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Else Ury

Nesthäkchen im weißen Haar

Erzählung für junge Mädchen

Saga

Nesthäkchen im weißen Haar

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1925, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726883596

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Saga Egmont - ein Teil von Egmont, www.egmont.com

1. Kapitel. Marietta.

Oktobersonne blinzelte durch hohe, unverhangene Fenster. Sie malte goldene Strahlenkegel an die schlichtgetünchte Wand des Klassenraumes. Sie streichelte mit warmen Fingern junge Mädchengesichter, die sich voll Andacht und Eifer dem Katheder zuwandten. Dort stand eine Frau, die mit ernsten, warmen Worten die jungen Zuhörerinnen in Bann hielt. Eine von den Frauen, die ihre starke Persönlichkeit schon beim ersten Zusammensein offenbaren. Sie war weder jung noch alt, weder hübsch noch häßlich. Ein feingeschnittener, kluger Kopf mit ruhigen, in die Tiefe schauenden Augen. Das war Fräulein Dr. Engelhart, die Leiterin der sozialen Frauenschule.

Zum erstenmal hatte sich die unterste Fachklasse zu Beginn des neuen Lehrjahres versammelt. Herzklopfend, in seltsamer Befangenheit, wie man einst als kleine Abcschützen den ersten Schritt in das Schulleben hinein getan, so hatten die fast zwanzigjährigen Mädchen heute die soziale Frauenschule betreten. Aber bei den gütigen Begrüßungsworten der Vorsteherin wich jede Befangenheit. Heiligen Ernst, erwartungsvolle Arbeitsfreudigkeit offenbarten die jungen Gesichter der Zuhörerinnen. O ja, sie wußten es, daß es ein schweres Feld war, das es für sie zu beackern galt.

»Der soziale Beruf sollte nur von denen ergriffen werden, die der Ruf einer inneren Stimme dazu treibt, die sich im wahren Sinne des Wortes dazu berufen fühlen. Soziale Hilfsbereitschaft verlangt volle Hingabe, dienende Liebe. Sie verlangt Menschen, die ihr eigenes Selbst hintenansetzen, in der Allgemeinheit aufgehen können. Nur wer mit diesen Vorbedingungen in den sozialen Beruf eintritt, wird eine beglückende, erfüllende Aufgabe finden.« So klang es ernst und verheißungsvoll von den Lippen der Sprechenden.

Fräulein Dr. Engelharts Blick, der die neuen Zöglinge prüfend überflog, blieb in der vorletzten Reihe haften. War es das goldbraune Kraushaar, über das die Oktobersonne all ihr flimmerndes Gold ausgestreut zu haben schien, das wie ein Heiligenschein ein schmales, zartes Mädchengesicht umstrahlte, was den Blick der Vorsteherin hielt? Oder waren es die großen schwarzen Augen, die in selbstvergessener Hingabe an den Lippen der Sprechenden hingen? Fräulein Dr. Engelhart, daran gewöhnt, schnell und sicher zu sondieren, empfand sofort Fäden der Sympathie und Gemeinschaft, die von dem unbekannten, neuen Zögling sich zu ihrer eigenen Person herüberspannen. Aber auch die klaren, blaugrauen Augen der Danebensitzenden mit dem schlichten Blondscheitel, die ihren Ausführungen so verständnisvoll folgten, fesselten die Menschenkennerin.

»Es ist notwendig, meine Damen,« fuhr sie in ihrer Rede fort, »daß sich jede von Ihnen sobald wie möglich, schon bei Beginn ihrer sozialen Laufbahn, klar darüber wird, zu welchem Ziele Sie der einzuschlagende Weg führen soll, welchem Sondergebiet der sozialen Fürsorge Sie sich widmen wollen. Es ist dies für die praktische Tätigkeit, die Hand in Hand mit unseren theoretischen Lehrkursen geht, unumgänglich. Wir unterscheiden drei Hauptgruppen, für die wir Wohlfahrtspflegerinnen ausbilden. Die erste ist die Gesundheitsfürsorge. Sie können auf dem Boden dieser Abteilung Beamtin an Säuglingsfürsorgestellen, städtische Armenpflegerin, Lungenfürsorgeschwester, Wohnungsinspektorin werden. Es ist ein großes Feld für soziale Tätigkeit. – Die zweite Hauptgruppe umfaßt die Jugendwohlfahrtspflege. Diese Gruppe bildet Schul-, Jugend- und Waisenpflegerinnen aus. Die dritte und letzte Gruppe ist der allgemeinen und wirtschaftlichen Wohlfahrtspflege gewidmet, insbesondere der Arbeiterinfürsorge. Fabrikpflegerinnen und Beamtinnen für Arbeiterinnenheime und Vereine gehen aus ihr hervor.«

»Das ist für dich das Richtige, Marietta, – die Arbeiterfürsorge«, flüsterte die Besitzerin der blaugrauen Augen da hinten auf der vorletzten Bank ihrer Nachbarin mit dem goldbraunen Heiligenschein zu.

»Wollen Sie sich irgendwie dazu äußern, Fräulein – wie war doch Ihr Name?« wandte sich Fräulein Dr. Engelhart freundlich an die Flüsternde.

»Ebert – Gerda Ebert.« Das blasse Mädchengesicht überzog leichte Röte. »Ich meinte nur, Arbeiterfürsorge wäre das richtige Feld für meine Kusine Marietta Tavares. Und ich selbst möchte – –«

»Nun – nun, Fräulein Ebert, ich verlange nicht, daß Sie diese für die Zukunft schwerwiegende Frage sofort entscheiden sollen. Gut Ding will gute Weile haben. Erst müssen Sie einen Einblick in unsere verschiedenen Abteilungen mit ihren Anforderungen und Pflichten bekommen, bevor Sie einen endgültigen Entschluß fassen. Dabei muß Sie Ihre eigene Veranlagung leiten. Sie selbst müssen es fühlen, zu welcher sozialen Betätigung Sie Ihr Inneres treibt. Keiner der Wege ist leicht, jeder ist gleich schwer, das darf ich Ihnen nicht verhehlen. Nur wer sich selbst geprüft hat, wer zielbewußte Pflichttreue und volle Aufopferung dazu mitbringt, ist uns als Weggenossin im Dienste der Menschheit willkommen. So, meine Damen,« – Fräulein Engelhart schlug jetzt einen sachlichen Ton an, – »nun notieren Sie bitte den Stundenplan.«

Da wurde es mancher der jungen Novizen im Reiche der sozialen Hilfsgemeinschaft etwas schwül zumute. Schon bei den eindringlich mahnenden Worten der Anstaltsleiterin hatte sich diese und jene bange gefragt, ob man auch wirklich die notwendigen Vorbedingungen für den schweren sozialen Beruf mitbringe. Himmel, man war doch knapp zwanzig Jahre alt, das Leben mit all seinen Freuden lag vor einem. Man lachte gern, man belustigte sich, und man tanzte nur allzu gern. Und doch wollte man helfen, Tränen stillen, Schmerzen lindern. Aber man hatte es sich leichter gedacht. Schon der Stundenplan. Da gab es Berufskunde und soziale Literatur, Gesundheitslehre und Gesundheitsfürsorge, Pädagogik und Jugendfürsorge. Da gab es Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik, Worte, bei denen einem allein schon himmelangst werden konnte. Unter denen man sich vorläufig nur einen steilen Berg, den man niemals erklimmen würde, vorzustellen vermochte.

Die schwarzen Augen unter dem goldbraunen Kraushaar in der vorletzten Reihe schienen diese bange Beklommenheit besonders sprechend zum Ausdruck zu bringen. Fräulein Engelhart, die gerade »Buchführung und Verwaltungskunde« diktierte, unterbrach sich lächelnd: »Fräulein Tavares, Sie brauchen nicht solche bangen Augen zu machen. Das hört sich für den Neuling schlimmer an, als es ist. Das Labyrinth der Ihnen fremden Sozialgebiete wird Ihnen allmählich schon vertraut werden. In einem Tag ist auch Rom nicht erbaut worden. Nur guten Willen, ernstes Pflichtbewußtsein müssen Sie als Wanderstab mitbringen. Aber auch des Jugendfrohsinnes, frischen fröhlichen Muts bedarf es zu Ihrer Aufgabe, die Sie vor Verflachung schützt, Sie über persönliche Interessen hinaus Gemeinschaftszielen zum Wohle Ihrer Mitmenschen entgegenführt. Wer einen Teil seines Lebens wahrhaft hingibt, wird ungeahnte Schätze dabei heimtragen. Lassen Sie mich zum Schluß Ihnen als Weggeleit ein Wort Marie von Ebner-Eschenbachs mitgeben: ›Wenn uns auf Erden etwas mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt wird, so ist es unsere Menschenliebe.‹« Die Leiterin der sozialen Frauenschule neigte leicht grüßend den Kopf und verließ den Klassenraum.

»Eine wundervolle Frau!« Man wußte nicht, wer es gesagt, wer das ausgesprochen, was eine jede der Schülerinnen empfand.

Die beiden aus der vorletzten Reihe schritten Arm in Arm durch das schmiedeeiserne Gittertor hinaus in den herbstelnden Vorgarten. Die eine, groß und überschlank, ging fest und sicher, die blaugrauen Augen geradeaus auf ein unsichtbares Ziel gerichtet. Die andere, fast um einen Kopf kleiner, von elfenhafter Anmut, blickte noch immer zaghaft. Sie kam sich vor wie das losgelöste Blatt zu ihren Füßen, das der Wind hierhin und dorthin wehte. Und doch hielt sie selbst jetzt ihr Schicksal in der Hand, konnte es hinsteuern, zu welchem Ziele sie wollte.

»Mit einer solchen Frau wie Fräulein Dr. Engelhart gemeinsam zu wirken, ist allein schon ein Gewinn für das Leben«, unterbrach die größere der Kusinen das minutenlange Schweigen. »Ich freue mich auf die Arbeit. Je schwerer sie ist, um so größer ist der Erfolg.«

Marietta blickte bewundernd zu ihrer Gefährtin auf. Wie sicher Gerda des Erfolges war, während sie selbst sich bange fragte, ob es nicht eine Anmaßung von ihr sei, sich auf solch ein schwieriges Gebiet zu begeben.

»Du bist so still, Jetta. Hat dich der erste Tag in der sozialen Frauenschule oder gar deren Leiterin enttäuscht? Es erscheint mir undenkbar.«

»Nein, Gerda!« Das goldbraune Kraushaar flatterte im Winde, so lebhaft wurde der Kopf geschüttelt. »Nur von mir selbst bin ich enttäuscht. Ich fürchte, den großen Anforderungen, welche die soziale Frauenschule verlangt, nicht gewachsen zu sein.« Marietta sprach ein fehlerloses Deutsch. Nur leichter, fremdländischer Anklang erinnerte daran, daß sie ein Kind ferner Zonen war.

»Du mit deinem warmen, die ganze Menschheit umfassenden Herzen? Ich wüßte nicht, wer mehr für soziale Tätigkeit geeignet wäre als du, Jetta«, protestierte die andere.

»Wenn es nur mit dem Herzen zu schaffen wäre. Aber der Verstand scheint mir für unseren Stundenplan notwendiger zu sein. Ich weiß nicht, ob ich den schweren Lehrkursen werde folgen können. Ja, wenn ich so klug wäre wie du.«

»Du leidest wieder mal an falscher Bescheidenheit, Jetta. Das Theoretische wirst du so gut wie jede andere bewältigen. Und für die Praxis bedarf es vor allem starker Menschenliebe und Selbstaufopferung, die du in vollstem Maße besitzt. Hat meine Mutter es nicht oft genug während deiner zweijährigen Hilfstätigkeit in ihren Kleinkinderkrippen und Jugendhorten geäußert, daß keine andere sich so ganz einsetzt wie du? Na also! Dir fehlt nur Selbstvertrauen. Du darfst nicht auf den mühevollen Weg schauen, sondern auf das Ziel, das es zu erreichen gilt. Denke nur, Jetta, wenn du die Arbeiterfürsorge bei euch drüben in Brasilien nach europäischen Mustern wirst ausbauen können, was für ein reiches, soziales Feld da vor dir liegt.« Gerda Ebert sprach klug und fließend.

Marietta war stehengeblieben. Sie kämpfte augenscheinlich, ob sie das, was sie bewegte, in Worte fassen wollte. Das Blut kam und ging in ihrem zarten Gesicht.

»Nun?« fragte Gerda erstaunt. Sie blickte von der Kusine zu dem Schaufenster mit Lichten, Seifen, Waschpulvern und Bürsten, vor dem sie gerade haltgemacht. Was konnte denn die Kusine hier fesseln?

»Es ist nicht allein Mangel an Selbstvertrauen, Gerda. Es ist vor allem der Entschluß über unsere Zukunft, den Fräulein Engelhart von uns verlangt und der mich beschwert. Du glaubst nicht, wie haltlos und unsicher es mich macht, daß ich jetzt vor eine Entscheidung gestellt bin.« Marietta schien erregt.

