu haben, formten ihre Lippen den ersten Vers. Das waren keine Worte, die an einem Tag wie dem heutigen gebraucht werden sollten, es waren Worte der Finsternis. Aber sie war ja auch nicht vergangen, die dunkle Nacht, obwohl sie später genau diesen Psalm singen würden. Die dunkle Nacht war hier, mitten in dieser Kirche und in ihrem Gemüt. Sie konnte ihr nicht entkommen, wie sehr sie sich auch bemühte.
»Dunkelheit die Erd umhüllet, und die Nacht ist nun vorhand. Dunkelheit die Sonne trübet, Jesus legen will in Band. Solche Nacht ward nie davor, zu ist nun das Himmelstor. Jesus, unsre Sonn und Ehren, wird der Nachte Schande lehren.«
Sie wiederholte zwei der Strophen, während eine Frau aus der Gemeinde aufstand und aus dem Lukasevangelium vorlas. Simons Lobgesang.
Die Worte rotierten in ihrem Kopf. »Solche Nacht ward nie davor, zu ist nun das Himmelstor.« Und sie spürte den Griff um ihr Inneres, hart, fast schon brutal, und die Kälte, die sich um ihre Füße ausbreitete. Ihr Herz schien zu schlagen aufgehört zu haben. Als existierte es nicht länger, sondern wäre in dem Augenblick aus ihr herausgerissen worden, als sie erfahren hatte, dass Inger tot war. Nicht nur tot. Ermordet.
Denn sie wusste, dass es ihre Schuld war. Ausnahmslos ihre Schuld, obwohl sie darum gekämpft hatte, das Richtige zu tun. Sie hatte versagt. War nicht imstande gewesen, auf ihre eigene Schwester aufzupassen. Da war es wohl nicht so verwunderlich, dass der Herrgott ihr nie ein eigenes Kind geschenkt hatte.
Nach der Lesung und der ersten angezündeten Kerze setzte der Chor ein. »In Fried und Freud dahin ich fahr«, sang er, und ihr Spiel wurde mechanischer, was die Sänger natürlich merkten, aber auch verstanden. Sie wussten, was passiert war, und glaubten, dass es ihr deshalb so schlecht ging.
Sie konnte sie geradezu untereinander flüstern hören, wenn sie ihnen den Rücken zuwandte. Ihre eigene Schwester. Im Moor gefunden. Erwürgt und der Kopf mit der Axt gespalten. Die arme Frau, darüber kommt sie nie hinweg.
Ein weiteres Gemeindemitglied stand auf und las aus dem Matthäusevangelium, 5,13–16. »Ihr seid das Licht der Welt.« Darauf folgte ein Kirchenlied, Nummer 314: »Mach dich bereit, o Christenheit.«
Ob Inger bereit gewesen war, ihrem Schöpfer gegenüberzutreten? Sie bezweifelte es.
Inger, die immer auf der Suche und so verwirrt gewesen war. In der letzten Zeit hatten sie hin und wieder zusammen in der Bibel gelesen. Es war ihre Idee gewesen. Sie hatte Inger etwas Grundlegendes geben wollen anstelle ihrer ewigen Streifzüge in andere Glaubensrichtungen. Wie dem letzten. Der mit ihrem Zusammenbruch geendet hatte. Natürlich hatte sie der Polizei davon erzählt, aber nicht alles. Denn schließlich war da noch Lise, und Inger hätte gewollt, dass Lise beschützt wurde. Die Tochter der Nachbarin erinnerte sie an Lise. Der schlanke Teenagerkörper. Das lange Haar, das an die Sechzigerjahre mit den Hippies und Friedenssymbolen erinnerte. Selbst die Augen. Groß und blau.
Sie hatte gesagt, dass sie nicht wisse, wo Lise sich aufhalte, und so gesehen stimmte das auch. Aber sie würden sie finden, natürlich würden sie das. Und sie wagte sich nicht vorzustellen, zu welchen Schlussfolgerungen sie kommen würden.
Die Polizei hatte sie nicht beeindruckt. Vor allem die zwei geschäftigen jungen Beamten nicht, die mit ihr und Søren gesprochen hatten, als der Stall brannte. Sie hatten so einen gleichgültigen Eindruck gemacht. Aber da war dieser andere, nachdem sie Inger gefunden hatten. Er hatte sich als Kriminalkommissar John Wagner vorgestellt. Mit ihm konnte man reden. Er sang selbst im Chor, hatte er erzählt – und auch in welchem. Sie hatte anerkennend genickt. Das war ein guter Chor. Sie kannte den Dirigenten von der Kirchenmusikschule.
Wagner hätte sie alles erzählen können. Er hatte gütige, ruhige Augen. Er hatte auf der Sofakante gesessen und sich zu Søren und ihr vorgebeugt. Feinfühlig und freundlich.
»Wir müssen etwas über Inger wissen. So viel wie möglich«, hatte er gesagt.
Sie hatte verständnisvoll genickt.
Er sah sich kurz im Wohnzimmer um, in dem noch immer Chaos herrschte, wenn auch das Schlimmste beseitigt war. Die Bilder hingen wieder an der Wand oder standen auf der Anrichte. Die Möbel waren auf ihren Platz gerückt und die Scherben aufgefegt worden.
»Wie lange hat sie hier gewohnt?«
»Drei Wochen.«
Sie wusste, was kommen würde, bevor er die Frage gestellt hatte. Natürlich musste er fragen.
»Warum? Wo wohnte sie sonst?«
Sie wand sich. Wog das Für und Wider ab. Dachte, dass er es müsse sehen können, aber das war ihr egal.
»Sie hatte einen Zusammenbruch. Vielleicht könnte man von einer unglücklichen Liebesbeziehung sprechen.«
»Wie ist das zu verstehen?«
Sie würde nichts sagen. Nicht alles. Sie dachte an Lise.
»Da war Gewalt im Spiel«, sagte sie schließlich.
Wagner hob fast unmerklich eine Augenbraue. Sie konnte sehen, was er dachte, und war zufrieden.
»Haben Sie den Namen des Mannes?«
»Anders Langballe.«
»Und wo finden wir ihn?«
Sie schluckte und sah zu Søren hinüber, der ganz unglücklich aussah. Erst jetzt sah sie, dass er sein Hemd falsch zugeknöpft hatte und sein Haar ungekämmt war. Immer musste sie hinter ihm her sein. Sie sah Wagner an. Man konnte ihm vieles erzählen, aber er war trotz allem ein Polizist.
»Im Staatsgefängnis in Horsens. Da sitzt er ein, wenn er nicht abgehauen ist, aber dann wären wir wohl informiert worden.«
Sie sah, dass er versuchte, die Fassung zu bewahren. Er atmete ein und langsam und kontrolliert wieder aus. Löste die Krawatte ein wenig, obwohl er ansonsten sehr korrekt gekleidet war. Zivil, genau wie die Kriminalpolizei in Filmen immer auftrat.
»Anders Langballe«, murmelte er und griff nach der Kaffeetasse auf dem Tisch, entschied sich dann jedoch anders und setzte sie mit einem vorsichtigen Klack wieder ab. »Ich erinnere mich an den Namen und auch wieder nicht. Weswegen sitzt er?«
Zum ersten Mal sah sie ihn direkt an.
