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Else Ury

Nesthäkchen und ihre Enkel

Nesthäkchen

Erzählung für junge Mädchen

Saga

Nesthäkchen und ihre Enkel

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1924, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726883589

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com

1. Kapitel. Im Tropenlande.

Vor dem französischen Collège, der Mädchenschule zu Sao Paulo, hielten die Autos. Es war eine stattliche Reihe, eins hinter dem andern, die ganze mit wilden Feigenbäumen bestandene Straße hinab. Die Zöglinge des französischen Collège entstammten alle den ersten, reichsten Familien der brasilianischen Stadt. Sie waren nicht gewöhnt, zu Fuß den Schulweg zurückzulegen. Es war auch wirklich zu heiß dazu. Selbst die Chauffeure, alle Farbige, Neger und Mulatten in grellbunter Kleidung, die sonst ziemlich unempfindlich gegen die glühende Tropensonne waren, suchten heute den dürftigen Schatten, den die Bäume boten, auf. Ein etwa vierzehnjähriger Negerjunge kletterte, unbekümmert um die sengenden Sonnenstrahlen, auf einen Feigenbaum, schwang sich geschickt wie ein Affe von Ast zu Ast und saß nun, grinsend die weißen, starken Zähne zeigend, hoch oben in der verstaubten Blätterkrone.

»Nun, Homer, kannst du sehen, ob unsere jungen Damen bald kommen werden?« fragte ein älterer Mulatte.

Der mit »Homer« angeredete Junge schüttelte den Kopf mit dem schwarzen Wollhaar.

»Ich sehe nicht Donna Anita, ich sehe nicht Donna Marietta. Nur kleine, ganz kleine Fräulein – so klein.« Er zeigte etwa die Größe eines Daumens. Homer konnte von seinem Auslug gerade in die unterste Klasse der Abcschützen hineinspähen. Er versuchte sein Heil auf einem anderen Baume, auf einem dritten und vierten, aber die Gesuchten wollten sich nicht zeigen.

Die hatten ihre erste Schulklasse nach der anderen Seite des Schulhauses, der Schattenseite, gelegen. Aber auch dort war es kaum erträglich. Die Hitze brütete in dem Raume und machte Lehrer und Schülerinnen unfrisch und unlustig für jede geistige Anstrengung. Nur gut, daß heute, am 1. Dezember, die Hitzeferien begannen. Zwei Monate frei – wenn man daran dachte, empfand man den Druck der Tropenglut, der sich wie ein eiserner Reif um die Mädchenköpfe legte, kaum noch.

Es waren etwa zwanzig junge Mädchen zwischen vierzehn und sechzehn Jahren in der ersten Klasse des französischen Collège versammelt. Allen Nationen angehörend. Schwarze, braune und vereinzelt auch blonde Köpfe waren über Hefte und Bücher geneigt. Aber die dunkle Farbe des Haares, der Augen und des Hauttons herrschte bei weitem vor.

» Eh bien – Mesdemoiselles, wir werden jetzt die Leçon schließen.« Monsieur sprach französisch. Alle Unterrichtsfächer im Collège wurden in französischer Sprache erteilt. »Vergessen Sie in den Ferien nicht das Gelernte, repetieren Sie fleißig – Mademoiselle Anita, für Sie ist das ebenso gesagt, wie für die anderen Desmoiselles.« Monsieur zog die Augenbrauen hoch und sah mißbilligend zu einer Ecke hin, in der man weder von ihm, noch von seiner Rede Notiz zu nehmen schien.

Die mit »Mademoiselle Anita« Angeredete, ein großes, schönes Mädchen, bildete den Mittelpunkt des Privatzirkels, der bereits beim Ausmalen der bevorstehenden Sommerfreuden war. Dort wurde die halblaute Unterhaltung in portugiesischer Sprache geführt.

»Morgen schon geht es auf unsere Fazenda hinaus. Mama will keinen Tag länger hier in Sao Paulo schmoren. In Ribeirao Preto ist es doch etwas luftiger als in der Stadt. Papa hat eine Überraschung für uns. Er will sie uns aber nicht verraten. Erst auf der Fazenda bekommen wir sie zu sehen. Ich kann die Zeit gar nicht erwarten. Was, meinst du, wird es sein, Marietta? Das neue Reitpferd, das ich mir so brennend wünsche, oder am Ende den entzückenden Brillantanhänger, den ich neulich im Schaufenster bewunderte, oder – – –«

»Monsieur ist ärgerlich, Anita, er sieht immerfort her«, flüsterte ihr Marietta mahnend zu.

»Pah – viel Vergnügen! Da hat er was Schönes zu sehen. Monsieur hat ja die Leçon bereits beendet«, lachte Anita unbekümmert die ängstliche Zwillingsschwester aus.

Marietta schaute beklommen den Lehrer an. Der hatte seine Bücher schweigend geschlossen. Er war es gewöhnt, daß die jungen Damen hier in Amerika recht viel eigenen Willen zeigten und denselben nicht immer den Wünschen des Lehrers unterordneten. Das war in Europa doch anders gewesen. Als er noch in Paris unterrichtete – – – Monsieur begann sich mit seinem Tüchlein Kühlung zuzufächeln. Nicht nur wegen der glühenden Tropentemperatur, sondern der jungen Dinger wegen, die ihm mit ihrem stark ausgeprägten Selbstbewußtsein den Kopf warm machten. Allen voran Anita Tavares. Sie war zweifellos die schönste von allen mit ihrem tiefschwarzen, weichen Haargelock und den dazu in merkwürdigem Gegensatz stehenden veilchenblauen Augen. Sprühend vor Lebendigkeit – ach, nur allzu lebendig. Die Schwester Marietta war aus einem ganz anderen Holze geschnitzt. Bescheiden und rücksichtsvoll, versuchte sie die Übergriffe ihrer Zwillingsschwester stets zu dämmen. Sie war der erklärte Liebling aller Lehrer. Ein Rätsel schien es, daß die beiden Zwillinge waren. Man konnte sich kaum zwei verschiedenere Menschen denken. Schon äußerlich. Die kleine zierliche Marietta reichte der kräftigen Anita kaum bis zur Schulter. Unter dem goldbraunen Kraushaar sah ein schmales, zartes Gesichtchen mit großen, schwarzen Augen in die Welt. Träumerisch und sehnsuchtsvoll schauten diese Augen. Sie schienen irgend etwas in weiter Ferne zu suchen. Anitas Auge dagegen war strahlend, kühn, beherrschend, der Spiegel ihrer rasch wechselnden Empfindungen. In dem Kreise der Altersgenossinnen war Anita Tavares tonangebend. Das lag freilich nicht nur in ihrer Wesensart begründet – ihr Vater, Milton Tavares, war der Kaffeekönig von Brasilien, der reichste und angesehenste Mann in Sao Paulo und weit darüber hinaus. Das Fräulein Tochter war sich dessen durchaus bewußt, und diese Erkenntnis kam in allem, was Anita dachte und tat, zum Ausdruck. Die weichere, sanftere Zwillingsschwester wurde vollkommen von ihr beherrscht. Und doch – oft, wenn kein anderer, nicht einmal die Mutter, Einfluß auf Anitas ungezügelte Heftigkeit oder auf ihren Eigensinn hatte, vermochte Marietta sie durch ein bittendes Wort umzustimmen. Denn die beiden Schwestern liebten sich innig. Sie waren unzertrennlich. Marietta sah voller Bewunderung zu der blühenden, temperamentvollen Anita, die jeden gleich für sich einzunehmen wußte, auf. Und diese hing mit der ganzen Stärke ihres heißblütigen Temperamentes an der um vier Stunden Jüngeren. Sie fühlte sich für Marietta verantwortlich, sie bemutterte sie und sorgte dafür, daß diese in ihrer Bescheidenheit den Platz unter den Schulkameradinnen einnahm, der ihr, als einer Tavares, zukam.

Arm in Arm traten die beiden Schwestern aus dem Schulgebäude auf die sonnenblendende Straße hinaus.

»Flink, komm, Jetta – Elvira, mach zu, rasch, eilt euch, daß Antonia sich nicht wieder wie ein Schatten an unsere Fersen heftet«, raunte Anita halblaut der Schwester und der Freundin zu, sie eiligst vorwärtsziehend.

»Antonia ist bereits hinter uns«, flüsterte Elvira, zurückspähend. »Sie will gewiß wieder mit uns im Auto zusammen nach Hause fahren.«

»Warum wollen wir sie denn nicht mitnehmen? Es ist doch noch Platz im Auto«, wandte Marietta ein.

»Sie ist Halbblut, ihre Großmutter war eine Mulattin. Die Tavares zeigen sich nicht mit ihr zusammen öffentlich im Auto.« Anitas ganzer Hochmut kam in diesen wenigen Worten zum Ausdruck.

»Ich finde Antonia netter und gefälliger als die meisten Mädchen. Sie kann doch nichts dafür, daß ihre Großmutter Mulattin war. Ebensowenig, wie wir etwas dafür können, daß wir aus dem Hause Tavares stammen«, gab Marietta, unzufrieden mit dem Verhalten der Schwester, zu bedenken.

»Nein – man kann nichts dafür, aber es ist doch nun mal so. An der Tatsache ist nichts zu ändern«, lachte Anita sie aus. »Ah, da ist ja Homer«, – sie warf dem über das ganze Gesicht grinsenden kleinen Neger ihre Büchertasche mit der Geste einer großen Dame zu.

»Guten Tag, Homer.« Der Junge nahm auch Mariettas Mappe in Empfang. »Wo ist denn Cico?«

»Großvater Cico ist krank. Homer darf fahren Donna Anita und Donna Marietta im schönen Auto allein nach Haus.« Er zog vor Vergnügen den Mund von einem Ohr zum anderen.

»Wirst du auch nicht umwerfen, Homer?« erkundigte sich Marietta, ein wenig unbehaglich Platz nehmend.

»Homer fährt gut. Homer fährt sicher wie Großvater Cico. Braucht Donna Marietta nicht zu ängstigen«, beruhigte sie der kleine, schwarze Chauffeur.

»Sonst fahre ich selbst.« Anita verstand das Auto tadellos zu lenken, wie sie auch in jedem anderen Sport Meisterin war.

»O Donna Anita!« Bittend hingen die schwarzen Augen des Jungen an dem schönen Mädchen. Man sah es ihm an, wie brennend gern er selbst das Auto führen wollte.

»Nun gut – schon gut. Mach nur zu!« gab Anita, sich in die roten Lederpolster schmiegend, ungeduldig zur Antwort. Denn dicht neben dem Auto tauchte Antonias Gesicht mit den breiten Backenknochen und der etwas platten Nase auf. Anita vermied es, nach jener Seite zu sehen. Sie unterhielt sich angelegentlich mit ihrer Freundin Elvira, bis das Auto abgekurbelt war und die Hupe zur Abfahrt ertönte.

Rrrrrr – da flog es die weißstaubige Straße entlang – rrrrrr – vorüber an der langen Autokette, aus denen man den Dahinsausenden Grüße zuwinkte.

»Was machst du denn für ein betrübtes Gesicht, Marietta?« Die Schweigsamkeit der Schwester fiel Anita, die munter drauflos plauderte, schließlich auf. »Es ist recht luftig im Fahren, findest du nicht auch, Jetta?«

»O ja, Nita, aber beim Gehen muß es entsetzlich beschwerlich sein. Die arme Antonia – ich kann den Gedanken an sie nicht los werden. Sie hat uns so traurig nachgesehen«, meinte Marietta mitleidig.

»Du hast immer unbequeme Gedanken und verdirbst einem die Laune dadurch«, ereiferte sich Anita. Es klang schärfer, als sie beabsichtigte. Daran war die deutliche Empfindung schuld, daß Marietta im Grunde recht hatte. Furchtbar mußte es sein, bei der glühenden Sonne aus der unteren Stadt die am Berghang gelegenen Villenstraßen emporzuklimmen.

»Es wird sich schon eine mitleidige Seele finden, die Antonia mitnimmt«, begütigte Elvira.

»Freilich, warum müssen wir das denn gerade sein!« Anita hatte das peinigende Gefühl im Augenblick überwunden.

»Warum sollen wir es denn nicht sein? Was andere tun, hätten wir doch auch können«, beharrte Marietta. Es kam nicht oft vor, daß sie ihre Ansicht der Schwester gegenüber so hartnäckig verfocht.