Am Gegensatz dazu stand die ruhige Verwunderung der Gefährtin. »Entscheidung? Wir sind doch beide längst entschieden, welchen sozialen Zielen wir zustreben. Schon als Backfisch hast du davon geschwärmt, euren Plantagenarbeitern in Brasilien bessere Lebensmöglichkeiten zu schaffen, eine soziale Helferin der bedrückten Arbeiterklassen in Sao Paulo zu werden.«

»Ja, davon habe ich früher stets geträumt, es mir als Zukunftsideal ausgemalt. Aber jetzt, wo ich den Weg dazu einschlagen soll, da sehe ich nur, daß er mich über das große Wasser zurückführt, fort von allem, was mir in den fünf Jahren meines Aufenthaltes in Europa teuer und lieb geworden ist. Es erscheint mir geradezu als Unmöglichkeit, wieder in die Tropen zurückzugehen.«

»Kindchen, du weißt ja nicht, was du willst«, lachte sie die Kusine aus. »Brasilien ist doch deine Heimat, du hast deine Eltern, deine Geschwister in Sao Paulo. Und du tust, als ob du in die Fremde solltest.«

»Ich bin dort fremd geworden, Gerda. Ich bin wohl niemals dort richtig daheim gewesen. Das ist mir erst zum Bewußtsein gekommen, als ich deutschen Boden betreten. Das mütterliche deutsche Blut in mir ist stärker als das väterliche. Als meine Eltern mich vor einem Jahr bei ihrem letzten europäischen Besuch wieder mit hinübernehmen wollten, habe ich sie himmelhoch gebeten, mich hier in Deutschland meine sozialen Studien vollenden zu lassen. Nur einen Aufschub wollte ich – und ich habe es ja auch durchgesetzt. Aber nun muß ich mich entscheiden. Was soll ich tun? Niemals war ich unentschlossener.«

»Ich weiß immer, was ich will«, sagte Gerda kopfschüttelnd. »Ich habe stets der Gesundheitsfürsorge besonderes Interesse entgegengebracht. Meine Arbeit soll der Hebung der Volksgesundheit gehören. Willst du hier in Deutschland Fabrikpflegerin oder Beamtin an einem Arbeiterheim werden, wenn du nicht nach Brasilien zurückgehst?« Alles, was Gerda sagte, war klar und sachlich.

Marietta schüttelte den Kopf. »Wenn ich hierbleibe, würde ich die Jugendfürsorge für mich als Beruf wählen. Ich habe es während der praktischen Arbeit in Gemeinschaft mit deiner Mutter erkannt, daß es besonders die Kinder sind, zu denen mich mein Herz zieht. Aber es kommt mir wie ein Verrat an unseren armen, brasilianischen Arbeitern vor.«

»Ja, Kindchen,« – trotzdem Gerda die jüngere war, erschien sie als die überlegenere, – »ja, das mußt du mit dir allein abmachen. In so wichtigen Lebensfragen kann einem kein Mensch raten. Was ich an deiner Stelle täte, wüßte ich. Mich würde es viel mehr reizen, drüben in Brasilien soziale Hilfstätigkeit zu organisieren, Neues zu schaffen, als hier ausgetretenen Pfaden nachzugehen. Aber da kommt meine Elektrische. Überleg' es dir, Jetta – auf Wiedersehen morgen. Und grüße den Großpapa und die Großmama.«

Das Letzte klang schon von der Plattform der sich in Bewegung setzenden Elektrischen herunter.

Marietta blickte der zurückwinkenden Kusine nach. Ach, wer doch auch so sicher und unbeirrt seines Weges ginge! Warum wurde es ihr nur besonders schwer, das Rechte zu finden? Anita, ihre Zwillingsschwester, quälte sich niemals mit langen Überlegungen ab. Die tat das, was ihr gerade einfiel, und vor allem, was ihr gefiel. Und auch Kusine Gerda, mit der sie die ganzen Jahre über Freundschaft gehalten, schien nie im Zweifel zu sein über das, was sie wollte. Wer half ihr den richtigen Entschluß fassen?

Die Großmama – Gerdas letztes Wort klang ihr noch im Ohre nach. Ja, die Großmama wußte immer zu helfen, so oft eins der Enkelkinder sich in Nöten befand. Galt es bei den Eltern etwas zu erbitten oder für ein schlechtes Zeugnis ein gutes Wort einzulegen, immer war es Großmamas liebevolles Herz, an das man sich wandte. Und besonders Marietta, die im Hause der Großeltern ihre Heimat auf deutschem Boden gefunden, verband innige Zuneigung mit der stets gütigen, alten Frau. Sie hatte ihr die fernen Eltern und Geschwister ersetzt, war ihr, trotz der Schulfreundinnen, stets die beste Freundin gewesen. Warum zögerte sie nur, sich, wie sie es sonst stets getan, in ihrer Bedrängnis an die Großmama zu wenden? Sich von ihr beraten zu lassen?

Die Verbindungsbahn von Berlin nach dem Vorort Lichterfelde, die Marietta zur großväterlichen Wohnung benutzen mußte, hatte sich inzwischen schrill pfeifend in Bewegung gesetzt. Mauern mit farbenschreienden Reklamen sausten vorüber, Neubauten, herbstlich buntgefärbte Laubenkolonien. Das junge Mädchen nahm den unterbrochenen Faden seiner Gedanken wieder auf.

War es Feigheit, daß sie sich in dieser für ihre Zukunft ausschlaggebenden Frage nicht von der Großmama raten lassen wollte? Fürchtete sie, die Großmama könnte in ihrer Selbstlosigkeit Verzicht leisten, um sie nicht größeren Lebensaufgaben zu entziehen? Hatte sie doch schon öfters geäußert, ob es auch recht von ihr sei, die junge Enkelin so ganz an sich zu ketten, sie ihren Eltern und Geschwistern zu nehmen. Nein, es war nicht nur Feigheit vor dem stets ehrlich-geraden Urteil der Großmama. Sie dachte mehr dabei an die liebe alte Frau, als an sich selbst. Sie durfte sie nicht vor einen Entschluß stellen, der sie Herzblut kosten würde. Gerda Ebert hatte recht – allein mußte sie damit fertig werden.

Beinahe wäre Marietta über ihr Ziel hinausgefahren. Sie war so in ihre Überlegungen vertieft, daß sie erst im letzten Augenblick ans Aussteigen dachte. Nun schritt sie langsam die mit samtroten Blutbuchen bestandene Villenstraße entlang. In den Gärten trug Baum und Busch metallflimmerndes Herbstkleid. Oh, diese Farben! Vom zartesten Goldton bis zum leuchtendsten Kupfer. Ganz besonders liebte Marietta den deutschen Herbst mit seinem letzten Aufglühen der Natur, bevor Winterstille sie umfing. Unter Silberwolken schossen im Bogenflug blaue Schwalben. Sie sammelten sich zur Reise in ferne Sonnenländer.

Und sie selbst zog es nicht heim, in das Sonnenland ihrer Kindheit? Wo die Palmen ihre Blätterdächer vor sengendem Strahl schützend wölbten. Wo die Blumen und Früchte in ganz anderer Schönheit, Größe und Farbenpracht glühten. In das schloßartige Marmorhaus mit den schwarzen Dienern und Dienerinnen, mit all seinem Luxus, all seinem Reichtum?

Nein – Marietta schüttelte den Kopf, als habe sie irgend jemand Antwort auf die stumme Frage zu geben. Nein, das hatte sie niemals hier in Deutschland, in der schlicht bürgerlichen Häuslichkeit der Großeltern entbehrt. Die einfachen Lebensbedingungen hier entsprachen viel mehr ihrer bescheidenen Sinnesart. Freilich, nach den Eltern, vor allem nach der Mutter, war ihr im Anfang recht bange gewesen. Und Anita, ihre Zwillingsschwester, fehlte ihr auf Schritt und Tritt. Auch nach Klein-Juan erwachte öfters die Sehnsucht, besonders an den Sonntagnachmittagen, wenn sich die kleinen Vettern in Lichterfelde bei den Großeltern einfanden. Aber solche Stimmungen waren nur selten. Die wußte die Großmama stets feinfühlend durch Lektüre eines guten Buches, durch irgendeinen gemeinsamen Kunstgenuß oder auch nur durch ein liebes Wort zu zerstreuen. Nein, Marietta hatte es niemals bereut, daß sie als fünfzehnjähriges Backfischchen den Entschluß gefaßt hatte, die Eltern und Geschwister allein über das große Wasser zurückgehen zu lassen, bei den Großeltern in Deutschland zu bleiben. Das Beste in ihr hatten diese Jahre ihr gegeben, das Streben, sich innerliche Werte zu eigen zu machen. Das war ihr besonders bewußt geworden, als Anita als Siebzehnjährige zum zweiten Male nach Europa herüberkam, um ihre Violinstudien zu vervollkommnen und vor allem, wie sie lachend sagte, ihren treulosen Zwilling heimzuholen. Da hatte sie es täglich, fast stündlich, empfunden, daß sie sich bei all ihrer Liebe zu der Schwester mit dieser ganz auseinandergelebt hatte. Anita war inzwischen eine fertige junge Dame geworden, die sich ihrer Schönheit und ihrer gesellschaftlichen Stellung durchaus bewußt war. Kaum, daß sie ihre Musikstudien ernst nahm. Sie war nur darauf bedacht, Vergnügungen zu genießen und durch ihre Toilettenpracht, durch ihre sprühende Lebhaftigkeit ihre Umgebung zu blenden. Was Marietta Freude machte, ihre guten Bücher, von denen jedes ihr ein Freund war, die Berliner Galerien und Museen mit ihren Kunstschätzen, ihre armen Kinder im Hort und in der Kleinkinderkrippe, für die sie nach absolvierter Schulzeit mütterlich sorgte, das alles tat Anita mit einem geringschätzigen Achselzucken ab. »Spießbürgerlich« hatte sie das alles genannt, Mariettas einfachen, aber geschmackvollen Anzug »unmöglich«. »Es wird höchste Zeit, daß du wieder nach Sao Paulo zurückkehrst, Jetta«, so hatte sie sich geäußert. »Ich muß dich wieder ganz ummodeln. Sonst halten dich unsere Bekannten am Ende noch für Juans deutsche Erzieherin.« Es sollte scherzhaft klingen, aber der Blick, der Mariettas schlichtes Äußere musterte, war mißbilligend. Und als Marietta ihr antwortete, daß sie besseres zu tun habe, als sich den ganzen Tag mit bunten Seidenfahnen zu behängen und in den Spiegel zu schauen, da verstand Anita sie gar nicht. Was konnte es denn besseres geben, als sich so hübsch wie möglich zu machen. Sie hatte Anita für ihre kleinen Schützlinge zu interessieren gesucht, sie mitgenommen in den Kinderhort, ihr erzählt, welch ein Segen diese Einrichtung für die arbeitenden Mütter bedeutete, wenn sie ihre Kleinen inzwischen gut versorgt wußten. Naserümpfend hatte Anita zugesehen, wie die ärmlich gekleideten Kinder freudestrahlend auf die Schwester zuliefen, sie mit zärtlichen Ärmchen zu umfangen. Sie hatte ihre eleganten Sachen zusammengerafft, daß sie nur nicht in Berührung mit den Armen kämen. Aber als Marietta all die Händchen vor dem Essen wusch und das Kleinste gar selbst auf den Schoß nahm, um es zu füttern, wurde es Anita doch zu stark. »Das ist keine Arbeit für eine Tavares! Wie kannst du deine Familie nur derart erniedrigen, Jetta. Nimm dir eine Dienerin, die derartige Arbeit macht.« Als wäre es heute, hörte Marietta sich darauf antworten: »Arbeit erniedrigt nicht, Nita, noch dazu eine Arbeit im Dienste der Menschenliebe. Aber eine Gesinnung, die voll Hochmut nur sich selbst kennt, nur für Äußerliches Interesse hat, die erniedrigt. Fühlst du denn nicht, was für eine innere Befriedigung mir daraus erwächst, wenn ich diesen armen, kleinen Wesen die Mutter ersetzen kann?« Anita hatte den Kopf geschüttelt, dann aber doch etwas beschämt in die Tasche gegriffen: »Hier ist Geld. Kaufe den armen Kindern hübsche Kleider.« – »Sie brauchen Notwendigeres, Nita, Wäsche und Schuhe.« Aber sie hatte das Geld nicht zurückgewiesen, um die Schwester nicht zu kränken. »Anita ist nicht schlecht, nur grenzenlos verwöhnt und von ihrer eigenen Person vollständig ausgefüllt. Wir sind nicht mehr auf denselben Ton gestimmt. Unsere Interessen gehen ganz und gar auseinander.« Es war eine bittere Stunde, in der Marietta diese sie schmerzende Wahrheit zum ersten Male empfunden, daß sie sich von der Genossin ihrer Kinderzeit auch innerlich weit entfernt hatte. Und mit dieser Erkenntnis kam die daraus erwachsende ihr zum Bewußtsein: Ebensowenig wie sie zu Anita paßte, war sie noch für Brasilien geeignet. Sie würde sich dort nicht mehr wohlfühlen, trotzdem es ihr Vaterland war. Das glühende Tropenklima, das die Schaffenskraft lähmte, die damit Hand in Hand gehende Verwöhnung der Frauen, der Luxus und die auf Äußerlichkeiten gestellte Geselligkeit würden sie nicht mehr befriedigen. Die Mutter hatte dort ihren Mann und ihre Kinder, sie hatte ihre Musik, die sie ausfüllte. Aber sie? – »Du hättest deine soziale Arbeit, du könntest dort für die Arbeiter eintreten und ihre menschenunwürdige Lage verbessern.« Wie oft hatte sie sich das gesagt. Den Arbeitern des großen Kaffeehauses Tavares ging es nicht schlecht, dafür hatte sich ihre Mutter schon eingesetzt. Die hatten gesunde Wohnungen und ihr Auskommen. Aber auf den anderen Plantagen sah es bös aus. Durfte sie sich den Mut, die Kraft zutrauen, Fremde für ihre sozialen Bestrebungen zu gewinnen? Man kannte drüben nur das Geld. Wenn es gegen die materiellen Interessen der Besitzenden ging, war der Kampf ziemlich aussichtslos. Nein, Marietta hatte sich bisher noch nicht reif und stark genug gefühlt, um ein derartiges Werk zu unternehmen. Sie hatte die Eltern gebeten, sie weiter in Deutschland zu lassen, um später die soziale Frauenschule zu besuchen. Vielleicht erwuchsen ihr daraus ungeahnte Kräfte. Gern war ihr die Zustimmung der Eltern nicht zuteil geworden. Der kluge Vater erkannte, daß sich die Tochter amerikanischem Wesen und heimischen Sitten entfremdete, daß sie in Deutschland Wurzel schlug. Und die Mutter? Nun, eine Mutter leidet stets, wenn sie eins ihrer Kinder entbehren muß. Trotzdem war sie es, die als Fürsprecherin für die Tochter eingetreten. Marietta war im Kern ihres Wesens deutsch, das wußte sie am besten.