»Wegen eines sadomasochistischen Mordes.«
Sie waren bei der sechsten Lesung angekommen. Sie war aus dem Epheserbrief. »Licht im Herrn.«
Die Frau aus der Gemeinde war nervös und stolperte über die Worte. Die Kerze ließ sich mit dem Feuerzeug nicht anzünden, sie ging immer wieder aus. Schließlich nahm sie eine der anderen Kerzen und zündete sie damit an.
Der Chor sang »Jedes Licht in der Nacht des Lebens«, und plötzlich sehnte sie sich nach Inger, mit einem starken, physischen Schmerz. So würde es sein, das wusste sie. Manchmal würde er sie überfallen. Manchmal sich unwirklich anfühlen. Aber er würde immer da sein und ihr wie ein Schatten folgen.
Die siebte Lesung war aus einem der Psalmen: »In deinem Lichte sehen wir das Licht.« Darauf folgte ein Kirchenlied: »Zum Himmel reicht deine Gnade, o Gott.« Und dann das Glaubensbekenntnis und der Segen, und nach dem Schlussgebet sang noch einmal der Chor, und sie konnte ihre Noten und Schuhe einpacken. Am liebsten wäre sie hier geblieben, in dem stillen Raum. Sie dachte an ihren Vater und wünschte, es ließe sich aufschieben, aber sie sah ein, dass es an der Zeit war.
Wieder saß er in der Sonne. Sie sah, dass er schwitzte, und nahm die Decke fort, die über seinen Knien lag.
»Hast du Kuchen mitgebracht?«
Sie nickte.
»Natürlich. Das mache ich doch immer.«
Sie packte ihn aus. Holte Kaffee. Er versank in sich selbst und verkleckerte Himbeerfüllung aus dem Brötchen. Sie säuberte ihn mit einer Serviette und nahm Anlauf.
»Vater.«
Die wasserblauen Augen zeigten keine Reaktion. Sie musste sich hinsetzen, damit er sie ansah, musste seinen Verstand ansprechen und hoffte gleichzeitig, ihn nicht erreichen zu können.
»Inger ist tot.«
Zuerst sah sie keinerlei Reaktion. Dann schien sich etwas in ihm zu regen. Seine Lippen formten ein Wort. Die Augen wanderten an der Wand hinauf zu den farbigen Bildern, die die Alten aufmuntern sollten.
»Tot.«
Das Wort klang so hohl, als es endlich kam. Nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung.
»Man hat sie im Moor gefunden. Tot«, sagte sie und vermied es bewusst, »ermordet« zu sagen.
»Tot«, wiederholte er verwundert, und ihr kamen Zweifel, inwieweit er sie verstanden hatte.
»Tot«, erklärte sie noch einmal, weil er es sonst von jemand anderem erfahren würde. »Inger ist tot, Vater.«
Sekunden vergingen. Sie konnte nahezu hören, wie der Sekundenzeiger an seiner Uhr die Zeit in kleine Teile zerteilte. Dann richtete er endlich den Blick auf sie, und sie sah die Jahre darin ausgelöscht. Für ihn gab es nur das Hier und Jetzt. Alles andere war fort, und sie fragte sich, ob es jemals zurückkehren würde.
»Wer ist Inger?«, fragte er.
11
Nimmst du ihn, bitte?«
Ida Maries Stimme erreichte ihn aus dem Badezimmer. Wagner goss schnell Wasser auf die Bohnen, bevor er zu dem Kinderstuhl ging, um den weinenden Martin aufzunehmen. In einer Viertelsekunde konnte er noch denken, dass er Kaffee hätte Kaffee sein lassen sollen. Dann hätte er es vielleicht geschafft, bevor Martin in seiner Wut die kleine Faust in das Bananenmus knallte und anschließend mit einer beschmierten Hand den Milchkarton erwischte, den irgendjemand vergessen hatte, aus seiner Reichweite zu stellen. Teller, Milch und Bananenmus zerschmolzen zu einem Chaos, als sich alles über die Wachstischdecke ergoss und mit einem Klatsch auf dem Boden landete.
Hätte er doch nur mit dem Kaffee gewartet. Hätte Ida Marie ihn nur nicht alleine gelassen. Wäre er nur vor zehn Minuten zur Arbeit gegangen. Die Gedanken reihten sich sinnlos aneinander, während er sich an die Arbeit machte. Er hob den Milchkarton auf, trocknete unter großem Protest die Finger des Kleinen ab und griff nach der Küchenrolle. Panisch riss er große Stücke davon ab und legte sie auf die Tischdecke, wo sie schnell durchweicht waren und an die dünne Haut auf gekochter Milch erinnerten.
Unter dem Hemd lief ihm der Schweiß herunter. Vielleicht würde er sich nie ganz daran gewöhnen, dass Ida Marie sich so auf ihn verließ. Nina hatte das nie getan. Sie war immer da gewesen, jedenfalls soweit er sich erinnerte. Sie hatte ihn nie mit einem schreienden, hungrigen, morgenmuffeligen einjährigen Kind alleine gelassen. Und falls doch, hatte er es vergessen. Vielleicht lag es daran. Vielleicht war er einfach zu alt für so etwas.
Martin brach erneut in ein gewaltiges Geheul aus, und Wagner zerbrach sich den Kopf, wie er den Jungen am besten unterhalten konnte. Er hatte einfach keine Lust, ihn aufzunehmen. Es würde garantiert damit enden, dass er Rotz und Bananenmus auf dem sauberen Hemd hatte, und gegen das Geschrei würde es wahrscheinlich auch nicht helfen. Er schielte zu dem Kaffee hinüber. Hatte er fertig gezogen? Schaffte er es noch, eine Tasse zu trinken?
Die Gedanken konnten den Krach kaum durchdringen. Er bezwang den Drang, sich die Ohren zuzuhalten. Aber dann hörte er auf, wie er begonnen hatte. Ein kleiner Hicks und ein Hochziehen, und Martin streckte bettelnd die Arme nach ihm aus. Das Eis in Wagners Herz schmolz und verwandelte sich in etwas Warmes. Er ließ das Hemd Hemd sein und wiegte den Jungen in den Armen, während er zum Kaffee ging, um den Filterkolben hinunterzudrücken. Martin streckte eifrig seine kleine Hand aus, und Wagner wunderte sich wieder einmal, wie schnell man die Mühen vergaß.
»Willst du es versuchen?«
Er half der kleinen Hand und drückte mit seiner, die auf der des Jungen lag, den Filterkolben herunter. Martin gab einen Schrei von sich, den Wagner als Begeisterung auslegte.
»Aus dir wird einmal ein richtiger Kaffeekenner ...«
Er wollte noch mehr sagen, doch dann hielt er inne – »wie dein Vater« ging natürlich nicht. »Wie dein Stiefvater« klang so boshaft und altmodisch. Und an John konnte er sich einfach nicht gewöhnen. Dazu war er doch zu konservativ. Deshalb gab er es auf, griff nach einer Tasse und goss sich von der lieblichen schwarzen Flüssigkeit ein, während Martin, der plötzlich bester Laune war, auf seinem Arm drauflosplapperte.
»Das klappt ja ausgezeichnet. Ihr braucht mich gar nicht.«
Der Kuss auf seiner Wange war wie die Berührung eines Engelsflügels, und er nahm ihre verschiedenen Düfte in sich auf; den natürlichen Duft ihrer Haut und den der Seife, gemischt mit einem Spritzer Parfüm. Bestimmt irgendetwas mit Ingwer. Sie hatte ihm den Namen gesagt.
