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Elke Schwab

Ein ganz klarer Fall

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Impressum neobooks

Prolog

Ein ganz klarer Fall

vonElke Schwab

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© Elke Schwab, 2017

www.elkeschwab.de

Covergestaltung: Elke Schwab

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Es war noch dunkel, als Johann sich aus dem warmen, verlockenden Bett heraus quälte. Was ihn veranlasste, zu dieser unchristlichen Zeit aufzustehen, war seine neben ihm leise schnarchende Frau.

Ahnungslos hatte sie ihn darauf gestoßen, wie unförmig er geworden war. Doch der Gedanke, sie könnte ihn durch seine völlig aus der Form geratene Figur verlassen und sich einem anderen Mann zuwenden, genügte, seine Energie anzuspornen und seinen inneren Schweinehund einfach zu ignorieren. Schwerfällig stieg er in seine Shorts, die ihn noch lächerlicher aussehen ließen, und in seine Joggingschuhe. Mit einem letzten wehmütigen Blick auf seine hübsche, junge Frau verließ er das Schlafzimmer und das Haus.

Es war ein schwüler Morgen, der alle Lebensgeister drohte, wieder schwinden zu lassen. Aber er hatte ein Ziel vor Augen und das war das einzige, das ihn an seinem Entschluss festhielt. Sich selbst Tatenfreude vortäuschend lief er los, wobei er noch einen letzten Blick auf die Uhr warf. Es war in der Tat erst zehn vor fünf, der Tag begann erst zu erwachen.

Schwermütig lief er durch die noch völlig ruhige Straße. In einigen Stunden wird dort reger Verkehr herrschen und nichts mehr an diese Atmosphäre erinnern. Er bog ab in den Waldweg, der auf den Burbacher Weiher zuführte. Dort hatte er schon manche ruhige Stunde mit seiner Frau verbracht, bei gutem Essen und gutem Wein. Dieser Gedanke brachte seinen Entschluss tatsächlich ins Wanken und krampfhaft bemühte er sich, an andere Dinge zu denken. Aufmerksam richtete er seine Augen auf den noch in der Dunkelheit liegenden Weg, um zu vermeiden, über zu stolpern, als er plötzlich glaubte, etwas Rotes gesehen zu haben. Verwirrt schüttelte er seinen Kopf und verwarf den Gedanken wieder. Im Wald gab es nichts, was rot leuchtete. Und trotzdem erkannte er es wieder: es war eindeutig rot und passte nicht hierher. Neugierig geworden kam er von seiner üblichen Route ab und steuerte das rote Etwas an. Als er immer näher kam, erkannte er, dass dort im Wald völlig verlassen ein rotes Auto stand, dessen Fahrertür und Beifahrertür weit geöffnet waren.

Erschrocken blieb er stehen und lauschte, aber er konnte keinen Mucks hören. Alles war still, bis auf wenige Vögel, die bereits erwacht waren und den neuen Tag mit ihrem Gezwitscher ankündigten.

Sein Herz begann zu schlagen, auch sein Atem wurde heftiger, obwohl er noch keinerlei Anstrengung hinter sich hatte. Was störte ihn so an dem Anblick dieses Autos?

Zögernd näherte er sich, wobei er feststellen musste, dass dieses Fahrzeug weit vom ursprünglichen Weg abgekommen war, so als habe der Fahrer die Abgeschiedenheit gesucht. Als er kurz davor stand, erkannte er endlich, warum die Türen offenstanden. Er glaubte fast, der Schlag müsste ihn treffen. So etwas hatte er nicht erwartet. Taumelnd vor Entsetzen wich er einige Schritte zurück und fiel plumpsend auf sein Hinterteil, das schlagartig durchnässt war. Ruckartig erhob er sich, wandte sich von diesem Anblick ab und rannte in Bestzeit den Weg zurück, den er gekommen war. Sein Atem ging heftig aber der Schrecken, den dieser Anblick in ihm verursacht hatte, ließ es einfach nicht zu, müde zu werden. In kürzester Zeit, die ihn bereits an die Olympiaklasse erinnerte, erreichte er sein Haus, sperrte unter Zittern die Haustür auf und eroberte das Telefon.

Kapitel 1

Knapp eine halbe Stunde später schritt Kullmann im frühmorgendlichen Nebel auf dieser Lichtung auf und ab. Die Spurensicherung war gleichzeitig mit ihm eingetroffen und hinterließ den Eindruck von Ameisen, die unentwegt in Bewegung waren und wie mechanisch ihre Arbeit machten.

Den Blick hatte er schon lange vom Tatort abgewendet. Viel zu oft war er in seiner langen Dienstzeit mit den Grausamkeiten des Lebens konfrontiert worden. Bilder, die sich langsam in sein Gemüt schlichen, die ihn zermürbten, ihn nachts nicht mehr schlafen ließen. Anblicke, die ihm in Stunden, die er allein war, den Schweiß ins Gesicht trieben. Wie viele Jahre seines Lebens verbrachte er schon damit, grausame Taten aufzuklären, Menschen das Handwerk zu legen, junge Menschen hinter Gitter zu bringen und ihnen somit jeden Lebensweg zu versperren. Wie viele junge Menschen sah er vor sich liegen. Tot, verstümmelt, misshandelt. Menschen, deren Schicksal mit einem Schlag gewaltsam beendet worden war.

Was war nur in die Menschheit gefahren, dass so viele grausame Dinge geschahen? Ein Menschenleben galt heutzutage nichts mehr, denn die Zahl der Opfer wurde immer größer, die Zeiten wurden immer schlechter. Da schritt er nun auf und ab. Das Haar schon licht und grau, tiefe Falten im Gesicht, die seinen tiefen Schmerz verrieten und für seine 58 Jahre schon arg vom Leben gezeichnet.

Er wirkte einfach alt und ausgelaugt. In seinen 30 Dienstjahren hatte er zu viel Leid und Elend gesehen, wovon er immer ein Stückchen in seinem Innersten mitgetragen hatte. Diese Spuren waren nicht zu übersehen.

»Norbert«, hörte er seinen jungen Kollegen rufen, mit dem er bereits seit fünf Jahren zusammenarbeitete, und dessen Temperament ihn immer wieder verwunderte und verärgerte; ja ihn sogar wütend machte. Wütend darüber, dass er selbst so ohnmächtig war, es nicht zügeln zu können. Andreas Hübner war vor einiger Zeit zum Kommissar befördert worden, was er nur seinem besonderen Ehrgeiz verdankte. Ein Ehrgeiz, der jeden menschlichen Zug in den Schatten stellte. Oft schon hatte er versucht, ihm aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen klarzumachen, dass beruflicher Erfolg und nüchterne Ermittlungen nicht alles im Leben waren. Es waren immer noch Menschen, über die ermittelt, geurteilt und gerichtet wurde. Aber das übersah sein Kollege, was wohl auch seiner jugendlichen Unerfahrenheit und seinem Temperament zugeschrieben werden konnte. Aber er würde nie damit aufhören, ihn zu mäßigen und zu belehren. Es war das einzige, was er tun konnte.

Nur so konnte er guten Gewissens sein, alles getan zu haben, um vielleicht voreilige Handlungen zu vermeiden. Er wandte seinen Blick dem jungen Kollegen zu, der mit großen Schritten auf ihn zukam. Hübner war ein gutaussehender junger Mann, mit blondem Haar, braungebrannt und athletischem Körper, was Norbert Kullmann ihm zugestehen musste. Er war eher klein und gedrungen, sein Haar war bereits schon in jungen Jahren silbrig grau, wodurch er schon immer älter aussah. Verärgert musste er mit ansehen, wie Hübner auf die Frauen wirkte, wie die Frauen sich bemühten, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. In solchen Situationen war er niemals gewesen. Bisher hatte er sein Leben allein bestreiten müssen. Mit Frauen hatte er wenig Erfahrung. Ob es nun gut war oder nicht vermochte er nicht zu beurteilen, weil er es nicht anders kannte. Aber wenn er überlegte, mit welchen Schwierigkeiten und Eheproblemen seine Kollegen oftmals zu ihm kamen und ihm ihr Herz ausschütteten, war es vielleicht nicht der schlechteste Weg.

»Norbert, die Tatwaffe liegt noch im Wagen. Es ist eine 8 mm. Komm’ mit und schau dir das an«, drängte der junge Kollege voller Eifer, womit er ihn völlig aus den Gedanken riss.

Dieser Fall, der die beiden am Samstagmorgen schon um 6.00 Uhr aus den Betten geworfen hatte, weckte ganz besonderes Interesse bei dem jungen Kollegen. So etwas ist in seinen Dienstjahren, die er mit Kullmann zusammenarbeitete, noch nicht dagewesen.

Dieses besondere Interesse konnte Kullmann jedoch nicht mit ihm teilen, da er, wenn er Bilanz zog, in seinen langen Dienstjahren bereits so viele schreckliche Ereignisse und Taten miterlebt hatte, dass es ihn nur noch depressiv stimmte. Was hatte er in all den Jahren eigentlich gemacht? Was hatte er verändert? Was erreicht?

Nichts. Als er anfing, war auch er voller Tatendrang und Ideen. Er glaubte, das zu schaffen, was anderen nicht gelungen war: das Gute siegen zu lassen und die Bösen zu bestrafen. Das Ergebnis hatte er jetzt. Er bewegte sich nur im Kreis. Hier ein Attentat aufgeklärt, dort den nächsten Fall auf dem Tisch. Die Bösen gingen niemals aus, niemals. Auch Hübner würde das nicht ändern können. Nur es ihm jetzt schon zu sagen, wäre einfach zu früh. Er würde es nicht glauben wollen. Genauso wie er damals. Hübner ließ ihn oft wieder daran, denken, wie er früher war und wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er sich eingestehen, dass er haargenau so angefangen hatte wie sein Kollege heute.

Oft war ihm in letzter Zeit sein damaliger Vorgesetzter, Edgar Britz, ins Gedächtnis gekommen. Auch er war gezeichnet durch seine jahrelange Konfrontation mit Leiden und Sterben. Seine Versuche, den damals jungen Kullmann in seinem Ehrgeiz zu bremsen waren anfangs auch gescheitert. Wieder dieser Teufelskreislauf, stellte Kullmann wie so oft fest, alles endete wieder am Anfang. Auch erinnerte er sich in diesem Augenblick schmerzlich daran, dass nach kurzer Zeit Edgar Britz selbst das Opfer eines Attentats wurde. Erst dann, als es zu spät war, hatte Kullmann ihn verstanden. Dieses Ereignis veränderte sein ganzes Denken und Handeln. Edgar Britz war ein so wunderbarer, korrekter, aufrichtiger Mensch, mit einem so klaren und guten Charakter, wie man es heute wohl nicht mehr oft erleben konnte. Alle Fälle, die er bearbeitete, wurden mit einer Korrektheit ausgeführt, dass es an Perfektionismus grenzte. Edgar Britz sagte man nach, er arbeitete nicht nur für das Recht, er war es. Als es dann diesen Mann traf, waren alle, die mit ihm arbeiteten oder die ihn kannten zutiefst betroffen und erschüttert. Wer konnte diesem Menschen, der sich so vehement für das Gute einsetzte und das Böse bekämpfte, so etwas antun? Die Antwort war ganz einfach: die unbesiegbaren Bösen. Der Fall wurde niemals aufgeklärt, so sehr sich der ganze Polizeiapparat auch darum bemühte. Auch er selbst hatte lange Nachforschungen angestellt, aber nichts erreicht. Der Täter kam irgendwo aus dem Nichts und verschwand auch wieder dorthin.

Es gab keine Chance, ihn zu fassen. So wie es niemals eine Chance gab, das Böse zu fassen.

Edgar Britz war mit einem Auto mehrfach überrollt worden, bis er endlich starb. Es war die grausamste Tat, die Kullmann je erlebt hatte – auch in den nachfolgenden Dienstjahren.

Kopfschüttelnd wandte er sich wieder der Gegenwart zu. Es handelte sich um zwei Männer, die erschossen – einer vor dem Wagen und einer am Steuer des Wagens – von einem Jogger aufgefunden worden waren. Den Papieren konnte man entnehmen, dass sie 39 und 41 Jahre alt waren. Der erste Eindruck, den die Kollegen beim Anblick dieser Leichen hatten, war, dass sie friedlich schliefen. Sie hatten beide die Augen geschlossen, als habe man sie im Schlaf erwischt. Lediglich an dem ausgetretenen Blut, erkannte man, dass sie tot waren. Andreas Hübner versuchte voller Eifer seinem Kollegen alles, was er bisher entdecken konnte, zu erklären, doch Kullman winkte entnervt ab. Wieder vergrub der Alte seine Hände in den Jackentaschen und ging langsam auf den Dienstwagen zu, den er zusammen mit seinem jungen Kollegen in den Einsätzen fuhr.

»Norbert?«, hörte der Hübner ihm völlig verwirrt nachrufen.

»Ich fahre ins Büro zurück. Erledige du hier alles und lass’ dich von einem anderen Kollegen zurückfahren.«

Hübner ging schnellen Schrittes auf den Dienstwagen zu und hinderte den Alten daran, die Wagentür zuzuschlagen.

»Was ist los mit dir? Wir arbeiten doch immer noch im Team, oder ist mir da was entgangen?« Auf Kullmanns Schweigen hin fügte er an: »Oder wird einfach nur dein Gemüt zu schwach?« Die leichte Ironie in seinem Ton war nicht zu überhören.

Kullmann schaute zu ihm hoch in sein vor Eifer errötetes Gesicht, das von blonden im Wind flatternden Locken eingerahmt war, und lächelte: »Mein Gemüt wird nicht zu schwach. Ich glaube, ich werde langsam zu alt für diesen Job. Ich lasse mich besser zum Innendienst versetzen. Vielleicht kann ich als Schreibtischhengst noch einmal aufwiehern.«

Hübner war völlig sprachlos. Er sah zu, wie sein älterer Kollege die Tür zuschlug, den Wagen startete und davonfuhr. Verwirrt ging er wieder an den Tatort zurück, um weitere Spuren zu sichern.

Es hatte begonnen zu nieseln. Kullman musste die Scheibenwischer einschalten, um besser den zähfließenden Verkehr beobachten zu können. Sein Weg führte über die Hochstraße, die Breite Straße und weiter am Saarbrücker Hauptbahnhof vorbei, wo die Verkehrsdichte selbst am Samstagmorgen unerträglich war.

Wütend hupten und blinkten die Autofahrer auf, aber was nützte es? All die Ungeduld dieser Menschen – es wurde immer schlimmer statt besser, dachte Kullmann, wobei seine Gedanken wieder zu den beiden Toten schweiften. Wofür das alles, diese Hektik, diese Eile?

Die Zeit war der böse Geist unserer Gesellschaft, der sich in unsere Gemüter schlich, ohne dass wir es bemerkten. Für diese beiden Opfer hatte sie nun keine Bedeutung mehr. Am Ende hatte die Zeit für keinen Menschen mehr irgendeine Bedeutung und doch rannten sie ihr immer wieder hinterher.

Am Polizeigebäude stellte er den Dienstwagen in dem von hässlichen Mauern eingerahmten Hof ab und eilte in sein Büro, das in der ersten Etage lag. Auf seinem alten Schreibtisch prangte ihm eine neu angelegte Mappe entgegen, die Kullmann in Erstaunen versetzte. Wo kam diese Mappe her? Wer arbeitete schon so früh am Samstagmorgen in diesem Büro? Kaffeeduft stieg ihm in die Nase und vermittelte ihm direkt ein heimisches, wohltuendes Gefühl, das ihn von seinem pessimistischen Gedanken ablenkte.

»Guten Morgen, Chef“, hörte er die fröhliche Stimme seiner jungen Kollegin Anke Deister, die erst seit einem halben Jahr im Polizeidienst angestellt war, sich aber in der Kürze der Zeit zu einer beliebten und begehrten Kollegin entpuppt hatte. Sie war stets guter Laune, trotz dieser psychisch belastenden Tätigkeit in der Mordkommission. Stets hatte sie ein freundliches Lächeln parat, womit sie sogar den schlecht gelaunten Kollegen Kullmann wieder besänftigen konnte. Ihre jugendliche Schönheit und ihre Lebendigkeit brachten jungen Wind in diese alten Gemäuer, wie Kullmann stets, wenn er sie ansah, begeistert feststellen musste. Sie war von einem gesunden Ehrgeiz eingenommen, der sie vergessen ließ, dass das Leben für junge Menschen auch noch andere Angebote bereithält. Diese Eigenschaft bewog sie auch dazu, am Samstagmorgen in aller Frühe im Büro zu sitzen und Aktenmaterial für den Doppelmordfall zusammenzustellen.

»Was tun Sie hier um diese Zeit?«, konterte Kullmann, ohne den freundlichen Gruß zu erwidern. Es war ihm zweifelhaft, wie eine junge, hübsche Frau ihre freie Zeit auf diese Weise vergeuden konnte. Sie gehörte unter junge Menschen, die abends die Disco besuchten und morgens lange schliefen, und nicht hierher in diese grauen Mauern.

»Gut gelaunt, wie immer«, zwitscherte sie zu ihrem Chef und nahm ihm mit ihrer Heiterkeit den Wind aus den Segeln. »Sie wissen doch, dass meine Arbeit mich interessiert, und so ein Fall ganz besonders«, kam sie mit einer Tasse Kaffee aus dem kleinen Nebenzimmer und stellte sie Kullmann direkt vor die Nase, damit er gar nicht auf den Gedanken kam, weiter über das Thema zu diskutieren.

»Woher haben Sie schon so viel Aktenmaterial, es ist doch erst sieben Uhr?«, wunderte Kullmann sich und schaute sich die ersten Informationen kaffeetrinkend an. Es waren Zusammenstellungen über die beiden Toten, deren Familienangehörigen, und über die Firma, in der sie beschäftigt waren. Wie Anke Deister bereits in Erfahrung bringen konnte, hatten sich die beiden Opfer auf einer Betriebsfeier aufgehalten, von der sie nicht mehr nach Hause gekommen waren.

»Ich habe von Hübner herausbekommen, wer die beiden waren und bin darauf hin ins Büro gefahren, um Näheres in Erfahrung zu bringen. Hier habe ich dann gleich eine Meldung gesehen, dass die Herren Klos und Wehnert von den Ehefrauen bereits als vermisst gemeldet wurden, weil sie von der Betriebsfeier nicht mehr zurückgekehrt sind. Diese Meldung wurde zwar noch nicht bearbeitet, weil es im Normalfall viel zu früh gewesen wäre, aber hier liegt der Fall wohl anders. Also habe ich mich an die Arbeit gemacht. Viel habe ich ja noch nicht herausgefunden, ich wollte schließlich die beiden Frauen noch nicht über ihr Schicksal informieren. Das überlasse ich zuständigkeitshalber Ihnen.«

Den letzten Satz unterstrich sie mit einem frechen Grinsen, worüber Kullmann sich ärgerte. Sie wusste ganz genau, wie unangenehm es ihm immer wieder war, den Betroffenen die schlimme Botschaft zu übermitteln. Eilig verschwand sie wieder in ihrem Büro, damit er keine Gelegenheit hatte, etwas zu erwidern. Aber es war ihm auch gar nicht danach zumute. Als er in die Mappe schaute, las er, dass Herbert Klos 39 Jahre alt war, verheiratet war und 2 Kinder, Zwillinge, hatte, was ihm direkt einen Stich gab. Das zweite Opfer, Jürgen Wehnert, war 41 Jahre alt, ebenfalls verheiratet und hatte eine Tochter. Schlimmer hätte es für ihn nicht kommen können. Er konnte sich schon die Szenen vorstellen, die auf ihn zukommen würden. Wie oft hatte er das schon erlebt. Illusionen, die innerhalb von Sekunden zerstört waren, Schicksale, die mit einem Schlag besiegelt waren und Menschen, die am Verlust des Mitmenschen zerbrachen. Nicht selten wollten diese Menschen ihn für das, was er übermittelte, auch noch verantwortlich machen. Dabei litt er jedes Mal mit ihnen und wünschte sich selbst auf einen anderen Planeten. Auch diese unausgesprochenen Schuldzuweisungen dieser Opfer hinterließen deutliche Spuren in ihm. Bei jedem Verlust eines Menschen litt ein Stückchen in ihm mit.

Missmutig notierte er sich die Anschriften der beiden betroffenen Familien und machte sich auf den Weg. Je eher, desto besser, dachte er.

Mit langsamen Schritten ging er wieder hinunter zum Parkplatz auf seinen Dienstwagen zu, als gerade die übrigen Kollegen vom Tatort vorgefahren kamen. Hübner stieg aus und schritt auf Kullmann zu.

»Was ist mit dir los? Hast du kein Interesse mehr daran, mit mir im Team zu arbeiten, oder was? Was habe ich dir getan?« Vorwurfsvoll schaute er seinen älteren Kollegen an und erwartete eine Antwort.

