Читать книгу: «Flucht und Neuanfang»

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Nähe zur Familie als Auswanderungsgrund

Ein glückliches Wiedersehen nach langer Zeit – Jakob zieht zu Josef

Flucht vor dem Hunger

Noch einmal von vorn anfangen – Rut und Noomi

Rückkehr ins Ungewisse – Die Frau aus Schunem

Flucht vor Unterdrückung

Ihr Schreien drang zu Gott – Der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten

In der Wüste

Hunger und Durst – Gott versorgt sein Volk in der Wüste

Organisation ist das halbe Leben – Jitros Rat

Gemeinsame Regeln als Basis des Zusammenlebens – Die Zehn Gebote und andere Lebensregeln

Mutlosigkeit und Versuchung – Das Goldene Kalb

Flucht vor Verfolgung

Brüderzwist – Jakob flieht vor Esau

Das Jesuskind als Opfer der Machtpolitik – Die Flucht nach Ägypten

Eine Christenverfolgung als Initialzündung – Die Gemeinde wird verfolgt

Letzte Zuflucht – Asylstädte für Totschläger

Krieg und Vertreibung

Der Verlust der Identität – Der Untergang des Nordreichs Israel

Ein Volk im Exil – Das Ende des Südreichs Juda

Jerusalem, wenn ich dich je vergesse ... – Klagelieder eines verschleppten Volkes

Jubel und Freude über das Ende des Exils – Die Heimkehr nach Jerusalem

Menschenhandel: Eine Form der Zwangs­migration

Ein Bruderzwist mit Folgen – Josef wird verkauft

Die Ablehnung von Einwanderern und Gesetze zu ihrem Schutz

Eine Lehre aus der eigenen Vergangenheit – Gesetze zum Schutz von Einwanderern

Religiöser Rigorismus und seine Kehrseite – Esra weist nichtjüdische Frauen aus

Eine hochgeschätzte Ausländerin in Israel – Rut

Rut ist mehr wert als sieben Söhne

Rut erscheint im Stammbaum von Jesus von Nazaret

Wenn Einwanderer erfolgreich sind

Zu viel des Guten – Isaaks Reichtum führt zu Streit

Lug und Betrug – und doch ein Happy End – Jakob bringt Laban und sich selbst zu Wohlstand

Eine beachtliche Karriere – Josef in Ägypten

Probleme von Einwanderern im fremden Land

Probleme innerhalb der Familie – Abraham und Lot

Der ewige Kampf um das Wasser – Isaak schließt Frieden mit den Nachbarn

Die letzte Ruhe – Abraham kauft eine Grabstelle in Kanaan

Probleme mit kriminellen Banden – Sodom und Gomorra

Sexuelle Belästigung: Ein Dauerproblem – Josef und die Frau von Potifar

Konflikte wegen der Religion – Daniel und seine Freunde – Ein Fall von Zwangs­assimilation

Frauen und Migration

Geschäftstüchtige Frauen

– Die Geschäftsfrau Lydia als Gastgeberin der Apostel

– Priszilla setzt sich zusammen mit ihrem Mann für den Glauben ein

– Auswanderer durch staatlichen Befehl – Vorkämpfer des Glaubens durch eigenen Entschluss(aus Apostelgeschichte 18)

– Paulus grüßt die Einwanderer Priszilla und Aquila (Römer 16,3-5; 2.Timotheus 4,19)

– Grüße von den Einwanderern Priska und Aquila (1.Korinther 16,19)

Sex und weibliche Schönheit

– Sarai im Harem des ägyptischen Pharao (1.Mose/Genesis 12,10-20)

– Rebekkas Schönheit und die Angst ihres Mannes um sein Leben (1.Mose/Genesis 26,1-11)

Familienzusammenführung – ein weiblicher Migrationsgrund – Rebekka geht in das Land ihres Mannes

Häusliche Sklaverei in fremden Ländern

– Hagar, die ägyptische Sklavin

– Ein Sklavenmädchen rettet seinen Herrn

Aufbruch in Gottes Auftrag

Ein Migrant wird zum Segen für alle Völker – Abraham

Ein Schafzüchter bricht auf, um Prophet zu werden – Amos

Neuanfang in der Großstadt – Die Jünger in Jerusalem

Der Glaube der Migranten

Drei Altäre für den einen Gott – Abraham, Isaak und Jakob

– Abraham (1.Mose/Genesis 12,4-9)

– Isaak (1.Mose/Genesis 26,23-25)

– Jakob (1.Mose/Genesis 28,18-22)

Der Glaube eines Verschleppten – Daniel

Nachwort: Gebet eines Migranten

Impressum

Vorwort

Die Bibel ist voller Geschichten über alle Arten von Migra­tion. Wir lesen von Männern und Frauen, die ihre Heimat verlassen, weil sie von Gott einen besonderen Auftrag erhalten haben. Andere werden aus ihrem Heimatland vertrieben oder fliehen vor Hunger, Unterdrückung, Krieg und Verfolgung. Die Geschichten sind sehr lebensnah erzählt und schildern das Schicksal der Flüchtlinge auf bewegende Weise. Die Aus- und Einwanderer in der Bibel machen ähnliche Erfahrungen wie heutige Migranten. Nie vergessen sie das Land ihrer Geburt. Es bleibt immer ein Stück ihrer eigenen Identität. Auch ihren Glauben lassen sie nicht hinter sich, sondern bewahren ihn.

Man kann die biblischen Geschichten über Migranten auf unterschiedliche Weise lesen. Entweder interpretieren wir sie als Erzählungen aus lang vergangener Zeit ohne weiteren Bezug zum heutigen Leben. Oder wir lesen sie vor dem Hintergrund der Erfahrung heutiger Migration. In diesem Buch haben wir uns für die zweite Möglichkeit entschieden. Denn so kann das Wort Gottes für uns lebendig werden. Es kann zu uns sprechen und uns als Christen für die Herausforderungen der weltweiten Migrationsbewegungen in unserer Zeit sensibilisieren. Aber vor allem möchten wir mit diesen Geschichten alle Migranten ermutigen und stärken.

Nach einer Statistik der Vereinten Nationen gibt es 230 Millionen Migranten auf der Welt. Große Menschengruppen fliehen in fremde Länder oder innerhalb eines Landes. Das ist nichts Neues. Dass Menschen an andere Orte vertrieben wurden, gab es schon immer. Geschichtliche Ereignisse und anthropologische Analysen zeigen, dass das Wandern zu den Wesensmerkmalen des Menschen gehört. Menschen verlassen ihren Heimatort und leben anderswo als Einwanderer. Freilich sind sie nun Fremde, und das tägliche Leben hat für sie sowohl gute als auch schlechte Seiten. So ist das schon seit jeher.

Schon das erste Glaubensbekenntnis in der Bibel nimmt Bezug auf die Flucht Abrahams nach Ägypten: »Mein Vorfahr war ein heimatloser Aramäer. Als er am Verhungern war, zog er mit seiner Familie nach Ägypten und lebte dort als Fremder.« (5Mose/Deuteronomium 26,5) Es gibt nur wenige wichtige Ereignisse in der Bibel, die nichts mit Wanderbewegungen zu tun haben, ob nun aus wirtschaftlichen Gründen, aus dem Wunsch, einem Familienmitglied nah zu sein, weil ein Krieg ausbricht oder aus anderen Gründen. Selbst Jesus Christus, der Sohn Gottes, kam aus Liebe zu den Menschen als Fremder auf die Erde (Philipper 2,6-7). Er wurde ein Mensch mit Fleisch und Blut, um uns den wahren Weg zu Gott zu zeigen. Wir erwarten im Glauben das versprochene Kommen der himmlischen Stadt auf die Erde am Ende der Zeit. Dies wird die ewige Stadt sein, in der es kein Weinen und kein Leid mehr geben wird. Denn Gott, ihr Herrscher, wird wie eine Mutter alle Tränen seiner Töchter und Söhne, der ewigen Migranten, abwischen.

In dem folgenden Zeugnis macht der Migrant Carlos deutlich, dass in jedem von uns etwas von einem Migranten steckt.

Meine Geschichte gleicht denen vieler anderer Menschen. Vor 29 Jahren kam ich in Caracas an. Ich kam von Argentinien, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Meine Familie und ich leben nun seit 13 Jahren in Israel. Wir haben Zeiten von Freude, Traurigkeit, Misserfolg und Erfolg durchlebt. Ich fühle mich gut. Wenn ich zurückschaue, ist da Heimweh nach dem Land, in dem ich geboren wurde. Wenn ich nach vorn schaue, hoffe ich auf Erfolg mit unserem Geschäft. Ich bin davon überzeugt, dass das Bedürfnis, unseren Horizont zu erweitern, etwas ist, das zu unserer DNA gehört, es liegt uns im Blut, auch in unserer Zeit. Es gehört zur Evolution. So haben wir unseren schönen blauen Planeten bevölkert. Alles verändert sich, aber wir ziehen weiter über die Erde. Ich träume von dem Tag, an dem wir einst reisen können, wohin immer wir wollen.1

Die meisten Menschen machen sich die Entscheidung zum Auswandern nicht leicht. Andere Sitten und Bräuche, die Notwendigkeit, eine neue Sprache zu lernen, Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, Fragen der Religion und vieles anderes stellen große Herausforderungen dar. Wenn Menschen auswandern, ohne an dem Ort, an dem sie leben wollen, Bekannte oder Unterstützer zu haben, haben sie es besonders schwer. Wenn sie die bürokratischen Prozeduren bei den Einwanderungsbehörden nicht kennen, wird das Erlangen der nötigen Papiere viel Arbeit, Kosten und manche Enttäuschungen mit sich bringen. Außerdem müssen sie etwas über das Leben in dem Zielland wissen. Sie müssen wissen, welche Gewohnheiten Anstoß erregen und welches Verhalten gut ankommt. Sie müssen ehrlich, klug und scharfsinnig handeln, um als Fremde akzeptiert zu werden. Natürlich garantiert das noch nicht, dass sie glücklich sein und Erfolg haben werden. Aber sie werden mehr gute als schlechte Erfahrungen machen.