An dem Gitter des großväterlichen Gartens war Marietta stehengeblieben. Dort lag das liebe Rosenhaus, jetzt seines schönsten Schmuckes entkleidet. Die Kletterrosen, die es umrankten, hatten abgeblüht. Nur hier und da auf dem großen Rasenrondell, das von Großpapas Edelrosen umsäumt wurde, hatte der warme Oktobersonnenschein noch eine Spätrose hervorgelockt. Aber die Astern und Georginen blühten dafür in übermütigster Buntheit, als wüßten sie es nicht, daß sie die letzten Grüße des scheidenden Sommers bedeuteten. In flimmerndem Goldkleid stand die Linde da – Marietta mußte an das Bäumlein denken, das andere Blätter hat gewollt. Die Großmama hatte ihr und Anita vor Jahren das Gedicht vorgelesen, damals, als sie aus Brasilien herübergekommen. Die ganze Poesie der deutschen Märchen hatte die Großmama über die aufhorchenden Kinder ausgeschüttet. Was hatte sie ihr nicht gegeben, die liebe Großmama? Alles, was schön und wertvoll in ihrem Mädchenleben gewesen, war ihr von dort gekommen. Durfte sie immer nur nehmen, mußte sie nicht auch zurückgeben?

O ja, sie wußte es, daß sie den alternden Großeltern zum Sonnenschein geworden war, der ihr Haus erhellte und erwärmte. Daß sie selbst wieder jung wurden in dem Bestreben, mit der jungen Enkelin Schritt zu halten, ihr auf all den Wegen, die eine neue Zeit erschloß, zu folgen. Und das alles wollte sie ihnen entziehen? Noch waren sie rüstig, die lieben beiden, die Großmama bei weitem mehr als der Großpapa. Aber wie der Herbst dort die Blätter von der Linde streifte, so würden auch sie mehr und mehr entblättern, ihre Kräfte allmählich hinschwinden fühlen. Es war der Lauf der Natur. Und dann wollte sie die Großeltern treulos im Stich lassen als Lohn für all ihre Liebe? Im fernen Lande fremden Menschen helfen, während ihr Herz hier in Deutschland bei den Großeltern fest verankert war?

Wer sagte ihr, wo ihre Pflicht lag?

2. Kapitel. Am Scheidewege.

Großmama und Großpapa hielten ihr Nachmittagsschläfchen. Der alte Geheimrat auf dem Sofa, Frau Annemarie daneben in dem bequemen Ledersessel, wie sie es nun schon seit Jahren gewöhnt waren. Die Zeitung war der geäderten Hand des Schlafenden entfallen. Seine tiefen Atemzüge mischten sich mit dem Summen einer respektlosen Fliege.

Frau Annemarie schlief nicht. Sie blickte von der Uhr drüben an der Wand unruhig zum Fenster, das die schon schrägen Sonnenstrahlen einfing. Wo das Kind nur blieb? Mußte es nicht längst hier sein? Eine halbe Stunde Fahrt, der Weg zum Bahnhof und das letzte Stück hier draußen – wieder befragte sie mit angstvollen Augen die Uhr. Nein, wirklich, um eine halbe Stunde hatte sie sich verspätet. Wenn da nur nichts passiert war. Man las jetzt so viel von Unglücksfällen. Gut, daß ihr Mann schlief und nichts von ihrer Unruhe merkte. Rudi würde sie auslachen wie stets, wenn sie um Mariettas Ausbleiben sorgte. »Binde doch das Mädel an dein Schürzenband fest, daß es dir nicht entlaufen kann. Seitdem die Frau auf die Siebzig lossteuert, wird sie immer wunderlicher.« Trotzdem Frau Annemarie knapp die Mitte der Sechziger überschritten hatte, pflegte ihr Mann sie damit aufzuziehen. Das heißt, wenn er guter Laune war. Dies war jetzt durchaus nicht immer der Fall. Frau Annemaries Blick wanderte von der unaufhaltsam weiter tickenden Uhr zu dem Gesicht des Schlafenden. Sie konnte es sich nicht verhehlen, daß er stark gealtert war seit der schweren Krankheit damals vor fünf Jahren. Die Stirn reichte fast bis zum Hinterkopf. Jahre verantwortungsvoller Arbeit hatten Falten und Fältchen um Augen und Mund eingegraben. Und immer noch gab es keinen Feierabend für den gewissenhaften Arzt. Wenn auch die Praxis allmählich abbröckelte, an Jüngere überging, der Stamm seiner Patienten war dem alten Geheimrat Hartenstein treu geblieben. Ja, es gab viele, die sich in der chirurgischen Klinik, der er noch immer vorstand, lieber den altbewährten Händen anvertrauten als den jüngeren seiner Assistenten. Wenn nur die Augen mit seiner Willenskraft gleichen Schritt gehalten hätten. Aber die ließen seit geraumer Zeit nach und machten Frau Annemarie fast noch größere Sorgen als ihrem Manne selbst. Augenblicklich aber war es die Enkelin, die all ihre Gedanken in Anspruch nahm. Denn irgend etwas zum Sorgen mußte sie immer haben, sonst wäre ihr nicht wohl, behauptete ihr Mann. Es ging auf drei – – was mochte Marietta nur passiert sein?

Geräuschlos erhob sich die alte Dame. Ganz so leichtfüßig wie früher war sie auch nicht mehr. Das linke Bein streikte, besonders wenn sie eine Weile gesessen hatte, dann mußte es erst wieder in Gang kommen. Ja, ja, man wurde eben nicht jünger. Behutsam, um den Schlafenden nicht zu wecken, begab sich Frau Annemarie zum Fenster. Und als ob sie die Enkelin mit der Kraft ihrer Gedanken magnetisch herbeigezogen hätte, ging da gerade die Gartentür. All der Sonnenglanz, den das Fenster einließ, schien sich in den noch heute leuchtend blauen Augen der alten Frau zu spiegeln.

»Da ist es, unser Kind. Ich hab's ja gewußt, daß es nichts weiter auf sich haben würde.« Obgleich sie eigentlich gerade das Gegenteil angenommen hatte. Viel hätte nicht gefehlt, dann hätte Frau Annemarie temperamentvoll gegen die Scheibe geklopft, um der heimkehrenden einen Gruß zuzuwinken. Aber fünfundvierzig Ehejahre hatten sie doch zu gut erzogen. Der Schlaf ihres Mannes war ihr heilig. Warum schaute das Kind denn gar nicht auf? Es ging so in Gedanken verloren, als habe es Gott weiß was für schwere Rätsel zu lösen. War es von seiner neuen Tätigkeit nicht befriedigt?

Das steife Knie der Großmama mußte mit, ob es wollte oder nicht. Vorsichtig zur Tür – ihr Mann rührte sich nicht. So – nun war sie draußen. Ob Frau Trudchen auch alles für Marietta recht heiß gehalten hatte?

Sie steckte den Kopf zur Küche hinein, wo Frau Trudchen, die getreue Schaffnerin des geheimrätlichen Hauses, die dampfende Suppe auffüllte, während ihre Adoptivtochter, die dreizehnjährige Lotte, bereits mit dem Tablett darauf wartete.

»Nun, Trudchen, alles in Ordnung? Ist auch die Soße inzwischen nicht zu sehr eingepruzzelt? Vergessen Sie nicht, das Ei zum Spinat zu kochen. Unser Kind sieht blaß aus. Wir müssen es ein bißchen pflegen.«

»Mein Jott, nu hat Frau Jeheimrat schon wieder keine Ruhe nich jehabt. Als ob Lotteken und ich Fräulein Marietta nich jut versorgen täten. Frau Jeheimrat is doch kein Jüngling mehr und braucht ihr Nachmittagsschläfchen wie jeder bejahrte Jreis.« Wirklich, Frau Trudchen, die allzeit treu sorgende, war recht unzufrieden mit ihrer Herrin.

Die klopfte ihr begütigend auf die Schulter. »Nanu, was ist Ihnen denn über die Leber gelaufen, Trudchen? Ein Jüngling bin ich mein Lebtag nicht gewesen, und ein bejahrter Greis werde ich auch niemals sein.« Sie lachte herzlich, daß es auch über das breite Gesicht der Dienerin wie Sonnenleuchten durch gewitterschwere Wolken ging. Lottchen aber stimmte so belustigt in das Lachen der alten Dame ein, daß auch die Suppe in dem Teller ausgelassen über den Rand schwippte. So ansteckend wirkte Frau Annemaries Lachen noch immer.

»Na, da haben wir's ja, Lotteken, kannste dich nich 'n bißchen vorsehen. Und Frau Jeheimrat braucht auch jar nich so zu lachen, wenn man's jut mit ihr meinen tut«, ereiferte sich Frau Trudchen.

»Das weiß ich ja, daß das Krakeelen nur auswendig ist, Trudchen. So, Lottchen, nun trage die Suppe rein. Ei, da bist du ja, mein Seelchen. Es ist recht spät geworden.« Die letzten Worte waren an Marietta gerichtet, die in diesem Augenblick auf der zum oberen Stockwerk führenden Treppe auftauchte. Sie hatte oben ihr Stübchen, dasselbe, das ihre Mutter einst bewohnt, wo sie inzwischen abgelegt und sich gewaschen hatte.

»Großmuttchen, du nicht in deinem Lehnsessel? Das ist aber unrecht, daß du mir deinen Nachmittagsschlaf opferst. Das darfst du nie wieder tun. Versprich es mir.« Liebevoll zog Marietta den Arm der Großmama durch den ihrigen und betrat mit ihr das Speisezimmer, wo Lotte und die Suppe schon auf sie warteten.

»Fängst du auch noch an, deine alte Großmutter herunterzuputzen? Frau Trudchen hat das schon zur Genüge besorgt«, scherzte die Großmama. »Schlaf du mal, wenn du in Sorge bist, daß irgend etwas passiert sei.«

»Ja, was soll denn passiert sein? Großmuttchen, du siehst am hellen Tage Gespenster.« Marietta unterbrach Lottchen, die ihr freudestrahlend berichtete, daß sie unter dem Exerzitium, das Marietta ihr durchgesehen, » très bien« bekommen. »Ich kann gar nicht früher zu Hause sein. Hast du die Absicht, dich jeden Tag um mein spätes Heimkommen aufzuregen? Dann esse ich lieber im Internat der Frauenschule, Großmuttchen. Es wäre vielleicht überhaupt richtiger, daß ich Frau Trudchen nicht doppelte Mühe mache«, überlegte das junge Mädchen, zum Löffel greifend.

»Du bist wohl nicht ganz bei Troste, Kind! Willst deiner Großmama das Geld vertragen? Das ist doch wohl nicht dein Ernst. Und Frau Trudchen würde dir das sicher übelnehmen. Nun iß, Seelchen, iß und laß dir's schmecken.« Die Großmama begleitete jeden Löffel Suppe, den Marietta an die Lippen führte, liebevoll mit ihren Blicken. Es schien ihr im Geiste besser zu munden als der Enkelin selbst.