Kullmann schüttelte den Kopf und meinte nur: »Du hast mir gar nichts getan. Nimm es bitte nicht persönlich. Aber jetzt muss ich zu den betroffenen Familien fahren, und glaube mir, das hebt meine Stimmung nicht gerade an.«

Mit seinen müden Augen schaute er zu Hübner hinauf und hoffte, der junge Mann würde sich damit zufrieden geben, doch da hatte er sich getäuscht. »Ich fahre mit dir. Schließlich ist es genauso meine Aufgabe, mit diesen Leuten zu sprechen«, bestimmte er und stieg bereits auf der Fahrerseite in den Dienstwagen ein. Kullmann widersprach ihm nicht. Eigentlich war es ihm sogar ganz recht, dass er nicht alleine dieses Trauerspiel miterleben musste. Hübner konnte in solchen Augenblicken ungewöhnlich viel Taktgefühl und Feingefühl an den Tag legen, was Kullmann diese unangenehme Aufgabe erleichtern konnte. Resigniert setzte er sich auf den Beifahrersitz, nannte die Anschriften der beiden und bat Hübner loszufahren.

Zuerst hielten sie an dem Haus der Familie Klos. Es lag außerhalb der Stadt zwischen Riegelsberg und Rußhütte, ein Ort direkt am Waldrand, wo sich außerdem nur noch fünf andere Häuser befanden. Sie stellten den Wagen direkt vor dem Haus ab und stiegen aus. Frische Waldluft strömte ihnen entgegen, die intensiv nach Regen roch. Man spürte noch den jungen Tag in der Luft. Ein Tag, der für die meisten Menschen erst begann, der aber für zwei Menschen schon zu Ende war. Schwermütig bewegte Kullmann sich hinter Hübner her auf die Haustür zu, als diese bereits aufgerissen wurde. Eine kleine, schmale Frau, mit blassem Gesicht und ungekämmten Haaren erschien im Türrahmen und schaute erwartungsvoll den beiden entgegen. In ihren Augen war großer Kummer zu sehen, der hässliche Schatten unter die Augen abzeichnete. Das zarte, ebenmäßige Gesicht wirkte völlig entstellt. Deutlich erkannte man darin die Sorgen der letzten Nacht.

»Wer sind Sie? Ich dachte, mein Mann käme endlich nach

Hause“, sprudelte sie los. Verwirrung und Verzweiflung schwang in ihrer Stimme mit.

Kullmann stellte seinen Kollegen und sich selbst vor. Dabei wusste er, wie die Existenz der Polizei auf Menschen in solchen Situationen wirkte. Die Einleitung ersparte ihm fast die Mühe, die ganze Wahrheit zu sagen, da die Betroffenen es bereits ahnten.

»Ist meinem Mann was zugestoßen?«, fragte sie entsetzt und verlor nun vollends das bisschen Farbe, das noch in ihrem Gesicht war. Ihre Augen wurden größer und weiter und ihr Mund blieb halboffen, als ob sie noch etwas sagen wollte.

»Dürfen wir hereinkommen?«, fragte Hübner.

»Sicher“, besann sie sich rasch und ließ die beiden eintreten.

»Die Kinder sind aber zuhause, ich möchte nicht, dass sie etwas mitbekommen. Gehen wir am besten ins Wohnzimmer.« bestimmte sie und zeigte den beiden den Weg zum besagten Zimmer.

Es war ein geschmackvoll eingerichtetes Zimmer, mit einem Panoramafenster, das vom Boden bis zur Decke reichte. Der Ausblick ging direkt auf einen kleinen Garten mit Teich, an den der Wald angrenzte. Eine Tür, die auf eine an den Garten angrenzende Terrasse führte, stand offen und ließ den frischen Duft der regennassen Bäume herein.

»Oh, ich hatte wohl vergessen, die Tür abzuschließen“, stellte die Frau zerstreut fest und holte es hastig nach.

In der Mitte des Zimmers stand eine Ledercouchgarnitur in Antikbraun, die mit ihrer ganzen Wuchtigkeit einen kleinen Marmortisch mit Glasplatte einrahmte. Dort bot die Frau den beiden Herren Platz an und setzte sich selbst ihnen gegenüber.

»Wo ist mein Mann?«, fragte sie nun bedachter. Sie legte ihre Hände auf den Schoß und bereitete sich auf das vor, was die beiden ihr zu sagen hatten.

»Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Ihr Mann ist tot“, erklärte Kullmann nun endlich den Grund seines Besuches.

Stille beherrschte den Raum.

Frau Klos saß regungslos da und starrte auf ihre Hände, als hätte sie noch nie solche Hände gesehen. Nach einer Weile hob sie den Kopf, richtete ihren Blick auf Kullmann und fragte: »Was ist passiert?« Kullmann antwortete nicht sofort, sondern prüfte ihren Blick. Ihre Augen waren nervös und glitzerten von den Tränen, die sich langsam zu bilden begannen.

»Er wurde erschossen in seinem Wagen aufgefunden.«

Wieder folgte Stille. Regungslos saß sie da und starrte unbeirrt auf ihre Hände. Ihr Gesicht war kalkweiß. Tränen tropften hinunter auf ihre Beine.

»Warum?«, fragte sie hauchend.

»Das wissen wir noch nicht“, antwortete Kullmann wahrheitsgetreu, obwohl eine Antwort nicht nötig gewesen wäre. Diese Frau befand sich bereits in einem tranceähnlichen Zustand. »Warum?«, fragte sie wieder. »Warum gerade Herbert?«

Sie bewegte sich wie in Zeitlupe und die Sekunden, die verstrichen, kamen den beiden Polizisten in dieser beklemmenden Situation wie endlose Stunden vor. Mit tränennassen Augen sah sie zu den beiden Beamten auf und meinte nur: »Danke, dass Sie gekommen sind, aber kann ich jetzt bitte allein sein?«

Kullmann und Hübner nickten und schlichen sich wie Diebe aus dem Haus.

»Das war ja nicht so schlimm wie erwartet«, stellte Hübner fest, als sie ins Auto einstiegen.

»Stimmt«, nickte Kullmann bedächtig. »Sie hat es zumindest vermieden, uns die Schuld daran zu geben.«

»Fahren wir nun zu Frau Wehnert?«, fragte Hübner. Seine Stimme klang belegt. Er hatte bisher noch nicht viel Erfahrung darin gesammelt, den Angehörigen von Mordopfern solche Botschaften zu überbringen. Die psychische Belastung, die damit verbunden war, bekam er ebenfalls deutlich zu spüren.

»Ja, bringen wir auch das hinter uns. Jetzt bist du an der Reihe«, bemerkte Kullmann.

Familie Wehnert lebte in dem Stadtteil Malstatt, das den ältesten Teil Saarbrücken darstellte. Durch die schlechte Situation in der Stahlindustrie war aus dem Stadtteil, das einst zu den angesehensten Orten der Großstadt Saarbrücken gehörte, eine unsichere Gegend geworden, deren Bewohner durch Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit aus ihrem Missmut keinen Hehl machten. Die Lebensbedingungen dieses Stadtteils hatten sich im Laufe der Jahre deutlich sichtbar verschlechtert. Gepflasterte Straßen zogen sich durch die grauen Mauern der Reihenhäuser, die zum Teil ungepflegt waren oder gar unbewohnt. Eingeschlagene Fenster und bemalte Häuserwände unterstrichen diese ganze deprimierende Atmosphäre.

Das Haus der Wehnerts lag inmitten dieser Reihenhäuser und unterschied sich nur dadurch, dass die Fenster ganz, geputzt und sogar Gardinen aufgehängt waren. Hübner betätigte die alte, kleine Klingel, musste aber schnell feststellen, dass sie nicht funktionierte.

Also klopfte er, um gehört zu werden. Es dauerte nicht lange bis geöffnet wurde. Vor den beiden stand eine gutaussehende große Frau mit langen blonden Haaren und braungebrannter Haut. Sie war jugendlich gekleidet mit Jeans und Holzfällerhemd und trug ausgetretene Jesuslatschen. Lediglich an den kleinen Fältchen um die Augen herum konnte man erkennen, dass sie kein Teenager mehr war.

»Wer sind Sie?«, fragte sie, als keiner von den beiden was zur Begrüßung sagte. Sogar Hübner war von dem Anblick so erstaunt, dass es ihm einen kurzen Augenblick lang die Sprache verschlug.

»Wir kommen von der Polizei. Es geht um Ihren Mann Jürgen Wehnert«, antwortete er.

Das Gesicht der Frau versteinerte sich. Unruhig schaute sie sich um und meinte dann: »Kommen Sie bitte herein.«

Die beiden Männer folgten ihr in ein kleines, gemütliches Wohnzimmer, das im Gegensatz zu der Einrichtung der Familie Klos ganz einfach eingerichtet war. Die Möbel sahen schon abgewohnt aus, als hätten sie schon einige Jahre miterleben müssen.

»Was ist mit meinem Mann passiert? Hatte er einen Unfall?«, fragte sie, sobald sie Platz genommen hatten.

Hübner schüttelte den Kopf. »Nein. Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ihr Mann tot ist. Er wurde erschossen.«

Kurzes Schweigen folgte. Frau Wehnert wirkte gefasst.

»Wer hat das getan?«, fragte sie.

»Das wissen wir noch nicht. Wir ermitteln in dem Fall.«

»Wann ist es passiert? Gestern Abend, auf dem Betriebsfest?«, bohrte sie weiter.

»Die genaue Zeit wissen wir auch noch nicht, er wurde heute in den frühen Morgenstunden gefunden.«

»War Jürgen denn alleine, er ist doch nie allein, sein Kollege Herbert ist doch immer bei ihm?«, sprudelte sie los. Allmählich spürte man, wie Verzweiflung in ihre Stimme geriet.

»Herbert Klos ist auch erschossen aufgefunden worden. Sie waren beide in dem Wagen von Herrn Klos«, berichtete Hübner sachlich, während Kullmann nur schweigend daneben saß.

Sie stammelte etwas, was beide nicht verstehen konnte, dann drehte sie sich von den beiden weg und begann herzzerreißend zu schluchzen. Es dauerte eine Weile, bis Hübner und Kullmann den Eindruck bekamen, dass sie nichts mehr ausrichten konnten.

Unauffällig erhoben sie sich und verließen das Haus, um sie alleine zu lassen. Mit betretenen Mienen fuhren sie zum Büro zurück.

Dort stand immer noch die Tasse Kaffee, die Kollegin Deister ihm am frühen Morgen gebracht hatte. Inzwischen war der Kaffee kalt. Gerade hatte er sich damit abgefunden, den Rest des Vormittages, ohne dieses Zeug auszukommen, als Anke Deister ihm mit einer vollen Kanne entgegenkam. »Ich habe hier frischen, wenn Sie möchten.« lächelte sie ihn an. Erstaunt schaute Kullmann in ihr hübsches Gesicht. Das zufriedene Grinsen konnte er nicht definieren. „Ich habe sogar herzschonenden Kaffee gekocht – extra nur für Sie.« fügte sie noch munter an. Nun wusste er, was dieses Grinsen zu bedeuten hatte. Trotzdem ließ er sich einschenken.

»Liebe Frau Deister, ohne Sie hätte ich schon längst meinen Dienst quittiert, das können Sie mir glauben“, schmeichelte er.

»Danke für die Blumen«, lachte sie, »aber das glaube ich Ihnen nicht. Sie sind doch mit Leib und Seele Polizist.«

»Sie meinen, ich kann nichts anderes“, verbesserte er sie, ohne sie dabei anzuschauen.

»Sie sind wirklich unverbesserlich. Immer etwas Negatives auf den Lippen.«

»Deshalb freue ich mich ja immer so auf Sie. Sie sind die einzige, die hier meine Stimmung heben kann.« Diesmal klang er ehrlich.

Die Konversation wurde sogleich von Hübner unterbrochen, der mit einigen Papieren das Büro betrat.

»Hier haben wir erste Ergebnisse: der Tod trat etwa zwischen 0.00 Uhr und 3.00 Uhr ein. Die Schüsse wurden aus nächster Nähe abgegeben, allerdings trat der Tod nicht sofort ein. Geschossen wurde aus dieser 8 mm, die wir im Auto gefunden haben. Fingerabdrücke wurden aber keine gefunden. Es macht den Eindruck, als seien sie sorgfältig weggewischt worden.«

Kullmann nickte nur nachdenklich. Schnell drehte Hübner sich um und ging zur Kollegin Deister, um sich dort ebenfalls eine Tasse Kaffee zu nehmen. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr, das Kullmann allerdings nicht verstehen konnte, kam er wieder zu ihm zurück.

Kollege Jürgen Schnur kam ins Zimmer mit einer Liste in der Hand.

»Guten Morgen, ihr Frühaufsteher.« grüßte er grinsend, weil er wusste, wie unangenehm es war, samstags morgens um sechs in der Frühe in dieses Nieselwetter hinaus zu müssen, und dann noch zu solch einem erschütternden Fall.

»Guten Morgen, du Murmeltier. Was hast du denn da in der Hand?«

»Eine Liste über die Teilnehmer an dem Betriebsausflug der Fa. Schulz KG gestern. Die ganze Firma war dabei, viele sind es ja nicht, neun Personen.«

»Was macht die Firma Schulz KG?«

»Verkauf bzw. Vermietung von Spielautomaten“, antwortete Schnur kurz und verließ das Büro.

Grübelnd ging Hübner die Liste durch und musste feststellen, dass die Mitarbeiter dieser Firma durch das ganze Saarland verstreut waren, was die Arbeit natürlich mächtig erschwerte.

»Es bleibt wohl nichts anderes übrig, als mit den Befragungen anzufangen“, murmelte er vor sich hin und schlenderte mit der Liste hinter Kullmann her, der sich bemühte, unauffällig das Zimmer zu verlassen.

»Keine Chance, Teamkollege«, grinste er höhnisch dem älteren Kollegen zu. »Die Arbeit ruft. Je eher wir anfangen, desto besser.«

»Du immer mit deinen Weisheiten«, knurrte Kullmann und folgte dem Kollegen in den Hof zum Dienstwagen.

»Wir fangen am besten mit dem Chef der Firma an, Herrn Adrian Schulz«, bestimmte Kullmann während sie einstiegen.

»Ganz wie Sie wünschen«, höhnte Hübner.

Sie fuhren zu dem Sitz der Firma Schulz KG mitten in der großen Stadt, wo sie den Chef am ehesten vermuteten und hatten Glück. Die Firma befand sich in einem alten Reihenhaus aus rotem Backstein in der dritten Etage. Dort brannte Licht. Sie klingelten.

»Wer ist da?«, hörten sie eine Männerstimme durch die Rufanlage.

»Die Polizei.«

»Die Polizei?«, ertönte es völlig fassungslos zurück. »Sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind?«

»Ja, absolut“, bestimmte Kullmann

Der Summer ertönte. Hübner stieß die Tür auf und sie traten ein. Der Fahrstuhl war zu ihrem Pech defekt, so dass sie gezwungen waren, die Treppe hinaufzusteigen. Im dritten Stock wurden sie bereits von einem Mann mittleren Alters und strengen Gesichtszügen erwartet.

»Was führt denn die Polizei zu mir?«, fragte er, ohne sich vorzustellen.

»Guten Morgen, erst einmal“, keuchte Kullmann. »Dürfen wir nach diesen Anstrengungen wenigstens hereinkommen?«

»Sicher, entschuldigen Sie, treten Sie doch ein. Mein Name ist Adrian Schulz«, änderte er sogleich seinen Ton und ließ die beiden eintreten. Sie gelangten in einen großen modern ausgestatteten Büroraum überfüllt mit Personalcomputern, Fax-Geräten und Kopierern. Einige Ecken wurden durch Plexiglasscheiben von dem übrigen Büro getrennt. Der Boden war mit braunem Teppich ausgelegt, was dem Raum eine besondere Wärme verlieh. Das Mobiliar bestand aus alter, gut erhaltener Eiche, auch die Bürostühle verrieten einen besonderen Komfort.

Herr Schulz führte sie durch das Büro hindurch in ein weiteres Zimmer, das eine noch feudalere Ausstattung aufwies. Eine Ledercouchgarnitur protzte dort im Raum, umgeben von zimmerhohen Pflanzen, die sich teilweise sogar schon über die Decke ausbreiteten. Ein großer Schreibtisch aus Mahagoni, auf dem sich etliche Akten und sonstige Ordner türmten, stand am Fenster. Eine Seitenwand schmückte eine zimmerhohe Regalwand aus Mahagoni, auf der sich die Aktenordner stapelten. Leise Musik klang aus irgendeiner Ecke, die den ganzen Raum damit erfüllte. Es klang nach Chopin. Schulz bot ihnen den Platz auf der Couch an und setzte sich selbst an den Schreibtisch.

»Kaffee kann ich Ihnen leider keinen anbieten, da meine

Sekretärin heute nicht da ist. Wenn ich ihn selbst koche, kann ich ihn auch nicht anbieten«, meinte er verlegen, um endlich ein Gespräch einzuleiten.

»Das macht nichts«, erwiderte Kullmann, während er sich niederließ. Diese tiefen Sessel konnten noch so bequem sein, er mochte sie nicht. Das war für diesen Tag bereits der zweite, in dem er Platz nehmen musste. Es war immer wieder das gleiche Problem, aus diesen Sesseln herauszukommen, ohne das Bild eines alten Mannes dabei abzugeben. »Wir sind wegen den Mitarbeitern Klos und Wehnert hier.«

»Haben die beiden was verbrochen?«

»Warum fragen Sie das?«, erwiderte Hübner sogleich mit einer Gegenfrage.

»Warum sollte sonst die Polizei hier sein?«, erklärte Schulz seine spontane Frage.

»Die beiden sind heute Morgen erschossen im Wald aufgefunden worden“, antwortete Hübner ohne Umschweife.

Adrian Schulz reagierte nicht.

»Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?«

»Sicherlich.« Er schüttelte sich. »Sind sie tot?«

»Ja beide.«

»Wie ist so was möglich?«, fragte er verwundert.

»Um das herauszufinden, sind wir hier“, konterte Hübner ungehalten.

»Ach, Sie wissen noch nicht, wer das getan hat?«

»Nein.«

»Vermuten Sie etwa, jemand aus der Firma?« Es war an Schulz schwer zu erkennen, ob seine Sorge der Firma oder den Mitarbeitern Klos und Wehnert galt.

»Wir dürfen das nicht ausschließen. Aber die Ermittlungen haben erst angefangen, so dass wir noch gar nichts sagen können.

Zuerst müssen wir uns ja ein Bild über die beiden machen, bevor wir anfangen können, nach Verdächtigen zu suchen«, erklärte Kullmann sachlich. Schulz nickte nur verständnisvoll mit dem Kopf.

»Ich kann Ihnen die Personalakte geben. Aber das sagt wohl wenig darüber aus, wie sie waren«, stellte er nur fest.

»Sicher, aber die Akte kann nützlich sein. Was ist denn Ihr Eindruck, wie die beiden waren? Besteht die Möglichkeit, dass der Betriebsausflug im Zusammenhang mit der Tat steht?«

»Der Betriebsausflug? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Die Stimmung gestern war über den ganzen Tag gut und ausgelassen. Da gab es nicht den geringsten Zwist«, erklärte Schulz entschieden und zündete sich eine Zigarette an. Er wirkte nervös. »Warum fragen Sie mich nach diesen Dingen. Können Ihnen die Familien da nicht besser weiterhelfen?«

»Sie können sich sicherlich denken, dass die beiden Frauen zurzeit nicht belastbar sind. Und schon gar nicht mit solchen Fragen«, meinte Kullmann nur und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Er hatte sich vor einiger Zeit angewöhnt, immer dann zu rauchen, wenn seine Arbeit ihn belastete. Plötzlich hatte er das dringende Bedürfnis nach einer Zigarette, was Hübner argwöhnisch beäugte.

»Erzählen Sie uns was über die beiden«, forderte Kullmann nun nochmal auf.

»Ich kann nicht viel sagen. Die Mitarbeiter kennen sich wohl besser miteinander. Ich weiß nur, dass beide für den Außendienst zugeteilt waren.«

»Wie lange sind die beiden schon bei Ihnen beschäftigt?«

»Jürgen Wehnert ist bestimmt schon 20 Jahre hier. Mein Vater hatte ihn schon eingestellt. Herbert Klos kam etwa vor 6 –7 Jahren auf Drängen von Herrn Wehnert. Daran kann ich mich noch gut erinnern, weil ich damals eigentlich noch keinen zweiten Außendienstmitarbeiter brauchte. Zu der Zeit lief das Geschäft nicht besonders. Aber Wehnert ließ nicht locker, er meinte, Klos besäße das Talent, das Geschäft wieder zu verbessern. Also gab ich nach und stellte ihn ein«, erzählte Schulz.

»Und hat es sich denn bestätigt?«

»Nicht unbedingt. Das Geschäft lief wieder besser, was aber nicht der Verdienst von Klos war. Was Wehnert mir über diesen Mann erzählte, stimmte nicht unbedingt. Man soll die Toten ja ruhen lassen, aber wenn Sie mich danach fragen, kann ich nur sagen, dass Klos keine besonderen Leistungen brachte. Was er am besten konnte, war, andere von der Arbeit abzuhalten. Er glaubte zeitweise, er würde hier als Alleinunterhalter beschäftigt.«

Die Worte verrieten, dass Schulz seinem Mitarbeiter Klos keine besondere Sympathie entgegenbrachte und dies auch nicht verheimlichte.