Um die biblischen Geschichten mit den Augen heutiger Migranten sehen zu können, muss man etwas über ihre Lebenswirklichkeit wissen. Dann kann das Wort Gottes Bedeutung bekommen und Leben verändern. Der Welt­entwicklungsbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) über Migration und mensch­liche Entwicklung2 zeigt uns, dass viele Vorstellungen, die die Menschen über Migranten haben, falsch sind, zum Beispiel: »sie nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg«, »sie klauen« oder »sie liegen uns Steuerzahlern auf der Tasche«.

Die Forschung zeigt jedoch, dass im Allgemeinen beide Seiten profitieren, die Zuwanderer und die Einheimischen. Beide erweitern ihren Horizont und lernen Neues hinzu. Die Begabungen und Fähigkeiten der Einwanderer ergänzen die Ressourcen des Landes, in das sie gekommen sind. Wenn sie erfolgreich sind, helfen sie nicht nur sich selbst und ihren Familien in der Ferne, sondern auch der Gesellschaft, in der sie als Einwanderer leben. Sicher, es kommt nicht jeder voran. Einsamkeit, Zurückweisungen, ein fehlender Arbeitsplatz, Krankheit, Probleme mit den Behörden etc. sind belastende Faktoren, die es ihnen schwer machen, sich ihre Träume zu erfüllen. Wenn Vertriebene oder Flüchtlinge aus Kriegsgebieten kommen oder aus Gegenden, in denen die Gewalt grassiert, werden sie sich besonders schwertun. Sie haben ihre Heimat ja nicht freiwillig verlassen. Aber in der überwiegenden Zahl der Fälle ziehen die Menschen aus eigenem Entschluss fort, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Wie Ban Ki-Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, es ausdrückt: »Migration ist ein idealer Weg, um Armut zu reduzieren und neue Möglichkeiten zu schaffen.«

Man könnte meinen, dass die großen Migrationsbewegungen von den armen Ländern in die reichen führen. Nach dem UNDP-Bericht gibt es allerdings mehr Menschen, die innerhalb eines Landes auf der Flucht sind oder umziehen (740 Millionen), als Menschen, die von einem armen Land in ein reiches ziehen (70 Millionen). Und nicht nur das, die Wanderbewegungen von einem reichen Land in ein anderes reiches Land sind mit 200 Millionen ebenfalls zahlreicher als die von einem armen in ein reiches Land. Diese Zahlen vermitteln uns eine ausgewogenere Sicht auf das Phänomen der Migration.

Tauchen wir nun ein in die faszinierende Welt der Bibel und lassen uns anrühren von den spannenden und bewegenden Geschichten, die sie zu erzählen weiß.

1 So in einem Artikel auf www.bbc.com/mundo am 9. März 2004.

2 Human Development Report 2009. Overcoming barriers: Human mobility and development (Weltentwicklungsbericht 2009. Barrieren überwinden: Migration und menschliche Entwicklung). New York: UNDP, 2009: 2-5.

Die Nähe zur Familie als Auswanderungsgrund

Wenn Kinder erwachsen werden, ziehen sie oft weit weg von zu Hause. Die zurückgelassenen Familienmitglieder, insbesondere die Eltern, vermissen sie schmerzlich und können sie nicht vergessen. Manchmal wird ihre Sehnsucht so groß, dass sie sich sogar entschließen, ihnen hinterherzuziehen, um ihnen nahe zu sein. Sie haben Angst, sie könnten sie vor ihrem Tod nicht mehr wiedersehen. Und den Kindern, die weit weg wohnen, geht es genauso. Für sie kann es eine große Hilfe sein, in dem Land, in dem sie nun leben, enge Verwandte um sich zu haben.

Der Wunsch, nahe bei der Familie zu sein, hat aber noch einen anderen Aspekt: Selbst wenn sich Einwanderer in ihrer neuen Heimat gut schlagen und ihre Träume verwirklichen können, bleibt in ihnen doch häufig die Sehnsucht wach, in das Land ihrer Vorfahren zurückzukehren. Sie wollen nicht fern ihrer Heimat sterben, sondern dort beerdigt werden, wo auch ihre Eltern begraben sind. Genau so ging es auch Jakob, dem Stammvater des Volkes Israel.

Ein glückliches Wiedersehen nach langer Zeit
Jakob zieht zu Josef

Josef war einer der zwölf Söhne von Jakob. Als junger Mann war er von seiner Familie getrennt worden. Seine eifersüchtigen Brüder hatten ihn an Händler verkauft und Josef war in Ägypten gelandet. Sein Vater Jakob liebte ihn sehr. Aber die Brüder überzeugten ihn, dass ein wildes Tier Josef getötet habe. Als dann eine schreckliche Hungersnot in Kanaan herrschte und die Brüder nach Ägypten reisten, um dort Getreide zu kaufen, trafen sie Josef wieder. Er hatte es außerordentlich weit gebracht und war die rechte Hand des Pharaos geworden, des Königs von Ägypten. Josef war ein guter Mensch und verzieh seinen Brüdern. Diese kehrten nach Kanaan zurück und berichte­ten ihrem Vater, was sie erlebt hatten. Jakob war außer sich vor Freude, weil sein Traum, bei Josef zu sein und ihn in den Armen zu halten, plötzlich zum Greifen nah war.

In einer Vision versicherte Gott Jakob, dass es richtig sei, nach Ägypten zu ziehen. Und außerdem hatte er die Aussicht auf alle nötige Unterstützung für einen guten Neustart in Ägypten. Schließlich arbeitete sein Sohn für den Pharao! Nichtsdestotrotz bemühte er sich sehr, einige wichtige Dinge vor seiner Ankunft in Erfahrung zu bringen. Er schickte seinen Sohn Juda voraus, um seine Ankunft anzukündigen und ein Treffen zu vereinbaren.

Als Einwanderer hatte Josef in Ägypten viele Höhen und Tiefen durchgemacht, er war sogar falsch beschuldigt und ins Gefängnis geworfen worden. Aber jetzt war er rehabilitiert. Vielleicht hatte er immer schon davon geträumt, ­eines Tages seinen Vater wiederzusehen. Jetzt war die Zeit gekommen: Der Traum, seinen Vater zu umarmen, würde wahr werden.

So ging für Jakob und seine Familie alles gut aus. Doch wie bei vielen Einwanderern, so wurde auch bei Jakob der Wunsch, an der Seite seiner Vorfahren begraben zu werden, im Alter immer mächtiger. Lesen Sie die Geschichte, wie die Bibel sie erzählt. (Auszüge aus 1Mose/Genesis 45–47)

Die Brüder kamen ins Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob und berichteten ihm: »Josef lebt! Denk doch, er ist Herr über ganz Ägypten!«

Aber ihr Vater rührte sich nicht; er glaubte ihnen nicht. Sie erzählten ausführlich, wie es ihnen ergangen war und was Josef ihnen aufgetragen hatte. Sie zeigten ihm auch die ­Wagen, die er für ihn mitgeschickt hatte.

Da endlich kam Leben in Jakob. »Kein Wort mehr!«, rief er. »Josef lebt noch! Ich muss hin und ihn sehen, ehe ich sterbe!«

Jakob machte sich auf den Weg; seinen ganzen Besitz nahm er mit. Als er nach Beerscheba kam, opferte er dort dem Gott seines Vaters Isaak Tiere von seinen Herden und hielt ein Opfermahl.

In der Nacht erschien ihm Gott und sagte: »Jakob! Jakob!«

»Ja?«, antwortete er.

Gott sagte zu ihm: »Ich bin Gott, der Gott deines Vaters. Hab keine Angst, nach Ägypten zu ziehen! Ich will deine Nachkommen dort zu einem großen Volk machen. Ich selbst werde mit dir gehen, ich werde dich auch wieder zurückbringen; und wenn du stirbst, wird dir Josef die Augen zudrücken.«

Von Beerscheba aus ging die Reise weiter. Die Söhne Jakobs setzten ihren Vater, ihre Frauen und ihre kleinen Kinder in die Wagen, die der Pharao mitgeschickt hatte. Mit ­ihren Herden und ihrem ganzen Besitz, den sie im Land Kanaan erworben hatten, kamen sie nach Ägypten, Jakob und seine ganze Familie, die Söhne und Töchter, die Enkel und Enkelinnen. Seine ganze Nachkommenschaft brachte Jakob mit sich nach Ägypten.

Jakob hatte Juda vorausgeschickt, um Josef seine Ankunft anzukündigen und ihn zu sich nach Goschen zu rufen. Josef ließ seinen Wagen anspannen und fuhr seinem Vater entgegen.

Als Jakob ihn sah, schloss er ihn in die Arme und weinte lange. »Jetzt sterbe ich gern«, sagte Jakob. »Ich habe dich wiedergesehen und weiß, dass du noch am Leben bist.«

Dann sagte Josef zu seinen Brüdern und ihren Angehörigen: »Ich gehe jetzt zum Pharao und melde ihm, dass ihr aus Kanaan zu mir gekommen seid. Ich sage ihm, dass ihr Viehhirten seid und eure Schafe, Ziegen, Rinder und euren übrigen Besitz mitgebracht habt.