»Wenn du es nicht fühlst, Jetta, daß eine Tavares der Welt gegenüber andere Verpflichtungen hat, als irgendein Beliebiger in der Stadt, ist dir nicht zu helfen. Das hat Papa uns von klein auf eingeprägt: ›Ihr müßt danach streben, ein würdiges Glied der Tavaresschen Familie zu werden.‹« Stolz warf Anita das schwarze Gelock zurück.

»Und Mammi sagt, man soll stets so handeln, wie es eines guten Menschen würdig ist. Aber das ist nicht gut, wenn wir – –«

»Jetta hat heute ihren moralischen Tag, da sieht sie unserer teuren Miß zum Verwechseln ähnlich.« Im Nu hatte Anita ihr rundes Gesicht in längliche Falten gezogen. Den Unterkiefer vorgestreckt, kopierte sie die englische Governeß so wahrheitsgetreu, daß auch Marietta wieder lachen mußte. So war es stets, wenn man sich mit Anita in Erörterungen einließ. Sie ging stets als Siegerin daraus hervor, auch wenn sie im Unrecht war.

Das Auto hielt vor der schönsten Villa der Avenda Paulista. Wie ein kleines Schloß lag sie in dem herrlichen Palmengarten. Zwei Diener, Neger und Mulatte, eilten herbei; der eine öffnete den Schlag und war den jungen Damen beim Aussteigen behilflich, der andere trug die Büchertaschen ins Haus.

Elvira verabschiedete sich von den Freundinnen. Sie wohnte ein paar Villen weiter.

»Brav gefahren, Homer«, nickte Anita gnädig und warf dem kleinen Chauffeur ein paar Münzen zu.

»Grüß' den Großvater, Homer. Wir lassen ihm gute Besserung wünschen. Wenn wir dürfen, besuchen wir ihn«, fügte Marietta freundlich hinzu.

» Wozu?« meinte Anita, ins Haus tretend. »Ich mag die Luft in diesen Armleutenstuben nicht. Cico wird auch ohne uns gesund werden.«

»Cico ist oft in der Nacht zum Arzt gelaufen, wenn wir krank waren, Nita«, stellte Marietta ihr vor.

»Dafür ist er Diener – – –«

Marietta kam nicht dazu, der Schwester die Lächerlichkeit ihrer hochmütigen Auffassung zu Gemüte zu führen. Eine der in die Diele führenden Türen ward aufgerissen und ein allerliebstes, fünfjähriges Bürschchen stürzte heraus, gefolgt von seiner schwarzen Kinderfrau Rosita.

»Nita und Jetta sind da – warum wart ihr wieder in der alten Schule? Ihr sollt hierbleiben und mit Juan spielen.« Zärtlich hing sich der Kleine an die großen Schwestern.

Anita wirbelte ihn bereits in der Diele herum. Sie wußte nichts mehr von der Hitze. Hier im Hause war es kühl.

»Wo ist Mammi, Juan?« fragte Marietta, liebevoll die blonden Locken des Kleinen streichelnd. Der kleine Nachkömmling war der Verzug des ganzen Hauses, und der großen Schwestern besonders.

»Mammi paßt auf, daß Emilia und Maria unsere Koffer gut einpacken. Morgen fahren wir fort, weit fort, nach der Fazenda. Aber du kommst nicht mit, Rosita. Du tust mir immer weh beim Kämmen.«

»Daran ist ja gar nicht die Rosita schuld, sondern der Kamm, Juan«, lachte Anita.

»Dann lassen wir eben den Kamm zu Hause.« Das erschien dem kleinen Juan noch einleuchtender.

Ein Mulatte brachte Eiswasser und Früchte.

»Bringe die Früchte ins Zimmer zu Donna Tavares«, ordnete Anita an. Sie war gewöhnt, der schwarzen Dienerschaft Befehle zu erteilen.

Inzwischen hatte Marietta, Juan an der Hand, bereits das Zimmer der Mutter betreten.

»Guten Tag, Mammi. War das heute heiß im Collège! Ein Glück, daß es morgen auf die Fazenda geht. Ihr seid wohl bald mit dem Einpacken fertig?« Marietta küßte die Mutter nach Landessitte auf die Wangen.

»Guten Tag, mein Herz. O weh, bist du erhitzt, Jetta. Komm, ich mache dir ein Glas Orangenlimonade zurecht.« Eine goldblonde, noch jugendlich aussehende Dame – sie hatte die Mitte der Dreißig wohl kaum überschritten – im weißseidenen, reich mit Spitzen garnierten losen Hausgewande griff nach einer der herrlichen Riesenfrüchte.

»Mir auch, Mammi, ich habe auch Durst – – –«, begehrte der Kleine, sich zärtlich an die Mutter schmiegend.

»Jungchen, du trinkst mir heute zu viel durcheinander. Du willst doch morgen zur Reise nicht etwa krank sein, nicht wahr, mein kleiner Hansi?« Wenn die Mutter besonders zärtlich zu ihrem Kleinsten war, nannte sie ihn mit dem ihr so lieben deutschen Namen. Das klang um so merkwürdiger, als die Sprache des Hauses Tavares, in der die Familienmitglieder miteinander verkehrten, portugiesisch war.

»Nein, ich will nicht krank werden, dann ist meine Mammi traurig.« Der Kleine liebte seine schöne Mutter abgöttisch.

Da steckte auch Anita den schwarzen Kopf zur Tür herein. »So – die langweilige Schule wären wir auf zwei Monate los, Mammi. Ich wünschte, wir könnten's mit unserer geliebten Miß ebenso machen. Meinst du nicht, daß es ihr in Ribeirao Preto zu langweilig ohne Geschäfte, in denen man shopping gehen kann, sein wird? Wir wären nicht böse, wenn sie es vorzöge, in Sao Paulo zu bleiben.«

»Aber Nita!« Halb belustigt, halb ärgerlich schüttelte Frau Ursel Tavares den blonden Kopf. »Der armen Miß Smith ist es heute nicht nach shopping gehen zumute. Sie liegt im verdunkelten Zimmer mit heftiger Migräne.«

»Oh!« machte Marietta mitleidig, trotzdem sie die lange, steife Governeß auch nicht besonders in ihr Herz geschlossen hatte.

»Oh!« echote Anita mit komisch verdrehten Augen so spitzbübisch erfreut hinterher, daß die Mutter gegen ihren Willen wieder lachen mußte.

»Ihr seid schon eine Gesellschaft! Es wird Zeit, daß ihr in strengere Hände kommt. Miß Smith ist nicht energisch genug, besonders nicht für meine Tochter Anita.«

»Und unsere kleine Mammi ist auch nicht energisch – Deutsche sind niemals energisch«, meinte Fräulein Anita in bestimmtem Tone.

»Du mußt es ja wissen, Fräulein Naseweis. Warte nur, wenn du erst mal in Deutschland bei den Großeltern bist. Dann wirst du anders urteilen. Die werden dir schon zeigen, daß Deutsche über genügende Energie verfügen. Alles, was wir bei deiner Erziehung verabsäumt haben – und das ist nicht zu wenig –, werden sie hoffentlich nachholen.«

»Puh« – machte Anita und schüttelte sich. »Lieber gehe ich in ein Mädchenpensionat nach Rio di Janeiro. Elvira kommt auch zu Ostern nach Rio in eine Boarding-school.«

»Ich will nach Deutschland zu den Großeltern, Mammi.« Marietta schmiegte den goldbraunen Kopf an die Schulter ihrer schönen Mutter. »Ich will das alles kennenlernen, was dir so lieb ist. Die Großeltern und das kleine Haus im Rosengarten, in dem jetzt Schnee liegt und in dem die Rosen blühen, wenn es bei uns kalte Jahreszeit ist. Bringst du uns bald nach Deutschland, Mammi, ja?«

»Ja, bald – bald!« Das klang so sehnsuchtsvoll, daß Marietta der Mutter einen klaren Tropfen, der sich fürwitzig von ihren goldenen Wimpern lösen wollte, rasch fortküssen mußte.

Anita waren derartige Gefühlsäußerungen unbehaglich. Sie kamen zum Glück nicht oft vor. Meist sah man Frau Ursel strahlend schön und heiter. Nur ganz selten brach sich die Sehnsucht nach der deutschen Heimat, nach ihren Lieben in weiter Ferne Bahn. Sie war ja eine glückliche, verwöhnte, vielbeneidete Frau. Von ihrem Gatten, der ihr jeden Wunsch von den Augen ablas, wurde sie auf Händen getragen. In dem Bekanntenkreise feierte man la bella tedesca – die schöne Deutsche – nicht minder ihres liebreizenden Wesens, als ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen. Sie und ihr Gatte standen an der Spitze des Musiklebens Sao Paulos. Seit Donna Tavares ihren Einzug in die brasilianische Stadt gehalten, hatte sich dasselbe zu ungeahnter Blüte entfaltet. Regelmäßige Kammermusikabende waren eingerichtet worden. Werke der großen europäischen Meister wurden studiert und zur Aufführung gebracht. Kein Wohltätigkeitskonzert fand statt, in dem Donna Tavares nicht durch ihre herrliche Stimme die Zuhörer begeisterte. Frau Ursel hatte sich um die Kunst in ihrer neuen Heimat ganz besonders verdient gemacht. Das Kino bildete früher den Hauptanziehungspunkt in Sao Paulo. Trotzdem die Stadt eine europäische Kolonie war, in bezug auf die Vorliebe für das Kino war sie ganz amerikanisch. Da hatte die deutsche, blonde Frau in Gemeinschaft mit einigen gleichgesinnte Seelen eine höhere, edlere Kunst an Stelle der sensationellen des Kinos zu setzen versucht. Den größten Einfluß aber hatte Frau Ursel auf die Kunst im Hause gehabt. In den meisten einheimischen Familien war dieselbe noch ziemlich unkultiviert. Bunte, schreiende Farben wurden bevorzugt. Die Vasen schmückten Papierblumen, während draußen im Garten die herrlichste Flora in unglaublicher Üppigkeit blühte. Die Alteranda, der balkonartige Vorbau des Hauses, wurde kaum jemals von den Bewohnern betreten und daher auch nicht bepflanzt. Das war etwas ganz Befremdendes für die junge deutsche Frau. War sie es doch gewöhnt, daß man daheim im Sommer alle Mahlzeiten auf der rosenumrankten Terrasse, deren Blumenschmuck der Mutter Stolz war, eingenommen hatte. Freilich, die Tropentemperatur in Brasilien machte den Aufenthalt auf der Alteranda am Tage fast unmöglich. Das lernte Frau Ursel bald einsehen. Aber im schönsten Blumenschmuck mußte sie trotzdem prangen. Ihr Schönheitssinn verlangte dies. Und siehe – bald zeigte es sich, daß sie damit Schule gemacht. Das Beispiel des Tavaresschen Hauses fand Nachahmung. Hatte man zuerst die Nase darüber gerümpft, daß die junge Frau ihre Vasen mit frischen Blüten, anstatt mit Papierblumen, füllte, bald fanden auch andere Freude daran. Die künstlerisch geschmackvolle Einrichtung des Tavaresschen Hauses wurde alsbald zum Muster für viele andere, denn Geld spielte ja bei den reichen brasilianischen Familien keine Rolle.

Frau Ursel verstand einen guten Gebrauch von ihrem Reichtum zu machen. Sie war für die deutschen Auswanderer eine gute Fee geworden, die nicht nur vermöge ihres goldenen Zauberstabes half, nein, deren gütiges, warmes Wort den in der Fremde Verzagten ebenso wohltat wie ihre werktätige Hilfe. Bei allen ihren gesellschaftlichen, künstlerischen und Wohlfahrtsbestrebungen aber war Frau Ursel vor allem Mutter. Die Mutter ihrer Kinder – darin war sie ganz deutsch geblieben. Trotz der vielen Dienerschaft, um ihre Kinder kümmerte sie sich selber. Für ihre Kinder und deren Wünsche und Anliegen hatte sie immer Zeit.

Auch heute. Anita besprach mit der Mutter die Abschiedsbesuche, welche man noch bei den Verwandten und Freunden machen müßte. Marietta wollte durchaus wissen, wann die Reise nach Europa zu den Großeltern denn endlich vor sich gehen sollte. Und Klein-Juan bestürmte die Mutter, ihm eine Taschentuchmaus, die richtig lebendig springen konnte, zu fabrizieren.