»Wie standen die Kollegen und Kolleginnen zu den beiden?«

»Sehr gut. Klos war in allen Dingen der Redeführer und Wehnert tat es ihm nach. Auf diese Weise waren beide beliebt unter den Kollegen, sie konnten die Stimmung immer aufheitern.«

»Was macht Ihre Firma denn genau?«, funkte Hübner dazwischen.

»Wir organisieren den Verkauf und die Vermietung von Spielautomaten.«

»Ja, das wissen wir. Wo bekommen Sie die Geräte denn her. Wie ich sehe, gibt es hier keine Werkstatt, die diese Automaten produziert.«

»Wir beziehen die Automaten von den beiden saarländischen Firmen Deskoswi und Royal und verkaufen bzw. verleihen sie an Gasthäuser, Kaufhäuser und vor allen Dingen Spielcasinos und Spielotheken im ganzen Saarland. Einige ausgefallene Automaten beziehen wir auch von Firmen von außerhalb, aber nur wenige«, erklärte Schulz.

»Und was heißt bei Ihnen Außendienst, das was Klos und Wehnert bei Ihnen machten?«

»Werbung vor Ort zum Beispiel. Einige Automaten werden neu vorgeschlagen bzw. andere Automaten müssen zurückgezogen werden und in einigen Fällen ist es notwendig, dass jemand hinausfährt und an Ort und Stelle alles abklärt. Das war ihre Aufgabe.«

»Waren die beiden immer zusammen unterwegs?«

»Ja immer.«

»Immer?«, Hübner war erstaunt.

»Ja, was ist daran so ungewöhnlich? Mir war es lieber so wegen der Sicherheit«, konterte Schulz.

»Arbeitet bei Ihnen sonst niemand mehr im Außendienst?«

»Nein, bisher hatte ich ja keinen Grund, noch jemand einzustellen. Die beiden machten ihre Arbeit ja gut, wobei ich feststellen musste, dass wohl Wehnert die produktive Arbeit geleistet hat und Klos sich damit stets ganz gut profilierte. Allerdings hat unter den Kollegen das niemand bemerkt. Sie ließen sich von Klos blenden und mir war es auch gleichgültig, wie es sich verhielt, solange die Arbeit nicht darunter litt.«

»Und das hat sie nicht?«

»Nein, es lief ohne Komplikationen.«

Die Beamten verabschiedeten sich von Schulz und meinten abschließend: »Es wird wohl unvermeidlich sein, alle Mitarbeiter Ihrer Firma zu befragen.«

»Tun Sie das nur«, bemerkte Schulz nicht ohne Ironie.

Kullmann und Hübner stiegen in den Wagen ein und schauten sich an.

»Getroffen hat es ihn nicht gerad«, stellte Hübner fest.

»Das ist mir auch aufgefallen. Das macht den Mann aber noch lange nicht verdächtig«, wertete Kullmann sogleich ab, weil er sich schon denken konnte, was in Hübners hübschem Kopf vorging.

»Na ja, mal sehen, wie die anderen Mitarbeiter der Firma auf die Botschaft reagieren werden.«

Nach einer halben Stunde Fahrt kamen sie am Haus der Mitarbeiterin Ida Fichte an. Es war ein kleines Haus mit einem hübschen Garten, der gepflegt angelegt war mit Fleißigen Lieschen, die in ihren schönsten Farben blühten, Azaleenstöcken, einem mächtigen Schneeballenstock und blühenden Rosenstöcken. Mit staunenden Blicken gingen die beiden Beamten durch diese pittoreske Vegetation zum Haus und klingelten. Während sie auf eine Reaktion aus dem Haus warteten, setzte wieder Regen ein, der geräuschvoll auf die Pflanzen plätscherte, sich dort zu Perlen formte und tröpfchenweise auf den Boden fiel. Lange hielt diese Idylle jedoch nicht, denn der Regen wurde rasch stärker. Kullmann schlug seinen Kragen hoch, um sich so zu schützen, während Hübner regungslos dastand und die Tropfen auf sich herab prasseln ließ.

»Wenn die noch lange braucht, dann bin ich tropfnass“, stellte er missmutig fest. Im gleichen Augenblick wurde die Tür von einer kleinen unauffälligen Frau mittleren Alters geöffnet.

»Wer sind Sie?«, frage sie mit zaghafter Stimme.

»Wir sind von der Polizei und haben ein paar Fragen an Sie«, leitete Hübner geschwind das Gespräch ein. »Dürfen wir hereinkommen, es ist hier draußen ziemlich nass?«

»Sicherlich, wenn Sie von der Polizei sind“, meinte sie nur staunend, ließ sich aber vorsichtshalber die Dienstmarken vorzeigen.

Daraufhin ließ sie die beiden eintreten. In der anspruchslos eingerichteten Küche angelangt setzten sie sich an den einzigen Tisch, wo Frau Fichte bereits begonnen hatte, Kartoffeln zu schälen. Verlegen räumte sie die Arbeit weg und meinte nur: »Ich lebe zwar allein, aber manchmal habe ich das Bedürfnis, mir etwas Gutes zu kochen.«

Hübner und Kullmann nickten beipflichtend.

»Wir sind wegen den Arbeitskollegen Klos und Wehnert hier“, begann Hübner und erzählte ihr, was mit den beiden passiert war.

Stumm setzte sie sich an das andere Tischende und sah die beiden an, als wüsste sie nicht, wie sie darauf reagieren sollte.

»Wie gut kannten Sie die beiden?«

»Nur als Arbeitskollegen. Privat kannte ich sie nicht«, antwortete sie kurz.

Das ganze Gespräch erwies sich nicht als fruchtbar. Frau Fichte war im Innendienst in der Antragsaufnahme beschäftigt und schien ein zurückgezogener und ruhiger Mensch zu sein.

Informationen konnte man von ihr wohl keine erwarten. Den Betriebsausflug empfand sie, wie es zu erwarten war, als nette Abwechslung, wobei sie sich aber nicht näher über Einzelheiten äußerte. Nach kurzer Zeit verließen die beiden Beamten das Haus wieder und fuhren zurück zum Präsidium.

Dort herrschte reges Treiben. Der Wirt des Lokals Zur alten Mühle, wo die abschließende Betriebsfeier stattgefunden hatte, war dort und unterhielt das ganze Kollegium mit seiner lauten Stimme.

Kullmann ließ ihn ganz außer Acht, ging zielstrebig in sein Zimmer und schloss die Tür. Die laute Stimme war trotzdem ganz deutlich zu hören und er konnte jedes Wort verstehen, was ihm nicht recht war.

Er wollte seine Eindrücke ordnen und dazu brauchte er Ruhe. Aber die war ihm nicht gegönnt. Er hörte, wie der Wirt sich ausführlich darüber äußerte, wie irgendeine fremde Blondine sich verhalten hatte, was die getragen hatte, mit wem sie gesprochen hatte, ja sogar, welche Zigarettenmarke sie geraucht hatte. Aber niemand habe diese schöne Blonde gekannt. Nun wurde Kullmann hellhörig. Neugierig kam er wieder aus seinem Zimmer hervor und gesellte sich zu den Kollegen, die sich von dem Wirt unterhalten ließen.

»Aah, ist das euer Boss?«, rief er sogleich rüpelhaft, als er Kullmann kommen sah.

»Vorgesetzter, das Wort ›Boss‹ gibt es bei uns nicht“, korrigierte Kullmann ihn sogleich. »Aber fahren Sie mit Ihren Geschichten ruhig fort. Ich höre gerne zu.«

»Ja, wie ich dann schon sagte, diese Braut zog mit den aufreizenden Klamotten alle Blicke auf sich. Eine Oberweite hatte die...“, dabei machte er eine typische Handbewegung. »Da hätte man am liebsten selbst mal, na ja.« schmunzelte er. »Jedenfalls hatte diese Blondine nach einiger Zeit zwei Männer um sich herum, die sie den Rest des Abends freihielten mit ColaCognac und so. Abgeneigt war von den dreien keiner, das merkte man gleich. Als die drei dann ziemlich abgefüllt waren, sind sie dann zusammen fort. Einer der beiden ist doch tatsächlich noch mit dem Wagen gefahren, bei dem, was der getrunken hatte.« Nachdenklich schüttelte der Wirt den Kopf.

»Wer waren die beiden Männer?«, fragte Kollege Schnur.

»Die Namen kann ich Ihnen nicht sagen, aber ich würde sie sofort wiedererkennen.«

Daraufhin nahm Schnur ein Foto hervor, auf dem die beiden Toten abgebildet worden waren in den frühen Morgenstunden und hielt es dem Wirt vor die Nase. Dieser erblasste. Damit hatte er offensichtlich nicht gerechnet.

»Um Gotteswillen“, stieß er aus. »Die sind ja tot.«

»Deshalb sind Sie hier. Wir ermitteln in diesem Fall“, erklärte Hübner kurz.

»Sind das die beiden Männer, mit denen die blonde Frau fortgegangen ist?«, fragte Schnur.

»Ja, das sind die beiden.«

»Na, dann haben wir schon ’mal einen Anhaltspunkt“, lobte Hübner gleich. »Und die Blondine, würden Sie die auch wieder erkennen?«

»Das weiß ich nicht, die hatte je ’ne Sonnenbrille an.«

»Eine Sonnenbrille? In einer regnerischen Nacht? In einer dunklen Kneipe?«, meinte Hübner ironisch.

»Ja. Ich habe mir darum keine Gedanken gemacht, die Stimmung war gut, warum sollte ich da etwas Verdächtiges vermuten?«, wehrte der Wirt sich.

»Da haben Sie nun auch wieder recht. Nicht jede Blondine bringt Ihre Verehrer gleich um“, fuhr Hübner in dem gleichen Ton fort.

»Wir wissen auch nicht, ob diese Frau es getan hat“, schaltete Kullmann sich ein. »Einen Menschen zu erschießen, ist vielleicht noch gut möglich für einen Durchschnittsbürger, aber gleich zwei. Da muss schon jemand her, der sich mit Waffen und dergleichen auskennt.«

»Ach was, die beiden waren doch betrunken, die konnten wohl nicht mehr richtig reagieren«, wehrte Hübner ab.

»Das wissen wir aber nicht. Das Adrenalin kann die Reaktion trotz Alkohol erheblich verbessern«, belehrte Kullmann. »Aber wir müssen erst den Autopsie-Bericht abwarten, um zu erfahren, wie viel Alkohol überhaupt getrunken wurde.«

»Oh, das war eine ganze Menge. Also ich trinke nicht so viel, obwohl ich schon eine Menge vertrage«, meinte der Wirt.

»Und diese Blondine war gestern Abend zum ersten Mal da?«, wollte Hübner sich nochmal versichern.

»Ja, ich hab’ die vorher noch nie gesehen, die wäre mir aufgefallen, bei der Figur.«

Kullmann und Hübner zogen sich in Hübners Büro zurück.

»Da hätten wir ja mal einen Anfang«, meinte Hübner.

»Ja, es gibt ja auch in der Stadt fast keine Blondine mit einer guten Figur, die nachts Sonnenbrillen träg«, murmelte Kullmann.

»Sicherlich wäre es unsinnig, eine Fahndung nach dieser Unbekannten herauszugeben, was bedeutet, dass wir weiterhin die Mitarbeiter der Firma Schulz KG befragen müssen. Aber ist dir aufgefallen, dass weder Schulz noch diese Ida Fichte diese Blondine erwähnt haben?«

Kullmann blickte auf: »Ja richtig. Das bedeutet, wir müssen nochmal zu den beiden.«

Hübner nickte.

Die Tür ging auf und Anke Deister kam herein. Als sie sah, dass Kullmann sich auch im Büro befand, entschuldigte sie sich und verschwand schnell wieder. Kullmann schaute kurz zu seinem Kollegen, runzelte nachdenklich die Stirn und verließ dann das Zimmer mit den Worten: »Ich wollte dein Büro sowieso verlassen.«

Hübner wollte noch etwas entgegnen, doch Kullmann war bereits verschwunden.

In seinem Büro angekommen, ließ er sich in seinen Stuhl sinken und versuchte, sachlich darüber nachzugrübeln, was die Kollegin Deister wohl in Hübners Zimmer wollte. Sollte sich dort etwas abspielen, wovon er bis zu dem Zeitpunkt nichts mitbekommen hatte? Die Tatsache, dass er wohl wieder der letzte war, der betriebsinterne Angelegenheiten erfuhr, ärgerte ihn dabei weniger.

Vielmehr sorgte er sich um Anke Deister. Sie war ihm ans Herz gewachsen. Empfand er für sie doch bereits starke väterliche Gefühle, so dass der Gedanke, sie in Hübners Gunst zu wähnen, ihm einen heftigen Stich versetzte. Zu viel hatte er in den letzten 5 Jahren von Hübners Lebensgewohnheiten zwangsläufig mitbekommen. Er war ein Frauenheld und sonnte sich in seinem Glück. Unerträglich wäre es für Kullmann, dass es auch eine Frau wie Anke Deister treffen könnte. Aber was konnte er tun? Jeder Versuch, sie zu ermahnen oder zu warnen, würde das Gegenteil hervorrufen: Trotz. Also musste er wohl unbeteiligt zusehen.

Hübner stürmte in sein Zimmer und meinte in bestimmendem Ton: »Was ist, fahren wir nun zu Schulz und Fichte oder verschieben wir das auf morgen?«

»Warum dieser Überfall?«, beschwerte sich Kullmann, der sich aus seinen Gedanken gerissen fühlte. Sein Blick schweifte zum Fenster, das zum grauen Hof zeigte, auf das der heftige Regen prasselte.

Bei diesem Wetter war er trübsinnig und wusste genau, es würde ihm schwerfallen, nun zu diesen beiden hinauszufahren, und deshalb lehnte er entschieden ab. Sein Tonfall verriet, dass er Hübners Auftreten nicht duldete und dieser verschwand auch wieder ohne Widerrede. Übellaunig suchte Kullmann sich einige Akten den Fall betreffend zusammen und verließ sein Büro.

Kapitel 2

Seit Stunden flimmerte schon der Fernseher vor sich hin. Werbung über Pflegelotion oder Waschpulver, ab und zu ein Zeichentrickfilm oder eine Reportage über Tierversuche bis endlich der Aktuelle Bericht seine Anfangsmusik ertönen ließ. Schnell legte sie das Bügeleisen nieder und setzte sich auf das kleine Sofa vor dem Flimmerkasten, wo sie sich bereits ein gemütliches Nest aus mehreren Wolldecken zusammengebaut hatte.

Nach der Begrüßung des Fernsehsprechers ging es gleich mit den Nachrichten des Tages los.

»In den frühen Morgenstunden machte ein Jogger einen grausigen Fund. Zwei Leichen wurden in einem offenstehenden PKW aufgefunden, die Schusswunden im Bereich des Kopfes und der Brust aufwiesen. Es handelt sich dabei um Herbert Klos, 39 Jahre alt und verheiratet und um Jürgen Wehnert, 41 Jahre alt und auch verheiratet. Das Landeskriminalamt hat eine Sonderkommission gebildet, um diese schreckliche Tat schnellstmöglich aufzuklären.

Es fehlt ihr bisher jedoch jede Spur.«

Es wurden Fotos von den beiden Betroffenen ausgestrahlt.

Diese Fotos waren garantiert schon mehrere Jahre alt, dachte sie verärgert. Sie zeigten die beiden von ihrer schönsten Seite. Versuchte die Presse, die Tat auf diese Weise dramatischer zu schildern, als sie wirklich war?

»Für Hinweise von Zeugen können Sie folgende Telefonnummer anrufen. Das Landeskriminalamt nimmt alle Hinweise entgegen.«

Dann ging es weiter mit Politik.

Mit gemischten Gefühlen wandte sie sich wieder dem Bügeleisen zu. Vor ihr lag ein graues, einfaches und hochgeschlossenes Sweatshirt und wartete darauf geglättet zu werden. Sie konnte sich jedoch nicht darauf konzentrieren. Die Fotos, die die Presse über den Fernseher ausstrahlte, hatten sie etwas aus dem Konzept gebracht. Sie wirkten so jugendlich und unscheinbar, schon fast nett. Wollte die Presse Mitleid für die beiden erregen, damit der Hass auf den Mörder nur noch größer und die Hilfsbereitschaft stärker wurde? Wer kannte diese beiden wirklich? Sie kannte sie besser als alle anderen. In den letzten beiden Jahren hatte sie genug über sie in Erfahrung gebracht. Lange genug hatte sie sich selbst blenden lassen, sie musste Lehrgeld bezahlen. Aber nicht nur sie, was ihr ein wenig Trost spendete. Sie war mit Sicherheit nicht der einzige Mensch, der sich über den Tod der beiden freute.

Das Telefon klingelte. Es war eine seit etwa zwei Jahren eng vertraute Person, Eva.

»Ich habe gerade den Aktuellen Bericht gesehen«, meinte Eva.

»Ja, ich auch.«

»Das einzige, was mich störte, waren diese Fotos. Sie sahen darauf so nett aus, so etwas nennt man Täuschungsmanöver. Was wollen die damit erreichen?«

»Das weiß ich auch nicht. Aber ich denke, die Polizei wird noch erfahren, was für Menschen sie waren.«

»Kommst du mich morgen besuchen? Ich bin morgen den ganzen Tag allein. Mein Mann fährt mit Markus in den Holiday-Park.«

»Ja, das ist eine gute Idee.«

Die beiden hängten ein.

*

An der Haustür klingelte es Sturm. Unter Murren beeilte Kullmann sich, um zu vermeiden, dass der junge Kollege noch mehr Lärm veranstaltete zu dieser frühen Zeit.

Es war Sonntagmorgen und es regnete nicht mehr. Einige Sonnenstrahlen arbeiteten sich mühsam durch die grauen Wolken und ließen den neuen Tag in einem Zwielicht erscheinen. Blinzelnd öffnete der Alte die Tür und grummelte etwas, was ein Guten-Morgen-Gruß sein sollte.

»Ich hoffe, du hast was Wichtiges so früh am Morgen.«

»Klar, die Ergebnisse einiger Befragungen. Ich dachte es interessiert dich“, stürmte der junge Mann ins Haus hinein.

Kullmann bewohnte ein kleines altes einstöckiges Haus im Ortsteil Schafbrücke mit einem ordentlich angelegten Vorgarten, einer kleinen Terrasse, die das ganze Jahr über leer stand, und einem kleinen Garten, den die Kinder aus der Nachbarschaft zum Spielen belagerten. Er selbst verbrachte wenig Zeit in diesem Häuschen, das zu einer Seite auf das verträumte Grumbachtal blickte und zur anderen Seite auf den regen Verkehr der Kaiserstraße, die Hauptverbindungsstraße zum Zentrum der Stadt Saarbrücken.

Beim Betreten dieses Hauses überkam Hübner ständig das Gefühl, von der Haustür zum Wohnzimmer in eine andere Welt zu treten. Aus dem Verkehrslärm, dem ständigen Autohupen, dem Menschengewirr in die Stille, die sich auf der anderen Seite des Hauses über den kleinen Wald und die grünen Hügel erstreckte. Augenblicklich hatte sogar Hübner das Gefühl, entspannter zu sein. Genüsslich ließ er sich auf das Sofa sinken und ließ seinen Blick durch das Fenster zum Garten schweifen, der zur frühen Stunde noch völlig ruhig und leer war. Kullmann kam einige Minuten später hinter seinem Kollegen her und stellte zwei alte Sammeltassen auf den Tisch, in die er einen gut duftenden Kaffee einschenkte.

»Ich weiß zwar nicht, ob du bereits bei einer deiner ›Damen‹ Kaffee bekommen hast, biete ihn dir aber trotzdem an«, bemerkte er dazu.

Hübner ging auf diese Anspielung gar nicht ein, sondern kam gleich zum Thema.

»Also Frau Ida Fichte war schon früh gegangen, sie hatte diese blonde Frau nicht mehr gesehen, das war zu erwarten und Adrian Schulz hatte ihr keine Bedeutung beigemessen. Der wusste gar nicht, dass die beiden noch mit ihr weitergezogen sind.«

Weiterhin erzählte er von den Ergebnissen seiner Befragungen, wonach er systematisch alle Mitarbeiter der Fa. Schulz KG besucht hatte, die sich infolge der Betriebsfeier bis spät in die Nacht, alle zu Hause aufgehalten hatten.

Zuerst war er bei einem Kollegen, der im Bereich Auftragsannahme beschäftigt war. Ein unangenehmer Mann, der ständig zweideutige Bemerkungen über die Mitarbeiter machte. Als er zum Thema der geheimnisvollen Blondine kam, holte er erst richtig aus und berichtete, dass der Kollege Klos bei einem Fest niemals die Finger von den Frauen lassen konnte, obwohl er verheiratet war.

Aber das hatte ihn nie daran gehindert, jede Gelegenheit zu nutzen und alles zu versuchen. Wie weit er wirklich ging, konnte er nicht sagen. Darüber hatte Herbert Klos nur wichtigtuerische Andeutungen gemacht. Im Fall der geheimnisvollen Blondine konnte er jedoch mit Bestimmtheit sagen, dass sie zur späten Stunde mit dem Wagen von Klos verschwunden waren.