»Von dem Spinat mußt du noch nehmen, Jetta. Er ist besonders gut. Spinat ist eisenhaltig, der geht ins Blut. Wie blaß du wieder aussiehst. Habt ihr auch gesunde, luftige Schulräume dort? Nein, nein, nicht erzählen, erst essen.« Obgleich Frau Annemarie begierig war, Näheres über den ersten Tag in der sozialen Frauenschule zu hören, überwog doch ihre Fürsorge. »Ich hätte ja gern mit dem Essen auf dich gewartet. Aber du weißt ja, Großpapa ist ungemütlich, wenn es nur fünf Minuten nach halb zwei wird. Du brauchst keine Angst zu haben, wir bleiben bei unserer Tischzeit. So, Seelchen, nun iß noch das Kompott, eingelegte Kirschen von unseren Schattenmorellen draußen im Garten. Und dann erzähle!« Frau Annemarie tat der Enkelin eigenhändig die Früchte auf. Sie wartete.

Aber Marietta hatte es nicht gar so eilig mit dem Berichten. Nachdenklich schaute sie auf jeden Kirschstein, den sie an den Rand des Tellers in gleichmäßigen Abständen legte. Wie rührend die Großmama um ihr Wohl besorgt war. Durfte sie da noch schwanken?

Marietta wußte nicht, daß sie eine ganze Zeit lang den Kompottlöffel an die Lippen gehalten hatte, ohne die daraufliegende leckere Kirsche in den Mund spazieren zu lassen. Ihre Gedanken waren weit fort. Die pendelten zwischen den Arbeiter-Lehmhütten auf den brasilianischen Kaffeeplantagen und dem großelterlichen Rosenhaus hin und her. Wo brauchte man sie notwendiger?

In die Augen der alten Dame, die mit großmütterlicher Freude an der liebreizenden Enkelin hingen, trat von Sekunde zu Sekunde wachsende Unruhe. Da war etwas nicht im Lot. Dazu bedurfte es nicht erst ihres erfahrenen Blickes, um das zu erkennen. So lebhaft wie Mariettas Mutter, Frau Annemaries Ursel, einst gewesen, war deren Tochter ja nie. Anita, die Zwillingsschwester, glich darin mehr der Mutter. Marietta war von einer gleichmäßigeren, stilleren Heiterkeit. Um so mehr befremdete die Großmama ihr einsilbiges, sichtlich bedrücktes Wesen. Hatte sie in dem neuen, selbsterwählten Berufskreise Verdruß oder Enttäuschungen gehabt?

Eigentlich war Frau Annemarie überhaupt nicht so sehr für die soziale Frauenschule gewesen. Marietta war zart, die Tätigkeit, welche die soziale Ausbildung dort erforderte, war eine recht anstrengende. Sie hatte ja durchaus nichts dagegen, daß das Kind seine Zeit und Arbeit gemeinnützigen Zwecken weihte. Aber das konnte sie doch wie bisher, unter Anleitung ihrer Tochter Vronli, die in so vielen Wohlfahrtseinrichtungen ehrenamtlich tätig war, weiter fortsetzen. Wozu bedurfte es dazu erst noch jahrelanger Studien? Gerda hatte der Kusine den Floh ins Ohr gesetzt. Weil Gerda die soziale Frauenschule besuchte, mußte auch Marietta das gleiche tun. Dabei lag doch die Sache für beide ganz verschieden. Ihre Enkelin Gerda mußte darauf sehen, sich als Lehrerstochter möglichst bald auf eigene Füße zu stellen, sich vom Vater unabhängig zu machen. Sie mußte daran denken, eine Anstellung als soziale Beamtin zu erhalten. Bei Marietta war das doch nicht nötig. Die Tochter des reichen Kaffeekönigs in Brasilien konnte sich den Luxus einer unbezahlten Tätigkeit, die ihren Neigungen entsprach, gestatten. Man konnte genug Gutes tun, wenn das Herz und der Geldbeutel nur groß genug dazu waren. Dazu brauchte man nicht erst die soziale Frauenschule zu besuchen. Aber daß das Kind so wieder heim kam, so still und bedrückt, das hatte sie nicht erwartet. Das schlug dem Faß den Boden aus.

»Also so wenig begeistert bist du von deiner neuen Tätigkeit, Jetta?« Wie stets ging Frau Annemarie grade auf ihr Ziel los. »Macht nichts, Seelchen. Besser, du siehst gleich im Anfang ein, daß es nichts für dich ist, als daß du dir die besten Jahre deines Lebens damit verdirbst. Mir ist es ganz recht, daß es so gekommen ist.«

»Wie denn?« Ganz erstaunt ließ Marietta die Kirsche vom Löffel wieder auf den Teller zurückgleiten.

»Na, ich denke, du bist unbefriedigt von der sozialen Frauenschule. Sie entspricht gewiß nicht deinen Erwartungen. Sind dir die Lehrkräfte oder die Mitschülerinnen nicht sympathisch?«

Jetzt mußte Marietta lachen. Es klang so silberhell wie stets. »Weder das eine noch das andere, Großmuttchen. Was du für eine rege Phantasie hast. Es hat mir sehr gut in der sozialen Frauenschule gefallen. Die Vorsteherin, Fräulein Dr. Engelhart, scheint eine herrliche Frau zu sein. Wir sind alle ganz begeistert von ihrer Auffassung der sozialen Aufgabe.«

»Hm« –, die Großmama zog die Brille hervor, die sie sonst eigentlich nur beim Lesen gebrauchte. »Hm« – – –, aufmerksam betrachtete sie dadurch ihr junges Gegenüber.

Marietta wurde es ungemütlich unter dem prüfenden Blick der alten Dame. Die Großmama hatte so klare Augen, sie schienen auf den Grund der Seele zu lesen. Marietta setzte ihre Teller zusammen und trug sie in die Küche. »Damit Frau Trudchen nicht noch hinterherräumen muß.«

Frau Annemarie lächelte verständnisvoll. Sie lächelte über die hauswirtschaftliche Tüchtigkeit der einst als Tropenprinzeßchen in ihr Haus gekommenen Enkelin und über den wahren Grund ihres Ordnungssinnes. Nun, wenn das Kind nicht Rede stehen wollte, sie würde es nicht dazu zwingen. Über kurz oder lang kam Marietta wohl von selbst zu ihr. Sie hatte noch stets mit allem, was sie bewegte, den Weg zu ihr gefunden.

Frau Annemarie begab sich in ihr Biedermeierzimmer, ihr ureigenstes Reich. Dort war jeder Gegenstand, jedes Möbel fest mit ihr verwachsen, durch Überlieferung und Erinnerung ein Teil ihrer Persönlichkeit geworden. An dem breiten Erkerfenster standen in weißen Porzellantöpfchen Alpenveilchen in allen Farbenstufen; vom zartesten Rosa bis zum tiefsten Purpurrot. Großmamas Blumenfenster war vorbildlich. Keiner hatte solche segensreiche Hand wie sie für die Blumenpflege. Wenn der Garten draußen seine Blütenkinder Herbststürmen preisgeben mußte, dann begann es drinnen an Großmamas Erkerfenster zu treiben und zu blühen. Ihren »Wintergarten« pflegte sie ihren Erkerplatz scherzhaft zu nennen. Im Bauer über dem runden Mahagoni-Nähtisch schmetterte Mätzchen ihr seine Jubelhymne entgegen. Und ein letzter Sonnenstrahl verweilte noch einige Sekunden, um Großmamas Lieblingsplätzchen zu vergolden.

Sie ließ sich in den mit grünem Rips überzogenen Lehnstuhl nieder. Mätzchen hielt in seinen musikalischen Übungen inne und äugte erstaunt auf seine Herrin herab. Nanu? Keine Arbeit in den stets fleißigen Fingern? Still lagen die Hände ihr im Schoß. Nachdenklich suchten ihre Augen das Weite.

Großmama dachte nach. Sie überlegte, kombinierte, schüttelte den Kopf und nickte dann einige Male vor sich hin. Natürlich, so war's. Die Lösung war ganz einfach. Daß sie auch nicht gleich darauf gekommen. Sicherlich hatte es irgendeine Kabbelei mit Gerda gesetzt. Gerda war manchmal ein wenig rechthaberisch und wollte alles besser wissen. Marietta, aus weicherem Holz, war etwas empfindsam. Viel zu weich war das Mädel für das Leben, das einen doch oft recht derbe anpackte. Sie hatte sich gewiß die Unstimmigkeit mehr zu Herzen genommen, als die Angelegenheit wert war. Frau Annemarie war ordentlich froh, daß sie jetzt das Rätsel gelöst hatte. Da griffen ihre Hände auch schon nach dem Ausbesserkorb. Langes Feiern war nicht ihre Sache.

Sie hielt die schadhafte Damastserviette gegen das Licht. Eine Jagd war als kunstvolles Muster in das seidigglänzende Gewebe hineingewebt. Diese Jagd mit Hirschen, Hunden und Jägern hatte schon ihre Begeisterung erregt, als sie noch Doktor Brauns kleines Nesthäkchen gewesen und mit ehrfürchtigen Augen vor dem mullverhangenen Wäscheschrank der eigenen Großmutter gestanden hatte. »Dieses Jagdgedeck sollst du mal bekommen, Annemarie, wenn du groß bist und dich verheiratest. Ich habe für jede Enkelin ein Damastgedeck bestimmt.« Als wäre es heute, so genau erinnerte sich Frau Annemarie jener Szene aus ihrer Kinderzeit. Merkwürdig – sie lebte jetzt überhaupt viel mehr in der Vergangenheit als früher. Längst vergessene Bilder, die jahrzehntelang entschwunden, tauchten manchmal wieder auf. Das ging wohl jedem so mit zunehmendem Alter. Die Gegenwart erforderte nicht mehr volles Sicheinsetzen, die Zukunft hatte nicht mehr viel zu bringen. Was blieb da noch? Die Vergangenheit eines langen, an Freud und Leid reichen Lebens. Beinahe zärtlich streichelte die fein geäderte Hand über den alten Damast. Nein, sie sollte noch nicht ausrangiert werden, ihre Jagdserviette. War man nicht selbst auch allenthalben rissig und brüchig geworden? Emsig begann sie den Faden durch die schadhaften Stellen zu ziehen.

Droben im Stübchen grade über dem Biedermeierzimmer der Großmama saßen sich indessen Marietta und Lottchen gegenüber. Hier war jetzt Schulstunde. Lottchen, die seit einem halben Jahr von der Volksschule auf das Mädchenlyzeum umgeschult war, zeigte trotz heller Auffassungsgabe in den fremden Sprachen manche Lücke. Marietta hatte sich vorgenommen, dieselben auszufüllen. Ihr, die schon als Kind fünf verschiedene Sprachen gelernt hatte, machte das weiter keine Mühe. Sie betrachtete Lottchen immer noch als ihren kleinen Findling, für den sie verantwortlich war. Hatte sie nicht damals in Brasilien der sterbenden Mutter der Kleinen versprochen, sich ihres verwaisten Kindes anzunehmen, es nach Deutschland zu befördern, zu den in Schlesien lebenden Verwandten? Die Nachforschungen nach denselben waren erfolglos geblieben. Lottchen hatte in Lichterfelde ebenfalls eine Heimat gefunden. Frau Trudchen und ihr Mann, das Kunzesche Ehepaar, das schon über zwanzig Jahre in Haus und Klinik des Großvaters tätig war, hatten die kleine Waise an Kindes Statt angenommen. Die Großmama mit ihrem warmen Herzen betrachtete auch das fremde Kind wie eins ihrer zahlreichen Enkelkinder. Für die materiellen Anschaffungen der Kleinen, Kleidung, Schulgeld usw., aber sorgte Mariettas Vater, der reiche Plantagenbesitzer in Brasilien. Oder vielmehr seine Tochter tat es. Der Scheck, den Marietta allmonatlich vom Vater zur Verfügung gestellt bekam, bedeutete für deutsche Begriffe eine recht beträchtliche Summe. Die persönlichen Bedürfnisse des einst so eleganten Tropenprinzeßchens waren in Deutschland in dem bürgerlich-bescheidenen Heim der Großeltern ebenfalls bescheidener geworden. Trotzdem Marietta nur gewöhnt war, das Beste zu kaufen und sich vornehm elegant kleidete, entsprach Schlichtheit dem Grundzuge ihres Wesens. Den Hauptteil des väterlichen Schecks verwandte sie dazu, um anderen eine Freude zu machen. Ihre kleinen Schützlinge im Kinderhort und in der Krippe waren ihre besten Abnehmer. Sie hatte es auch angeregt, daß Lottchen in ein Lyzeum umgeschult wurde. Der Großvater stimmte nicht dafür. »Unsere Volksschulen sind so vortrefflich, daß sie eine solide, ausreichende Grundlage für den späteren Beruf geben. Wozu soll das Kind über seinen Stand hinaus? Es braucht nicht französisch und englisch zu lernen.« Aber Marietta mit ihren sozialen Grundsätzen hatte ihm auseinandergesetzt, daß jedem Menschen mit guter Veranlagung die Gelegenheit geboten werden müsse, so viel wie möglich zu lernen. Der Großpapa dachte doch sonst so human – alt und jung verstanden sich darin nicht. Die Großmama mußte wieder mal vermitteln. Sie schlug sich auf Mariettas Seite. Warum sollte man dem Kinde, wenn die dazu erforderlichen Geldmittel da waren, nicht die Möglichkeit geben, sich durch gute Bildung in eine höhere Lebenssphäre hinaufzuarbeiten? Es war ganz ausgeschlossen, daß sich Lottchens Anverwandte, nach denen man jahrelang Nachforschungen angestellt, noch melden würden. Lottchen war ein liebes, bescheidenes Kind, das seinen Pflegeeltern auch dankbar bleiben würde, wenn ihr Lebensweg sie in gebildete Kreise führte. So war Lotte Lyzeumsschülerin geworden und gehörte dort zu den besten. Freilich, Marietta setzte auch ihre Ehre darein, das Kind in jeder Weise zu fördern, daß sie ihrer Fürsprache keine Schande machte.