Während Frau Ursel Anita einige befreundete Familien, die sie nach dem Essen mit Marietta aufsuchen sollte, vorschlug, während sie Marietta und nicht minder sich selbst auf Ostern für die Reise nach Europa vertröstete und Juans Taschentuchmaus zur hellen Begeisterung des Kindes hüpfen ließ, kamen die schwarzen Dienerinnen mit tausenderlei Anfragen betreffs der in Koffer und Kisten zu verstauenden Sachen zu Donna Tavares. Keinen Finger durfte die Herrin dabei selber rühren, nur ihre Wünsche äußern. Eines aber war davon ausgenommen: ihre Noten, ihre vielgeliebten. Daran wagte sich keiner von der Dienerschaft. Die packte Frau Ursel selbst in Gemeinschaft mit ihrem Manne.

Kam er da nicht schon selber aus Santos, dem Hafen von Sao Paulo, wo er sein Bureau hatte, heim? Das Auto, das ihn jeden Abend vom Bahnhof abholte, hielt vor der Tür. Juan verlor plötzlich sein Interesse für die Taschentuchmaus und eilte dem Vater, der den ganzen Tag fort war, jubelnd entgegen. Wenige Sekunden später betrat Milton Tavares das Zimmer seiner Gattin. Bevor er sich durch eine Dusche erfrischte, mußte ihr Anblick ihn erfrischen. Ihr Lächeln war ihm eine größere Erquickung als jede andere.

»Guten Tag, mein Liebling. Arge Kramerei, was? Nun, um so schöner und erholsamer wird es auf unserer Fazenda werden. Vierzehn Tage habe ich mir Ferien genommen. Da werden wir wieder fleißig musizieren, nicht wahr, Ursel?«

»Vierzehn Tage nur, Milton?« Seine Frau schien enttäuscht. »Du hattest mir doch versprochen, dich dieses Jahr wenigstens einen Monat freizumachen.«

»Ja, Papi, du wolltest doch jeden Morgen mit uns ausreiten«, erinnerte ihn seine Tochter Anita.

»Und Tennis wolltest du mit uns spielen«, fiel Marietta bittend ein.

»Und Schiffchen schnitzen und schwimmen lassen«, rief das Söhnchen energisch dazwischen.

»Freilich Schiffchen schnitzen, Juan, das ist die Hauptsache«, lachte der Vater. »Ja, wenn so viel Arbeit meiner in den Ferien harrt, dann sind vierzehn Tage in der Tat nicht genug. Da werde ich wohl zulegen müssen.« Er nickte seiner Ursel verschmitzt zu.

»Don Tavares, das Bad ist bereitet«, meldete ein Neger.

»Oh, moito bonito! Sehr schön! Auf Wiedersehen bei Tische!« Milton Tavares verließ das Zimmer.

Er war heute noch ein schöner Mann. Ja, seiner Frau gefiel sein gereiftes, männliches Aussehen noch besser als seine dereinstige Jünglingsschönheit. Anita war dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur ihre Augenfarbe verleugnete die deutsche Abstammung ihrer Mutter nicht.

Seit dem Tode des alten Tavares, des Seniors des weltberühmten Kaffee-Exporthauses, hatte Milton eine verantwortungsvolle Tätigkeit. Alle Fäden des großen Betriebes mündeten in seiner Person. Und wenn ihm sein Schwager, Don Fernando Janqueiro, der Gatte seiner Schwester Margarida, auch geschäftlich zur Seite stand, die Hauptperson, der Mittelpunkt des Exporthauses Tavares blieb Don Milton. Die Männer in Brasilien pflegten sich nicht allzusehr bei der Arbeit anzustrengen. Die lähmende Einwirkung der Tropentemperatur trug wohl dazu bei. Auch Don Fernando saß lieber im Kaffeehause als in der Kaffeebörse und überließ seinem Schwager Milton, der in Deutschland ernste, pflichttreue Arbeit kennengelernt hatte, den Löwenanteil derselben. Morgens, gleich nach dem Frühstück, fuhr Milton Tavares nach Santos, dem berühmten Kaffeehafen hinunter. Die Mittagsmahlzeit nahm er dort ein. Erst das Essen um sechs Uhr abends versammelte die ganze Familie.

Es war eine Festtafel im kleinen, an der man Platz nahm. Silber, Kristall, herrliche Früchte und Blumen. Auf letztere legte die Frau des Hauses ganz besonderen Wert. Als sie vor Jahren, als junge Frau, das Tropenland betreten hatte, kannte man dort Blumenschmuck bei den täglichen Mahlzeiten nicht. Man war in Amerika ausschließlich auf das Praktische eingestellt. »Die Hauptsache, es ist etwas Gutes für den Magen auf dem Tische, mein Kind«, pflegte sich die Schwiegermutter, in deren Hause man zuerst gewohnt hatte, zu äußern, wenn das junge Frauchen zu jeder Mahlzeit die schönsten Tropenblüten des Gartens geschmackvoll in eine Vase ordnete. Das war gerade das Gegenteil davon, was die junge Frau daheim im deutschen Elternhause kennengelernt hatte. »Auch die einfachste Mahlzeit mundet einem noch einmal so gut, wenn sie nett angerichtet ist, wenn der Tisch zierlich gedeckt ist und Blumen denselben schmücken.« So hatte Ursels Mutter jenseits des großen Wassers den Kindern von klein auf eingeprägt. Auch hierin, wie in vielem anderen, wurde die junge Deutsche für die brasilianischen Frauen mustergültig.

Milton Tavares liebte diese Stunde der gemeinsamen Mahlzeit, die er gern im Kreise seiner engsten Familie verlebte. Heute war es ganz besonders gemütlich, da Miß Smith nicht an dem Essen teilnahm. Keiner konnte es sich verhehlen, daß die Anwesenheit der steifen Engländerin stets etwas lähmend auf die Stimmung wirkte. Anita, die nicht gewöhnt war, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, gab dem auch unverhohlen Ausdruck.

»Schade, daß Migräne nur vierundzwanzig Stunden anhält. Sie müßte ebenso viele Monate dauern!« wünschte die gemütvolle junge Dame.

»Pfui, Nita, die arme Miß!« rief ihre Zwillingsschwester. »Zum Sterben elend fühlt sie sich, sagte sie mir soeben, als ich mich nach ihr umsah. Sie sah so weiß aus wie das Tischtuch.«

»Das ist die Strafe dafür, daß sie uns mit ihren langweiligen Anstandsregeln so arg peinigt. O shocking indeed, Anny!« Das blühende, lustige Gesicht des jungen Mädchens nahm im Augenblick grämlichen Ausdruck an.

Milton Tavares lachte. Die sprühende Anita hatte nun einmal einen Stein bei dem Vater im Brett. Er verzog sie unbedingt. Eigentlich aber alle drei. Frau Ursel vermochte dem nicht zu steuern, trotz all ihrer Energie. Sie drohte der Übermütigen.

»Miß Smith wird wohl bei dir alle Ursache zu ihren Shockingausrufen haben, Nita. Du bist wie ein junges, ungebärdiges Füllen, das nur zu oft über die Stränge schlägt. Meine einzige Hoffnung sind die Großeltern in Deutschland. Daß die noch etwas Vernünftiges aus dir machen werden.«

»Ich bin Amerikanerin!« Anitas kurzes, schwarzes Haargelock flog impulsiv in den Nacken. »Für mich gibt es keine engen europäischen Grenzen – auch bei den deutschen Großeltern nicht!«

»Aber Nita!« Die Zwillingsschwester vergaß vor Schreck die Palmitopastete mit Oliven, die der Mulatte ihr darbot, zu nehmen. »Nita, du kränkst unsere Mammi«, setzte sie leiser hinzu.

Anita blinzelte ein wenig unbehaglich zur Mutter hin. Das hatte sie nicht gewollt, die Mutter in ihrem Heimatsgefühl verletzen. Nein, sie liebte sie ja mit der ganzen Heftigkeit ihres Temperamentes. Aber sie war zu stolz, ein Wort der Entschuldigung zu finden.

Zum Glück erklang jetzt Juans Stimmchen dazwischen. Er hatte in der Kinderstube zu Abend gespeist, durfte aber am Familientisch nicht fehlen. Ab und an schob ihm der Vater ein besonders leckeres Häppchen zu.

»Papi, ist das wahr, daß die Palme sterben muß, weil wir die Palmitopastete essen?« fragte der Kleine. »Die Kinderfrau hat es gesagt.« Er blickte zweifelnd auf das Pastetenstückchen, das der Vater ihm darbot

»Freilich, die Palme, von der die zartesten Spitzen zur Palmitopastete genommen werden, geht ein. Darum ist dieses Gericht besonders kostbar.« Der Vater ließ es sich schmecken. Sein Söhnchen aber schob das ihm Zugeteilte energisch beiseite.

»Juan will nicht schuld sein, daß die arme Palme sterben muß. Gib mir lieber Doces, Papi!« Das war der süße Nachtisch.

Milton Tavares lachte und nickte seiner Frau belustigt zu. »Ursel, das deutsche Blut verleugnet sich nicht bei unserem Sprößling. Auf mein Konto kommt diese Sentimentalität nicht.«

Frau Ursel zog ihren kleinen Jungen zärtlich zu sich heran. »Mein Hansi, mein kleiner! Erhalte dir nur dein warmes Herz!«

»Nein, Mammi, das ist gar kein guter Wunsch. Ein amerikanischer Junge muß kühlen Verstand haben, kein warmes Herz«, ereiferte sich Anita. Sie war ihren Jahren entschieden voraus.

»Beides, Nita. Beides muß ein tüchtiger Mann miteinander verbinden. Euer Vater vereinigt es ja auch in sich.« Ein liebevoller Blick streifte den Gatten und wurde in verstärktem Maße zurückgegeben.

Marietta, die bei den Worten der Schwester schon wieder erschreckte Augen gemacht hatte, atmete erlöst auf. Ihr harmonisches Wesen war stets auf Ausgleich bedacht. Sie vermochte keinem Wesen wehe zu tun und ihrer Mutter am wenigsten.

»Ei, Jetta, du ißt ja heute so wenig. Die Pastete hast du schon vorübergehen lassen. Diesen Perutruthahn mit Forosse möchte ich dir sehr empfehlen«, erinnerte sie der Vater.

»Unsere Jetta kann die arge Hitze in der Stadt nicht vertragen, gerade so wie ihre Mutter.« Frau Ursel sah zärtlich besorgt zu ihrem blassen Mädel hinüber. »Draußen auf der Fazenda werden wir beide wieder mehr Appetit haben, nicht wahr, mein Herz? Ich mag bei dieser Siedehitze auch nicht viel Fleisch essen. Das habe ich in den sechzehn Jahren meines Aufenthaltes im Tropenlande immer noch nicht begreifen gelernt, daß ihr Brasilianer vor allem der Fleischnahrung huldigt, Milton. Die Bewohner der heißen Zone pflegen doch Pflanzen und Früchten sonst den Vorzug zu geben.«

»Das eine tun – das andere nicht lassen. Das ist auch Nitas Ansicht, nicht wahr? Diese Doces de Caju müßt ihr beide aber auch versuchen, Ursel. Freilich, Juan, dieses Tellerchen ist für dich. Du brauchst dich gar nicht so nachdrücklich in Erinnerung zu bringen, mein Sohn.« Der kleine Juan hatte beim Auftragen des süßen Nachtisches den Vater energisch an seinem bastseidenen Ärmel zu zupfen begonnen.

»Darf ich meinen Nachtisch nicht dem alten Cico hinüberbringen, Papi?« fragte Marietta bittend. »Er ist krank, erzählte Homer. Diese Doces werden ihn sicher erquicken.«

»Was fehlt dem Alten, Pedro?« wandte sich der Vater statt einer Antwort an den servierenden Mulatten.

»Oh, Don Tavares, ist schlimm, sehr schlimm. Schüttelt Cico, wie Sturm schüttelt Schiff in Ozean. Armer Cico friert bei Hitze.«

»Homer soll sogleich den Arzt rufen, Pedro. Marietta, du betrittst Cicos Häuschen nicht. Du kannst dich anstecken. Keiner von euch darf zu Cico gehen, bis ich den Arzt gesprochen habe. Sage Homer, Pedro, daß er selbstverständlich, solange der Großvater krank ist, hier in der Stadt bei ihm bleibt. Später kann er uns zur Fazenda nachkommen.«

»Homer muß zu Hause bleiben? Ohne Homer ist es gar nicht lustig auf der Fazenda. Dann hat Juan ja kein Pferdchen zum Reiten.«

»Juan, ein Mensch ist kein Pferdchen, auf dem man reitet. Ich habe es dir schon öfters verboten, auf Homer zu reiten. Du tust ihm doch dabei weh«, bedeutete die Mutter dem Kleinen.