»Und von Wehnert war nicht die Rede?«, erinnerte Kullmann den eifrigen jungen Kollegen daran, dass Klos nicht das einzige Opfer war.

»Der Zeuge behauptete, die beiden Kollegen waren dafür bekannt, unkonventionellen Sex zu praktizieren, in unserem Fall bedeutet das, sie waren zu dritt«, erklärte Hübner grinsend.

»Was veranlasst diesen Zeugen zu solch einer Aussage?», zweifelte Kullmann.

»Angeblich hatten beide nach dem Betriebsausflug vor zwei Jahren mächtig damit geprahlt. Dieses Thema schien ihn eindeutig zu amüsieren.«

»Was ereignete sich vor zwei Jahren?«, fragte Kullmann verwirrt. Er konnte keine Zusammenhänge erkennen.

»Damals hatten die beiden Opfer ein ähnliches Abenteuer mit einer gewissen Elvira Reinhardt. Sie war bis zu diesem Zeitpunkt in der Firma Schulz KG beschäftigt. Mit ihr sind sie auch in der Nacht zusammen weggegangen. In der folgenden Woche hatten sie nichts Besseres zu tun, als ständig bis ins Detail darüber zu plaudern, was vorgefallen ist.«

»Wie scheußlich“, schüttelte Kullmann verächtlich den Kopf.

»Und was hat Elvira Reinhardt darüber erzählt?«, wollte er wissen.

»Direkt nach dem Betriebsausflug hatte sie gekündigt.«

»Und das war alles vor zwei Jahren?«, staunte Kullmann.

Hübner nickte.

»Was war daran so ungewöhnlich, dass der Kollege alles noch so genau in Erinnerung behalten hat?«

»Nach seinen Worten lag es an den Kollegen Klos und Wehnert. Diese beiden waren die Partylöwen, ohne sie lief nichts, kam keine Stimmung auf. Es werden in dieser Firma lediglich ein Betriebsausflug und eine Weihnachtsfeier veranstaltet, mehr läuft in dem Laden nicht. Letztes Jahr waren die beiden auf dem Betriebsausflug nicht dabei. Aus diesem Grunde war der Ausflug völlig uninteressant und vor allen Dingen keinem besonders im Gedächtnis haften geblieben«, erklärte Hübner weit ausschweifend. „Nach seiner Aussage war Klos der Anstifter und Wehnert lief in seinem Schatten herum. Klos hatte sich auch stets bei den weiblichen Bediensteten eingeschmeichelt und bei den Herren der Schöpfung mit seinen Jagdtrophäen gebrüstet. Er hat wohl mehr als einer Frau mit seiner Lebensweise wehgetan.«

Kullmann lauschte gespannt Hübners Worten, die wie ein Wasserfall auf ihn hernieder prasselten. Als endlich Stille eintrat fragte er nur kurz: »War das alles?«

Hübner stutzte. »Ich denke, das ist ein Anfang.«

»Meinst du, wir sollten nun nach betrogenen Ehemännern fahnden, wo wir noch nicht einmal die Namen der Frauen wissen, die Kontakt zu Klos hatten?« Die Ironie in Kullmanns Stimme wuchs.

»Wusstest du, dass der Vater von Klos vor einigen Jahren Landtagsabgeordneter war?« versuchte Hübner abzulenken.

»Ja. Josef Klos wurde vor 14 Jahren ermordet. Die Tat wurde allerdings nie aufgeklärt. Man behauptete, es sei ein politisches Motiv gewesen, wobei ich kaum glauben kann, dass es in unserem kleinen Land so wichtige politische Bewegungen geben kann«, murrte Kullmann, stand auf und ging auf das Fenster zu, um den Anblick seines sonnenbeschienenen Gartens zu genießen.

»Ich glaube, du bist mit dem falschen Fuß aufgestanden«, knurrte Hübner, mittlerweile in seinem Enthusiasmus gebremst. »Jedenfalls dachte ich, es würde dich interessieren.«

»Hast du nicht noch andere Mitarbeiter befragt?«

»Doch, zum Beispiel den jungen Nachfolger von Elvira Reinhardt. Aber er ist ruhig und hat auch wenig zu berichten. Allerdings gibt es da noch diese Angestellte im Personalbüro. Die war gesprächiger.«

»Zum Beispiel?«, forderte Kullmann den Kollegen auf, genauer zu werden.

»Sie sah in Herbert Klos einen stets gut gelaunten Menschen, der immer zu Späßen bereit war und beste Laune unter den Kollegen verbreitete.«

»Und seine Frauengeschichten? Für gewöhnlich reagieren Frauen auf so was doch viel sensibler als Männer“, schlürfte Kullmann seinen Kaffee, ohne Hübner dabei aus den Augen zu lassen.

»Das hat sie seltsamerweise völlig heruntergespielt. Sie meinte, ihr hat sein sprühendes Temperament gut gefallen, der Rest interessierte sie angeblich nicht.«

Kullmann nickte.

»Also die Personalangestellte kommt schon mal nicht in Verdacht.« stellte er trocken fest. Hübner stöhnte: »Heute kann man es dir aber gar nicht recht machen. Nur so können wir uns irgendwann ein Bild von den Ermordeten machen.«

»Irgendwann hätte ich gerne ein genaues Bild vom Täter“, knurrte Kullman als Entgegnung.

»Von den anderen war nicht viel zu erfahren«, ging Hübner auf die Anspielung gar nicht ein. „Die blonde Frau kennt niemand, und dass die beiden mit ihr weggegangen sind, empfanden alle als ganz normal. Nur noch ein älterer Kollege erwähnte ebenfalls diese Geschichte mit Elvira Reinhardt. Er sagte auch, dass es sonderbar war, dass Frau Reinhardt direkt nach dem Betriebsausflug gekündigt habe, wo sie doch eine ganz gut bezahlte Stellung innehatte.«

Kullmann nickte nachdenklich. Dann ging er zu seiner Regalwand, die sich über die ganze Wand ausdehnte und mit Büchern völlig zugestellt war. Dort zog er eine Akte heraus und warf sie vor Hübner auf den Tisch.

»Das ist die Akte von Herbert Klos. Die ist wirklich interessant. Vor 15 Jahren lief ein Verfahren gegen ihn wegen Vergewaltigung eines 16jährigen Mädchens. Ich hatte damals sogar gegen Klos ermittelt. Nachdem ich das gelesen habe, ist es mir auch wieder eingefallen. Das Verfahren wurde eingestellt, weil der Vater seine politischen Verbindungen spielen ließ.«

Hübner war perplex. Eine Weile war alles still. In die Stille fragte er: »Was ist aus dem Mädchen geworden?«

»Sie nahm sich das Leben mit Tabletten.«

Wieder folgte Stille.

Diese Nachricht machte Hübner stutzig. Der Eindruck, den man ihm gerade von Herbert Klos vermittelt hatte, war ein ganz anderer.

»So, wie mir Herbert Klos beschrieben wurde, hatte er es gar nicht nötig, eine Frau zu vergewaltigen. Gibt es denn auch solche Überraschungen in der Akte Jürgen Wehnert?«

»Nein, sein Leben verlief eigentlich normal. Er ist schon 18 Jahre verheiratet und hat eine Tochter, die schon 16 ist. Ich vermute, dass das Ehepaar Wehnert den Vergewaltigungsfall mitbekommen hat. Ich werde deshalb auch wieder zur Frau Wehnert hinfahren müssen.«

»Ich werde mit dir fahren“, bestimmte Hübner eifrig, trank seinen Kaffee aus und stand auf.

Malstatt, der Stadtteil, in dem die Familie Wehnert lebte, war zu dieser frühen Stunde menschenleer. Bierflaschen lagen am Straßenrand, zerknüllte Zigarettenschachteln, und Hundekot auf dem Bürgersteig. Alles war trist und grau. Die Sonne, die den Kampf gegen die grauen Regenwolken gewonnen hatte, konnte nicht bis in dieses Viertel vordringen, zu dicht standen die Häuser aneinander. Ein Betrunkener stolperte aus einem Flur heraus und schritt den Bürgersteig entlang, bemüht, nicht umzufallen. Ein streunender Hund schoss hinter einer Mülltonne hervor und folgte dem Betrunkenen. Von diesen Eindrücken bedrückt gingen die beiden Polizisten zum Haus der Familie Wehnert und klopften an.

»Moment«, hörten sie eine Mädchenstimme.

Dann wurde geöffnet und vor ihnen stand ein junges bildhübsches Mädchen mit langen blonden Haaren, großen dunklen Augen und einer hochgewachsenen, schlanken Figur.

»Wir kommen von der Polizei und wollten zu Frau Wehnert.« Hübner war fasziniert von diesem Anblick. Das Mädchen trug nur ein dünnes Hemdchen, so dass man ihre wohlgeformte Brust darunter gut erkennen konnte.

»Meine Mutter ist im Wohnzimmer, kommen sie doch herein«, lud sie die Herren ein.

»Sind sie immer so offenherzig und lassen jeden herein?«, wollte Kullmann wissen, der diesen Leichtsinn nicht schätzte.

»Warum fragen sie so was? Sie sagten doch, sie sind von der Polizei«, gab das Mädchen zurück.

»Weil man in diesem Aufzug nicht jeden fremden Mann empfängt.«

»Darin wird Elena sich niemals ändern«, stand plötzlich die Mutter im Flur, die dieses Gespräch mitbekommen hatte. »Erst muss etwas passieren.«

»Und genau das wollen wir nicht.«

»Weshalb kommen sie mich besuchen?«, fragte Frau Wehnert und bat die beiden ins Wohnzimmer. Auf der Couch lagen noch eine Wolldecke und ein Kopfkissen, welches Frau Wehnert schnell wegräumte.

»Ich konnte heute Nacht nicht im Bett schlafen, da habe ich mich auf die Couch verzogen«, erklärte sie entschuldigend und schaute Kullmann und Hübner dabei an.

Ihre Augen waren rot und tiefliegend. Dunkle Ränder hatten sich gebildet und das Make-up war verschmiert. Ihr ganzer Zustand war ungepflegt und vernachlässigt im Gegensatz zum Tag vorher. Sie sah älter aus.

»Wie geht es Ihnen heute?«, fragte Kullmann, dem der schlechte Zustand keinesfalls entgangen war.

»Ich muss versuchen, wieder die Gegenwart zu finden, dann geht es wieder.« Tränen liefen die Wangen hinunter, aber sie bemühte sich, nicht zu schluchzen. »Wissen Sie, seit gestern sitze ich nur noch hier und erinnere mich an die lange Zeit, die wir zusammen waren. Jürgen war meine Jugendliebe, mein ganzes Leben bestand nur aus ihm. Es fällt mir schwer, nach so vielen gemeinsamen Jahren, neu zu denken. Nach vorne zu denken. Wissen Sie, ich habe niemals eine Entscheidung ohne ihn getroffen, nie etwas alleine tun müssen. Ich muss das alles jetzt neu lernen. Aber ich glaube, das Problem versteht niemand?« Hektisch wischte sie sich die Tränen weg.

Kullmann nickte bedächtig. »Wir sind bemüht, Sie zu verstehen. In unseren Dienstjahren haben wir schon viel Leid gesehen, und glauben Sie, es tut uns auch weh, die Menschen leiden zu sehen. Aber wir müssen Ihnen einige Fragen stellen, Sie sind doch sicherlich daran interessiert zu erfahren, wer das getan hat.«

»Nein, eigentlich nicht. Ich versuche nur, nach vorne zu sehen.

Ich kann mich nicht damit befassen, ich muss so tun, als würde ich alles vergessen«, wehrte sie heftig ab. Auf die verwunderten Blicke der beiden Polizeibeamten fügte sie hastig an: »Trotzdem ich bin bereit Ihnen zu helfen, wie ich kann.«

»Wie lange kannten Ihr Mann und Herbert Klos sich denn?«

»Bestimmt schon 20 Jahre. Jürgen und ich waren schon zusammen, als wir 15 waren. Damals war alles so toll, die ganze Welt war rosarot. Dann, so etwa nach 5 Jahren, lernte er Herbert kennen und es veränderte sich einiges. Aber ich war so verliebt, dass ich es akzeptieren musste, dass Jürgen nun auch oft mit Herbert zusammen sein wollte. Herbert drängte sich eigentlich richtig in unsere Freundschaft. Er versuchte damals auch, Jürgen zu überreden, mich nicht zu heiraten, aber da hatte er unsere Liebe unterschätzt. Jürgen hat sich ihm widersetzt. Das kam nicht oft vor, dass er Herbert widersprach, aber in diesem Falle gab es für Jürgen keine Zweifel.«

»Mochte Herbert Sie nicht?«

»Herbert liebt alle Frauen, nur auf seine Art. Er hätte auch mit mir geschlafen, wenn ich es gewollt hätte, ohne Rücksicht auf seinen besten Freund. Herbert hatte kein Gewissen. Er nahm die Frauen und ließ sie wieder fallen. Er sah eben gut aus und das war sein ganzes Kapital. Im Leben war er eine Niete.«

»Warum war er eine Niete? Er hatte doch eine gute Arbeit und eine Familie.«

»Naja, die Arbeit hatte Jürgen ihm besorgt und seine Frau hat er nur geheiratet, weil sie von ihm schwanger war. Das war etwas Neues, eigene Kinder. Allerdings änderte das nichts an seinem Lebenswandel. Er betrog Anne rücksichtslos. Was er den ganzen Frauen damit antat, interessierte ihn gar nicht.«

»Sie hielten nicht viel von Herbert Klos?«, fragte Kullmann mehr rhetorisch.

»Nein. Er wollte immer Jürgen mitziehen, aber es gelang ihm nicht. Jürgen hatte Charakter und liebte mich. Dass es Herbert einmal treffen würde, konnte man sich fast denken. Eine der ausgenutzten Frauen würde sich bestimmt rächen, oder ein betrogener Ehemann, das dachte ich mir schon lange. Aber dass es auch noch Jürgen treffen musste, das war nicht fair. Jürgen musste bestimmt nur sterben, weil er gerade mit Herbert zusammen war. Diese Tat galt ihm nicht, da bin ich sicher.«

»Wussten Sie, dass Herbert Klos einmal ein 16jähriges Mädchen vergewaltigt hatte?«

»Ja«, nickte Frau Wehnert nachdenklich, »Marita Volz.«

Sie schwieg eine kurze Weile, dann berichtete sie: »Das bekam doch jeder mit. Herbert stellte es so hin, als habe diese Marita ihn scharfgemacht und es sei mit ihrer Einwilligung geschehen. Aber das stimmte nicht. Ich kannte das Mädchen und wusste, dass sie so etwas niemals tun würde.«

»Was war Marita für ein Mensch?«

»Marita lebte zurückgezogen. Sie war ruhig und häuslich. Ihre Freizeit verbrachte sie nur zu Hause, bei ihrem Vater, oder in der Nachbarschaft, um dort Kinder zu hüten. Ihre Mutter hatte sie viel zu früh verloren.«

Kurzes Schweigen trat ein.

»So wie ich Marita kannte, war es für mich unvorstellbar, dass sie es auf ein Abenteuer angelegt haben sollte. Kannten Sie sie?«

Kullmann nickte.

„Liege ich mit meiner Meinung falsch?«, vergewisserte sie sich.

Darauf konnte Kullmann nur den Kopf schütteln.

Um auf ein anderes Thema zu kommen, fragte er: »Kannten Sie die Frauen, die mit Herbert zusammen waren?«

»Nur eine, das war auch noch eine Freundin von mir, dadurch hatte er sie kennengelernt. Lange hatte ich es bereut, dass die beiden durch mich zusammengekommen sind. Sie war fast daran zerbrochen, sie ist sowieso sensibel.« Als sie die interessierten Blicke der Polizisten bemerkte, fügte sie schnell an: »Aber sie hat es bestimmt nicht getan, sie lebt nicht mehr hier. Sie ist vor einigen Jahren mit einem Mann ins Ausland gezogen.«

Elena trat hinzu. Sie hatte das ganze Gespräch mit angehört und bemerkte nur trotzig: »So schlimm, wie meine Mutter Herbert hinstellt, war er gar nicht. Sie war nur eifersüchtig auf ihn. Immer wenn Herbert kam, ist Vater mit ihm fortgegangen, deshalb.«

»Deine Meinung ist gar nicht gefragt“, schimpfte die Mutter.

»Doch, doch, wir wollen von allen die Meinung hören“,

beschwichtigte Hübner mit einem interessierten Blick auf das hübsche Mädchen, das es sichtlich genoss, so angesehen zu werden.

»Wie gut kanntest du Herbert?«, fragte er dann.

»Gut genug, warum?«

»Kann es sein, dass du ihn gern hattest?«

Kullmann schaute bestürzt auf Hübner, weil er den Verdacht, den der Kollege hegte, bereits ahnte.

»Ja, er war immer lustig und nett.«

»Bist du mit ihm ausgegangen?«

Elena schwieg. Überrascht schaute die Mutter auf den jungen Mann und auf Elena. »Was stellen Sie denn für Fragen? Glauben Sie, Herbert habe auch etwas mit meiner Tochter gehabt? Also ich muss schon bitten.«

»Nein, ich glaube nur, dass die beiden befreundet waren. Das bedeutet doch nichts Negatives, oder?«, erwiderte Hübner streng, weil er diesen Gedanken nicht abwegig fand.

Frau Wehnert entgegnete nichts, allerdings ließ ihre Miene vermuten, dass sie dem auch nicht zustimmen wollte. Feindselig funkelte sie Hübner nur noch an.

»Es ist besser, wir gehen jetzt«, schaltete Kullmann sich ein, weil die Atmosphäre eine ungünstige Spannung angenommen hatte.

Unter diesen Voraussetzungen würden sie ohnehin nichts mehr erreichen. Rasch verabschiedeten die beiden sich und verließen das Haus.

»Was willst du mit diesen Fragen erreichen? Sie bringen uns nicht weiter, sie handeln uns nur Ärger ein«, schimpfte Kullmann, kaum dass sie im Auto saßen.

»Wir müssen doch Motive für die Tat finden«, entgegnete Hübner erbost.

»Ach, du glaubst also, Frau Wehnert hat aus Rache Herbert erschossen, weil dieser mit ihrer Tochter das Gleiche tat, wie mit allen anderen Frauen und erschießt aus Versehen ihren eigenen Mann noch mit?«

Hübner schwieg. Er musste sich eingestehen, dass es nichts mehr zu widersprechen gab. Vermutlich hatte er sich falsch verhalten.

So fuhren sie nun durch das mittlerweile sonnenbeschienene Wohnviertel hindurch in Richtung Innenstadt, wo sich das Landeskriminalamt befand. Kullmann versank wieder völlig in seinen Gedanken. Er bemühte sich, den Fall dieser Marita Volz ins Gedächtnis zu rufen, aber es gelang ihm nur bruchteilhaft. Wie viel war im Laufe dieser Zeit wohl schon passiert, dass schon so viel in Vergessenheit geraten war?

Anke Deister war an diesem Sonntagmorgen auch da und überraschte die beiden mit frischem Kaffee und frischen französischen Hörnchen. Kullmann schüttelte den Kopf, als er sie wieder sah.

»Sie sind unverbesserlich. Warum genießen Sie nicht auch ’mal Ihr Wochenende?«

»Weil ich genau wie Sie nicht anders kann. Hier habe ich auch wieder etwas gefunden, was ganz interessant sein könnte«, meinte sie nur und zeigte Kullmann ein Aktenstück aus einer Gerichtsakte von dem besagten Fall Marita Volz.

»Wo haben Sie das her?«, fragte Kullmann ganz überrascht.

»Das war in einer ganz alten schon abgelegten Akte von Herbert Klos. Ich dachte mir, es schadet nichts, in der Vergangenheit herumzuwühlen, und es hat sich bestätigt, wie man sieht. Hier geht es um…«

»Ich weiß um was es hier geht“, unterbrach Kullmann und verschwand mit dem Aktenstück, einer Tasse Kaffee und einem Hörnchen in seinem Büro.

Die Akte enthielt den Beginn eines Prozesstages, der wegen des schlechten körperlichen Zustandes der Klägerin, Marita Volz, abgebrochen werden musste.

Es war der 11. Oktober 1975 im Gerichtssaal der Staatsanwaltschaft:

Der Verteidiger von Marita Volz, ein Pflichtverteidiger ohne jegliche Referenzen im Strafrecht, wie Kullmann sich wieder erinnerte, war an diesem Fall nicht besonders interessiert, weil es ihm bei seinem beruflichen Erfolg nicht weiterhelfen konnte. Er hieß Walter Gaus.

Die Befragung begann mit einer Mitschülerin namens Dietlinde Becker, deren Meinung unerschütterlich blieb. Sie hielt an der gesamten Verhandlung daran fest, dass Marita sich niemals freiwillig mit Herbert Klos getroffen hatte. Ganz im Gegenteil: Herbert hatte sie immer wieder mit seinen Besuchen überrascht, sogar überfallen, so dass Marita keine Wahl hatte. Auch äußerte Dietlinde, dass Marita keinerlei Freundschaften dieser Art gesucht hatte. Im Gegenteil, sie beteuerte immer wieder und beharrlich, Marita Volz habe sogar Angst vor Herbert Klos gehabt. Diese Aussage hatte den Verteidiger, Eberhard Kluge, allerdings aus der Fassung gebracht, weil sie keinesfalls in seine Theorie des freiwilligen Liebesaktes hineinpasste.