Ida Marie ließ Martin auf seinem Arm sitzen, während sie sich selbst einen Kaffee eingoss. Sie schmierte sich in Ruhe eine Scheibe Weißbrot mit einer dünnen Schicht Butter und sah aus wie das, was sie war: eine berufstätige Mutter, für die es selbstverständlich war, dass man die Aufgaben untereinander aufteilte. Er hatte nie protestiert. Er wusste, dass er sich daran gewöhnen musste, wenn er sie behalten wollte. Sicher, manchmal fühlte er sich leicht überfordert, aber es stand so viel auf dem Spiel. Der Gedanke an ein Leben ohne sie jagte ihm Angst ein. Deshalb übernahm er lieber seinen Part.
»Kommt Alexander in der Schule gut zurecht?«
Schließlich waren die Aufgaben gleich verteilt. Sie kümmerte sich auch um seinen und Ninas Jüngsten, nur eben nicht heute. Heute war eine Besprechung mit der Geschäftsleitung des Flughafens angesetzt, und sie hatte um der Sache willen eine Dreiviertelstunde im Badezimmer verbracht. Es war wichtig, hatte sie ihm erklärt, jetzt, wo das Reisebüro am Store Torv zu den Großkunden des Flughafens gehörte und bessere Konditionen aushandeln wollte.
Er nickte.
»Er hat sein Frühstücksbrot selbst geschmiert.«
Sie lächelte ihn an, und er sehnte sich nach ihrem Körper. Nach den weichen Lippen und der Hingabe, wenn sie alleine waren.
»Der arme Junge.«
Er lächelte sie über den Rand der Kaffeetasse an, wagte es, Martin zurück in den Stuhl zu setzen, und kassierte einen anerkennenden Blick von Ida Marie, als ihm das ohne Proteste gelang. Trotzdem dachte er, dass es vielleicht nicht ganz gelogen war, das mit dem armen Jungen. Vielleicht waren die Kinder wirklich die Armen in dieser Zeit, wo die Arbeit über alles ging. Was waren auf lange Sicht die Konsequenzen? Die Rebellion der erwachsenen Kinder, die das Gefühl hatten, in Institutionen gesteckt und einer Kindheit mit Mutter und Vater beraubt worden zu sein? Oder Schlimmeres?
Er dachte an seine eigene erwachsene Tochter, die er fast nie sah. An sein Enkelkind. Sie wohnten in Kopenhagen. Als Rebecca noch klein war, hatte er auch keine Zeit gehabt. Vielleicht hatte er sie nie richtig kennen gelernt.
Ida Marie stopfte schnell das Weißbrot in sich hinein und trank ihren Kaffee aus. Dann stand sie auf und streckte sich. Sie war businessgerecht gekleidet, wie er sah. Die blaue Uniform war mit einem Seidentuch und etwas hochhackigeren Schuhen als gewöhnlich aufgepeppt worden. Die Haare hatte sie zu einer Grace-Kelly-Frisur hochgesteckt – ihre langen Haare, die er so liebte und die ihr sonst immer bis zur Taille gingen und ihr ein mädchenhaftes und zerbrechliches Aussehen verliehen. Er kam mit sich überein, dass ihn dieses andere Bild beunruhigte. Ihm ein wenig zu erwachsen und damenhaft war.
»Was meinst du?«
Er nickte.
»Perfekt.«
Sie kam zu ihm hin, legte ihm die Arme um den Hals und zog ihn in das Vergissmeinnichtblau ihrer Augen. So standen sie eine Weile, während Martin auf wundersame Weise still wie ein Mäuschen war. Magneten zogen sie zueinander hin. Pressten sie fester zusammen. Ihre Lippen, die sich auf seinen öffneten. Das leichte innere Rieseln. Die Seligkeit.
»Lügner«, sagte sie zärtlich und machte sich frei.
»Der Lippenstift.«
»Ich weiß.«
Sie setzte sich an den Tisch und holte den Spiegel aus der Tasche. Kurz darauf sah sie zu ihm hoch, den Lippenstift neu aufgetragen.
»Du hast auch etwas abbekommen«, sagte sie dann, und er ging ins Bad und sah sich im Spiegel an. Ein hoffnungslos verliebter, etwas älterer Mann mit sehr roten Lippen.
»Clown«, flüsterte er, lächelte aber trotzdem.
Wieder in der Küche, hatten sie zwei Minuten Ruhe für eine weitere Tasse Kaffee. Ein Luxus, so kam es ihm vor.
»Was macht dein Fall? Ist Dicte immer noch involviert?«
Er hatte ein wenig erzählt. Er sah die Verletzlichkeit in ihrem Blick und wusste, dass sie von der Freundin enttäuscht war, die sich so lange nicht gemeldet hatte. Nach ihr fragte sie in Wirklichkeit, nicht nach dem Fall.
»An Spuren fehlt es uns nicht.«
Er seufzte innerlich. Zu viele Spuren waren auch nicht gut. Sie trübten das Wasser und erschwerten das Manövrieren.
»Dicte macht einen etwas gestressten Eindruck. Vielleicht solltest du sie einmal anrufen.«
Ida Marie trank ihren Kaffee aus und goss sich einen neuen ein. Ihr Kaffeeverbrauch war noch größer als seiner.
»Schon wieder? Ich denke, ich habe es oft genug versucht.«
Und das hatte sie. Jedes Mal hatte sie Entschuldigungen zu hören bekommen. Er schüttelte den Kopf. Was wusste er schon von so etwas. Er stand auf, nahm die Jacke von der Stuhllehne und gab ihr einen Abschiedskuss.
»Du kannst sie ja auch einfach mal besuchen«, schlug er vor und sah ihren Zweifel.
Die Arbeit war immer eine Freistatt gewesen, egal, wie sehr er seine Familie liebte.
Das war heute nicht anders. Das dachte er, als er durch die Glastür des wie ein roter Kasten wirkenden Präsidiums trat und von dem üblichen Wirrwarr aus Menschen, die dies oder das wollten, empfangen wurde. Heute hatte einer von ihnen einen Stadtplan von Århus dabei und fragte nach dem Weg zum Musikhuset, während ein junges Mädchen mit einem blauen Auge und einem Säugling auf dem Arm ihren Freund anzeigen wollte. Hinter der am weitesten entfernten Glaswand sah er die Leute der Notrufzentrale an ihren Telefonen sitzen und die Tafel, an der die Schlüssel der im Keller stehenden Einsatzwagen hingen. Am Wochenende war immer viel los. Bestimmt waren sowohl die Ausnüchterungszelle als auch ein Großteil der Einsatzwagen gebraucht worden. Die Hundestaffel war auch im Einsatz gewesen, das wusste er mit Bestimmtheit, da er selbst darum gebeten hatte, den Tatort im Moor gründlich abzusuchen. Nicht, dass etwas dabei herausgekommen wäre.
»Was haben wir?«
Er ließ die Frage über den zur Morgenbesprechung versammelten Kollegen schweben. Nur Arne Petersen fehlte. Er war irgendwo am Viborgvej aufgehalten worden, wo ein Lastzug umgekippt war und viele tausend Cola-Flaschen zur Freude der Autofahrer über die Straße gerollt waren.
»Die Fingerabdrücke sind nicht in unserer Datenbank.«
Jan Hansen machte den Anfang.
»Ärgerlich.«
Es war mehr als das. In den meisten Fällen stießen sie auf alte Bekannte, wenn ein Verbrechen begangen worden war. Bei den jungen Krawallmachern handelte es sich meistens um dieselben, ganz egal, ob sie nun aus dem Ausländermilieu oder der Rockerszene kamen. Die Personen waren dieselben, nur die Schauplätze änderten sich.