Wenn der Pharao euch zu sich rufen lässt und euch nach eurem Beruf fragt, dann antwortet ihm: ›Wir sind von Jugend an Viehhirten gewesen wie unsere Vorfahren.‹ Dann wird er euch erlauben, hier in der Provinz Goschen zu bleiben.«

Die Ägypter haben nämlich einen Abscheu vor Schaf- und Ziegenhirten; sie gelten bei ihnen als unrein.

Josef ging zum Pharao und berichtete ihm: »Mein Vater und meine Brüder sind aus dem Land Kanaan hierhergekommen. Ihre Herden und ihren ganzen Besitz haben sie mitgebracht. Sie sind in der Provinz Goschen.«

Josef hatte fünf von seinen Brüdern mitgebracht und stellte sie dem Pharao vor.

»Was ist euer Beruf?«, fragte der Pharao, und sie antworteten: »Wir sind Schafhirten, großer König, wie es schon unsere Vorfahren waren.«

Weiter sagten sie: »Wir möchten gern eine Zeit lang als Gäste in Ägypten leben. Im Land Kanaan finden unsere Herden wegen der Dürre keine Weide mehr. Erlaube uns, mächtiger Herr, dass wir in der Provinz Goschen bleiben.«

Der Pharao sagte zu Josef: »Dein Vater und deine Brüder sind also zu dir gekommen! Ganz Ägypten steht dir zur Verfügung. Lass sie im besten Teil des Landes wohnen; sie können in Goschen bleiben. Und wenn unter ihnen tüchtige Leute sind, dann vertraue ihnen die Verantwortung für meine eigenen Herden an.«

Josef brachte auch seinen Vater Jakob zum Pharao. Jakob begrüßte den Herrscher mit einem Segenswunsch.

Der Pharao fragte ihn nach seinem Alter und Jakob erwiderte: »Hundertunddreißig Jahre lebe ich jetzt als Fremder auf dieser Erde. Mein Leben ist kurz und leidvoll im Vergleich zu dem meiner Vorfahren, die heimatlos wie ich auf dieser Erde lebten.«

Jakob verabschiedete sich vom Pharao mit einem Segenswunsch.

Wie der Pharao befohlen hatte, ließ Josef seinen Vater und seine Brüder in der Gegend von Ramses, im besten Teil des Landes, wohnen und gab ihnen dort Grundbesitz. Er sorgte auch dafür, dass seine Angehörigen Brot zugeteilt bekamen, jede Familie nach ihrer Kopfzahl.

Nun war also das Israel-Volk nach Ägypten gekommen und lebte in der Provinz Goschen. Sie waren fruchtbar, vermehrten sich und wurden sehr zahlreich.

Jakob lebte noch siebzehn Jahre in Ägypten und erreichte ein Alter von 147 Jahren. Als er sein Ende nahen fühlte, ließ er seinen Sohn Josef rufen und sagte zu ihm: »Wenn du gut zu mir sein willst, dann leg deine Hand zum Schwur zwischen meine Beine. Erweise mir Güte und Treue und begrabe mich nicht in Ägypten! Lass mich im Tod mit meinen Vorfahren vereint sein: Bring mich von hier weg und begrabe mich dort, wo sie begraben sind.«

Josef versprach ihm: »Ich werde deinen Wunsch erfüllen.«

»Schwöre es mir!«, sagte Jakob, und Josef schwor es ihm. Darauf verneigte sich Jakob anbetend auf seinem Bett.

Flucht vor dem Hunger

Hunger und Armut gehören heutzutage zu den häufigs­ten Gründen, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat bewegen. Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) leiden 870 Mil­lionen Menschen an Hunger. Mit anderen Worten: Einer von acht Menschen geht jeden Abend mit leerem Magen schlafen. Die meisten von ihnen leben in armen Ländern, vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika. Viele Menschen ziehen auf der Flucht vor dem Hunger von einem Teil des Landes in einen anderen oder aus ländlichen Gebieten in die Städte. Andere kämpfen darum, in ein Nachbarland oder in ein noch weiter entferntes Land zu gelangen, wenn sich dort bessere Lebensbedingungen bieten.

Die Menschen, die wegen Hunger auswandern, haben genauso wie diejenigen, die wegen Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Dürren oder vor Gewalt fliehen, mit Problemen und Widerständen zu kämpfen. Was können sie mitnehmen? Was sollen sie mit dem ­wenigen Besitz tun, den sie noch haben? Wer kann ihnen helfen, in dem neuen Land eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen? Wenn sie ohne gültige Pässe einreisen, laufen sie Gefahr, betrogen, misshandelt oder in ihr Herkunftsland zurückgeschickt zu werden. Außerdem erleben viele Migranten nach der Ankunft in einem fremden Land zunächst große Einsamkeit. Die Sitten und Bräuche sind ungewohnt und sie sprechen die Sprache nicht. Wenn sie Glück haben, treffen sie auf andere Menschen aus ihrem Herkunftsland. Häufig fühlen sich die Einheimischen – seien sie Staatsangehörige dieses Landes oder nicht – von den Neuankömmlingen bedroht. Doch nach einer Weile leben sich die Migranten meistens ein, finden Arbeit. Sie sind dann in der Lage, für ihren Unterhalt selbst aufzukommen und sogar der Familie, die sie zurückgelassen haben, Geld zu schicken. Die Jahre vergehen und manche entscheiden sich, für immer zu bleiben. ­Andere ziehen es vor, nach Hause zurückzukehren und mit dem zurückgelegten Geld dort eine Existenz aufzubauen.

Doch nicht alle Einwanderer erreichen ihre Ziele. Oder sie haben eine Zeit lang Erfolg, aber er ist nicht von Dauer. Das Land, in dem sie sich aufhalten, wird vielleicht von ­einer Wirtschaftskrise getroffen und sie müssen nach Hause zurückkehren. Sie kommen mit leeren Händen zurück und müssen wieder bei null anfangen.

In der Bibel gibt es zwei Beispiele hierfür, die ähnlich und doch unterschiedlich sind: das Buch Rut und die kurze Erzählung von der Frau aus Schunem (2Könige 8,1-6). Die Migranten im Buch Rut müssen wieder ganz von vorne anfangen, als sie zurückkehren, während es der Frau aus Schunem gelingt, nach ihrer Heimkehr ihren Besitz zurückzuerhalten.

Noch einmal von vorn anfangen
Rut und Noomi

Im Folgenden geht es um eine Frau, die zweimal ihre Heimat verließ und beide Male mit leeren Händen aufbrach. Ihr Name ist Noomi. Wegen einer Hungersnot wanderte sie mit ihrer Familie nach Moab aus. Eine Dürre hatte die Ernte zerstört. Doch Noomi erging es schlecht: Ihr Mann starb bald darauf, später starben auch ihre beiden Söhne. Sie fühlte sich völlig allein und verlassen. Und dazu waren auch ihre beiden Schwiegertöchter Witwen. Drei Witwen – eine furchtbare Tragödie!

Damals war der Tod des Ehemanns und der Söhne für eine Frau eine Katastrophe, denn Frauen zählten nicht viel. Es waren die Männer, die verantwortlich dafür waren, die Familie zu ernähren und sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Nun fand sich Noomi also allein in einem fremden Land wieder. Glücklicherweise sprachen die Leute dort eine der semitischen Sprachen von Kanaan, die dem Hebräischen ähnlich war, sodass sie sie ohne große Schwierigkeiten lernen konnte. Zudem waren ihre Schwiegertöchter gute Menschen. Sie liebten Noomi wie ihre eigene Mutter. Aber wie so viele Einwanderer wollte Noomi nach Hause zurück. Als sie hörte, dass die Hungersnot vorbei war, beschloss sie daher, mit ihren Schwiegertöchtern heimzukehren. Ihr Volk wiederzusehen, sich zuhause zu fühlen, zu ihren alten Gewohnheiten zurückzukehren – das war für Noomi eine Wende zum Guten. Doch dann würden ihre Schwiegertöchter, die ebenfalls Witwen waren, Fremde sein! Noomi verstand ihre Situation sehr gut. Kurz nach ihrem Aufbruch bat sie daher die Schwiegertöchter, umzukehren und zu den eigenen Eltern zurückzugehen. Sie stellte sich vor, dass sie ihr Leben wieder ­aufbauen konnten, indem sie eine neue Familie in ihrer eigenen Kultur gründeten.

Vielleicht hatten die Schiegertöchter gehofft, einen von Noomis Verwandten heiraten zu können, denn das war in diesen Kulturen so üblich. Wenn ein Ehemann starb, sollte die Witwe einen seiner Brüder oder nahen Verwandten heiraten, um dem Verstorbenen Kinder zu verschaffen. Aber Noomi wusste, dass das Leben in Betlehem für sie als Fremde hart werden würde. Eine der Schwiegertöchter wollte Noomi jedoch nicht verlassen. Sie hieß Rut und war eine bemerkenswerte, kluge und fleißige Frau. Sie traf die mutige Entscheidung, in dem Land zu leben, das nicht ihr eigenes war.

Am Ende wurde die Stadt Betlehem durch die Einwanderin aus Moab gesegnet. Ja, Rut wurde schließlich sogar zur Urgroßmutter von König David und damit auch eine Urahnin von Jesus. (Rut 1–4)

Es war die Zeit, als das Volk Israel noch von Richtern geführt wurde. Weil im Land eine Hungersnot herrschte, verließ ein Mann aus Betlehem im Gebiet von Juda seine Heimatstadt und suchte mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen Zuflucht im Land Moab. Der Mann hieß Elimelech, die Frau Noomi; die Söhne waren Machlon und Kiljon. Die Familie gehörte zur Sippe Efrat, die in Betlehem in Juda lebte.