»Wenn Juan brav ist, schenkt der Vater ihm auf der Fazenda ein kleines Pony. Dann kannst du mit dem Vater ausreiten, mein Junge«, versprach der Vater.

»Ja, Papi, wirklich? Tust du es auch gewiß? Ist Juan jetzt groß?« Der Kleine vermochte an sein Glück nicht zu glauben.

»Nein, Milton, du machst doch nur Spaß, nicht wahr? Keine ruhige Minute hätte ich, wenn das Kind schon reiten lernte«, sagte Frau Ursel aufgeregt. »Es kommt noch früh genug dazu. Ich muß mich schon um die Großen genug sorgen.«

»Nun, wenn es dir nicht recht ist, mein Liebling, warten wir noch damit.« Milton war sofort einverstanden.

»Es soll der Mammi aber recht sein. Alte Mammi!« Grenzenlos enttäuscht war der Kleine.

»Juan, gehe in dein Kinderzimmer. Du bist unartig. Ich will dich hier nicht mehr sehen«, sagte der Vater mit außergewöhnlicher Strenge. Nur wenn eins der Kinder sich ungebührlich gegen die Mutter benahm, wurde er ärgerlich.

»Und ich will auch nicht mehr sehen, daß die Mammi ein trauriges Gesicht macht.« Wütend lief der Kleine davon.

Milton Tavares trank seine Schale Mokka aus und nahm den Arm seiner Gattin, um sie ins Musikzimmer zu führen. Lachend flüsterte er ihr ins Ohr: »Von wem der Schlingel nur dieses Wutteufelchen hat? Von dir oder von mir?«

»Ich fürchte, von uns beiden«, gab Frau Ursel, ebenso belustigt wie ehrlich, zurück. »Aber hast du wirklich die Absicht, heute noch Musik zu machen, wo wir morgen die Stadt verlassen?«

»Darum gerade. Einen würdigeren Abschluß unseres Stadtaufenthaltes kann es für uns hier in Sao Paulo nicht geben. Was willst du singen, mein Herz? Oder wollen wir mit Anita ein Bratschentrio spielen?«

»Ich muß noch mit Marietta Abschiedsbesuche machen, Papi. Hast du auch die Überraschung für uns auf der Fazenda nicht vergessen? Du weißt doch?«

»Die Überraschung? Gut, daß du mich erinnerst, Kind.« Der Vater machte ein verschmitztes Gesicht und schlug die ersten Töne auf dem Flügel an. »Willst du aus Rigoletto singen, Ursel, oder aus dem Barbier? Wie Donna Tavares befehlen.« So ernst Milton Tavares auch in seiner Berufstätigkeit war, so aufgeräumt und heiter pflegte er im Kreise seiner Familie zu sein. Das Glück seiner Ehe und die Harmonie seiner Häuslichkeit spiegelte sich in seinem frischfröhlichen Wesen wider.

»Und die Noten, Milton? Wann packen wir die ein?« gab seine Frau noch zu bedenken.

»Wenn wir genug musiziert haben.« Da schlug er schon die ersten Töne an.

Sie zogen hinaus bis zu der großen Kokuspalme, in deren Schatten Marietta stand und lauschte. Die Sonne tauchte drüben über den Bergen in ein Farbenmeer von unglaublicher Pracht. Lichtgrüner Himmel, rosenrot, violett, orange und zitronengelb überhaucht, lag über der verdämmernden Tropenwelt. Marietta schaute, lauschte und träumte.

»Also hier steckst du, Jetta.« Anitas helle Stimme weckte sie empor. »Bist du Sonnenanbeterin geworden oder gar mondsüchtig? Komm, das Auto ist schon vorgefahren. Woran dachtest du denn bloß?«

»Ich dachte daran, ob es in Mammis deutscher Heimat wohl auch so schön sein kann, wie hier bei uns.«

»Sicher nicht. Bei uns ist alles viel eleganter und vornehmer«, erwiderte Anita, ohne zu überlegen.

»Mammi sagt, wahre Vornehmheit trägt man in sich, Nita. Die offenbart sich nicht in Eleganz. Auch der Ärmste kann sie besitzen.«

»Das sind echt deutsche Ansichten«, machte Anita abweisend. »Der Junge, der Juan, wird auch viel zu sehr verweichlicht. Warum soll er nicht reiten lernen? Mammi vergißt oft, daß wir in Amerika leben und daß hier andere Regeln gelten, als in Europa.«

»Aber, Nita!« erhob die Zwillingsschwester Einspruch. Wie konnte man nur gegen ihre Mutter etwas Derartiges sagen! »Ich wünschte, wir wären, wie unsere Mammi ist.«

»Das – das wünschte ich eigentlich auch«, gab Anita in jähem Umschwung der Gefühle ganz unerwartet zu. »So, Jetta, und nun mache kein solch niedergeschlagenes Gesichtchen. Du weißt doch, ich rede öfters mal dummes Zeug.«

Da hielt das Auto vor dem Hause einer befreundeten Familie. Ein schwarzer Diener öffnete den Schlag. Leichtfüßig sprang Anita heraus. Marietta folgte nachdenklich. Merkwürdig, sie konnte ihr niemals ernstlich böse sein, der Anita. Kam das daher, daß sie Zwillinge waren? Aber ging es anderen Leuten mit Anita nicht gerade so?

2. Kapitel. Jimmy.

Ribeirao Preto, der Sommersitz der Familie Tavares, lag acht bis neun Bahnstunden von der Stadt entfernt. Das bedeutete für amerikanische Zeit- und Raumverhältnisse nicht viel. Pflegten die Herren aus der Stadt, soweit sie sich nicht Ferien nahmen, doch mindestens einmal in der Woche diese Strecke im Auto zu ihren Familien zurückzulegen.

Nicht nur Milton Tavares besaß dort seine mit allem Komfort eingerichtete Sommerbesitzung. Auch die übrigen Familienmitglieder, Don Fernando und seine Frau Margarida, die Mutter, Donna Tavares, verschiedene Vettern und Freunde hatten sich dort angesiedelt. Eine elegante Kolonie war entstanden mit äußerst lebhafter Geselligkeit, mit Vergnügungen und Sportveranstaltungen aller Art. Nirgends lebte man angenehmer und sorgloser als draußen auf der Fazenda.

Meilenweit erstreckten sich die Kaffeeplantagen, aus denen das Haus Tavares seinen Reichtum schöpfte. Viele hundert Arbeiter, Männer, Frauen und Kinder waren hier vom frühen Morgen bis zum späten Abend bei glühender Tropensonne mit schwerer Arbeit beschäftigt. Weiße und Farbige. Meist waren es italienische und deutsche Auswanderer, die das Glück in die Ferne gelockt hatte, die es vergeblich gesucht, niemals gefunden hatten. Sie waren froh gewesen, bei dem reichen Kaffeekönig in Brasilien einen Unterschlupf zu finden. In elenden, fensterlosen Lehmhütten hausten sie – das war das Glück, das sie im fremden Lande erwartete. Seit der junge Herr, Don Milton, das Zepter im Kaffeereiche führte, hatten sich die Lebensverhältnisse der Arbeiter gebessert. Daran war vor allem seine schöne, blonde Frau schuld, die der Arbeiterschaft, ganz besonders ihren deutschen Landsleuten, mit warmem Herzen entgegenkam. Niemals hatte Frau Ursel das auf Äußerlichkeiten gestellte Drohnendasein der verwöhnten brasilianischen Frauen mehr empfunden, als draußen auf der Fazenda, wo sich tausend schwielige Hände regten, um all den Luxus für die Besitzer herbeizuschaffen. Sie schämte sich dessen, wenn sie unmittelbar neben der Eleganz des eigenen Hauses das Elend der Plantagenarbeiter beobachtete. Die anderen Frauen hatten dafür kein Auge. Die Schwiegermutter hatte sie liebevoll ein sentimentales Närrchen genannt, als Ursel damals, als junge Frau, mit der ihr eigenen freimütigen Offenheit für die Arbeiter eingetreten war und das Leben derselben mit dem ihrigen verglichen hatte. »Was willst du, Kind, sie verdienen sich ihr Brot und sind zufrieden. Sie sind anspruchslos und kennen es nicht besser. Da gehört mancher zur Gesellschaft in Sao Paulo, dessen Eltern früher auf den Plantagen gearbeitet haben. Heute fahren sie im eigenen Auto. Es geht schnell mit dem Auf- und Abstieg in Amerika. Ein jeder muß hier an sich denken. Du wirst die hiesigen Verhältnisse nicht ändern, Kind.«

Frau Ursel aber hatte sich vorgenommen, diesen Mißständen abzuhelfen. Und was Ursel sich in den Kopf gesetzt hatte, das führte sie auch durch. Schon daheim im Elternhause war ihr Wille schwer zu beeinflussen gewesen.

Milton Tavares hatte ein offenes Ohr für das Anliegen seiner jungen Frau. Las er ihr doch jeden Wunsch von den Augen ab. Er selbst hatte in Deutschland geordnete soziale Fürsorge für die Arbeiterschaft kennengelernt und brachte Frau Ursels Vorschlägen für gesunde Arbeiterwohnstätten Verständnis und tatkräftige Hilfe entgegen. So waren in den letzten zwölf Jahren auf den Tavaresschen Kaffeeplantagen helle, freundliche Siedlungshäuser für die Arbeiter entstanden, während auf den benachbarten Plantagen noch dieselben Mißstände anhielten. Sooft Frau Ursel jetzt ihren Sommersitz bezog, hatte sie eine stolzfreudige Genugtuung, Gutes gewirkt zu haben.

Es war am frühen Morgen. Ein Tropenmorgen, so heiß, so sonnenhell und strahlend, als sei er eigens für die Sommerfrischler auf der Fazenda heraufgezogen. Durch den weitausgedehnten Palmengarten sprühte silbern der erfrischende Wasserstrahl, den die Neger aus langen Schläuchen über die üppige Baum- und Pflanzenwelt leiteten. Leuchtende, seltsame Blüten öffneten ihre Kelche in jubelnder Farbenfreude dem neuen Sonnenlichte. Schmetterlinge, wie geflügelte Riesenblumen anzuschauen, durchschaukelten die Luft. Papageien und Kolibris in lachender Buntheit wiegten sich hoch oben in Palmenwedeln.

Auf der Terrasse, über deren gläsernes Dach rieselndes Wasser zur Kühlung herabsickerte, war die Familie beim Morgenfrühstück versammelt. Der Hausherr war selbst in den Ferien ein Frühaussteher. Er hatte seinen Morgenritt bereits hinter sich, während seine Damen Langschläferinnen waren, wie er sie scherzend nannte.

»Milton, sieben Uhr ist es erst. Bei uns daheim in Deutschland würden die Eltern mir einen Preis zuerkannt haben, wenn ich so zeitig aus den Federn gefunden hätte«, setzte Frau Ursel den Neckereien des Gatten entgegen.

»Bei uns daheim – ja, Ursel, wo bist du denn daheim?« Milton Tavares zog die Augenbrauen hoch.

»Im Tropenlande, mein Herr Tyrann, wenn meine Gedanken auch manchmal, all deiner Eifersucht ungeachtet, in ein kleines deutsches Haus, das jetzt in Schneebetten vergraben liegt, entwischen. Gedanken sind zollfrei, wie du weißt.«

»Nein, solche Gedanken kosten Zoll.« Dabei schlang Milton Tavares den Arm um die Schulter der Nebenihmsitzenden und nahm sich den Zoll von ihren frischen Lippen.

Miß Smith, die englische Governeß, die gerade in ihre dick mit Honig bestrichene Weißbrotschnitte biß, machte dazu ein Gesicht, als hätte sie Wermut auf der Zunge.

»Oh, Miß Smith, Sie werden sich verschlucken«, meinte Anita mit teilnehmendem Gesicht.

»Wieso, Anny?« fragte die Miß kauend.