»Aber wir gehen noch immer davon aus, dass es sich bei den Tätern um junge Leute handelt, die in irgendeiner Verbindung zu der Schule stehen?«
Ivar K stellte die Frage, an der sie wohl alle das Wochenende über, an dem die technischen Untersuchungen weitergegangen waren, geknabbert hatten.
Wagner nickte, ließ den Kaffee aus der Kantine an sich vorbeigehen und erinnerte sich dankbar an die beiden morgendlichen Tassen mit Ida Marie. Stark gerösteter Kenya Blue Mountain. Er röstete die Bohnen im Ofen selbst und mahlte sie grob.
»Wir haben immerhin die Fußspuren.«
»Und Inger Graugaard?«, fragte der bald dreißig werdende Eriksen in seinem schweren westjütländischen Dialekt, den er nie ganz loswurde.
Das war der springende Punkt: Ob man die Vandalen mit dem Mord in Verbindung bringen konnte. Auf Anhieb erschien das logisch.
»Davon können wir im Moment ausgehen«, sagte Wagner. »Sie war Lehrerin an der Schule. Deutlicher kann es eigentlich nicht sein.«
Ivar K nickte, legte den Kopf in den Nacken und trank seinen Kaffee wie andere Wasser. Wagner schauderte.
»Ich hatte einmal einen Mathelehrer«, erklärte Ivar K. »Der reinste Sadist. Einmal hat er mich in einen Schrank eingesperrt, und nach der Schule wollte er, dass ich ihm einen blase. Er hat mir gedroht, mich durchfallen zu lassen.«
Hansen fuhr sich mit der Hand über den glatt rasierten Schädel.
»Irgendwie musst du aber bestanden haben. Sonst säßest du nicht hier.«
Ivar K funkelte ihn an. Die Augen blitzten.
»Wir waren ein paar Kameraden und haben ihm eine Lektion erteilt.«
Wagner unterbrach die beiden, bevor die verbale Schlacht sich weiterentwickelte. Er konnte sich Ivar K in so manchen Situationen vorstellen, nur nicht wie er jemandem eine Lektion erteilte.
»Was ist mit den Reifenspuren? Können wir damit etwas anfangen? Die technische Abteilung sagt, dass sie von einem der Autos des Wasserwerks stammen.«
Eriksen räusperte sich und faltete ein Stück Papier auseinander, das er aus der Hosentasche gezogen hatte.
»Ihr dürft nicht glauben, dass ich gewöhnlich mit Kollegen, die nicht zum Team gehören, Fälle diskutiere. Aber ich habe doch einen Vetter, der unten in der Einsatzleitstelle arbeitet, und Samstag hatten wir ein Familientreffen.«
Wagner lächelte innerlich. Eriksens Familie war so groß, dass man sie für Katholiken halten könnte, und mehrere arbeiteten bei der Polizei. Er hatte auch einen Vetter bei der Kripo in Ringkøbing.
»Ich habe ihm von der Reifenspur erzählt und dass sie wahrscheinlich von den einzigen Fahrzeugen stammt, die in dem Gebiet fahren dürfen, nämlich von denen der Stadtwerke, weil die Gemeinde ihr eigenes Wasser hat, das aus dem Moor kommt.«
Eriksen lehnte sich, beide Ellenbogen aufgestützt, über den Tisch. Ein sicheres Zeichen, dass jetzt etwas kam, das er für wichtig hielt.
»Jens hat mir erzählt, dass am Mittwoch ein Arbeiter des Wasserwerks sein Auto als gestohlen gemeldet hat. Er konnte sich daran erinnern, weil er den Mann selbst am Telefon hatte und er sehr aufgeregt war.«
Er sagte es mit einem Gewicht, als handle es sich um eine entscheidende Spur in einem Serienmordfall. Natürlich konnte da ein Zusammenhang bestehen. Vielleicht hatte der Mörder das Auto gestohlen und das Opfer damit ins Moor gebracht. Das würde den Fall nur noch weiter erschweren. Aber hatte der Täter wirklich alles so genau geplant? So etwas war ungewöhnlich hierzulande, dachte Wagner. Das gab es meistens nur im Film. Außerdem konnte es so viele andere Erklärungen geben, wie Inger Graugaard ins Moor gekommen war.
»Das müssen wir natürlich überprüfen«, sagte er trotzdem. »Wir werden es erfahren, sobald man das Auto gefunden hat. Wenn es nicht schon schwarz lackiert auf dem Weg nach Polen ist«, fügte er wie zu sich selbst hinzu.
Eriksen nickte bedeutungsvoll. Wagner fragte sich kurz, ob er auch ein Lied zu seinem eigenen Geburtstag schreiben würde. Eriksen schrieb in seiner Freizeit Lieder zu festlichen Anlässen.
»Ich kümmere mich darum.«
Weitere Aufgaben wurden verteilt und mögliche Motive von allen Seiten beleuchtet. Auch die Informationen von Karen Graugaard mussten überprüft werden. Es stand bereits fest, dass Anders Langballe nicht der Täter sein konnte. Als Anführer einer Sadomasosekte war er im Jahr 2000 wegen Mordes an einem Sektenmitglied verhaftet worden und saß noch immer im Staatsgefängnis von Horsens ein. Unmittelbar schien keine Verbindung zwischen diesem Mord und Inger Graugaards Tod zu bestehen, aber Ivar K wurde die Aufgabe zugeteilt, das näher zu untersuchen und ihn im Gefängnis zu verhören. Wagner dachte flüchtig an das Gespräch mit Karen Graugaard. Sie hatte ihm nichts von der Sekte erzählt. Gab es noch mehr, das sie der Polizei verschwiegen hatte? Er beschloss, sie bald noch einmal zu befragen. Aber vor allem mussten sie sich darauf konzentrieren, die Vandalen und damit hoffentlich auch den Mörder zu finden.
Die Besprechung dauerte bereits eine Dreiviertelstunde, als Arne Petersen endlich, den Arm voller Cola-Flaschen, auftauchte.
»Greift zu!«
Ivar K runzelte die Brauen.
»Was zum Teufel soll das, Petersen? Bist du unter die Hehler gegangen?«
Arne Petersen sah entrüstet aus.
»Die sind an die Leute auf der Straße verteilt worden. Was hätten wir sonst damit machen sollen?«
Wagner lächelte.
»Und zu den Leuten gehören wir auch?«
Petersen machte erst ein dummes Gesicht. Doch dann ritt ihn der Teufel, und er öffnete eine Flasche, dass die Kohlensäure spritzte. Wagner dachte an Martin und den Milchkarton.
»Ich denke, wir sollten feiern, dass sich bei dem Dienst habenden Beamten ein paar Zeugen zu dem Schulbrand gemeldet haben.«
Wagner wartete geduldig, während Arne Petersen Cola in die Tassen goss, als wäre es Champagner.
»Ein Mädchen aus der Siebten«, sagte er über die Schulter, während er Ivar Ks Tasse bis zum Rand füllte. »Ich habe Namen und Telefonnummer. Sie hat am Abend vier Jungen auf dem Spielplatz der Schule stehen und rauchen sehen. Einen hat sie als früheren Schüler erkannt und den anderen als seinen Bruder, der in die Neunte geht. Prost!«
Wagner hob seine Tasse und merkte, wie sich deren Inhalt auf seinen Lippen in einen Veuve Clicquot bester Qualität verwandelte.