Heute war die junge Lehrerin nicht so bei der Sache wie sonst. Und diese Gedankenabwesenheit übertrug sich auf die Schülerin. Denn ein Kind merkt es sofort, ob der Lehrende sich ganz einsetzt, oder ob seine Gedanken woanders weilen.

» To say – said – said, to forgot – forget – forgetten – – – stimmt das, Fräulein Marietta? Ach, Sie haben ja gar nicht aufgepaßt. Hier steht's ›ich habe vergessen‹ heißt › I have forgotten‹«, beschwerte sich die Schülerin über die Lehrerin, das Pauken der unregelmäßigen englischen Verben unterbrechend.

Marietta fuhr beschämt hoch. »Wirklich, Lottchen, ich habe eben nicht aufgepaßt«, gab sie ehrlich zu. »Fange noch mal von vorn an.« Und sie gab sich redlich Mühe, ihre Gedanken fest auf die unregelmäßigen Verben zu richten. Aber das Herunterleiern derselben war eintönig und langweilig. Lottchen konnte sie wie am Schnürchen. Während Marietta die Blicke auf das blühende Kindergesicht richtete, mußte sie unwillkürlich daran denken, wie elend und bleich, wie mager und abgezehrt das Kind gewesen, als sie es in den Tropen in ihr Haus genommen. Freilich, daran waren die ungesunden Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter in Brasilien schuld. Lottchens Eltern, die als deutsche Auswanderer dort drüben ihr Glück zu finden glaubten, hatten das Tropenklima und die unhygienischen Wasserverhältnisse das Leben gekostet. Sie waren einem typhösen Fieber erlegen. Wieder sah Marietta die fensterlose Lehmhütte in dem Plantagendorfe der Orlandos, einer der reichsten Familien drüben, vor sich, zu der ihr kleiner Findling sie einst geführt. Damals war zuerst der Wunsch in dem vierzehnjährigen Mädchen erwacht, soziale Hilfe zu leisten, den Armen, Bedrückten zu helfen.

» To know – knew – knewed – nein, knowd wie heißt denn ›gewußt‹, Fräulein Marietta?« Lottchen blickte ganz verwundert auf ihre sonst so pflichteifrige Lehrerin, die schon wieder nicht aufmerksam zu sein schien.

» Known muß es heißen, Lottchen – to know – knew – known«, beeilte sich Marietta ihren Fehler wieder gutzumachen. Ihre Gedanken kehrten endgültig von den Kaffeeplantagen zu Lottchens unregelmäßigen Verben zurück. Die Stunde nahm nun ohne Störung ihren Fortgang, bis Frau Trudchen unten mit den Kaffeetassen klapperte.

Die Nachmittagskaffeestunde liebte Frau Annemarie jetzt ganz besonders. Sie war ihr die gemütlichste am Tage, da dieselbe ihre Lieben um sie vereinte. Sonst fehlte meistens einer bei den Mahlzeiten oder hetzte, um fortzukommen. Seitdem der Geheimrat nur noch vormittags in der Klinik seine Sprechstunde abhielt, war er nachmittags frei, wenn nicht gerade ausnahmsweise noch ärztliche Besuche vorlagen, oder sich ein kühner Patient erdreistete, den Nachmittagsfrieden der alten Herrschaften durch unerwünschtes Klingeln zu unterbrechen. Das heißt unerwünscht nur bei Frau Annemarie. Sie wollte, daß ihr Mann sich allmählich zur Ruhe setzen sollte, daß er mit seinen Kräften haushielt. Er hatte lange genug, Tag und Nacht bei Wind und Wetter seine Pflicht getan. Aber der alte Herr knurrte, daß man ihn jetzt zum alten Eisen warf. Er war überhaupt in seiner Stimmung nicht mehr so gleichmäßig wie früher. Es war für Frau Annemarie oft gar nicht leicht, heiter und geduldig zu bleiben. Wenn Marietta daheim war, hob sich sein Stimmungsbarometer erstaunlich. »Ich werde auf meine alten Tage noch eifersüchtig werden«, drohte die Großmama oft.

Heute war Großpapa guter Laune. Sein Nachmittagsschläfchen hatte ihn erfrischt, das Kind, sein »Mariele«, wie er Marietta auf gut deutsch nannte, schenkte ihm den Kaffee ein, und derselbe war so heiß, daß man sich den Mund daran verbrannte und ihn beim besten Willen Frau Trudchen nicht zurückschicken konnte, weil er nicht heiß genug sei.

»Echt Tavaressches Gewächs – ja, ja, ein Familienprodukt mundet doch ganz anders. Das hat halt unser Ursele mit besonderer Liebe drüben geerntet.« Der Geheimrat pflegte diesen Witz seit einundzwanzig Jahren zu machen, seitdem seine Jüngste Milton Tavares, dem Kaffeekönig von Santos, übers Meer gefolgt war. Seitdem die großen überseeischen Sendungen regelmäßig eintrafen. Man trank in Lichterfelde gar keinen anderen Kaffee. Aber Frau Annemarie tat ihrem Manne den Gefallen, seinen Witz, wie stets, pflichtgemäß zu belachen.

»Nun erzähl' halt, Kind, wie's in deiner neuen Zwangsanstalt gewesen ist«, begann der alte Herr, sich gemütlich in die Sofaecke zurücklehnend, nachdem die Enkelin ihm die übliche Nachmittagszigarre, Aschbecher und Streichhölzer hingesetzt hatte. Er ließ sich gar zu gern von Marietta verwöhnen.

»Ja, da ist noch nicht viel zu berichten, Großpapa. Die Leiterin der sozialen Frauenschule, Fräulein Dr. Engelhart – – –«

»Fräulein Dr. Engelhart, wahrscheinlich mehr hart als Engel. Ein arg verschrobenes, bebrilltes Frauenzimmer, gelt?«

»Das ist Fräulein Doktor Engelhart ganz und gar nicht, Großpapa. Sehr gescheit und lieb ist sie. Aber freilich große Anforderungen scheint sie an uns zu stellen.« Marietta sah ein wenig sorgenvoll drein.

»Bist wohl noch nit blaßschnäbelig genug – ich hätt' meine Einwilligung nimmer zu dem Unfug geben sollen«, knurrte der alte Herr.

»Unfug – wenn man seinen notleidenden Mitmenschen helfen will«, verteidigte das junge Mädchen eifrig seine sozialberuflichen Pläne. »Du hast den Unfug doch fünfzig Jahre mitgemacht, Großpapa. Der Arzt – und noch dazu einer, der seinen Beruf so auffaßt wie du – ist doch genau solch ein sozialer Arbeiter.«

»Hm – na ja – gegen die praktische Arbeit habe ich auch nix einzuwenden.« Marietta hatte den Großpapa schon wieder besänftigt.

»Ja, hast du denn nicht zum Examen studieren müssen? Denke nur, was wir alles wissen sollen: Hygiene und Psychologie, Sozialethik und Sozialpädagogik, Volkswirtschaftslehre und – – –«

»Hör' auf, hör' auf, Seelchen, mir wird ganz schwindlig dabei.« Die Großmama blickte von der bunten Häkelarbeit – einer Schlummerrolle, mit der sie den Großpapa zum Geburtstag zu überraschen gedachte – ganz erschreckt hoch.

»Du hast recht, Großmuttchen, mir ist auch etwas schwül zumute geworden. Für Gerda ist das natürlich nur alles Kinderspiel.«

Aha – die Großmama machte sich einen Knoten in ihr Gedächtnis. Da mußte sie einhaken. Da lag sicher der Grund zu Mariettas Verstimmung heute mittag.

»Und wenn du all das Zeug in deinen Kopf 'neingetrichtert hast, was kannst dann werden, Mädle? Städtischer Nachtwächter oder gar Frau Wirtin im Asyl für Obdachlose?« zog sie der alte Herr gutgelaunt auf.

»Unsere Jetta bleibt bei ihrer kleinen Garde, die wird ihren Hort- und Krippenkindern nicht untreu«, kam Großmama ihrem Liebling zu Hilfe.

»Das ist noch gar nicht so sicher, Großmuttchen. Ich kann ebensogut die Arbeiterwohlfahrt zum Spezialgebiet wählen. Nur muß ich mich entscheiden, ob Jugendfürsorge oder – – –.« Marietta brach jäh ab und wurde rot bis an die Wurzeln des goldbraunen Haares. Da hatte sie sich aufs Glatteis begeben und mehr gesagt, als sie eigentlich beabsichtigte.

Großmamas leuchtende Augen sahen über die Brille hinweg angelegentlich hinüber. Was hatte das Kind nur? Warum wurde es so verlegen? Frau Annemarie machte sich den zweiten Knoten in ihr Gedächtnis.

Der Großpapa aber, dem nichts aufgefallen, drängte, nun endlich den Nachmittagsspaziergang zu machen. Sonst würde es stichdunkel. Dabei war er soeben erst mit seiner Zigarre fertig geworden, dem regelmäßigen Signal zum Aufbruch. »Die Nachmittagssprechstunde war wieder mal nit zu bewältigen«, stellte er, sich selbst ironisierend, fest und griff nach dem breitkrempigen, weichen Filzhut. Den »Doktorhut« nannte ihn seine Frau. Einen Überzieher bei diesem warmen Spätsommerwetter? Ausgeschlossen. Bis es kalt wurde, sah man den alten Geheimrat Hartenstein in seinem schwarzen Gehrock laufen. Da nützten alle Bitten und Vorstellungen seiner Frau nichts.

Die Großmama hatte sich in Mariettas Arm eingehängt. Allzuoft hatte sie jetzt nicht die Freude, mit der Enkeltochter wochentags spazieren gehen zu können. Marietta hatte ihre Arbeit im Kinderhort höchst ernst und gewissenhaft genommen. War diese doch Vorbedingung für ihre Aufnahme in der sozialen Frauenschule. Nur selten hatte sie einen Nachmittag frei.

Aus den Nachbarvillen folgten den dreien wohlwollende Blicke. Aha – Geheimrats machten ihren Spaziergang. Dann war's grade ein viertel sechs. Man konnte die Uhr danach stellen. Der alte Herr, welcher als Vorreiter stets fünf Schritte voraus zu sein pflegte, war von einer pedantischen Pünktlichkeit. Die alten Leutchen, die als junges Paar einst ihr Nest hier draußen gebaut hatten, gehörten zu dem Straßenbild, wie die Linden und Blutbuchen, welche den Fußsteig besäumten, wie der Kirchturm, den man am Ende der Straße sah. Ein jedes Kind kannte sie. Fast jedem der Käufer war der beliebte Arzt ein treuer Helfer gewesen. Und seine anmutige Frau hatte sich, ob man sie nun persönlich kannte oder nur vom Sehen, von Anfang an die Herzen der Nachbarn erobert. Man hatte die Kinder heranwachsen und davonfliegen sehen, man hatte die Enkelschar in Geheimrats Rosengarten toben gehört. Die Ankunft der exotischen Enkelinnen hatte viel Staub aufgewirbelt. An allem, was Hartensteins betraf, nahm die Straße regen Anteil. Hier zog man nicht alle paar Jahre ein und aus, hier war man seßhaft. Fast jeder bewohnte sein eigen Haus. Hier draußen lebte man, wie in einer kleinen Stadt für sich.

Es war ein anmutiges Bild, die alte Dame mit dem im Laufe der Zeit schneeweiß gewordenen Haar am Arm der jungen Enkelin, die wie eine zarte, fremdländische Blüte ausschaute. Ein wenig behäbig, ein wenig schwerfällig war die Großmama schon, aber das Antlitz noch immer rosig, kaum von einer Falte durchfurcht. Mehr noch aber fesselte die liebe, gütige Art, die aus Blick und Wort der alten Dame sprach.