»Sie haben bestimmt eben ein shocking hinuntergeschluckt. Ist es Ihnen nicht in der Kehle stecken geblieben?«

Die Engländerin machte ein unnahbares Gesicht. Es sah so steif und zugeknöpft aus wie der weiße Leinenkragen, den sie ungeachtet der Tropentemperatur trug. Sie blickte von den scheinheilig ernsten Mienen ihres Zöglings zu dessen Eltern, hoffend, daß von dort der notwendige Tadel ausgesprochen würde.

Frau Ursel sagte denn auch pflichtschuldigst: »Anita, du vergißt stets, mit wem du deinen Scherz treiben darfst.« Obgleich es ihr schwer wurde, ihre Heiterkeit zu verbergen. Ihr Gatte aber wandte sich lachend an die Erzieherin: »Nur ein Kuß, Miß Smith, – a little kiss. Der gehört zu solchem herrlichen Morgen auf dem Lande. Meinen Sie nicht auch?«

Die Miß verbeugte sich höflich zustimmend.

Da aber platzte Anita los. Sie lachte – lachte – und steckte mit ihrem silberhellen Lachen auch ihre Zwillingsschwester an. Es war aber auch zu komisch – die Miß und a kiss, das waren zwei Dinge, die wirklich nichts miteinander zu tun hatten. Wirkte sie doch mit ihren strengen Zügen, dem straff zurückgestrichenen Haar und den eckigen Bewegungen mehr wie ein Mann, als wie ein weibliches Wesen. Auch aus ihrem Alter konnte man nicht klug werden. Sicher war Miß Smith mit zwanzig Jahren schon genau so alt gewesen, wie mit fünfzig. Jetzt wandte sie sich mißbilligend an Marietta, die ihr sonst ihr Amt nicht allzu schwer machte. »Mary, auch du! Du darfst dich nicht von deiner Schwester Anny zu ungehörigem Benehmen verleiten lassen, sondern mußt versuchen, günstig auf dieselbe einzuwirken.« Miß Smith sprach stets englisch.

Marietta machte ein bestürztes Gesicht. Ihrem guten Herzen tat es sofort leid, daß sie die Miß ausgelacht hatte. Anita aber, die unverbesserliche, rief: »Wirke auf mich ein, Jetta, es tut dringend not.«

»Es tut not, daß ihr jetzt Schluß macht und eure ausgelassene Ferienstimmung, der Miß Smith gewiß manches zugute halten wird, nicht auf die Spitze treibt. Habt ihr fertig gefrühstückt? Schön, dann könnt ihr zur Großmutter hinüberreiten und ihr guten Morgen wünschen«, machte die Mutter der unbotmäßigen Lustigkeit ein Ende.

»Erst unsere Überraschung, Papi. Du hast uns auf heute vertröstet. Wo bleibt die Überraschung?« bestürmte Anita den Vater.

»Kleine Ungeduld! Pedro wird sie sogleich bringen.« Der Mulatte eilte auf einen Wink seines Herrn davon und kam mit einem Bambuskörbchen, das rosenrot abgefüttert war und eine Seidendecke in derselben Farbe besaß, zurück.

»Ein Kind?« fragte Anita zweifelnd und zog fürwitzig die Decke herab. »Ach, ein Äffchen, ein süßes Äffchen – gehört es mir, ja, Papi? Mir ganz allein?«

»Euch beiden – ihr seid doch Zwillinge. Nun, Jetta, freust du dich auch über den neuen kleinen Hausgenossen?«

»Nein, gar nicht!« Marietta war unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen. »Ich mag Affen nicht.« Sie mochte nicht gestehen, daß sie sogar eine Scheu vor ihnen hatte.

»Aber der hier ist doch süß! Ein ganz junges Äffchen, nicht wahr, Papi? Und so zahm ist er! Ich werde ihn Jimmy nennen.« Anita reichte ihm ihre schlanke Hand hin, in die der Affe seine braune, langfingerige legte.

» Marovilhosa – er ist wundervoll! Ein entzückendes Tierchen! Alle vornehmen Damen besitzen ein zahmes Äffchen. Vielen, vielen Dank, Papi.« Begeistert küßte Anita dem Vater beide Wangen.

»Nun, und wo bleibt dein Dank, Marietta? Willst du den kleinen braunen Burschen nicht auch bewillkommnen?«

Marietta legte die Hände auf den Rücken und trat in deutlicher Abneigung noch einen weiteren Schritt zurück.

»Sie hat Angst! Unsere große Jetta hat Angst vor dem kleinen Äffchen«, lachte Anita sie aus.

»Eine Tavares hat keine Angst«, sagte der Vater in bestimmtem Tone. »Geh, schau dir das Tierchen mal näher an, Marietta. Es tut nichts.«

Anita hatte den braunhaarigen Gesellen aus seinem rosigen Bettchen genommen und hielt ihn der Schwester entgegen. »Sei lieb, Jimmy, komm, streichle die Jetta.«

Mit der braunen Affenhand wollte sie Mariettas zarte Wange berühren. Aber schreiend wich diese zurück. Der Affe, erschreckt über ihren Schrei, machte einen Satz auf das junge Mädchen zu und versetzte ihm ein paar Ohrfeigen. Marietta schrie wie am Spieß. Der Affe sprang die Terrassenstufen auf allen vieren hinab, hast du nicht gesehen den schlanken Schaft einer Palme hinauf und sah nun von dort oben der Weiterentwicklung der Dinge zu.

Anita hielt sich die Seiten vor Lachen. Auch der Vater stimmte in ihr Lachen ein. Der Anblick war unglaublich komisch. Bei Frau Ursel überwog das mütterliche Mitleid. Sie zog das erschreckte Mädchen zu sich heran und beruhigte es zärtlich.

»Jetta, Mädelchen, wer wird denn so ängstlich sein. Das Äffchen tut nichts, wenn du es nicht reizt. Obgleich ich gestehen muß, daß mir der vierhändige Familienzuwachs auch nicht gerade sympathisch ist.«

»Gräßlich unsympathisch ist er – horrible indeed!« Die Miß, die ganz versteinert dagesessen, zeigte wieder Leben.

»Wenn du den Affen nicht magst, verschenken wir ihn, Ursel«, stimmte ihr Mann sofort bereitwillig bei.

»Nein – nein, das tust du mir nicht an, Mammi. Ich bin ganz selig über ihn. In Europa halten sich die Damen ein Schoßhündchen oder einen Papagei oder einen Vogel im Käfig. Laß mir doch auch meinen Affen. Tante Margarida hat auch einen«, bat Anita lebhaft.

»Nun, hier draußen auf der Fazenda mag er meinetwegen bleiben. Aber in das Haus darf er nicht.« Die Mutter wollte jedem ihrer Kinder gerecht werden. Man konnte Anitas tiefblauen Strahlenaugen nur schwer etwas abschlagen.

»Ich mag keine nervöse junge Damen, Marietta«, äußerte sich der Vater. »Für dich ist es mir besonders lieb, daß die Mutter dem neuen Hausgenossen ein Plätzchen auf der Fazenda gestattet. Du mußt dir die kindische Furcht abgewöhnen. Amerikanische Mädchen dürfen keine zartbesaiteten Nerven haben.«

Anita schlang den Arm um die Schwester. »Du wirst dich schon an Jimmy gewöhnen, Jetta. Er ist ja so niedlich. Er soll dich auch ganz gewiß nicht mehr streicheln, wenn es dir unangenehm ist.«

Marietta machte sich aus dem sie umfangenden Arm frei. »Der abscheuliche Affe verdirbt mir den ganzen Ferienaufenthalt hier in Ribeirao Preto. Wenn du mich lieb hast, Nita, verzichtest du auf ihn. Wähle zwischen ihm und mir!« Anita lachte hellauf. Auch die Eltern mußten lachen. Selbst die Miene von Miß Smith wurde süßsäuerlich.

»Ach, bist du komisch, Jetta! Bist du komisch! Jimmy ist doch nicht mein Zwilling, daß ich zwischen euch wählen soll. Oder findest du, daß er mit einem von uns Ähnlichkeit hat?« Ihr Lachen wirkte so ansteckend, daß sogar Marietta einstimmen mußte. Anita hatte wieder mal gewonnenes Spiel.

Jimmy wurde mittels einer Banane von seinem hohen Auslug herabgelockt. Und als er so possierlich die Banane mit Händen und Zähnen abzuschälen begann und die Schalen dann der unglücklicherweise zunächst sitzenden Miß an den Kopf warf, die erschreckt aufkreischte, hatte Marietta die eigene Furcht schon ein wenig überwunden. Obwohl Jimmy sich so unehrerbietig gegen Miß Smith benahm, ward er gnädig in den Tavaresschen Familienkreis aufgenommen.

Aus dem Garten klang die Stimme der alten Rosita: »Juan – Juan – wo steckst du?« Und gleich darauf ihr empörter Ausruf: »Nein, dieser Junge! Nun hat Rosita ihn von Kopf bis Fuß frisch angezogen, und jetzt ist er pitschenaß. Juan, willst du wohl aus dem Springbrunnen heraus!«

Die Familie eilte zum Garten hinab. Nur die Miß und Jimmy blieben zurück. Erstere, weil sie so leicht nichts aus der Ruhe zu bringen vermochte, letzterer, weil ihn die Reste des reichen Frühstückstisches lockten. Beide betrachteten sich mit gegenseitigem Mißtrauen.

Inzwischen hatte Frau Ursel, deren Schritte Muttersorge beflügelte, als erste den Springbrunnen erreicht. Dort bot sich ein merkwürdiges Bild. In dem großen Steinrund, das von dem niederstäubenden Wasserbogen des Springbrunnens gefüllt wurde, jagte der kleine Juan wie ein Zirkuspferd herum, jedesmal laut aufjuchzend, wenn ihn der nasse Strahl durchweichte. Hinter ihm her – allerdings außerhalb des Steinbassins – die alte Mulattenkinderfrau, rufend und bittend. Vergeblich bemühte sie sich, ihn herauszuangeln. Immer wieder entwischte ihr der kleine Bursche. Hinter den Bäumen und aus dem Buschwerk lugte, vor Vergnügen grinsend, die farbige Dienerschaft hervor.

Frau Ursel wußte nicht, ob sie über das eigenartige Bild lachen oder schelten sollte. »Juan – gleich kommst du heraus. Du wirst dich erkälten. Ganz naß sind deine Locken. Und den schönen, neuen Anzug verdirbst du obendrein.«

»Ach, Mammi, herrlich ist es unter der Brause. Komm doch auch herein.« Der kleine Wassergott begann die großen Schwestern, die nun auch auf ihn Jagd machten, übermütig zu bespritzen. Das gab ein Lachen, Jauchzen und Kreischen, daß die Papageien droben in den Baumzweigen ihre runden Äuglein erstaunt aufrissen. Wo war ihre vielmonatige Ruhe hin?

»Juan, jetzt ist es genug des Übermuts. Jetzt kommst du heraus«, befahl der Vater. Heimlich hatte er seine Freude an dem Streich seines Jungen, der ihm oft nicht forsch genug war.

»Bekomme ich auch das kleine Pony, Papi? Und darf ich mit dir ausreiten?« leitete der Kleine die Verhandlungen ein.

»Das wird sich später finden.«

»Nein, das soll sich gleich finden, das kleine Pony«, verlangte der Kleine, der ziemlich verzogen war.

»Ich habe etwas viel Schöneres für dich, Juan, als das Pony – ein süßes, kleines Äffchen, Jimmy heißt es«, versuchte ihn Anita zu überreden.

»Juan, sieh nur, wie traurig die Mammi ist, weil du ungehorsam bist«, stellte Marietta zu gleicher Zeit dem kleinen Bruder vor.

Was nun mehr Eindruck auf Juan machte, das Äffchen Jimmy oder die traurige Mammi, das ließ sich schwer ergründen. Er war sich wohl selber darüber nicht ganz klar, was ihn veranlaßte, dem kühlen Bade zu entsteigen und sich von der atemlosen Kinderfrau greifen zu lassen.

»Wenn du dich brav abreiben und umkleiden läßt, Hansi, hat dich die Mammi wieder lieb.« Frau Ursel strich dem Kleinen die triefenden Haare aus dem Gesicht.

»Erst den Affen sehen«, verlangte Juan.