Während sie im Land Moab waren, starb Elimelech und Noomi blieb mit ihren beiden Söhnen allein zurück. Die Söhne heirateten zwei moabitische Frauen, Orpa und Rut. Aber zehn Jahre später starben auch Machlon und Kiljon, und ihre Mutter Noomi war nun ganz allein, ohne Mann und ohne Kinder.

Als sie erfuhr, dass der HERR seinem Volk geholfen hatte und es in Juda wieder zu essen gab, entschloss sie sich, das Land Moab zu verlassen und nach Juda zurückzukehren. Ihre Schwiegertöchter gingen mit.

Unterwegs sagte sie zu den beiden: »Kehrt wieder um! Geht zurück, jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR vergelte euch alles Gute, das ihr an den Verstorbenen und an mir getan habt. Er gebe euch wieder einen Mann und lasse euch ein neues Zuhause finden.«

Noomi küsste die beiden zum Abschied. Doch sie weinten und sagten zu ihr: »Wir verlassen dich nicht! Wir gehen mit dir zu deinem Volk.«

Noomi wehrte ab: »Kehrt doch um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Habe ich etwa noch Söhne zu erwarten, die eure Männer werden könnten? Geht, meine Töchter, kehrt um! Ich bin zu alt, um noch einmal zu hei­raten. Und selbst wenn es möglich wäre und ich es noch heute tun würde und dann Söhne zur Welt brächte – wolltet ihr etwa warten, bis sie groß geworden sind? Wolltet ihr so lange allein bleiben und auf einen Mann warten? Nein, meine Töchter! Ich kann euch nicht zumuten, dass ihr das bittere Schicksal teilt, das der HERR mir bereitet hat.«

Da weinten Rut und Orpa noch mehr. Orpa küsste ihre Schwiegermutter und nahm Abschied; aber Rut blieb bei ihr. Noomi redete ihr zu: »Du siehst, deine Schwägerin ist zu ihrem Volk und zu ihrem Gott zurückgegangen. Mach es wie sie, geh ihr nach!«

Aber Rut antwortete: »Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Der Zorn des HERRN soll mich treffen, wenn ich nicht Wort halte: Nur der Tod kann mich von dir trennen!«

Als Noomi sah, dass Rut so fest entschlossen war, gab sie es auf, sie zur Heimkehr zu überreden. So gingen die beiden miteinander bis nach Betlehem.

Als sie dort ankamen, sprach es sich sofort in der ganzen Stadt herum und die Frauen riefen: »Ist das nicht Noomi?«

»Nennt mich nicht mehr Noomi«, sagte sie, »nennt mich Mara; denn Gott, der Gewaltige, hat mir ein sehr bitteres Schicksal bereitet. Mit meinem Mann und mit zwei Söhnen bin ich von hier weggezogen; arm und ohne Beschützer lässt der HERR mich heimkehren. Warum nennt ihr mich noch Noomi? Der HERR , der Gewaltige, hat sich gegen mich gewandt und mich ins Elend gestürzt.«

So war Noomi mit ihrer moabitischen Schwiegertochter Rut wieder nach Betlehem zurückgekehrt. Dort hatte gerade die Gerstenernte begonnen.

Noomi hatte von ihrem Mann her einen Verwandten namens Boas. Er gehörte zur Sippe Elimelechs und war ein tüchtiger Mann und wohlhabender Grundbesitzer. Eines Tages sagte die Moabiterin Rut zu ihrer Schwiegermutter: »Ich will hinausgehen und Ähren sammeln, die auf dem Feld liegen geblieben sind. Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.«

»Geh nur, meine Tochter!«, sagte Noomi.

Rut kam zu einem Feld und sammelte Ähren hinter den Männern und Frauen her, die dort das Getreide schnitten und die Garben banden und wegtrugen. Es traf sich, dass das Feld zum Besitz von Boas gehörte.

Im Lauf des Tages kam Boas selbst aus der Stadt zu seinen Leuten heraus. »Gott sei mit euch!«, begrüßte er sie und sie erwiderten: »Der HERR segne dich!«

Boas fragte den Mann, der die Aufsicht über die anderen führte: »Wohin gehört diese junge Frau?«

Er antwortete: »Es ist eine Moabiterin, die mit Noomi gekommen ist. Sie hat gefragt, ob sie die Ähren auflesen darf, die unsere Leute liegen lassen. Seit dem frühen Morgen ist sie auf den Beinen, jetzt hat sie zum ersten Mal eine Pause gemacht und sich in den Schatten gesetzt.«

Da wandte sich Boas an Rut und sagte: »Hör auf meinen Rat! Geh nicht auf ein anderes Feld, um dort Ähren zu sammeln. Bleib hier und halte dich zu meinen Knechten und Mägden. Geh hier auf dem Feld hinter ihnen her. Ich habe meinen Leuten befohlen, dich nicht zu hindern. Und wenn du Durst hast, geh zu den Krügen und trink von dem Wasser, das meine Leute sich dort schöpfen.«

Rut warf sich vor ihm zu Boden und fragte: »Wie kommt es, dass du so freundlich zu mir bist? Ich bin doch eine Fremde.«

Boas antwortete: »Ich weiß, was du seit dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast; es wurde mir alles erzählt. Du hast deinen Vater und deine Mutter und deine Heimat verlassen und bist mit ihr zu einem Volk gegangen, das du vorher nicht kanntest. Der HERR vergelte dir, was du getan hast, und belohne dich reich dafür – der Gott Israels, zu dem du gekommen bist, um Schutz zu finden unter seinen Flügeln!«

»Du bist so freundlich zu mir!«, erwiderte Rut. »Du hast mich getröstet und mir Mut gemacht, obwohl ich noch viel geringer bin als eine deiner Mägde.«

Zur Essenszeit sagte Boas zu Rut: »Komm zu uns, iss von dem Brot und tunke es in den Most!« So setzte sie sich zu den Knechten und Mägden, und Boas gab ihr so reichlich geröstete Getreidekörner, dass sie sogar noch davon übrig behielt.

Als sie aufstand, um wieder Ähren zu sammeln, wies er seine Leute an: »Lasst sie auch zwischen den Garben sammeln und treibt sie nicht weg! Lasst absichtlich Ähren aus den Garben fallen, damit sie sie auflesen kann, und sagt ihr kein unfreundliches Wort!«

So sammelte Rut bis zum Abend und klopfte dann ihre Ähren aus. Sie hatte etwa 17 Kilo Gerste zusammengebracht. Sie trug alles in die Stadt und brachte es ihrer Schwiegermutter, und sie gab ihr auch, was von den gerösteten Körnern übrig geblieben war.

Noomi fragte sie: »Wo hast du heute Ähren gesammelt? Auf wessen Feld bist du gewesen? Gott segne den, der dir das erlaubt hat!«

»Der Mann, auf dessen Feld ich heute war«, antwortete Rut, »hieß Boas.«

Da sagte Noomi zu ihr: »Der HERR segne ihn! Jetzt sehe ich, dass der HERR uns nicht im Stich gelassen hat, uns Lebende nicht und nicht unsere Toten. Du musst wissen«, fuhr sie fort, »Boas ist mit uns verwandt. Er ist einer von den Lösern, die uns nach dem Gesetz beistehen müssen.«

Rut, die Moabiterin, erzählte: »Er hat zu mir gesagt, ich soll mich zu seinen Leuten halten, bis sie die ganze Ernte eingebracht haben.«

Noomi sagte: »Es ist gut, meine Tochter, wenn du mit den Leuten von Boas gehst. Auf einem anderen Feld werden sie vielleicht nicht so freundlich zu dir sein.«

Während der ganzen Gerstenernte und auch noch der Weizenernte hielt sich Rut zu den Leuten von Boas und las Ähren auf. Als die Ernte vorbei war, blieb sie auch tagsüber bei ihrer Schwiegermutter.

Eines Tages sagte Noomi zu Rut: »Meine Tochter, ich möchte, dass du wieder einen Mann und eine Heimat bekommst. Du weißt, dass Boas, mit dessen Leuten du auf dem Feld warst, mit uns verwandt ist. Er arbeitet heute Abend mit der Worfschaufel auf der Tenne, um die Spreu von der Gerste zu trennen. Bade und salbe dich, zieh deine besten Kleider an und geh zur Tenne. Sieh zu, dass er dich nicht bemerkt, bevor er mit Essen und Trinken fertig ist. Pass gut auf, wo er sich hinlegt, und wenn er schläft, schlüpfe unter seine Decke und lege dich neben ihn. Er wird dir dann schon sagen, was du tun sollst.«

»Ich werde alles so machen, wie du gesagt hast«, antwortete Rut. Dann ging sie zur Tenne und verfuhr genau nach den Anweisungen ihrer Schwiegermutter.

Als Boas gegessen und getrunken hatte, legte er sich gut ­gelaunt und zufrieden am Rand des Getreidehaufens schlafen. Leise ging Rut zu ihm hin, schlüpfte unter die ­Decke und legte sich neben ihn. Um Mitternacht schrak Boas auf und tastete um sich. An ihn geschmiegt lag – eine Frau. »Wer bist du?«, fragte er und bekam die Antwort: »Ich bin Rut, deine Sklavin! Breite deinen Gewandsaum über mich und nimm mich zur Frau; du bist doch der Löser!«

Boas erwiderte: »Der HERR segne dich! Was du jetzt getan hast, zeigt noch mehr als alles bisher, wie treu du zur Familie deiner Schwiegermutter hältst. Du hättest ja auch den jungen Männern nachlaufen können und jeden bekommen, ob arm oder reich.