Sie hielt es jetzt an der Zeit, mal ein wenig bei der Enkelin auf den Busch zu klopfen.

»Man darf es der Gerda nicht übelnehmen, wenn sie manchmal ein wenig selbstherrlich und geistig überhebend erscheint. Sie meint es nicht so, daran ist nur die Schulmeisterei, die sie vom Vater geerbt hat, schuld.«

»Mir gegenüber ist Gerda niemals überhebend. Wir verstehen uns sehr gut.« Mariettas Antwort befriedigte die Großmama nicht recht. Also damit war's nichts.

Der Großpapa, wieder fünf Schritte voraus, blieb an einer der Querstraßen wie immer stehen. »Links oder rechts?« fragte er, wartete die Antwort aber gar nicht ab, sondern bog gleich links ab, wo der baumbestandene Weg über die Bahnüberführung hinaus ins Freie führte. Das heißt, bis man ins Freie kam, dauerte es noch eine ganze Weile. Nicht nur Geheimrats Kinder und Enkel waren herangewachsen, auch Berlin hatte seine Steinglieder gestreckt. Hohe Mietskasernen hatten das Gartenland und die grünen Wiesen hier draußen in Lichterfelde verschlungen. Aber schließlich hörten sie doch auf, die sonne- und luftversperrenden Steinkästen, und man war draußen. Es gehörte der bescheidene Natursinn des märkischen Bewohners dazu, um sich an diesem »draußen« zu freuen. Da war zuerst ein Abladeplatz für Schutt und leere Konservenbüchsen. Darauf folgte Baugelände, von Zäunen umschlossen. Nun kamen die kleinen Laubengärten mit ihrem letzten Herbstschmuck. Und dann hörte der staubige Weg auf; man hatte richtiges, wenn auch schon etwas bräunliches Wiesengelände unter den Füßen, auf dem die Jungen ihre buntschweifigen Drachen steigen ließen. Silberne Dämmerung umschleierte dieses freie Land bis zu dem schwarzblauen Kieferngürtel des Grunewalds am Horizont. Der Wind trug auf seinen Flügeln den herben Duft von welkenden Blättern. Der alte Geheimrat liebte dieses Stückchen märkischer Poesie; es war sein Lieblingsspaziergang. Er blieb stehen und wartete auf seine Damen. »Schön hier draußen, gelt? Aber ihr kriecht ja im Schneckentempo. Dazu hast die Stütze deines Alters am Arm, Fraule?«

»Die Stütze deines Alters« – es gab Marietta einen Stich durchs Herz. Ihr war in der frischen Herbstluft so leicht und frei zumute geworden; alles Beschwerende war von ihr abgefallen. Aber jetzt war es plötzlich wieder da.

»Du darfst auch an der Stütze unseres Alters teilhaben, Rudi«, ging Frau Annemarie auf den Scherz ein. »Wenn du nur nicht immer als Schnelläufer vorangaloppieren möchtest.«

»Komm, Großpapa, ich habe noch einen Arm frei«, meldete sich nun auch Marietta.

»Nein, nein, ich stütze mich lieber auf meinen Stock. Auf euch junges Volk ist kein Verlaß. Eines schönen Tages geht ihr auf und davon, und wir Alten haben das Nachsehen«, neckte der Großpapa.

»Unsere Jetta geht nicht auf und davon, die bleibt bei uns«, sagte die Großmama zuversichtlich und drückte liebevoll den Arm der Enkelin.

»Und wenn sie uns irgendeiner fortkapert, wie dann, Fraule? Alles schon mal dagewesen.«

»Ja dann – wenn's der richtige ist – dann hätte ich ganz gewiß nichts dagegen einzuwenden«, bekräftigte die Großmama.

»Mich kapert keiner fort – höchstens meine Arbeit.« Wie dumm – Marietta biß sich auf die Lippen, durch die sich gegen ihren Willen ein schwerer Seufzer Bahn gebrochen.

Großmamas Ohr war zwar nicht mehr so fein wie früher, aber sie verstand dafür mit dem Herzen zu hören. Sie blieb atemschöpfend stehen und ließ ihrem Mann wieder ›seine fünf Schritt‹ Vortrab.

»Jetta, Seelchen, was ist es mit deiner Arbeit? Irgend etwas ist da nicht in Ordnung. Du bist verstimmt und bedrückt. Willst du dich nicht wie sonst aussprechen? Zu zweien trägt man jede Last leichter.«

»Ich darf dich nicht damit beschweren, Großmuttchen.« Marietta war zu ehrlich, um Ausflüchte zu machen.

»Hat mein Kind kein Vertrauen mehr zu seiner alten Großmutter?« Es klang traurig.

Dagegen war die weichherzige Marietta nicht gewappnet. Noch einen Augenblick schwankte sie, dann brach es sich Bahn. »Ich wollte dich damit verschonen, Großmuttchen, aber wenn du es denn wissen willst – ich muß mich entscheiden, ob ich in die Tropen zurückgehe oder hier bleibe.« Mariettas Stimme klang vor Erregung belegt.

Lachen – innerlich befreites Lachen antwortete. Was – die Großmama konnte darüber lachen – sie nahm es nicht ernst? Nun, um so besser.

»Seelchen, weiter ist es nichts – – – nun, darüber brauchen wir uns doch heute noch nicht den Kopf zu zerbrechen. Kommt Zeit, kommt Rat.«

»Heute nicht – aber doch in nächster Zeit. Es handelt sich um die praktische soziale Tätigkeit. Wir müssen uns für ein Spezialgebiet entschließen. Wenn ich mich für die Arbeiterfürsorge entscheide, tue ich es nur, um in Brasilien den Plantagenarbeitern gesündere und menschenwürdigere Lebensbedingungen zu erringen. Aber dann müßte ich euch verlassen, euch und Deutschland – ich fürchte mich davor, wieder in den Tropen zu leben. Ich stehe am Scheidewege und weiß nicht, wo meine Pflicht liegt, bei euch oder drüben.« So, nun war's heraus.

Frau Annemarie lachte nicht mehr. Kein selbstsüchtiger Gedanke kam ihr. Sie sah nur, daß Marietta in einem seelischen Zwiespalt war, daß ihr Liebling darunter litt. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder sprach.

»Wo deine Pflicht liegt, Kind? Uns, dem Großpapa und mir gegenüber hast du keine Pflicht, höchstens Herzenspflichten. Wir beide sind alt, wir werden nicht ewig leben. Du darfst dein Leben nicht mit Rücksicht auf uns gestalten. Aber auch drüben bei den brasilianischen Arbeitern liegt deine Pflicht nicht. Du bist nicht der Mensch, um den Kampf gegen eingewurzelte soziale Mißverhältnisse aufzunehmen und durchzuführen. Du bist körperlich und seelisch viel zu zart. Dazu bedarf es robusterer Nerven, amerikanischer Rücksichtslosigkeit, um sich dort drüben durchzusetzen. Du würdest bald flügellahm werden. Ganz abgesehen davon, daß du dich niemals bei der lähmenden Tropenhitze wohl gefühlt hast und sicher nicht imstande wärst, dabei ernsthaft zu arbeiten. Hast du mir nicht selbst erzählt, wie ihr in den heißen Monaten bei verdunkelten, gegen die Sonne fest versperrten Jalousien, matt und zu jeder Tätigkeit unlustig, vegetiert habt? Wie ihr euch um den ein wenig Kühlung spendenden Rieseneisschrank geschart habt und nur nachts ins Freie konntet? Glaubst du, dabei etwas schaffen zu können? Nein, Seelchen, du hast nur eine Pflicht, die, welche jeder Mensch hat, gegen sich selbst. Du bist für die Tropen ungeeignet. Auch deine Eltern sind bereits zu dieser Erkenntnis gekommen. Der Hauptzug deines Wesens ist deine Liebe und Fürsorge für die Kinder. Denen gehört deine Arbeit. Deine Pflicht ist es, für den Kreis zu wirken, für den du berufen bist, den du auszufüllen vermagst. Ob das nun in Amerika oder in Europa geschieht – wo du etwas leistest, wo du Gutes schaffst, da liegt deine Pflicht.«

Still war's, nachdem die Großmama gesprochen. Der warme, eindringliche Ton ihrer Worte schwang noch lange durch den verdämmernden Tagesglanz. Lange hing er Marietta noch im Ohr. Sie vermochte nicht gleich zu antworten. Immer dichter wurden die dunklen Schleier, welche Strauchwerk, Bäume und Häuser umwanden. Hier und da blitzten am Bahnkörper gelblich blinzelnde Lichter auf. Vom Grunewald her kam es feucht herangekrochen. Schon kam man wieder in bewohnte Gegend.

Da blieb Marietta stehen und schmiegte ihr Gesicht fest an den lieben, weißhaarigen Kopf der Großmama. »Heute hast du mir das Beste für mein Leben gegeben, Großmuttchen. Deine Worte sollen mir ein Wegweiser sein.«

3. Kapitel. Kinderhort.

Kleine Näschen drückten sich gegen die regenbespritzten Fensterscheiben. Sieben an der Zahl. Die dazu gehörenden Kleinen, Mädel und Jungen zwischen drei und sechs Jahren, standen auf Kinderstühlchen und Bänken und spähten angelegentlich hinaus. Da gab's eigentlich wenig zu sehen in dem grauen, verregneten Hofgarten. Ein entlaubter Kastanienbaum, der seine triefenden Zweige schüttelte, ein nasser Fliederbusch. Drüben am Gesims des roten Backsteingebäudes ein paar frierende Spatzen, zu einem nassen Federknäuel zusammengerollt.

»Tante Jetta kommt noch immer nicht«, stellte ein kleines Mädchen mit einem gelben, in semmelblonde Zöpfchen eingeflochtenen Zigarrenbändchen seufzend fest.

»Tante Jetta soll aber nu endlich kommen und mit uns spielen«, verlangte ein kleiner Hosenmatz energisch.

»Nee, lieber wieder von'n Weihnachtsmann erzählen, das is viel scheener«, rief Paulchen mit dem ständigen Schmutznäschen.

»Und zu Weihnachten wünsch' ich ma von'n Weihnachtsmann 'ne Puppe, so' ne jroße –«, rief das niedliche Käthchen. »Nee, lieber für Vatern 'n Paar neue Stiebel. Er hat jesagt, er kiekt schon mit de Hühneraugen aus seine alten raus.« Das war der etwas ältere, schon verständigere Bruder.

»Weihnachten is nich – wir haben kein Jeld für sowas. Weihnachten is man bloß was für die reichen Leute, hat meine Mutter jesagt«, meinte Ingeborg mit dem spitzen, altklugen Gesicht. Sie war die Älteste der Abteilung, schon neun Jahre alt, und beteiligte sich nicht an dem Hinausspähen. Sie saß auf einer Bank und strickte an einem Strumpf wie eine Alte.

»Haach – is ja gar nicht wahr. Tante Jetta hat uns erzählt, der Weihnachtsmann bringt allen Kindern was, wenn sie artig sind. Nicht bloß den reichen. Und meine Muttel sagt das auch«, rief Lenchen mit dem gelben Zigarrenzopfband.

»Die wissen das ja gar nicht – – –«

»Was – die Muttel und Tante Jetta wissen alles. Die Tante Jetta ist so klug und so gut ach, wenn sie doch bloß erst käme!« rief ihre eifrigste kleine Verehrerin.

»Wenn sie doch bloß erst käme!« echote der Kinderchor sehnsüchtig hinterdrein und preßte aufs neue die Näschen gegen das Fensterglas, bis Tante Martha mit den Frühstücksbechern erschien.

Die kleine Gesellschaft mußte heute noch recht lange auf die von allen besonders geliebte Tante Jetta warten.

Die saß noch drüben in dem roten Backsteingebäude und bemühte sich eifrig, den sozialpädagogischen Ausführungen von Fräulein Dr. Engelhart zu folgen. Das waren Mariettas liebste Stunden bei der bedeutenden Leiterin der Anstalt. Es war nicht nur die geistvolle, anregende Art, mit der Fräulein Doktor auch das nüchternste Ding behandelte, es war vor allem die Wärme, die sie in alles zu legen wußte, das völlige Aufgehen in ihrem Vortrag. Das schaffte einen unsichtbaren Zusammenhang mit den Schülerinnen und riß selbst die gleichgültigeren mit fort. Oh, es war nicht immer so ganz einfach zu folgen. Es erforderte strenge Gedankenkonzentration, ernst logische Folgerung. Hatte man mal auch nur sekundenlang an etwas anderes gedacht – schon hatte man den Faden verloren und irrte wie in einem geistigen Labyrinth umher. Ebenso wie Fräulein Dr. Engelhart an sich selbst die höchsten Anforderungen stellte, so verlangte sie das gleiche auch von ihren Schülerinnen. Sie waren keine Schulkinder mehr, sie waren erwachsene Menschen, die wissen mußten, worauf es ankam. Sie mußten reif genug sein, um den Ernst der Arbeit zu erfassen. Bei den meisten traf das auch zu. Aber einige gab es doch darunter, denen entweder die Fähigkeit des scharfen logischen Denkens abging, oder andere, die es gar nicht wollten, denen es zu unbequem war. Es war fabelhaft, wie die Vortragende diese aus ihrer Stumpfheit aufzurütteln verstand und zur Teilnahme heranzuziehen wußte. Der Faden der Sympathie, der sich gleich am ersten Tage von Fräulein Dr. Engelhart zu Marietta Tavares hingesponnen, hatte sich befestigt. Marietta war eine der Eifrigsten und Lernbegierigsten und verehrte die Vorsteherin ganz besonders. Und auch diese hatte die strebsame Schülerin von allen am meisten in ihr Herz geschlossen. Die großen, schwarzen Augen, die so sprechend jede Empfindung ihrer Besitzerin wiedergaben, Mariettas zarter Liebreiz, verbunden mit ihrer Bescheidenheit, hatten es Fräulein Dr. Engelhart angetan. Heute winkte sie ihr nach Beendigung der Unterrichtsstunde.