12
Ach, du meine Fresse, hat der sich ins Zeug gelegt.«
Bo war in strahlender Montagslaune. Vielleicht weil er sich etwas mehr Zeit mit den Kindern erschlichen hatte, wie immer das zugegangen war. Vielleicht hatte er sie in der Pause mit zu McDonald’s genommen. Vielleicht auch nur am Schulzaun gestanden und sie zu sich gerufen; einen Schneeball geworfen und ein Lächeln oder zwei zurückbekommen.
Sie dachte es, während sie neben ihm auf dem Sofa in der Dunkelkammer saß. Auf dem Sofa, das von allem etwas gesehen hatte, was Affären anging. Oder – man durfte schließlich hoffen – er war froh, weil sie sich geliebt hatten. Einander gefunden hatten, so hieß das doch. In dem ganzen Durcheinander aus Brand und Verwüstungen und Mord und Scheidung und Roses Drohung, zu Hause auszuziehen, hatten sie am Sonntagabend eine CD von Robbie Williams aufgelegt und getanzt. Getanzt und gespürt und geschnuppert und geschmeckt. Nach einigen Flaschen Rotwein, natürlich, aber in Krieg, Liebe und Meinungsverschiedenheiten waren alle Tricks erlaubt.
»Wer?«
Sie murmelte es, die Nase gegen seinen Hals gepresst, als sie eng beieinander saßen. Sie spürte seinen Puls, studierte die Haut. Konnte die feinen Poren ahnen und die grauen Narben der Augen sehen, hinter denen sich Tragödien verbargen, selbst erlebte ebenso wie andere, deren Zeuge er draußen in der Welt geworden war und die er mit seiner Nikon verewigt hatte. Die Lust auf ihn kam zurück, obwohl sie eigentlich nur in die Dunkelkammer gekommen war, um Kopien zu machen.
»Holger, der Held, natürlich.«
Er hatte die aufgeschlagene Zeitung auf den Knien und zeigte es ihr.
»Hier. Und hier. ›Allein erziehende Mutter taucht mit Kind unten«, las er mit ekelerfüllter Stimme vor. »Sie soll ihren Sohn gezwungen haben, Malstifte zu essen.«
»Münchhausen-by-proxy«, erklärte Dicte, die schon einmal über einen ähnlichen Fall geschrieben hatte. »Er ist verdammt produktiv gewesen.«
Bo blätterte in der Zeitung.
»Und hier, verdammt. Eine ganze Doppelseite über den Schulbrand. Jede Menge Wörter. Hast du nicht gesagt, dass er nicht schreiben kann?«
Dicte richtete sich auf. Holger Søborgs Name war plötzlich überall zu sehen. Er hatte am Wochenende Dienst gehabt, aber trotzdem. Sie überflog die Texte, und die Wut stieg wie Blasen in ihr auf.
»Das kann er auch nicht. In der Regel braucht er fünf Stunden für einen Zweizeiler.«
Sie selbst hatte keine Story in der heutigen Ausgabe. Ihr Artikel über den Mord am Freitagabend war in der Sonntagszeitung erschienen, und danach war Wochenende gewesen. Sie las, und plötzlich fiel ein Teilchen an seinen Platz. Kürzungen. Entlassungen. Jeder vierte Mitarbeiter musste gehen. Die Zeitung knisterte auf Bos Knien.
Polizei jagt junge Brandstifter mit Hochdruck lautete die Überschrift des Artikels. Auf der Titelseite fand sich ein Hinweis auf den Artikel, auch mit Holgers Namen, der wie mit Neonbuchstaben geschrieben vor ihren Augen blinkte. »Die Polizei von Århus hat viele Kräfte für die Jagd nach den Tätern bereitgestellt, die die Møllevang-Schule abgefackelt haben. Man geht davon aus, dass es sich um Jugendliche handelt«, hieß es in dem Vorspann; dann folgte der Text: »Die Polizei von Århus hat eine intensive Suche nach den Tätern eingeleitet, die nicht nur hinter Brand und Vandalismus in der Møllevang-Schule stehen, sondern vermutlich auch hinter den weitgehenden Verwüstungen in der Samsøgade-Schule und der privaten Elise-Smith-Schule. Die Polizei untersucht einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Vandalismus und dem Mord im Kasted-Moor vom Freitag.«
Weiter unten im Text konnte sie lesen, dass mindestens zwanzig Beamte auf den Fall angesetzt waren und der Schulratsvorsitzende erklärt hatte, dass die Schulen jetzt ihre Bemühungen koordinieren und ihr Geld für eine bestmögliche Sicherung der Gebäude einsetzen mussten. Und, der Himmel möge ihr beistehen, es gab noch einen weiteren Artikel in der Zeitung, wie die Jugendlichen heutzutage vernachlässigt und sich selbst und diversen Computerspielen überlassen blieben. Natürlich unter Bezug auf irgendeinen Psychologen, der als Experte zitiert wurde.
»Hör auf.«
Sie hörte selbst ihre Panik darüber, dass ein anderer sich in ihr Arbeitsfeld eingeklinkt hatte, ungeachtet ob dieser andere nur ein Praktikant war oder nicht. Dann spürte sie eine leichte Beschämung, weil sie im Lauf der Zeit selbst so viele Zusammenstöße erlebt und für eine größere Flexibilität plädiert hatte sowie dafür, dass die Zeitung an erster und die Primadonna-Allüren der Reporter erst an zweiter Stelle kamen. Aber trotzdem. Das hier war etwas anderes.
»Wer zum Teufel glaubt er, dass er ist?«
»Vielleicht ist er auf den Cavling-Preis aus«, meinte Bo.
Sie las die Artikel noch einmal. Irgendetwas war falsch, aber sie konnte nicht sagen, was.
»Die Kürzungen!«, schlussfolgerte sie schließlich.
Bo glich einem Fragezeichen. Als freier Mitarbeiter hatten sie ihn genau da, wo sie ihn haben wollten. Da, wo sie weder Rente noch Krankengeld zahlen mussten.
»Er will eine feste Anstellung, wenn er mit der Schule fertig ist«, erklärte sie Bo, der auf alles, was fest war, allergisch reagierte.
»Cecilie möchte, dass er eingestellt wird«, präzisierte sie ihre Aussage. »Dann weiß sie, wo sie ihn hat.«
»Armer Kerl«, murmelte Bo.
Er stand auf, gähnte und streckte sich, lang und dünn und struppig wie eine der Katzen, auf die man in Griechenland oder Spanien traf. Die Freelancer unter den Haustieren, konnte sie noch denken. Entweder ganz wild oder ganz zahm. Auch wenn man sie mit nach Dänemark nahm und ihr Ohr tätowieren ließ.
Er zog sie vom Sofa hoch, küsste erst ihre Nase und dann ihren Mund.
»Pass auf«, flüsterte er. »Er hat ein Messer im Ärmel, und das ist auf deinen Rücken gerichtet.«
Eine Frau stand an der Rezeption, als sie endlich die Kopien gemacht und weiter über das gemeckert hatte, was ihr wie ein Komplott vorkam. Natürlich konnte sie nichts beweisen, und außerdem war es nicht verboten zu schuften. Aber irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas war absolut falsch. Das Gefühl verschwand auch nicht, während sie die Frau einige Sekunden beobachtete, die dort stand und unsicher den Gang hinunterblickte. Eine junge Frau in altmodischen Klamotten. Ein Kopftuch um den Kopf wie eine Bauersfrau; ein unkleidsamer brauner Wollmantel, ein graubraunes Kostüm und vernünftige Schuhe.