»Der Vater zeigt dir das Äffchen. Dann aber gehst du gleich artig mit Rosita in die Kinderstube.«

Als man die Terrasse betrat, bot sich dort ein ähnliches Schauspiel, wie vorhin am Springbrunnen. Nur daß die Schauspieler andere waren. Jimmy, das Äffchen, jagte die Miß. Rings um den Tisch jagte er die steife Engländerin, die sich atemlos mit Bambusstühlen vor ihrem Verfolger zu verbarrikadieren suchte. Vergebens. Mit einem Satz hatte Jimmy das Hindernis genommen.

» Dreadful indeed!« – Die atemlose Miß konnte nicht weiter.

»Werfen Sie doch die Orange fort, Jimmy will ja nur die Orange, die Sie in der Hand halten, Miß Smith«, rief Anita, als sie vor Lachen wieder sprechen konnte.

Marietta überwand sich so weit, trotz der eigenen Scheu der armen Miß zu Hilfe zu kommen. Aber Jimmy hatte sich bereits in den Besitz der Orange gesetzt und ließ nun von seinem Opfer ab.

Die Miß war halb ohnmächtig. Man mußte ihr Brausepulver bringen und die Stirn mit erfrischenden Essenzen einreiben. Eine starke Migräne war die Folge der Aufregung. Leider hatte sie auf die böse Anita nur den Erfolg, daß diese Jimmy, das Äffchen, noch mehr in ihr Herz schloß. War man doch für diesen Tag die Miß mit ihren Anstandsregeln glücklich los.

3. Kapitel. Samariterin.

Vor dem Hause scharrten ungeduldig die Pferde. Es waren prachtvolle Tiere. Der Rappe war der Lieblingsgaul der Donna Tavares, während die jungen Mädchen kleinere Silberfüchse als Reitpferde besaßen. Pedro, der Mulatte, hielt sie am Zügel. Er war es gewöhnt, daß man auf sich warten ließ. Langsam schritt er mit den Tieren unter den Olivenbäumen hin und her.

Endlich erschienen die Damen. In ihren kleidsamen, hellen Reitkostümen, große Tropenhüte zum Schutz gegen die Sonne auf dem Kopf, schwangen sie sich graziös in den Sattel. Milton Tavares hielt seiner Gattin den Steigbügel. Diesen Dienst überließ er keinem anderen.

»Sobald ich die telephonische Verbindung mit Santos habe, komme ich euch nach. Grüßt inzwischen die Mutter und Margarida. Sollte es länger dauern, so reite ich euch den Weg durch den Olivenhain entgegen.«

Er blickte den drei anmutigen Reiterinnen, die grüßend davonsprengten, mit stolzfreudigen Empfindungen nach.

Unter Oliven und Orangenbäumen führte der Weg zu strauchartigen Anpflanzungen, die sich bis an die blauen Berge in endlosen dunkelgrünen Wellen dehnten. Das waren die Kaffeeplantagen. Immergrüne, lederartige Blätter verbargen die duftenden, rötlich-violetten Blüten. In regelmäßigen Abständen waren die mannshohen Sträucher angelegt. Sie gaben der Gegend etwas Einförmiges. War das Auge doch gerade im Tropenlande an bizarre Formen von Pflanzen, an üppigste Vegetation und buntesten Farbenreichtum gewöhnt.

»Wie ich die Plantagen zum erstenmal vor Jahren erblickte, haben sie mich traurig gestimmt«, sagte Frau Ursel sinnend. »Sie erschienen mir wie ein gewaltiges Meer, das Tausende von Menschen verschlingt, um einzelnen seine Schätze zu spenden.«

»Papi sagt, unsere Plantagen seien ein Segen für viele, die sonst keine Arbeit hätten«, meinte Marietta nachdenklich.

»Der Vater hat recht. Seitdem die netten Siedlungshäuser entstanden sind, empfinden wohl auch die Arbeiter den Segen ihres schweren Tagewerks.« Liebevoll blickte Frau Ursel auf einen weißen Komplex von kleinen Häusern, der aus dem dunkelgrünen Blättermeer wie eine weiße Insel herausragte.

»Weißt du, Mammi, wie die Plantagen, so denke ich mir den deutschen Wald«, sagte Marietta sinnend. Ihre dunklen Augen bekamen etwas Träumerisches.

»Unseren lieben deutschen Wald? Nein, mein Herz, der ist ganz, ganz anders. Den kann man sich nicht vorstellen, ohne ihn gesehen zu haben. Wie ein lichtgrüner Dom wölben sich die Baumkronen der Buchen und Eichen. Anemonen, Waldveilchen und Vergißmeinnicht umkränzen den murmelnden Bach. Singvögel, nicht so bunt wie die hiesigen, aber mit ungleich süßerem Wohllaut, jubilieren im grünen Blätterhaus. Auf samtweichem Moos ruht es sich herrlich am Herzen der lieben, deutschen Muttererde.« Immer sehnsuchtsvoller wurde die Frauenstimme.

»Solche Riesenfarren, solche üppigen Schlingpflanzen und so hohe Palmen wie bei uns gibt es im deutschen Wald sicher nicht. Und auch nicht so herrliche Obstbäume. Du hast uns selbst erzählt, Mammi, du hättest niemals früher so große Orangen und Pfirsiche gesehen wie hier. In Europa ist alles zwergenhaft klein«, warf Anita dazwischen, die nichts gegen Amerika aufkommen ließ.

Frau Ursel beachtete den Einwurf nicht. Die war mit ihren Gedanken weit fort. »Sechzehn Jahre sind es nun her, daß ich die Heimat, die Eltern, all die Lieben in Deutschland nicht mehr gesehen habe. Wer mir das damals gesagt hätte, als ich eurem Vater über das große Wasser folgte! Ich hätte es nicht für möglich gehalten.«

»Wärst du ihm dann nicht gefolgt?« erkundigte sich Anita neugierig.

»Ich glaube doch wohl«, lächelte die Mutter. »Aber schwer, noch ungleich schwerer wäre es mir geworden. Ich habe es damals als neunzehnjähriges Ding doch noch nicht erfaßt, was solch eine Trennung, ein derartiges Loslösen von der Heimat bedeutet.«

»Onkel Juan war doch inzwischen zu Besuch bei uns«, versuchte Marietta die wehmütigen Gefühle der Mutter zu zerstreuen.

»Mein Bruder Hansi – ja, das war auch die einzige persönliche Verbindung mit der Heimat. Wißt ihr noch, wie er mit euch gespielt und getobt hat, der Onkel Hans? Sieben Jahre wart ihr damals. Eine Ewigkeit ist es schon wieder her.«

»Wenn ich Donna Tavares gewesen wäre, ich wäre sicher mindestens alle zwei bis drei Jahre nach Europa hinübergegondelt. Daran erkennt man, daß du keine Amerikanerin bist, Mammi«, ließ sich Fräulein Klugschnack vernehmen.

»Nein, Anita, meine deutsche Herkunft trägt nicht die Schuld an meiner Seßhaftigkeit. Ihr seid daran schuld, ihr Kinder, und auch der Vater. Das erstemal, als ich mit euch hinüberfahren wollte – zur silbernen Hochzeit der Großeltern war's –, da zähltet ihr erst wenige Monate, und der Arzt fürchtete wohl mit Recht den Klimawechsel für euch. Bald darauf starb der Großvater Tavares. Die Last des vielverzweigten Kaffee-Exports lag auf den Schultern eures Vaters. Er konnte nicht monatelang dem Geschäftsbetrieb fernbleiben. Und mich so lange missen, wollte er noch weniger. So ward es von Jahr zu Jahr verschoben. Dann erschien Juan, unser kleiner Nachkömmling. Und wieder vergingen die Jahre. Zu Beginn eines jeden nahmen wir uns vor, in diesem Sommer geht es bestimmt hinüber. Stets kam etwas dazwischen. Die Großeltern in Lichterfelde sind alt geworden bei dem ständigen Hoffen und vergeblichen Harren. Wer weiß, ob man sie nochmal wiedersieht.« Solch mutlose Kundgebung ihrer Heimatssehnsucht war sonst gar nicht Frau Ursels Sache.

Die Töchter waren denn auch bestürzt und erschreckt.

»Aber Mammi, liebe, kleine Mammi, nun dauert es doch gar nicht mehr lange, dann fährst du mit uns zu den Großeltern nach Deutschland. In kurzem ist Weihnachten – gleich nach Ostern reisen wir. Das ist gar nicht mehr lange hin.« Wenn es galt, ihre Mammi wieder froh zu machen, wurde Marietta ebenso lebhaft und beredt wie ihre Zwillingsschwester.

»Wenn ich nur mal erst wieder Nachricht hätte. Die Großmutter schreibt sonst so regelmäßig alle zwei Monate. Aber nun ist schon ein Vierteljahr seit ihrem letzten Brief vergangen. Hoffentlich ist drüben alles gesund.«

Aus dem dunklen Grün der Anpflanzungen tauchten die hellen, breitränderigen Farmerhüte der Plantagenarbeiter auf. Kauernde Gestalten richteten sich bei dem nahenden Hufschlag von der Arbeit empor und grüßten die Vorüberreitenden ehrerbietig. Dunkle und hellfarbige Gesichter, schwarze und blaue Augen. Es war ein Gemisch der verschiedensten Nationalitäten und Rassen.

Das Sommerhaus der Janqueiras war erreicht. Es lag landschaftlich schöner als das Tavaressche, dem Gebirge näher. Aber der Bau wirkte geschmacklos und überladen protzig. Schwarze Diener halfen den Damen beim Absteigen. Man führte sie in den Salon. Auch dort zeigte sich Mangel an verfeinertem Geschmack. Sofa und Sessel waren mit weißen Leinenüberzügen verhängt. Margarida hatte das in einem Berliner Schloß bei ihrem europäischen Aufenthalt gesehen und ließ sich nicht davon abbringen, dies besonders vornehm zu finden. Die Krone war von einem graublauen Papierlampenschirm verhängt. Die Vasen schmückten bunte Papierblumen. Die Kinder kannten den Salon der Großmutter Tavares nicht anders, wenn sie auch den Unterschied von dem eigenen Heim herausfühlten. Ursel aber gab es stets einen Stich ins Herz, sooft sie den geschmacklosen Raum betrat.

»Ah, ihr seid es – willkommen – willkommen!« Die Schwiegermutter, noch heute Spuren ehemaliger Schönheit verratend, begrüßte in ihrer lebhaften italienischen Art Schwiegertochter und Enkelinnen, sie nach Landessitte auf die Wangen küssend. »Kommt ins Schlafzimmer, da ist es gemütlicher.« Sie schritt den dreien voraus.

Auch daran hatte sich Frau Ursel gewöhnen müssen, daß man hier in Brasilien gute Freunde und Anverwandte im Schlafraum empfing. Auf den Betten nahm man Platz, die nur Matratze, Leinentuch und ein Paradekissen, das am Tage zum Schmuck lag und zur Nacht fortgenommen wurde, zeigten. Das Moskitonetz, das wichtigste Utensil in den Tropen, war zurückgeschlagen.

Auch Donna Margarida erschien, erfreut über den lieben Besuch. Sie war nicht mehr zierlich und graziös wie ein Püppchen, sondern war von den vielen Süßigkeiten und dem Schlaraffenleben, dem sie huldigte, etwas in die Breite gegangen.

Man saß auf den Betten. Farbige Diener brachten Eis und Früchte. Frau Ursel mußte über alle Bekannte in Sao Paulo Bericht erstatten. Denn die beiden anderen Damen waren schon über einen Monat aus der Stadt entfernt, und der Klatsch spielte dort eine wichtige Rolle. Anita verstand es besonders, die Ereignisse in humoristischer Weise darzustellen. Die Großmutter, deren erklärter Liebling sie in ihrer südländischen Lebhaftigkeit und Schönheit war, strahlte, und auch Tante Margarida bildete ein dankbares Publikum. Frau Ursel aber mochte das Herziehen über den lieben Nächsten nicht, ebensowenig, daß ihr ohnedies schon genügend selbstbewußtes Töchterchen derart den Mittelpunkt bildete. Sie unterbrach Anitas amüsante Beschreibung: »Nita, du läßt heute dein Lästermündchen wieder mal abschnurren. Nun ist es genug. Gehe mit Jetta lieber in den Garten.«

Marietta sprang erfreut auf, sie langweilten diese Berichte, geradeso wie ihrer Mutter. Anita aber zog ein Mäulchen.