Nun, meine Tochter, sei unbesorgt! Ich werde tun, worum du mich gebeten hast. Jeder in der Stadt weiß, dass du eine tüchtige Frau bist. Doch da ist noch ein Punkt: Es stimmt zwar, dass ich ein Löser bin und dir helfen muss; aber es gibt noch einen zweiten, der den Vortritt hat, weil er näher verwandt ist als ich.

Bleib die Nacht über hier! Morgen früh werde ich ihn vor die Wahl stellen, ob er der Verpflichtung nachkommen will oder nicht. Wenn nicht, werde ich es tun. Das verspreche ich dir, so gewiss der HERR lebt. Bleib jetzt liegen bis zum Morgen!«

Rut blieb neben ihm liegen; aber in aller Frühe, noch bevor ein Mensch den andern erkennen konnte, stand sie auf. Denn Boas sagte: »Es darf nicht bekannt werden, dass eine Frau auf der Tenne war.«

Dann sagte er noch zu ihr: »Nimm dein Umschlagtuch ab und halte es auf!« Er füllte einen halben Zentner Gerste hinein und hob ihr die Last auf die Schulter. Dann ging er in die Stadt.

Als Rut nach Hause kam, fragte ihre Schwiegermutter: »Wie ist es dir ergangen, meine Tochter?« Rut erzählte alles, was Boas für sie getan und zu ihr gesagt hatte. »Und diese ganze Menge Gerste hat er mir mitgegeben«, fügte sie hinzu. »Er sagte: ›Du darfst nicht mit leeren Händen zu deiner Schwiegermutter kommen.‹ «

Noomi antwortete: »Bleib nun hier, meine Tochter, und warte ab, wie die Sache ausgeht. Der Mann wird nicht ruhen, bis er sie noch heute geordnet hat.«

Boas war inzwischen zum Versammlungsplatz am Stadttor gegangen und hatte sich dort hingesetzt. Da ging gerade der andere Löser, von dem Boas gesprochen hatte, vorbei. Boas rief ihm zu: »Komm hierher und setz dich«, und der Mann tat es. Dann holte Boas zehn Männer, die zu den Ältesten der Stadt gehörten, und sagte zu ihnen: »Setzt euch hierher zu uns!«

Als sie sich gesetzt hatten, sagte er zu dem anderen Löser: »Du weißt, dass Noomi aus dem Land Moab zurückgekehrt ist. Sie bietet den Landanteil zum Verkauf an, der unserem Verwandten Elimelech gehört hat. Ich wollte dir das sagen und dir den Vorschlag machen: Erwirb den Landanteil Elimelechs in Gegenwart der hier sitzenden Männer und in Gegenwart der Ältesten meines Volkes! Sag, ob du deiner Verpflichtung nachkommen und von deinem Recht als ­Löser Gebrauch machen willst oder nicht. Ich will es wissen, denn du bist als Erster an der Reihe und nach dir komme ich.«

Der andere antwortete: »Ich mache das!«

Boas fuhr fort: »Wenn du von Noomi das Feld Elimelechs übernimmst, musst du zugleich die Verpflichtung übernehmen, für die Moabiterin Rut zu sorgen und anstelle ihres verstorbenen Mannes einen Sohn zu zeugen. Dem wird später das Feld zufallen, damit der Name des Verstorbenen auf dessen Erbbesitz weiterlebt.«

»Wenn es so ist, verzichte ich«, sagte der andere. »Ich schädige sonst meinen eigenen Erbbesitz. Ich trete dir mein Recht als Löser ab. Ich kann es nicht wahrnehmen.«

Dann zog er seinen Schuh aus und gab ihn Boas mit den Worten: »Erwirb du das Feld!« Mit diesem Zeichen bestätigte man früher in Israel bei Geschäftsabschlüssen den Wechsel des Besitzrechtes an Grund und Boden.

Boas wandte sich an die Ältesten und die anderen anwesenden Männer und sagte: »Ihr seid heute Zeugen, dass ich von Noomi alles erworben habe, was Elimelech und seinen Söhnen Kiljon und Machlon gehörte. Ich habe damit auch die Moabiterin Rut, die Witwe Machlons, als Frau erworben und die Verpflichtung übernommen, an Machlons Stelle einen Sohn zu zeugen, dem sein Erbbesitz gehören wird. Machlons Name soll in seiner Sippe nicht vergessen werden, und seine Familie soll in dieser Stadt und in Israel bestehen bleiben. Ihr habt meine Erklärung gehört und seid dafür Zeugen.«

Die Ältesten und alle Männer auf dem Platz am Tor sagten: »Wir sind dafür Zeugen! Der HERR mache die Frau, die in dein Haus kommt, kinderreich wie Rahel und Lea, die ­zusammen das Haus Israel groß gemacht haben. Mögest du in der Sippe Efrat zu Reichtum und Einfluss gelangen und möge dein Name berühmt werden in Betlehem. Durch die Nachkommen, die der HERR dir durch diese Frau geben wird, soll deine Familie so bedeutend werden wie die ­Familie von Perez, dem Sohn von Tamar und Juda.«

So nahm Boas Rut zur Frau. Der HERR ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn.

Da sagten die Frauen zu Noomi: »Der HERR sei gepriesen! Er hat dir heute in diesem Kind einen Löser geschenkt. Möge der Name des Kindes berühmt werden in Israel! Es wird dir neuen Lebensmut geben und wird im Alter für dich sorgen. Denn es ist ja der Sohn deiner Schwiegertochter, die in Liebe zu dir hält. Wahrhaftig, an ihr hast du mehr als an sieben Söhnen!«

Noomi nahm das Kind auf ihren Schoß und wurde seine Pflegemutter.

Ihre Nachbarinnen kamen, um ihm einen Namen zu geben, denn sie sagten: »Noomi ist ein Sohn geboren worden!« Und sie gaben ihm den Namen Obed. Obed wurde der Vater Isais, Isai der Vater des Königs David.

Dies ist die Liste der Nachkommen von Perez: Perez zeugte Hezron, Hezron zeugte Ram, Ram zeugte Amminadab, Amminadab zeugte Nachschon, Nachschon zeugte Salmon, Salmon zeugte Boas, Boas zeugte Obed, Obed zeugte Isai und Isai zeugte David.

Rückkehr ins Ungewisse
Die Frau aus Schunem

Wenn Menschen gezwungen sind auszuwandern, stellt sich ihnen das Problem, Besitz zurücklassen zu müssen, besonders wenn sie plötzlich aufbrechen müssen, z.B. wegen Krieg oder Todesdrohungen. Frauen, Kinder, alte und behinderte Menschen sind meistens am schlimms­ten betroffen. Viele Auswanderer können nicht mehr ­mitnehmen, als sie tragen können. Wenn sie später zurückkehren, ist es nicht leicht, das Eigentum zurückzuerhalten. So ­erging es auch einer Frau aus Schunem, die ihre Heimat und ihren Grundbesitz wegen einer Hungersnot verlassen musste. Als sie zurückkam, musste sie zum König gehen, der das Land zu dieser Zeit regierte, und ihn um Hilfe bitten, um ihren Besitz zurückzuerhalten.

Zur Vorgeschichte: Die Frau lebte in Schunem, einem Dorf westlich des Jordan-Flusses, etwa 25 km vom Berg Karmel entfernt. Sie verstand sich sehr gut mit dem Propheten Elischa und hatte sogar ein kleines Zimmer auf dem Flachdach ihres Hauses gebaut, damit der Prophet eine eigene Bleibe hatte, wenn er durch Schunem kam. Elischa war ihr dankbar und sagte ihr, dass sie im folgenden Jahr einen Sohn zur Welt bringen werde. Das war etwas völlig Außergewöhnliches, denn ihr Mann war schon alt und sie selbst hatte bis dahin keine Kinder bekommen. Ein Jahr später brachte sie tatsächlich einen Sohn zur Welt. Doch dann wurde der Sohn schwer krank und starb. Da ritt sie auf einem Esel zum Berg Karmel, wo der Prophet sich aufhielt. Sie wollte von ihm wissen, warum sie mit einem Sohn gesegnet worden war, nur damit er dann starb. Das beunruhigte den Propheten und er ging sofort mit ihr zurück nach Schunem. Sie hatte das Kind in das Zimmer gelegt, in dem Elischa sonst wohnte. So stieg Elischa zu dem Zimmer hinauf und betete zu Gott, ihn wieder lebendig zu machen. Gott erhörte sein Gebet. Das Kind erwachte wieder zum Leben (2Könige 4,8-37).

Einige Zeit später mussten die Schunemiterin und ihr Sohn nun also auswandern. Es war der Prophet Elischa, der der Schunemiterin und ihrem Sohn geraten hatte, mit ihrer Familie wegzugehen, um der Hungersnot zu entkommen. Es scheint ihm ein besonderes Anliegen gewesen zu sein, dass die Menschen genug zu essen hatten. Mehrmals kümmert er sich darum, dass Menschen nicht hungern müssen. In dem Kapitel der Bibel, in dem sich die Geschichte der Frau aus Schunem findet, gibt es zwei weitere Erzählungen über Menschen ohne Nahrung. Eine berichtet von einer sehr armen Witwe, die nichts mehr zu essen hatte. Ihr Gläubiger wollte ihr bereits ihre beiden Söhne wegnehmen und sie als Sklaven arbeiten lassen, um die Schulden ihres verstorbenen Mannes abzubezahlen. Aber Elischa half ihr, eine Lösung zu finden (2Könige 4,1-7). Am Ende des Kapitels versorgt er eine Gruppe von Propheten, die mit den Folgen der Hungersnot zu kämpfen hatten, mit Nahrung (2Könige 4,38-44).