»Fräulein Tavares, bitte, noch einen Augenblick.« Und als Marietta nach vorn getreten war, fuhr sie fort: »Sie sind jetzt sechs Wochen drüben im Kinderhort praktisch tätig. Gefällt Ihnen Ihre Arbeit dort?«

»Oh, sehr gut«, kam es aus vollem Herzen.

»Man ist auch dort recht zufrieden mit Ihnen. Nur meinte die Hortleiterin« – Mariettas schwarze Augen wurden ein wenig bange –, »daß Sie dort nicht mehr viel zu lernen haben. Sie beherrschen die Horttätigkeit besser als die jungen Damen, die schon länger dort arbeiten.«

»Ich bin früher schon in verschiedenen Krippen, Horten und Kinderheimen tätig gewesen«, wehrte Marietta bescheiden das Lob, obgleich es ihr große Freude bereitete, ab.

»Dann haben Sie gewiß den Wunsch, an einer anderen Stelle praktisch zu lernen. Ich dachte mir, vielleicht in der Waisen- oder in der Schulpflege. Auch in einer Jugendlesehalle könnten Sie sich betätigen. Ich komme dabei gern Ihren persönlichen Wünschen entgegen.«

Mariettas Gesicht, von dem zarten Ton der Teerose, ward rosig überhaucht. Ein Zeichen dafür, daß sie erregt war.

»Dürfte ich nicht noch einige Zeit drüben im Hort bleiben?« bat sie, allen Mut zusammenraffend. »Ich habe meine Arbeit und vor allem meine kleinen Schutzbefohlenen dort lieb gewonnen. Es würde mir schwer werden, sie so schnell zu verlassen. Die Kinder freuen sich schon darauf, mit mir Weihnachten zu feiern, und ich möchte sie nicht enttäuschen.«

Fräulein Doktor schüttelte ihr herzlich die Hand. »Brav, Fräulein Tavares. So soll es sein, daß man seine Arbeit lieb gewinnt und sich schwer davon trennt. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie noch einige Zeit drüben bleiben wollen. Freilich müssen wir auch daran denken, daß Ihre weitere Ausbildung nicht darunter leidet.« Damit war die Unterredung beendet. Es erfüllte Marietta mit freudiger Genugtuung, daß Fräulein Dr. Engelhart mit ihr zufrieden war.

Ja, ihre kleinen Freunde drüben mußten sich heute noch recht lange gedulden, bis Tante Marietta kam. Für die gab's noch eine Stunde Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik. Das waren ziemlich fremde, schwierige Begriffe, die man sich zu eigen machen mußte. Die Vortragende, ein Fräulein Regierungsrat, war eine bedeutende Frau, die ihr Feld vorzüglich beherrschte. Sie war auch sicher eine gute Pädagogin und doch – die Begeisterung, die Marietta in den Stunden bei der Leiterin der Anstalt empfand, blieb dabei aus. Sie lernte aus Pflichtgefühl, und das erschwerte ihr die Arbeit.

In diesen Stunden glänzte besonders Gerda Ebert. Sie hatte eine schärfere Auffassungsgabe als ihre Kusine Marietta, und war daran gewöhnt, sachlich klar zu denken. Wenn Marietta irgend etwas nicht verstanden hatte, Gerda wußte es ihr stets zu erklären.

Heute gab es eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Kusinen. Gerda war gar nicht damit einverstanden, daß Marietta noch im Kinderhort blieb, wo ihr die Möglichkeit geboten worden war, so schnell schon an eine andere Stelle versetzt zu werden. Das bedeutete eine Auszeichnung. Und vor allem galt es doch, immer weiter zu streben, immer Neues zu lernen. »Man muß seine Arbeit als Ganzes lieben, aber sich nicht an einzelne Teile derselben hängen. Sonst verliert man darüber das Ziel aus den Augen.« Das war Gerdas Auffassung.

»Du magst recht haben, Gerda«, gab Marietta zu, als sie Arm in Arm mit ihr durch den nadelfeinen Regen dem Internat der gegenüberliegenden hauswirtschaftlichen Frauenschule zuschritt. Dort nahmen sie an den Tagen, an denen sie des Nachmittags praktisch tätig waren, das Mittagessen ein. »Recht hast du schon, aber – wir sind eben verschieden. Ich arbeite mehr mit dem Herzen, du mit dem Verstande.«

»Mit dem Herzen allein wirst du viele Enttäuschungen erleben. Glaube mir, Kind,« – Gerda tat, als ob sie zehn Jahre älter wäre, – »auch auf sozialem Gebiete muß das Herz vom Verstand regiert werden.«

»Puh!« – Marietta schüttelte ihr goldbraunes Kraushaar, an dem die Regentropfen wie lauter Brillanten blitzten. »Weißt du, Gerda, das Regenwetter hier draußen ist gerade nicht dazu geeignet, beim Promenieren tiefsinnige Dinge zu erörtern. Komm rasch«, sie schauerte zusammen, »wir sind ganz durchnäßt.«

»Das macht nichts, ich bin in meinem Lodenmantel zweckmäßig gekleidet. Dein Gummimantel hält nicht so warm. Wenn wir später unsere Recherchen in den notleidenden Familien machen müssen, dürfen wir auch nicht nach dem Regen fragen. Das wird dir vielleicht manchmal recht schwer werden, Jetta, bei Wind und Wetter, von Straße zu Straße, treppauf, treppab. Du, Tropenkind, brauchst ja noch mal soviel Wärme und Sonne wie wir. Solchen Regen kennt man bei euch im Sonnenlande sicher nicht.«

»Sage das nicht, Gerda. Wenn es mal bei uns in den Tropen regnet, dann gießt es Bäche vom Himmel herunter, wie man es hier gar nicht kennt. Dann gibt es große Überschwemmungen. Das Vieh auf den Weiden ertrinkt. Die Häuser stehen unter Wasser, und die Leute fahren mit Kähnen in den Straßen. Merkwürdigerweise ist der Himmel dabei oft ganz blau, es regnet aus blauem Himmel. Das könnt ihr euch kaum vorstellen, nicht wahr? Ich erinnere mich, wie Anita und ich eines Tages in Sao Paulo mit der Miß shopping waren. Bei herrlichstem Wetter waren wir fortgefahren. Plötzlich strömender Regen, ihr nennt es einen Wolkenbruch. Das Wasser stand alsbald so hoch, daß unser Auto nicht einmal durchkam. In unseren leichten Kleidern mußten wir durch Bindfadenregen mit einem Boot heimfahren.«

Gerda hatte interessiert zugehört. Sie liebte es, wenn Marietta aus dem Tropenlande berichtete. Die beiden jungen Mädchen waren inzwischen durch Gänge, Treppen und Korridore der hauswirtschaftlichen Frauenschule geschritten. Wie in einem Ameisenstaat kribbelte es dort von fleißigen Mädchen. Und weise, wie in einem wohlorganisierten Ameisenstaat, zog jedes die ihm vorgeschriebene Bahn. Mit großen Wirtschaftsschürzen angetan, erfüllte ein jedes seine Pflicht auf dem ihm angewiesenen Platze. Unten im Souterrain, in der weißgekachelten Waschküche, standen sie in kurzärmeligen Kleidern am dampfenden Waschfaß und Spülzober und spritzten sich, trotz emsiger Arbeit, übermütig das Seifenwasser ins Gesicht. In dem Raum daneben wurde die schon getrocknete Wäsche sorgfältig von den jungen Hausgeistern gelegt und gemangelt. Wieder eine Abteilung weiter, da fuhren die blanken, elektrisch geheizten Eisen geschickt und unbeholfen über weißes Leinen. Die große Küche mit dem Herd in der Mitte bildete den Haupttummelplatz der jungen Welt. Da wurde gequirlt und gerührt, gekocht, gebacken, gebraten und geschmort; Geschirr gespült, Töpfe gescheuert. Ein Stockwerk höher surrten Nähmaschinen; Scheuerbürsten dämmten Wasserfluten. Überall war emsiges Treiben.

Für die junge Brasilianerin war diese planmäßige hauswirtschaftliche Ausbildung der deutschen Mädchen immer wieder eine Quelle der Bewunderung. Wie notwendig derartige praktische Kenntnisse waren, hatte Marietta inzwischen oft genug eingesehen. Ihr selbst hatte nach absolvierter Schulzeit das Studienjahr auf der allgemeinen Frauenschule nicht nur eine Vertiefung und Erweiterung auf wissenschaftlichem Gebiet gegeben. Sie hatte sich auch hauswirtschaftlich dort betätigt. Das Tropenprinzeßchen mit den zarten Fingern hatte sich vor keiner Arbeit gescheut. Sie war tüchtig und umsichtig dabei geworden. Das kam ihr jetzt bei ihrer sozialen Hilfsarbeit sehr zustatten.

Der geräumige Eßsaal lag im obersten Stockwerk. Gerda und Marietta entledigten sich draußen ihrer nassen Überkleider und betraten den hell getünchten Raum, dem selbst der graue Regentag, der griesgrämlich durch die Fenster hereinschaute, nichts von seiner anheimelnden Freundlichkeit nehmen konnte. An langen Tafeln mit blendend weißem Tischzeug, von Zöglingen zierlich gedeckt, saßen bereits etwa fünfzig junge Mädchen, die meisten zwischen sechzehn und zwanzig Jahren. Die Schülerinnen der sozialen Frauenschule gehörten schon zu den älteren und hatten daher Vorzugsplätze an dem Lehrerinnentisch. Der größere Teil der jungen Mädchen wohnte im Internat. Aber auch die Schülerinnen der verschiedenen Abteilungen der Frauenschule und der angegliederten Horte, deren Heimweg für die Mittagspause zu weit war, erhielten hier eine wohlschmeckende Mahlzeit. Marietta und Gerda nahmen grüßend an dem Tische, dem die Leiterin des Internats vorstand, Platz. Verschiedene Schülerinnen von der sozialen Schule waren bereits anwesend. Die beiden Kusinen wurden mit freudigen Zurufen empfangen. Sie waren beide recht beliebt bei den Kolleginnen. Die eine wegen ihres klugen, ernsten Könnens, die andere wegen ihres lieben Wesens. Muntere Gespräche waren im Gange, junges Lachen erklang hier und da. Es ging ungezwungen bei dem gemeinsamen Mittagstisch zu. Junge Zöglinge mit zierlichen Servierschürzen boten die Schüsseln an, wechselten geräuschlos die Teller. Man hätte die Empfindung gehabt, zu einer Festlichkeit geladen zu sein, wenn nicht hin und wieder mal ein mahnendes »Fräulein Lotte, nicht die Fleischplatte von rechts reichen, da kann sich kein Mensch bedienen«, oder auch »aber Fräulein Hilde, ein herabgefallener Löffel wird zur Seite gelegt, nicht auf die Schüssel zurück«, erklungen wäre.

Mit dem letzten Bissen schwirrte alles wieder auseinander, ein jedes zu seiner Pflicht. Auch die Wege der beiden Kusinen trennten sich. Gerda Ebert arbeitete in einem unweit gelegenen Säuglingsheim, um dort die Säuglingshygiene zu studieren. Marietta eilte nun endlich in das gegenüberliegende Gebäude zu ihren Hortkindern.