»Benedicte?«
Sie stand ganz still. Sie erkannte sie und doch wieder nicht. Wellen von Kindheit schlugen über ihr zusammen. Sofie? Ihre Lippen wollten sich bewegen und den Namen aussprechen, aber die Stimme versagte.
»Bist du das, Benedicte?«
Die Frau trat einen Schritt ins Licht, und Dicte begegnete den hellen blauen Augen, die sie früher so streng hatten ansehen können. Nicht ein Tag war in der Kindheit vergangen, ohne dass sie sie zurechtgewiesen hatten, dachte sie. Jetzt blickten sie nur erschrocken.
»Sofie«, brachte sie endlich heraus. »Was machst du hier?«
Sie hörte selbst, wie abweisend sie klang. Aber die Worte waren gesprochen, und sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte.
»Darf ich mich setzen?«
Es gab keine Umarmung, nicht einmal einen Händedruck. Sofie befand sich auf verbotenem Terrain. Nervosität knisterte zwischen ihnen, und Dicte sah ein, dass sie die Sache in die Hand nehmen musste.
»Sicher. Wenn du willst, können wir uns in die Kantine setzen und einen Kaffee trinken.«
Soweit sie sich erinnerte, war es den Zeugen Jehovas nicht verboten, Kaffee zu trinken. Sofie hielt sich bestimmt an alle Regeln. Oder an die meisten, berichtigte sie sich. Denn eine der Regeln besagte, dass man keine Familienmitglieder aufsuchen durfte, die ausgestoßen worden waren.
»Nur ein Glas Wasser«, sagte ihre Schwester nichtsdestotrotz, und jetzt hörte Dicte, dass ihre Stimme leicht zitterte.
»Ich bleibe nicht lange.«
Dicte goss kaltes Wasser in ein Glas. Nicht lange. Sie hatten einander über zehn Jahre nicht gesehen, und Sofie blieb nicht lange. Bilder tauchten vor ihren Augen auf, ohne dass sie es wollte. Sie war vielleicht sechs und Sofie acht, als sie in den Ferien Großmutter und Großvater in Århus besucht hatten. Sie waren in die Altstadt geschleppt worden und in den Kopfsteinpflasterstraßen um die Wette gelaufen; waren ins Tivoli Friheden gegangen, wo sie auf dem Rasen Livemusik gehört und mit den anderen Kinder gespielt hatten, die in den Sommerferien dort waren. Großmutter hatte Filetsteaks gebraten, und in der ganzen Wohnung hatte es herrlich nach Zuhause und Sicherheit und reinstem Glück und Freiheit gerochen.
Sie drehte sich mit dem Wasserglas in der Hand um und streifte mit dem kühlen Glas kurz ihren Puls, der schnell pochte. All das hatten sie verloren. Als ihre Mutter begeistert und verbissen Jehova begegnet war und nach einer gewissen Zeit auch ihren Vater überzeugt hatte, war es vorbei mit den Ferien bei Großmutter und Großvater. Höchstens einen Nachmittag durften sie bleiben, und auch das nur unter Aufsicht, damit sie nicht mit Karten- und anderen Spielen korrumpiert wurden.
Sie reichte Sofie das Glas und fragte sich, ob sie diese Zeit jemals vermisst hatte. Ob sie zweifelte. Aber dann begegnete sie dem stahlharten Blick und wusste, dass dem nicht so war. Ihre Schwester war immer eine Musterzeugin gewesen.
»Danke.«
Sofie nippte vorsichtig an dem Glas, als könnte das Wasser giftig sein.
»Wie hast du mich gefunden?«
Sofie zuckte mit den Schultern.
»Ich wusste, wo du bist. Arbeitest«, berichtigte sie sich.
Dicte schenkte sich schwarzen, starken Kaffee ein. Wusste Sofie auch, wo sie wohnte? Hielten sie trotz allem ein Auge auf sie? Sie schauderte, hoffte aber irgendwo in ihrem Inneren, dass sie ihnen nicht gleichgültig war.
»Ich komme wegen Vater.«
Irgendetwas in der Stimme ließ Dicte auf den Stuhl sinken. Wieder spulte sich der Film vor ihren Augen ab. Sie sah ihren Vater vor sich und atmete den Duft von Tabak ein, aus der Zeit vor der Veränderung. Sie erinnerte sich an sein breites Lächeln, das die tiefblauen Augen leuchten ließ. Sie hatte diese Augenfarbe nie mehr bei einem Menschen gesehen. Sie konnte sein Lachen nahezu hören, wie es durch das Haus schallte, und der Verlust stach wie eine Ahle; präzise und scharf. Sie fragte sich flüchtig, warum Sofie gekommen war, und ihr Mund wurde trocken, als ihr die Möglichkeiten bewusst wurden.
»Ist er krank?«
Sofies Blick flackerte zum Fenster, über die Spüle und landete auf ihren Händen, die gefaltet im Schoß auf dem groben Stoff des Rocks lagen.
»Er hatte einen Verkehrsunfall. Er ist auf dem Bürgersteig von einem alkoholisierten Autofahrer angefahren worden.«
Die Stimme referierte die Einzelheiten des Unfalls. Wie die Polizei den alkoholisierten Autofahrer gejagt hatte. Wie er in voller Fahrt die Rechtskurve über den Bordstein genommen hatte. Aber Dicte nahm die Worte nicht mehr auf. Etwas in ihr riss auf, und ein Laut drängte an die Oberfläche. Sie wusste nicht, ob sie weinte oder schrie, und es war ihr auch gleichgültig.
»Wo ist er?«
Wieder begegnete sie dem unsteten Blick.
»Du weißt, wie das ist. Mutter will das eigentlich nicht. Sie weiß nicht, dass ich hier bin.«
Ihre Hand schoss nach vorn, bevor sie darüber nachdenken konnte. Sie griff nach Sofies Arm und hielt ihn fest. Der Stoff füllte sich rau und abweisend an.
»Wo?«
Sie hörte ihr eigenes Schluchzen und wunderte sich. Eigentlich hatte sie geglaubt, alles gut verdrängt zu haben.
»Fass mich nicht an«, sagte Sofie ruhig, und Dictes Finger ließen sie wie von selbst los.
Ihre Schwester stand auf und griff hastig nach ihrer Tasche, die an eine alte Schultasche erinnerte. Sie stellte sie auf den Tisch. Öffnete sie. Legte zwei Exemplare von Wachtturm und Erwachet! neben Dictes Kaffeetasse.
»Im Stadtkrankenhaus. Auf der neurologischen Abteilung. Er wird künstlich beatmet.«
Dictes Magen krampfte. Sie wollte ihr nachlaufen, als Sofie aus der Tür stürzte. Sie wollte sich bedanken und sagen, dass sie wusste, welch großes Risiko damit verbunden war, hierher zu kommen, und dass sie vorsichtig sein und ihren Vater besuchen würde, wenn niemand sonst bei ihm war. Sich rein- und rausschleichen würde wie ein Schatten; der sie in ihren Augen auch war. Eine Nichtexistierende. Doch stattdessen blieb sie wie angewurzelt auf dem Stuhl sitzen. Ihr Blick landete auf den beiden Blättern, und sie wusste, dass sie Sofies Alibi vor sich selbst waren. Sie war der Verkündigung nachgegangen.