Die Schunemiterin zog also mit ihrer Familie in das benachbarte Philisterland, wo es Nahrung gab. Sieben Jahre lang lebten sie dort als Migranten, obwohl die Philister eigentlich Feinde Israels waren. Vielleicht lernte sie neue Bräuche und neue Techniken kennen – und natürlich die andere Sprache. Denn die Philister waren kein semitisches Volk. Sie haben wohl eine indoeuropäische Sprache gesprochen. Sie waren berühmt für ihre Fertigkeiten in der Eisenherstellung und für ihre Kochkünste.

Aber wie so viele, die fern von ihrem Heimatland leben, wollte die Schunemiterin nach Hause zurück. Das war nicht so einfach. Sie musste ihr Haus und ihre Äcker zurückfordern, die sie durch ihren Weggang verloren hatte. Lesen Sie selbst, ob sie schließlich Erfolg hatte. (2Könige 8,1-6)

Elischa hatte der Frau, deren Sohn er wieder lebendig gemacht hatte, die Weisung gegeben: Zieh weg von hier und suche für dich und deine Familie anderswo ein Unterkommen! Denn der HERR schickt eine Hungersnot ins Land, die sieben Jahre lang anhalten wird.« Die Frau tat, was der Mann Gottes ihr befohlen hatte, und blieb mit den Ihren sieben Jahre im Land der Philister. Dann kehrte sie nach Israel zurück und wandte sich an den König, um ihr Haus und ihre Äcker zurückzubekommen.

Der König sprach gerade mit Gehasi, dem Diener Elischas. Er hatte ihn gebeten: »Erzähl mir doch von den Wundertaten, die Elischa vollbracht hat!« Und gerade als Gehasi ihm erzählte, wie Elischa einmal einen toten Jungen wieder lebendig gemacht hatte, erschien die Frau vor dem König und bat ihn um Hilfe wegen des Hauses und wegen der Äcker.

»Mein Herr und König«, sagte Gehasi, »das ist die Frau, deren Sohn wieder lebendig wurde, und hier ist auch ihr Sohn!« Da ließ sich der König noch einmal alles von der Frau selbst erzählen. Dann gab er ihr einen Hofbeamten mit und befahl ihm: »Sorge dafür, dass sie alles zurückbekommt, was ihr gehört. Und sieh zu, dass sie auch vollen Ersatz bekommt für alles, was man in den Jahren ihrer Abwesenheit auf ihren Feldern geerntet hat!«

Flucht vor Unterdrückung

Xenophobie ist die Angst vor Fremden oder Ausländern. Solche Fremdenfeindlichkeit gab es schon immer und gibt es auch unter uns heute. Um sich ihrer eigenen Identität zu vergewissern, lehnen Menschen oft alles Fremde ab. Auch wenn wir heute im Zeitalter der Globalisierung leben, stellen viele Gruppen immer ihre eigene Kultur ins Zentrum und lehnen den Einfluss anderer Kulturen ab. Tatsächlich hat die Fremdenfeindlichkeit unter den steigenden Zuwanderungszahlen in der heutigen Zeit sogar zugenommen. Das beeinflusst dann oft auch die offizielle Regierungspolitik.

Oft läuft es wie folgt ab: In einem Land kommen Menschen an, die z.B. vor Hunger oder Verfolgung geflohen sind. Sie bleiben und leben dort als Immigranten. Ihre Familien werden nach und nach größer. Sie halten an ihren eigenen Sitten und Bräuchen und an ihrer Sprache fest – bis zu dem Punkt, dass das Land, das sie aufgenommen hat, sie als Problem ansieht und sich bedroht fühlt. Die Fremdenfeindlichkeit verschärft sich und die Zuwanderer werden diskriminiert. Mitunter fürchten die Regierungen, dass diese Gruppen revoltieren oder auf andere Weise Unruhe stiften. Daher leiten sie strenge Maßnahmen gegen sie ein. Möglicherweise weisen sie sie aus oder unterwerfen sie der Zwangsarbeit. In extremen Fällen werden die Gruppen sogar physisch bedroht oder gar vernichtet. Besonders beschämend war z.B. das Schicksal der Afrikaner, die als Sklaven nach Amerika gebracht wurden, um dort auf Plantagen oder in Bergwerken für die Reichen zu arbeiten oder ihnen als Personal in Privathäusern zu dienen. Viele flohen aus der Unterdrückung und Abhängigkeit und emigrierten weiter an andere Orte, an denen es keine Sklaverei gab. Die Menschen mussten bei der Planung ihrer Flucht äußerst vorsichtig vorgehen. Diese Schicksale aus der jüngeren Geschichte erinnern uns an das Leid des Volkes Israel in Ägypten, wie es im Buch 2Mose/Exodus beschrieben ist.

Ihr Schreien drang zu Gott
Der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten

Der Auszug aus Ägypten markiert den eigentlichen Beginn der Geschichte des Volkes Israel. Mit ihm fing alles an. Die Israeliten waren wegen einer Hungersnot nach Ägypten ausgewandert. Es ging ihnen gut dort. So ließen sie sich nieder und vermehrten sich. Nach einiger Zeit fühlte sich der Pharao, die höchste Autorität im ägyptischen Reich, von diesen Fremden bedroht. Daher verpflichtete er die Männer zur Zwangsarbeit. Später entschloss er sich, die neugeborenen Jungen töten zu lassen. Der Pharao wusste: Wenn die Menschen extremem Druck ausgesetzt sind, ­haben sie keine Zeit, über ihre Freiheit nachzudenken (2Mose/Exodus 5,9). Doch die Israeliten schrien so erbarmungswürdig um Hilfe, dass Gott ihre Gebete erhörte. Gott beschloss, sie aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien, und zwar durch einen Mann namens Mose.

Moses eigene Geschichte war wundersam. Als Baby wurde er von seiner hebräischen Mutter in einem Binsenkörbchen im Schilf des Nil versteckt, damit er nicht getötet wurde. Später sorgte seine ägyptische Adoptivmutter dafür, dass er behütet aufwachsen konnte. Diejenigen, die die Befreiung des Volkes Israel vorbereiteten, zeigten eine erstaunliche Cleverness, wenn es darum ging, ihre Ziele zu erreichen. Sie hatten Erfolg dank der Hilfe und Führung Gottes, der sich als viel mächtiger erwies als der Pharao von Ägypten. (Auszüge aus 2Mose/Exodus 1–12)

Zusammen mit Jakob, der auch Israel heißt, waren elf seiner zwölf Söhne mit ihren Familien nach Ägypten ausgewandert, nämlich: Ruben, Simeon, Levi und Juda, Issachar, Sebulon und Benjamin, Dan und Naftali, Gad und Ascher. Josef war schon vorher nach Ägypten gekommen. Insgesamt waren es mit Kindern und Enkeln siebzig direkte Nachkommen Jakobs.

Dann waren Josef und seine Brüder gestorben. Von ihrer ganzen Generation lebte niemand mehr. Aber ihre Nachkommen, die Israeliten, waren fruchtbar und vermehrten sich; sie nahmen überhand und wurden so zahlreich, dass sie das Land füllten.

Da kam in Ägypten ein neuer König an die Macht, der von Josef nichts mehr wusste. Er sagte zu seinen Leuten: »Die Israeliten sind so zahlreich und stark, dass sie uns gefährlich werden. Wir müssen etwas unternehmen, damit sie nicht noch stärker werden. Sie könnten sich sonst im Kriegsfall auf die Seite unserer Feinde schlagen, gegen uns kämpfen und dann aus dem Land fortziehen.«

Die Ägypter setzten deshalb Aufseher ein, um die Israeliten mit Fronarbeit unter Druck zu halten. Die Männer muss­ten für den Pharao die Vorratsstädte Pitom und Ramses bauen. Aber je mehr man die Israeliten unterdrückte, desto zahlreicher wurden sie und desto mehr breiteten sie sich aus. Den Ägyptern wurde das unheimlich.

Darum ließen sie die Männer Israels als Sklaven für sich ­arbeiten, misshandelten sie und machten ihnen das Leben zur Hölle. Sie zwangen sie, aus Lehm Ziegel herzustellen und harte Feldarbeit zu verrichten.

Hier folgt die Geschichte von der Geburt und wundersamen Rettung von Mose sowie seiner Flucht in das Land Midian.

Das Schreien der Israeliten drang zu Gott, und er erinnerte sich an den Bund, den er mit Abraham, Isaak und Jakob geschlossen hatte. Er wandte sich den Israeliten zu und kümmerte sich um sie.

Mose hütete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Als er die Herde tief in die Wüste hineintrieb, kam er eines Tages an den Gottesberg, den Horeb.

Dort erschien ihm der Engel des HERRN in einer lodernden Flamme, die aus einem Dornbusch schlug. Mose sah nur den brennenden Dornbusch, aber es fiel ihm auf, dass der Busch von der Flamme nicht verzehrt wurde.

»Das ist doch seltsam«, dachte er. »Warum verbrennt ­der Busch nicht? Das muss ich mir aus der Nähe ansehen!«

Als der HERR sah, dass Mose näher kam, rief er ihn aus dem Busch heraus an: »Mose! Mose!«

»Ja«, antwortete Mose, »ich höre!«

»Komm nicht näher!«, sagte der HERR. »Zieh deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden.«

Dann sagte er: »Ich bin der Gott, den dein Vater verehrt hat, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.«

Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzusehen.