Die hatten die Hoffnung auf Tante Jettas Kommen schon aufgegeben. Kindern geht ja jeder Zeitbegriff ab. Tante Martha, eine erst siebzehnjährige Hortlerin, die noch das Abc der Kinderfürsorge erlernte, wußte nicht viel mit ihnen anzufangen. Sie hatte jedem etwas zu spielen gegeben und verlangte nun, daß sich die kleinen Jungen und Mädchen möglichst leise mit ihrem Baukasten, Püppchen oder Hottepferdchen beschäftigen sollten, um die großen, schulpflichtigen Kinder, die am Nachmittag hier ihre Schularbeiten machten, nicht zu stören. Im Grunde aber wollte sie selbst nicht gestört sein. Sie hatte eine Weihnachtsarbeit, eine bunte Wollhäkelei, bei der man zählen mußte, vorgenommen. Jede Frage der ihr anvertrauten Küken kam ihr störend in die Quere und wurde dementsprechend nicht gerade freundlich beantwortet. Die Kinder, des sich Alleinbeschäftigens überdrüssig, suchten daher ihr Vergnügen auf eigene Faust. Paulchen nahm dem Zeter schreienden Käthchen die Puppe fort und sprang damit johlend im Zimmer umher. Gustel warf dafür Paulchens schön gebauten Turm mit lautem Krach um, so daß sich jetzt eine lebhafte Prügelei zwischen dem kleinen Puppenräuber und dem Turmzerstörer ergab. Lenchen, mit dem gelben Zigarrenzopfband, wollte den Frieden vermitteln, geriet aber dabei mit in den Tumult hinein. Und die übrigen beteiligten sich aus Freude am Lärmen, und weil sie sonst auch nicht gerade Besseres zu tun hatten, ebenfalls an dem Radau. Tante Martha, die ihre Zählerei nun doch aufgeben mußte, rief vergebens dazwischen: »Kinder, wollt ihr wohl gleich ruhig sein!« Eher kann man einem Wasserfall befehlen, innezuhalten, als einer losgelassenen Kinderschar. Die Großen wurden natürlich auch nicht länger von ihren Schularbeiten gefesselt, sondern nahmen ebenfalls Partei und rauften lustig mit. Ein ohrenzerreißender Lärm empfing die gerade in diesem Moment eintretende Marietta.

Die stand zuerst starr. Dann aber griff sie auf gut Glück eins aus der wilden Horde heraus – es war Paulchen mit dem Schmutznäschen – und wischte ihm mit ihrem eigenen Batisttuch Tränen und Näschen ab. »Ja, Kinder, was habt ihr denn heute? Ihr seid doch sonst so lieb«, sagte sie mit ihrer weichen, fremdklingenden Stimme. Dieselbe ging in den Wogen der allgemeinen Zügellosigkeit ebenso unter wie Tante Marthas verzweifelte Drohungen. Aber plötzlich ein Jubellaut, mitten aus dem wüsten Getobe – wie ein verirrter Vogelton bei Gewitter – »Tante Jetta – Tante Jetta ist da!« Man hatte sie entdeckt. Im Augenblick war das Bild ein anderes. Die kleinen Raufbolde ließen voneinander ab und umstrickten die endlich Erschienene zärtlich mit ihren Ärmchen. Lenchen mit dem Zigarrenbändchen kletterte sogar auf den Stuhl, um heranzukommen.

Marietta strich beruhigend über die erhitzten Kindergesichter. »So, nun setzt euch mal erst brav auf eure Plätze und dann erzählt mir, warum ihr eben so unartig wart.«

»Die olle Käthe brüllt immer jleich« – »nee, der Paul hat« – – – »und der Gustel hat mir meinen schönen Turm janz« – – »und Karle hat mir so doll jeschubbst – – –« so ging das wieder durcheinander.

»Aber Friedel, so heißt es doch nicht, wie heißt es?« Marietta war der deutschen Sprache jetzt so mächtig, daß ihrem Ohr das falsche Sprechen mancher Kinder weh tat.

»Der Karle hat mir so doll jestoßen«, verbesserte sich der kleine Blondkopf.

»Lenchen, sag' du unserem Friedelchen, wie es richtig heißt.«

»Karl hat mich so doll gestoßen.« Trotz des gelben Zigarrenbändchens im Zopf sprach Lenchen ein gutes Deutsch. Sie war von besserem Herkommen. Der Vater war Buchhalter gewesen, früh gestorben und die Mutter in kümmerlichen Verhältnissen zurückgeblieben.

»Mit den Gören ist heute kein Auskommen, Fräulein Jetta, sie müßten alle eine Stunde in die Ecke gestellt werden«, beklagte sich Tante Martha empört.

Marietta warf einen verständnisvollen Blick auf die bunte Häkelei der jungen Dame. Ehe sie noch antworten konnte, rief aber einer von den großen Jungen: »Pfui, Tante Martha, weißte, was du bist? 'ne olle Pfennigklatsche!«

»Tante Martha ist eine Pfennigklatsche – Tante Martha is 'ne olle Petze!« Aufs neue schien das Gejohle losgehen zu wollen.

Stillschweigend, ohne ein Wort zu sagen, griff Marietta nach ihrem Lederhütchen.

»Nich gehen! – Tante Jetta soll mit uns spielen!« Selbst die ärgsten Schreihälse wurden sofort zahm und verlegten sich aufs Betteln.

»Ihr seid mir heute zu unartig, Kinder«, sagte diese traurig.

»Wir wollen ganz artig sein! Liebe, liebe Tante Jetta, bleibe doch bei uns!« Das war Lenchen.

Mariettas weiches Herz vermochte all den zärtlich bittenden Stimmen nicht standzuhalten. Sie hängte den Hut wieder an den Nagel, verlangte aber als gute Pädagogin: »Fritz, entschuldige dich erst bei Tante Martha wegen des häßlichen Wortes.« Dies geschah zur geheimen Belustigung der beiden jungen Damen, indem Fritz Tante Martha treuherzig die tintenbeschmierte Hand reichte und dabei die ehrenvolle Erklärung abgab: »Tante Martha, du bist keine Pfennigklatsche nich!«

Nun saßen sie alle, die Kleinen, mit gefalteten Händchen so brav auf ihren Plätzen, als ob sie niemals wie eine wilde Horde getobt hätten, und blickten erwartungsvoll auf Marietta.

»Kleben wir wieder bunte Ketten für den Weihnachtsbaum, Tante Jetta?«

»Au ja – und Goldkörbchen flechten wir wieder und Silber-Netze – – –«

Aber Tante Marietta schüttelte ernst den Kopf. »Nein, Kinder, heute habt ihr es nicht verdient, daß wir Weihnachtsarbeiten machen. Das ist eine Belohnung für artige Kinder. Ketten und Körbe von unartigen Kindern hängt der Weihnachtsmann gar nicht an den Tannenbaum an. Wir werden heute an unserer Puppenwohnung weiter arbeiten.«

»Och, die olle Puppenwohnung«, wollte Ingeborg wieder Einwendungen machen, aber ein ernster Blick von Tante Jetta ließ sie sofort verstummen. »So, Kinder, nun räumt erst euer Spielzeug ein und legt es wieder ordentlich in den Schrank, ehe wir was Neues vornehmen. Ihr Großen arbeitet fleißig, damit ihr nachher auch mitspielen könnt. Nun, Kläre, wieviel Fehler waren im Diktat? Oh, so viele? Da werde ich dir nachher ein paar Sätze diktieren, so schlechte Arbeiten dürfen meine Kinder nicht schreiben. Wie geht's dem Vater, Lorchen? Haben ihn die Früchte erquickt, ja? Nun schreibe mal besonders schön, damit der kranke Vater sich freuen kann und schnell gesund wird.« So schritt Marietta von einem ihrer kleinen Schützlinge zum andern, jeden mit einem freundlichen Wort ermunternd.

Woran lag es bloß, daß die Kinder bei Fräulein Marietta stets brav und lieb waren und sie selbst immer Ärger mit ihnen hatte? fragte sich Fräulein Martha. Kinder waren sicher auch ungerecht, genau wie Große. Sie mochten sie wohl nicht so gut leiden. Daß sie selbst dazu die Veranlassung gab, indem sie ihre Pflichten nicht ernst genug nahm und sich nicht voll dabei einsetzte, das sagte sich das junge Mädchen nicht.

Wirklich, es war merkwürdig, wie die Kinder jetzt alle voll Eifer dabei waren, an der Puppenwohnung zu helfen. Je nach Alter und Geschicklichkeit wurden sie dabei beschäftigt. Die Puppenwohnung selbst, aus Pappe, durch Pappwände in Zimmer und Küche, ja sogar in zwei Stockwerke abgeteilt, stand bereits im Rohbau. Jetzt galt es Tapeten zu malen. Lenchen und Ingeborg bekamen das Wohnzimmer zugewiesen. Auf die Rückseite von mattem Goldpapier durften sie leichte Ornamente, die Tante Jetta ihnen vorzeichnete, malen, ausschneiden und auf dunkelgrünes Glanzpapier kleben. Das gab eine herrliche Tapete. Zwei kleinere, Gustel und Käthchen, hatten die Schlafzimmertapete zu liefern. Diese war einfacher. Weiße Streifen wurden in regelmäßigen Abständen auf himmelblaues Papier geklebt. Die drei kleinsten flochten bunte Papierteppiche für die Zimmer. Paulchen malte das Pappdach mit ziegelroten Steinen an und Karlchen tuschte braune Türen. Die Großen arbeiteten voll Eifer, ihre Schularbeiten zu vollenden, um ebenfalls helfen zu können. Die Jungen machten aus Zigarrenkisten mit dem Laubsägekasten allerlei nettes Mobiliar, Tisch, Stühle, Bettstellen. Während die größeren Mädel auf Kongreßstoff Gardinen, Tischdecke und Bettdecken stickten. Voll emsiger Geschäftigkeit waren sie alle dabei, die Kleinen, mit feuerroten Bäckchen arbeiteten sie. Nichts durfte zu dem Puppenhaus gekauft werden, alles wurde selbst fabriziert. Ein Lob von Tante Jetta, ein anerkennendes Streicheln der blonden und dunklen Köpfchen war der schönste Lohn.

»So, Fräulein Martha, jetzt ist ja alles hier eifrig bei der Arbeit, nun werde ich mich mal erst zu meinen Krippenkindern begeben«, wandte sich Marietta an die junge Helferin. »Ich komme bald wieder zu euch, Kinder, wer inzwischen am schönsten gearbeitet hat, bekommt eine Belohnung.« Damit verließ Marietta den Raum.

Die Laufkrippe in dem Zimmer gegenüber gehörte ebenfalls zu ihrem Reiche. Hier waren die Ein- und Zweijährigen, die zum Teil schon auf eigenen Füßchen einhertrappelten, aber der eigentlichen Säuglingskrippe bereits entwachsen waren. Als Schülerin der sozialen Frauenschule hatte sich Marietta in allen Abteilungen des Hortes auszubilden. Aber da sie älter war als die jungen Hortlerinnen, und da dieselben alsbald merkten, daß sie die Sache besser beherrschte als sie selbst, räumten sie ihr eine leitende Stellung ein. Marietta in ihrer Bescheidenheit machte niemals einen falschen Gebrauch davon. Sie übernahm nicht die Rechte, sondern nur die Pflichten und die Verantwortung einer Leiterin.

Auch in dem großen, saalartigen Zimmer, der Laufkrippe, wurde Mariettas Erscheinen jubelnd begrüßt. »Tatta Setta – Tatta Setta!« – aus dem großen Laufgitter, das die Mitte des Raumes einnahm, tappelte es auf unsicheren Beinchen, kroch es auf allen vieren, angelte es mit den Ärmchen jauchzend der Eintretenden entgegen. Die ergriff eins der zappelnden kleinen Dinger und schwenkte es zur allgemeinen Erheiterung in der Luft umher. Dann gaben alle Kleinen Patschhändchen und sagten guten Tag, wobei manche schon einen richtigen Knicks machten, ganz gleich, ob Junge oder Mädel. Die meisten der kleinen Gesellschaft trieben die Höflichkeit so weit, daß sie sich gleich dabei wieder auf die Erde setzten.

Ein etwas größerer Junge saß abseits von den anderen in einer Ecke. Er hatte sich nicht an den allgemeinen Empfangsfeierlichkeiten beteiligt. Er hatte einen auffallend großen Kopf und sah ziemlich verständnislos drein. Aber als Marietta jetzt zu ihm trat, ihm über die Haare fuhr und liebevoll fragte: »Ottchen, wer bin ich?« Da ging es über das teilnahmslose Gesichtchen wie aufzuckendes Verständnis. »Sette«, sagte er mühsam. Es war das einzige Wort, das der bereits Vierjährige bisher gelernt hatte. Er gebrauchte es sowohl für Marietta als auch für die Kinderserviette, die man ihm zu den Mahlzeiten umband. Beides war ihm gleich wichtig, die einzigen Lichtpunkte in seinem Dämmerleben. Ottchen war geistig zurückgeblieben und daher noch in der Laufkrippe, der er seinen Jahren nach schon entwachsen war. »Unser kleiner Idiotenjüngling« nannten ihn die jungen Helferinnen oder auch »unser Wasserköpfchen«. Marietta aber mochte das nicht hören. Ihrem warmen Herzen tat das arme Kind, das nur zum Vegetieren auf der Welt war, leid. Unermüdlich versuchte sie, die schlummernden Geisteskräfte in ihm zu wecken, mit dem Erfolg, daß er jetzt das erste Wort »Sette« sprach. Augenblicklich hatte Ottchen die Entrüstung seiner Pflegerinnen erregt. Er war noch nicht stubenrein und mußte wieder frisch behost werden.

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9788726883596
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