»Jetta und ich wollen lieber eine Stunde reiten.« Ohne die Schwester zu fragen, nahm Anita es als selbstverständlich an, daß diese ihren Wunsch teilte. War Marietta doch immer nachgiebig und fügsam.

»Aber nicht weiter als bis zur Schlucht, Kinder. Pedro oder Diego reitet natürlich mit euch mit.«

Die jungen Mädchen verabschiedeten sich. Bald darauf sah man die Silberfüchse im Trab durch die Plantagen sprengen. Der schon etwas steifknochige Neger Diego konnte kaum hinterdrein.

»Ah, das tut gut, Jetta, nach dem langen Stillsitzen.« Anitas schwarze Locken wehten. Wie eine junge Amazone flog sie dahin.

Auch Marietta war eine gute Reiterin, nur war sie in all ihren Bewegungen ruhiger. Aus ihren dunklen Augen sprühte ebenfalls die Freude an dem herrlichen Sport.

»Ein Wettritt, Jetta«, schlug Anita vor. »Wer zuerst bei der großen Kokuspalme an der Schlucht ist. Der Graben wird als Hindernis genommen. Eins – zwei –«, bei »drei« sauste sie schon davon.

Die Schwester folgte im Abstand einer Pferdelänge. Da hemmte Marietta plötzlich den Galopp. War da nicht irgendwo ein Weinen erklungen? Ein Zügelruck brachte den Gaul zum Stehen. Scharfen Auges spähte das junge Mädchen in den grünen Wellen der Kaffeesträucher, die den Weg besäumten, umher. Halt – da schimmerte ein rotes Röckchen.

Unter einem nur wenig Schatten spendenden Gummibaum kauerte ein kleines etwa siebenjähriges Mädchen. Blonde, wirre Haarsträhnen fielen über die sonnengebräunten Händchen, welche die Kleine vor das Gesicht geschlagen hatte. Der schmächtige Kinderkörper zuckte in ruckweisem Schluchzen.

Im Nu war Marietta vom Rücken des Pferdes herabgeglitten. Sie trat zu dem weinenden Kinde und legte ihm mitleidig die Hand auf den Kopf. »Warum weinst du, Kleine?« fragte sie in der portugiesischen Landessprache.

Das Kind ließ die Hände von dem verweinten Gesicht sinken und sah erstaunt zu dem vornehmen Mädchen auf. Es antwortete nicht.

»Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?« drang Marietta in die Kleine.

Das Kind schüttelte den Kopf. Es begann von neuem zu schluchzen.

Ratlos stand Marietta vor dem kleinen Findling. Ihrem weichen Herzen schien es unmöglich, davonzureiten und das Kind seinem Schmerze zu überlassen.

»Diego, reite weiter zu Donna Anita und sage ihr, daß ich gleich nachkomme«, gab sie dem alten Neger Weisung. Dann wandte sie sich wieder dem weinenden Blondköpfchen zu.

Ein Gedanke kam ihr. Sollte das Kind am Ende ihre Frage nicht verstehen? Es hatte so verständnislose Augen gemacht. Ein Kind der Tropen war es sicher nicht. Aber in welcher Sprache versuchte sie es?

»Warum weinen du, Kind?« Die deutschen Laute, auf welche Marietta die Liebe für ihre Mutter übertrug, kamen ihr ganz von selbst auf die Lippen. Im Gegensatz zu Anita, die stets dagegen Front machte. Das Kind hob jäh den Kopf. Aus den verweinten Blauaugen kam ein Lächeln. »Ich habe Hunger, und Mutter ist krank«, sagte es in deutscher Sprache.

»Armes Kind!« Zum erstenmal begegnete dem reichen, im Luxus aufgewachsenen Mädchen jemand, der Hunger litt. Hatte sie denn gar nichts, denselben zu stillen? Entsetzlich mußte es sein, hungern zu müssen.

Das junge Mädchen griff in die Tasche des Reitkleides. Da – das Stück Schokolade, das sie stets beim Ausreiten bei sich trug, würde den Hunger stillen.

Das Kind verschlang die Süßigkeit gierig.

»Nun du nicht hast Hunger mehr?« erkundigte sich Marietta freundlich.

»Mächtigen Hunger«, dabei blieb das Kind. »Ich habe heute nur zwei Bananen gegessen.«

»Kochen ihr keine schwarzen Bohnen?« Das war das Nationalessen, das auch auf dem ärmsten Tische nicht fehlte.

»Mutter ist krank, Mutter kann nicht kochen.«

»Aber dein Vater oder die Großmutter, sorgen sie nicht für dich?«

»Vater ist tot, und Großmutter ist weit weg. Über dem großen Wasser in Deutschland. Da ist's schön, sagt Mutter. Da hat sie in einem richtigen Haus gewohnt und ein Bett gehabt wie die reichen Leute.«

»Und hier ihr haben kein Bett?« fragte Marietta leise. Das Elend war dem verwöhnten Mädchen noch nie so kraß entgegengetreten. Es griff ihr ans Herz.

»Bloß ein Lager auf der Erde aus Gras und Blättern. Mutter sagt, wenn Vater noch lebte, würde sie gern alles ertragen. Aber Vater ist ja nun tot. Und Mutter wird auch bald sterben.« Das Kind sprach dieses Furchtbare mit einer gleichgültigen Selbstverständlichkeit aus.

»Oh, nicht sagen so Trauriges!« Entsetzt blickte Marietta auf das kleine Mädchen. »Deine Mutter wird werden gesund. Haben ihr einen Arzt?«

»Wir haben kein Geld.« Die Kinderaugen sahen sorgenvoll drein.

Marietta überlegte nicht länger. »Ich werde gehen zu deine Mutter.« Vergessen war Anita und der Wettritt. Vergessen, daß sie niemals allein ohne einen Diener gehen durfte. Auch daß der Vater es nicht besonders gern sah, wenn seine Damen die Siedlungshäuser besuchten. Anita pflegte sich stets davon zu drücken. Aber Marietta hatte die Mutter schon öfters auf ihren Wegen der Menschenpflicht begleitet.

Das Pferd wurde an den Gummibaum gebunden. Dann folgte Marietta der Kleinen in die Kaffeeplantagen hinein. Kreuz, quer, wie in einem Irrgarten zogen sich die Wege durch die Anpflanzungen. Immer neue grüne Mauern türmten sich vor den beiden auf. Die Sonne brannte heiß. Marietta war nicht gewöhnt, zu Fuß zu gehen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen. Die Unebenheiten der schlechten Wege verursachten ihren zarten Füßen durch das feine Schuhwerk Schmerzen.

War es nicht voreilig gewesen, sich so weit zu entfernen? Würde Anita sie nicht suchen? Sollte sie umkehren?

Nein – nein! Sie ging ja einen Samariterweg. Hatten die Ärmsten, denen sie Hilfe bringen wollte, nicht ständig mit solchen Strapazen und Qualen zu kämpfen? Mußten sie nicht noch obendrein schwere Arbeit leisten? Sangen dort nicht irgendwo sogar Leute bei der Arbeit? Mit aller Willenskraft zwang Marietta die ungewohnten Strapazen.

Nach einer halben Stunde – eine Ewigkeit dünkte sie dem erschöpften Mädchen – öffnete sich der endlos scheinende grüne Buschwald der Kaffeeplantagen. Ein freier Platz wurde sichtbar mit gelbgrauen Lehmhütten. Das war das Dorf, die Ansiedlung der zu den benachbarten Plantagen gehörenden Arbeiter.

Niemals war Marietta bis hierher gekommen. Für die Ausfahrten und Spazierritte pflegte man landschaftlich malerische Punkte zu wählen. O Gott, sah das hier öde und verlassen aus. War es denkbar, daß in diesen fensterlosen, elenden Lehmhütten Menschen hausten?

»Zu welche Fazenda ihr gehören?« erkundigte sie sich. Das Kind nannte einen Namen. Er war angesehen in Sao Paulo, der Name Orlando. Die Familie lebte dort in Reichtum und Luxus. Zum erstenmal taten sich hier dem jungen Mädchen die krassen sozialen Gegensätze auf.

Vor einer der Hütten sielten sich nackte braune Mulattenkinder im Staub. Irgendwo blaffte ein Hund. Sonst alles wie ausgestorben. Das ganze Dorf war auf den Plantagen bei der Arbeit.

Mariettas kleine Führerin steuerte auf eine der Hütten zu. Der türenlose Eingang zu derselben war so niedrig, daß selbst das Kind beim Betreten der Hütte den Kopf neigen mußte. Palmenblätter bildeten das Dach. Statt einer Tür hing das Moskitonetz zum Schutz gegen die lästige Insektenplage vor der Öffnung.

Unwillkürlich hemmte Marietta den Schritt. Nein, nein, sie konnte nicht diesen verwahrlost ausschauenden Raum betreten! Ihr ästhetisches Empfinden, ihr Kulturgefühl bäumte sich dagegen auf.

»Schläfst du, Mutter?« hörte sie da das Kind drin sagen. »Wach auf, Mutter. Da ist ein feines Mädel, das redet wie wir. Sie hat gesagt, sie will dir helfen.«

Darauf ein Stöhnen, dann eine matte Frauenstimme: »Uns kann keiner mehr helfen, Lottchen. Uns hat selbst der liebe Gott verlassen.«

Der verzweifelte Ton dieser Worte ließ Marietta alles andere vergessen. Sie sah nicht mehr die elende Hütte, vor der sie noch soeben zurückgeschaudert. Hier war ein Mensch in Not. Hier mußte geholfen werden. Schon bückte sie sich, um in die Hütte zu gelangen.

Der kleine Erdraum erhielt Luft und Licht nur durch die Türöffnung. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Holztruhe. In der Ecke, aus ein paar Steinen errichtet, eine primitive Kochgelegenheit. Alles dies unterschied Marietta in dem dämmerigen Halbdunkel nach dem blendenden Sonnenlicht draußen erst nach und nach. Vorläufig hatte sie nur Augen für das kranke Weib, das da auf einem mit ein paar Lumpen bedeckten Blätterlager hingestreckt lag. Große, fiebrig glänzende Augen schauten erstaunt fragend auf die junge Besucherin.

»Guten Tag, liebe Frau, Sie sein krank?« begann Marietta teilnehmend. Das Elend, das ihr hier unverhüllt entgegengrinste, legte sich ihr beklemmend auf die Brust. Sie vermochte kaum zu sprechen.

Bei den deutschen Lauten, obgleich sie fremdländisch anklangen, war es wie ein Lächeln über das abgezehrte Gesicht der Kranken gezogen.

»Sehr krank. Es geht zu Ende – ich fühl's. O Gott, der Durst, der entsetzliche Durst!« Ein Ächzen folgte.

»Wo es geben Wasser hier?« wandte sich Marietta, ihre Erschütterung niederzwingend, an das Kind. Sie griff nach einem braunen Krug.

»Dort – die Nachbarin hat uns heute morgen, ehe sie zur Arbeit ging, einen Eimer Wasser geholt. Aber das Wasser ist schlecht, man darf es nicht trinken. Es muß gekocht werden. Sonst wird man krank und muß sterben wie Vater«, setzte das Kind altklug hinzu.

Schlechtes Wasser, das Seuchen erzeugte. Marietta hatte in Sao Paulo davon sprechen hören, daß auf verschiedenen Kaffeeplantagen unverantwortlicherweise ungesunde Wasserverhältnisse seien. Himmel, wie war es möglich, daß die Orlandos in größtem Luxus lebten, während ihren Arbeitern die notwendigste Lebensbedingung, gesundes Wasser, fehlte?

»Wasser – nur einen Schluck Wasser! Ich verbrenne!« stöhnte die Fieberkranke.

»Wir werden die Wasser kochen«, meinte Marietta kurz entschlossen. »Wo man kann kochen?«

Das Kind wies auf die aufeinandergetürmten Steine: »Holz liegt draußen. Aber der Herd raucht, wenn wir Feuer machen. Dann muß Mutter wieder husten.«

Ratlos stand Marietta da. Nur selten mal hatte sie in ihrem Elternhause die Küche betreten. Dort hauste die Dienerschaft, die schwarzen Köchinnen, die den ganzen Tag backten und brateten. Das war kein Aufenthalt für die jungen Fräulein.

Hätte sie doch nur Diego mitgenommen. Nun mußte sie selbst sehen, fertig zu werden. Denn die Kranke bat unausgesetzt um Wasser.