Weiter sagte der HERR : »Ich habe genau gesehen, wie mein Volk in Ägypten unterdrückt wird. Ich habe gehört, wie es um Hilfe schreit gegen seine Antreiber. Ich weiß, wie sehr es leiden muss, und bin herabgekommen, um es von seinen Unterdrückern zu befreien. Ich will es aus Ägypten führen und in ein fruchtbares und großes Land bringen, ein Land, das von Milch und Honig überfließt. Ich bringe es in das Land der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, ­Hiwiter und Jebusiter.

Ich habe den Hilfeschrei der Leute von Israel gehört, ich habe gesehen, wie grausam die Ägypter sie unterdrücken. Deshalb geh jetzt, ich schicke dich zum Pharao! Du sollst mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten herausführen.«

Aber Mose wandte ein: »Ich? Wer bin ich denn! Wie kann ich zum Pharao gehen und das Volk Israel aus Ägypten herausführen?«

Gott antwortete: »Ich werde dir beistehen. Und das ist das Zeichen, an dem du erkennst, dass ich dich beauftragt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr mir an diesem Berg Opfer darbringen und mich anbeten.«

Mose sagte zu Gott: »Wenn ich nun zu den Leuten von ­Israel komme und zu ihnen sage: ›Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch geschickt‹, und sie mich dann fragen: ›Wie ist sein Name?‹ – was soll ich ihnen sagen?«

Gott antwortete: »Ich bin da«, und er fügte hinzu: »Sag zum Volk Israel: ›Der Ich-bin-da hat mich zu euch geschickt: der HERR ! Er ist der Gott eurer Vorfahren, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.‹ Denn ›HERR ‹ (Er-ist-da) ist mein Name für alle Zeiten. Mit diesem Namen sollen mich auch die kommenden Generationen ansprechen, wenn sie zu mir beten.

Geh nun und rufe die Ältesten des Volkes Israel zusammen! Sag zu ihnen: ›Der HERR , der Gott eurer Vorfahren, ist mir erschienen, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Er hat zu mir gesagt: Ich habe genau gesehen, was man euch in Ägypten antut. Darum bin ich entschlossen, euch aus diesem Land herauszuführen, in dem ihr so unterdrückt werdet. Ich bringe euch in das Land der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, ein Land, das von Milch und Honig überfließt.‹

Wenn du so zu ihnen sprichst, werden die Ältesten des Volkes auf dich hören. Dann musst du mit ihnen zum König von Ägypten gehen, und ihr sollt zu ihm sagen: ›Der HERR, der Gott der Hebräer, ist uns erschienen. Deshalb wollen wir drei Tagereisen weit in die Wüste gehen und dort dem HERRN, unserem Gott, Opfer darbringen.‹

Ich weiß, dass der König von Ägypten euch nicht gehen lässt; er wird sich durch keine Macht der Welt dazu zwingen lassen. Aber dann werde ich meine Hand ausstrecken und die Ägypter schlagen, ich werde Schrecken erregende Wunder in ihrer Mitte vollbringen. Und dann wird er euch ziehen lassen.

Ich werde sogar dafür sorgen, dass die Ägypter euch wohlgesinnt sein werden und ihr nicht mit leeren Händen wegziehen müsst. Alle Frauen aus Israel sollen sich vor dem Aufbruch von ihren ägyptischen Nachbarinnen Silber- und Goldschmuck erbitten und festliche Kleider. Das können dann eure Söhne und Töchter tragen. Auf diese Weise sollt ihr die Ägypter berauben.«

Der HERR sagte zu Aaron: »Geh Mose entgegen in die Wüste!«

Aaron machte sich auf den Weg. Beim Gottesberg traf er Mose und küsste ihn. Mose erzählte ihm, welchen Auftrag er vom HERRN erhalten hatte und was für Wunder er tun sollte.

Dann gingen die beiden nach Ägypten und versammelten alle Ältesten des Volkes Israel. Aaron berichtete ihnen alles, was der HERR zu Mose gesagt hatte, und Mose vollbrachte vor den Augen des ganzen Volkes die Wunder, zu denen Gott ihn bevollmächtigt hatte.

Da glaubten ihm die Israeliten. Sie begriffen, dass der HERR ihre Unterdrückung gesehen hatte und ihnen helfen wollte. Und sie warfen sich anbetend vor dem HERRN nieder.

Nun gingen Mose und Aaron zum Pharao und sagten: »So spricht der HERR, der Gott Israels: ›Lass mein Volk ziehen, damit es in der Wüste ein Fest für mich feiern kann!‹ «

»Der HERR ? Wer ist das?«, erwiderte der Pharao. »Was hat er mir zu befehlen? Ich kenne keinen ›HERRN‹ und denke gar nicht daran, das Volk Israel gehen zu lassen.«

Mose und Aaron sagten: »Er ist der Gott der Hebräer, und er ist uns erschienen. Deshalb wollen wir jetzt drei Tagereisen weit in die Wüste gehen und ihm dort Opfer darbringen. Sonst wird er uns mit Krankheit oder Krieg strafen.«

Der Ägypterkönig fuhr sie an: »Was denkt ihr euch eigentlich, dass ihr das Volk von der Arbeit abhalten wollt? Macht, dass ihr fortkommt! An eure Fronarbeit!«

Und er sagte noch: »Sie sind schon so zahlreich, und da wollt ihr ihnen auch noch eine Arbeitspause verschaffen!«

Am selben Tag befahl der Pharao den ägyptischen Antreibern und den Listenführern aus dem Volk Israel: »Ihr dürft den Leuten jetzt nicht mehr das Stroh liefern, das sie zur Herstellung der Ziegelsteine brauchen. Sie sollen es sich selbst zusammensuchen! Aber sie müssen genauso viele Ziegel abliefern wie bisher. Ihr dürft ihnen nichts erlassen. Faul sind sie, deshalb schreien sie: ›Wir wollen in die Wüste und unserem Gott Opfer darbringen.‹ Sie stehen nicht genug unter Druck. Verlangt von ihnen noch mehr, dann werden sie sich von diesen Verführern nichts vormachen lassen.«

Die Antreiber und die Listenführer gingen hin und sagten zu den Israeliten: »So spricht der Pharao: ›Ich lasse euch von jetzt ab kein Stroh mehr liefern. Geht selbst und sucht euch welches! Ihr müsst aber genauso viele Ziegel abliefern wie bisher.‹ «

So verteilten sich die Männer Israels über das ganze Land und sammelten Stroh auf den Feldern. Die Ägypter aber trieben sie an und sagten: »Ihr müsst jeden Tag genauso viele Ziegel abliefern wie früher, als euch noch Stroh gestellt wurde!« Die Antreiber schlugen die Listenführer der Israeliten, die sie eingesetzt hatten, und schrien sie an: »Ihr habt heute schon wieder zu wenig Ziegel abgeliefert!«

Da beschwerten sich die Listenführer beim Pharao: »War­um tust du uns das an? Wir sind doch immer deine treuen Diener gewesen! Man hat unseren Leuten kein Stroh ­geliefert und doch sollen sie Ziegel herstellen. Sogar geschlagen hat man uns. Die Schuld liegt bei deinen eigenen Leuten!«

Der Pharao antwortete: »Faul seid ihr, ganz einfach faul! Deswegen schreit ihr: ›Wir wollen in die Wüste und unserem Gott Opfer darbringen.‹ Macht, dass ihr wieder an eure Arbeit kommt! Stroh bekommt ihr nicht; aber die vorgeschriebene Anzahl Ziegel wird abgeliefert!«

Da sahen die Listenführer aus dem Volk, dass alles nichts half: Die Israeliten mussten pro Tag die gleiche Menge Ziegel herstellen wie bisher.

Als die Listenführer der Israeliten vom Pharao kamen, trafen sie auf Mose und Aaron, die auf sie warteten. Sie überhäuften die beiden mit Vorwürfen: »Ihr habt uns beim Pharao und seinen Leuten nur verhasst gemacht! Ihr habt ihnen eine Waffe in die Hand gegeben, mit der sie uns töten werden. Der HERR soll euch dafür strafen!«

Mose wandte sich an den HERRN und sagte: »Herr, warum handelst du so schlecht an deinem Volk? Wozu hast du mich überhaupt hierhergeschickt? Seit ich zum Pharao gegangen bin und ihm deinen Befehl überbracht habe, hat er das Volk nur noch mehr misshandelt. Und du hast nichts getan, um dein Volk zu retten!«

Darauf sagte der HERR zu Mose: »Jetzt wirst du erleben, was ich mit dem Pharao machen werde. Ich werde ihn zwingen, die Israeliten gehen zu lassen, ja, er wird sie sogar mit Gewalt aus seinem Land forttreiben.«

Da sprach Gott zu Mose und sagte: »Ich bin der HERR. Als Gott, der Gewaltige, bin ich Abraham, Isaak und Jakob erschienen; aber unter meinem Namen ›der HERR ‹ habe ich mich ihnen noch nicht zu erkennen gegeben. Doch ich habe meinen Bund mit ihnen geschlossen und ihnen das Land Kanaan zugesagt, in dem sie als Fremde lebten.

Ich habe das Schreien der Leute von Israel gehört, die von den Ägyptern zur Arbeit gezwungen werden. Deshalb will ich jetzt meine Zusage einlösen. Richte deinem Volk aus:

›Ich bin der HERR ! Ich werde euch aus dem Frondienst für die Ägypter wegholen und aus der Zwangsarbeit befreien, die sie euch auferlegt haben. Mit meinem ausgestreckten Arm werde ich euch retten und eure Unterdrücker hart ­bestrafen. Ich will euch als mein Volk annehmen und will euer Gott sein. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin, euer Gott, der euch aus dem Frondienst für die Ägypter befreit. Ich bringe euch in das Land, das ich Abraham, Isaak und Jakob mit einem Eid versprochen habe; ich gebe es euch, ihren Nachkommen, als bleibenden Besitz. Ich bin der HERR!‹ «

Mose sagte dies alles den Israeliten, aber sie glaubten ihm nicht, so erschöpft waren sie von der harten Arbeit; sie waren völlig entmutigt.