Aber Dietlinde ließ nicht locker. Sie beharrte darauf, bestens über alle Wünsche und Ängste ihrer Freundin Marita informiert zu sein, um somit auf keinen Fall den Eindruck zu bekräftigen, sie habe eingewilligt. Denn das war das Schlimmste, was einem Vergewaltigungsopfer passieren konnte. Trotz allem war es dem Verteidiger gelungen, nach langem Bemühen, eine Antwort aus Dietlinde zu entlocken, die ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellte. Sein Ziel war es klarzustellen, dass Dietlinde nicht alle Ängste und Wünsche Maritas gekannt haben kann, da eine derartige Freundschaft unvorstellbar war. Und so fragte er: Wenn man nicht ausdrücklich nach etwas fragt, ist es ja nicht verheimlicht worden, sondern einfach nur nicht zur Sprache gekommen.

Ist auch diese Möglichkeit bei Ihnen beiden als Busenfreundinnen völlig ausgeschlossen?

Diese Möglichkeit war nicht völlig auszuschließen. Damit war der erste entscheidende Schritt für den Freispruch von Herbert Klos getan.

Kullmann legte das Aktenstück zur Seite und grübelte. So nach und nach erinnerte er sich wieder an den Fall. Er selbst war auch als Zeuge geladen und hatte daraufhin die Verhandlung weiter beobachtet. So wie er sich nun erinnern konnte, hatte Marita damals keinerlei Chance gehabt, diesen Prozess zu gewinnen, der nur von Männern geführt wurde. Sogar ihr Anwalt, der Pflichtverteidiger, erschien ihm so, als sei er von Maritas Rolle als Opfer nicht überzeugt. Je länger er nachdachte, umso mehr fiel ihm wieder zu diesem Fall ein. Er selbst hatte damals Klos in seinem Elternhaus verhaftet mit dem Verdacht auf Vergewaltigung. Die Überheblichkeit in Klos’ Gesicht hatte ihn damals schon so entsetzt, dass er sich damals schon gewünscht hatte, dieser Kerl würde verurteilt und hinter Gitter kommen. Aber all’ seine Bemühungen hatten nicht ausgereicht. Mit genau der gleichen Überheblichkeit grinste Klos ihn damals im Gerichtssaal an, als er freigesprochen wurde, aus Mangel an Beweisen, und als freier Mann hinausging.

Wieder und wieder las Kullmann die Akte und versank ganz in der Vergangenheit vor 15 Jahren, als der Fall Marita Volz eine ganze Stadt beherrschte. Er erinnerte sich wieder gut daran, wie viele seiner Kollegen betroffen waren, ganz besonders nach dem Freitod des Mädchens. Marita war, so wie er sie in Erinnerung hatte, nach der grauenvollen Tat, ein dünnes, schon fast durchsichtiges Mädchen geworden.

Die Haut war weiß, ihr Gesicht, das bestimmt einmal hübsch gewesen war, war eingefallen und wirkte durch die Umrahmung der dicken, lockigen dunklen Haare ganz klein und verletzlich. Ihre Augen hatten tiefe schwarze Schatten, die niemals verschwanden. Ein Lächeln konnte man nie sehen, auch wenn man sich noch so bemühte, sie abzulenken, zu erheitern oder zu unterhalten. Sie blieb immer ernst. Sie war zerstört durch diesen Menschen, Herbert Klos. Und nun war Herbert Klos tot. Klein und zusammengesackt hatte er am Steuer seines Wagens mit dem Kopf auf dem Lenkrad vor ihm gelegen. Keine Überheblichkeit mehr, nein, eher die Erkenntnis, dass seine Art zu leben eigene Gesetze hat.

Leise klopfte es. Froh darüber, dass er endlich von diesen schrecklichen Gedanken losgerissen wurde, rief Kullmann: »Herein!«

Anke Deister trat ein.

»Nanu, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?«

Wehmütig lächelnd ging sie an seinen Schreibtisch und setzte sich ihm gegenüber.

»Sie haben wirklich gute Arbeit geleistet«, lobte Kullmann sofort, aber Anke winkte nur ab.

»Deshalb komme ich nicht.«

Kullmann entgegnete nichts. Er wusste, sie würde von alleine zu sprechen beginnen.

»Ich kannte Marita Volz. Sie lebte in der Nachbarschaft und war drei Jahre älter als ich. Ich hatte damals auch von diesem Fall mitbekommen, ich erinnere mich ganz genau, ich hatte nämlich viel um Marita geweint.«

»Mochten Sie sie so gerne?«

»Wer Marita kannte, musste sie mögen. Sie war der Inbegriff von Liebe und Zärtlichkeit, sie war bei uns Kindern und auch bei älteren Menschen etwas Besonderes. Sie kam oft zu mir herüber, wenn meine Eltern mich allein im Haus ließen. Das waren immer tolle Tage. Marita hatte so etwas Positives an sich. Immer wenn ich böse oder wütend war, konnte sie mich mit ihrer Ausgeglichenheit so besänftigen, dass ich meine eigenen Gefühlsausbrüche nicht mehr verstand. Sie kam mir damals immer vor wie ein guter Engel.«

»Hatte Marita viele Freunde in der Nachbarschaft?«

»Ja, sie hütete viele Kinder aus der Nachbarschaft und alle Mütter waren froh über Marita, weil sie so zuverlässig war und alle Kinder sie liebten.«

»Wissen Sie Anke«, stöhnte Kullmann schwerfällig, »dieser Fall macht mich so unendlich traurig. Meine Stimmung ist in den letzten Jahren ohnehin nicht mehr die beste, aber dieser Fall setzt allem die Krone auf. Am liebsten würde ich das Handtuch werfen und etwas ganz Neues anfangen. Aber was?« Verächtlich lachte er über sich selbst. »Außer der Polizeiarbeit kann ich nichts. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Elend, Leid und Unglück zu sehen. Mit zuzusehen, wie Menschen vernichtet wurden, ohne ihnen helfen zu können. Lange Zeit krampfhaft bemüht, etwas zu verändern auf dieser schlechten Welt, und doch nichts erreicht. Alles was ich wirklich erreicht habe, ist, dass ich alt geworden bin, die Last vieler Schicksale mit mir herumtrage und mich im Kreis bewege. Und nun das hier. Dieser Fall hatte mich damals schon bewegt. Nun muss er doch tatsächlich wieder mit all seiner Macht in mein Gemüt eindringen und mich an mein damaliges Versagen erinnern. Anstatt abzuschalten, zu vergessen, werde ich wieder auf Fälle gestoßen, die längst Vergangenheit sein sollten.« Leise seufzte er und fügte schicksalsergeben an: »Möglicherweise muss es so sein, denn es gibt zu viele Schicksale, bei denen ich nicht helfen konnte - wo die Gerechtigkeit ihren eigenen Weg gegangen ist. Auf diese Weise soll ich noch kurz vor meinem Ende wieder daran erinnert werden, dass ich einfach versagt habe. Ich soll den Platz wohl für jemanden frei machen, der dieses Elend besser in den Griff bekommt. Vielleicht ist das das Resümee meiner 30 Dienstjahre.«

Anke schüttelte heftig den Kopf: »Um Gottes willen, Kullmann. So dürfen Sie niemals denken. Sie haben mit Gewissheit mehr geleistet für die Gesellschaft als manch einer von uns es jemals schaffen wird. Wo kämen wir hin, wenn wir bei dieser Arbeit keine Moral hätten. Sie sind unsere einzige Säule der Moral. Solche Leute brauchen wir einfach. Sie arbeiten für das Gesetz, wie es niemand sonst fertig bringt. Wo wären wir hier ohne Sie? Wir anderen sind doch viel zu impulsiv und unerfahren, um ihre Arbeit so souverän ausführen zu können. Von Ihrer Erfahrung können wir nur lernen.

Leider hat jeder Fall zwei Seiten, da gibt es nicht einfach ein ›Ja‹ und ein ›Nein‹. Unsere Aufklärungsarbeit wird davon nicht tangiert. Was die Justiz am Ende daraus macht, darauf haben wir keinen Einfluss. Glauben Sie trotzdem niemals, nichts erreicht zu haben. Sie sind hier für uns ein großes Vorbild.«

Kullmann lächelte schwach. Er fühlte sich auch schwach. Die Erinnerung an Marita Volz hatte seinem ohnehin schwachen Selbstvertrauen einen bösen Rückschlag versetzt. Jedoch in der Kollegin Anke Deister sah er einen Hoffnungsschimmer. Sie war in ihren jungen Jahren schon so erfahren und klug, sie kannte die Menschen, konnte auf sie eingehen, verstand es mit Opfern und Tätern umzugehen, sie war die Richtige für diese Arbeit. Sie war bedacht und sachlich, niemals kam von ihr ein voreiliges Urteil.

»Ich bin froh, dass ich Sie habe, wirklich. Sie machen nicht nur eine hervorragende Arbeit, sondern schaffen es auch immer wieder, mich aufzumuntern und von senilen Gedanken abzulenken.«

»Also ich muss schon bitten, Sie sind nicht senil.«

»Wie kann man einem Menschen wie dieser Marita nur ein Leid zufügen? Verstehen Sie so was? Ich kann es nicht begreifen. Ich erinnere mich wieder gut an sie, sie war so zierlich und zerbrechlich und still«, murmelte Kullmann. Er schien sich fast völlig in der Vergangenheit zu bewegen.

Herbert Klos saß in dem Gerichtssaal und grinste immer wieder zu Kullmann herüber, der gerade als Zeuge vernommen wurde. Er wurde über die Beweise und Indizien befragt, die für Herbert Klos’ Schuld sprachen. Während der Verteidiger von Marita Volz ihn vernahm, war Kullmann sogar zuversichtlich, so wie die Vernehmung verlaufen war. Ja zuversichtlich war er, erinnerte er sich mit einem verächtlichen Schnauben. Er hatte doch tatsächlich geglaubt, mit seinen lächerlichen Beweisen, wie zum Beispiel die Blutgruppe des Mädchens, die an Klos’ Kleidern gefunden wurde, etwas beweisen zu können. Er fühlte sich zu diesem Zeitpunkt, als er in dem Gerichtssaal saß tatsächlich als Herrscher über Recht und Unrecht.

Dabei war alles, was dieser Verteidiger ihn fragte, längst bekannt.

Der Verteidiger stand im Grunde genommen nur als Marionette dort und er hatte es erst viel zu spät erkannt. Größere Mächte hatten ihn längst verschluckt. Was interessierte diesen Mann das Leben von Marita Volz?

Sogar die Verletzungen, die Marita augenscheinlich davongetragen hatte, ließ er in dem zwielichtigen Glauben, Marita habe die Möglichkeit gehabt, sie sich selbst zuzufügen. Und doch wollte er glauben, er habe alle davon überzeugen können, dass grobes Unrecht geschehen war.

Als er an die Befragung des Verteidigers geraten war, spürte er vom ersten Augenblick an, dass er verloren hatte. Dieser Mensch konnte ohne Skrupel vorgehen, das Vorleben eines jeden Menschen an den Rand des Abgrunds stellen, ohne diesen Menschen auch nur eine geringfügige Chance zu ihrer Verteidigung zu geben. Er konnte aus einer Heiligen eine Hure machen.

Kullmann grämte sich noch heute bei der Erinnerung an dieses Verhör, das von einem Verteidiger durchgeführt wurde, der sichtlich Genuss daran empfand, das Gesetz zu verdrehen. Alle Aussagen, die es über den Fall Marita Volz gab, sprachen dafür, dass sie niemals zweifelhafte Bekanntschaften gepflegt hatte. Der Fall war so eindeutig klar, dass es zu einer Verurteilung von Herbert Klos einfach hätte kommen müssen. Aber der Fall wurde eingestellt aus Mangel an Beweisen.

Anke, die still Kullmanns Worten gelauscht hatte, meinte: »Marita war durch den dramatischen Tod ihrer Mutter so geprägt, dass sie niemals solch ein Leben hätte führen können. Sie war ein Opfer, in jeder Hinsicht. Selbst verführerisches oder aufreizendes Auftreten konnte man ihr in dem Verfahren nicht vorwerfen, was einige Richter ja gerne tun. Sie war immer hochgeschlossen und so schlicht gekleidet, so dass sie immer ein wenig traurig wirkte, auch wenn sie lächelte.«

Kullmann nickte: »Das ist unsere Justiz. Wie ich schon sagte, wir drehen uns immer wieder im Kreis. Nur der Kreis wird größer. Was hat es bisher genützt, wenn ich einen Fall aufgeklärt habe. Verändert hat sich dadurch gar nichts. Im Gegenteil: Für jeden abgeschlossenen Fall, liegen anschließend zwei neue auf meinem Tisch.«

Kullmann erhob sich von seinem Platz und stellte sich an das Fenster, dessen trostloser Ausblick genau in seine Stimmung hineinpasste.

»Aber nicht nur das. Noch viel schlimmer ist es im Fall Marita Volz gekommen. Da klärt man mit viel Mühe und Zuversicht einen solchen Fall auf und das Ergebnis ist, dass der Täter aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird und die ganze Arbeit hat sich als Zeitverschwendung herausgestellt. Der Täter ist auf freiem Fuß und kann weiter Unheil anrichten. Liebe Anke, verstehen Sie jetzt, warum ich manchmal so bedrückt bin?«

»Ja, jetzt verstehe ich Sie besser. Die Erfahrungen, die sie gemacht haben, haben aus Ihnen diesen Menschen gemacht. Ich hatte bis jetzt immer einen großen Ehrgeiz, aber als ich auf den Fall von Marita Volz gestoßen bin und endlich gesehen habe, was daraus gemacht wurde, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob mein Ehrgeiz so angebracht ist.«

Mit einem Blick, so zuversichtlich wie nur möglich, schaute er die junge Kollegin an und sagte: »Sie sind noch jung, lassen Sie sich nicht entmutigen. Ihre Einstellung zu dieser Arbeit gefällt mir.«

Anke schwieg eine Weile. Ebenfalls stand sie auf und stellte sich ans Fenster. Die Sonne strahlte auf die schmutzverschmierten Fensterscheiben und spendete eine wohlige Wärme, die sie aber eher unbehaglich empfand.

»Wissen Sie, Rudolf Volz, Maritas Vater, ist ein gebrochener Mann. Ich kenne ihn seit Jahren und sehe ihn auch oft. Jedes Mal überkommt mich dieses Gefühl, helfen zu müssen. Aber wie? Der Schmerz, den dieser Mann mit sich herumträgt, ist unübersehbarbar. So etwas beeinflusst schon mein Handeln und Denken. Ich weiß, dass ich nicht souverän über den Dingen stehe und habe auch deshalb diesen Beruf gewählt. Wohl aus dem gleichen Motiv, wie viele andere auch: die Welt zu verbessern. Lächerlich, nicht wahr?«

»Nein, nicht lächerlich. Wir alle haben so angefangen, auch ich«, beschwichtigte Kullmann sogleich.

Anke wollte gerade das Zimmer verlassen, als Kullmann sie noch fragte: »Was geschah eigentlich mit Maritas Mutter?«

»Wissen Sie das denn nicht? Sie wurde vergewaltigt und nahm sich kurze Zeit später das Leben.«

Sie schluckte.

»Gab es auch bei ihr einen Prozess?«

»Nein, der Mann, den sie als Täter angab, war Polizist, deshalb kam es nie zum Prozess.«

Leise Musik drang aus dem Nachbarbüro zu Kullmann herüber.

Der Richtung nach schloss Kullmann, dass sie aus Hübners Zimmer kam. Kullmann ärgerte sich über die Gleichgültigkeit dieses jungen Mannes, die es ihm ermöglichte, so unbeschwert durch das Leben zu gehen. Hübners ganze Lebenseinstellung wirkte so locker und sorglos. Sein Aussehen brachte ihm den ganzen Erfolg bei den Menschen, ohne dass jemand sich die Mühe machte, hinter die Fassade zu schauen. Warum sollte er dann dieses Ass nicht ausspielen?

Eigentlich hatte er recht. War es nicht vielleicht Neid, was Kullmann bei diesen Gedanken manchmal empfand? Die Tür zu seinem Büro wurde aufgerissen und der junge Kollege stürmte herein.

»Gerade habe ich einen merkwürdigen Anruf bekommen … «, begann er.

Kullmann schaute ihn fragend an.

»… es war eine ältere Männerstimme. Er sagte nur: ›Endlich hat es den richtigen Klos erwischt, der es verdient hat. Lange habe ich darauf gewartet.‹ Auf meine Frage, wer denn am Apparat sei, legte er auf.«

»Der lebenslustige und beliebte Herbert entpuppt sich mehr und mehr zu einem Monster“, stellte Kullmann nur fest.

Verwundert ging Hübner auf den Schreibtisch zu, als sein Blick auf die Akte Marita Volz fiel. Oben auf lag ein großes Foto von ihr, aus einer Zeit vor dem Verbrechen.

»Ist das Marita Volz, das Vergewaltigungsopfer?«

»Ja.«

»Jetzt erinnere ich mich wieder. Ich kannte dieses Mädchen. Als das passierte, war ich noch bei der Bundeswehr«, schüttelte Hübner den Kopf. »Aber dass es diese Marita mal treffen würde, hatten wir uns damals schon fast denken können.«

»Was willst du damit sagen?«, hakte Kullmann sogleich erbost nach.

»Na, so wie die aussah. Da konnte kein Mann wegsehen.«

»Berechtigt gutes Aussehen zur Vergewaltigung?«

»Nein, aber die hat es doch darauf angelegt mit ihrem ewigen geheimnisvollen Mona-Lisa-Lächeln. Ich möchte nicht wissen, was die den Männern versprochen hatte.«

»So, und daraus kannst du schließen, dass Marita dieses Schicksal verdient hat. Weil sie hübsch war und dieses Lächeln hatte. Weißt du überhaupt, was Marita für ein Mensch war? Nein. Und warum nicht? Weil es dich nicht interessiert. Probleme sind dir zu kompliziert. Du machst jeden Fall einfach und klar. Welche Schicksale dahinterstecken, interessiert dich nicht.«

»Als Seelenklempner werden wir ja auch nicht bezahlt“, fauchte Hübner böse.

»Aber auch nicht dafür, unsere persönlichen Urteile und Eindrücke abzugeben, ohne zu wissen, was wirklich dahinter steckt. Deshalb müssen wir recherchieren, bevor wir etwas anrichten, was nicht wieder gut zu machen ist. Marita könnte noch leben, hätten sich nicht zu viele Menschen durch voreiliges Urteilen und oberflächliches Handeln diesen Fall zu einfach gemacht. Wenn man selbst nicht betroffen ist, ist es auch einfach.« Kullmann schnappte nach Luft, sein Gesicht war purpurrot und Schweiß stand auf seiner Stirn.

»Warum erregt dieser Fall dich denn so? Es liegt 15 Jahre zurück.«

»Weil ich die Ermittlungen geführt hatte und es nicht erreichen konnte, dass der Täter zur Verantwortung gezogen wurde. Deshalb.«

Eine kurze Pause trat ein.

Dann meinte Kullmann wieder ruhiger: »Ich möchte gerne, dass du Nachforschungen anstellst, ob es etwas über den Fall von Maritas Mutter gibt. Ich will wissen, wer der Polizist war, der damals im Verdacht stand.«

Auf Hübners ungläubigen Blick hin, klärte er diesen über den Unglücksfall der Mutter auf, was selbst Hübner mit Betroffenheit zur Kenntnis nahm. Daraufhin verschwand er wieder.

Langsam erhob Kullmann sich von seinem Platz und schritt hinüber in Ankes Büro, um sich noch Kaffee nachzuschenken. Als er das Zimmer betrat, sah er sie so beschäftigt über einigen alten Akten, dass sie sein Eintreten nicht bemerkte.

»Welche Akten lesen Sie da?«

Erschrocken fuhr sie auf. »Ach Sie sind es.« stieß sie aus. Sie berichtete, dass sie auf der Suche, nach dem Fall von Maritas Mutter sei, dass sie bisher aber noch keine Anhaltspunkte gefunden habe.

»Was interessiert Sie so an den Fall der Mutter?«, fragte Kullmann besorgt, weil er ahnte, dass sie den gleichen Verdacht hegte.

»Ich weiß, dass es kaum bei unserem aktuellen Fall weiterhelfen wird, aber die Vergangenheit hat mich zurzeit eingeholt. Ich kann mich nicht richtig von diesem Fall trennen«, lächelte sie schwach.

»Es ist schon ein anonymer Anruf gekommen, Herbert Klos habe den Tod verdient“, erwähnte Kullmann eher beiläufig, während der zur Kaffeemaschine schritt und sich nachschenkte. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Ankes Reaktion.

»Vielleicht erinnern sich noch andere an diesen Vorfall, wenn sie den Namen Herbert Klos hören.«

»Sicher. Gibt es eigentlich eine Akte über den Fall Josef Klos, Herberts Vater? Der Fall wurde damals niemals aufgeklärt, deshalb interessiert er mich.«

»Ich kann ja mal nachsehen.« Anke stand auf und ging in Richtung Aktenaufbewahrung.