»Ich werden machen Holzfeuer.« Mit ihren zarten Händen griff Marietta nach einem großen Scheit Holz und wollte es in den Steinherd legen.

»Man muß das Holz klein machen«, belehrte sie das Kind. »So hat Mutter es immer gemacht und auch die Nachbarin macht es so.«

Marietta griff nach einem Messer. Sie schämte sich vor der Kleinen, daß sie, die soviel Ältere, das nicht wußte.

Das Holz war zäh, das Messer stumpf. Ritsch – da war es statt in das Holz in Mariettas ungeschickte Finger gegangen. Rotes Blut tropfte hernieder.

»Es nicht tun weh«, beruhigte sie das erschreckte Kind und machte mit ihrem Spitzentaschentuch einen Notverband. »Aber es sein besser, ich schicken euch unseren Diener. Und der Arzt muß kommen auch.«

»Und auch was zu essen«, erinnerte sie das kleine Mädchen.

»Zu essen, ja, Lotta. Meine Mutter wird schicken euch.« Es fiel Marietta plötzlich schwer auf die Seele, daß sie sich allein so weit entfernt hatte. Man würde sie suchen, sich um sie sorgen. Und hier hatte sie nicht einmal etwas nützen können. Unverantwortlich hatte sie gehandelt, ganz unüberlegt. Wäre es nicht viel richtiger gewesen, sie hätte von den Eltern Hilfe erbeten?

Die armen Menschen hier litten Hunger und Durst, und sie vermochte denselben nicht zu stillen. Eine Wahrheit ging dem reichen, verwöhnten Mädchen hier in dieser Einsamkeit auf: Man mußte lernen, man mußte selbst Hand anlegen können, sich nicht nur von der Dienerschaft abhängig machen. Es konnte Lebenslagen geben, in denen man auf sich selbst angewiesen war. Wollte man anderen Hilfe bringen, mußte man vor allem sich selbst zu helfen wissen.

»Fräulein, mich hungert« – erinnerte Lottchen die mit versonnenen Augen Dastehende.

»Wasser – nur einen kleinen Schluck Wasser!« kam es seufzend von den Lippen der Frau.

Marietta fuhr empor. »Ja, ja, ich gehen sofort. Ich senden Wasser, gute Wasser und Erfrischungen. Haben Sie einen Wunsch noch, liebe Frau?«

Die Kranke öffnete bei der weichen, mitleidigen Stimme mit Gewalt die fieberschweren Augen.

»Das Kind – das Kind«, flüsterte sie.

»O ja, Lotta wird erhalten Essen, gutes Essen«, versprach Marietta bereitwillig.

Die Kranke schüttelte den Kopf. Mühselig suchte sie die Worte. »Ich werd's nicht mehr lange machen – das Kind – was wird aus dem Kind – – –.« Dieser Gedanke schien sie in ihren Fieberträumen entsetzlich zu quälen.

»Wenn der Arzt wird kommen, Sie werden ganz gesund, liebe Frau.« Tränenschwer klang Mariettas Stimme. Der Jammer der Verlassenen griff ihr ans Herz.

»Ich will nicht mehr – ich kann nicht mehr – nur mein Kind – mein Lottchen – – –«

»Meine Mutter wird sorgen für ihr.« Dieselbe Mutterliebe, die aus diesen verängstigten, mühsamen Worten der Schwerkranken sprach, empfand ja auch ihre Mutter. Die Mutterliebe war reich und arm gemeinsam, verband sie miteinander.

Wieder schüttelte die Kranke das Haupt. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zu sprechen vermochte. Der Atem ging keuchend, stoßweise: »Nicht hier bleiben – das Kind soll fort – nach Deutschland – zu meiner Mutter – im – im lieben Schlesierland – Wasser – nur einen Tropfen Wasser – – –.« Ihre Gedanken begannen sich aufs neue zu verwirren.

So unerfahren das junge Mädchen war, sie sah, sie fühlte, daß hier noch ein anderer Gast bald die Hütte betreten würde – der unerbittliche Sensenmann.

»Bringe mir zurück zu meine Pferd, Lotta, daß ich kann schicken Hilfe«, wandte sie sich an das Kind. Noch einen Mitleidsblick zu der Ärmsten auf ihrem Blätterlager, dann stand Marietta wieder draußen in der glühenden Tropensonne.

»Welchen Weg wir müssen gehen, Lotta?«

Das Kind zuckte die Achsel.

»Ich weiß nicht«, sagte es schließlich nach längerer Überlegung.

Das junge Mädchen stand ratlos. Nach welcher Richtung sollte sie sich wenden? Die Lehmhütten, die einigen Anhalt boten, sahen alle eine wie die andere aus. Aber da waren ja die kleinen Negerkinder, die sich noch immer im Sande sielten, an denen waren sie vorhin vorübergekommen. Also mußte dieser Weg der richtige sein. Aber waren es auch dieselben Kinder? Die Negerkinder gleichen sich ja mit ihren schwarzwolligen Krausköpfchen wie ein Ei dem anderen. Auf gut Glück schlug Marietta den Weg an den spielenden Kindern vorüber ein. Wenn er sie nur heimbrachte, wenn er nur nicht in entgegengesetzte Richtung führte! Es war für einen Fremden gar nicht möglich, sich aus diesem Labyrinth der Kaffeeanpflanzungen mit seinen Kreuz- und Quergängen herauszufinden. Ein richtiger Irrgarten. Immer wieder stand man unschlüssig vor neuen Wegen. Dazu brannte die Sonne von Minute zu Minute glühender. Marietta, welche als mütterliches Erbteil die Tropentemperatur lange nicht so gut vertrug wie ihre Zwillingsschwester Anita, fühlte sich total erschöpft. Das Kind neben ihr weinte vor Hunger und konnte ihr absolut nichts nützen. Dazu empfand es Marietta als ein Unrecht, daß sie das Kind von dem Sterbelager der Mutter mitgenommen hatte. Aber allein hätte sie sich nie und nimmer in diese endlos grüne Wildnis hineingewagt. Noch nie in ihrem vierzehnjährigen Leben war sie einen Schritt außerhalb des Hauses allein gegangen.

Kein Mensch ringsum. Keine Plantagenarbeiter, die man um den Weg fragen konnte. Das Singen, das sie auf dem Hinweg vernommen, war verstummt. Es fehlte nicht viel, dann hätte Marietta es wie ihre kleine Begleiterin gemacht – geweint. Nur mit aller Gewalt hielt sie die Tränen zurück.

Sicher war sie länger, als der Hinweg betrug, gewandert. Es wurde ihr plötzlich zur furchtbaren Gewißheit, daß sie in entgegengesetzter Richtung ging. Aber auch dort mußte sie doch schließlich in bewohnte Gegenden kommen. Die Orlandos hatten, wie alle Plantagenbesitzer, ihr Sommerhaus auf ihrer Fazenda. Wenn sie wenigstens dorthin gelangte.

Lottchen war vor Hunger, Müdigkeit und Hitze zu keiner Auskunft mehr imstande. Schwer ließ sie sich von Marietta weiterziehen. Aber auch diese verließen die Kräfte. Unter einem breitzweigigen Kaffeeboskett, das einigermaßen Schatten bot, ließ sie sich, unfähig zum Weitergehen, nieder. Wie lange sie so gesessen, wußte sie nicht. Das Kind hatte das Köpfchen an ihre Schulter gelegt und war vor Erschöpfung eingeschlafen. Alles still. Nur der heiße Tropenwind flüsterte mit den Blättern.

Da ein Laut, ein heller, schreiartiger. Er schreckte Marietta aus ihrem Dämmerzustand auf.

War es ein Vogel, der Jukano? Noch einmal – deutlicher – ein helles Gewieher war es – Pferde mußten in der Nähe sein. Marietta riß das schlummernde Kind empor. Sie ging dem Tone nach. Stimmen wurden laut – Rufe – deutlich, immer deutlicher zu unterscheiden – »Marietta – Marietta! – – –« Wie mit Engelszungen klang es an das Ohr des verirrten Mädchens.

»Hier – hier – – –.« Sie hatte nicht mehr die Kraft zum lauten Gegenruf. Aber der war auch nicht mehr nötig. Diego, der alte, treue Neger, stand plötzlich vor ihr. Weinend sank ihm das erschöpfte Mädchen in den Arm.

Diegos Freudenruf brachte alsbald die anderen zur Stelle. Vater und Mutter in größter Sorge und Aufregung. Anita fiel der Zwillingsschwester lachend und weinend um den Hals. Die Großmutter und Tante Margarida warteten im Auto auf der Landstraße, während die Dienerschaft die Plantagen rings in der Nähe des Gummibaumes, an dem Marietta das Pferd zurückgelassen, absuchten. Ein ganzes Ende davon entfernt, hatte Diego sie gefunden.

Vorläufig vermochte Marietta auf keine der Fragen, mit denen vor allem Anita sie bestürmte, Antwort zu geben. Der Mutter bleiches Antlitz gewahrend, hatte sie nur hervorgebracht: »Meine Mammi, solche Sorge habe ich euch gemacht!« Dann hatte sie völlig erschöpft die Augen geschlossen. Aber als man ihr in der kühlen Wohnung, zu der sie das Auto brachte, Eiskompressen auf die brennenden Schläfen legte und sie mit Früchten und Limonade erquicken wollte, stieß sie plötzlich das Gereichte erschreckt von sich.

»Das Kind – es hungert!« war das erste, was sie wieder sprach.

»Das Kind hat bereits eine Mahlzeit bekommen. Es ist wieder ganz vergnügt. Aber wie geht's dir, mein Liebling? Durchsichtig blaß siehst du aus.« Frau Ursel streichelte zärtlich die bleichen Wangen der Wiedergefundenen.

»Ach, das ist ja Nebensache. Aber Mammi, man muß zu der Fazenda der Orlandos, wo die schrecklichen Lehmhütten für die Arbeiter sind, gutes Wasser, Lebensmittel und vor allem den Arzt senden. Die Mutter des kleinen Mädchens liegt allein im Sterben – sie leidet entsetzliche Qualen durch Durst. Das Wasser dort ist verseucht – – –.« Ein Schauder überflog die junge Gestalt. Die traurigen Eindrücke, verbunden mit den ungewohnten Anstrengungen, waren zuviel für Mariettas zarten Organismus.

Nicht umsonst nannten die Arbeiter der Tavaresschen Fazenda Donna Tavares ihre gute Fee. Umsichtig und tatkräftig veranlaßte sie sofort das Nötige, um der Schwerkranken Hilfe zuteil werden zu lassen. Sie kam zu spät. Der Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Die Ärmste war in ein besseres Land hinübergeschlummert.

Marietta und Lottchen mußten von den übrigen Hausgenossen tagelang abgesperrt und unter ärztlicher Aufsicht bleiben. Denn die Sorge lag nahe, daß sie den bösen Krankheitskeim auch bereits in sich trügen. Das waren furchtbare Tage des Harrens, der sorgenschwersten Ungewißheit für Frau Ursel. Das Bitterste war für sie dabei, daß selbst sie nicht zu ihrem Kinde durfte. Sogar das Weihnachtsfest mußten die beiden Mädchen getrennt von den übrigen verleben. Trotzdem wurde es für Marietta der schönste Weihnachtsabend, den sie bisher gefeiert. Mit liebevollem Herzen war sie bemüht, der kleinen Waise die fehlende Mutter zu ersetzen, ihr Freude zu bereiten. Lottas Glück über all die schönen Gaben, die sie sich nach brasilianischer Sitte vom Baum pflücken mußte, war Mariettas reinste Weihnachtsfreude. Sie selbst hatte sich von den Eltern nur den Wunsch erbeten, daß Lotta im Hause bleiben dürfe und die Eltern für sie sorgen würden, bis die Verwandten in Deutschland ausfindig gemacht worden seien.

Am weitgeöffneten Fenster stand die junge Marietta und schaute in den heißen Weihnachtsabend hinaus. In den Palmen spielte der Nachtwind. Blütenschwerer Duft umkoste ihre Stirn. Aus dem Erdgeschoß klangen süße Töne durch die Tropennacht. Die Mutter sang, wie alljährlich, das deutsche Weihnachtslied. Droben blitzte der Sternenhimmel. Da – dieser funkelnde, das war sicher der Weihnachtsstern.

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9788726883589
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