Da sagte der HERR zu Mose:

»Geh jetzt zum Pharao, dem König von Ägypten, und ­verlange, dass er das Volk Israel aus seinem Land ziehen lässt!«

Aber Mose erwiderte: »Nicht einmal die Leute von Israel haben mir geglaubt, wie sollte da der Pharao auf mich hören? Ich bin ja auch so ungeschickt im Reden.«

Der HERR aber schickte Mose und Aaron von Neuem zu den Israeliten und zum Pharao, weil er sein Volk aus Ägypten herausführen wollte.

Darauf sagte der HERR zu Mose: »Ich bevollmächtige dich, vor den Pharao hinzutreten, als wärst du Gott, und dein Bruder Aaron wird dein Prophet sein. Du sagst Aaron alles, was ich dir auftrage, und er fordert dann vom Pharao, dass er die Israeliten aus seinem Land ziehen lässt.

Ich werde jedoch den Pharao starrsinnig machen, damit ich umso mehr meine Macht durch Staunen erregende Wundertaten erweisen kann. Der Pharao wird eure Forderung ablehnen, und dann werden die Ägypter meine Hand zu spüren bekommen. Durch schwere Strafgerichte werde ich es so weit bringen, dass ich mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führen kann.

Wenn ich so meine Hand gegen die Ägypter erhebe und das Volk Israel mitten aus ihrem Land wegführe, dann werden die Ägypter erkennen, dass ich der HERR bin.«

Mose und Aaron folgten genau den Anweisungen des HERRN. Mose war damals 80 und Aaron 83 Jahre alt.

Der HERR sagte zu Mose und Aaron: »Wenn euch der Pharao auffordert, euch durch ein Wunder auszuweisen, dann sagst du, Mose, zu Aaron: ›Nimm deinen Stock und wirf ihn vor dem Pharao auf den Boden!‹ Dann wird er zu einer Schlange werden.«

Mose und Aaron gingen zum Pharao und taten, was ihnen der HERR aufgetragen hatte. Aaron warf seinen Stock vor dem Pharao und seinen Ministern auf den Boden und er wurde zur Schlange.

Aber der Pharao rief seine Magier und Beschwörer, und sie vollbrachten mit ihren Zauberkünsten dasselbe. Jeder von ihnen warf seinen Stock auf den Boden und er wurde zu ­einer Schlange.

Doch Aarons Stock verschlang die Stöcke der Ägypter. Trotzdem blieb der Pharao starrsinnig und schlug ihre Forderung ab, genau wie der HERR es vorausgesagt hatte.

Um Mitternacht tötete der HERR alle Erstgeborenen in Ägypten, angefangen vom erstgeborenen Sohn des Pharaos, der sein Nachfolger auf dem Thron werden sollte, bis zum Erstgeborenen des Gefangenen im Kerker, auch jede Erstgeburt beim Vieh.

In jener Nacht wurden der Pharao, seine Minister und alle Ägypter aus dem Schlaf aufgeschreckt. Lautes Wehgeschrei erhob sich, denn es gab kein Haus bei den Ägyptern, in dem nicht ein Toter war.

Noch in derselben Nacht ließ der Pharao Mose und Aaron rufen und drängte sie: »Schnell, verlasst das Land! Geht fort von meinem Volk, ihr und die anderen Israeliten! Bringt dem HERRN eure Opfer, wie ihr es verlangt habt. Nehmt eure Schafe, Ziegen und Rinder mit, aber geht! Bittet euren Gott, dass er auch mich segnet!«

Die Ägypter drängten das Volk, schleunigst das Land zu verlassen. »Sonst kommen wir noch alle um!«, sagten sie.

Die Israeliten nahmen ihren Brotteig ungesäuert in den Backtrögen mit; die Männer trugen die Tröge in ihr Obergewand gewickelt auf ihren Schultern.

Nach der Anweisung Moses hatten die Leute von den Ägyptern Schmuckstücke aus Silber und Gold und festliche Kleider erbeten. Der HERR hatte dafür gesorgt, dass die Ägypter ihnen wohlgesinnt waren und ihnen alles gaben, was sie verlangten. Auf diese Weise beraubten sie die Ägypter.

Die Israeliten brachen von Ramses auf und zogen nach Sukkot. Es waren etwa sechshunderttausend, die Frauen, Kinder und Alten nicht mitgezählt. Auch eine erhebliche Zahl von Fremden schloss sich ihnen an. Große Herden von Schafen, Ziegen und Rindern führten sie mit.

Aus dem Teig, den sie ungesäuert aus Ägypten mitgenommen hatten, backten sie Fladenbrote. Sie hatten aus Ägypten aufbrechen müssen, noch ehe der Sauerteig dem Brotteig zugesetzt war, und hatten auch keine Verpflegung für unterwegs vorbereitet.

Vierhundertunddreißig Jahre lang hatten die Israeliten in Ägypten gelebt. Nach Ablauf dieser Zeit, an dem genannten Tag, zog das Volk des HERRN in geordneten Scharen aus Ägypten aus.

Während der Nacht, in der sie der HERR aus Ägypten herausführte, wachte er über sie. Seitdem ist diese Nacht für alle in Israel eine Nacht, in der sie zur Ehre des HERRN wach bleiben.

Die Leute von Israel befolgten alles, was der HERR ihnen durch Mose befohlen hatte.

An jenem Tag führte der HERR das Volk Israel in geordneten Scharen aus Ägypten heraus.

In der Wüste

Am 30. Oktober 2013 berichteten die Nachrichtenagenturen auf der ganzen Welt, dass in der nigrischen Wüste, wenige Kilometer von der algerischen Grenze entfernt, die Leichen von 87 Flüchtlingen gefunden worden waren. Darunter waren 48 Kinder. Die Flüchtlinge wollten nach Algerien. Die Flucht durch die Wüste ist sehr gefährlich und endet oft tödlich. In einem Artikel in The Guardian vom Juni 2013 war zu lesen, dass in den vergangenen zehn Jahren mehr als 2000 Flüchtlinge in der Sonora-Wüste in Mexiko umgekommen sind. Die häufigste Todes­ursache war Wassermangel, zusammen mit Temperaturen, die im Sommer am Tag auf bis zu 54°C ansteigen. Die Flüchtlinge kamen aus Zentralamerika oder Mexiko und wollten – auf der Suche nach dem amerikanischen Traum – in die Vereinigten Staaten. Sie wollten ein Leben voller Perspektivlosigkeit hinter sich lassen und in ein Land ziehen, das ihnen die elementaren Lebensgrundlagen bieten kann: Nahrung und Arbeit.

Das größte Problem für diese Migranten ist das Fehlen von Papieren, mit denen sie legal einreisen können, ohne von den Behörden aufgehalten, inhaftiert oder in ihr eigenes Land zurückgeschickt zu werden. Da sie nicht legal einreisen können, entscheiden sie sich für die Durchquerung der Wüste und setzen dabei ihr Leben aufs Spiel. Die Erzählungen derer, die es geschafft haben, zeugen von den enormen Schwierigkeiten, denen sie sich stellen mussten: die tödliche Gefahr giftiger Schlangenbisse, die unerträgliche Hitze, der Mangel an Schatten, Nahrungs- und Trinkwasserknappheit, die Kälte in der Nacht und Führer, die sie ausbeuten – so­genannte Schlepper. Aber sie erzählen auch von der Hilfe, die sie von wohlmeinenden Menschen erhalten haben, z.B. von den »Wüstenengeln«. Das ist eine Gruppe von mexikanischen und US-amerikanischen Bürgern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nach Flüchtlingen zu suchen und sie zu retten, sodass sie nicht in der Wüste oder in der Bergregion bei San Diego in Kalifornien umkommen. Sie deponieren Wasser, Lebensmittel und andere lebensnotwendige Dinge an strategischen Stellen entlang der Flüchtlingsroute. Viele Flüchtlinge sehen das als Hilfe von Gott, der sie auch in der Wüste begleitet.

Auch die Israeliten, die vor der Unterdrückung in Ägypten flohen und sich auf den Weg in das versprochene Land machten, durchquerten die Wüste. Natürlich waren die Bedingungen ganz anders als bei heutigen Migranten. Aber auch ihre Reise war voller Schwierigkeiten. Mehrmals verloren sie den Mut und wollten sogar nach Ägypten zurückkehren. Aber Mose war kein Schlepper, der sein Volk betrügen und übervorteilen wollte. Er befolgte die Weisungen, die Gott ihm gegeben hatte. Und so wurde die Durchquerung der Wüste zu einer tiefen, reinigenden Erfahrung für die israelitischen Migranten.

Für Mose und Aaron war es nicht leicht, ein ganzes Volk auf seinem Weg zu führen. Disziplin und gute Organisation waren während der Reise wichtig. Moses Schwiegervater gab ihnen Ratschläge, wie sie die Dinge am besten organisieren konnten, um die Reise erträglicher zu machen. Die israelitischen Migranten mussten auch sorgfältig über ihre Zukunft als Volk nachdenken: Welche Regeln sollten für das Gemeinschaftsleben gelten? Sie durften nicht unvorbereitet an ihrem Ziel ankommen. Ihr Gott gab ihnen durch Mose Gesetze, die ihr Zusammenleben regeln sollten. Und er führte sie heil durch alle Gefahren der Wüste.

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