»Anke, Sie sind ein wunderbarer Mensch, bitte bleiben Sie immer so und passen Sie gut auf sich auf.« meinte Kullmann, als er ihr nachsah, wie sie auf die Aktenablage zuging. Verwundert über diese väterliche Sorge drehte sie sich um und schaute ihn fragend an. Kullmann lächelte sie an und verließ ohne weitere Worte ihr Zimmer.

*

In seinem Büro wartete Hübner bereits auf ihn.

»Ich habe zwar nichts über Maritas Mutter erfahren, aber dafür habe ich die Anschrift von Elvira Reinhardt. Das könnte uns vielleicht wieder in die Gegenwart zurückbringen.«

»Zum Glück gibt es da ja noch Anke“, murrte Kullmann, weil er ahnte, dass der junge Kollege ihr den Auftrag weitergab. Aufträge, die ihm keinen Erfolg verschaffen konnten, leitete er besonders gerne weiter. Sein Erfolg ging ihm über alles. Wie er solch ein Verhalten missbilligte, dachte Kullmann voller Ingrimm. Hübner war schließlich nicht mehr so jung, um immer noch dieses vorpubertäre Denken und Streben rechtfertigen zu können. In diesem Berufszweig auf der Erfolgsleiter empor zu klettern, war ein langer und schwieriger Weg. Geduld oder Beziehungen, das waren die einzigen Möglichkeiten, den Erfolg zu beschleunigen und Hübner besaß seines Wissens keins von beidem.

»Allerdings habe ich meine Gründe, wenn ich Anweisungen

gebe. Sogar ich tue nichts, ohne zu überlegen“, fügte er noch sarkastisch an.

»Norbert, ich verstehe dich nicht mehr. Warum sollen wir in einem Fall herumwühlen, der 15 Jahre zurückliegt und längst abgeschlossen ist. – Zumal mittlerweile Täter und Opfer tot sind. Es ist mir ein Rätsel, welche Überlegungen du in dieser Sache angestellt hast? Wir müssen weiterarbeiten, es leben noch viele Menschen. Und es wird auch noch viel passieren. Wir können nicht bei jedem Fall die Nerven verlieren und uns selbst für alles verantwortlich machen. Wir können nur versuchen, eine gute Arbeit zu leisten und somit ein wenig zu helfen. Mehr aber auch nicht.«

Das klang zwar vernünftig, musste sich Kullmann eingestehen, doch er kannte Hübner. In den 5 Jahren, die sie zusammenarbeiteten, hatte er ihn bestens kennengelernt. Hübner konnte sich auf jede Situation bestens einstellen. Er war wie ein Chamäleon, das immer seine Farbe der jeweiligen Umgebung anpassen konnte, wo es auch war. Dadurch hatte es den Vorteil nicht entdeckt zu werden. In Hübners Fall war es ähnlich, sein wahres Gesicht wurde niemals entdeckt.

»Willst du behaupten, dass ich keine gute Arbeit leiste, nur weil ich emotional veranlagt bin?«, hakte er gereizt nach.

Hübner schüttelte den Kopf und schaute schuldbewusst unter sich. Er spürte wohl, dass er mit seiner Tirade zu weit gegangen war.

»Gut. In gewisser Weise gebe ich dir sogar Recht«, gab Kullmann zu Hübners Erstaunen nach. Er hatte einfach kein Interesse daran, sich mit Hübner auseinanderzusetzen, da sie wohl kaum einer Meinung sein würden. Er musste Hübner einfach Zeit lassen, gewisse Dinge zu verstehen und er war sich sicher, dass dieser Zeitpunkt noch kommen würde.

»Also, was haben wir über Elvira Reinhardt?«, fragte er, um somit seine Bereitschaft, das Kriegsbeil wieder zu begraben, zu zeigen.

»Sie ist die einzige, die wir kennen, die Kontakt zu beiden Toten hatte. Am 14.6.1988 hatte sie schriftlich der Firma Schulz KG gekündigt, fristlos. War zwei Monate arbeitslos und fing dann bei der Firma Boh und Co an zu arbeiten. Das Seltsame daran ist, bei Schulz KG war sie führend in der Verkaufsabteilung und hatte eine große Verantwortung und bei der Firma Boh und Co, das ist eine Autovermietung, arbeitet sie nur als kleine Schreibkraft. Dieser freiwillige Schritt nach hinten ist mir suspekt«, berichtete Hübner.

»Vielleicht ist sie nicht die Sorte Mensch, die gerne Verantwortung tragen, hast du schon mal daran gedacht?«, zweifelte Kullmann sogleich. »Deine Suche nach Verdächtigen ist ja schon zwanghaft.«

»Sicherlich, aber irgendwo müssen wir ja einen Anfang finden.

Ich glaube nicht, dass wir den in der Vergangenheit von vor 15 Jahren finden, sondern eher hier und heute«, stellte Hübner ironisch klar.

»Aber es ist doch nicht auszuschließen, dass der Ursprung dort zu finden ist“, rechtfertigte Kullmann sich impulsiv. Er war diese ständigen Seitenhiebe dieses jungen Kollegen leid. »Wer weiß, wie viel Hass sich in all den Jahren angestaut hat. Jeder Mensch verkraftet sein Schicksal auf seine Weise, da gibt es keine Verhaltensregeln. Jeder Mensch handelt anders. Du kannst keinen in ein Schema pressen.«

»Nun gut, aber es ist bestimmt kein Fehler, auch die Gegenwart nicht ganz zu vergessen. Immerhin hatte diese Elvira Reinhardt die beiden gekannt und ist seltsamerweise kurz nach einem Erlebnis, das sie wahrscheinlich ganz alleine mit Klos und Wehnert hatte, aus der Firma verschwunden. Könnte da denn nicht ein Zusammenhang mit dem besagten Abend und der plötzlichen Kündigung bestehen?

Wie wir nun wissen, ist Klos nicht der, den er vorgegeben hat. Und wenn jemand vor Jahren es schon fertigbrachte, ein Mädchen zu vergewaltigen, der scheut sich vielleicht auch nicht vor einem weiteren Mal. Vielleicht finden wir ja, wenn wir weiter recherchieren, noch so einen Fall in Klos’ Leben. Man kann ja nie wissen.«

»Da muss ich dir Recht geben. Vielleicht war ich emotional zu stark mit diesem alten Fall verbunden. Also – zurück zur Gegenwart: Es ist wohl das Beste, wir fahren zu Elvira Reinhardt«, gab Kullmann nach.

Wieder versöhnt gingen die beiden nebeneinander durch den Flur an Ankes Büro vorbei, die immer noch vor diesen alten Akten saß. Kullmann schüttelte den Kopf bei diesem Anblick. »Dieses Mädchen verdirbt seine ganze Jugend mit alten Akten. Anstatt mit jungen Leuten auszugehen. So etwas verstehe ich nicht.«

»Oh, so ganz verdrossen ist ihre Jugend nicht«, grinste Hübner.

Kullmann spürte wieder, wie Ärger in ihm aufstieg. Aber er mäßigte sich. Sie hatten sich gerade wieder versöhnt; diesen Zustand wollte er nicht sofort wieder zerstören. Lieber schwieg er auf dem Weg zum Dienstwagen.

Elvira Reinhardt wohnte ebenfalls im Stadtteil Malstatt. Inzwischen kannten die beiden Polizeibeamten dieses Viertel. Lieber war es ihnen stets gewesen, gerade Malstatt meiden zu können, da es dort bereits schwere Fälle von Verbrechen aufzuklären galt. Nun war es in kurzer Zeit bereits das dritte Mal, dass sie nicht umhin konnten.

Nach einigem Suchen fanden sie das Haus, in dem Elvira Reinhardt wohnte. Sie hielten den Wagen im Halteverbot und gingen zur Tür. Als sie die Namen auf den Klingeln absuchten, fanden sie ihren nicht.

»Was machen wir nun? Hier stehen 20 Namen, sollen wir alle anklingeln und nach Frau Reinhardt fragen?«, überlegte Kullmann.

»Was bleibt uns anderes übrig?«

Ein kleiner, dreckiger Junge stellte sich demonstrativ hinter die beiden Männer und rief: »Ihr seid ja Bullen.«

Die beiden schauten sich entsetzt um, aber als sie den kleinen Jungen sahen, lachten sie.

»Hast du was gegen uns?«, meinte Kullmann.

»Ja, alle haben was gegen die Bullen. Ganz besonders mein großer Bruder.« Mit diesen Worten rannte er weg.

Hübner wandte sich wieder der Klingel-Liste zu und begann, die erste zu betätigen. Nichts. Dann versuchte er es mit der nächsten. Wieder nichts. Nur ein Hund begann zu bellen. Er machte noch einige Versuche, doch außer einem ordinären Fluchen aus einem Fenster in der dritten Etage, konnten sie nichts erreichen. Daraufhin gaben sie sich geschlagen und fuhren wieder zurück.

Kapitel 3

Völlig unausgeschlafen war er an diesem Sonntagmorgen aufgestanden. Die ganze Nacht ging ihm der Bericht über den Tod von Herbert Klos und Jürgen Wehnert durch den Kopf. Es gelang ihm nicht abzuschalten. Auch nicht, nachdem sich die Sonne durch die dichten Wolken durchrang und dem Tag ein freundliches Gesicht gab. Er saß bereits seit Stunden am Küchentisch und rührte immer noch in seiner ersten Tasse Kaffee, die seine Frau ihm hingestellt hatte, ohne zu bemerken, dass dieser bereits kalt war. Die Regentropfen schimmerten wie Perlmutt auf dem Laub des Rhododendrons im Garten. Zwitschernde Spatzen flogen um den Busch herum und suchten emsig nach einem Landeplatz. Eine Siamkatze, die Katze seiner Frau, saß regungslos auf dem Boden und schaute den Vögeln zu, den richtigen Augenblick abpassend, um zuschlagen zu können. Doch während er seinen Kaffee weiter umrührte, bemerkte er diese kleinen Ereignisse in seinem Garten gar nicht.

Dazu war er zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt.

Immer wieder dachte er, so musste es kommen. Hatte er selbst nicht auch ein Stückchen dazu beigetragen, dass es so kommen würde. Es genügte ihm nicht, dass sein Erfolg ihm damals wichtiger war als alles andere. Seine berufliche Verbesserung war schließlich mit viel mehr Geld verbunden. Er hatte damals eine 20-jährige Tochter. Sie lebte in seinem Haus und bekam ein uneheliches Kind. Da konnte er jeden Pfennig nur zu gut gebrauchen. Jeden Tag sah er sie.

Seine Tochter hatte das Haus niemals verlassen. Sie war lange Zeit unglücklich darüber, von dem Vater des Kindes verlassen worden zu sein. Alle Verwandten und Bekannten waren entsetzt über das Verhalten dieses Mannes. Er bekam die schlimmsten Titel angehängt, als sei das, was er getan hatte das schlimmste Verbrechen auf dieser Welt.

Aber was wusste diese Familie schon von Verbrechen. Was wussten sie schon, was wirklich ein Verbrechen war. Heute war seine Tochter glücklich mit ihrem Kind und dem Mann, den sie später heiratete.

Nathalie war ein hübsches Kind, lebhaft, voller Tatendrang und voller Ideen. Sie war 15, bald war ihr 16. Geburtstag. Ein Alter, das den alten Mann erschrecken ließ.

Aber warum hegte er immer noch nach so vielen Jahren diese Hassgefühle? Es war nun 27 Jahre her und noch immer überkam ihn ein ganz seltsames Gefühl, wenn er nur an sie dachte. Lange dauerte es, bis er endlich erfuhr, wer der Täter war. Der Fall wurde schließlich ganz geschickt vertuscht. Durch Intrigen, die er selbst wohl am besten kannte und beherrschte, was er sich nun im Alter schmerzlich eingestand. Warum war ihm nach so vielen Jahren diese verhängnisvolle Akte in die Hände geraten? Warum musste er es erfahren? Ist die Wahrheit immer so wichtig?

Und nun erfuhr er über den Aktuellen Bericht von dem Mord an Herbert Klos. Allerdings war er zusammen mit einem Mann erschossen worden, den er nicht kannte. Vielleicht war ja seine Sorge unbegründet, vielleicht stand die Tat ja in keinerlei Zusammenhang. Doch trotzdem konnte er nicht abschalten. Er hatte Gleiches mit Gleichem vergolten. Sollte das nun das Ergebnis sein? Das wäre noch viel schlimmer, als er sich hätte träumen lassen. Soweit wollte er dieses Spiel nicht treiben, und schon gar nicht, dass ein ihm völlig fremder Mann zum Opfer seines persönlichen Rachefeldzuges wurde. Es gab also doch noch Menschen, die weit unerschrockener waren, als er selbst.

»Was ist los mit dir, Opa? Du rührst den Kaffee bald wieder heiß“, kam Nathalie die Marmortreppe heruntergelaufen. Sie trug ein weißes Kleid mit bunten Blumen, ihr dunkles langes Haar war zu einem schweren Pferdeschwanz zurückgebunden mit einer weißen Schleife, wodurch sie kindlich und weiblich zugleich aussah. Ihre großen strahlenden dunklen Augen blickten ihn an und bohrten sich, wie so oft mit einem Stich in sein Herz.

»Glaubst du das geht?«, fragte er matt lächelnd.

»Ich weiß nicht, aber wenn du dir lange genug Zeit lässt, bestimmt“, lachte sie nur und verließ gefolgt von ihrer Mutter das Haus.

Endlich nahm er den Löffel aus der Tasse und legte ihn beiseite.

Wieder und wieder ging er alles durch, was er in seinem Leben bisher getan hatte. Er kam zu dem Ergebnis, dass er alle Eigenschaften in sich barg, die ihn nun im hohen Alter, wohlbehütet in einer wunderbaren Familie, schmerzlich berührten. Er war nicht nur korrupt, er war eiskalt berechnend. Wie war so was möglich?

Er war niemals in finanziellen Schwierigkeiten, und doch war er vom Ehrgeiz getrieben. Er war bereit, alles zu tun, um diesen hochdotierten Posten im Ministerium für Rechtspflege zu bekommen, was ihm letztlich auch gelang. Aber zufrieden war er wohl niemals. Dabei hätte alles so einfach sein können.

»Warum redest du nicht mit mir über dein Problem?«, stand seine Frau plötzlich neben ihm. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie ins Zimmer gekommen war. Erschreckt schaute er zu ihr auf und wehrte wortlos ab.

»Bist du krank? Oder was ist mit dir los? Du kannst doch nicht plötzlich über Nacht Probleme bekommen haben, von denen du vorher nichts wusstest“, meinte sie nur ratlos.

Seine Frau war liebevoll, immer schon für die Familie da.

Sie hatte nie einen Beruf erlernt und doch war sie in einigen Frauenbewegungen engagiert, ohne dabei ihre Pflichten innerhalb der Familie zu vernachlässigen. Sie war klug, sie registrierte alles, was sich in der Familie ereignet mit Schweigen und vergaß es niemals. Auch seine plötzliche Beförderung von vor 14 Jahren verwunderte sie, aber sie äußerte sich niemals. Sie löcherte ihn auch nie mit Fragen, was ihm schon immer angenehm war. Aber manchmal glaubte er, dass sie weit mehr wusste, als er ahnte.

Er dachte einmal, er habe sie aus Liebe geheiratet, doch das war es nicht. Wenn er es sich recht überlegte, war es nur das Anlehnungsbedürfnis, geliebt hatte er eine andere, die er nie bekam. Die Liebe kam nur von seiner Frau, die sich aber niemals darüber beklagte. Sie akzeptierte ihn, so wie sie ihn kannte und verlangte auch niemals mehr von ihm. Auf diese Weise verlief ihre Ehe auch harmonisch. Eigentlich hatte er keinen Grund, sich zu beklagen, oder sein Schicksal anzuzweifeln. Und doch ließ es ihn niemals in Ruhe.

»Ob es ein Problem ist, weiß ich noch nicht, das wird sich noch herausstellen.«

Mit diesen Worten verließ er das Haus.

*

Stockend fuhr er durch den dichten Berufsverkehr. Es war Montag und es regnete, das waren die zwei schlimmsten Faktoren im Leben eines jeden arbeitenden Menschen. Auf den Straßen konnte man das am besten feststellen, denn jeder hupte hitzig, blendete auf oder riskierte einen Unfall durch unnötige Überholmanöver, die höchstens zwei Autolängen einbrachten. Kullmann blieb ruhig. Er hatte schlecht geschlafen und war noch müde. Ihm fehlte jegliche Energie, sich an diesem Treiben auf der Straße zu beteiligen, sein Kampf galt nur den Augenlidern, dass sie ihm nicht zufallen würden. Die ganze Nacht gingen ihm zwei Menschen durch den Kopf: Marita Volz und Anke Deister. Einmal fragte er sich, was Marita wohl in den letzten Stunden ihres Lebens empfunden haben muss, wie sie diese Ungerechtigkeit ertragen haben muss, die ihr angetan wurde. Und ein andermal überlegte er, wie weit wohl die Freundschaft zwischen Anke Deister und Andreas Hübner ging. Er machte sich ernste Sorgen um Anke. Sie wirkte, seit sie den Fall von Marita ausgegraben hatte, selbst so zerbrechlich, so hilfebedürftig.

Hübner konnte er bestimmt nicht das Einfühlungsvermögen

zutrauen, das Anke jetzt wohl brauchte. Hoffentlich nutzte er ihren schwachen Moment nicht für seine eigenen Vorteile aus. Ach, diese Gedanken wollten ihn einfach nicht in Ruhe lassen. Vielleicht waren seine Bedenken auch zu voreilig, er musste erst einmal abwarten. Und wenn es doch so schlimm wäre, wie er sich ausmalte, ließ Anke sich bestimmt nicht von einem betagten Mann wie ihm helfen. Sie würde ihn, wie er es schon von vielen anderen gehört hatte in seinem Leben, an seine eigenen Angelegenheiten erinnern.

Ein Autofahrer hinter ihm hupte ohrenbetäubend, wodurch er aus seinen Gedanken gerissen wurde. Tatsächlich, er hatte ganz vergessen, weiterzufahren, als die Schlange sich weiterbewegte. Hastig legte er einen Gang ein und holte die Lücke wieder auf.

Nach einer Dreiviertelstunde Autofahrt kam er endlich auf seiner Dienststelle an. Das Büro von Anke war noch leer. Das von Hübner ebenfalls. Gerade begann sein Gehirn wieder zu arbeiten, ob es da einen Zusammenhang gab, doch im gleichen Augenblick verbot er sich jeden Gedanken darüber. Zielstrebig ging er in Ankes Büro, wo die abteilungseigene Kaffeemaschine stand, und stellte Kaffee auf, damit er endlich munterer wurde.

Als er sein Büro betrat, lag dort eine ganz dicke Akte über der Überschrift: Josef Klos, geb. 6.1.1921, verstorben am 25.4.1976.

Augenblicklich war er hellwach. Neugierig begann er in der Akte zu blättern und fand als erstes ein Foto von der Leiche, die 2 Tage nach dem Mord im Wald aufgefunden wurde. Dem Anschein nach wurde ihm beim Waldlauf aufgelauert und auf ihn geschossen.

Er hatte zwei Einschüsse am Hals und in der Brust. Nach dem Autopsie-Bericht war der Tod erst mehrere Stunden später eingetreten. Es gab mehrere Verdächtige, die verhört wurden, aber es konnte niemand überführt werden. Unter ihnen tauchten Namen auf, die Kullmann bekannt waren. So zum Beispiel Walter Gaus, der Strafverteidiger von Marita Volz. Zu seinem Erstaunen hatte Gaus zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die kleine unbedeutende Kanzlei, sondern hatte sich innerhalb kurzer Zeit gut etabliert. Er war Teilhaber an einer der größten Kanzleien in der Stadt. Dieser Aufstieg kam bei den Ermittlungen den Kollegen verdächtig vor, so dass er mehrere Male vorgeladen wurde. Er hatte allerdings ein Alibi, und es gab auch keine Anhaltspunkte, dass der Tod von Josef Klos ihm einen Vorteil verschafft hätte. Der Leiter der Mordkommission war der Hauptkommissar Peter Balduin, der den Verdächtigen dann auch bald wieder entließ. Kullmann erinnerte sich wieder, dass Walter Gaus vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war. Die Zeitungen schrieben nämlich einen großen Bericht über ihn und sein Leben. Er war diesen großen Artikel wert, denn er hatte sich im Laufe der Zeit zu einem der bekanntesten und teuersten Anwälte der Stadt heraufgearbeitet. Hauptkommissar Balduin war wenige Jahre nach diesen Ermittlungen zum Amtsleiter des Kriminalamtes befördert worden. Aber auch das lag schon mehrere Jahre zurück. Balduin war seit Januar 1987 ein gut situierter Pensionär. Kullmann erinnerte sich noch so genau, weil sein Abtritt überraschend kam und im Landeskriminalamt gebührend gefeiert wurde. Nun bewohnte er mit seiner Frau ein schmuckes Häuschen im Stadtteil Bübingen und genoss seinen Lebensabend.