»Hast du ein Gespenst gesehen?«
Sie wusste nicht, wie viele Minuten vergangen waren. Cecilie stand in der Tür, mit den üblichen Utensilien der Journalistin, dem Block in der einen und dem Kugelschreiber in der anderen Hand.
»So etwas Ähnliches«, murmelte Dicte. Sie wollte nach der Kaffeetasse greifen, aber aus irgendeinem Grund griff sie nach dem Wasserglas. Vor ihrem inneren Auge sah sie das Bild der Quelle mit rieselndem, klarem und kaltem Wasser. Sie trank begierig, und die Gedanken trugen einen vorübergehenden Sieg über die Gefühle davon.
»Meine Schwester«, murmelte sie. »Mein Vater liegt im Krankenhaus.«
»Das tut mir leid.«
Cecilie stand ein wenig linkisch da. Freundinnen würden sie nie werden. Sie hatten nie darüber gesprochen, aber Dicte wusste sehr wohl, dass Bo zwischen ihnen spukte. Nicht, dass Cecilie sich noch etwas aus ihm machte, aber es hatte ihrer Eitelkeit einen Schlag versetzt, dass er eine andere und nicht zuletzt ältere Frau ihr vorgezogen hatte. Sie öffnete den Kühlschrank und holte eine Bäckertüte heraus.
»Kuchen?«, fragte sie freundlich.
Dicte schüttelte den Kopf.
»Ich muss los. Ins Stadtkrankenhaus. Kannst du Davidsen Bescheid sagen?«
Cecilies Blick taxierte sie.
»Ich habe dir ein Fax auf den Tisch gelegt. Aber vielleicht sollten wir Holger anrufen, wo du jetzt eine legitime Entschuldigung hast.«
Kürzungen. Defizite. Die Worte summten in ihrem Kopf. Konnte sie es sich leisten freizunehmen? Konnte sie es sich leisten, es nicht zu tun?
»Was für ein Fax?«
Cecilie nickte in Richtung der Glaswand des Büros.
»Lies es besser selbst.«
Dicte stand auf. Sie leerte das Wasserglas und nahm die Kaffeetasse mit, stellte sie dann aber doch auf der Fensterbank ab. Sie griff nach dem Fax, das auf der Tastatur lag. Der Absender war das Polizeipräsidium in Århus und der Text kurz. Eine Einladung zu einer Pressekonferenz am gleichen Tag um sechzehn Uhr. Sie hatten vier junge Männer festgenommen, einen Sechzehnjährigen, zwei Siebzehnjährige und einen Neunzehnjährigen, die man des Vandalismus und der Brandstiftung an drei Schulen bezichtigte sowie des schweren Vandalismus auf dem Nordfriedhof und des Vandalismus auf dem Friedhof in Hornslet.
Um sechzehn Uhr. Das war in einer halben Stunde. Wagner und Co. würden da sein und sich den Fragen der Journalisten stellen, und sie hatte dort zu sein. Das war ihre Story, das war ihr Arbeitsgebiet. Aber im Moment war ihr das egal. Oder zumindest fast.
Eine leise Stimme sang von Kürzungen und jedem vierten Journalisten, als sie Holger Søborgs Nummer wählte und ihn bat, für sie einzuspringen.
13
Eigentlich wollte Rose nicht Richtung Moor. Aber der Hund zog, und außerdem war Jan da. Er hatte sie nach Hause gefahren, um eine Tasche mit Kleidung und anderen notwendigen Dingen zu packen.
Ihre Mutter war noch nicht von der Arbeit zurück, was es in gewisser Weise leichter machte. Sie hatte keine Lust auf eine Konfrontation und ihre Enttäuschung. Wollte am liebsten so schnell wie möglich fort, wenigstens für ein paar Tage, bis Alltag und Schule und die Pläne für das Reihenhaus das Bild in ihrem Kopf verblassen ließen.
Nicht, dass sie viel über dieses Haus nachgedacht hatte. Vor allem die Tote spukte in ihrem Kopf herum. Tags sowohl als nachts.
In ihren Träumen sah sie den Fuß auf dem Waldboden und den roten Stoff des Kleides, zerrissen und fließend wie eine blutige Welle. Sie sah auch das farblose Haar, das zu einem dunklen Schmutzfleck verklebt war, und die Axt, deren Schaft in die Luft stand. Aber vor allem die Augen machten ihr Angst, weil sie von den letzten Sekunden der Toten erzählten und doch nicht ihr Geheimnis preisgaben, sodass sie halb wach wurde und Ruhe bei Jan suchte, seinem Atem lauschte und darüber nachdachte, wie wenig die Lebenden von den Toten trennte. Ein Brustkorb, der sich hob und senkte. Sauerstoff und Blut, die durch den Körper gepumpt wurden. Ein kleiner Seufzer im Schlaf. Eine zitternde Augenbraue, ein bebender Nasenflügel. In Wirklichkeit nicht viel.
Während sie gingen, dachte sie darüber nach. Svendsen raste wie wild davon, und Jan sah sich wie ein Bodyguard nach allen Seiten um, während sein Arm auf ihren Schultern ruhte und sie nach unten drückte. Aber lieber das, als alleine zu sein. Gerade jetzt konnte sie sich nicht vorstellen, jemals wieder alleine zu sein.
»Die Leute vom Wasserwerk sind unterwegs.«
Er schien richtig stolz auf seine Beobachtung. Rose konnte den orangefarbenen Wagen ganz weit vorn auf dem Weg erahnen. Da, wo die großen Pumpen des Wasserwerks lagen.
»Sie sind zu zweit«, sagte er hellwach und drückte ihre Schultern noch ein wenig fester. Sie machte sich frei und griff nach seiner Hand.
»Sie müssen schließlich ihrer Arbeit nachgehen. Es kann doch nicht alles plötzlich stillstehen ...«
Sie wollte hinzufügen: »Nur weil jemand eine Leiche im Moor gefunden hat«, aber es fiel ihr noch immer schwer, darüber zu reden. Allein daran zu denken. Sich zu erinnern. Sich von der Angst durchdringen zu lassen, die sie seit dem Ereignis begleitete und der sie mit Vernunft zu Leibe zu rücken versuchte. Es war nur natürlich, sagte sie sich. Ein Schock. Mit der Zeit würde sich das geben. Aber die Lust, woanders hinzuziehen, hatte von ihr Besitz ergriffen. Sie wollte nicht länger den niedergebrannten Stall der Nachbarn vor Augen haben und den süßlichen Gestank von verbranntem Fleisch riechen; sie wollte nicht Zeugin sein der ewigen Jagd ihrer Mutter nach allem, was hässlich und grausam war. Nach Unglücksfällen und Tod.
Doch als sie nach Hause gekommen waren, hatte Svendsen um einen Gang gebettelt und Jan mit der Stimme eines Psychologen gesagt, dass es keine schlechte Idee sei, den Hund bestimmen zu lassen und einen Spaziergang ins Moor zu machen. »Sonst kommst du nie darüber weg«, hatte er verkündet. Und es war dumm, das wusste sie. Das Moor war ideal für den Hund. Sie durfte nicht zulassen, dass ihr schrecklicher Fund sie das ganze Leben lang in Angst und Schrecken versetzte.
»Im Sommer kann man hier die Nachtigallen hören«, erklärte ihr Jan, während sie gingen.
Sie sah ihn überrascht an.
»Woher weißt du das?«
Er wusste die seltsamsten Dinge. Alles Mögliche, vor allem über die Natur und unbrauchbare statistische Erhebungen.
»Aus dem Internet.«
Sie kicherte.