Die Tür zum Korridor ging auf und Hübner und Anke Deister kamen plaudernd herein. Als sie sahen, dass Kullmann bereits in seinem Büro war, wurden sie still und jeder verschwand in seinem Büro. Das war mehr als eindeutig, dachte Kullmann, wieder schlagartig in die Gegenwart zurückgeholt.

»Guten Morgen, Chef. Sie haben ja schon Kaffee aufgestellt«, kam Anke munter in sein Büro und schenkte ihm ein. Sie wirkte so fröhlich und ausgelassen an diesem Morgen, was Kullmann sofort den Eindruck vermittelte, dass ihre Schwermut und Zerbrechlichkeit vom Vortag nur Einbildung war. Mit ihrem bunten T-Shirt und ihrer engen Jeans wirkte sie wie ein vor Leben sprühender Teenager.

»Vielen Dank, auch für diese Akte«, meinte er nur kurz und bemühte sich, sie nicht anzustarren. Er empfand, dass sie an diesem Morgen besonders hübsch aussah.

»Die ist wirklich interessant, aber ich glaube nicht, dass es uns in unserem Fall weiterhelfen wird«, meinte sie gelassen. »Der Mord an Klos wurde niemals aufgeklärt. Aber es ist schon komisch, dass Vater und Sohn doch auf ähnliche Weise sterben. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«

»Na, na. Herbert Klos hat schließlich auch noch einen Sohn. Wir wollen doch kein Unheil heraufbeschwören«, wehrte Kullmann ab.

Beschwingt verließ Anke das Zimmer. Kullmann schaute ihr nach und staunte über die Wechselhaftigkeit dieser jungen Leute. Sie war an diesem Tag so herrlich unbeschwert. Von ihrer Melancholie vom vergangenen Tag war nichts mehr festzustellen. So gefiel sie ihm gleich viel besser, auch wenn dieser Sinneswandel mit Sicherheit auf Hübner zurückzuführen war. Wieder in die Akte Klos vertieft, schlürfte er an seinem Kaffee, wobei er feststellte, dass dieser zu stark war. Der Fall war nach einiger Zeit eingestellt worden, weil kein Täter zu ermitteln war, trotz dieser langen Liste von Verdächtigen. Nachdenklich erhob er sich und ging zu Hübner ins Büro.

»Guten Morgen, Andreas.«

»Guten Morgen, Norbert. Was gibt es? Du bist so höflich«, entgegnete Hübner, der die Tageszeitung vor sich liegen hatte und darin las.

»Was hatte dieser anonyme Anrufer zu dir genau gesagt?«, wollte Kullmann wissen.

»Er sagte: Endlich hat es den richtigen Klos erwischt, der es verdient hat. Lange habe ich darauf gewartet«, zitierte Hübner. »Warum interessiert dich das?«

»Weil ich gerade in der Akte von Josef Klos geblättert habe. Der Fall wurde niemals aufgeklärt und in dem Zusammenhang ist mir dieser Anruf wieder eingefallen.«

Hübner erhob sich rasch und folgte ihm: »Du meinst, dass der Anschlag damals gar nicht dem Vater galt, sondern seinem Sohn Herbert?«

»Es wäre doch nicht auszuschließen, oder?«

Hübner war verwundert. »Du bist also wieder im Jahr 1975 und glaubst, dass das Attentat im Zusammenhang mit dieser Marita Volz stand?«

»Schau dir doch einfach mal das Foto von Josef Klos’ Leiche an! Er trug einen Trainingsanzug und ein Stirnband, wodurch er durchaus auch für jünger gehalten werden konnte«, meinte Kullmann und hielt dem jungen Kollegen das Foto entgegen.

»Ja, machte Herbert Klos denn auch regelmäßig seinen Waldlauf?« fragte Hübner ironisch. Mürrisch betrachtete er sich das Bild und gab Kullmann widerstrebend recht: Tatsächlich wirkte Josef Klos jung in dieser Aufmachung.

»Das weiß ich natürlich nicht, aber beide lebten zu dem Zeitpunkt noch in einem Haus. Es ist doch durchaus möglich, dass er beobachtet wurde, ohne dass der Täter bemerkte, dass er den Falschen beobachtete.«

Anke, die das Gespräch mit angehört hatte, gesellte sich interessiert hinzu. »Aber, warum glauben Sie, hat der Täter 14 Jahre gewartet, bis er nochmals zuschlägt?« fragte sie. Diese Frage war nicht schlecht, musste Kullmann ihr eingestehen. Er nickte nur nachdenklich mit dem Kopf. »Vielleicht hat sich etwas Vergleichbares wie vor 15 Jahren zugetragen, wodurch der Täter wieder an alles erinnert wurde.«

»Sie meinen, Herbert hat wieder eine Frau vergewaltigt?«, platzte Anke entsetzt heraus.

»Nach der Theorie Ihres Freundes Hübner, scheut sich jemand, der es vor Jahren schon einmal fertigbrachte, ein Mädchen zu vergewaltigen, nicht vor einem weiteren Mal«, bemerkte Kullmann bissig, wobei er die entrüstete Reaktion der beiden genau bemerkte.

Hübner verschwand wütend aus dem Zimmer. Anke schaute ihm dabei verwirrt nach, blieb aber bei Kullmann stehen. Als sie alleine waren meinte sie nur: »Warum reagieren Sie so aggressiv darauf, dass Hübner und ich uns gut verstehen?«

Kullmann war verwirrt über Ankes Offenheit und schwieg.

»Sie mögen Andreas nicht besonders, ist es das?«

»Nein, das sehen Sie falsch«, rechtfertigte er sein Verhalten. »Ich arbeite gerne mit ihm zusammen, aber seine Lebensweise gefällt mir nicht. Dadurch, dass wir täglich zusammen sind, habe ich einiges über ihn erfahren, ob ich das nun wollte oder nicht. Und genau deshalb mache ich mir Sorgen um Sie. Es tut mir leid, aber ich kann meine Sorgen Ihnen gegenüber nicht so einfach abstellen, auch wenn es mich nichts angeht.«

Anke lächelte. »Sie können nicht einfach behaupten, dass es Sie nichts angeht. Im Grunde genommen sind wir wie eine Familie und müssen miteinander auskommen. Deshalb bin ich froh, einen Vorgesetzten wie Sie zu haben. Durch Sie fühle ich mich hier so richtig wohl. Sie wirken manchmal wie ein Vater auf mich.«

Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer und ließ den Duft ihres Parfüms und den Klang ihrer Worte zurück. Trotzdem ärgerte Kullmann sich darüber, etwas zu ihr gesagt zu haben, er hatte sich doch vorgenommen, ruhig zu bleiben. Um sich abzulenken, vertiefte er sich wieder in die Akte Josef Klos, konnte aber keine Besonderheiten mehr entdecken. Ein Zeitungsartikel war dazu geheftet, mit einem Foto von Hauptkommissar Peter Balduin.

Wenige Jahre später unterstand Kullmann der Amtsleitung von Balduin, wie er sich noch gut erinnerte. Balduin war ein unangenehmer Mensch. Chauvinistisch und voyeuristisch. Zu dieser Zeit gab es wenige Kolleginnen, da Balduin nicht bereit war, Frauen in den Polizeidienst einzustellen. Seiner Meinung nach gehörte eine Frau hinter den Herd. Zum Glück war seine Dienstzeit nicht lange. Nach einigen Jahren als Amtsleiter ließ er sich in den Ruhestand versetzen.

Sein Telefon läutete. Es war Hübner aus dem Nachbarzimmer.

»Also, bevor ich hier meine Zeit mit Akten aus 1975 vertrödele, fahre ich in die Firma Schulz KG und verhöre dort noch weitere Zeugen. Was ist, kommst du mit?«

Kullmann gab sich geschlagen. Die Akte Josef Klos hatte er durchstudiert und nichts gefunden, was verdächtig hätte sein können. Also gab es wirklich nichts besseres, als weiter zu ermitteln.

»Ja, ich komme mit.«

Kapitel 4

Im Großraumbüro der Firma Schulz KG war reges Treiben. Alle sprachen durcheinander, doch als sie die beiden Beamten hereinkommen sahen, verstummten sie.

Kullmann stellte seinen Kollegen und sich selbst vor und sagte: »Wir müssen noch einige Befragungen durchführen, deshalb sind wir hier«, erklärte er kurz.

Betretenes Schweigen trat ein.

Adrian Schulz kam aus seinem Büro heraus und begrüßte die beiden kurz. »Nun ja, Sie können sich sicherlich vorstellen, dass hier große Aufregung herrscht. Für mich ist es jetzt aber am wichtigsten, neue Außendienstmitarbeiter zu finden, damit der Betrieb nicht zum Stillliegen kommt.«

»Sicher“, nickte Kullmann, über die Kaltschnäuzigkeit dieses Vorgesetzten erstaunt. »Wir werden Sie bestimmt nicht lange stören, aber wir müssen noch einige Ihrer Mitarbeiter befragen.«

Hübner führte den Herrn in eine ruhige Ecke des Großraumbüros, während Kullmann sich mit Frau Huth an den unbesetzten Schreibtisch des Herrn Klos niederließ.

»Wie gut kannten Sie die beiden Kollegen?«, begann Kullmann obligatorisch.

»Nicht besonders gut. Die beiden waren immer lustig, was aber wohl eher oberflächlich war. Richtig gekannt habe ich sie nicht«, meinte Frau Huth zögerlich. Verunsichert bemerkte sie, dass die anderen Kollegen ihren Worten lauschten.

Kullmann erhob sich und trat auf das Büro des Chefs zu. Nach kurzer Absprache bat er Frau Huth, ebenfalls in dieses Büro zu kommen, damit sie sich ungestört weiter unterhalten konnten.

Mürrisch ging der Chef hinaus und meinte nur: »Was soll nur diese Geheimniskrämerei? Klos und Wehnert sorgen noch nach ihrem Tod für Unruhe.«

Frau Huth schaute entsetzt auf Schulz und folgte dann Kullmann in das gläserne Büro.

»Waren Sie auch an dem Betriebsausflug am Freitag dabei?«

»Ja.«

»Ist Ihnen etwas Besonderes an den beiden Klos und Wehnert aufgefallen?«

»Nein, sie benahmen sich wie immer.«

»Was heißt, wie immer?«

»Unmöglich, sie ließen keinen Rockzipfel in Ruhe.«

Kullmann schaute Frau Huth lange an. Sie war eine gepflegte, ruhige Frau mittleren Alters, trug gute und teure Kleider, war dezent geschminkt und strömte einen angenehmen Parfümduft aus. Ihr ganzes Auftreten wirkte souverän. Ihre Art zu antworten war sachlich und direkt, was Kullmann gefiel.

»Haben Sie noch miterlebt, wie diese unbekannte Blondine ins Gasthaus «Zur alten Mühle» kam?«

»Ja.«

»Was geschah?«

»Naja, das übliche. Klos ließ der Frau gar keine andere Wahl, als sich zwischen ihn und Wehnert zu stellen und spendierte ihr ein Getränk nach dem anderen.«

»Sie meinen also, die Frau habe es gar nicht erst darauf anlegen müssen, die beiden kennenzulernen?«

»Keineswegs. Sie hatte noch keine Gelegenheit, sich umzusehen, da war auch schon Klos zur Stelle.«

»Sie mochten Klos nicht besonders?«, baute Kullmann zusammenhanglos in die Befragung mit ein und Frau Huth antwortete auch genauso spontan: »Sehr richtig. Seine Art, die Frauen zu behandeln, gefällt mir eben nicht.«

»Versuchte er auch, bei Ihnen zu landen?«

»Nein, ich war bestimmt nicht sein Typ.«

»Und darüber waren Sie enttäuscht?«

Frau Huth schaute den Alten empört an, antwortete dann aber trotzdem: »Ich weiß ja nicht, was Sie von mir halten, aber ich kann auf diese Art von Mann verzichten. Seit mein Mann tot ist, habe ich kein Interesse mehr an Bekanntschaften. Meine Ehe war dafür zu gut, um mir diese Erinnerung durch solche Hallodris zu zerstören.«

»Woher haben Sie diesen Eindruck von den beiden. Wissen Sie etwas Besonderes über die Vergangenheit der beiden, oder ist der Eindruck nur durch das Verhalten, das Sie von hier kennen, entstanden?«

»Ich weiß zufällig, dass Herbert Klos vor einigen Jahren ein Verfahren laufen hatte wegen Vergewaltigung. Dass er freigesprochen wurde, heißt nichts.«

Frau Huth legte eine kurze Pause ein. Das Gespräch erregte sie.

»Auch wenn man überlegt, was sich in den letzten Jahren hier so ereignet hat, und die Vergangenheit mit berücksichtigt, kann man sich so manches denken.«

»Was hat sich denn hier ereignet?«

»Es gab hier vor einigen Jahren eine nette Kollegin, jung und gutaussehend…«

»Meinen Sie Elvira Reinhardt?«, brach Kullmann ins Wort.

»Nein, Eva Rech. Sie verschwand direkt nach einer Feier, auf der die beiden Klos und Wehnert, wie so oft, viel getrunken hatten. Sie ließen diese Eva einfach nicht in Ruhe, bis sie sich überreden ließ, noch anschließend mit den beiden weiterzuziehen. Kurz danach hatte Eva fristlos gekündigt und diese Firma nie mehr betreten. Das gleiche geschah mit Elvira Reinhardt. Auch sie wurde von den beiden auf einer Betriebsfeier nicht in Ruhe gelassen, bis sie einwilligte und mit den beiden weiterfuhr. Anschließend hatte sie fristlos gekündigt. Seitdem stellte Schulz keine gutaussehenden Frauen mehr ein, weil diese Fluktuation nicht gut für das Betriebsklima ist.

Ich weiß nicht, was in den beiden Fällen wirklich passiert war, aber es muss schlimm gewesen sein. Klos und Wehnert hatten schamlose Geschichten erzählt, so haarsträubend, dass ich mich heute noch für die beiden schämen muss.«

Kullmann war erstaunt. Dieser Fall wurde immer interessanter.

»Wer wusste denn darüber Bescheid, dass Klos vor 15 Jahren ein Verfahren laufen hatte – so wie Sie es nannten – wegen Vergewaltigung?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich hatte es nur durch Zufall von unserer Personalangestellten erfahren. Manchmal passt sie nicht auf, zu wem sie was sagt. Ich habe sie auch deshalb ermahnt, in Zukunft mit ihren Bemerkungen vorsichtiger zu sein«, erklärte Frau Huth.

»Dann gibt es also einen Vermerk in seiner Personalakte?«, stellte Kullmann mehr fest als er fragte. Er erinnerte sich daran, dass Hübner diese Mitarbeiterin verhört hatte und nichts von solch einem Eintrag erwähnt hatte.

»Das weiß ich nicht, aber vermutlich. Woher hätte sie es sonst erfahren sollen«, klärte Frau Huth auf.

Er bedankte sich bei Frau Huth und die beiden verließen das gläserne Büro. Zielstrebig ging er zu Schulz und bat ihn um eine Unterredung, der dieser nur unter Vorbehalt zustimmte. Als sie die Bürotür hinter sich schlossen, schoss Kullmann schnell mit seiner Frage los, bevor Schulz seinen Protest vorbringen konnte: »Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass in der Personalakte von Klos das Verfahren wegen Vergewaltigung erwähnt ist?«

»Weil es nicht in der Akte steht“, erklärte Schulz trocken.

»Woher weiß denn dann Ihre Personalangestellte besser über Ihre Mitarbeiter Bescheid als Sie?«

»Diese Person weiß einfach alles. Vermutlich weiß sie es deshalb, weil ihr geschiedener Mann beim Amtsgericht arbeitet.«

»Wer wusste sonst noch davon?«, bohrte Kullmann weiter.

»Ich wusste es z.B. nicht, bis vor einer Minute. Aber wem sie das alles her ausgeplaudert hat in ihrer Redseligkeit, kann ich Ihnen nicht sagen. Da fragen Sie sie am besten selbst.«

Daraufhin eilte Kullmann aus dem Büro und besuchte zielstrebig eine kleine, mollige Frau mit fürchterlichen, roten Locken. Sie war die einzige, die in einem eigenen Büro arbeitete. Das Gespräch erwies sich als völlig überflüssig, weil Kullmann das Gefühl verspürte, dass sie nicht ehrlich war. Sie beteuerte ihm zu häufig, dass sie es außer Frau Huth niemandem gesagt habe.

Zusammen mit Hübner, der ihn schon erwartete, verließ er wieder das Büro.

»Was gab es bei dir Interessantes?«, fragte der junge Kollege sogleich neugierig.

Kullmann berichtete es ihm in Stichworten, ohne auf Details einzugehen. Solange er selbst noch nicht wusste, was er davon halten sollte, wollte er auf garkeinen Fall, dass Hübner mit seinem Übereifer zu einem verfrühten Urteil kam. Er wusste, wie dieser junge Mann sich etwas in den Kopf setzen konnte, und genau das wollte er vermeiden.

»Mein Zeuge wusste, dass Elena Wehnert ein Verhältnis mit Herbert Klos unterhielt«, plauderte Hübner los, ohne zu bemerken, wie sehr Kullmann mit seinen Gedanken beschäftigt war.

»Wie bitte? Was wusste er?«, fragte der Alte verwirrt, weil er geistig sich ganz woanders befand.

»Er wusste, dass Elena Wehnert ein Verhältnis mit Herbert Klos hatte«, wiederholte Hübner.

Nun erinnerte Kullmann sich wieder: »Und woher?«

»Sie hatte mehrmals in der Firma angerufen und ist dabei zufällig einmal an den falschen Apparat gelangt. Daraufhin fragte er den Kollegen Klos ganz direkt, was sich da abspiele, und Klos profilierte sich damit, ein Verhältnis mit diesem jungen Mädchen zu haben.«

»Wusste der Vater davon?«

»Angeblich wusste er nichts.«

Kullmann schüttelte entrüstet den Kopf. Sie stiegen in den Wagen ein, der am Straßenrand verkehrsbehindernd abgestellt war, und fuhren wieder in ihr Büro zurück.

»Was tun wir als nächstes? Fahren wir zu Elvira Reinhardt?«, fragte Hübner geschäftig, als sie die Treppen des alten Landeskriminalamtes emporstiegen, um zu ihren Zimmern zu gelangen.

»Ich werde mit Anke dorthin fahren“, bestimmte Kullmann.

Hübner blieb entrüstet stehen und fragte ganz laut durch den Flur: »Ist das die neue Art von Zusammenarbeit? Was glaubst du denn, was du damit erreichst?«

Die klappernden Schreibmaschinen verstummten. Stille folgte.

Kullmann drehte sich zu Hübner um und meinte nur: »In deinem Alter war ich auch noch impulsiv, aber glaube mir, das legt sich wieder. Wenn man genügend Erfahrungen gemacht hat, wird man bedachter, man überlegt zuerst und handelt dann.« Mit diesen Worten verschwand er in Ankes Büro, die dieses Gespräch auch mit angehört hatte.

»Was ist los?«

»Ich habe Hübner nur mitgeteilt, dass ich mit Ihnen zu Elvira Reinhardt fahren werde, das ist alles«, antwortete Kullmann und bat gleichzeitig die Kollegin Deister, ihm zum Wagen zu folgen.

Schnell zog sie sich eine Jacke über und folgte Kullmann. Im Flur ging sie an Hübner vorbei, der immer noch entrüstet wirkte und meinte nur ganz kurz: »Nimm es bitte nicht persönlich.«

Sie stiegen in den Dienstwagen ein und fuhren los.

»Warum wollen Sie mich dabei haben?«, fragte Anke, die allerdings froh darüber war, endlich auch was im Außendienst tun zu können.

Kullmann schwieg. Langsam fuhr er durch das Zentrum der

Stadt, durch die Kaiserstraße am Bahnhof vorbei, um nach Burbach zu gelangen. Viele Menschen rannten eilig an der Straße entlang und suchten Gelegenheiten, diese zu überqueren, andere eilten aus den Geschäften heraus und gleich wieder in das nächste hinein. Bettler saßen am Boden und hielten ihre Hüte den Menschen entgegen, um Geld zu erstehen und streunende Hunde rannten umher, hoben hier und da das Bein, um an Litfaßsäulen ihr Geschäft zu verrichten.

Nach einigen Minuten verließen sie die geschäftige Gegend, passierten den Bahnhof und den stets stark befahrenen Ludwigskreisverkehr und erreichten schon bald ihr Ziel. Die hohen Reihenhäuser verdunkelten die Straße, wenig Tageslicht konnte dort einfallen. Die Häuser reihten sich grau in grau aneinander in menschenleeren Gassen. In dieser Straße leuchtete ein einziges Reklameschild auf: Boh & Co, Autovermietung. Kullmann stellte den Wagen ab und gemeinsam betraten sie das hässliche Gebäude, das sich außer der Reklame nicht von den anderen unterschied.

Boh & Co bestand aus einem einzigen Büro, in dem 5 Schreibtische standen, die schon fast antiquarisch aussahen. Die Regalwände waren ebenfalls alt, in denen stapelten sich Papierablagen in einem wüsten Durcheinander und die Schreibtischstühle sahen aus als seien sie schon längst von allen erdenklichen Gewerkschaften oder Betriebsärztlichen Diensten verboten worden. Vier der Schreibtische waren besetzt. Der leer stehende Schreibtisch war völlig überfüllt mit Akten und Karteikarten, so dass man die Schreibmaschine fast nicht mehr sehen konnte. Am Schreibtisch gegenüber saß eine junge Frau im Rollstuhl und grüßte als erstes die beiden Beamten. Sie wirkte jugendlich, trotz ihrer Körpermaße, die kaum noch auf den Stuhl zu passen schien.

Alle starrten die beiden an. Ein junger schmaler schon fast zerbrechlich aussehender Mann erhob sich von seinem Schreibtisch und kam auf die beiden zu. Sein Gang war elegant und schwebend, unterstrichen mit einem leichten Hüftschwung, der Kullmann und Deister nicht entging.

»Hallo ihr beiden“, grüßte er überschwänglich und hielt Anke mit einer ganz graziösen Bewegung die Hand zum Gruße entgegen.

»Mein Name ist Thomas Conrad, und das dort drüben ist unser aller Chef, Matthias Boh«, stellte er vor. Seine Stimme klang weich, sein ganzes Auftreten war graziös und affektiert. »Was können wir für Sie tun?«

»Wir möchten zu Elvira Reinhardt«, antwortete Kullmann.

»Oh, das tut uns aber leid, Elvi ist heute nicht da. Sie hat sich zum ersten Mal seit sie hier arbeitet krankgemeldet«, bedauerte er mit übertriebenem Mitgefühl, worüber Kullmann sich schon fast ärgerte.

»Können Sie uns dann ihre genaue Anschrift geben, damit wir sie zu Hause besuchen können?«

»Ich weiß nicht«, zögerte der junge Mann gekünstelt, »hat sie denn was ausgefressen?«

»Nein, wir müssen ihr nur ein paar Fragen stellen«, mischte Anke sich ein.

Misstrauisch schaute Thomas Conrad auf Anke und sagte dann zu Kullmann: »Trau schau wem.« Er drehte sich um und ging zu seinem Chef. Matthias Boh erhob sich von seinem Schreibtisch und trat auf die beiden zu, wobei er durch seine Miene den beiden unmissverständlich zu verstehen gab, dass sie nicht willkommen waren. Seine Antwort war kurz, aber bestimmt. »Hier gebe ich Ihnen die gewünschte Adresse. So und nun verlassen Sie bitte wieder mein Büro. Wir haben hier eine Autovermietung und keine Auskunftei.«

Kullmann nahm den Zettel entgegen und meinte: »Vielen Dank, aber wenn was unklar ist, werden wir wiederkommen, ob Ihnen das passt oder nicht. Wir sind von der Polizei und nicht von der Wohltätigkeitsstiftung.«

Die beiden verließen das unbehagliche Büro und Anke lachte:

»Sie waren gut. Aber warum lassen Sie sich die Adresse von Elvira Reinhardt geben, wir haben sie doch schon längst?«

»Es hätte ja sein können, dass sie dort nicht mehr wohnt“, antwortete Kullmann.

Sie stiegen in den Wagen ein und fuhren das zurück nach Malstatt. An dem Haus hatte sich nichts verändert. Auch diesmal standen sie rätselnd vor der gesamten Klingelreihe und begannen, systematisch durch zu klingeln. Nach dem dritten Versuch wurde ein Fenster geöffnet und eine ältere Frau schaute hinaus.

»Wer sind Sie?«, fragte sie mit neugieriger, kreischender Stimme.

»Wir kommen von der Polizei und suchen eine gewisse Elvira Reinhardt“, antwortete Kullmann.

»Ach die, ja die bewohnt hier zwei Zimmer von mir. Sie ist aber nicht da. Hat sie was ausgefressen?«

Die Frage kam den beiden schon bekannt vor.

»Nein, nein. Wir wollen ihr nur ein paar Fragen stellen. Wissen Sie denn, wo sie ist?«

»Nein, die sagt mir nie, was sie macht. So etwas Verschwiegenes wie dieses Mädchen habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Aber wenn Sie möchten, kann ich Sie in ihr Zimmer lassen.« bot an.

Aber Kullmann wehrte ab und reichte ihr eine Karte mit Namen und Telefonnummer. »Bitte rufen Sie mich an, wenn Elvira wieder zurück ist.«

Wieder im Wagen meinte Kullmann nur: »Also diese Elvira zu erwischen ist nicht einfach. Hoffentlich lohnt sich die Mühe auch.«

»Sie haben mir immer noch nicht gesagt, warum Sie mich dabei haben wollten und nicht Hübner«, erinnerte Anke.

Kullmann räusperte sich und meinte nach einigem Zögern: »Irgendetwas ist mit Elvira Reinhardt geschehen. Vermuten kann ich nur, Genaues weiß ich nicht. Ich bekomme das Gefühl nicht los, dass es ihr Leben entscheidend verändert hat. Und da möchte ich jemanden dabei haben, der Einfühlungsvermögen hat und Vertrauen aufbauen kann. Damit kommt man auf schonendere Weise ans Ziel. Für so etwas ist Hübner einfach nicht der richtige Mann. Seine Methode ist mir zu hart und zu zielstrebig. Auf Gefühle anderer zu achten, gehört nicht gerade zu seinen starken Seiten. Ich befürchte, dass er die Gefühle dieser Frau verletzt und wir am Ende überhaupt nichts mehr von ihr erfahren. Das möchte ich vermeiden.«

Eine Weile schwiegen beide, bis Kullmann in die Stille fragte: »Haben Sie eigentlich etwas über den Fall von Maritas Mutter in Erfahrung gebracht?«

»Nein, es gibt überhaupt nichts über diesen Fall. Ich weiß nur aus der Akte von Marita Volz, dass sie mit Vornamen Gertrud hieß, mehr aber auch nicht«, berichtete Anke resigniert.

»Das finde ich merkwürdig“, stellte Kullmann fest.

»Irgendetwas müsste es über den Fall doch geben. Das Opfer hatte doch eine Anzeige gemacht.«

Anke nickte.

Als das Kriminalamt in Sicht kam, setzte Kullmann den Blinker in entgegengesetzte Richtung. Verwundert schaute Anke ihn an, schwieg aber. Er würde schon rechtzeitig erklären, was er vorhatte.

»Ich möchte zu Rudolf Volz fahren. Sie kannten ihn doch?«

»Ja, er war ein Nachbar unserer Familie.«

Diese Antwort genügte ihm. Zufrieden steuerte er den Wagen mit ruhiger Hand durch die dichten Straßen, bis auf die Autobahn, wo sich der Verkehr lichtete.

Das Haus von Rudolf Volz lag in einem ruhigen Ort umgeben von vielen Grünpflanzen und Tannenbäumen, wodurch das kleine Haus versteckt war. Ohne Ankes Hilfe hätte Kullmann es gar nicht entdecken können. Langsam gingen sie durch den dicht bepflanzten Garten und sahen inmitten eines Blumenbeetes einen alten Mann, der damit beschäftigt war, Unkraut zu rupfen. Als er die beiden kommen sah, blickte er zuerst unfreundlich auf; doch als er Anke erkannte, begann er zu lächeln.

»Anke, bist du es wirklich?«, fragte er erstaunt nach genauerem Hinsehen.

»Ja, ich bin es wirklich«, meinte sie zaghaft.

Kurze Zeit schauten die beiden sich an, bis der alte Mann auf sie zuging und sie in den Arm nahm.

»Verzeih mir den Gefühlsausbruch, aber wenn ich dich sehe, fühle ich mich um Jahrzehnte zurückversetzt. Wenn ich dich sehe, sehe ich Marita.« Seine Augen füllten sich mit Tränen.

Kullmann, der diese Szene ganz verlegen beobachtet hatte, wünschte sich an einen ganz anderen Ort. Es war ihm nun doch unangenehm, diesen Mann aufzusuchen. Mit welchem Recht wollte er in seiner Vergangenheit herumstochern und so vielleicht alte Wunden wieder öffnen.

»Was tust du jetzt?«, fragte der alte Mann.

»Ich bin bei der Polizei.«

Verdutzt schaute er Anke an und dann Kullmann.

»Und wer sind Sie?«

»Mein Name ist Kullmann, ich bin ein Kollege.«

»Warum kommt ihr zu mir? Außer mir gibt es keinen mehr in meiner Familie, es kann also nichts Schlimmes passiert sein.« Sein Ton wurde reserviert.

»Bitte, seien Sie uns nicht böse, aber wir arbeiten an dem Mordfall Klos und Wehnert, Sie haben bestimmt davon gehört, und da sind uns Parallelen zu früher aufgefallen. Deshalb sind wir hier. Wir wollen aber auf gar keinen Fall Ihre Gefühle verletzen«, begann Anke vorsichtig, was Rudolf Volz ganz ersichtlich milder stimmte. »Sicher, du tust nur deine Arbeit. Bitte verzeih mir meine Unbeherrschtheit.«

»Um Gottes willen, wir müssen Sie um Verzeihung bitten, weil wir Ihre Vergangenheit wachrufen, nicht umgekehrt«, wehrte Anke ab.

»Kommt doch mit in mein bescheidenes Häuschen«, lud Herr Volz daraufhin die beiden Beamten ein.

Zögernd folgten sie ihm über eine kleine alte aber gepflegte Holztreppe in das kleine Haus hinein. In dem Zimmer stand lediglich eine alte Eichen-Eckbank mit einem Eichentisch und ein alter Herd, der nur durch gute Pflege noch erhalten war.

»Bitte setzen Sie sich. Ich kann Ihnen Tee anbieten, der mittlerweile aber schon kalt geworden ist«, bot der alte Mann gastfreundlich an, was die beiden allerdings dankend ablehnten.

»Wir wollen nur ganz kurz stören, und zwar wollten wir etwas über den Fall mit Ihrer Frau wissen«, begann Anke.

Herr Volz grübelte, dann verschwand er aus dem Zimmer. Kullmann und Anke schauten sich entgeistert an, doch gleich kam er wieder zurück mit einem Bündel Fotos in der Hand.

Unaufgefordert legte er sie vor Kullmann auf den Tisch und sagte:

»Schauen Sie, das war meine Frau. Ist sie nicht was Besonderes?«

Verdutzt schaute er sich die Fotos an und spürte, wie er einen leichten Magenkrampf bekam bei dem Anblick dieser Bilder. Was er sah war eine attraktive junge Frau mit dunklen Haaren und diesem Mona-Lisa-Lächeln, wie er es noch nie bei einer Frau gesehen hatte. Andere Bilder zeigte die wunderhübsche Frau im Bett mit einem Neugeborenen im Arm, Marita.

Auch Anke schaute sich diese Fotos an und schwieg eine lange Weile. Sie wirkte auch fassungslos, bis Herr Volz meinte: »Was wollten Sie denn wissen?«

»Wir haben bei uns im Archiv nach der Akte Ihrer Frau gesucht und haben absolut nichts gefunden. Das ist ungewöhnlich, denn so wie ich informiert war, wurde eine Anzeige erstattet.«

»Ja, wir hatten den Täter angezeigt, aber der Fall wurde niemals bearbeitet, weil es Aussage gegen Aussage stand und der Angezeigte ein Polizist war. Es war ohnehin aussichtslos, gegen einen solchen Apparat auch nur den verzweifelten Versuch zu machen, etwas zu unternehmen. Die Polizei hat immer Recht«, berichtete der alte Mann, während er stur auf den Boden sah und von Minute zu Minute älter wirkte. »Wissen Sie, meine Frau ging arbeiten, weil unser Geld durch das Kind knapp geworden war. Sie putzte in einer Putzkolonne, die für die Oberstaatsanwaltschaft zuständig war. Diese befand sich ganz in der Nähe des Polizeireviers. Sie hatte jeden Tag die gleiche Arbeitszeit. Sie ging am Nachmittag gegen vier Uhr weg und kam immer um sieben Uhr wieder nach Hause. In den Wintermonaten war es um diese Zeit natürlich schon stockdunkel und ich machte mir immer wieder Sorgen um sie, aber sie lachte nur und sagte, was soll schon passieren. Ab und zu bin ich auch mit der Kleinen, sie war damals 4 Jahre alt, meiner Frau entgegengekommen, aber meistens schlief Marita um diese Zeit, und ich wollte das schlafende Kind nicht alleine lassen. An dem besagten Abend wollte ich auch wieder meiner Frau entgegengehen, als Marita ganz plötzlich mit Husten und Schnupfen anfing, bis ihr Kopf ganz heiß und rot wurde. Also legte ich das Kind wieder hin und versorgte es mit Medikamenten, damit es nicht noch schlimmer wurde. Es wurde eine ganz schreckliche Nacht. Ständig begann Marita zu weinen, ich konnte sie keine Minute alleine lassen. Es wurde immer später und meine Frau war noch nicht zurück. Mitten in der Nacht hörte ich, wie sie sich hineinschlich und sogleich im Schlafzimmer verschwand, ohne nach dem Kind zu sehen. Als ich ihr folgte, sah ich sie blutverschmiert vor dem Waschbecken stehen.

Sie versuchte gerade, sich zu waschen und die Spuren zu verwischen, doch ich konnte sofort sehen, was passiert war. Ihr ganzes Gesicht war verquollen, ihre Augen blau umrandet, blaue Flecken am ganzen Körper und viel Blut am Unterleib. Es war so schrecklich, dass ich sofort losweinte, ohne überhaupt das erste Wort von ihr abzuwarten. Marita schrie aus ihrem Zimmer und ich weinte mir den Verstand aus dem Leib. Gertrud verhielt sich ganz ruhig. Sie wusch sich weiter und legte sich auf das Bett. Nach einer Weile beruhigte ich mich wieder und ließ mir von ihr erzählen, wie es passiert war. Es war ein Polizist aus dem Revier, an dem sie jeden Abend vorbeiging, der ihr aufgelauert hatte und sie in die Büsche zerrte.«

Lange schwiegen sie. Niemand wagte sich mehr, eine Frage zu stellen. Nur Herr Volz unterbrach dieses Schweigen. Er gab die Antwort auch ohne die Frage: »Der Polizist war Peter Balduin.«

Kullmann und Anke Deister hielten den Atem an.

Wie in Trance sprach Rudolf Volz weiter: »Dann, fast 12 Jahre später, als mein einziges Kind Opfer eines solchen grausamen Verbrechens wurde, führte ausgerechnet dieser Peter Balduin, der in der Zwischenzeit eine große Karriere gemacht hatte, die Ermittlungen. Ich hatte schon bei meiner Frau keinerlei Chance gegen diesen Polizeiapparat und hätte mir denken müssen, dass es bei Marita nicht anders sein würde. Es gibt keine Gerechtigkeit. Das habe ich festgestellt: vor Gott sind wirklich alle Menschen gleich, die Guten genauso wie die Schlechten.«

Mit betretenen Mienen verabschiedeten Kullmann und Anke sich und verließen das kleine Haus. Vogelgezwitscher erfüllte den üppig bewachsenen Vorgarten und die Sonne tauchte ihn in ein ganz wundersames, wie von einem Schleier überzogenes Licht. Kullmann eilte zu seinem Wagen, um nicht von diesen Eindrücken noch mehr befangen zu werden. Hastig stieg er ein und wartete auf Anke, die noch einige Worte mit Herrn Volz wechselte, der ihnen gefolgt war.

In einem kleinen Café bei einer Tasse Cappuccino konnte Kullmann sich endlich wieder entspannen. Diese Atmosphäre in dem alten Haus hatte ihm zugesetzt. Es war ihm, als schwebte der Geist der beiden Frauen noch in diesem Haus.

»Was sollen wir nun tun?«, fragte Anke, sich nervös auf der Unterlippe kauend, womit sie ihn endlich aus seinen Gedanken riss.

»Ich möchte unbedingt an die Akte von Gertrud Volz. Ich will unbedingt diese Intrigen, die in unserem Apparat getrieben werden, bloßstellen. Bei der Mutter, dieser Gertrud, wurde genauso wie bei Marita der Fall so manipuliert, dass die Frauen niemals eine Chance hatten. Aber wer steckte dahinter? Gibt es Zusammenhänge?«, murmelte er vor sich hin, als zählte er einfach nur seine Gedanken auf.

»Glauben Sie, dass die Akte von Gertrud Volz überhaupt noch existiert?«

»Ich vermute es, ganz sicher weiß ich es natürlich nicht. Aber wenn es die Akte noch gibt, dann ist sie bestimmt nicht mehr in unserem Archiv. Sie befindet sich bestimmt im Haus des pensionierten Peter Balduin.«

»Was haben Sie vor?«

»Ich möchte einfach nur erfahren, wie es Balduin gelang, sich so aus der Affäre zu ziehen und noch dazu eine große Karriere zu machen. So etwas geht mir nicht in den Kopf: so eine Ungerechtigkeit. Wenn die Bevölkerung sich nicht mehr auf die Polizei verlassen kann, auf wen dann?«

»Sicher, aber Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was Sie vorhaben?«, bohrte Anke hartnäckig weiter.

Kullmann grübelte. Dann brachte er es heraus:

»Also, Peter Balduin wird die Akte ganz bestimmt nicht herausrücken, wenn wir ihn nett darum bitten. Deshalb brauche ich jemanden, der mir dabei hilft, die Akte auf eine andere Weise zu beschaffen.«

»Sie meinen, einbrechen?« Anke stutzte.

»Das ist der falsche Ausdruck. Wir nehmen uns nur auf unlautere Weise das zurück, was uns sowieso gehört. Wie klingt das?«

»Toll, was ändert das daran, dass man damit gegen das Gesetz verstößt?«

»Man darf alles tun, man darf sich nur nicht erwischen lassen“, bemerkte Kullmann mit einem verschmitzten Lächeln. Sein Plan war gefasst, das spürte Anke deutlich.

»Aber, wenn wir uns unerlaubterweise diese Akte aneignen, wird er doch den Verlust feststellen. Also können wir damit nichts anfangen«, zweifelte sie weiterhin.

»Falsch. Diese Akte ist Eigentum unseres Hauses. Derjenige, der sie unerlaubt entfernt hat, ist Balduin«, klärte Kullmann seine junge Kollegin spitzfindig auf.

»Das wird er wohl kaum zugeben«, zweifelte diese weiter.

»Er wird ebenso kaum zugeben, dass er vorher diese Akte unerlaubt in seinen Besitz gebracht hatte. Wenn wir diese Akte wieder zurückbekommen, gibt es für Balduin kein Entrinnen mehr.«

Kullmann schlürfte genüsslich an seinem Cappuccino und begann sich bereits, einen Plan zurechtzulegen. Der Gedanke daran, Peter Balduin diese Akte zu entwenden bereitete ihm sichtlich Freude.

»Warum ist für Sie diese Akte so wichtig?«

»Weil Peter Balduin die Kommission leitete, die einberufen wurde für Marita Volz.«

Als sie wieder in ihrem Büro ankamen, stürmte sogleich Hübner zu seinem älteren Kollegen und sagte: »Ich habe versucht, diese Eva Rech ausfindig zu machen, die Vorgängerin von Elvira Reinhardt, aber es gibt in der ganzen Stadt keine Eva Rech. Wir sind eindeutig in einer Sackgasse gelandet, oder was meinst du? Versuchst du immer noch in den Akten von 1975 hinter das Geheimnis zu kommen?«

»Nein, mittlerweile in den Akten von 1963. Das finde ich nämlich vielversprechender.« gab Kullmann mit gleicher Ironie zur Antwort und zog sich wieder mit der Akte Marita Volz zurück. Er spürte selbst seine Verbissenheit, noch nach so vielen Jahren hinter das Geheimnis zu kommen, warum dieser Fall so geringschätzig behandelt worden war. Sein Gefühl, dass es einen Zusammenhang gab, ließ ihn nicht in Ruhe. Entweder hing der Mord an den beiden noch mit diesem Vorfall zusammen, oder Klos hatte ein vergleichsweises Verbrechen begangen mit dem Unterschied, dass dieses Mal der Fall gar nicht erst zu Protokoll gebracht wurde, da es ohnehin aussichtslos war. Vielleicht waren die Opfer schlauer geworden.

Kopfschüttelnd schaute Hübner ihm nach und ging zu Anke ins Büro. Während Kullmann in der Akte blätterte, hörte er, dass die Stimmen von Hübner und Anke immer lauter wurden. Es entfachte regelrecht zu einem Streitgespräch. So sehr er sich auch bemühte, er verstand kein Wort, was ihn ärgerte. Zu gerne hätte er den Inhalt dieses Gesprächs gekannt. Es dauerte nicht lange, da stürzte Hübner aus dem Zimmer, warf heftig die Tür zu und steuerte auf seinen älteren Kollegen zu.

»Das hast du ja toll hingekriegt. Was soll das, Anke so zu beeinflussen, habe ich dir jemals etwas getan?«

Kullmann triumphierte innerlich, schaute aber ganz unbescholten zu dem jungen, hitzigen Kollegen auf und antwortete: »Ich habe gar nichts gegen dich und ich habe auch niemanden beeinflusst. Ich bin mir sicher, dass Frau Deister selbst in der Lage ist zu entscheiden, was richtig ist. Dazu braucht Sie keinen Lehrer, glaub’ mir.«

Wütend stampfte Hübner aus dem Zimmer.

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9783750237209
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