»Hast du wirklich im Internet nach dem Kasted-Moor gesucht?«
Er zuckte mit den Schultern. Das Internet war sein Hobby. Er konnte stundenlang vor dem Computer sitzen, und ihre Mutter hielt ihn bestimmt für einen Langweiler.
»Früher hat man hier Torf gestochen, und jedes Anwesen hatte sein eigenes kleines Stück Torfmoor«, sagte er. »Bestimmt hat man nicht zum ersten Mal eine Leiche hier gefunden.«
»Eine Moorleiche? Von ganz früher?«, fragte sie.
Plötzlich klang er begeistert.
»Früher brachte man den Göttern Menschenopfer in der Hoffnung auf eine gute Ernte oder Jagd. Aber natürlich gab es damals auch Mörder.«
Sie stellte sich das Moor voller toter, rastloser Seelen vor, die eines gewaltsamen Todes gestorben waren. Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite.
»Ich dachte, dieser Spaziergang sollte mich beruhigen.«
Sie hatten sich dem Ende des Wegs genähert, wo der kleine Schuppen des Wasserwerks lag und der Bach vorbeifloss. Ein Mann mit einem Hund war stehen geblieben und sprach mit zwei Männern von den Stadtwerken Århus. Sie erkannte den Hund wieder. Er hieß Kris und war ein reinrassiger Pudel, für den Svendsen mit seinem Mischlingshintergrund nur Verachtung übrig hatte. Beide Hunde begannen auch prompt zu bellen, sobald sie in Hörweite voneinander waren.
»Da haben wir ja die glückliche Finderin.«
Die Worte kamen von Kris’ Herrchen. Sie hatte keine Ahnung, wie der Mann hieß. Sie kannte nur die Namen der Hunde von den Leuten, denen sie auf ihren Spaziergängen begegnete.
»Treibt es dich zum Tatort zurück?«
Es war freundlich gemeint, weshalb sie zu lächeln versuchte, während sie Svendsen kurz hielt und Jans Arm um ihre Schulter spürte.
»Es bringt nichts, Angst zu haben«, sagte sie tapfer.
Die beiden Männer vom Wasserwerk standen neben dem Lieferwagen; der eine hatte ein Walkie-Talkie in der Hand, aus dem eine Stimme schnarrte. Rose nahm an, dass er zu dem Werk Kontakt hielt, das am Waldrand lag, von wo sie gerade kamen.
»Hast du sie gefunden?«, fragte der andere Mann neugierig. Er hatte dunkle Locken und trug eine Brille mit dicken Gläsern und einem schwarzen Gestell, das sein ganzes Gesicht nach unten zu ziehen schien.
Rose nickte, sagte aber nichts. Eigentlich würde sie am liebsten umkehren, aber jetzt beschnupperten sich die Hunde und wedelten mit dem Schwanz.
Der Mann mit dem Walkie-Talkie sagte leise irgendetwas von einer Pumpe Nummer neun in sein Gerät. Freundliche blaue Augen streiften die ihren. Sie spürte, wie sie wie zufällig über ihren Körper wanderten, und wurde rot.
»Das muss schrecklich gewesen sein«, sagte der Mann mit der Brille und schüttelte die schwarzen Locken. »Irgendjemand hat erzählt, dass der Hund sie zuerst entdeckt hat.«
Der Mann mit dem Pudel nickte wissend, als sei er über alles bestens informiert. Rose fragte sich plötzlich, was geredet wurde und inwieweit sich die Geschichte mit der Zeit verändern würde.
»Es waren zwei Hunde«, erklärte er. »Der Hund der Toten war auch dabei, nicht wahr?«
Sie nickte wieder. Sie wollte Jan weiterziehen und sagen, dass sie gehen sollten, aber er sah sich interessiert die Pumpe an, die nichts anderes als ein grauer Betonklotz mit einer Kuppel aus grünen Glasfasern war, in die jemand ein Herz und ein paar Initialen geritzt hatte.
»Hier hat es im Sommer doch Probleme gegeben, als wir das Wasser abkochen mussten, nicht?«
Rose wusste, dass er auf die Periode anspielte, wo man Kolibakterien im Trinkwasser von Århus gefunden hatte. Seitdem war der Wasserturm an der Ringgade stillgelegt, weil man der Ansicht war, dass die Bakterien durch das Loch hineingeraten waren, das für den Handysendemast gebohrt worden war. Die Theorie ging davon aus, dass der Taubendreck auf dem Dach für die Verunreinigungen verantwortlich war.
Der Mann mit den blauen Augen hatte sein Walkie-Talkie ausgeschaltet.
»Auf unseren Wasserturm haben keine Tauben geschissen«, sagte er gemütlich.
Das löste eine längere Diskussion darüber aus, ob die Tauben wirklich die Schuldigen waren oder die Kolibakterien möglicherweise von einem Krankenhaus aus ins Trinkwasser gelangt waren.
»Vielleicht war das biologische Kriegsführung«, meinte der Mann mit dem Pudel mit Verschwörerstimme.
Rose rollte heimlich die Augen zum Himmel. Jan hatte schon seltsame Interessen, aber wenigstens hatte er die Unterhaltung in eine andere Richtung gelenkt.
Es schien zu wirken. Auf geheimnisvolle Weise verwandelte sich das Moor von etwas Bedrohlichem in etwas Alltägliches. Und als sie umdrehten und nach Hause gingen, ließ Jan ihre Hand los, und sie ging frei und summend den Weg entlang, während Svendsen mit der Nase am Boden schnüffelte und seine üblichen Duftmarken verteilte. Und plötzlich tauchte das Reihenhaus wie eine Traumblase auf, die über ihrem Kopf in den Himmel stieg. Sie sah ein Schlafzimmer mit einer geblümten Bettdecke und Blumen in einer Vase, flatternde Gardinen und die Sonne, die ein Viereck auf dem Boden wärmte. Sie konnte die Geborgenheit fast spüren.
Als sie nach Hause kamen, packte sie ihre Sachen und schrieb einen Zettel für ihre Mutter, die noch nicht aufgetaucht war. Ein paar Bedenken machten sich bemerkbar, aber sie ignorierte sie. Das war neu für sie, dass sie zuerst an sich dachte, aber jetzt war das die einzige Möglichkeit. Sie musste hier weg, auch wenn sich ihr bei dem Gedanken an eine Zukunft ohne das Haus und ohne ihre Mutter der Hals zusammenschnürte.
Als sie sich auf den Beifahrersitz von Jans schwarzem Corolla setzte, fiel ihr die grüne Puch Maxi auf, die neben der Treppe zum Haus der Nachbarn stand. Der Motor des Toyota war bereits angesprungen, die Sicherheitsgurte angelegt, als oben im Nachbarhaus die Tür geöffnet wurde und ein junges Mädchen, das Roses Spiegelbild hätte sein können, mit einem Rucksack über der Schulter und einem Sturzhelm unter dem Arm schnell die Treppe hinuntergelaufen kam. Die langen Haare wurden an den Kopf gedrückt, als sie sich auf das Moped schwang, den Sturzhelm aufsetzte und unter dem Kinn zumachte. Dann startete das Moped mit einem aggressiven Laut, der kaum zu seiner Größe passte, und das Mädchen verschwand mit quietschenden Reifen den Weg hinunter.
»Jemand, den du kennst?«
Rose schüttelte den Kopf, war sich aber nicht sicher. Irgendetwas an dem Mädchen kam ihr bekannt vor.
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